The Project Gutenberg EBook of Ein Stck Lebensgeschichte, by Selma Lagerlf

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Title: Ein Stck Lebensgeschichte

Author: Selma Lagerlf

Release Date: September 10, 2009 [EBook #29957]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN STCK LEBENSGESCHICHTE ***




Produced by Norbert H. Langkau, Jens Nordmann and the
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                            Selma Lagerlf


                      Ein Stck Lebensgeschichte
                        und andere Erzhlungen


         Einzige berechtigte bersetzung aus dem Schwedischen
                                 von
                           _Marie Franzos_



                    =Viertes und fnftes Tausend=


                       =Albert Langen, Mnchen=


               Copyright 1909 by Albert Langen, Munich




Inhalt
                                                         Seite

Ein Stck Lebensgeschichte                                   7

Das Mdchen vom Moorhof                                     26

Gottesfriede                                               113

Der Luftballon                                             132

Der erste im ersten Jahr des zwanzigsten Jahrhunderts      166

Die Legende von der Christrose                             190

Der Wechselbalg                                            216

Der Spielmann                                              238

Noch ein Stck Lebensgeschichte                            252




Ein Stck Lebensgeschichte


Es war einmal eine Saga, die wollte erzhlt und in die Welt
hinausgetragen werden. Dies war ganz natrlich, weil sie wute, da sie
schon so gut wie fertig war. Viele hatten mitgeholfen, sie durch
merkwrdige Taten zu schaffen, andre hatten ihr Teil dadurch
beigetragen, da sie diese Taten immer wieder und wieder erzhlten. Ihr
fehlte nur, da einer sie notdrftig zusammenfgte, damit sie gemchlich
durchs Land ziehen knne. Sie war erst ein ganzes Gewhl von
Geschichten, eine formlose Wolke von Abenteuern, die hin und her
flatterten wie ein Schwarm verirrter Bienen an einem Sommertag und nicht
wuten, wo sie einen finden sollten, der sie in einem Korbe vereinigen
knnte.

Die Saga, die erzhlt werden wollte, war in Vrmland entstanden, und man
kann sicher sein, da sie ber so manchen Herrenhfen und Eisenhmmern,
ber so manchen Pfarrhfen und Offizierswohnungen in der schnen Provinz
schwebte, zum Fenster hineinguckte und um Einla bat. Aber sie mute
viele vergebliche Versuche machen: berall wurde sie abgewiesen. Es
konnte ja kaum anders sein. Die Leute hatten an viel wichtigere Dinge zu
denken.

Endlich kam die Saga in ein altes Haus, das Mrbacka hie. Das war ein
kleines Gehft mit niedrigen Wirtschaftsgebuden, die von hohen Bumen
berschattet wurden. Frher einmal war es ein Pfarrhof gewesen, und es
war, als htte ihm das ein Geprge aufgedrckt, das es nicht verlieren
knnte. Man schien dort grere Liebe zu Bchern und Studien zu haben
als anderswo, und immer lag ein stiller Friede ber diesem Hause. Da
durfte niemals ein Jagen bei der Arbeit oder ein Zank mit dem Gesinde
vorkommen. Ha oder Zwietracht durfte es da auch nicht geben; und wer
sich dort aufhielt, durfte das Leben nicht schwer nehmen --: die
allererste Pflicht war, sorglos zu sein und zu glauben, da der liebe
Herrgott fr jeden, der in diesem Hause lebte, alles zum Besten lenke.

Wenn ich heute zurckdenke, wei ich: die Saga, von der ich spreche, mu
eine ganze lange Reihe von Jahren in ihrem vergeblichen Warten, da sie
einer erzhle, hier geweilt haben. Es dnkt mich, sie msse das Haus
umschwebt haben, so wie eine Wolke einen Bergesgipfel umschwebt; und
einmal ums andre lie sie eines der Abenteuer, aus denen sie bestand,
darauf hinunterregnen. Sie kamen als seltsame Gespenstergeschichten von
dem Gutsherrn, der immer schwarze Stiere vor dem Wagen hatte, wenn er
nachts von einem Gastmahl heimkehrte, und in dessen Heim der
leibhaftige Bse selbst im Schaukelstuhl sa und sich hin und her
wiegte, whrend die Hausfrau spielte. Sie kamen als wunderliche
Geschichten aus dem Nachbarhof, wo die Elstern die Hausmutter verfolgt
hatten, so da sie nicht wagte, vor die Tr zu gehen, von der
Kapitnswohnung, wo sie so arm waren, da sie sich alles hatten
ausleihen mssen, und von der kleinen Htte unten an der Kirche, wo so
viele junge und alte Mdchen gewohnt, die sich alle in den schnen
Orgelbauer verliebten.

Zuweilen kamen die lieben Abenteuer gleichsam noch handgreiflicher in
das Haus. Alte arme Offiziere fuhren in rumpelnden Carriols, die mit
uralten Pferden bespannt waren, an der Freitreppe vor. Sie machten Halt
und blieben wochenlang zu Gaste; und am Abend, wenn der Toddy ihnen Mut
gemacht hatte, begannen sie von der Zeit zu erzhlen, wo sie ohne
Strmpfe in den Schuhen getanzt hatten, damit die Fe kleiner ausshen,
und wo sie ihr Haar gebrannt und ihren Schnurrbart geschwrzt hatten.
Einer von ihnen prahlte mit dem Abenteuer, wie er versucht hatte, ein
schnes Mdchen zu ihrem Brutigam zurckzufhren, und wie er auf der
Heimfahrt von Wlfen verfolgt worden war, ein andrer war bei dem
Weihnachtsschmause mit dabei gewesen, wo ein erzrnter Gast alle
Haselhhner an die Wand warf, weil man ihm eingeredet hatte, es wren
Krhen, ein dritter hatte den Alten gesehen, der dazusitzen und auf
einem Holztische Beethoven zu spielen pflegte.

Aber auch auf andere Weise konnte die Saga ihre Anwesenheit kundmachen.
Auf dem Dachboden hing das alte Portrt einer Dame mit gepudertem Haar;
und wenn jemand daran vorberging, mute er sich ja erinnern, da es die
schne Grafentochter darstellte, die den jungen Lehrer ihres Bruders
geliebt hatte und einmal gekommen war, ihn zu besuchen, als sie eine
alte, ergraute Dame war und er ein alter verheirateter Mann. In der
Rumpelkammer lagen groe Haufen von Dokumentenbndeln, die Kaufkontrakte
und Pachtvertrge enthielten, unterzeichnet von der mchtigen Frau,
welche einst ber sieben Gter geherrscht, die sie von ihrem Geliebten
geerbt hatte. Kam man in die Kirche, so sah man da in einem kleinen
verstaubten Schrank unter der Empore die Truhe, die mit Schriften des
Unglaubens gefllt war und nicht vor dem Beginn des neuen Jahrhunderts
geffnet werden durfte; und nicht weit davon war der Flu, auf dessen
Grunde eine Menge Heiligenbilder ruhten, die nicht auf der Kanzel und
der Empore hatten bleiben drfen, denen sie einstmals zum Schmuck
gedient hatten.

Daher, da so viele berlieferungen das Haus umschwebten, kam es wohl
schlielich, wenn eines der Kinder, die dort aufwuchsen, Lust bekam, sie
zu erzhlen. Es war keiner von den Jungen -- die waren nicht viel zu
Hause, sie hielten sich beinahe das ganze Jahr in ihren Schulen auf,
also da die Saga nicht so groe Macht ber sie erlangte --, sondern es
war eines von den Mdchen, eines, das krnklich war, so da es nicht so
viel umherlaufen und spielen durfte wie andre Kinder, sondern seine
liebste Freude daran hatte, durch Lesen und Erzhlungen von allem dem
Groen und Merkwrdigen zu erfahren, was sich in der Welt zugetragen
hat.

Nun verhielt es sich durchaus nicht so, da etwa das junge Mdchen von
Anfang an die Absicht gehabt htte, die Sagen und Geschichten
niederzuschreiben, die sie umgaben. Es fiel ihr nicht im entferntesten
ein, da aus diesen Abenteuern, die sie so oft hatte erzhlen hren, da
sie sie das Alltglichste von der Welt duchten, -- da daraus ein Buch
werden knnte. Wenn sie zu dichten versuchte, whlte sie die Stoffe aus
ihren Bchern, und mit frischem Mute schrieb sie Geschichten ber die
Sultane aus Tausend und Einer Nacht, ber Walter Scotts Ritter und
Snorre Sturlasons Sagenknige.

Es ist sicherlich berflssig, zu erwhnen, da, was sie schrieb, das
Unoriginellste und Unreifste war, was nur je niedergeschrieben worden
ist, aber das konnte sie selbst natrlich nicht sehen. Sie ging daheim
in dem stillen Hause umher und bedeckte jedes Stckchen Papier, dessen
sie nur habhaft werden konnte mit Versen und Prosa, mit Schauspielen und
Romanen. Wenn sie nicht schrieb, ging sie umher und wartete auf das
Glck. Und das Glck sollte darin bestehen, da irgend ein fremder
Besucher, der sehr klug und mchtig wre, durch einen wunderbaren Zufall
das entdeckte, was sie geschrieben hatte, und es wrdig fnde, gedruckt
zu werden. Dann wrde alles andre ganz von selbst kommen.

Doch es begab sich nichts derartiges, und als das junge Mdchen ber
zwanzig Jahre alt war, begann es ungeduldig zu werden. Sie konnte nicht
begreifen, woher es kam, da das Glck sich gar nicht einfinden wollte.
Vielleicht fehlten ihr Kenntnisse; sie mte auch wohl ein wenig mehr
von der Welt zu Gesicht bekommen als das elterliche Haus. Und da es so
lange whrte, bis sie ihren Unterhalt als Schriftstellerin verdienen
konnte, mute sie etwas lernen, sich eine Lebensstellung schaffen, damit
sie einen Broterwerb htte, davon zu leben, whrend sie auf sich selbst
wartete.

Vielleicht war es ganz einfach so, da die Saga die Geduld mit ihr
verloren hatte. Sie dachte sich vielleicht: Da dieses verblendete
Menschenkind nicht sieht, was dicht vor seinen Augen liegt, so mu es
eben gezwungen werden, von dannen zu ziehen. Es mu durch graue
Steinstraen gehen, es mu in engen Stadtrumen wohnen ohne andre
Aussicht als graue Hausmauern. Dieses Mdchen mu unter Menschen
einhergehen, die alles, was in ihnen eigentmlich ist, verbergen, und
die einander alle zu gleichen scheinen. Das wird sie vielleicht lehren,
das zu sehen, was vor der Tr ihres Heims wartet, alles, was zwischen
den blauen Hgelketten lebt und webt, die sie tglich vor Augen hat.

Und eines Herbsts, als sie schon zweiundzwanzig Jahre alt war, fuhr sie
nach Stockholm, um das Studium zu beginnen und sich gleichzeitig zur
Lehrerin auszubilden.

Das junge Mdchen stak bald tief in der Arbeit. Es schrieb nicht mehr,
sondern ging in Aufgaben und Lektionen auf. Es sah fast aus, als sollte
die Saga es ganz und gar verlieren.

Da begab sich etwas Merkwrdiges. In diesem selben Herbst, nachdem sie
ein paar Monate in grauen Gassen zwischen Hausmauern gelebt hatte, ging
sie an einem Vormittag mit einem Pack Bcher unter dem Arm die
Malmskillnadsgasse hinauf. Sie hatte eben eine Vorlesung ber
Literaturgeschichte gehrt. Die mute von Bellman oder Runeberg
gehandelt haben, denn sie ging einher und dachte an diese beiden und an
die Gestalten, die sich in ihrer Dichtung bewegten. Sie sagte sich
selbst, da Runebergs gutmtige Kriegshelden und Bellmans sorglose
Zechbrder das vortrefflichste Material wren, das ein Dichter nur haben
knnte. Und da auf einmal tauchte dieser Gedanke in ihr auf: Die Welt,
in der du unten in Vrmland gelebt hast, ist wohl nicht weniger
originell als die Welt Fredmans oder die des Fhnrichs Stl. Kannst du
nur lernen, sie zu gestalten, so hast du wohl einen ebenso guten Stoff
fr deine Arbeit wie diese beiden.

So ging es zu, da sie zum ersten Male der Saga ansichtig wurde. Und in
demselben Augenblicke, wo sie sie sah, begann der Boden unter ihr zu
schaukeln. Die ganze lange Malmskillnadsgasse vom Hamngatshgel bis
hinauf zur Brandstation erhob sich zum Himmel und sank wieder hinab, hob
sich und sank. Sie mute eine gute Weile stille stehen, bis die Gasse
zur Ruhe gekommen war; und erstaunt sah sie die Vorbergehenden an, die
so ruhig einherschritten und gar nicht merkten, welches Wunder geschehen
war.

In dieser Stunde beschlo das junge Mdchen, die Geschichte der
Vrmlandskavaliere zu schreiben, und sie gab diesen Gedanken nie wieder
auf. Aber viele, lange Jahre whrte es, bis der Entschlu zur Ausfhrung
kam.

Denn erstens war sie nun in eine neue Lebensbahn eingetreten, und es
gebrach ihr an Zeit, etwas Greres auszufhren. Zweitens erlebte sie
ein ganzes Milingen, als sie versuchte, diese Geschichte zu schreiben.

In diesen Jahren trugen sich jedoch immer wieder Ereignisse zu, die ihr
halfen, die Saga auszugestalten. Eines Morgens in den Ferien sa sie mit
ihrem Vater am Frhstckstisch, und die beiden plauderten von alten
Zeiten. Da erzhlte er auch von einem Jugendbekannten, den er als den
bezauberndsten Menschen schilderte. Dieser Mann hatte Freude und
Heiterkeit mitgebracht, wohin er auch kam. Er konnte singen, er
komponierte, er improvisierte Verse. Spielte er zum Tanze auf, dann
tanzte nicht nur die Jugend, sondern auch Greise und Greisinnen, Hoch
und Niedrig: und hielt er eine Rede, so mute man lachen oder weinen,
ganz wie er es wollte. Wenn er sich betrank, so konnte er noch besser
spielen und sprechen, als wenn er nchtern war. Und wenn er sich in ein
Weib verliebte, war es dem unmglich, zu widerstehen. Wenn er Torheiten
machte, so verzieh man ihm; war er einmal betrbt, so wollte man alles
Erdenkliche tun, um ihn nur wieder froh zu sehen. Aber groen Erfolg in
der Welt hatte er trotz seiner reichen Begabung nicht gehabt. Den
grten Teil seines Lebens hatte er als Hofmeister auf den verschiedenen
Gtern Vrmlands verbracht. Schlielich hatte er das Pastorexamen
gemacht. Das war das hchste, was er erreicht hatte.

Nach diesem Gesprch konnte sie den Helden der Saga besser vor sich
sehen als frher, und damit kam ein wenig Leben und Bewegung hinein. Und
eines schnen Tages bekam der Held sogar einen Namen und wurde Gsta
Berling genannt. Woher er diesen Namen hatte, wute sie nicht. Es war,
als htte er ihn sich selbst gegeben.

Ein ander Mal war sie in den Weihnachtsfeiertagen daheim. An einem Abend
fuhr man zu einem Weihnachtsschmaus, einen weiten Weg bei argem
Schneegestber. Das war eine langwierigere Fahrt, als jemand htte
glauben knnen. Das Pferd arbeitete sich mhsam vorwrts. Mehrere
Stunden hindurch sa sie da im Schneewehen und dachte an die Saga. Als
sie endlich angelangt waren, hatte sie ihr erstes Kapitel erdacht. Es
war das Kapitel, das von der Weihnachtsnacht in der Schmiede handelte.

Welch ein Kapitel! Es war ihr erstes, und mehrere Jahre hindurch blieb
es ihr einziges. Es wurde zuerst in Versen geschrieben, denn der
ursprngliche Plan war, da die Saga ein Romanzenzyklus werden sollte,
so wie Fhnrich Stls Erzhlungen. Aber so allmhlich nderte sich das,
und eine Zeitlang bestand die Absicht, die Saga als Schauspiel zu
schreiben. Da wurde die Weihnachtsnacht umgearbeitet: sie sollte den
ersten Akt geben. Aber auch dieser Versuch glckte nicht, und nun
entschlo sie sich endlich, die Saga als Roman zu schreiben. So wurde
das Kapitel in Prosa niedergeschrieben und umfate damals vierzig
Schreibseiten. Als es zum letzten Mal umgearbeitet wurde, hatte es nur
neun.

Nach einigen Jahren kam ein zweites Kapitel hinzu. Es war die Geschichte
von dem Ball auf Borg und von den Wlfen, die Gsta Berling und Anna
Stjrnhk verfolgten.

Dies wurde ursprnglich gar nicht in der Absicht geschrieben, es mit in
die Saga aufzunehmen, sondern als eine Art Gelegenheitsgedicht, das bei
einer kleinen Gesellschaft vorgelesen werden sollte. Die Vorlesung
jedoch unterblieb, und die Novelle wurde an die Zeitschrift Dagny
geschickt. Nach einiger Zeit erhielt die Verfasserin sie als fr Dagny
nicht geeignet zurck. Sie war auch wirklich fr niemand geeignet. Es
fehlte ihr noch ganz und gar an der knstlerischen Ausarbeitung.

Nun zerbrach sich die Verfasserin den Kopf, wozu diese unglckselige
Novelle wohl verwendet werden knnte. Wenn sie sie in die Saga einfgte?
Aber sie war ja ein Abenteuer fr sich, ganz abgeschlossen. Sie wrde
sich seltsam ausnehmen unter den brigen, die besser zusammenhingen.
Vielleicht aber, dachte sie dann, wre es gar nicht so bel, wenn alle
Kapitel der Saga solche mehr oder weniger in sich abgeschlossene
Abenteuer wren. Es wrde schwer durchzufhren sein, aber unmglich wre
es nicht. Es wrden vielleicht zuweilen Lcken im Zusammenhang
entstehen. Ja, aber es wrde dem Buche groen Reichtum und Strke geben.

Nun waren zwei wichtige Dinge entschieden. Es war klar, da das Buch ein
Roman werden sollte, und da jedes Kapitel ein Ganzes fr sich sein
wrde; aber damit war noch nicht so besonders viel gewonnen. Sie, die
die Idee gefat hatte, die Saga der Vrmlandskavaliere zu schreiben, als
sie zweiundzwanzig Jahre war, begann sich nun den Dreiigern zu nhern
und hatte nicht mehr geschrieben als zwei Kapitel. Wohin waren die Jahre
entschwunden? Sie hatte das Seminar absolviert, sie war seit mehreren
Jahren Lehrerin in Landskrona, sie hatte sich fr vieles interessiert
und sich mit mancherlei befat, aber die Saga war noch ungeschrieben.
Eine Menge Material war freilich gesammelt. Aber sollte das bedeuten,
da ihr das Schreiben so schwer fiel? Warum kam nie die Inspiration ber
sie? Warum glitt ihr die Feder so trge ber das Papier? Zu dieser Zeit
hatte sie ihre dstern Stunden. Sie wrde gewi nie damit fertig werden.
Sie war der Knecht, der sein Pfund in die Erde vergrub und keinen
Versuch machte, damit zu wuchern.

Es verhielt sich aber so, da sich dies alles in den achtziger Jahren
zutrug, in der besten Zeit der strengen Wirklichkeitsdichtung. Sie
bewunderte die groen Meister dieser Zeit und kam nie auf den Gedanken,
da man in der Dichtung eine andere Sprache anwenden knnte, als die,
deren sich diese bedienten. Sie fr ihr Teil liebte die Romantiker mehr,
aber die Romantik war tot, und sie war nicht die Frau, die daran gedacht
htte, ihre Form und Ausdrucksweise neu zu beleben. Obgleich ihr Gehirn
bervoll war an Geschichten von Gespenstern und wilder Liebe, von
wunderschnen Damen und abenteuerlustigen Kavalieren, suchte sie von dem
allen in ruhiger, realistischer Prosa zu schreiben. Sie hatte keinen
sehr klaren Blick. Ein anderer htte gleich erkannt, da das Unmgliche
unmglich war.

Einmal jedoch schrieb sie ein paar kleine Kapitel in einem andern Stil.
Das eine schilderte eine Szene auf dem Svartsjer Kirchhof, das andre
handelte von dem alten Philosophen Onkel Eberhard und seinen Schriften
des Unglaubens. Sie schrieb sie mehr zum Spae mit vielen Achs und Ohs
in einer Prosa, die fast rhythmisch war. Und sie merkte, da es auf
diese Weise mit dem Schreiben ging; es war Inspiration darin, das fhlte
sie. Aber als die beiden kleinen Kapitel fertig waren, legte sie sie
weg. Sie waren nur der Kurzweil halber geschrieben worden. So knnte man
ein ganzes Buch ja nicht schreiben.

Aber es war wohl so, da die Saga nun lange genug gewartet hatte. Sie
dachte sicherlich wie das vorige Mal, da sie sie in die Welt
hinausgeschickt hatte: -- Ich mu diesem verblendeten Menschenkind eine
groe Sehnsucht geben, da die ihm die Augen ffne.

Diese Sehnsucht kam auf die Art ber sie, da das Haus, wo sie
aufgewachsen war, verkauft wurde und sie hinfuhr, ihr Kindheitsheim zum
letzten Male zu sehen, bevor Fremde Besitz davon nahmen.

Und an dem Abend, bevor sie von dort abreiste, um diese Sttte
vielleicht nie wieder zu sehen, beschlo sie in aller Demut, das Buch
auf ihre eigne Weise und nach ihren eignen schwachen Krften zu
schreiben. Es wrde kein Meisterwerk werden, wie sie gehofft hatte. Die
Menschen wrden ber ihr Buch lachen; aber schreiben mute sie es doch.
Es schreiben, um fr sich selbst von ihrem Heim zu retten, was sie noch
retten konnte: die lieben alten Geschichten, den frhlichen Frieden der
sorglosen Tage und die schne Landschaft mit dem langgestreckten See und
den blauschimmernden Hgeln.

Aber ihr, die gehofft hatte, sie wrde es doch einmal lernen, ein Buch
zu schreiben, das die Menschen lesen wollten, -- ihr war es, als htte
sie damit preisgegeben, was sie im Leben am liebsten erringen wollte. Es
war das schwerste Opfer, das sie je gebracht hatte.

Ein paar Wochen spter befand sie sich wieder in ihrem Heim in
Landskrona und setzte sich an den Schreibtisch. Sie begann zu schreiben;
sie wute nicht recht, was es werden sollte, aber sie wollte keine Angst
haben vor den starken Worten, den Ausrufen, den Fragen. Auch wollte sie
keine Furcht davor haben, sich selbst zu geben mit ihrer ganzen
Kindlichkeit und allen ihren Trumen. Und als sie sich so entschlossen
hatte, begann die Feder fast von selbst zu fliegen. Es versetzte sie
beinahe in einen Taumel, sie wute vor Entzcken nicht aus noch ein.
Seht, das hie schreiben! Unbekannte Dinge und Gedanken -- oder
richtiger gesagt, etwas, von dem sie nicht geahnt hatte, da sie es in
ihrem Hirn besa -- drngten sich aufs Papier. Die Seiten fllten sich
mit einer Schnelligkeit, von der sie sich nie hatte trumen lassen. Wozu
sie sonst Monate, ja Jahre gebraucht hatte, um es auszuarbeiten, das
wurde nun in ein paar Stunden fertig. An diesem Abend schrieb sie die
Erzhlung von der Wanderung der jungen Grfin ber das Eis des Lfven
und von der berschwemmung bei Ekeby nieder.

Am nchsten Nachmittag verfate sie die Szene, in der der gichtbrchige
Fhnrich Rutger von rneclou versucht, sich aus dem Bett zu erheben, um
La Cachuca zu tanzen; und am folgenden Abend entstand die Geschichte von
dem alten Frulein, das auszog, den geizigen Pastor von Broby zu
besuchen.

Nun wute sie sicher: sie konnte das Buch in diesem Stil schreiben; aber
ebenso sicher war sie, da niemand die Geduld haben wrde, es zu lesen.

brigens lieen sich nicht viele Kapitel so in einem Atemzuge schreiben.
Die meisten erforderten lange Arbeit; und sie konnte sich nur ganz kurze
Weilchen an den Nachmittagen der Schriftstellerei widmen. Als sie ein
halbes Jahr lang geschrieben hatte, von dem Tage an gerechnet, da sie
sich der Romantik in die Arme geworfen hatte, waren ein Dutzend Kapitel
vollendet. Es war vorauszusehen, da das ganze Buch in drei bis vier
Jahren fertig sein wrde.

Es war im Frhling 1890, als die Zeitschrift Idun die Einladung zu einer
Preiskonkurrenz fr Novellen im Umfang von ungefhr hundert Druckseiten
ergehen lie.

Dies war ein Ausweg fr eine Saga, die erzhlt werden und in die Welt
hinausziehen wollte. Und die Saga war es wohl, die die Schwester der
Lehrerin dazu brachte, diese anzueifern, sie solle die Gelegenheit
bentzen. Hier lag nun endlich eine Mglichkeit, zu erfahren, ob das
Geschriebene so ganz zu verwerfen wre. Wenn es den Preis bekme, wre
viel gewonnen. Bekam es ihn nicht, so stnde sie nur auf demselben
Standpunkt wie zuvor.

Sie hatte nichts dagegen einzuwenden, aber sie hatte so geringes
Vertrauen zu sich selbst, da sie zu keinem Entschlu kommen konnte.

Endlich, knapp acht Tage vor Ablauf der Einlieferungsfrist entschlo sie
sich, fnf Kapitel aus dem Romane herauszuheben, die so ziemlich
zusammenhingen, so da sie den Eindruck einer Novelle machten, und sich
damit am Wettbewerb zu beteiligen.

Aber diese Kapitel waren durchaus noch nicht fertig. Drei von ihnen
waren notdrftig erzhlt, aber zu den brigen zwei war kaum ein Entwurf
vorhanden. Und dann mute ja noch alles ins Reine geschrieben werden.

Dazu kam, da sie gerade damals nicht bei sich zu Hause war. Sie war auf
Besuch bei ihrer Schwester und ihrem Schwager, die noch oben in
Vrmeland wohnten. Und wer gekommen ist, fr kurze Zeit liebe Freunde zu
besuchen, kann seine Tage ja nicht am Schreibtisch verbringen.

Sie schrieb also in den Nchten und sa in dieser Woche jede Nacht bis
vier Uhr auf.

Endlich fehlten nur vierundzwanzig Stunden an der kostbaren Zeit. Und
noch waren zwanzig Seiten zu schreiben.

Diesen letzten Tag waren sie eingeladen. Die ganze Familie sollte
fortfahren und ber Nacht ausbleiben. Sie mute natrlich mit.

Endlich nahm die Gesellschaft ein Ende, und sie sa bei Nacht in dem
fremden Hause und schrieb.

Es war ihr recht wunderlich zumute. Das Haus, wo sie als Gast weilte,
war eben das, wo der bse Sintram gewohnt hatte. Das Schicksal hatte sie
in wunderlicher Weise gerade in dieser Nacht hergefhrt, wo sie ber ihn
zu schreiben hatte, der in dem Schaukelstuhl sa und sich wiegte.

Zuweilen blickte sie von der Arbeit auf und horchte in den Salon
hinber, ob dort drauen nicht am Ende ein paar Schaukelstuhlkufen in
Gang wren.

Doch sie hrte nichts, und als in der Frhe die Uhr sechs schlug, waren
die fnf Kapitel fertig.

Im Laufe des Vormittags fuhren sie auf einem kleinen Lastdampfer nach
Hause. Dort machte ihre Schwester ein Paket, verschlo es mit Lack und
Siegel, die zu diesem Zwecke von zu Hause mitgenommen worden waren,
schrieb die Adresse und schickte die Novelle ab.

Dies geschah an einem der letzten Tage im Juli. Gegen Ende August
enthielt die Zeitschrift Idun eine Notiz, da mehr als zwanzig
Preisnovellen bei der Redaktion eingelaufen seien; aber ein paar davon
seien so wirr geschrieben, da sie nicht mitgezhlt werden knnten.

Da gab sie es auf, noch weiter auf den Ausgang zu warten. Sie wute
schon, welche Novelle so wirr war, da sie nicht mitgezhlt werden
konnte.

Im November bekam sie eines Nachmittags ein wunderliches Telegramm. Es
enthielt nur die Worte Jubelnde Glckwnsche und war von drei ihrer
Kameradinnen aus dem Seminar unterzeichnet.

Es erschien ihr recht lang, das Warten bis zur Mittagsstunde des
nchsten Tages, wo die stockholmer Zeitungen ausgeteilt wurden. Und als
sie die Zeitung in der Hand hatte, mute sie lange suchen, ohne etwas zu
finden. Endlich entdeckte sie auf der letzten Spalte eine kurze Notiz in
kleinem Druck, die mitteilte, da sie den Preis erhalten hatte.

Vielleicht wre das fr einen andern nicht so viel gewesen, aber fr sie
bedeutete es, da sie sich dem Lebensberuf widmen durfte, nach dem sie
sich ihr ganzes Leben lang gesehnt hatte.

       *       *       *       *       *

Dem ist wenig hinzuzufgen. Die Saga, die in die Welt hinaus wollte, war
ihrem Ziele nun ziemlich nahe. Jetzt wrde sie wenigstens geschrieben
werden, wenn es gleich einige Jahre dauerte, bis sie fertig wrde.

Sie, die sie schrieb, war zu Weihnachten, nachdem sie den Preis bekommen
hatte, nach Stockholm gereist.

Der Redakteur der Zeitschrift Idun erbot sich, den Roman zu drucken,
sobald er fertig wre.

Ja, wenn sie nur die Zeit finden knnte, ihn zu schreiben.

An dem Abend, bevor sie wieder nach Landskrona fahren sollte, sa sie
bei ihrer alten treuen Freundin, der Baronin Adlersparre, und las der
einige Kapitel vor.

Esselde hrte zu, so wie nur sie zuhren konnte, und sie war voll
Interesse. Nachher blieb sie schweigend sitzen und versank in Grbeln.

Wie lange wird es dauern, bis es ganz fertig ist? fragte sie
schlielich.

So drei bis vier Jahre.

Sie gingen auseinander; aber am nchsten Morgen, zwei Stunden, bevor sie
Stockholm verlassen sollte, kam ein Billett von Esselde mit der Bitte,
sie mge sie vor der Abreise besuchen.

Die alte Baronin war in ihrer bestimmten und entschlossenen Stimmung.
Du mut dir jetzt fr ein Jahr Urlaub nehmen und das Buch fertig
schreiben. Das Geld will ich beschaffen.

Eine Viertelstunde spter war sie auf dem Wege zu der Vorsteherin des
Seminars, um sie zu bitten, ihr behilflich zu sein, da sie eine
Stellvertreterin finde.

Um ein Uhr sa sie glcklich in dem Zuge, aber nun fuhr sie nicht weiter
als bis nach Srmland, wo sie gute Freunde besa, die in einem
entzckenden Heim wohnten.

Und sie fand dort beim Ingenieur Gumaelius und seiner Frau
Gastfreundschaft, Arbeitsfrieden und Ruhe und gute Frsorge fast ein
Jahr hindurch, bis das Buch fertig war.

Endlich konnte sie vom Morgen bis zum Abend schreiben. Das war die
glcklichste Zeit, die sie noch erlebt hatte.

Aber als die Saga schlielich fertig war, da sah sie gar wunderlich aus.
Sie war toll und wild; und mit dem Zusammenhang war es nicht besser
bestellt, als da alle ihre Teile noch immer die alte Lust hatten, jeder
seine eigne Strae zu ziehen.

Die Saga wurde nie, was sie htte werden sollen. Es war ihr Unglck, da
sie so lange hatte warten mssen, bis sie erzhlt wurde. Wenn sie nicht
gebhrend in Zucht und Zaum gehalten worden ist, so kam dies
hauptschlich daher, da ihre Verfasserin nur allzu glcklich war, sie
endlich schreiben zu drfen.




Das Mdchen vom Moorhof

1


Es ist in einem Thingsaal, weit drauen auf dem Lande. Am Richtertisch,
hoch oben im Saal, sitzt der Richter, ein groer, stark gebauter Mann
mit breitem, grobgeschnittenem Gesicht. Schon mehrere Stunden lang hat
er einen Fall nach dem andern entschieden, und schlielich ist etwas wie
berdru und Dsterkeit ber ihn gekommen. Es ist schwer zu sagen, ob es
die Hitze und Schwle im Gerichtssaal ist, die ihn bedrckt, oder die
Schuld an dieser schlechten Laune die Beschftigung mit allen diesen
kleinlichen Zwistigkeiten trgt, die aus keinem andern Grunde entstanden
zu sein scheinen, als um die Hndelsucht und Unbarmherzigkeit und
Geldgier der Menschen an den Tag zu bringen.

Er hat gerade mit einer der letzten Verhandlungen begonnen, die heute
durchgefhrt werden sollen. Es handelt sich um die Forderung eines
Erziehungsbeitrages.

Dieser Fall ist schon am vorigen Gerichtstag verhandelt worden, und das
Protokoll des frheren Prozesses wird eben verlesen. Daraus erfhrt man
frs erste, da die Klgerin eine arme Dienstmagd ist und der Beklagte
ein verheirateter Mann.

Weiter geht aus dem Protokoll hervor, da der Beklagte erklrt hat, die
Klgerin habe ihn zu Unrecht und nur aus Gewinnsucht hierher laden
lassen. Er gibt zu, da die Klgerin eine Zeitlang auf seinem Hof in
Dienst gestanden hat; er aber habe sich whrend dieser Zeit in keinerlei
Liebeshndel mit ihr eingelassen, und sie habe kein Recht, irgendwelche
Untersttzung von ihm zu begehren. Die Klgerin jedoch hat an ihrer
Behauptung festgehalten; und nachdem einige Zeugen vernommen waren, ist
dem Beklagten auferlegt worden, einen Eid zu leisten, wenn er nicht
verurteilt werden wolle, der Klgerin die verlangte Untersttzung zu
zahlen.

Beide Parteien haben sich eingefunden und stehen nebeneinander vor dem
Gerichtstisch. Die Klgerin ist sehr jung und sieht ganz verschchtert
aus. Sie weint vor Scham und trocknet mhsam ihre Trnen mit einem
zusammengeknllten Taschentuch; es scheint, als knne sie es nicht
auseinanderfalten. Sie trgt schwarze Kleider, die ziemlich neu und
ungetragen aussehen, aber sie sitzen so schlecht, da man versucht ist,
zu glauben, sie habe sie sich ausgeliehen, um anstndig vor Gericht
erscheinen zu knnen.

Was den Beklagten anlangt, so sieht man ihm gleich an, da er ein
wohlgestellter Mann ist. Er mag etwa vierzig Jahre alt sein und hat ein
zuversichtliches und frisches Aussehen. Wie er da vor dem Richterstuhl
steht, zeigt er eine sehr gute Haltung. Es sieht ja nicht aus, als
fnde er ein besonderes Vergngen daran, da zu stehen, aber er macht
auch durchaus keinen befangnen Eindruck.

Als das Protokoll verlesen ist, wendet sich der Richter an den Beklagten
und fragt ihn, ob er an seinem Leugnen festhalte, und ob er bereit sei,
den Eid zu schwren.

Auf diese Frage antwortet der Beklagte sogleich mit einem raschen Ja. Er
fngt an, in seiner Westentasche zu suchen, und holt ein Zeugnis des
Pfarrers darber hervor, da er die Wichtigkeit und Bedeutung des Eides
kenne und kein Hinderungsgrund fr ihn vorliege, ihn zu schwren.

Whrend dieser ganzen Zeit hat die Klgerin nicht aufgehrt zu weinen.
Sie scheint unberwindlich scheu zu sein und hlt die Augen hartnckig
zu Boden geschlagen. Sie hat den Blick noch nicht so weit erhoben, da
sie dem Beklagten ins Gesicht sehen knnte.

Als er nun sein Ja gesagt hat, zuckt sie zusammen. Sie tritt ein paar
Schritte nher an den Richterstuhl heran, als htte sie etwas
einzuwenden; aber dann bleibt sie stehen. Es sei wohl nicht mglich,
scheint sie zu sich selbst zu sagen, er knne nicht Ja gesagt haben. --
Ich habe nicht recht gehrt ...

Indessen nimmt der Richter das Zeugnis in die Hand und gibt zugleich dem
Gerichtsdiener einen Wink. Der Gerichtsdiener tritt an den Tisch heran,
um die Bibel zu nehmen und sie vor den Beklagten hinzulegen.

Die Klgerin hrt, da jemand an ihr vorbeigeht, und wird unruhig. Sie
zwingt sich, den Blick so weit zu heben, da sie ber den Tisch hinsehen
kann, und da bemerkt sie, da der Gerichtsdiener die Bibel zurechtlegt.

Noch einmal sieht es aus, als wollte sie Einspruch erheben. Aber sie
hlt sich wieder zurck. -- Es ist ja nicht mglich, da er den Eid
ablegt. Der Richter mu ihn doch daran hindern.

Der Richter war ein so kluger Mann, und er wute gar wohl, was die Leute
in seiner Heimat dachten und fhlten. Er mte doch wissen, wie streng
alle diese Menschen sind, sobald es sich um etwas handelt, was die Ehe
betrifft. Sie kannten keine rgere Snde als die, die sie begangen
hatte. Wrde sie je so etwas aus sich selbst eingestanden haben, wenn es
nicht wahr gewesen wre? Der Richter knnte wohl wissen, welche
furchtbare Verachtung sie sich zugezogen hatte. Und nicht nur Verachtung
allein, sondern auch alles mgliche Elend. Niemand wollte sie in Dienst
nehmen. Niemand wollte ihre Arbeit haben. Ihre eignen Eltern duldeten
sie kaum in ihrer Htte, sondern sprachen jeden Tag davon, sie
hinauszuwerfen. Nein, der Richter mte wohl begreifen, da sie keine
Untersttzung von einem verheirateten Mann verlangt htte, wenn ihr kein
Recht darauf zustnde.

Der Richter knnte doch nicht glauben, da sie in einer solchen Sache
lge, da sie so furchtbares Unglck auf sich herabbeschworen htte,
wenn sie einen andern htte anklagen knnen als einen verheirateten
Mann. Und wenn er dies wte, mte er den Eid doch verhindern.

Sie sieht, da der Richter dasitzt und das Zeugnis des Pfarrers ein
paarmal durchliest. Darum fngt sie zu glauben an, da er eingreifen
werde.

Es ist auch richtig, da der Richter nachdenklich aussieht. Er heftet
seine Blicke ein paarmal auf die Klgerin, aber dabei wird der Ausdruck
des Ekels und des berdrusses, der auf seinem Gesicht ruht, immer
deutlicher. Es sieht aus, als wre er ungnstig gegen sie gestimmt.
Selbst wenn die Klgerin die Wahrheit spricht, -- sie ist ja doch eine
schlechte Person, und der Richter kann keine Teilnahme fr sie
empfinden.

Es kommt manchmal vor, da der Richter in einen Proze eingreift als ein
guter und kluger Ratgeber, der die Parteien davor behtet, sich ganz und
gar zugrunde zu richten. Aber diesmal ist er mde und unlustig, und er
denkt an nichts andres, als dem gesetzlichen Verfahren seinen Lauf zu
lassen.

Er legt das Zeugnis hin und sagt dem Beklagten mit ein paar Worten, er
hoffe, da dieser die verhngnisvollen Folgen eines falschen Schwurs
genau bedacht habe. Der Beklagte hrt ihn mit derselben Ruhe an, die er
die ganze Zeit ber an den Tag gelegt hat, und antwortet ehrerbietig und
nicht ohne Wrde.

Die Klgerin hrt dies mit dem uersten Schrecken. Sie macht ein paar
heftige Bewegungen und pret die Hnde zusammen. Nun will sie vor dem
Richterstuhl sprechen. Sie kmpft einen furchtbaren Kampf mit ihrer
Scheu und mit dem Schluchzen, das ihr die Kehle zusammenschnrt. Das
Ende ist doch, da sie kein hrbares Wort hervorbringen kann.

Der Eid soll also geleistet werden. Er wird ihn ablegen. Niemand wird
ihn hindern, seine Seele zu verschwren.

Bis dahin hat sie nicht glauben knnen, da es geschehen wrde. Aber
jetzt packt sie die Gewiheit, da es unmittelbar bevorsteht, da es im
nchsten Augenblick geschehen wird. Ein Schrecken, der viel
berwltigender ist als alles, was sie bisher gekannt hat, bemchtigt
sich ihrer. Sie steht wie versteinert, sie weint nicht einmal mehr. Die
Augen erstarren ihr im Kopfe.

Es ist also seine Absicht, sich um seines Weibes willen freizuschwren.
Aber wenn er auch einen schweren Stand mit ihr haben sollte, -- deshalb
darf er doch nicht seiner Seele Seligkeit preisgeben.

Es gibt nichts Furchtbareres als einen Meineid. Es ist etwas
Geheimnisvolles und Grliches um diese Snde. Es gibt keine Gnade,
keine Vergebung fr sie. Die Tore des Abgrundes ffnen sich von selbst,
wenn der Name des Meineidigen genannt wird.

Wenn sie jetzt die Blicke zu seinem Gesicht erhoben htte, -- sie htte
gefrchtet, es schon mit irgendeinem Zeichen der Verdammnis gebrandmarkt
zu sehen, ihm aufgeprgt von Gottes Zorn.

Whrend sie so dasteht und immer grere Angst sich ihrer bemchtigt,
hat der Richter dem Beklagten gezeigt, wie er die Finger auf die Bibel
zu legen hat. Dann schlgt der Richter im Gesetzbuch nach, um die
Eidesformel zu finden.

Als sie ihn die Finger auf das Buch legen sieht, macht sie noch einen
Schritt zum Richterstuhl hin; und es sieht aus, als wollte sie sich ber
den Tisch beugen und seine Hand fortziehen.

Aber noch wird sie von einer letzten Hoffnung zurckgehalten. Sie
glaubt, da er jetzt im letzten Augenblick noch vom Schwur abstehen
werde.

Der Richter hat die Seite im Gesetzbuch gefunden, nach der er gesucht
hat; und jetzt beginnt er, den Eid laut und deutlich vorzusagen. Dann
macht er eine Pause, damit der Beklagte seine Worte nachsprechen knne.
Und der Beklagte fngt wirklich an, sie nachzusprechen; aber er macht
einen kleinen Fehler, so da der Richter von vorn anfangen mu.

Jetzt kann sie keinen Schimmer von Hoffnung mehr haben. Jetzt wei sie,
da er falsch schwren, da er Gottes Zorn fr das zuknftige Leben auf
sich herabschwren will.

Sie steht da und ringt in ihrer Hilflosigkeit die Hnde. Und es ist
alles ihre Schuld, weil sie ihn verklagt hat.

Aber sie war ja ohne Arbeit, sie hatte gehungert und gefroren. Das Kind
lag im Sterben. An wen sonst htte sie sich um Hilfe wenden sollen?

Nie htte sie auch geglaubt, da er eine so schreckliche Snde begehen
knnte.

Jetzt hat der Richter den Eid noch ein Mal vorgesprochen. In wenigen
Augenblicken wird die Tat vollbracht sein. Jene Tat, von der es keine
Umkehr gibt, die niemals gutgemacht, niemals ausgelscht werden kann.

Gerade als der Beklagte anfngt, den Eid nachzusprechen, strzt sie vor,
schleudert seine ausgestreckte Hand beiseite und reit die Bibel an
sich.

Ein furchtbares Entsetzen hat ihr endlich Mut gegeben. Er darf seine
Seele nicht verschwren. Er darf nicht.

Der Gerichtsdiener eilt sogleich herbei, sie zur Ordnung zu rufen und
ihr die Bibel abzunehmen. Sie hat ungeheure Angst vor allem, was mit dem
Gericht zusammenhngt, und sie glaubt, da, was sie jetzt getan hat, sie
auf die Festung bringen werde. Aber sie gibt die Bibel nicht her. Was es
auch kosten mge, er darf den Eid nicht ablegen. Auch er, der schwren
will, luft herbei, um das Buch zu ergreifen; aber sie leistet auch ihm
Widerstand.

Du darfst den Eid nicht schwren! ruft sie. Du darfst nicht!

Was jetzt vorgeht, erweckt natrlich das grte Staunen. Die
Versammelten drngen zum Richtertisch, die Geschwornen erheben sich, der
Protokollfhrer springt auf, das Tintenfa in der Hand, damit es nicht
umgestrzt werde.

Da ruft der Richter mit lauter, zorniger Stimme: Ruhe! und alle die
Menschen bleiben regungslos stehen.

Was fllt dir ein? Was hast du mit der Bibel zu schaffen? fragt der
Richter die Klgerin mit harter und strenger Stimme.

Nachdem sie ihrer Angst in einer Tat der Verzweiflung Luft gemacht hat,
ist ihre Beklommenheit gewichen, so da sie antworten kann: Er darf den
Eid nicht ablegen!

Sei still und gib das Buch zurck! ruft der Richter.

Aber sie gehorcht nicht, sondern umklammert das Buch mit beiden Hnden.

Er darf den Eid nicht ablegen! ruft sie mit ungezgelter Heftigkeit.

Ist es dir so sehr darum zu tun, den Proze zu gewinnen? fragt der
Richter in immer schrferem Ton.

Ich will die Klage zurckziehen! ruft sie mit lauter, schneidender
Stimme. Ich will ihn nicht zwingen, zu schwren!

Was schreist du da? fragt der Richter. Hast du den Verstand
verloren?

Sie ringt heftig nach Atem und versucht sich zu beruhigen. Sie hrt
selbst, wie sie schreit. Der Richter mu wohl glauben, da sie toll
geworden sei, weil sie, was sie will, nicht in ruhigen Worten sagen
kann. Noch einmal kmpft sie mit sich selbst, um Macht ber ihre Stimme
zu erlangen, und diesmal gelingt es ihr. Sie sagt langsam, ernst, laut,
whrend sie dem Richter gerade ins Gesicht sieht:

Ich will die Klage zurckziehen. Er ist der Vater des Kindes. Aber ich
hab ihn noch lieb. Ich will nicht, da er falsch schwrt!

Sie steht aufrecht und entschlossen vor dem Richtertisch und sieht dem
Richter gerade in sein strenges Gesicht. Er sitzt da, beide Hnde auf
den Tisch gesttzt; und lange, lange wendet er den Blick nicht von ihr.
Whrend der Richter sie betrachtet, geht eine groe Vernderung mit ihm
vor. Alle Schlaffheit und Mivergngtheit, die in seinen Zgen gelegen
hat, schwindet, und das groe, grobe Gesicht wird durch die Rhrung
geradezu schn. Sieh da, denkt der Richter, sieh da, so ist mein Volk.
Ich will mich nicht darber beklagen, wo doch bei einer der Geringsten
so viel Liebe und Gottesfurcht zu finden ist.

Pltzlich aber sprt der Richter, da seine Augen sich mit Trnen
fllen, und da zuckt er beinahe beschmt zusammen und wirft einen
raschen Blick um sich. Da sieht er, da die Schreiber und die
Gerichtsdiener und die ganze lange Reihe der Beisitzer sich vorgebeugt
haben, um das Mdchen anzusehen, das vor dem Richtertisch steht, die
Bibel an die Brust gepret. Und er sieht einen Schimmer auf ihren
Gesichtern, als htten sie etwas richtig Schnes gesehen, das sie bis in
das tiefste Herz erfreut hat.

Hierauf sieht der Richter auch ber das versammelte Volk hin, und ihm
ist, als sen alle diese Menschen stumm und atemlos da, als htten sie
gerade jetzt das gehrt, wonach sie sich am meisten sehnten.

Zu allerletzt sieht der Richter den Beklagten an. Jetzt ist er es, der
mit gesenktem Kopf dasteht und zu Boden blickt.

Der Richter wendet sich abermals an das arme Mdchen. Es soll so sein,
wie du es willst, sagt er. Die Klage wird zurckgezogen, diktiert er
dem Protokollfhrer.

Der Beklagte macht eine Bewegung, als wolle er einen Einwand vorbringen.
Was denn? Was denn? schreit ihn der Richter an. Hast du vielleicht
etwas dagegen? Der Beklagte lt den Kopf noch tiefer sinken und sagt
dann kaum hrbar: Ach nein, es ist wohl am besten so.

Der Richter sitzt noch einen Augenblick still, dann schiebt er den
schweren Stuhl zurck, erhebt sich und geht um den Tisch herum zur
Klgerin hin.

Ich danke dir, sagt er und reicht ihr die Hand.

Sie hat die Bibel jetzt fortgelegt und steht da und weint und trocknet
die Trnen mit dem zusammengerollten Taschentuch.

Ich danke dir, sagt der Richter noch einmal und ergreift ihre Hand so
leicht und behutsam, als wre sie etwas gar Feines und Kostbares.


2

Niemand darf glauben, da das Mdchen, das eine so schwere Stunde vor
dem Gerichtstisch durchgemacht hatte, selbst meinte, sie habe etwas
Rhmenswertes getan. Sie meinte im Gegenteil, da sie vor der ganzen
Gemeinde beschmt sei. Sie begriff nicht die Ehre, die darin lag, da
der Richter auf sie zugekommen war und ihr die Hand geschttelt hatte.
Sie glaubte, dies bedeutete nur, da die Verhandlung zu Ende sei, und
sie ihrer Wege gehen knne.

Sie sah auch nicht, da die Leute ihr freundliche Blicke zuwarfen, und
da ihr mehrere die Hand drcken wollten. Sie schlich sich nur davon und
wollte fort. Aber unten an der Tr herrschte ein groes Gedrnge. Der
Thing war zu Ende, und viele wollten wieder ins Freie. Sie drckte sich
an die Wand und war wohl die letzte, die den Thingsaal verlie. Sie
meinte, da alle andern vor ihr hinausgehen mten.

Als sie endlich ins Freie kam, stand Gudmund Erlandssons Wgelchen
angespannt vor der Freitreppe. Gudmund sa darin, die Zgel in der Hand,
und schien auf jemand zu warten. Sowie er ihrer unter allem Volk, das
aus dem Thingsaal strmte, ansichtig wurde, rief er ihr zu: Komm her,
Helga! Du kannst mit mir fahren, wir haben denselben Weg.

Aber obgleich sie ihren Namen hrte, -- sie konnte nicht glauben, da er
sie rief. Es war nicht mglich, da Gudmund Erlandsson sie kutschieren
wollte. Er war der schmuckste Bursche im ganzen Kirchspiel, jung und
schn und aus gutem Hause und in Gunst bei allen Leuten. Sie konnte
nicht glauben, da er etwas mit ihr zu tun haben wolle.

Sie ging, das Kopftuch tief in die Stirn geschoben, und eilte an ihm
vorbei, ohne aufzusehen oder zu antworten.

Hrst du nicht, Helga, da du mit mir fahren kannst? fragte Gudmund,
und es lag ein so recht freundlicher Ton in der Stimme. Aber sie konnte
es nicht in ihren Kopf hineinbringen, da Gudmund es gut mit ihr meine.
Sie glaubte, er wolle sie in der einen oder andern Weise verspotten und
wartete nur darauf, die Umstehenden in Kichern und Lachen ausbrechen zu
hren. Sie warf ihm einen erschrocknen und zornigen Blick zu und lief
vom Thingplatz fort, um auer Hrweite zu sein, wenn das Lachen begnne.

Gudmund war damals noch unverheiratet und wohnte bei seinen Eltern. Der
Vater war ein kleiner Bauer. Er hatte keinen groen Hof und war nicht
vermgend, aber er konnte sorgenfrei leben. Der Sohn war zum Thing
gefahren, um einige Urkunden fr seinen Vater zu holen, aber da er noch
eine andre Absicht mit seiner Fahrt verfolgte, hatte er sich sehr fein
hergerichtet. Er hatte das neue Wgelchen genommen, dessen Lackierung
keine Schramme aufwies; das Pferd hatte er gestriegelt, bis es wie Seide
glnzte, und das Sattelzeug fein geputzt. Er hatte eine schmucke, rote
Decke neben sich auf den Sitz gelegt, und sich selbst hatte er mit einem
kurzen Jagdrock, einem kleinen, grauen Filzhut und hohen Stiefeln
geputzt, in die die Hosen hineingesteckt waren. Es war wohl kein
Feiertagsgewand, aber er wute, da er mnnlich und stattlich darin
aussah.

Als Gudmund am Morgen von daheim fortfuhr, hatte er allein im Wagen
gesessen, aber er war in angenehme Gedanken versunken, und die Zeit war
ihm nicht lang erschienen. Als er ungefhr auf halbem Wege war, fuhr er
an einem armen Mdchen vorbei, das sehr langsam ging und aussah, als
knnte es vor Mdigkeit kaum einen Fu vor den andern setzen. Es war
Herbst, der Weg war vom Regen aufgeweicht, und Gudmund sah, wie sie bei
jedem Schritt tief in den Schmutz einsank. Er hielt an und fragte, wohin
sie gehe, und als er erfuhr, da sie zum Thing wolle, bot er ihr an,
mitzufahren. Sie dankte und stieg rckwrts auf den Wagen, auf das
schmale Brett, an dem der Heusack festgebunden war, ganz so, als wagte
sie es nicht, die rote Decke neben Gudmund zu berhren. Es war auch
nicht seine Absicht gewesen, da sie sich neben ihn setze. Er wute
nicht, wer sie wre, aber er vermutete, da sie die Tochter irgendeines
armen Kleinhuslers wre, und fand, es sei wohl genug Ehre fr sie, wenn
sie rckwrts aufsitzen drfte.

Als sie an einen Hgel kamen und das Pferd den Schritt verlangsamte,
begann Gudmund zu plaudern. Er wollte wissen, wie sie heie, und wo sie
daheim sei. Als er hrte, da sie Helga hie und von einem Waldgtchen
stammte, das man den Moorhof nannte, begann er unruhig zu werden. Bist
du immer daheim gewesen oder warst du im Dienst, fragte er. Das letzte
Jahr wre sie daheim gewesen, frher htte sie einen Dienstplatz gehabt.
Bei wem denn? fragte Gudmund sehr hastig. Und es schien ihm, als daure
es lange bis die Antwort kam. Im Sternhof, bei Per Martensson, sagte
sie endlich und senkte die Stimme, als wollte sie am liebsten nicht
gehrt werden. Aber Gudmund verstand sie doch. Ja so, du bist also
die, sagte er, sprach aber den Satz nicht zu Ende. Er wendete sich ab,
richtete sich gerade auf und sprach kein Wort mehr zu ihr.

Gudmund versetzte dem Pferde einen Hieb nach dem andern, fluchte laut
ber den schlechten Weg und schien recht schlechter Laune zu sein. Ein
Weilchen verhielt sich das Mdchen still, aber bald fhlte Gudmund seine
Hand auf seinem Arm. Was willst du? fragte er, ohne den Kopf zu
wenden. Ja, er solle halten, damit sie abspringen knne. Ach, warum
denn? sagte Gudmund in verchtlichem Tone. Fhrst du nicht gut? --
Ja, danke, aber ich gehe doch lieber. Gudmund kmpfte ein wenig mit
sich selbst. Es war rgerlich, da er gerade an diesem Tage eine solche
wie Helga aufgefordert hatte, mitzufahren. Aber er fand doch, da er
sie, nun er sie einmal in den Wagen genommen hatte, nicht wieder
vertreiben knnte. Halte, Gudmund, sagte das Mdchen noch einmal. Sie
sprach sehr bestimmt, und Gudmund zog die Zgel an. -- Wenn sie
durchaus aussteigen will, dachte er, brauche ich sie doch nicht zu
zwingen, gegen ihren Willen zu fahren. Sie war schon unten auf der
Strae, bevor noch das Pferd ganz stehen geblieben war. -- Ich glaubte,
du wutest, wer ich bin, als du mir sagtest, ich kann mitfahren, sprach
sie, sonst wre ich gar nicht eingestiegen. Gudmund sagte kurz: Beht
Gott! und fuhr weiter. Sie hatte wohl Grund gehabt, zu glauben, da er
sie kenne. Er hatte ja das Dirnlein vom Moorhof oftmals als Kind
gesehen; aber sie hatte sich verndert, seit sie herangewachsen war.
Zuerst war er sehr froh, die Reisekameradin los zu sein, aber allmhlich
begann er mit sich selbst unzufrieden zu werden. Er htte kaum anders
handeln knnen, aber er war nicht gern grausam gegen irgend jemand.

Ein kleines Weilchen, nachdem Gudmund sich von Helga getrennt hatte, bog
er von der Strae ab, fuhr ein enges Gchen hinaus und kam zu einem
prchtigen groen Bauernhof. Als Gudmund vor dem Hause anhielt, ffnete
sich die Eingangstr, und eine der Tchter zeigte sich auf der Schwelle.
Gudmund zog den Hut und grte, und dabei huschte eine leichte Rte ber
sein Gesicht. Ich mchte wohl wissen, ob der Herr Amtmann daheim ist,
sagte er. -- Nein, Vater ist zum Thing gefahren, antwortete die
Tochter. -- So, so, ist er schon fort? sagte Gudmund. Ich bin
hergekommen, um zu fragen, ob der Herr Amtmann nicht mit mir fahren
mchte. Ich will auch zum Thing. -- Ach, Vater ist immer so
berpnktlich, klagte die Tochter. -- Es ist ja weiter kein Schade
geschehen, sagte Gudmund. -- Vater wre gewi gern mit einem so
prchtigen Pferd und in einem so schmucken Wagen gefahren, sagte das
Mdchen freundlich. Gudmund lchelte ein wenig, als er das Lob hrte.
-- Ja, da mu ich also wieder abziehen, sagte er. -- Du willst nicht
hereinkommen, Gudmund? -- Danke schn, Hildur, aber ich mu ja zum
Thing. Ich darf nicht zu spt kommen.

Gudmund fuhr nun gerades Wegs zum Thinghause. Er war sehr vergngt und
dachte nicht mehr an seine Begegnung mit Helga. Es war doch schn, da
gerade Hildur herausgekommen war, und da sie den Wagen und die Decke
und das Pferd und das Sattelzeug gesehen hatte. Sie hatte wohl alles
bemerkt.

Es war das erste Mal, da Gudmund auf einem Thing war. Er fand, da es
da sehr viel zu hren und zu erfahren gbe, und blieb den ganzen Tag
dort. Er sa im Thingsaal, als Helgas Sache gefhrt wurde, und sah, wie
sie die Bibel an sich ri und Gerichtsdienern und Richter standhielt.
Als alles zu Ende war, und der Richter Helga die Hand gedrckt hatte,
stand Gudmund hastig auf und verlie den Saal. Rasch spannte er das
Pferd vor den Wagen und fuhr zur Treppe hin. Er fand, da Helga sehr
tapfer gewesen war, und nun wollte er sie ehren. Aber sie war so
verschchtert, da sie seine Absicht nicht verstand, sondern sich vor
der Ehre, die ihr zugedacht war, flchtete.

An demselben Tag kam Gudmund spt abends zum Moorhof. Das war ein
kleines Gehft auf dem Abhang des bewaldeten Hgels, der das Kirchspiel
abschlo. Der Weg, der hinfhrte, war nur im Winter bei Schlittenbahn
fahrbar, und Gudmund hatte zu Fu gehen mssen. Es war ihm recht sauer
geworden, vorwrts zu kommen. Fast htte er sich an Stock und Stein die
Beine gebrochen, auch hatte er Bche durchwaten mssen, die den Pfad an
mehreren Stellen durchschnitten. Wre nicht Vollmond gewesen, so htte
er berhaupt nicht hinfinden knnen; und er dachte, da das ein
beschwerlicher Weg wre, den Helga an diesem Tag hatte gehen mssen.

Der Moorhof lag an einer ausgerodeten Stelle, etwa auf halber Hhe des
Hgels. Gudmund war noch nie dort gewesen, aber er hatte den Ort oftmals
unten vom Tale aus gesehen und kannte ihn gengend, um zu wissen, da er
richtig gegangen war.

Rings um die ausgerodete Stelle zog sich ein Reisigzaun, der sehr dicht
und sehr schwer zu bersteigen war. Er sollte wohl gleichsam eine Wehr
und ein Hort gegen die Wildnis sein, die das Gehft umgab. Die Htte
selbst stand am oberen Rand der Einzunung. Davor breitete sich ein
abschssiger Hof aus, mit kurzem, grnem Gras bewachsen, und unterhalb
des Hofes lagen ein paar graue Schuppen und ein Keller mit grnem
Torfdach. Es war ein geringes und rmliches Anwesen, aber es lie sich
nicht leugnen, da es dort oben schn war. Das Moor, nach dem das
Gtchen seinen Namen hatte, lag irgendwo in der Nhe und sandte Nebel
empor, die sich im Mondschein prachtvoll und silberglnzend heranwlzten
und einen Kranz um den Hgel bildeten. Der hchste Gipfel ragte noch aus
dem Nebel empor. Und der Kamm, der zackig von Tannen war, zeichnete sich
scharf gegen den Himmel ab. Unten ber dem Tal lag der Mondschein so
hell, da man die Felder und Gehfte und einen geschlngelten Bach
unterscheiden konnte, ber dem der Nebel wie der leichteste Duft
schwebte. Es war nicht weit dort hinunter, aber das Seltsame war, da
das Tal wie eine fremde Welt dalag, mit der das, was dem Wald angehrte,
nichts gemein hatte. Es war, als wenn die Menschen, die hier auf dem
Waldgut hausten, immer unter diesen Bumen gehen mten. Sie konnten
unten im Tale ebensowenig fortkommen wie Auerhhne und Bergeulen und
Luchse und Heidelbeerkraut.

Gudmund ging ber die Wiese auf die Htte zu. Durch das Fenster drang
Feuerschein, die Scheiben waren nicht verhangen; er warf einen Blick
hinein, um zu sehen, ob Helga in der Htte wre. Auf einem Tisch am
Fenster brannte ein kleines Lmpchen, und davor sa der Hausvater und
flickte alte Schuhe. Im Hintergrunde des Zimmers neben dem Herd, auf dem
ein schwaches Feuer brannte, sa die Hausmutter. Sie hatte den
Spinnrocken vor sich, aber hatte zu arbeiten aufgehrt, um mit einem
kleinen Kinde zu spielen. Sie hatte es aus der Wiege genommen, und man
hrte es bis zu Gudmund hinaus, wie sie mit ihm lachte und scherzte.
Ihr Gesicht war von vielen Runzeln durchfurcht, und sie sah strenge aus;
aber wie sie sich so ber das Kind beugte, bekam ihr Gesicht einen
sanften Ausdruck, und sie lchelte dem Kleinen ebenso zrtlich zu wie
nur seine eigene Mutter.

Gudmund sphte nach Helga aus, konnte sie aber in keinem Winkel der
Htte entdecken. Da schien es ihm am besten, drauen zu bleiben, bis sie
kme. Er wunderte sich, da sie noch nicht zu Hause war. Vielleicht wre
sie auf dem Heimweg bei Bekannten eingekehrt, sich auszuruhen und einen
Imbi zu nehmen? Aber bald mte sie auf jeden Fall kommen, wenn sie vor
Einbruch der Nacht unter Dach sein wollte.

Gudmund blieb eine Weile mitten im Hof stehen und horchte nach Schritten
aus. Es war ganz ruhig. Kein Lftchen regte sich. Es kam ihm vor, als ob
ihn nie vorher eine solche Stille umgeben htte. Es war, als hielte der
ganze Wald den Atem an und stnde da und wartete auf etwas Merkwrdiges.

Niemand ging durch den Wald. Kein Zweiglein wurde geknickt, und kein
Stein rollte. Helga war wohl noch lange nicht zu erwarten. Ich mchte
wohl wissen, was sie sagen wird, wenn sie sieht, da ich hier bin,
dachte Gudmund. Sie wird vielleicht schreien und in den Wald laufen und
sich die ganze Nacht nicht heimwagen.

Dabei fiel ihm ein, es sei doch recht sonderbar, da er nun auf einmal
soviel mit dieser Huslerdirne zu schaffen hatte.

Als er vom Thing heim kam, war er wie gewhnlich zu seiner Mutter
hineingegangen, ihr alles zu erzhlen, was er whrend des Tages erlebt
hatte. Gudmunds Mutter war klug und hochsinnig und hatte es immer
verstanden, gegen den Sohn so zu sein, da er noch ebensoviel Vertrauen
zu ihr hatte wie einst als Kind. Seit mehreren Jahren war sie krank und
konnte nicht gehen, sondern sa den ganzen Tag still in ihrem Lehnstuhl.
Es war immer eine gute Stunde fr sie, wenn Gudmund von einer Reise
heimkam und ihr Neuigkeiten brachte.

Als Gudmund nun von Helga vom Moorhof erzhlte, sah er, da die Mutter
gedankenvoll wurde. Lange sa sie stumm da und sah gerade vor sich hin.
Es scheint doch ein guter Kern in diesem Mdchen zu stecken, sagte sie
dann. Man darf keinen verwerfen, weil er einmal ins Unglck gekommen
ist. Es kann wohl sein, da sie sich dem, der ihr jetzt beistnde,
dankbar erweisen wrde.

Gudmund begriff sogleich, woran die Mutter dachte. Sie konnte sich nicht
mehr selbst helfen, sondern mute bestndig jemand um sich haben, der
ihr zu Diensten stand. Aber es war immer schwer, jemand zu finden, der
auf diesem Platz bleiben wollte. Die Mutter war anspruchsvoll und nicht
leicht zu befriedigen, und auerdem wollten alle jungen Mgde lieber
eine andre Arbeit haben, bei der sie mehr Freiheit genossen. Nun war es
sicherlich der Mutter eingefallen, da sie die Helga vom Moorhof in
Dienst nehmen knnte, und Gudmund fand, da dies ein guter Vorschlag
sei. Helga wrde der Mutter sicherlich sehr ergeben sein. Es wre wohl
mglich, da ihnen auf diese Weise fr lange geholfen wre.

Am schwersten wird es mit dem Kinde sein, sagte die Mutter nach einer
Weile, und Gudmund begriff, da sie ernsthaft an die Sache dachte. --
Das mu wohl bei den Groeltern bleiben, sagte Gudmund. -- Es ist
nicht ausgemacht, da sie sich von ihm trennen will. -- Sie wird es
sich abgewhnen mssen, daran zu denken, was sie will und nicht will.
Ich finde, da sie frmlich verhungert aussieht. Dort oben auf dem
Moorhof ist wohl Schmalhans Kchenmeister.

Darauf antwortete die Mutter nichts, sondern begann von etwas anderm zu
sprechen. Man merkte, da ihr neue Bedenklichkeiten aufstiegen, die sie
verhinderten, einen Entschlu zu fassen.

Gudmund begann nun zu erzhlen, wie er den Amtmann auf lvkra
aufgesucht und Hildur getroffen hatte. Er berichtete, was sie ber das
Pferd und den Wagen gesagt hatte, und es war leicht zu merken, da er
sich der Begegnung freute. Auch die Mutter schien sehr vergngt. Wie sie
so unbeweglich in ihrem Lehnstuhl sa, war es ihre stete Beschftigung,
Plne fr die Zukunft des Sohnes auszuspinnen; und sie war zuerst auf
den Gedanken verfallen, da er es versuchen solle, um die schne
Amtmannstochter zu werben. Das war die prchtigste Heirat, die er
machen konnte. Der Amtmann war ein richtiger Grobauer. Er hatte den
grten Hof im Kirchspiel und viel Macht und viel Geld. Es war
eigentlich tricht, zu hoffen, da er sich mit einem Eidam begngen
wrde, der kein greres Vermgen hatte als Gudmund, aber es war
immerhin mglich, da er sich nach dem richtete, was seine Tochter
wollte. Und da Gudmund Hildur gewinnen knnte, wenn er es nur wollte,
davon war die Mutter fest berzeugt.

Dies war das erste Mal, da Gudmund die Mutter merken lie, wie der
Gedanke bei ihm Wurzel geschlagen hatte, und sie sprachen nun ein langes
und breites von Hildur und von allen den Reichtmern und Vorteilen, die
dem zufallen wrden, der sie einmal bekme. Aber bald stockte das
Gesprch wieder, weil die Mutter von neuem in ihre Grbeleien versunken
war. Knntest du diese Helga nicht holen lassen? Ich mchte sie doch
sehen, bevor ich sie in meine Dienste nehme, sagte sie schlielich. --
Das ist schn, da du dich ihrer annehmen willst, Mutter, entgegnete
Gudmund und dachte bei sich: wenn die Mutter eine Pflegerin bekme, mit
der sie zufrieden wre, wrde seine Gattin hier daheim ein behaglicheres
Leben fhren. Du wirst sehen, da du mit dem Mdchen zufrieden sein
wirst, fuhr er fort. -- Es ist ja auch ein gutes Werk, sich ihrer
anzunehmen, sagte die Mutter.

Als es zu dmmern begann, begab sich die Kranke zu Bett, und Gudmund
ging in den Stall, um die Pferde zu striegeln. Es war schnes Wetter,
die Luft war klar, und der ganze Hof lag vom Mondschein bergossen da.
Da fiel es ihm ein, da er schon heute in den Moorhof gehen und die
Botschaft der Mutter bestellen knne. Wre morgen schnes Wetter, dann
wrde man es so eilig haben, den Hafer einzubringen, da weder er noch
irgend ein andrer Zeit htte, hinzugehen.

Als jetzt Gudmund vor dem Moorhof stand und horchte, hrte er zwar keine
Schritte; doch andre Laute durchschnitten in kurzen Abstnden die
Stille. Es war ein stilles Klagen, ein sehr leises und ersticktes
Jammern und dann hie und da ein Aufschluchzen. Gudmund glaubte zu
merken, da die Laute von dem Schuppen herkmen, und ging auf diesen zu.
Als er sich nherte, hrte das Schluchzen auf; aber es war offenbar, da
sich drinnen jemand in der Holzkammer regte. Mit einem Male begriff
Gudmund, wer dort drinnen war. Bist du es, Helga, die da drinnen sitzt
und weint? rief er und stellte sich in die Trffnung, damit das
Mdchen nicht entwischen knnte, ehe er mit ihm gesprochen htte.

Wieder wurde es ganz still. Gudmund hatte wohl recht geraten: es war
Helga, die da sa und weinte; aber sie versuchte das Schluchzen zu
unterdrcken, damit Gudmund glaubte, er habe sich verhrt, und seiner
Wege ginge. Es war stockfinster in dem Schuppen, und sie wute, da er
sie nicht sehen konnte.

Aber Helga war an diesem Abend in solcher Verzweiflung, da es ihr
nicht leicht fiel, die Trnen zurckzudrngen. Sie war noch nicht in der
Htte gewesen und hatte die Eltern noch nicht begrt. Sie hatte nicht
den Mut dazu gehabt. Als sie in der Dmmerung den steilen Hgel
hinaufstieg und daran dachte, da sie den Eltern jetzt sagen mte, sie
habe keinen Erziehungsbeitrag von Per Martensson zu erwarten, da hatte
sie solche Angst vor den harten und grausamen Worten bekommen, die sie
ihr sagen wrden, da sie es nicht wagte, hineinzugehen. Sie gedachte
drauen zu bleiben, bis sie sich zu Bett gelegt htten; dann brauchte
sie vielleicht nicht vor dem nchsten Tage von der unglckseligen Sache
zu sprechen. Und so hatte sie sich in dem Holzschuppen versteckt. Aber
whrend sie so dasa und fror und hungerte, kam es ihr erst recht zu
Bewutsein, wie unglcklich und ausgestoen sie war. Alle Schmach und
Angst, die sie hatte erleiden mssen, und alle Schmach und Angst, die
ihrer noch harrten, stand vor ihr und drckte sie mit Bleischwere zu
Boden. Sie weinte ber sich selbst, darber, da sie so elend war, und
da niemand etwas von ihr wissen wollte. Sie erinnerte sich, wie sie
einmal als Kind in einen Morast gefallen und gleich untergesunken war.
Je mehr sie sich gemht hatte, in die Hhe zu kommen, desto tiefer war
sie gesunken. Alle Bsche und Strucher, nach denen sie gegriffen,
hatten nachgegeben. So war es auch jetzt. Alles, wonach sie zu greifen
versuchte, um sich aufrechtzuhalten, lie sie im Stich. Niemand wollte
ihr helfen. Damals, als sie ins Moor versinken wollte, war schlielich
ein Hirtenbub gekommen und hatte sie herausgezogen; jetzt aber kam
niemand, sie zu retten. Jetzt war es gewi ihre Bestimmung, zugrunde zu
gehen.

Als Helga das Moor in den Sinn kam, wurde es ihr mit einem Male klar:
das beste, was sie tun konnte, war, dorthin zu gehn, in den Schlamm
hinauszuwandern und sich einsinken und begraben zu lassen. Wenn eine so
elend wre, da kein Mensch etwas mit ihr zu tun haben wollte, dann
knnte sie wohl gar nichts Besseres tun als sterben. Es wre auch fr
das Kind das Beste, wenn sie fortginge; denn Helgas Mutter hatte es
gern, obgleich sie es nicht zeigen wollte, wenn Helga daheim war. Aber
wenn Helga einmal fr immer aus dem Wege wre, dann wrde sich die
Gromutter des Kindes wohl so annehmen, als wre es ihr eigenes.

Sie begriff nicht, da sie mitten in ihrem grten Elend etwas getan
hatte, wodurch den Leuten eine bessere Meinung ber sie gegeben wrde.
Ihr wurde mit jedem Augenblick gewisser, da das Moor der einzige
Zufluchtsort fr sie sei. Und je klarer sie dies einsah, desto mehr
weinte sie.

Es war darum nicht so leicht fr sie, die Trnen zu unterdrcken. Es
dauerte nicht lange, so begann sie von neuem zu schluchzen.

Gudmund war nichts verhater, als wenn Weibsleute weinten. Er hatte die
grte Lust, auf und davon zu laufen; aber er sagte sich, wenn er sich
nun einmal die Mhe gemacht htte, zur Htte hinaufzuklettern, mte er
seinen Auftrag auch ausfhren.

Was ist dir denn? sagte er in barschem Ton zu Helga. Warum gehst du
nicht ins Haus? -- Ach, ich getraue mich nicht, antwortete Helga, und
ihre Zhne schlugen aufeinander. Ich getraue mich nicht.

Wovor hast du denn Angst? Du hast dich doch heute morgen gegen
Gerichtsdiener und Richter tapfer gehalten. Da kannst du wohl nicht vor
deinen leiblichen Eltern Angst haben. -- O ja, o ja, die sind viel
schlimmer als alle andern. -- Warum sollten sie denn gerade heute so
bse sein? -- Ich bekomme ja kein Geld. -- Na, du bist doch ein so
tchtiges Mdel, da du fr dich und dein Kind das Brot verdienen
kannst. -- Ja, aber mich will doch niemand nehmen.

Pltzlich fiel es Helga ein, da die Eltern ihre Stimmen hren und
herauskommen und fragen knnten, wer da sprche. Und dann wre sie
gezwungen, ihnen alles zu erzhlen. Dann knnte sie sich nicht in das
Moor retten. Und in ihrem Schrecken sprang sie auf und wollte an Gudmund
vorbeieilen. Aber er kam ihr zuvor. Er packte sie am Arm und hielt sie
fest. -- Nein! Du kommst nicht davon, bis ich nicht mit dir gesprochen
habe. -- La mich gehen, rief sie und blickte ihn wild an. -- Du
siehst aus, als wenn du ins Wasser gehen wolltest, sagte er; denn jetzt
stand sie drauen im Mondschein, und er konnte ihr Gesicht sehen. --
Ja, das wrde wohl auch niemand etwas angehen, wenn ich das tte,
sagte Helga und warf dabei den Kopf zurck und sah ihm gerade in die
Augen. Heute morgen wolltest du mich nicht einmal rckwrts auf deinem
Wagen mitfahren lassen. Niemand will etwas mit mir zu tun haben. Da mut
du doch selbst einsehen, da es fr solch ein armes Wurm, wie mich, am
besten ist, wenn ich ein Ende mache.

Gudmund wute nicht, was er beginnen solle. Er wnschte sich weit weg,
aber er fhlte auch, da er einen Menschen in solcher Verzweiflung nicht
verlassen konnte. Hr mich jetzt an! Versprich nur, da du anhrst, was
ich dir zu sagen habe. Dann kannst du gehen, wohin du willst. -- Ja,
das versprach sie. -- Kann man hier nirgends sitzen?

Drben steht doch der Hackblock. -- Also geh hin und setze dich und
sei still! Sie ging ganz gehorsam hin und setzte sich. -- Weine jetzt
nicht mehr! sagte er; denn es war ihm, als finge er an, Macht ber sie
zu gewinnen. Aber das htte er nicht sagen sollen, denn sie lie
sogleich den Kopf in die Hnde sinken und weinte heftiger denn je.

Weine nicht! sagte er und war nahe daran, mit dem Fu auf die Erde zu
stampfen. Es gibt genug Leute, denen es schlechter geht als dir. --
Nein, keinem kann es schlechter gehen. -- Du bist jung und gesund, du
solltest nur wissen, wie es meiner Mutter geht. Sie ist von Schmerzen so
geplagt, da sie sich nicht rhren kann, aber sie klagt nie. -- Sie
ist nicht so verlassen von allen wie ich. -- Du bist auch nicht
verlassen. Ich habe mit Mutter ber dich gesprochen, und Mutter hat mich
zu dir geschickt. Das Schluchzen hrte auf. Man vernahm gleichsam das
groe Schweigen des Waldes, als ob der den Atem anhielte und auf etwas
Wunderbares wartete. Ich soll dir bestellen, da du morgen zu Mutter
kommst, damit sie dich sieht. Mutter gedenkt dich zu fragen, ob du zu
uns in Dienst gehen willst. -- Das will sie mich fragen? -- Ja, aber
zuerst will sie dich sehen. -- Wei sie, da ...? -- Sie wei
ebensoviel von dir wie alle andern.

Mit einem Schrei des Staunens und der Freude sprang das Mdchen auf, und
im nchsten Augenblick fhlte Gudmund ein paar Arme um seinen Hals. Er
erschrak frmlich, und sein erster Gedanke war, sich loszureien. Aber
dann fate er sich und blieb stehen. Er begriff, da das Mdchen so
auer sich vor Freude war, da sie nicht wute, was sie tat; in diesem
Augenblick htte sie sich dem rgsten Schurken an den Hals werfen
knnen, nur um in dem groen Glck, das ber sie gekommen war, ein klein
wenig Mitgefhl zu finden.

Wenn sie mich bei sich aufnehmen will, dann kann ich ja am Leben
bleiben! sagte sie und legte den Kopf an Gudmunds Brust und weinte
wieder, aber nicht so heftig wie zuvor. Ich kann dir jetzt sagen, da
es mir damit Ernst war, ins Moor zu gehen, sagte sie. Ich danke dir,
da du gekommen bist! Du hast mir das Leben gerettet. Gudmund hatte
bisher unbeweglich dagestanden, jetzt aber fhlte er, wie sich etwas
warm und zrtlich in ihm zu regen begann. Er hob die Hand und strich ihr
bers Haar. Da zuckte sie zusammen, als htte er sie aus einem Traum
geweckt, und stellte sich kerzengerade vor ihn hin. Ich danke dir, da
du gekommen bist! sagte sie noch einmal. Sie war flammend rot im
Gesicht geworden, und er errtete auch.

Ja, so kommst du also morgen zu uns, sagte er und streckte die Hand
aus, um ihr Lebewohl zu sagen. -- Ich werde nie vergessen, da du heute
abend zu mir gekommen bist, sagte Helga, und die groe Dankbarkeit
bekam die Oberhand ber ihre Befangenheit. Ach ja, es ist vielleicht
ganz gut, da ich da war, sagte er ruhig, fhlte sich aber doch recht
zufrieden mit sich selbst. -- Jetzt gehst du doch ins Haus? sagte er.
-- Ja, jetzt werde ich wohl hineingehen.

Gudmund hatte pltzlich eine solche Freude an Helga, wie man sie an
einem hat, dem man hat helfen knnen. Er stand da und zauderte und
wollte nicht gehen. Ich mchte dich gern unter Dach und Fach sehen,
bevor ich gehe. -- Ich dachte, sie sollten sich lieber erst
niederlegen, bevor ich hineingehe. -- Nein, du mut gleich gehen,
damit du etwas zu essen kriegst und unter Dach kommst, sagte er und
fand es recht vergnglich, so fr sie zu sorgen.

Sie ging sogleich auf die Htte zu, und er kam mit, ganz zufrieden und
stolz, da sie ihm gehorchte. Als sie auf der Schwelle stand, sagten sie
sich noch einmal Lebewohl. Aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht,
als sie ihm nachkam. Bleib hier drauen stehen, bis ich drinnen bin! Es
geht leichter, wenn ich wei, da du drauen bist. -- Ja, sagte er,
ich werde hier bleiben, bis du das rgste berstanden hast.

Nun ffnete Helga die Httentr, und Gudmund merkte, da sie sie leicht
angelehnt lie. Gleichsam, damit sie sich nicht allzu abgetrennt von dem
Helfer fhle, der dort drauen stand. Er machte sich auch kein Gewissen
daraus, alles zu hren und zu sehen, was drinnen in der Htte geschah.

Die Alten nickten Helga, als sie eintrat, freundlich zu. Die Mutter
legte sogleich das Kind in die Wiege, ging dann zum Schrank und holte
einen Laib Brot und eine Schale Milch und stellte sie auf den Tisch.

Bist du da? Setz dich jetzt und i, sagte sie. Dann ging sie zum Herd
und legte ein Stck Holz nach. Ich habe das Feuer nicht ausgehen
lassen, damit du dir die Kleider trocknen und dich erwrmen kannst, wenn
du kommst. Aber i jetzt zuerst! Das hast du wohl am ntigsten.

Helga war die ganze Zeit an der Tr stehen geblieben. Ihr sollt mich
nicht so gut aufnehmen, Mutter, sagte sie mit leiser Stimme. Ich
bekomme kein Geld von Per. Ich habe auf die Untersttzung verzichtet.
Es ist heute Abend schon jemand dagewesen, der bei dem Thing war und
gehrt hat, wie es dir ergangen ist, sagte die Mutter. Wir wissen
alles.

Helga blieb an der Tr stehen und machte, als wte sie weder aus noch
ein.

Da legte der Vater die Arbeit nieder, schob die Brille auf die Stirn und
rusperte sich, um eine Rede zu halten, die er den ganzen Abend
berdacht hatte. Es ist nmlich so, Helga, sagte er: Mutter und ich,
wir wollten immer anstndige und ehrliche Leute sein. Aber dann ist es
uns vorgekommen, als ob du Unehre ber uns gebracht httest. Es war so,
als htten wir dich nicht gelehrt, zwischen Gut und Bse zu
unterscheiden. Aber als wir nun hrten, was du heute getan hast, da
sagten wir uns, Mutter und ich, da die Leute jetzt doch sehen knnen,
da du eine ordentliche Erziehung genossen hast, und wir denken, da wir
vielleicht auch noch Freude an dir erleben knnen. Und Mutter wollte
nicht, da wir uns niederlegen, ehe du da bist, damit du doch eine
ordentliche Heimkehr hast.


3

Helga vom Moorhof kam jetzt nach Nrlunda, und da ging alles gut. Sie
war willig und anstellig und dankbar fr jedes freundliche Wort, das man
ihr sagte. Sie fhlte sich immer als die Geringste und wollte sich nie
vordrngen. Es dauerte nicht lange, so hatten Herrschaft und Gesinde sie
lieb gewonnen.

In den ersten Tagen sah es aus, als frchte sich Gudmund, mit Helga zu
sprechen. Er hatte Angst, da das Mdchen sich etwas einbilde, weil er
ihr zu Hilfe gekommen war. Aber dies war eine unntige Sorge. Helga
hielt ihn fr viel zu herrlich und hoch, als da sie gewagt htte, ihre
Blicke zu ihm zu erheben. Und Gudmund merkte auch bald, da er sie nicht
fernzuhalten brauchte. Sie war vor ihm scheuer als vor irgend jemand.

In demselben Herbst, da Helga nach Nrlunda kam, machte Gudmund viele
Besuche bei der Familie des Amtmanns auf lvkra, und es wurde viel
darber gesprochen, da er alle Aussicht htte, dort im Hause
Schwiegersohn zu werden. Volle Gewiheit, da seine Werbung Erfolg
hatte, erhielten die Leute jedoch erst zu Weihnachten. Da kam der
Amtmann mit Frau und Tochter nach Nrlunda, und es war ganz klar, da
sie nur hierher gefahren waren, um zu sehen, wie es Hildur gehen wrde,
wenn sie sich mit Gudmund verheiratete.

Das war das erste Mal, da Helga das Mdchen, welches Gudmund heimfhren
wollte, aus der Nhe sah. Hildur Erikstochter war noch nicht zwanzig
Jahre, aber das Merkwrdige an ihr war, da niemand sie ansehen konnte,
ohne zu denken, welche stattliche und prchtige Hausmutter einmal aus
ihr werden wrde. Sie war hochgewachsen, stark gebaut, blond und schn,
und sah aus, als wenn sie gerne fr viele um sich zu sorgen htte. Sie
war nie scheu oder verschchtert, sondern sprach viel und schien alles
besser zu wissen als der, mit dem sie sprach. Sie war ein paar Jahre in
der Stadt zur Schule gegangen und trug die schnsten Kleider, die Helga
je gesehen hatte, aber sie machte keinen eiteln oder prunkliebenden
Eindruck. Reich und schn, wie sie war, htte sie wohl jeden Tag einen
Mann von Stand heiraten knnen, aber sie sagte immer, sie wolle keine
feine Dame werden und mit den Hnden im Scho dasitzen. Sie wollte einen
Bauer heiraten und ihr Haus selbst versehen wie eine richtige Buerin.

Hildur schien Helga als ein wahres Wunder. Nie hatte sie jemand gesehen,
der so prchtig aufgetreten wre. Sie htte nicht geglaubt, da ein
Mensch in allen Stcken so vollkommen sein knnte. Und es duchte sie
ein groes Glck, in Zukunft einer solchen Frau zu dienen.

Bei dem Besuch der Amtmannsfamilie war alles gut abgelaufen; aber wenn
Helga an den Tag zurckdachte, empfand sie eine gewisse Unruhe. Als die
Fremden gekommen waren, war sie herumgegangen und hatte den Kaffee
gereicht. Wie sie nun mit den Kannen hereinkam, hatte die Frau des
Amtmanns sich zu ihrer Herrin vorgebeugt und sie gefragt, ob das nicht
das Mdchen vom Moorhof sei. Sie hatte die Stimme nicht sehr gesenkt, so
da Helga die Frage deutlich hrte. Mutter Ingeborg hatte Ja gesagt, und
da hatte die andre etwas geantwortet, was Helga nicht hren konnte. Aber
es war so etwas gewesen, als ob sie es wunderlich fnde, da sie eine
solche Person im Hause dulde. Dies bereitete Helga sehr viel Kummer,
aber sie suchte sich damit zu trsten, da es die Mutter und nicht
Hildur war, die diese Worte gesprochen hatte.

An einem Sonntag im Vorfrhling fgte es sich, da Helga und Gudmund
zusammen aus der Kirche kamen. Als sie ber den Kirchenhgel wanderten,
waren sie inmitten einer groen Schar von andern Kirchenbesuchern
gegangen; aber bald bog einer nach dem andern ab, und schlielich waren
Helga und Gudmund allein.

Da fiel es Gudmund ein, da er seit jenem Abend auf dem Moorhof nicht
mehr mit Helga allein gewesen war, und die Erinnerung daran kam nun in
voller Strke wieder. Recht oft whrend des Winters hatte er an ihre
erste Begegnung gedacht und dabei immer gefhlt, wie etwas Ses und
Wohliges seinen Sinn durchbebte. Wenn er allein bei der Arbeit war,
pflegte er sich die ganze schne Nacht wieder zurckzurufen: den weien
Nebel, den starken Mondschein, die schwarze Waldeshhe, das lichte Tal
und dann das Mdchen, das die Arme um seinen Hals geschlungen und vor
Freude geweint hatte. Je fter er sich den Vorfall zurckrief, desto
schner wurde er. Aber wenn Gudmund Helga daheim unter den andern in
Arbeit und Plage umhergehen sah, dann konnte er sich nur schwer
vorstellen, da sie mit dabei gewesen war. Jetzt aber, wo er allein mit
ihr den Kirchenweg entlang ging, konnte er es nicht lassen, sich zu
wnschen, da sie fr ein Weilchen dieselbe wre wie an jenem Abend.

Helga begann sogleich von Hildur zu sprechen. Sie rhmte sie sehr,
sagte, da sie das schnste und klgste Mdchen in der ganzen Umgegend
sei, und beglckwnschte Gudmund dazu, da er eine so ausgezeichnete
Frau bekme. Du mut ihr sagen, da sie mich immer auf Nrlunda bleiben
lt, sagte sie. Es wird so schn sein, unter einer solchen Frau zu
dienen.

Gudmund lchelte ber ihren Eifer, gab ihr jedoch nur einsilbige
Antworten, als wren seine Gedanken nicht recht dabei. Aber es war ja
recht, da ihr Hildur so gut gefiel, und da sie sich ber seine Heirat
so freute.

Du bist diesen Winter doch gern bei uns gewesen? fragte er. -- Ja
gewi. Ich kann gar nicht sagen, wie gut Mutter Ingeborg und ihr alle
gegen mich wart. -- Hast du dich nach dem Walde gesehnt? -- Ach ja,
anfangs wohl, aber jetzt nicht mehr. -- Ich glaubte, wer im Wald
daheim ist, kann es nicht lassen, sich hinzusehnen.

Helga wendete sich halb um und sah ihn an, der auf der andern Seite des
Weges ging. Gudmund war ihr in letzter Zeit ganz fremd geworden, aber
jetzt lag etwas in seinem Tonfall und seinem Lcheln, das sie
wiedererkannte. Ja, er war doch derselbe, der in ihrer hchsten Not
gekommen war und sie gerettet hatte. Obgleich er sich mit einer andern
verheiraten wollte, war sie dessen gewi, da er ihr ein guter Freund
und getreuer Helfer bleiben wrde.

Es wurde ihr so leicht ums Herz; sie fhlte, da sie Vertrauen zu ihm
haben knnte wie zu keinem andern, und es war ihr, als mte sie ihm
alles erzhlen, was ihr geschehen war, seit sie zuletzt miteinander
gesprochen hatten. Ich will dir sagen, da ich in den ersten Wochen auf
Nrlunda eine recht schwere Zeit hatte, begann sie. Aber du darfst es
Mutter Ingeborg nicht wiedererzhlen. -- Wenn du willst, da ich
schweigen soll, so schweige ich. -- Denk dir nur, da ich anfangs so
furchtbares Heimweh hatte! Ich war drauf und dran, wieder in den Wald
hinaufzulaufen. -- Du hattest Heimweh? Ich glaubte, du wrst froh, bei
uns zu sein. -- Ich konnte nichts dafr, sagte sie entschuldigend.
Ich sah wohl ein, welches Glck es fr mich war, hier sein zu drfen.
Ihr wart alle so freundlich gegen mich, und die Arbeit war nicht zu
schwer; aber ich sehnte mich doch. Irgend etwas zog und lockte und
wollte mich in den Wald zurckfhren. Es war mir, als verriete ich
einen, der ein Recht auf mich hatte, wenn ich unten im Tale blieb.

Das war vielleicht ... begann Gudmund, aber er hielt mitten im Satz
inne. -- Nein, es war nicht der Kleine, nach dem ich mich sehnte. Ich
wute ja, da es ihm gut ging, und da Mutter freundlich zu ihm war. Es
war nichts Bestimmtes. Ich hatte das Gefhl, als wre ich ein wilder
Vogel, den man in einen Kfig gesperrt hat, und ich glaubte, ich mte
sterben, wenn man mich nicht loslie.

Nein, da es dir so schlecht ging! sagte Gudmund, und dabei lchelte
er; denn jetzt kam es ihm mit einem Male vor, als ob er sie erst
wiedererkennte. Jetzt war es, als lge nichts zwischen ihnen, sondern
als htten sie sich erst am vorigen Abend oben auf dem Moorhof
voneinander getrennt. Helga lchelte wieder, sie fuhr jedoch fort, von
ihrer Qual zu sprechen. Keine Nacht schlief ich, sagte sie; kaum
hatte ich mich niedergelegt, so begannen die Trnen zu flieen, und wenn
ich am Morgen aufstand, war das Kopfkissen ganz na. Am Tag, wenn ich
unter euch andern herumging, konnte ich das Weinen unterdrcken; aber
sowie ich allein war, schossen mir die Trnen in die Augen.

Du hast schon viel geweint in deinem Leben, sagte Gudmund, aber sah
gar nicht mitleidig aus, als er diese Bemerkung machte. Helga war es,
als ob er die ganze Zeit mit einem unterdrckten Lachen einherginge. --
Du kannst dir gar nicht denken, wie schlecht es mir ging, sagte sie
und sprach immer lebhafter, in dem Bestreben, sich ihm verstndlich zu
machen. Es kam eine Sehnsucht ber mich, die mich von mir selbst
forttrug. Keinen Augenblick konnte ich mich glcklich fhlen. Nichts war
schn, nichts war vergnglich, keinen Menschen konnte ich liebgewinnen.
Ihr wart mir alle ebenso fremd wie an dem Tag, als ich zum ersten Male
in die Stube trat.

Aber, verwunderte sich Gudmund, sagtest du nicht eben, da du bei uns
bleiben willst? -- Ja, gewi sagte ich das. -- Du sehnst dich also
jetzt nicht mehr? -- Nein, es ist vorbergegangen. Ich bin geheilt.
Warte nur, du wirst schon hren!

Als sie dies sagte, kreuzte Gudmund quer ber den Weg und ging an ihrer
Seite weiter. Die ganze Zeit lchelte er. Es schien ihm Freude zu
machen, sie reden zu hren; aber er legte dem, was sie erzhlte, wohl
nicht viel Gewicht bei. So allmhlich kam Helga in dieselbe Stimmung. Es
schien ihr, als ob alles leicht und hell wrde. Der Weg von der Kirche
war lang und beschwerlich zu gehen; aber an diesem Tage wurde sie nicht
mde. Irgend etwas schien sie zu tragen. Sie fuhr fort zu erzhlen, weil
sie einmal begonnen hatte; aber es war nicht mehr so wichtig fr sie,
sich auszusprechen. Sie htte ebenso vergngt sein knnen, wenn sie
stumm neben ihm einhergegangen wre.

Als ich am allerunglcklichsten war, bat ich Mutter Ingeborg eines
Samstagabends, mir zu erlauben, nach Hause zu gehen und ber den Sonntag
daheim zu bleiben. Und als ich an diesem Abend die Hgel zum Moor
hinaufwanderte, glaubte ich felsenfest, da ich nie mehr nach Nrlunda
zurckkommen wrde. Aber daheim waren Vater und Mutter so froh, da ich
eine Stelle in einem so angesehenen Hause hatte, da ich es nicht bers
Herz brachte, ihnen zu sagen, ich hielte es nicht aus, bei euch zu
bleiben. Sobald ich in den Wald hinaufkam, war auch alle Angst und Qual
rein verschwunden. Und es schien mir, als ob das Ganze nur eine
Einbildung gewesen wre. Und dann war es so schwer mit dem Kind. Mutter
hatte sich seiner angenommen und es zu dem ihren gemacht. Es gehrte
mir nicht mehr. Und es war ja gut, da es so war; aber es fiel mir doch
schwer, mich daran zu gewhnen.

Vielleicht fingst du nun gar an, dich zu uns hinunter zu sehnen? warf
Gudmund hin. -- Ach nein. Als ich am Montag Morgen erwachte und daran
dachte, da ich jetzt gehen mte, kam die Sehnsucht wieder ber mich.
Ich lag da und weinte und ngstigte mich, denn das einzige Rechte und
Richtige war doch, da ich im Dienste blieb; aber ich hatte das Gefhl,
als mte ich krank werden oder den Verstand verlieren, wenn ich
zurckkehrte. Aber da fiel mir pltzlich ein, was ich einmal gehrt
hatte: wenn man ein wenig Asche aus dem Herd in seinem Hause nimmt und
sie dann auf den Herd im fremden Hause streut, dann wird man von seiner
Sehnsucht befreit. -- Na, das ist ein Heilmittel, das leicht
anzuwenden ist, sagte Gudmund. -- Ja, wenn es damit nur nicht die
Bewandtnis htte, da man sich nachher nirgendwo anders heimisch fhlen
kann. Geht man von dem Hause weg, in das man die Asche getragen hat,
dann sehnt man sich ebensosehr dorthin zurck, als man sich frher von
dort weggesehnt hat. -- Kann man die Asche nicht wieder dorthin
mitnehmen, wohin man geht? -- Nein, das kann man nur einmal im Leben
tun. Dann gibt es keine Umkehr. Und darum ist es ja sehr gefhrlich, so
etwas zu versuchen.

Ich htte nie so etwas gewagt, sagte Gudmund, und sie hrte sehr
wohl, da er sie nur neckte. -- Ich hab es doch gewagt, sagte Helga.
Es war besser, als vor Mutter Ingeborg und dir, die mir helfen wollten,
als undankbar dazustehen. Ich nahm ein klein wenig Asche von daheim mit,
und wie ich nach Nrlunda zurckkam, bentzte ich einen Augenblick, wo
niemand in der Stube war, und streute sie auf die Herdplatte.

Und jetzt glaubst du, da die Asche dir geholfen hat? -- Warte, du
wirst schon hren, wie es kam! Ich ging gleich an meine Arbeit und
dachte den ganzen Tag nicht mehr an die Asche. Ich sehnte mich ebenso
heftig wie frher, und alles war mir ebenso zuwider wie immer. Es war an
diesem Tage sehr viel drinnen und drauen zu tun; und als ich am Abend
im Stalle fertig war und ins Haus ging, war auf dem Herd schon das Feuer
angezndet.

Jetzt bin ich aber wirklich begierig, zu hren, wie es kam, sagte
Gudmund. -- Ja, denke nur, schon als ich ber den Hof ging, kam es mir
vor, als ob im Feuerschein etwas Wohlbekanntes wre, und als ich die Tr
ffnete, da hatte ich das Gefhl, da ich in unsre eigene Stube kam, und
da Vater und Mutter am Feuer saen. Ja, dies flog nur an mir vorbei wie
ein Traum. Aber als ich wirklich hineinkam, da war ich ganz erstaunt,
wie schn und traulich es in der Stube war. Nie hatten Mutter Ingeborg
und ihr andern so freundlich ausgesehen wie an diesem Abend, als ihr da
im Feuerschein saet. Es war ein kstliches Gefhl, hereinzukommen, und
das war sonst nie so gewesen. Ich war so erstaunt, da ich fast laut
aufgeschrieen und in die Hnde geklatscht htte. Es schien mir, als ob
ihr wie verwandelt wret. Ihr wart mir nicht mehr fremd, sondern ich
konnte mit euch ber alles reden. Du kannst dir denken, da ich mich
freute; aber dabei mute ich mich doch immer wieder wundern. Ich fragte
mich, ob ich denn verhext wre, und sieh, da fiel mir pltzlich die
Asche ein, die ich auf die Herdplatte gestreut hatte.

Ja, das ist seltsam, sagte Gudmund. Er glaubte nicht im geringsten an
Zauber und Hexerei; aber es mifiel ihm nicht, Helga von solchen Dingen
sprechen zu hren. Jetzt ist doch die tolle Walddirne wieder zum
Vorschein gekommen, dachte er. Kann man begreifen, da jemand, der so
viel durchgemacht hat, wie sie, noch so kindisch ist?

Ja, gewi war es seltsam, sagte Helga. Und dasselbe hat sich den
ganzen Winter hindurch wiederholt. Sowie das Feuer im Herd brannte, war
es mir ebenso behaglich, als wenn ich daheim gewesen wre. Aber es ist
auch etwas Seltsames mit dem Feuer. Nicht mit anderm Feuer vielleicht,
aber mit Feuer, das auf einem Herde brennt, und um das sich alle
Hausgenossen Abend fr Abend versammeln. Das wird, mcht man sagen, so
vertraut mit einem. Es spielt und tanzt vor einem und prasselt, und
manchmal ist es mrrisch und schlechter Laune. Es ist, als lge es in
seiner Macht, Traulichkeit oder Unbehagen zu verbreiten. Und nun war es
mir, als wre das Feuer von daheim zu mir gekommen, und als gbe es
allem hier denselben traulichen Schein wie daheim.

Aber wenn du nun gezwungen wrest, aus Nrlunda fortzugehen? sagte
Gudmund. -- Dann mu ich mich all mein Lebtag danach sehnen, erwiderte
sie, und man hrte an ihrer Stimme, da sie dies im tiefsten Ernst
sagte. -- Ja, ich werde gewi nicht der sein, der dich vertreibt,
sagte Gudmund; und obgleich er lachte, lag etwas Warmes in seinem Ton.
-- Dann begannen sie kein neues Gesprch, sondern wanderten stumm bis
zum Bauernhofe. Gudmund wendete zuweilen den Kopf und sah sie an, die
neben ihm ging. Sie schien sich von der schweren Zeit, die sie im
vorigen Jahr durchgemacht hatte, erholt zu haben. Jetzt hatte sie etwas
Frisches und Rosiges. Die Zge waren klein und rein, das Haar umgab den
Kopf wie ein Heiligenschein, und aus den Augen konnte man nicht recht
klug werden. Sie ging flink und leicht. Wenn sie sprach, kamen die Worte
rasch hervor, aber dennoch scheu. Sie hatte immer Angst, verlacht zu
werden, doch mute sie heraussagen, was sie auf dem Herzen hatte.

Gudmund fragte sich, ob er sich wnsche, da Hildur so wre; aber das
wollte er doch nicht. Diese Helga war nichts zum Heiraten. --

Ein paar Wochen spter erfuhr Helga, da sie im April von Nrlunda fort
msse, weil Hildur Erikstochter nicht mit ihr unter einem Dache hausen
wollte.

Ihre Herrschaft sagte ihr das nicht gerade heraus. Aber Mutter Ingeborg
begann davon zu sprechen, sie wrden an ihrer neuen Schwiegertochter so
viel Hilfe haben, da sie sich nicht so viele Dienstleute zu halten
brauchten. Ein andermal sagte sie wieder, sie habe von einer guten
Stelle gehrt, wo es Helga viel besser gehen wrde als bei ihnen.

Helga brauchte nicht mehr zu hren: sie verstand, da sie fort msse,
und erklrte sogleich, da sie gehen wolle; aber eine andre Stelle wolle
sie nicht annehmen, sondern sie kehre nach Hause zurck.

Man merkte wohl, da sie auf Nrlunda Helga nicht aus freiem Willen
kndigten.

Am Abschiedstage war so viel Essen aufgetischt, da es ein frmlicher
Schmaus war, und Mutter Ingeborg steckte ihr eine solche Menge Kleider
und Schuhe zu, da sie, die nur mit einem Bndel unter dem Arm gekommen
war, ihre Besitztmer jetzt kaum in einer Kiste unterbringen konnte.

Ich bekomme nie wieder eine so gute Magd wie dich in mein Haus, sagte
Mutter Ingeborg. Und denke nun nicht zu schlecht von mir, weil ich dich
ziehen lasse! Du weit wohl, da es nicht mit meinem Willen geschieht.
Ich werde dich nicht vergessen. Solange ich noch Macht habe, wirst du
keine Not leiden mssen.

Sie machte mit Helga ab, da sie ihr Laken und Handtcher weben solle.
Und sie gab ihr Arbeit fr mindestens ein halbes Jahr.

Am Abschiedstage stand Gudmund im Schuppen und hackte Holz. Er kam
nicht herein, ihr Lebewohl zu sagen, obgleich das Pferd schon vor der
Tr stand. Er schien so vertieft zu sein in seine Arbeit, da er gar
nicht merkte, was vorging. Sie mute hinausgehen, um ihm Lebewohl zu
sagen.

Er legte die Axt hin, gab Helga die Hand, sagte etwas hastig: Ich danke
dir fr all die Zeit! und begann dann wieder zu arbeiten. Helga hatte
sagen wollen, sie she ein, da es unmglich fr ihn sei, sie zu
behalten, und da alles ihre eigne Schuld sei. Sie selbst htte es so
fr sich eingerichtet. Aber Gudmund schlug zu, da die Spne rings um
ihn flogen, und da konnte sie sich nicht entschlieen, etwas zu sagen.

Aber das Merkwrdigste an der ganzen Sache war, da der Bauer selbst,
der alte Erland Erlandsson, Helga zum Moorhof hinauffuhr.

Gudmunds Vater war ein kleines, trocknes Mnnchen mit kahlem Scheitel
und schnen, klugen Augen. Er war so verschlossen und schweigsam, da er
zuweilen den ganzen Tag kein Wort sprach. Solange alles ging, wie es
gehen sollte, bemerkte man ihn gar nicht. Aber wenn etwas nicht klappte,
dann kam er immer und sagte und tat, was gesagt und getan werden mute,
um alles wieder in Ordnung zu bringen. Er war sehr geschickt im
Rechnungfhren und geno unter den Mnnern des Kirchspiels groes
Vertrauen. Er bekam auch alle mglichen kommunalen Auftrge und war
angesehener als so mancher, der einen schnen Hof und groen Reichtum
besa.

Erland Erlandsson also fuhr Helga auf dem schlechten Wege heim und lie
nicht zu, da sie bei irgendeiner steilen Stelle ausstieg. Als sie auf
dem Moorhof angelangt waren, sa er lange in der Htte und sprach mit
Helgas Eltern und erzhlte ihnen, wie zufrieden er und Mutter Ingeborg
mit ihr gewesen waren. Nur weil sie jetzt nicht mehr so viele
Dienstleute brauchten, mten sie sie nach Hause schicken. Sie htte
gehen mssen, weil sie die Jngste wre. Sie htten es unrecht gefunden,
jemand fortzuschicken, der schon lange bei ihnen diente.

Erland Erlandssons Rede machte einen guten Eindruck, und die Eltern
bereiteten Helga einen freundlichen Empfang. Als sie dazu noch hrten,
sie htte so groe Bestellungen erhalten, da sie sich mit ihrer Weberei
das Brot verdienen knne, waren sie es recht zufrieden, da sie nun
daheim blieb.


4

Gudmund kam es vor, als ob er Hildur Erikstochter bis zu dem Tage
geliebt htte, an dem sie ihm das Versprechen abgezwungen, da Helga aus
Nrlunda fort sollte. Wenigstens hatte es bis dahin niemand gegeben, den
er mehr bewundert und geachtet htte. Kein junges Mdchen schien ihm
Hildur an die Seite gestellt werden zu knnen, und er war sehr stolz
darauf gewesen, da er sie gewonnen hatte. Es war ihm auch ein lieber
Gedanke, sich die Zukunft mit ihr zusammen vorzustellen. Sie wrden
reich und angesehen sein, und er hatte das sichere Gefhl, da es sich
in dem Heim, wo Hildur das Regiment fhrte, gut leben lassen mte. Er
dachte auch gern daran, da er viel Geld haben wrde, wenn er mit ihr
verheiratet wre. Er knnte seine Wirtschaft verbessern, knnte alle
verfallnen Htten wieder aufbauen und den Hof erweitern, so da er ein
richtiger Grobauer wrde.

An demselben Sonntag, da er mit Helga von der Kirche heimging, war er
abends nach lvkra gefahren. Da hatte Hildur angefangen von Helga zu
sprechen und hatte gesagt, da sie nicht nach Nrlunda kommen wolle, ehe
die Dirne von dort fort sei. Gudmund versuchte zuerst, das Ganze als
einen Scherz fortzulachen. Aber es zeigte sich bald, da es Hildur ernst
war. Gudmund fhrte Helgas Sache sehr beredt; er sagte, sie sei noch so
jung gewesen, als sie in den Dienst geschickt wurde, da sei es nicht zu
verwundern, da sie ins Unglck gekommen wre, wo sie an einen so
schlechten Menschen geraten war wie Per Martensson. Aber seit seine
Mutter sich ihrer angenommen, htte sie sich immer gut betragen. Es
kann nicht Recht sein, sie wieder hinauszustoen, sagte er. Da knnte
sie ja wieder ins Elend kommen.

Aber Hildur hatte nicht nachgeben wollen. Wenn das Mdchen auf Nrlunda
bleibt, so komme ich nie hin, sagte sie. Ich kann eine solche Person
in meinem Hause nicht dulden. -- Du weit nicht, was du tust, sagte
Gudmund. Niemand hat Mutter noch so gut gepflegt wie Helga. Wir sind
alle froh, da sie zu uns gekommen ist; frher war Mutter oft
verdrielich und schlechter Laune. -- Ich zwinge dich ja nicht, sie
fortzuschicken, sagte Hildur, aber man merkte: sie war, wenn Gudmund
ihr in dieser Sache nicht den Willen tte, entschlossen, die Heirat
aufzugeben. -- Nein, es soll so sein, wie du willst, sagte Gudmund
schlielich. Er fand, da er Helgas wegen doch nicht seine ganze Zukunft
aufs Spiel setzen knnte. Aber er sah sehr bla aus, als er so nachgab,
und war den ganzen Abend schweigsam und verstimmt.

Diese Sache nun lie Gudmund befrchten, da Hildur vielleicht nicht
ganz so sei, wie er sie sich vorgestellt hatte. Es gefiel ihm nicht, da
sie ihren Willen ber den seinen gesetzt hatte; aber das Schlimmste war:
er konnte sich nicht verhehlen, da sie im Unrecht war. Er sagte sich,
da er ihr gern nachgegeben htte, wenn sie sich groherzig gezeigt
haben wrde; aber nun schien es ihm, da sie nur kleinlich und herzlos
gewesen wre.

Jedesmal von da an, wenn Gudmund Hildur traf, sa er und suchte und
sphte, ob das, was er in ihr zu finden geglaubt hatte, sich wieder
zeigen wrde. Nun sein Mitrauen einmal geweckt war, dauerte es nicht
lange, und er fand manches, was nicht so war, wie er es sich gewnscht
htte. Sie ist wohl so eine, die zu allererst an sich selbst denkt,
murmelte er jedesmal, wenn er sich von ihr trennte, und er fragte sich,
wie lange wohl ihre Liebe zu ihm standhalten wrde, wenn man sie auf die
Probe stellte. Er suchte sich damit zu trsten, da alle Menschen
zuerst an sich selbst dchten; aber sogleich fiel ihm Helga ein. Er sah
sie vor sich, wie sie im Thingsaal gestanden und die Bibel an sich
gerissen hatte, er hrte, wie sie rief: Ich will die Klage
zurckziehen. Ich hab ihn noch lieb. Ich will nicht, da er falsch
schwrt. So htte er sich Hildur gewnscht. Helga war ihm ein Ma
geworden, nach dem er die Menschen beurteilte, -- wahrlich, es gab nicht
viele, die ein so liebevolles Herz hatten.

Von Tag zu Tag gefiel ihm Hildur weniger; aber er kam nie auf den
Gedanken, da er von der Heirat abstehen knnte. Er suchte sich
einzureden, da sein Mimut nichts andres sei als leere Grillen. Vor
einigen Wochen erst hatte er sie ja fr die Beste gehalten, die es gbe.

Wre er noch am Anfang seiner Werbung gewesen, dann htte er sich
vielleicht zurckgezogen. Aber jetzt waren sie schon aufgeboten, der
Hochzeitstag war bestimmt, und bei ihm daheim hatten sie bereits groe
Ausbesserungen in Angriff genommen. Er wollte auch den Reichtum und die
gute Stellung, die ihn erwarteten, nicht preisgeben. Und welchen Grund
htte er fr einen Bruch anzufhren vermocht? Was er gegen Hildur
einzuwenden hatte, war so unbedeutend, da es sich auf seinen Lippen in
Luft verwandeln wrde, wenn er versuchen wollte, es auszusprechen.

Aber das Herz war ihm oft schwer, und jedesmal, wenn er im Kirchdorf
oder in der Stadt etwas zu besorgen hatte, lie er sich Bier oder Wein
geben, um sich eine gute Laune anzutrinken. Wenn er ein paar Flaschen
geleert hatte, war er wieder stolz auf die Heirat und zufrieden mit
Hildur. Dann begriff er gar nicht, was ihn eigentlich qule.

Gudmund dachte oft an Helga und empfand Sehnsucht, sie zu treffen. Aber
er glaubte, da Helga ihn fr einen schlechten Kerl halte, weil er dem
Versprechen, das er ihr freiwillig gegeben hatte, untreu geworden war
und sie hatte ziehen lassen. Er konnte es ihr weder erklren, noch sich
rechtfertigen, und darum vermied er es, mit ihr zusammenzutreffen.

Doch eines Morgens, als Gudmund gerade ber die Strae ging, begegnete
er Helga, die im Tal gewesen war, Milch zu kaufen. Gudmund kehrte um und
schlo sich ihr an. Sie schien ber seine Gesellschaft nicht gerade
erfreut zu sein, sondern schritt rasch aus, als wolle sie von ihm
fortkommen, und sagte kein Wort. Auch Gudmund schwieg, weil er nicht
recht wute, wie er ein Gesprch einleiten solle.

Da kam vom andern Ende der Strae ein Gefhrt heran. Gudmund ging in
Gedanken versunken und bemerkte es nicht, aber Helga hatte es gesehen
und wendete sich nun pltzlich zu ihm. Es hat keinen Zweck, da du mit
mir weitergehst, Gudmund; denn wenn ich recht sehe, kommen da Amtmanns
aus lvkra gefahren. Gudmund sah rasch auf, erkannte Pferd und Wagen
und machte eine Bewegung, als ob er umkehren wolle. Im nchsten
Augenblick jedoch richtete er sich auf und ging ruhig an Helgas Seite
weiter wie zuvor; und sie trennten sich, ohne da er ihr ein Wort gesagt
hatte. Aber an diesem ganzen Tage war er zufriedener mit sich selbst,
als er seit lange gewesen war.


5

Es war bestimmt, da Gudmund und Hildurs Hochzeit am zweiten
Pfingstfeiertag auf lvkra gefeiert werden sollte. Am Freitag vor
Pfingsten fuhr Gudmund in die Stadt, einige Einkufe fr einen
Begrungsschmaus zu machen, der am Tage nach der Hochzeit auf Nrlunda
stattfinden sollte. In der Stadt traf er mit einigen andern jungen
Burschen aus seinem Kirchspiel zusammen. Sie wuten, da dies Gudmunds
letzter Stadtbesuch vor der Hochzeit war, und nahmen dies zum Anla, ein
groes Trinkgelage zu veranstalten. Alle legten es darauf an, da
Gudmund trinke, und es gelang ihnen schlielich, ihn ganz bewutlos zu
machen.

Am Samstag morgen kam er so spt nach Hause, da sein Vater und der
Knecht schon zu ihrer Arbeit gegangen waren, und er schlief bis tief in
den Nachmittag. Als er aufstand und sich anziehen wollte, sah er, da
sein Rock an mehreren Stellen zerrissen war. Das sieht ja aus, als wenn
ich heute Nacht eine Schlgerei gehabt htte, sagte er und versuchte,
sich zu besinnen, was geschehen wre, erinnerte sich jedoch nur, da er
gegen elf Uhr in Gesellschaft der andern aus dem Wirtshaus gegangen war,
aber wohin sie sich dann begeben htten, das konnte er sich nicht
zurckrufen. Es war, als versuchte er, in eine groe Dunkelheit
hineinzustarren. Er wute nicht, ob sie sich nur auf den Straen
herumgetrieben htten, oder ob sie noch irgendwo eingekehrt wren. Er
konnte sich auch nicht erinnern, ob er selbst oder irgendein andrer sein
Pferd eingespannt htte, und er hatte gar keine Erinnerung an die
Heimfahrt.

Als er in die Wohnstube trat, war sie der Feiertage wegen gescheuert und
gefegt. Alle Arbeit war beendigt, und das Hausgesinde trank Kaffee.
Niemand sagte etwas ber Gudmunds Ausbleiben. Es schien ein
stillschweigendes bereinkommen zu sein, da er in diesen letzten Wochen
die Freiheit haben solle, so zu leben, wie es ihm behagte.

Gudmund setzte sich an den Tisch und bekam seinen Kaffee wie die andern.
Whrend er so dasa und ihn aus der Schale in die Untertasse und dann
wieder in die Schale go, um ihn abkhlen zu lassen, wurde Mutter
Ingeborg mit dem ihren fertig; sie nahm die Zeitung zur Hand, die eben
gekommen war, und begann zu lesen. Sie las Spalte fr Spalte vor, und
Gudmund, der Vater und die andern saen da und hrten zu.

Unter anderm las sie einen Bericht vor ber eine Schlgerei, die in der
vorhergehenden Nacht auf dem groen Marktplatz zwischen einer Schar
betrunkner Bauern und einigen Arbeitern stattgefunden hatte. Sobald die
Polizei sich zeigte, waren die Streitenden entflohen; nur einer von
ihnen hatte leblos auf dem Marktplatz gelegen. Man trug den Gefallenen
auf die Polizeistation, und da man keine uere Verletzung an ihm
entdecken konnte, begann man Belebungsversuche zu machen. Alle
Bemhungen waren jedoch vergebens, und schlielich entdeckte man, da
eine Messerklinge in seinem Kopfe stak. Es war die Klinge eines
ungewhnlich groen Taschenmessers, die durch die Hirnschale ins Gehirn
eingedrungen und dicht am Kopfe abgebrochen war. Der Mrder war mit dem
Messerschaft entflohen, aber da die Polizei die Leute, die an der
Schlgerei beteiligt waren, genau kannte, bestand die Hoffnung, man
wrde ihn bald finden.

Whrend Mutter Ingeborg dies las, stellte Gudmund die Kaffeetasse hin,
fuhr mit der Hand in die Tasche, zog sein Messer hervor und warf einen
gleichgltigen Blick darauf. Aber mit einem Mal zuckte er zusammen,
drehte das Messer um und steckte es dann so hastig in die Tasche, als
htte er sich daran verbrannt. Er rhrte den Kaffee nicht mehr an,
sondern blieb lange ganz still mit einem nachdenklichen Ausdruck sitzen.
Seine Stirn legte sich in tiefe Falten. Es war deutlich zu sehen, da er
mit aller Macht versuchte, sich ber etwas klar zu werden.

Endlich stand er auf, streckte sich, ghnte und ging langsam auf die Tr
zu. Ich mu mir ein bichen Bewegung machen. Ich bin den ganzen Tag
nicht aus dem Hause gewesen, sagte er und verlie das Zimmer.

Ungefhr gleichzeitig erhob sich auch Erland Erlandsson. Er hatte seine
Pfeife ausgeraucht und ging nun in die Kammer, sich neuen Tabak zu
holen. Als er da drinnen stand und die Pfeife stopfte, sah er Gudmund
vorbergehen. Die Fenster der Kammer gingen nicht auf den Hof, wie die
der Wohnstube, sondern auf ein kleines Grtchen, in dem ein paar hohe
Apfelbume standen. Unterhalb des Grtchens lag ein Sumpfland wo um die
Frhlingszeit groe Wasserpftzen waren, die aber im Sommer fast ganz
austrockneten. Dahin pflegte selten jemand zu gehen. Erland Erlandsson
fragte sich, was Gudmund da wohl zu suchen habe, und folgte ihm mit den
Blicken. Da sah er, wie der Sohn die Hand in die Tasche steckte, einen
Gegenstand herauszog und ihn in den Morast warf. Dann ging er durch das
kleine Grtchen, sprang ber einen Zaun und entfernte sich in der
Richtung nach der Strae.

Sowie der Sohn auer Sehweite war, verlie Erland ebenfalls das Haus und
begab sich an den Morast. Hier watete er in den Schlamm hinaus, beugte
sich zu Boden und hob etwas auf, woran er mit dem Fu gestoen war. Es
war ein groes Taschenmesser, dessen grte Klinge abgebrochen war. Er
drehte es nach allen Seiten und besah es genau, whrend er noch immer im
Wasser stand. Dann steckte er es in die Tasche, zog es aber noch ein
paarmal heraus und betrachtete es prfend, ehe er wieder ins Haus
zurckging.

Gudmund kam erst heim, als sich alle schon niedergelegt hatten. Er ging
sofort zu Bett, ohne das Abendbrot zu berhren, das in der Wohnstube
aufgetischt stand.

Erland Erlandsson und sein Weib schliefen in der Kammer. Um das
Morgengrauen glaubte Erland Schritte vor dem Fenster zu hren. Er stand
auf, zog die Gardinen zurck und sah, da Gudmund zum Morast
hinunterging. Dort legte er Strmpfe und Schuhe ab, ging ins Wasser
hinaus und wanderte hin und her, wie einer, der etwas sucht. Das tat er
lange, dann ging er wieder an das Ufer, als wollte er seiner Wege gehen,
kehrte aber bald um und suchte weiter. Eine ganze Stunde stand der Vater
da und sah ihm zu, dann begab sich Gudmund ins Haus und legte sich
wieder schlafen.

Am Pfingsttag sollte Gudmund zur Kirche fahren. Als er das Pferd
einzuspannen begann, kam der Vater ber den Hof. Du hast vergessen, das
Geschirr zu putzen, sagte er, als er vorbeiging. Denn Geschirr und
Wagen waren schmutzig und ungescheuert. -- Ich hab an andre Dinge zu
denken gehabt, sagte Gudmund mrrisch und fuhr davon, ohne etwas
dergleichen zu tun.

Nach dem Gottesdienst begleitete Gudmund seine Braut nach lvkra und
blieb den ganzen Tag dort. Es kam eine Menge jungen Volkes zusammen, um
Hildurs letzten Jungfernabend zu feiern, und man tanzte bis tief in die
Nacht hinein. Es gab auch viel zu trinken, aber Gudmund rhrte nichts
an. Den ganzen Abend sprach er kaum ein Wort zu irgend jemand, aber er
tanzte wild und lachte zuweilen laut und schrill auf, ohne da jemand
wute, worber.

Gudmund kam nicht vor zwei Uhr nach Hause, und sobald er das Pferd in
den Stall gefhrt hatte, ging er zu dem Sumpf hinter dem Hause. Er
streifte die Schuhe ab, krempelte die Hosen hinauf und watete ins
Wasser. Es war eine helle Sommernacht, und der Vater stand in dem
Kmmerchen hinter der Gardine und sah dem Sohne zu. Er sah, wie er tief
ber das Wasser gebeugt einherging und suchte wie in der Nacht zuvor.
Von Zeit zu Zeit ging er wieder an das Ufer, so als verzweifelte er,
etwas zu finden, aber nach einer Weile watete er wieder in das Wasser
hinaus. Einmal ging er in den Stall und holte einen Eimer und begann
Wasser aus den kleinen Pftzen zu schpfen, als wollte er sie
trockenlegen, aber fand es sicherlich zwecklos und stellte den Eimer
wieder weg. Er versuchte es auch mit einem Sieb. Er durchsuchte den
ganzen Sumpf damit, aber schien nichts andres heraufzubekommen als
Schlamm. Erst um die Morgenstunde kam er herein, als die Leute im Hause
sich schon zu rhren begannen. Da war er so mde und bernchtig, da er
im Gehen schwankte, und warf sich aufs Bett, ohne die Kleider abzulegen.

Als die Uhr acht schlug, kam der Vater und weckte ihn. Gudmund lag auf
dem Bett, die Kleider voll Schlamm und Lehm; aber der Vater fragte
nicht, was er angestellt habe, sondern sagte nur, es sei jetzt Zeit
aufzustehen, und schlo die Tr. Nach einer Weile kam Gudmund in die
Wohnstube herunter, mit den feinen Hochzeitskleidern angetan. Er war
bleich, und die Augen brannten in unruhigem Glanz, aber niemand hatte
ihn je so schn gesehen. Die Zge waren wie von einem inneren Schein
verklrt. Man glaubte einen Menschen zu sehen, der nicht mehr aus
Fleisch und Blut bestnde, sondern nur noch aus Wille und Seele.

Unten in der Wohnstube sah es festlich aus. Die Mutter hatte ihr
schwarzes Kleid angelegt und einen schnen Seidenschal ber die
Schultern gehngt, obgleich sie nicht zur Hochzeit fahren wollte. Auch
alle Dienstleute waren in ihren besten Kleidern. ber dem Herde stak
frisches Birkenlaub, auf dem Tische lag eine schne Decke, und viele
Schsseln standen darauf.

Als sie gegessen hatten, las Mutter Ingeborg einen Psalm und ein Stck
aus der Bibel vor. Dann wendete sie sich an Gudmund, dankte ihm, weil er
ihr ein guter Sohn gewesen war, wnschte ihm Glck fr sein zuknftiges
Leben und gab ihm ihren Segen. Mutter Ingeborg wute ihre Worte gut zu
setzen, und Gudmund war sehr gerhrt. Immer wieder traten ihm die Trnen
in die Augen, aber es gelang ihm doch, das Weinen zu unterdrcken. Auch
der Vater sprach ein paar Worte. Es wird schwer fr deine Eltern sein,
dich zu verlieren, sagte er, und Gudmund war wieder nahe daran, in
Schluchzen auszubrechen. Auch alle Dienstleute traten vor, schttelten
ihm die Hand und dankten ihm fr die Zeit, die nun zu Ende war.
Bestndig hingen Gudmund die Trnen in den Wimpern. Er rusperte sich
und machte ein paar Versuche, zu sprechen, doch brachte er kaum ein Wort
ber die Lippen.

Der Vater sollte ihn in das Haus der Braut begleiten und der Hochzeit
beiwohnen. Er ging in den Hof, spannte das Pferd ein und kam dann
wieder, um zu sagen, da es Zeit sei, sich auf den Weg zu machen. Als
Gudmund sich in den Wagen setzte, merkte er, da alles so spiegelblank
war, wie er es selbst immer gern gehabt hatte. Zugleich sah er auch, wie
fein der Hof herausgeputzt war; der Zufahrtsweg war frisch beschottert;
alte Holzhaufen und andres Germpel, das Zeit seines Lebens dort
gelegen, waren fortgeschafft. Zu beiden Seiten der Eingangstr standen
ein paar abgehauene Birken als Triumphpforte, an der Wetterfahne hing
ein groer Blumenkranz, und aus allen Fensterluken guckten lichtgrne
Birkenreiser. Wieder war Gudmund nahe daran, in Trnen auszubrechen. Er
drckte dem Vater, der eben das Pferd in Gang setzen wollte, heftig die
Hand. Es war, als wollte er ihn von der Fahrt abhalten. Willst du
etwas? sagte der Vater. -- Ach nein, sagte Gudmund Es ist wohl am
besten, wenn wir uns auf den Weg machen.

Bevor sie weit vom Hofe waren, mute Gudmund noch einmal Abschied
nehmen. Es war Helga vom Moorhof, die an der Stelle stand und wartete,
wo der Waldpfad von ihrem Heim her auf den Weg mndete. Der Vater, der
kutschierte, hielt an, sowie er Helga erblickte. Ich hab auf euch
gewartet, weil ich Gudmund Glck wnschen mchte, sagte Helga. Gudmund
beugte sich aus dem Wagen und schttelte Helga die Hand. Er glaubte zu
sehen, da sie abgemagert war, ihre Augen waren rot gerndert. Sie lag
wohl nachts und weinte und sehnte sich nach Nrlunda. Aber jetzt
trachtete sie, frhlich auszusehen, und lchelte ihm zu. Er war wieder
sehr gerhrt, konnte aber nichts sagen. Der Vater, der ja in dem Rufe
stand, da er nicht sprach, ehe die Not am hchsten war, fiel ein: Ich
glaube, ber diesen Glckwunsch freut sich Gudmund mehr als ber irgend
einen andern. -- Ja, das ist sicher, sagte Gudmund. Sie schttelten
sich noch einmal die Hand, und dann fuhr der Vater weiter. Gudmund
beugte sich aus dem Wagen und sah Helga nach. Als sie von ein paar
Bumen verdeckt wurde, ri er pltzlich den Fusack fort und erhob sich,
als wolle er aus dem Wagen springen. -- Willst du Helga noch etwas
sagen? fragte der Vater. -- Nein, ach nein, antwortete Gudmund und
setzte sich wieder zurecht.

Sie fuhren noch eine kleine Strecke. Der Vater fuhr sehr gemchlich. Es
war, als mache es ihm Freude, so mit seinem Sohne neben sich zu fahren.
Er machte keinerlei Anstalten, rasch ans Ziel zu kommen.

Pltzlich lie Gudmund den Kopf auf die Schulter des Vaters sinken und
brach in heftiges Schluchzen aus. Was ist dir? fragte Erland und zog
die Zgel so pltzlich an, da das Pferd mit einem Ruck stehen blieb.
-- Ja, alle sind so gut gegen mich, und ich verdien es nicht. -- Du
hast doch nichts Bses getan? -- Doch, Vater, das habe ich. -- Das
wollen wir doch nicht glauben. -- Ja, ich hab einen Menschen
erschlagen.

Der Vater holte tief Atem. Es klang beinahe wie ein Seufzer der
Erleichterung; Gudmund hob erstaunt den Kopf und sah ihn an. Der Vater
lie das Pferd wieder in Trab fallen, dann sagte er still: Ich bin
froh, da du es selbst gesagt hast. -- Wutet Ihr es denn schon,
Vater? -- Ich sah schon Samstag abend, da irgend etwas nicht in
Ordnung war. Und dann fand ich dein Messer im Morast. -- Ach so, Ihr
habt das Messer gefunden! -- Ich hab es gefunden, und ich sah, da die
eine Klinge abgebrochen war.

Ja, Vater, ich wei, da die Klinge abgebrochen ist. Aber ich kann mir
doch nicht denken, da ich es getan haben soll. -- Es ist wohl im
Rausch geschehen. -- Ich wei nichts, ich kann mich an nichts erinnern.
Ich sehe es an meinen Kleidern, da ich bei einer Rauferei war, und ich
wei, da die Messerklinge fort ist. -- Ich verstehe, da du es
verschweigen wolltest, sagte der Vater. -- Ich dachte, die andern
waren gewi ebenso sinnlos betrunken wie ich und knnen sich an nichts
erinnern. Es liegt vielleicht sonst kein Beweis gegen mich vor als das
Messer, und darum hab ich es fortgeworfen. -- Ich kann mir denken,
da du dir die Sache so zurechtgelegt hast. -- Ihr versteht, Vater:
ich wei nicht, wer der Tote ist; ich hab ihn vielleicht nie im Leben
gesehen. Ich kann mich nicht erinnern, da ich es getan habe. Und da
sagte ich mir, ich brauchte doch nicht fr etwas zu leiden, was ich
nicht mit Willen getan habe. Aber bald sah ich ein, da es eine Tollheit
war, das Messer in den Sumpf zu werfen. Er trocknet doch im Sommer aus,
und da kann es ein jeder finden. Darum wollte ich es gestern Nacht und
heute Nacht suchen. -- Hast du gar nicht daran gedacht, zu gestehen?
-- Nein, gestern dachte ich nur, wie ich es geheimhalten knnte, und ich
versuchte zu tanzen und vergngt zu sein, damit mir niemand etwas
anmerkte. -- War es deine Absicht, vor den Traualtar zu treten, ohne
zu gestehen? Das ist eine groe Verantwortung. Sahst du nicht ein, da
du Hildur und ihre Familie mit in dein Elend ziehst, wenn man dich
entdeckt? -- Ich dachte, da ich sie am besten verschonte, wenn ich
nichts sagte.

Sie fuhren im Galopp den Weg entlang. Der Vater schien es jetzt sehr
eilig zu haben, ans Ziel zu kommen. Die ganze Zeit sprach er zu dem
Sohne. Er hatte ihm vorher in seinem ganzen Leben nicht so viele Worte
gesagt.

Ich wte gerne, wodurch du andrer Meinung geworden bist, sagte er. --
Weil Helga kam und mir Glck wnschte. Da brach etwas Hartes in mir.
Ich war so gerhrt ber sie. Ich war auch heute morgen ber Mutter und
ber Euch gerhrt, und ich wollte sprechen und sagen, da ich eure Liebe
nicht verdiene, aber das Harte war damals noch in mir und leistete
Widerstand. Aber als Helga kam, da war es aus und geschehen. Ich meinte,
sie mte mir eigentlich bse sein, weil ich doch schuld daran bin, da
sie von daheim fort mute.

Nun, denke ich, wirst du mit mir einig sein, da wir dies gleich den
Amtmann wissen lassen mssen, sagte der Vater. -- Ja, antwortete
Gudmund mit leiser Stimme. Ja gewi, fgte er gleich darauf lauter und
fester hinzu, ich will Hildur nicht in mein Unglck hineinziehen. Sie
wrde es mir nie verzeihen. -- Die lvkraleute halten ihre Ehre hoch,
sie wie andre, sagte der Vater, und das magst du wissen, Gudmund: als
ich heute morgen von daheim fortfuhr, da sagte ich mir, ich mu es dem
Amtmann erzhlen, wie es um dich steht, wenn du dich nicht
entschlieest, es selbst zu tun. Wie htte ich schweigend zusehen und
Hildur einen heiraten lassen knnen, dem jede Stunde eine Anklage wegen
Mordes droht.

Er klatschte mit der Peitsche und fuhr in immer rasenderem Galopp. Das
wird das Schwerste fr dich sein, sagte er. Wir mssen es so
einrichten, da es bald berstanden ist. Ich denke, der Amtmann und
seine Familie werden es recht von dir finden, da du dich selbst
angibst, und sie werden freundlich gegen dich sein.

Gudmund antwortete nichts. Er sah immer gequlter aus, je mehr sie sich
lvkra nherten. Der Vater sprach weiter, um ihm Mut zu machen.

Ich habe einmal eine hnliche Geschichte gehrt, sagte er. Ein
Brutigam hatte einen Kameraden auf der Jagd erschossen. Es war nicht
seine Absicht gewesen, und man hatte nicht entdeckt, da er es war, der
den tdlichen Schu abgefeuert hatte. Aber ein paar Tage spter sollte
er heiraten; und als er in das Hochzeitshaus kam, da ging er zur Braut
und sagte: >Aus der Hochzeit kann nichts werden. Ich will dich nicht in
das Elend hineinziehen, das mich erwartet.< Aber sie stand schon fertig
geschmckt da, in Krone und Schleier, und sie nahm ihn bei der Hand und
fhrte ihn in den Saal, wo die Gste versammelt waren und alles fr die
Trauung bereit war. Und sie erzhlte allen mit lauter Stimme, was ihr
der Brutigam eben gesagt hatte. >Dies erzhle ich, damit alle wissen,
da du nicht falsch gegen mich gewesen bist<, sagte sie dann und wendete
sich an den Brutigam. >Aber jetzt will ich mich gleich mit dir trauen
lassen. Denn du bleibst der, der du bist, wenn du auch ins Unglck
gekommen bist; und was dich auch erwartet, das will ich gemeinsam mit
dir tragen.<

Als der Vater mit seiner Erzhlung zu Ende war, waren sie gerade bei der
langen Gasse angelangt, die nach lvkra fhrte. Gudmund sagte mit einem
wehmtigen Lcheln zu ihm: So wird es uns nicht ergehen. -- Wer
wei, antwortete der Vater und richtete sich im Wagen auf. Er sah den
Sohn an und mute wieder staunen, wie schn der an diesem Tage war. Es
sollte mich nicht wundern, wenn ihm etwas Groes und Unerwartetes
widerfhre, dachte er.

Es sollte eine Kirchenhochzeit sein, und eine Menge Leute hatten sich
schon bei den Brauteltern versammelt, um im Hochzeitszuge mitzufahren.
Auch viele Verwandte des Amtmanns waren von weit und breit gekommen. Sie
saen in ihrem besten Staat auf dem Flur, bereit zur Fahrt in die
Kirche. Wagen und Kutschen standen im Hof, und man hrte, wie die Pferde
im Stalle stampften, whrend sie gestriegelt wurden. Der Dorfspielmann
sa allein auf der Treppe der Scheuer und stimmte die Fiedel. An einem
Fenster im oberen Stockwerk stand die Braut fertig angekleidet und hielt
Ausschau, um den Brutigam zu sehen, bevor der sie erspht htte.

Erland und Gudmund stiegen aus dem Wagen und sagten sogleich, da sie
mit Hildur und ihren Eltern allein sprechen mten. Bald standen sie
alle in einem kleinen Zimmer, wo der Amtmann sein Schreibpult hatte.

Ich denke, Herr Amtmann, Sie haben in den Zeitungen von jener
Schlgerei in der Stadt gelesen, bei der ein Mensch ermordet wurde, in
der Nacht vom Freitag auf Samstag, sagte Gudmund so rasch, als leiere
er eine Lektion herunter. -- Ja freilich habe ich davon gelesen, sagte
der Amtmann. -- Ich war nmlich in jener Nacht in der Stadt, fuhr
Gudmund fort.

Jetzt kam keine Antwort. -- Es wurde totenstill. Gudmund war es, als ob
alle ihn mit einem solchen Entsetzen anstarrten, da er nicht
weitersprechen konnte. Aber der Vater kam ihm zu Hilfe. -- Gudmund war
von ein paar Freunden eingeladen. -- Er hat in jener Nacht wohl zu viel
getrunken, denn als er heimkam, wute er gar nicht, was mit ihm
geschehen war. Aber man merkte es ihm an, da er bei einer Rauferei
gewesen war, denn seine Kleider waren zerrissen. Gudmund sah, wie das
Entsetzen, das die andern empfanden, mit jedem Worte zunahm, aber er
selbst wurde ruhiger. Ein Gefhl des Trotzes erwachte in ihm, und er
ergriff wieder das Wort: Als nun am Samstag abend die Zeitung kam und
ich von der Schlgerei las und von der Messerklinge, die in der
Hirnschale des Mannes stecken geblieben war, da zog ich mein Messer
hervor und sah, da eine Klinge fehlte. -- Das sind schlimme
Neuigkeiten, die du da bringst, Gudmund, sagte der Amtmann. Es wre
richtiger gewesen, wenn du uns das gestern gesagt httest. -- Gudmund
schwieg, und da kam ihm der Vater wieder zu Hilfe. -- Es war nicht so
leicht fr Gudmund. Die Versuchung, das Ganze zu verschweigen, war sehr
gro. Er verliert sehr viel durch dieses Gestndnis. -- Ja, wir mssen
noch froh sein, da er jetzt gesprochen hat, so da wir nicht in das
Elend hineingezogen werden, sagte der Amtmann bitter.

Gudmund hielt seine Augen die ganze Zeit auf Hildur gerichtet. Sie trug
Krone und Schleier; und nun sah er, wie sie die Hand hob und eine der
groen Nadeln herauszog, die die Krone festhielten. Sie schien dies ganz
unbewut getan zu haben. Als sie merkte, da Gudmunds Blicke auf ihr
ruhten, steckte sie die Nadel wieder hinein.

Es ist ja noch gar nicht bewiesen, da Gudmund der Schuldige ist,
sagte der Vater, aber ich begreife: Ihr wollt, da die Hochzeit
aufgeschoben wird, bis wir alles aufgeklrt haben. -- Es hat wohl
wenig Zweck, von Aufschub zu sprechen, sagte der Amtmann. Ich denke,
Gudmund ist seiner Sache recht sicher, und wir knnten uns wohl darber
einigen, da es zwischen ihm und Hildur ein fr allemal aus ist.

Gudmund antwortete nicht gleich. Er ging zu seiner Braut hinber und
streckte die Hand aus. Sie sa ganz regungslos da und schien ihn nicht
zu sehen. Willst du mir nicht Lebewohl sagen, Hildur? Jetzt sah sie
auf, und ihre groen Augen blitzten ihn kalt an. -- Hast du mit dieser
Hand das Messer gefhrt? fragte sie. Gudmund antwortete ihr keine
Silbe, sondern wendete sich an den Amtmann. -- Ja, jetzt bin ich meiner
Sache sicher, sagte er. Es hat gar keinen Zweck, die Hochzeit
aufzuschieben.

Damit war die Unterredung beendet, und Gudmund und Erland gingen ihrer
Wege. Sie hatten durch mehrere Stuben und Kammern zu gehen, ehe sie
hinauskamen, und berall sahen sie Vorbereitungen zur Hochzeit. Die Tr
nach der Kche stand offen, und sie sahen, wie eine Menge Menschen in
eiliger Geschftigkeit durcheinanderliefen. Der Duft von Braten und
Backwerk drang heraus, der ganze Herd war voll kleiner und groer Tpfe,
die Kupferkasserollen, die sonst die Wnde schmckten, waren
heruntergenommen und im Gebrauch. Ach, da sie alle diese Zurstungen
fr meine Hochzeit machen! dachte Gudmund, als er vorberging.

Er bekam Einblick in den ganzen Reichtum dieses alten Bauernhofes, wie
er so durch das Haus wanderte. Er sah den Esaal, wo groe Tische mit
langen Reihen von Silberbechern und Kannen gedeckt waren. Er kam durch
die Kleiderkammer, wo auf dem Boden groe Truhen standen und an den
Wnden Kleider in unendlicher Reihe hingen. Als er dann in den Hof
hinaustrat, sah er eine Menge alte und neue Wagen, prchtige Pferde
wurden aus dem Stall gefhrt und schne Wagendecken in die Kutschen
gelegt. Er sah ber ein paar Hfe, die von Scheunen, Stllen, Schuppen,
Vorratskammern und noch vielen andern Gebuden umgeben waren. Das alles
htte mein sein knnen, dachte er, als er sich in den Wagen setzte.

Mit einem Male kam bittre Reue ber ihn. Er wre am liebsten aus dem
Wagen gesprungen und hineingelaufen, um ihnen zu sagen, es sei alles
nicht wahr, was er erzhlt htte. Er htte ja nur mit ihnen spaen und
sie erschrecken wollen. Es war doch unerhrt tricht von ihm gewesen, zu
bekennen. Was ntzte es, da er gestanden hatte? Dadurch wurde die Sache
fr keinen Menschen besser. Der Tote war ja tot. Nein, dieses
Gestndnis hatte nichts andres zur Folge, als da auch er ins Verderben
gestrzt wurde.

In den letzten Wochen hatte er diese Heirat nicht mehr so eifrig
gewnscht; aber jetzt, da er darauf verzichten mute, fhlte er erst,
was sie wert war. Es bedeutete viel, Hildur Erikstochter und alles, was
an ihr hing, zu verlieren. Was hatte es zu sagen, da sie eigenwillig
und selbstherrlich war! Sie war doch die erste von allen in der
Umgegend, und durch sie wre er zu groer Macht und Ehre gekommen.

Er trauerte jetzt nicht nur um Hildur und ihr Hab und Gut, sondern auch
um kleinere Dinge. In diesem Augenblick wre er zur Kirche gefahren, und
alle, die ihn gesehen, htten ihn beneidet. Und heute htte er zu oberst
an der Hochzeitstafel gesessen. Heute wre er mitten in Tanz und
Frhlichkeit gewesen. Es war sein groer Glckstag, der ihm nun entging.

Erland drehte den Kopf ein Mal ums andre dem Sohne zu und sah ihn an. Er
war jetzt nicht so schn und verklrt, wie er am Morgen gewesen war,
sondern sa stumpf und schwerfllig da mit erloschenem Blick. Der Vater
htte wohl gerne gewut, ob der Sohn sein Gestndnis bereue, und er
wollte ihn danach fragen, hielt es aber doch fr richtiger, zu
schweigen.

Wohin wollen wir jetzt fahren? fragte Gudmund nach einer Weile. --
Wre es nicht das beste, gleich zu Gericht zu gehen? -- Du mut
zuerst nach Hause, damit du ruhen und dich ausschlafen kannst, sagte
der Vater. Du hast in den letzten Nchten wohl nicht viel Schlaf
gefunden. -- Mutter wird erschrecken, wenn sie uns sieht. -- Sie
wird nicht so erstaunt sein, sagte der Vater, sie wei ebenso viel wie
ich. Sie wird sich freuen, da du gestanden hast. -- Ich glaube,
Mutter und ihr alle miteinander daheim seid froh, mich ins Gefngnis zu
bringen, sagte Gudmund bitter. -- Wir wissen, da du viel verlierst,
weil du recht gehandelt hast, sagte der Vater, wir knnen nicht
anders: wir mssen uns freuen, da du dich selbst berwunden hast.

Gudmund glaubte es nicht ertragen zu knnen, nach Hause zu fahren und
allen den Leuten zuzuhren, die ihn rhmen wrden, weil er seine Zukunft
vernichtet hatte. Er suchte einen Vorwand, um niemand treffen zu mssen,
bevor er sich mehr Ruhe erkmpft htte. Nun fuhren sie an der Stelle
vorber, wo der Pfad zum Moorhof abbog. Wollt Ihr hier halten, Vater?
Ich denke, ich gehe zu Helga hinauf und spreche mit ihr. --

Der Vater hielt bereitwillig das Pferd an. Komm nur, sobald du kannst,
nach Hause, damit du dich ausruhst, sagte er.

Gudmund schlug den Weg in den Wald ein und war bald zwischen den Bumen
verschwunden. Er dachte nicht daran, Helga aufzusuchen. Er war nur froh,
allein zu sein, so da er sich keinen Zwang aufzuerlegen brauchte. Er
fhlte eine unvernnftige Wut gegen alles, er stie Steine fort, die ihm
im Wege lagen, und blieb zuweilen stehen, um einen groen Ast
abzubrechen, nur weil ein Blatt sein Gesicht gestreift hatte. Er schlug
den Weg zum Moorhof ein, ging aber an der Htte vorbei und kletterte den
Berg hinauf. Hier wurde es ihm bald schwer, weiter zu kommen. Er hatte
den Pfad verlassen; und um den nchsten Gipfel zu erreichen, mute er
ber ein breites Flubett voll kantiger Felsblcke gehen. Es war eine
gefhrliche Wanderung ber die scharfen Felskanten, und er konnte sich
Arme und Beine brechen, wenn er einen Fehltritt machte. Das wute er
sehr wohl, aber er ging doch weiter, als mache es ihm Freude, sich einer
Gefahr auszusetzen. Und wenn ich mich zuschanden falle, so findet mich
hier oben niemand, dachte er. Aber was tut das? Ich kann ebensogut
hier liegen und sterben wie jahrelang hinter Gefngnismauern sitzen.

Doch alles ging gut ab, und ein paar Minuten spter stand er auf der
Hhe. ber den Berg war einmal ein Waldbrand hingegangen. Die oberste
Spitze war noch kahl, und von dort hatte man eine meilenweite Aussicht.
Er sah Tler und Seen, dunkle Wlder und fruchtbare cker, Kirchen und
Herrenhfe, kleine Bauernhtten und groe Drfer. Weit in der Ferne lag
die Stadt, in einen weien Schleier von Sonnenrauch gehllt, aus dem ein
paar funkelnde Trme aufragten. Durch die Tler schlngelten sich Wege,
und ein Eisenbahnzug rollte am Waldessaume vorbei. Es war ein ganzes
Reich, was er da sah.

Er warf sich zu Boden, hielt aber den Blick noch immer auf die weite
Fernsicht geheftet. Es war etwas Stolzes und Groes in dieser Landschaft
vor ihm, und er empfand sich selbst und seine Sorgen als klein und
unbedeutend.

Ihm kam eine Erinnerung aus seiner Kindheit. Wenn er damals gelesen
hatte, da der Versucher Jesus auf einen hohen Berg gefhrt und ihm alle
Herrlichkeit der Welt gezeigt htte, so war er immer der Meinung
gewesen, die beiden mten hier oben auf dem Gipfel gestanden haben ...
Und er sprach die alten Worte vor sich hin: Dies alles will ich dir
geben, wenn du niederfllst und mich anbetest.

Da kam es ihm pltzlich vor, als sei ihm selbst in diesen letzten Tagen
eine solche Versuchung entgegengetreten. Wahrlich, hatte ihn nicht der
Versucher auf einen hohen Berg gefhrt und ihm alle Herrlichkeit der
Macht und des Reichtums gezeigt? Verschweige nur das Bse, das du getan
hast, sagte er, und ich will dir dies alles geben. Wie Gudmund daran
dachte, kam ein klein wenig Befriedigung ber ihn. Ich habe ja nein
geantwortet, sagte er; und pltzlich begriff er, worum es sich fr ihn
gehandelt hatte. Wenn er geschwiegen htte, wre er dann nicht all sein
Lebtag verurteilt gewesen, den Versucher anzubeten? Ein scheuer,
mutloser Mann wre er geworden, ein Sklave von Hab und Gut. Die Furcht
vor der Entdeckung htte stets auf ihm gelastet. Nie mehr htte er sich
als ein freier Mann fhlen knnen.

Eine groe Ruhe kam ber Gudmund. Er wurde ganz glcklich, weil er
einsah, da er recht gehandelt hatte. Wenn er an die vergangenen Tage
zurckdachte, schien es ihm, da er in einer groen Dunkelheit getappt
htte. Es war wunderbar, da er sich zuletzt doch zurechtgefunden hatte.
Er fragte sich selbst, wie es zugegangen sei, da er nicht in die Irre
gegangen war. Ich danke es dem, da sie daheim alle so gut gegen mich
waren, dachte er, und die beste Hilfe war doch, da Helga kam und mir
Glck wnschte.

Er blieb noch eine Weile oben auf dem Gipfel liegen, aber bald sagte er
sich, er msse zu Vater und Mutter heimgehen und ihnen sagen, da er den
Frieden mit sich selbst gefunden htte. Als er nun aufstand, um zu
gehen, bemerkte er, da ein Stck weiter unten Helga auf einem
Felsenvorsprung sa.

Sie hatte dort nicht die groe weite Aussicht -- nur ein kleines
Stckchen des Tales war fr sie sichtbar. Es war die Gegend, wo Nrlunda
lag, und sie sah vermutlich ein Stck des Hofes. Als Gudmund sie
erblickte, fhlte er, wie sein Herz, das den ganzen Tag mhsam und
ngstlich gearbeitet hatte, leicht und frhlich zu klopfen begann, und
zu gleicher Zeit durchzuckte ihn ein so starkes Glcksgefhl, da er
stehen blieb und ber sich selbst staunte.

Was ist mir denn? Was ist das? Was ist das? dachte er, whrend das
Blut durch seinen Krper strmte und das Glck ihn mit solcher Macht
packte, da er es beinahe schmerzhaft empfand. Endlich sagte er mit
erstaunter Stimme zu sich selbst: Aber ich hab ja sie lieb! Nein, da
ich das bisher gar nicht wute!

Es packte ihn mit der Strke eines befreiten Wasserfalls. Er war die
ganze Zeit, solange er sie kannte, gebunden gewesen. Alles, was ihn zu
ihr hinzog, hatte er zurckgedrngt. Jetzt erst war er frei von dem
Gedanken, eine andre zu heiraten, hatte er die Freiheit, sie zu lieben.

Helga! rief er und begann zugleich den Abhang zu ihr
hinunterzuklettern. Sie wendete sich mit einem erschrockenen Aufschrei
um. Hab keine Angst! Ich bin es nur. -- Aber bist du denn nicht in
der Kirche und wirst getraut? -- Ach nein, aus der Hochzeit wird
nichts. Sie will mich nicht haben, Helga.

Helga richtete sich auf. Sie prete die Hand aufs Herz und schlo die
Augen. Sie dachte in diesem Augenblick wohl, da es nicht Gudmund sei,
der da kam. Ihre Augen und Ohren mten hier im Walde verhext worden
sein. Aber schn und herrlich war es doch, da er sich zeigte, wenn auch
nur als Traumerscheinung; und sie schlo die Augen und blieb regungslos
stehen, um das Trugbild noch ein paar Augenblicke festzuhalten.

Aber Gudmund war wild und toll von der groen Liebe, die in ihm
aufgelodert war. Sobald er zu Helga heruntergekommen war, schlang er die
Arme um sie und kte sie, und sie lie es geschehen; denn sie war ganz
betubt und benommen vor berraschung. Es war ja zu wunderbar, da er,
der gerade jetzt in der Kirche stehen sollte, zur Seite seiner Braut,
wirklich hierher in den Wald gekommen war. Dieser Geist oder
Doppelgnger von ihm, der zu ihr gekommen war, mochte sie immerhin
kssen.

Aber in dem Augenblick, da Gudmund Helga kte, wachte sie auf und stie
ihn von sich. Und nun begann sie ihn mit Fragen zu berschtten. Ob er
es wirklich selbst sei? Was er im Walde zu tun htte? Ob ein Unglck
geschehen? Warum man die Hochzeit aufgeschoben htte? Ob Hildur krank
sei? Ob den Pfarrer in der Kirche der Schlag gerhrt htte?

Gudmund wollte mit ihr von nichts anderm auf der Welt sprechen als von
seiner Liebe; aber sie zwang ihn, zu erzhlen, wie alles zugegangen war.
Whrend er sprach, sa sie still da und hrte mit tiefer Andacht zu.

Sie unterbrach ihn nicht, bis er von der abgebrochnen Klinge erzhlte.
Da fuhr sie auf und fragte, ob es sein gewhnliches Messer sei, das er
gehabt htte, als sie noch auf Nrlunda diente.

Ja, gerade das war es, sagte er. -- Wieviel Klingen waren denn
abgebrochen? fragte sie. -- Nicht mehr als eine.

In Helgas Kopf begann es zu arbeiten. Sie sa mit gerunzelter Stirn da
und suchte sich an etwas zu erinnern. Wie war es doch? Ja gewi. Sie
entsann sich deutlich, da sie sich dieses Messer an dem Tage, bevor sie
fortging, von ihm ausgeliehen hatte, um Holz zu spalten; dabei hatte sie
es zerbrochen, aber sie war nicht dazu gekommen, es ihm zu sagen. Er
war ihr damals immer ausgewichen und hatte nicht mit ihr sprechen
wollen. Und nun hatte er das Messer wohl seitdem in der Tasche gehabt
und gar nicht bemerkt, da es zerbrochen war.

Sie hob den Kopf und wollte ihm dies eben sagen; doch er erzhlte weiter
von seinem Besuch heute morgen im Hochzeitshaus, und sie wollte ihn zu
Ende kommen lassen. Als sie hrte, wie er von Hildur geschieden war,
erschien ihr dies als ein so furchtbares Unglck, da sie ihn mit
Vorwrfen berhufte. Das ist deine eigne Schuld, sagte sie. Da kommt
ihr, du und dein Vater, angefahren und erschreckt sie zu Tode mit der
furchtbaren Botschaft. So htte sie nicht geantwortet, wenn sie bei
Sinnen gewesen wre. Ich will dir eines sagen: ich glaube, sie bereut es
schon in diesem Augenblick. -- Meinethalben mag sie bereuen, soviel
sie will, sagte Gudmund. Ich wei jetzt, da sie eine ist, die immer
nur an sich selbst denkt. Ich bin froh, da ich sie los bin.

Helga prete die Lippen aufeinander, damit ihr das groe Geheimnis nicht
entschlpfe. Sie hatte viel zu denken. Es handelte sich nicht nur darum,
Gudmund von dem Morde reinzuwaschen. Es herrschte ja auch Feindschaft
zwischen Gudmund und seiner Braut. Knnte sie nicht versuchen, die
beiden mit Hilfe dessen, was sie wute, zu vershnen?

Wieder sa sie stumm da und grbelte, bis Gudmund davon zu sprechen
begann, da er seinen Sinn jetzt ihr zugewandt htte.

Aber das erschien ihr als das grte Unglck, das ihm an diesem Tage
widerfahren war. Schlimm war es schon, da die vorteilhafte Heirat zu
scheitern drohte, noch schlimmer aber, da er um eine wie sie werben
wollte. Nein, so etwas darfst du mir nicht sagen, rief sie und sprang
pltzlich auf. -- Warum soll ich es dir nicht sagen? fragte Gudmund und
erblate. Ist es mit dir vielleicht gerade so wie mit Hildur? Hast du
Angst vor mir? -- Nein, nicht deshalb. Sie wollte ihm erklren, da
er in sein eigenes Verderben renne, aber er hrte ihr gar nicht zu. --
Ich habe gehrt, da es frher einmal Frauen gab, die den Mnnern zur
Seite standen, wenn sie in Not kamen; aber heute trifft man solche
Frauen nicht mehr. Helga erzitterte. Sie htte die Arme um seinen Hals
schlingen wollen, aber sie verhielt sich still. Heute mute sie
vernnftig sein. -- Es ist ja wahr, ich htte dich nicht an demselben
Tage, wo ich ins Gefngnis soll, bitten drfen, mein Weib zu werden.
Aber der Gedanke, da du auf mich warten wrdest, bis ich wieder frei
wre, htte mich all das Schwere mit leichtem Mut erdulden lassen.
-- Ich bin es nicht, die auf dich warten soll, Gudmund. -- Alle
Menschen werden mich jetzt als einen Missetter betrachten, als einen,
der sich besuft und mordet. Ach wenn es nur eine gbe, die mich mit
Liebe ansehen knnte! Das wrde mich besser aufrechterhalten als alles
andre. -- Du weit, da ich nie etwas andres als Gutes von dir denken
werde, Gudmund.

Helga war sehr still. Gudmunds Bitten wurden fast zu viel fr sie. Sie
wute gar nicht, wie sie ihm entkommen sollte. Aber Gudmund verstand
nichts, sondern begann zu glauben, da er sich geirrt habe. Sie knnte
nicht dasselbe fr ihn empfinden wie er fr sie. Er kam ganz dicht an
sie heran und sah sie an, als wollte er mitten durch sie hindurchsehen.
Sitzest du nicht gerade auf diesem Felsen hier, um nach Nrlunda
hinunterzusehen? -- Ja, das tu ich. -- Sehnst du dich nicht Tag und
Nacht hin? -- Ja. Aber ich sehne mich nicht nach einem Menschen.
-- Und mich magst du gar nicht? -- O ja, aber ich will dich nicht
heiraten. -- Wen hast du denn gern? -- Helga schwieg. -- Per
Martensson? -- Ja, ihm hab ich gesagt, da ich ihn gern habe, sagte
sie und war ganz zermartert.

Gudmund blieb ein Weilchen stehen und sah sie mit ergrimmtem Gesicht an.
Dann also lebewohl! Jetzt gehen wir getrennte Wege, du und ich, sagte
er, und damit machte er einen gewaltigen Sprung von dem Stein zum
nchsten Felsabsatz und verschwand unter den Bumen.


6

Kaum war Gudmund verschwunden, als Helga auf einem andern Wege den Berg
hinuntereilte. Sie lief am Moorhof vorbei, ohne stehen zu bleiben und
eilte dann, so rasch sie konnte, ber die Waldhgel hinunter auf den
Weg. Im ersten Bauernhof, den sie erreichte, bat sie die Inwohner, ihr
Pferd und Fuhrwerk zu leihen, damit sie nach lvkra fahren knnte. Sie
sagte, es glte das Leben, da sie hinkme, und versprach, dafr zu
zahlen. Die Dorfleute waren schon heimgekommen und hatten von der
unterbliebenen Hochzeit erzhlt. Alle waren sehr bewegt und mitleidig,
und man wollte Helga die Hilfe nicht verweigern, da sie eine wichtige
Botschaft fr die Leute auf lvkra zu haben schien.

In lvkra sa Hildur Erikstochter in einer kleinen Kammer im oberen
Stockwerk, wo sie ihr Brautkleid abgelegt hatte. Die Mutter und ein paar
andre Buerinnen waren um sie. Hildur weinte nicht, aber sie war
ungewhnlich still und bla; es sah aus, als wrde sie jeden Augenblick
krank hinsinken. Die Frauen sprachen die ganze Zeit von Gudmund. Alle
tadelten ihn und schienen es als ein Glck fr Hildur anzusehen, da sie
von ihm befreit war. Einige meinten, Gudmund habe wenig Rcksicht auf
die Schwiegereltern gezeigt. Er htte ihnen schon am Pfingsttage sagen
mssen, wie es um ihn stand. Andre sagten, wem ein so groes Glck
bevorstnde, der mte besser auf sich achten. Und einige
beglckwnschten Hildur, da sie dem Schicksal entging, einen zu
heiraten, der sich so sinnlos betrinken konnte, da er nicht mehr wute,
was er tat.

Mitten unter diesen Reden schien Hildur ungeduldig zu werden; sie stand
auf, um das Zimmer zu verlassen. Sowie sie zur Tr hinaus war, kam ihre
beste Freundin, ein junges Bauernmdchen, und flsterte ihr zu: Unten
ist jemand, der mit dir sprechen will. -- Ist es Gudmund? fragte
Hildur, und ein Strahl des Lebens leuchtete in ihren Augen auf. -- Nein,
aber, ich glaube, eine Botschaft von ihm. Sie will, was sie auszurichten
hat, keinem als nur dir selbst sagen. Nun hatte Hildur den ganzen Tag
dagesessen und gedacht, da jemand kommen msse, der diesem Elend ein
Ende machte. Sie konnte es gar nicht begreifen, da ein so schreckliches
Unglck sie treffen sollte. Sie meinte, es msse etwas geschehen, das es
ihr mglich machte, Krone und Kranz wieder aufzusetzen, mit dem
Hochzeitszug zur Kirche zu fahren und getraut zu werden. Als sie nun von
einer Botschaft Gudmunds hrte, wurde sie ganz eifrig und lief eilends
zu Helga hinaus, die vor der Kchentr stand und auf sie wartete.

Hildur wunderte sich wohl, da Gudmund Helga zu ihr schickte, aber sie
dachte, er htte vielleicht heute am Feiertag keine andre Botin
gefunden, und begrte sie freundlich.

Sie winkte Helga, ihr in die Milchkammer zu folgen, die drben auf der
andern Lngsseite des Hofes lag. Ich wei keinen andern Ort, wo wir
allein sprechen knnen, sagte sie. Wir haben noch das ganze Haus voll
Leute.

Sobald sie drinnen waren, trat Helga dicht an Hildur heran und sah ihr
ins Gesicht. Bevor ich etwas sage, mu ich erst wissen, ob du Gudmund
lieb hast, Hildur. Hildur zuckte vor Emprung zusammen. Es war ihr
eine Qual, mit Helga auch nur ein einziges Wort wechseln zu mssen, und
sie hatte wahrlich keine Lust, sie zu ihrer Vertrauten zu machen. Aber
nun war die Not am hchsten, und so zwang sie sich, zu antworten:
Warum, glaubst du, htte ich ihn sonst heiraten wollen? -- Ich meine,
ob du ihn noch lieb hast, Hildur? -- Hildur wurde wie zu Stein, aber
unter dem forschenden Blick der andern konnte sie nicht lgen. --
Vielleicht habe ich ihn noch nie so lieb gehabt wie heute, sagte sie,
jedoch so leise, da man glauben konnte, es tte ihr weh, die Worte
auszusprechen.

Dann komm gleich mit mir, sagte Helga. Ich habe drunten auf der
Strae einen Wagen stehen. Du brauchst dich nur fertig zu machen, dann
knnen wir gleich nach Nrlunda fahren. -- Wozu soll es gut sein, da
ich hinfahre? fragte Hildur. -- Du mut hinfahren und sagen, da du
Gudmund angehren willst, Hildur, was er auch getan haben mag, und da
du treu auf ihn warten wirst, whrend er im Gefngnis sitzt. -- Warum
soll ich das sagen? -- Damit alles zwischen euch wieder gut wird.
-- Aber das ist ja unmglich. Ich will doch keinen heiraten, der im
Gefngnis gesessen hat.

Helga prallte ein paar Schritte zurck, so als wre sie an eine Mauer
gestoen. Aber sie fate rasch wieder Mut. Sie konnte ja begreifen, da,
wer mchtig und reich war wie Hildur, so denken mute. Ich wre nicht
hierher gekommen und htte dich nicht gebeten, nach Nrlunda zu fahren,
wenn ich nicht wte, da Gudmund unschuldig ist, sagte sie. Jetzt war
es Hildur, die einen Schritt von Helga forttrat. -- Weit du das, oder
ist es nur etwas, was du glaubst? -- Es wre besser, wenn wir uns
gleich in den Wagen setzten, dann knnte ich es dir unterwegs erzhlen,
Hildur. -- Nein, erst mut du mir alles sagen. Ich mu wissen, was ich
tue. Helga war so voll brennenden Eifers, da sie kaum stillstehen
konnte, aber sie mute sich doch bequemen, Hildur zu erzhlen, woher sie
wte, da nicht Gudmund der Tter sei. Hast du das Gudmund nicht
gleich gesagt? -- Nein, ich sage es jetzt dir, Hildur. Kein andrer
wei es. -- Und warum kommst du mit dieser Nachricht zu mir? --
Damit es zwischen euch wieder gut werde. Auch er wird wohl bald
erfahren, da er nichts Bses getan hat, aber ich will, da du wie von
selbst zu ihm kommst, Hildur, und es gut machst. -- Ich soll nicht
sagen, da ich von seiner Schuldlosigkeit wei? -- Du sollst ganz von
selbst kommen, Hildur, und ihm nie verraten, da ich mit dir gesprochen
habe. Sonst verzeiht er dir nie, was du ihm heute morgen gesagt hast.

Hildur hrte schweigend zu. Es lag etwas in diesen Worten, was ihr noch
nie im Leben begegnet war, und sie war bemht, es sich klarzumachen.
Weit du, da ich es war, die verlangte, da du aus Nrlunda
fortkommst? -- Ich wei wohl, da es nicht die Leute auf Nrlunda
waren, die mich forthaben wollten. -- Ich kann gar nicht verstehen,
da du heute zu mir kommst und mir helfen willst. -- Wenn du jetzt nur
mitkommst, Hildur, so kann alles gut werden! Aber Hildur sah Helga an,
noch immer in dieselben Grbeleien versunken. -- Vielleicht hat Gudmund
dich lieb, warf sie hin. Aber nun ri Helga die Geduld. -- Was htte
er denn an mir! sagte sie heftig, du weit doch, Hildur, da ich
nichts andres bin als eine arme Huslerdirne, und das ist noch nicht
einmal das Allerschlimmste.

Die beiden jungen Mdchen schlichen sich unbemerkt aus dem Haus und
saen bald im Wagen. Helga kutschierte, und sie schonte das Pferd nicht,
sondern lie es rasch traben. Sie waren beide stumm. Hildur sa da und
sah Helga an. Es war, als knnte sie sich nicht genug ber sie wundern,
und als dchte sie mehr an sie als an irgend etwas andres.

Als sie in die Nhe des Hofes kamen, bergab Helga Hildur die Zgel.
Jetzt sollst du allein hinfahren, Hildur, und mit Gudmund sprechen. Ich
komme in einer Weile nach und erzhle die Geschichte mit dem Messer.
Aber du darfst Gudmund kein Wort davon sagen, Hildur, da ich dich
geholt habe.

Gudmund sa in der Wohnstube auf Nrlunda neben Mutter Ingeborg und
sprach mit ihr. Der Vater sa etwas abseits und rauchte. Er sah
zufrieden aus und sagte kein Wort. Man merkte, er war der Meinung,
jetzt gehe alles, wie es sollte, so da er nicht einzugreifen brauchte.

Ich wte wohl gerne, Mutter, was Ihr gesagt haben wrdet, wenn Ihr
Helga als Schwiegertochter bekommen httet, sagte Gudmund. Mutter
Ingeborg hob den Kopf und antwortete mit fester Stimme: Ich werde jede
Schwiegertochter mit Freuden aufnehmen, wenn ich nur wei, da sie dich
so lieb hat, wie eine Frau ihren Mann lieb haben soll.

Kaum war dies gesagt, als sie Hildur Erikstochter in den Hof einfahren
sahen. Sie kam gleich darauf ins Haus und war ganz anders als sonst. Sie
trat nicht in ihrer gewohnten zuversichtlichen Art in das Zimmer,
sondern es sah fast aus, als wolle sie unten an der Tr stehen bleiben
wie ein armes Bettelmdchen.

Sie kam jedoch heran und gab Mutter Ingeborg und Erland die Hand. Dann
wendete sie sich an Gudmund. Mit dir will ich ein paar Worte sprechen.
Gudmund stand auf, und sie gingen in die Kammer. Er stellte Hildur einen
Stuhl hin, aber sie setzte sich nicht. Sie war ganz rot vor
Verlegenheit, und die Worte kamen langsam und scheu ber ihre Lippen:
Ich war wohl -- -- ja, es war vielleicht zu hart, was ich heute morgen
sagte. -- Ach, wir haben dich damit so pltzlich berfallen, sagte
Gudmund. Sie wurde noch rter und beschmter. Ich htte es mir besser
berlegen sollen. Wir knnten -- es sollte doch -- --  -- Es ist schon
am besten, wie es ist, Hildur. Darber ist nichts mehr zu reden; aber
es ist schn, da du gekommen bist.

Sie schlug die Hnde vors Gesicht, holte sehr tief Atem, da es klang
wie ein Schluchzen, hob dann aber den Kopf wieder. Nein, sagte sie.
Es geht nicht. Ich will nicht, da du mich fr besser hltst, als ich
bin. Jemand kam zu mir und sagte, da du unschuldig bist, und riet mir,
hierher zu eilen und alles wieder gutzumachen. Und ich sollte nicht
sagen, da ich schon wei, da du unschuldig bist. Denn dann wrdest du
nicht so viel daran finden, da ich komme. Jetzt sage ich dir: ich
wnschte, ich wre selbst auf den Gedanken gekommen. Doch so war es
nicht. Aber ich habe mich den ganzen Tag nach dir gesehnt und gewnscht,
da es wieder gut zwischen uns werden knnte. Und wie es auch kommen
mag: eins will ich dir sagen, ich freue mich, da du unschuldig bist.

Wer hat dir denn diesen Rat gegeben, Hildur? fragte Gudmund. -- Das
darf ich nicht sagen. -- Ich wundere mich, da es jemand wei. Vater
kommt eben jetzt vom Brgermeister. Er hat in die Stadt telegraphiert.
Und es ist die Antwort gekommen, da der wahre Tter schon gefunden
ist.

Als Gudmund dies sagte, fhlte Hildur, wie die Beine unter ihr
zitterten, und sie setzte sich rasch nieder. Es wurde ihr ganz angst,
weil Gudmund so ruhig und freundlich war, und sie begann zu verstehen,
da er ganz auerhalb ihrer Macht war. Ich sehe schon, du kannst es
nicht vergessen, Gudmund, wie ich heute vormittag gewesen bin. -- O
doch, das kann ich dir schon verzeihen, Hildur, sagte er in demselben
ruhigen Ton. Davon wollen wir nie mehr sprechen.

Sie erzitterte, schlug die Augen nieder und sa da, als wartete sie auf
etwas. Es ist nur ein groes Glck, Hildur, sagte er und kam heran und
ergriff ihre Hand, da es zwischen uns aus ist. Denn heute ist es mir
klar geworden, da ich eine andre lieb habe. Ich glaube, ich hatte sie
schon lange lieb, aber ich wei es erst seit heute. -- Wer ist die,
die du lieb hast, Gudmund, kam es tonlos von Hildurs Lippen. -- Das
kommt ja auf eins heraus. Ich werde sie nicht heiraten, denn sie hat
mich nicht lieb. Aber eine andre kann ich nicht nehmen.

Hildur hob den Kopf. Es war nicht leicht, zu sagen, was in ihr vorging.
Aber sie fhlte in diesem Augenblick, da sie, die Grobauerntochter,
mit all ihrem Reiz und allem ihrem Hab und Gut nichts fr Gudmund
bedeutete. Und sie war stolz und wollte nicht von ihm scheiden, ohne ihm
zu zeigen, da sie ihren Wert in sich hatte, abgesehen von allem
uerlichen.

Ich will, Gudmund, da du mir sagst, ob es Helga vom Moorhof ist, die
du gern hast.

Gudmund stand schweigend da. Denn wenn es Helga ist, dann wei ich, da
sie dich lieb hat. Sie kam zu mir und lehrte mich, was ich tun sollte,
damit es zwischen uns wieder gut wrde. Sie wute, da du unschuldig
bist, aber sie sagte es nicht dir, sondern lie es mich zuerst wissen.
-- Gudmund sah ihr fest in die Augen. Findest du darin ein Zeichen, da
sie eine groe Liebe fr mich hat? -- Dessen kannst du sicher sein,
Gudmund. Das kann ich bezeugen. Niemand in der Welt kann dich lieber
haben als sie. Er ging hastig durch das Zimmer. Dann blieb er vor Hildur
stehen. Aber du? Warum sagst du mir das? -- Ich will Helga an Edelmut
nicht nachstehen. -- Ach, Hildur, Hildur! sagte er, legte die Hand auf
die Schultern und schttelte sie, um seiner Rhrung Luft zu machen. Du
weit nicht, nein, du weit nicht, wie gut ich dir in diesem Augenblick
bin. Du weit nicht, wie glcklich du mich gemacht hast -- -- --

       *       *       *       *       *

Helga sa am Wegrand und wartete. Sie sa da, das Kinn in die Hand
gesttzt und sah zu Boden. Sie sah Gudmund und Hildur vor sich und
dachte, wie glcklich sie jetzt sein mten.

Whrend sie so dasa, kam ein Knecht aus Nrlunda vorber. Als er sie
sah, blieb er stehen. Du hast doch von Gudmund gehrt, Helga? -- Ja,
das hatte sie. -- Die ganze Geschichte ist ja gar nicht wahr. Der
richtige Tter ist schon verhaftet. -- Ich wute, da es nicht wahr
sein konnte, sagte Helga.

Dann ging der Mann, aber Helga blieb am Wegrand sitzen wie zuvor. Ja so,
drben wuten sie es schon. Sie brauchte gar nicht nach Nrlunda zu
gehen, um es zu erzhlen.

Sie fhlte sich so wunderlich ausgeschlossen. Vorhin erst war sie so
eifrig gewesen. Sie hatte gar nicht an sich selbst gedacht, nur daran,
da Gudmunds und Hildurs Hochzeit zustande kommen msse. Aber jetzt erst
stand es ihr vor Augen, wie einsam sie war. Und es war schwer, fr die,
die man lieb hatte, nichts sein zu drfen. Jetzt brauchte Gudmund sie
nicht, und ihr eigenes Kind hatte ihre Mutter zu dem ihren gemacht. Sie
gnnte ihr kaum, da sie es ansah.

Sie dachte daran, da sie aufstehen und nach Hause gehen msse. Aber die
Hgel erschienen ihr so steil und schwer zu ersteigen. Sie wute gar
nicht, wie sie hinaufkommen solle.

Da kam ein Wagen aus Nrlunda. Hildur und Gudmund saen darin. Jetzt
fhren sie wohl nach lvkra, um zu sagen, da sie sich ausgeshnt
htten. Und morgen fnde dann die Hochzeit statt.

Als sie Helga erblickten, hielten sie an. Gudmund gab Hildur die Zgel
und sprang heraus. Hildur nickte Helga zu und fuhr weiter.

Gudmund blieb auf dem Wege vor Helga stehen. Ich bin froh, da du hier
sitzest, Helga, sagte er. Ich glaubte, ich mte nach dem Moorhof
hinaufgehen, um dich zu treffen.

Er sagte dies heftig, beinahe hart, und dabei hielt er ihre Hand fest
umklammert, und sie sah es seinen Augen an, da er jetzt wute, wie es
um sie stand. Jetzt konnte sie ihm nicht mehr entfliehen.




Gottesfriede


Es war einmal ein alter Bauernhof, und es war ein Weihnachtsabend mit
grauem Himmel, wie vor einem groen Schneefall, und mit scharfem
Nordwind. Am Nachmittag war es, gerade um die Zeit, wo alle Leute es
eilig hatten, ihre Arbeit zu Ende zu bringen, damit sie dann in der
Badehtte baden konnten. Dort drinnen feuerte man so heftig ein, da die
Flammen zum Schornstein hinausschlugen und eine Menge Funken und
Ruflocken mit dem Winde flogen und auf die schneebedeckten
Schindeldcher niederfielen.

Wie die Flamme so aus dem Schornstein der Badehtte aufstieg und sich
gleich einer Feuersule ber den Bauernhof erhob, begannen alle zu
spren, da Weihnachten vor der Tr stand. Die Magd, die im Hausflur lag
und scheuerte, fing leise zu singen an obgleich das Scheuerwasser in dem
Kbel neben ihr zu Eis gefror, die Knechte, die im Schuppen standen und
das Weihnachtsholz hackten, begannen zwei Scheite auf einmal zu spalten
und schwangen die Axt so lustig, als wre die Arbeit nur ein Spiel.

Aus dem Speicher kam eine alte Frau mit einem groen Haufen runder
Bierwrzenbrote auf dem Arm. Sie ging langsam ber den Hof in das groe
rotgestrichne Wohnhaus und trat vorsichtig in die Wohnstube, wo sie die
Brote auf die lange Bank niederlegte. Dann breitete sie ein Tuch auf den
Tisch und legte das Brot in Hufchen, in jedes ein groes und ein
kleines. Sie war eine seltsam hliche alte Frau, mit rtlichem Haar,
schweren, schlaffen Augenlidern und einem eignen so strammen Zug um Mund
und Kinn, als wren die Halssehnen zu kurz. Aber nun am Weihnachtsabend
war eine solche Freude und ein solcher Friede ber ihr, da man gar
nicht sehen konnte, wie hlich sie war.

Einen Menschen aber gab es auf dem Hof, der nicht vergngt war, und das
war das Mdchen, welches die Birkenruten band, die beim Baden bentzt
werden sollten. Sie sa am Herd, einen ganzen Arm voll feiner
Birkenreiser vor sich auf dem Boden, und band; doch hatte sie keine
haltbaren Gerten, um die Zweige zusammenzubinden. Die Wohnstube hatte
ein breites, niedriges Fenster mit kleinen Scheiben, und durch diese
fiel der Schein aus der Badehtte ins Zimmer, spielte auf dem Fuboden
und vergoldete das Birkenreisig. Aber je lustiger das Feuer brannte,
desto unglcklicher wurde das Mdchen. Sie wute, da die Rutenbschel
auseinanderfallen mten, sobald man sie nur anrhrte, und da sie darum
Spott und Schmach erleiden wrde, zum mindesten so lange, bis ein neues
Weihnachtsfeuer in diesem Schornstein flammte.

Wie sie so dasa und sich unglcklich fhlte, trat der Mann in die
Stube, vor dem sie die allergrte Angst hatte. Es war der Hausvater
Ingmar Ingmarson in eigner Person. Sicherlich war er in der Badehtte
gewesen, um sich zu vergewissern, da der Ofen hei genug wrde; und nun
wollte er sehen, wie es mit den Rutenbscheln stnde. Er war alt, Ingmar
Ingmarson, und er hielt auf alles, was alt war. Und gerade weil die
Leute es jetzt aufzugeben begannen, in der Badehtte zu baden und sich
mit Birkenreisern peitschen zu lassen, legte er groes Gewicht darauf,
da es auf seinem Hof geschehe, und ordentlich geschehe.

Ingmar Ingmarson trug einen alten Schafpelz und Lederhosen und
Pechdrahtstiefel. Er war schmutzig und unbarbiert und kam in seiner
bedchtigen Art so leise herein, da man ihn ebensogut fr einen Bettler
htte halten knnen. Er zeigte ungefhr dieselben Zge und dieselbe
Hlichkeit wie die Frau; sie waren miteinander verwandt, und sie hatte
von altersher gelernt, eine heilige Ehrfurcht vor jedem zu haben, der
dieses Aussehen hatte. Denn es bedeutete viel, dem alten Geschlecht der
Ingmarshne anzugehren, das allezeit das vornehmste in der Gegend
gewesen war; aber das Hchste, was ein Mensch sein konnte, war Ingmar
Ingmarson selbst, der Reichste, der Klgste und der Mchtigste im ganzen
Kirchspiel.

Ingmar Ingmarson kam auf das Mdchen zu, bckte sich, nahm eines der
fertigen Rutenbschel und schwang es durch die Luft. Sogleich flogen
die Ruten auseinander; eine landete auf dem Weihnachtstisch und eine
andre im Himmelbett.

Hei, min Deern, sagte der alte Ingmar und lachte, glaubst du, da man
solche Ruten brauchen kann, wenn man bei den Ingmarshnen badet? Oder
hast du solche heillose Angst um deine Haut?

Da der Hausvater es nicht bler aufnahm, fate das Mdchen Mut und
sagte, sie wolle schon Rutenbschel binden, die hielten, wenn man ihr
nur Gerten zum Binden gbe.

Dann mu man dir wohl Gerten schaffen, min Deern, sagte der alte
Ingmar; denn er war in rechter Weihnachtsstimmung.

Er ging aus der Wohnstube, kletterte ber die Magd mit dem Scheuereimer
hinweg und blieb auf der Trschwelle stehen, sich nach jemand umzusehen,
den er in den Birkenhain um Gerten schicken knnte. Die Knechte waren
noch bei dem Weihnachtsholz, der Sohn kam mit dem Weihnachtsstroh aus
der Tenne, die beiden Schwiegershne schleppten eben die Arbeitswagen in
die Schuppen, damit der Hof feiertglich ausshe. Keiner von ihnen hatte
Zeit, sich aus dem Hause zu entfernen.

Da beschlo der Alte ganz gelassen, sich selbst auf den Weg zu machen.
Er ging schrg ber den Hof, als wolle er in den Stall, sah sich um,
sich zu vergewissern, da niemand auf ihn acht gbe, und schlpfte dann
hinter die Stallwand, wo ein halbwegs gebahnter Weg in den Wald hinauf
fhrte. Der Alte hielt es nicht fr ntig, jemand zu sagen, wohin er
ging, denn sonst htte es vielleicht dem Sohn oder einem der Eidame
einfallen knnen, ihn abzuhalten. Und alte Leute wollen nun einmal am
liebsten ihren eignen Willen haben.

Er schlug den Weg ber die Felder durch das kleine Tannenwldchen ein
und kam zu dem Birkenhain. Hier bog er vom Wege ab und watete in den
Schnee hinauf, um ein paar einjhrige Birkenschlinge zu finden.

Um diese Zeit hatte der Wind endlich erreicht, woran er den ganzen Tag
gearbeitet hatte: er hatte den Schnee aus den Wolken losgerissen, und
jetzt kam er den Wald heraufgefegt, mit einer langen Schleppe von
Schneeflocken hinter sich.

Ingmar Ingmarson bckte sich eben, um einen Zweig abzuschneiden, als der
Wind, ganz mit Schnee beladen, heransauste. In dem Augenblick, als der
alte Mann sich aufrichtete, pustete der Wind los und blies ihm einen
Haufen Flocken ins Gesicht. Er bekam die Augen voll Schnee, und der Wind
wirbelte so heftig rings um ihn, da er sich ein paarmal herumdrehen
mute.

Das ganze Unglck kam wohl daher, da Ingmar Ingmarson alt geworden war.
In seinen Jugendtagen htte ihn ein Schneesturm wohl kaum schwindelig
gemacht, aber jetzt drehte sich alles im Kreise, als wenn er sich in
einer Weihnachtspolka herumgeschwungen htte. Und als er heimwrts gehen
wollte, ging er gerade nach der verkehrten Richtung. Er ging geradewegs
in den groen Tannenwald hinein, der hinter dem Birkenhain anfing,
anstatt zu den Feldern hinunter.

Die Dunkelheit brach schnell herein, und unter den jungen Bumen am
Waldessaum trieb das Schneegestber sein Spiel weiter. Der Alte sah
wohl, da er zwischen Tannen ging, aber er merkte nicht, da er fehl
gegangen war; denn auch auf der Seite des Birkenwaldes, die dem Hofe
zugekehrt war, wuchsen Tannen. Aber nun kam er so tief in den Wald
hinein, da es ganz ruhig und still wurde; von dem Sturm war nichts mehr
zu spren, und die Bume wurden hoch und grostmmig. Da sah er, da er
in die Irre gegangen war, und wollte umkehren.

Er war ganz traumselig und erregt davon, da er sich hatte verirren
knnen; und wie er so mitten in dem weglosen Wald stand, war er nicht
klar genug im Kopfe, um zu wissen, wohin er gehen mte. Er schlug
zuerst eine Richtung ein und dann wieder eine andre. Endlich kam es ihm
in den Sinn, in seinen eignen Fustapfen zurckzugehen, dann aber brach
die Dunkelheit herein, und er konnte die Fustapfen nicht mehr finden.
Und hher und hher wurden die Bume um ihn. Er mochte gehen, wie er
wollte, -- er merkte schon, da er sich weiter und weiter vom Waldsaum
entfernte.

Es war rein wie verhext und verzaubert: den ganzen Abend mute er hier
im Walde herumlaufen und kam gewi zu spt zum Baden.

Er drehte die Mtze um und knpfte sein Strumpfband anders, aber es
blieb ihm ebenso wirr im Kopfe wie zuvor, und es wurde ganz dunkel, und
er fing an zu glauben, da er die Nacht ber im Walde bleiben mte.

Er lehnte sich an einen Tannenbaum und stand still, um seine Gedanken zu
sammeln. Mit diesem Walde war er doch so wohl vertraut. Er war hier so
viel umhergegangen, da er fast jeden Baum kannte. Als Knabe war er hier
umhergelaufen und hatte die Schafe gehtet, war er auf Schleichwegen
gegangen und hatte den Waldvgeln Fallen gestellt. In seiner Jugend
hatte er mitgeholfen, den Wald zu fllen. Er hatte ihn abgeholzt
daliegen und er hatte ihn aufs neue wachsen sehen.

Endlich kam es ihm vor, als ob er wieder wte, wo er war, und er
glaubte, wenn er nur so und so ginge, mte er auf den rechten Weg
kommen. Aber wie er auch ging, -- er kam nur tiefer und tiefer in das
Waldesdickicht.

Einmal fhlte er festen, glatten Boden unter dem Fu, und da sagte er
sich, da er nun endlich auf einen Weg gekommen wre. Den versuchte er
nun weiterzugehen, denn ein Weg mute doch irgendwohin fhren. Aber nun
lief der Weg in eine Waldwiese aus, und da hatte das Schneegestber
freien Spielraum, da gab es keinen Pfad mehr, -- nur Schneehaufen und
Schneegruben. Da sank dem Alten der Mut, und er fhlte sich als ein
armer Wicht, der drauen in der Wildnis sterben mte.

Er begann es mde zu werden, sich durch den Schnee zu schleppen; und ein
Mal ums andre setzte er sich auf einen Stein, um auszuruhen. Aber sobald
er sich setzte, wurde er schlfrig, und er wute, da er erfrieren
mute, wenn er einschlummerte. Darum versuchte er zu gehen und zu gehen,
-- das war ja das Einzige, was ihn retten konnte.

Aber wie er so ging, konnte er der Lust nicht widerstehen, zu rasten. Er
dachte, wenn er nur ruhen drfte, fragte er gar nicht viel danach, ob es
ihn das Leben koste.

Es bereitete ihm ein solches Wohlgefhl, stillzusitzen, da der
Todesgedanke ihn gar nicht bengstigte. Er empfand sogar eine Art
Freude, wenn er daran dachte, da lange Personalien ber ihn in der
Kirche verlesen werden wrden, wenn er tot wre. Er erinnerte sich, wie
schn der alte Propst ber seinen Vater gesprochen hatte; und sicherlich
wrde auch ber ihn etwas Schnes gesagt werden. Es wrde gesagt werden,
da er den ltesten Bauernhof im Tale gehabt htte, und es wrde von der
Ehre gesprochen werden, die darin lge, einem so ansehnlichen Geschlecht
zu entstammen. Und auch von der Verantwortung wrde die Rede sein.

Ja, ja. Verantwortung war bei der Sache, das hatte er immer gewut. Man
mute bis zum uersten ausharren, wenn man einer von den Ingmarshnen
war.

Und pltzlich durchzuckte es ihn blitzartig, da es nicht rhmlich fr
ihn wre, erfroren im wilden Walde gefunden zu werden. Das wollte er
nicht in seinem Nachruf haben. Und so stand er wieder auf und begann zu
wandern. Doch da hatte er so lange stillgesessen, da ganze Schneemengen
sich aus seinem Pelze wlzten, als er sich zu rhren begann. Und nach
einem Weilchen sa er wieder da und trumte.

Jetzt kamen die Todesgedanken noch lockender zu ihm. Er dachte das ganze
Begrbnis durch und alle die Ehren, die seinem toten Leib erwiesen
werden wrden. Er sah den groen Gastmahltisch im Festsaal des oberen
Stockwerkes gedeckt, den Propst und die Prpstin auf dem Hochsitz, den
Richter mit der weien Krause ber der schmalen Brust, die Majorin in
schwarzer Seide, die dicke Goldkette viele Male um den Hals geschlungen.
Er sah alle Gastzimmer wei bezogen, weie Laken vor den Fenstern. Wei
auf allen Mbeln. Tannenreisig auf dem Weg vom Hausflur bis hinab zur
Kirche. Und ein Backen und Schlachten und Brauen zwei Wochen vor dem
Begrbnis. Zwanzig Klafter Holz in vierzehn Tagen verheizt.

Die Leiche auf einer Bahre im innern Zimmer, Kohlendunst in den
frischgeheizten Stuben. Gesang an der Leiche, wenn der Sargdeckel
zugeschraubt wird, Silberplatten auf dem Sarge. Der Hof voll Gste. Das
ganze Dorf in Bewegung, um das Mitgebrachte zu bereiten, alle
Kirchenhte gebrstet, der ganze Herbstbranntwein beim Leichenschmaus
ausgetrunken, alle Wege voll von Menschen wie an einem Markttag.

Wieder fuhr der Alte auf. Er hatte sie beim Leichenschmaus von sich
sprechen hren. Aber wie konnte er denn in dieser Weise erfrieren?
fragte der Amtsrichter. Was hatte er denn berhaupt oben im Hochwald zu
tun? Und da antwortete der Kapitn, das habe wohl das Weihnachtsbier
und der Branntwein gemacht.

Und dies weckte ihn aufs neue. Die Ingmarshne waren nchterne Leute. Es
sollte nicht von ihm heien, er wre in seiner letzten Stunde nicht bei
Sinnen gewesen. Er begann wieder zu gehen und zu gehen. Aber er war so
mde, da er kaum auf den Fen stehen konnte. Er war jetzt ganz hoch
oben im Walde, das merkte er; denn es war ein unwegsamer Boden voll von
groen Felsblcken, wie sie weiter unten nicht zu finden waren. Er blieb
mit dem Fu zwischen ein paar Steinen hngen, so da er sich kaum
losmachen konnte; und nun stand er da und jammerte laut. Jetzt war es um
ihn geschehen.

Und pltzlich fiel er zu Boden in einen groen Reisighaufen. Er fiel
ganz weich auf Schnee und Reisig, so da ihm kein Leid geschah; aber
jetzt konnte er nicht mehr aufstehen. Er wollte nichts andres mehr auf
dieser Welt als schlafen. Er schob das Reisig ein bichen beiseite und
kroch hinein, als wre es ein Fell. Aber wie er so den Krper unter die
Zweige schob, sprte er, da dort drinnen im Haufen etwas lag, was warm
und weich war. Hier liegt gewi ein Br und schlft, dachte er.

Er fhlte, wie das Tier sich rhrte, und hrte, wie es rings um sich
witterte. Er lag ganz still. Er dachte, seinethalben knne der Br ihn
schon auffressen. Er vermochte kein Glied zu regen, um ihm zu entkommen.

Aber der Br schien ihm, der in einer solchen Unwetternacht unter seinem
Dach Schutz suchte, nichts zuleide tun zu wollen. Er schob sich etwas
tiefer in seine Hhle, als wolle er dem Gast Platz machen, und gleich
darauf schlief er mit gleichmigen, sausenden Atemzgen.

       *       *       *       *       *

Unterdessen hatten sie unten auf dem alten Ingmarshof nicht viel
Weihnachtsfreude gehabt. Den ganzen heiligen Abend hatten sie Ingmar
Ingmarson gesucht.

Zuerst waren sie im ganzen Wohnhaus und in allen Wirtschaftsgebuden
umhergegangen. Sie hatten vom Boden bis zum Keller gesucht, dann waren
sie in die Nachbarhfe gegangen und hatten dort nach Ingmar Ingmarson
gefragt.

Als sie ihn nirgends fanden, hatten Shne und Schwiegershne sich auf
die Felder und cker hinaus begeben. Die Fackeln, die den
Kirchenwanderern auf dem Weg zur Weihnachtsmette htten leuchten sollen,
wurden nun angezndet und in dem rasenden Schneegestber auf allen Wegen
und Stegen umhergetragen. Aber der Wind hatte alle Spuren verweht, und
sein Heulen bertnte den Laut der Stimmen, wenn sie zu rufen und zu
schreien versuchten. Bis weit ber Mitternacht waren sie drauen, aber
endlich sahen sie ein, da sie bis zum Tagesanbruch warten mten, wenn
sie den Verschwundenen finden wollten.

Kaum dmmerte das Morgenrot, so waren alle Leute im Ingmarshof wieder
auf den Beinen, und die Mnner standen im Hofe, bereit, in den Wald
hinauszuziehen. Aber ehe sie sich noch aufgemacht hatten, kam die alte
Hausmutter und rief sie in die Wohnstube. Sie hie sie, sich auf die
langen Bnke in der Stube setzen, und sie selbst setzte sich an den
Weihnachtstisch, mit der Bibel vor sich, und begann zu lesen. Und als
sie nach ihren schwachen Krften gesucht hatte, was in einer solchen
Stunde angemessen wre, da hatte sie die Geschichte von dem Manne
gefunden, der von Jerusalem gen Jericho ging und unter die Mrder fiel.

Sie las langsam und singend von dem armen Manne, dem der barmherzige
Samariter zu Hilfe kam. Shne und Schwiegershne, Tchter und
Enkeltchter saen ringsumher auf den Bnken. Sie alle glichen ihr und
einander: gro und schwerfllig, mit hlichen, altklugen Gesichtern,
denn alle waren sie von dem alten Stamm der Ingmarshne. Alle hatten sie
rtliches Haar, eine sommersprossige Haut und lichtblaue Augen mit
weien Wimpern. Im brigen konnten sie verschieden genug voneinander
sein, aber alle hatten sie einen strengen Zug um den Mund, schlfrige
Augen und ungelenke Bewegungen, als fiele ihnen alles schwer. Aber jedem
von ihnen konnte man doch ansehen, da sie zu den ersten in der Gegend
gehrten und selbst wuten, da sie vornehmer waren als die andern.

Alle Ingmarshne und Ingmartchter seufzten bei dem Bibellesen tief. Sie
fragten sich, ob wohl ein Samariter den Hausvater gefunden und sich
seiner erbarmt htte. Denn fr alle Ingmarshne war es, als verlren sie
etwas von ihrer eignen Seele, wenn jemand, der zum Stamme gehrte, von
einem Unglck getroffen wurde.

Die alte Frau las und las und kam zu der Frage: Welcher dnkt dich, der
unter diesen dreien der nchste sei gewesen, dem, der unter die Mrder
gefallen?

Aber ehe sie noch die Antwort lesen konnte, ging die Tr auf, und der
alte Ingmar trat in die Stube.

Mutter, Vater ist da, sagte eine der Tchter, und es wurde nicht mehr
gelesen, da des Mannes Nchster der gewesen war, der Barmherzigkeit an
ihm getan hatte.

       *       *       *       *       *

Etwas spter am Tage sa die Hausmutter wieder auf demselben Platz und
las in ihrer Bibel. Sie war allein. Die Frauen waren zur Kirche
gegangen, und die Mnner waren auf der Brenjagd im Hochwalde. Sowie
Ingmar Ingmarson gegessen und getrunken hatte, hatte er die Shne
mitgenommen und war in den Wald auf die Brenjagd gegangen. Denn es ist
nun einmal so, da es eines Mannes Pflicht ist, den Bren zu fllen, wo
und wann er ihm auch begegnet. Es geht nicht an, einen Bren zu schonen;
denn frher oder spter findet er doch Geschmack am Fleische und
verschont dann weder Mensch noch Tier.

Aber seit sie auf die Jagd gegangen waren, war eine groe Angst ber die
alte Hausmutter gekommen, und sie hatte zu lesen begonnen. Jetzt machte
sie sich daran, was an diesem Tage in der Kirche gepredigt wurde, aber
sie kam nicht weiter als bis zu dem Wort: Friede auf Erden und den
Menschen ein Wohlgefallen. Sie blieb sitzen und starrte mit ihren
erlschenden Blicken diese Worte an, und von Zeit zu Zeit stie sie
einen tiefen Seufzer aus. Sie las nicht weiter, sondern wiederholte nur
ein Mal ums andre mit langsamer schleppender Stimme: Friede auf Erden
und den Menschen ein Wohlgefallen.

Da kam der lteste Sohn in die Stube, als sie sich gerade aufs neue
durch diese Worte schleppte.

Mutter, sagte er sehr leise.

Sie hrte ihn, schlug aber die Augen nicht vom Buche auf, als sie
fragte: Bist du nicht mit im Walde?

Doch, sagte er noch leiser. Ich bin dort gewesen.

Komm hierher zum Tisch, sagte sie, so da ich dich sehen kann.

Er kam nher, aber als ihr Blick auf ihn fiel sah sie, da er zitterte.
Er mute sich auf die Tischkante sttzen, um die Hnde still halten zu
knnen.

Habt Ihr den Bren erlegt? fragte sie wieder.

Jetzt konnte er nicht mehr antworten; er schttelte nur den Kopf.

Die Alte stand auf und tat, was sie nicht getan hatte, seit der Sohn ein
Kind gewesen war. Sie ging auf ihn zu, legte liebkosend die Hand auf
seinen Arm, streichelte ihm die Wange und zog ihn auf die Bank. Dann
setzte sie sich neben ihn und hielt seine Hand in der ihren. Sag mir
jetzt, was geschehen ist, mein Junge.

Der Bursche erkannte die Liebkosung wieder, die ihn in den Jahren der
Kindheit getrstet hatte, wenn er unglcklich und hilflos war; und das
rhrte ihn so tief, da er zu weinen anfing. Ich kann mir denken, da
es etwas mit Vater ist, sagte sie.

Ja, aber es ist noch schlimmer, schluchzte der Sohn.

Noch schlimmer?

Der Bursche weinte immer heftiger; er wute nicht, wie er Macht ber
seine Stimme bekommen sollte. Endlich hob er die grobe Hand mit den
breiten Fingern und wies auf die Stelle, die sie eben gelesen hatte:
Friede auf Erden.

Hat es etwas damit zu tun? fragte sie.

Ja, antwortete er.

Mit dem Weihnachtsfrieden?

Ja.

Ihr wolltet heute morgen eine bse Tat tun.

Ja.

Und Gott hat uns gestraft?

Gott hat uns gestraft.

Endlich erfuhr sie, wie es zugegangen war. Sie hatten die Brenhhle
gesucht, und als sie so nahe waren, da sie den Reisighaufen sehen
konnten, waren sie stehen geblieben, um die Gewehre in Ordnung zu
bringen. Aber ehe sie noch fertig waren, kam der Br aus der Hhle
gestrzt, gerade auf sie zu. Er sah weder nach rechts, noch nach links,
er kam gerade auf den alten Ingmar Ingmarson zu und versetzte ihm einen
Schlag auf den Kopf, der ihn zu Boden streckte, als wre er vom Blitz
getroffen. Aber niemand sonst fiel der Br an, sondern strzte an ihnen
vorbei in den Wald hinein.

       *       *       *       *       *

Am Nachmittag fuhren Ingmar Ingmarsons Frau und Sohn in den Pfarrhof und
meldeten den Todesfall an. Der Sohn fhrte das Wort. Die alte Hausmutter
sa dabei und hrte zu, mit einem Gesicht, das regungslos war wie ein
Steinbild.

Der Pfarrer sa in seinem Lehnstuhl am Schreibtisch. Er hatte seine
Bcher hervorgenommen und den Todesfall aufgezeichnet. Er tat das ein
wenig langsam: er wollte Zeit haben, darber nachzudenken, was er der
Witwe und dem Sohne sagen solle; denn dies war doch ein ungewhnlicher
Fall. Der Sohn hatte ganz offen erzhlt, wie alles sich zugetragen
hatte; doch der Pfarrer wollte gern wissen, wie sie selbst die Sache
auffaten. Es waren sehr eigentmliche Menschen, die Leute vom
Ingmarhofe.

Als nun der Pfarrer das Buch zuschlug, sagte der Sohn: Wir wollten Euch
auch sagen, Herr Pfarrer, da wir keine Personalien ber Vater verlesen
haben wollen.

Der Pfarrer schob die Augenglser auf die Stirn und sah scharf forschend
zu der alten Frau hinber. Sie sa ebenso regungslos da wie zuvor. Sie
zerknllte nur das Taschentuch, das sie zwischen den Hnden hielt.

Wir werden ihn an einem Werktag begraben, fuhr der Sohn fort.

So, so, so, so, sagte der Pfarrer. Es schwindelte ihm frmlich. Der
alte Ingmar Ingmarson sollte unter die Erde kommen, ohne da jemand
darum wte. Die Dorfbewohner sollten nicht auf dem Hgel stehen und
sehen, mit welchem Staat er zu Grabe getragen wrde.

Wir werden keinen Leichenschmaus halten. Wir haben es den Nachbarn
mitgeteilt, damit sie kein >Mitgebrachtes< bereiten.

So, so, so, so, sagte der Pfarrer abermals. Er konnte nichts andres
ber die Lippen bringen. Er wute wohl, was es fr solche Leute
bedeutete, vom Leichenschmaus abzustehen. Er hatte gesehen, wie sehr es
Witwen und Vaterlose trstete, einen stattlichen Leichenschmaus
abzuhalten.

Und es wird auch kein Trauerzug sein, nur ich und meine Brder gehen
mit.

Der Pfarrer sah gleichsam Antwort heischend zu der Alten hinber. Konnte
sie dem wirklich zustimmen? Er fragte sich, ob der Sohn auch ihren
Willen aussprche. Sie sa ja da und lie sich alles dessen berauben,
was ihr kostbarer sein mute als Silber und Gold.

Wir wollen kein Glockengelute haben und keine Silberplatten auf dem
Sarge. Das wollen wir so, Mutter und ich. Aber wir sagen es Euch, Herr
Pfarrer, um zu hren, ob Ihr es als ein Unrecht gegen Vater anseht.

Nun ergriff auch die Frau das Wort. Ja, wir wollen wissen, ob Ihr
meint, Herr Pfarrer, da es ein Unrecht gegen Vater sein kann.

Der Pfarrer schwieg noch immer, und da fuhr die Frau eifrig fort: Lat
Euch sagen, Herr Pfarrer: htte mein Mann sich gegen den Knig oder den
Vogt vergangen, und htte ich ihn vom Galgen herunterschneiden mssen,
er wrde doch ein ehrliches Begrbnis bekommen haben, wie sein Vater vor
ihm, denn die Ingmarshne frchten niemand, und sie brauchen keinem aus
dem Wege zu gehen. Aber um die Weihnachtszeit hat Gott Friede gesetzt
zwischen Tieren und Menschen, und das arme Tier hielt Gottes Gebot, aber
wir brachen es, und darum sind wir jetzt unter Gottes Strafgericht. Und
es steht uns nicht an, in Prunk und Staat einherzugehen.

Der Pfarrer stand auf und ging zu der Alten hin. Es ist ganz recht, was
Ihr sagt, antwortete er, und Ihr sollt Euern eignen Willen haben.
Und unwillkrlich fgte er hinzu, vielleicht mehr fr sich selbst: Die
Ingmare sind doch groangelegte Menschen.

Bei diesen Worten richtete sich die Alte ein wenig empor. Und der
Pfarrer sah sie fr einen Augenblick als das Sinnbild des ganzen
Stammes. Er begriff, was Jahrhundert um Jahrhundert diesen
schwerflssigen und wortkargen Menschen die Macht gegeben hatte, die
Fhrer eines ganzen Kirchspiels zu sein.

Es kommt den Ingmarshnen zu, dem Volke ein gutes Beispiel zu geben,
sagte sie. Es ist an uns, zu zeigen, da wir demtig sind vor Gott.




Der Luftballon


Vater und die Knaben sitzen an einem regnerischen Oktoberabend in einem
Kupee dritter Klasse, auf der Fahrt nach Stockholm. Vater ist auf seiner
Bank allein. Die Knaben sitzen ihm gegenber, eng aneinander geschmiegt,
und lesen einen Roman von Jules Verne, der den Titel fhrt: Sechs Wochen
im Luftballon. Das Buch ist sehr abgegriffen. Die Knaben knnen es fast
auswendig und haben endlose Diskussionen darber gefhrt, aber sie lesen
es immer wieder mit demselben Vergngen, sie haben alles vergessen, um
den khnen Luftschiffern quer ber Afrika zu folgen, und sie erheben nur
selten den Blick vom Buche, um die schwedischen Landschaften zu
betrachten, die sie durchfahren.

Die Knaben sehen einander sehr hnlich. Sie sind von gleicher Gre,
gleich gekleidet -- in graue berrcke und blaue Schulmtzen --, sie
haben alle beide groe trumerische Augen und kleine Stumpfnasen. Sie
sind immer gut Freund, gehen immer miteinander, kmmern sich nicht um
andre Kinder und sprechen immer von Erfindungen und Entdeckungsfahrten.
Der Begabung nach sind sie recht verschieden geartet. Lennart, der
ltere, der dreizehn Jahre zhlt, kommt in der Schule schwer vorwrts,
und er kann kaum in irgendeinem Gegenstande mit seiner Klasse Schritt
halten. Dafr ist er aber sehr geschickt und unternehmungslustig. Er
will Erfinder werden und beschftigt sich bestndig damit, eine
Flugmaschine zu konstruieren. Hugo ist ein Jahr jnger als Lennart, aber
er begreift leichter und ist schon in derselben Klasse wie der Bruder.
Auch er interessiert sich nicht besonders fr das Lernen, hingegen ist
er ein groer Sportsmann: Skilufer, Radfahrer und Eislufer. Wenn er
erwachsen ist, will er auf Entdeckungsreisen gehen. Sobald Lennarts
Flugmaschine fertig ist, wird Hugo damit ausfliegen, um zu entdecken,
was von der Welt noch zu entdecken brig ist.

Vater ist ein grogewachsener Mann mit eingesunkner Brust, fahlem
Gesicht und schmalen, schnen Hnden. Er ist nachlssig gekleidet. Seine
Hemdbrust ist zerknittert, der Rockaufhnger guckt am Halse hervor, die
Weste ist schief geknpft, und die Strmpfe sind herabgerutscht. Er
trgt das Haar so lang, da es auf den Rockkragen hngt, dies jedoch
nicht aus Nachlssigkeit, sondern aus Geschmack und Gewohnheit.

Vater stammt aus einem alten Spielmannsgeschlecht, weit her aus dem
Bauernland, und er hat als sein besondres Erbteil zwei starke Anlagen
mitbekommen. Die eine Anlage ist eine groe musikalische Begabung, und
sie trat als Erstes zutage. Er besuchte die Akademie in Stockholm,
studierte dann ein paar Jahre im Ausland und machte in diesen
Studienjahren so glnzende Fortschritte, da er selbst und seine Lehrer
erwarteten, es wrde ein groer, weltberhmter Violinspieler aus ihm
werden. Er htte sicherlich Talent genug gehabt, dieses Ziel zu
erreichen, aber es fehlte ihm an Kraft und Ausdauer. Er konnte sich
drauen in der Welt keine Stellung erkmpfen, sondern kam gar bald heim
und nahm einen Organistenposten in einer Provinzstadt an. Anfangs
schmte er sich wohl, da er allen den in ihn gesetzten Erwartungen
nicht entsprochen hatte; aber er empfand es auch angenehm, einen sichern
Lebensunterhalt zu haben und nicht mehr die Barmherzigkeit fremder Leute
in Anspruch nehmen zu mssen.

Kurz nachdem er die Stelle bekommen hatte, heiratete er; und einige
Jahre lang war er mit seinem Lose ganz zufrieden. Er hatte ein schnes
kleines Heim, eine frohe und glckliche Frau und zwei kleine Jungen, und
er war der Liebling der ganzen Stadt, berall gesucht und gefeiert. Aber
dann war eine Zeit gekommen, wo dies alles ihn nicht mehr zu befriedigen
schien. Er sehnte sich danach, noch einmal in die Welt hinauszuziehen
und sein Glck zu versuchen, doch fhlte er sich verpflichtet, daheim zu
bleiben, weil er nun Weib und Kind hatte.

Vor allem war es die Frau, die ihn berredet hatte, von dieser Reise
abzustehen. Sie glaubte, da es ihm nicht besser glcken werde als das
erste Mal. Sie meinte, sie seien so glcklich, da er nichts andres zu
erstreben brauche. Damit beging sie sicher einen Fehler, aber sie mute
ihn auch schwer genug ben; denn von der Zeit an kam der zweite
Familienzug bei dem Manne zum Vorschein. Da er seine Sehnsucht nach Ruhm
und Erfolg nicht stillen konnte, suchte er sich mit dem Trinken zu
trsten.

Und es ging ihm nun so, wie es den Menschen aus seiner Familie zu gehen
pflegte: er trank ohne Besinnung und ohne Ma und kam binnen kurzem ganz
herunter. Er wurde allmhlich ein ganz andrer Mensch als zuvor. Er war
nicht mehr liebenswrdig und einnehmend, sondern bse und hart. Und das
grte Unglck war, da er einen furchtbaren Ha gegen seine Frau fate
und sie in jeder mglichen Weise qulte, wenn er betrunken war -- und
auch sonst.

Die Knaben hatten also kein gutes Heim gehabt, und ihre Kindheit wre
sehr unglcklich gewesen, htten sie sich nicht eine kleine Welt fr
sich selbst geschaffen, voll von Maschinenmodellen, Entdeckungsplnen
und Abenteuerbchern. Die einzige, die zuweilen einen Blick in diese
Welt werfen durfte, war Mutter. Vater hatte nicht einmal eine Ahnung,
da sie existierte; und auch jetzt vermag er mit den Knaben ber nichts
zu sprechen, was sie interessiert. Er strt sie ein Mal ums andre, wenn
er fragt, ob es nicht schn wre, Stockholm kennen zu lernen, und ob sie
sich nicht freuten, mit Vater zu reisen, und dergleichen mehr. Sie
antworten sehr kurz, um sich augenblicklich wieder in das Buch zu
vertiefen. Vater jedoch fragt weiter. Er glaubt, da die Knaben von
seiner Liebenswrdigkeit sehr entzckt sein mten und nur zu schchtern
wren, es zu zeigen.

Die haben zu lange an Mutters Schrzenband gehangen, denkt er. Sie
sind ngstlich und zimperlich geworden. Das wird jetzt anders werden,
wenn sie in meine Hand kommen.

Aber Vater tuscht sich. Da die Knaben ihm so kurze Antworten geben,
kommt nicht von der Schchternheit, sondern bedeutet nur, da sie
wohlerzogen sind und ihn nicht verletzen wollen. Wenn es nicht so wre,
wrden sie ganz anders antworten. Warum sollten wir es schn finden,
mit Vater zu reisen? wrden sie dann sagen. Vater glaubt freilich,
etwas ganz Besondres zu sein, aber wir sehen ja, da er nur ein
verkommner Schwchling ist. Und warum sollten wir uns darauf freuen,
Stockholm kennen zu lernen? Wir wissen sehr gut, da Vater uns nicht
mitgenommen hat, um uns eine Freude zu machen, sondern nur, um Mutter zu
krnken.

Es wre klger, wenn Vater die Knaben lesen liee, ohne sie zu stren.
Sie sind niedergeschlagen und ngstlich, und es reizt sie, da er so
guter Laune ist. Nur weil er wei, da Mutter daheim sitzt und weint,
ist er heute so vergngt, flstern sie einander zu.

Vaters Fragen bringen es schlielich dahin, da die Knaben nicht mehr
lesen, obgleich sie noch immer ber das Buch gebeugt dasitzen. Anstatt
dessen beginnen ihre Gedanken mit groer Bitterkeit um alles zu
kreisen, was sie um Vaters willen haben leiden mssen.

Sie erinnern sich, wie sich Vater einmal am hellichten Tage betrunken
hatte und ber die Strae getorkelt kam, von einer Menge Schuljungen
verfolgt, die ihn ausspotteten. Sie rufen sich zurck, wie die andern
Jungen sie gehnselt und ihnen Spitznamen gegeben haben, weil sie einen
Vater hatten, der trank.

Sie haben sich fr Vater schmen mssen, sie muten seinetwegen in
bestndiger Angst leben; und sowie sie irgendeinen Spa hatten, ist er
dazwischen gekommen und hat ihnen das Vergngen verdorben. Es ist kein
kleines Sndenregister, das sie da aufstellen. Die Knaben sind sehr
sanftmtig und geduldig, aber sie fhlen einen Groll in sich aufsteigen,
der strker und strker wird.

Er htte doch begreifen mssen, da sie ihm die groe Enttuschung nicht
verzeihen konnten, die er ihnen gestern bereitet hatte. Das war doch das
rgste, was er ihnen noch angetan hatte.

Die Sache war nmlich die, da die Mutter der Knaben sich im vorigen
Frhling entschlossen hatte, sich von deren Vater zu trennen. Mehrere
Jahre lang hatte der Mann sie auf jede erdenkliche Art verfolgt und
gepeinigt, doch sie hatte sich nicht von ihm trennen wollen, sondern war
bei ihm geblieben, damit er nicht vllig verkomme. Aber jetzt endlich
wollte sie es um der Knaben willen tun. Sie hatte beobachtet, da der
Vater sie unglcklich machte; und sie meinte, sie msse sie diesem
Elend entziehen und ihnen ein gutes, friedliches Heim schaffen.

Als das Frhlingssemester zu Ende war, hatte sie die Knaben aufs Land zu
ihren Eltern geschickt und war selbst ins Ausland gereist, um so aufs
einfachste die Scheidung zu erlangen. Es war ihr freilich nicht recht
gewesen, da es dadurch den Anschein gewann, als ob die Ehe durch ihr
Verschulden gelst wrde; aber dem hatte sie sich unterwerfen mssen.
Noch weniger zufrieden war sie damit, da die Knaben vom Gerichte dem
Vater zugesprochen wurden, weil sie eine entlaufne Ehefrau wre. Sie
trstete sich freilich damit, da er unmglich die Absicht haben knnte,
die Kinder zu behalten; aber sie hatte doch keine rechte Ruhe mehr.

Sobald die Scheidung durchgefhrt war, war sie zurckgekommen und hatte
eine Wohnung gemietet, in der sie mit den Knaben leben wollte. Erst vor
zwei Tagen hatte sie alles fertig gehabt, so da die Knaben zu ihr
bersiedeln konnten. Es war der glcklichste Tag, den die Kinder noch
erlebt hatten. Die ganze Wohnung bestand aus einem groen Zimmer und
einer groen Kche, aber alles war neu und fein, und Mutter hatte es so
auerordentlich behaglich eingerichtet. Das Zimmer sollte Mutter und
ihnen tagsber als Arbeitsraum dienen, und nachts sollten die Knaben da
schlafen. Die Kche war sehr niedlich und hell. Da wrden sie essen. Und
in einem kleinen Verschlag hinter der Kche hatte Mutter ihr Bett.

Mutter hatte ihnen gesagt, da sie sehr arm sein wrden. Sie hatte eine
Stelle als Gesanglehrerin an der Mdchenschule bekommen; aber dies war
auch alles: davon muten sie leben. Sie waren nicht in der Lage, sich
ein Dienstmdchen zu halten, sondern muten sich allein behelfen. Die
Knaben waren ber das Ganze in hellstem Entzcken; vor allem darber,
da sie mit angreifen durften. Sie erboten sich, Holz und Wasser zu
tragen. Sie wollten die Schuhe putzen und die Betten machen. Es war ein
rechter Spa, sich das alles auszudenken.

Eine Kammer war da, wo Lennart alle seine Maschinen aufheben konnte. Er
selbst sollte den Schlssel dazu haben, und kein andrer als Hugo und er
sollten sie je betreten drfen.

Aber nur einen einzigen Tag durften die Knaben bei Mutter glcklich
sein. Dann hatte ihnen Vater die Freude verdorben, wie er es stets getan
hatte, solange sie sich zurckerinnern konnten. Mutter hatte ihnen
erzhlt, sie habe gehrt, da Vater eine Erbschaft von einigen tausend
Kronen gemacht htte; er habe seine Stellung gekndigt und wolle nun
nach Stockholm ziehen. Mutter und sie hatten sich sehr darber gefreut,
da er die Stadt verlie, so da sie ihm nicht mehr auf der Strae zu
begegnen brauchten. Aber dann war einer von Vaters Freunden mit der
Botschaft zu Mutter gekommen, da Vater die Knaben nach Stockholm
mitnehmen wolle.

Mutter hatte geweint und gefleht, ihre Knaben behalten zu drfen, aber
Vaters Abgesandter hatte geantwortet, da Vater fest entschlossen sei,
die Knaben in seine Obhut zu nehmen. Wenn sie nicht gutwillig kmen,
wrde er sie durch die Polizei holen lassen. Er sagte, Mutter solle doch
das Scheidungsurteil durchlesen, da stnde es ja deutlich, da die
Knaben dem Vater gehrten. Und das wute Mutter ja auch. Das lie sich
nicht leugnen.

Vaters Freund hatte viele schne Dinge gesagt: Vater liebe seine Jungen
und wolle sie deshalb fr sich haben ... Aber die Knaben wuten, da
Vater sie einzig und allein fortschleppte, um Mutter zu qulen. Er hatte
sich das ausgedacht, damit Mutter an der Trennung von ihm keine Freude
htte. Sie sollte in bestndiger Unruhe um die Knaben leben. Das Ganze
war nur Rache und Bosheit.

Aber Vater hatte seinen Willen durchgesetzt, und hier waren sie nun auf
dem Wege nach Stockholm. Und ihnen gegenber sa Vater und freute sich,
da er Mutter unglcklich gemacht hatte. Mit jedem Augenblick, der
verging, wurde ihnen der Gedanke, da sie bei Vater bleiben und mit ihm
leben mten, immer widerwrtiger. Waren sie denn vllig in seiner
Gewalt? Gab es keine Rettung?

Vater hat sich in seine Ecke zurckgelehnt, und nach einem Weilchen
schlummert er ein. Sogleich beginnen die Knaben sehr lebhaft miteinander
zu flstern. Es wird ihnen nicht schwer, einen Entschlu zu fassen. Den
ganzen Tag haben sie, jeder fr sich, nur daran gedacht,
durchzubrennen.

Sie verabreden, sich auf die Plattform zu schleichen und aus dem Zuge zu
springen, wenn er gerade durch einen groen Wald fhre. Dann wrden sie
sich an einem versteckten Pltzchen im Wald eine Htte bauen und dort
allein leben, ohne sich irgendeinem Menschen zu zeigen.

Whrend die Knaben diese Plne schmieden, bleibt der Zug an einer
Station stehen, und eine Buerin, die ein kleines Kind an der Hand
fhrt, steigt in das Kupee. Sie ist schwarz gekleidet, trgt ein
Kopftuch und sieht gut und freundlich aus. Sie zieht dem Kleinen das
berrckchen aus, das vom Regen na geworden ist, und wickelt ihn in
einen Schal. Dann zieht sie ihm die Schuhe ab, trocknet die kalten
Fchen, sucht aus einem Bndel Strmpfe und Schuhe hervor und legt sie
ihm an. Schlielich steckt sie ihm ein Bonbon zu und legt ihn auf die
Bank, den Kopf auf ihrem Schoe, damit er einschlafe.

Bald wirft der eine, bald der andre Knabe einen Blick auf die Buerin,
die sich mit ihrem Kinde beschftigt. Diese Blicke werden immer
hufiger, und pltzlich haben die Knaben, beide zugleich, Trnen in den
Augen. Nun sehen sie nicht mehr auf, sondern halten die Augen hartnckig
niedergeschlagen.

Es ist, als wre zugleich mit der Buerin noch jemand anders, der fr
alle, auer fr die Knaben, unsichtbar und unmerkbar ist, in den Wagen
gekommen. Und dieser andre ist -- Mutter. Die Knaben haben das Gefhl,
da sie gekommen sei und sich zwischen sie gesetzt und ihre Hnde
ergriffen habe, wie sie es noch gestern abend tat, als es sich
entschied, da sie reisen mten; und sie spricht ebenso zu ihnen wie
damals: Ihr mt mir versprechen, da ihr Vater meinetwegen nicht gram
sein werdet. Vater hat es mir nie verzeihen knnen, da ich ihn
gehindert habe, fortzureisen. Er meint, da es meine Schuld sei, wenn
nichts aus ihm geworden ist, und wenn er trinkt. Er kann mich nie genug
strafen. Aber ihr drft ihm deshalb nicht bse sein. Da ihr jetzt mit
Vater leben sollt, mt ihr mir versprechen, gut gegen ihn zu sein. Ihr
drft ihn nicht reizen, ihr mt auf ihn achten, so gut ihr knnt. Das
mt ihr mir versprechen; sonst wei ich gar nicht, wie ich euch ziehen
lassen soll.

Und die Knaben hatten es versprochen.

Ihr drft euch nicht von Vater fortschleichen! Versprecht mir das!
hatte Mutter gesagt.

Das hatten sie auch versprochen.

Die Knaben sind zuverlssig, und in demselben Augenblick, wo sie daran
denken, da sie Mutter dieses Versprechen gegeben haben, lassen sie alle
Fluchtgedanken fahren. Vater schlft noch immer, aber sie bleiben
geduldig auf ihren Pltzen sitzen. Mit verdoppeltem Eifer fangen sie
wieder zu lesen an, und ihr Freund, der gute Jules Verne, fhrt sie bald
aus ihren Sorgen in die Wunderwelt Afrikas.

       *       *       *       *       *

Weit drauen in der Sdervorstadt hatte Vater zwei Zimmer zu ebner Erde
gemietet, mit der Aussicht in einen engen Hof. Die Wohnung ist schon
lange in Gebrauch, sie ist von einer Familie auf die andre bergegangen,
ohne je instand gesetzt zu werden. Die Tapeten haben eine Unmenge Risse
und Flecken, die Decken sind verrut, ein paar Fensterscheiben sind
zerbrochen, und der Kchenboden ist so ausgetreten, da er ganz holperig
geworden ist. Ein paar Dienstmnner haben die Mbel vom Bahnhof geholt,
sie in die Zimmer getragen und sie da kunterbunt stehen lassen. Vater
und Knaben sind jetzt dabei, auszupacken. Vater steht mit hocherhobner
Axt da, um eine Kiste zu ffnen. Die Knaben packen aus einer andern
Kiste Glas und Porzellan und stellen es in den Wandschrank. Sie sind
geschickt und arbeiten eifrig, aber Vater hrt nicht auf, sie zur
Vorsicht zu mahnen, und verbietet ihnen, mehr als ein Glas oder einen
Teller auf einmal zu tragen. Inzwischen geht es mit Vaters eigner Arbeit
nicht recht vorwrts. Seine Hnde sind zitterig und kraftlos, und er ist
schon ganz schweibedeckt, ohne den Deckel von der Kiste losbekommen zu
knnen. Er legt die Axt nieder, geht um die Kiste herum und fragt sich,
ob sie vielleicht verkehrt stehe. Da nimmt einer der Knaben die Axt und
fngt an, sie anzustemmen, doch Vater stt ihn fort. Lennart werde doch
nicht glauben, da er den Deckel aufbringen knne, wenn Vater selbst es
nicht zustande bringe? Nur ein gebter Arbeiter kann diese Kiste
ffnen, sagt Vater und nimmt Hut und Rock, um den Hausknecht zu holen.

Kaum ist Vater zur Tre hinaus, als ihm etwas einfllt. Er begreift
pltzlich, warum er keine Kraft in den Hnden hat. Es ist noch frh am
Vormittag, und er hat nichts zu sich genommen, was das Blut in Umlauf
bringt. Wenn er in ein Caf ginge und einen Kognak trnke, dann wrde er
seine Kraft wiederfinden und knnte sich ohne fremde Untersttzung
behelfen. Das ist viel besser, als den Hausknecht zu holen.

Vater geht also auf die Strae, um ein Caf zu suchen. Als er in die
kleine Hofwohnung zurckkehrt, ist es acht Uhr abends.

In Vaters Jugend, als er noch auf die Akademie ging, hatte er in der
Sdervorstadt gewohnt. Er war damals Mitglied eines Doppelquartetts
gewesen, das hauptschlich aus Kontoristen und kleinen Kaufleuten
bestand und in einem Keller in der Nhe von Mosebacke seine
Zusammenknfte abzuhalten pflegte. Vater hatte nun Lust bekommen,
nachzusehen, ob dieser kleine Keller noch existiere. Er war wirklich
noch da, und Vater hatte das Glck gehabt, ein paar von den alten
Freunden zu treffen, die da saen und frhstckten. Sie hatten ihn mit
grter Freude begrt, ihn zum Frhstck eingeladen und seine Ankunft
in Stockholm auf die herzlichste Weise gefeiert. Als die Mahlzeit
schlielich beendet war, hatte Vater heimgehen wollen, um seine Mbel
auszupacken; doch die Freunde hatten ihn berredet, zu bleiben und mit
ihnen zu Mittag zu essen. Und dies hatte sich so lange hinausgezogen,
da Vater nicht vor acht Uhr nach Hause gekommen war. Und es hatte ihn
keine geringe berwindung gekostet, sich zu so frher Stunde von der
lustigen Gesellschaft loszureien.

Als Vater heimkommt, sitzen die Knaben in der Dunkelheit, denn sie haben
kein Zndholz. Vater hat ein Zndholzschchtelchen in der Tasche, und
als er ein kleines Kerzenstmpfchen angezndet hat, das glcklicherweise
mitgekommen ist, sieht er, da die Knaben erhitzt und verstaubt sind,
aber munter und vergngt und augenscheinlich sehr zufrieden mit ihrem
Tag.

In den Stbchen stehen die Mbel geordnet, die Kisten sind fortgerumt,
Stroh und Papierschnitzel fortgekehrt. Hugo macht gerade im ersten
Zimmer die Betten fr die Knaben. Das zweite Zimmer soll Vaters
Schlafstube sein, und da steht sein Bett, mit so viel Sorgfalt gemacht,
wie er sichs nur wnschen kann.

Jetzt geht mit Vater ein eigentmlicher Umschwung vor. Als er heimkam,
war er mit sich selbst unzufrieden gewesen, weil er sich von der Arbeit
davongemacht und die Knaben ohne Speise und Trank zurckgelassen hatte.
Aber jetzt, wo er sieht, da sie guter Laune sind, und da ihnen nichts
abzugehen scheint, bereut er es, da er ihrethalben seine Freunde
verlassen hat; er wird reizbar und streitschtig.

Er sieht wohl, da die Knaben stolz auf alle die Arbeit sind, die sie
geleistet haben, und da sie erwarten, von ihm gelobt zu werden; aber
dazu ist er gar nicht geneigt. Er fragt vielmehr, wer dagewesen sei und
ihnen geholfen habe, und bittet sie, sich geflligst zu merken, da man
in Stockholm nichts geschenkt bekomme und der Hausknecht fr alles, was
er tte, bezahlt werden msse. Die Knaben antworten, da sie keine Hilfe
in Anspruch genommen, sondern alles allein gemacht htten, aber er hrt
nicht auf, zu zanken. Es sei unrecht von ihnen gewesen, die groe Kiste
zu ffnen. Sie htten sich dabei etwas zuleide tun knnen. Er htte
ihnen doch verboten, sie zu ffnen. Sie htten jetzt ihm zu gehorchen.
Er sei fr sie verantwortlich.

Er nimmt die Kerze, geht in die Kche und leuchtet in die Schrnke. Der
kleine Vorrat an Glas und Porzellan ist in guter Ordnung auf den
Brettern aufgestellt.

Er prft alles haargenau, um Anla zu weiterm Tadel zu finden.

Pltzlich erblickt Vater ein paar berreste des Abendbrots der Knaben
und beginnt sogleich zu zanken, weil sie Huhn gegessen haben. Woher sie
sich das verschafft htten? Ob sie wie die Prinzen zu leben gedchten?
Ob sie sein Geld hinauswrfen, um Hhner zu essen?

Dann fllt ihm ein, da er ihnen ja kein Geld zurckgelassen hat. Er
fragt, ob sie das Huhn gestohlen htten, und gert ganz auer sich.

Er spricht und ermahnt, zankt und tost, aber jetzt bekommt er von den
Knaben keine Antwort. Sie wollen ihm nicht sagen, woher sie das Huhn
haben, sondern lassen ihn austoben. Und er hlt ganze Reden, ganze
Predigten, er erschpft seine letzten Krfte. Schlielich bittet und
bettelt er.

Ich beschwre euch, sagt mir die Wahrheit! Ich will euch alles
verzeihen, was ihr auch begangen haben mgt, wenn ihr mir nur die
Wahrheit sagt.

Jetzt knnen es die Knaben nicht lnger aushalten. Vater hrt einen
prustenden Laut. Sie werfen die Decken ab und setzen sich auf, und er
merkt, da sie vor unterdrcktem Lachen ganz rot im Gesicht sind. Und
whrend sie jetzt ungezgelt herauslachen, sagt Lennart, von bestndigem
Kichern unterbrochen: Mutter hat uns doch ein Hhnchen in den Ekorb
gelegt, den sie uns auf die Reise mitgegeben hat.

Vater richtet sich auf, sieht die Knaben an, will sprechen, findet aber
keine passenden Worte. Er richtet sich noch majesttischer empor, sieht
sie mit tiefster Verachtung an und geht ohne weitres auf sein Zimmer.

       *       *       *       *       *

Vater hat jetzt herausgebracht, wie geschickt die Knaben sind, und er
bentzt dies, um ein Dienstmdchen zu ersparen. Morgens schickt er
Lennart in die Kche und lt ihn Kaffee kochen, whrend Hugo den
Frhstcktisch deckt und Brot vom Bcker holt. Nach dem Frhstck setzt
Vater sich auf einen Stuhl und sieht zu, wie die Knaben die Betten
machen, die Zimmer kehren und die fen heizen. Er gibt unaufhrlich
Befehle und kommandiert sie von einer Arbeit zur andern, nur um seine
Macht zu zeigen. Wenn das Morgenaufrumen vorber ist, geht er aus und
bleibt den ganzen Vormittag weg. Das Mittagessen lt er aus einer
benachbarten Kochschule holen. Dann lt Vater die Knaben fr den Abend
allein und verlangt von ihnen nichts andres, als da sein Bett gemacht
sei, wenn er heimkommt.

Die Knaben sind so fast den ganzen Tag allein und knnen sich
beschftigen, womit sie wollen.

Eine ihrer wichtigsten Arbeiten besteht darin, an Mutter zu schreiben.
Sie bekommen von ihr jeden Tag einen Brief, und sie schickt ihnen Papier
und Marken, damit sie ihr antworten knnen.

Mutters Briefe enthalten hauptschlich Ermahnungen, artig gegen Vater zu
sein. Sie schreibt immer, wie liebenswert Vater gewesen sei, als sie ihn
kennen lernte, und sie erzhlt ihnen, wie hochstrebend und arbeitsam er
im Anfang seiner Laufbahn gewesen sei. Sie sollten zrtlich und
liebevoll gegen ihn sein. Sie drften nie vergessen, wie unglcklich er
wre.

Wenn Ihr so recht gut gegen Vater seid, dann hat er vielleicht Mitleid
mit Euch und lt Euch wieder nach Hause zu mir kommen, schreibt
Mutter.

Mutter erzhlt, da sie beim Pfarrer und beim Brgermeister gewesen sei,
um zu fragen, ob es nicht mglich wre, die Knaben wieder zu bekommen.
Aber alle beide htten ihr gesagt, da es keinen Ausweg gebe. Die Knaben
mten bei ihrem Vater bleiben. Mutter wolle gern nach Stockholm
bersiedeln, um ihre Jungen wenigstens ab und zu sehen zu knnen, aber
alle Menschen rieten ihr, sich zu gedulden und noch zu warten. Sie
glaubten, da Vater die Knaben bald satt bekommen und sie wieder
heimschicken werde. Mutter wisse nicht recht, was sie tun solle.
Einerseits finde sie es schrecklich, da ihre Knaben in Stockholm ohne
irgend jemand lebten, der sich ihrer annehme; und andrerseits wisse sie:
wenn sie ihr Heim verliee und ihre Anstellung aufgbe, knnte sie sie
nicht bei sich aufnehmen und versorgen, falls sie frei wrden. Aber zu
Weihnachten werde Mutter auf jeden Fall nach Stockholm kommen und nach
ihnen sehen.

Die Knaben schreiben und erzhlen, was sie den ganzen Tag tun, Stunde
fr Stunde. Sie lassen Mutter wissen, da sie Vater das Essen holen und
ihm das Bett machen. Sie begreift, da sie sich bemhen, ihr zuliebe gut
gegen ihn zu sein, aber sie merkt, da sie ihn nicht besser leiden
knnen als frher.

Ihre kleinen Jungen scheinen immer einsam zu sein. Sie wohnen in einer
groen Stadt, wo es von Menschen wimmelt, aber niemand fragt nach ihnen,
niemand beachtet sie. Und vielleicht ist es noch am besten so. Wer wei,
in was sie hineingeraten knnten, wenn sie irgendwelche Bekanntschaften
machten!

Sie bitten sie immer, sich ihrethalben keine Sorgen zu machen. Sie
wrden sich schon durchschlagen. Sie erzhlen, da sie sich die Strmpfe
stopfen und die Knpfe annhen. Sie deuten auch an, da Lennart mit
seiner Erfindung sehr weit gekommen sei, und sagen, da alles gut sein
werde, sowie die fertig wre.

Aber Mutter lebt in bestndiger Angst. Tag und Nacht sind ihre Gedanken
bei den Knaben. Tag und Nacht betet sie zu Gott, er mge ber ihre
kleinen Shne wachen, die einsam in einer groen Stadt leben, ohne
irgend jemand, der ihre Augen gegen die Lockungen der Verderbnis schtzt
und ihre jungen Herzen vor der Lust zum Bsen bewahrt.

       *       *       *       *       *

Vater und die Knaben sitzen eines Vormittags in der Oper. Einer von
Vaters frheren Kollegen, der der Hofkapelle angehrt, hat ihn
eingeladen, der Probe zu einem Symphoniekonzert beizuwohnen, und Vater
hat die Knaben mitgenommen. Als das Orchester einsetzt und das Haus von
den Tonwellen erfllt wird, gert Vater in so heftige Bewegung, da er
sich nicht beherrschen kann, sondern zu weinen anfngt. Er schluchzt,
schneuzt sich geruschvoll und sthnt ein Mal um das andre auf. Er legt
sich gar keinen Zwang mehr an, sondern wird so laut, da die Spielenden
gestrt werden. Ein Diener kommt und winkt ihm ab, darauf nimmt Vater
die Knaben bei der Hand und schleicht sich ohne ein Wort des
Widerspruchs hinaus, und den ganzen Heimweg hren seine Trnen nicht auf
zu flieen.

Vater hat die Hnde der Knaben in den seinen behalten und geht mit einem
Jungen an jeder Seite einher. Ganz pltzlich fangen auch die Knaben zu
weinen an. Sie verstehen nun zum ersten Male, wie Vater seine Kunst
geliebt hat. Es war entsetzlich fr ihn gewesen, versoffen und verkommen
dazusitzen und andre spielen zu hren. Es war ein Jammer, da er nicht
das geworden war, was er htte werden sollen. Es war fr Vater so, wie
es fr Lennart wre, wenn er seine Flugmaschine nie fertigbrchte, oder
fr Hugo, wenn er keine Entdeckungsreise machen drfte. Zu denken, da
sie einmal als untaugliche Greise dasitzen und sich zu Hupten prchtige
Luftschiffe dahinbrausen sehen sollten, die sie weder erfunden htten
noch lenken drften!

       *       *       *       *       *

Die Jungen sitzen eines Vormittags daheim und haben ihre Bcher vor
sich. Vater hat eine Notenrolle unter den Arm genommen und ist
ausgegangen. Er hat etwas davon gemurmelt, da er eine Musiklektion zu
geben htte, aber die Knaben haben sich keinen Augenblick einreden
lassen, da dies die Wahrheit sei.

Vater ist schlechter Laune, wie er so ber die Strae geht. Er hat den
Blick bemerkt, den die Knaben wechselten, als er sagte, da er zu einer
Musiklektion ginge. Sie werfen sich zum Richter auf ber ihren Vater,
denkt er.

Ich bin zu nachsichtig gegen sie. Ich htte jedem eine Ohrfeige geben
sollen. Sicherlich hetzt ihre Mutter sie gegen mich auf.

Wie wre es, wenn ich mich ein wenig nach den Herrchen umshe? fhrt
er fort. Es knnte gewi nichts schaden, sich zu berzeugen, wie sie
ihren Studien obliegen.

Er kehrt um, geht rasch durch den Hof, ffnet ganz leise die Tre und
steht in dem Zimmer der Knaben, ohne da einer von ihnen ihn htte
kommen hren. Und richtig: die Knaben fahren mit ganz roten Kpfen auf,
und Lennart reit ngstlich ein Bndel Papiere an sich, das er in die
Schreibtischlade wirft.

Als die Knaben ein paar Tage in Stockholm waren, da hatten sie gefragt,
in welche Schule sie gehen wrden, und Vater hatte geantwortet, mit
ihrem Schulbesuch sei es jetzt aus. Er wrde versuchen, einen Meister zu
finden, der sie in die Lehre nehmen wollte. Dies hatte er jedoch nie ins
Werk gesetzt, und die Knaben hatten auch nicht weiter von ihrem
Schulbesuch gesprochen. Doch nach kaum einer Woche hing in dem Zimmer
der Knaben ein Stundenplan an der Wand. Schulbcher wurden
hervorgesucht, und jeden Vormittag saen die Knaben an einem alten
Schreibtisch und machten Aufgaben. Es war offenbar: sie hatten einen
Brief von Mutter bekommen, der sie ermahnte, auf eigne Faust zu
arbeiten, um nicht alles zu vergessen, was sie gelernt htten.

Als Vater jetzt so unerwartet zu ihnen hereinkommt, geht er zuerst hin
und studiert den Stundenplan. Er zieht seine Uhr heraus und vergleicht.
Mittwoch von zehn bis elf: Geographie. Dann kommt er an den Tisch
heran. Httet ihr in dieser Stunde nicht eigentlich Geographie? fragt
er. -- Ja, antworten die Knaben, flammend rot im Gesicht. -- Aber wo
habt ihr das Geographiebuch und den Atlas? -- Die Knaben werfen einen
Blick auf das Bcherbrett und sehen tdlich verlegen aus. Wir haben
noch nicht angefangen, sagt Lennart. -- So, so, sagt Vater. Ihr habt
wohl etwas andres vor. Und er richtet sich ganz vergngt auf. Er hat
jetzt die Oberhand, und die will er behalten, bis er die Knaben
grndlich an die Wand gedrckt hat.

Die beiden Knaben schweigen. Seit dem Tage, da sie mit Vater in die Oper
gingen, haben sie Mitleid mit ihm, und es hat ihnen nicht soviel
berwindung gekostet wie frher, artig gegen ihn zu sein. Aber natrlich
haben sie keinen Augenblick daran gedacht, Vater ins Vertrauen zu
ziehen. Er ist in ihrem Ansehen nicht gestiegen, wenn er ihnen auch leid
tut.

Habt ihr einen Brief geschrieben? fragt Vater mit seiner strengsten
Stimme. -- Nein, rufen die beiden Knaben wie aus einem Munde. -- Was
habt ihr denn getan? -- Wir haben nur geplaudert. -- Das ist nicht
wahr! Ich habe gesehen, wie Lennart etwas in die Schreibtischlade
gesteckt hat. -- Jetzt schweigen die beiden Knaben wieder. -- Nehmt es
heraus! ruft Vater, rot vor Zorn. Er glaubt, da die Shne an seine
Frau geschrieben htten; und da sie ihm den Brief nicht zeigen wollten,
stnde natrlich etwas Hliches ber ihn darin. Die Knaben rhren sich
nicht, und Vater hebt die Hand, um nach Lennart zu schlagen, der vor der
Schublade sitzt. -- Rhr ihn nicht an! ruft Hugo. Wir haben nur ber
etwas gesprochen, was Lennart sich ausgedacht hat.

Hugo schiebt Lennart weg, reit die Lade auf und zieht einen Bogen
Papier hervor, der mit Luftschiffen in den wunderlichsten Formen
vollgekleckst ist. Lennart hat sich heute nacht ein neues Segel fr
sein Luftschiff ausgedacht. Und darber haben wir gesprochen.

Vater will ihm nicht glauben. Er beugt sich hinunter, durchsucht die
Lade, findet aber nichts andres als Bogen Papier, bedeckt mit
Zeichnungen, die Luftballons, Fallschirme, Flugmaschinen und alles andre
vorstellen, was zur Luftschiffahrt gehrt.

Zum grten Staunen der Knaben schleudert Vater dies alles nicht gleich
fort, er lacht auch nicht ber ihre Versuche, sondern er betrachtet
Blatt fr Blatt genau. Vater hat nmlich auch ein wenig Anlage zur
Mechanik; und er hat sich einstmals, als sein Hirn noch zu etwas taugte,
fr solche Dinge interessiert. Bald beginnt er Fragen nach dem Zweck von
diesem und jenem zu stellen; und da seine Worte verraten, da er groen
Anteil nimmt und das, was er sieht, versteht, bekmpft Lennart seine
Verlegenheit und antwortet ihm zuerst zgernd, doch allmhlich mit immer
grerer Bereitwilligkeit.

Bald sind Vater und die Knaben in eine tiefsinnige Diskussion ber
Luftschiffe und Flugmaschinen vertieft. Nachdem sie so recht in Zug
gekommen sind, plaudern die Knaben unbefangen und teilen Vater alle ihre
Plne und Trume mit. Und wenn Vater auch begreift, da die Knaben mit
den Luftschiffen, die sie jetzt konstruieren, nicht weit fliegen knnen,
imponiert ihm die ganze Sache doch. Seine kleinen Shne sprechen von
Aluminiummotoren, Aeroplanen und Gleichgewichtslagen wie von den
selbstverstndlichsten Dingen. Er hat sie fr rechte Dummkpfe gehalten,
weil sie in der Schule nicht gut vorwrts kamen. Jetzt scheint es ihm
mit einem Male, da sie ein paar kleine Gelehrte seien.

Und hochfliegende Gedanken und Hoffnungen, -- das versteht Vater besser
als irgend jemand. Er erkennt es wieder: er hat selbst so getrumt und
hat durchaus keine Lust, ber solche Trume zu lachen.

An diesem Vormittag geht Vater nicht mehr aus, sondern bleibt sitzen und
plaudert mit seinen Knaben, bis es Zeit ist, das Mittagessen zu holen
und den Tisch zu decken. Und da sind Vater und die Knaben zu ihrer
groen berraschung richtig gute Freunde.

       *       *       *       *       *

Es ist elf Uhr abends, und Vater taumelt durch die Straen. Die kleinen
Jungen gehen neben ihm. Sie haben ihn im Wirtshaus gesucht und haben
sich dicht an die Tr gestellt, ohne ein Wort zu sagen. Vater sa allein
an einem Tisch, einen groen dunkeln Toddy vor sich, und hrte einer
Damenkapelle zu, die am andern Ende des Zimmers spielte. Nach einem
Weilchen war er unwillig aufgestanden und zu den Knaben hingegangen.
Was soll das heien? hatte er gefragt. Warum kommt ihr hierher? --
Du solltest doch nach Hause kommen, Vater, sagten die Knaben. Es ist
doch der fnfte Dezember. Du hast ja versprochen -- -- --

Da hat sich Vater erinnert, da Lennart ihm anvertraut hatte, heute sei
Hugos Geburtstag, und da er versprochen htte, beizeiten nach Hause zu
kommen. Aber das hatte er ganz vergessen. Hugo erwartete sich wohl ein
Geburtstagsgeschenk von ihm, aber er hatte nicht daran gedacht, eins zu
besorgen.

Auf jeden Fall ist er mit den Knaben gegangen, und nun wandert er,
unzufrieden mit ihnen und mit sich selbst, die Strae entlang. Als er
heimkommt, steht der Geburtstagstisch gedeckt. Die Knaben haben es
festlich machen wollen. Lennart hat Kuchen gebacken, die jetzt ein paar
Stunden alt sind und wie Lappen aussehen. Sie haben von Mutter ein
bichen Geld bekommen, und dafr haben sie Nsse, Mandeln und eine
Flasche Himbeersaft gekauft.

Alle diese Herrlichkeiten haben sie nicht allein genieen wollen,
sondern haben gewartet, da Vater heimkomme und sie mit ihnen teile.
Nachdem sie sich nun mit Vater befreundet haben, knnen sie ein so
groes Fest nicht ohne ihn feiern. Vater versteht das schon. Es
schmeichelt ihm, da sie sich nach ihm gesehnt haben, und in leidlich
guter Laune lt er sich an dem Tisch nieder. Aber halb betrunken, wie
er ist, strauchelt er, als er Platz nehmen will, er hlt sich an der
Tischdecke fest, fllt zu Boden und zieht alle Herrlichkeiten mit. Als
er wieder aufsteht, sieht er, wie der Himbeersaft ber den Boden strmt
und Backwerk und Konfekt zwischen Scherben von Porzellan und Glas
verstreut liegen.

Vater wirft einen Blick auf die langen Gesichter der Knaben, luft zur
Tre hinaus und kommt nicht vor dem Morgengrauen heim.

       *       *       *       *       *

An einem Vormittag im Februar gehen die Knaben mit Schlittschuhen ber
der Schulter durch die Strae. Sie sind nicht recht dieselben. Sie sind
mager und bla geworden und sehen ungepflegt und nachlssig aus. Ihr
Haar ist nicht geschnitten, sie sind nicht ordentlich gewaschen, und
Strmpfe und Schuhe zeigen Lcher. Wenn sie miteinander sprechen,
brauchen sie eine Menge Gassenjungenausdrcke, und es kommt auch vor,
da ein Fluch ber ihre Lippen gleitet.

Es ist ein Umschwung bei den Knaben eingetreten, und dies schreibt sich
von dem Abend her, an dem Vater verga, heimzukommen und Hugos
Geburtstag zu feiern. Es war, als htte sie bis dahin doch die Hoffnung
aufrecht erhalten, da eine baldige nderung in ihrem Schicksal
eintreten wrde. In der ersten Zeit hatten sie darauf gerechnet, da
Vater ihrer bald mde werden und sie wieder heimschicken wrde. Dann
hatten sie sich eingebildet, Vater wrde sie liebgewinnen und um
ihretwillen zu trinken aufhren. Ja, sie hatten sich gedacht, da Mutter
und er sich vershnen knnten, und da sie alle glcklich sein wrden.
Aber an jenem Abend wurde es ihnen klar, da dies alles unmglich war.
Vater konnte nichts andres lieben als das Saufen. Wenn er auch ab und zu
einmal gut gegen sie war, so machte er sich doch eigentlich nichts aus
ihnen.

Und eine schwere Hoffnungslosigkeit bemchtigte sich der Knaben. Nichts
knnte je anders werden. Sie wrden nie von Vater loskommen. Sie hatten
das Gefhl, als wren sie verurteilt, ihr ganzes Leben lang in einem
dunkeln Gefngnis eingeschlossen zu sitzen.

Nicht einmal ihre groen Plne konnten sie trsten. Festgekettet, wie
sie hier saen, knnten sie die ja nie zur Ausfhrung bringen. Da sie ja
doch nicht einmal etwas lernen durften ...! Sie kannten die Geschichte
der groen Mnner gut genug, um zu wissen, da jeder, der etwas
Bedeutendes leisten will, vor allem Kenntnisse braucht.

Der hrteste Schlag aber war gewesen, da Mutter zu Weihnachten nicht zu
ihnen gekommen war. Zu Anfang des Dezembers war sie auf der Treppe
gefallen und hatte sich ein Bein gebrochen, so da sie whrend der
Weihnachtsferien im Krankenhaus liegen mute und nicht nach Stockholm
reisen konnte. Jetzt war Mutter wohl auf, aber jetzt hatte auch ihre
Schule wieder begonnen. berdies hatte sie kein Geld zur Reise. Alles,
was sie zusammengespart hatte, war whrend ihrer Krankheit
draufgegangen.

Die Knaben fhlten sich von der ganzen Welt verlassen. Es war ganz klar,
da es ihnen nie besser gehen wrde, wie sehr sie sich auch anstrengten;
und darum hatten sie so allmhlich aufgehrt, sich mit dem zu plagen,
was ihnen langweilig schien. Sie konnten ja ebensogut etwas tun, was
ihnen Spa machte.

Manchmal betteten sie ihre Betten tagelang nicht auf, und sie hrten
ganz auf, die Zimmer zu kehren. Es kam ja auf eins heraus. Es besuchte
sie ja doch niemand, um nachzusehen, wie es ihnen ginge.

Vater kam immer tiefer herunter. Er versuchte manchmal, sich
aufzurtteln und die Knaben zur Ordnung anzuhalten, aber das waren nur
ohnmchtige Anlufe. Er verga seine Befehle ebenso rasch, wie er sie
gegeben hatte.

Die Knaben hatten auch angefangen, die Vormittagsarbeit zu
vernachlssigen. Niemand hrte ihnen die Aufgaben ab; und da hatte es ja
keinen Zweck, da sie lernten. Es war jetzt seit ein paar Tagen gutes
Eis; so machten sie sich lieber Ferien und liefen Schlittschuh, solang
es Tag war. Auf dem Eise gab es auch immer eine Menge andre Jungen, und
sie hatten mit mehreren Bekanntschaft gemacht, die auch lieber
Schlittschuh liefen als daheim saen und lernten.

Heute nun ist ein so wunderschner Tag, da sie unmglich im Zimmer
bleiben knnen. Es sind nur ein paar Grad Klte, -- stille, hohe Luft
und klarer Sonnenschein. Es ist so herrliches Wetter, da die Schulen
Eislaufferien gegeben haben. Die ganze Strae ist voll von Kindern, die
daheim waren, um ihre Schlittschuhe zu holen, und jetzt dem Eise
zueilen.

Wie die Knaben so unter den andern Kindern einhergehen, sehen sie sehr
ernst und schwermtig aus. Kein Lcheln huscht ber ihr Gesicht. Ihr
Unglck ist so gro, da sie es keinen Augenblick vergessen knnen.

Als sie aufs Eis kommen, herrscht dort Leben und Bewegung. Das Ufer ist
von einer dichten Menschenmenge umsumt, weiter drauen schwirren die
Schlittschuhlufer durcheinander wie Ameisen, deren Haufen beschdigt
worden ist; noch weiter weg sieht man einzelne schwarze Punkte, die in
blitzschneller Fahrt dahingleiten.

Die Knaben schnallen die Schlittschuhe an und mischen sich unter die
brigen Lufer. Sie laufen sehr gut; und wie sie so in voller Fahrt ber
das Eis schieen, bekommen ihre Wangen Farbe und die Augen Glanz, doch
nicht eine Minute sehen sie froh und sorglos aus wie andre Kinder.

Auf einmal, als sie gerade eine Wendung zum Ufer machen, erblicken sie
etwas sehr Schnes. Ein groer Luftballon kommt aus der Richtung von
Stockholm und treibt zur Ostsee hin. Er ist rot und gelb gestreift; und
als die Sonne darauf fllt, leuchtet er wie eine Feuerkugel. Die Gondel
ist mit einer Menge bunter Fhnchen geschmckt, und da der Ballon nicht
sehr hoch fliegt, ist das lebhafte Farbenspiel sehr gut zu sehen.

Als die Knaben den Ballon erblicken, stoen sie einen Freudenschrei aus.
Es ist das erste Mal in ihrem Leben, da sie einen groen Ballon durch
die Luft segeln sehen. Er ist viel schner, als sie ihn sich vorgestellt
haben. Alle die Trume und Plne, die in so vielen schweren Tagen ihr
Trost und ihre Freude waren, tauchen wieder auf, da sie ihn erblicken.
Sie bleiben stehen, um zu sehen, wie die Stricke und Leinen befestigt
sind, sie bemerken den Anker und die Sandscke an der Gondelkante.

Der Ballon streicht mit scharfer Geschwindigkeit ber die vereiste
Bucht. Alle Schlittschuhlufer, gro und klein durcheinander, strzen
ihm lachend und rufend entgegen, als er sich zeigt, und eilen ihm dann
nach. Sie folgen ihm in einer langen geschwungnen Linie, wie ein
ungeheures Schlepptau. Und die Luftschiffer vergngen sich damit, eine
Menge Papierchen in verschiednen Farben auszuwerfen, die langsam durch
die blaue Luft flattern.

Die Knaben sind die vordersten in der langen Reihe, die dem Ballon
nachjagt. Sie eilen voran, den Kopf zurckgeworfen, den Blick nach oben
gerichtet. Zum ersten Male, seit sie von ihrer Mutter getrennt sind,
strahlen ihre Augen von Glck. Sie sind ganz auer sich vor Entzcken
ber das Luftschiff und denken an nichts andres, als ihm solange zu
folgen wie nur mglich.

Doch der Ballon treibt rasch dahin, und man mu schon ein guter Lufer
sein, um nicht zurckzubleiben. Die Schar, die ihm nachjagt, lichtet
sich, aber an der Spitze deren, die die Verfolgung fortsetzen, sind die
kleinen Knaben. Sie sind so eifrig, da man auf sie aufmerksam wird.
Spter sagten die Leute, es sei etwas eignes ber ihnen gewesen. Sie
lachten nicht, sie riefen nicht, aber es ruhte ein Glanz der
Hingerissenheit auf ihren emporgewandten Gesichtern, als shen sie eine
Vision.

Der Ballon wirkt auf die Kleinen auch fast so wie ein himmlischer
Wegweiser, der kme, sie auf den rechten Pfad zurckzufhren und sie zu
lehren, ihn mit frischem Mut zu gehen. Wie die Knaben ihn erblicken,
schwellen ihre Herzen vor Sehnsucht danach, wieder an der groen
Erfindung zu arbeiten. Sie sind wieder gewi, da es ihnen gelingen
wird. Wenn sie nur ausharren, werden sie sich schon zum Siege
durchringen. Und der Tag wird kommen, da sie ihr eignes Luftschiff
besteigen und in den Raum hinaufschweben werden. Ja, eines Tages werden
sie dort oben hoch ber den Menschen fliegen. Und ihr Luftschiff wird
weit vollkommner sein als dieses, das sie jetzt sehen. Es wird sich
lenken und drehen, senken und heben lassen, wird gegen den Wind und ohne
Wind gehen. Es wird sie durch Tage und Nchte tragen, wohin sie nur
wollen. Sie werden sich auf den hchsten Berggipfeln niederlassen, die
desten Wsten durchfahren, die am schwersten zugnglichen Gegenden
erforschen. Sie werden alle Herrlichkeit der Welt sehen.

Wir drfen es nicht aufgeben, Hugo, sagt Lennart. Es wird prchtig
sein, wenn wir nur fertig werden.

Vater und sein Unglck, -- das ist etwas, was sie gar nichts mehr
angeht. Wer ein so groes Ziel hat wie sie, kann sich wohl nicht von
etwas Erbrmlichem hindern lassen.

Je weiter der Ballon kommt, desto grer wird seine Geschwindigkeit. Die
Schlittschuhlufer haben nun aufgehrt, ihn zu verfolgen. Die einzigen,
die die Jagd fortsetzen, sind die kleinen Knaben. Sie eilen so rasch und
leicht dahin, als htten sie Flgel an den Fen.

Pltzlich entringt sich den Menschen, die auf dem Lande stehen und weit
ber die Bucht schauen knnen, ein Schrei des Entsetzens und der Angst.
Sie sehen, wie der Ballon, noch immer von den zwei Kindern verfolgt, dem
offnen Fahrwasser zugleitet.

Drauen ist offnes Wasser! Offnes Wasser! So rufen die Menschen.

Die Schlittschuhlufer unten auf dem Eise hren die Rufe und wenden ihre
Blicke der Mndung der Bucht zu. Sie sehen, da weit drauen ein
Streifen Wasser in der Sonne glitzert. Sie sehen auch, da zwei kleine
Knaben gerade auf diesen Streifen zulaufen, den sie nicht bemerken,
weil sie die Augen auf den Ballon geheftet haben, ohne sie auch nur
einen Moment zur Erde zu wenden.

Man ruft mit aller Macht, man stampft auf das Eis, Schnellufer eilen
dahin, sie aufzuhalten. Aber die Kleinen merken nichts von alledem, wie
sie so dem Luftschiff nachjagen. Sie wissen nicht, da sie die einzigen
sind, die es verfolgen: sie hren keine Rufe hinter sich, sie vernehmen
nicht das Wogen und Brausen des offnen Wassers vor sich. Sie sehen nur
den Ballon, der sie gleichsam mitzieht. Schon fhlt Lennart, wie sein
eignes Luftschiff sich unter ihm erhebt, und Hugo schwebt ber den
geheimnisvollen Gegenden des Nordpols dahin.

Die Leute auf dem Eise und am Strande sehen, wie rasch sich die Knaben
dem offnen Wasser nhern. Ein paar Augenblicke herrscht eine so atemlose
Spannung, da sie weder rufen noch ein Glied rhren knnen. Es liegt wie
eine Verzauberung ber den beiden Kindern, die in ihrem wilden
Dahinstrmen nichts merken, die dem Tode zueilen, einer strahlenden
Himmelserscheinung nach.

Die Luftschiffer oben im Ballon haben nun auch die kleinen Knaben
bemerkt. Sie sehen, da sie in Gefahr sind, sie schreien ihnen zu und
machen warnende Gebrden, aber die Knaben verstehen sie nicht. Als sie
sehen, da die Luftschiffer ihnen Zeichen machen, glauben sie, jene
wollten sie in die Gondel hinaufnehmen. Sie strecken die Arme zu ihnen
empor, berglcklich in der Hoffnung, ihnen durch den strahlenden Raum
folgen zu drfen.

In diesem Augenblick haben die Knaben den Wasserrand erreicht, mit
emporgewendeten, freudestrahlenden Gesichtern und aufgehobnen Armen
gleiten sie ins Meer und verschwinden ohne einen Hilferuf. Die
Schlittschuhlufer, die versucht haben, sie einzuholen, stehen ein paar
Sekunden spter an der Eiskante, aber die Strmung hat die Krper unter
das Eis gezogen, und keine helfende Hand kann sie erreichen.




Der erste im ersten Jahr des zwanzigsten Jahrhunderts


Es war am Neujahrsmorgen des Jahres 1900. Die Uhr zeigte fast die neunte
Stunde, aber im Kirchspiel Svartsj in Wermland war es noch beinah ganz
dunkel. Die Sonne war noch nicht ber die langgestreckten niedrigen
Waldfirste emporgestiegen.

Gerade als die Glocke schlug, ffnete sich die Tr zum Pfarrhofe, und
der Pfarrer trat heraus, um in die Kirche zu gehen. Doch als er die
Treppe hinuntergegangen war, blieb er stehen, um auf jemand zu warten.
Er war ein junger und eifriger Mann; er stand da und stampfte den Schnee
wie ein ungeduldiges Pferd.

Endlich zeigte sich seine Frau in der Tr. Sie war erstaunt, da er sich
die Zeit genommen hatte, auf sie zu warten. Das ist schn, da du
gewartet hast, sagte sie. -- Nein, antwortete der Mann und lchelte,
das ist nicht schn. Ich mchte mit dir ber etwas sprechen.

Die Glocken der Svartsjer Kirchen begannen zu luten, als er dies
sagte. Er trat nher an die Frau heran und fragte sie, ob sie hre, da
gerade jetzt die Glocken in Lfwik am andern Ufer des Sees und dort
oben in Bro auch luteten?

Es ist etwas Schnes um allen diesen Glockenklang, sagte der Pfarrer.
-- Ja, sagte sie, ja, so ist es. -- Hast du daran gedacht, da sie
heute Nacht in jeder Kirche in ganz Wermland das neue Jahr eingelutet
haben? Die groen Erzschlnde haben es in die dunkle Winternacht
hinausgerufen, von den kleinen Kapellchen in Finmarken gerade so wie vom
Domkirchenturm in Karlstad. -- Ja, sagte sie, daran hab ich auch
gedacht.

Aber nicht nur in Wermland ... sagte der Pfarrer. In ganz Schweden
sind heute Nacht die Kirchenglocken erklungen, ja, auf einem groen Teil
der Erde. -- Ja, das wird schon so sein, sagte die Pastorin und wute
nicht recht, worauf der Mann hinauswolle.

Das neue Jahr, das heute Nacht geboren wurde, hat noch kaum etwas
andres erlebt als dies Glockengelute, fuhr der Pfarrer fort. Zuerst
lag es ein wenig schlaftrunken und verschchtert oben in den Wolken und
wiegte sich und konnte in der tiefen Finsternis gar nicht sehen, woher
es gekommen wre. Da begegnete ihm der Glockenklang, der zu ihm
hinaufdrang: stark und volltnig aus den groen Stdten, wo die Kirchen
einander nahestehen, schwcher und gleichsam rhrend eintnig aus den
kleinen verstreuten Dorfkirchlein. Ich lag heute morgen da und dachte
daran, seit wir von dem Mitternachtsgottesdienste heimkamen. Als wir
nach der Kirche heimgingen, da hast du etwas gesagt, was mich nicht
schlafen lie.

Die Frau wute sofort, was er meinte. Auf dem Heimwege hatten sie von
der alten versperrten und versiegelten Truhe gesprochen, die Magister
Eberhard Berggren vor achtzig Jahren in die Svartsjer Kirche gestellt
hatte, mit der Vorschrift, da sie nicht vor dem Neujahrstag des Jahres
neunzehnhundert erffnet werden drfe. Die Frau hatte gesagt, sie finde
es unrecht, da sie jetzt hervorgenommen und geffnet werden solle.
Jedermann wute ja, da die Truhe nichts andres enthielt als Schriften
des Unglaubens und der Gottesleugnung.

Doch der Pfarrer hatte gemeint, wenn das Kirchspiel einmal die Truhe in
seine Obhut genommen und versprochen htte, Magister Eberhards Willen zu
erfllen, so knnte man nicht umhin, sie zu erffnen. Niemand wte ja
auch so recht, was eigentlich darin wre.

Ich habe gehrt, da der alte Eberhard ein Gottesleugner war, hatte
die Frau geantwortet. -- Ja, das hatte der Pastor auch gehrt. -- Wr
ich du, beharrte die Pastorin auf ihrer Meinung, ich wrde erwirken,
da die Gemeinde beschlsse, die Truhe stehen zu lassen, wie sie steht.
-- Nein, aber Frau, fiel da der Pfarrer ein, willst du mich
vielleicht glauben machen, da dieser alte Ekebykavalier imstande sein
knnte, auch nur einen einzigen Menschen in seinem Gottesglauben zu
erschttern?

Das hatte die Pastorin zugegeben. Sie glaubte nicht, da die Schriften
gefhrlich seien, aber sie meinte, es sei hlich, da sie durch einen
christlichen Geistlichen und seine Gemeinde ans Licht gezogen werden
sollten. Es lge etwas Anstiges darin. Er knnte seinen Pfarrkindern
doch wenigstens vorschlagen, die Truhe unerffnet zu lassen.

Aber es ist eines toten Mannes Wille, hatte der Pfarrer geantwortet;
und als die Frau sah, da sie sich nicht einigen konnten, hatte sie
geschwiegen.

Als ihr nun der Mann sagte, da ihre Worte ihn so frh am Morgen geweckt
htten, da wurde sie sehr froh und fragte sogleich, ob er zu ihrer
Meinung bergegangen sei.

Das wird davon abhngen, was ich dich jetzt fragen will. -- Ja, ich
werde dir gewi nicht meine Zustimmung geben, diese Truhe zu ffnen. --
Der Pfarrer lachte. -- Dessen sollst du nicht so gewi sein, sagte er.

Ich erwachte sehr frh, fuhr der Pfarrer fort, und rieb sogleich ein
Zndhlzchen an. Die Glocke schlug drei, und das erste, was ich dachte,
war, da heute Nacht das neunzehnte Jahrhundert zu Ende gegangen ist,
und da wir jetzt neunzehnhundert schreiben. Und dabei mute ich an den
Glockenschlag denken, der die Nacht erfllte, und an das neugeborne
Jahr, das da lag und lauschte. Wie ich so im Halbschlummer lag, sah ich
deutlich vor mir, da das alte Jahr irgendwo im fernen Osten auf einem
Scheiterhaufen verbrannt worden war, und das neue Jahr war aus der
Asche hervorgekrochen und hatte die Flgel ausgebreitet und war
ausgezogen, die Welt in Besitz zu nehmen. Jetzt wiegt es sich wohl in
dem Glockenklange der Klster und Kirchen Palstinas, dachte ich. Es
braucht die Flgel gar nicht zu bewegen, dachte ich weiter. Es hlt sie
nur ausgespannt, und dann kommen die Tonwellen und ergreifen es und
wiegen es von einem Land zum andern. Ja, es liegt nur da und wiegt und
schaukelt sich. In der Dunkelheit wei es gar nicht, wohin es kommt.
Alles, was es vernimmt, ist Glockenklang, und vielleicht noch
Kirchengesang, Orgelton und die Schritte derer, die zur Christmette
wandern.

Das neue Jahr wird fhlen, da es ber heiliger Erde schwebt, dachte
ich. Und ich fhlte mich ganz gerhrt, wie ich da lag. Jetzt ist es ber
die Sankt Peterskirche in Rom gewiegt worden, und dann ist es ber die
Alpen nach Deutschland hinaufgeflattert. Spter am Tage wird es bis zu
uns heraufschweben.

Aber whrend ich so sann, wurde mir ganz weich zumute, und da kamen
deine Worte mir wieder in den Sinn. Wenn also das neue Jahr ber
Wermland und Svartsj geschwebt kme, dann sollte es hier einen Priester
und seine Gemeinde sehen, die eine Truhe mit Schriften des Unglaubens
ffneten. Und es schien mir sehr traurig, da es so etwas schauen
sollte, nach allem dem Schnen, das es bisher erlebt hat. In Rom bei den
Katholiken hatte es den Papst die heilige Pforte ffnen und das Jubeltor
einweihen sehen, und hier oben im Norden sollte es uns den Riegel
erffnen sehen, der Zweifel und Gottesleugnung einschlo. Das neue Jahr
wird eine zu schlechte Meinung von uns bekommen, sagte ich. Es geht
einfach nicht an, diese Truhe zu ffnen.

Siehst du wohl! Ich wute, da du zu meiner Partei bergehen wrdest,
sagte die Pastorin.

Es hat nicht viel daran gefehlt, sagte der Pfarrer; aber gleich
darauf stand es mir wieder vor Augen, wie unmglich es sei, gegen eines
toten Mannes Willen zu handeln. Ja, es war unmglich, -- das eine wie
das andre: die Truhe zu ffnen wie sie geschlossen zu lassen. Und ich
begann mich zu fragen, ob es denn keinen Ausweg gbe. Wenn man eine
Sache nur lange genug berdenkt, pflegt man schlielich doch
herauszufinden, was das Rechte ist. Ich lag da und grbelte stundenlang.
Ich dachte alles durch, was ich vom Magister Eberhard Berggren wute, um
Klarheit darber zu gewinnen, was er in diese Truhe gelegt haben
mochte.

Hast du es also herausgebracht?

Ich glaube wohl, da ich es herausgebracht habe, aber ich will auch
deine Meinung hren.

Die kennst du schon, sagte die Frau eigensinnig.

Das sollst du nicht so bestimmt sagen, meinte der Pfarrer. Du
solltest zuerst versuchen, dich in die Sache hineinzudenken. Du solltest
versuchen, dich in Magister Eberhards Gedanken zu versetzen. Das hab ich
heute morgen getan. Wenn du nun ein alter Mann wrst, sagte ich zu mir
selbst, wenn du Magister Eberhard Berggren wrst, ein alter gelehrter
Mann, der nicht an Gott glaubte! Ich versuchte mir einzubilden, da ich
mein ganzes Leben am Schreibtisch verbracht htte, ohne Unterla denkend
und schreibend. Ich dachte mir, ich htte Jahr fr Jahr in einer Ecke
des Kavalierflgels auf Ekeby gesessen, mit Bchern und Papieren rings
um mich, -- und Leben und Scherz, Sang und Spiel wren durch die Rume
erbraust, aber ich htte ganz still und stumm hinter einer Mauer von
Bchern gesessen und gearbeitet.

Und dann dachte ich mir weiter, da ich nach vielen, unendlich vielen
und langen Jahren endlich mit meiner Arbeit fertig geworden wre. Und
ich htte ihr alle meine Lebenskrfte geopfert. Ich wre alt und mde
geworden, und in letzter Zeit htte ich auch angefangen zu krnkeln. Ich
htte zuweilen brennende Schmerzen in der rechten Seit gesprt, in der
Gegend der Leber, obgleich ich mir gar nicht die Zeit genommen htte,
mich darum zu bekmmern. Ja, ich htte wohl gar nicht daran gedacht, was
das Werk mich gekostet htte: ich wre nur glcklich gewesen, es
vollendet zu haben.

Ich wre auch natrlich ganz berzeugt gewesen, da alles ganz
vollkommen sei, da nichts fehle. Allen andern Philosophen htte man
irgendeine Lcke im Gedankengang nachgewiesen, aber so etwas knnte mir
nicht passieren. Ich htte meine eigne Philosophie gefunden, und die sei
ganz ohne Makel. Sie sei sicher und fest vom Grunde bis zur Turmspitze.

Ja, ich versuchte mich noch weiter in die Sache hineinzudenken, fuhr
der Pfarrer fort. Wenn ich nun mein Buch fertig htte, was wrde ich
damit anfangen? Es wre ja das allereinfachste, es gleich in die
Druckerei zu schicken. Aber wenn ich solch ein alter Mann wre, wrde
ich mir die Sache sicherlich berlegen. Ich wrde sie mir deshalb
berlegen, weil ich sehr wohl wte: sobald meine Philosophie bekannt
wrde, knnte niemand ihr widerstehen. Alle Menschen wrden dann auf
einmal aufhren, an Gott zu glauben; und die Hoffnung auf ein ewiges
Leben wrden sie gleichfalls verlieren. Und ich mte mir doch sagen,
da eine ganze Menge von jenen, die ich gekannt und geliebt, dies als
ein groes Unglck empfinden wrde. Die Menschen sind schwach, wrde ich
mir selbst sagen, sie knnen die Wahrheit nicht ertragen. Und so
allmhlich wrde ich dahin kommen, da ich den Entschlu fate, mein
Buch zu verwahren und es erst einige Zeit nach meinem Tode an den Tag
kommen zu lassen. Wenn ich es bis zum Jahre neunzehnhundert verwahrte,
dann mte wohl ein neues Geschlecht herangewachsen sein, das das Licht
der Wahrheit besser ertragen knnte. Ich glaube, es wre gar nicht
unmglich, da ich einen solchen Entschlu fassen wrde, wenn ich solch
ein alter Mann wre, sagte der Pfarrer und sah seine Frau an, ihrer
Zustimmung gewi.

Ach nein, antwortete sie, so ganz unmglich wre das wohl nicht.

Wie ich so in der Dunkelheit dalag, glaubte ich sein Leben ganz zu
durchleben, fuhr der Pfarrer fort. Wo sollte ich nun frs erste das
Manuskript hinterlegen? In einem der Herrenhfe knnte ich es nicht
aufbewahren. Die sind alle aus Holz; frher oder spter knnten sie
verbrennen, und dann wre meine Arbeit verloren. Und wenn ich es in
einen Keller legte, dann wrde die Feuchtigkeit es ebenso sicher
zerstren, wie es nur je das Feuer vermchte.

Nein, der einzige sichere Aufbewahrungsort, den ich mir denken knnte,
wre wohl eine der Kirchen in Bro oder Svartsj, die aus Stein erbaut
sind. Nun mu ich sagen: wenn ich ein solcher alter Heide wre, dann
wrde ich wohl eine gewisse Abneigung dagegen empfinden, meine Arbeit in
einer Kirche aufzubewahren. Aber ich wrde mich schon bald mit dem
Gedanken trsten: wenn ich so sicher wei, da es keinen Gott gibt, kann
ich meine Arbeit schlielich ebenso gut in eine Kirche legen wie in
irgendein andres Gebude.

Ja, den Tag, an dem ich alles fertig htte, so da ich meine groe
Dokumententruhe in den Schlitten legen und mit ihr nach Svartsj fahren
knnte, wrde ich sicherlich als einen groen Festtag ansehen. Denn ich
glaube, wenn ich ein so alter umsichtiger Mann wre, wrde ich meine
Truhe lieber in Svartsj verwahren als in Bro, weil der Vikar in
Svartsj ein viel nachgiebigerer Mann war als der Propst in Bro. Ja,
wahrhaftig, -- wre ich nicht vergngt an diesem Wintertage, wenn ich
bei guter Schlittenbahn mit einem flinken Pferde von Ekeby fortfhre?
Wenn ich auch in den letzten Tagen jene innerlichen Schmerzen gesprt
htte, so wte ich doch ganz genau, da sie an einem Tage wie diesem
ganz wie fortgeblasen wren. Ich wrde nur dasitzen und denken, welche
Wirkung es haben mte, wenn mein Buch einmal in die Welt hinauszge,
und wie berhmt mein Name da auf einmal sein wrde. Das ganze Jahr
neunzehnhundert wrden die Menschen von niemand anders sprechen als von
Eberhard Berggren.

Aber obgleich ich so stolze Gedanken htte, whrend ich so ber die
Strae kutschierte, wrde ich doch einen Wandrer bemerken, der mit dem
Rnzel auf dem Rcken und einem groen Bgeleisen in der Hand am
Wegesrand ginge. Und ich wrde zu mir selbst sagen: Sieh da! Da geht der
alte lustige Schneider Lilje! Der arme Teufel mu das Rnzel und das
Bgeleisen schleppen. Ich will ihn doch fragen, ob er nicht ein Stck in
meinem Schlitten fahren will.

Und nun stelle ich mir dies vor: wenn Schneider Lilje das Bgeleisen
und das Rnzel in den Schlitten gelegt und sich selbst auf die Kufen
gestellt htte, wrden er und ich bald ins Gesprch kommen.

Schneider Lilje wrde fragen, wohin ich denn mit der schnen Truhe
wolle, und ich wrde es nicht lassen knnen, ihm zu erzhlen, was darin
sei. >Sieht er, Lilje,< wrde ich wohl sagen, >diese Truhe enthlt das
groe Buch, das ich geschrieben habe, und jetzt fahre ich damit zur
Svartsjer Kirche und verwahre es dort. Wir wollen die Truhe versperren
und versiegeln, der Pfarrer und ich; und niemand darf sie vor dem Jahre
neunzehnhundert ffnen.<

Aber nun wrde es mir auffallen, da Lilje die ganze Zeit still bliebe,
und er pflegte doch sonst keine Minute lang schweigen zu knnen, und
dies wrde mich so verwundern, da ich schlielich fragen mte: >Was
ist denn in ihn gefahren, Lilje, woran denkt er denn?< Und siehst du,
Frau, wenn Lilje dann antwortete, da er sich berlege, ob er mich um
etwas bitten drfte, dann wrde ich ihm gleich die Erlaubnis geben, frei
von der Leber weg zu sprechen.

Wahrscheinlich htte ich in diesem Augenblicke nicht sehr auf Liljes
Geschichte aufgepat, aber spter wrde ich mich doch an jedes Wort
davon erinnern knnen. Ich wrde mich erinnern, da Lilje sagte, er habe
vor ein paar Tagen einen Landstreicher getroffen, der sterbend am
Wegesrande lag. Dieser Mann habe Lilje gebeten, ein kleines Pckchen,
das er ihm reichte, in Verwahrung zu nehmen. Er habe ihm aufgetragen, es
irgendwo aufzuheben, wo niemand es finden knnte. Er drfte es nicht
vernichten. Und wenn er so alt wrde, da alle, die jetzt lebten, tot
wren, dann drfte er es ffnen, sonst sollte er es einem andern zur
Aufbewahrung anvertrauen. Und Lilje habe es nicht bers Herz gebracht,
einem Sterbenden seine letzte Bitte abzuschlagen, und habe das Pckchen
entgegengenommen.

Nun, wenn mir Lilje all dies erzhlt htte, dann wrde ich natrlich
gesagt haben: >Es ist schon gut, Lilje, ich versteh, wo er hinaus will.
Er darf das Pckchen hier in meine Truhe legen.<

Und ich htte das Pferd angehalten und die Truhe geffnet, und wir
htten Liljes Pckchen hineingetan. Ich htte der Sache so wenig Gewicht
beigelegt, da ich es kaum angeschaut htte. Aber nachher wrde ich es
wohl oft vor Augen gesehn haben. Es war ein blaues Kuvert ohne Adresse,
ohne ein geschriebnes Wort. Es sah aus, als enthielte es Papiere, aber
sonst konnte man in keiner Weise erraten, was fr Geheimnisse es bergen
mochte.

Ja, sagte der Pfarrer, heute morgen versetzte ich mich in die ganze
Sache hinein und fand es ganz natrlich, da alles so zugegangen wre,
und stellte mir auch vor, da ich, nachdem Lilje bei einem Kreuzweg aus
dem Schlitten gestiegen wre, wohl gar nicht weiter an ihn gedacht,
sondern nur in Gedanken mein Buch noch ein letztes Mal durchgegangen und
gefunden htte, da alles darin makellos und vollendet sei, und da kein
Wort gendert zu werden brauche.

Ja, wenn ich in Eberhard Berggrens Haut gesteckt htte, wre ich auch
nach der Ankunft in Svartsj und whrend die Truhe versperrt und
versiegelt wurde, in derselben frhlichen Laune gewesen. Aber wenn mir
dann der Pfarrer in Svartsj gesagt htte, dies knne ja jederzeit
wieder rckgngig gemacht werden, falls es mich reuen sollte, dann htte
ich vielleicht etwas heftig geantwortet, weil es mich gergert htte,
da er glaubte, ich htte mir nicht genau berlegt, was ich tat. >Nein,
Bruder, hier kann keine Reue in Frage kommen,< htte ich wohl
geantwortet. >Aber eines verspreche ich dir, Bruder: wenn dein Gott mich
zwingen kann, diese Truhe zu ffnen, dann will ich alles vernichten, was
ich gegen ihn geschrieben habe.<

Und wenn dann der Pfarrer in Svartsj mich ermahnt htte, Ihn nicht
herauszufordern, der strker sei als ich, dann htte ich erwidert, da
ich nur jemand herausforderte, der blo in der Einbildung der Menschen
existierte.

Glaubst du nicht, da ich ganz so geantwortet htte, wenn ich der
Magister Eberhard gewesen wre? fragte der Pfarrer und sah die Frau
noch einmal Zustimmung heischend an.

Ach ja, antwortete die Frau und nickte, das glaube ich schon. Du bist
ja schon vllig so wie der alte Eberhard.

Ja, darum handelt es sich eben, sagte der Pfarrer. Man mu ganz eins
mit dem Manne sein, den man beurteilen soll. Sonst kann man nicht zur
Klarheit kommen.

Und glaubst du nun nicht, fuhr er fort, glaubst du, die du mich
kennst, nicht, da ich mich, wenn ich Eberhard Berggren gewesen wre, in
demselben Augenblick, wo ich mich in den Schlitten setzte, um nach Ekeby
zurckzufahren, -- da ich mich da nicht tief unglcklich gefhlt htte?
Glaubst du nicht, da ich eine ganz furchtbare Sehnsucht nach meiner
Arbeit empfunden htte? Obgleich ich mir ja sagen mte, da es ein
Glck sei, fertig zu sein, wre ich doch furchtbar niedergeschlagen
gewesen. Und glaubst du nicht, da pltzlich das Alter ber mich
gekommen wre, und da die Krankheit, die ich bis dahin durch meinen
Willen hatte unterjochen knnen, mir jetzt so arg zugesetzt htte, da
ich mich kaum aufrecht zu erhalten vermochte, bis ich zu Hause anlangte.
Nicht wahr, glaubst du nicht auch, da es so gekommen wre?

Ich kann nicht recht wissen, was ich glauben soll, sagte die Frau,
aber ich denke schon, da deine Arbeit dir gefehlt htte.

Ja, sagte der Pfarrer, dies alles stellte ich mir heute morgen so
vor. Ich wute, da ich nicht nur mein Buch vermissen, sondern da ich
auch furchtbar krank werden wrde. Das bel wrde mit so furchtbarer
Kraft ber mich hereinbrechen, weil solch ein alter Mann, wie ich es
wre, jetzt gar nichts mehr htte, womit er es zurckdrngen knnte,
nichts, wofr er leben mte, und so bliebe mir nichts anderes brig,
als mich hinzulegen und auf den Tod zu warten.

Du wirst wissen, da es damals hier im Ort keinen Arzt gab; aber
irgendeine weise Frau wre wohl gerufen worden, und sie htte die
Krankheit erkannt und gesagt, es sei Krebs. Und merkwrdigerweise wre
dies fast als ein Glck angesehen worden; denn damals glaubte man gar
nicht, da diese Krankheit unbedingt zum Tode fhren msse. Es gab
nmlich eine alte Familie -- Amnrus hie sie wohl --, und die besa ein
Rezept, das den Krebs heilen konnte. Es wurde als ein groer Schatz
betrachtet, streng geheim gehalten und vererbte sich wie ein Majorat in
der Familie.

Und nun kannst du dir wohl denken: Frau, wenn ich ein alter kranker
Mann wre, wrde ich den ersten Tag bentzen, an dem mir so wohl wre,
da ich in einem Schlitten sitzen knnte, um zu diesen Leuten mit Namen
Amnrus zu fahren, die das Rezept besen und Heilung fr die
furchtbaren Qualen htten.

Nun denke ich mir also, siehst du, Frau, da ich bei der Familie
Amnrus angefahren kme. Sie wohnten tief drinnen im Walde. Es gab keine
Felder, keinen Garten, sondern der Wald stand bis dicht ans Haus heran.
Und die Menschen dort waren klein und lichtscheu und trugen
altvterische Kleider und hatten dnne, piepsende Stimmen.

Ich denke, es wrde mir sogleich auffallen, wie erschrocken sie
ausshen, da sie mich erblickten. Ich wrde zuerst gar nicht begreifen,
warum sie davonlaufen zu wollen schienen, wenn ich mein Anliegen
vorbrchte. Aber bald wrde die Reihe, Angst zu haben, an mir sein. Denn
ich wrde erfahren, da der Grund ihres Schreckens der sei, da sie das
Rezept nicht mehr htten. Ja, was glaubst du, Frau, wrde wohl ein armer
Kranker fhlen, wenn er hrte, da dieses Rezept ihnen von einem Knecht
gestohlen sei, der in ihrem Dienst gestanden htte, und sich aus
irgendeinem Grunde an ihnen rchen wollte? Was wrde ein Todkranker,
der Linderung und Besserung erwartet htte, denken, wenn sie die
Geheimlade des Sekretrs herauszgen, wo sie das Rezept zu verwahren
pflegten, und ihm zeigten, da sie leer sei. Ja, sie sei leer; sie
htten keine Macht mehr ber die Krankheit.

Natrlich wrde der Kranke sie fragen, ob sie denn die Mischung nicht
so gut kennten, da sie sie ohne Rezept zu bereiten vermchten. Aber das
wre nicht der Fall. Niemand von ihnen kennte das Heilmittel; denn die
Sache wre so strenge geheimgehalten worden, da immer nur eine Person
sich htte damit befassen drfen. Und die unter den Schwestern, die die
Bereitung des Heilmittels gekannt htte, wre an dem Tage, bevor es
gestohlen worden, gestorben. Der Dieb htte sich gerade diesen Zeitpunkt
ausgewhlt, sonst htte er ja keinen Schaden gestiftet. Aber wo der Dieb
sich jetzt befnde, das wten sie nicht. Es wre ein versoffener wilder
Geselle gewesen, vielleicht wre er schon bei irgendeiner Schlgerei ums
Leben gekommen. Nur eines wten sie sicher, da er das Rezept genommen
htte. Denn ehe er fortgegangen wre, htte er den Mgden ein blaues
Kuvert gezeigt und sich gerhmt, da die Herrschaft ihn noch vermissen
wrde.

Und nun wei ich ganz gewi: wenn ich solch ein kranker Mann gewesen
wre, ich wrde, wenn ich dies von dem blauen Kuvert gehrt htte, kein
Wort weiter gefragt haben, sondern wre aus dem Zimmer gegangen, htte
mich in den Wagen gesetzt und wre davongefahren.

Ja, nur davongefahren, Frau, um allein zu sein und die Sache mit mir
selbst durchzudenken. Dieses blaue Kuvert, dieses blaue Kuvert, ich
wrde natrlich sogleich wissen, wo es wre. Und ich htte doch erst
einige wenige Tage zuvor gesagt: >Wenn dein Gott mich zwingen kann,
diese Truhe zu ffnen, dann -- --< Nein, nein, es wre nicht zugnglich,
dieses Rezept, ohne da meine ganze Lebensarbeit vernichtet wrde. Aber
in dieser Arbeit lebte Eberhard Berggren in Jugend und Klarheit; was
sonst auf Erden von ihm brig wre, das sei nur ein abgelebter Greis. In
frheren Tagen htte Eberhard Berggren seine Arbeit hher geschtzt als
Freude und Lust und Liebe. Und dann wrde ich wohl die Fuste ballen und
denken -- --

Der Pfarrer trat dicht an seine Frau heran. Du, die du mich kennst, --
was, glaubst du, htte ich beschlossen, wenn ich solch ein alter Mann
wre? Bedenke, da ich felsenfest glauben wrde, da mein Buch das beste
und weiseste Buch sei, das je geschrieben wurde, und bedenke, da ich
glauben wrde, da das Rezept mich unfehlbar gesund machen knne. Sage,
wie glaubst du, da ich gehandelt htte?

Ich glaube wohl, du httest dich dafr entschieden, fr dein Buch zu
sterben, sagte die Frau.

Ja, sagte der Pfarrer, ich htte die Fuste geballt und gedacht, da
ich dieses Rezept ja gar nicht so notwendig brauchte, -- ich knnte ja
sterben. Und glaubst du auch, da ich an meinem Vorsatze festgehalten
htte?

Ich wei nicht, sagte die Pastorin, ich kenne dich nicht gut genug.
Wenn es sich nur um den Tod gehandelt htte. Aber nun waren da ja auch
die Schmerzen.

Ich htte innerlich gekmpft, sagte der Pfarrer, und in den ersten
Tagen wre die Krankheit sogar ein wenig zurckgewichen, weil ich den
festen Entschlu gefat htte, sie ihr Schlimmstes tun zu lassen. Aber
nach ein paar Wochen htte sie mich mit erneuter Kraft berfallen, und
man htte mir oben im Kavaliersflgel wieder ein Lager gebettet, und da
htte ich einsam gelegen, den ganzen Tag lang, und htte mit den
Schmerzen gekmpft.

Und ich glaube wohl, wenn ich solch ein alter, unerschtterlicher Mann
gewesen wre, dann htte ich zuweilen ganz gegen meinen Willen die
Vorstellung gehabt, da ich gegen Gott kmpfte. Ich htte den Gedanken
von mir gewiesen. Ich htte gedacht, da ich nicht mit jemandem kmpfen
knne, der gar nicht da wre. Es sei doch ein bloer Zufall, wrde ich
sagen, da ich Lilje mit dem Rezepte begegnet sei. Es sei durchaus keine
lenkende Vorsehung, die ihn mir geschickt htte. Es gbe keine
Vorsehung, und so knne sie auch nichts schicken.

Aber einmal ums andre wrde mir die Vorstellung kommen, da ich dalge
und mit unserm Herrgotte rnge. Vielleicht wrde es mancher als Milde
und Gnade betrachten, da du mich wissen lieest, wo das gestohlene
Rezept zu finden sei. Der Dieb htte es ja ebensogut vernichten knnen.
Du willst wohl, da ich es als eine sonderliche Gnade ansehe, da es in
Liljes Hnde kam. Aber ich wnsche, es wre vernichtet worden. Ich sehe
es nicht als eine Gnade an, da ich wei, wo es zu finden ist. Ich
betrachte es -- -- Ja, und dann wrde ich mich wieder erinnern, da ich
in meinem Buch doch ganz unwiderleglich bewiesen htte, da es keinen
Gott gebe, und wrde den Zwist abbrechen.

Ich denke, es mu eine groe Versuchung, eine furchtbare Versuchung fr
den alten kranken Magister Eberhard gewesen sein: nur ein Wort an den
Pfarrer in Svartsj, und er htte das Heilmittel in seiner Hand! Glaubst
du nicht, da er um dieser Versuchung willen die Qualen noch tausendmal
verschrft empfand? Es handelte sich um einen furchtbaren Preis; aber
wer wirklich krank ist, fragt wohl nach nichts anderm als nach der
Gesundheit.

Doch immerhin -- wenn ich an seiner Stelle gewesen wre, ich htte
versucht, auszuharren; htte versucht, Gott und den Menschen zu zeigen,
was Manneskraft vermag.

Aber am schlimmsten wre es an dem Tage gewesen, an dem Schneider Lilje
auf den Hof gekommen wre. Da wren die Qualen so furchtbar gewesen, da
ich in jeder Stunde meinen Tod erwartete. Und da wre mir wohl der
Gedanke gekommen, da ich jemand sagen mte, was in diesem blauen
Kuvert sei. Denn pltzlich htte mich der Gedanke bengstigt, da ich
ein groes Unrecht gegen meine Mitmenschen beginge, wenn ich nicht
sagte, wo dieses unschtzbare Heilmittel zu finden sei. Ich knnte es ja
so einrichten, da es erst nach meinem Tode hervorgenommen wrde. Dann
htte nicht ich die Truhe geffnet, dann knnte ja meine Arbeit
unberhrt liegen bleiben.

Ich wrde mir wohl denken, da es am sichersten wre, das Geheimnis
niederzuschreiben, und niemanden vor meinem Tode von dieser Schrift
Kenntnis erlangen zu lassen. Aber siehst du, Frau, es wre wohl fr
einen Todkranken, dem die geringste Bewegung Qualen verursacht, nicht so
leicht, die Feder zu fhren.

Und schlielich htte ich wohl Lilje hereingerufen und ihm das
Geheimnis anvertraut und ihm befohlen, das gestohlne Kuvert den
Eigentmern zurckzugeben. Aber zu gleicher Zeit htte ich ihm streng
verboten, es vor meinem Tode aus der Truhe zu nehmen. Erst wenn ich in
den Kirchhof gebettet wre, drfte er zu dem Pfarrer in Svartsj gehen
und mit ihm sprechen.

Du kannst sicher sein, sobald ich mit Lilje gesprochen htte, wrde es
mich wieder gereut haben. Man knnte sich doch auf einen solchen Kerl
nicht verlassen. Es wre klar, ich htte jemandem sagen mssen, wo das
Rezept zu finden sei. Aber ich htte es niederschreiben sollen. Ich
htte niemanden vor meinem Tode darum wissen lassen drfen.

Und bei alledem htte ich mit der stummen geheimen Hoffnung dagelegen,
da Lilje mir ungehorsam sein knnte.

Ein paar Tage spter wrde ich etwas Eignes, Geheimnisvolles an der
Frau bemerken knnen, die mich pflegte. Ich wrde sehen, da sie eine
ganz besonders frohe und feierliche Miene machte, wenn sie mit einem
warmen Trunke zu mir hereinkme. Ich wrde erschrecken, und ich wrde
mir selbst zuflstern: Hte dich, trinke nicht! Es kostet dich die
Arbeit deines ganzen Lebens!

Aber trotzdem, siehst du, Frau, wrde ich wohl den Kopf vorstrecken und
trinken; und mit jedem Tropfen, der ber meine Lippen kme, wrde ich
Linderung fhlen. Ich wrde das Glas von mir schieben wollen, wenn es
halb geleert wre, aber ich wrde es nicht knnen. Und wenn ich es
geleert htte, wrde ich mich auf einmal ganz gesund fhlen und vor
Freude weinen.

Nun will ich dir sagen, wie es mir weiter ergangen wre, wenn ich der
alte Eberhard gewesen wre. Am nchsten Tage wren die Schmerzen
wiedergekommen, und da htte ich wieder von diesem Trank getrunken. Da
htten die Schmerzen aufgehrt und wren in kleinen Zwischenrumen
wieder zum Leben erwacht, aber am dritten Tage wren sie ganz
verschwunden gewesen. Und ich wrde sehr wohl wissen, was fr einen
Trank man mir gegeben htte, ich wrde begreifen, da ich eine
Niederlage erlitten htte, aber ich wre allzu glcklich, um weiter
danach zu fragen.

Dann wrde ich wieder umhergehen und mich ganz gesund fhlen. Aber ich
wrde mich wohl hten, jemand zu fragen, woher der Trank gekommen wre,
der mich geheilt htte. Und ich glaube ganz gewi nicht, da mir jemand
sagen wrde, da man die Truhe erffnet und das Rezept herausgenommen
htte. Niemand wrde es sagen, aber ich wrde es doch wissen. Ich wrde
nach Svartsj fahren und mir die Truhe ansehen, und sie wrde versperrt
und versiegelt in der Kirche stehen, aber ich wrde doch wissen, da sie
erffnet worden wre. Und dann -- --

Wrdest du dich dann fr verpflichtet halten, dein Buch zu vernichten?
fragte die Pastorsfrau.

Ich glaube wohl, da ich versuchen wrde, Schlupfwinkel und Ausflchte
zu finden, aber ich wrde nicht leugnen knnen, da ich, wenn ich ein
Ehrenmann sein wollte, mein Buch vernichten mte.

Und wrdest du es auch tun?

Ja, was glaubst du? Bedenke jetzt auch recht, was dieses Buch fr mich
bedeuten wrde! Wre es vernichtet, so wre auch mein Name und mein Ruhm
vernichtet.

Die Pastorin sah mit einem warmen Blick zu ihrem Mann auf.

Ja, du hast es vernichtet, sagte sie, du hast es vernichtet!

Ich danke dir, sagte der Pastor.

Eine Weile ging er schweigend weiter.

Nun aber: was denkst du jetzt von der Truhe? fragte die Frau.

Ich denke, da es nicht gefhrlich sein kann, sie zu ffnen. Du hast
meine Frage jetzt so beantwortet, wie ich es wnschte.

Du und Magister Eberhard, ihr seid nicht eine und dieselbe Person,
sagte die Frau.

Liebes Kind, sagte der Pfarrer. Wir wissen ja, da der alte Eberhard
alles, was ich jetzt erzhlt habe, durchgemacht hat, und da man die
Truhe ffnen mute, um das Rezept herauszunehmen, das ihn heilte. Aber
wir drfen nicht glauben, da Magister Eberhard ein schlechterer Mann
gewesen sei als irgendeiner von uns. Es ist, seit ich nun die Sache
durchdacht habe, mein fester Glaube, da er in aller Heimlichkeit die
Schrift aus der Truhe genommen hat, und da das groe Buch des
Unglaubens lngst, lngst vernichtet ist.

Aber die Truhe steht doch noch mit allen ihren Siegeln da.

Ja, siehst du, sagte der Pastor lchelnd, allzuviel darfst du von
einem alten Philosophen nicht verlangen. Du kannst nicht von ihm
verlangen, da er alle Menschen wissen lasse, da er gezwungen war,
nachzugeben. Ich glaube wohl, es war das Natrlichste, da er die Truhe
auf alle Flle stehen lie, wie sie stand. Er konnte es wohl nicht
ertragen, da alle Bekannten zu ihm kmen und sagten, jetzt msse er
wohl bekehrt sein und an Gott glauben.

Die Frau grbelte ein wenig nach, und dann sagte sie: Ja, das werden
wir jetzt bald sehen, denn nun willst du sicherlich die Truhe ffnen.

Ja, jetzt ffne ich sie mit frohem Mut, sagte der Pastor.

Und wenn das junge Jahr so um die Mittagszeit des Neujahrtags
neunzehnhundert in den Wolken ber der Svartsjer Kirche geschwebt
htte, da htte es den Pfarrer und die angesehensten Mnner des
Kirchspiels um eine schne alte Mosaiktruhe versammelt gesehen. Und als
sie feierlich erffnet wurde, da enthielt sie ein paar Pakete: alte
Gerichtsverhandlungen und Zeitungen.

Aber von gottesleugnerischer, himmelstrmender Philosophie, -- nicht
eine Zeile.




Die Legende von der Christrose


Die Rubermutter, die in der Ruberhhle oben im Ginger Walde hauste,
hatte sich eines Tages auf einen Bettelzug in das Flachland hinunter
begeben. Der Rubervater selbst war ein friedloser Mann und durfte den
Wald nicht verlassen, sondern mute sich damit begngen, den
Wegfahrenden aufzulauern, die sich in den Wald wagten; doch zu der Zeit,
als der Rubervater und die Rubermutter sich in dem Ginger Wald
aufhielten, gab es im nrdlichen Schoonen nicht allzuviel Reisende. Wenn
es sich also begab, da der Rubervater ein paar Wochen lang Pech mit
seiner Jagd hatte, dann machte sich die Rubermutter auf die
Wanderschaft. Sie nahm ihre fnf Kinder mit, und jedes der Kleinen hatte
zerfetzte Fellkleider und Holzschuhe und trug auf dem Rcken einen Sack,
der gerade so lang war wie es selbst. Wenn die Rubermutter zu einer
Haustre hereinkam, dann wagte niemand, ihr das zu verweigern, was sie
verlangte, denn sie bedachte sich keinen Augenblick, in der nchsten
Nacht zurckzukehren und das Haus anzuznden, in dem man sie nicht
freundlich aufgenommen hatte. Die Rubermutter und ihre
Nachkommenschaft waren rger als die Wolfsbrut, und gar mancher hatte
Lust, ihnen seinen guten Speer nachzuwerfen, aber dies geschah niemals;
denn man wute, da der Mann dort oben im Walde hauste und sich zu
rchen wissen wrde, wenn den Kindern oder der Alten etwas zuleide
geschhe.

Wie nun die Rubermutter so von Hof zu Hof zog und bettelte, kam sie
eines schnen Tages nach ved, das zu jener Zeit ein Kloster war. Sie
klingelte an der Klosterpforte und verlangte etwas zu essen, und der
Trhter lie ein kleines Schiebfensterchen herab und reichte ihr sechs
runde Brote, eines fr sie und eines fr jedes Kind.

Aber whrend die Rubermutter so still vor der Klosterpforte stand,
liefen ihre Kinder umher. Und nun kam eines von ihnen heran und zupfte
sie am Rocke, zum Zeichen, da es etwas gefunden htte, was sie sich
ansehen sollte, und die Rubermutter ging auch gleich mit ihm.

Das ganze Kloster war von einer hohen, starken Mauer umgeben, aber der
kleine Junge hatte es zustande gebracht, ein kleines Hintertrchen zu
finden, das angelehnt stand. Als die Rubermutter hinkam, stie sie
sogleich das Pfrtchen auf und trat, ohne erst viel zu fragen, ein, wie
es eben bei ihr der Brauch war.

Aber das Kloster ved wurde zu jener Zeit von Abt Johannes regiert, der
ein gar pflanzenkundiger Mann war. Er hatte sich hinter der
Klostermauer einen kleinen Lustgarten angelegt, und in diesen drang nun
die Rubermutter ein.

Im ersten Augenblick war sie so erstaunt, da sie regungslos stehen
blieb. Es war Hochsommerzeit, und der Garten des Abtes Johannes stand so
voll von Blumen, da es einem blau, und rot und gelb vor den Augen
flimmerte, wenn man hineinsah. Aber bald zeigte sich ein vergngtes
Lcheln auf dem Gesicht der Rubermutter, und sie begann einen schmalen
Gang hinunterzugehen, der zwischen vielen kleinen Blumenbeeten
durchlief.

Im Garten stand der Laienbruder, der Grtnergehilfe war, und jtete das
Unkraut aus. Er war es, der die Tr in der Mauer halb offen gelassen
hatte, um Queckengras und Melde auf den Kehrichthaufen davor werfen zu
knnen. Als er die Rubermutter mit ihren fnf Blgern hinter sich her
in den Lustgarten treten sah, strzte er ihnen sogleich entgegen und
befahl ihnen, sich zu trollen. Aber die alte Bettlerin ging weiter, als
sei nichts geschehen. Sie lie die Blicke hinauf und hinab wandern, sah
bald die starren weien Lilien an, die sich auf einem Beet ausbreiteten,
und bald den Efeu, der die Klosterwand hoch emporkletterte, und
bekmmerte sich nicht im geringsten um den Laienbruder.

Der Laienbruder dachte, sie htte ihn nicht verstanden. Da wollte er sie
am Arm nehmen, um sie nach dem Ausgang umzudrehen. Aber als die
Rubermutter seine Absicht merkte, warf sie ihm einen Blick zu, vor dem
er zurckprallte. Sie war unter ihrem Bettelsack mit gebeugtem Rcken
gegangen, aber jetzt richtete sie sich zu ihrer vollen Hhe auf. -- Ich
bin die Rubermutter aus dem Ginger Wald, sagte sie, rhr mich nur
an, wenn du es wagst. Und es sah aus, als ob sie nach diesen Worten
ebenso sicher wre, in Frieden von dannen zu ziehen, als htte sie
verkndet, da sie die Knigin von Dnemark sei.

Aber der Laienbruder wagte es dennoch, sie zu stren, obgleich er jetzt,
wo er wute, wer sie war, recht sanftmtig zu ihr sprach. -- Du mut
wissen, Rubermutter, sagte er, da dies ein Mnchskloster ist, und
da es keiner Frau im Lande verstattet wird, hinter diese Mauer zu
kommen. Wenn du nun nicht deiner Wege gehst, dann werden die Mnche mir
zrnen, weil ich vergessen habe, das Tor zu schlieen, und sie werden
mich vielleicht von Kloster und Garten verjagen.

Doch solche Bitten waren an die Rubermutter verschwendet. Die ging
weiter durch die Rosenbeete und guckte sich den Ysop an, der mit
lilafarbnen Blten bedeckt war, und das Kaprifolium, das voll rotgelber
Blumentrauben hing.

Da wute sich der Laienbruder keinen andern Rat, als in das Kloster zu
laufen und um Hilfe zu rufen.

Er kam mit zwei handfesten Mnchen zurck, und die Rubermutter sah
sogleich, da es nun Ernst wurde. Sie stellte sich breitbeinig in den
Weg und begann mit gellender Stimme herauszuschreien, welche furchtbare
Rache sie an dem Kloster nehmen wrde, wenn sie nicht im Lustgarten
bleiben drfte, solange sie wollte. Aber die Mnche meinten, da sie sie
nicht zu frchten brauchten, und sie dachten nur daran, sie zu
vertreiben. Da stie die Rubermutter schrille Schreie aus, strzte sich
auf sie und kratzte und bi, und ebenso machten es alle ihre Sprossen.
Die drei Mnner merkten bald, da sie ihnen berlegen war. Es blieb
ihnen nichts andres brig, als in das Kloster zu gehen und Verstrkung
zu holen.

Wie sie ber den Pfad liefen, der in das Kloster fhrte, begegneten sie
dem Abt Johannes, der herbeigeeilt war, um zu sehen, was fr ein Lrm
das wre, den man vom Lustgarten hrte. Da muten sie gestehen, da die
Rubermutter aus dem Ginger Walde in das Kloster gedrungen war; sie
htten nicht vermocht, sie zu vertreiben, und wollten sich nun Entsatz
schaffen.

Aber Abt Johannes tadelte sie, da sie Gewalt angewendet htten, und
verbot ihnen, um Hilfe zu rufen. Er schickte die beiden Mnche zu ihrer
Arbeit zurck, und obgleich er ein alter, gebrechlicher Mann war, nahm
er nur den Laienbruder mit in den Garten.

Als Abt Johannes dort anlangte, ging die Rubermutter wie zuvor zwischen
den Beeten umher. Und er konnte sich nicht genug ber sie wundern. Er
war ganz sicher, da die Rubermutter nie zuvor in ihrem Leben einen
Lustgarten erblickt htte. Aber wie dem auch sein mochte, -- sie ging
zwischen allen den kleinen Beeten umher, die jedes mit einer andern Art
fremder und seltsamer Blumen bepflanzt waren, und betrachtete sie, als
wren es alte Bekannte. Es sah aus, als htte sie schon fters Immergrn
und Salbei und Rosmarin gesehen. Einigen lchelte sie zu, und ber andre
wieder schttelte sie den Kopf.

Abt Johannes liebte seinen Garten mehr als alle andern Dinge, die
irdisch und vergnglich sind. So wild und grimmig die Rubermutter auch
aussah, so konnte er es doch nicht lassen, Gefallen daran zu finden, da
sie mit drei Mnchen gekmpft hatte, um ihn in Ruhe zu betrachten. Er
ging auf sie zu und fragte sie freundlich, ob ihr der Garten gefalle.

Die Rubermutter wendete sich heftig gegen Abt Johannes, denn sie war
nur auf Hinterhalt und berfall gefat, aber als sie seine weien Haare
und seinen gebeugten Rcken sah, da antwortete sie ganz freundlich: Als
ich ihn zuerst erblickte, da schien es mir, als ob ich nie etwas
Schneres gesehen htte, aber jetzt merke ich, da er sich mit einem
andern nicht messen kann, den ich kenne.

Abt Johannes hatte sicherlich eine andre Antwort erwartet. Als er hrte,
da die Rubermutter einen Lustgarten kennte, der schner wre, als der
seine, bedeckten sich seine runzeligen Wangen mit einer schwachen Rte.

Der Grtnergehilfe, der daneben stand, begann auch sogleich die
Rubermutter zurechtzuweisen.Dies ist Abt Johannes, Rubermutter,
sagte er, der selber mit groem Flei und Mhe von fern und nah die
Blumen fr seinen Garten gesammelt hat. Wir wissen alle, da es im
ganzen schoonischen Land keinen reicheren Lustgarten gibt, und es steht
dir, die du das ganze liebe Jahr im wilden Walde hausest, wahrlich bel
an, sein Werk meistern zu wollen.

Ich will niemand meistern, weder ihn, noch dich, sagte die
Rubermutter, ich sage nur, wenn ihr den Lustgarten sehen knntet, an
den ich denke, dann wrdet ihr jegliche Blume, die hier steht, ausraufen
und sie als Unkraut fortwerfen.

Aber der Grtnergehilfe war kaum weniger stolz auf die Blumen als Abt
Johannes selbst, und als er diese Worte hrte, begann er hhnisch zu
lachen. -- Ich kann mir wohl denken, da du nur so schwtzest,
Rubermutter, um uns zu reizen, sagte er, das wird mir ein schner
Garten sein, den du dir unter Tannen und Wacholderbschen im Ginger
Walde eingerichtet hast! Ich wollte meine Seele verschwren, da du
berhaupt noch nie hinter einer Gartenmauer gewesen bist.

Die Rubermutter wurde rot vor rger, da man ihr also mitraute, und
sie rief: Es mag wohl sein, da ich niemals vor heute hinter einer
Gartenmauer gestanden habe, aber ihr Mnche, die ihr heilige Mnner
seid, solltet wohl wissen, da der groe Ginger Wald sich in jeder
Weihnachtsnacht in einen Lustgarten verwandelt, um die Geburtsstunde
unseres Herrn und Heilands zu feiern. Wir, die wir im Walde leben,
haben dies nun jedes Jahr geschehen sehen, und in diesem Lustgarten habe
ich so herrliche Blumen geschaut, da ich es nicht wagte, die Hand zu
erheben, um sie zu brechen.

Da lachte der Laienbruder noch lauter und strker: Es ist gar leicht
fr dich, dazustehen und mit derlei zu prahlen, was kein Mensch sehen
kann. Aber ich kann nicht glauben, es knnte etwas andres als Lge sein,
da der Wald Christi Geburtsstunde an einer solchen Stelle feiern
sollte, wo so unheilige Leute wohnen, wie du und der Rubervater. --
Und das, was ich sage, ist doch ebenso wahr, entgegnete die
Rubermutter, wie da du es nicht wagen wrdest, in einer
Weihnachtsnacht in den Wald zu kommen, um es zu sehen. Der Laienbruder
wollte ihr von neuem antworten, aber Abt Johannes bedeutete ihm durch
ein Zeichen, stillzuschweigen. Denn Abt Johannes hatte schon seit seiner
Kindheit erzhlen hren, da der Wald sich in der Weihnachtsnacht in ein
Feierkleid hlle. Er hatte sich oft danach gesehnt, es zu sehen, aber es
war ihm niemals gelungen. Nun begann er die Rubermutter gar eifrig zu
bitten und anzurufen, sie mge ihn um die Weihnachtszeit in die
Ruberhhle kommen lassen. Wenn sie nur eins ihrer Kinder schickte, ihm
den Weg zu zeigen, dann wolle er allein hinaufreiten, und er wrde sie
nie und nimmer verraten, sondern sie im Gegenteil so reich belohnen, wie
es nur in seiner Macht stnde.

Die Rubermutter weigerte sich zuerst, denn sie dachte an den
Rubervater und an die Gefahr, der sie ihn preisgab, wenn sie Abt
Johannes in ihre Hhle kommen liee; aber dann wurde doch der Wunsch,
ihm zu zeigen, da der Lustgarten, den sie kannte, schner sei als der
seinige, in ihr bermchtig, und sie gab nach.

Aber mehr als einen Begleiter darfst du nicht mitnehmen, sagte sie.
Und du darfst uns keinen Hinterhalt und keine Falle stellen, so gewi
du ein heiliger Mann bist.

Dies versprach Abt Johannes, und damit ging die Rubermutter. Aber Abt
Johannes befahl dem Laienbruder, niemand zu verraten, was nun vereinbart
worden war. Er frchtete, da seine Mnche, wenn sie von seinem Vorhaben
etwas erfhren, einem alten Mann, wie er es war, nicht gestatten wrden,
hinauf in die Ruberhhle zu ziehen.

Auch er selbst wollte den Plan keiner Menschenseele verraten. Aber da
begab es sich, da Erzbischof Absalon aus Lund gereist kam und eine
Nacht in ved verbrachte. Als nun Abt Johannes ihm seinen Garten zeigte,
fiel ihm der Besuch der Rubermutter ein; und der Laienbruder, der dort
umherging und arbeitete, hrte, wie der Abt dem Bischof vom Rubervater
erzhlte, der nun so viele Jahre vogelfrei im Walde gehaust htte, und
um einen Freibrief fr ihn bat, damit er wieder ein ehrliches Leben
unter andern Menschen fhren knnte. -- Wie es jetzt geht, sagte Abt
Johannes, wachsen seine Kinder zu rgeren Missettern heran, als er
selbst einer ist, und Ihr werdet es dort oben im Walde bald mit einer
ganzen Ruberbande zu tun bekommen.

Doch Erzbischof Absalon erwiderte, da er den bsen Ruber nicht auf die
ehrlichen Leute im Lande loslassen wolle. Es sei fr alle am besten,
wenn er dort oben in seinem Walde bliebe.

Da wurde Abt Johannes eifrig und begann dem Bischof vom Ginger Wald zu
erzhlen, der sich jedes Jahr rings um die Ruberhhle in
Weihnachtsschmuck kleide. Wenn diese Ruber nicht schlimmer sind, als
da Gottes Herrlichkeit sich ihnen zeigen will, sagte er, so knnen
sie wohl auch nicht zu schlecht sein, um die Gnade der Menschen zu
erfahren.

Aber der Erzbischof wute Abt Johannes zu antworten. -- Soviel kann ich
dir versprechen, Abt Johannes, sagte er und lchelte, an welchem Tage
immer du mir eine Blume aus dem Weihnachtsgarten im Ginger Walde
schickst, will ich dir einen Freibrief fr alle Friedlosen geben, fr
die du mich bitten magst.

Der Laienbruder sah, da Bischof Absalon ebensowenig wie er selbst an
die Geschichte der Rubermutter glaubte, aber Abt Johannes merkte nichts
davon, sondern dankte Absalon fr sein gtiges Versprechen und sagte,
die Blume wollte er ihm schon schicken.

       *       *       *       *       *

Abt Johannes setzte seinen Willen durch, und am nchsten Weihnachtsabend
sa er nicht daheim in ved, sondern war auf dem Wege nach Ginge. Einer
der wilden Jungen der Rubermutter lief vor ihm her, und zum Geleit
hatte er den Knecht, der im Lustgarten mit der Rubermutter gesprochen
hatte.

Abt Johannes hatte sich den ganzen Herbst ber schon sehr danach
gesehnt, diese Fahrt anzutreten, und freute sich nun sehr, da sie
zustande gekommen war. Aber ganz anders stand es mit dem Laienbruder,
der ihm folgte. Er hatte Abt Johannes von Herzen lieb und wrde es nicht
gern einem andern berlassen haben, ihn zu begleiten und ber ihn zu
wachen, aber er glaubte keineswegs, da sie einen Weihnachtsgarten zu
Gesicht bekommen wrden, er dachte nichts andres, als da das Ganze eine
Falle sei, die die Rubermutter mit groer Schlauheit Abt Johannes
gelegt htte, damit er ihrem Mann in die Hnde falle.

Whrend Abt Johannes nordwrts zur Waldgegend ritt, sah er, wie berall
Anstalten getroffen wurden, das Weihnachtsfest zu feiern. In jedem
Bauerndorf machte man Feuer in der Badehtte, damit sie zum
nachmittgigen Bade warm sei. Aus den Vorratskammern wurden groe Mengen
von Fleisch und Brot in die Htten getragen, und aus den Tennen kamen
die Burschen mit groen Strohgarben, die ber den Boden gestreut werden
sollten.

Als er an dem kleinen Dorfkirchlein vorberritt, sah er, wie der
Priester und seine Kster vollauf damit beschftigt waren, sie mit den
besten Geweben zu behngen, die sie nur hatten auftreiben knnen; und
als er zu dem Wege kam, der nach dem Kloster Bosj fhrte, sah er die
Armen des Klosters mit groen Brotlaiben und langen Kerzen daherwandern,
die sie an der Klosterpforte bekommen hatten.

Als Abt Johannes alle diese Weihnachtszurstungen sah, da spornte er zur
Eile an. Denn er dachte daran, da seiner ein greres Fest harre, als
irgendeiner der anderen feiern sollte.

Doch der Knecht jammerte und klagte, als er sah, wie sie sich auch in
der kleinsten Htte anschickten, das Weihnachtsfest zu feiern. Und er
wurde immer ngstlicher und bat und beschwor Abt Johannes, umzukehren
und sich nicht freiwillig in die Hnde der Ruber zu geben.

Aber Abt Johannes ritt weiter, ohne sich um seine Klagen zu kmmern. Er
hatte bald das Flachland hinter sich und kam nun hinauf in die einsamen,
wilden Wlder. Hier wurde der Weg schlechter. Er war eigentlich nur noch
ein steiniger, nadelbestreuter Pfad, und nicht Brcke nicht Steg halfen
ihnen ber Flsse und Bche. Je lnger sie ritten, desto klter wurde
es, und tief drinnen im Walde war der Boden mit Schnee bedeckt.

Es war ein langer und beschwerlicher Ritt. Sie schnitten auf steilen und
schlpfrigen Seitenpfaden den Weg ab und zogen ber Moor und Sumpf,
drangen durch Windbrche und Dickicht. Gerade als der Tag zur Neige
ging, fhrte der Ruberjunge sie ber eine Waldwiese, die von hohen
Bumen umgeben war, von nackten Laubbumen und von grnen Nadelbumen.
Hinter der Wiese erhob sich eine Felswand, und in der Felswand sahen sie
eine Tr aus rohen Planken. Nun merkte Abt Johannes, da sie am Ziel
waren, und er stieg vom Pferde. Das Kind ffnete ihm die schwere Tr,
und er sah in eine rmliche Berggrotte mit nackten Steinwnden. Die
Rubermutter sa an einem Blockfeuer, das mitten auf dem Boden brannte,
an den Wnden standen Lagersttten aus Tannenreisig und Moos, und auf
einer von ihnen lag der Rubervater und schlief. -- Kommt herein, ihr
dort drauen! rief die Rubermutter, ohne aufzustehen. Und nehmt die
Pferde mit, damit sie nicht drauen in der Nachtklte zugrunde gehen!

Abt Johannes trat nun khnlich in die Grotte, und der Laienbruder folgte
ihm. Da sah es gar rmlich und drftig aus, und nichts war geschehen, um
das Weihnachtsfest zu feiern. Die Rubermutter hatte weder gebraut, noch
gebacken, sie hatte weder gefegt, noch gescheuert. Ihre Kinder lagen auf
der Erde rings um einen Kessel, aus dem sie aen; aber darin war nichts
besseres als dnne Wassergrtze.

Doch die Rubermutter war ebenso stolz und selbstbewut wie nur
irgendeine wohlbestallte Bauersfrau. -- Setze dich nun hier ans Feuer,
Abt Johannes, und wrme dich, sagte sie, und wenn du Wegzehrung
mitgebracht hast, so i, denn was wir hier im Walde kochen, wird dir
wohl nicht munden. Und wenn du vom Ritt mde bist, kannst du dich auf
eine dieser Lagersttten ausstrecken und ruhen. Du brauchst keine Angst
zu haben, da du dich verschlafen knntest. Ich sitze hier am Feuer und
wache, und ich will dich schon wecken, damit du zu sehen bekommst,
wonach du ausgeritten bist.

Abt Johannes gehorchte der Rubermutter in allen Stcken und nahm seinen
Schnappsack hervor. Aber er war nach dem Ritt so mde, da er kaum zu
essen vermochte; und sowie er sich auf dem Lager ausgestreckt hatte,
schlummerte er ein.

Dem Laienbruder ward auch eine Ruhestatt angewiesen, aber er wagte
nicht, zu schlafen, weil er ein wachsames Auge auf den Rubervater haben
wollte, damit dieser nicht etwa aufstnde und Abt Johannes fesselte.
Allmhlich jedoch erlangte die Mdigkeit auch ber ihn solche Gewalt,
da er einschlummerte. Als er erwachte, sah er, da Abt Johannes sein
Lager verlassen hatte und jetzt am Feuer sa und mit der Rubermutter
Zwiesprach pflog. Der Rubervater sa daneben. Er war ein
hochaufgeschossener magerer Mann und sah schwerfllig und trbsinnig
aus. Er kehrte Abt Johannes den Rcken, und es sah aus, als wolle er
nicht zeigen, da er dem Gesprch zuhrte.

Abt Johannes erzhlte der Rubermutter von allen den
Weihnachtszurstungen, die er unterwegs gesehen hatte, und er erinnerte
sie an die Weihnachtsfeste und die frhlichen Weihnachtsspiele, die wohl
auch sie in ihrer Jugend mitgemacht htte, als sie noch in Frieden
unter den Menschen lebte. -- Es ist ein Jammer, da eure Kinder nie
verkleidet auf der Dorfstrae umhertollen oder im Weihnachtsstroh
spielen drfen, sagte Abt Johannes. Die Rubermutter hatte ihm zuerst
kurz und barsch geantwortet, aber so allmhlich wurde sie kleinlauter
und lauschte eifrig. Pltzlich wendete sich der Rubervater gegen Abt
Johannes und hielt ihm die geballte Faust vor das Gesicht. -- Du
elender Mnch, bist du hierhergekommen, um Weib und Kinder von mir
fortzulocken? Weit du nicht, da ich ein friedloser Mann bin und diesen
Wald nicht verlassen darf? Abt Johannes sah ihm unerschrocken gerade in
die Augen. -- Mein Wille ist es, dir einen Freibrief vom Erzbischof zu
verschaffen, sagte er. Kaum hatte er dies gesagt, als der Rubervater
und die Rubermutter ein schallendes Gelchter aufschlugen. Sie wuten
nur zu wohl, welche Gnade ein Waldruber vom Bischof Absalon zu erwarten
hatte. -- Ja, wenn ich einen Freibrief von Absalon bekomme, sagte der
Rubervater, dann gelobe ich dir, nie mehr auch nur soviel wie eine
Gans zu stehlen.

Den Grtnergehilfen verdro es sehr, da das Ruberpack sich verma, Abt
Johannes auszulachen; aber dieser selbst schien es ganz zufrieden zu
sein. Der Knecht hatte ihn kaum je friedvoller und milder unter seinen
Mnchen auf ved sitzen sehen, als er ihn jetzt unter den wilden
Ruberleuten sah.

Aber pltzlich sprang die Rubermutter auf.

Du sitzest hier und plauderst, Abt Johannes, sagte sie, und wir
vergessen ganz, nach dem Wald zu sehen. Jetzt hre ich bis in unsere
Hhle, wie die Weihnachtsglocken luten.

Kaum war dies gesagt, als alle aufsprangen und hinausliefen; aber im
Walde war noch dunkle Nacht und grimmiger Winter. Das einzige, was man
vernahm, war ferner Glockenklang, der von einem leisen Sdwind
hergetragen wurde.

Wie soll dieser Glockenklang den toten Wald wecken knnen? dachte Abt
Johannes. Denn jetzt, wo er mitten im Waldesdunkel stand, schien es ihm
viel unmglicher als frher, da hier ein Lustgarten erstehen knnte.

Aber als die Glocke ein paar Augenblicke gelutet hatte, zuckte
pltzlich ein Lichtstrahl durch den Wald. Gleich darauf wurde es ebenso
dunkel wie zuvor, aber dann kam das Licht wieder. Es kmpfte sich wie
ein leuchtender Nebel zwischen den dunkeln Bumen durch. Und soviel
vermochte es, da die Dunkelheit in schwache Morgendmmerung berging.

Da sah Abt Johannes, wie der Schnee vom Boden verschwand, als htte
jemand einen Teppich fortgezogen; und die Erde begann zu grnen. Das
Farrnkraut streckte seine Triebe hervor, eingerollt wie Bischofstbe.
Die Erika, die auf der Steinhalde wuchs, und der Porsch, der im Moor
wurzelte, kleideten sich rasch in frisches Grn. Die Mooshgelchen
schwollen und hoben sich, und die Frhlingsblumen schossen mit
schwellenden Knospen auf, die schon einen Schimmer von Farbe hatten.

Abt Johannes klopfte das Herz heftig, als er die ersten Zeichen sah, da
der Wald erwachen wollte. -- Soll nun ich alter Mann ein solches Wunder
schauen! dachte er. Und die Trnen wollten ihm in die Augen treten.

Nun wurde es wieder so dmmerig, da er frchtete, die nchtliche
Finsternis knnte aufs neue Macht erlangen. Aber sogleich kam eine neue
Lichtwelle hereingebrochen. Die brachte das Murmeln von Bchlein und das
Rauschen der eisbefreiten Bergstrme mit. Da schlugen die Bltter der
Laubbume so rasch aus, als wren grne Schmetterlinge herangeflattert
und htten sich auf den Zweigen niedergelassen. Und nicht nur die Bume
und Pflanzen erwachten. Die Kreuzschnbel begannen ber die Zweige zu
hpfen. Die Spechte hmmerten an die Stmme, da die Holzsplitter nur so
flogen. Ein Zug Stare, der das Land hinanflog, lie sich in einem
Tannenwipfel nieder, um zu ruhen. Es waren prchtige Stare. Die Spitze
jedes kleinen Federchens leuchtete glnzend rot, und wenn die Vgel sich
bewegten, glitzerten sie wie Edelsteine.

Wieder wurde es fr ein Weilchen still, aber bald begann es von neuem.
Ein starker, warmer Sdwind blies und ste ber die Waldwiese alle die
Samen aus sdlichen Lndern, die von Vgeln und Schiffen und Winden in
das Land gebracht worden waren und auf seinem kargen Boden nirgend
anders blhen konnten; und sie schlugen Wurzel und schossen Triebe in
demselben Augenblick, da sie den Boden berhrten.

Als die nchste Welle kam, fingen Blaubeeren und Preielbeeren zu blhen
an. Wildgnse und Kraniche riefen hoch oben in der Luft, die Buchfinken
bauten ihr Nest, und die Eichhrnchen begannen in den Baumzweigen zu
spielen.

Alles ging nun so rasch, da Abt Johannes gar nicht Zeit hatte, zu
berlegen, welches Wunder gerade geschah. Er hatte nur Zeit, Augen und
Ohren weit aufzumachen. Die nchste Welle, die herangebraust kam,
brachte den Duft frischgepflgter Felder. Aus weiter Ferne hrte man,
wie die Hirtinnen die Khe lockten, und wie die Glckchen der Lmmer
klingelten. Tannen und Fichten bekleideten sich so dicht mit kleinen
roten Zapfen, da die Bume wie Seide leuchteten. Der Wacholder trug
Beeren, die jeden Augenblick die Farbe wechselten. Und die Waldblumen
bedeckten den Boden, da er ganz wei und blau und gelb war.

Abt Johannes beugte sich zur Erde und brach eine Erdbeerblte. Und
whrend er sich aufrichtete, reifte die Beere. Die Fchsin kam aus ihrer
Hhle mit einer groen Schar von schwarzbeinigen Jungen hinter sich her.
Sie ging auf die Rubermutter zu und rieb sich an ihrem Rock, und die
Rubermutter beugte sich zu ihr hinunter und lobte ihre Jungen. Der Uhu,
der eben seine nchtige Jagd begonnen hatte, kehrte wieder nach Hause
zurck, ganz erstaunt ber das Licht, suchte seine Schlucht auf und
legte sich schlafen. Der Kuckuck rief, und das Kuckucksweibchen
umkreiste mit einem Ei im Schnabel die Nester der Singvgel.

Die Kinder der Rubermutter stieen zwitschernde Freudenschreie aus. Sie
aen sich an den Waldbeeren satt, die gro wie Tannenzapfen an den
Struchern hingen. Eines von ihnen spielte mit einer Schar junger Hasen,
ein andres lief mit den jungen Krhen um die Wette, die aus dem Nest
gehpft waren, ehe sie noch flgge waren, das dritte hob die Natter vom
Boden und wickelte sie sich um Hals und Arm. Der Rubervater stand
drauen auf dem Moor und a Brombeeren. Als er aufsah, ging ein groes
schwarzes Tier neben ihm einher. Da brach der Rubervater einen
Weidenzweig und schlug dem Bren auf die Schnauze. -- Bleib du, wo du
hingehrst, sagte er. Das ist mein Platz. Da machte der Br kehrt und
trabte nach seiner Seite fort.

Immer wieder kamen neue Wellen von Wrme und Licht, und jetzt brachten
sie Entengeschnatter vom Waldmoor her. Gelber Bltenstaub von den
Feldern schwebte in der Luft. Schmetterlinge kamen, so gro, da sie wie
fliegende Lilien aussahen. Das Nest der Bienen in einer hohlen Eiche war
schon so voll von Honig, da er am Stamm hinuntertropfte. Jetzt begannen
auch die Blumen sich zu entfalten, deren Samen aus fremden Lndern
gekommen waren. Die Rosenbsche kletterten um die Wette mit den
Brombeeren die Felswand hinan, und oben auf der Waldwiese sprossen
Blumen, so gro wie ein Menschengesicht. Abt Johannes dachte an die
Blume, die er fr Bischof Absalon pflcken wollte, aber eine Blume wuchs
herrlicher heran als die andre, und er wollte die allerschnste whlen.

Welle um Welle kam, und jetzt war die Luft so von Licht durchtrnkt, da
sie glitzerte. Und alle Lust und aller Glanz und alles Glck des Sommers
lchelte rings um Abt Johannes. Es war ihm, als knnte die Erde keine
grere Freude bringen als die, die ihn ber den pltzlichen Anbruch der
schnen Jahreszeit erfllte, und er sagte zu sich selbst: Jetzt wei
ich nicht, was die nchste Welle, die kommt, noch an Herrlichkeit
bringen kann.

Aber das Licht strmte noch immer zu, und jetzt duchte es Abt Johannes,
da es etwas aus einer unendlichen Ferne bringe. Er fhlte, wie
berirdische Luft ihn umwehte, und er begann zitternd zu erwarten, es
wrde nun, nachdem die Freude der Erde gekommen war, des Himmels
Herrlichkeit anbrechen.

Abt Johannes merkte, wie alles still wurde: die Vgel verstummten, die
jungen Fchslein spielten nicht mehr, und die Blumen lieen ab, zu
wachsen. Die Seligkeit, die nahte, war von der Art, da einem das Herz
stillstehen wollte; das Auge weinte, ohne da es darum wute, die Seele
sehnte sich, in die Ewigkeit hinberzufliegen. Aus weiter, weiter Ferne
hrte man leise Harfentne und berirdischen Gesang. Abt Johannes
faltete die Hnde und sank in die Kniee. Sein Gesicht strahlte von
Seligkeit. Nie hatte er erwartet, da es ihm beschieden sein wrde,
schon in diesem Leben des Himmels Wonne zu kosten und die Engel
Weihnachtslieder singen zu hren.

Aber neben Abt Johannes stand der Grtnergehilfe, der ihn begleitet
hatte. Er sah den Ruberwald voll Grn und Blumen, und er wurde zornig
in seinem Herzen, weil er sah, da er einen solchen Lustgarten nie und
nimmer schaffen knnte, wie er sich auch mit Hacke und Spaten mhte. Und
er vermochte nicht zu begreifen, warum Gott solche Herrlichkeit an das
Rubergesindel verschwende, das seine Gebote miachtete.

Gar dunkle Gedanken zogen durch seinen Kopf. Das kann kein rechtes
Wunder sein, dachte er, das sich bsen Missettern zeigt. Das kann
nicht von Gott stammen, das ist aus Zauberei entsprungen. Es ist von des
Teufels arger List hierher gesandt. Es ist die Macht des bsen Feindes,
die uns verhext und uns zwingt, das zu sehen, was nicht ist.

In der Ferne hrte man Engelsharfen klingen, und Engelgesang ertnte,
aber der Laienbruder glaubte, da es die bse Macht der Unholde sei, die
nahe. Sie wollen uns locken und verfhren, seufzte er, nie kommen wir
mit heiler Haut davon, wir werden betrt und dem Abgrund verkauft.

Jetzt waren die Engelscharen so nahe, da Abt Johannes ihre
Lichtgestalten zwischen den Stmmen des Waldes schimmern sah. Und der
Laienbruder sah dasselbe wie er, aber er dachte nur, welche Arglist
darin lge, da die bsen Geister ihre Knste gerade in der Nacht
betrieben, in der der Heiland geboren war. Dies geschah ja nur, um die
Christen um so sicherer ins Verderben zu strzen.

Die ganze Zeit ber hatten die Vgel Abt Johannes Haupt umschwrmt, und
er hatte sie zwischen seine Hnde nehmen knnen. Aber vor dem
Laienbruder hatten sich die Tiere gefrchtet: kein Vogel hatte sich auf
seine Schulter gesetzt, und keine Schlange spielte zu seinen Fen. Nun
war da eine kleine Waldtaube. Als sie merkte, da die Engel nahe waren,
nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und flog dem Laienbruder auf die
Schulter und schmiegte das Kpfchen an seine Wange. Da vermeinte er, da
der Zauber ihm nun vllig auf den Leib rcke, ihn in Versuchung zu
fhren und zu verderben. Er schlug mit der Hand nach der Waldtaube und
rief mit lauter Stimme, so da es durch den Wald hallte:

Zeuch du zur Hlle, von wannen du kommen bist!

Gerade da waren die Engel so nahe, da Abt Johannes den Hauch ihrer
mchtigen Fittiche fhlte, und er hatte sich zur Erde geneigt, sie zu
gren. Aber als die Worte des Laienbruders ertnten, da verstummte
urpltzlich ihr Gesang, und die heiligen Gste wendeten sich zur Flucht.
Und ebenso floh das Licht und die milde Wrme in unsglichem Schreck vor
der Klte und Finsternis in einem Menschenherzen. Die Dunkelheit sank
auf die Erde hinab wie eine Decke, die Klte kam, die Pflanzen auf dem
Boden schrumpften zusammen, die Tiere enteilten, das Rauschen der
Wasserflle verstummte, das Laub fiel von den Bumen, prasselnd wie
Regen.

Abt Johannes fhlte, wie sein Herz, das eben vor Seligkeit gezittert
hatte, sich jetzt in unsglichem Schmerz zusammenkrampfte. Niemals kann
ich dies berleben, dachte er, da die Engel des Himmels mir so nahe
waren und vertrieben wurden, da sie mir Weihnachtslieder singen wollten
und in die Flucht gejagt wurden.

In demselben Augenblick erinnerte er sich an die Blume, die er Bischof
Absalon versprochen hatte, und er beugte sich zur Erde und tastete unter
dem Moos und Laub, um noch im letzten Augenblick etwas zu finden. Aber
er fhlte, wie die Erde unter seinen Fingern gefror, und wie der weie
Schnee ber den Boden geglitten kam.

Da ward sein Herzeleid noch grer. Er konnte sich nicht erheben,
sondern mute auf dem Boden liegen bleiben.

Aber als die Rubersleute und der Laienbruder sich in der tiefen
Dunkelheit zur Ruberhhle zurckgetappt hatten, da vermiten sie Abt
Johannes. Sie nahmen glhende Scheite aus dem Feuer und zogen aus, ihn
zu suchen, und sie fanden ihn tot auf der Schneedecke liegen.

Und der Laienbruder hub an zu weinen und zu klagen, denn er erkannte,
da er es war, der Abt Johannes gettet hatte, weil er ihm den
Freudenbecher entrissen, nach dem er gelechzt hatte.

       *       *       *       *       *

Aber als Abt Johannes nach ved hinuntergebracht worden war, sahen die,
die sich des Toten annahmen, da er seine rechte Hand hart um etwas
geschlossen hielt, was er in seiner Todesstunde umklammert haben mute.
Und als sie die Hand endlich ffnen konnten, fanden sie, da, was er mit
solcher Strke festhielt, ein paar weie Wurzelknollen waren, die er aus
Moos und Laub hervorgerissen hatte. Und als der Laienbruder, der Abt
Johannes geleitet hatte, diese Wurzeln sah, nahm er sie und pflanzte sie
in des Abtes Garten in die Erde.

Er pflegte sie und wartete das ganze Jahr, da eine Blume daraus
erblhe, doch er wartete vergebens den ganzen Frhling und Sommer und
Herbst. Als endlich der Winter anbrach und alle Bltter und Blumen tot
waren, hrte er auf zu warten. Als aber der Weihnachtsabend kam, da
berkam ihn die Erinnerung an Abt Johannes so mchtig, da er in den
Lustgarten hinausging, seiner zu gedenken. Und siehe, wie er nun an der
Stelle vorbeikam, wo er die kahlen Wurzelknollen eingepflanzt hatte, da
sah er, da ppige grne Stengel daraus emporgesprot waren, die schne
Blumen mit silberweien Blttern trugen.

Da rief er alle Mnche von ved zusammen; und als sie sahen, da diese
Pflanze am Weihnachtsabend blhte, wo alle andern Blumen tot waren, da
erkannten sie, da sie wirklich von Abt Johannes aus dem
Weihnachtslustgarten im Ginger Wald gepflckt war.

Aber der Laienbruder sagte den Mnchen, da nun ein so groes Wunder
geschehen sei, sollten sie einige von den Blumen dem Bischof Absalon
schicken.

Als nun der Laienbruder vor Bischof Absalon hintrat, reichte er ihm die
Blumen und sagte: Dies schickt dir Abt Johannes. Es sind die Blumen,
die er dir aus dem Weihnachtslustgarten im Ginger Walde zu pflcken
versprochen hat.

Und als Bischof Absalon die Blumen sah, die in dunkler Winternacht der
Erde entsprossen waren, und als er die Worte hrte, wurde er so bleich,
als wre er einem Toten begegnet. Eine Weile sa er schweigend da, dann
sagte er: Abt Johannes hat sein Wort gut gehalten; so will auch ich das
meine halten. Und er lie einen Freibrief fr den wilden Ruber
ausstellen, der von Jugend an friedlos im Walde gelebt hatte.

Er bergab dem Laienbruder den Brief, und dieser zog damit von dannen,
hinauf in den Wald und suchte den Weg zur Ruberhhle. Als er am
Weihnachtstage dort eintrat, da eilte ihm der Ruber mit erhobner Axt
entgegen. -- Ich will euch Mnche niederschlagen, so viele euer auch
sind! rief er. Sicherlich hat sich um euretwillen der Ginger Wald in
dieser Nacht nicht in sein Weihnachtskleid gehllt.

Es ist einzig und allein meine Schuld, sagte der Laienbruder, und ich
will gerne dafr sterben. Aber zuerst mu ich dir eine Botschaft von Abt
Johannes bringen. Und er zog den Brief des Bischofs heraus und
verkndete ihm, da er nicht mehr vogelfrei sei, und zeigte ihm das
Siegel Absalons, das an dem Pergamente hing. -- Fortab sollst du mit
deinen Kindern im Weihnachtsstroh spielen, und ihr sollt das Christfest
unter den Menschen feiern, wie es der Wunsch des Abtes Johannes war,
sagte er.

Da blieb der Rubervater stumm und bleich stehen, aber die Rubermutter
sagte in seinem Namen: Abt Johannes hat sein Wort getreulich gehalten,
so wird auch der Rubervater das seine halten.

Doch als der Rubervater und die Rubermutter aus der Ruberhhle
fortzogen, da zog der Laienbruder hinein und hauste dort einsam im Walde
unter unablssigem Gebet, da sein hartes Herz ihm verziehen werde.

Und niemand darf ein strenges Wort ber einen sagen, der bereut und sich
bekehrt hat, wohl aber kann man wnschen, da seine bsen Worte ungesagt
geblieben wren, denn nie mehr hat der Ginger Wald die Geburtsstunde
des Heilands gefeiert, und von seiner ganzen Herrlichkeit lebt nur noch
die Pflanze, die Abt Johannes dereinst gepflckt hat. Man hat sie
Christrose genannt, und jedes Jahr lt sie ihre weien Blten und ihre
grnen Stengel um die Weihnachtszeit aus dem Erdreich sprieen, als
knnte sie nie und nimmer vergessen, da sie einmal in dem groen
Weihnachtslustgarten erwachsen ist.




Der Wechselbalg


Die Trollin kam durch den Wald geschlichen, ihr Junges hatte sie in
einer Rindenbutte, die sie auf dem Rcken trug. Es war gro und hlich,
mit Haaren wie Borsten, nadelscharfen Zhnen und einer Kralle am kleinen
Finger; aber die Trollin glaubte natrlich, da es gar kein schneres
Kind geben knne.

Wie die Trollin so einherging, kam sie zu einer Stelle, wo der Wald sich
ein wenig lichtete. Ein Weg lief hier durch, holperig und schlpfrig von
Baumwurzeln, die sich darber schlangen wie ein geknpftes Netz. Und
ber den Weg kamen ein Bauer und sein Weib geritten.

Zuerst wollte die Trollin wieder in den Wald fliehen, damit niemand sie
zu Gesicht bekomme, aber pltzlich bemerkte sie, da die Buerin ein
Kind auf dem Arme trug, und da wurde sie andern Sinnes. Sie schlich sich
nher zum Weg heran und versteckte sich hinter einem Haselstrauch. Ich
will doch sehen, ob das Menschenkind ebenso schn sein kann wie meines,
dachte die Trollin.

Aber in ihrem Eifer streckte sie sich zu weit aus dem Busch vor, und als
die Reitenden sich nherten, erblickten die Pferde den groen schwarzen
Trollkopf. Sie erschraken, stellten sich auf die Hinterbeine, scheuten
und gingen durch. Fast wren der Bauer und sein Weib abgeworfen worden.
Sie stieen einen Schrei aus, beugten sich vor, um die Zgel anzureien,
und waren im nchsten Augenblick verschwunden.

Die Trollin grinste vor Wut. Jetzt hatte sie das Menschenkind kaum zu
Gesicht bekommen. Aber pltzlich wurde sie wieder seelenvergngt, denn
da lag ja das Kind gerade vor ihr auf der Erde. Es war der Buerin aus
dem Arm gefallen, als die Pferde durchgingen.

Das Kind lag auf einem Haufen drrer Bltter und war ganz unversehrt. Es
schrie laut vor Schrecken ber den Fall; aber als die Trollin sich
darber beugte, schien es so belustigt ber den erstaunlichen Anblick,
da es verstummte und lchelte und das Hndchen ausstreckte, um sie an
ihrem schwarzen Bart zu zupfen.

Aber die Trollin stand ganz verblfft da und betrachtete das
Menschenkind. Sie sah die kleinen Hndchen an mit den rosenroten Ngeln,
die klaren blauen uglein und das kleine Mndchen. Sie befhlte das
weiche Haar, strich ber die Wangen und wute sich vor Staunen gar nicht
zu fassen, da ein Kind so rosig und weich und fein sein knnte.

Pltzlich ri die Trollin ihre Rindenbutte vom Rcken, holte ihr eignes
Junges heraus und setzte es neben das Menschenkind. Und, als sie nun
sah, welcher Unterschied zwischen den beiden war, konnte sie es nicht
lassen, vor Wut laut aufzuheulen.

Unterdessen hatten der Bauer und sein Weib ihre Pferde wieder gebndigt,
und sie kamen nun zurck, um ihr Kind zu suchen. Als die Trollin sie
herankommen hrte, kamen ihr fast die Trnen, denn sie hatte sich noch
lange nicht an dem Menschenkind satt gesehen. Sie blieb sitzen, bis die
Reitenden fast in Sehweite waren, da fate sie einen raschen Entschlu.
Sie lie ihr Junges am Wegesrand liegen, aber das Menschenkind steckte
sie in ihre Rindenbutte und lief damit in den Wald.

       *       *       *       *       *

Kaum war die Trollin in den Wald verschwunden, als der Bauer und seine
Frau zum Vorschein kamen.

Es waren prchtige Bauersleute, reich und geachtet und mit einem schnen
Hof am Fue des Waldhgels. Sie waren schon viele Jahre verheiratet,
aber sie hatten nur dieses einzige Kindchen. Man kann sich also denken,
wie sehr ihnen am Herzen lag, es wieder zu finden.

Die Frau war dem Manne um ein paar Pferdelngen voraus und erblickte
zuerst das Kind, das am Wegesrand lag. Es schrie aus Leibeskrften, um
die Trollin zurckzurufen, und die Buerin htte schon an dem Geheul
merken knnen, was fr ein Kind das war. Aber sie hatte solche Angst
ausgestanden, da der Kleine sich im Fallen erschlagen haben knnte,
da sie bei dem Geschrei nur dachte: Gott sei Dank, da er am Leben ist.
Da liegt das Kind, rief sie dem Manne zu und glitt aus dem Sattel und
lief auf das Trolljunge zu.

Als der Bauer zur Stelle kam, sa die Frau am Wegesrand und drehte das
Kind hin und her und sah aus wie jemand, der seinen Sinnen nicht trauen
kann. Mein Kind hatte doch nicht Zhne wie die Stacheln, sagte sie,
und ihre Stimme drckte immer greren und greren Schrecken aus; mein
Kind hatte doch nicht Haare wie Schweinsborsten, mein Kind hatte doch
keine Kralle am kleinen Finger.

Der Bauer konnte nichts andres glauben, als da sein Weib verrckt
geworden sei, und sprang nun auch vom Pferde. Sieh das Kind an und sag,
ob du begreifen kannst, wie es sich so verndert hat, sagte die Frau
und reichte es ihm. Er nahm es aus ihren Hnden, aber kaum hatte er
einen Blick darauf geworfen, als er dreimal ausspuckte und es von sich
schleuderte. Das ist doch ein Trolljunges, rief er. Das ist nicht
unser Kind. Die Frau sa noch immer am Wegesrand. Sie war nicht rasch
von Gedanken und konnte nicht erraten, was sich begeben htte. Aber was
tust du denn mit dem Kinde? fragte sie. Ja, merkst du denn nicht, da
das ein Wechselbalg ist? sagte der Mann. Die Trolle haben die
Gelegenheit benutzt, als unsere Pferde durchgingen. Sie haben unser Kind
gestohlen und eines von ihren eignen dafr hingelegt. -- Aber wo ist
denn dann jetzt mein Kind? fragte die Frau. -- Das ist eben bei den
Trollen, antwortete der Mann.

Nun begriff die Frau endlich das ganze Unglck. Sie erbleichte, und der
Mann glaubte, da sie auf der Stelle ihren Geist aufgeben wrde.

Unser Kind kann ja nicht weit fort sein, sagte der Mann und versuchte
sie zu beschwichtigen, obgleich er selbst nicht viel Hoffnung hatte.
Wir wollen in den Wald gehen und es suchen. Damit band er die Pferde
an einen Baum und begab sich in das Dickicht. Die Frau stand auch auf,
um ihm zu folgen, als sie bemerkte, da das Trolljunge auf dem Boden lag
und jeden Augenblick von den Pferden totgetrampelt werden knnte, die
ber seine Gegenwart unruhig schienen und einmal ums andre wild nach
hinten ausschlugen. Sie schauderte bei dem Gedanken, den Wechselbalg
anrhren zu mssen, aber sie schob ihn doch so, da die Pferde ihn nicht
zertreten konnten.

Hier liegt die Schelle, die unser Kind in der Hand hatte, als du es
fallen lieest, rief der Bauer aus dem Wald. Jetzt wei ich, da ich
auf der rechten Spur bin. Die Frau eilte ihm nach, und sie gingen in
den Wald und suchten lange und eifrig. Aber sie fanden weder Kind noch
Troll; und als die Dmmrung einbrach, muten sie zu ihren Pferden
zurckkehren.

Die Frau weinte und rang die Hnde. Der Mann ging mit
aufeinandergepreten Lippen und sagte nicht ein Wort, um sie zu trsten.
Er war aus altem gutem Stamm, der erloschen wre, wenn er nicht einen
Sohn bekommen htte. Er ging jetzt einher und zrnte der Frau, weil sie
das Kind hatte zu Boden fallen lassen. Sie htte es doch vor allem
andern festhalten mssen. Aber als er sah, wie betrbt sie war, brachte
er es nicht bers Herz, sie zu tadeln.

Der Bauer hatte der Frau in den Sattel geholfen, als ihr der Wechselbalg
einfiel. Was sollen wir aber mit dem Trolljungen anfangen? rief sie.
-- Ja, wo ist denn das hingekommen? sagte der Mann. -- Es liegt dort
unter dem Busch. -- Da liegt es ja ganz gut, sagte der Mann und
lchelte bitter. -- Wir mssen es aber doch mitnehmen. Wir knnen es
doch nicht hier in der Wildnis lassen. -- Doch, das knnen wir sehr
gut, sagte der Bauer und setzte den Fu in den Steigbgel.

Die Frau fand, da der Mann eigentlich ganz recht htte. Sie brauchten
sich doch nicht des Trollkindes anzunehmen. So lie sie das Pferd ein
paar Schritte machen. Aber sie war von weicher und warmherziger
Gemtsart, und pltzlich war es ihr ganz unmglich, weiterzureiten.
Nein, es ist ja doch ein Kind, sagte sie. Ich kann es nicht hier
lassen, den Wlfen zum Frae. Du mut mir den Jungen reichen. -- Das tu
ich nicht, sagte der Mann. Er liegt ganz gut, wo er liegt. -- Wenn
du ihn mir nicht jetzt bringst, so mu ich heute abend wieder herkommen
und ihn holen, sagte die Frau. -- Mir scheint, es ist nicht genug, da
die Trolle mir meinen Knaben gestohlen haben, sagte er, sie haben
auch noch meinem Weibe den Kopf verdreht. Aber dabei hob er doch das
Kind auf und reichte es der Frau, denn er hatte eine groe Liebe zu ihr
und war es gewohnt, ihr in allem zu Willen zu sein.

Am nchsten Tage war das Unglck im ganzen Kirchspiel bekannt, und alle,
die alt und klug waren, eilten in die Htte des Bauern, um gute
Ratschlge zu geben. Wer einen Wechselbalg im Hause hat, mu ihm jeden
Tag mit einem derben Stecken Schlge geben, sagte eine der Alten.
Warum soll man denn so bel mit ihm umgehen? fragte die Buerin.
Freilich ist er hlich, aber er hat doch nichts Bses getan. -- Ja,
wenn man das Junge schlgt, bis das Blut fliet, dann kommt schlielich
die Trollin herangesaust, wirft einem das eigne Kind zu und nimmt ihres
mit. Ich wei viele, die es so gemacht haben, um ihr Kind wieder zu
bekommen. -- Aber diese Kinder sind dann nicht lange am Leben
geblieben, sagte eine der alten Frauen; und die Buerin dachte bei sich
selbst, da sie dieses Mittel nicht anwenden knnte. Das wre ihr
unmglich gewesen.

Gegen Abend, als die Buerin mit dem Wechselbalg allein in der Stube
war, begann sie sich auf einmal so heftig nach ihrem eignen Kinde zu
sehnen, da sie gar nicht wute, wo aus noch ein. Vielleicht sollte ich
doch das versuchen, was sie mir geraten haben, dachte sie, aber sie
konnte sich doch nicht entschlieen.

In demselben Augenblick kam der Mann mit einem Stock in der Hand in die
Stube und fragte nach dem Wechselbalg. Da sah die Frau, da der Mann den
Rat der klugen Frauen befolgen und das Trollkind prgeln wollte, um sein
eignes zurckzubekommen. Es ist gut, da er es tut, dachte sie. Ich
bin zu dumm. Ich knnte nie ein unschuldiges Kind schlagen.

Aber kaum hatte der Mann dem Trollkind einen Hieb versetzt, als die Frau
herbeistrzte und ihn am Arm packte. Nein, schlag nicht, schlag nicht!
bat sie. -- Du willst wohl dein eignes Kind nicht wieder haben? sagte
der Mann und versuchte sich loszumachen. -- Freilich will ich es wieder
haben, aber nicht auf diese Art, sagte die Frau. Der Mann erhob den Arm
zu einem neuen Schlag, aber ehe er fiel, hatte sich die Frau auf das
Kind geworfen, so da der Hieb ihren Rcken traf. Gott schtze mich,
sagte der Mann, jetzt sehe ich, du willst dich so anstellen, da unser
Kind all sein Lebtag bei den Trollen bleiben mu. Er blieb stehen und
wartete, aber die Frau blieb vor ihm liegen und schtzte das Kind. Da
warf der Mann den Stock fort und ging unmutig aus der Stube. Er wunderte
sich spter, da er seinen Vorsatz nicht seinem Weibe zum Trotz
durchgefhrt hatte, aber wenn sie da war, bezwang ihn irgend etwas: er
konnte ihr nicht zuwiderhandeln.

Ein paar Tage vergingen in Schmerz und Trauer. Was die Buerin am
meisten qulte und ihren Kummer verdoppelte, war, da sie fr dieses
Trollkind zu sorgen hatte. Um seinetwillen hatte sie so bitter zu
leiden, da es ihr fast die Kraft nahm, ihr eignes Kind zu betrauern.

Ich wei rein nicht, was ich dem Wechselbalg zu essen geben soll,
sagte sie eines Morgens zu ihrem Mann. Er will nichts kosten, was ich
ihm vorsetze. -- Das ist nicht zu verwundern, sagte der Mann. Du
wirst doch schon gehrt haben, da die Trolle nichts anderes essen als
Frsche und Muse. -- Aber du kannst doch nicht verlangen, da ich zum
Froschsumpf gehe und ihm dort das Essen hole, sagte die Frau. -- Nein,
ich verlange nichts dergleichen, antwortete der Bauer. Ich finde, es
wre am besten, wenn er verhungern wrde.

Die ganze Woche verging, ohne da die Buerin imstande war, das
Trolljunge zu bewegen, irgend etwas zu sich zu nehmen. Es schrie nur,
wie es da in seiner Wiege lag, und wurde so elend und mager, da kaum
noch etwas von ihm brig blieb. Rings um ihn stellte die Buerin alles
mgliche gute Essen auf, das sie nur bereiten konnte; aber der
Wechselbalg fauchte und spuckte nur, wenn sie ihn berreden wollte,
etwas von den Leckerbissen zu kosten.

Eines Abends, als das Trollkind so aussah, als sollte es Hungers
sterben, kam die Katze mit einer Maus zwischen den Zhnen in die Stube
gelaufen. Da ri die Buerin der Katze die Maus aus dem Rachen, warf sie
dem Kind hin und verlie hastig die Stube, um nicht sehen zu mssen,
wie das Trolljunge a.

Aber als der Bauer merkte, da die Frau wirklich anfing, Frsche und
Spinnen fr den Wechselbalg zu sammeln, da begann er einen solchen
Abscheu vor ihr zu empfinden, da er ihn kaum verbergen konnte. Er
konnte sich nicht berwinden, ihr ein freundliches Wort zu sagen; und
wre nicht jene wunderliche Macht gewesen, die sie ber ihn besa, so
htte er sie sogleich verlassen.

Auch die Dienstleute begannen der Buerin Ungehorsam und
Unehrerbietigkeit zu zeigen, ohne da der Bauer sich darum kmmerte.

Die Frau merkte bald: wenn sie fortfhre, den Wechselbalg in Schutz zu
nehmen, wrde sie es mit ihrem Manne, dem Gesinde und den Nachbarn sehr
schwer haben; aber sie war nun einmal so: wenn es jemand gab, den alle
andern haten, mute sie ihre uerste Kraft aufbieten, um einen solchen
armen Wicht zu schtzen. Und je mehr sie um des Wechselbalgs willen litt
und sich qulte, desto getreulicher wachte sie darber, da ihm nichts
Bses widerfahre.

Ein paar Jahre spter an einem Vormittag sa die Buerin allein in der
Stube und nhte Flicken um Flicken auf ein kleines Kinderkleid. Ach
ja, dachte sie, whrend sie so nhte, der hat keine guten Tage, der
fr ein fremdes Kind sorgen mu.

Sie nhte und nhte, aber die Lcher waren so gro und so zahlreich, da
ihr die Trnen in die Augen kamen, wenn sie sie ansah. Aber so viel
wei ich, dachte sie, wenn ich meines eignen Sohnes Kittelchen
flickte, da wollte ich die Lcher nicht zhlen.

Ich habe es doch gar zu schwer mit dem Wechselbalg, dachte die
Buerin, als sie ein neues Loch entdeckte. Das Beste wre schon, wenn
ich ihn tief in den Wald fhrte, so tief, da er nicht mehr heimfinden
knnte, und ihn dort zurckliee.

Obgleich ich mir gar nicht so viele Mhe zu geben brauchte, um ihn los
zu werden, fuhr sie nach einem Weilchen fort. Ich brauchte ihn nur
einen Augenblick ohne Aufsicht zu lassen, dann wrde er schon im Brunnen
ertrinken oder im Herde verbrennen oder vom Hunde gebissen oder von den
Pferden gestoen oder von den Knechten erschlagen werden. Ja, es wre
ein Leichtes, ihn los zu werden, denn ausgelassen und schlimm ist er,
und es gibt keinen, der ihn nicht hate. Ich glaube, wenn ich ihn nicht
bestndig um mich htte, wrde gleich jemand die Gelegenheit bentzen
und ihn umbringen.

Sie ging hin und sah das Kind an, das in einer Ecke der Stube lag und
schlief. Es war sehr gewachsen und sah nun noch viel hlicher aus, als
da sie es zum ersten Male erblickt hatte. Es hatte groe, wulstige
Lippen, die Augenbrauen waren wie zwei steife Brsten, und die Haut war
ganz braun.

Deine Kleider flicken und ber dich wachen, ginge wohl noch an, dachte
sie. Wenn ich deinetwegen nicht schlimmere Sorgen htte. Es ist ja
fast, als htte ich den Verstand verloren, da ich so viel um dich
leide, wo du doch nichts andres bist als ein widerwrtiger Troll. Mein
Mann verabscheut mich, die Knechte verachten mich, die Mgde hhnen
mich, die Katze faucht mich an, der Hund knurrt, wenn er mir begegnet;
und an dem allen bist du nur schuld.

Aber da Tiere und Menschen mich hassen, ist noch nicht das
Schlimmste, fuhr sie nachdenklich fort. Das Schlimmste ist, da ich
mich jedesmal, wenn ich dich ansehe, um so mehr nach meinem eignen Sohn
sehne. O, mein liebes Kind, mein allerliebstes Goldkind, wo bist du
jetzt? Schlfst du jetzt bei der Trollin auf Moos und Reisig?

Da ging die Tr auf, und die Frau begab sich wieder zum Tisch und setzte
sich zu ihrer Nherei. Es war ihr Mann, der eintrat. Er hatte ein
lchelndes Gesicht und sprach mit freundlicherer Stimme als seit langer
Zeit.

Heute ist im Nachbardorf Jahrmarkt, sagte er. Wie wr es, wenn wir
hingingen?

Ach, das wollte ich gar so gerne, sagte die Frau und wurde sehr froh.

Nun, dann mach dich rasch fertig, sagte der Mann. Wir mssen zu Fu
gehen, denn die Pferde sind bei der Arbeit. Aber wir kommen noch
zurecht, wenn wir den Weg ber den Hgel nehmen.

Ein kleines Weilchen spter stand die Frau in Feiertagskleidern auf der
Schwelle. Das war das Freudigste, was ihr nun schon seit Jahren begegnet
war, und sie hatte das Trollkind vllig vergessen. Aber, dachte sie
ganz pltzlich, vielleicht will mein Mann mich nur fortlocken, damit
einer der Knechte das Trollkind erschlagen kann, whrend ich nicht
daheim bin. Sogleich ging sie in die Stube und kam mit dem groen
Trolljungen auf dem Arm zurck.

Kannst du den Wechselbalg nicht daheim lassen? fragte der Mann, aber
er lachte dabei und war ganz sanft. -- Nein, ich traue mich nicht, von
ihm fortzugehen, sagte sie. Ja, das ist deine Sache, sagte der Bauer,
aber es wird dir schwer werden, solch' einen Bengel den Hgel
hinaufzuschleppen.

Sie begannen nun ihre Wanderung, aber es ging steil aufwrts, man mute
einen hohen Gebirgsgrat erklimmen, ehe man in das benachbarte Drfchen
kam.

Die Frau wurde schlielich so mde, da sie kaum mehr einen Fu vor den
andern setzen konnte. Einmal ums andre suchte sie den groen Burschen zu
berreden, selbst zu gehen, aber er wollte nicht.

Der Mann war die ganze Zeit ber vergngt und so freundlich, wie er noch
nie gewesen war, seit sie ihr Kind verloren hatten. Jetzt mut du mir
aber den Wechselbalg geben, sagte er, ich werde ihn ein Weilchen
tragen. -- Ach nein, ich kann schon, sagte die Frau, ich will nicht,
da du von diesem Trollzeug Beschwerden hast. -- Warum sollst du dich
allein damit abplagen, sagte er und nahm den Wechselbalg.

Als der Bauer das Kind nahm, war der Weg gerade am allersteilsten. Er
fhrte ganz schmal und schlpfrig am Rande eines Abgrundes vorbei, und
es war kaum Platz, um den Fu aufzusetzen. Die Frau ging hinter ihm, und
sie bekam pltzlich groe Angst, da dem Mann etwas geschehen knnte,
wie er da ging und das Kind trug. Geh hier vorsichtig, rief sie. Sie
meinte, wenn er so rasch und unachtsam ginge, mte er strzen. Gleich
darauf glitt er auch wirklich aus und htte fast das Trolljunge in den
Abgrund fallen lassen.

Nein, wenn das Kind jetzt gefallen wre, dann wren wir es fr alle
Zeit los gewesen, dachte sie. Aber in demselben Augenblicke stand es
ihr klar vor Augen, da es die Absicht des Mannes war, das Kind hier
hinunterzuwerfen und dann zu tun, als wre ein Unglck geschehen. --
Ach, ach, dachte sie, ist es so?! Er hat das alles nur so eingerichtet,
um das Kind zu beseitigen, ohne da ich merke, da er es mit Absicht
tut. Ja, wre es nicht am besten, wenn ich ihm seinen Willen liee?

Wieder rutschte der Mann auf einem lockern Stein aus, wieder wre ihm
das Kind fast aus dem Arm gefallen. Gib mir das Kind, du fllst damit,
sagte die Frau. -- Nein, sagte der Mann, ich werde schon aufpassen.
-- Du sollst es mir geben, rief die Frau, du bist schon zweimal
ausgeglitten.

In demselben Augenblick rutschte der Mann zum drittenmal aus. Er
streckte die Arme nach einem Baumast, um sich daran festzuhalten, und
das Kind fiel. Die Frau kam dicht hinterdrein, und obgleich sie eben
noch gedacht hatte, da es schn wre, den Wechselbalg loszuwerden,
strzte sie nun vor, packte einen Zipfel des Kittelchens und zog das
Kind daran wieder auf den Weg. Da wendete sich der Mann zu ihr. Sein
Gesicht war jetzt hlich und wie verwandelt. Als du unser Kind im
Walde fallen lieest, warst du nicht so flink, sagte er zornig.

Die Frau antwortete nichts. Sie sa auf der Erde und weinte darber, da
die Freundlichkeit des Mannes nur gespielt gewesen war. Warum weinst
du? sagte er hart. Es wre wohl kein so groes Unglck gewesen, wenn
ich den Balg htte fallen lassen. Komm jetzt, es wird spt. -- Ich
glaube, ich hab keine Lust mehr, auf den Markt zu gehen, sagte sie. --
Na ja, mir ist die Lust auch vergangen, sagte er. Ich will lieber
nach Hause, sagte die Frau. Ja, warum sollten wir auch hin, wenn es
uns keine Freude macht, sagte der Mann und war einig mit ihr.

Auf dem Heimwege ging der Mann einher und fragte sich, wie lange er es
noch mit seinem Weibe aushalten knnte. Wenn er nun von seiner Macht
Gebrauch machte und ihren Willen zwnge, dann knnte ja noch alles
zwischen ihnen wieder gut werden, meinte er; aber so, wie es jetzt war,
wollte er am liebsten von ihr befreit sein. Er war nahe daran, Gewalt
gegen sie anzuwenden und das Kind an sich zu reien, aber gerade da
begegnete er dem Blick des Weibes, der so schwermtig und traurig auf
ihm ruhte, da er es nicht vermochte, hart gegen sie zu verfahren. Um
ihrer Trauer willen tat er sich Gewalt an, wie er es bisher getan hatte,
und alles blieb, wie es gewesen war.

Wieder vergingen ein paar Jahre, und es kam eine Sommernacht, wo im
Bauernhof eine Feuersbrunst ausbrach. Als die Leute aufwachten, waren
Stube und Kammer voll Rauch, und der ganze Dachboden war ein Feuermeer.
Es war gar nicht daran zu denken, zu lschen oder zu retten; man konnte
nur hinausstrmen, um nicht zu verbrennen.

Der Bauer ging in den Hof hinaus und stand da und sah das brennende Haus
an. Eins mchte ich wissen, wer mir das angetan hat? -- Wer? Nun, wer
sollte es wohl anders sein als der Wechselbalg? sagte ein Knecht. Es
war schon lange immer sein Spiel, Scheiterhaufen aus Reisig zu machen
und sie anzuznden. -- Gestern hat er einen groen Haufen trockne
Zweige auf den Dachboden getragen, sagte die Magd. Er wollte sie eben
anznden, als ich kam und ihn bemerkte. -- Gewi hat er sie gestern
Abend in Brand gesteckt, sagte der Knecht. Ihr knnt ganz sicher sein,
da er das Unglck verursacht hat.

Wenn er nur wenigstens verbrennen wollte, sagte der Bauer, dann
wollte ich nicht klagen, da meine alte Htte durch ihn in Flammen
aufgegangen ist. Wie er das eben sagte, trat die Frau aus dem Hause und
schleppte das Kind hinter sich her. Da strzte der Bauer heran, entri
ihr das Kind, hob es hoch in die Luft und warf es wieder in das Haus
zurck. Das Feuer schlug gerade zum Dach und zu den Fenstern heraus, und
die Hitze war frchterlich. Einen Augenblick sah die Frau den Mann an,
leichenbla vor Schrecken, dann kehrte sie um und eilte in das Haus
zurck, dem Kinde nach.

Es macht mir gar nichts, wenn du mit verbrennst, rief ihr der Bauer
nach. Sie kam jedoch wieder heraus und hatte das Kind in den Armen. Ihre
Hnde waren arg verbrannt, und das Haar war fast abgesengt. Niemand
sagte ein Wort zu ihr, als sie herauskam. Sie ging zum Brunnen, lschte
ein paar Funken, die an ihrem Rocksaum glhten, und setzte sich dann auf
den Boden. Das Trollkind lag auf ihrem Scho und schlummerte bald ein,
doch sie sa hochaufgerichtet und wach da und starrte mit traurigen
Augen vor sich hin. Eine ganze Menge Menschen eilten herbei, um zu
lschen, aber niemand sprach zu ihr. Es sah aus, als meinten alle, da
sie etwas Hliches und Unheimliches an sich htte, das Schrecken und
Abscheu errege.

Bei Tagesanbruch, als das Feuer gelscht war, kam der Bauer auf sie zu.
Ich halte es nicht lnger aus, ich kann nicht mit Trollen
zusammenleben, obgleich ich dich ungern verlasse. Ich gehe jetzt meiner
Wege und komme nie wieder.

Als die Frau diese Worte hrte und sah, wie der Mann sich gleich darauf
abwendete, um seiner Wege zu gehen, da fuhr ein Zucken durch sie, als
wollte sie ihm nacheilen, aber das Trollkind lag schwer auf ihrem
Scho. Sie schien nicht Kraft genug zu haben, es abzuschtteln, sondern
blieb sitzen.

Aber kaum war der Bauer in den Wald gekommen, als ihm ein kleiner Knirps
in vollem Lauf ber die Hgel entgegenkam. Er war schn wie ein junges
Bumchen, so schmal und schlank, das Haar war seidenweich, und die Augen
leuchteten wie blauer Stahl. Ach ja, so wre mein Sohn jetzt, wenn ich
ihn htte behalten drfen, dachte der Bauer. Einen solchen Erben htte
ich gehabt. Das wre freilich ein ander Ding gewesen als das schwarze
Ungetm, das meine Frau mir ins Haus gebracht hat.

Gr Gott, sagte der Bauer, wohin gehst du denn? -- Gr Gott,
sagte das Brschchen und reichte ihm die Hand. Wenn du erraten kannst,
wer ich bin, sollst du erfahren, wohin ich gehe.

Als der Bauer die Stimme hrte, wurde er ganz bla.

Ich kenne diese Stimme, sagte er. Wenn mein Sohn nicht bei den
Trollen wre, wrde ich sagen, da du es bist. -- Ja, jetzt habt Ihr
recht geraten, Vater, sagte das Brschchen und lachte. Und weil Ihr
recht geraten habt, sollt Ihr auch wissen, da ich auf dem Wege zur
Mutter bin. -- Du sollst nicht zur Mutter gehen, sagte der Bauer.
Sie fragt gar nicht nach dir. Sie hat fr niemand ein Herz, als fr ein
groes garstiges Trolljunges. -- Meint Ihr das, Vater? sagte der
Knabe und sah dem Vater tief in die Augen. Dann ist es vielleicht
besser, wenn ich frs erste bei Euch bleibe.

Der Bauer war so froh ber das Kind, da ihm die Trnen in die Augen
kamen. Ja, bleib du nur bei mir, sagte er und nahm den Knaben in seine
Arme und kte ihn. Er hatte frmlich Angst, ihn aufs neue zu verlieren,
und wagte es nicht, ihn wieder auf den Boden zu stellen, sondern
wanderte mit dem Kinde im Arme weiter.

Als er ein paar Schritte gegangen war, begann der Kleine zu plaudern.
Das ist gut, da Ihr mich nicht so tragt, wie Ihr den Wechselbalg
getragen habt, sagte der Knabe. Was meinst du damit? fragte der
Bauer. Ja, die Trollin ging auf der andern Seite der Kluft mit mir, und
jedesmal, wenn Ihr mit dem Kinde ausglittet, Vater, glitt sie mit mir
aus. Ach was, ihr gingt auf der andern Seite der Kluft? sagte der
Bauer und wurde pltzlich ganz nachdenklich. Nie habe ich solche Angst
gehabt, sagte das Brschchen. Als Ihr das Trollkind in die Schlucht
warft, wollte mich die Trollin hinterherwerfen. Wre Mutter nicht so
geschwind gewesen und htte den andern gerettet --

Der Bauer begann langsamer zu gehen, whrend er dem Kleinen Fragen
stellte. Du mut mir doch erzhlen, wie es dir bei den Trollen ergangen
ist. Manchesmal recht schlimm, sagte der Kleine, aber wenn Mutter
nur gut gegen das Trolljunge war, dann war die Trollin auch gut gegen
mich.

Pflegte sie dich vielleicht zu schlagen? fragte der Bauer. Sie
schlug mich nicht fter, als Ihr das andre Kind schlugt. -- Was
kriegtest du denn zu essen? fragte der Bauer. Jedesmal, wenn Mutter
dem Wechselbalg Spinnen und Muse gab, bekam ich Butterbrot. Aber wenn
ihr dem Trolljungen Kuchen und Fleisch vorsetztet, dann setzte mir die
Trollin Schlangen und Krten vor. In der ersten Zeit wre ich fast
verhungert. Wenn Mutter dann nicht mehr Barmherzigkeit bewiesen htte
als ihr andern, so htte ich wohl ins Gras beien mssen.

Als das Kind dies sagte, machte der Bauer Kehrt und ging rasch in das
Tal hinab, seinem Hofe zu. Ich wei nicht, woher das kommt, sagte er,
aber es ist mir, als sprte ich einen Brandgeruch, wenn ich dich
anrhre, und dein Haar sieht aus, als ob es vom Feuer versengt wre.
Das ist doch nicht zu verwundern, sagte das Kind. Ich wurde doch
heute Nacht ins Feuer geworfen, als Ihr das Trollkind in die brennende
Htte schleudertet. Und wenn Mutter das Trolljunge nicht gerettet htte,
so wre ich wohl auch verbrannt.

Der Bauer schien nun solche Eile zu haben, da er fast lief, um in sein
Heim und zu seinem Weibe zurckzukommen. Aber pltzlich blieb er stehen.
Jetzt mut du mir aber sagen, woher es kommt, da die Trolle dich
freigegeben haben? sagte er. -- Als Mutter das opferte, was ihr mehr
ist als das Leben, hatten die Trolle keine Macht mehr ber mich und
lieen mich ziehen, sagte das Kind. -- Hat sie geopfert, was ihr mehr
ist als das Leben? fragte der Bauer. Ja, das hat sie wohl, als sie
Euch ziehen lie, ohne einen Versuch zu machen, Euch zurckzuhalten,
sagte das Kind.

Die Frau sa noch immer auf demselben Fleck am Brunnen. Sie schlief
nicht, aber sie schien wie versteinert. Sie vermochte sich nicht zu
rhren; und was rings um sie vorging, das bemerkte sie ebensowenig, als
wenn sie tot gewesen wre. Da hrte sie die Stimme ihres Mannes nach ihr
rufen, und ihr Herz begann wieder zu pochen, und das Leben erwachte in
ihr. Sie schlug die Augen auf und sah sich wie eine Schlaftrunkne um. Es
war hellichter Tag, die Sonne schien, und die Vgel sangen, und es
schien ihr ganz unmglich, da sie an einem so schnen Morgen noch ihr
Unglck zu tragen haben sollte. Aber gleich darauf sah sie die
verkohlten Balken, die noch umherlagen, wo einst die Htte gestanden
hatte, und eine Menge Menschen mit geschwrzten Hnden und berutem
Gesicht, und da kam es ihr zum Bewutsein, da sie zu einem schwereren
Unglck erwachte als je zuvor; aber dennoch hatte sie das Gefhl, als ob
es nun zu Ende sein mte. Sie sah sich nach dem Wechselbalg um. Er lag
nicht mehr auf ihrem Schoe und war auch nicht in der Nhe zu sehen.
Wre alles wie sonst gewesen, sie wre aufgesprungen und htte nach ihm
gesucht, aber jetzt empfand sie gar keine Unruhe um ihn. Sie hrte ihren
Mann aus weiter Ferne rufen. Er kam aus dem Walde, zum Hofe hinunter,
und alle die fremden Menschen, die beim Lschen geholfen hatten, liefen
ihm entgegen und umringten ihn, so da sie ihn nicht sehen konnte. Sie
hrte nur, wie er unaufhrlich rief: Mutter, Mutter! komm doch und
sieh, komm und sieh! Und die Stimme brachte Kunde von einer groen
Freude, aber sie blieb dennoch regungslos sitzen. Sie wagte ihm nicht
entgegenzugehen. Endlich kam die ganze Menschenschar auf sie zu, und der
Mann trennte sich von den andern und kam heran und legte ein schnes
Kind in ihre Arme.

Hier ist unser Sohn, er ist zu uns zurckgekehrt, sagte der Mann. Und
du -- und kein andrer -- hast ihn gerettet.




Der Spielmann


Ein Spielmann geht eines Sonnabends spt nachts mit seiner Fiedel unterm
Arme einher. Er ist sehr munter und frhlich, denn er kommt von einem
Feste, wo er mit seinem Spiel alt und jung zum Tanzen verlockt hat.

Wie er nun so geht, denkt er just daran, wie niemand sich stille halten
konnte, solange sein Bogen im Gange war. Ein so wilder Tanz hatte durch
die Stube gewirbelt, da es ihm ein paarmal gewesen war, als tanzten
Tische und Sthle mit.

-- Ich glaube doch sicherlich, da sie niemals einen solchen Spielmann
wie mich an diesem Orte gehabt haben, sagte er zu sich selbst.

-- Aber recht schwer habe ich es gehabt, bis ich ein so tchtiger Kerl
wurde, fhrt er fort. Das war kein Spa, als ich noch ein Kind war und
die Eltern mir befahlen, Schafe und Khe zu hten, und ich alles verga
und nur dasa und an meiner Geige zupfte. Ja, und nicht einmal eine
richtige Geige wollten sie mir daheim geben. Ich hatte nichts andres
zum Spielen als eine alte Holzkiste, ber die ich Saiten gespannt
hatte.

Am Tage, wenn ich allein im Walde sein durfte, ging es mir ja ganz gut,
aber es war kein Spa, am Abend heimzukommen, wenn die Herde sich mir
verirrt hatte. Da bekam ichs unzhlige Male von Vater und Mutter zu
hren, da ich ein Taugenichts sei, und da nie etwas aus mir werden
wrde.

In dem Teil des Waldes, den der Spielmann durchwandert, bahnt sich ein
kleiner Bergstrom seinen Weg. Da ist der Boden steinig und hgelig, und
dem Strom macht es groe Beschwerden, vorwrts zu kommen. Er windet sich
hin und her, strzt sich ber kleine Flle und scheint doch nicht vom
Fleck zu kommen. Der Weg hingegen, den der Spielmann wandert, versucht
so schnurgerade zu gehen wie nur mglich. Er trifft so immer wieder mit
dem sich schlngelnden Bergstrom zusammen und springt jedesmal auf einem
kleinen Brcklein hinber. Der Spielmann mu daher einmal ums andre den
Strom berschreiten; und das macht ihm Freude. Es ist ihm so, als htte
er nun im Walde Gesellschaft gefunden.

Er geht durch die helle Sommernacht. Die Sonne ist noch nicht
aufgestanden, aber es hat nicht viel zu sagen, da sie sich ferne hlt,
denn es herrscht doch auf jeden Fall volles Licht. Aber richtig so wie
am Tage ist es doch nicht.

Alles hat eine andre Farbe. Der Himmel ist ganz wei, die Bume und die
hohen Kruter im Grase sind glnzend grau. Aber alles ist ebenso
deutlich erkennbar wie am Tage, und als der Spielmann auf einer der
vielen Brcken stehen bleibt und in den Strom hinabblickt, kann er jedes
Blschen unterscheiden, das durch das Wasser perlt.

Wenn ich solch einen Strom in der Wildnis sehe, mu ich mich an mein
eignes Leben erinnern, denkt der Spielmann. Ebenso halsstarrig wie er
habe ich mir meine Strae gebahnt, vorbei an allem, was sich mir in den
Weg stellte. Da war Vater: er stellte sich mir entgegen wie ein harter
Fels. Und da war Mutter: sie suchte mich still zu halten und mich
gleichsam zwischen Mooshgelchen einzubetten. Aber ich schlich mich an
Vater und Mutter vorbei, und hinaus in die Welt ging es.

Haha, jaja, ich denke, Mutter sitzt daheim und weint noch um mich; aber
was kmmert das mich! Sie htte doch verstehen knnen, da aus mir etwas
werden mute, und htte nicht versuchen sollen, mir entgegen zu sein.

Ungeduldig reit er ein paar Bltter von einem Busch ab und wirft sie in
den Strom.

-- So habe ich mich von allem daheim losgerissen, sagt er, als er
sieht, wie das Wasser die Bltter forttreibt.

-- Mchte doch gerne wissen, ob Mutter erfahren hat, da ich nun der
beste Spielmann in ganz Vrmland bin? sagt er, whrend er weiter
wandert.

Er geht mit rstigen Schritten vorwrts, bis er wieder zu einem Steg
kommt. Da bleibt er abermals stehen und sieht in den Strom hinab. Unter
der Brcke schumt der Strom in reiendem Fall und macht ein
erschreckliches Getse. Da es Nacht ist, hrt man ganz andre Laute als
am Tage, und der Spielmann wundert sich gar sehr, wie er stehen bleibt
und lauscht. Da ist kein Vogelgesang im Walde und kein Spiel in den
Nadeln und kein Rascheln im Laube. Keine Wagenrder knarren auf dem
Wege, und keine Kuhschellen klingeln. Man hrt nur den Bergstrom, aber
gerade darum hrt man ihn wohl umsoviel besser und anders als am Tage.
Es klingt, als wenn alles Denkbare und Undenkbare in der Tiefe des
Stromes wre. Vor allem klingt es, als wenn jemand dort unten se und
zwischen groen Steinen Korn mahlte, aber zuweilen klingt es so, wie
wenn Becher bei einem Trinkgelage aneinander stoen, und manchmal hrt
man ein Murmeln, wie wenn die Gemeinde aus der Kirche kommt und nach dem
Gottesdienst in eifrigem Gesprch auf dem Kirchenhgel steht.

-- Das hier ist wohl auch eine Art Musik, denkt der Spielmann,
obschon ich nicht finden kann, da es besonders weit damit her ist. Ich
sollte doch meinen, da die Weise, die ich jngst gesetzt habe, mehr
wert ist, da man auf sie horche.

Aber je lnger der Spielmann steht und dem Wasserfall lauscht, desto
besser und besser gefllt ihm dessen Lied.

-- Ich glaube wirklich, du nimmst dich zusammen, sagt er zum
Wasserfall. Du mut wohl merken, da der beste Spielmann von ganz
Vrmland da steht und dir zuhrt.

In demselben Augenblick, wo er dies sagt, vermeint er, aus der Tiefe ein
paar metallklare Laute zu vernehmen, wie wenn jemand an einer Saite
zupft, um zu prfen, ob sie stimme.

Sieh da, nun ist der Wassermann selbst zur Stelle gekommen; ich hre,
wie er an seiner Fiedel zupft, sagt der Spielmann und lacht. Aber ich
kann doch nicht die ganze Nacht hier stehen bleiben und darauf warten,
da du anfngst, ruft er gleich darauf ins Wasser hinab. Nun mu ich
weiter gehen, aber ich verspreche dir, da ich auch auf der nchsten
Brcke stehen bleiben und horchen will, ob du zu spielen begonnen hast.

Er wandert weiter, und whrend der Strom auf seinem geschlngelten Wege
in den Wald hineinluft, fngt er wieder an, an seine Heimat zu denken.

-- Ich mchte wohl wissen, wie es mit dem kleinen Bchlein steht, das
an unserm Gehft vorbeifliet; das wollte ich gerne wieder einmal sehen.
Ich sollte doch einmal heimgehen, um zu sehen, ob die Mutter drftige
und schwere Zeit hat, seit Vater tot ist, -- wenn ich nur die Zeit
finden knnte. Aber ich bin so beschftigt; da ist es fast unmglich.
Ich kann zu nichts anderm Zeit finden als fr meine Fiedel; es gibt ja
kaum einen Abend in der Woche, an dem ich frei wre.

Nach einem kleinen Weilchen trifft er den Strom wieder, und damit kommt
er allsogleich auf andre Gedanken. Bei diesem bergang kommt der
Bergstrom nicht in einem donnernden Wasserfall herangestrzt, sondern er
fliet ganz sacht vorbei. Tiefschwarz und blank liegt er unter den
nchtig grauen Bumen des Waldes und trgt noch hier und dort einen
schneeweien Schaumkamm von den obern Fllen.

Als der Spielmann auf das Brcklein kommt und keinen andern Laut vom
Strome hrt als hie und da ein leises Pltschern, fngt er abermals zu
lachen an.

-- Ich konnte es mir ja denken, da der Neck sich nicht bequemen wrde,
zum Stelldichein zu kommen, rief er. Freilich habe ich immer gehrt,
da er ein tchtiger Spielmann sein soll, aber gar so weit her kann es
doch nicht mit ihm sein, wenn er immer ganz still im Bach liegt und nie
etwas Neues zu hren bekommt. Er wei schon, da hier einer steht, der
die Sache besser versteht als er, und darum will er sich nicht hren
lassen.

Damit geht er weiter und verliert den Strom wieder aus den Augen.

Er kommt in eine Gegend des Waldes, die ihn immer unheimlich und
gruselig zu durchwandern duchte. Da ist der Boden von Steinen und
Gerll bedeckt, und verkrmmte Tannenwurzeln schlngeln sich dazwischen
durch. Wenn es etwas Verhextes oder Gefhrliches im Walde gbe, sollte
man wohl meinen, da es sich gerade hier verborgen halten mte.

Als der Spielmann zwischen die wilden Steinblcke kommt, berluft ihn
ein Schauder, und er fngt an zu bedenken, ob es nicht unklug von ihm
gewesen sei, sich vor dem Neck zu rhmen.

Es dnkt ihn, da die groen Tannenwurzeln Gebrden gegen ihn machten,
als wollten sie ihm drohen.

-- Hte dich, du, der du mehr sein willst als der Wassermann! scheinen
sie zu sagen.

Der Spielmann fhlt, wie das Herz sich ihm vor Angst zusammenschnrt.
Eine solche Last legt sich ihm auf die Brust, da er kaum atmen kann,
und seine Hnde werden eiskalt. Er bleibt mitten auf dem Wege stehen und
sucht sich selbst Vernunft zuzusprechen.

-- Es gibt doch keinen Spielmann im Wasserfall! sagt er. Das ist nur
Aberglaube und Ammenmrchen. Darum ist es ganz gleichgltig, was ich von
ihm gesagt habe oder nicht gesagt habe.

Wie er so spricht, sieht er sich im Walde um, als wollte er bekrftigt
finden, da es sich so verhalte, wie er gesagt. Wenn es Tag gewesen
wre, so htte wohl jedes Blttchen ihm zugeblinkt, da es im Walde
nichts Gefhrliches gbe; aber jetzt bei Nacht stehen alle Bume
verschlossen und stumm da und sehen aus, als brgen sie gefhrliche
Heimlichkeiten.

Der Spielmann wird auch immer ngstlicher. Was ihm am meisten Schrecken
einflt, ist, da er noch einmal ber den Strom gehen mu, bevor der
und der Weg sich trennen und nach verschiednen Seiten ziehen. Er wei
nicht, was der Wassermann ihm tun wird, wenn er ber die letzte Brcke
geht. Vielleicht wird er eine groe schwarze Hand aus den Fluten
emporrecken und ihn in die Tiefe ziehen.

Er hat sich solche Angst eingejagt, da er ernstlich daran denkt,
umzukehren. Aber dann wrde er ja wieder den Strom treffen. Und wenn er
vom Wege abwiche und tiefer in den Wald hineinginge, dann mte er ihm
wohl auch begegnen, wie der sich krmmte und schlngelte.

Er fhlt solche Angst, da er nicht wei, was er anfangen soll. Er ist
von dem Strome verstrickt, gebunden und gefangen und sieht keine
Mglichkeit des Entrinnens.

Aber nun fngt er zu laufen an, so rasch ihn die Beine tragen wollen,
denn es ist ihm etwas eingefallen:

Gerade hier macht der Strom eine weite Biegung in den Wald hinaus. Der
Wassermann hat bis zur nchsten Brcke einen viel weitern Weg als ich.
Vielleicht kann ich ihn berholen, ehe er noch ans Ziel gekommen ist.

Und er luft, er luft.

       *       *       *       *       *

Endlich sieht er den letzten Steg vor sich. Gerade gegenber auf der
andern Seite des Bergstroms liegt eine alte Mhle, die schon so manches
liebe Jahr verlassen dasteht. Das groe Mhlrad hngt regungslos ber
dem Wasser, die Schleuse vermodert oben auf der Erde, die Wasserrinnen
sind mit Moos bewachsen, und in den leeren Dachluken wuchern Steinwurz
und Moosflechte.

-- Wenn es noch wre wie frher und es hier Menschen gbe, denkt der
Spielmann, dann wre ich nun aus aller Gefahr erlst.

Aber es beruhigt ihn doch, ein Haus zu sehen, das ein berbleibsel von
Menschenwerk ist, und als er den Strom berschreitet, hat er beinahe
keine Angst mehr. Es geschieht ihm auch gar nichts Gefhrliches. Der
Wassermann scheint ihm nichts anhaben zu wollen. Der Spielmann wundert
sich nur ber sich selbst, da er sich wegen rein gar nichts solche
Furcht hat einjagen lassen.

Er fhlt sich ganz frhlich und geborgen, und noch froher wird er, als
die Tr der Mhle sich ffnet und ein junges Mgdlein ihm entgegenkommt.

Sie sieht ganz aus wie eine gewhnliche Bauerndirne. Sie hat ein
Baumwolltuch auf dem Kopfe, ein kurzes Rckchen und ein weites Leibchen,
aber die Fe sind blo.

Sie geht auf den Spielmann zu und sagt ihm ohne Umschweife:

-- Willst du mir eins spielen, so will ich dir eins tanzen.

-- Ja, freilich, sagt der Spielmann, der bei guter Laune ist, weil er
seine Angst abgeschttelt hat, das will ich wohl. Hab doch noch nie
einem schnen Mdchen, das tanzen wollte, Nein gesagt.

Er setzt sich auf einen Stein neben dem Mhldamm, lehnt die Fiedel ans
Kinn und hebt an zu spielen.

Das Mdchen macht ein paar Schritte im Takt zu seinem Spiel, aber dann
bleibt es stehen.

-- Was ist denn das fr eine Polka, die du da spielst? sagt sie. Da
liegt ja keine Kraft darin.

Der Spielmann ndert die Melodie, er versucht es mit einer, in der mehr
Schwung ist. Die Dirne bleibt mimutig stehen.

-- Nach einer solchen Schleppolka kann ich nicht tanzen, sagt sie.

Da stimmt der Spielmann die wildeste Weise an, die er kennt.

-- Bist du mit der nicht zufrieden, sagt er, dann mut du einen
Spielmann rufen, der es besser kann als ich.

Wie er das sagt, fhlt er, da eine Hand seinen Arm gerade am Ellenbogen
packt und den Bogen zu fhren und den Takt zu befeuern anfngt.

Da entstrmt der Geige eine Weise, wie er ihresgleichen niemals zuvor
gehrt hat. Es ist ein so hurtiger Takt darin, da es ihn bednken will,
ein rollendes Rad knnte ihr nicht folgen.

-- Ja, das nenn ich eine Polka, sagt die Dirne und beginnt sich im
Kreise zu drehen.

Aber der Spielmann sieht sie nicht an. Er ist so erstaunt ber die
Weise, die er spielt, da er die Augen schliet, um besser zu hren.

Als er sie nach einer Weile wieder aufschlgt, ist das Mdchen
verschwunden, aber er denkt nicht weiter daran.

Er spielt weiter und immer weiter, denn nie zuvor hat er ein solches
Geigenspiel gehrt.

-- Aber nun mag es wohl Zeit sein, aufzuhren, denkt er schlielich
und will den Bogen niederlegen.

       *       *       *       *       *

Aber der Bogen regt sich weiter. Er kann ihn nicht zum Stehen bringen.
Er gleitet auf und nieder ber die Saiten und reit die Hand und den Arm
mit. Und die Hand, die den Geigenhals umfat und auf den Saiten fingert,
die kann auch nicht loskommen.

Der kalte Schwei tritt dem Spielmann auf die Stirn, und er erschrickt
nun wirklich.

-- Wie soll dies enden? Soll ich bis zum jngsten Tage hier sitzen und
spielen? fragt er sich in Verzweiflung.

Der Bogen jagt dahin und zaubert eine Weise nach der andern hervor;
stets ist es etwas Neues und so schn, da der Arme denken mu:

-- Der auf meiner Geige spielt, der versteht die Kunst. Aber ich bin
all mein Lebtag ein elender Stmper gewesen. Jetzt erst lerne ich, wie
Musik klingen soll.

Fr ein paar Augenblicke kann ihn die Musik so hinreien, da er sein
unglckseliges Schicksal vergit. Aber dann fhlt er seine Arme vor
Mdigkeit schmerzen, und er wird aufs neue von Verzweiflung erfat.

-- Diese Geige darf ich nicht von mir legen, bis ich mich zu Tode
gespielt habe. Ich merke, da der Neck sich nicht frher zufrieden
gibt.

Er fngt an, ber sich selbst zu weinen, whrend er immer weiter spielt.

-- Es wre besser fr mich gewesen, wenn ich daheim in dem kleinen
Httchen bei Mutter geblieben wre. Was ist aller Ruhm wert, wenn dies
das Ende sein soll!

Da sitzt er nun Stunde um Stunde. Es wird Morgen, die Sonne geht auf,
und die Vgel singen rings um ihn her. Aber er spielt, er spielt ohne
Unterla.

Da es ein Sonntag ist, der anbricht, bleibt er ganz allein an der alten
Mhle sitzen. Kein Mensch wandert in den Wald. Sie gehen alle zur Kirche
unten im Tal, und in die Drfer, die die groe Landstrae einsumen.

Es wird Vormittag, die Sonne steigt immer hher. Die Vgel verstummen,
aber es beginnt in den langen Nadeln der Tannen zu rauschen.

Er lt sich von der Hitze des Sommertages nicht aufhalten. Er spielt,
er spielt. Es wird endlich Abend, die Sonne sinkt zur Ruh, aber sein
Bogen braucht keine Ruhe, und sein Arm fhrt fort sich zu regen.

-- Es ist ganz gewi, da dies mein Tod ist, sagt er. Und es ist eine
gerechte Strafe fr meinen bermut.

In tiefer Nacht kommt der erste Mensch, den er den ganzen Tag lang
gesehen hat, durch den Wald gewandert. Es ist ein altes armes Mtterchen
mit gebeugtem Rcken und grauem Haar und einem Gesichte, das von vielen
Sorgen vergrmt ist.

-- Das ist seltsam, denkt der Spielmann. Es ist mir, als wenn ich das
alte Weiblein kennen mte. Kann es mglich sein, da das Mutter ist?
Kann es mglich sein, da Mutter so alt und grau geworden ist?

Er ruft sie laut und bittet sie.

-- Mutter, Mutter, komm her zu mir! sagt er. Sie bleibt wie unwillig
stehen.

-- Ich hre, da du der beste Spielmann in Vrmland bist, sagt sie.
Was hast du mit einem armen alten Weibe wie mir zu schaffen?

-- Mutter, Mutter, geh nicht an mir vorbei, ruft der Spielmann, komm
her und sieh mich an!

Da kommt sie nher und sieht, wie er da sitzt und spielt. Das Gesicht
ist bleich wie bei einem Toten, das Haar trieft von Schwei, und das
Blut perlt unter seinen Nagelwurzeln hervor.

-- Mutter, sagt der Spielmann, nun habe ich mich bald zu Tode
gespielt, aber sage mir vorher noch, ob du mir verzeihen kannst, da ich
dich in deinem Alter einsam und arm hausen lie?

-- Ja, gewi, in Gottes, des Erlsers, Namen verzeih ich dir, sagt die
Mutter.

Aber wie sie dies sagt, bleibt der Bogen stehen, die Fiedel fllt aus
den erstarrten Fingern zu Boden, und der Spielmann steht erlst und
gerettet auf. Denn der Zauber ist gebrochen, weil seine alte Mutter zu
ihm gekommen ist und Gottes Namen ber ihn ausgesprochen hat.




Noch ein Stck Lebensgeschichte

(Geschrieben zu meinem fnfzigsten Geburtstag)

Die erste Prophezeiung


Es lt sich denken, da es auf dem alten Herrenhof Morbacka am
zwanzigsten November des Jahres 1858 recht unruhig zugegangen ist. Ein
Kind ist an diesem Tage zu ziemlich spter Abendstunde geboren worden,
und so etwas bringt ja immer Verwirrung und Aufregung mit sich, selbst
an einem Ort, wo man die Gewohnheit hat, das Leben ruhig zu nehmen und
nicht mehr Wesens von einer Sache zu machen, als sie wirklich verdient.

Am dunkeln Abend, so gegen neun Uhr, kommt die Pastorin, die im
Nachbarhause wohnt, und steckt den Kopf zur Kchentr herein. Es ist
eine kleine, alte Frau, eine Verwandte und gute Freundin, die von allen
Menschen Tante Wennervik genannt wird. Sie hat es zu Hause nicht
aushalten knnen, sondern hat einen Schal ber den Kopf geworfen, eine
Laterne in die Hand genommen und sich auf dem schmalen Abkrzungsweg,
der hinter dem Garten luft, herbergetappt, um zu hren, wie es stehe.

Die Pastorin wird gleich in die Kammer neben der Kche gefhrt. Dort
wohnt die alte Frau Lagerlf, die Witwe des Regimentsschreibers
Lagerlf, noch heute, so wie sie ihr ganzes Leben lang da gewohnt hat,
als junges Mdchen und als verheiratete Frau. Sie sitzt, siebzigjhrig
und weihaarig, in ihrer Sofaecke und strickt den Enkelkindern Strmpfe,
ganz wie immer. Drinnen bei ihr ist alles ruhig, und sie selbst ist
ruhig, denn der Sohn, Leutnant Lagerlf, der nach seines Vaters Tode das
Gut bernommen hat, ist eben hier gewesen und hat ihr gesagt, da das
rgste berstanden und das Kind zur Welt gekommen sei.

So spt am Tage es auch ist, die Haushlterin stellt doch gleich die
Kaffeemaschine aufs Feuer, und bald kommt sie mit einem wohlbesetzten
Kaffeebrett in die Kammer. Nun sitzen Tante Wennervik und die alte Frau
Lagerlf da und trinken ganz allein Kaffee. Tante Wennervik erfhrt, da
das jngste Enkelkind ihrer alten Freundin ein Mdchen sei, und die
beiden Alten, die die Grenze des Lebens erreicht haben, sitzen da und
sprechen davon, wie es der Neugeborenen, die ihr Leben gerade begonnen
hat, einst ergehen werde.

Es wird ihr so ergehen, wie sie es verdient, weder besser, noch
schlechter, sagt die alte Frau Lagerlf.

Es kommt auch aufs Glck an, will ich dir sagen, Schwester, meint
Tante Wennervik.

Whrend die Pastorin diese Bemerkung macht, beugt sich die alte Frau
Lagerlf vor und fhlt das groe Ridikl an, das Tante Wennervik immer
am Arm trgt. Es sind tausend Dinge darin, denn Tante Wennervik ist
eine, die fr alles Rat wei und darum bestndig zu Hilfe gerufen wird.
Sie hat sich erst auf ihre alten Tage mit dem alten Pastor Wennervik
verheiratet, der Frau Lagerlfs Bruder ist; und frher, ehe sie sich
verheiratete, ist sie Wirtschafterin auf vielen groen Gtern gewesen.
Darum versteht sie sich auf alles, nicht nur darauf, die feinsten Gewebe
aufzuziehen und die grten Hochzeitsschmuse auszurichten, sondern auch
darauf, Kranke zu heilen und junge Bauernmdchen zu tchtigen
Hausmttern zu erziehen.

Als die alte Frau Lagerlf das Ridikl befhlt, merkt sie bald, da
auer den Augenglsern und dem Nhzeug und der Medikamentenflasche und
dem Riechsalz und dem Webebuch und den Brustpastillen und dem
Schlsselbund noch ein harter, viereckiger Gegenstand darin liegt.

Ich merke, da du die Karten mithast, Schwester, sagte sie.

Tante Wennerviks welke Wangen werden ein wenig rot. Sie kann
prophezeien, und sie schlgt nie die Karten auf, ohne da alles, was sie
voraussagt, eintritt. Es ist ihre kleine Schwche, sich zu freuen, wenn
man ihre Kunst in Anspruch nimmt; aber das will sie nie zugestehen. Sie
beteuert, nicht die geringste Ahnung gehabt zu haben, da sie die Karten
mit hat. Sie knne gar nicht begreifen, wie sie in das Ridikl gekommen
seien.

Aber wenn sie nun einmal da sind, kannst du sie doch fr das arme Ding,
das heute abend geboren worden ist, aufschlagen, sagt die alte Frau
Lagerlf.

Tante Wennervik ziert sich ein wenig, aber sie ist nicht sehr schwer zu
erweichen; und nun wird das Kaffeebrett beiseite gerckt, und die alte
Pastorin beginnt, die Karten zu legen. Sie hantiert mit groer bung und
Fertigkeit, und wie die alte Frau Lagerlf dasitzt und sie ansieht, kann
sie sich des Gedankens nicht erwehren, da ihre alte Schwgerin wie eine
richtige Wahrsagerin aussehe. Sie hat einen dunkeln Teint und spielende
schwarze Augen und eine lange Hakennase. Auf dem Kopfe trgt sie eine
groe schwarze Mtze, die mit einer scharfen Schnebbe in die Stirne
fllt, und an jeder Schlfe liegen drei Korkzieherlocken. Sie hat kein
einziges graues Haar und nicht ein Fleckchen in ihrem Gesicht, das noch
nicht von Runzeln bersponnen wre.

Tante Wennervik legt die Karten in vier Reihen: neun Karten in jeder
Reihe; und als dies geschehen ist, legt sie den Zeigefinger auf die
erste Karte und beginnt zu zhlen: eins, zwei, drei, vier -- bis
sechzehn. Sie zhlt hinauf und hinunter, von rechts und von links, und
bewegt den Finger, whrend sie zhlt, von einer Karte zur andern.
Endlich bleibt sie sitzen und murmelt in sich hinein, als wre sie nicht
recht zufrieden.

Nun, was siehst du, Schwester? fragte die alte Frau Lagerlf.

Krnklichkeit folgt ihr, antwortete Tante Wennervik. Damit mu sie
sich all ihr Lebtag abplagen.

Ein jeder mu sein Kreuz tragen, sagt die alte Frau Lagerlf, sonst
wird nichts Rechtes aus einem. Da wird es wohl ein stilles Leben fhren,
dieses Kind, wenn es krnklich sein wird; und das ist ja ohnehin das
Beste fr den Menschen.

Tante Wennervik legt den Zeigefinger wieder auf die Karten und beginnt
von neuem zu zhlen. Es liegen viele und lange Reisen vor diesem
Mdchen, sagt sie. Und viele Male mu sie bersiedeln und ihren
Wohnort wechseln.

Ein rollender Stein deckt sich nicht mit Moos, sagt die alte Frau
Lagerlf. Sie ist nicht recht zufrieden damit, da die Sohnestochter so
eine werden soll, die in Land und Reich herumzieht. Ich verstehe: wenn
sie krnklich ist, dann wird sie auch arm sein und zu den Verwandten
herumgeschickt werden, fhrt sie fort. Der hat es schlimm, der nicht
arbeiten und sich ntzlich machen kann.

Sie wird all ihr Lebtag arbeiten und sich plagen mssen, sagt Tante
Wennervik nach einer neuen Rechnung. Darber brauchst du dir keine
Sorgen zu machen, Schwester.

Ja so, dann kommt es wohl so, da sie ihr Brot bei Fremden verdienen
und oftmals die Herrschaft wechseln mu, sagt die alte Frau Lagerlf
und seufzt; denn es scheint ihr, die ihr ganzes Leben lang auf dem
eignen Hof gesessen hat, da ein Leben bei Fremden das Allerrgste sein
msse. Aber da sie es von jeher gewohnt ist, alles zum Besten zu wenden,
erhellt sich ihr Gesicht bald. Es hat dir ja auch nur Segen gebracht,
Schwester, bei Fremden zu sein, sagt sie. Wenn sie ein ebenso
tchtiger Mensch werden kann, dann hat es keine Not.

Sie wird in ihrem ganzen Leben kein Gewebe aufziehen, sagt Tante
Wennervik, die Nase in den Karten und so davon ausgefllt, die Zukunft
zu erforschen, da sie sich kaum klarmacht, was sie prophezeit. Sie
wird viel mit Bchern und Papieren zu tun haben.

Die alte Frau Lagerlf beugt sich ber die Karten, wie um einen
Leitfaden in all dieser Wirrnis zu finden. Sie wird viel mit Bchern zu
tun haben? Du meinst vielleicht, Schwester, da sie einen armen
Geistlichen heiraten wird, der von einem Kirchspiel ins andre ziehen mu
und nie zur Ruhe kommt, warf sie hin. Aber wenn es nur ein
ordentlicher Mann ist, der sie gut behandelt ...

Tante Wennervik erhebt den Zeigefinger gerade in die Luft und
unterbricht sie. Willst du, Schwester, da ich dir sage, wie es ist?
fragt sie.

Gewi will ich das, antwortet die alte Frau Lagerlf.

Sie wird nie heiraten.

So, so, sie wird nie heiraten ... Na ja, dann bleiben ihr vielleicht
viele Sorgen erspart. Aber weit du, das ist gerade keine gute
Prophezeiung, die du mich heute abend hren lt, Schwester. Aber du
kannst mir doch wenigstens sagen, ob sie ein braver, guter Mensch wird?

Gut und freundlich wird sie sein, sagte Tante Wennervik und guckt
wieder in die Karten, um nachzusehen, was sie ihr noch weiter zu sagen
haben. Aber die alte Frau Lagerlf unterbricht sie etwas trocken:

Ich glaube, Schwester, du legst die Karten jetzt zusammen. Ich bin
froh, da ich wenigstens wei, da ein ordentlicher Mensch aus ihr wird.
Das ist eigentlich das einzige, was man zu wissen braucht.


Oceola

Es gibt ein Buch, das Oceola heit. Obgleich es mglich sein kann, das
ich mich nicht recht erinnre, und da es irgendeinen andern prchtigen
exotischen Namen fhrt. Es ist ein Indianerbuch, wie man heutzutage
sagt, aber es ist wohl ursprnglich nicht fr Kinder geschrieben,
sondern war bestimmt, von groen Leuten gelesen zu werden. Ich wei
nicht, wer es verfat hat, ich wei auch nicht, wann es geschrieben
wurde, aber es ist wohl recht alt, da es mehr als vierzig Jahre her ist,
seit ich es zum ersten Male gesehen habe.

Ich kann auch nicht sagen, wie es kommt, da das Buch seinen Weg in mein
Heim dort oben in Vrmland fand. Es gehrte nicht zu dem Bcherschatz
des Hauses, der hauptschlich aus Versdichtungen bestand und nur ganz
wenige Romane umfate. Vielleicht hatte es ein Besucher mitgebracht,
oder auch hatte es sich meine Tante, die eine groe Romanvertilgerin
war, von irgendeinem der Nachbarn ausgeliehen. Aber wie dem auch sein
mag, -- eines ist sicher, da es an einem schnen Tage, als ich etwa
sieben, acht Jahre alt bin, daheim auf einem Tische liegt, und da meine
Augen darauf fallen.

Ich lese gerne. Ich pflege jeden Tag auf einem Schemelchen neben Mutter
zu sitzen, wenn sie an ihrer Nherei arbeitet, und ihr aus Nsselts
Weltgeschichte fr Frauenzimmer vorzulesen. Wir sind durch alle sieben
Teile gekommen, aber am besten verstehe ich den ersten Teil mit den
vielen Sagen. Ich kann nie aufhren, mich zu freuen, wenn Odysseus
heimkehrt und die Freier totschiet; aber Hektors und Andromaches
Abschied bergehe ich am liebsten, weil ich ihn nicht lesen kann, ohne
zu weinen.

Die Frithjofsage und Andersens Mrchen und Fhnrich Stls Erzhlungen
sind auch meine guten Freunde, aber einen Roman habe ich noch nie zu
lesen versucht. Ich beabsichtige auch garnicht, mich durch dieses dicke
Buch durchzuarbeiten. Es kommt mir vor, als mte man mehrere Jahre
brauchen, um es zu Ende zu lesen; ich will nur hineingucken. Aber das
Glck will es, da ich es gerade an der Stelle aufschlage, wo die Heldin
des Buches, die junge, schne Tochter eines Plantagenbesitzers, beim
Bade von einem Alligator berrascht wird. Ich lese, wie sie entflieht
und verfolgt wird und in Todesgefahr schwebt. Nie zuvor hat mich ein
Buch in solche Spannung versetzt. Ich stehe atemlos und lese, bis der
junge heldenmtige Indianer zu ihrer Rettung herbeieilt und nach einem
furchtbaren Kampf mit dem Alligator diesem sein Messer in das Herz
stt.

Nun lese ich Seite um Seite, solange man mich in Frieden lt. Und sowie
ich wieder frei bin (denn ich bin ja viele Stunden des Tages damit
beschftigt, bei einer Lehrerin Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen),
kehre ich zu dem Tisch zurck, wo der Roman noch immer liegt, und lese
darin.

Ich bin ganz benommen, ganz bezaubert. Tag und Nacht denke ich nur an
das Buch. Es ist eine neue Welt, die sich mir ganz pltzlich erffnet
hat. Der ganze Reichtum des Lebens strmt mir zu. Da sind Liebe,
Heldenmut, schne, edle Menschen, niedrige Schurken, Gefahren und
Freuden, Glck und Schmerz. Da sind kunstvoll verschlungne Ereignisse,
die mich in Spannung und Schrecken versetzen. Da ist alles mgliche,
wovon ein kleines, siebenjhriges Kind, das auf einem stillen Herrenhof
in Vrmland aufgewachsen ist, nie zuvor hat reden hren. Man versetze
einen der erwachsenen Bewohner der Erde auf einen Stern im Weltenraume.
Ich glaube kaum, da er diese neue Welt mit glhenderem Eifer
untersuchen knnte, mit grerem Interesse, mit einem strkeren Gefhl,
wie wunderbar glcklich er sei, weil er all dies Ungeahnte kennen lernen
drfe.

Fortab lese ich alle Romane, die mir in die Hnde fallen. Es lt sich
schwer sagen, wieviel ich von ihnen verstand, aber ein unerhrtes
Vergngen bereiteten sie mir. Jetzt sind sie meiner Erinnerung
entschwunden, die allermeisten wenigstens.

Wenn ich an diese Zeit zurckdenke, wundert es mich wohl, da man mich
alles lesen lie, was ich nur fand. Aber ich begreife, da es Vater und
Mutter schwer fiel, mir etwas abzuschlagen. Jene Krnklichkeit, die
Tante Wennervik mir prophezeit hatte, war schon eingetreten. Das eine
Bein war schwach, und lange Zeit hindurch konnte ich gar nicht gehen.
Man fand es nicht zutrglich fr mich, da ich mich mit krperlichen
bungen und Spielen belustigte wie andre Kinder; sondern die Eltern
sahen es am liebsten, wenn ich mich still verhielt. Und da sie nun
merkten, da ich mich glcklich fhlte, wenn ich nur ein Buch in der
Hand hatte, waren sie froh, da ich mich auf diese Weise zerstreuen
konnte.

Aber fr mich wurde die Bekanntschaft mit diesem Indianerbuche Oceola
entscheidend fr das ganze Leben. Es erweckte in mir die tiefe, starke
Sehnsucht, einmal etwas ebenso Herrliches schaffen zu knnen. Dieses
Buch bewirkte, da ich von den frhesten Kindheitsjahren an wute, da,
was ich in kommenden Tagen am liebsten tun wollte, Romane schreiben war.

Ich hatte wohl durch Geschwister und Dienstleute gehrt, was die alte
Tante Wennervik mir an dem Abend, an dem ich geboren wurde, ber meine
Zukunft prophezeit hatte. Niemand wurde der Weissagung froh; nur ich
selbst, -- ich war zufrieden, weil sie mir versprach, da ich viel mit
Bchern und Schreiben zu tun haben wrde. Nach etwas anderm fragte ich
damals nicht. -- -- --

Ich will auch erzhlen, da es sich vor einigen Jahren, als ich schon
ein paar Bcher geschrieben hatte, zutrug, da ich in dem Bcherstand
einer Eisenbahnstation ein kleines, dickes Bchlein erblickte, das
Oceola hie. Es war schlecht gedruckt, auf hlichem grauem
Zeitungspapier und in einen schbigen braunen Umschlag geheftet; es
wurde fr einen geringen Preis feilgeboten. Ich kaufte es, und als ich
im Zuge sa, begann ich darin zu lesen, um zu sehen, ob es wirklich das
Wunderbuch meiner Kindheit wre, das ich hier wiedergefunden hatte. Ich
entdeckte auch die Szene mit den Alligator, -- es mute also dasselbe
Buch sein.

Aber es war es doch nicht. Dies war ein armseliges, langweiliges,
schlecht bersetztes, veraltetes Buch. Es war etwa so, wie wenn man den
Geliebten seiner Jugend als hinflligen Kranken wiedersieht. Ich hatte
Angst davor, Angst, da es das Bild der rechten, der strahlenden Oceola
verdunkeln knnte. Ich hatte die grte Lust, es zum Kupeefenster
hinauszuwerfen.

Aber das konnte ich doch nicht tun. Es ging nicht an, dieses Buch zum
Fenster hinauszuwerfen. Genau bedacht, war etwas Rhrendes darin, da
mir ein solches Buch damals soviel Freude hatte schenken knnen.

Es durfte mit nach Hause kommen, aber dann steckte ich es ganz tief
unten in den Bcherschrank, und ich wage es nie mehr anzusehen.


Meine Rose im Walde

Als ich neun Jahre alt bin, geht eine andre von den bsen Prophezeiungen
der Pastorin Wennervik in Erfllung. Da mache ich eine lange Reise. Ich
werde nach Stockholm geschickt, um Heilung fr mein krankes Bein zu
suchen, und es wird mir verordnet, eine Kur im gymnastischen Institut
durchzumachen. Ich bleibe einen ganzen Winter in Stockholm, und die
Behandlung tut mir sehr gut. Als ich im Frhling heimkomme, bin ich
ebenso gesund wie andre Kinder, und man merkt es beinahe gar nicht, da
ich hinke.

Ich wohne bei nahen Verwandten, die sehr gut gegen mich sind, aber das
kann nicht hindern, da ich mich ein wenig nach Hause sehne. Es fllt
mir schwer, mich an das Stadtleben zu gewhnen. Es ist mir eine Last,
da ich jedesmal, wenn ich ausgehe, Hut und Mantel anziehen mu. Ich mag
diese Welt von Steinstraen nicht, wo die Kinder ebenso ordentlich und
still wie die Erwachsenen ihrer Wege gehen mssen. Ich verstehe mich
auch nicht auf die Spiele der stockholmer Kinder. Ich kann nicht in
ihren kleinen Schlitten fahren, und ich mache mir nichts daraus, mit
Puppen zu spielen. Ich fhle mich dumm und ungeschickt in Gesellschaft
dieser niedlichen und lebhaften Kinder, und ich habe groe Angst,
ausgelacht zu werden, weil ich mit vrmlndischem Akzent spreche.

Aber es gibt Dinge in der Hauptstadt, die ber alle Beschreibung
herrlich sind und fr alle Unannehmlichkeiten Ersatz bieten. So zum
Beispiel hat mein Onkel alle Romane von Walter Scott in seinem
Bcherschrank, und er leiht sie mir, so da ich im Laufe des Winters die
ganze Sammlung durchlesen kann. Und dann das Theater!

Bei meinen Verwandten wohnt eine alte treue Dienerin, die dem Haushalt
meines Onkels vorgestanden hat, bevor er sich verheiratete. Sie ist zu
alt, um an irgendwelchen Arbeiten teilzunehmen; sie sitzt tagaus, tagein
in einem schnen Lehnstuhl in ihrem eignen Zimmerchen und strickt und
hkelt. Onkel ist sehr gut gegen sie. Er ist besorgt, da ihr die Zeit
zu einfrmig werden knnte, und steckt ihr nicht selten eine
Theaterkarte zu. Aber wenn die Alte ins Theater geht, darf ich
mitkommen. Meine Verwandten haben schon entdeckt, welches ungeheure
Vergngen mir dies bereitet, und sie sind vielleicht auch ein klein
wenig ngstlich, die Alte ganz allein fortzulassen. Meine Theaterbesuche
kosten berdies nichts. Die alte Ursula sagt dem Theaterdiener nur ein
gutes Wort, und ich darf mit hinein. Ich bekomme keinen Sitzplatz,
sondern mu vor ihr stehen, aber das hat nichts zu bedeuten. Im Theater
vergeht die Zeit so rasch, da ich gar nicht mde werde, ehe alles schon
vorbei ist.

Es gibt wohl noch heute Menschen, die sich an die ausgetretnen Stufen
und die schmalen Gnge im alten Opernhaus erinnern. Und es gibt auch
wohl noch den einen oder andern, der sich entsinnt, wie es in den
Korridoren roch. Ich komme manchmal im Ausland in irgendein altes
Schauspielhaus, wo derselbe Theatergeruch noch herrscht. Und wenn ich
ihn spre, dann werde ich von der Seligkeit der Erwartung erfllt. Es
kommt mir vor, als ob ich wieder als ein kleines Kind vor der Logentr
stnde und darauf wartete, da der Diener komme und aufschliee.

Ulla und ich, wir sitzen stets in der ersten Reihe der zweiten Galerie.
Wir gehen brigens nicht immer in die Oper, sondern wir gehen auch in
das dramatische Theater, aber auch dort haben wir denselben Platz.

Auf diese Weise sehen wir Die Afrikanerin, Robert den Teufel, den
Freischtz, Die Vrmlnder, Die schne Helena, Die Frauenschule,
Die Blumen im Treibhaus, Meine Rose im Walde. Das ist wieder eine
neue bunte Welt, in die ich gefhrt werde. Es ist wirklich gut, da ich
am Nhtisch meiner Mutter gesessen und Nsselts Weltgeschichte gelesen
habe. Wie htte ich mich sonst zurechtfinden knnen!

Aber eigentlich ist sie nicht ganz neu. Es ist ja meine ganze Romanwelt,
die so illustriert und mir in lebenden Bildern vorgefhrt wird. So also
sehen sie aus, meine edeln Wilden, meine geharnischten Ritter. So geht
ein Knig gekleidet. So nimmt sich ein Klosterhof aus. In solchen
langen, grauen Mnteln wandeln Mnche und Nonnen umher. Ich lerne
sturmgepeitschte Meere, leuchtende Rittersle und tropische Landschaften
kennen. Und ich nehme natrlich alles blutig ernst. Ich verstehe nicht,
da die schne Helena ein einziger groer Scherz ist. Ich glaube, da
es wirklich so zugegangen sei, als Helena von Paris geraubt wurde,
obgleich Nsselt es zu erzhlen vergessen hat.

Wir haben ganz denselben Geschmack, die Alte und ich. Wir lieben
prchtige Dekorationen, prchtige Kostme und groe Szenen, wo es auf
der Bhne von Menschen wimmelt. Und natrlich kmmern wir uns
hauptschlich um die Handlung. Vom Gesang und von der Musik verstehen
wir nicht viel. Wir werden eher davon belstigt, weil es uns schwer
fllt, die Worte zu hren, und weil wir den Zusammenhang verlieren.

Aus einfachen Stcken, in denen keine Knige und Ritter auftreten,
machen wir uns nicht viel, obgleich ich fr meinen Teil ein Volksstck
wie Die Vrmlnder sehr gerne habe, weil es mich an die Heimat
erinnert. Aber die alte Ulla ist unzufrieden, wenn sie nur Bauern auf
der Bhne sieht. Sie krnkt mich tief durch die Bemerkung, da die
schne Helena mit ihrer groen Knigsschar doch etwas ganz andres sei.
Ich fhle mich fr meine Landsleute verletzt, aber im tiefsten Grunde
bin ich eigentlich ihrer Meinung.

Inzwischen geht der Winter zu Ende, und ich darf nach Hause reisen. Und
natrlich verfolgt mich die Erinnerung an alles, was ich gesehen habe,
und ich erzhle es meinen Geschwistern wieder und wieder.

Eines Tages, als wir aus dem einen oder andern Anla keine Schularbeiten
haben, fllt es uns ein, da wir Theater spielen und eines der Stcke
auffhren knnten, die ich in Stockholm gesehen habe. Wir entscheiden
uns fr Meine Rose im Walde. Nicht weil es das hbscheste ist, was ich
gesehen habe, aber es ist das einfachste, das einzige, das wir uns
darstellen zu knnen getrauen.

Es wird ein anstrengender Tag fr mich. Ich bin es, die die Rollen
einstudiert und die Auftretenden unterweist, was sie sagen und tun
sollen. Wir haben kein Textbuch, sondern alles mu so gemacht werden,
wie ich es in der Erinnerung habe. Ich verwandle mit Hilfe von Decken
und Tchern die Kinderstube in eine Bhne. Ich whle die Kostme aus,
ich erklre, wie die Mitwirkenden frisiert und geschminkt sein mssen.
Ich bin ja die einzige, die einige Erfahrung in allen diesen Dingen hat.

Noch vor dem Abend ist alles fertig, und das Schauspiel geht in Szene.
Zuschauer sind Vater, Mutter, Tante, die Erzieherin, die Haushlterin
und ein paar Dienstmdchen. Sie sitzen alle in einer engen Trffnung
und knnen nicht viel von der Bhne sehen. Aber das macht nichts. Sie
unterhalten sich doch unbeschreiblich gut.

Wir haben ein junges Mdchen als Pensionrin im Hause. Sie ist sehr
reizend und geht in einem alten Ballkleid meiner Mutter umher und spielt
die Liebhaberin: Meine Rose im Walde. Meine lteste Schwester, die
auch zwlf Jahre alt ist, hat sich mit Vaters allerltester Uniformjacke
herausstaffiert und spielt den Liebhaber. Sie ist ganz unbeschreiblich
niedlich. Sie hat wirklich Anlagen fr den schauspielerischen Beruf.
Unsere Kammerjungfer gibt die Rolle der Haushlterin, und ich selbst
habe es bernommen, einen siebzigjhrigen Greis zu spielen. Es mu ein
Greis mit langem, weiem Haar im Stcke vorkommen, und ich whle diese
Rolle, weil mein Haar sehr lang und ganz wei ist.

Wir haben einen groen, groen Erfolg. Ich mchte wissen, was der alte
Franz Hedberg gesagt haben wrde, wenn er sein Stck auf diese Weise
aufgefhrt gesehen htte, aber auch er wre vielleicht mit uns zufrieden
gewesen.

Doch von diesem Tage an trume ich nicht nur davon, Romane zu schreiben.
Jetzt will ich auch Theaterstcke verfassen. Ich sehne mich danach,
erwachsen zu sein, damit ich nicht mehr am Schultisch sitzen und meine
Zeit mit Lektionen und Aufgaben vergeuden mu.


Wie dunkel ist es doch unter der Linde

Es ist ein schner Frhlingsabend, und ich gehe in dem kleinen Hain
hinter dem Garten auf und ab. Sowie ich auf einem der geschlngelten
Pfade an die Grenze des Haines komme, schlgt mir das blendendste Licht
entgegen. Weite Fluren breiten sich vor mir aus, und der Sonnenschein
zittert in dem feuchten Dunst, der von den frischgepflgten Feldern
aufsteigt. Auf einer Seite leuchtet die Luft wie Purpur, auf der andern
sieht es aus, als wre sie von Goldstaub erfllt.

Drinnen unter den Bumen ist es jedoch merkwrdig finster. Sie haben
sich erst ganz krzlich belaubt, ich bin das grne Dunkel noch nicht
gewohnt, das im Sommer unter ihnen zu herrschen pflegt. Ganz pltzlich,
gerade als ich aus dem Licht vor dem Hain wieder unter die Bume trete,
kommen mir ein paar Reime auf die Lippen:

    Wie dunkel ist es doch unter der Linde,
    Wie ngstlich still wehen die Winde.

Was nun? Was war das? Ich stehe da und wage kaum zu atmen. Das sind ja
Reime. Das ist ja ein Vers. Kann ich Verse machen?

Ich bin fnfzehn Jahre, und ich habe alle Dichter gelesen, die wir zu
Hause haben: Tegnr, Runeberg, Frau Lengren, Stagnelius, Vitalis,
Bellman, Wallin, Dahlgren. Aber nie zuvor ist es mir eingefallen, da
ich Verse schreiben knnte. Verse machen, -- das ist ja etwas Hohes und
Heiliges. Seine Gedanken in Reim und Metrum niederschreiben zu knnen,
-- das ist eine Gabe, die nur den Auserwhlten der Menschheit beschieden
ist.

Aber jetzt habe auch ich ein paar gereimte Zeilen zusammengestellt. Ich
wiederhole sie mir einmal ums andre. Ich spreche sie halblaut. Ich singe
sie leise. Aber ich versuche nicht, weitere Zeilen hinzuzufgen. Ich bin
viel zu erstaunt darber, was mir widerfahren ist.

Stelle dir vor, da du als armes Bettelkind aufgewachsen bist und ganz
pltzlich die Gewiheit erlangst, ein Knigskind zu sein!

Stelle dir vor, da du blind warst und pltzlich sehend wirst, da du
bettelarm gewesen und auf einmal reich bist, da du ausgestoen und
freudlos warst und ganz unvermutet einer groen, warmen Liebe begegnest!
Stelle dir was du willst an groem unerwartetem Glck vor, und du wirst
dir doch kein greres denken knnen, als das ich in diesem Augenblick
empfand.

Ich konnte reimen. Ich konnte Verse machen. Ich hatte dieselbe Gabe wie
Tegnr, Runeberg, Wallin. Ich wrde werden wie einer von ihnen.

Ich hatte ja schon lange daran gedacht, Romane und Theaterstcke zu
schreiben. Aber das ist lange nicht so merkwrdig wie Verse schreiben.
Das ist nur hbsch und vergnglich; aber Verse, -- das ist das Hohe und
Edle. Das ist das Ruhmvolle und Anbetungswrdige. Das ist das
Allerwunderbarste.

Ich verschweige den Meinen die groe Entdeckung. Aber ich gehe den
ganzen Tag wie im Taumel umher, hre garnichts, was man mir sagt,
sondern antworte ganz verkehrt.

Ich sehe uns noch alle an jenem Tag beim Abendbrot vor mir. Da sitzen
Vater und Mutter. Da sind meine Schwestern, die Tante, die Erzieherin.
Und da bin ich selbst, klein und bla, mit langem Haar, ganz wie alle
andern Kinder. Vater fhrt wie gewhnlich das Wort. Er scherzt mit der
Tante und der Erzieherin. Es geht frhlich und munter her, aber das
Gesprch bewegt sich um die alleralltglichsten Dinge. Was wrden sie
sagen, die anderen, wenn sie eine Ahnung von den wilden Hoffnungen
htten, die in meinem Kopfe strmen!

Was mich beunruhigt, ist Tante Wennerviks Weissagung. Darin kam nichts
davon vor, da ich etwas Groes und Merkwrdiges werden solle. Aber wer
Verse schreibt, der ist doch eine Gre, der ist fast noch mehr als ein
Knig. Ich bekomme Angst, da ich mich geirrt haben knnte, da ich doch
nicht die Gttergabe htte.

Da wiederhole ich mir selbst den kleinen Reim, und wieder fhle ich mich
unendlich stolz, unendlich glcklich.

Als es endlich Nacht wird, will ich versuchen, was diese neue Gabe
vermag; und ich beginne ganz getrost, ein Poem zu verfassen. Ich liege
bis zum Morgen wach und binde und knpfe Wort an Wort. Ich fge
Verszeile an Verszeile und habe bis zum Morgen eine Menge Strophen
fertig.

Aber das Gedicht ist nicht das Merkwrdige fr mich. Das Merkwrdige
ist, da ich die Gabe habe, zu reimen, da ich zu den Auserwhlten
gehre.

In den nchsten Jahren schreibe ich zur Zeit und zur Unzeit, frh und
spt, Tag und Nacht Verse. Der grte Teil von diesen Dichtungen ist
vernichtet; und das wenige, was brig blieb, ist recht schwach.

Von dieser ganzen Schriftstellerei gibt es nur ein kleines Stckchen, an
dem ich meine Freude habe, und das ich mir zuweilen selbst wiederhole,
wenn ich unter dem Dunkel der Bume stehe und das Licht der Abendsonne
ber Flur und Tal lodern sehe:

    Wie dunkel ist es doch unter der Linde
    Wie ngstlich still wehen die Winde.


Die Aufnahmeprfung

Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt und befinde mich wieder in Stockholm,
in demselben freundlichen Heim, das mich aufnahm, als ich ein
neunjhriges Kind war. Ich bin in die Hauptstadt gekommen, um Aufnahme
in dem Hheren Lehrerinnenseminar zu finden. Ich habe die Prfung
gemacht; gestern war der letzte Tag, und nun sitze ich da und warte
darauf, zu hren, ob ich durchgekommen sei, ob ich in die Anstalt
aufgenommen wrde.

Das ist ein langer Tag. Es ist fast unmglich, ihn zu Ende zu bringen.
Wir sind beinahe eine ganze Woche geprft worden, und das war nicht so
schlimm, wie ich befrchtet hatte. Es waren Tage voll starker Spannung,
aber es ist doch immer etwas vorgegangen. Es war Kampf und Wettbewerb,
und bisweilen ist es sogar ganz lustig gewesen. Die Prfer waren uerst
wohlwollend und haben keine bertriebnen Ansprche gestellt. Im groen
und ganzen glaube ich, da ich bei den Prfungen ganz gut bestanden
habe. Aber unglcklicherweise gengt es nicht, wenn man gut besteht, --
man mu es auch noch besser machen als viele andre.

Nicht mehr als fnfundzwanzig Schlerinnen knnen jedes Jahr ins Seminar
eintreten; und es sind neunundvierzig, die Aufnahme suchen. Darin liegt
das Schreckliche. Wir sind in kleinen Gruppen von drei und drei geprft
worden; und darum wei ich nicht, wie die andern die Probe bestanden
haben. Aber ich denke mir, da diese andern in ordentliche Schulen in
Stdten gegangen sein wrden. Sie htten nicht ihr ganzes Leben lang auf
dem Lande gewohnt und ihre ganze freie Zeit dazu verwendet, unntze
Verse zu schreiben. Es sei nur natrlich, wenn sie alle viel besser
beschlagen wren als ich.

Dieses ganze letzte Jahr habe ich in Stockholm verbracht und habe einen
Kurs absolviert, mich fr diese Aufnahmeprfung vorzubereiten. Aber es
ist ja nur ein Jahr, in dem ich ordentlich studiert habe. Die andern
haben groe achtklassige Schulen durchgemacht ...

Wir sollen unser Schicksal erst spt am Nachmittag erfahren. Zu denen,
die die Prfung nicht bestanden haben, kommt ein Diener mit einem Brief,
der ihnen mitteilt, da sie in diesem Jahre nicht in das Seminar
aufgenommen werden knnten. Bin ich hingegen glcklich durch, so bekomme
ich keinen Brief, gar keine Nachricht. Dann kann ich am nchsten Morgen
ganz ruhig zum Seminar hinaufwandern und meine Studien beginnen. Aber
noch ist es mitten am Tage. Es mssen noch viele Stunden hingehen, ehe
ich ernstlich den Diener mit dem gefrchteten Brief erwarten kann.

Die Verwandten haben Mitleid mit mir; aber was knnen sie tun, mir zu
helfen! Es gibt nichts, was meine Unruhe zerstreuen knnte. Wir sitzen
da und plaudern, aber ich kann nicht recht folgen. Die Gedanken kehren
immer zu der Frage zurck, ob ich nicht die mathematische Aufgabe ganz
falsch gelst, und ob ich bei der mndlichen Prfung im Schwedischen
nicht am Ende sehr schlecht bestanden htte.

Ich hoffe und bete, da ich durchkomme, nicht weil ich genug wei und
kann, sondern weil ich es ntiger brauche als irgendeine andre.

Davon bin ich ganz berzeugt. Es ist nicht mglich, da irgendeine von
allen denen, die Aufnahme suchen, diese drei Jahre kostenlosen
Unterricht, die das Seminar bietet, ebenso notwendig brauchte wie ich.
Wenn es mir jetzt milingt, dann ist es aus mit mir, dann mu ich mir
eine kleine Gouvernantenstelle mit ein paar hundert Kronen Lohn suchen,
oder ich mu auch nach Hause zurckfahren und in der Wirtschaft
mitarbeiten. Ich mu etwas lernen, sonst kann ich das Ziel meines Lebens
nicht erreichen. Ich bin jetzt nicht mehr so kindisch. Ich glaube nicht,
da man etwas werden kann, wenn man nur umhergeht und wnscht und
trumt. Ich wei, da ich Kenntnisse brauche, um Schriftstellerin werden
zu knnen.

Ich wei auch, da ich Kenntnisse brauche, um leben zu knnen. Wir sind
daheim in letzter Zeit so arm geworden. Ich wei, da ich es lernen mu,
mir selbst mein Brot zu verdienen, wenn ich nicht ins Elend kommen
soll.

Alle die andern, die Aufnahme suchen, handeln wohl kaum dem Willen ihres
Vaters zuwider, sie haben sich sicherlich nicht die Erlaubnis erzwingen
mssen, von daheim fortzufahren. Bei ihnen zu Hause hat man vielleicht
nicht mehr den alten Aberglauben, da ein Mdchen es nicht ntig habe,
etwas Ordentliches zu knnen. Und wenn es ihnen heute schlecht ergeht,
so drfen sie es vielleicht nchstes Jahr noch einmal versuchen. Aber
ich darf das nicht. Wenn es mir jetzt milingt, bekomme ich niemals die
Erlaubnis von Vater, es noch einmal zu versuchen.

Die andern sind vielleicht nicht so arm wie ich. Sie knnen vielleicht
von andrer Seite Untersttzung fr das Studium finden. Aber fr mich ist
das unmglich. Vater kann mir kein Geld geben; und wohl grtenteils
deshalb hat er soviel Einwnde dagegen, da ich in die Welt hinausziehe.
Aber komme ich nur in das Seminar, dann habe ich eine gesicherte
Laufbahn vor mir, dann macht es nicht soviel, da ich kein Geld habe,
dann leiht man mir vielleicht etwas, so da ich mich whrend der Kurse
in Stockholm erhalten kann. Wenn ich aber nicht hineinkomme, -- wer
sollte mir dann helfen wollen!

Wie langsam die Zeit an diesem Tage vergeht! Ich wei rein nicht, womit
ich mich beschftigen soll. Ich wage nicht auszugehen; denn man denke:
wenn der Brief kme, whrend ich fort bin! Ich kann mich auch nicht
hinsetzen und lesen. Die Prfung ist zu Ende, es kann mir nichts mehr
helfen, was ich auch studiere. Es bleib mir nichts brig, als still zu
sitzen und zu warten.

Mein ganzes frheres Lebenlang habe ich gewartet, aber in andrer Weise.
Ich habe darauf gewartet, entdeckt zu werden, gewartet, da jemand komme
und meine Schauspiele, meine Romane, meine Verse lese und sie
auerordentlich schn und genial finde. Jedesmal, wenn ich sie einem
zeigte, habe ich gehofft, da dieses Wunder geschehen wrde.

Und einmal war es auch sehr nahe daran. Bei einem unserer Nachbarn fand
eine Hochzeit statt, und ich war Brautjungfer. Beim Mittagessen brachte
einer der Brautfhrer ein Gedicht auf die Kranzeljungfern zum Vortrag,
und ich hielt die Rede auf die Brautfhrer, auch in Versen. Wir hatten
natrlich alle beide groen Erfolg. Man hat ja immer Erfolg, wenn man
Gelegenheitsverse vortrgt.

Aber ein Weilchen nach dem Mittagessen kam Mutter zu mir und sagte, da
Eva Fryxell mit mir sprechen wollte.

Eva Fryxell war die Tochter des groen Historikers Anders Fryxell, der
Probst in der Nachbargemeinde war. Sie war selbst Schriftstellerin und
dazu eine hochgebildete Dame. Sie pflegte die Winter in Stockholm zu
verbringen, wo sie in den literarischen Kreisen jener Zeit verkehrte.

Sie hatte mich die Verse sprechen hren, und nun wollte sie mit mir
reden.

Sie fragte mich, ob ich zu schriftstellern pflegte, und ob ich schon
viele Gedichte geschrieben htte. Sie forderte mich auf, ihr meine
besten Sachen zu schicken. Sie wolle versuchen, sie in einer Zeitung
unterzubringen.

Sie war sehr freundlich, und sie machte mich sehr, sehr glcklich.

Aber dann verging der ganze Herbst, der ganze Winter, ohne da ich etwas
von ihr hrte. Endlich im Frhling kam ein groer Brief von Eva Fryxell.
Sie schickte mir alle meine Gedichte zurck: keine Zeitschrift htte sie
annehmen wollen. Aber sie schrieb nicht nur davon. Sie schrieb, ich
msse es so einrichten, da ich in die Welt hinauskomme. Ich msse
arbeiten, etwas lernen, sonst knne nie etwas aus mir werden.

Und wohl hauptschlich auf ihre Ratschlge hin hatte ich mich vor einem
Jahre von daheim losgerissen. Das ganze letzte Jahr hatte ich kaum eine
Zeile gedichtet, sondern nur studiert, nur gearbeitet, all das
nachzuholen, was mir fehlte.

Und die Liebe zu den Studien war in mir erwacht. Ich sehnte mich nach
diesen drei Jahren auf dem Seminar, nach diesen drei Jahren der starken
intensiven Arbeit und des Fortschreitens.

Ab und zu klingelt es drauen, dann schrecke ich auf und frage mich, ob
das der Diener mit dem furchtbaren Brief sei. Man hat mir gesagt, er
knne nicht vor fnf Uhr nachmittag kommen, aber -- wer wei! -- es
wre ja mglich, da die Entscheidung in diesem Jahre frher fiele.

Die Hoffnung sinkt mit jedem Augenblick. Natrlich wten alle die
andern mehr als ich. Und natrlich htte ich oft unrichtig geantwortet,
wenn ich es auch selber nicht bemerkt htte.

Es schlgt drei Uhr. Noch zwei Stunden, ehe man ernstlich eine
Entscheidung erwarten kann ...! Da lutet es wieder.

Die kommt, ist eine Verwandte und Kollegin von mir. Sie will auch heuer
in das Seminar eintreten; so wie ich; und wir sind bei der Prfung in
derselben Gruppe gewesen.

Sie kommt ganz glcklich und atemlos, um zu berichten, da wir alle
beide durchgekommen sind, sie und ich. Sie hat es von wohlunterrichteter
Seite. Sie will nicht sagen, woher sie es wei, aber sicher sei es. Ich
solle es niemand sagen, -- sie sei eben nur geschwind heraufgelaufen,
damit ich mich nicht lnger beunruhigte.

Ich wei nicht, was ich sage oder tue. Ich wei nicht, ob ich ihr danke.
Ich strze nur fort, ans uerste Ende der Wohnung, um allein zu sein.

Es ist nun ganz vorbei mit meiner Selbstbeherrschung. Ich zittre und
bebe und kann mich nicht stillhalten. Und die Trnen strzen mir aus den
Augen.

Ich fhle, da ich das rgste berwunden habe. Ich bin nicht mehr
hilflos und abhngig. Ich habe eine Laufbahn vor mir. Ich werde imstande
sein, mir selbst mein Brot zu verdienen. Ich werde selbst ber mein Tun
und Lassen bestimmen. Knftighin hngt es von mir allein ab, ob ich das
erreichen werde, was ich erreichen will.

Sie wird all ihr Lebtag arbeiten und sich plagen mssen, hatte Tante
Wennervik gesagt, und ich freue mich darber und hoffe, da es
eintreffe.


Die zweite Prophezeiung

Es ist im Grand Hotel in Jerusalem, an einem Mrzabend des Jahres
neunzehnhundert. Ich bin von unserm syrischen Dragoman aus meinem Zimmer
gerufen worden, einen Gast zu empfangen. Aber dieser Gast kann nicht in
mein Zimmer gefhrt werden, auch nicht in den groen Empfangssalon.
Jemil, der Dragoman, glaubt ihn nicht weiter fhren zu drfen als bis in
die Vorhalle des Hotels; und ich mu mich dorthin begeben, ihn zu
begren.

Das ist auch nicht zu verwundern, denn mein Gast hat kein einnehmendes
Aussehen. Es ist ein alter Neger von einer furchtbar hlichen Rasse.
Mit seinen wulstigen Lippen, den langen Affenarmen, seinem groen
plumpen Krper, seiner groben, rindenhnlichen Haut, seinen starken,
angeschwollnen Muskeln macht er den Eindruck, als gehre er jener
Menschenwelt an, die vor der Sintflut da war. Und dieser abstoende
Mensch ist nicht in etwas gehllt, was man Kleider nennen knnte. Er ist
in lange, schmutzigweie Tcher gerollt und gewickelt. Die Fe sind
nackt, und ber den Kopf hngt ihm ein Zipfel desselben Tuches, das um
den Krper geschlungen ist.

Vor einigen Tagen hat Jemil mich und meine Reisegenossin, Frau Sophie
Elkan, durch die ehrwrdige alte Moschee El Aksa in Jerusalem gefhrt,
und wir wunderten uns damals, in der Fensternische eines Seitenganges
eine schmutzige, zerfetzte Decke ausgebreitet zu sehen. Jemil erklrte
uns, da sich in dieser Fensternische ein Wahrsager aufzuhalten pflege,
der den Besuchern Aufklrungen ber ihre knftigen Schicksale gebe. Ich
bedauerte, da er nicht auf seinem Platze war. Ich htte mir gerne von
einem richtigen Wahrsager prophezeien lassen, in einem Tempel, der auf
demselben Grund errichtet war wie der Salomos.

Und nun hat der Dragoman den Wahrsager aufgesucht und ihn in das Hotel
gebracht, damit ich mir wirklich in Jerusalem prophezeien lassen knne.

Es ist nicht so feierlich, sich in der Vorhalle des Hotels wahrsagen zu
lassen, wo Diener und Reisende hinaus- und hereinstrmen, als es in El
Aksa gewesen wre; aber ich habe keine Wahl. Wir gehen alle drei zu
einem Tisch, der in einer Ecke steht. Der Wahrsager zieht einen Beutel
hervor, den er unter seinen Tchern verborgen gehalten hat, knpft ihn
auf und schttet eine ziemlich dicke Lage grauweien Sand auf den Tisch,
zweifelsohne eine Art Meersand, denn ich sehe, da eine Menge zerbrochne
Muscheln darin sind.

Whrend ich so stehe und die Vorbereitungen betrachte, mu ich
unwillkrlich an die alte Tante Wennervik und ihre Wahrsagekunst
denken; und ich bin gespannt, ob dieser schmutzige Neger sich ihr
berlegen zeigen werde.

Sowie der Sand ausgebreitet ist, sagt der Wahrsager ein paar Worte auf
Arabisch, die der Dragoman ins Englische bersetzt.

Er bittet die Lady, an etwas zu denken, worber sie Aufklrung wnscht.
Die Lady soll nicht sagen, woran sie denkt, sondern es nur eine Zeitlang
in Gedanken festhalten, dann wird sie Antwort bekommen.

Einen Augenblick stehe ich verdutzt da. Liegt nicht eine unberbrckbare
Kluft zwischen mir und diesem Negerwahrsager? Wir haben in verschiednen
Welten gelebt, sind auf verschiednen Pfaden gewandelt. Was sollte ich
denken knnen, das innerhalb seiner Gedankensphre lge! Whrend meines
ganzen Aufenthalts in Jerusalem habe ich nur an eine einzige Sache
gedacht. Ich habe die ganze Reise hierher in das Morgenland einzig und
allein unternommen, um schwedische Bauern zu besuchen, die hierher
ausgewandert sind und gemeinsam mit einigen Amerikanern eine Kolonie
gegrndet haben. Ich habe sie hier drauen sehen wollen, um ein Buch
ber sie zu schreiben.

Und ich bin mehrere Male bei ihnen gewesen, habe an ihrem Tisch
gegessen, ihre Schulen besucht, sie in ihren Werksttten und Kchen
arbeiten sehen, ich bin in ihren selbstverfertigten Wagen gefahren, bin
auf Teppichen gegangen und habe auf Sthlen gesessen, die sie selbst
gemacht haben. Ich habe sie von ihrer Lehre sprechen hren. Ich habe
nichts an ihnen gefunden, was nicht gut, ehrlich und aufrichtig gewesen
wre.

Ich war so froh, als ich hier drauen im Morgenlande ihre guten,
schwedischen Gesichter erblickte und ihre treuherzigen, schwedischen
Worte hrte, da mir die Trnen in die Augen traten. Ich habe ihrem
schnen Gottesdienste beigewohnt, ich habe sie ihre Abschiedslieder an
uns, ihre schwedischen Gste, singen hren. Ich habe sie einig,
glcklich, geduldig gefunden, und ich brenne vor Sehnsucht, ein Buch
ber sie zu schreiben.

Aber zugleich lt mich vieles befrchten, da ich nie imstande sein
wrde, dieses Buch zu schreiben. Jeden Tag kommen mir neue Zweifel und
Besorgnisse. Nicht nur, da der Stoff fr meine Krfte zu schwer ist, --
noch eine Menge andre Dinge machen mir Angst. Ich gehe in einem Zweifel,
einer Unentschlossenheit umher, die beinahe qualvoll geworden ist.

Es handelt sich fr mich um etwas Ernstes. Diese ganze lange Reise wre
vergebens gewesen, wenn ich dieses Buch nicht schreiben knnte. Zeit,
Mhe und Geld nutzlos vergeudet ... Das ist kein Spa.

Mich selbst frage ich alle Tage: Wird daraus ein Buch werden knnen?
Wird es je geschrieben werden? Wird irgendein Mensch es lesen wollen?

Aber kann man diesem Neger solche Frage stellen? Hat solch ein
Urzeitwesen je ein Buch gesehen? Hat es eine Ahnung davon, was berhaupt
ein Roman ist?

Aber da es ja doch nichts andres gibt, was ich in diesem Augenblick
wissen wollte, entschliee ich mich, einen Versuch zu machen. Und ich
hefte meinen Gedanken auf dieses: Wird es mir gelingen, ein Buch ber
die Schweden hier drauen in Jerusalem zu schreiben?

Der Wahrsager erhebt seine Hand ber den Sand, den er vor sich
ausgebreitet hat. Er streckt einen dicken Zeigefinger aus, an dem ein
Nagel sitzt, der einer Tierkralle gleicht, und macht einige Linien und
Lcher, die er dann sehr eingehend betrachtet. Es dauert ziemlich lange,
bevor er zu sprechen anfngt. Aber pltzlich wendet er sich an den
Dragoman und spricht eine Menge unverstndliche Worte.

Er sagt, da die Lady an etwas denkt, was sie auf ein Papier schreiben
will, bersetzt Jemil. Er bittet die Lady, sich nicht zu beunruhigen.
Was sie zu tun gedenkt, wird ihr gelingen.

Ich bin wirklich ein wenig erstaunt. Das sieht aus, als knnte er
Gedanken lesen, dieser schmutzige alte Neger.

Er betrachtet mich abwartend, und ich bitte den Dragoman, ihm zu
erklren, da er eine richtige Antwort gegeben habe, und da ich sehr
zufrieden sei.

Sogleich fhrt er ber den Sand, so da er wieder ganz glatt daliegt,
und bittet mich dann, noch eine stumme Frage zu stellen.

Diesmal besinne ich mich nicht lange. Wir wollen Jerusalem am nchsten
Tage verlassen, um nach Nazareth, Tiberius, Damaskus zu reisen. Ich
frage nur: Werden wir eine gute Reise haben? Werden wir alles sehen,
was wir zu sehen wnschen?

Es dauert nicht lange, so beginnt der Wahrsager wieder zu sprechen. Aber
er gibt keine Antwort auf meine Frage, sondern bittet mich, ihm meine
Hnde zu zeigen, meine beiden Hnde.

Ich strecke die Hnde mit den Handflchen nach oben aus. Der Wahrsager
betrachtet sie, macht einen Schritt zurck und erhebt die Arme zum
Himmel. Die Worte strzen ber seine Lippen. Er ist offenbar erregt.

Was gibt es? Was sagt er? frage ich den Dragoman.

Er sagt, da die Lady an einen Weg denkt, der vor ihr liegt, antwortet
dieser, und er versichert, da die Lady eine gute Reise haben wird. Er
sagt weiter, da diese Lady Sultan Ibrahim il Kalils und Sultan Solimans
Zeichen auf ihren Hnden hat. Er sagt, da dieser Lady alles gelingen
wird. Diese Lady hat einen sehr starken Stern.

Ich bitte den Dragoman, ihm zu versichern, da ich sehr erfreut ber
seine Antwort sei, und ich frage nicht weiter, sondern bezahle ihm
seinen Frank. Nun ich erfahren habe, da ich Abrahams und Salomos
Zeichen in meinen Hnden trage, mu ich ja wohl zufrieden sein.

Whrend ich in mein Zimmer zurckkehre, denke ich an Tante Wennervik und
frage mich, was sie dazu sagen wrde.

In demselben Augenblick ist es mir, als wenn eine harte und klare Stimme
mir im traulichsten Vrmlndisch ins Ohr sagte:

Das mut du doch wissen, Kind, da sich diese Orientalen, auch wenn sie
in Fetzen gehen und hlich wie die Affen sind, doch besser darauf
verstehen, zu schmeicheln und schne Dinge zu sagen als wir andern,
namentlich wenn es sich darum handelt, ein paar Groschen zu verdienen.
Aber auf meine Prophezeiung kannst du dich verlassen. Die ist nicht
bezahlt. Reisen wirst du machen, Arbeit wirst du haben, und Bcher
schreiben wirst du, und so richtig gesund wirst du nie. Und so wird dein
Leben hingehen.

Ja, das ist wahr, antworte ich, aber du verstehst den Sinn seiner
Worte nicht. Er will nur sagen, da, wem sich in reifen Jahren seine
Kindheitstrume erfllen, das Glck der alten Weisen besitzt und von
einem guten Stern geleitet wird.




Anmerkungen zur Transkription:

Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

p 38: Lachen ausbrechen zu hren -> hren
p 57: du Unehre ber uns gebracht htte -> httest
p 71: IV -> 4
p 76: V -> 5
p 107: Jetzt sollst ... geholt habe. [Anfhrungszeichen ergnzt]
p 111: Gudmud sah ihr fest in die Augen. [Anfhrungszeichen entfernt]
p 119: Strumpfband anders, aber er -> es
p 137: wie die andern Jungern -> Jungen
p 141: sich auf die Plattform schleichen -> zu schleichen
p 143: kunterbunt stehen lassen. [Punkt ergnzt]
p 164: den sie icht -> nicht
p 169: zu Ende gegegangen -> gegangen
p 170: und die Schritte deren -> derer
p 177: Ja [Anfhrungszeichen ergnzt]
p 185: der Gedanke bengstigt, da [Komma ergnzt]
p 187: Wrdest du dich dann fr verflichtet -> verpflichtet
p 193: bedeckt war, und das Kaprifoliuum -> Kaprifolium
p 194: zuvor zwischen den Beeren -> Beeten
p 197: Johannes bedeutete ihn -> ihm
p 214: sagte den Mnchen, nun ein so -> Mnchen, da nun
p 234: glitt sie mit mir aus. [Anfhrungszeichen ergnzt]
p 239: ber die ich Saiten gespannt hatte. [Anfhrungszeichen ergnzt]
p 256: antwortete Tante Wennervik. [Punkt ergnzt]
p 265: natrlich alles blutig ernst. [Punkt ergnzt]
p 273: Wir sind in kleine Gruppen von drei -> in kleinen Gruppen


Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung
wurden prinzipiell beibehalten.

Formatierung:

Fettgedruckter Text wurde mit Unterstrich markiert (_text_) und gesperrter
Text mit Gleichheitszeichen (=text=)




Transcriber's Notes:

The table below lists all corrections applied to the original text.

p 38: Lachen ausbrechen zu hren -> hren
p 57: du Unehre ber uns gebracht htte -> httest
p 71: IV -> 4
p 76: V -> 5
p 107: Jetzt sollst du ... ich dich geholt habe. [both quotes added]
p 111: Gudmud sah ihr fest in die Augen. [closing quotes deleted]
p 119: Strumpfband anders, aber er -> es
p 137: wie die andern Jungern -> Jungen
p 141: sich auf die Plattform schleichen -> zu schleichen
p 143: kunterbunt stehen lassen. [period added]
p 164: den sie icht -> nicht
p 169: zu Ende gegegangen -> gegangen
p 170: und die Schritte deren -> derer
p 177: Ja [closing quotes added]
p 185: der Gedanke bengstigt, da [comma added]
p 187: Wrdest du dich dann fr verflichtet -> verpflichtet
p 193: bedeckt war, und das Kaprifoliuum -> Kaprifolium
p 194: zuvor zwischen den Beeren -> Beeten
p 197: Johannes bedeutete ihn -> ihm
p 214: sagte den Mnchen, nun ein so -> Mnchen, da nun
p 234: glitt sie mit mir aus. [closing quotes added]
p 239: ber die ich Saiten gespannt hatte. [closing quotes added]
p 256: antwortete Tante Wennervik. [period added]
p 265: natrlich alles blutig ernst. [period added]
p 273: Wir sind in kleine Gruppen von drei -> in kleinen Gruppen

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End of Project Gutenberg's Ein Stck Lebensgeschichte, by Selma Lagerlf

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN STCK LEBENSGESCHICHTE ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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