The Project Gutenberg eBook of Nach Amerika! Vierter Band, by Friedrich
Gerstcker, Illustrated by Carl Reinhardt


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Title: Nach Amerika! Vierter Band
       Ein Volksbuch


Author: Friedrich Gerstcker



Release Date: March 4, 2009  [eBook #28243]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! VIERTER BAND***


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NACH AMERIKA!

Ein Volksbuch

von

FRIEDRICH GERSTCKER

Illustrirt von Carl Reinhardt.

Vierter Band.







Leipzig,
Hermann Costenoble,
Verlagsbuchhandlung

Berlin,
Rudolph Gaertner,
Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.

1855.




Inhalt des vierten Bandes.

 1. Die Fahrt durch Arkansas            1
 2. Die Grfin Olnitzka                50
 3. Der alte Herr Hamann               86
 4. Verschiedene Beschftigungen      117
 5. Literarische Bekanntschaften      144
 6. Der Feuermann                     171
 7. Die Deutschen in Cincinnati       197
 8. Professor Lobenstein als Farmer   233
 9. Herrn von Hopfgartens Abenteuer   247




Capitel 1.

Die Fahrt durch Arkansas.


Den Mississippi hinauf brauste das kleine, aber tchtige Dampfboot
_Little Rock_, nach Fort Smith, dem Grenzort des Indianischen
Territoriums bestimmt, aber auch an allen Zwischenorten, wo eben
Passagiere aussteigen oder an Bord kommen wollten, oder wohin Fracht
von New-Orleans aus eingeladen war, anlegend.

Passagiere hatte es aber nicht sehr viele an Bord, denn der groe
Menschenstrom der Einwanderung geht vorzugsweise den Mississippi hinauf
bis St. Louis und zu den nrdlicher gelegenen Staaten, Iowa oder
Wisconsin, oder den Ohio hinauf, wohin wir der Jane Wilmington mit
unseren Bekannten gefolgt waren. Den Arkansas aufwrts war der Zug der
Einwanderung noch nicht so stark, denn die Fremden frchteten die kalten
Fieber, die in den stlichen Theilen des Staates herrschen, und scheuen
sich ebenso sehr nach dem Westen zu gehen, den ihre Phantasie nicht
selten auf viel zu poetische Weise mit Bren, Panthern und Gott wei was
sonst noch fr reienden Thieren bevlkert.

Nichts destoweniger haben die dort gelegenen Stdte zum Theil schon
recht wackere Fortschritte gemacht, und blhen und gedeihen in dem
jungen Land, das Fruchtboden aufzuweisen hat, wie kaum ein anderer
Staat der Union, und in seinen westlichen Bergen dabei so gesunde und
trefflich gelegene, berall von schnen Strmen durchzogene Flchen
bietet, wie es der Farmer nur wnschen kann. Freilich war es noch wild
in dem Squatterstaat, noch entsetzlich wild, und als der Little Rock,
der nach der Hauptstadt von Arkansas seinen Namen bekommen, und auch in
der That einem Kaufmann dort gehrte, den lebendigeren Mississippi
verlie, und bei dem kleinen Stdtchen Napoleon links in die Mndung des
Arkansas selber einbog, schien Wald, endloser Wald die Ufer zu decken,
aus denen nur hie und da kleine urbar gemachte, oder von den Holzhauern
gelichtete Waldblen die Wildni nicht etwa unterbrachen, sondern nur
die Frbung derselben in etwas vernderten. Dicht und unmittelbar
dahinter nahm sie wieder ihre dunklen Schatten an, und die mit wehenden
Schlingpflanzen in schwingenden Festons behangenen Zweige streckten sich
oft weit ber das Ufer und den daran hinschumenden Strom hinaus.

Breite, helle Sandbnke fllten dabei die ueren Biegungen des in
dieser Jahreszeit ziemlich niedrigen Stromes, auf denen Schwrme von
Wildenten und Gnsen saen, beim Nahen des heranbrausenden Bootes die
langen dunklen Hlse hoch emporreckten, mit den Flgeln schlugen, und
dann aufstrichen in ihren schnurgeraden Reihen, bis sich der Fhrer hoch
oben in blauer Luft seinen Zug keilfrmig ordnete, und queer ber den
Wald weg hielt, einem stilleren Sumpf oder Binnensee zu.

berall ragten hier hliche _snags_ und _sawyers_ (in Sand oder Schlamm
unten festsitzende Stmme und ste) aus der Fluth empor, den Lootsen in
dem nicht so breiten Fahrwasser zu doppelter Vorsicht mahnend, und
auch die Ufer dieses Stromes, wie die des Mississippi, verriethen die
Verheerungen, die er hier angerichtet am bewaldeten Ufer. Ganze Strecken
der hohen, aus dem herrlichsten Fruchtboden bestehenden Bnke waren
unterwhlt, hunderte von mchtigen Stmmen hineingerissen in die um ihre
ste jetzt quirlende Fluth, und wieder und wieder bohrte und wusch die
Strmung unter den schon halb blos gelegten Wurzeln der nchsten Bume,
auch sie nachzuholen in ihre gelben Strudel.

Sycamoren, Baumwollenholzbume, Eschen und Cypressen, mit stmmigen
Weiden am unmittelbaren Ufer, der Unterwald, wie am Mississippi, oft von
dichten fast undurchdringlichen Schilfbrchen gefllt, bilden die
Vegetation des Flulandes, wenigstens die, die vom Flu selber aus dem
Vorbeifahrenden sichtbar ist, und hier allerdings schleicht der scheue
Panther Nachts zum Strome nieder, seinen Durst zu lschen, oder dem
schlanken Hirsch aufzulauern, der das Wasser des Arkansas, seines
Salzgehaltes wegen, eifrig sucht; in diesen Schilfbrchen schlgt sich
der Amerikanische gelbnasige Br sein Lager zurecht, mit den Tatzen, der
wilde Truthahn bumt in die hohen Baumwollenholzstmme, und sucht von
deren Gipfel aus mit schwerem, leicht ermattetem Flug das andere Ufer zu
erreichen, und das Catamount, ein Mittelding zwischen Panther und wilder
Katze, duckt sich dicht am Ufer in stiller Nacht, als es das Dampfboot
mit den regelmig klappenden Radschlgen und dem scharfen Keuchen
stromauf arbeiten hrt, und flieht mit flchtigen Stzen die steile
Uferbank hinan, als die gegen das Land geworfenen Wellen nach ihm
aufspritzen und zngeln.

Es ist ein wunderbares, nicht zu beschreibendes Gefhl, auf raschem Boot
zwischen diesen stillen rauschenden Wldern dahinzugleiten, und fllt
die Brust des Fremden besonders, dessen Blick vergebens in des Waldes
Tiefe einzudringen sucht, mit einem halb zagenden Verlangen jene Wildni
zu betreten. Wie die Wipfel so leise flstern und so geheimnivoll, und
im Winde schwanken, herber und hinber, und ihren duftigen Schleier ber
das zitternde Dunkel des Urwaldes breiten -- wie es da drinnen knarrt und
sthnt und seufzt, und hindurch schleicht, durch das gelbe, Jahre und
Jahre lang aufgehufte gelbe Laub mit leisem, scheuem Schritt, und in
den Blttern raschelt, und durch die Bsche hin. -- Hui -- vorbei -- was
war das? -- wie ein Phantom glitts an dem Rand der Waldung hin, und ein
paar glhende Augen blitzten einen Moment von dort herber. Ein Wolf?
-- vielleicht; die schwarzen tckischen, mordlustigen Burschen haben dort
ihren Tummelplatz, und wenn die Nacht kommt, tnt noch der wunderbar
klagende, unheimlich hohle Laut der Eule von dort heraus, mit dem
neckenden Schrei der Nachtschwalbe,[1] die den Gespielen ruft -- _whip
poor will_ -- _whip poor will_.

Der schne -- wunderschne Wald -- aber er bleibt Dir ein _verschlossenes_
Heiligthum, wenn Du nicht khn und keck vom Boote springst, mit starken
Armen die Bsche theilst und den heiligen Boden betrittst, der Gottes
Tempel ist, und seine hohen mchtigen Sulen trgt. -- Nur sein Athmen
hrst Du, wenn Du an der Pforte stehst, die Dir die Arme trotzdem weit
und gastlich entgegen breitet, das stille Rauschen seiner dunklen Wipfel,
und sie gren Dich wohl und nicken Dir zu, wie man den Fremden grt,
den man auf der Strae trifft, aber der liebende Ton ist es nicht, mit
dem sie den _Freund_, der ihrem Schutz vertraut, das Schlummerlied
flstern -- leise, leise, da es ihn nicht strt, und ihm die
Mondesstrahlen von den Augen halten.

Oh wie groartig -- oh wie herrlich! seufzte eine entzckte weibliche
Stimme von den _guards_ des Dampfers aus, als dieser dicht an dem wilden
rauschenden Ufer vorberbrauste -- wer jetzt hinber konnte -- dahinein,
die Wunder dieser dsteren, geheimnivollen Welt zu erforschen!

Ja, Mosquitos und Holzbcke wrden Sie genug finden, verehrtes
Frulein, sagte in diesem Augenblick eine Stimme, als Amalie von
Seebald, die ihren Gefhlen ganz unbewut laute Worte gegeben, die Arme
fest an die Brust gepret, den Blick sehnschtig auf die rauschenden
Wipfel geheftet, auf der Gallerie der Damencajte des Little Rock stand
und nach dem dunklen Wald hinberschaute.

Frulein von Seebald schaute berrascht empor, und sah eine kleine
untersetzte, in einen grauen berrock geknpfte und mit einem etwas
abgetragenen Strohhut bedeckte Menschengestalt dicht ber sich auf dem
Radkasten stehen, die ein Tuch in der Hand hielt und im Begriff schien,
Jemandem, der noch etwas weiter oben am Ufer in einer kleinen, kaum
bemerkbaren Lichtung stand, zuzuwinken.

Ungeheuer viel Mosquitos da drin, sagte der kleine freundlich
aussehende Mann, enorm viel, und Holzbcke? -- puh, ich bin einmal da
drin gewesen, gleich unter der Post Arkansas; Tschisus Etsch Dobbeljuw
Kreist, was fr Holzbcke! wenn mich nicht ein Theil festhielt, htte
mich der andere aus dem Bette gezogen, und am nchsten Morgen war meine
Haut wie ein Sieb, da ich mich mit Baumharz ordentlich anstreichen
mute, um nur nicht auszulaufen -- ist aber famoses Land da drinnen.

Sie sind hier bekannt? frug Frulein von Seebald mit mehr Interesse,
als sie sonst wohl an dem kleinen unscheinbaren Mann genommen
htte -- kennen das Land vielleicht und die Leute?

Kennen? sagte der kleine sonderbare Fremde mit einem ungemein
selbstbewuten Lcheln, indem er als bildliche Darstellung seiner
Antwort seine rechte Rocktasche herausdrehte und gegen die Dame
hielt -- kenne ich meine Tasche? -- ich bin Charley Fischer -- haben
Sie noch nicht von Charley Fischer in Little Rock gehrt? wie? -- noch
nicht? -- bin schon zwlf Jahre hier im Lande und habe Little Rock
mit bauen helfen; war damals wirklich ein _little_ Rock,[2] ist aber
jetzt ein hiep bigger geworden.

Frulein von Seebald lchelte ber die wunderliche Ausdrucksweise des
Mannes, es lag ihr aber daran die genaue Situation der Farm kennen zu
lernen, die dem Grafen Olnitzki gehrte und die, da sie gar nicht so
sehr weite Strecke von der Hauptstadt Little Rock entfernt sein sollte,
auch jedenfalls von dem Mann gekannt sein mute.

Drfte ich Sie da vielleicht um eine Auskunft bitten ber Jemand, der
in Ihrer Nhe wohnt? frug sie ihn, und erschrak fast, als der kleine
Fremde ganz zutraulich den kleinen Steg vom Radkasten nieder und zu ihr
auf die Gallerie kam. Sie machte dabei eine fast unwillkrliche Bewegung
zurck, und sah sich nach ihrer Cajtenthr um, Charley aber, der die
Bewegung falsch verstand, sagte freundlich:

Hat Nichts zu sagen, mein Frulein; ich darf berall hin, der Capitain
kennt mich und ist mein intimer Freund. Habe selber erst eine kleine
Reise nach Napoleon gemacht, um dort nach Sachen zu sehen, die fr mich
von New-Orleans heraufkamen und mit denen das Boot nahe bei Napoleon
verunglckte, habe aber ziemlich Alles wieder bekommen und die ganze
Geschichte gleich selber mitgenommen. Und nach wem wollten Sie sich
erkundigen, wenn ich fragen darf?

Kennen Sie einen Graf Olnitzki, der in der Nhe der _Oakland grove_
eine Farm hat und dort ebenfalls schon mehre Jahre ansssig ist?

Graf Olnitzki -- Graf Olnitzki? sagte Charley Fischer, wie er sich
selbst genannt hatte, sein Kinn dabei mit der rechten Hand streichend,
whrend er die linke tiefer und tiefer in die entsprechende Rocktasche
hineinbohrte -- Graf Olnitzki -- den Namen habe ich doch oft genug
gehrt; er mu auch schon einmal bei mir in Little Rock gewesen
sein -- was hat er denn nur da gewollt -- ich glaube irgend etwas zum
Verkauf gebracht?

Wahrscheinlich seine Produkte -- trkischen Weizen oder Baumwolle -- 
sagte Frulein von Seebald.

Ne, ne -- es war etwas anderes, meinte Charley.

Oder der Ertrag seiner Jagden -- Hirschhute und Brenschinken. --

Ne, ne, beharrte der kleine Deutsche, es war was ganz absonderliches;
Jemine noch einmal, da ich mich jetzt nicht mehr darauf besinnen kann.

Aber das hat ja auch gar Nichts zu bedeuten. -- Sie kennen jedenfalls
die Lage und knnen mir sagen, wo ich vom Dampfboot abgehen mu den
Platz am leichtesten zu erreichen. Der Capitain meinte, ich wrde bis
Little Rock mitfahren mssen.

Jedenfalls, jedenfalls, sagte Charley schnell, knnen dann bei mir
logiren, ich halte auch seit einiger Zeit ein Hotel; mein Bruder hlt
zwar ebenfalls eins, und wir haben dadurch gewissermaen eine Opposition
gegeneinander, aber die Opposition ist ja die Seele der Gesellschaft,
der Lebenstrieb, der unsere ganzen Staaten zusammenhlt; was wren wir
hier alle mit einander ohne Opposition?

Aber ich gedenke mich gar nicht in Little Rock aufzuhalten, sagte
Frulein von Seebald ausweichend.

Es wird aber wohl Abend werden bis wir hinkommen, meinte Charley --
doch das knnen Sie sich noch berlegen; hier haben Sie jedenfalls
meine Adresse.

Und welchen Weg schlage ich von Little Rock ein? frug die junge Dame,
mit einer leicht dankenden Verbeugung die Karte nehmend -- der Platz
liegt soviel ich wei auf der anderen Seite des Stromes -- .

_Oakland grove?_ -- ja wohl, aber an der Strae -- prchtige Strae
dorthin -- ein Bischen na, wenn's geregnet hat, aber sonst breit und
famos durch den Wald ausgeschlagen.

Und wann geht die Post dorthin ab? frug Frulein von Seebald.

Die Post? -- sagte Charley, sie rasch und erstaunt dabei ansehend,
setzte aber, sich besinnend, hinzu: die _Brief_post meinen Sie? -- der
Mailrider[3] geht die Woche zweimal nach Batesville hinauf und kommt
zweimal wieder.

Und die Fahrpost?

Fahrpost, hahaha -- lachte Charley, die Bren und Panther wrden
ungemein erstaunt sein, wenn sie einmal eine Fahrpost zwischen sich
durchrasseln hrten. Segne Ihre Seele, mein Frulein, dahinein geht
keine Fahrpost. Nichts wie ein berittener Bote, und wenn Sie nach
Oakland Grove wollen, so mssen Sie entweder zu Fu gehen oder reiten.
Ihr Gepck knnen Sie indessen zu mir in's Haus stellen.

Das wre ja schrecklich! rief Frulein von Seebald.

Oh es steht dort ganz sicher, sagte Charley.

Nein ich meine den Weg zu Fu oder zu Pferde zu machen; -- ich habe
noch nie auf einem Pferd gesessen.

Das ist ganz leicht, sagte Charley, der linke Fu kommt in den
Steigbgel und das rechte Knie nehmen Sie, sehn Sie, _so_, -- ber die
Knuppe hinauf, die an dem Damensattel sitzt, dann knnen Sie gar nicht
herunter fallen, und hngen oben wie eine Klette.

Und wie weit ist der Platz von Little Rock?

Oakland Grove?

Nein, wo Graf Olnitzki wohnt?

Ja das wei ich wahrhaftig nicht genau, sagte Charley achselzuckend,
ich bin nach der Richtung hin noch gar nicht gekommen; aber dahin
mssen Sie sich doch einen Fhrer mit Pferden nehmen, und Ihr Herr
Gemahl -- Sie sind doch verheirathet, wenn ich fragen darf?

Die Frage kam so pltzlich, da Amalie von Seebald unwillkrlich darber
errthete, aber lchelnd antwortete:

Nein; ich bin _nicht_ verheirathet.

Aber Sie haben doch jedenfalls Begleitung, sagte Charley.

Ich bin _ganz_ allein, erwiederte die Dame.

_Ganz_ allein? -- und wollen ganz allein in den Wald hinein?

Und warum nicht?

Nu hren Sie, das nehmen Sie mir nicht bel, sagte Charley, freundlich
lchelnd, das ist denn nun doch wohl blos Ihr Spa?

Aber weshalb um Gottes Willen? frug Frulein von Seebald wirklich
beunruhigt ber das ganze Wesen des Mannes -- was kann mir denn im Wald
geschehn? Sind noch Indianer dort?

Indianer? -- nein; am Flu lagern vielleicht welche, aber die stehn
unter Aufsicht und sind harmlos.

Oder wilde Thiere?

Nun ja, es giebt wohl Bren und Panther da, aber man hrt doch selten
davon da sie Jemanden angefallen haben.

Was sollte mich also sonst hindern?

Ih nun ja sagte Herr Fischer -- es ist wahr, es _ginge_ schon,
aber -- ich wei doch nicht, ich mchte nicht alleine und ohne Gewehr
nach Oakland Grove und von da noch weiter in den Wald hinein gehn, und
ich bin doch nun schon zwlf Jahr in Arkansas. berhaupt, es ist
nirgends besser wie in Little Rock; das ist ein capitaler Fleck und
sollte mich gar nicht wundern, wenn es einmal die erste Stadt in der
Union wrde. Nachher ist aber Charley Fischer am Platz, denn ich habe
eine ganze Parthie Lots gekauft und die mssen einmal einen heillosen
Werth bekommen.

Aber es hat doch ungemein viel Romantisches, so allein durch den Wald
zu gehn sagte Frulein von Seebald.

Romantisches, Du lieber Gott erwiederte achselzuckend der kleine
praktische Mann, das kauf ich nicht theuer, denn das bringt Nichts ein.
Habe schon mehre Leute hier gekannt -- auch deutsche junge nette Kerle,
die ihre Krfte htten an was Vernnftiges wenden knnen, die thaten
auch eben weiter gar Nichts als im Wald mit der Bchse allein herum zu
laufen, blos ein paar lumpiger Hirsche und des Bischens Romantik wegen.
Was ist nachher aus ihnen geworden? -- weiter hatten sie Nichts auf dem
Leib als ihr ledernes Jagdhemd und ihre Leggins, dabei Moccasins an den
Fen und keinen Cent in der Tasche, ja nicht einmal eine Tasche an
sich, einen Cent hinein zu thun, wie vielleicht ihren Kugelbeutel, und
nachher brachten sie mit Mhe und Noth Felle genug zusammen um eben ihre
Passage auf einem Dampfboot zu bezahlen, wieder fortzukommen. Der Teufel
soll eine solche Romantik holen -- ne da lob' ich mir Little Rock.

Und Sie kennen den Grafen Olnitzki nicht persnlich? -- waren nie dort
in der Gegend?

Nein Madame -- mein Frulein wollt' ich sagen, aber wissen Sie, mit dem
_Grafen_ hat es hier auch nicht viel zu bedeuten.

Wie so, geht es ihm schlecht? frug Amalie rasch und erschreckt.

Wem? dem Olnitzki? ja ich wei nicht -- nein ich meine nur mit dem
Titel berhaupt. Wissen Sie, hier in Amerika sind wir alle gleich -- alle
freie Brger, Einer soviel wie der andere, und wenn ich mich zum Spa
Graf Charley Fischer nennen wollte, htte auch Niemand etwas dawieder,
ich wre eben Graf Charley Fischer, und wenn die Leute zu mir kmen und
ein Glas Brandy trinken wollten, wrden sie mir wie jetzt auf die
Schultern schlagen und sagen: 'nu Graf Fischer, altes Haus, wie gehts,
_how do you_ thuts Euch?'

Ich glaube auch nicht da Graf Olnitzki Anspruch auf eine hhere
Stellung macht sagte Frulein von Seebald.

Ne, kann ich mir denken sagte Charley freundlich, wrde ihm auch gar
Nichts helfen; besonders hier nicht in Arkansas. Wir haben hier brigens
eine ganze Menge Polen; da ist der Graf Doraski am Red River und der
Graf Potelsk -- Podelscyk -- na wie heit er denn gleich, verwnschte
Namen tragen die Polen manchmal, und die Amerikaner haben ganz recht
wenn sie meinen, man knnte sie nur aussprechen wenn man dreimal niete
und dann _ski_ sagte -- na es ist einerlei wie er heit. Sonderbar, von
Polen kommen blos lauter Grafen hier her, denn wenn man einen Polen
findet, kann man sich auch fest darauf verlassen da es ein heimlicher
Graf ist; es mu ungeheuer viel Grafen dort im Lande geben.

Wie sind aber nur die Verhltnisse der Ansiedler hier in der Nhe von
Little Rock? frug Frulein von Seebald, die es drngte etwas Nheres
ber die ihr am Herzen liegenden Menschen zu hren, kommen sie manchmal,
an Sonntagen vielleicht, in die Stadt, zu Theatern oder Concerten? --
haben die Deutschen untereinander nicht Blle oder andere Festlichkeiten,
bei denen sie sich zusammenfinden und vergngt sind? das Waldleben denke
ich mir wundervoll, herrlich, aber das Schnste bedarf doch manchmal
einer Abwechslung.

Blle? -- ja, die haben wir manchmal hier unter den Deutschen lachte
Charley Fischer vergngt vor sich hin, vielleicht in der Erinnerung
mancher dabei verlebter Stunden, und amsiren thun sie sich dabei im
Anfang und prgeln am Schlu, gerade wie bei uns zu Hause; aber wenn die
Farmer, besonders die, die so weit wegwohnen, dazu hereinkommen wollten,
da htten sie viel zu thun. Die Mnner ja, die reiten manchmal her,
stehen[4] auch wohl ein paar Tage und verthun was sie herein gebracht
haben an Produkten, manchmal auch noch das mit, was sie das nchste Mal
bringen wollen, aber die Frauen bleiben zu Hause und hten das und ihre
Kinder, und haben dabei alle Hnde voll zu thun.

Aber die Nachbarn kommen dann unter einander wahrscheinlich sehr hufig
zusammen.

Ja, wenn sie Nachbarn haben, die Nachbarschaft in Arkansas soll aber
der Henker holen, sagte Charley -- die nennen sich so und wenn sie
zwanzig Meilen von einander sitzen.

Das ist ein Beweis fr ihre Geselligkeit lchelte Frulein von
Seebald.

Ja schne Geselligkeit, wenn Niemand dazwischen wohnt meinte
Charley -- ne, da lob' ich mir Little Rock; wenn mir da mein eigener
Brandy nicht mehr schmeckt, gehe ich um die Ecke herum zum Georg und
trinke da anderen, und alle Wochen kommen ein paar Dampfboote den Strom
herauf oder herunter, die auch Neues bringen, und wo man doch etwas zu
hren und zu sehn bekommt. S'ist ein ganz famoses Leben in Little Rock.

Frulein von Seebald fhlte sich, obgleich ihr der fremde Deutsche gar
nichts Direktes von den Ihrigen sagen konnte, und diese jedenfalls
in ganz andern Verhltnissen lebten wie er sie hier schilderte, doch
unangenehm berhrt durch diese Beschreibung, sie wute eigentlich selber
nicht recht weshalb. Es war ihr auch erwnscht da die Unterhaltung
in diesem Augenblick durch die in der Cajte gelutete Klingel, das
Zeichen zum Mittagstisch, abgebrochen wurde, und sie zog sich mit einer
leichten dankenden Verbeugung gegen Herrn Fischer, die dieser mit einem
freundlichen Kopfnicken erwiederte, in die _Ladies cabin_ zurck, dort
den Nachmittag hindurch ihren eignen Betrachtungen und Gedanken
nachzuhngen.

Das Boot setzte indessen rasch und wacker seinen Weg fort; die Scenerie
blieb dieselbe -- Wald -- endloser Wald an beiden Seiten, der sich
selbst bei kleinen einzeln zerstreuten Stdten, die sie trafen, bis
dicht um diese her zu ziehen schien, als ob er wieder frisch aufgewachsen
sei, seit sie entstanden, und das Land zurck verlange, das sie ihm
abgedrngt.

Am nchsten Tag, gegen Abend, erreichten sie Little Rock, und die
breite, weit ausgehauene Lichtung verrieth schon von weitem eine grere
Ansiedlung, wie sie bis jetzt getroffen. Als sie nher kamen erkannten
sie groe ansehnliche steinerne Gebude, allerdings oft neben kleinen
modernen Holzhtten, und eine Dampffhre spielte ber dem Strome nach
dem andern Ufer hinber. Auch der Landungsplatz, gegen den sie jetzt
aufliefen, bot, wenn auch nicht mit New-Orleans zu vergleichen, doch das
belebte Bild einer greren, geschftigen Stadt, die hier im Herzen
eines sonst noch ziemlich wilden Staates entstanden; Karrenfhrer von
allen Farben drngten sich herbei Gter und Passagiergut fortzufhren,
sobald nur die Taue ausgeworfen und die Planken bergeschoben wren, und
eine Menge Ungeduldiger, wie auf allen Landungspunkten am ganzen Strom
hinab, warteten mit Sehnsucht auf den Augenblick, wo sie an Bord
springen konnten, Neues und Neuigkeiten in Empfang zu nehmen, oder
gegen die mageren Stadt-Berichte einzutauschen.

Frulein von Seebald befand sich aber jetzt wirklich in Verlegenheit,
denn in der festen berzeugung, und gar nichts anderes fr mglich
haltend, als da eine Post doch wenigstens die Woche ein paar Mal nach
jener Ansiedlung, auf der ihre Schwester wohnte, hinauf laufen msse,
hatte sie ihr ganzes Gepck, drei Koffer und mehre Hutschachteln mit
noch ein paar kleinen Kisten, die Geschenke fr Schwester und Schwager
enthielten, mit an Bord des Dampfers genommen. Wie sollte sie die jetzt
mit fortbringen, in den Wald hinein? und fort muten sie, denn sie
brauchte, wie sie meinte, dort Alles nothwendig was sie enthielten.

Charley Fischer half ihr da brigens, als die Landung nur erst berstanden
und er alle seine tausend Freunde begrt und mit ihnen, wie er's
nannte, Hands geschkt[5] hatte, aus der Noth, denn er war erstlich
nicht der Mann irgend Jemanden, aus dem er irgend einen Nutzen zu ziehen
hoffte, unbeachtet zu lassen, dann aber auch die gutmthige Geflligkeit
gegen Damen selber, und glaubte hier noch dazu das doppelte Interesse an
einer Reisegefhrtin nehmen zu mssen. Kaum daher in die Stadt hinauf
gekommen, sah er sich auch schon, alles brige inde hintansetzend, auf
das Eifrigste nach einer mglichen Gelegenheit nach _Oakland grove_ um,
wozu die Landung selber der beste Platz war, da dort fast alle Gastwirthe,
oder doch Leute von ihnen, bei der Ankunft eines Dampfers zusammen
kamen. Zufllig war in der That ein Geschirr -- freilich nur ein
gewhnlicher Leiterwagen von Rosemores (einer Farm, die eine kleine
Strecke berhalb der _Oakland grove_ lag) in Little Rock, hatte Butter,
Eier, gerucherte Hirschkeulen und andere Produkte hereingebracht, und
nahm Mehl, Kaffee, Zucker, Brandy etc. etc., kurz Provisionen die dort
nicht zu bekommen waren, wieder mit hinaus. Der Fuhrmann wollte am
nchsten Morgen mit der ersten Fhre ber den Strom gehen und, da er nur
halbe Ladung hatte mit Vergngen gegen eine mige Entschdigung die
Sachen der Dame bis zu _Billy Jones clearing_ mitnehmen, von wo aus
ein Fu- oder Reitpfad nach _Old Nitzkys range_, wie der Mann den Namen
des Grafen Olnitzki mishandelte, hinberlief. Wollte die Dame bis Billy
Jones mit auf seinem Wagen fahren, so war sie _perfectly welcome_, das
heit: er stand ihr mit Freuden zu Diensten, und durch ein oder zwei
Arme voll Maishlsen lie sich auch schon zur Noth ein ziemlich bequemer
Sitz herstellen.

Charley Fischer lief ungesumt mit dieser guten Nachricht an Bord
zurck, wo Frulein von Seebald eben in ziemlicher Ungewiheit war, ob
sie die Karte des Herrn Charley Fischer benutzen, oder ihr Gepck in ein
anderes Gasthaus sollte schaffen lassen, dessen riesige Firma sie schon
ber die Strae herberleuchten sah. Des kleinen geflligen Mannes
Erscheinen entschied dies zu seinem Gunsten, die Koffer und Kisten
wurden aufgeladen, und die junge Dame befand sich bald darauf in
einem kleinen kahlen unbehaglichen, nicht berreinlichen Gemach auf
Pinestreet, in dem sie jedoch bald von der freundlichen Wirthin selber
aufgesucht und untersttzt wurde ihre Toilette zur Abendtafel, die aus
einem recht guten compakten Mahl mit Thee bestand, vorzubereiten.

Charley Fischer htte nun gar zu gern diese Gelegenheit benutzt, aus
seinem Gast alles nur Mgliche ber ihre Lebensverhltnisse und besonders
den Zweck ihrer Reise heraus zu bekommen, denn da eine junge Dame
eine solche Fahrt _allein_ unternommen, hatte jedenfalls auch etwas
ganz Absonderliches zu bedeuten. Nun sagte ihm Frulein von Seebald
allerdings ganz einfach, da sie nur nach Arkansas gekommen wre ihre,
an den Grafen Olnitzki verheiratete Schwester zu besuchen, aber das
glaubte er ihr natrlich nicht, und suchte nun erst recht etwas
Geheimnivolles unter dem Besuch. Je bereitwilliger und freigebiger er
dabei mit seiner eigenen Lebensgeschichte war, desto mehr verdro es ihn
natrlich, wenn Andere nicht Gleiches mit Gleichem vergelten wollten.
Frulein von Seebald war aber ermdet von der Reise sowohl, als sie sich
auch angegriffen von der Aufregung der letzten Tage, dem erhofften
Wiedersehn entgegenharrend, fhlte, und suchte deshalb zeitig ihr Lager.
Charley Fischer versprach ihr brigens sie wecken zu lassen, wo sie das
Frhstck bereit finden und immer noch zeitig genug zur ersten Fhre
kommen sollte. Der Fuhrmann hatte dabei zugesagt, bei seinem Hause, wo
er berdies seinen gewhnlichen Morgentrunk nahm, vorzufahren, und eine
Versumni war deshalb gar nicht mglich.

Der Morgen kam; die Sachen wurden vor das Haus geschafft, die beiden
kleinen Kisten besonders mit wieder und wieder empfohlener Vorsicht, da
sie zerbrechliche Sachen enthielten, Frulein von Seebald hatte ihre
Reisetoilette wie ihr Frhstck beendet, ihre nicht bermige Rechnung
bezahlt, ein Glas Brandy und Zucker, das ihr ihr freundlicher Wirth auf
das hartnckigste gegen die rauhe Morgenluft aufzudringen suchte, wieder
und wieder verweigert, der Wagen kam, die Sachen wurden aufgeladen, und
Charley Fischer lie es sich nicht nehmen Frulein von Seebald seinen
Arm zu reichen und sie zur Fhre hinunter zu begleiten.

Allerdings htten die beiden Figuren nach unseren deutschen Begriffen
vielleicht ein wenig wunderlich zusammen ausgesehen, und Frulein von
Seebald selber fhlte sich auch so unbehaglich als mglich in der
Begleitung, die sie nicht gut verweigern konnte. Die Dame nmlich war
ganz modern, ja sogar modisch angezogen, mit einem hellen Kleid von
roher Seide, und feinem Strohhut, und einer dunkelrothen seidenen
Schrpe um, whrend Charley dagegen in einem etwas sehr kurzen und auch
nicht bermig reinen leinenen Rckchen prangte, unter dem ein paar
ebenfalls etwas kurze gestreifte wollene Hosen hervorsahen. Er trug
dabei Schuh und gelbwollene Strmpfe oder vielmehr Socken, die nicht
oben blieben wie er erklrte, er mochte dagegen thun was er wollte, und
der alte Strohhut deckte noch immer seinen Scheitel, wie auf dem Schiff;
nur ein reines gelb und roth gestreiftes Hemd hatte er heute Morgen
angezogen, und ein saftblaues seidenes Tuch darum geknpft. In Amerika
fllt etwas derartiges aber nicht auf; man sieht sogar, selbst in den
grten Stdten, die Damen sehr hufig an dem Arm eines Herrn, der in
kurzer weileinener Jacke geht, in Sammet und Seide nebenher rauschen;
das Kleid macht dort nicht den Mann, sondern der Mann das Kleid.

Nichts destoweniger und trotz der frhen Morgenstunde war Frulein von
Seebald fest davon berzeugt, da die Augen smmtlicher Einwohner
von Little Rock, an deren Fenstern sie vorber gingen, in Spott und
Neugierde auf sie geheftet wren, und dankte ihrem Gott, als sie das
Fhr- oder Ferryboot endlich erreichten, wo sich Herr Charley Fischer
auf das Angelegentlichste von ihr verabschiedete, wie sie auch ersuchte,
ihn ihrer Frau Schwester, wenn auch unbekannter Weise, freundlichst zu
empfehlen.

Die kleine Fhre dampfte ber den ziemlich breiten Strom, auf dem noch
der leichte Morgennebel in dnnen, hie und da von einem blitzenden
Sonnenstrahl getheilten Schwaden lag, und auch den gegenberliegenden
Uferrand bedeckte. Nur eine Reihe niederer, hellangestrichener,
viereckiger Holzhuser wurden da sichtbar, die mit riesigen Schilden
bedeckt, und wenn das mglich gewesen wre, verunstaltet, den oberen
Rand der steilen Uferbank krnten, und wieder ihrerseits von den hohen
majesttischen Wipfeln riesiger Baumwollenholzbume berragt wurden.
Diese kleine Stadt hier, die dem wachsenden Little Rock ihren Ursprung
verdankte, bestand fast einzig und allein aus Schenkstnden -- sogenannten
_groceries_ und _provision stores_, in denen, neben allen mglichen
Lebensbedrfnissen, die spiritusen Getrnke den Hauptbestandtheil
bildeten; aber sie sah neu und hlich aus, wie eine Schachtel frisch
ausgepackter Nrnberger Spielwaaren in eine Reihe gestellt, ber die der
darber wohnende Urwald den Kopf schttelte, und seufzend dabei den
Krebsschaden erkannte, der sich weiter und weiter in seine Seite fra.

Frulein von Seebald, von den Leuten an Bord neugierig betrachtet, die
eine einzelne und dabei so elegant gekleidete fremde Dame nicht so oft
und frh zwischen sich sahen, hllte sich brigens, ohne mit irgend
Jemand zu verkehren, fester in ihren Shawl -- die Morgenluft wehte
frisch und khl ber den Strom -- und schaute unverwandt nach dem andern
Ufer hinber, dem sie rasch entgegenstrebten.

Ha, was war das? -- unten am Strand -- dicht unter der hohen steilen,
wohl sechzehn Fu schroff emporsteigenden Lehmbank, und bis jetzt von
dem tief streichenden Nebel verdeckt, der sich, wie sie dem Lande nher
kamen, theilte, oder doch durchsichtiger wurde, breitete sich eine Scene
vor den erstaunten Blicken der jungen Dame aus, wie sie ihre khnste,
romantische Phantasie nur im Stande gewesen wre herauf zu beschwren.

Indianer! rief sie fast unwillkrlich laut aus, denn das ganze Ufer
dort war bedeckt, belebt von einem wilden Schwarm brauner, halbnackter
Gestalten, die theils unter niederen ledernen Zelten, theils nur an
kleinen Feuern campirt haben muten. Pferde wieherten und galopirten am
Ufer hin, Kinder sprangen und jauchzten in und neben dem Wasser, an dem
sie badeten und spielten, Frauen kochten oder trugen Holz herbei, das
andere oben von der Uferbank herunter warfen, und die Mnner saen
theils still und theilnahmlos an den Feuern, ihre Pfeife rauchend, oder
standen am Ufer, die Ankunft des Dampfers zu erwarten.

Leben hier noch Indianer? frug Frulein von Seebald erstaunt einen
der neben ihr stehenden Leute, der auf dem das Deck umschlieende
Lattengitter lehnte, und ebenfalls nach den Eingeborenen hinber
schaute.

Nein, Madame! sagte der Mann, ohne seine Stellung zu verndern, Gott
sei Dank, da wir die Rothfelle los sind; wrden uns weiter Nichts als
Teufels-Eier in die Nester legen. Hole sie alle mit einander der Bse.

Aber was thuen diese hier?

Die da? -- die wandern aus -- das sind Seminolen, die Onkel Sam[6] nach
dem Territorium schickt, sich dort mit ihren Kameraden, den Creeks und
Cherokesen, den Chocktaws und Kickapuhs und wie sie alle heien, so gut
zu vertragen wie sie eben knnen -- oder noch besser, sich einander die
Hlse abzuschneiden -- das Gescheuteste, was sie auf der Gottes Welt
thun knnten.

Sie lieben die Indianer nicht.

Ich? -- nein, da ist der Himmel mein Zeuge -- habe auch eben keine
Ursache dazu, und weniger Lust -- wenn ich etwas wte, die ganze Race
mit einem Schlag von der Erde zu vertilgen, ich tht's.

Der Mann richtete sich dabei aus seiner Stellung auf und ging langsam an
die andere Seite des Decks, als ob er die rothen Mnner nicht einmal
anschauen wollte, so lange er's verhindern konnte. Er sah dabei so
finster und erbittert aus, da Frulein von Seebald froh war, seiner
unheimlichen Gesellschaft bald enthoben zu sein.

Das Boot legte indessen an seinen gewhnlichen Landungsplatze, einem
dort befestigten riesigen flachgedeckten Boote, auf das Geschirre und
Pferde leicht hinaus oder an Bord gebracht werden konnten, an, und die
Indianer, besonders die Kinder, halb scheu, halb neugierig den Platz
umdrngend, sammelten sich dort, die fremden weien Mnner und Frauen
aussteigen zu sehen. Die Kinder gingen fast smmtlich nackt, die
Erwachsenen aber trugen ein Tuch um die Hften, und meist ein ledernes
oder kattunenes Jagdhemd, die Haare dabei in einen Bschel gebunden,
Einzelne mit Zierrathen, zwei mit einer Adlerfeder darin. Nur die Frauen
hielten sich schchtern zurck bei ihren Lagerfeuern, und schauten kaum um
nach dem rasch den Dampf auspuffenden Boot, oder den weien Leuten -- sie
hatten davon genug gesehen, mehr als ihnen wohl lieb war, und waren von
ihnen aus der Heimath vertrieben und einem fremden unbekannten, kalten
Lande zugefhrt -- wie konnten sie sich da an den verhaten Wesen
freuen. Auch die Mnner schauten still und finster drein, und wo sie
Einer der Weien anredete, drehten sie sich mrrisch ab von ihnen und
schritten ihrem Lager wieder zu.

Es waren edle, krftige Gestalten unter ihnen, Manche mit schweren, kaum
geheilten Wunden auf der breiten braunen Brust, und wacker schlugen sich
auch diese Krieger in ihrem Vaterland, jeden Fubreit Boden den weien
Eindringlingen mit Tomahawk und Bchse streitig machend; ja noch Jahre
lang wrden die Bleichgesichter, die sie oft mit blutigen Kpfen
heimgeschickt und in deren Lager selbst sie so manche Nacht den
Schlachtschrei getragen und die nackte Brust keck und todtesmuthig den
Bayonetten entgegenwarfen, ihre Truppen vergebens gegen sie gefhrt
haben, htten sie dem _Verrath_ so gut begegnen knnen wie der blanken
Waffe. Aber ihr Huptling fiel -- der wackere Osceola, von den
Amerikanern gegen Krieg und Menschenrecht verrtherisch gefangen
genommen, wo er dem _Wort_ des weien Mann's vertraut, starb elend im
Gefngni -- andere Huptlinge wurden bergekauft, und das Banner der
Staaten fgte einen blutigen Stern zu seinen weien.

Nun Madame, wenn Sie jetzt aufsteigen wollen, unterbrach da der
Wagenfhrer, der sein Geschirr glcklich von Bord und ber das Flatboot
weg auf festen Grund und Boden gebracht hatte, die Betrachtungen seiner
Reisegefhrtin -- die Pferde sind ausgeruht und knnen's schon ziehen,
und hier hinauf geht sich's doch schlecht fr so zarte Fe.

Frulein von Seebald wre gern noch lnger hier geblieben, das Leben und
Treiben der Indianer mehr zu beobachten und sich vielleicht gar in ein
Gesprch mit ihnen einzulassen; gebrochen Englisch wenigstens sollten
doch Viele von ihnen sprechen. Aber allein ging das auch nicht an, und
dann schien auch der Wagenfhrer, der noch einen weiten Weg vor sich
hatte, keine groe Lust zu haben lnger zu warten. Sie mute sich
deshalb wirklich nicht allein entschlieen, den Platz zu verlassen, der
ihr zum ersten Mal in ihrem Leben eine Scene cht wilder Romantik bot,
sondern auch auf hchst unromantische Weise, und noch dazu im Beisein
einer Masse fremder Menschen, die gewi dabei ihren Spott ber sie
hatten, auf einen ganz gewhnlichen Rstwagen hinaufklettern, und sich
dort in raschelnden Maishlsen, zu denen ihr ganzer Anzug auch nicht im
mindesten pate, vergraben. Es kostete ihr der Entschlu in der That
eine berwindung; aber trotz ihrem oft bertriebenen Hang zur
Schwrmerei hatte Amalie von Seebald, wie sie auch schon durch ihre
ganze Reise bewiesen, doch viel Charakterstrke, die, mit dem
Abenteuerlichen ihrer Situation, sie bald bewog sich ber alles Andere
hinwegzusetzen.

Der Amerikaner brachte indessen, wie berhaupt keine Nation aufmerksamer
gegen Damen sein kann als diese, aus der nchsten _grocery_ einen Stuhl
heraus, da sie bequemer auf den Wagen kommen konnte; lachend und
verschmt nahm dabei die Dame ihre Kleider zusammen, stieg auf den
Stuhl und schwang sich, von der breiten Hand des Wagenfhrers dabei
untersttzt, auf das Rad und von da in den Wagen, ein junger Bursche
trug den benutzten Stuhl in die _grocery_ zurck, der Amerikaner
klatschte mit der Peitsche, die Pferde zogen an, und neben hergehend,
bis sie die obere Bank erreicht hatten, fuhr das ziemlich schwerfllige
Geschirr, von den krftigen Thieren gezogen, verhltnimig rasch den
steilen Weg, der auf das obere Ufer fhrte, hinan. Die Indianer stieen
dabei einen gellenden Schrei aus, die Kinder jubelten, die Hunde bellten
und der Wagen rasselte, whrend der Mann selber im Fahren aufsprang und
sich neben die Dame in die Maishlsen setzte, den etwas holperigen
ausgefahrenen Weg rasch entlang.

Das kleine Nest von Wirthshusern lieen sie dabei gleich zurck,
Lichtungen am Weg zeigten aber noch junge Farmen; sie fuhren eine
Strecke lang zwischen Fenzen hin, die erst krzlich urbar gemachtes Land
umschlossen -- auch diese hrten endlich auf; hie und da lagen noch
dicht am Weg gefllte und zu Fenzstangen zerspaltete Stmme, dort waren
junge Bume zu Feuerholz abgeschlagen, und jetzt zog sich die, wohl
breit ausgehauene, aber sonst sehr verwilderte und nur allein durch die
Axt hergestellte Strae, durch den finsteren dichten Urwald hin, der sie
in all seiner groartigen Majestt umfing.

So beengt und unbehaglich sich brigens Frulein von Seebald noch bei
dem ersten Besteigen des Wagens, und so lange sie die vielen fremden
Menschen um sich her wute, gefhlt hatte, so wohl, so frei wurde ihr es
jetzt. Das Herz ging ihr auf, und wie die letzten Fenzen hinter ihr
verschwunden waren, wie jene mchtigen riesigen Bume, die gerade zu
ihrer gewaltigsten Hhe in diesen Niederungen aufsteigen, ihre Stmme
wie gigantische Sulen um sie her emporreckten, und die prachtvollen
Wipfel schttelten und mit ihnen rauschten und flsterten, als ob der
Wald Leben gewonnen htte; als sie die wunderlich geflochtenen und
verschlungenen Lianen in weiten Festons den Weg berhngen, und von den
hchsten sten der Bume niederschaukeln sah, und ihre Phantasie dabei
diese dunklen Waldesschatten mit all dem Wild und Raubzeug des weiten
Landes dicht belebte, da wute sie sich vor Glck und Seligkeit kaum zu
fassen; die Thrnen traten ihr in die Augen, und sie htte laut
aufjubeln mgen vor Lust und Wonne.

Ihr Ziel war jetzt erreicht, wonach sie Jahre lang gestrebt und sich
gesehnt; derselbe Wald umfing sie schon, der ihrer Schwester eine
Heimath, ein Paradies geschaffen, und nur ein Herz fehlte ihr jetzt, mit
dem sie ihre Seligkeit theilen, dem sie das Alles zujauchzen konnte, was
ihre Brust in diesem Augenblick erfllte und erhob.

Mit dem Mann an ihrer Seite, der trocken und gleichgltig auf seinem
Platz sa und nur manchmal, wenn der Weg eine kurze Strecke glatt
fortging, die Pferde zu rascherem Lauf antrieb, lie sich aber freilich
nicht reden; auch war sie des Englischen kaum mchtig genug, gerade den
Gefhlen Worte zu geben, die es sie trieb und drngte auszusprechen. So
fuhren sie eine Zeitlang schweigend mit einander hin, wobei der Weg
inde, je weiter sie in das Land hinein kamen, schlechter und sumpfiger
wurde, und die ganze Aufmerksamkeit des Wagenfhrers erforderte. Der
groartige, wirklich herrliche Wald dieser Niederungen blieb dabei
unverndert, unverkmmert, aber die Bewohner und Besitzer desselben, die
Mosquitos, meldeten sich ebenfalls, und wenn sie auch gerade nicht
hufig waren und durch die Bewegung des Fahrens schon abgehalten wurden,
lieen sie sich doch, wenn der Wagen manchmal auf einen Augenblick hielt
und der Fuhrmann absteigen mute, irgend einen niedergebrochenen Ast aus
dem Weg zu rumen, oder die Thiere um eine stehengebliebene Wurzel
herumzufhren, hren und fhlen, whrend die zarte Haut der jungen Dame
leicht unter dem scharfen Stich der kleinen scharfsftigen Thiere
anschwoll.

Dadurch wurde brigens ihr Geist auch wieder in etwas mehr dem Irdischen
zugewandt und Frulein von Seebald begann den Wagenfhrer nach ihrem Weg,
der Lnge desselben, den verschiedenen Ansiedlungen oder Plantagen
(wie sie es nannte, was er aber im Anfang nicht verstand) zu fragen.

Der Bursche war ein einfach schlichtes Kind des Waldes, wie Frulein
von Seebald bald genug fand; er wute auch in der That nicht viel mehr,
als was im Bereich seines Waldes und der Landung von Little Rock lag.
Allerdings kannte er den Weg genau, jeden Stumpf und Stamm, jede
Clearing, jedes _improvement_ wie die allerersten Niederlassungen
genannt werden; war dabei im Stande genau anzugeben, wie viel jeder
Nachbar den Tag ber Fenzriegel spalten knne, wie viel Hirsche
Johnny Bligh in der letzten _season_ erlegt, und wie viel _coons_[7]
sie in ihrem letzten _crop_ (Erndte) im Maisfelde mit den Hunden
gefangen oder geschossen htten. Auch die Pferde und Rinder der Nachbarn
kannte er persnlich, wute jeden Flecken an ihnen, jeden Brand anzugeben,
zeigte ihr auch den Platz, als sie daran vorbeifuhren, wo im vorigen
Jahr der Panther ein junges Fllen erwrgt und beinah auch noch
gefressen htte, wre er nicht glcklicher Weise (freilich zu spt es
vor dem Erwrgen zu bewahren) dazu gekommen, und ging dann speciell in
seiner Unterhaltung auf die deutschen Einwanderer ber, von denen, wie
er meinte, ein _heap_ die letzten Jahre herber gekommen sein mten,
denn am _cashriver_ htte er zwei gesehen, und nach Little Rock wre
eine ganze Familie gekommen, der Mann, die Frau und drei oder vier
Kinder. In Little Rock wren berhaupt eine Masse Deutscher, es wimmelte
ordentlich davon -- er allein kannte sechs oder sieben, und Charley
Fischer sei der fidelste von Allen, und _a monstrous smart hand too!_
-- ungeheuer schlau und pfiffig -- und htte ihm neulich einmal (vor
drei Jahren) einen ganz faulen Western Reserve-Kse aufgehangen -- was
er ihm aber nicht besonders bel zu nehmen, sondern sich eher darber zu
freuen schien, da er das fertig gebracht.

Nur von dem Grafen Olnitzki wute er wenig oder gar Nichts zu
erzhlen; seine _old lady_[8] kannte er gar nicht, hatte sie nie
gesehn und glaubte auch nicht, da sie viel aus der _range_ (eigentlich
Weideplatz, aber auch von Ansiedlungen gebraucht) herauskme. _Old
Nitzky_ wie er ihn unverdrossen nannte, sollte brigens _a powerful
hand_ (sehr geschickt) mit der Bchse sein, und viele Hirsche und auch
schon einige Bren geschossen haben. Jetzt war er lange nicht in die
Ansiedlungen gekommen, aber er konnte sich noch recht gut auf ihn
besinnen, denn er war ein groer starker Mann und trug das ganze
Gesicht voller Haare.

Wenn aber der Fhrer ihr auch keine nhern Nachrichten ber die geben
konnte, deren Schicksal ihr so sehr am Herzen lag, und die es sie so
glcklich machte, nach so langer Trennung wieder zu sehen, so war er
doch in so mancher anderen Art praktisch und unendlich gutmthig. Er
brach ihr einen Sassafrasbusch ab, sich damit der dann und wann zu ihnen
kommenden Mosquitos zu erwehren, und hielt einige Male besonders an, ihr
einen Hut voll saftiger, zuckerser Persimonen, die dort in Masse
wuchsen, zu suchen und zu bringen, oder wilde Weintrauben zu pflcken,
die von manchen Bumen in schweren blauen Massen niederhingen. Auch die
Muscadinebeeren, vor deren hufigen Genu er sie des kalten Fiebers
wegen warnte, mute sie kosten, und die lange, fast widerlich se
Papaofrucht. Wie sie dann weiter in den Wald hinein und von den dem
Flu zunchst liegenden Ansiedlungen abkamen, zeigte er der Fremden hie
und da die rasch ersphte Gestalt eines flchtigen Hirsches, der
stutzte, als er das Knarren der Rder hrte, und den schnen Kopf mit
dem wunderlich gebogenen Geweih zurckwerfend flchtig ber die Bsche
hinweg in das Dickicht setzte; oder das hliche aber komische Opossum,
das Amerikanische Beutelthier, das eigentlich, nach Australien gehrig,
nur aus Versehn hier von der Natur geschaffen scheint, wie es scheu ber
den Weg lief, oder rasch an niederhngenden Weinreben emporklomm, einer
vermutheten Gefahr zu entgehen. Manchmal hielt er sogar an, um ihr auf
der Strae selber Bren-, Wolf- und Pantherfhrten zu zeigen, die sie
hier auf ihren nchtlichen Wanderungen in den weichen Boden eingedrckt,
und that berhaupt Alles was in seinen Krften stand, der jungen Dame
den langen, etwas monotonen Waldpfad so viel als mglich zu verkrzen.

So zogen sie den ganzen langen Weg dahin; die Strae war breit
ausgehauen, auf einer wie auf der andern Stelle, zeigte aber nur wenig
Gleise, mehr Hufspuren und fast noch mehr die Fhrten wilder Thiere.
Dann und wann passirten sie eine groe Ansiedlung, und gegen Mittag
hielten sie sogar an einem Ort, deren drei oder vier Blockhtten den
stolzen Namen einer Stadt beanspruchten. Die Leute dort, ein einziger
Farmer mit seinem Bruder, der einen kleinen Laden hielt, waren aber
nicht stolz auf diese Bevorzugung vor den Nachbar _clearings_, bestellten
ihr Land noch selber und machten neues urbar, nicht etwa Huser darauf
zu bauen, sondern Mais hineinzupflanzen.

Dort wurde ein frugales Mittagmahl eingenommen, da fast smmtliche
Farmer in den westlichen Wldern, wenigstens Alle die an einer
Haupt- oder _county_strae wohnen, darauf eingerichtet sind Fremde
zu beherbergen und zu speisen. Wirths- und Gasthuser giebt es dort
nur sehr wenige; baar Geld haben die Leute auch sehr wenig in ihrem
gegenseitigen Verkehr, da wird dann das Fremdebewirthen gewissermaen zu
einer Erwerbsquelle, der sie sich um so lieber widmen, als sie wenig
mehr Auslagen dabei haben, wie ein paar Betten mit Matratzen und
wollenen Decken herzustellen. Die alte westliche _Gastfreundschaft_, wie
sie in frheren Zeiten Sitte war, geht dabei freilich verloren; eine
Mahlzeit kostet einen Viertel Dollar, ein Pferd zu beherbergen von einem
Viertel bis halben Dollar, je nach der Gegend, das Bett fr den Gast
einen Bit bis ein Viertel Dollar, oder Nachtlager mit Abendbrod und
Frhstck fr einen Reiter gewhnlich einen Dollar. Da sie Jemanden
umsonst beherbergen knnten fllt ihnen nicht ein; hat aber ein armer
Teufel wirklich kein Geld, und sagt er ihnen das gleich von vorn herein,
ehe er etwas verzehrt und genossen hat, so wird ihm selten ein
Amerikaner alles das versagen, was er ihm sonst gegen Zahlung nur
gegeben htte.

Im Wald selbst, das heit ab von der Strae, wohin kein ausgehauener,
von Geschftsreisenden betretener Weg fhrt, und wohin sich nur der
Jger dann und wann verliert, ist das ganz etwas anderes. Der Wanderer
theilt da Tisch und Bett mit seinem Wirth und am Morgen, fragte er
wirklich was er dafr schuldig sei, lautet die Antwort: das Wiederkommen,
Fremder, fr das was Ihr gehabt, war't Ihr willkommen; lieber Gott, es
war wenig genug, was wir Euch bieten konnten, setzt die Frau auch wohl
hinzu.

So wenig neugierig die Leute auch gewhnlich dabei sind, was der
Reisende treibt, woher er kommt, wohin er geht, wenn sie ihn auch
manchmal im Laufe des Gesprchs danach fragen, so erstaunt waren hier
die Waldbewohner, eine _lady_ im wahren Sinne des Worts in seidenem
Kleid und Hut mit Handschuhen an den Hnden und Ringen an den Fingern,
mit einem Schleier vor, und anderen _fixin's_ wie sie's nannten,
_allein_ im Wald zu sehn, und wenn sie es auch nicht wagten, die Dame
selbst nach alle dem zu fragen, was sie gern von ihr wissen mochten, und
was ihnen fast das Herz abdrckte vor Neugierde, so stahlen sie sich
doch einzeln hinaus, wo Billy Jones's Mann die Pferde versorgte, von
diesem herauszubekommen was die fremde Dame vermocht haben konnte, eine
so abenteuerliche Fahrt allein zu unternehmen.

Billy Jones's Mann wute aber auch nicht mehr, als da die Dame mit
einem Dampfer nach Little Rock gekommen sei -- das verstand sich
ohnedie von selbst -- und nach _Old Nitzkis_ Farm irgendwo im Busch
drin, Nord-Ost von der _Oakland grove_, hinber wollte; es mte wohl
eine Verwandte von _Old Nitzki_ oder seiner Frau sein.

Die Damen htten sich brigens die Mhe ersparen knnen, denn Frulein
von Seebald kam ihnen bei Tisch auf halbem Wege entgegen, erzhlte
ihnen, da sie ihre Schwester aufsuchen wolle, die sie in zehn Jahren
nicht gesehen, und die hier, unfern von Oakland Grove an den Grafen
Olnitzki verheirathet sei, und frug jetzt selber, ob keine der Frauen
sie vielleicht krzlich gesehen habe, und wie es ihr gehe.

Niemand kannte sie -- ein Mann wohnte allerdings dort oben im Wald, der
so hie, er war auch verheirathet, aber noch nie hierher zu ihnen
gekommen, hatte wenigstens nie an ihrem Hause angehalten. Es sollte
brigens vortreffliches Land sein, wo er wohnte -- nur ein wenig
sumpfig. --

Und wie weit war es noch bis dorthin?

Ih nun, nicht mehr so weit; in ganz gerader Richtung htte es kaum
vielleicht mehr als zwlf Englische Meilen sein knnen, aber es fhrte,
eines dazwischen liegenden Sumpfes wegen, kein Weg direkt dorthin, nur
die Jger kamen manchmal dahinein; es war ausgezeichneter Jagdgrund. Wer
sonst hinber wollte, mute ber _Rosemores_ Farm; von da fhrte ein
ziemlich betretener Pfad hinber nach der Richtung, wie der alte Mann,
dem das Haus hier gehrte, meinte, und er glaubte auch gehrt zu haben,
da ein Pole da drben ein _improvement_ habe.

Frulein von Seebald begriff gar nicht da Graf Olnitzki, der doch von
seiner Farm aus einen lebhaften Verkehr mit Little Rock, der Hauptstadt,
unterhalten mute, hier so wenig gekannt sei; oder gab es vielleicht
einen andern Punkt im Innern, wohin er seine Produkte absetzte?

Ih nun ja es sei mglich, lautete die Antwort, da es ihm bequemer
oder ebenso bequem nach Batesville am Whiteriver wre, wo hinauf auch
kleine Dampfer liefen.

So mute es auch sein; wahrscheinlich verkehrte er mit Batesville,
jedenfalls auch eine bedeutende Stadt, wenn sie Dampfbootverbindung
hatte. Viel Zeit zu weiteren Erkundigungen blieb ihr aber auch nicht
mehr, denn Billy Jones's Mann hatte wieder eingespannt, Rosemores
Platz noch vor Dunkelwerden zu erreichen; Frulein von Seebald erfragte
und zahlte deshalb ihre Zeche, und wenige Minuten spter rasselte der
Wagen wieder, jetzt auf etwas besserem Wege, durch den Wald weiter und
weiter nach Norden hinauf, seinem Bestimmungsorte zu.

Dort liegt _Oakland grove_! sagte der Fuhrmann da pltzlich, als sie
einen kleinen sandigen Hgel hinaufgefahren waren, und in der Ferne
durch den Wald ein paar helle Fenzen herberschimmern sahen.

Haben wir von hier noch weit bis zu der Stadt?

Stadt? -- was fr eine Stadt?

_Oakland grove._

Ist keine Stadt; unsere Farm und der Wald hier heit so.

Und wo liegt die nchste Stadt?

Das ist Batesville; aber noch ein hbsch Stckchen Weg bis man dahin
kommt.

Bald darauf erblickten sie in der Ferne, an einer langen, ziemlich
gut gehaltenen Fenz hinfahrend, zwei durch eine offene Verandah mit
einander verbundene, aus gut beschlagenen Balken errichtete Blockhtten,
deren ganzes Aussehn wie Umgebung einen gewissen Wohlstand verrieth.
Eine Menge kleiner, dicht daran errichteter Gebude dienten zu Stllen,
Maisscheuern und Futterbden, und Hhner und Gnse um das Haus herum,
wie eine Meute kleffender wohlgenhrter Hunde gaben dem Platze etwas
Lebendiges, Wohnliches, hier mitten in dem stillen Wald.

Dasselbe Behbige bot auch das Innere des Hauses, und als Frulein von
Seebald, noch in der Thr, von einer wrdigen Matrone, deren ganzes
uers schon einen unendlich wohlthtigen Eindruck auf sie machte, nach
kurzen einfhrenden Worten des Fuhrmanns, begrt wurde, und im Hause
selbst noch zwei reizende junge Mdchen fand, die zwar sehr einfach in
selbst gewebte Stoffe, aber nichts destoweniger hchst geschmackvoll
gekleidet waren, und als diese auch alles Mgliche thaten es der Fremden
bei sich recht wohnlich und bequem zu machen, fhlte sie sich zum ersten
Male wieder frei von jenem drckenden Gefhl, das ihr den ganzen
Nachmittag, sie wute sich eigentlich selber keine Rechenschaft zu geben
weshalb, auf dem Herzen gelegen. Die Huser, die sie bis jetzt hier
berall getroffen, hatten gar so rmlich und drftig ausgesehen, die
Menschen so krnklich und das Nothwendigste selbst entbehrend, was man
doch zu einem wenigstens menschlichen Leben bedurfte. Hier war das
anders, und der kleine Platz wirklich nicht allein praktisch, sondern
auch mit Geschmack angelegt, mit schattigen Bumen und Sitzen vor
der Thr, und, was sie bis jetzt noch bei allen brigen Blockhtten
schmerzlich vermit, einem kleinen Grtchen dicht daneben. Also das war
doch mglich -- die Wildni bedingte nicht ein fast Indianisches Leben,
die Leute konnten es sich, wenn sie den Trieb und die Lust dazu hatten,
wohnlich und bequem machen, und mehr noch durfte sie das jetzt bei
Olnitzkis erwarten, die sogar das Bedrfni dazu vom alten Vaterland mit
herber gebracht.

Auch das Innere des Hauses war weit verschieden von dem der letzten
Farm, wo sie Mittag gegessen. Statt der zerbrochenen Rohrsthle und
umgedrehten Fsser, die dort als Sitze dienen muten, fand sie hier
ordentliche Meublen; sogar einen Secretair und ein kleines dicht
besetztes Bcherbret. Groe reinlich berzogene und mit bunten Decken
und jetzt aufgeschlagenem Mosquitos-Netz versehene Betten fllten den
hinteren Raum aus, groe eiserne Holzsttzen mit blankgescheuerten
Messingknpfen lagen im Kamin, neben dem, ebenfalls von Messing,
Schaufel und Zange hingen; Fenster mit reinlichen Gardinen daran waren
sogar in die mchtigen Stmme, welche die Wnde bildeten, eingeschnitten,
und der bald darauf mit dem weiesten Linnen bedeckte Tisch zeigte
eine Menge von delikaten Speisen.

Der ganze Platz, mit dem freundlichen Benehmen seiner Bewohnerinnen, die
ordentlich herzlich gegen sie wurden als sie erst erfuhren _weshalb_ und
wie weit sie hierher gekommen, heimelte sie an; das war, wenn auch mit
sehr bescheidenen Ansprchen, eine Waldwohnung, wie sie sich solche frher
wohl gedacht und ausgemalt -- hier in der stillen Einsamkeit des Forst's,
unter dem leisen Rauschen der Waldwipfel, von keinen ueren Strmen
getroffen und berhrt, lebte ein einfach glckliches Volk -- glcklich
in seiner Ruhe und Freiheit, und der Traum einer solchen Existenz, von
kalten egoistischen Menschen im alten Vaterlande oft verlacht und
verspottet, war endlich Wahrheit geworden und lag in Wirklichkeit hier
um sie her. Mit dem seligen Gefhl wuchs aber auch die Sehnsucht nach
der Schwester, und sie konnte den Morgen schon kaum erwarten, der ihr
wieder auf ihren Weg leuchten sollte, in die Arme der Geliebten zu
eilen.

Auch die Entfernung war nicht mehr so gro; nur noch zehn englische
Meilen etwa von hier -- ein flchtiges Pferd htte solche Strecke in
einer Stunde durchlaufen knnen, lag Olnitzkis Farm (das Wort Plantage
hatte sie endlich fallen lassen) oder Olnitzkis _improvement_ wie es
die Leute auch hier nannten; wenn sie bei Zeiten aufbrachen, konnten sie
den Platz recht gut um Mittag erreichen und dann. -- Wie ihr das Herz
so ungeduldig -- so freudig und doch auch wieder so ngstlich pochte;
lieber Gott, zehn Jahre sind eine lange Zeit -- zehn Jahre hatte sie die
Schwester nicht gesehen, in den letzten Jahren sogar nicht einmal etwas
von ihr gehrt, wie manches Schmerzliche ihr dabei mitzutheilen aus der
Heimath, die jene, ein Kind noch fast und von dem Glck der ersten Liebe
wie berauscht, verlassen. Die Mutter war vor zwei Jahren gestorben, und
wenn auch Sidonie die Trauerbotschaft bekommen, blieb das erste Begegnen
der Geschwister nach _dem_ Verlust doch immer schmerzlich, und mute
ja die Freude des Wiedersehens trben. Aber fort mit solch traurigen
Gedanken jetzt, wo sie so viel des Freudigen auch dabei brachte -- ihr
Bruder war von seinem Hofe ehrenvoll ausgezeichnet und angestellt
worden, ihre jngste Schwester die Braut eines geliebten Mannes, ihr
Vater noch immer rstig und gesund, stand seinen Berufsgeschften wie
jemals vor, nur mit dem einen Verlangen, sein Kind, sein liebes Kind,
das er damals so ungern von sich gelassen, noch einmal wieder zu sehen.
Wie hatte er sich in jener Zeit gestrubt seine Einwilligung zu einem
Bndni zu geben, das er allein der tollen Schwrmerei des Augenblicks
zugeschrieben, und in das er nur endlich willigte, sein Kind durch eine
Weigerung nicht noch vielleicht unglcklicher zu machen, als es, wie er
frchtete, durch die Verbindung werden wrde. Jetzt lag _die_ Zeit in
weiter Ferne hinter ihnen. Sidonie war glcklich geworden, wie alle
ihre Briefe ja bezeugten, und wenn sich auch die Schwrmerei der ersten
Jugendliebe in ein ruhigeres und stilleres Gleis die Bahn geffnet, so
hatte sie doch auch mit keiner Zeile ja erwhnt, da sie sich fortsehne
aus dem neuen, selbst gewhlten Leben, da sie bereue den Schritt gethan
zu haben, der sie aus den Armen ihrer Familie, der sie aus dem
Vaterlande ri.

Viel Unglck hatte sie trotzdem gehabt -- der lteste Knabe war ihr im
vierten Jahr gestorben, und in dem _letzten_ Brief, den sie zu Haus
geschrieben -- schon zwei Jahr her, schien ihr auch das jngste Kind,
ein Mdchen, schwer erkrankt. Aber seit dem, und nach dem Tod der
Mutter, hatte kein Brief von ihr die Heimath mehr erreicht, und nur
ein einziges Mal war mndlich Nachricht von ihnen durch einen Fremden
hinbergedrungen, der den Grafen Olnitzki zufllig in Little Rock
gesprochen, und von diesem erfahren hatte, da sich die Frau vollkommen
wohl befinde und in ihrem, allerdings etwas einsamen Aufenthalt von
Herzen glcklich fhle.

Wunderbarer Weise behaupteten aber auch _Rosemores_ nicht im Stande zu
sein ihr gengende oder nhere Auskunft ber die, doch nur kurze Strecke
von ihnen entfernt wohnenden Leute zu geben. Olnitzki allerdings kam
manchmal herber zu ihnen, ja hatte sogar frher schon einige Mal in
ihrem Hause bernachtet, die Frau dagegen sich noch nie bei ihnen
blicken lassen.

Aber sie hatte doch andere Nachbarn in ihrer Nhe?

Allerdings, _Jack Owen_ wohnte kaum tausend Schritt von ihrem Hause
entfernt an der _bearlick ridge_, und _Sam Houston_, ein anderer
Farmer hatte sich, etwa eine Meile oberhalb des _postoak hollow_
niedergelassen. -- Beide waren verheirathet, und verkehrten gewi mit
einander, und besonders _Jack Owens_ junge Frau war ein liebes braves
Weibchen. Wunderbarer Weise wuten diese Nachbarn nicht einmal ob
Olnitzkis Kinder hatten, und wie viel -- ein oder zwei waren ihnen
gestorben, aber auch das nur als Gercht zu ihnen gedrungen, denn dort
hinein fhrte kein bestimmter Weg, zu ihnen heraus kamen die Leute auch
nicht, so bildete sich denn jeder seinen Wirkungskreis in der eigenen
Umgebung, den Nachbar entbehrend und sich wenig um ihn kmmernd.

Aber was bedurfte Amalie von Seebald auch jetzt noch weitlufiger
Berichte, wo sie sich ja morgen schon -- in wenigen Stunden -- selber
von Allem mit eigenen Augen berzeugen konnte. Nur wie sie hinber
kommen sollte beunruhigte sie noch; die Frauen vertrsteten sie aber auf
die Ankunft der Mnner, die jedenfalls zum Abendbrod daheim sein und
schon Mittel und Wege finden wrden sie mit ihrem Gepck hinber zu
schaffen. Lieber Gott, das sei nicht mehr als ihre Schuldigkeit, dafr
zu sorgen da eine einzelne Frau, die so vertrauungsvoll hier herber zu
ihnen gekommen war, auch nicht ohne Hlfe und Beistand gelassen wrde,
und Billy Jones, der Schwiegersohn des alten Rosemore, oder Mr. Rosemore
selber fnden da schon Rath.

Hundegebell und Pferdegestampfe kndigte die Erwarteten, die irgendwo im
Walde gewesen waren nach ein paar ausgebliebenen Khen zu sehn, auch
schon vor Dunkelwerden an, und drei Reiter hielten gleich darauf vor
Rosemores Thr, sprangen aus den Stteln, die sie mit dem Zaum den
Thieren abnahmen, ihre weitere Versorgung einem herbeispringenden
Negerknaben berlassend, und betraten bald darauf die innere Fenz, zum
Hause kommend.

Das trifft sich glcklich! rief da Sarah, Mr. Rosemores jngste
Tochter, die in die Thr getreten war den Vater zu begren, da ist Mr.
Owen von _bearlick ridge_ selber, mit Vater und Bill; der wei Rath und
geht gewi morgen frh ebenfalls nach seinem Haus zurck.

Halloh Mi Sarah, lachte der also bezeichnete _back-woodsman_, der
die Worte verstanden hatte, und mit seinem Sattel ber dem linken Arm,
seine Bchse in der Rechten, zum Hause heran kam, haben Sie mich
erwartet?

Ich nicht, Mr. Owen, lachte das junge Mdchen, aber eine fremde
_lady_, die hier im Hause sitzt, und vor Sehnsucht nach Ihnen schon fast
vergangen ist.

Alle Wetter, rief der Jger, seinen Sattel rasch unter den Zwischenbau
der beiden Huser legend und die lange Bchse daneben lehnend -- eine
fremde _lady_? das wre der Teufel.

Nun der _Teufel_ gerade nicht Mr. Owen, sagte die Matrone, mit einem
leisen Vorwurf in dem Ton, mit dem sie das Wort wiederholte.

Bitte tausend Mal um Entschuldigung Missis Rosemore, sagte der Mann,
leicht errthend, indem er ihr die Hand entgegenstreckte -- es fuhr mir
nur so heraus; Ihr wit ja schon, ich mein' es nicht so bs.

Es war eine krftige, mnnliche Gestalt, der Mann, in die gewhnliche
Tracht der Hinterwldler, in ein ledernes Jagdhemd mit eben solchen
Leggins gekleidet; an den Fen trug er Moccasins von demselben Stoff,
auf dem Kopf aber einen alten abgetragenen, arg mihandelten Filz, und
an der rechten Seite seine Kugeltasche, whrend an der Linken in dem
breiten Ledergrtel, das lange Amerikanische Bowie- oder Jagdmesser stak.
Das Haar war gelockt, sein Auge blau und der Ausdruck seines Gesichts
entschieden ehrlich und gerade aus, nur um den Mund und die selbst fein
geschnittenen Lippen lag ein etwas harter Zug, der aber ebensogut Muth
und Entschlossenheit deuten konnte, und den westlichen Amerikanern, die
im Wald erzogen und allen seinen Beschwerden und Gefahren von Kindheit
an preisgegeben sind, besonders eigen ist.

Jack Owen war mit einem Wort ein prchtiges Urbild jener krftigen,
sthlernen Menschenrace, die den westlichen Urwald der Union erst als
Jger durchziehn, und dann mit ihren keck bis weit ber die Grenzen der
Civilisation vorgeschobenen _improvements_ besiedeln, dem Indianer und
Bren ihre Heimath abtrotzen, und nur mit Bchse und Axt bewehrt, im
Schatten der dichten Wildni eine Heimath schaffen. Diese Race bildet
den bergang von der Rothhaut zum weien Mann, und wie der Wolfshund,
der halb dem Wolfgeschlecht noch angehrig ist, keinen rgeren Feind
kennt als gerade den Wolf, so hat der Pionier nichts rger auf der Welt
als den, in dessen Fustapfen er doch hier getreten, den rothen Sohn der
Wlder.

Als diese Mnner, die mit dem freien, natrlichen Leben um sich her,
auch eben solche Sitten angenommen haben, und sich, von Anderen dasselbe
verlangend und glaubend, ebenso geben wie sie sind, das Zimmer betreten
hatten, gingen sie auf die fremde Dame zu, boten ihr zum Willkommen
freundlich die Hand, und dann ihre Sitze am Feuer einnehmend, an dem sie
ihre Moccasins auszogen, und zum Trocknen aufhingen, war ihre erste
Sorge den Frauen Bericht ber die entlaufenen oder ausgebliebenen Khe,
die wie es schien wieder eingefangen waren, abzustatten. Das Gesprch
drehte sich jetzt ausschlielich um Khe, Rinder und Schweine, bis zum
Abendbrod, welches die beiden Tchter der alten Mrs. Rosemore inde
bereitet hatten, und alle Theile der _range_, oder des Weidegrundes, wo
sich noch ein oder das andere Stck verhalten, wurden durchgenommen. Die
Frauen selber interessirten sich dabei so viel dafr wie die Mnner, und
Frulein von Seebald, die dabei als stille Zuhrerin mit am Kamin sa,
war wirklich erstaunt so viel Ortskenntni bei ihnen zu finden, mit der
sie die nach Meilen entfernten Stellen im Wald bezeichneten, und ihre
Richtung dabei nicht etwa bei bestimmten Wegen, sondern nach den
Himmelsgegenden und kleineren sie durchstrmenden Wassercoursen
bezeichneten.

Mit dem Abendbrod, bei dem sich Alle um die im Zimmer zusammengerckten
Tische sammelten, nahm aber auch das Gesprch eine andere Wendung; Jack
Owen wurde der Fremden als der nchste Nachbar ihrer Schwester und jenes
Mr. Olnitzki bezeichnet, und dann selber aufgefordert einen Rath zu
geben, wie die junge Deutsche am Besten und Leichtesten mit ihrem Gepck
hinber kommen knne.

Jack Owen schien brigens die letzte Frage ganz zu berhren, denn wie
er erfuhr da die Fremde eine Schwester der Missis Olnitzki und ber
das Weltmeer nur einzig und allein herbergekommen sei sie zu besuchen,
sah er sie mit den klaren treuherzigen Augen eine ganze Weile ernst und
sinnend an, und fing dann auf einmal wieder, ohne ein Wort darauf zu
uern, von vorn an zuzulangen, als ob er bis dahin ganz vergessen habe
zu essen.

Und knnen Sie mir nicht etwas Nheres ber die Schwester sagen? bat
Amalie, ich habe schon so oft und oft gefragt, und wie verschollen
schien sie dort im Wald zu wohnen; Niemand konnte mir Rede stehn,
Niemand erinnerte sich in der That sie je gesehn zu haben.

Lieber Gott, sagte der Jger, ohne sein Essen auch nur auf einen
Augenblick zu unterbrechen, unsere Frauen kommen Alle wenig fort;
manchmal zu einer Betversammlung oder irgend einem Nachbarfest beim
Kltzerollen oder Decken-Steppen, und da die Nachbarn so dnn geset
sind bei uns, fllt selbst das nicht hufig vor.

Aber Sie kennen sie doch?

Ich? -- oh gewi -- wohne keine halbe Meile davon.

Und es geht ihr gut? -- 

Das kalte Fieber hat sie neulich einmal ein klein wenig abgeschttelt,
hatte aber nicht viel zu sagen, und ist bald vorber gegangen.

Und ihr Kind? hat sich das arme kleine Mdchen erholt?

Das Mdchen? -- wiederholte der Mann, zum ersten Mal zu ihr
aufschauend -- der Knabe, meinen Sie.

Hat Sidonie einen Knaben? rief Amalie berrascht.

Hm, meinte der Jger, sich ein neues Stck Wildpret auf den Teller
nehmend, seit wann haben Sie denn eigentlich keine Nachricht von ihr
gehabt? --

Seit ber zwei Jahren.

Lieber Gott, sagte die alte Mrs. Rosemore.

Dann freilich, brummte der Jger halb laut vor sich hin -- seit der
Zeit ist das Mdchen gestorben und vor einigen Monaten ein Knabe geboren
worden, und _das_ Kind allerdings ist jetzt schwer krank.

Das Mdchen todt -- du groer Gott -- die arme, arme Sidonie.

Das Herz wird ihr wohl zu voll und schwer gewesen sein in _der_ Zeit
Briefe zu schreiben, sagte die Matrone bedauernd, ja aus_sprechen_ und
aus_weinen_ mag man sich dann wohl gern, aber zum Schreiben zwingt man
die Hand da nicht.

Aber wie bekommt die Fremde die vielen Sachen hinber Mr. Owens? fiel
Sarah hier ein, Amalie zu zerstreuen, da sie sich nicht dem traurigen
Gedanken zu sehr hingebe -- es wird schwer sein das Alles zu Pferde zu
transportiren.

Ist's denn so viel? frug Jack Owen.

Ei die beiden Kisten hier, dann jene Koffer dort, und diese Schachteln
und Reisescke.

Hm, das allerdings -- packt sich auch verd -- ungemein schlecht auf ein
Pferd; aber das ist das wenigste -- sind es Sachen fr Mrs. Olnitzki
bestimmt?

Zum groen Theil; wie auch mein eigenes Gepck.

Sehr gut, dann schaffen wir auch Rath, sagte der Jger gutmthig --
solltet Ihr nicht mit Euerem kleinen Wagen ber die _greenbriar ridge_
hinberkommen knnen, Rosemore? nachher geht's glatt und leicht durch
den offenen Wald, dicht an der Bayo hin.

ber die _greenbriar ridge_ mit dem Wagen, Mann, sagte aber der Alte,
dabei mit dem Kopfe schttelnd, wo denkt Ihr hin; da mten wir erst
eine ordentliche Strae durch _brushy hollow_ aushauen, und blieben
nachher noch immer im Sumpf an der andern Seite stecken. Nein nicht in
acht Tagen brchten wir das fertig, aber mit den Thieren an der _overcup
flat_ hin geht es ganz gut; die Kisten und Koffer sind eben nicht
bermig schwer, und lassen sich recht gut auf einen Packsattel laden.
Freilich mu man nachher tchtig im Wald herumlaviren mit den Thieren,
freie Bahn durch die Bume durchzufinden, aber es geht doch, und ich
getraue mich sie in fnf bis sechs Stunden hinber zu fhren.

Aber Euer Falbe wird das nicht tragen wollen.

Bah, ich habe gerade Widdersons beide Maulthiere in meiner Fenz, die er
von Santa F mitgebracht hat und nach Batesville hinaufnehmen will, die
mgen ihr Futter abverdienen.

Das wre vortrefflich! rief Jack Owen, wann wird aber die Dame nach
Olnitzkis zu aufbrechen wollen?

Oh so bald nur irgend mglich -- rief Frulein von Seebald -- ich
ginge die Nacht hindurch, die Schwester nur eine Stunde frher zu sehen,
zu begren.

Das mchte uns durch _den_ Wald doch wohl schwer werden, lachte der
Jger gutmthig, aber morgen mit Tagesgrauen steh' ich zu Diensten,
und bin gern bereit Sie hinberzufhren; ich gehe doch zu Haus.

Aber nicht vor dem Frhstck, fiel ihnen hier Mrs. Rosemore in die
Rede, mit leerem Magen verlt Niemand mein Haus, wenn ich's verhindern
kann, und die Mdchen werden schon frh auf sein, da es nicht zu lange
dauert.

Amalie von Seebald fgte sich gern dem freundlichen Wunsch, noch dazu da
sie ihren Fhrer nicht auch vor dem Frhstck fortziehen mochte, und die
Mnner besahen sich jetzt das Gepck, und trafen ihre Eintheilung mit
den Packen, die auf die beiden Maulthiere vertheilt werden sollten,
wonach dann Jack Owen selber noch einmal mit seinem Pferd zurckkommen,
und den Rest nachholen wollte. Die Maulthiere sollte Bill Jones selber
mit seinem Knecht hinber bringen, Jack Owen aber wollte rascher mit der
Lady voraus nach Olnitzkis _improvement_ gehn.

Der Morgen kam, und mit klopfendem Herzen hatte Amalie ihre Vorbereitungen
zu dem Marsch getroffen, als Jack Owen, nach beendigtem Frhstck, einen
Damensattel auf sein Pferd geschnallt, vor der Thr erschien, und die
Lady einlud sein Thier zu besteigen, whrend er selber zu Fu voran
ging. Die junge Dame gestand jetzt freilich mit Errthen, da sie noch
nie auf einem Pferd gesessen, der Einwand wurde aber nicht beachtet;
Jack Owens Ponny war anerkannt das frmmste Thier in der _range_, lie
vor und neben sich schieen, wie der Reiter gerade Lust hatte, und ging
seinen festen sicheren Schritt ruhig fort, fast wie ein Maulthier. Die
Mdchen halfen ihr dabei lachend in den Sattel, ordneten ihre Kleider,
gaben ihr eine kleine Gerte in die Hand, das Thier vorwrts zu treiben,
und Jack Owen, mit der langen Bchse auf der Schulter, von fnf
mchtigen Rden umbellt, schritt ihr voran, in den dunklen Wald hinein.




Capitel 2.

Die Grfin Olnitzka.


Im Anfang hatte Amalie von Seebald genug mit ihrem Pferd und dem neuen
Sitz zu thun, auf dem sie sich noch nicht sicher fhlte, und deshalb
auch nicht wohl befinden konnte; das Ungewohnte der Bewegung dabei, und
das ftere Anstreifen an die berhngenden Bsche nahmen ihre ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch, und lieen sie sich ngstlich dabei an den
Knopf des Sattels anhalten, nicht herunterzufallen, wie sie immer noch
frchtete. Das gutmthige Thier, das Jack Owen auf seinen Jagden schon
so abgerichtet hatte ihm wie ein Hund zu folgen, ging aber einen so
ruhigen sicheren Schritt, und kmmerte sich so gar nicht um die wild
und frhlich es umbellenden Hunde, nur auf den Weg und die darber
hinliegenden Wurzeln und Stmme achtend, da sie sich bald daran
gewhnte, und nach kaum halbstndigem Ritt schon fast die bis dahin
gefhlte Angst verga.

Jack Owen ging dabei meist vor ihr, oft neben ihr her, die Bchse auf
der linken Schulter, ber deren Kolben die linke Hand herunter hing, die
Hunde hinter sich, die jetzt, im wirklichen Walde drin, keinen Lrm mehr
machen durften, etwa irgendwo stehendes Wild nicht zu verscheuchen, und
sein Blick schweifte dabei ruhig und forschend ber alle offene Stellen
die sie passirten, haftete oft auf einem, vom Herbst gefrbten Busch, ob
sich nicht doch in den gertheten Blttern die schlanke Gestalt eines
Hirsches berge, und suchte dann wieder in dem weichen Boden des Pfads
die frisch eingedrckten Fhrten des Rothwildes oder Raubzeuges, die
herber und hinber gewechselt waren.

So hatten sie schweigend einen groen Theil des Wegs zurckgelegt, und
Amalie sah schon in jedem helleren Waldesfleck der vor ihnen lag, die so
hei ersehnte Lichtung von ihres Schwagers Farm; aber ein Dickicht
wechselte nur mit dem anderen, der Weg, der bis dahin ziemlich breit in
den Wald hinein gereicht hatte, wurde zum engen, kaum mehr begangenen
Pfad, und noch immer zeigten sich nicht jene Spuren der Civilisation,
die unzertrennlich von einer greren Ansiedlung sind, und wie der dnne
Rauch ber einer Stadt, die Nhe des schaffenden Treibens thtiger
Menschen verrathen. Kein Fuhrwerk hatte diesem Boden hier je seine Rder
eingedrckt, keine Axt noch die mchtigen Stmme berhrt, und selbst die
wenigen Pferdespuren im Pfad waren von Hirsch- und Pantherfhrten fast
unkenntlich gemacht, und doch nherten sie sich mehr und mehr der Farm
des Grafen, doch konnte nur kurze Strecke Waldes mehr, sie von dort
trennen. Nur eins war da noch mglich, da sein ganzer Verkehr mit
jener nrdlich von ihm gelegenen Stadt bestand, die ihm doch wohl nher
liegen mute als Little Rock, ja vielleicht gar durch einen Strom die
Verbindung erleichterte; aber das Herz des armen Mdchens fllte
sich dennoch, so sehr sie auch dagegen ankmpfen wollte, mit einer
unbestimmten Furcht, und wenn sie der auch keinen Namen zu geben wute,
drngte es sie doch zuletzt, von ihrem wortkargen Fhrer das unheimliche
Gefhl verscheucht zu sehn.

Es ist so einsam hier und still, brach sie das Schweigen endlich, und
doch knnen wir nicht mehr so weit von jener Farm entfernt sein, der
dieser Weg zufhren soll.

In einer Stunde kann man's von hier aus, wenigstens in dieser Jahreszeit
gehn, sagte der Mann, aber im Winter ist's weiter, denn die Grben
sind dann mit Wasser gefllt, und man mu Umwege machen ihrem Schlamme
auszuweichen.

Da sich Olnitzki so tief im Walde angesiedelt hat, sagte die
Deutsche, fast mehr zu sich selbst als zu dem Fhrer redend.

Ja, s' ist etwas einsam hier, fr eine Frau wenigstens, lautete die
Antwort, aber der Mann fhlt sich desto wohler unter den Bumen, und
mir ist, wenn ich's aufrichtig gestehen soll, nichts fataler auf der
Welt, als wenn ich an eine Fenz komme -- meine eigene ausgenommen.

Wie es Sidonie nur ausgehalten hat.

Ist das der Name Euerer Schwester? frug der Jger, mit etwas leiserer
Stimme, und sein Blick glitt ber die Gestalt der Fremden flchtig aber
doch forschend hin.

Ja -- kennt Ihr ihn nicht, als nchster Nachbar? sagte Amalie rasch
und etwas bestrzt.

Es ist Sitte bei uns, die Frauen nur nach dem Namen ihres Mannes zu
nennen, erwiederte der Jger, selbst unsere eigenen; ich kann ihn aber
trotzdem doch wohl einmal gehrt haben, denn ich kam frher fter mit
Olnitzki zusammen.

Und jetzt nicht mehr? --

Oh doch ja, dann und wann wenigstens, sagte der Mann ausweichend; er
ist gerade ebenso wie wir Anderen -- eben nicht umgnglicher Natur, und
hlt seine Bchse und Hunde fr die beste Gesellschaft auf der Welt.

Aber die arme Frau -- _sie_ verkehrt doch wenigstens mit ihren
Nachbarn? frug Amalie.

Sie? -- o ja -- ja wohl -- sagte der Jger -- im letzten Winter war
sie zweimal bei uns hben, und meine Alte auch dort, und wie ihr vor
zwei Jahren das Kind krank wurde und dann starb, ist wenigstens eine
von den benachbarten Frauen fortwhrend und abwechselnd bei ihr
gewesen -- sie wurde auch damals selber krank und mute doch eine
Pflege haben.

Lieber Gott, im letzten _Winter_, seufzte Amalie still und kaum hrbar
vor sich hin, und der Wald schien ihr ordentlich unheimlich dazu zu
rauschen, in seiner den Einsamkeit. Sie frchtete auch von dem Augenblick
an wirklich eine weitere Frage zu thun, bis ihr Fhrer selber wieder das
Schweigen brach.

Ihr habt die Schwester seit langer Zeit nicht gesehn?

Seit zehn Jahren nicht.

Eine lange Zeit, und wir werden alt dabei.

Sidonie war noch so jung wie sie die Heimath verlie.

Aus glcklichen, ruhigen Verhltnissen vielleicht heraus sagte der
Jger, und sein Blick schweifte dabei wieder ber den engen
Waldeshorizont, der ihm da frei lag, nach einem Wilde auszusphn.

Aus den glcklichsten, sagte die Schwester, seufzend der Zeit
gedenkend, lieber Gott, sie hatte Alles was das Herz begehrt, begehren
kann; in berflu und Reichthum erzogen, wurde sie von den ltern auf
Hnden getragen, und die glnzenste Zukunft htte ihrer im alten
Vaterland gelacht.

Hm, sagte der Jger, seine Bchse etwas weiter zurck ber die
Schulter werfend, und den Tabackssaft seines Priemchens gegen die
nchste Eiche spritzend -- hm -- und Mr. Olnitzki hatte auch viel
Geld?

Der Graf Olnitzki? -- nein, sagte Amalie, aus Polen flchtend, wo
sein Volk besiegt und zerstreut worden, waren ihm von dem Russischen
Czaaren die Gter confiscirt, war ihm selbst die Rckkehr in sein
Vaterland abgeschnitten worden, und jenen unglcklichen Tapferen blieb
damals nichts brig, als in der neuen Welt auch eine neue Heimath zu
suchen und zu grnden.

Aber wie bekam er da so geschwind die reiche Frau? frug der praktische
Amerikaner, halb unglubig dazu den Kopf schttelnd.

Ich wei nicht ob Sie sich jener Zeit noch erinnern, sagte, tief
aufseufzend wieder Amalie, wei auch nicht ob Sie in Amerika damals
unsere Gefhle getheilt; aber in Deutschland war es fast, als ob ein
neuer lebendiger Geist ber das ganze Volk gekommen, und die trumenden
Nationen aus ihrem Schlafe aufgerttelt habe. Ein Schrei fr Polen ging
durch Deutschlands Gauen, nicht bei den Regierungen zwar, die es mit dem
Nordischen Kolo nicht verderben wollten, wohl aber bei den Vlkern.
Doch statt das Schwert aufzugreifen fr den bedrohten, geknechteten
Nachbarstaat, begngten sich die Mnner Sammlungen zu veranstalten, den
Verwundeten und Beraubten Hlfe zu bringen, die Frauen zupften Charpie
und sandten Leinwand und Bandagen in die Lazarethe, und als die letzte
Schlacht geschlagen, als die ungeheueren Russischen Heere das kleine
Reich mit ihren Massen berschwemmten, als Polen zertreten, vernichtet
unter den stampfenden Rossen seiner Feinde lag, und die Wenigen seiner
tapferen Krieger, die sich noch bis zur Grenze durchgeschlagen, fremden
Boden Hlfe suchend betreten muten, da war es Deutschland besonders,
das ihnen seine Arme ffnete, das sie in seine Familien, an seinen Heerd
nahm, die Kranken und Verwundeten pflegte und krftigte, die Armen
untersttzte, die Besiegten aufrichtete, mit Trost und Hoffnung und
eigener That. Feste, Blle und Concerte wurden gegeben, Summen zusammen
zu bekommen und den Flchtigen Reisegeld nach Amerika zu verschaffen,
und Frauen und Mdchen besonders wetteiferten darin ihre Sympathieen fr
die zertretene Nationalitt der Unglcklichen zu zeigen. Wir trugen in
den Schleifen und Zierrathen unseres Costmes nur die Polnischen Farben,
Polnische Flaggen wehten in den erleuchteten Festesrumen, und viele,
viele von uns gaben was sie an Schmuck und goldenen Zierrathen besaen
willig her, die Spende fr die tapferen Krieger zu erhhn.

Hm, hm, hm, hm, sagte der Jger, der mit dem Kopf heftig dabei
schttelnd, rascher neben dem Pferde herging.

Auch in unsere Familie, fuhr Amalie fort, hatten wir einen jungen
edlen Polen aufgenommen, der unsere Schwelle, von Fieberfrost
geschttelt, mit einer Menge ungeheilten Wunden, mit zerrissener
Uniform, dem Untergang schon nahe, betrat, und kaum ein Lager fr sich
eingerichtet bekommen, als ein hitziges Fieber sein Leben bedrohte, und
ihn fr Monate an den Rand des Grabes brachte. Sidonie und ich pflegten
ihn in der Zeit wie Schwestern; Sidonie besonders wich kaum mehr von
seinem Bett, und wir hatten die Freude den Unglcklichen nach langen
Monden dem Leben, der Gesundheit zurckgegeben zu sehn. Vollkommen
endlich wieder hergestellt, und mit Allem reichlich versehn was er zu
einer so weiten Reise brauchte, wollten meine ltern dann den Fremden
entlassen -- aber es war zu spt; Sidoniens Herz hing an dem fremdem
Mann und konnte -- wollte ihn nicht lassen. Vater und Mutter baten und
beschworen sie -- umsonst, der Pole durfte nicht lnger auf deutschem
Boden weilen, unsere deutschen Regierungen frchteten das Misvergngen
des Czaaren zu erregen, und mit der warmen Frhlingsluft die ber die
Berge zog, und unsere Strme vom Eis befreite -- mit dem ersten Schiff,
das den aufgethauten Strom befuhr -- verlie Sidonie als Olnitzkis
Gattin das vterliche Haus.

Amalie schwieg, und Jack Owen ging wieder eine ganze Zeitlang lautlos,
aber recht schwer aufathmend neben dem Pferde her -- endlich sagte er
leise:

Aber Olnitzki hatte Vermgen wie er Amerika betrat.

Mein Vater ist wohlhabend, und wollte die Tochter nicht der Ungewiheit
einer selbst zu erkmpfenden Existenz preis geben.

Jack Owen blieb stehen und sah die Fremde berrascht und ungewi
an -- er hatte augenscheinlich nicht recht verstanden was sie mit
den Worten meinte.

Olnitzki hat also sein Geld nicht mit von Polen herber gebracht?
frug er endlich.

So reich er dort gewesen sein mochte, sagte Amalie, der Krieg
verschlang Alles, und jene edlen Herzen warfen nicht allein ihr Leben,
nein Alles was sie auf Erden ihr eigen nannten in die Schaale, das
Vaterland zu retten.

Hm, hm, hm, hm, hm! sagte der Jger wieder, und schritt rascher
vorwrts, als ob er die versumten Minuten einholen msse; aber er
erwiederte nichts weiter, schien sogar jedes fernere Gesprch vermeiden
zu wollen, und beschftigte sich ausschlielich mit dem Weg, der hier
auch in der That noch eher wilder und verworrener wurde, und seine ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, der Fremden nur einiger Maen Bahn zu
brechen. Amalie aber fhlte sich beunruhigt durch das ihr auffllige
Benehmen des Fhrers, trieb ihr Pferd, jetzt schon vollkommen an den
Ritt gewhnt, und dreist gemacht durch den sanften Schritt des Thieres,
zu etwas schrferem Schritt mit der Gerte an, und sagte halb schchtern,
halb entschlossen jeder weiteren Ungewiheit ein Ende zu machen:

Wie geht es meiner Schwester -- ist sie _glcklich_, und lebt sie so
wie wir es in Deutschland erwartet haben da sie leben wrde und
sollte? --

Pst! sagte ihr Fhrer aber als einzige Antwort, und bei der rasch
doch vorsichtig abwrts gedrehten rechten Hand, blieb das gelehrige,
aufmerksame Thier wie in den Boden gewurzelt stehn, regte sich nicht mit
dem Kopf, und schttelte weder Schweif noch Mhne. Der Jger aber, mit
der Hand langsam, keine rasche auffllige Bewegung zu machen, nach vorne
deutend, zeigte der Fremden, die dem ausgestreckten Finger mit den Augen
folgte, die schlanke prchtige Gestalt eines stattlichen Hirsches, der
aus einem dichten Gebsch herausgetreten war und sich, keine Gefahr
ahnend, ber eine kleine Waldble langsam hinber te.

Vorsichtig nahm der Jger die Mtze vom Kopf, lie sie geruschlos auf
den Boden gleiten, und eine Bewegung seiner Hand, mit einem Blick den
die klugen Thiere wohl verstanden, gebot den Hunden den Platz zu wahren
bis er wiederkehre. Nur Einer von ihnen, Deik, ein alter, von Narben
zerrissener Bursche mit ganz kurz abgeschlagenem Schwanz und eben
solchen Ohren, zugestutzt, als ob sein Herr eben nicht mehr von ihm
htte haben wollen als unumgnglich nthig war, wute sich von dem
Befehl ausgenommen, und als der Jger jetzt, sich nieder duckend und den
Schutz eines kleinen Busches bentzend, rasch aber lautlos durch das
feuchte gelbe, den Boden bedeckende Laub hinglitt, folgte er ihm dicht
auf den Fersen, haltend, wenn jener stehen blieb, und vorsichtig
ausschreitend wenn es der Jger fr rechtzeitig hielt weiter
vorzuschleichen.

Amalie selbst verga aber in dem neuen Eindruck der Jagd, der jetzt den
Wald mit einem eigenen, kaum geahnten Zauber fllte fr den Moment
wenigstens, alles Andere. Das edle, sich so sicher fhlende Wild; die in
das Gras gedrckten klugen Hunde; die lebendige ausdrucksvolle Gestalt
des Jgers mit dem schleichenden Thier an seinen Fersen; das Pferd
selbst auf dem sie sa, das wie ngstlich den klugen Kopf nach dem
leisen Rascheln ihres Kleides wandte; das Rauschen der mchtigen Wipfel
dazu, durch das weit, weit herber, der gellende Schrei eines Falken
tnte -- sie prete fast unwillkrlich ihre rechte Hand auf's Herz, so
laut kam ihr jetzt dessen Klopfen vor, und whrend sie in ngstlicher
Sorge um das Leben des wunderschnen Thieres bangte, das so frei und
glcklich dort durch den Wald schritt, mochte sie selbst kaum athmen,
dem Bedrohten nicht die Nhe des Feindes zu verrathen.

Jack Owen aber war in diesem Augenblick nur noch einzig und allein
Jger; an seine Schutzbefohlene kaum denkend die er jedoch auch sicher
auf dem Thiere wute, glitt er, jetzt den Stamm einer Eiche oder eines
Sassafrasbaumes bentzend, jetzt einen Busch oder umgestrzten Baumstamm
als Schutz gebrauchend, zugleich aber auch nicht ganz direkt auf das
Wild zu, sondern etwas seitab schleichend, damit durch irgend ein
vielleicht unvorsichtig gemachtes Gerusch die Aufmerksamkeit des
scheuen Wildes nicht etwa auf das im Wege haltende Pferd gelenkt wrde,
rasch und geruschlos ber den Boden hin, bis in vielleicht noch hundert
Schritt von seiner Beute. Da knickte ein trockner unter dem Laub versteckt
gelegener Zweig, und ob sich der Moccasin ber ihm zusammenzog, und
Jger wie Hund instinktartig zusammensanken wo sie standen, war der
schwache Laut doch hinbergedrungen zu dem Hirsch, der gerade selber mit
sen aufgehrt hatte, und hinberhorchte nach dem Schrei des Falken. Die
Thiere der Wildni haben eine Sprache untereinander, die der Mensch
nicht versteht -- eine Stimme zu warnen und zu rufen, zu locken und zu
verscheuchen, und sie achten darauf, wenn selbst ein feindliches
Geschlecht die Warnung gbe.

Einmal aufmerksam geworden, wute Jack Owen aber auch recht gut, da
sich das scheue Thier nicht wieder beruhigen wrde, weitere Annherung
zu gestatten, so also rasch die Bchse hebend, die er in der Bewegung
spannte, suchte das Auge den tdtlichen Fleck, der Finger zuckte, scharf
schmetterte der Schlag durch den Wald, und wie sich der Hirsch hob und
zusammenbrach, und wieder empor und mit wilden Stzen in das Dickicht
hineinschnellte, fuhren die Rden, die sich nicht lnger halten lieen,
von dem Platze auf, an dem sie gekauert, und folgten heulend und
kleffend der flchtigen Beute. Jack Owen aber wischte indessen
vollkommen ruhig seine Bchse mit dem, an den Ladestock geschraubten
Krtzer aus, lud sie wieder, und sie dann auf die Schulter werfend,
kehrte er zu seinem geduldig haltenden Pferd zurck, seine Mtze
aufzuheben, und das Thier mit sich zu der Stelle zu fhren wo sie das
Wild verendet finden sollten.

Er ist davongelaufen sagte Amalie von Seebald, als der Schtze
herankam, und sein Pferd ihm -- ohne jedoch seine Stelle zu verlassen,
freudig entgegenwieherte -- halb zufrieden damit, halb in getuschter
Erwartung.

Ja Mi߫ lachte der Jger, aber nicht weit; ich bin gut abgekommen und
die Kugel sitzt, vielleicht nur ein wenig tief, auf dem rechten Fleck;
die Hunde haben ihn schon.

Die Hunde? wo? -- sie bellen ja noch.

Ja, lachte der Hinterwldler, aber nicht mehr gegen den Hirsch,
sondern gegen Deik an, der Besitz von ihm genommen, und keinen
der anderen mehr hinanlt; der alte Bursche wei schon was sich
schickt, kommen Sie jetzt mit mir, wir gehen sogar nicht einmal um,
sondern schneiden dort hinber durch die jetzt vollkommen trockene
Grndorn-Ebene eher noch ein paar hundert Schritte ab bis zu Olnitzkis
Fenz, die auf der anderen Seite daranstt; ich will nur den Hirsch
aufbrechen und in die Slew hngen, damit ihn die Schmeifliegen nicht
gleich bedecken; nachher hol ich ihn ab.

Einen leisen Pfiff dabei ausstoend, den das Poney gut genug verstand,
drehte er sich, von diesem jetzt dicht gefolgt, wieder auf dem Absatz
herum, und die dichtesten Pltze vermeidend, fhrte er die Fremde ganz
unbekmmert mitten in das Herz der Waldung hinein. Nher und nher aber
kam dabei das Bellen der Hunde und als sie diese endlich erreichten, war
es wie Jack Owen vorher gesagt. Deik hatte seinen Platz dicht neben dem
schon verendeten Hirsch genommen und sich, seiner Autoritt bewut,
ruhig dabei zusammengekauert, die Ankunft seines Herrn zu erwarten,
whrend die anderen Rden ihn kleffend und knurrend, immer aber in
achtungsvoller Ferne, umsprangen, und die Zeit nicht schienen erwarten
zu knnen, wo ihnen ein Theil des Wildprets preis gegeben wurde. Das
geschah bald; Jack hatte im Nu den Hirsch herumgeworfen, aufgebrochen
und zerwirkt, und dann den vorderen Theil, die beiden Bltter mit Hals
und Kopf an dem das Geweih noch sa, vom brigen Krper trennend und in
einzelnen mchtigen Stcken den verschiedenen Rden zuwerfend, zog er
ein Stck Bast von einem dicht dabeistehenden Papaobaum ab, und durch
die Hessen der Hinterlufe des Erlegten, schleifte das Wildpret dann zum
kaum zehn Schritt davon entfernten Wasser, dem das tdtlich getroffene
Thier noch zugeeilt war, und hing es hinein, wusch sich dann selbst
die Hnde in der Fluth, warf die Bchse wieder ber die Schulter und
schritt, dem Poney ein neues Zeichen gebend, rasch mitten durch den Wald
hin, einer bestimmten Richtung zu.

Diese brachte die Wanderer aber nach kaum viertelstndigem rstigen
Marsch an die Ecke eines eingefenzten, mit Mais bepflanzten, aber sonst
noch ziemlich wild aussehenden Feldes, in dem die meisten Bume nur
geringelt und abgestorben oder mitten hinein in das Feld gebrochen,
standen und lagen, und um das hin ein schmaler Feldweg fhrte.

Da sind wir am Ziel sagte der Jger, als er den Arm gegen das Maisfeld
ausstreckte und zugleich um die Ecke desselben bog, von der aus sie
einen freieren Blick auf die kleine Ansiedlung selber erlangen konnten,
das hier ist Olnitzkis Feld, und er hat drben auf der anderen Seite im
letzten Jahr noch drei andere Acker Land urbar gemacht.

Und wie weit haben wir noch bis zum Haus? frug Amalie der das Herz
anfing in fast fieberhafter Aufregung zu klopfen, indem sie fast
unwillkrlich den Zgel des Poneys anhielt, sich erst zu sammeln.

Zum Haus? -- dort liegt es sagte der Jger, und sein Blick haftete
wie in Mitleid auf der bleichen, zitternden Gestalt, die in Angst und
Schreck die Hnde faltete, als das suchende Auge nur eine kleine niedere
Htte traf, aus der dnner Rauch in die blaue Morgenluft emporkruselte.

Das? hauchte sie mit kaum hrbarer, trostloser Stimme -- _das_
Olnitzkis Haus? -- das der Aufenthalt meiner armen Schwester? -- 

S'ist eben nur eine Waldwohnung sagte der Jger verlegen lchelnd --
mein eigen Haus ist eben nicht viel besser, und Olnitzki will, glaub'
ich, auch ein anderes bauen; unser Klima hier verlangt es aber kaum
anders, und zum bloen Staat wre die Mhe hier ebenfalls weggeworfen.
Doch wollen wir nicht hinangehen?

Nein -- bitte, lassen Sie mich vom Pferd bat Amalie -- es ist nur
eine kleine Strecke -- ich will von hier zu Fu gehn -- ich -- ich
mchte gern -- 

Ich kann mir denken da Sie die Schwester nach so langer Abwesenheit
allein zu begren wnschen sagte der Jger freundlich, indem er dabei
seine Bchse an die Fenz lehnte, und sie mit starkem Griff aus dem
Sattel hob; ist's Ihnen recht, so gehe ich inde zurck und hole
mein Wildpret. Ich wei nicht ob Olnitzki gerade frisches Fleisch im
Hause hat, und da er jetzt Besuch bekommen, wird ihm ein Theil davon
vielleicht willkommen sein. Wild giebt's hier noch genug im Wald, aber
es trifft sich nicht immer da man gerade zum Schu kommt wenn man etwas
nothwendig braucht, und besser ist besser. Sie knnen brigens nicht
mehr fehlen; der Pfad hier fhrt Sie, an der Fenz entlang, bis vor die
Thr; das Meiste Ihrer Sachen wird auch bald eintreffen, und das brige
bringe ich Ihnen morgen frh.

Er war bei den letzten Worten in den Damensattel gesprungen, und ohne
einen Dank der Fremden abzuwarten, drckte er dem Thier die Hacken in
die Seite und sprengte, von den Rden gefolgt, rasch zurck in den Wald,
der sich im nchsten Augenblick schon wieder hinter ihm schlo.

Frulein von Seebald blieb allein zurck, und brauchte noch Minuten, ehe
sie sich soweit sammeln konnte, der Schwester gefat entgegenzutreten.
Aber was zgerte sie auch hier, was frchtete sie? -- hatte denn der
Jger nicht vollkommen recht, und durfte sie mitten im Wald etwas anders
erwarten als die Wohnung eines Jgers? Auch Rosemores wohnten in einem
eben so unscheinbaren, vielleicht etwas hheren Blockhaus, und wie
freundlich, wie wohnlich sah es bei denen aus. Es war unrecht von ihr,
sich solch kindischem Kleinmuth in einem Augenblick hinzugeben, wo sie
ihr weitgestecktes Ziel endlich erreicht, und in den Armen der Schwester
wollte und mute sie ja bald jede solch thrichte Furcht verscheucht,
vernichtet sehn.

Dort lag die Wohnung, und dorthin trug sie jetzt, in Freude und Sehnsucht
zitternd, der Fu; an der Fenz hin, manchmal noch durch niederes Gestrpp
und Unkraut das den Boden dicht bedeckte, oder auch ber niedergebrochene
Stmme und ste hin, lief und kletterte sie, von den weiten Kleidern
oft gehalten, in immer wachsender Ungeduld, und erreichte endlich den
kleinen freien, von zahmem Vieh zertretenen und etwas schmutzigen Platz
unmittelbar vor der Htte, die in die Fenz hineingebaut lag. Hier sah
sie auch das erste lebende Wesen, denn bis jetzt hatte ihr nur der blaue
Rauch die Nhe von Menschen verrathen --eine Frau, in einem ordinairen
wei-baumwollenen Rock -- der selbstgewebte Stoff der Backwoodsfrauen --
die vor der Thr der Htte stand und das zu Mittag wahrscheinlich
gebrauchte Geschirr in einem hlzernen Troge reinigte. Gott sei Dank, da
war Jemand den sie erst fragen konnte ehe sie das Haus betrat, und mit
auf dem weichen Boden geruschlosen Schritten zu ihr hinangehend sagte
sie, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehn, mit lauter Stimme, aber in
Englischer Sprache:

Guten Tag _madame_[9], knnt Ihr mir sagen ob die Grfin -- ob Mrs.
Olnitzka zu Hause ist?

Die Frau drehte sich nach ihr um und sah ihr starr und regungslos in die
Augen, erwiederte aber kein Wort -- sie mute die Anrede nicht
verstanden haben.

Entschuldigt mich liebe Frau sagte die Fremde, den Blick dabei unruhig
nach der Thr der Htte werfend, als ob sie von dort in jeder Secunde
die Gestalt der Schwester zu sehn erwarte -- ich bin fremd hier -- eben
erst angekommen und suche die Dame der die Haus gehrt.

Die Frau hob langsam die Hnde auf -- ihr Blick erst erstaunt und
erschreckt, wurde immer stierer und wilder, und whrend das Geschirr das
sie darin gehalten ihren Fingern entfiel, streckte sie pltzlich wie
abwehrend die Arme von sich, und den bleichen Lippen entrang sich das
Wort Amalie!

Heiliger -- allmchtiger Gott! schrie Amalie, in diesem Augenblick von
jhem Schreck getroffen, whrend sie ihre Stirn mit beiden Hnden hielt
und die vor ihr stehende Frau anstarrte, als ob ein Geist vor ihr dem
Boden entstiegen wre -- Sidonie! und die Arme nach ihr ausstreckend
umfing sie wie krampfhaft die bleiche, zitternde schmchtige Gestalt. --

Meine Sidonie -- mein liebes liebes Herz flsterte sie dabei in
ngstlich liebkosender Hast, ihr die blassen eingefallenen Wangen
streichelnd und in vergehendem Schmerze fast, die abgehrmten an sie
geschmiegten Glieder fhlend, mein armes verlassenes Kind -- aber sie
vermochte nicht mehr zu sagen, und auch die Schwester hing lautlos --
schluchzend in ihren Armen.

Aber Sidonie fate sich zuerst wieder, und gewaltsam die Bewegung
zwingend der sie sich im ersten Augenblick wohl unwillkrlich, unbewut
selbst, hingegeben, strich sie die Haare aus der marmorweien und fast
eben so kalten Stirn, und die Schwester leise auf Armeslnge von sich
pressend, schaute sie ihr voll und zrtlich in die thrnengefllten
Augen, und sagte mit leiser und so unendlich weicher Stimme:

Amalie -- oh wie Dein lieber Anblick meinen Augen so wohl thut -- aber
wo kommst Du her -- Mdchen, um Gottes Willen, was hat Dich aus
Deutschland herber in den Wald gebracht -- Du -- Du bist doch nicht -- 

Herbergekommen Dich zu sehen und zu kssen rief aber die Schwester,
sie von Neuem an sich ziehend -- Du bse bse Frau schreibst ja doch
nicht mehr, und da wir nicht lnger ohne Nachricht von Dir leben konnten,
gab der Vater endlich meinen dringenden Bitten nach und lie mich
ziehen, Dich selber aufzusuchen. -- Aber Sidonie -- um Gottes Willen, Du
bist krank -- Du siehst bleich und elend aus, und strengst Dich dann
dabei noch bermig an mit unntzer Arbeit -- was lssest Du die Magd
das nicht besorgen?

Die Magd? sagte die Frau verlegen wehmthig lchelnd.

Nun ja, Herz, oder Einen Deiner Leute -- lieber Himmel ich habe Dich ja
gar nicht wieder erkannt, als ich Dich traf, so bla, so abgemagert
siehst Du aus -- da wir Dich doch nie fort von uns gelassen htten.
Aber wo ist Dein Mann? -- wo Dein Kind? und hier -- hier drinnen in dem
kleinen Huschen wohnst Du wirklich Sommer und Winter?

Olnitzki ist hinaus auf die Jagd gegangen, aber ich erwarte ihn heute
zurck, und mein armer kleiner Oscar schlft -- es war recht schwer,
recht schwer krank, das Kind. -- 

Ich hrte es schon am Weg sagte Amalie -- aber Du erwartest Deinen
Mann _heute_ von der Jagd zurck? -- bleibt er denn da ber Nacht auch
aus?

Selten, aber doch wohl manches Mal.

Und lt Dich mit den Leuten hier ganz allein?

Mit den Leuten, Amalie? sagte die Schwester leise und mit einem halb
verlegenen halb schmerzlichen Lcheln zu ihr aufschauend -- wir leben
hier einfacher als Ihr daheim zu glauben scheint. Der Wald erzeugt wenig
Bedrfnisse, und den wenigen zu begegnen sind wir selbst genug -- wir
halten keine Leute.

Keine Leute fr das Feld? rief Amalie erstaunt -- und Dein Mann
bestellt das Alles allein?

In der Arbeitszeit nimmt er sich manchmal einen Mann herber ihm zu
helfen sagte die Frau -- aber komm Amalie, komm in das Haus; die
Herbstsonne sengt Dir noch die Haut, und Du wirst mde von der Reise
sein; auch mut Du mir erzhlen wie und mit wem Du hierher gekommen,
mitten auf _oakland grove_ allein und ordentlich aus dem Boden
herausgewachsen. Wie ich Dich so da vor mir stehen sah, glaubt ich
wahrhaftig erst, ich she Deinen Geist -- aber Du wirst Dir Dein Kleid
verderben, hier bei uns.

Warum verderben? lachte Amalie unter zurckgehaltenen Thrnen vor,
als sie die dnne, fast durchsichtige Hand der Schwester fate und ihren
Arm um ihre Schulter legte, sie zum Haus zu fhren, und wenn es wre,
ist es ja doch fr die Reise bestimmt.

Sie hatten sich inde der Thr genhert, und Sidonie streckte den Arm
aus sie zu ffnen -- aber der Arm zitterte, zgerte, und der Schwester
Hand ergreifend und sie pltzlich fest, fast krampfhaft in die ihre
pressend, sagte sie mit wie von innerer Bewegung erstickter hastiger
Stimme:

Amalie -- meine Heimath ist nicht das was Du, trotz des rmlichen
Aussehns zu erwarten scheinst -- wir leben einfach -- fast rmlich, wie
der geringste Waldbewohner im weiten Reich -- Du wirst -- Du wirst Dich
nicht wohl hier bei uns fhlen -- _kannst_ es nicht, denn der Abstand
aus dem Leben das Du gerade frisch verlassen ist zu gro -- zu
-- furchtbar -- fr Dich heit das nur -- fr den nicht daran Gewhnten,
whrend wir es nicht besser wissen nicht besser -- verlangen.

Sidonie, um des Heilands Willen, was ist hier vorgegangen? rief Amalie
in Todesangst, was verheimlichst Du mir? was soll die Vorbereitung
jetzt bedeuten?

Nichts, Amalie sagte die Frau jetzt schon gefater, als Dich eben,
wie Du es nennst, vorbereiten, auf ein wildes, ungewohntes, und wie Du
es ja in Deinen Briefen mir so oft beneidet, ein -- romantisches Leben.
Schrick aber nicht davor zurck -- unter der rauhen Auenschaale birgt
es doch noch oft den sen Kern, und hunderte von Familien leben hier im
Wald gerad' wie wir, und glcklich -- und zufrieden.

Aber Du?

Ich gehre zu ihnen sagte die Frau leise -- bin eine von den ihren
und -- wenn mir mein Kind erhalten wird -- verlange ich nicht mehr.

Ihre Sprache war dabei fast zu einem Flstern herabgesunken, aber ein
schwacher Schrei im Inneren machte ihrem Zgern rasch ein Ende. Das
kranke Kind war erwacht und die Mutter, der Schwester kaum noch
gedenkend, stie hastig die aus gespaltenen Bretern roh zusammengesetzte
Thr auf, zu dem Liebling zu eilen. ber dessen Lager gebeugt, und
welch rmliches Bettchen war es fr den Grafensohn, lie sie die
Schwester auf der Schwelle stehn, und Amaliens Blick berflog schaudernd
das Innere der rmlichen Htte, die ihr, sie mochte sich dagegen stemmen
wie sie wollte, gerade mit den Resten mancher berbleibsel aus
frherer, besserer Zeit, nur noch trostloser, leerer, verlassener
vorkam, als das rmlichste Blockhaus, das sie bis jetzt im Wald gesehn.

Die Wnde waren kahl und berall von den unverstopften Spalten der
bereinander gelegten und nur oberflchlich zusammengefgten Stmme
durchbrochen; nur wo die beiden schmalen, kaum mit dem nothdrftigsten
Bettzeug belegten Betten standen hatte, vielleicht die Hand der
Frau, Maisstcke und berreste von Kleidungsstcken hineingestopft,
unmittelbaren Zug wenigstens von dort her abzuhalten. An der einen Wand
hing ein zerbrochener Spiegel von starkem herrlichen Glas, dessen
verwitterter, einst reich vergoldet gewesener goldener Rahm durch
Streifen Hickorybast zusammengehalten wurde. Dicht daneben war ein roh
gespaltenes Bret durch hlzerne Pflcke in den dicken Eichenstamm
befestigt, und neben einem alten Pulverhorn und ein paar nachlssig
dahinaufgeworfenen Sporen, neben Blechbechern und alten Kannen und
blechernen Tellern, standen einzelne Obertassen mit abgebrochenen
Henkeln und ausgebrochenen Stcken, aber vom feinsten vergoldeten und
gemalten Severs-Porcellan. Nur ber dem Bett der Frau hingen noch zwei
Bilder aus der frheren Zeit -- die ihrer Eltern -- mit unzerbrochenen
Glsern; aber die Feuchtigkeit des Hauses hatte das Papier vergilbt und
gefleckt, da sich kaum noch eine hnlichkeit erkennen lie.

Amalie sah nicht mehr -- heiaufquellende Thrnen fllten ihr den Blick,
und als sich Sidonie von dem Krankenbett des Kindes aufrichtete, die
Hand nach ihr ausstreckte und sie zu dem Lager des armen Kleinen zog,
der in einem, aus rohen Bretern zusammengenagelten Gestell, aber auf
weichem, wohl der Mutter entzogenen Kissen sein Bettchen hatte, da brach
die Kraft die sie sich zugetraut in einem wilden Thrnenstrom sich Bahn,
und neben dem Kinde niedersinkend barg sie ihr Haupt an dem Bett und
schluchzte laut.

Sidonie wollte sie aufrichten -- wollte sich und den Gatten
entschuldigen -- wollte _lgen_ da sie sich glcklich und zufrieden
fhle hier in der freilich einsamen, ungewohnten Welt, aber -- sie
vermochte es nicht mehr. Das Jahrelang ertragene, bestandene Weh, hielt
jeden Ton, jedes Wort zurck, und bleich, zitternd, mit thrnenlosem
stieren Blick stand sie neben der Knieenden und schaute still und
regungslos zu Boden.

Hundegebell vor dem Haus und Pferdegestampfe unterbrach die peinlich
werdende Stille. Amalie richtete sich rasch und wie erschreckt empor,
und auch Sidonie trat zur Thr und ffnete diese, den rckkehrenden
Gatten zu begren.

Hallo _the house_! rief dieser schon von weitem die eigene Wohnung an
-- heda Dony _hupih_! komm heraus Schatz und sieh was ich Dir
mitgebracht!

Bis dicht vor die Thr sprengte dabei, von der Hand des Reiters gelenkt,
das Thier, bis es mit den Hufen die Schwelle betrat, und mit dem klugen
Kopf die Thr zu ffnen suchte, in der jetzt Sidonie erschien, und vor
der Nhe des Pferdes erschreckend, angstvoll den Vater bat des eignen
Kindes mit dem Lrm zu schonen.

Ah paperlapapp lachte aber der Mann, wird ihm nicht gleich 'was
schaden -- sieh hier was ich Dir mitgebracht, und in seinen Armen wand
sich, mit den gebundenen Pranten vergebens arbeitend, von den Banden die
ihn zusammenschnrten loszukommen, ein junger Br, und die Hunde heulten
und klefften und schnappten am Pferd hinauf, die ihnen vorenthaltene
Beute zu ergreifen und zu zerreien.

Ruhe Ihr Bestien! lachte dabei der Jger vom Pferd herunter, Ruhe und
nieder mit Euch Canaillen -- Dony, nimm einmal ein paar Brnde heraus
und wirf sie zwischen die Satansthiere, sie ziehen mich sonst wahrhaftig
noch vom Pferd hinunter. -- Zurck mit Euch Watch und Bull -- warte
Bestie, wenn ich hinunter komme dreh ich Dir den Hals um fr den Bi.

Das Kind ist krnker geworden als es war, Olnitzki, bat die Frau -- geh
nur wenigstens mit dem furchtbaren Lrm hier von der Thre weg; es stirbt
mir ja vor Angst und Schreck.

Ah bah -- das ist zh und stirbt nicht, sagte der Mann finster, sonst
wren wir den Jammer lange los, und hinunter springend vom Pferd, das
er sich selber berlie, whrend er den jungen Br mit riesiger Kraft in
den linken Arm gepret hielt, fhrte er mit dem scharfen Bchsenkolben
wohlgezielte Ste gegen die heranpressenden Hunde, die sie heulend
zurcktrieben in sichere Entfernung. Den Gefangenen dann zu Boden
werfend, nahm er eine Kette herunter, die an einem der ueren Balken
des Hauses hing, befestigte sie mit einem starken Ledergurt um den Hals
des Thieres, das er zu einem der nchsten Bume trug, schlug das andere
Ende der Kette um einen der unteren ste, und die Banden dann rasch mit
dem Messer lsend sprang er zurck und rief lachend.

So mein Bursche, nun wehre Dich selber Deiner Haut! hupih! Ihr Rden --
hupih -- jetzt thut was Ihr knnt.

Und mit dem Jagdruf warf sich die Meute in toller Wuth gegen den kaum
entfesselten jungen Br, und htte ihn zerrissen, wre dieser nicht
rasch und gewandt, seine theilweise Freiheit benutzend, an dem Stamm, an
den ihn die Kette gefesselt hielt, emporgeklettert, wo er sich dann auf
dem untersten Aste festsetzte, und mit zurckgelegten Ohren und
fletschenden Zhnen nach den gierig und wild gegen ihn aufspringenden
Hunden hinunter hieb.

Hahahaha, das ist gttlich, das ist kostbar! schrie und jubelte dabei
der Pole, hupih meine Burschen, hupih! brav Watch, beinah hoch genug,
aber der schwarze Bursche theilt auch dafr bse Ohrfeigen aus -- hupih
-- hahahahaha! Aber Wetter noch einmal, unterbrach er sich dabei, wie
er mich selber da zugerichtet hat -- Dony, Dony, da wirst Du tchtig mit
Nadel und Zwirn und Heftpflaster nachhelfen mssen, alle die verschiedenen
Risse an Leib und Jacke wieder in Ordnung zu bringen -- hallo -- wen
haben wir hier?

Der berraschte Ausruf galt der Fremden, die er nicht wieder erkannte,
und in seiner Htte fand als er die Schwelle betrat. Wie gehts, Madame?
weshalb setzen Sie sich nicht? hier ist ja noch ein Stuhl -- wohl eine
neue Nachbarin von uns?

Sie kennen mich nicht mehr, Graf Olnitzki? sagte Amalie aber auf die
englische Anrede in deutscher Sprache -- ist mein Gesicht Ihnen in den
zehn Jahren so gnzlich fremd geworden?

Alle Wetter! rief der Pole, berrascht einen Schritt zurcktretend und
die Thr hinter sich aufstoend, mehr Licht in den inneren fensterlosen
Raum zu bekommen -- ist das nicht -- ist das nicht Frulein Amalie,
meine sehr verehrte Schwgerin? aber zum Teufel, Schwgerin, wo kommen
_Sie_ auf einmal her, hier mitten in den Wald hinein? -- Nun einerlei,
das erzhlen Sie mir nachher; jetzt sein Sie uns herzlich willkommen,
und machen Sie es sich so bequem wie -- nun wie es die Umstnde gerade
erlauben. Es ist gerade nicht _verdammt_ bequem bei uns, lt sich aber
doch aushalten und gengt fr den Wald. Gegen die Indianer leben wir
noch immer wie die Frsten.

Er hatte ihr dabei die rechte Hand entgegengestreckt, zog sie aber
lachend zurck, denn sie war mit Blut bedeckt.

Um Gottes Willen wie siehst Du aus Olnitzki? rief aber auch in
demselben Augenblick die Frau -- zerrissen und blutig am ganzen Krper;
was hast Du gemacht?

Du httest dabei sein sollen Dony, lachte der Pole, seine Mtze in die
Ecke werfend und die ausgestreckten Arme, die Zeugni des bestandenen
Kampfes gaben, von sich haltend. Wie ich schon auf dem Heimweg, mein
altes Jagdunglck verwnschend, bin, und drben an der _brushy slew_
vorber halte, sehe ich pltzlich eine alte Brin mit einem Jungen bei
sich, die mir die Hunde vorher auch nicht im mindesten gesprt oder
bezeichnet hatten, aus einem kleinen Schilfbruch aufstehn und das Weite
suchen. Ja wohl Weite; wir mit einem Hupih und Hurrah hinterher wie die
wilde Jagd, und wenn es die Alte auch noch eine Weile ausgehalten htte,
konnte das Junge doch bald nicht mehr fort, und bumte auf. Htt' ich
schon 'was geschossen gehabt die Zeit, wr's mir nicht eingefallen mit
dem Kalbfleisch vorlieb zu nehmen, so aber dacht ich, das Ding auf dem
Baum wr' sicherer wie die magere Alte im Busch drin, warf mein Pferd
herum, sprang herunter und htt' es nun bequem niederschieen knnen,
aber so leichte Jagd wr ein Schimpf gewesen, und die Bchse deshalb
unter den Baum legend, mit meinem Sattelseil umgehangen, klett're
ich hinauf zu dem kratzenden schlagenden Ding, pack' es bei einer
Hinterprante und will es eben, whrend es ein mrderisches Geschrei
ausstt, mit mir hinunterziehn auf ebenen Boden, als ich die Bsche
wieder brechen und krachen hre, und straf mich Gott, wie ich mich
umsehe kommt die Alte mit zurckgelegten Ohren und weit offenem
rothglhenden Rachen -- aber zum Donnerwetter Ruhe da Ihr Bestien, man
kann ja sein eigen Wort nicht verstehn vor der Teufelsbrut -- kommt die
Alte wie ein losgelassener Satan wieder durch den Wald gesaust, und auf
mich zu. Das Junge loslassen und am Stamm herunter nach meiner Bchse
fahren war im Nu geschehn; aber kaum hatte ich Zeit den Hahn zu spannen
und zu zielen, als die schnaubende Bestie heran kam wie zehntausend
Teufel. Meine Kugel traf sie mitten durchs Herz und die Bchse
fortwerfend behielt ich gerade noch Zeit mein Messer aus der Scheide zu
reien als sich die Wthende, wie unverwundet, auf mich warf, und ich
fhlte wie mir Kleider und Haut in Fetzen vom Leibe flogen. Glcklicher
Weise dauerte die Geschichte nicht lange; die Kugel wirkte, und die Alte
brach todt ber mir zusammen; aber nun ging der Spa mit dem Jungen von
vorne los, und ich glaube bei Gott es ist kein handgroer Platz an
meinem ganzen Leib, wo ich nicht einen Ri oder Bi habe, von den
Satansthieren. Du wirst mich tchtig ausflicken mssen Dony.

Das Kind fing wieder an zu schreien; der Lrm der Hunde drauen lie es
nicht ruhen, und der Mann warf sich indessen, whrend die Frau nach dem
Kleinen sah, erschpft und blutig wie er war, auf das Bett.

Nun Frulein Schwgerin, oder _Frau_ Schwgerin, ich wei nicht einmal
wie man jetzt sagen mu so lange haben wir Nichts von einander gehrt,
welchem glcklichen Ungefhr verdanken wir diesen Besuch, oder -- er
fuhr bei einem ihn pltzlich durchzuckenden Gedanken rasch von dem Lager
auf und blickte scharf nach der Frau hinber -- hat mich Sidonie damit
freundlich _berraschen_ wollen?

Sidonie wute so wenig von meiner Ankunft wie Sie, lieber Graf, sagte
Amalie, die mit Entsetzen den versteckten Verdacht in den Worten fhlte,
und deren Blicken sich ein Abgrund ffnete.

Graf? lachte der Pole aber spttisch auf -- den Grafen mssen Sie
hier weglassen, Frulein von Seebald; sieht das hier aus wie in einer
grflichen Wohnung? -- da, das ist der Rest meiner Vergangenheit, rief
er, whrend er dort an der Wand hngende baumwollene Frauenkleider
zurckschob, und einen alten mit Rost berlaufenen Cavalleriesbel an
Tageslicht brachte -- auch ein prchtiges Symbol, setzte er mit
hhnischer Bitterkeit hinzu, denn die Lumpen hngen darber hin, und
_verstecken_ die letzten berbleibsel des _Grafen_. Wie gefllt es
Ihnen bei uns, heh? -- hbsch nicht wahr? -- romantisch genug, nur ein
Bischen zu viel davon. Ja, setzte er dumpf brtend dazu, whrend er auf
das Bett zurcksank und den Kopf in die Hand sttzte, frher war's
Anders -- besser vielleicht -- vielleicht auch nicht, und ein freies,
frhliches Leben fhren wir doch. Aber komm, komm Dony, sieh nur nach
dem Leib, der verdammte Br hat mir doch weh gethan, und ich glaube, ich
habe viel Blut verloren, es wird mir so schwach und schwindlich auf
einmal.

Sidonie trat zu dem Bett des Gatten, mit zitternder Hand die blutigen
Kleider zu lsen, und nach den Wunden zu sehn, die ihm der Br im
Todeskampf geschlagen, whrend Amalie, die schon Hut und Tuch abgelegt
hatte, zu dem Kind ging und ihm den von der Mutter eingegossenen Trank
zu geben suchte. Olnitzki hatte dabei recht gehabt; an Brust und
Schultern trug er fast unzhlige frische Wunden, keine aber glcklicher
Weise tief oder gefhrlich, nur alle in das Fleisch hineingerissen, und
mit dem Verband schwand auch bald jeder Anfall von Schwche, den
Blutverlust und bermige Anstrengung im Halten des jungen, schon ganz
krftigen Bren auf wenige Momente herbeigezogen.

Sidonie bereitete dann rasch etwas zu essen fr den erschpften Gatten
sowohl, wie fr die Schwester, setzte die Kaffeekanne zum Feuer, und
that Kaffee in die Mhle. Frher htte es Amalie freilich nicht fr
mglich gehalten da die Schwester, auf deren Wink sonst zahlreiche
Dienstboten lauschten, allein, ohne eine einzige Hlfe einem solchen
Leben, solcher Arbeit preisgegeben sei; jetzt kam kein Laut des Staunens
noch des Schmerzes mehr ber ihre Lippen. Sie sah, sie fhlte was,
frchtete sogar, da noch mehr geschehen war als sie sah, und nur die
Angst erfllte jetzt ihr Herz, ob da zu helfen -- _wie_ da zu helfen
sei.

Stimmen wurden drauen laut, die Hunde, die sich in etwas beruhigt
hatten als der junge Br seinen sicheren Platz auf dem Baumast nicht
mehr verlie, und auf die unter ihm gelagerten Rden ruhig niederschaute,
schlugen wieder an, und Jack Owen's Stimme rief gleich darauf, nach
Waldes Art, das Haus an, von den Bewohnern Einen in die Thr zu ziehn.

Olnitzki sprang selber, trotz Sidoniens Bitte sich zu schonen, von
seinem Lager auf, zu sehn wer da sei, und blieb verwundert in der Thr
stehn, als er die Masse von Sachen, Koffern und Kisten auf die
Maulthiere gepackt, vor seiner Wohnung halten sah.

Hallo Ihr Leute -- guten Tag -- was bringt Ihr da? rief er hinaus --
Wetter noch einmal Rosemore, seid Ihr ein wandernder Krmer geworden,
der mit seinen Packen im Lande herumzieht, Band und Stecknadeln zu
verkaufen? -- ah Jack, Ihr fhrt wohl die Provisionen mit? -- nur herein
mit Euch, der Kaffee wird gleich fertig sein, und ein heier Becher voll
uns gut thun.

Zum Henker noch einmal, Olnitzki, wie seht Ihr denn aus? sagte Jack
Owen, der inde vom Pferde gestiegen war und das Wildpret auf der
Schulter auf ihm zu kam -- wer hat Euch denn so zugerichtet?

Der Bursche da und seine Mutter, lachte der Pole, auf den
aufgebumten jungen Br deutend, aber was solls mit dem Wilde?

Ihr habt Besuch bekommen, meinte der Jger leicht errthend, und da
ich nicht wute ob Ihr gerade frisch Fleisch im Hause httet, wollte ich
Euerer Frau das Stck hier, das ich an der Grndorn-Ebene drben vor
einer Stunde etwa geschossen, herber legen -- mir sind die Woche ein
paar vor die Bchse gelaufen.

Und die Sachen da drauen?

Gehren der Dame -- Euerer Frau, Schwester, glaub' ich, die gestern von
Little Rock mit Billy Jones Geschirr herbergekommen.

So? -- so ist die Sache? nur herein Ihr Leute -- stellt die Geschichten
nur inde da vorne hin, Rosemore; kann Euch wahrhaftig nicht einmal
dabei helfen, denn der verdammte Br hat mir die Arme so zerfetzt, da
sie mir steif und matt zu werden anfangen.

Der alte Rosemore, der mit Bill Jones und Owens Hlfe die Kisten und
Koffer bis zum Haus geschafft, trat jetzt mit diesem hinein, begrte
die Frauen, frug nach dem kranken Kind, das er sich aufmerksam betrachtete
und der Mutter verschiedene Kruter anrieth, ein Bad daraus zu bereiten,
und lie sich dann von Olnitzki sein Abenteuer mit dem Br erzhlen,
wollte aber unter keiner Bedingung mit zum Essen bleiben; er sah wie
beengt der Raum schon ohnedie da war, und weigerte sich auch schon
jetzt eine Bezahlung fr den Transport der Sachen anzunehmen. Die
Maulthiere gehrten nicht ihm, wie er sagte, und er mute den
Eigenthmer erst fragen, was er fr den halben Arbeitstag fr sie
verlange -- seinen eigenen Spatziergang verstnde es sich wohl von
selbst, da er den nicht rechnete.

Olnitzki redete den Nachbarn auch eben nicht besonders zu noch zu
verweilen, und eine Viertelstunde spter trabten diese wieder, auf den
inde ausgeruhten Thieren, der eigenen Heimath zu.

Sidonie hatte indessen der Schwester Hlfe fr heute, da sie ja noch
nicht bescheid wisse in Haus und Wirthschaft, lchelnd abgelehnt, und
Kaffee gemahlen und von dem frischen Fleisch in die Pfanne geschnitten,
so da bald ein recht gutes, nahrhaftes Mahl von Maisbrod und Wildpret,
Honig und Kaffee auf dem reinlich gedeckten Tische dampfte. Nur mit
Sitzen, wie mit Geschirr und Messer und Gabeln sah es rmlich aus.
Amalie bekam die einzige noch ordentliche Gabel mit dem dazu gehrigen
Messer, Olnitzki nahm seinen Genickfnger, mit einer einzinkigen Gabel,
das Fleisch, das er schneiden wollte, damit zu halten, und Sidonie
benutzte ein ausgeschnittenes Stck Rohr, das allem Anschein nach schon
lange diesen Dienst verrichtet, abwechselnd des Gatten Messer dabei
gebrauchend. Auch fr den Kaffee bekam die Schwester eine der freilich
henkellosen Tassen aus der alten Zeit, und wenn die Untertasse auch
nicht dazu pate, trank es sich doch besser daraus wie aus den
Blechbechern, die von Olnitzki und seiner Frau benutzt wurden. Aber ein
eigenes unheimliches Gefhl bemchtigte sich der Schwester, als sie den
breiten Goldrand des zerbrochenen Geschirrs neben der blechernen
Schssel stehen sah, und dann der Zeit gedachte wo sie selber diese
Tasse einst der jungen hoffnungsseligen _Braut_ geschenkt.

Das Gesprch bei Tisch war ziemlich einsylbig, und Sidonie selber konnte
kaum fnf Minuten hintereinander auf ihrem Platz bleiben, so nahm das
kranke Kind sie noch in Anspruch; Olnitzki aber neckte Amalie dabei, da
sie so viel Gepck mit in den Wald gebracht, wo sie so wenig brauchten,
und war dann selber neugierig zu sehen was die Kisten enthielten, als
ihm die Schwgerin sagte da das Meiste darin nur fr ihn und seine Frau,
wie fr sein todtes kleines Kind bestimmt gewesen, dessen Hinscheiden
sie nicht einmal erfahren.

Einige Schwierigkeit hatte es fr ihn, als das Essen beendet und das
Kind in Schlaf gebracht worden, die Kisten mit seinen verwundeten Armen
zu ffnen, aber es gelang ihm endlich, und Amalie suchte jetzt im
Auspacken die Schwester -- ja sich selber zu zerstreuen, denn Manches
hatte sie mitgebracht ihr und dem Gatten eine Freude zu machen. Aber,
lieber Gott, bei der Auswahl der Dinge war es ihnen daheim freilich
nicht eingefallen die Lieben in dem fernen Lande sich in solchen
Verhltnissen zu denken, als sie dieselben jetzt gefunden, und
wunderlich nahmen sich die prachtvollen Stickereien von Cigarrentasche
und Lesepult, Briefmappe und Taschenbuch, die Spitzenhauben und
Glachandschuh, das kleine reizende Dejeuner vom feinsten gemalten
Porcellan, das auf seinen Kannen und Tassen Landschaftsscenen aus
Sidoniens Heimath trug, die reich verzierte Lampe, die niedlichen
gestickten Pantoffeln, und alle die anderen unendlich geschmackvoll und
elegant gewhlten Sachen in der rmlich wilden Htte aus, die ihr graues
Bretdach ber sie spannte.

 [Illustration: Capitel 2.]

Sidonie sa mit gefalteten Hnden still daneben, und wagte kaum die
Gegenstnde zu berhren, whrend sie Olnitzki langsam eins nach dem
anderen in die Hand nahm, lchelnd herber und hinber drehte, und dann
auf den, zu dem Zweck abgerumten Tisch hinstellte.

Hahahaha, brach er endlich in einem wilden, unnatrlichen Humor heraus,
wie die Burschen, unsere ungeschlachten Nachbarn schauen sollen, wenn
sie die wunderlichen _fixins_ zum ersten Male sehn, wie sie staunen
und sich den Kopf zerbrechen werden, zu was die und das, und jenes da
bestimmt ist -- hab' ich's doch selber fast vergessen -- setzte er
leise, und unheimlich dabei lachend hinzu. -- Und wie prchtig das
Dejeuner zu dem alten Blechtopf pat, und die Glachandschuh hier zu
_den_ Fusten; Schwgerin, Schwgerin, ich frchte Sie haben da viel
Geld nutzlos verschwendet, und uns nur Illustrationen zu dem Bilde
mitgebracht, wie Sie sich, trotz allen unseren Schilderungen vom
Gegentheil, unser Wald- und Jgerleben hier eigentlich ausgemalt. Es
fehlte jetzt nur noch ein Kronleuchter -- erinnerst Du Dich noch,
Sidonie, wie so ein Ding aussieht? -- unseren _Salon_ wrdig zu
schmcken.

Aber Sie wollen doch nicht immer ein solches Leben fortfhren,
Olnitzki? sagte Amalie mit vor Angst und innerer Aufregung fast
erstickter Stimme -- wenn auch _Ihr_ krftiger Krper solche
Entbehrungen leicht ertrgt, sehen Sie dagegen wie die Schwester
hingewelkt -- denken Sie sich das junge lebenslustige glckliche Weib,
das sie aus ihrer Eltern Haus mit sich hineinnahmen in die Welt, und
sehen Sie _jetzt_ die arme Gattin an.

_Arme_ Gattin? wiederholte Olnitzki, finster die Stirn runzelnd, das
Weib soll dem Mann folgen in Glck und Leid, und wo sie _zusammen_
tragen, hat sich, meiner Meinung nach, kein Theil zu beklagen.

Aber Sidonie --  wollte Amalie erwiedern, doch ein ngstlich flehender
Blick der Frau hielt das Wort auf ihre Lippen gebannt und Olnitzki, eine
mit den Farben seines Vaterlands gestickte Cigarrentasche in der Hand,
sa lange in dumpfem Brten darauf niederstarrend. -- Aber der bse
Geist wich von ihm; tief aufseufzend strich er sich mit der Hand die
Falten von der Stirn und die Tasche auf den Tisch, zu den brigen Sachen
legend, sagte er mit freundlicherem Ausdruck in den Zgen:

Nichts fr ungut, Schwgerin, die verdammten Risse, die mir der Br
heute versetzt, brennen mich, morgen ist das vorber -- herzlichen Dank
fr alles das was Sie uns so weit herber gebracht; es war ja so gut
gemeint, und wird Sidonie viele Freude machen; sie hngt doch wohl noch
ein wenig an den alten Geschichten. Bereite der Schwester dann ihr Lager
auf meinem Bett, Dony, ich lege mich hier zum Kamin -- keine Umstnde
Schwgerin, setzte er lachend hinzu, als er sah da sie dagegen
protestiren wollte, Sie kommen um Nichts besser weg, denn es ist hart
genug, und ich wei wahrhaftig nicht, ob ich auf meinem alten Brenfell
hier dicht am Feuer nicht am Ende noch weicher und wrmer liegen werde,
wie Sie da drben. Jetzt aber gute Nacht, mir fngt der Kopf so wieder
an zu schwindeln, und ich mu morgen frh hinaus, den Br zum Haus zu
holen, der noch drauen, eben nur aufgebrochen, im Walde liegt. So mein
Kind --das thuts -- das ist gut genug, sagte er zur Frau, die ihm das
Fell inde vor das Camin gezogen und ein Kopfkissen mit einer wollenen
Decke darauf gelegt hatte -- das ist gut genug, nun lat mich schlafen,
und morgen frh, soll uns die Schwgerin recht viel von zu Haus -- von
Deutschland erzhlen.




Capitel 3.

Der alte Herr Hamann.


Das Kost- und Logirhaus oder Bordinghaus nach dem Amerikanisch-deutschen
Ausdruck in New-Orleans, dessen Schenk- und Gastzimmer wir schon einmal
besucht haben, war eins jener alten franzsischen Gebude, welche von
den ersten Ansiedlern der Stadt noch in einer Zeit errichtet worden,
wo der Platz selber, auf dem es stand, wenig Werth hatte, und nahm
deshalb, fr seine niedrige Dachung, einen unverhltnimig groen
Flchenraum ein. Auch das darauf errichtete Haus sah verwittert und
baufllig genug aus, mit den alten Hohlziegeln auf dem Dach und den,
ihres Kalkes an vielen Stellen beraubten Wnden, der halben hlzernen
Verandah oder Gallerie vor der ersten Etage, und dem entschieden in
sich zusammengeknickten Giebel. Der Eigenthmer aber, ein schon einige
zwanzig Jahr im Lande ansssiger Deutscher Namens Hamann, wollte das
alte Nest, trotz recht guten Geboten, die ihm darauf gemacht worden,
nicht verkaufen, und behauptete jedesmal, wenn wieder dazu gedrngt, so
lange _er_ lebe, halte es auch, ernhre ihn dabei gerade, und sei seit
so langen Jahren nun eine Heimath ankommender Deutscher gewesen, da es
diese vermissen wrden, wenn sie nach Amerika kmen, und das knne er
nicht ber's Herz bringen.

Es war etwa drei Wochen nach der Landung der Haidschnucke in New-Orleans,
als der biedere Christoph Hamann in seiner eigenen Wohnstube oben sa,
und emsig beschftigt war einen ziemlich ansehnlichen Koffer mit
Chirurgischen Instrumenten, der vor ihm im Zimmer stand, einzupacken und
die auf dem Tisch umherliegenden Instrumente selber, wo sie hie und da
etwas von Rost gelitten hatten, zu putzen und wieder herzustellen.

An einem erhhten Pult, neben dem nchsten Fenster, stand ein junger,
vielleicht vierundzwanzigjhriger Mann, der Sohn des alten Hamann, in
weier Jacke und Hose, den breitrndigen Strohhut neben sich auf dem
Stuhle, und notirte die einzelnen Gegenstnde, die ihm der Vater, wie er
sie in den Koffer legte, diktirte.

So -- sagte der Alte, der mit dem Einpacken ziemlich fertig war, und
eben noch ein Etui mit verschiedenen Messern und Lanzetten vom Tisch
nahm und ffnete -- hier noch das Besteck mit -- Donnerwetter da sind
eine ganze Menge Geschichten darin -- mit einer Quantitt Messer und
Eisen und Feilen -- was wei ich wie die Dinger alle heien -- warte
einmal wir knnen sie wenigstens zhlen -- fnf, acht, elf, fnfzehn,
und hier noch vier sind neunzehn, und hier die drei kleinen Dinger sind
zweiundzwanzig Stck. Das Leder auen sieht ebenfalls noch ganz wie neu
aus -- na Du wirst schon sehen was Du dafr bekommst.

Vater, die eine Tasche ist fast so viel werth, wie Euch der Mann im
Ganzen schuldig war, sagte der Sohn.

Was verstehst denn _Du_ davon? brummte aber der Alte mit einem
mrrischen Seitenblick auf den jungen schlanken Burschen, dessen
gutmthig offene Zge tiefes Roth in diesem Augenblick frbte --
bekmmere Du Dich da um Deine Schreiberei, und misch Dich nicht in
Sachen die Dich nichts angehn, und von denen Du keine Idee hast.

Der Mann war bei mir und hat mir seine Noth geklagt! sagte Franz, der
Sohn.

Noth geklagt? fuhr aber der Alte unwillig auf, der hat auch noch ber
Noth zu klagen; erst liegt er bei mir hier fnf Wochen im Haus und it
und trinkt, ohne einen Pfennig zu zahlen, nachher geb' ich ihm noch
Reisegeld und ein Gewehr, das mich selber fnfundsiebzig Dollar gekostet
hat, und schicke ihn in's Innere, und nun soll ich auch noch seine
Sachen wieder herausgeben und gar Nichts haben, heh? -- Und ist die
Zeit, in der er es abholen mute nicht etwa schon seit acht Tagen
verfallen? Htt' er mir _vor_ der Zeit gezahlt was er mir schuldig war,
so konnte er seinen Bettel, der mir berdie hier lange genug im Wege
gestanden, ruhig wieder mit fortnehmen, ich wre der letzte gewesen, der
ihn daran verhindert htte -- hab' ich so vielen Deutschen fortgeholfen,
wrd' ich den auch nicht haben sitzen lassen, aber jetzt ist die Zeit
vorbei -- die ganze Sache ist ohnedie schriftlich abgemacht, und wenn
er sich im Recht glaubt, soll er mich verklagen; Christoph Hamann ist
nicht der Mann, der einer gerechten Sache aus dem Wege geht.

Der Sohn seufzte tief auf und begann wieder, ohne etwas weiter gegen den
Vater zu uern, an seiner Arbeit, bis ihn der alte Herr Hamann mit einer
neuen Frage unterbrach.

Ist der Elsasser wieder da gewesen, wegen dem Land?

Ja, gestern Abend.

Nun? -- und hat das Geld nicht mitgebracht?

Er hatte es, verlangte aber von mir vorher eine genaue Beschreibung des
Landes, wie es gelegen sei, ob sumpfig oder gesund und da -- 

Hast Du ihm doch wohl nicht etwa in Deiner Dummheit von dem Bischen
Wasser darauf erzhlt? fuhr der Alte heftig in die Hhe.

Ich mochte nicht lgen, Vater sagte der junge Bursche entschlossen.

Na nun wird's Tag! schrie aber der Alte, mit der geballten Faust
zornig auf den Tisch schlagend -- fttern soll ich Euch Alle hier, und
die theuere Wirthschaft in Stand halten, Taxen soll ich bezahlen und
Provisionen fr alles mgliche Lumpengesindel, das hier herberkmmt von
Europa, und wenn sich die Gelegenheit bietet einen ehrlichen Pfennig zu
verdienen, schlgt mir den der eigene Sohn vor der Nase weg.

Ich hielt das fr keinen _ehrlichen_ Pfennig, Vater sagte Franz
entschlossen.

_Du_ hieltest es nicht dafr, Holzkopf -- _nun_ freut mich mein Leben,
_Du_ also hieltest es nicht dafr. Ich will Dir einmal sagen was ich von
_Dir_ halte: da Du ebenso nach Amerika pat, wie ein wilder Ochse in
eine Porcellanhandlung. Wenn _das_ also Alles ist, was Du whrend den
zwei Jahren die ich Dich zu Deiner Ausbildung in Deutschland in einem
Geschft gehabt, gelernt hast, dann kann ich mir gratuliren das
Reisegeld aus dem Fenster geworfen zu haben, und je eher Du machst da
Du wieder hinber kommst, desto besser.

Aber Vater diese unglcklichen Menschen die hier nach Amerika
herberkommen, sind ja so schon arm und elend genug -- wir wollen uns
doch nicht an ihnen bereichern.

Wollen wir nicht, so? -- aber von was wollen wir denn _leben_ heh?
rief der Alte -- der Mosje schwatzt da in's Blaue hinein und bringt mir
moralische Grundstze auf einen Amerikanischen Markt, die gerade so gute
Geschfte machen wrden, wie ein Zahnarzt bei den Indianern. Junge,
Junge ich glaubte Du httest ausgelernt, und sehe jetzt da Du wieder
ganz von vorne anfangen mut. Die Reise nach Arkansas wird Dir brigens
gut thun, mein Geschftsfreund dort, der einen besonders lebhaften
Whiskeyhandel nach dem Indianischen Territorium treibt, ist ein hchst
praktischer gewiegter Bursche, und wird Dir die deutsche Schlafmtze
schon aus den Gliedern treiben, und Du mut dann endlich einmal lernen,
da das deutsche Gesindel, das hier zu uns herberkommt und mit seiner
berklugheit immer unser ganzes Amerika verbessern will, nicht eher
Verstand bekommt, bis es seinen letzten Groschen an den Mann gebracht
hat; wer also dazu beitrgt da das recht bald geschieht, thut den
Leuten nur einen Gefallen, und ist ihr wahrer Freund, und nach _den_
Grundstzen handle ich, wie sich der junge Herr merken kann, und wonach
er zu achten hat -- verstanden?

Lieber Vater sagte Franz, der sein Pult verlassen und die Feder
niedergelegt hatte, ruhig und bestimmt Sie haben sich da einen Weg
vorgezeichnet, dem ich im Leben nicht folgen kann und will. Es mag,
wie Sie vielleicht recht haben, viel Gesindel aus Europa zu uns
herberkommen, aber es kommen auch viele wackere, wenngleich arme
Familien herber, und die gerade sind es dann, die von Agenten und
Seelenverkufern ausgezogen und beraubt, anstatt von dem Staat, dem sie
ihre Krfte weihen wollen, dem sie ihr Alles herberbringen was sie auf
der Welt noch das ihre nennen, untersttzt und geschtzt zu werden.

Auch noch? rief der alte Hamann verwundert aus -- wir sollen wohl
noch berselig sein wenn sie ankommen, und sie fttern und pflegen und
sie noch bitten nur um Gottes Willen Nichts zu arbeiten, da sie sich ja
nicht die faulen Knochen strapeziren. Gott verdamm mich, Junge, Du
schwatzest da Zeug da man verrckt werden mchte.

Ich spreche nur von etwas rief sein Sohn, in edlem Eifer erglhend,
das mir schon lange auf der Seele brennt und das, neben der Sclavenfrage,
ein Schandfleck fr die Union ist -- ich spreche von dem unbeschtzten
Zustand, in dem sie gerade _die_ Menschen an ihrer Kste berauben und
plndern lt, die das Mark ihrer Bevlkerung bilden, und ohne welche
die einzelnen Staaten schon in ihren Schulden erstickt und zu Grunde
gegangen wren -- die fleiigen Ackerbauer die den Boden urbar machen,
die den Verkehr brechen fr Dampfschiff und Eisenbahn, die den Werth
des Landes in den meisten Staaten um das zehnfache, in vielen um das
hundertfache vermehrt haben, und anspruchslos und thtig dabei ihre
stille ruhige Bahn fortgehn.

Und was soll der Staat mit denen anfangen? was sollte er fr die thun?
sagte der Alte mit einem spttischen, ja fast verchtlichen Lcheln, die
der Mosje da fr die _Geplnderten_ und _Beraubten_ hlt, und seinem
eigenen Vater dabei gewissermaen _Plnderung_ und _Raub_ unter die Nase
reibt, heh?

Er sollte in den Haupthafenpltzen seines groen Reiches, in New-Orleans
und New-York, in Philadelphia, Baltimore und wie sie heien, Huser
errichten, in denen die Armen, wenigstens die ersten Wochen hindurch,
ein Unterkommen, im Nothfall _unentgeltlich_ fnden, und wo ihr
Eigenthum, wenn sie in das Land hinein mssen Arbeit zu suchen, von
geschworenen Beamten, sicher und vor Verfall geschtzt, aufbewahrt
wrde, bis sie im Stande wren es zu reclamiren.

Knnte gleich eine Kleinkinderbewahr-Anstalt damit verbunden werden
lachte der Alte.

Wollte Gott es geschhe rief Franz, tausende von Kindern, die spter
einmal unsere besten und krftigsten Brger bilden, wrden dann vor
Elend und Untergang bewahrt.

Aber was sagst Du _mir_ das hier? rief der Alte endlich ungeduldig
werdend -- was hab' _ich_ damit zu schaffen? warum gehst Du damit nicht
zum Gouverneur oder zum Prsidenten, und stellst ihm einmal die
Geschichte vor? Der wird mit dem grten Vergngen darauf eingehn.

Der Prsident kann dabei noch Nichts thun, sagte aber der Sohn, den im
Spott gemachten Vorschlag ganz ernsthaft nehmend -- nein, die einzelnen
Staaten mssen das aus sich selber krftig schaffen und herstellen; die
einzelnen wohlhabenden Brger zusammentreten, und zum Besten ihrer
eigenen Stadt ein solch Asyl grnden. Wie viel tausend Menschen sehen
in Amerika die Hand, die sich ihnen und ihrer Noth Hlfe bietend
entgegenstreckt -- wie viel tausend finden aber nur da eben die Hand,
anstatt sie zu sttzen und zu halten, in ihre Taschen greift, und sie
des letzten beraubt was sie noch mitgebracht, sich selbst zu helfen. Oh
Vater, Sie sind reich -- wenn Sie den Anfang machten zu solchem groen
Werk.

Du bist ein Esel htt' ich bald gesagt unterbrach ihn der Alte aber
hier mrrisch, Donnerwetter, jetzt hab' ich den Unsinn satt, nun mach
da Du fortkommst, und sieh da Du mir vor allen Dingen den Elsasser
wieder findest -- schick' ihn mir nur herauf; ich will schon mit ihm
fertig werden.

Vater! rief Franz in edler Entrstung sich gegen einen Auftrag
strubend, den er selber fr unredlich und schlecht hielt, Vater ich
passe nicht zu dem, zu dem Sie mich machen wollen; lassen Sie mich fort,
allein in die Welt hinaus und ich will mir mein eignes Fortkommen schon
grnden, mir schon Bahn brechen zu einem neuen frischen Leben, und wenn
ich mir mein Brod im Anfang mit der Schrstange, oder mit Axt und
Schaufel verdienen sollte.

Und das Geld das ich fr Deine Erziehung verwandt? rief der Alte
rgerlich -- wer zahlte mir denn die Zinsen? Schne Wirthschaft das,
nicht wahr, wenn die Zeit jetzt gekommen ist, wo Du Deinen alten Vater,
der Niemanden auf der Welt weiter hat auf den er sich verlassen kann,
untersttzen solltest, und dann von ihm fortlaufen willst ein eignes
Geschft anzufangen? Was wrde dann aus den paar Dollarn, die ich
mir erspart, wenn ich die Augen einmal zudrcke, und fremde Menschen
dann hier um mich her sen, die sich die eigenen Taschen in aller
Geschwindigkeit fllen wrden? was wrde aus dem Geschft selbst, das
ich seit ein paar Jahren endlich zu einer Art Aufschwung gebracht, und
das nie, so lange ich und Du es verhindern knnen, in fremde Hnde
fallen darf? -- Unsinn Franz, Du weit gar nicht _was_ Du von Dir stoen
willst, irgend einer fixen wahnsinnigen Idee, die eben unausfhrbar ist,
nachzulaufen. Mach jetzt da Du fortkommst und thue was ich Dir befohlen
habe; ich will Nichts mehr wissen sag ich Dir, schrie er den Sohn
unwillig an, als dieser wieder etwas entgegnen wollte, und Franz
verlie, tief aufseufzend, aber mehr als je entschlossen seine Hand zu
Nichts zu bieten, was er nicht vor dem eigenen Gewissen verantworten
knne, das Zimmer.

In diesem aber ging, die Arme auf den Rcken gekreutzt mit raschen,
unruhigen Schritten der alte Hamann auf und ab, leise Flche in den
Bart murmelnd, und mit dem Kopfe dazu finster und unwillig schttelnd.

Drauen klopfte Jemand leise an die Thr.

Herein! rief der Alte barsch.

Herr Hamann zu sprechen? frug eine freundliche Stimme.

Ah, Sie kommen mir gerade wie gerufen, Messerschmidt rief ihm der Alte
rasch entgegen -- sind Sie meinem Jungen begegnet?

Herr Hamann _junior_ waren eben so freundlich mich auf der, etwas
dunklen Treppe, beinah ber den Haufen zu rennen.

Er ist verrckt der Bengel! rief der Vater.

Verliebt vielleicht lchelte Herr Messerschmidt.

Gott bewahre; er will eine deutsche Kleinkinderbewahr-Anstalt, und ein
_gratis_ Einwanderungshaus grnden.

Bah, sagte Herr Messerschmidt, das ist eine Idee die am Besten durch
dasselbe Mittel curirt wird, das sie allein in's Leben rufen knnte.

Und das wre? -- 

Geld, sagte der Agent, achselzuckend -- das ist die alte Geschichte
die nur von solchen immer vorgebracht wird, die gerade kein eignes Geld
zur Verfgung haben, es darauf zu verwenden. berweisen Sie Ihrem Herrn
Sohn ein Vermgen, und er wird etwas Gescheidteres damit anfangen.

Vermgen berweisen, brummte der Alte -- Sie reden da hinaus, als ob
ich zwei oder mehr zu vergeben htte. _Das_ rgert mich ja gerade, da
der junge Laffe eben das ruiniren will, womit sich sein armer alter
Vater das Brod verdienen mu; unter dem Leib will er mir den Stuhl
fortziehn, und sein schmutziges Zwischendecksgesindel darauf setzen; es
ist zum Verzweifeln.

Unsinn, lchelte Herr Messerschmidt -- lassen Sie uns von etwas
Vernnftigerem reden; das ist eine Idee die in schnen, wohlklingenden
Redensarten verraucht, und wenn Sie mir folgen, geben Sie ihm vollkommen
recht, muntern ihn noch dazu auf etwas derartiges zu beginnen und
versprechen ihm ihre thtige Hlfe und Untersttzung.

Da ich ein Narr wre, rief der Alte, der Junge hielte mich beim Wort,
und was das Schlimmste ist, er jagt mir schon jetzt die Kunden aus dem
Haus hinaus, und wre im Stande den eigenen Vater an den Pranger zu
stellen.

Das wre allerdings fatal, sagte Herr Messerschmidt, die Augenbrauen in
die Hhe ziehend und pltzlich ganz ernsthaft werdend, wenn die Sache
_so_ steht, bester Herr Nachbar, da mchte ich Ihnen denn doch rathen,
den Burschen lieber aus dem Haus zu thun, und Jemanden hinein zu nehmen,
auf den Sie sich sicher verlassen knnen. Ich selber wrde -- 

Ihnen meinen eigenen Sohn vorschlagen, heh? fiel ihm der Alte kurz
und mit einem mistrauischen Blick in die Rede -- hab' ich recht oder
nicht?

Nun der Junge hat Talent und guten Willen.

Glaub' ich, brummte der Alte, aber mein eigen Fleisch und Blut steht
mir nher, und ich werde den Jungen schon zur Raison bringen; er mu mir
gehorchen, oder -- aber hol's der Teufel, wir wollen von 'was Anderem
reden, unterbrach er sich pltzlich selbst, -- kommen Sie wegen der
Pfandgeschichte?

Oh Gott bewahre, lachte Herr Messerschmidt, die Sache ist ganz
einfach; der junge Bursche behauptet, die beiden goldenen Uhren bei
Ihrem frheren Barkeeper, von dem er auch die Quittung hat, versetzt
zu haben; der ist jetzt fort, Niemand wei wohin, und ich habe ihm
nun den guten Rath gegeben, einen Aufruf an ihn in dem New-Orleans
Advertiser abdrucken zu lassen, da ihm nachher Niemand darauf antwortet,
versteht sich von selbst. Nein, lieber Hamann, ich wollte unsere kleine
Speditionsrechnung in Ordnung bringen -- brauche gerade Geld, und mu
vor dem neuen Jahr meine Casse jedenfalls reguliren.

Und wie viel macht's im Ganzen?

Hundert und sieben und neunzig Dollars fnfzig Cent.

Seit zwei Monaten?

Ja, und einige Tage -- Ihre Geschfte sind brillant gegegangen, hier
ist brigens auch die specifirte Note.

Hm, hm, sagte Herr Hamann, das ihm berreichte Papier ffnend und
langsam durchlesend -- da steht ja der Goldschmied mit 10 Dollarn
darauf, der nur acht Tage im Hause blieb und nicht einmal sein Boarding
zahlte, -- was fllt Ihnen denn ein? -- den mssen Sie streichen.

Er war gestern bei mir; sagte Herr Messerschmidt lchelnd, und frug
mich um Rath wie er wohl wieder zu der Tuchnadel kommen knne, die wohl
einige achtzig Dollar werth sein soll.

Bah, Unsinn, der Quark war nachgemacht -- fnf und siebzig Cent hat mir
der Jude dafr gegeben.

Das hab ich ihm auch gesagt, schmunzelte der Agent, und ihm sogar
versichert, ich wrde es im Nothfall bezeugen knnen.

Nichtsnutziges Gesindel, brummte Herr Hamann, in gerechter Entrstung
ber die Schlechtigkeit der Welt, erwhnte aber weiter nichts von den
zehn Dollarn. Der Agent beobachtete ihn indessen schweigend, whrend er
las, und trommelte dabei auf dem Hut den er zwischen den Knieen hielt,
einen Marsch.

Hier ist noch ein Posten, der nicht hierher gehrt.

Und? -- 

Die Oldenburger -- ich bitte Sie um Gottes Willen, was schaffen Sie mir
fr Volk in's Haus. Drei Wochen fttere ich jetzt die ganze Gesellschaft,
und habe ihnen heute Morgen, weil _gar_ nichts aus ihnen herauszukriegen
ist, gekndigt -- wie kann ich Ihnen demnach zwei Dollar fr den Kopf
zahlen?

Sie haben recht, das wre unbillig, sagte Herr Messerschmidt
freundlich -- wir wollen es dann lieber so machen -- ich zahle Ihnen
den Boarding fr die Leute, ziehe aber, was sie indessen an Arbeit im
Hause geleistet haben, ab, und bekomme dann ihr Gepck so lange
berliefert.

Herr Hamann sah mit einem nichts weniger als freundlichen Blick nach ihm
hinber, faltete aber das Papier zusammen, hielt es ein paar Secunden
wie nachdenkend in der Hand und sagte dann kopfschttelnd:

Das wrde eine Masse Umstnde und Rechnereien machen -- da, gehen Sie
an den Pult und schreiben Sie mir Ihre Quittung, ich hole Ihnen indessen
das Geld.

Alter Gauner, murmelte Herr Messerschmidt, dem Wirth aber unhrbar,
freundlich zwischen den Zhnen durch, und ging mit einer hflichen
Verbeugung zu dem Stehpult, dem Verlangen Folge zu leisten. Wenige
Minuten spter war die Geschft zwischen den beiden Mnnern abgemacht.
Wie Herr Messerschmidt das Geld gerade nachgezhlt, die einzelnen
Banknoten sehr genau betrachtet, und dann in sein Taschenbuch gelegt
hatte, klopfte es wieder an die Thr, und auf das mrrische Herein des
Hausherrn, drckte sich, ngstlich und verlegen, seinen Hut dabei unter
den Arm quetschend, der eine der Oldenburger in's Zimmer und blieb an
der Thre stehn.

Nun, was soll's, sagte Herr Hamann, whrend Herr Messerschmidt
aufstehend an das Fenster ging und hinaus auf die Strae sah.

Herr Wirth, sagte der Oldenburger mit bittendem Ausdruck in der
Stimme, Ihr Ausschenker hat uns vorhin gesagt, da Sie uns nicht lnger
in Kost behalten wollen.

Fttern wollen, meint Ihr wohl? sagte Herr Hamann, wie komme ich
dazu, ganze Schiffsladungen voll Menschen zu ernhren, ohne da ich
einen Pfennig Bezahlung bekme?

Wir wollen ja gern gehn, sagte der Mann, und Ihnen spter Alles auf
Heller und Pfennig bezahlen, aber er will uns unsere Koffer nicht
mitgeben.

Auch noch, nicht wahr? -- erst hier Gott wei wie lange mit den ganzen
Familien zehren, und dann auch noch mit Sack und Pack abziehen -- dumm
seid Ihr nicht, das mu wahr sein, und blde auch nicht.

Wir wollen Ihnen ja gern den Werth der gehabten Kost in Sachen
zurcklassen, wenn wir nur das brige mit fortnehmen drfen. Wir knnen
doch nicht _so_ in die Welt hineinziehn?

Das geht mich Nichts an, entgegnete aber mrrisch der Wirth, -- ich
habe hier keinen Handel mit alten Kleidern, sondern ein Gasthaus, in dem
ich fr jedes Pfund Fleisch, was ich haben will, baar mit meinem Gelde
zahlen mu -- 

Aber was sind wir Ihnen denn eigentlich schuldig? frug der Mann, der
Ausschenker hat uns eine Rechnung gegeben, auf der eine Menge Glser
Getrnke stehn, von denen wir Nichts wissen, aber nicht einen Pfennig
fr die Arbeit abgerechnet, die wir in der Zeit fr Sie gethan, und die
Frauen haben doch Woche ein Woche aus gewaschen und wir selber all ihr
Holz gespalten und gesgt, Ihren Mist gefahren, Ihre Kartoffeln
ausgemacht im Feld, und hereingeschafft.

Die Arbeitstage sind Euch nicht mit aufgeschrieben, sagte Herr Hamann.

Nein, das ist wahr, aber auch Nichts dafr zu Gute, lieber Gott, wir
haben uns unsere Kleider dabei herunter gerissen und tchtig zugegriffen,
das wissen Sie selber am Besten.

Mein Essen war auch nicht schlecht, und bei den theueren Zeiten knnt'
ich's vor meinen Kindern nicht verantworten, wenn ich andere Leute
umsonst ftterte; warum sucht Ihr Euch keine feste Arbeit.

Lieber, guter Gott, sagte der Mann, da der Herr, der da am Fenster
steht, kann Ihnen darauf die beste Antwort geben; hat er uns nicht von
Woche zu Woche hingehalten und immer und immer versprochen, und immer
Nichts gebracht?

Na ja, nun macht _mir_ auch noch Vorwrfe, da ich mir Euretwegen die
Schuhsohlen abgelaufen, ohne einen rothen Dreier dafr zu haben, rief
Herr Messerschmidt, sich rasch und rgerlich nach dem Manne umdrehend,
kann _ich_ die Leute _zwingen_, Euch Arbeit zu geben, oder habe ich
mich berhaupt dazu verpflichtet?

Nichts fr ungut, bat der arme Teufel kleinlaut, es war ja gar nicht
so bs gemeint, und ich habe es nur erwhnt, um dem Herrn da zu beweisen,
da wir ja Alles thun wollten, was eben nur in unseren Krften
stand.

Gut, ich will Euch was sagen, rief Herr Hamann nach einer kleinen
Pause, in der er wie berlegend vor sich niedergesehen, da es Euch doch
zu viel Schererei machen wrde die Frauen mitzunehmen, wenn Ihr Arbeit
suchen geht, so mgen die beiden Frauen mit den beiden Kindern hier bei
mir im Hause bleiben, und fr ihre Kost die Wsche besorgen, bis Ihr
wieder kommt. Seid Ihr das zufrieden?

Aber wrden Sie ihnen denn da nicht wenigstens einen kleinen, nur ganz
geringen Lohn aussetzen? bat der Mann, damit wir -- 

Nun ja, reicht dem Volk einen Finger und sie greifen nach der ganzen
Hand, rief Herr Hamann sich entrstet gegen den Agenten wendend -- geht
zum Teufel mit Eurer ganzen Sippschaft, ich will meinem Gott danken,
wenn ich Euch Alle los bin.

Aber, so war es ja gar nicht gemeint, sagte der Mann schchtern, wir
sehen ja ein da sie Noth und Mhe genug mit uns gehabt haben, und die
Frauen nur aus Geflligkeit hier so lange im Hause lassen wollen -- nichts
fr ungut, und wir Anderen wollen dann unser Mgliches thun, und finden
wir nur Arbeit, gewi unsere Schuld bald abtragen. Etwas Wsche drfen
wir uns doch aus unseren Koffern nehmen, nicht wahr Herr Hamann.

Ja, meinetwegen, der Barkeeper soll Euch das nachher herausgeben; jetzt
macht aber, da Ihr fortkommt, ich habe mehr zu thun, und wenn der
Barkeeper Zeit hat, soll er einmal einen Augenblick heraufkommen.

Der arme Teufel von Bauer dankte dem Mann auf das Herzlichste, und wrde
ihm gern die Hand zum Abschied in aller Freundschaft gereicht haben,
wenn er sich's eben getraut htte. So verbeugte er sich nur gegen die
beiden Mnner, die seiner gar nicht achteten, und zog die Thr hinter
sich in's Schlo, die aber gleich darauf wieder, und zwar rascher als
vorher, aufflog.

Unwillig sah Herr Hamann dorthin, eine nochmalige Strung des Bauern mit
Entrstung zurckzuweisen, als er in das rothe, halb spttische, halb
kecke Gesicht Eines seiner Irischen Boarders schaute, der ihm ganz
respektswidrig vertraulich zunickte, die Thr hinter sich zumachte und
dann auf Herrn Hamann zuging.

Nun, was soll's, Patrick? -- was habt Ihr hier oben zu suchen? rief
ihm der Wirth, mit der Nhe des stets halbtrunkenen Burschen eben nicht
recht zufrieden, mrrisch entgegen, -- weshalb hat Euch der Barkeeper
hier heraufgelassen?

Konnt's eben nicht verhindern, mein Herzchen, sagte Patrick lachend,
denn wie er mir in den Weg treten wollte, legte ich ihn ganz sanft -- ich
habe dem sen Burschen nicht ein Bischen weh gethan, -- unter den
Schenktisch.

Was wollt Ihr denn da von _mir_? rief Herr Hamann bestrzt aus -- was
habt Ihr vor, da Ihr mit Gewalt hier zu mir heraufbrecht, und meine
Leute mishandelt.

Frieden, bei Jsus mein Herzchen, beschwichtigte ihn aber der
rauflustige Ire, Nichts _honey_, wie eine kleine Abrechnung zwischen
uns Beiden, von denen Jeder glaubt, da der Andere in seiner Schuld
ist.

Ich in Deiner Schuld Patrick? rief aber Herr Hamann rasch erstaunt
aus -- wohl deshalb, weil Du beinah drei Wochen bei mir gegessen und
getrunken hast?

An der _bar_ ist jeder Schluck bei Cent und halbem Cent bezahlt,
betheuerte der Ire.

Aber das Essen, wer hat das berichtet?

Hab ich Euch nicht den Graben um den Hof gezogen?

Den Graben, rief Herr Hamann verchtlich, Du hast Dich drei volle
Tage, das heit die Stunden abgerechnet, die Du dabei im Schenkzimmer
gesessen mit dem kleinen Graben -- 

ber Mittag, Herzchen.

Nun ja, das wollen wir nicht untersuchen -- drei volle Tage mit dem
kleinen Graben herumgeschlagen, den ein tchtiger Arbeiter in _einem_
Tage beendigen wrde. Doch bin ich auch Willens Dir selbst _das_ zu
vergten.

Nun ja, _honey_, da sind wir ja schon in Ordnung, lachte der Ire,
Dein Holzkopf von Barkeeper htte mir mein Bndel gleich herausgeben
und sich selber eine Unannehmlichkeit ersparen knnen.

Wenn Du den Rest herauszahlst.

Welchen Rest -- 

Der mir noch zu Gute kommt -- 

Verdammt der Cent, den Ihr da noch kriegt, lachte der Ire -- drei
Tage Arbeit pr. Tag zwei Dollar, sind sechs Dollar.

Drei Tage und zwei Dollar den Tag? -- Ihr seid verrckt.


 [Illustration: Capitel 3.]


_Never mind_,[10] immer noch genug bei Verstand meinen eigenen Vortheil
wahrzunehmen, spottete der Ire -- macht also sechs Dollar, zwei eine
halbe Woche fr drei Dollar geboardet, bleiben anderthalb Dollar Rest,
die ich dem Fischkopf von Barkeeper unten auf den Schenktisch gezhlt
habe, und die der Tffel nicht nehmen wollte. Natrlich steckt' ich sie
wieder ein, und nun kann er sehn, wie er sie zum zweiten Mal aus
Patricks Tasche kriegt.

Ihr knnt Euere Sachen nicht eher bekommen bis Ihr Euere Rechnung
bezahlt habt, mischte sich in diesem Augenblick Herr Messerschmidt in's
Gesprch, wnschte aber auch gleich darauf gar Nichts gesagt zu haben,
denn der Ire, durch den Streit unten und ein paar Glser Whiskey
erhitzt, fuhr jetzt dermaen gegen ihn an, und drohte ihm bei der
geringsten Sylbe, die _er_, den die Sache auf der Welt Nichts anginge,
wieder hineinwrfe, mit einer so ungemessenen Anzahl Hiebe, da sich der
feige Bursche schon langsam nach der Thre zurckziehn wollte. Doch
auch hieran wurde er von dem aufmerksamen Iren verhindert, der nicht mit
Unrecht frchtete, der Agent wrde dann unten vielleicht Lrm machen und
einen Constabler herbeiholen; den beiden Mnnern aber dabei erklrte,
da er ihnen alles was im Zimmer stnde kurz und klein schlagen und ihre
eigenen beiden erbrmlichen Cadaver noch dazu vor sich her die Treppe
hinuntertreten wolle, wenn ihm nicht augenblicklich sein Bndel Wsche
ausgeliefert wrde.

Hamann und Messerschmidt, obgleich der letztere von derber, untersetzter
Statur war, getrauten sich nicht den Burschen zum rgsten zu treiben und
Hamann besonders sagte schnell und hflich:

Aber so machen Sie doch nur nicht solch einen Lrm, bester Herr Patrick
-- wenn Sie Ihre Arbeit fr so viel werth halten, habe ich auch nicht
das Mindeste dagegen -- lassen Sie sich nur unten Ihr Bndel geben.

Natrlich, sagte Patrick, der seinen Vortheil rasch bersah, lachend,
Alles in Ordnung Mr. Hamann -- geht wie geschmiert, bitte dann nur um
die Quittung fr bezahlte Kost.

Hamann wollte sich noch weigern etwas Schriftliches zu geben, er sah
aber auch bald da er den Burschen nicht anders los wrde, und schrieb
ihm rasch ein paar Zeilen fr den _barkeeper_ auf.

Danke Sir, sagte der Ire, das Geschriebene durchbuchstabirend und dann
in die Westentasche drckend -- jetzt ist's aber an mir zu traktiren
-- wollen Sie nicht mit hinunter gehn und eins mit mir trinken?

Sie haben doch jetzt Alles was Sie wollen? sagte Herr Hamann, nun auch
endlich ungeduldig werdend.

Haha, nichts fr ungut, rief aber der Ire, wenn ein Gentleman den
andern traktiren will, ist das eine Hflichkeit und mu auch als solche
betrachtet werden; aber _never mind_ -- wenn Sie nicht wollen, so viel
besser, und nun _good bye_ Gentlemen. Und die Hnde in die Tasche
schiebend, whrend er sich eine seiner Irischen Jigs pfiff, verlie
Patrick, mit vollem Grund hchst zufrieden ber seinen Erfolg, das
Zimmer, und eine Viertelstunde spter, mit seinem Bndel unter dem Arm
auch das Haus, in dem er sich fast drei Wochen Kost und Logis durch ein
paar Tage leichte Arbeit ertrotzt hatte.

Sie sollten einen Constabler rufen und den Burschen arretiren lassen,
sagte Herr Messerschmidt rgerlich, wie der Ire das Zimmer verlassen
hatte.

Da mir die Schufte nachher das Haus oder den Schenkstand demoliren,
knurrte Herr Hamann, nein der Lump mag laufen, fllt mir vielleicht
einmal wieder auf andere Art unter die Hnde, aber eine Warnung soll
mir's fr die Zukunft sein, keine Iren wieder in mein Haus zu nehmen --
es ist trunknes, rauflustiges, betrgerisches Volk; da lob' ich mir die
Deutschen, die nehmen Vernunft an, und haben vor der Polizei Respekt.
Aber lieber Gott, mir ist der rger ordentlich in die Glieder geschlagen,
und Sie thten mir einen groen Gefallen, Herr Messerschmidt, wenn Sie
mir durch einen der Leute unten ein Glas Wein heraufschickten.

Mit Vergngen, sagte Herr Messerschmidt, seinen Hut aufgreifend und im
Begriff das Zimmer zu verlassen -- apropos Herr Hamann -- die Aktien,
die Sie im vorigen Jahr gekauft haben, sind ja in den letzten Wochen
fabelhaft gestiegen -- Sie mssen ein rasendes Geld daran verdient
haben.

Wenn ich sie htte behalten knnen, entgegnete mrrisch der Wirth,
glauben Sie ich verdiene hier Capitalien zum Hinlegen? -- Gott sei's
geklagt, meine deutschen Landsleute, mit den Verlusten die ich allein an
Auslagen fr Proviant und Getrnke habe, machen mich, wenn ich noch
lnger das Geschft fortsetze, zum Bettler, und bin mehr als je
gesonnen, mich ganz zurckzuziehn und es meinem Sohn zu bergeben, dem
ewigen rger und Skandal zu entgehn. Wre mit dem thrichten Gesellen
nur ein vernnftiges Wort zu reden -- bitte den Wein, lieber Herr
Messerschmidt.

Guten Morgen Herr Hamann.

Guten Morgen Herr Messerschmidt -- und der Alte ging mit auf den
Rcken gekreuzten Hnden und fest und rgerlich zusammengezogenen Brauen
wieder in seinem Zimmer auf und ab, bis der Barkeeper, einen kleinen
Prsentirteller in der Hand, auf dem eine Karaffe Rothwein und ein
Wasserglas stand, herein kam und dieses auf den Tisch setzte. Hamann sah
ihn an, nickte ihm zu da es gut sei, und setzte seinen Marsch im Zimmer
fort, whrend Jimmy jedoch auf seiner Stelle stehen blieb, und -- einer
leidigen Gewohnheit nach, einen seiner Finger nach dem anderen
abknackte, da es klang als ob er sich die Glieder vom Leibe brche.

Nun was giebt's noch? sagte Herr Hamann, mrrisch vor ihm stehen
bleibend -- was wollen Sie?

Verdammt feines Mdchen unten, _Sr_, sagte Jimmy, zog die Augenbrauen
in die Hhe, und streckte, die Schultern zurckpressend, den Kopf so
weit nach vorn, als er nur mglicher Weise konnte.

Verdammt feines Mdchen? sagte Herr Hamann erstaunt, was zum Teufel
schiert denn das _mich_? -- sind Sie betrunken?

Jimmy behielt seine Stellung bei, zog aber den Mund, wie in freundlicher
Anerkennung des huldreichen Scherzes, von einem Ohr bis zum andern, ohne
brigens auch nur eine Sylbe weiter zu erwiedern.

Nun zum Wetter noch einmal, was wollen Sie denn von mir? stehn da und
ziehen das Maul breit, als ob Sie eine Schlehe verschluckt htten;
glauben Sie da ich Zeit habe Ihren Albernheiten zu folgen?

Wie man, mit einem einzigen Ruck einen Tabacksbeutel zusammen und in
zahllose Falten legen kann, so zuckte das Gesicht des eben noch so
freundlichen Mannes nach dem Mittelpunkt der zu einer Spitze
vorgeschobenen Lippen, von denen sich die Augenbrauen wo mglich noch
weiter entfernten, und eine halbe Minute vielleicht in dieser Stellung
bleibend sagte er ruhig:

Setzt Jemand irgend etwas in irgend eine Zeitung, wenn Jemand von
irgend etwas nachher nichts wissen will?

Herr Hamann wollte noch heftiger darauf erwiedern, als ihm pltzlich
einfiel da er allerdings eine Annonce hatte in das deutsche Blatt
einrcken lassen, wonach er ein junges deutsches Mdchen suchte, die
Aufwartung bei Tisch, das Einschenken des Kaffee und Thee, und die
berwachung seines Geschirrs und seiner Wsche zu bernehmen. Jimmy
aber, als er merkte da sein Principal jetzt wute was er wollte, begann
wieder seine Fingergelenke zu revidiren und berzuknacken, als ob er
sich von der Brauchbarkeit derselben zu berzeugen wnsche.

Sie bringen Einen noch zur Verzweiflung, mit Ihrem verfluchten
Gesichter schneiden und Finger brechen sagte Herr Hamann aber
ungeduldig -- knnen Sie das nicht gleich, und gerad' heraussagen?

Verdammt feines Mdchen unten, _Sr_! begann Jimmy wieder, genau wie
im Anfang! seine Rede, den Principal vielleicht zu berzeugen da er
eben gar nichts anderes gleich gesagt habe.

Wird wieder so ein Rpel mit Holzschuhen sein, wie sich schon ein
Dutzend gemeldet hat, brummte der Alte.

Venus! sagte Jimmy, und drohte sich wirklich seine Finger zu
verrenken.

Esel -- htte ich bald gesagt zischte Herr Hamann zwischen den Zhnen
durch und setzte dann lauter hinzu -- und warum schicken Sie mir sie
nicht herauf?

Jimmy hielt darauf eine Antwort fr unnthig, und verschwand blitzschnell
durch die noch offene Thr, wenige Minuten spter mit der Angemeldeten
zurckzukommen, die er aber, da in diesem Augenblick unten nach ihm
gerufen wurde, allein oben mit seinem Herrn zurcklassen mute. Aber,
schon in der Thr, drehte er sich noch einmal nach dem jungen, in seiner
dunklen einfachen Tracht wirklich bildhbschen Mdchen um, starrte ihr
vielleicht eine halbe Minute lang stier in die Augen, und war dann in
wenigen Stzen die Treppe hinunter.

Vor Herrn Hamann indessen, mit, von der Erregung des Augenblicks, der
vielleicht ber ihr knftiges Schicksal entscheiden sollte, etwas
gebleichten Wangen, stand Hedwig Loenwerder, und sagte mit noch ein
wenig zitternder aber bald wieder fest werdender Stimme:

Sie haben, mein Herr, eine Wirthschafterin fr Ihr Hauswesen gesucht,
und ich bin gekommen mich Ihnen dafr anzubieten.

Hm sagte Herr Hamann dicht vor dem jungen Mdchen stehen bleibend, und
sie so, fest und aufmerksam von Kopf bis zu Fen betrachtend, da dem
armen Kinde das Blut in Stirn und Schlfe stieg, und es verlegen den
Blick zu Boden senkte -- hm -- nicht bel, aber -- Sie sind zu jung
mein Kind -- 

Ich habe in hnlicher Weise schon drei Jahre in Dienst gestanden sagte
sie leise.

_Drei_ Jahre? und wie alt sind Sie jetzt?

Ich werde im nchsten Monat sechzehn Jahr.

Hamann schttelte mit dem Kopf und setzte, die Fremde dabei dann und
wann von der Seite ansehend, seine Wanderung im Zimmer wieder fort,
whrend Hedwig indessen still und regungslos stehen blieb, eine
entscheidende Antwort des Mannes zu erwarten.

Die letzten Wochen hatten eine groe Vernderung in Hedwigs ganzem
ueren hervorgerufen, und das ngstlich schchterne, fast kindliche
Mdchen, das sie noch an Bord gewesen, war zur ernsten, selbststndigen,
selbsthandelnden Jungfrau herangereift, in der kurzen Zeit. Schwere
Stunden waren es aber gewesen, die das bewirkt, schwere, herbe Stunden,
in denen die selber so unglckliche Clara ihr Alles vertraut, was das
eigene Herz bedrckte, von dem ersten Verdacht des Diebstahls an, bis zu
dem Augenblick wo sie die Gewiheit in Mark und Seele traf, da der
eigene Gatte der Verbrecher sei, und weit schlimmer und entsetzlicher
als ein bloer feiger Dieb, nicht allein den treuen schuldlosen Diener
ihres Vaters, nein auch ihr eignes Glck und Leben kalt und meuchlerisch
gemordet habe.

Der Schmerz um den Bruder war damit, wenn nicht aus ihrer Brust
gewichen, doch von anderen, mchtigeren Gefhlen die sie frher nie
gekannt, abgestumpft, ja fast verdrngt -- von einem Gefhle der
Bitterkeit gegen die Menschen, die einen armen Unglcklichen kalt und
theilnahmlos verderben lieen, ohne sich viel um seine Schuld oder
Unschuld zu kmmern, und dem Gemordeten kaum ein einsam verachtetes
Pltzchen an der Kirchhofsmauer gnnten; von einem Gefhle des Hasses
gegen den Mrder selbst, der frei und ledig, in Glck und Reichthum --
der Beute seines Verbrechens -- unter Gottes Sonne wandelte. Nur an
Clara hing sie mit aller Liebe und Aufopferung, deren ihr warmes,
weiches Herz fhig war, nur in Clara sah sie die Leidensschwester --
nicht mehr die Gebieterin -- die mit ihr, noch strker fast getroffen
und geschlagen worden, und einem Schatten gleich, lag eine dunkle
Ahnung, der sie nicht Ausdruck, Form zu geben wute, auf ihrer Seele,
da der Verstorbene in grerem Schmerz und Weh dahin geschieden, auch
von _ihr_ verkannt zu sein.

Und Sie glauben da Sie der Sache vorstehen knnten? -- sagte Hamann
endlich, wieder vor ihr stehen bleibend und ihr scharf und forschend
in's Auge schauend. --

Ich glaube es sagte Hedwig, dem Blick fest begegnend.

Haben Sie Zeugnisse?

Ja -- hier.

Der Wirth berlas die Papiere und gab sie ihr zurck.

Ja, das klingt Alles recht schn sagte er, aber ist weit von hier, und
irgend ein Thorschreiber oder Bcker kann das eben so gut geschrieben
haben, aber -- setzte er rasch hinzu, als er sah da sich die Wangen
des jungen Mdchens unter dem halben Verdacht tiefer frbten, und sich
ihre Gestalt hher emporrichtete -- aber das kann und wird auch wohl
Alles in Ordnung sein, nur darauf gehn knnen wir hier nicht, und mssen
selber sehn und prfen. Sind Sie das zufrieden?

Ich will eine Woche auf Probe meinen Dienst antreten sagte Hedwig,
wenn Ihnen das gengt.

Das wre gut sagte Herr Hamann, leise mit dem Kopfe nickend -- und
wie viel Lohn verlangen Sie?

Keinen.

Ich meine nicht fr die Probewoche, sondern berhaupt.

Keinen sagte die Jungfrau fest und entschieden.

Keinen Lohn? rief Herr Hamann, berrascht zu ihr aufschauend -- und
was sonst dafr? denn um gar Nichts kann ich mir doch nicht gut denken
da Sie arbeiten wollen?

Nein sagte Hedwig mit leiserer Stimme als vorher -- ich verlange
vielleicht mehr dafr, als Sie gesonnen sind mir zu bewilligen, knnte
aber auch nur unter der Bedingung die Stelle, die ich gewi zu Ihrer
Zufriedenheit ausfllen wrde, annehmen.

Und das wre?

Ich habe eine kranke Schwester in der Stadt sagte Hedwig -- das
wenige was wir mitgebracht ist bald verzehrt, und ich suche deshalb
einen Dienst, uns Beide zu erhalten, bis meine Schwester wieder zu
Krften gekommen ist. Alles was ich bis dahin fr meine Arbeit verlange
ist, da sie mein Zimmer mit mir bewohnen, mein Lager mit mir theilen
darf, und die wenige Nahrung erhlt die ihr Krper vertrgt.

Eine Kranke in's Haus nehmen? sagte Herr Hamann, kopfschttelnd, nein
Mamsell, das ist eine misliche Sache, davon hat man nur Schererei und
Kosten, und darauf kann ich mich nicht einlassen.

Sie ist nicht mehr _krank_ sagte Hedwig rasch, nur noch schwach und
erschpft von schwerem doch _berstandenen_ Leiden. Nur Ruhe bedarf
sie, keiner Pflege mehr; auch verlange ich nicht da sie mit an der
Wirthstafel it; das Wenige was sie braucht wrd' ich ihr selber
bringen.

Wie heien Sie? frug Herr Hamann.

Hedwig. -- 

Und Ihre Schwester?

Clara.

Mit Zunamen?

Loenwerder sagte Hedwig, und wie sie den Namen aussprach frbten sich
ihr Stirn und Schlfe dunkelroth.

Clara Loenwerder? wiederholte Hamann.

Ich heie _Hedwig_! sagte das junge Mdchen, und eine eigene, ihr
selbst unerklrliche Angst scho ihr bei der Verbindung jener beiden
Namen durch das Herz.

Ja ja, Hedwig wiederholte Herr Hamann, sie wieder dabei betrachtend,
als ob er ihr mit dem Blick bis in das innerste Herz hineinsehn wollte
-- nun ich will Ihnen einmal etwas sagen -- Ihr Gesicht gefllt mir,
obgleich man danach nicht recht gehn kann, und durch eine hbsche Firma
oft genug hinter's Licht gefhrt wird; aber -- wir knnens ja einmal mit
einander versuchen. Ich brauche zwar eine derartige Wirthschafterin
gerade jetzt nicht mehr so unumgnglich nthig, und wrde auch nur wenig
Lohn geben knnen; vielleicht, wenn wir einander zusagen, liee sich's
aber auch auf die Art einrichten, erst mssen wir jedoch Beide wissen,
woran wir miteinander sind; wren Sie das zufrieden?

Ich habe nicht mehr verlangt sagte Hedwig.

Gut, dann knnen Sie heute noch anziehn, wenn Sie wollen -- aber die
Schwester bringen Sie mir noch nicht in's Haus setzte er rasch hinzu
es ist das mit kranken Leuten eine eigene Sache.

Aber darf ich sie in der Woche jeden Tag wenigstens einmal besuchen?
frug Hedwig.

Zwischen dem Mittag- und Abendessen ist nicht viel Zeit sagte Herr
Hamann, aber die Abende _nach_ dem Essen, knnen Sie benutzen wie Sie
wollen -- also wann kommen Sie?

Noch heute Mittag finde ich mich ein sagte Hedwig, und hoffe recht
von Herzen da Sie mit mir zufrieden sein werden.

Sie verlie nach kurzem Abschiedsgru, aber Trost und Hoffnung im
Herzen, das Gemach, whrend Herr Hamann sich aus der, bis jetzt noch
nicht berhrten Karaffe ein volles Glas Wein einschenkte, und dann,
wieder vollkommen zufrieden mit sich selber, seinen Spatziergang im
Zimmer aufnahm.

Fr die Besetzung einer solchen Stelle hatte er schon gefrchtet
ziemlich betrchtlichen Lohn zahlen zu mssen, denn er konnte sich eine
Person dazu nicht aus dem Haufen der Auswanderer heraussuchen, und jetzt
war alle Wahrscheinlichkeit vorhanden, da er sie durch ein ganz junges
hbsches Mdchen, was ihm jedenfalls eine Masse Kostgnger in's Haus
ziehn wrde, und fr wenig mehr als Nichts, fr die doppelte Kost von
ein paar Frauen, die berdie nicht viel aen und gar Nichts tranken,
bekommen konnte.




Capitel 4.

Verschiedene Beschftigungen.


Vor der Thre des deutschen Wirthshauses in ---- _street_, standen die
armen Oldenburger, jeder ein kleines Bndel unter dem Arm, und schauten
trbselig und trostlos die Strae hinauf und hinab, die nach Norden und
Sden hin in die Welt, die weite Welt hinaus fhrte. Und immer noch
hatten sie nur erst deren Schwelle betreten, immer noch hoben sie
zgernd den Fu, und wagten ihn nicht niederzusetzen, weil er nicht
gleich den altgewohnten Boden unter sich fhlte, und whrend der eine
seufzte und den Kopf hngen lie, kratzte sich der Andere mit der
rechten Hand hinter dem Ohr, und zerrieb einen halbgemurmelten Fluch
zwischen den fest bereinander gedrckten Zhnen.

In Amerika knnen die Bauern in den Kuts-chen fahren sang da pltzlich
eine wohlbekannte Stimme ein nur zu wohlbekanntes, aber schon lange
nicht mehr angestimmtes Lied.

In den Kuts-chen mit Sammet und mit Sa-i-de! und als sie sich eben
nicht freudig berrascht, nach dem Snger umdrehten, rasselte eben der
kleine wunderliche Karren Maulbeeres, von diesem geschoben, an ihnen
vorber, und der Dampf aus der kleinen schmutzigen Pfeife zog in
zusammengedrngten kurzen Kruselwolken, regelmig auspuffend wie von
einer Diminutiv-Locomotive hinter ihm drein. brigens that er gar
nicht, als ob er die Oldenburger she, und war auch schon an ihnen
vorbei, als ihn der Ruf des Einen -- Herr Maulbeere --  erreichte und
anhalten machte.

Es ist ein eigenthmliches Gefhl nach einer gewissen Zeit wieder mit
frheren Reisegefhrten zusammenzutreffen, von denen es sich dabei
wunderbarer Weise ganz gleich bleibt, ob man sie gern gehabt unterwegs,
oder gar nicht mit ihnen verkehrt hat, vielleicht die ganze Reise ber.
Was da unterwegs auch mag vorgefallen sein, wie man bereinander
gedacht, und sich vielleicht ganz besonders danach gesehnt hat das
Schiff verlassen zu knnen, von solcher Gesellschaft endlich einmal
fortzukommen; ein kurzer Aufenthalt an Land, mit dem Fremden,
Ungewohnten um sich her, hat das Alles verscheucht, wir haben es
vergessen, und begren mit aufrichtiger Freude den frheren Reise- und
Leidensgefhrten.

Guten Tag Herr Maulbeere sagte der eine Oldenburger, der, sein Bndel
in der Linken, die paar Schritte hinter ihm hergegangen war und jetzt,
neben ihm stehen bleibend, die Rechte nach ihm ausstreckte -- wie gehts
hier in Amerika?

Hallo sagte Maulbeere, sein Tragband von den Handgriffen seines
Karrens ziehend und, indem er sich aufrichtete, die gebotene Hand, aber
noch etwas zgernd annehmend -- hallo Ihr Leute -- immer noch zu Fu?
-- Donnerwetter, wo sind denn die Kuts-chen?

Ja Kuts-chen sagte der Oldenburger in seinem eigenthmlichen Dialekte,
es fhrt sich hier was in Kuts-chen -- wir sind froh da wir zu Fu
gehn drfen -- 

Ich fahre, sagte Maulbeere mit einem wohlwollenden Seitenblick auf
seinen Karren.

Soweit haben wir's noch nicht einmal gebracht, sagte der Andere, jetzt
ebenfalls hinzutretend, guten Tag Herr Maulbeere.

Guten Morgen meine Herren, guten Morgen; irgend etwas zu schleifen? --
Scheeren, Messer, Rasirmesser, Lanzetten, Pflugschaaren, Sensen? rief
Maulbeere, mit einer Geschftsmiene dabei wieder auf seine Schleifsteine
deutend -- stehe zu Diensten und sollen billig bedient werden -- sehe
mehr auf gute Behandlung, als schlechten Gehalt.

Ach lassen Sie das Spaen, Herr Maulbeere, meinte der Erste wieder,
einen tiefen Seufzer ausstoend -- die Geschichte hier ist verzweifelt
ernsthaft, und wenn man nicht wei wo man Brod hernehmen soll, ist Einem
nicht gerade wie Lachen zu Muthe.

Hoho, sagte Maulbeere, die Augenbrauen in die Hh ziehend, schon drei
Wochen in Amerika und noch kein Brod? -- das ist Pech!

Ist es Ihnen denn geglckt?

Harte Arbeit Schentelmen, sagte aber der Scheerenschleifer
achselzuckend -- _sehr_ harte Arbeit -- habe im Sinn die Residenz zu
verlassen.

Und wo gehn Sie hin?

Den Flu hinauf, versteht sich; werde das Land durchziehn, hier ist
wenig zu verdienen. Es giebt eben hier zu viel Muler die Brod haben
wollen. Apropos, wo sind denn Ihre Frauen?

Arbeiten da drin, sagte der Eine, mit dem Kopf nach dem Haus
hinberzeigend.

So? -- untergebracht? frug der Scheerenschleifer, nun da kann man ja
gratuliren.

Aber kriegen Nichts sagte der Andere.

Desto lngere Aussicht auf stete Beschftigung bemerkte Maulbeere.

Aber wovon nachher leben?

Vielleicht von den groen Rosinen, die Sie frher im Kopf gehabt,
meinte Maulbeere -- ist ein merkwrdiges Land das Amerika; guten Morgen
meine Herren! und mit den Worten tauchte er wieder mit den sen seines
Tragbands nach den beiden Griffen des Karrens, warf sie in das richtige
Gleichgewicht und schob, whrend ihm die weie Wolke folgte, rasch die
Strae nieder, ohne sich um die beiden Bauern weiter zu bekmmern.

Die nchste Strae rechts einbiegend, die zum Flu nieder fhrte,
erreichte er dort die sogenannte Flatbootlandung, und das Ufer sah hier
kahl, und keineswegs so belebt aus als weiter oben, wo die rauchenden
dunklen Schornsteine und oberen Decks der Cajten, oder die mit ihren
wie spinnwebartig durchflochtenen Masten ber die hohe, mit Gtern und
Waarenballen bedeckte Leve hervorragten. Der Strom hatte in dieser
Jahreszeit wenig Wasser, und die niederen flachen Boote schwammen, nur
erst bemerkbar wenn man auf die Leve selber trat, tief unter der
steilen schmutzigen Bank, mit Tauen an diese befestigt am Ufer.
Alligator hnlich lagen sie dabei in der trben Fluth, hie und da mit
den Vordertheilen auf dem Schlamm, und nur mit schmalen Laufplanken von
diesem aus nach trockenem Boden oder Sand hinberreichend.

Wunderbare Fahrzeuge sind aber diese _Flatboats_ des Mississippi, allem
Anschein nach aus den ersten Urzustnden des Schiffsbaues herrhrend,
und doch noch nicht, weder durch Dampf- noch Segelschiffe aus ihrer
Wirksamkeit verdrngt, ja eher mit diesen anwachsend und an Zahl
zunehmend.

Ein langes aus derben Planken mit hlzernen Pflcken zusammengenageltes
und mit Werg und Theer dicht gemachtes, vielleicht sieben Fu tiefes
Boot mit vollkommen flachem Boden, das, wenn geladen, fnf bis sechs Fu
im Wasser geht, ist es mit einer Art, vielleicht vier bis fnf Fu hohem
Fachwerk umgeben, und mit zlligen oder halbzlligen Bretern, die in der
Mitte etwas gewlbt, quer von einem Bord nach dem andern hinbergebogen
sind und ziegelartig bereinander liegen, gedeckt. Diese Boote gehen nur
mit der Strmung, wie wir ihnen schon auf dem Mississippi begegnet sind,
manchmal gradaus, manchmal ber Steuer, nicht selten Meilen weit seitwrts,
den Krabben hnlich, ihre Bahn entlang, hier der Strmung folgend, dort,
durch eine Rckstrmung gehalten, da die Leute mit den langen Finnen
hnlichen _sweeps_ oder Rudern Stunden lang arbeiten mssen, nur
wieder los und in freies Fahrwasser zu kommen. Und wie manches sinkt
und verdirbt auf der langen mhseligen, und so oft gefhrlichen Bahn;
pltzliche Strme und Unwetter -- der _Hurricane_ in Natchez 1841
zerstrte damals 112 in wenigen Meilen Entfernung -- im Wasser
verborgene Snags, Untiefen und festgeschwemmtes Driftholz sinken manches
von ihnen, und man kann immer rechnen, da kaum drei Viertel der Zahl
ihr Ziel erreichen.

So unscheinbar dabei ihr ueres ist, so werthvolle Ladungen bergen sie
nicht selten in dem rohen unbehlflichen Kasten, die der Fhrer, wo er
einen Markt fr seine Waaren zu finden glaubt, oder zuletzt in
New-Orleans selber, mit dem Vordertheil an Land schiebt, und seinen,
weder Steuer noch Abgaben zahlenden Laden gleich fix und fertig
errichtet hat, den er, wenn die Waaren abgesetzt sind, auseinander
schlgt und mit verkauft.

Und wie wunderlich sieht es in den Booten selber aus -- hier das erste
-- der Weg ist etwas steil, die schlpfrige Bank hinunter -- birgt in
seinem Innern ein buntes Gemisch von Allem, was das Herz eines richtigen
Yankees erfreuen knnte, Butter, Schmalz, Kartoffeln, Hhner, Apfelwein
und Whiskey, Heu, Zwiebeln, getrocknetes Obst, und Fsser mit Makrelen,
Kisten mit Stockfisch und Traubenrosinen, Krachmandeln, Nudeln, Kse,
Alles steht bunt und wild durcheinander gepackt, hier in Proben
aufgestellt, dort in angerissenen Fssern und Kisten, unter Deck --
daneben liegt ein Boot mit eingesalzenem Schweinefleisch von Cincinnati,
und das Fett mit dem das Deck beschmiert ist, dampft in der Sonne; dort
liegt ein anderes mit Baumwolle von Tennessee, da ein anderes mit Taback
von Kentucky geladen; und da strecken Rinder und Schaafe den Kopf aus
den offen gelassenen Luftlchern anderer, und blken und brllen ihren
Kameraden zu. Die Staaten Arkansas, Missouri, Texas, Tennessee, Kentucky
und Illinois senden jhrlich wohl dreiig tausend Stck lebendigen
Hornviehs nach New-Orleans, und von Ohio werden ebenfalls hunderte
solcher schwimmenden Saustlle mit ihren grunzenden Bewohnern der
Knigin des Sdens zugefhrt.

Was das fr ein Leben ist, zwischen den, einen schauerlich warmen
Fettgeruch und Dunst faulenden Obstes und angegangenen Fleisches
ausstoenden Fahrzeugen; wie die Eigenthmer auf der Leve stehn, oder
vorn in ihren Booten sitzen, Kufer herbeizurufen, und ihre Waaren dabei
ausschreien, die vorzgliche Qualitt derselben anpreisend. Dazwischen
durch dann das Drngen und Treiben der Arbeiter, die hier ein verkauftes
Boot entladen, damit es nachher auseinander geschlagen und in seinen
Planken noch verwerthet werden knne, dort eine Parthie aufgekaufter
Fsser und Kisten die steile Leve mhselig hinaufschaffen, und von Fett
und Schmutz bedeckt unter ihren Lasten keuchen und schwitzen, bis sie
die Hhe der Leve erreicht haben, dort sich einen Augenblick die
glhende tropfende Stirn abtrocknen, und dann wieder schwanken Schritts
niedersteigen, ihr Werk von Neuem zu beginnen.

Maulbeere fuhr mit seinem Schleifkarren, seinem Grundsatz treu keinen
Fleck unbesucht zu lassen wo er die Hoffnung hatte etwas verdienen zu
knnen, oben an der Leve hin, dann und wann stehen bleibend, seine
schon auswendig gelernten Rufe -- _no knives, no scissors to grind_?[11]
ertnen zu lassen. Hie und da bekam er auch wirklich zu thun; dort und
da schaute ein behaubter Kopf unter einem der niederen Flatboot-Decke
vor, eine rauhe Stimme rief ihm ein _stop_! zu, und irgend ein
rothwollener Unterrock, oder auch dann und wann ein schlankes hbsches
Kind in dem kleidsam eng anschlieenden Mieder der Backwoodsfrauen, nur
die feinen rosigen Zge von dem unfrmlichen Sonnenbonnet fast verhllt,
stieg die Bank zu ihm hinauf, eine widerspenstige Scheere, mit der der
Vater oder Gatte so lange Bindfaden geschnitten hatte bis sie jeden
weiteren Dienst verweigerte, wieder zu stellen und zu schrfen; oder der
Flatbootman selber stieg langsam das Ufer hinan, ein riesiges langes
Messer in der Hand, mit dem er Speck und Kse schneiden mute, und das
er auch gern schrfer haben wollte als es war. So lange er seinen Stein
dann drehte, da die hellen blitzenden Funken daraus vorblitzten,
drngte sich ein Kreis von neugierigen Miggngern, von denen die Leve
schwrmt, um ihn her, nicht selten fast mehr von der wunderlichen
Gestalt des Mannes selber, als von seiner Arbeit ergtzt, bis er die ihm
gebrachten Instrumente in Stand gesetzt, sein Geld dafr eingestrichen
und sein Tragband wieder eingehakt hatte, mitten zwischen die Schaar,
die ihm lachend Raum gab, mit einem deutschen bitt' um Verzeihung
hineinzufahren.

An manchen Stellen wurde er brigens durch die dort aufgestapelten
Fsser und Waaren in seiner Bahn aufgehalten, und mute einen Umweg
machen, den Hindernissen aus dem Weg zu kommen. Eben auch war er wieder
einer Anzahl fettglnzender und entsetzlicher duftender Porkfsser
ausgebogen, als er eine lachende Stimme seinen Namen nennen hrte. Wie
er aber stehen blieb und sich berall vergebens nach einem bekannten
Gesicht umschaute -- denn auf die Arbeitsleute, von denen ein groer
Theil gerade Mittag gemacht, whrend das Ausladen noch nicht wieder
begonnen hatte, achtete er gar nicht -- rief Einer der Flatboatleute,
die zwischen den heraufgerollten Pork- oder Schweinefssern standen, und
von der schmutzigen Arbeit und Schwei und Sonne in ihren kurzen blauen
Oberhemden und abgetragenen oder zerdrckten Strohhten kaum eine
Physionomie erkennen lieen, indem er dem Scheerenschleifer freundlich
zunickte:

Aber Herr Maulbeere, kennen Sie mich nicht mehr?

Wetter noch einmal, sagte dieser, seinen Karren niedersetzend und die
Gestalt erstaunt von oben bis unten betrachtend, die Stimme ist mir
bekannt und das Gesicht auch, hat wenigstens, wie Herr Schultze sagen
wrde, eine merkwrdige hnlichkeit mit einer Nebelkrhe oder einem
Schornsteinfeger. --

Habe ich mich denn in den paar Tagen so merkwrdig verndert, lachte
der Mann, seinen Hut abnehmend, unter dem eine Flle kastanienbraunen
lockigen Haares vorfiel, da mich ein Reisegefhrte und Coyennachbar
nicht einmal mehr kennt?

Herr Eltrich -- so wahr ich lebe, sagte Maulbeere, jetzt aber wirklich
auf das uerste erstaunt, wie um Gottes Willen sehn Sie denn aber
aus, und was machen Sie hier in _dem_ Aufzug und bei _der_ Arbeit?

Mein Schicksal ist bald erzhlt, sagte der junge Mann mit lachendem
Gesicht, aber doch kaum im Stand einen gewaltsam aufsteigenden Seufzer
zu unterdrcken -- kaum hier in New-Orleans angekommen lie ich mir auf
leichtsinnig kindische Weise -- ich war genug davor gewarnt worden -- und
von dem Neuen was mich berall umgab beirrt, von dem Neger, der mein
smmtliches Gepck auf seinem Karren hatte, dieses mit allen unseren
Effekten, ein paar Kleinigkeiten die meine Frau in der Hand trug
ausgenommen, entfhren. Von Allem entblt, was schon der einzelne Mann,
wie viel mehr dann eine Familie zu ihrem Leben braucht, sah ich, wenn
ich nicht rasche Anstalt machte Geld zu verdienen, unseren Untergang,
oder doch einen Zustand grenzenloser Noth vor Augen. Vergebens lief ich
dabei herum in meiner Kunst Beschftigung zu erhalten -- ich konnte mich
nicht einmal anstndig kleiden, denn es war ja Alles zum Teufel, und mit
dem etwas abgerissen aussehenden Menschen wollte sich Niemand einlassen.
Wir aber brauchten auch auerdem Brod, die paar Dollar, die ich noch im
Vermgen besa, nahmen schon in der ersten Woche so rasend schnell ab,
da ich mir genau die Zeit berechnen konnte wo wir, wenn nicht irgend
etwas geschah das aufzuhalten, auch ohne einen Pfennig dasitzen wrden,
und ich entschlo mich kurz und gut Arbeit zu suchen und zu nehmen, wo
ich sie finden wrde. Drei Tage lief ich auch hiernach vergebens herum;
der gute Wille that es nicht allein, denn die wieder gesndere
Jahreszeit in New-Orleans hatte eine wahre Unmasse von Arbeitern hierher
zurckgeworfen, bis ich, eigentlich in letzter Verzweiflung diese Boote
besuchend, Arbeit und guten Lohn auf einem von ihnen fand, das seine
Leute, Streites halber, den sie mit dem Eigenthmer gehabt, entlassen
hatte.

Und _die_ Arbeit hier knnen Sie thun? sagte Maulbeere, abwechselnd
und erstaunt bald die leichte schmchtige Gestalt, und die sonst so
feinen, jetzt fettbeschmutzten Hnde des jungen Mannes, bald die
schweren Pork- und Mehlfsser betrachtend, die um ihn her aufgestapelt
lagen.

Der Mensch kann Alles was er _mu_, lachte der junge Mann, frher
hab' ich es freilich selber nicht fr mglich gehalten, jetzt aber geht
es, und Alles bercksichtigt, sogar vortrefflich, denn ich verdiene,
auer der Kost, einen Dollar den Tag, und befinde mich vollkommen wohl
und gesund dabei.

Und Ihre Frau?

Pflegt zu Hause das Kind und weint und lacht, wenn sie mich in diesem
Aufzug ankommen sieht -- ich habe sie aber noch nicht bewegen knnen,
einmal mit dem Kleinen hier herunterzukommen und unserer Arbeit
zuzusehen -- sie meint es brche ihr das Herz. --

Bah, sagte Maulbeere kopfschttelnd, wenn _Sie_ sich nicht den Rcken
bei den verdammt schweren Fssern brechen, glaube ich nicht da Gefahr
fr ihrer Frau Herz zu frchten ist, aber -- was Leichteres wre mir
doch auch lieber -- ich wei nicht, den Begriff Amerika habe ich mir
anders gedacht, als Fsser gepkelten Schweinefleisches bergauf zu
kullern.

Ich auch lieber Maulbeere, ich auch, aber was wollen wir machen?
lchelte Eltrich, Hunger thut weh und ehrliche Arbeit schndet hier
nicht, das ist schon ein ungeheuerer Vortheil dieses freien Landes --
andere habe ich allerdings noch keine Gelegenheit gehabt kennen zu
lernen.

Es ist eine kleine, aber doch immer eine Empfehlung, sagte Maulbeere
achselzuckend, und ungefhr so, als ob ich Jemanden in's Wasser werfe,
und erlaube ihm dann das Maul zuzumachen und zu schwimmen -- und dafr
35 Thaler Gold Passage -- kommt mir beinah ein wenig theuer vor -- haben
Sie die Fsser Pech -- oder ist das etwa gar Kolophonium? auch mit
heraufgewlzt?

Ja, lachte Eltrich.

Stoffverschwendung, murmelte Maulbeere zwischen den Zhnen durch, und
setzte dann lauter hinzu, nein, zu _solcher_ Arbeit mchte ich mich
doch nicht verstehen; werde wenigstens suchen mich so lange davor zu
bewahren als mglich. Meine Absicht ist hier in Amerika, so bald sich
eine schickliche Gelegenheit dazu bietet, meinen Hnden wie meinemersten
linken Hinterbein, das nun so lange Jahre hat das Rad treten mssen,
Ruhe zu gnnen, und mit dem Geist zu arbeiten.

Aber wie wollen Sie das anfangen Herr Maulbeere?

Daran arbeitet mein Geist eben noch, sagte der Scheerenschleifer
etwas geheimnivoll, der passende Zeitpunkt ist auch noch nicht
gekommen -- sollte er nahen werde ich ihn nicht versumen. --

Hallo _boys_ -- hier, macht da die Sachen hinaufkommen! unterbrach
da eine Stimme vom Flatboot herauf, die Unterhaltung der beiden
Reisegefhrten -- die Karren kommen da oben schon wieder zurck und
wollen Ladung haben.

Ich mu fort Herr Maulbeere, rief Eltrich rasch, dem Mann die Hand
entgegenstreckend, sie aber wieder zurckziehend -- ich mache Sie
schmutzig, setzte er, dabei leicht errthend, hinzu.

Ich wasche mich wieder, sagte Maulbeere, ohne eine Miene zu verziehn,
nahm die nochmals dargebotene Hand, schttelte sie weit wrmer als das
sonst seine Gewohnheit war, und blieb dann, whrend Eltrich wieder nach
dem Boot hinuntersprang, noch eine Weile oben auf der Leve, die hei
niederbrennende Sonne nicht weiter beachtend, halten, zuzusehn wie sein
Reisegefhrte arbeite. Eltrich war dabei vielleicht der Einzige von den
Zwischendeckspassagieren gewesen, mit dem er nie ein unfreundliches Wort
gehabt, der ihn nie verspottet oder gergert; Einer der Wenigen, dem,
wie seiner Frau, man es auf den ersten Blick ansah, da sie einst in
besseren Verhltnissen und greren Bequemlichkeiten gelebt, whrend sie
sich doch alle Beide nie, auch ber die grten Unannehmlichkeiten
nicht, weder ber Kost noch Raum beklagten. Das besonders hatte ihnen
die Achtung dieses wunderlichen Zwitterdings von Thier und Mensch, des
Scheerenschleifers, gewonnen, und wenn dieses Herz berhaupt einer
solchen Regung fhig gewesen wre, wrde er den jungen Mann, der sich
mit seinem schmchtigen Krper jetzt gegen ein ziemlich dreihundert
Pfund schweres Porkfa legte, und es mit triefender Stirn den Hang
hinaufarbeitete, bemitleidet, ja ihm vielleicht irgend eine Hlfe
angeboten haben, er htte von vornherein berzeugt sein knnen da sie
Eltrich nicht annahm. Maulbeere wollte etwas derartiges aber auch nicht
einmal riskiren, und nur nach einer Weile auf das Entschiedenste mit dem
Kopfe schttelnd, drehte er sich um, hakte sein Tragband wieder ein, und
fuhr in seinem gewhnlichen schwankenden Gang die Leve hinauf, der
Dampfbootlandung zu.

ber den freien, vor dieser Landung liegenden Platz, schritt ein Mann
mit einer Frau. Der Mann trug einen Jagdranzen ber der Schulter, die
Frau ein, in ein rothes Tuch eingeknpftes Bndel in der Hand, aber
den Kopf blos dabei, die Haare wirr und ungemacht, und nur mit einem
schwarzsammetnen Stirnband zusammengebunden, das vorn eine kleine
unchte emaillirte Broche trug. Ohrringe und Halskette waren von
demselben Metall, paten aber wie das in grellbunten Farben prangende
seidene Tuch, das sie um den Hals trug, schlecht zu den bleichen Wangen,
den hohl liegenden stieren Augen, und die Leute die ihnen begegneten,
und nicht gerade zu viel mit sich selber zu thun hatten, noch auf irgend
etwas anderes zu achten, blieben stehn und schauten der wunderlichen, ja
fast unheimlichen Gestalt nach, die wankenden Ganges neben dem Mann
hinschritt, mit den Hnden dabei focht, und einzelne unzusammenhngende
Worte ausstie.

Sei jetzt vernnftig Jule! flsterte ihr da der Mann, ihren Arm zu
gleicher Zeit fassend da sie vor Schmerz einen leisen Schrei ausstie,
zu -- zum Donnerwetter noch einmal, alle Menschen, die uns begegnen,
stieren uns an, und halten Dich am Ende noch fr verrckt. La doch zum
Teufel die Arme ruhig, was hast Du denn damit in einem fort in der Luft
herumzufahren? Wenn Du mir nicht unterwegs wieder vernnftig wirst, wei
ich wahrhaftig gar nicht was ich mit Dir anfangen soll.

Unterwegs? -- ja -- das ist gut, sagte die Frau, leise vor sich
hinlachend, unterwegs -- wenn wir nur erst unterwegs wren -- ich sehne
mich danach.

Na dann geh auch ordentlich zu, und betrage Dich nicht so albern,
brummte der Mann, sieh' das Boot raucht schon, wir mssen machen da
wir hinunter kommen.

Herr Gott! rief die Frau da, pltzlich stehen bleibend, und sich mit
der linken Hand wild ber die Stirn streichend, wir haben -- wir haben
etwas zu Haus vergessen!

Vergessen? sagte der Mann, sie fragend anschauend, na was ist nun
wieder los -- die Brieftasche? -- nein die habe ich hier, und das Geld
ist auch da -- was hast Du denn vergessen?

Die _Kinder_, flsterte die Frau, und ergriff heftig seinen Arm, der
Mann aber schleuderte sie wild von sich; wie er jedoch sah da mehr und
mehr Menschen auf sie aufmerksam wurden, und stehen blieben und ihnen
nachschauten, trat er rasch an die Frau wieder hinan, zog ihren linken
freien Arm in den seinen, und sie wie mit eisernem Griffe haltend und
mit sich fortziehend, zischte er ihr in's Ohr:

Bist Du denn ganz des Teufels, sinnloses Weib, hier auf offenem
Platze den Unsinn auszuschreien? -- oder mchtest Du etwa mit den
Amerikanischen Zellengefngnissen Bekanntschaft machen? Komm -- halte
Dich fest an mich an und verlier Dein Bndel nicht; ein Glck da die
Leute kein Deutsch verstehn.

Gehn wir denn hin wo sie sind? frug die Frau rasch, immer noch an dem
einen Bild sich anklammernd.

Mir wr's recht wenn Du's thtest, rief der Mann in finsterem, kaum
zurckgehaltenem Groll, ich habe das Gewinsele und Geklage satt --
begreife berhaupt nicht, wie ich es so lang ausgehalten, und geb' Dir
meinen Segen auf die Reise.

Und ich _drfte_ zurck? rief die Frau rasch und heftig bewegt zu ihm
aufschauend.

Treib' keinen Unsinn, knurrte der Mann, Du wrst's am Ende im Stande,
ihnen gerade wieder in den Rachen zu laufen, und die Freude zu machen,
da sie Dich eine halbe Lebenszeit in's Spinnhaus stecken knnten. --
Dort liegt unser Boot -- alle Wetter, da geht auch ein alter Bekannter;
noch von Bord her; kennst Du den, Jule?

La den widerlichen Menschen, sagte die Frau, in sich zusammenschaudernd.

Guten Tag Herr _Meier_! rief in diesem Augenblick Maulbeere, der mit
seinem Karren gerade an ihnen vorber fuhr und den Hut in spttischer
Ehrerbietung tief gegen ihn schwenkte -- bitte mich Ihrer Frau Gemahlin
auf das Gehorsamste zu empfehlen.

Steffen, der seine rechte Hand in der Hosentasche stecken hatte, zog sie
heraus, griff an die Mtze und ging steif und finster an dem, ihm aus
mehr als einer Hinsicht verhaten Scheerenschleifer vorber.

Ein nobeles Prchen, murmelte dieser aber vor sich hin, als er, ohne
sich nach den Beiden weiter umzusehn, an ihnen vorbei gefahren war, ein
_sehr_ nobeles Prchen, das mu wahr sein. Gbe auch was drum wenn ich
wte was die einmal fr ein Ende nehmen hier in Amerika -- jedenfalls
auf Staatsunkosten, oder mte mich sehr irren.

Hallo Scheerenschleifer! rief da eine laute frhliche Stimme hinter
ihm her -- halt da, hier ist Arbeit fr Euch.

Maulbeere hielt rasch still und sah sich nach dem Rufer um, der vorn auf
dem Bug desselben Bootes stand, das der Mann von der Haidschnucke mit
seiner Frau eben betreten hatte, und das an seinem Boilerdeck ein groes
Schild mit seinem Namen _The backwoods queen_ und dem Bestimmungsort
_St. Louis_ trug.

Ist denn heute die ganze Haidschnucke ber die Landung hier
weggeschttelt? murmelte der Scheerenschleifer erstaunt zwischen den
Zhnen durch, als er wieder einen seiner Reisegefhrten, ebenfalls als
Bootsmann gekleidet, gar nicht weit von sich entfernt stehen und winken
sah, und blaue verdammt kurze Hemden scheinen ein ordentlicher
Modeartikel zu sein -- hm, hm, hm, Herr Donner als Matrose auch nicht
bel; Zachus Maulbeere darf da, seinen greren Fhigkeiten
entsprechend, wohl bald erwarten Capitain zu werden.

Nun Maulbeere wie gehn die Geschfte? rief ihm Georg Donner noch
einmal zu, und kam dann ber die Laufplanke, seine beiden Daumen vorn in
dem breiten Ledergrtel, der seine Hften umschlo, herber an Land --
Wetter noch einmal Mann, Ihr seht noch genau so aus wie an Bord, und
habt Euch nicht im mindesten amerikanisirt.

Htte bald 'was gesagt brummte Maulbeere, die Gestalt vor sich mit
einer eigenen Mischung von Spott und Humor betrachtend; aber was thun
Sie hier eigentlich, und wie sehn Sie aus?

Maulbeere hatte allerdings Ursache so zu fragen, denn mit Georg Donner
schien jedenfalls eine ganz eigenthmliche und groe Vernderung
vorgegangen zu sein. Schon in seinem ueren war er ein anderer Mensch
geworden, der den dunklen Rock ab- und ein kurzes blaues Matrosenhemd
bergeworfen hatte, das in der Mitte von dem schon erwhnten Ledergrtel
zusammengehalten wurde. Die Beine staken in Hosen von demselben
einfachen Stoff, sein blaugestreiftes Hemd hielt ein schwarzseidenes in
einen Matrosenknoten geschlagenes Halstuch zusammen, und das dunkle
lockige Haar deckte eine blauwollene schottische Mtze, whrend an dem
Grtel ein kurzes Matrosenmesser mit hlzernem Griff und in lederner
Scheide hing. Aber das nicht allein -- sein ganzes Wesen hatte das
ernste, trumerische verloren das ihm an Bord so eigen gewesen, und war
frei und entschlossen, ja fast keck geworden, ohne jedoch dadurch irgend
etwas von seiner offenen Ehrlichkeit verloren zu haben.

Er lachte, als er den schmutzigen verdrossenen Burschen, der ihm immer
in seinem ganzen Wesen viel Spa gemacht, noch eben so sauertpfisch,
bis in dasselbe Knopfloch hinauf eingeschnrt, und ohne die Spur von
irgend einer reinen Wsche vor sich stehen sah, besserte aber dadurch
Maulbeeres Laune keinenfalls.

Wie ich aussehe, mein wrdiger Maulbeere? lachte Donner, wie ein Mann
der entschlossen ist seinen Weg in Amerika zu machen, und das Land zu
sehn und kennen zu lernen.

Um das Land kennen zu lernen gehn Sie auf's Wasser? sagte der
Scheerenschleifer, seine Stirnhaut zu unzhligen Falten zusammenziehend
-- auch nicht bel, und als was? -- Capitain, Steuermann, Koch,
Ingenieur?

Nichts von alle dem Kamerad lachte der junge Mann, zu so hohen Posten
kann man erst avanciren, wenn man von der Pike auf gedient hat; vorerst
mache ich eine Reise als Feuermann mit.

Als Heizer an Bord? frug Maulbeere wirklich erstaunt.

Als Heizer besttigte Donner lachend, mit dreiig Dollar monatlichem
Gehalt, und frei Kost und Logis, Whiskey, Zucker, Kaffee und wie die
Vortheile alle heien, die uns das wackere Boot bietet.

Sind Sie bei dieser Anstellung als _Lehrling_ oder gleich als _Geselle_
eingetreten? frug Maulbeere, der sich noch immer nicht an dem Costm
seines frheren Reisegefhrten satt sehn konnte.

Als Geselle, Herr Maulbeere, als Geselle, und Sie sollten einmal sehn
wie ich die Schrstange schwingen werde.

Kann ich mir lebhaft denken betheuerte der Scheerenschleifer, sein
Gesicht in einen frmlichen Knoten zusammendrckend -- kann ich mir
lebhaft denken -- ist auch eine recht passende Beschftigung fr einen
Pastors-Sohn.

Schadet Nichts Maulbeere lachte aber der junge Mann, nur ehrlich und
rechtschaffen gehandelt und sich sein Brod selber erarbeitet, auf das
brige kommts dann nicht an; ob ich einen Frack oder ein Schurzfell
trage, und _durch_ komm' ich, darauf knnen Sie sich verlassen, so lange
mir Gott meine Gesundheit und meine gesunden Glieder lt. brigens
sind noch ein paar Bekannte von Ihnen hier an Bord setzte er rasch
hinzu -- Carl Berger, der Deserteur, und Herr Schultze aus Hannover.

_Auch_ Feuermann? rief Maulbeere rasch und erstaunt.

Der erste ja, der letzte nicht lachte Georg Donner -- sollte sich
nicht bel mit der Schrstange ausnehmen, und wrde das Feuern wohl kaum
vierundzwanzig Stunden aushalten; er geht als Passagier, glaub' ich,
nach St. Louis.

Hm brummte Maulbeere vor sich hin -- alle Welt geht fort von hier;
wenn ich wte da es im Lande besser wre, schb ich meinen Karren auch
an Bord.

Scheeren und Messer wird's berall zu schleifen geben sagte Donner.

Die Mglichkeit ist vorhanden da ich mir in Zukunft meine eignen
Messer schleifen _lasse_ sagte Maulbeere.

Oho? rief Donner verwundert aus, ja wenn Sie solche Plne haben,
Freund Scheerenschleifer, dann ist doch wohl New-Orleans der beste
Platz, galopirende Speculationen rasch zur Ausfhrung zu bringen; ich
wte brigens eine fr Sie.

Eine Speculation? -- und die wre?

Haben Sie die riesenhaften Ankndigungen von Stiefelwichse gesehn, die
berall in der Stadt an den Straenecken kleben?

Allerdings -- wo sich der Neger vor dem Stulpenstiefel rasirt feixte
Maulbeere, dem die Idee ungemein gefallen.

Dieselbe! lachte Donner, wenn Sie Ihren Stiefeln im Stande sind halb
den Glanz zu geben den das Schultertheil Ihres Rockes hat, so ist Ihr
Glck gemacht.

Hren Sie einmal mein lieber Herr Donner sagte aber jetzt Maulbeere
gereizt, und mit einem fast boshaften Lcheln in den entsetzlich
hlichen Zgen -- wenn Ihre Feuer nicht besser scheinen werden als Ihr
Witz, so glaub' ich, km' ich eher mit meinem Schiebkarren nach St.
Louis hinauf, wie Sie mit Ihrem Dampfboot -- wer wei ob mein blanker
Rock nicht noch lnger hlt als Ihr blaues Hemd, und Sie im nchsten
Winter nicht vielleicht Gott danken wrden, einen so warmen berzieher
zu haben.

Frieden, wrdiger Greis, Frieden lachte der junge Mann, die Bemerkung
war keineswegs bse gemeint und sollte Sie nicht beleidigen -- im
Gegentheil hab' ich sogar eine Bitte an Sie, mir nmlich ber ein paar
junge Leute von unserem Schiff Auskunft zu geben, die Sie gewi nicht,
wenigstens trau' ich das Ihrem Scharfblick kaum zu -- aus den Augen
verloren haben.

Und die wren? -- sagte Maulbeere immer noch mistrauisch den jungen
Burschen dabei betrachtend.

Was ist aus dem Doktor Hckler geworden? sagte dieser -- ich habe ihn
nicht wieder gesehn, seit er an jenem ersten Landungsabend unser Schiff
verlie.

Wohnt jetzt in ---- _street_ sagte Maulbeere, fhrt ein groes Schild
ber der Thr _J. A. Hckler_, deutscher Doktor und Geburtshelfer
schmunzelte Maulbeere -- und rechts und links an dem Schild hat er sich
ein paar groe schwarz-roth-goldene Kokarden malen lassen.

Georg Donner lachte.

Der wird sein Brod schon hier finden sagte er achselzuckend, wer
kann's ndern; vielleicht haben die Leute recht, die da behaupten, in
Amerika _wollten_ die Menschen betrogen sein.

_Vielleicht_ haben sie recht, brummte Maulbeere vor sich hin -- da
ist gar kein vielleicht dabei, und wer hier seine _Knochen_ einsetzt,
mu gewhnlich die Haut mit in Kauf geben -- ich gedenke hier _Gerber_
zu werden -- aber nach wem wollten Sie noch fragen?

Haben Sie von Henkel und seiner Frau Nichts gehrt?

Hm --  sagte Maulbeere, sich mit der linken Hand die grauen
Kinnstoppeln streichend -- gehrt gerade nicht, aber gesehn.

Gesehn? -- was?

Nun wie sie von Bord ging sagte Maulbeere.

Die arme Frau -- ob sie sich wohl erholt hat -- 

Wunderliche Geschichte das, meinte Maulbeere.

Ich glaube nicht da die Krankheit von Bedeutung war sagte Donner, die
Bemerkung darauf beziehend -- Ruhe und nahrhafte Kost werden sie wohl
bald wieder hergestellt haben. Ich htte sie gern einmal wieder besucht
und mich nach ihrem Befinden erkundigt, mochte sie aber doch auch nicht
stren -- wissen Sie nicht wo sie wohnen?

Wer? -- die Frau mit dem Mdchen?

Henkels -- 

Mglich da sie sich wieder zusammengefunden haben, meinte Maulbeere
trocken -- im Anfang waren sie auseinander.

Wie so? frug Donner erstaunt.

Nun die Madame ist in _ein_ Hotel gezogen, und der Herr in ein anderes
meinte Maulbeere -- waren lange genug zusammen an Bord, und Amerika ist
ein freies Land.

Unsinn sagte der junge Mann lachend, da haben Sie sich etwas aufbinden
lassen, Herr Maulbeere -- Henkel wird sich hten und seine junge,
wunderhbsche Frau in ein anderes Hotel ziehen lassen -- ich mchte nur
wissen ob sie sich wieder vollkommen wohl fhlt.

Knnten Sie am Besten wissen, wenn Sie wren zu finden gewesen sagte
Maulbeere trocken.

Zu finden gewesen? -- was wollen Sie damit sagen?

Da Sie das kleine Ding -- wie hie das Mdchen doch, das in der Cajte
die Kammerjungfer spielte? -- 

Hedwig! rief Donner schnell.

Ja wohl, Hedwig, da Sie die wie eine Stecknadel in der ganzem Stadt
gesucht und mich, den sie zufllig auf der Strae traf, auch nach Ihnen
gefragt hat.

Guter Gott, htte ich nur eine Ahnung davon gehabt rief Georg, aber
was wollte sie von mir -- rztliche Hlfe?

Nun was sonst? -- die Frau lag lebensgefhrlich krank und sie hatten,
wie sie sagte, kein Vertrauen zu einem Amerikanischen Arzt; mte mich
brigens sehr irren, wenn nicht vielleicht ebenso wenig Geld wie
Vertrauen -- .

Eben so wenig Geld? -- Unsinn, ihr Vater ist Einer der reichsten Leute
in Heilingen und ihr Gatte Herr oder Erbe einer halben Million -- .

Ja -- ist recht schn, aber wie mir jetzt scheint, ist die halbe
Million noch nicht reif, und mu erst noch eine Weile hngen. Die junge
Mamsell habe ich indessen zu Herrn Doktor Hckler geschickt, der sein
Schild gerade an dem Tage aufgemacht; von dem wollte sie aber Nichts
wissen und ging traurig fort.

Und welches Hotel war das? rief Georg rasch.

Ja, das wei ich nicht mehr sagte Maulbeere.

Das scharfe Luten der Bootsglocke von der _Backwoods queen_ unterbrach
ihre Unterhaltung.

An Bord da Ihr Leute, an Bord! Hll' und Verdammni, was steht Ihr da
drauen herum und habt Maulaffen feil. -- An Bord jeder Mutter Sohn von
Euch, wenn ich Euch nicht Beine machen soll -- .

Wenn ich nicht irre sagte Maulbeere freundlich, so ersucht sie der
Mann da drinnen doch geflligst zum Kaffee hinein zu kommen, nicht
wahr?

Lieber Gott! rief Georg, die spttische Bemerkung ganz berhrend,
da ich jetzt hierher gebannt sein mu, und keine Zeit mehr brig habe
sie aufzusuchen.

Wrden in dem Costm auch auerordentlich achtbar und vertrauenweckend
aussehn bemerkte der Scheerenschleifer.

Holla an Bord da -- Ihr, Dutchman dort drben mit der schottischen
Mtze -- wie heit der Bursche gleich -- heh, George, an Bord hier, hrt
Ihr nicht, oder soll' ich Euch Beine machen?

Gleich, gleich! rief der junge Mann ngstlich und ungeduldig mit dem
Fue stampfend, ich wollte meine acht Tage Lohn, die ich hier schon an
Bord gearbeitet habe, einben, wenn ich nur zwei Stunden Raum jetzt
htte die arme Dame zu suchen, und zu erfahren wie es ihr geht.

Haben drei Wochen Zeit gehabt und nicht daran gedacht meinte Maulbeere
ruhig, woher kommt jetzt auf einmal die Eile?

Wollen Sie mir einen Gefallen thun, lieber Maulbeere?

_Lieber_ Maulbeere sagte der Scheerenschleifer still vor sich hin
lachend -- _lieber_ Maulbeere, wie zrtlich das klingt -- und was
wr's?

Wollen Sie die Frauen auskundschaften?

Die Mamsell meinte, Madame Henkel htte sich schon unendlich nach mir
gesehnt -- wenn die Sache nur nicht zu gefhrlich ist.

Wollen Sie ihnen sagen, da ich keine Ahnung gehabt htte, sie
bedrften meiner Hlfe, in vierzehn Tagen aber sptestens kehre mein
Boot nach New-Orleans zurck und ich stnde dann ganz zu ihren Diensten,
ihre Adresse sollen sie mir unter meinem Namen auf die Post legen.

Ich soll doch sagen, da Sie _Schiffsdoktor_ an Bord geworden wren?
frug Maulbeere.

Sagen Sie die _Wahrheit_, rief Georg, das ist immer das Beste; aber
adieu Maulbeere -- ich mu wahrhaftig fort.

Der Kaffee wird kalt meinte dieser. --

Sie ziehen die Planken schon ein! rief der junge Mann, leben Sie
wohl, und wenn ich Ihnen je wieder einen Dienst erweisen kann, zhlen
Sie auf mich!

Werft das Tau da los! rief ihm in diesem Augenblick die Stimme des
Steuermanns zu, der vorn auf dem Bug stand und das in den Strom Gehen
des Bootes leitete -- das Tau da vorn in dem Ring an Land, wo der
Baboon von einem Menschen steht -- siehst Du nicht?

Maulbeere, der mit dem Baboon gemeint war, verstand glcklicher Weise
nicht was der Mann auf Englisch rief, Georg aber warf das Springtau, an
dem der Vordertheil des Bootes noch an Land befestigt war, los, wieder
tnte die Glocke, die letzte Planke, auf der der junge Mann kaum Zeit
behielt an Bord zu laufen, wurde eingezogen, und Georg Donner winkte
noch einmal von Bord aus, dem am Ufer zurckbleibenden Maulbeere mit der
Hand, was dieser, sehr zum Ergtzen der brigen Feuerleute und
Deckhands, mit einer sehr tiefen und ehrfurchtsvollen Verbeugung, bei
der er den alten Hut in der Luft schwenkte, erwiederte, dann aber seinen
Karren aufnehmend vor sich hinmurmelte:

Lieber Maulbeere, ja wohl -- _lieber_ Maulbeere -- Angenehmen spielen
und Maulbeere soll Bote spielen -- bah -- werde ihm selber eine Adresse
auf die Post legen, die ihn freuen soll -- . Und der Scheerenschleifer
fuhr, von dem Gedanken ergtzt, still vor sich hinschmunzelnd die Leve
entlang.




Capitel 5.

Literarische Bekanntschaften.


In New-Orleans, in der ---- Strae, an der untern Ecke des Marktes stand
ein schmales hohes, aus rothen, unbeworfenen Backsteinen errichtetes
Haus, das ber seine ganze Breite hin ein mchtiges, weilackirtes
Schild und auf diesem die Worte:

 _Expedition der New-Orleans Biene_

trug. An der Thre unten war noch ein kleines deutsches Schild
angebracht, das die Office des Editors oder Redakteurs als eine
Treppe hoch liegend, und die Stunden von zehn bis zwlf Vormittags, wie
von drei bis fnf Uhr Nachmittags als die passendsten bezeichnete, ihn
zu sprechen.

Es war etwa halb vier Uhr Nachmittags Anfangs November jenes Jahres, als
ein junger Mann, sehr anstndig gekleidet, in schwarzem Frack, dunklen
Beinkleidern und Handschuhen, seinen Hut vielleicht der Wrme wegen in
der Hand, das Haus erreichte, das kleine Schild unten durchlas, sein
Haar dabei etwas ordnete, und dann die ziemlich steile, noch ganz neue
Treppe langsam hinanstieg. Er trug ein fest eingeschlagenes Packet, das
mglicher Weise Manuscript enthielt, unter dem linken Arm, und klopfte
leise an die mit einem entsprechenden Schild bezeichnete Thr.

_Walk in!_[12]

Habe ich das Vergngen mit Herrn Doktor Rosengarten zu sprechen?

Bitte -- ich bin kein Doktor -- aber mein Name ist Rosengarten; mit wem
habe ich die Ehre?

Theobald -- Fridolin Theobald -- Lyrischer Dichter und Schriftsteller
im Allgemeinen, aus Deutschland stellte sich unser Freund dem kleinen,
etwas schwrzlich aussehenden Manne selber vor, indem er ihm eine,
gewissenhaft an der Ecke eingedrckte Visitenkarte berreichte.

Und womit kann ich Ihnen dienen? sagte Herr Rosengarten, einen etwas
mistrauischen Blick nach dem Packet werfend, das jener unter dem Arme
trug -- wohl erst ganz krzlich von Deutschland gekommen, wenn man
fragen darf?

Seit etwa drei Wochen sagte Herr Theobald, indem er anfing sein Packet
aus einem groen Bogen Makulatur herauszuwickeln, und wollte mir nur
die Freiheit nehmen, Ihnen hier Einiges fr Ihr sehr geschtztes Blatt
anzubieten.

Ah, Sie sind sehr freundlich sagte Herr Rosengarten etwas verlegen,
indem er nach seiner Brille auf dem neben ihm stehenden Schreibtisch
herumfhlte, die gefundene aufsetzte und beide Hnde dann, als ob er
nicht voreilig damit zu sein wnschte, in seine Rocktaschen schob.

Ich habe hier zweierlei, sagte Herr Theobald mit einer leichten
Verbeugung, was Beides, wie ich kaum zweifle und wovon Sie sich auch
wohl bald berzeugen werden, nicht geringes Furore beim Publicum machen
wird. Ich will und mchte nicht gern unbescheiden sein, aber ich wei,
da der Erfolg nicht fehlen kann. Sie haben doch vollstndige
Prefreiheit hier in Amerika?

Vollstndige versicherte Herr Rosengarten, mit einem sehr
entschiedenen Kopfnicken.

Ihre Constitution garantirt es Ihnen wenigstens -- .

Ah, und wir wissen es aufrecht zu erhalten betheuerte Herr Rosengarten
der Prsident in seinem Weien Hause ist nicht sicher angegriffen und
seiner verborgensten Fehler wegen ffentlich an den Pranger gestellt zu
werden.

Schn -- sehr schn rief Herr Theobald -- Gott sei ewig gedankt, da
ich endlich einmal diesen Engelsgru, wenn ich mich so ausdrcken darf,
von geweihten Lippen aussprechen hren kann. -- Sie sind auch
Schriftsteller, nicht wahr? -- 

Hm -- ja sagte Herr Rosengarten mit einem bescheidenen Blick nach dem
breiten, halbgeffneten Glasfenster, das ihn von der Druckerei trennte
-- eigentlich Buchdrucker -- die Ausstattung unserer Sachen lt Nichts
zu wnschen brig, aber die leichten Sachen, die Leitartikel vorn im
Blatt, und die Angriffe auf die Gegenparthei, schreib ich gewhnlich
selber.

Ihr Blatt ist rein demokratisch?

Diamant sagte Herr Rosengarten, das heit setzte er rasch hinzu --
Sie werden mich wohl verstehn, was man damit sagen will -- Demokrat den
Grundstzen, aber nicht immer den Principien nach.

Das verstehe ich allerdings _nicht_ sagte Theobald erstaunt.

Nun ich meine versicherte der Editor der New-Orleans Biene, da wir
grundstzlich reine Demokraten sind, und die demokratischen Principien
auch in unserem Blatt, gerade im demokratischen Sinne aber auch die
allgemeinen Menschenrechte vertreten, zu denen die Whigs als unsere
Brder eben so gut gehren, und solcher Art denn eine Verschmelzung der
beiden Partheien zu vermitteln suchen. Wissen Sie fuhr er fort, als ihn
der Fremde immer noch nicht zu begreifen schien, die Demokraten sind
gewhnlich ungemein enthusiasmirt fr ihre Sache, aber -- nur ein sehr
geringer Theil von ihnen befindet sich in hinlnglich gnstigen
pecuniren Verhltnissen, nicht allein eine Zeitung zu lesen, sondern
auch zu halten und -- was die Hauptsache ist, auch zu bezahlen, whrend
die Whigs besonders zeitweise, auf hchst liberale Weise auch die
kleinste Vergnstigung anerkennen -- ich wei nicht ob ich mich deutlich
genug ausgedrckt habe.

Ich mu allerdings gestehn, da ich das noch nicht ganz vollkommen
begreife sagte Herr Theobald.

Es ist unser Princip, im cht demokratischen Sinne sagte Herr
Rosengarten, _beiden_ Theilen _gerecht_ zu werden; wir stehen, um ihnen
gewissermaen durch ein Beispiel unser Ziel anschaulich zu machen, in
Fechterstellung, bei zurckgeworfenem Krper mit dem linken Fu auf der
Demokratie, mit dem rechten den Whiggismus nur allerdings leicht
berhrend, nur danach fhlend, aber jeden Augenblick bereit uns im
Angriff momentan ganz darauf zu werfen, und dann nur wieder zum Schutz
auf den linken Fu zurckzufallen.

Aber gegen _wen_ kmpfen Sie dann? sagte Herr Theobald, wirklich
selber confus gemacht durch diese Erklrung, in sehr natrlicher Frage.

Gegen Jeden der uns angreift, sagte Herr Rosengarten schnell -- die
Biene kann auch stechen, mein verehrter Herr -- er warf einen raschen
Blick auf die vor ihm liegende Karte -- mein verehrter Herr Theobald;
die Biene kann auch stechen, trotz ihrem Flei mit dem sie Wachs fr
ihre Zellen, Honig fr ihre Leser eintrgt. Wir haben uns dabei mit den
besten Krften Amerikas verbunden, setzte er mit innigem Selbstgefhl
hinzu, und wissen, da wir dem Publikum etwas Gediegenes, Solides
bieten knnen.

Sie bringen aber, wie ich gesehen habe, auer der Politik auch
Erzhlungen, Novellen und Lyrik sagte Herr Theobald.

Gewi, oh sicher betheuerte Herr Rosengarten, nur durch
Mannichfaltigkeit kann sich ein Blatt in Amerika halten.

Und verschmhen dabei gewi nicht Artikel, welche auf die Verbesserung
der Cultur, der Zustnde hinarbeiten, und diese, wo sie unzweckmig
oder faul sind, rgen?

Gewi nicht sagte Herr Rosengarten rasch und erfreut, wir suchen
sogar etwas darin, mit smmtlichen Zustnden unzufrieden zu sein, und
indem wir Viel, _sehr_ viel verlangen, wenigstens _etwas_ dadurch zu
erreichen. Wenn sie Amerika nher kennen lernen, werden Sie uns ganz
recht geben.

Ich habe schon jetzt einige Erfahrungen gemacht versicherte ihm Herr
Theobald, die mich veranlassen Ihnen in mancher Hinsicht beizustimmen,
und die Zeit die ich in Amerika zubringe, nicht allein benutzt frische
Eindrcke zu sammeln und Beobachtungen und Vergleiche anzustellen,
sondern auch diese Beobachtungen und Resultate niederzuschreiben. Nun
mu ich Ihnen aufrichtig gestehen, da ich bis jetzt der Tagespresse
nicht solche Macht zutraute, auf die ffentliche Meinung zu wirken,
indem ein Journal, ob es nun tglich oder wchentlich erscheint, mit
der nchsten Nummer schon gewissermaen bei Seite geschoben wird und
veraltet ist; der Buchhandel dagegen auf einer, von jedem anderen Lande
unerreichten Stufe steht, und die Exemplare populr gewordener, oder in
die Zeitumstnde eingreifender Werke, in einer enormen Masse in das Volk
geworfen und verbreitet werden. Ich habe in diesen letzten Tagen deshalb
auch versucht meine Beobachtungen, in Verbindung mit einigen anderen
literarischen -- und wie ich mir schmeicheln will nicht ganz werthlosen
Artikeln, als Band vereinigt, hier bei einem der ziemlich zahlreich
vertretenen Buchhndler herauszugeben, aber eine solche grenzenlose
Apathie bei ihnen gefunden, da ich wirklich erstaunt bin.

Sie haben es nicht drucken wollen? sagte Herr Rosengarten, etwas derb
der Sache gleich auf den Grund gehend.

Nun das will ich gerade nicht sagen, parirte Theobald den Sto auf
seine Eitelkeit, aber sie machten mir so viele Umstnde und
Schwierigkeiten, da ich es in Widerwillen aufgab mit ihnen in irgend
eine Geschftsverbindung zu treten. Die Sache selber aber ist zu
wichtig, im speciellen Fall fr Louisiana, in seinem ganzen Umfang aber
auch fr die Vereinigten Staaten von Amerika, sie aufzugeben, und ich
bin es als Schriftsteller der Welt schuldig dem Ungethm, das seine
Fittige drohend ber das wunderschne Land breitet, wenn ich ihm nicht
gleich einen Sto in's Herz versetzen kann, eine so gefhrliche Wunde
als mglich beizubringen, damit es unter den nach und nach auf es
gefhrten Streichen endlich verblutet.

Und welches Ungeheuer meinen Sie? frug Herr Rosengarten gespannt.

Welches Ungeheuer? -- die Sclaverei!

Ja mein lieber Herr Theobald, sagte da der kleine Redakteur, sich wie
verlegen die Hnde reibend, und die Schultern hinaufziehend, da sind
Sie allerdings gleich auf den wundesten Fleck gekommen.

Nicht wahr? rief der Dichter erfreut.

Ja wohl, ja wohl, aber -- 

Aber? --

Das ist eine Geschichte, setzte Herr Rosengarten hinzu, an der wir
uns nicht die Finger verbrennen drfen.

Die Finger verbrennen? -- ich verstehe Sie nicht -- haben Sie mir nicht
selbst gesagt da Sie hier vollstndig freie Presse -- 

Ja, vom Staat aus, unterbrach ihn der Redakteur, aber was will ich
machen, wenn mir ein Haufen zgellosen Gesindels hier in meine Officin
bricht, meine Pressen zerstrt, meine Buchstaben aus dem Fenster
wirft, und mich selber mishandelt oder gar todt schlgt?

Aber ich bitte Sie um Gotteswillen, so etwas kann doch in einem
gesetzlich organisirten Staat nicht vorkommen?

_Kann_ nicht vorkommen, wiederholte Herr Rosengarten achselzuckend,
_ist_ aber vorgekommen, und zwar schon diverse Male in den civilisirtesten
Staaten, in Philadelphia und New-York, in Cincinnati und hier selbst in
New-Orleans. Lassen Sie hier Jemanden leichtsinnig, oder ich mchte fast
sagen _wahnsinnig_ genug sein den Beinamen _Abolitionist_ zu verdienen,
und er wird finden da es etwa denselben Erfolg hat, als ob man irgend
einem ausreienden Kter das Wort toller Hund nachruft; wer irgend
etwas Werfbares in der Geschwindigkeit aufraffen kann, wirft es nach
ihm, und haben sie ihn dann todt geschlagen, geben sie sich vielleicht
die Mhe sich zu erkundigen ob er auch wirklich toll, oder was hier
dasselbe sagen will, ein Abolitionist gewesen.

Aber das knnen sie ja dann doch keine freie Presse nennen? rief der
Dichter in Verzweiflung aus.

Warum nicht? sagte Herr Rosengarten achselzuckend, wir drfen ber
Alles schimpfen was vorkommt. Lesen Sie die verschiedenen Zeitungen der
Gegenparthei bei einer Prsidentenwahl, und sein Sie versichert da Sie
glauben wrden der Candidat fr diese erste Wrde der Vereinigten
Staaten verdiene eher lebenslngliche Zuchthausstrafe, als den Ehrensitz
im weien Hause zu Washington, so wird ber ihn los gezogen. Alle unsere
Institutionen drfen Sie angreifen, jede Magistratsperson nach
Herzenslust, natrlich vorausgesetzt da Sie sich auer dem Bereich
einer Privat-Injurienklage halten, und Sie werden durch Niemanden darin
beschrnkt werden.

Nur nicht die Sclaverei darf man bei ihrem Namen nennen? rief Theobald
in gereizter Bitterkeit.

Beileibe nicht, sagte der Redakteur, das ist der wunde Punkt der
sdlichen Staaten, die recht gut wissen welchen Makel sie dadurch auf
sich haften haben, aber auch nicht Aufopferung genug besitzen ihn mit
einem Schlage von sich abzuschtteln, und nun ngstlich wachen da
Niemand an die schon so oft berhrte und allerdings etwas schadhaft
gewordene Geschichte stt, sie nicht am Ende doch einmal ber den
Haufen zu werfen. Aber lassen Sie das gut sein, damit werden Sie, nur
erst einmal ein halbes Jahr bei uns, schon noch vertrauter werden, und
dann wohl einsehn wie recht ich heute habe Ihnen das zu sagen. Fr jetzt
zeigen Sie mir einmal was Sie sonst noch -- das heit _nicht_ die
Sclavenfrage, selbst nicht im Gedicht berhrend -- bei sich haben, und
wir wollen dann sehn was wir davon gebrauchen knnen. Ich wei schon,
junge Schriftsteller wnschen ihre Sachen gern gedruckt zu haben, und
man mu sie darin untersttzen.

Sie sind unendlich freundlich, bester Herr Doktor, Herr Rosengarten
wollte ich sagen -- aber sollte es denn gar nicht mglich sein auf
irgend eine Weise gerade dieser Frage beizukommen?

Thun Sie mir den einzigen Gefallen und bleiben Sie mir mit allen
solchen Sachen vom Leibe, rief aber der Redakteur ganz entschieden,
indem er seine Hand in Erwartung des Manuscripts dem jungen Mann
entgegenstreckte; lassen Sie uns sehn was sie sonst haben, und Alles
was sich auf Sclaverei etc. bezieht schlieen Sie, wenn Sie meinem Rath
folgen wollen, so lange Sie sich in irgend einem Sclavenstaat aufhalten,
in Ihren Koffer, oder noch besser, stecken es in das erste beste Kamin
das Sie erreichen knnen; da sind Sie sicher da es Ihnen weiter keine
Unannehmlichkeiten ber den Hals bringt. Also was haben wir denn hier?
fuhr er, die berreichten Papiere durchbltternd, fort, ein kleines
Bndchen Gedichte.

  Werden wir in des Lebens Wirren
  Manchmal fehlen, manchmal irren,
  Oder giebt unsres Sternes Sichtung
  Unserem Dasein andere Richtung,
  Blht uns doch in des Herzens Tiefen,
  Wo die Gedanken ruhend schliefen,
  Neues Gebren, neues Entstehn --
  Neues Erwachen -- neues Vergehn!

Sehr brav -- vortrefflich -- wirklich neue Gedanken und ganz originell
ausgedrckt; hm -- da sind ja eine ganze Menge; auch an Amerika --

  Ein Fels im Meere -- und doch so warm,
  Den Fremden, Bedrckten, politisch Todten
  Die helfende Hand und den starken Arm
  Gastfrei zu ehrlichem Schutz geboten,
  so entsteigst Du dem Meere, so liegst Du da,
  Gegrt und gesegnet -- Amerika!

sehr brav, ganz vortrefflich -- ungemein viel Gefhl -- wird meinem
Blatt alle Ehre machen. -- Und das Andere?

Sind kleine Erzhlungen, die mir in Deutschland die Censur gestrichen
-- Dorfgeschichten aus dem Jammerleben der Proletarier -- Hofgeschichten
aus vorzglichen Quellen, berall mit den wirklichen Namen, fr deren
Wahrheit ich Ihnen garantire.

Vortrefflich -- ganz vortrefflich -- etwas derartiges knnen wir
brauchen, apropos Herr Theobald -- wo logiren Sie denn eigentlich, da
wir Ihnen ein Exemplar unserer Biene regelmig zusenden knnen?

Oh Sie sind zu freundlich, sagte Herr Theobald, ich habe die ersten
vierzehn Tage im deutschen Vaterland gewohnt, bin aber da so furchtbar
und auf so raffinirte Weise geprellt worden, da ich, selbst mit
Aufopferung eines Theils meiner Wsche, die mir abgeleugnet wurde,
auszog, und jetzt in einem anderen deutschen, etwas besseren Kosthaus,
bei Herrn Wei, logire.

Ah ich wei schon -- nicht weit vom unteren Markt; werde mir Ihre
Adresse notiren, und wenn ich Ihnen sonst mit etwas dienen kann, bin ich
mit Vergngen dazu bereit.

Herr Rosengarten war aufgestanden und Theobald fhlte da der Redakteur
der Biene mehr zu thun hatte, als sich den halben Tag mit ihm zu
beschftigen. Nichts destoweniger lag ihm noch eine schwere und
jedenfalls unangenehme, aber auch nicht zu umgehende Frage auf den
Lippen, die er lieber von der anderen Seite htte angeregt gehabt. Da
das aber nicht geschah mute er es selber thun.

Und wie halten Sie es mit dem Honorar, wenn ich fragen darf, verehrter
Herr Rosengarten? sagte er schchtern.

Mit dem Honorar? wiederholte Herr Rosengarten ungemein berrascht.

Fr diese Sachen hier mein ich -- honoriren Sie Gedichte und Prosa in
_einem_ Verhltni, oder machen Sie einen Unterschied darin?

Honoriren? -- ja so, Sie verlangen _Honorar_ fr Ihr Manuscript? sagte
Herr Rosengarten, allem Anschein nach ungemein berrascht.

Ja mein bester Herr bemerkte Theobald, sich verlegen lchelnd die
Hnde reibend -- wenn wir _kein_ Honorar bekmen, wovon sollten wir
Schriftsteller denn da eigentlich leben?

Ah? -- leben Sie wirklich _nur_ vom Schreiben? frug der Redakteur mit
unverstellter berraschung.

Allerdings -- Sie doch auch.

Ich? -- doch nicht so ganz bemerkte der Redakteur, wieder mit einem
Seitenblick auf die im Nebenzimmer befindliche Druckerei ich habe auch
durch jene meine Beschftigung und -- meinen Verdienst -- mit Schreiben
allein wird sich wohl kaum Jemand hier in Amerika ernhren und ber
Wasser halten knnen.

Aber es giebt doch eine Menge Amerikanischer Schriftsteller und
Dichter. -- 

Ja Amerikaner, die haben auch ein groes Publicum, aber wir Deutschen,
mein guter Herr Theobald, sind wiederan gerade nur auf die Deutschen
angewiesen, und wenn Sie _die_ erst einmal hier in Amerika nher kennen,
werden Sie mir vollkommen recht geben wenn ich Ihnen sage, da man die
eigentlich gar nicht fr deutsche Literatur in Anschlag bringen kann.
Die Englisch verstehn, oder sich wenigstens den Anschein geben wollen
als ob sie es verstnden, lesen kein Deutsch mehr, und buchstabiren sich
lieber ihre Englische Nachrichten sylbenweis zusammen, und die, die eben
erst angekommen sind und von Englisch noch gar keine Idee haben, lesen
auch gewhnlich gar Nichts, oder kaufen sich noch weniger ein Buch oder
eine Zeitung.

Wer aber, um Gotteswillen hlt da die deutschen Bltter? frug Theobald
erstaunt.

Ja lieber Herr Theobald versicherte Herr Rosengarten ich gebe Ihnen
mein Ehrenwort, da mir das manchmal selber ein Rthsel ist.
Kaffeehuser, selbst Amerikanische, halten allerdings dann und wann
deutsche Zeitungen, und die deutschen Kosthuser _mssen_ sie haben;
einzelne gehen auch in das innere Land und nach den kleinen Stdtchen am
Mississippi hinauf, die mit New-Orleans in lebhafter Verbindung stehn
und in denen Deutsche wohnen, wie Natchez, Vicksburg, Bayou-Sarah, St.
Franzisville, Baton-Rouge etc., der Hauptabsatz geschieht aber auf oft
rthselhafte, jedenfalls sehr geschickte Weise durch die Colporteurs
oder Zeitungsjungen, Individuen von zehn bis dreiig Jahren, die bei
unseren Blttern interessirt sind, d.h. gewisse Procente fr jedes
Exemplar bekommen, das sie absetzen. Jemehr die also unterbringen, desto
grer ist ihr eigener Nutzen, und es ist mir gesagt -- selber darum
bekmmern thun wir uns natrlich nicht -- da sie manchmal zu den
wunderlichsten Listen ihre Zuflucht nhmen, und sei es auch nur
halbjhrige Abonnenten zu bekommen; das nchste Semester mu ihnen dann,
wenn ein Theil von diesen abfllt, andere bringen.

Nun ich will glauben sagte Theobald, der auf Kohlen stand, da Sie
bei so unsicheren Einknften nicht gerade im Stande sind ein, wenigstens
nach hiesigen Begriffen, sehr bedeutendes Honorar zu zahlen; wie viel
knnten Sie mir also versprechen, wenn ich mich zugleich dabei
verpflichtete, regelmiger Mitarbeiter der Biene zu werden. Meinen
Namen werden Sie sicher schon von Deutschland aus gelesen haben; ich
kann mit aller Bescheidenheit sagen, da er dort einen guten Klang hat.

O gewi Herr Theobald, gewi߫ versicherte Herr Rosengarten, und fuhr
dann, in's Blaue hinein rathend, rasch fort: Sie haben glaub' ich vor
ganz kurzer Zeit wieder ein paar Bnde Novellen herausgegeben.

Allerdings.

Ich habe sie gesehn -- vortrefflich -- ganz vortrefflich -- doch -- so
leid es mir thut, aber -- ich bin in der That nicht im Stande Ihnen
irgend welches Honorar fr Ihre literarischen Beitrge zuzusagen. Ja
wenn wir jetzt nur etwas bessere Zeiten htten, aber die ltesten Leute
in New-Orleans erinnern sich wirklich nicht eine so gedrckte,
schwierige Stimmung in New-Orleans je erlebt zu haben. -- Wenn Sie
brigens noch ein oder selbst zwei Exemplare der Biene wnschten -- ich
mchte gern Alles thun was in meinen Krften steht Sie zufrieden zu
stellen. -- 

Aber wo bekommen Sie Manuscript her Ihre Spalten zu fllen rief
Theobald erstaunt aus, wenn Sie kein Honorar dafr bezahlen -- Sie
knnen doch nicht Alles selber schreiben?

Um Gottes Willen -- nein! rief Herr Rosengarten, das wre ich
allerdings nicht im Stande, schon des Zeitverlustes wegen; aber wir
helfen uns da vortrefflich mit, vor lngerer Zeit in Europa gedruckten
Sachen. So hat mir im vorigen Frhjahr ein Freund von dort vier oder
fnf alte Jahrgnge der Didaskalia geschickt, in denen allerliebste
kleine Erzhlungen und Gedichte stehn -- unsere Leser sind ordentlich
versessen darauf. Die drucken wir so eine nach der anderen ab, und
fllen damit aus, was die politischen Nachrichten der Grenzboten, der
Klnischen Allgemeinen und Weserzeitung, die wir nun leider einmal
halten mssen, an Raum gelassen haben.

Aber bester Herr Rosengarten! rief Theobald, der bei so bewandten
Umstnden doch einsah da er hier auf keine Einnahme rechnen konnte, und
in einer Art von Verzweiflung sich das letzte Bret unter den Fen
fortgehen fhlte -- Sie nehmen mir das nicht bel, aber das ist ja doch
eigentlich, nach unseren deutschen Begriffen wenigstens, ein reines
Plnderungssystem, das Sie hier befolgen, ein reiner Nachdruck, eine
mechanische Vervielfltigung schon vorhandener Sachen, worauf Sie ja von
den respectiven Zeitungen verklagt werden knnten.

Hier in Amerika? nein lchelte Herr Rosengarten gutmthig das nicht
-- nicht einmal _verklagt_, einen ungnstigen Ausfall eines solchen
Processes ganz abgerechnet, denn fr deutsches literarisches Eigenthum
besteht hier nicht der geringste Schutz, und kein Amerikanischer
Gerichtshof wrde selbst nur eine solche Klage annehmen.

Das ist allerdings eine Freiheit flsterte Theobald, auf die ich
nicht ganz vorbereitet war; aber -- nicht wahr es ist _noch_ eine
deutsche Zeitung in New-Orleans.

Allerdings sagte Herr Rosengarten mit einem eigenen Lcheln, das
allerlei bedeuten konnte -- allerdings existirt hier noch ein Blatt das
mit deutschem Druck herauskommt, nach einem nur oberflchlichen
Vergleich wrden Sie aber bald finden, da es sich mit der _Biene_ nicht
messen kann.

Und seine Expedition? -- knnen Sie mir die vielleicht angeben?

O warum nicht sagte Rosengarten, nach dieser Bemerkung jedenfalls
fest entschlossen das Gesprch sobald als mglich abzubrechen -- Sie
knnen nicht fehlen -- Ecke von Fulton und Renaissance-Strae -- groes
Schild ber der Thr wie fr eine Wirthschaft -- hier Ihr Manuscript
Herr Theobald -- war mir ungemein angenehm Ihre werthe Bekanntschaft
gemacht zu haben.

Theobald drckte sein Manuscript unter den Arm, machte eine stumme
Verbeugung, und befand sich wenige Augenblicke spter wieder vor der
Thr der Officin auf der Strae. Diese sah er eben unschlssig hinauf
und hinunter, welchen Weg er von hier aus einzuschlagen htte, als ein
Fremder, in einem blauen berrock, und mit einer eben solchen Tuchmtze
auf, mit einem vollen, aber etwas krankhaften fleckigen Bart, die Strae
herunterkommend an ihm vorbeiging, stehn blieb, ihn ansah, und dann
wieder zurck und auf ihn zukam.

Sie sind ein Deutscher redete er den jungen Mann, der ihn etwas
verblfft betrachtete, an, nicht wahr ich habe recht?

Allerdings bin ich ein Deutscher.

Und eben erst angekommen?

Wenigstens erst vor einigen Wochen.

Bleibt sich gleich, ist dasselbe lachte der Fremde -- ich bin der
Advocat Heindel, jetzt etwa drei Viertel Jahr hier, und eben im Begriff
wieder zurck nach Deutschland zu gehn -- und Sie? -- 

Theobald ist mein Name.

Und Beschftigung? -- Schullehrer?

Literat sagte Herr Theobald. --

Ah so -- brodlose Kunst hier, lieber Herr bemerkte ziemlich ungenirt,
Herr Heindel na werden das auch noch selber hier ausfinden; waren wohl
gar da oben um Manuscript zu verkaufen?

Ich? -- o nein sagte Theobald, und fhlte da er bis weit hinter die
Ohren roth wurde. Herr Handel sah das aber nicht; er hatte beim ersten
Begegnen zwar zu seiner neuen Bekanntschaft aufgeschaut, war dann aber
an dessen Blick immer wieder wie scheu heruntergefahren, und lie den
eigenen bald auf Theobalds Westenknpfen, bald auf dessen Halstuchschleife
oder Hemdkragen haften, was bei diesem aber auch zuletzt ein unangenehmes,
fast nervses Gefhl erzeugte, und ihn selber wnschen lie einen Blick
auf die so scharf aufs Korn genommenen Gegenstnde zu thun, ob der
Fremde irgend etwas auergewhnliches --Fleck oder Ri daran entdecke.

Herr Heindel hatte brigens andere Sachen im Kopf, als Herrn Theobalds
Vatermrder oder Westenknpfe, und nur einen derselben, nach dem der
junge Mann rasch hinunterschielte, fassend und festhaltend, sagte er,
indem er die Augenbrauen in die Hhe zog und bedenklich mit dem Kopfe
nickte:

Wrde Ihnen auch wenig helfen, verehrter Herr, wrde Ihnen verdammt
wenig helfen -- ich habe selber darin verwnscht bittere Erfahrungen
gemacht. Ja stehlen -- stehlen thun sie; diese nichtswrdigen Hallunken
von Zeitungsredakteuren, wo sie die Hand an irgend etwas Gedrucktes
legen knnen, aber Manuscript _bezahlen_, irgend etwas selbststndig
Vernnftiges mit baarem Gelde _kaufen_? -- Gott bewahre!

Es sind das eigenthmliche Verhltnisse stammelte Theobald, der nicht
mit Unrecht um seinen Westenknopf besorgt war, und mit Schrecken daran
dachte da er hier in Amerika nicht einmal wieder einen passenden zu dem
ausgesucht schnen halben Dutzend bekommen wrde. Aber trotzdem hatte er
nicht den Muth sich von der arbeitenden Hand des wunderlichen Fremden zu
befreien, der ihm wieder unverwandt auf den Rockkragen sah -- er _mute_
da irgend einen Fettfleck, oder wenigstens eine Spinne sitzen haben.

Eigenthmliche Verhltnisse? rief aber Herr Heindel entrstet, und
stieg mit seinen Augen bis zu Theobalds Halsbinde auf -- Spitzbbereien
sind's, nichtswrdige erbrmliche Gaunereien, unter denen ordentliche,
anstndige Menschen aus ihrer Heimath fort nach dem vermaledeiten
Amerika gelockt werden, bis sie hier sind, in der Falle drin sitzen und
nicht wieder hinaus knnen. Hol der Teufel das ganze Amerika, so viel
sag ich, und alle die Canaillen dazu, die dicke Bcher zu dessen Lobe
schreiben -- ich wnsche ihnen weiter Nichts als da sie wieder herber
mten.

Aber sollte es denn wirklich so schlecht hier sein?

Schlecht? -- erbrmlich, hundsfttisch sag ich Ihnen rief der Mann,
ganz eifrig ber das Thema werdend, arbeiten, immer nur arbeiten ist
die Losung, und zwar arbeiten mit den Fusten, als ob alle Menschen als
geborene Holzhacker auf die Welt gekommen wren -- Kopfarbeit wird hier
gar nicht gerechnet, Gott bewahre, und die Deutschen hier, sind nun gar
die erbrmlichste Nation die sich ein Mensch auf der Welt denken kann.
Glauben Sie da das Volk in irgend einer Procesache einen _deutschen_
Advocaten anstellt, so lange sie einen Amerikanischen Lumpen bekommen
knnen? -- Gott bewahre, nicht d'ran zu denken, und dabei qulen sie
sich mit ihrem nichtswrdigen Englisch ab, radebrechen, da man glaubt
die Kinnladen gehen ihnen dabei entzwei, und lassen sich nachher
anschmieren nach Noten.

Ja, das hab' ich auch gehrt seufzte Theobald, durch seine bisherigen
regelmig verunglckten Versuche seine Manuscripte in Geld zu verwandeln,
doch nach und nach ngstlich gemacht, da man unvernnftig arbeiten
msse um hier ehrlich in Amerika durchzukommen.

Ja und _was_ fr Arbeit rief Herr Heindel, drauen im Wald Bsche
ausroden und Bume umschlagen, an denen ein einzelner unverheiratheter
Mann eine halbe Woche hacken kann, und hier in der Stadt Straen fegen,
hinter der Bar stehn und Schnaps ausschenken, Zeitungen herumtragen,
Zettel ankleben, bei irgend einem schmierigen Handwerker als Handlanger
in Dienst gehn, oder gar unten an der Leve Fracht mit helfen aus- und
einladen, Porkfsser heraufrollen und Kaffee- und Reisscke wieder
hinunterschleppen bei 32 Grad Hitze; das sind so die verschiedenen
Beschftigungen, denen die Holzkpfe den Namen _ehrliche Arbeit_ geben.
Arbeit schndet nicht sagen sie dabei; das dank' ihnen der Teufel; auch
noch schnden -- wenn sie nicht schndet ruinirt sie aber die Knochen,
und unter _Arbeit_ verstehen gebildete Leute nicht blo mit der Mistgabel
und der Schaufel wirthschaften, sondern eher noch sein Gehirn zum
Besten der Menschheit anstrengen, und fr das Volk, jenes tollpatschige
Ungeheuer das nun einmal seine halbe Lebenszeit an den Tatzen leckt, zu
denken, zu berlegen. Glauben Sie da neulich so ein erbrmlicher Schuft
von Amerikanischem Advocaten, dem ich ein Compagniegeschft anbot und
ihm meine deutsche Praxis dafr einzubringen versprach -- _ich_ habe sie
_auch_ bis jetzt nur erst versprochen bekommen -- mir die Compagnieschaft
vor der Nase abschlug, aber die Frechheit hatte mir eine _quasi_
Schreiberstelle bei sich anzutragen?

Es ist doch kaum denkbar sagte Theobald, dessen Gedanken brigens
mehr bei seinem bedrohten Knopfe, als bei der dem deutschen Advocaten
gemachten schndlichen Zumuthung geweilt hatten.

Allerdings rief Herr Heindel -- aber fuhr er dann in allem Eifer und
jetzt jedenfalls auf seinem Steckenpferde reitend fort -- was ist denn
auch Amerika fr ein Land, _fr_ wen ist es und zu was? fr unsere
tlpischen Bauerjungen von daheim, die sich nicht anders glcklich
fhlen, als wenn sie mit aufgestreiften rmeln den ganzen Tag in
Schmutz und Arbeit whlen knnen, und es nicht besser haben wollen und
drfen. Wenn _die_ Canaillen nur ein oder zwei Mal Fleisch den Tag und
keine Schlge kriegen, sind sie oben auf, und lassen sich mit Vergngen
politisch knechten und unter die Fe treten. Das Gesindel ist zu
_Allem_ zu gebrauchen, und glauben Sie da da _ein_ Deutsches oder
Amerikanisches Blatt ein Einsehn htte, und ein paar hundert Dollar
daran wenden mchte dieses Volk einmal aufzuklren ber ihre Pflichten
als Staatsbrger, wenn sie nun doch einmal in einer solchen leidigen
Republik leben wollen und mssen? fllt ihnen nicht ein -- besser wissen
wollen sie, was man ihnen sagen knnte -- besser wissen und gescheuter
sein wie Leute, die ihre Lebenszeit darauf verwandt haben ein
staatliches Leben zu bersehen und in die Speichen mit kundiger Hand
einzugreifen. Arbeiten -- arbeiten -- es thte bei Gott Noth da man
sich noch zwischen den Irlndern als Straenkehrer anstellen liee, und
mit dem Besen in der Hand umherliefe, sein tgliches Brod auf
den Trottoirs zusammenzukehren. Na lassen Sie mich nur erst wieder
einmal nach Deutschland zurckkommen, _das_ Amerika werde ich ihnen
anstreichen; eine Lebenszeit verwende ich darauf es schlecht zu machen.
Aber kommen Sie Freund brach er pltzlich kurz ab, und fate Theobald
unter den Arm, wir wollen uns nicht ber diese Amerikanischen
Jmmerlichkeiten und Lumpereien unntzer und thrichter Weise rgern;
ndern knnen wir's doch nicht, und bessern wollen sich die Lumpe ja
nicht lassen. So gehn Sie da drben mit in das Kaffeehaus hinein, da
wir ein Glas auf bessere Bekanntschaft und bessere Zeiten trinken.

Theobald hatte Nichts dagegen; er bedurfte selber einer kleinen
Aufregung, der niederschlagenden Erfahrung von heute Morgen etwas
entgegenzuarbeiten, und Herr Heindel bestellte zu dem Zweck, gleich wie
sie den Saal des sogenannten Cafs, wo aber fast nur Spirituosen feil
gehalten wurden, betraten, eine Flasche Champagner.

Es war Theobald, der darin viel Ehrgefhl besa, unangenehm, sich von
einem so gnzlich fremden Mann gleich an Champagner traktiren zu lassen;
gleichwohl hatte er so viel schon von Amerikanischem Leben gesehn da er
wute, es wre eine Unhflichkeit gewesen mit Jemand mit dem man, von
ihm aufgefordert, ein Schenkhaus betreten hat, nicht zu trinken. Ebenso
bezahlt auch stets der, der die Getrnke fordert, fr sich oder fr so
viele wie mit ihm trinken. Das Einzige was ihm zu thun brig blieb war,
sich bei einem nchsten Begegnen zu revangiren -- aber auch hierbei
genirte ihn der Champagner.

An der Sache lie sich aber fr jetzt Nichts mehr ndern; die Flasche
war gebracht und mute getrunken werden, und Theobald, selbst in einiger
Aufregung ber das was er bis jetzt von Amerikanischem Leben, von seinem
Standpunkt aus betrachtet, gesehn, go mit einem gewissen Wohlbehagen
ein Glas nach dem anderen des feurigen Tranks hinunter.

Sein neuer Bekannter machte sich selber indessen ein Vergngen, und zog
ber die Vereinigten Staaten los, von denen er dem armen jungen Dichter
ein Bild entwarf, da diesem angst und bang zu Muthe wurde. Seiner
Beschreibung nach, und er behauptete das Land durch und durch zu kennen,
bestand die eine Hlfte der Bewohner aus Rubern, und die andere aus
Spitzbuben, die nicht allein wie die Mosquitos gemeinschaftlich ber die
armen Einwanderer herfielen, und sie aussgen so lange sie noch einen
Blutstropfen in sich trgen, sondern auch, wenn sie mit denen fertig
wren, einander selber angriffen und auffren. Gesetze gab es dabei gar
nicht, die Geschworenen Gerichte waren nur zum Schein da, und die, die
ihnen in die Fuste liefen, gleich von vorn herein verloren -- das
deutsche Gerichtsverfahren war Gold gegen diesen Auswurf der Menschheit.
Bestechlichkeit herrschte dabei bis zum uersten, wobei er selber als
glnzendes, mit Fen getretenes Beispiel da stand, indem er nur aus dem
einzigen Grund keine brillante und seinen Fhigkeiten angemessene
Stellung erlangt, weil er es verschmht, fr unter seiner Wrde gehalten,
einen einzigen Dollar zu einem solchen Zwecke auszugeben. Und selbst die
Bauern waren bel dran, trotz den lgenhaften Berichten, die Amerika
freundliche, das heit demokratische, rothrepublikanische Zeitungen
in Deutschland darber ausstreuten. Wenn die Schaafskpfe htten in
Deutschland so arbeiten wollen, wie sie hier arbeiten _muten_, so wrden
sie es -- seiner Meinung nach -- auch zu 'was gebracht haben, aber
jetzt, da sie gezwungen wren die faulen Knochen zu regen, nur um nicht
zu verhungern, thten sie auf einmal als ob ihnen der Staar gestochen
wre, und sie nun das gelobte Land gefunden htten --Brummkpfe die es
wren, wenn sie die Lneburger Haide oder sonst einen noch brach
liegenden anstndigen Fleck in Deutschland so in Angriff nhmen, knnten
sie sich auch Farmen darauf grnden und dann, statt hier vogelfrei zu
sein, unter glcklichen Gesetzen, unter einer vterlich fr sie
sorgenden Regierung darauf leben.

Herr Dr. Heindel hatte sich so in Gift und Bitterkeit hineingesprochen,
da er sich den Rest der Flasche in sein Glas stlpte, und dieses auf
einen Zug leerte, dann aufstand und seinen Hut ergreifend in die Tasche
fhlte die Flasche zu bezahlen, wegen der sich ihm der _barkeeper_ schon
freundlich genhert hatte.

Ja mein junger Freund, sagte er dabei, an Theobald wieder hinuntersehend
bis sein Blick an dessen Knieen haftete und diesen ebenfalls dort
hinunterschielen machte -- ja mein junger Freund, nehmen Sie sich
besonders vor diesen verwnschten Amerikanern in Acht, und wenn Sie es
irgend knnen, wenn es Ihnen Ihre Mittel nur halbwege erlauben, so
schiffen Sie sich wieder so rasch Sie knnen nach Deutschland ein;
lieber trockene Brodrinde dort, mit vaterlndischem Quell- oder
Brunnenwasser, als Champagner hier, in diesem Gottvergessenen Lande
--Donnerwetter, unterbrach er sich dabei in alle seine Taschen fhlend,
jetzt habe ich mein Portemonnaie zu Hause auf meinem Schreibtisch
liegen lassen -- ei das ist mir doch ungemein fatal -- ah lieber Freund,
bitte legen Sie diese Flasche doch einmal bis heute Nachmittag fr mich
aus; -- Sie logiren? --

Im Weieschen Kosthaus, sagte dieser etwas berrascht und verlegen.

Sehr schn -- ich kenne das Weiesche Kosthaus, da sind wir ja halbe
Nachbarn -- wohne kaum drei Thren von Ihnen entfernt; desto besser --
und nun was ich Ihnen noch sagen wollte -- er hatte wieder denselben
schon vorher in Beschlag genommenen Westenknopf gefat -- stecken Sie
Ihr Manuscript in den Ofen -- 

Aber mein bester Herr Doktor -- 

Stecken Sie Ihr Manuscript in den Ofen, rief aber Herr Dr. Heindel
in einiger Aufregung, die Lumpe hier sind nicht werth da sie einen
ordentlichen deutschen Originalaufsatz bekommen -- hol sie der Bse --
sie glauben da sie einem Schriftsteller noch einen Gefallen thun, wenn
sie ihre Setzer nur nach einem Manuscript arbeiten lassen, da diese
gewohnt sind fast nur schon Gedrucktes zu setzen. Und dann schiffen Sie
sich ein -- schiffen Sie sich ein so rasch Sie knnen -- er war mit
seinen Augen wieder bis zur Weste in die Hhe gefahren. -- Amerika ist
ein vortreffliches Land fr Taback und Baumwolle, fr Mosquitos und
Alligatoren, fr Ruber und Diebe; aber fr einen gebildeten Mann, fr
Jemand, der wei was er sich und seiner Nationalehre als deutscher
Brger schuldig ist, pat Amerika gerade so gut, wie -- wie der Knopf
hier, setzte er hinzu, als er das unglckliche Stck Perlmutter endlich
wirklich abgedreht hatte, zu dem Kehrichthaufen da -- und mit den
Worten schleuderte er, ehe Theobald danach greifen konnte, oder in der
That eine Ahnung hatte was der exaltirte Mensch damit anfangen wollte,
den besagten Knopf wirklich auf einen, unfern der Thr liegenden
Kehrichthaufen in der Strae; dann aber Theobalds Hand rasch ergreifend
und freundlich schttelnd rief er ihm noch zu: Guten Morgen lieber
Freund -- guten Morgen -- ich komme heut' Nachmittag hinber zu Ihnen,
die Kleinigkeit mit Ihnen abzumachen, und verschwand gleich darauf um
die nchste Ecke.

Aber mein Knopf, rief Herr Theobald, und wollte auf den Kehrichthaufen
zueilen, sein Eigenthum wiederzusuchen, als ihm der Kellner den Weg
vertrat und freundlich sagte:

Nicht wahr, _Sie_ bezahlen die Flasche?

Theobald hatte eine unbestimmte Idee, was der junge Mann in Hemdsrmeln,
mit der Englischen Anrede meinte, nickte deshalb, in aller Verlegenheit
mit dem Kopfe und sagte _Yes_ und mute endlich wirklich die zwei und
einen halben Dollar fr den Champagner auslegen wie sein neuer, etwas
zweideutiger Freund gemeint hatte.

Als er das, wenn auch nicht zu seiner eigenen, doch zur Zufriedenheit
des _barkeepers_ abgemacht, ging er hinaus vor die Thr, nach seinem
Knopf zu sehn, hatte aber kaum eine halbe Minute auf der Erde da
herumgesucht, als sich schon sechs oder acht Menschen um ihn sammelten
und ebenfalls, in Erwartung irgend eines bedeutenden Fundes,
umhersuchten. Alle Vorbergehenden blieben jetzt stehn und drngten
herbei, und Theobald, wenn er nicht einen Straenauflauf veranlassen
wollte, mute sich rasch zurckziehn und den Knopf -- das halbe Dutzend
war schndlich verdorben -- seinem Schicksal berlassen.




Capitel 6.

Der Feuermann.


Es war Nacht, und die Backwoods-Queen schnaubte den Strom hinauf. Das
Boot hatte vor kurzer Zeit die nrdliche Grenzlinie Louisianas hinter
sich gelassen, und auf dem linken Stromufer, im Staat Mississippi Holz
eingenommen. Es mochte elf Uhr vorbei sein, und die Feuerleute und
Deckhands der Hundewache (von 12-4), die aus ihrem kurzen Schlaf
aufgestrt worden die Feuerung mit an Bord zu tragen, mochten sich,
der halben Stunde wegen, nicht wieder niederlegen, und saen und lagen
jetzt bunt gruppirt vor den Kesseln auf dort nachlssig hingeworfenem
Klafterholz, dem letzt an Bord gekommenen, das hier nur so ohne
Ordnung hingeschttet worden, gleich mit verfeuert zu werden. Vor den
Kesseln, unter denen die mchtigen Thren geschlossen waren und die
langen Scheite, ber diesen, durch kleine dazu angebrachte Klappen
hineingeschoben wurden, standen die Feuerleute, die ihre Wacht von
acht bis zwlf hatten, mit den unten rothheien Schrstangen in den
rugeschwrzten Hnden, und whlten die flammenden Scheite durch- und
ineinander, da sie wieder Raum bekamen frische oben hineinzuwerfen, als
Nahrung fr die Gluth.

Mitten zwischen der Gruppe stand eine riesige blecherne Kanne, die wohl
einen halben Eimer Kaffee fassen mochte, daneben eine bauchige Kruke mit
Whiskey gefllt, und Einer der Leute kam eben vom Bug vorn, wo ein halb
Dutzend gewaltige Zuckerfsser, die nicht mehr in den Raum gingen, frei
auf Deck lagen, und brachte eine groe Blechschaale voll Zucker herbei,
die er mit einem gespaltenen Schilfstck aus den groen, der frischen
Luft wegen darin angebrachten Bohrlchern der Fsser herausgepurrt
hatte.

Es war die ein vielleicht dreiundzwanzig Jahr alter wunderhbscher
junger Bursche, mit einem leichten dunklen Schnurrbart auf der
Oberlippe, und langem wie seidenem, fast mdchenhaftem Haar; auch das
Gesicht, wo es Ruflecke nicht bedeckten, war zart und wei, und die
langen Wimpern schatteten ein paar dunkle, aber keck und entschlossen
umherblitzende Augen, die jetzt besonders von einem eigenen lebendigen
Feuer leuchteten.

Hallo Wolf, was bringen Sie? rief ihm Georg Donner lachend entgegen --
hat's Brei geregnet drauen?

Brei nicht, lachte der junge Mann, aber Zucker! Wetter noch einmal,
wir werden doch diese Unmasse guten Stoffes nicht den Mississippi
hinauffhren, ohne wenigstens so viel Zoll davon zu erheben, als wir in
unseren Whiskey brauchen; kommen Sie her Donner, nehmen Sie eine von den
kleinen Blechschaalen dort, ich will uns einmal einen richtigen
Feuermannstrank zusammenbrauen.

Bei Golly, lachte Einer der andern Feuerleute, ein Neger, der mit zwei
andern Landsleuten oder wenigtens doch gleichfarbigen Kameraden, an der
Larbordseite des Bootes, das sechs Feuerleute auf Wache hatte, heitzte,
was die Bukras[13] da fr Zeug zusammenschwatzen, keine Kuh wird d'raus
klug.

Aber was der da ineinander giet werden wir schon verstehn, schmunzelte
der Andere. -- Oh Jimminy das riecht gut.

Der junge Deutsche hatte indessen die gereichte Schaale halb voll
Whiskey gefllt, dann Kaffee dazu gegossen, fast so viel als das Gef
halten wollte, und warf nun, mit dem gespaltenen Rohr, mit dem er auch
die Mischung ordentlich umrhrte, Zucker hinein, es s zu machen.

So, sagte er, als er es erst langsam gekostet, und dann einen
tchtigen Zug gethan, das wird gut sein -- brennt wie Feuer und treibt
die Hitze hier von den Kesseln wieder hinaus aus dem Krper. So lange
wir das haben, brauchen wir nicht zu frchten krank zu werden.

Ist doch ein wunderliches Leben hier an Bord, sagte Georg, der
ebenfalls einen tchtigen Zug that, und zurck zu den Kesseln trat, die
Scheite, die nur wenige Minuten ruhen drfen, wieder frisch aufzuschren,
groer Gott, wenn man bedenkt wie wir von zu Hause gewohnt waren zu
existiren, und jetzt die Dasein damit vergleicht -- und darum nach
Amerika; setzte er langsam mit dem Kopf schttelnd hinzu.

Geht es mir besser? lachte Wolf, der mit Georg Donner, drei Negern
und einem Irlnder ein und dieselbe Wacht hatte, whrend Carl Berger
ebenfalls mit drei Negern, einem Amerikaner und einem Franzosen feuerte
-- (die dritte Wacht, die erst um vier an die Reihe kam, war gleich nach
dem Holztragen wieder zu Coye gegangen) geht es mir etwa besser? --
wenn Sie meine Geschichte kennten, Georg, wrden Sie mehr als einmal den
Kopf schtteln ber den Wahnsinn, der mich, z.B. hierher ber das Meer
getrieben.

Lieber Gott, es wird die Geschichte von Tausenden von uns sein sagte
Georg -- sehn Sie dort den jungen Burschen an, der sich da kaum auf die
Scheite geworfen hat, und schon wieder so sanft und s eingeschlafen
ist, als ob er im weichsten Bette lge; das ist ein deutscher Deserteur,
den die Soldaten noch wieder vom Schiff holen wollten, und den der
Untersteuermann, wir wissen selbst nicht wie, auf so geschickte Weise
versteckt hatte, da ihn die Policey nicht finden konnte, und ihn aufgeben
mute. Jetzt arbeitet er sich nun tchtig in's Leben hinein und wer
wei, ob er nicht in einigen Jahren, anstatt die Muskete in Deutschland
herumzuschleppen, hier seinen eignen Heerd gegrndet hat. Ich selbst --
wer hat es mir an der Wiege gesungen, da ich einmal hier auf dem
Mississippi, nachdem ich in Deutschland studirt, die Kessel eines
Dampfboots, mit Negern und Mulatten zusammen, heitzen sollte, und
doch bin ich jetzt scharf dabei, und noch sogar froh eine derartige,
wenigstens lohnende Beschftigung gefunden zu haben. Kommt Zeit kommt
Rath, und nur erst einmal vollkommen der Englischen Sprache mchtig,
findet sich dann auch schon etwas anderes, besseres fr uns.

Das ist Alles recht schn und gut lachte Wolf, aber lange nicht so
romantisch oder -- toll wenn Sie wollen, wie mein eignes Schicksal, das
es vielleicht recht gut mit mir gemeint, dem ich aber im wahren Sinne
des Wortes durch die Lappen gegangen bin.

Die Romantik hat an unserer jetzigen Beschftigung allerdings nur einen
ganz geringen Theil sagte Donner lchelnd.

Ja und nein rief Wolf, seinen Strohhut auf das Holz und seine dunklen
Locken mit einer raschen Bewegung des Kopfes aus der Stirn werfend;
auch ich betrachte es als Mittel zum Zweck, und mu, so prosaisch das
klingen mag, Geld dabei verdienen.

Da ist die Romantik schon zum Teufel sagte Georg.

Und doch nicht rief Wolf, ja wenn ich es thte zu _leben_, aber mein
Vater ist reich.

Dann begreife ich freilich nicht, weshalb Sie sich hier in den
_untersten_ Schichten der Gesellschaft auf solche Art herumtreiben
sagte Georg, zum Vergngen doch wahrhaftig nicht.

Wre wenigstens ein wunderbarer Geschmack lachte der junge Mann,
wten Sie aber meine Geschichte, wrden Sie mir recht geben.

Sie sind jedenfalls aus guter Familie sagte Georg.

Meine Freunde in Deutschland -- bah, _Freunde_, das Wort ist zu gut fr
sie -- meine _Bekannten_ in Deutschland wrden allerdings nicht sowohl
lachen als die Nase rmpfen, wenn sie den einzigen Sohn des Grafen vom
Berge hier als Feuermann auf einem Dampfboot, mit Negern aus einer
Schssel essen, in einem Feuer schren shen!

Aber was um Gottes Willen hat Sie da zu diesem verzweifelten Entschlu
getrieben?

Die Liebe lachte der junge Mann, seinen Schrer wieder ergreifend, die
kleine Thr oder Klappe ffnend, und mit dem langen Eisen die Scheite
durcheinander rhrend -- die Liebe, Georg, und die Sache ist ungeheuer
einfach und rhrend. Ich liebte und liebe ein brgerliches Mdchen, mein
Vater, noch ein cht Pommerscher Graf von altem Schrot und Korn, drohte
mich zu enterben, wenn ich dem Mdchen nicht entsagte, und ich arbeite
jetzt daran ihm zu beweisen, da ein Graf vom Berge keine hinterlassenen
Schtze braucht, sich selber einen eignen Heerd zu grnden. In Deutschland
wre mir das nicht mglich gewesen, hier bietet sich die Aussicht dazu.
Schon ein Jahr arbeite ich jetzt wie ein Sclave -- aber nur um ein ganz
kleines Capital zusammenzuhaben; mit harter Arbeit allein wird jedoch
Niemand hier im Stande sein rasch Geld zu verdienen, die Speculation mu
ihm dabei helfen, und die wird deshalb die letzte Reise sein, die ich
auf einem Dampfboot mache, dann gehe ich nach dem Westen der Vereinigten
Staaten in das Indianische Territorium, dessen Verhltnisse ich schon
recognoscirt habe, und fange einen Schweinehandel an. Lachen Sie nicht,
das Geschft ist, wenn richtig betrieben, vortrefflich und wenn ich
sieben Jahre, wie Jacob um seine Rahel dienen mte, ich habe meinen
Kopf darauf gesetzt, und setze ihn durch -- oder gehe darber zu
Grunde.

Und Ihr Vater?

Wenn ihm der _Sohn_ mehr am Herzen gelegen als sein Wappenschild, htte
er mich gar nicht ziehen lassen.

Und haben Sie sich das ganze Jahr in solchem Leben schon herumgetrieben?
frug ihn Georg erstaunt.

Gott bewahre rief Wolf, wieder neue Scheite ergreifend und durch die
enge ffnung in den inneren, glhenden Raum stoend -- lieber Himmel,
was habe ich nicht schon Alles getrieben seit ich in Amerika bin.
Zeitungsaustragen war mein erstes Geschft, um nicht zu hungern, aber
das rentirte schlecht und widerstrebte mir auch, einer Masse Sachen
wegen die drum und dran hingen; dann wurde ich Holzschlger am
Mississippi, auch das war nicht schlecht, aber ich bekam es satt; ging
dann wieder in die Stadt und wurde Mkler. Dabei aber fhlte ich das
Mangelhafte meines Englisch und zog in den Wald, mir mit der Jagd Geld
zu verdienen. Das war die schlechteste Speculation; wo es Wild gab, galt
weder Wildpret noch Haut viel, und wo Nichts mehr zu schieen war,
versumte ich Wochen oft vergebens. Da brach das gelbe Fieber in
New-Orleans aus, Alles flchtete von dort und _das_ schien mir der
geeignete Platz rasch zu einer kleinen Summe zu kommen und meinen Plan,
den ich als Jger im Westen von Arkansas gefat, in's Werk zu setzen.
Bald sah ich da ich mich nicht geirrt -- zwischen Leichen und Grbern
eine Zeit durchlebend, die mir noch jetzt das Blut in den Adern gerinnen
macht, wenn ich daran zurckdenke, erreichte ich aber meinen Zweck und
verdiente _Gold_. Arbeiter waren fast gar nicht mehr zu bekommen, und
die wenigen, die aus Noth oder Gleichgltigkeit der Seuche trotzten,
wurden mit Geld berschttet. Neben mir fielen dabei meine Kameraden,
Burschen von allen Farben und Nationen, wie die Fliegen, ich selber
blieb, Dank meiner guten Natur, oder wenn Sie wollen von jenem
unerforschten Wesen beschtzt, gesund und krftig. Jetzt aber ist die
Zeit in New-Orleans vorbei; das Fieber hat seine letzten Opfer fr
dieses Jahr gefordert, Arbeiter strmen, so rasch sie eine Unzahl von
Dampfbooten den Strom nieder oder aus Europa herberfhren kann, in
ordentlichen Schaaren dahin, und ich selber bin jetzt im Stand einem
anderen, besseren Leben entgegenzugehen. Ich htte als Passagier fahren
knnen, aber es liegt ein eigner Reiz, den ich frher nie gekannt,
darin, ein kleines, selbsterworbenes Capital nicht unnthiger Weise
wieder zu verringern, sondern eher zu vergrern; so schr' ich mich
denn nach St. Louis hinauf, verlasse dort das Boot, und beginne meinen
Handel, der mich ein freies prchtiges Jgerleben dabei fhren lt.
Werden Sie mir nun einrumen, da auch in diesem Beruf auf solche Weise
Romantik liegen kann?

In dem Beruf darum doch nicht, Herr -- ich wei jetzt wahrhaftig nicht
wie ich Sie nennen soll -- unterbrach sich Georg lchelnd.

Wolf, bei meinem Vornamen rief der junge Mann rasch, das Andere pat
nicht zur Schrstange und zu der Umgebung hier, hab ich mir den _Titel_
einst wieder verdient, darf ich ihn tragen, _hier_ klnge er wie Spott.

Vorwrts _boys_, vorwrts rief da des Ingenieurs Stimme, der um die
Kessel herum nach vorn gekommen war, das Heitzen zu berwachen. Steht
nicht da wie die Schlafmtzen und lat mir das Feuer ausgehn; die Pest
auch, es sieht ja ordentlich schwarz unter den Kesseln aus.

Geht nicht mehr hinein Massa lachte ihm der eine Neger entgegen,
hahaha bei Golly, wenn wir noch mehr feuern, blasen wir das se Ding
von einem Boot in die Luft hinein!

Blat sie zum Teufel! rief der Ingenieur, aber, gebt ihr Hlle --
verdamm' meine Augen, wenn ich nicht die Kessel noch rothhei haben will
-- zu _boys_, zu, macht da wir von der Stelle kommen, das alte faule
Boot kriecht ja nur so am Land hinauf!

Alle Wetter rief Georg, als der Mann wieder zurck zu der Maschine
gegangen war, der Bursche scheint selber rothhei߫ zu sein, wie er es
nennt, und dem Whiskey mehr als gerade zweckmig zugesprochen haben;
wenn er nur keine dummen Streiche macht.

Ah bah, sagte Wolf, so ist er jedesmal auf seiner Wacht, aber sonst
ein guter Kerl, und sorgt dafr da seine Feuerleute ebenfalls nicht
Durst leiden -- er wei am Besten wie das thut -- heda Scipio, Du giet
ja den Whiskey hinein als ob's Wasser wre -- la noch 'was in der Kruke
Gesell.

Genug Wulfy, genug lachte der Schwarze, die fast gefllte Schaale, die
reichlich eine halbe Flasche des starken Trankes halten mochte, auf
einen Zug leerend, und andere Wacht mag wieder fr sich selber sorgen
-- die Kind, auf seinen eigenen Magen deutend, macht's genau ebenso.

Der Mate oder Steuermann stieg in diesem Augenblick die kleine steile
Treppe vom Boilerdeck nieder, ging nach der vorn hngenden Glocke und
schlug darauf nach Schiffsart, acht Glasen (12 Uhr).

Feierabend! rief Wolf seine Schrstange aufgreifend, den Raum unter
den Kesseln, wie das Sitte ist von der abziehenden Wacht, noch einmal
frisch aufzufllen.

Das ist recht Jungens, das ist recht! nickte ihnen der wieder
zurckkommende Ingenieur Beifall zu, indem er auf der _guard_ stehen
blieb und nach dem nahen Lande -- sie passirten eben eine der greren,
mitten im Mississippi liegenden Inseln -- hinberdeutete -- hurrah wie
das geht; jetzt soll uns einmal eines der anderen schuftigen Boote
versuchen nachzukommen. Feuert Jungens, feuert, da sich die andere
Wacht die faulen Knochen wrmen kann, wenn sie dran kommt.

So -- wieder auf acht Stunden Ruhe rief Wolf, seine Schrstange zu
Boden werfend, nun knnen sich unsere Kameraden ein Vergngen machen --
hallo Berger? -- auch schon munter? -- wie der Bursche verschlafen
aussieht -- 

Oh -- i sagte dieser, der die kurze Zeit benutzt hatte, noch auf dem
rauhen Holz ein halb Stndchen zu schlafen, indem er sich langsam
streckte und dehnte -- ist das ein Leben, aber -- zum Teufel auch --
ich habe einen furchtbaren Traum gehabt, wie ich da auf dem verwnscht
scharfen, eckigen Holze lag.

In der kurzen Zeit? rief Wolf.

Mir trumte sagte der junge Bursch, in sich selber dabei
zusammenschaudernd -- die Rothkragen htten mich in Bremerhafen vom
Schiff geholt, ich lge drin in der Festung auf scharfen Latten, und
sollte mit Tagesanbruch Spieruthen laufen. Wie die Glocke dort tnte,
knarrte die Thr und -- ha -- er schttelte sich in Furcht und
Entsetzen bei dem Gedanken -- der Henker kam herein, mich abzuholen --
Gott sei Dank, da es nur ein Traum war.

Dickes Blut, Kamerad lachte Wolf -- da steht noch Kaffee und Whiskey
-- nehmt einen Schluck, der wird Euch gut thun. Nun gute Wacht! -- aber
trinken mcht' ich noch einmal -- haben Sie den Wassereimer da, Georg?

Hier liegt er sagte dieser -- warten Sie, ich zieh' es selbst herauf
-- habe auch Durst!

Carl Berger hatte eben die Schrstange aufgegriffen, nach dem Feuer zu
sehn, whrend die beiden jungen Leute auf die _guards_ hinausgingen,
einen Eimer Wasser heraufzuziehen, als ein wilder gellender Schrei von
Deck heraustnte:

Thren auf -- um Gottes Willen -- Feuer aus!

Die Feuerleute fuhren empor und horchten, den Befehl nicht gleich
begreifend, auf, als ein grell und drhnend schmetternder Schlag das
Boot bis in den Kiel erschtterte. Kochend heier Dampf fllte zugleich
einen Theil der unteren Rume, whrend Wolf und Georg entsetzt einen
weien zischenden Strahl ber sich hinausschieen sehen, dem Trmmer und
Balken, wie von dem Ausbruch eines Vulkans hinausgeschleudert, folgten.
Ein Moment todtenhnlicher Stille folgte diesem Knall, aber im nchsten
Augenblick schon schlugen die ausgeworfenen Stcke auf das Wasser
nieder, whrend jammernde Menschenstimmen nach allen Richtungen hin laut
wurden.

Die Kessel sind geplatzt! gellte der schrille Weheruf ber die Fluth
und die, durch die geborstenen Thren hinausgeschleuderten brennenden
Scheite Holz vermehrten nur noch die Verwirrung.

In diesem ersten Augenblick war sich auch, die schwer Verwundeten
ausgenommen, noch Niemand bewut, welches Unglck sie am Meisten
bedrohe, ob das Boot sinke oder brenne oder ein zweiter Schlag sie
vielleicht Alle zerstckt in die Ewigkeit senden wrde -- keinen Schritt
weit konnte man dabei vor sich hinsehn, oder selbst den nchsten
Nebenmann erkennen, so fllte dicker weier zischender Qualm den ganzen
Raum und lag wie ein dichter, undurchdringlicher Schleier auf dem Boot.

Bald aber nderte sich das Schauspiel -- ein scharfer Windzug der ber
den Strom herber strich, fegte wie mit einem Schlag den Nebel ber
Bord, und als Georg und Wolf zurck vor die Kessel sprangen, bot sich
ihren Augen ein Anblick, der ihnen das Blut in den Adern starren machte.

Von den Leuten, die dort noch vor wenigen Minuten gesund und krftig
gestanden, lagen vier todt und zerstckt ber das Holz hingeschmettert,
das von glhenden Scheiten bestreut, zu brennen begann. Durch das
Boilerdeck und in die obere Cajte hinein, war ein mchtiges Loch
geschlagen, aus dem Winseln und Hlferufen wiedertnten, und beide
Schornsteine -- riesige wohl dreiig Fu hohe Rhren von schwarzem
Eisenblech mit fnf Fu im Durchmesser hingen zerrissen ber Deck, und
neigten das Boot nach der Seite, whrend aus dem Zwischendeck ebenfalls
schrilles und markdurchschneidendes Hlfegeschrei hervorgellte.

Die beiden jungen Leute, ohne fr den Augenblick an einen der
Verwundeten zu denken, griffen nur rasch die brennenden Scheite auf und
warfen sie ber Bord -- noch greres Unheil von dem Boote und seiner
brigen Mannschaft abzulenken, als ein neuer Schreckensruf auch diese
Arbeit unnthig machte.

Wir sinken -- wir sinken! schrie es von der anderen Seite herber wir
sind verloren!

Wolf sprang wieder an den Rand des Bootes, sich von der Wahrheit des
Rufs zu berzeugen, und fand hier wirklich da die Guards kaum noch
einen halben Fu von der Oberflche des Wassers entfernt waren, ja
konnte den gurgelnden stillgrollenden Ton sogar hren, mit dem die
gierige Fluth sich in einem irgendwo nicht weit von dort entfernten Leck
sog. Dicht unter ihnen, denn das Boot, das jetzt keinen Fortgang mehr
machte, trieb mit der Strmung wieder abwrts, ragten aber Bume und
dunkle Stmme aus dem Wasser -- sie befanden sich gerade oberhalb
derselben Insel, an der sie vorhin hinaufgelaufen, und wenige Minuten
noch muten ihr Schicksal entscheiden.

Georg hatte sich indessen ber die Unglcklichen gebeugt, die der erste
Schlag des platzenden Kessels getroffen, und erkannte mit Schaudern
unter ihnen Carl Bergers Gestalt, der mit zerschmetterter Schulter,
blutend und bewutlos ber die Scheite hingeworfen lag. Wohl athmete er
noch, aber wie war ihm hier Hlfe zu bringen?

Ein heftiger Sto traf zu gleicher Zeit gegen das Boot, unter dem
die eine, das Boilerdeck tragende und stark gesplitterte Decke
zusammenbrach, whrend ein Theil des vorderen Decks ihr nachfolgte. Die
Frauen kreischten, die Verwundeten sthnten und winselten, die Mnner
fluchten wild durcheinander, und hie und da sprangen Einzelne in
Todesangst ber Bord, die dort aus dem Wasser ragenden ste versenkter
Bume zu erfassen, und sich dadurch vor dem, ihnen gewi scheinenden
Untergang des Bootes zu retten. Von dort aber konnten sie nirgends an
Land; die dunkle Fluth quirlte und gurgelte dabei um sie her, und als
ihre Krfte erschlafften, und das kalte Wasser ihre Glieder mit
Fieberfrost schttelte, schrieen sie von dort herber, wieder an Bord
geholt zu werden.

Aber das Boot sank _nicht_, und ob auf den Sand, oder irgend einen
schtzenden, unter Wasser liegenden Stamm gelaufen, wohin es durch die
mchtige Strmung gedrngt worden, blieb es sitzen, und nur das
Vordertheil, gegen das die volle Fluth anprete, drckte sich halb unter
Wasser, und lie das schumende Element darber hinspritzen.

Wohl eine halbe Stunde verging, ehe nur einiger Maen der erlittene
Schaden bersehn, und Ordnung in das durcheinander Schreien und Strzen
der zum Tode erschreckten Menge, unter der sich auch mehre Frauen aus
Cajte und Zwischendeck befanden, gebracht werden konnte. Georg Donner
hatte indessen den schwer verwundeten Landsmann mit Wolf's Hlfe zurck
in das hher liegende Zwischendeck gebracht, wo jetzt auch die brigen
Todten und Verwundeten auf aus den Coyen gerissenen Matratzen gebettet
wurden, und die beiden jungen Leute gingen dann daran, das Terrain zu
untersuchen, auf dem sie sich befanden.

Mit einer ber Bord geschobenen Planke, von denen der Zimmermann eine
Menge auf dem hinteren Deck liegen hatte, fhlten sie da das Wasser
dicht hinter dem Boot und nach der Insel zu kaum vier Fu tief war,
und von bereinander gestrzten und dort anschwemmten Stmmen fast
berdeckt wurde. Durch diese hin arbeiteten sie sich bis zu der,
hchstens zwanzig Schritt entfernten Sandbank, die an dichtes Gestrpp
und Unterholz hinanlief. Wolf watete dann zum Boot zurck und lie sich
von dort unter den Kesseln vor, ein brennendes Scheit herber reichen,
das an seinem unteren Ende mit einem rasch aufgegriffenen Kopfkissen aus
dem Zwischendeck, umwickelt wurde, um es in der Hand halten zu knnen.
Die trug er zum Ufer, und bald loderte dort, von hinzugeschleppten,
niedergebrochenen drren sten reichlich genhrt, ein helles Feuer auf,
das die unheimliche Scene des gestrandeten Bootes mit seinem rothen
Lichte bergo.

Nun wnschte der Capitain besonders, an Bord zu bleiben und den Tag zu
erwarten, damit sie von einem vorbeikommenden Boot konnten abgeholt
werden; der Steuermann aber, der vorn am Bug das Wasser untersucht und
es dort weit tiefer gefunden hatte als das Boot war, erklrte jetzt da
dieses nur auf irgend einen Stamm oder Ast aufgeritten sei, und jeden
Augenblick von diesem abrutschen oder ihn niederdrcken knne, wo sie
dann gar nicht sicher wren das ganze Boot dem einsinkenden Bug
nachfolgen zu sehn; je eher sie daher das Wrack verlieen, desto besser.

 [Illustration: Capitel 6]

Die Leute gingen denn auch, unter des Steuermanns Leitung, rasch daran
eine sogenannte _stage_ von zusammengebundenen Bretern zu bauen, die
eine Brcke bis an Land bilden sollte, denn die Jlle war, bis Bahn
gehauen werden konnte, in den verworrenen sten nicht zu brauchen.
Diese halfen ihnen aber vortrefflich den rasch hergerichteten
Plankenweg, oder die ihn haltenden Taue, zu tragen, und das beendet,
wobei sie noch durch einen pltzlichen Ruck, den das Boot gab, zu
grerer Eile angetrieben wurden, trugen sie vor allen Dingen die
Verwundeten hinber auf den Sand und neben das wrmende Feuer, wo ihnen
die unverletzt gebliebenen Passagiere ein so gutes Lager als mglich
herrichteten, whrend die Mannschaft dann beordert wurde zu retten was
irgend anging.

Dazu aber behielten sie keine Zeit; der Steuermann hatte nur zu recht
gehabt als er trieb das Boot zu verlassen, denn durch das in den Raum
gedrungene Wasser, das besonders die Zuckerladung gleich sttigte, war
der Rumpf so furchtbar schwer geworden, da ihn der Stamm, auf den er
jedenfalls aufgesessen, nicht mehr zu tragen vermochte, jetzt ein Stck
nachgab, und dann, vielleicht mit der Wurzel ausgehoben, den Vordertheil
des Boots niedergleiten lie.

Die kecksten der Matrosen und Feuerleute, und unter ihnen der junge
Wolf, denn Georg war mit den Verwundeten beschftigt, lieen sich
allerdings nicht durch das erste Sinken abhalten, sprangen nur zurck
auf das hintere Deck, wo sie sich festhielten, und erwarteten das
Weitere, ob dieser Theil des Bootes ber Wasser bleiben, oder dem
vorangegangenen Gewicht nachfolgen werde. Einen Augenblick schien es
auch als ob es sich setzen wolle, aber ein neuer Sto warnte sie bald
auf ihre eigene Sicherheit bedacht zu sein; noch einen Moment schwankte
das groe mchtige Boot, das jetzt halb seitwrts gegen die Strmung
angedreht war, dann prete diese es auf die Seite; das was es bis dahin
noch gehalten gab nach, und schwerfllig die Fluth von sich abstoend,
die vor der andringenden Masse zurckwich, um gleich nachher nur so viel
gieriger ber die Beute herzufallen, glitt das Wrack in so tiefes Wasser
hinein, da nur der obere Theil seiner Cajte an der Larbordseite daraus
hervorsah, und die schmutzig gelbe Fluth gar unheimlich mit den wei und
gelben Zierrathen der blitzenden Fensterreihe spielte.

Die Leute hatten dabei wirklich kaum Zeit gehabt sich ber die Planken
hin an Land zu retten, und standen jetzt, ihres Alles beraubt, halbnackt,
na, erschpft, Einzelne davon selbst ohne Hut und Schuhe, auf dem kahlen
Sand der Insel.

ber den Kameraden hinber gebeugt, der gerade die Augen zu ihm
aufschlagen und die Lippen wie zum Sprechen bewegt hatte, stand Georg.

Wie ist Ihnen, Berger, haben Sie viel Schmerzen? frug er theilnehmend.

Wasser, sthnte der Unglckliche.

Wolf sprang zum Wasserrand und brachte den gefllten Hut zurck; der
Verwundete that ein paar Zge, dann lie er den Kopf zur Seite sinken.
Mein Traum, flsterte er, sie -- sie -- holen -- mich -- und sank
todt in die Arme des Kameraden.

ber die Leiche gebeugt, mit gefalteten Hnden, stand ein anderer
Reisegefhrte von ihm, Schultze, der auf demselben Boot nach St. Louis
Passage genommen.

Guter Gott sthnte er leise vor sich hin -- wie unerforschlich und
dunkel sind Deine Wege; wie jubelte der junge Mensch als er sich frei,
seinen Verfolgern entzogen sah, und wenige Monate nur, und todt und
verstmmelt liegt er auf demselben Boden, dem er mit solch freudiger
Hoffnung und Zuversicht entgegenstrebte! --

Hlfe -- Wasser --  jammerten Andere daneben, und fllten mit ihren
Wehklagen die Luft -- oh mein Gott -- oh mein Gott! Hlfe, Hlfe! und
die Feuer loderten dazu hoch und glhend auf, und warfen ihren
blutrothen Schein ber diese Scene des Schreckens und des Jammers.

Das ist die Vergeltung -- das ist Gottes Gericht! murmelte da dicht
neben Georg, der mit Einem der anderen Verwundeten schon beschftigt
war, und dessen Schmerzen zu lindern suchte, eine leise, heisere Stimme
in deutscher Sprache, und als er sich dorthin wandte, erkannte er
berrascht die Frau von der Haidschnucke, die auf der damaligen
berfahrt fast fortwhrend krank in ihrer Coye gelegen und jetzt, nicht
weit von dem einen Feuer auf den Sand gekauert, die beiden mageren Arme
um ihre Knie geschlagen sa, und vor sich hin in die Flamme stierend,
mit dem Kopfe kalt und unheimlich dazu nickend, murmelte: das ist die
Strafe fr begangenen Frevel von dem alten Mann da oben, der mir das
Gewissen schon fast in Stcke zerrissen hat auf der langen Fahrt -- die
_Kinder_ sind uns nachgekommen -- die todten Kinder, und haben sich mit
auf das Boot gesetzt -- _die_ zogen's hinab auf den Grund -- tief, tief
hinab -- ha! rief sie da pltzlich lauter und zusammen schaudernd --
sie haben ein furchtbar entsetzliches Gewicht.

Du wirst Dir das Maul noch verbrennen mit den tollen, wahnsinnigen
Reden flsterte ihr da der Mann, der sich ber sie gebogen, finster und
mrrisch in das Ohr -- denk' wenigstens nicht laut, wenn Du denn einmal
solch albernes Gewsch fortwhrend im Kopf herumtragen mut, oder, Gott
verdamm' mich, ich -- ich kriege die Geschichte einmal satt, und gehe
meiner Wege.

Wie das Kleine da im Bettchen liegt, mit den rothen gesunden Backen
fuhr die Frau aber fort, ohne auf die Drohung des Mannes zu achten, ja
ohne sie wahrscheinlich zu hren -- ich _mute_ es noch einmal kssen,
brach mir doch so beinah das Herz, und gleich wieder schlief es ein und
schlief so sanft -- so s.

Beim ewigen Gott! rief da Georg Donner, dem keines der Worte entgangen
war, whrend er zugleich in das von der Flamme hell beschienene brtige
Gericht des Mannes geschaut hatte, indem er aufsprang und auf diesen
zutrat -- Ihr stammt aus Waldenhayn, heit Steffen und seid derselbe,
der mit der Frau flchtig geworden und die eigenen Kinder der Noth, ja
dem Hungertode preis gegeben, zurckgelassen hat!

Geht zum Teufel -- was wollt Ihr von _mir_? rief der schwarze Steffen
aber rgerlich ist Euch auch der Dampf in den Kopf gestiegen? -- ich
heie Meier und nicht Steffen.

Was ist, was giebts? rief auch jetzt Wolf, aufspringend und zu dem
Kameraden tretend -- was ist mit dem Manne?

Das ist der Schuft der seine Kinder verlassen hat? rief aber auch
jetzt Herr Schultze sich gegen den Verbrecher wendend -- das ist der
Bursche den sie in Deutschland mit Steckbriefen verfolgt, und den wir
auf unserem eignen Schiff mit herber gebracht haben nach Amerika?

Hallo -- wo brennts nun wieder? riefen aber die Amerikaner, die mit um
das Feuer standen und kein Wort von der ganzen Verhandlung begriffen
hatten, wirr durch einander; was zum Henker kauderwelscht Ihr da jetzt
zusammen?

Da schilderte ihnen Georg, in edler Entrstung das Verbrechen der
Beiden, und zornfunkelnde wilde Blicke hafteten dabei auf der Gestalt
des Mannes, der ihnen finster und trotzig gegenber stand.

Tod und Teufel! schrie ein langer Bootsmann, da ist's kein Wunder
wenn wir, mit solcher Fracht an Bord, aufgeblasen sind -- der Schuft
verdiente seine Hnde zusammengebunden zu haben und hier in's Wasser
geworfen zu werden, wo es am tollsten wirbelt.

In's Wasser nicht; der wrde die Fische vergiften schrie da ein
Kentuckier, sich durch die brigen Bahn machend, auf den Burschen zu,
aber an einem der Bume hier sollte er hngen, zur Verzierung der
Insel.

Zurck da! rief aber der Mann, einen Schritt bei Seite springend, als
der Amerikaner nach ihm herberdrngte -- was wollt Ihr von _mir_? -- es
sind Lgen und Verlumdungen!

Was sagt er? riefen Andere wieder, die ihn nicht verstanden -- und
das da ist die Frau? -- eine schne Mutter!

Wie sie geschaut haben werden flsterte aber diese, das Toben und
Schreien um sie her gar nicht beachtend, indem sie, in derselben Stellung
als vorher, sich herber- und hinberwiegte -- wie sie geflucht haben
werden, als sie am anderen Morgen kamen und die Alten vom Neste geflogen
fanden, die Jungen zu fttern hatten -- aber -- was ist denn das? --
setzte sie unruhiger, sich scheu berall umsehend hinzu -- sie kommen
_nicht_ -- nicht den ersten Tag -- nicht den zweiten --nicht den dritten
-- das Mehl ist aufgezehrt -- die Milch sauer geworden fr das Kind --
wie es schreit und die Hndchen nach der Mutter ausstreckt -- groer
barmherziger Gott, ich mu zurck -- ich _mu_, ich _mu_ zurck!

Sie war aufgesprungen, und hatte beide Hnde, zwischen denen die matten
glanzlosen Augen stier und wild umherschauten, fest gegen die Schlfe
gepret. Georg, der wohl fhlte wie ihr Geist von den letzten Schrecken,
mit dem nagenden Wurm des verbten Verbrechens am Herzen, angegriffen
und erschttert sei, trat da zu ihr, legte ihr die Hand auf die
Schulter und wollte sie beruhigen.

Fort sagte sie aber leise, ohne sich nach ihm umzusehn -- an Deiner
Hand ist Blut -- mich schaudert wenn ich Dich anschaue.

Sie ist bergeschnappt riefen jetzt die Bootsleute, die sich um sie
drngten, und ihr halb scheu halb neugierig ins Gesicht sahen -- bei
Gott sie ist verrckt! Die Frau aber, ohne sich weiter um die Mnner zu
kmmern, sank wieder an ihrem vorigen Platz zusammen, zog sich ihr
weies Tuch ber, da es den Kopf vllig bedeckte, und blieb so, still
und regungslos neben dem Feuer kauern. Als sich die brigen jetzt aber
wieder nach dem Manne umsahen, war er in dem dichten, die Sandbank
umgrenzenden Unterwuchs und Rohr der Insel verschwunden.

Allerdings wollte ein Theil der Leute den Burschen, der durch seine
Flucht sein bses Gewissen hinlnglich bekundet hatte, aufgesucht, und
den Amerikanischen Gerichten bergeben haben, die Insel war aber gro,
und so lange es dunkel blieb an etwas derartiges gar nicht zu denken.
Dann aber nahm auch die eigene Lage ihre Aufmerksamkeit viel zu sehr in
Anspruch, sich mit dem Fremden viel lnger zu beschftigen, als man ihn
eben sah, und Alles drngte sich jetzt um den zweiten Ingenieur her, der
ebenfalls schwer verwundet am Feuer lag, und gerade wieder ein erstes
Lebenszeichen gab. Donner sprang zum Wasser hin, tauchte dort sein Tuch
ein, es wieder anzufrischen, und legte es dem noch halb Bewutlosen um
die Schlfe, whrend ihm Wolf die Lippen netzte, und etwas Wasser in
das Gesicht spritzte.

Der Mann kam endlich wieder zu sich, und seine Wunden erwiesen sich
glcklicher Weise nicht so schwer, an seinem Aufkommen zweifeln zu
lassen; andere aber, und unter ihnen zwei Passagiere, ein Deutscher und
ein Amerikaner waren von dem hei ausgestrmten Dampf furchtbar verbrht
worden, und jammerten und sthnten, und baten um Gottes Willen ihren
Leiden ein Ende zu machen.

Whrend Alles fr diese geschah, was der Augenblick nur zu thun
erlaubte, hatte sich der Ingenieur wieder so weit erholt, um wenigstens
einige Fragen zu beantworten, die der Capitain ber die Ursache des
Unglcks an ihn richtete.

Was der arme Teufel noch aussagen konnte stimmte mit dem Zeugni der
Feuerleute berein. Er war kurz vorher, ehe die Explosion erfolgte, zu
seiner Wacht geweckt worden, und hinunter in den Maschinenraum gegangen,
wo ihm das schon auffiel, da er Niemanden dort antraf. ber die Guards
hin rasch den Feuerleuten zugehend, begegnete er hier dem andern
Ingenieur den er augenblicklich fr halb betrunken erkannte. Er bat ihn
jetzt um das Holz, das dieser noch in der Hand hielt, die Strke des
Dampfes zu prfen, der aber weigerte sich lachend ihm das zu geben, sich
noch dabei uernd da er ihm dann seinen besten Dampf hinausliee, und
das Boot gerade jetzt gegen den Strom anlief wie ein durchgehendes
Pferd. Zurckgehend zur Maschine sah er da zu seinem Schrecken, da die
Sicherheitsvalve auf eine Weise beschwert war, die die Sicherheit des
Bootes auf das hchste bedrohen mute -- rasch sprang er zu, die
Gewichte fortzureien, und rief dabei nach vorn die Thren zu ffnen als
er, wie er sich zu erinnern glaubt, auf dem Maschinenholz, in der Hast
und Angst ausrutschte und in demselben Augenblick zu Boden strzte, wo
der eingeprete Dampf sich endlich mit Gewalt seinen Weg in's Freie
bahnte und die Kessel sprengte. Das allein rettete ihn jedenfalls, er
wre sonst, wie der andere Ingenieur der neben ihm, aber aufgerichtet
stand, zu Atomen zerschmettert worden.

Mchtige Feuer waren indessen auf der Sandbank und dicht am Holzrand
entzndet worden, Gesunden wie Verwundeten ein nur einiger Maen
ertrgliches Nachtquartier zu bieten, und vorzglich hatten die
Amerikaner schon fr die Damen aus der Cajte, an einem besondern Feuer,
ein dichtes Dach von Zweigen hergerichtet, sie gegen den Nachtthau und
die kalte, ber den Strom herberstreichende Zugluft zu schtzen; an
Schlaf war aber, selbst fr die gar nicht Verletzten, kaum zu denken,
denn die Unglcklichen sthnten und winselten in ihrem Schmerz bis an
den hellen Morgen. Donner gab sich dabei jede nur erdenkliche Mh' ihre
Schmerzen zu lindern, zerri sein leinenes Hemd, das letzte das ihm
geblieben, Verbnde zu machen, und suchte vor allem die Fiebergluth der
Armen zu khlen. Aber menschliche Mittel, selbst wenn er Alles zu Hnden
gehabt htte was er bedurfte, reichten da nicht mehr aus, und die beiden
Verbrhten, die im Maschinenraum als die Kessel explodirten, auf dort
aufgestapelten Kaffeescken geschlafen hatten, starben ihm unter den
Hnden, noch ehe die Sonne aufging und die traurig wilde Gruppe
beleuchtete.

Bald nach Sonnenaufgang kam ein Boot stromauf, und dicht an der Insel
vorbei -- das noch zum Theil aus dem Wasser ragende Wrack, wie die
Menschen am Ufer verriethen ihm deutlich genug was hier vorgefallen, und
es schickte sein Boot an Land Mannschaft und Passagiere aufzunehmen und
nach der nchsten Stadt zu bringen, wo sie Hlfe bekommen konnten.
Die Verwundeten wurden zuerst an Bord geschafft, in Memphis wieder
ausgeschifft zu werden, und nur die Frau, die noch immer regungslos am
Feuer sa, weigerte sich ihnen zu folgen. Sie wollte keinen Schritt
weiter mit dem Manne gehn, der Fluch und Elend ber sie gebracht, und
erst als ihr Georg, der die Unglckliche nicht in dem Zustand ihrem
Schicksal berlassen mochte sagte, da Steffen in den Wald entsprungen
und nicht zurckgekommen wre, stand sie endlich auf, strich sich die
langen wirren Haare aus der Stirn, und folgte dem jungen Mann von da an
willenlos, wohin er sie brachte.

In Memphis angekommen, wurden die Verwundeten gelandet und rztlicher
Pflege dort bergeben, und der Capitain der Mississippi-Belle wie das
Dampfboot hie das sie aufgenommen, erbot sich freundlich Passagiere und
Mannschaft der Backwoods-Queen die smmtlich ihr Gepck mit dem Untergang
des Bootes verloren hatten, unentgeltlich mit nach St. Louis zu nehmen,
wohin auch er bestimmt war. Die meisten nahmen die gromthige
Anerbieten an, obgleich fast Alle, wie auch Wolf und Georg, ihr baares
Geld bei sich trugen und gerettet hatten, nur Wolf verlangte seine
Passage als Feuermann abarbeiten zu drfen, wobei sich ihm Donner
anschlo. Der Capitain lachte freilich ber die eigensinnigen Burschen,
lie sie aber gewhren, und Wolf wie Georg wurden Feuerleute auf der
Mississippi-Belle.

Die Frau brachte Georg, kurz vor der Abfahrt des Bootes, in ein
deutsches Kosthaus, und bat die Leute dort sich ihrer anzunehmen, bis
sie sich erholt habe; er selber wolle dann auf dem Rckweg wieder
vorsprechen, und gern die Kosten, zu denen er schon einige Dollar da
lie, tragen.

Die Frau sprach dabei kein Wort -- sie dankte ihm nicht, sie sah nicht
auf, und sa still und regungslos, wie sie am Feuer gesessen hatte, in
der Ecke, als er das Haus verlie.




Capitel 7.

Die Deutschen in Cincinnati.


Herr von Hopfgarten, den wir auf seiner Fahrt nach Cincinnati verlassen
haben, hatte sich indessen in der Knigin des Westens wie sie
ernsthaft, oder _Porkopolis_ -- wie sie der ungeheueren Masse Schweine
wegen, die dort jhrlich geschlachtet und verschickt werden, scherzhaft
im Lande heit, einige Wochen aufgehalten, um sich mit dem Leben und
Treiben einer der inneren Stdte Amerikas bekannt zu machen.

Die Lage Cincinnatis, das den Centralpunkt aller dort gelegenen
deutschen Ansiedelungen bildet, ist reizend; der wunderschne Ohio
(schon von den Indianern _O-hy-o_ -- der schne Strom genannt) besphlt
ihren Fu und bietet ihr eine treffliche Landung, an der die grten
Mississippi-Dampfer ihre Frachten ein- und ausladen knnen, whrend
freundliche, jetzt schon vielfach mit Reben bepflanzte Hgel die Stadt
im Rcken umschlieen. Es kam ihm dabei so vor, als ob fast der dritte
Theil der Einwohner Deutsche wren, und einzelne Viertel besonders
schienen nur von Landsleuten bewohnt, ja auf dem trefflich bestellten
Markt hrte man kaum etwas anderes als Deutsch sprechen, und besonders
amsirte es ihn dabei die Verschmelzung der Trachten, den bergang des
deutschen Bauers, der nur erst nach hartnckigem Widerstand in _jeder_
Hinsicht den deutschen Bauer auszieht, in den Amerikaner zu beobachten.

Wunderliche Transformationen kamen da vor, nicht unhnlich denen, wie
man sie berall an wilden Stmmen beobachten kann, und unser deutscher
Bauer hat wirklich einige hnlichkeit, so sonderbar das klingen mag,
mit dem Indianer. An seinen alten Sitten mit einer Zhigkeit hngend die
ihres Gleichen sucht, betrachtet er Jeden der ihm daran rtteln will
mistrauisch, eiferschtig selbst -- sein Vater hat das so und so gethan
und so war's gut, warum sollt's jetzt wohl anders werden -- etwa weil
Stadtmenschen mit Brillen auf, die das aus Bchern gelesen haben --
meinen sie knnten es besser machen? _die_ hatten jedenfalls ihre
Absichten, suchten ihren Vortheil dabei, das war Alles. So gehn sie auch
nach Amerika, nicht etwa weil sie sich dort ein freieres, ungebundeners
Schaffen versprechen, sondern weil ihnen Steuern und Abgaben im
alten Vaterland zu drckend werden, und Briefe auf Briefe von dort
herberkommen, die ihnen mit goldenen Schilderungen den Mund so lange
wssrig machen, bis sie eben nicht lnger widerstehen knnen und nun
auswandern. Und nicht um dort zu lernen, und sich den Sitten und
Gebruchen der neuen Heimath zu fgen, betreten sie das fremde Land,
sondern fest berzeugt da sie den Leuten dort noch zeigen mssen wie
man ackert und set. Ihre eigene Sitten, ihr eignes Ackergerth und
Handwerkszeug, so unpraktisch das sein mag, so wenig es den dortigen
Bedingnissen entspricht, ndern sie auch deshalb nicht, bis nicht ihre
Kinder herangewachsen und den Bettel aus dem Hause werfen, oder die Noth
sie zwingt das eine oder andere zu verbessern.

So mit ihrer Kleidung; mit den langen blauen Zimmermannsrcken mit
fingerbreiten Kragen, und riesigen, zwischen den Schen zeitweilig
herausfahrenden weileinenen Taschen, mit dem ausgeschweiften Hut und
den kolossalen Schuhen, und die Frauen mit ihren kurzen Rcken und
weiten rmeln, den wunderlichen Hauben, dick wattirten, wulstigen
Jacken und tausendfach gefalteten Rcken, wie lange whrt das, bis sie
auch nur das kleinste daran ndern, und thun sie's selbst, legen sie das
und jenes ab, und die und das dafr an, die Art wie sie's tragen bleibt
dieselbe, und der Deutsche ist im Nu herauszufinden.

Herr von Hopfgarten hatte Briefe an ein paar deutsche Kaufleute mit. Der
Eine, den er zuerst besuchte, hielt einen Laden im Mainstreet, und schien
durch Importiren deutscher Waaren ein ziemliches Vermgen erworben, sein
Deutsch aber dabei vergessen zu haben. Er sprach nur Englisch -- wenn
auch freilich mit traurigem Accent -- selbst mit seinen deutschen
Dienstleuten, die sich abqulen muten ihn nur zu verstehen -- kleidete
sich ganz Amerikanisch, d.h. er coquettirte damit einen sehr feinen,
aber an dem einen Ellbogen zerrissnen Rock zu tragen, besuchte den
ganzen Sonntag Amerikanische Kirchen und -- kaute Taback.

  Wie er sich ruspert und wie er spuckt,
  Das habt Ihr ihm glcklich abgeguckt.

Das vernachlssigte, Widerliche des Amerikanischen Charakters nehmen
diese Art Leute an, das aber, was seinem ganzen Wesen die innere
Triebkraft giebt, das Bewutsein seiner Freiheit, sein Nationalstolz,
mit dem er sein Vaterland wachsen und gedeihen sieht, wie noch kein
Beispiel die Geschichte je geliefert, das leider Gottes liegt ihnen
unerreichbar fern. Sie sagen sich nicht allein los vom deutschen
Vaterland -- das ist gut, das Vaterland kann sie verschmerzen und
hat des Gelichters noch leider mehr als genug -- nein sie schmen sich
auch Deutsche zu sein, schimpfen nicht auf das was Deutschland so
niedergedrckt hat und zu Boden gehalten, sie haben das nie begriffen
noch gefhlt, nein auf den deutschen Stamm, dem ihre eigene Mutter
angehrte, und spreitzen sich in ihrem fremden Wesen, mit dem gewonnenen
Reichthum, von dem ordentlichen Amerikaner ausgelacht, von dem wackeren
Deutschen verachtet, in einem kleinen Raum herum, den ihr eigener
Dunstkreis bildet, und den sie fr die Welt halten.

Hopfgarten konnte sich nicht wohl bei diesen Menschen fhlen; diese
vornehme Gemeinheit widerte den wackeren Mann an, und er suchte sich
eine andere Schicht der Bevlkerung unter den Deutschen.

Er wurde bei einem Landsmann, der eine Apotheke in ---- _street_ hatte
eingefhrt und sehr freundlich aufgenommen, und lernte hier einige
Doktoren, Advocaten und Geistliche kennen, aber ein steifer Ton
herrschte auch in diesen Zirkeln; von einem herzlichen Verstehen war
zwischen ihnen nicht die Rede. Die Doktoren waren natrlich nur solche
die zur Ausfhrung ihrer Recepte die Patienten nach _seiner_ Apotheke
schickten, die Advocaten und Pastoren gute Patienten von beiden, aber
auch hier wurde kein freundliches Wort ber die _Landsleute_ gesprochen.
Alle diese Mnner befanden sich noch nicht in den Verhltnissen ihren
Beruf aufzugeben und von ihren Zinsen zu leben, ja Manche waren erst
seit kurzer Zeit von Europa herbergekommen und suchten sich erst eine
Carriere oder Stellung zu grnden. Der Apotheker _protegirte_ Manche von
diesen, und war auerdem, seiner uerung gegen Herrn von Hopfgarten
nach, _stolz_ darauf ein Brgerlicher zu sein.

Hopfgarten lachte damals ber diese etwas wunderliche Bemerkung, und
meinte darauf, Herr Hohlziegel habe dazu wohl eben so wenig Grund, als
wenn _er_ auf seinen Adel stolz sein wolle, da sie als vernnftige
Mnner doch wten wie des Menschen Handeln seinen Werth bestimme --
aber wohl konnte er sich dennoch nicht zwischen den Leuten fhlen. Es
war auch dabei von Nichts die Rede als von Geschften, und wenn ein Mann
genannt wurde, mute die Zahl seines Vermgens den Zunamen bilden -- das
ganze Geschlecht wurde in _gut_ und _nicht gut_ geschieden. Selbst der
Geistliche, der neu angekommen, in den nchsten Tagen eine Probepredigt
zu halten hatte, damit sich dann die Gemeinde entscheiden knne ob sie
ihn haben wolle oder nicht, sprach nur von dem _Effekt_ seiner Rede, von
dem Packen der Menge und von seinem _Gehalt_.

Diese Leute verschmhten es, oder hielten es vielmehr unter ihrer Wrde
in ein deutsches Bierhaus zu gehn, und tranken mit kleinen Stckchen
sehr trockenen, staubig schmeckenden Confekts, einen nichtswrdig
saueren Amerikanischen Wein, der das Einzige zu seiner Entschuldigung
hatte, da er auf Herrn Hohlziegels eigenem Weinberg gereift war, und
dieses Meinung nach, einmal ein famoses Gewchs werden mute.

Hopfgarten stand eines Abends, nach einem schrecklich verlebten
Nachmittag in Verzweiflung unten in der Apotheke und beschlo schon
Cincinnati mit seiner prachtvoll gebauten Unterstadt, und den
Holzbaraken des Canalviertels in Mismuth zu verlassen, als der Provisor,
ein behbig aussehender Mann, mit fettem Unterkinn und kleinen lebhaften
Augen, seinen Hut aufsetzte, dem anderen jungen Mann in der Apotheke
zurief da er mit dem fremden Herrn ausgegangen sei, und diesen dann
sehr zu dessen Erstaunen ohne weiteres unter den Arm nahm und hinaus auf
die Strae fhrte.

Wenn Ihr Magen von dem verdammten Grneberger Ausbruch noch nicht
ruinirt ist, sagte er dabei, und Sie noch eine halbe Stunde aufsitzen
knnen ohne einzuschlafen, wie es die Honoratioren gewhnlich machen,
so denk' ich Sie zu einem guten Glas Bier zu fhren, wo wir auch muntere
Gesellschaft finden. Gemischtes Publicum allerdings, aber nette Kerle,
und Cincinnati Bier mit Limburger Kse.

Oh Sie scherzen, rief Hopfgarten rasch, Limburger? chter Limburger?
Herr, das ist eine schwache Seite von mir.

Sie werden ihn _riechen_ sobald wir in's Haus kommen, sagte Bohle, der
Provisor. berhaupt aber ziemlich schweigsamer Natur, lie er sich auch
unterwegs auf kein groes Gesprch weiter ein, sondern beantwortete alle
an ihn gerichteten Fragen so einsylbig als irgend mglich.

Sycamorestreet hinauf und in eine der Queerstraen, die mit dem Strom
parallel laufen, einbiegend, erreichten sie endlich ein Haus, das
nicht mit dem entsetzlichen Deutsches Coffe-Haus wie fast alle
Schnapskneipen die berschrift tragen, versehen war, sondern wo ein
wei und blaues Schild -- ein Stckchen Heimweh des bairischen
Bierbrauers -- dem durstigen Wanderer mit lakonischen aber zum Herzen
sprechenden Worten kndete, da hier ein gutes Bier verzapft werde. Es
war keine Prahlerei mit dem Worte Bairisch dabei, kein Coquettiren mit
der Zugabe Amerikanisch -- es hie nur gutes Bier und ein kleines
hlzernes Tfelchen was darunter hing trug, anscheinend mit dem in
Stiefelwichse getauchten Finger geschrieben, die Worte:

    Limburger Kse!
    Schweizer Kse!
    Rettiche!

Der Platz bedurfte weiter keiner Empfehlung, und Hopfgarten betrat mit
einer gewissen Art von heimischem Wohlbehagen den kleinen niederen,
schon von zahlreichen Gsten belebten Raum, wo sie kaum seinen Begleiter
erkannten, als ihnen auch an einem der Tische Raum gemacht und sie
freundlich eingeladen wurden sich dort niederzulassen.

Meine Herren, begann da Bohle seinen Gast vorzustellen, ich bringe
Ihnen hier ein Opfer der Etikette, einen Unglcklichen, den Hohlziegel
mit Cincinnati-Ausbruch vergiftet und der Doktor Held auerdem aus der
Haut getrieben hat vor langer Weile. Der Herr hier ist erst vor kurzer
Zeit von Deutschland herbergekommen, heit von Hopfgarten und wrde
Cincinnati mit der moralischen berzeugung verlassen haben, da es der
ekelhaft langweiligste Platz unter der Sonne sei, und die Deutschen
darin nicht einmal deren Scheinen verdienten. Ich habe ihn gerettet,
unter den Arm genommen und bin mit ihm hierher an Land geschwommen --
bitte meine Herren, stellen Sie sich jetzt eigenhndig vor, damit unser
neuer Freund wei woran er ist, und in welch anstndiger Gesellschaft er
sich eigentlich befindet. -- Sie Lochhausen, fangen Sie einmal an; aber
hallo hier Brand, bringen Sie uns doch Bier, zum Donnerwetter, sollen
wir denn an der Quelle verschmachten. Zwei Quart Bier und einen halben
Limburger Kse! also Lochhausen.

Ich heie von Lochhausen, sagte der junge Mann, der dicht neben Herrn
von Hopfgarten sa, ein junger blondhaariger Bursche mit blauen treuen
und doch lebendigen Augen, und bin Zeitungstrger beim Volksblatt, wie
auch Exzeitungstrger des Christlichen Apologeten, habe aber die Hoffnung,
wenigstens das Versprechen der betreffenden Behrden, denen ich durch
meine Familie dringend empfohlen bin, eine feste Anstellung als
Straenkehrer fr Sycamore und Wallnutstreet zu bekommen.

Hopfgarten sah seinen Fhrer von der Seite an, denn unwillkhrlich stieg
der Verdacht in ihm auf, da man sich vielleicht auf seine Kosten
amsiren wolle, und ihn fr grn genug halte zu glauben was man ihm
eben aufbinde. Bohle, der aber etwas hnliches vielleicht vermuthen
mochte, sagte freundlich:

Frchten Sie nicht, lieber Herr, da Ihnen Einer der Leute hier eine
Unwahrheit erzhlt, sie wrden _Alle_ ber ihn herfallen; die ganze
Geschichte soll Ihnen auch eigentlich nur einen Beweis liefern, wie uns
das Schicksal hier zusammengewrfelt hat, und was wir treiben. Am Tag
mten Sie Gott wei wo berall umherkriechen uns anzutreffen, Abends
finden wir uns aber gewhnlich hier von selber zusammen; nicht aus
freiem Willen brigens, sondern durch die Nothwendigkeit zu einander
getrieben, einen Anhalt in uns selber gegen das praktische Leben drauen
zu haben. Jetzt kommen Sie Hfner.

Meinen Namen haben Sie eben gehrt sagte der also Aufgerufene, mit
einer leichten freundlichen Verneigung gegen den Fremden; ich bin der
Sohn des frheren Justizministers Hfner aus -- seit zwei Jahren in
Amerika und im ersten halben Jahr in einer Kohlengrube in Pennsylvanien
beschftigt gewesen. Die Arbeit war mir zu hart, ich ging deshalb als
Koch auf ein Dampfboot, wurde spter Bcker in Dayton und drehe jetzt
Cigarren, in welchem Geschft ich mir schmeichle ziemliche Fertigkeit
erlangt zu haben.

Ich heie Sorgfeld, sagte der Dritte, war frher Officier in
Braunschweigischen Diensten, kam vor drei Jahren nach Amerika, wurde
Farmer, d.h. diente anderthalb Jahr als Ackerknecht, bekam Streit mit
einem Amerikanischen Advokaten in der Nachbarschaft, und flchtete in
Folge eines Duells nach Ohio, wo ich jetzt Bilderrahmen in der
Spiegelfabrik von _Hoppe & brothers_ vergolde.

Der vierte war eine etwas schwammige, eben nicht bermig reinliche,
in einen grauen Sommerrock eingeknpfte Gestalt mit einem dicken
aufgedunsenen Gesicht, in dem aber Humor und viel Gutmthiges lag, trug
eine Brille schief auf der Nase, da er ber das eine Glas hin und unter
dem anderen weg sah, und hatte eine Gewohnheit sich mit den Fingern
durch das lange dnne feuchte Haar zu fahren.

Ich heie Mller, sagte er, dabei still vor sich hinlchelnd, und bin
Redakteur des Volksboten -- ultra demokratischer Wrgengel und Hackklotz
des Christlichen Apologeten wie Wahrheitsfreundes[14] -- Principal
jenes jungen blondhaarigen Menschen da, dem ich etwas mehr auf die
Finger sehen mu, da ich nicht begreife wie er mit dem geringen Absatz
meines Blattes so viel Biertrinken vereinigen kann -- habe frher in
Deutschland _jura_ studirt und eine Zeitlang hier Recht verdreht, dann,
als das nicht mehr gehn wollte, und die Eisenbahnspeculation begann, bei
der ich mich auch in etwas betheiligen wollte, zwei Monate an der St.
Louis-Bahn mit geschaufelt und gegraben, bin dann, da die Arbeit meiner
Constitution nicht zusagte, hierher nach Cincinnati gekommen, wo ich
eine Zeitlang fr einen hiesigen Krschner, meinen Nachbar hier, Felle
zupfte, und habe nachher, einem dringenden Bedrfni߫ abzuhelfen, den
Volksboten gegrndet, an dem mich jetzt meine Zeitungstrger und
Setzer ruiniren.

Ich bin der Krschner Helfich, sagte ein kleiner Mann mit einem groen
Hker auf der linken Schulter, mit dem er nicht viel mehr als eben auf
den Tisch hinauf reichte. Habe hier in Amerika eine Ladung Pelze
gekauft, dieselben nach Deutschland hinber zu schaffen, litt dicht vor
dem Hafen Schiffbruch, bekam, da die Assecuranzcompagnie einfach
bankerott machte, nur fnf Procent, etwas ber meine Einzahlung
vergtet, und begann nun hier, da ich solcher Art nicht zurckkehren
mochte, ein kleines Geschft ganz von vorn; habe auch Clavierunterricht
und Zeichenstunde gegeben, und werde mich im nchsten Frhjahr einer
Gesellschaft anschlieen, eine Reise mit der Pelzcompagnie in die
Felsengebirge zu machen.

Ich bin Doktor Eberhard, sagte der nchst ihm Sitzende, meine
Geschichte ist bald erzhlt; vor zwei Jahren als Schiffsdoktor
herbergekommen, habe ich mir die wenigen Patienten, die mir Glck oder
Zufall geliefert, selber todt gemacht -- wenigstens behaupten meine
Freunde so, sagte er, als die brigen lachten, und wrden einen
Mordscandal erhoben haben, htte ich etwas anderes erzhlt. Jetzt habe
ich einen Cigarrenladen errichtet, an dem mein Freund Hfner da
Mitarbeiter ist.

Ich habe Theologie studirt nahm der letzte am Tisch, der neben Bohle
sa, die Reihenfolge auf, und heie Tanne. Glaubte auch meinen Beruf
hier in Amerika, nach Allem, was ich frher darber gehrt, sehr bequem
fortsetzen zu knnen, fand aber nach Jahresfrist da ich mich darin
geirrt. Von einer Gemeinde in Pennsylvanien engagirt, wchentlich ein
Mal zu predigen und smmtliche Festtage zu halten, wofr ich 30 Dollar
monatlich bekam, war ich den Orthodoxen bald nicht orthodox, den
Freisinnigen nicht freisinnig genug. Darin vereinigten sich beide
Partheien, da ich nicht fr sie tauge und ich ging nach Ohio, wo ich in
Columbus eine Zeitlang der deutschen Gemeinde predigte. Umtriebe, die
von einem andern Pfarrer dort gemacht wurden, lieen mich meine
dortige Stellung freiwillig aufgeben, und ich zog die ruhigere
Beschftigung eines Constablers -- quasi Nachtwchter -- in Dayton vor,
wo ich gleichen Gehalt wie als Prediger bekam. Die Nachtluft sagte aber
meiner Constitution nicht zu -- ich wurde dann in Covington, ber dem
Ohio drben, Schullehrer, rgerte mir da fast den Tod an den Hals und
machte dann zwei Reisen als Koch auf einem Dampfboot, bis ich mich jetzt
endlich als Pillenfabrikant hier zu Ruhe gesetzt habe, und jetzt
ziemlich eintrgliche Geschfte, besonders nach dem Westen der Union mit
blutreinigenden sogenannten Tanneschen Pillen mache.

So sagte Bohle, haben Sie nun die Gte und introduciren Sie sich
ebenfalls.

Lieber Gott, das ist bald geschehen lachte Hopfgarten und ich komme
mir, diesen Mannigfaltigkeiten gegenber, hier ordentlich klein vor. Ich
heie von Hopfgarten, und reise durch die Vereinigten Staaten von
Nord-Amerika, das Land selber kennen zu lernen und einen richtigen
Begriff davon zu bekommen -- sonst bin ich hier noch weiter Nichts
gewesen als -- Passagier.

Aller Ehren werth rief da Mller lachend, wenn Sie wirklich noch
weiter Nichts gewesen sind; die meisten Fremden sind gewhnlich in der
ersten Zeit auch noch Hhnchen und werden gerupft.

Hopfgarten lachte und meinte, das stnde ihm wohl noch bevor. Von jetzt
an wurde das Gesprch allgemein; dadurch brigens, da sich alle selber
persnlich aufgefhrt und vorgestellt hatten, war ein heiterer,
ungenirter Geist in das Ganze gekommen; der Fremde war ihnen nicht mehr
fremd, und fhlte sich zum ersten Mal, seit er Amerika betreten hatte,
wirklich wohl in einer fremden Umgebung. Die Gesellschaft bestand nur
aus gebildeten Leuten, die sich schon in der Welt etwas umgesehn und
ihre Krfte versucht hatten, es herrschte ein hchst anstndiger, aber
vollkommen zwangloser Ton, und trotz ihren verschiedenen
Beschftigungen, die Alle vielleicht wieder in den nchsten Monaten
wechselten irgend etwas anderes ihnen mehr zusagendes oder mehr
eintrgliches zu ergreifen, sah man da sie einander achteten und gern
hatten.

Und es gefllt Ihnen in Amerika? hatte Hopfgarten im Lauf der
Unterhaltung gewissermaen die Frage an die ganze Gesellschaft
gerichtet; Sie fhlen sich wohl und zufrieden hier?

Ich will Ihnen etwas sagen, mein lieber Herr von Hopfgarten, nahm hier
Tanne die Frage auf -- die Antwort kann nicht einfach mit ja oder nein
gegeben werden. Von gefallen oder nicht gefallen kann berhaupt nicht
die Rede sein irgend einen Maasstab anzulegen, denn das richtet sich
auch groentheils nicht allein nach den Ansichten des Einzelnen, sondern
auch nach dem, was er in der alten Heimath zurckgelassen hat. Das
Vaterland liegt uns noch _Allen_ in den Gliedern, und wird darin liegen,
so lange wir einen Tropfen _menschlichen_ Blutes in uns laufen haben,
und nicht solche erbrmliche nichtsnutzige Schwachkpfe -- ja ich mchte
fast sagen, _Schufte_ geworden sind wie jenes Gesindel, das, ohne irgend
eine Vergangenheit, ohne ein Gefhl von Liebe oder Dankbarkeit sich
_schmt Deutsche_ zu sein. Eigentlich ist das brigens nur ein Irrthum
von ihnen, sie geben dem Gefhl der Schaam, die ganz richtig in ihnen
besteht, nur einen falschen Namen, sie sollten sich berhaupt schmen
da sie auf der Welt sind, und reduciren das auf das Vaterland. Doch
um auf unser Thema zurckzufallen -- die Galle luft mir immer ber,
wenn ich auf das Gesindel zu sprechen komme -- so meine ich mit dem
_Gefallen_, da es sich besonders danach richtet, was wir im alten
Vaterland zurckgelassen haben. War das viel Liebes und Gutes, dann
freilich wird es Manchem schwer werden, hier in ganz anderen, fremden,
ja kalten Verhltnissen -- denn Jeder sorgt hier nur fr sich selbst,
und Gott fr uns alle -- zurecht zu finden, oder wohl zu fhlen. War das
nicht der Fall, gingen wir mit leichtem Herzen fort, ist es freilich
etwas anderes, und wir werden auch im Stande sein, uns hier leichter
einzurichten. Es sind dann nicht zu viel alte Herzensfasern, beim
Herausreien aus dem Mutterboden darin zurckgeblieben, und die Pflanze
kommt besser fort und gedeiht -- wenn ich auch gerade nicht wei, ob ich
_die_ Leute beneiden soll -- setzte er ernster hinzu. berhaupt ist
es mit dem _ubi bene ibi patria_ eine eigene Sache, es klingt recht gut
im Lied, und singt sich ganz ertrglich, ist aber doch nicht wahr -- zur
Ehre des Menschengeschlechts nicht wahr, und in melancholischen Stunden,
die fast jeder Staatsbrger einmal hat, und die sich bei den hiesigen
Deutschen gewhnlich am auffallendsten zur Weihnachtszeit einstellen,
sing' ich die Geschichte manchmal verkehrt.

Also das Heimweh existirt doch auch in Amerika sagte Hopfgarten.

Moralischen Katzenjammer nennen sie's hier sagte Mller,
und gebrauchen Bier und Cognac dagegen.

Zeitweise existirt's fuhr Tanne fort, aber _Amerika_ ist da nicht die
Ursache, sondern die Fremde berhaupt, und so wunderlich es mir hier
schon gegangen, ja so erbrmlich oft und miserabel, wr' ich der Letzte
der ber das Land klagte. Es ist ein groes, herrliches Reich die
freie Amerika, von tchtigen edlen Mnnern gegrndet, die einen
Grundstein fr die Ewigkeit gelegt. Nachfolgende Generationen haben daran
unverdrossen weiter gebaut, und wenn auch hie und da einmal ein Miston,
durch die _vielen_ Baumeister hineingekommen, wenn auch hie und da
ein wilder Schnrkel oder Knauf die massenhafte Hoheit des Ganzen
unterbricht und strt, andere Stellen noch roh und unbehauen liegen und
der Arbeiter harren, die _Harmonie_ des Ganzen kann's nicht stren, das
wchst und steigt und breitet sich nach Nord und Sd und West ein Asyl
den Bedrckten, den Nothleidenden, ein weiter Hafen fr die ganze Welt.

Ja sagte Hopfgarten, das klingt nicht so bel, ist aber die alte
Geschichte von der romantischen Seite aufgefat; mir lge daran das
_Praktische_ zu hren.

Darin kann _ich_ Ihnen vielleicht dienen sagte Mller, sein Glas
wieder vollschenkend und austrinkend, und das geleerte Blechmaas dem
Wirth um neuen Stoff zurckreichend. Tanne hat die schwache Seite da
er manchmal Verse macht, und es wird ihm sogar hier nachgesagt, er htte
in Pennsylvanien einmal eine gereimte Predigt gehalten -- _das_ konnten
die Leute nicht vertragen und er mute fort. -- 

Ihr reitet nur immer auf _uns_ herum lachte Tanne -- wenn Ihr die
Geistlichen nicht httet --

Und keinen Lffel, so mten wir unsere Suppe _trinken_, ja wohl, das
ist ganz in der Ordnung, sagte Mller trocken, die kommen aber hier
gar nicht in Betracht, sondern unser Amerika, in dem wir nun einmal
existiren, und wenn vielleicht wenig Menschen weniger Ursache haben
gnstig davon zu denken, so wr' ich es, wollte ich eben ungerecht sein
und die ganze Geschichte nur nach mir selber beurtheilen. Wenig Deutsche
in Amerika haben aber gerade so viel Gelegenheit das Wirken und Schaffen,
das Fortschreiten und Wachsen ihrer Landsleute zu beurtheilen, wie
gerade wir Zeitungsredakteure, deren _Beruf_ es eben ist, sich, indem
sie fr sich selber sorgen, um Andere zu bekmmern. Wir gerade lernen
dabei eine Menge Menschen kennen, die herber kommen, hren am
hufigsten was sie darber sagen, weil wir eben _darauf_ hren, lesen
was sie darber schreiben, und fhlen zuletzt, wie wir nur zu hufig die
Triebfedern durchschauen, die sie zu dem oder jenem Urtheil geleitet.

So zum Beispiel -- um Ihnen die Sache etwas handgreiflicher zu machen
-- ist seit lange nicht so viel Volk vom alten Vaterland herbergekommen,
wie in den letzten zwei Jahren, und zwar meistens aus einer Klasse, die
Sie zwar hier im Zimmer und an diesem Tische besonders vertreten finden,
die wir aber gerade hier in Amerika am allerwenigsten gebrauchen knnen,
und die auch in der That hier am allerwenigsten mit sich selber anzufangen
wei. Ich meine eben die mittellose gebildete Klasse, die fr ihre
Schulbildung hier keinen Markt findet, und nur zu hufig dann auch noch
zu faul ist da mit den Hnden zuzugreifen, wo sie mit dem Kopf nichts
ausrichten kann. Hierzu gehren Juristen, Geistliche -- wenn sie sich in
die bestehenden Eigenthmlichkeiten nicht fgen knnen oder wollen --
Philologen und Philosophen, die unglckseligsten Menschenkinder von
Allen zwischen den praktischen Amerikanern -- und jene Unmasse von
falschen Doktorn wie man sie hier nennt, solche nmlich, die Doktoren
heien, aber keine rzte sind, und deren Schicksal Einen manchmal
wirklich dauern knnte, wenn es nicht gerade auch oft wieder so
komisch wre. Eine Masse Advokatengesindel, _present company always
excepted_[15] kommt daher, radebrecht Englisch auf eine schauerliche
Art, kennt die hiesigen Gesetze nicht, will nichts Anderes ergreifen,
und schimpft und raisonirt dann ber das Land, nimmt das Maul voll und
thut als ob ihm das grte Unrecht geschehen wre; Ladenschwengel, die
in Deutschland in einer angenehmen Condition gestanden, finden hier
nicht gleich Jemand, in dessen Laden sie mit gekruselten Locken und
faden Redensarten den Angenehmen spielen knnen. Da sie nun ihre
_Fuste_ brauchen, die ihnen der liebe Gott nicht allein zum
Kattunausmessen gegeben hat -- Gott bewahre, nein, Amerika ist ein
gesetzloses, nichtsnutziges Land, gesetzlos, weil sie irgendwo in einer
Kneipe, wo sie sich unntz gemacht, oder an Pltzen herumgekrochen, wo
sie Nichts zu suchen hatten, hinausgeworfen wurden; nichtsnutzig, weil
man ihnen keine, ihren Fhigkeiten entsprechende Stellung anweit.

Eine Menge von diesen Leuten suchen sich dann in hiesigen Blttern zu
expectoriren, theils in Versen, theils in Prosa, schreiben Bogen lange
Artikel ber das Land, das sie nicht kennen, ber die Verhltnisse, von
denen sie Nichts verstehn, und verlangen dann auch noch Honorar dafr.
Nehmen wir es nun nicht -- denn wenn man all den Unsinn drucken wollte,
htten _zehn_ Schnellpressen Arbeit -- dann schicken sie die Wische,
weil sie doch einmal geschrieben sind, nach Deutschland, und dort gelten
sie dann als Stimmen aus Amerika -- der Schreiber des und des Artikels
mu ja die Sache verstehn, =er ist ja selber drben= -- da sie der
Teufel hole. -- 

Ein Glck fr uns, da von dem Gelichter es doch manchmal ein oder der
Andere mglich macht nach Deutschland zurckzukommen; dort schlgt er
Feuerlrm, schildert uns als Tabackkauende, betrgerische Ungeheuer,
das ganze Land als eine gesetzlose Wildni -- eine Falle leichtglubige
Menschen zu fangen, zhlt alle Mordthaten und Diebsthle, die in dem
ganzen ungeheueren Reiche, und _wenigstens_ in der Hlfte durch _Fremde_
ausgebt werden auf, und hlt dadurch doch wenigstens viele Andere
seines Gelichters ab herberzukommen.

Der fleiige Arbeiter -- der Ackerbauer, der Handwerker, dem es hier
gut geht, der sich glcklich und wohl fhlt, der schimpft nicht, und
schreibt auch keine albernen Artikel ber Amerika, hchstens Briefe in
die Heimath, seine Anverwandten, und die die er lieb hat, herberzurufen.
Still und unverdrossen geht der seine Bahn fort; sieht sein Land sich
mehr und mehr verwerthen, mit jedem Tag seine Heerden wachsen, seine
Felder blhen, und segnet die Stunde, in der er den Entschlu gefat
auszuwandern.

Da es nicht Allen glckt -- wenigstens nicht gleich in der ersten Zeit
und Manche viel Bses und schwere Zeit durchzumachen haben, versteht
sich von selbst -- es fiele mir auch nicht ein, Allen anzurathen
hierherzukommen, das wre Wahnsinn. Man wirft dem Amerikaner vor da er
kein Gemth hat, und ich glaube fast der Vorwurf ist gerecht, wenigstens
im Allgemeinen; auf ein _gemthliches_ Leben darf man hier im Land denn
auch nicht rechnen, auer man hat _sehr_ viel Geld, und in dem Fall
kehrt der Deutsche doch am liebsten wieder nach Deutschland zurck.
Amerika pat auch wirklich nicht fr eine Menge Leute, und wem es
halbwege gut in Deuschland geht, wem die Verhltnisse dort nicht zu
drckend auf den Schultern liegen, der soll bleiben wo er ist; dort wei
er was er hat, hier wei er nicht was er kriegt, und das ist, das
Wenigste zu sagen, eine unangenehme Geschichte.

Wenn man nur einmal so einen richtigen deutschen Farmer ber Amerika
knnte sprechen hren sagte Hopfgarten das wre mir in der That
ungemein interessant.

Nichts leichter als das lachte Helfig Ohio wimmelt davon, und wohin
Sie hinein in's Land gehn, finden Sie deutsche Ansiedlungen. Sie
brauchen auch nicht zu fragen wo Deutsche wohnen, Sie sehn es schon an
den reinlichen massiv errichteteten Gebuden, den steinernen Scheunen,
dem ordentlich aufgestellten Ackergerth, den sorgfltig urbar gemachten
Feldern.

Aber es fllt doch noch manches Auergewhnliche in den Stdten vor
sagte Hopfgarten, in wirklicher Besorgni jetzt, da sie ihm die ganze
Romantik des Landes ber den Haufen wrfen; in Cincinnati besonders
habe ich mir sagen lassen, da Raubanflle keineswegs zu den
Seltenheiten, und zwar in den besten Theilen der Stadt gehrten.

Ah Papperlapapp, lachte von Lochhausen, ja es kommt vor, aber im
Verhltni zu der Unmasse von Proletariat, das uns die alte Welt
herberschickt, doch unverhltnimig selten, auer in den Fllen wo
sich die Leute selber an Orte begeben in die sie nicht gehren, wie
Mller sagt. Mancher ist in liederlichen Husern bestohlen worden, und
macht nachher ein Geschrei da er angefallen und beraubt wre -- er mag
natrlich nicht sagen _wo_ er sein Geld verloren hat; Andere erzhlen
solche Geschichten, wie sie von Abenteuern mit Tigern und Bren
erzhlen, sobald sie nur den Fu in Wald oder Busch gesetzt. Einbrche
und Raubanflle kommen vor, ja, aber nicht mehr wie in jeder andern
groen Europischen Stadt, London gar nicht gerechnet. -- Lieber Gott,
wir Alle die wir hier sitzen, frchten uns nicht vor der Nachtluft, und
sind schon manchmal Abends spt zu Hause gegangen, und ist schon Einer
von uns Allen angefallen worden? und so wird es Ihnen schwer werden
Jemanden zu finden, der Ihnen etwas derartiges aus eigener Erfahrung
besttigen kann, wenn er die Wahrheit reden will -- aber es fllt vor!

Nun lat aber Amerika, rief Sorgfeld dazwischen, die Geschichte
wird langweilig; wenn der Herr da noch lnger hier bei uns bleibt, wird
er sich seine Meinung schon selber bilden; uns Allen wie Tausenden, ja
Millionen unserer Mitbrder hat das wackere Land die Arme freundlich
geffnet und uns seine Schtze geboten nach allen Richtungen hin; wer
blde war und nicht zulangte, oder nicht wute wie er es anfangen
sollte, dessen eigene Schuld war's -- und vielleicht lernt er's noch
-- Amerika soll leben -- _hoch_! und das Glas erhebend standen die
meisten Deutschen von ihren Sitzen auf, stieen mit den Glsern an, und
stimmten in das Hoch ein. -- Einzelne blieben auch sitzen.

Das Gesprch ging von da an wieder auf allgemeine Gegenstnde ber;
es wurde dabei gelacht und erzhlt bis zum Abend; und als Herr von
Hopfgarten ziemlich spt an den Aufbruch dachte, mute er sich gestehen
da die eigentlich der erste Abend sei, an dem er sich in Amerika
wirklich amsirt habe. Durch das Gesprch war aber auch der Wunsch um so
mehr in ihm rege geworden, einen Theil des inneren, cultivirten Landes
hier zu sehen, denn die Umgegend von Cincinnati sollte einem Garten
gleichen; so schon am nchsten Morgen miethete er sich ein Pferd in der
Stadt, und ritt Mainstreet hinauf ber den Canal durch die deutsche
Vorstadt hin, wo jedes Schild fast einen deutschen Namen trug, und ganze
Schaaren frisch eingewanderter Staatsbrger, in ihren Nationaljacken und
Rcken die Straen durchwanderten.

Die Hgel, welche die Stadt umgeben, und zu denen sie hinaufsteigt, und
die sie in gar nicht so langen Jahren wird erstiegen haben, lagen zum
Theil mit Grten, zum Theil mit Rebenpflanzungen bedeckt, und eine
treffliche Strae wand sich dort hindurch. Oben auf dem Hgel aber
hielt Hopfgarten still, das Thal zu berschauen das er eben verlassen,
und das sich jetzt in wundervoller Herrlichkeit vor ihm ausbreitete.

Drben den Hintergrund bildeten die eben nicht sehr hohen, aber
freundlichen Hgel Kentuckys, theilweise noch mit Wald, meist aber mit
wohl umfenzten Feldern berzogen, bis zu dem Huserbedeckten Ufer des
Ohio, der seine klaren Fluthen schlngelnd durch das reizende Thal wand.
Haus an Haus aber drngte an dieser Seite des Stromes die junge
Riesenstadt, ein wundervolles Panorama regen thtigen Lebens, das hier,
mit tropischer Keimkraft fast, dem Boden wie entsprungen liegt.

Im Jahre 1788 standen hier in dem Thal, in einer Wildni, die von Bren
und Bffeln nur bewohnt, von den leichtfigen Shnen der Wlder auf
ihren Kriegszgen durchstreift wurde, drei einzelne Blockhtten, aus den
Stmmen des Waldes aufgebaut -- fnfzig Jahr spter zhlte die Stadt
Cincinnati 40000 Einwohner,[16] und von da an vermehrte sich die Zahl
fast mit jedem Jahre um 6-7000. Der Strom, den damals fast nur das
schlanke Canoe des Indianers durchfurchte, wimmelte jetzt von mchtigen
Dampfbooten, die mit dem dnnen weien Schaumstreifen hinter sich, auf-
und niederglitten, und berall streckten qualmende Riesenschornsteine
die langen Hlse empor, thtiges schaffendes Leben bekundend. In den
Straen der Stadt selber wogte die rastlose Menge auf und ab, zahlreiche
Wagen mit Frchten und Gemsen, dem reichen Herbstsegen, schwer beladen,
kamen die breite vortrefflich macadamisirte Landstrae nieder, und wie
der Blick weiter schweifte, ber die Hnge und Flchen dort umher,
haftete er berall an reizenden Villen, schattigen Grten, fruchtbaren
Feldern, auf denen Gottes Segen ruhte, und ber die sich der reine
wolkenleere Himmel in durchsichtiger Blue spannte.

Welch wundervolles Land! rief Hopfgarten da unwillkhrlich aus, welche
Lebenskraft -- welche Zukunft liegt fr dich noch in der Zeiten Schoo
-- wie das ghrt und kocht und keimt und sprot und Blthen treibt und
Frchte reift -- und ber dem Allen _ein einziges Banner_ -- _ein_
Schlachtschrei im Krieg fr ein einig Volk, _ein_ Ziel im Frieden, fr
das ganze Reich -- armes Deutschland, setzte er dann seufzend hinzu,
als er sein Thier wieder wandte und der Strae weiter folgte, kein
Wunder da ein solches Volk mit solchen Resultaten, solcher Zukunft vor
sich, manchmal ber die Strnge schlgt oder ein klein wenig bermthig
wird, wie ein junges krftiges Fllen -- hat es doch Ursache dazu, und
darf sich freuen zu seines Schpfers Lob. -- Wir Deutschen sind freilich
ruhig und gesetzter, springen und schlagen nicht und gebehrden uns nicht
so unanstndig; singen keinen Yankeedoodle -- haben auch keine Ursache
dazu, und keine Flagge, sondern nur ein Flickwerk von bunten Lappen;
nicht einmal ein gemeinsames Vaterland, das wir das unsere nennen drfen.
Aber das Alles mchte sein, schlimmer und schlimmer uns drcken was uns
drckt -- knechten was uns knechtet in Religion und Gewissens-Freiheit
und politischer Meinung; die Hoffnung wre ja da, da auch uns vielleicht
einmal ein Washington erstnde, wie er den Amerikanern erstanden ist,
gerade als sie seiner am nthigsten bedurften. Das aber ist ja eben das
Verzweifelte unserer Lage -- _wir_, knnten ihn gar nicht gebrauchen,
wir wrden gar nicht wissen was wir mit ihm anfangen sollten, denn wenn
er nicht in allen acht und dreiig Lndern _zugleich_ geboren wre,
wrde ihn ja doch keiner der Nachbarstaaten anerkennen. -- Ich wollte
ich wre ein Amerikaner, setzte er leise seufzend hinzu als er, kaum
noch auf den Weg achtend, die breite Strae entlang ritt -- ich wollte
ich wre ein Amerikaner und knnte _so_ Deutschland beneiden, wie ich
jetzt Amerika beneiden mu.

 [Illustration: Capitel 7.]

Der kleine Mann, der sich einen weit anderen Eindruck von dem
freundlichen Ritt versprochen, war ganz schwermthig geworden bei den
trben Bildern, die sich seine Phantasie heraufbeschwor, ja verga fast,
zwischen Fenzen und Hecken, und einzelnen reizend gelegenen
Husergruppen durchreitend, den Zweck seines Ausflugs, bis das Pferd,
dessen Zgel er nur ganz locker in der Hand hielt, pltzlich rechts
einbog, das Gebi, als er es rasch umlenken wollte, zwischen die Zhne
nahm, und sporenstreichs mit ihm in einen Hof, ber diesen weg auf eine
offene Thr zu und so direkt in den dort befindlichen Stall hineinfuhr,
da der Reiter kaum noch Zeit behielt sich in der Thr zu bcken und
nicht gegen den oberen Balken und aus den Sattel geschlagen zu werden.

Hallo, so eilig? rief da eine lachende Stimme in deutscher Sprache
hinter ihm drein, und in Holzpantoffeln schlurrte eine etwas
schwerfllig aber sonst behbig und gutmthig genug aussehende Gestalt
in gelber unten um die Knchel gebundener, kniefettiger Lederhose, mit
rother Weste auf der zwei Reihen silberner Knpfe funkelten und in
Hemdsrmeln, auf dem Kopf aber eine groe unfrmliche braune Pelzmtze,
ber den Hof, und blieb in der Stallthr stehen, neben der sich
Hopfgarten eben aus dem Sattel geschwungen und den Zgel ber den Kopf
des Pferdes geworfen hatte, das er jetzt aus Leibeskrften, aber
ebenfalls ohne den geringsten Erfolg, wieder aus dem Stall
hinauszuziehen suchte.

Lat den Braunen nur stehn lachte aber der Bauer, der kennt die
Krippe und hat da schon manche Metze Hafer gefressen. Guten Morgen
Landsmann, Ihr seid doch ein Deutscher.

Allerdings, Herr Landsmann, sagte der hfliche Hopfgarten, mit einem
eben nicht ganz freundlichen Seitenblick auf den Braunen, aber es ist
doch immer fatal, wenn man nur eben da halten mu, wo es dem Pferde
gerade einfllt zu bleiben.

Deshalb braucht Ihr Euch aber keine Sorge zu machen sagte der Deutsche
schmunzelnd -- er macht's seinem Herrn oder allen Anderen die ihn
reiten, nicht besser, und seit den letzten drei Jahren kann sich Niemand
rhmen auf _dem_ Pferd, ohne bei mir anzuhalten, hier vorbeigeritten zu
sein. -- Seid Ihr schon lang in Amerika?

Erst wenige Wochen.

Und Ihr gleichts?

Hopfgarten wute da die der deutsch-amerikanische Ausdruck fr
gefallen sei und sagte Sehr.

Nu das ist hbsch -- da seid Ihr wohl Landkaufen gekommen -- aber hier
im Stall wollen wir doch nicht stehen bleiben unterbrach er sich rasch,
Ihr ruht Euch nun doch schon ein halb Stndchen bei mir aus, und seht
Euch einmal mein Feld und meine neue Scheune an -- seid wohl kein
Bauer?

Hopfgarten mute die, whrend der Mann einem Jungen pfiff, und ihm
befahl Bless, (wie der Braune nach einem kleinen weien Fleck vorn
an der Stirn hie) zu besorgen, und ihm ordentlich Futter zu geben,
verneinen. Bless hatte ihm aber, durch seinen Entschlu sich hier etwas
aufzuhalten, wirklich einen Gefallen gethan, denn von Hopfgarten fand
bald, da er in dem Mann gerade gefunden was er suchte: einen richtigen
deutschen Bauer, der seit vier Jahren hier im Land angesiedelt war, und
sich in der Zeit eine allerliebste, wohleingerichtete Farm hergestellt
hatte.

Der Mann war aber entsetzlich neugierig, und er selber, ehe er irgend
etwas von ihm herausbekommen konnte ber sein Leben und Treiben,
genthigt _ihm_ erst Alles zu sagen was ihn selber betraf: wo er her
sei, mit welchem Schiff er gekommen, wie viel Passagiere es an Bord
gehabt, wo gelandet, ob Krankheiten unterwegs, ob sie gute Kost an Bord
gehabt htten, ob er nicht in New-Orleans Jemanden Namens Schmidt kennen
gelernt habe, der in der Nhe vom Wasser wohne und einen kleinen
Schenkstand oder einen Kleiderladen habe, und was _Corn_ (Mais) jetzt in
New-Orleans koste. -- Nur nach Deutschland frug er nicht, weder aus
welcher Gegend der Fremde stamme, noch wie es dort aussehe jetzt, im
alten Vaterland. Es waren gerade vier Jahre, da er die Heimath
verlassen, und als ihn von Hopfgarten spter danach frug stellte sich
heraus, da er noch nicht ein einziges Mal an seine Verwandten drben,
Geschwister und Schwger geschrieben habe. Die hatten zu leben, es ging
ihnen gut, das wute er, wenigstens htten sie es ihm sonst wohl
gemeldet (sie konnten nicht einmal eine Ahnung haben, wo er angesiedelt
sei) und ihm selber fehlte auch Nichts; seine Farm gedieh, sein Vieh
wuchs heran, seine Erndten waren vortrefflich -- was hatte er da gro zu
schreiben?

In der Stube d'rin bei ihm sah es genau so aus wie in den Bauerstuben
daheim; das Amerikanische Kaminfeuer verschmhend, hatte er sich einen
tchtigen, cht deutschen Ofen, dessen Tafeln jedenfalls von Europa
herbergeschafft worden, eingesetzt, hinter dem die Familie in
Winterszeit gewi eben so geschmort, wie daheim. An der Seite auf dort
befestigten Bretern prangten die alten deutschen irdenen Schsseln und
Teller, mit ihren frommen Sprchen und Phantasieblumen, mit Jahreszahl
und Datum, in der Ecke der Stube stand eine blaugemalte, und ebenfalls
mit groen hellen, durch die Chablone gemalten Blumen verzierte Kiste,
auf der noch mit weien Buchstaben jene bedeutungsschweren Worte
Auswanderer-Gut -- Cincinnati Ohio, fr Johannes Rohrberger aus
Sohlfeld obgleich spter einmal mit dnner blauer Farbe bermalt, doch
noch deutlich sichtbar waren, und am Fenster in der Ecke sa eine alte,
aber noch rstige Frau an ihrem alten Spinnrad -- jeder Zoll eine
Deutsche. Der aber lag manche Frage wohl schwer auf dem Herzen, als sie
den Landsmann bei sich eintreten sah; dennoch mochte sie ihn selber
nicht anreden, und als die Frau des Bauers, ein hbsches rundes
Weibchen, ebenfalls in ihrer heimischen Tracht mit dem mit Knpfen und
Zierrathen besetzten Mieder und dem dickgefalteten Rock, in die Stube
kam, und schneeweies Waizenbrod, und Butter mit einem Kleeblatt in der
Form, und guten deutschen Kse auftrug, und ein paar blitzende Glser
daneben setzte, zu denen der Mann einen selbst gebrauten dunkelrothen
Kirschschnaps aus dem kleinen Schranke holte (den Schlssel dazu trug er
selber in der Westentasche) mute sich Hopfgarten an den Tisch setzen,
und vor allen Dingen essen und trinken. Nachher wollten sie hinaus in
das Feld gehn damit der Herr auch she da es bei den _Deutschen_ nicht
etwa so liederlich gearbeitet wrde wie bei denen Amerikanern.

Hopfgarten sah nun dort allerdings nicht sehr viel, denn er verstand zu
wenig vom Amerikanischen Ackerbau und besonders von den Schwierigkeiten,
mit denen ein erster Ansiedler zu kmpfen hat, sein Land nicht allein
urbar, sondern auch _holzrein_ zu bekommen (zwei sehr von einander
verschiedene Sachen) die hier gethane Arbeit gehrig wrdigen zu knnen.
Der Amerikaner nmlich -- beilufig gesagt ein furchtbarer Holzverwster
so lange ihm nur ein Stck im Wege ist -- schlgt, wie bekannt, die
Bume um, rollt die kurz abgehauenen Stmme auf Haufen, brennt sie
an, und lt dabei die Stmpfe stehn, um die er inde herumackert,
und die in zehn Jahren etwa genug abfaulen mit dem Pflug stckweis
herausgerissen zu werden. Die Deutschen lernen ihnen diese bequeme Art
zu arbeiten bald ab; Viele aber, und besonders in der Nhe von Stdten
wo das Holz auch schon eher einen Werth hat, gehen sparsamer mit dem um,
was ihnen Gott auf ihrem Land bis dahin hat wachsen lassen, und scheuen
sich der Arbeit nicht auch das Geringste darauf zu verwerthen.

So lagen Johannes Rohrbergers Felder frei von all diesen fatalen
Stmpfen, glatt und eben als ob sie schon Jahrzehnde dem Pfluge dienstbar
gewesen da; keine Holzverschwendenden Zickzack- oder Wurmfenzen umgaben
sie, sondern Eichen-Pfosten waren ringsum eingeschlagen und durch breite,
unten dicht schlieende Queerhlzer, den Ferkeln den Eintritt zu
verweigern, geschlossen, und nicht weit davon aufgeschichtete, selbst
gesgte Breter, Planken, Rafters und Sttzen bewiesen, wie der Deutsche
einen besseren Gebrauch fr sein treffliches Holz gewut habe, als es
eben zu verbrennen. Hinter dem Haus lagen auerdem einige achtzig
Klafter, aus dem sich im Winter guter Nutzen in der Stadt ziehen lie,
und die im Feld errichteten Getraidefeimen gaben zugleich auch Zeugni
von der Thtigkeit des Mannes nach dieser Richtung hin.

Sie sind fleiig hier gewesen sagte Hopfgarten, als ihn der Bauer auf
das Alles aufmerksam gemacht, und mssen jetzt wackeren Nutzen von
ihrem Lande ziehen.

Ach ja es geht schmunzelte der Mann; die ersten Jahre freilich kam's
mir ein Bischen hart an; ich kaufte die Farm von einem Amerikaner, der
nach Arkansas bersiedeln wollte, um einen eben nicht zu hohen Preis,
aber es sah auch furchtbar darauf aus -- wste holzgefllte Felder,
zerfallene Blockhuser, von Scheunen und Stllen kein Gedanke, die
Hlfte Boden noch mit Busch bewachsen. Da ging ich mit meinen drei
Jungen an's Werk, und wie wir es erst einmal so weit gebracht hatten da
wir unser deutsches Handswerkszeug, was wir mitgeschleppt, wegwarfen,
und uns Amerikanische xte und Pflge anschafften, frderte es auch.
Wir haben zwar gearbeitet wie die Pferde, das ist wahr; vor Tag heraus,
und hinein bis in die spte Nacht. Die Amerikaner lachten uns dabei noch
aus, und meinten da wir es uns unnthig schwer machten; und in mancher
Hinsicht mochten sie recht haben, denn wir wuten eben noch nicht
ordentlich wie wir die Sache anzufangen hatten, und muten noch lernen.
Aber schon nach zwei Jahren kriegte der Platz ein anderes Ansehn; ich
nahm mir noch Amerikanische Arbeiter dazu, und _wir_ setzten uns
ebenfalls nicht in die Stube, sondern arbeiteten tchtig mit; da
frderte es denn freilich. Nicht allein da uns die Amerikaner, die doch
wenigstens eben so zufassen muten wie wir selber, ein ordentlich Stck
Arbeit fertig machten, sondern wir lernten auch von ihnen ihre Handgriffe
und ihr praktisches Wesen, denn das mu man ihnen lassen. Ich htte sie
auch gerne noch ein halb Jahr lnger bei mir behalten, wre mir meine
Alte nicht in einem hin in den Ohren gelegen sie fortzuschicken. Die
konnte sie nicht leiden, weil sie nicht verstand was sie sagten, und
weil sie ihr die reingescheuerten Stuben berall vollspuckten -- immer
freilich in die Winkel hinein, wo sie vielleicht glaubten da man nicht
hinkme, aber meine Alte kam doch hin, und es wurde nicht eher Frieden
im Haus bis sie weg waren.

Und jetzt geht es Ihnen gut? -- Sie befinden sich wohl hier?

Ich glaub's sagte der Bauer schmunzelnd -- ich hatte in Deutschland
ein kleines rmliches Gtchen, das seinen Mann freilich eben nhrte,
aber ich mute mich abqulen und plagen, wie ich eben nur hier die
beiden ersten Jahre gearbeitet habe, ohne, was vor mich zu bringen. Mein
Grundstck fiel dabei eher im Werth als da es stieg, Abgaben und
Steuern, von denen die Herren im Gericht zuletzt gar nicht mehr wuten
wie viel sie fordern sollten, eine Masse unntzes Gesindel zu fttern
die wir nicht brauchten, die uns aber haben muten zum Zahlen, und dann
noch holzgrob dabei waren, wuchsen von Jahr zu Jahr, und wenn's mir und
der Alten auch schwer wurde von daheim fortzugehn, jetzt gereut mich's
doch nimmermehr, und ich mchte nicht wieder zurck.

Und was haben Sie fr Ihre Farm gezahlt? frug Hopfgarten.

Viertausend Thaler hab' ich, nach Abzug meiner Passage, mit herber
gebracht sagte der Mann, um zweihundert etwa hatten sie mich noch in
Deutschland geprellt beim Geldwechseln, und vierhundert bin ich nachher
hier an meine Landsleute losgeworden. Fr die Farm, mit achtzig Acker
Land, und dem Bischen Vieh was drauf war, und den Gebuden, in denen
aber ein Christenmensch gar nicht existiren konnte, zahlte ich dann
dreitausend fnfhundert _Dollar_, zweitausend gleich baar an, und das
brige in jhrlichen Raten, und dabei befinde ich mich vortrefflich,
denn mit noch eben so viel beinah, was ich jetzt nach und nach
hineingesteckt habe, ist der Platz in der Zeit das vierfache werth
geworden, und selbst dafr gb' ich ihn jetzt nicht wieder her. Aber
Land genug ist noch hier herum zu bekommen setzte er dann rasch hinzu,
wenn Ihr Euch etwa hier ansiedeln wolltet. Die Amerikaner, mgen sie
einen noch so guten Platz haben, wenn sie einen Profit bekommen,
verkaufen _Alle_ aus; einem Amerikaner ist auch Alles feil was er an
sich hat. Es sind Euch nrrische Kerle, sie verkaufen das Hemd vom
Leibe, wenns Einer haben will, die Stiefel von den Fen, und beim
Pferdehandel betrgen sie den eigenen Vater -- wenn er nicht selber klug
genug ist -- ohne da sie sich gerade, was Bses dabei denken.

Hm hm sagte Hopfgarten nachdenkend vor sich hin, als er mit ihm zum
Haus zurckging -- _Sie_ befinden sich nun hier so wohl, Ihnen geht es
so gut, und Sie sehen dabei wie sich Alles vorwrts arbeitet und besser
wird, und andere Leute klagen wieder ber das Land, schimpfen darber
und warnen vor Auswanderung.

Das sind die Hungerleider lachte der Bauer, ich habe auch schon
ein paar Mal solche bei mir gehabt; die kommen herber und wollen
Anstellungen haben, wo sie eben so wenig dabei zu thun brauchen wie in
Deutschland, und vom Bauer dabei gefttert werden, und wenn's damit
nachher nicht geht, wenn das Geld alle ist, und die Kosthuser nicht
weiter borgen wollen, dann heit's wir mssen arbeiten und dann
kommen sie in Handschuhen heraus und fragen nach Beschftigung wie
sie's nennen. Von denen schick' ich aber _keinen_ fort, schmunzelte er
dabei, die stelle ich nur an einen richtigen Baumstumpf zum Ausroden,
und nach drei Stunden haben sie solche Blasen in den Hnden, da sie
keine Radehacke mehr heben knnen. Nachher essen sie bei mir zu Mittag,
ziehen ihre Handschuh wieder an, gehen nach Cincinnati zurck und
schreiben Bcher ber Amerika.

Apropos, was ich Sie fragen wollte rief da Hopfgarten, Sie haben doch
freie Jagd hier berall -- schieen Sie viel?

Schieen? -- ich mchte wissen was sagte der Bauer -- es giebt ja
hier Nichts wie so eine kleine Art Rebhhner, ein Bischen grer wie bei
uns die Wachteln, und Kaninchen und Eichktzchen. Die Eichktzchen thun
im Felde viel Schaden und hinter die machen wir manchmal Feuer, und die
Rebhhner fangen wir im Winter in Schneehauben, wie wir's in Deutschland
manchmal heimlich gemacht haben; sonst sollte Einer schne Zeit versumen,
wenn er mit der Flinte drauen herumliefe und meinen Jungen mache ich
das schon gar nicht wei. Ein Bauer der auf die Jagd geht ist immer
schon ein halber Lump.

Hopfgarten mute noch die neuaufgefhrten und in der That trefflich
gebauten Scheunen und Stlle bewundern, wohin ihn Rohrberger den
nchsten Weg ber eine frisch geackerte Strze fhrte, damit der Fremde
doch auch she was er fr wackere Pferde htte, und wie brav seine
Jungen ackerten, dachte aber dann auch wieder an den Aufbruch, um noch
mehr vom inneren Land zu sehn, und seinen Ritt so auszudehnen, da er
wenigstens erst gegen Abend nach Cincinnati zurck kam.

Als er seinen freundlichen Wirthen fr ihre Gastfreundschaft gedankt
hatte, und in der Thr von ihnen Abschied nahm, kam auch die Alte
hinter dem Spinnrad vor, gab ihm die Hand, sah ihm eine Weile scharf
und forschend in's Gesicht und sagte dann:

Ihr seid wohl nicht in der Gegend von Sohlfeld zu Hause?

Nein liebe Frau, ich wei nicht einmal wo der Ort liegt.

Seid auch in Muschenberge nicht bekannt?

Auch nicht im mindesten.

Hm, hm murmelte die Frau vor sich hin und humpelte langsam, ohne
weiter ein Wort zu sagen, zu ihrem Spinnrad zurck.

Der Junge hatte Bless indessen wieder vorgefhrt, und Rohrberger gab
dem Fremden die Richtung an, die er am bequemsten nehmen knnte einen
hbschen Ritt zu machen, und doch zu Abend wieder in der Stadt zu sein.
Dort wrde er auch unterwegs noch eine Menge deutsche Farmen und Grten
finden, und wenn er sein Pferd am sieben Meilen-Haus vorbeibrchte wo
er aber wahrscheinlich wieder auf kurze Zeit halten mte, des Braunen
wegen, sollte er auf der nchsten Farm die rechts am Wege lge
einsprechen.

Hopfgarten grte noch einmal freundlich zurck, und sprengte dann rasch
auf seinem jetzt vollkommen zufrieden gestellten Braunen, die Strae
hinauf.




Capitel 8.

Professor Lobenstein als Farmer.


Herr von Hopfgarten fhlte sich nur halb befriedigt durch seinen Ritt.
Das Land selber lie allerdings nichts zu wnschen brig, und war in
einer Art cultivirt die er soweit westlich wirklich kaum fr mglich
gehalten hatte. Reges Leben herrschte dabei auf den Straen, Fuhrwerke
gingen nach allen Richtungen, berall waren Bauten im Werk, wurden
Schienenwege gelegt, das Land auch vom Strome ab in seinen Hauptpltzen
mit einander zu verbinden, und ein rastlos thtiges Leben herrschte
wohin das Auge traf, aber von Romantik war auch keine Spur dabei zu
finden. Alles ging seinen festen praktischen Gang, Hals ber Kopf zwar,
aber in gleichen Bahnen fort, als ob das ganze Amerika schon ein
einziger Schienenweg geworden, und selbst die Gesprche der verschiedenen
Leute mit denen er verkehrte, drehten sich um Nichts anderes als Handel
und Geschfte, Preise der verschiedenen Produkte, Eisenbahnaktien, und
wo wirklich einmal irgend etwas Auerordentliches, Auergewhnliches
geschehen war, so wurde der ferne Westen als der Ort genannt.

Der _Westen_ genirte ihn berhaupt; nach der Landkarte hatte er sich
schon Cincinnati als einen ungemein _westlich_ gelegenen Punkt gedacht,
einen Binnenort Amerikas, der gewissermaen schon den Charakter der
Backwoods vertreten msse; hier angelangt fand er aber zu seinem
Erstaunen, da von _backwoods_, wie die Wlder des Westens genannt
werden, auch nicht die Spur mehr zu finden sei, und selbst da wo noch
Wald existirte, kleine Farmen berall hindurchgestreut lagen, und Wege
ihn berall durchkreuzten.

Weiter _westlich_ beschlo er also zu ziehen; der Osten interessirte ihn
nicht weiter, denn um groe Cultur aufzusuchen war er nicht nach Amerika
gekommen; ihm lag daran, die noch wenig civilisirten Stellen kennen zu
lernen, er wollte _das_ Amerika aufsuchen das _er_ sich gedacht, und das
fand er in und um Cincinnati und berhaupt in einem Staat nicht, wo die
Cultur schon solche Fortschritte gemacht, da es wirklich nur noch der
schon fast beendeten Eisenbahnen bedurfte, sie vollkommen zu nennen.

Hierbei so wenig als mglich Zeit zu versumen, beschlo er nach
Lobensteins Farm zurckzukehren, dort seinen Koffer zu lassen den er
sich, in New-Orleans wieder angekommen, jede Woche konnte nachschicken
lassen, und nur seinen Reisesack mit auf die nchste Wanderung zu
nehmen, wodurch er in den Stand gesetzt wurde im Wald zu Wagen oder auch
zu Pferd, ja wenn es mglich war in einem _Canoe_ seine Reise,
unbehindert durch Gepck, fortzusetzen.

Einmal einen Entschlu gefat, und der kleine energische Mann lie mit
der Ausfhrung auch nicht lange auf sich warten; Dampfboote, den Strom
hinunter, gingen jetzt an jedem Tage fnf oder sechs ab, und eins
derselben benutzend, landete ihn dieses bald wieder am Fu des
Grahamstown Werftes, das noch eben so still und de in der Sonne lag,
als an dem Tag wo sie es zuerst betreten.

Ezra Ludkins war aber nicht zu Hause, sondern wie man ihm eben sagte,
nach St. Louis in Geschften gegangen, er hielt sich auch deshalb gar
nicht in der Stadt auf, sondern miethete nur ein Pferd, das ihn selber
trug, wie einen Mann, der ihm sein Gepck nach Lobensteins -- oder wie
sie den Platz hier schon nannten, der deutschen Farm hinausschaffen
sollte, und galopirte bald darauf die ihm wohlbekannte Strae entlang,
sein Ziel noch vor Sonnenuntergang zu erreichen.

Er fand Lobenstein's auf ihrem neuen Besitzthum, und wurde von ihnen mit
einer Herzlichkeit begrt, als ob er selber mit zur Familie gehrte.
Sie hatten sich hier schon so gut eingerichtet, wie das eben in der
kurzen Zeit mglich gewesen; aber das Innere des Hauses, mit seinen
kahlen, rohbehauenen Balken, der unbedeckte Erdboden, nur theilweise
mit Stcken alten Teppichs belegt, die zum Umpacken gedient hatten, die
noch zur Hlfte ungeffneten Kisten, die in dem anderen Gebude nicht
hatten smmtlich untergebracht werden knnen, und hier zum Theil mit zu
Bettstellen benutzt wurden, sahen keineswegs wohnlich und behaglich aus.
Dazu pate der schne Mahagony-Flgel ebenfalls nicht, der mit den
Messing-Rollen in die Erde hineingegraben in der einen Ecke stand, und
den knappen Raum der Wohnung nur noch mehr beengte; aber man hatte ihn
nirgends anders trocken unterbringen knnen, und seine obere Decke mute
jetzt, wo an _Spielen_ doch nicht gedacht werden konnte, zum Sammelplatz
aller leichteren, Raum wegnehmenden Dinge, wie Hutschachteln etc. dienen,
von denen ein ganzer Berg auf ihn gehuft war.

Mit den Arbeiten ging es dagegen, wie ihn der Professor versicherte,
rstig vorwrts; er hatte auer der Weberfamilie noch acht eben von
drben herber gekommene Deutsche gemiethet, ihm die nthige
Einrichtung, den nchsten Hausbau wie das Bestellen der Felder beenden
zu helfen -- die Leute campirten jetzt alle zusammen mit in der Htte
des Webers, dessen Frau fr sie kochte -- und nur das eine vermite er
bis jetzt noch, da er kein deutsches Dienstmdchen bekommen konnte,
ihnen in den Hausarbeiten, die meistentheils auf den Tchtern lasteten,
beizustehn. Mit den Amerikanerinnen war Nichts anzufangen, sie machten
enorme Forderungen und wollten Nichts arbeiten, und der Professor
uerte sich, da er gesonnen sei in nchster Woche selber nach
Cincinnati zu fahren, um sich von dort ein paar Dienstboten zu holen.
Wenn er das vorhergewut, htte ihnen Herr von Hopfgarten gleich eine
oder zwei von dort mitbringen knnen.

Aber des Webers Frau? --

Lieber Gott, die hatte jetzt alle Hnde voll mit Kochen und Waschen zu
thun.

Und wo war Eduard? Hopfgarten hatte ihn noch nicht gesehn.

Eduard -- oh, der fhlte sich ganz glcklich in diesem neuen Leben und
hatte, das Land und die Umgegend ein wenig kennen zu lernen, die
Doppelflinte und Botanisirtrommel auf den Rcken genommen, und war schon
seit zwei Tagen 'im Innern', mute aber jetzt jeden Augenblick
zurckkommen.

Dem Professor gefiel es ungemein hier, wo er ein ganz neues frisches
Feld fr seine Thtigkeit gewonnen, und in Stand gesetzt war, das, was er
bis dahin in Deutschland nur theoretisch betrieben, endlich einmal im
praktischen Leben ausfhren zu knnen. Er versprach sich dabei
Auerordentliches von den hier neueinzufhrenden Systemen, mit denen er
den Amerikanern, die nur so oberflchlich in's Blaue hineinarbeiteten,
einmal beweisen wollte wie man eine solche Farm, nach allen Zweigen und
Richtungen hin, ausbeuten und verwerthen knne. Er hatte groartige
Plne in dieser Mannigfaltigkeit, ber die er sich aber jetzt noch nicht
nher auslassen und Herrn von Hopfgarten damit berraschen wollte, wenn
derselbe sie im nchsten Sommer, wie er das fest versprochen, wieder
besuchen wrde. Bis dahin mute schon viel in Angriff genommen und
geschehn sein.

Die Frau Professorin war leidend; sie hatte sich in dem ungewohnt
luftigen Aufenthalt sehr erkltet. Dazu war der rger mit einem
krzlich in's Haus genommenen und gleich wieder fortgeschickten
Amerikanischen Mdchen gekommen, dessen Eltern sich jetzt gekrnkt
glaubten, und dem Vater schon einige unangenehme Auftritte gemacht
hatten; sie htete deshalb das Bett, um sich in dem jetzt eintretenden
klteren Wetter keinem Rckfall auszusetzen.

Hopfgarten beabsichtigte, als er Cincinnati verlie, ein paar Tage bei
Lobensteins zuzubringen, ehe er seine Reise fortsetze; er hatte die
Familie lieb gewonnen, und nahm wirklich Theil an ihrem Wohlergehn. Wie
er aber jetzt hier die Zustnde fand, mit kaum Platz fr sich selber
die Nacht zu schlafen, hielt er es doch fr besser schon am andern Tag
wieder aufzubrechen, und seinen Besuch lieber das nchste Mal, wenn sie
vollstndig eingerichtet sein wrden, lnger auszudehnen.

Zu gleicher Zeit konnte er sich aber auch eines unbehaglichen Gefhles,
dem er trotzdem keinen rechten Ausdruck zu geben wute, nicht erwehren;
die ganze Art, wie der Professor seine Ansiedlung in Angriff nahm,
schien ihm nicht die rechte; die vielen _deutschen_ Arbeiter, die so
wenig von der hiesigen Art zu bauen und Feld zu bestellen wuten, und
nebenbei ein schmhliges Geld kosten muten; die _vielen_ Plne, die der
gewi sehr gelehrte, aber vielleicht gar nicht so praktische Mann auf
einmal hatte; das Spatzierengehn des Sohnes selbst, eine Kleinigkeit an
und fr sich, aber doch von Bedeutung hier, wo es im Hause eben noch
_Alles_ zu thun gab -- er strubte sich gegen das Gefhl so viel er
konnte, aber es war ihm immer als ob da nicht Alles so in Ordnung sei,
wie z.B. bei dem deutschen Bauer Rohrberger, den er bei Cincinnati
getroffen, und konnte nur jetzt hoffen da er sich irre, und Professor
Lobenstein die Sache viel besser verstehe als er es ihm, wenn er recht
aufrichtig sein wollte, zutraute.

Nur Marie war heiter wie immer, lachte ber die Masse von kleinen
Unbequemlichkeiten die sie auszustehen hatten, und freute sich wie ein
Kind auf die nchste Zeit, wo ihre Hhnerzucht heranwachsen und ihr
Garten erst in Ordnung sein wrde. Bis dahin hatte sie freilich noch
ein wenig zu thun; aber der nchste Sommer mute das, nach Vaters
Versicherung, auch Alles beendet sehn. Wenn nur erst einmal das Haus
stand, denn das war fr jetzt die Hauptsache, und in der That auch der
Punkt, um den sich jede weitere Hoffnung fr Bequemlichkeit und
Wohnlichkeit drehen mute.

Marie hatte brigens, trotz all dem Wirwarrr in dem sie Hopfgarten
antraf, doch Zeit gefunden den versprochenen Brief an Clara Henkel
zu schreiben. Eine nhere Adresse wute sie freilich nicht darauf
anzugeben, als das St. Charles Hotel, das Henkel selber dem Professor
als sein nchstes Domicil, bis er eine eigene Wohnung wrde in Stand
gesetzt haben, bezeichnet hatte; das gengte aber auch, und war er
von da wirklich schon ausgezogen, so konnte er weiter erfragt werden.
berhaupt mute ja auch die Firma selber leicht aufgefunden werden
knnen.

brigens wnschte Hopfgarten die Reise nach St. Louis nicht gern,
wie er gekommen, zu Wasser fortzusetzen; es lag darin etwas gar zu
monotones, und er bekam auch auf die Weise das Land wirklich gar nicht
zu sehen; aber wie das anders anfangen? Reiten sagte seiner Constitution
nicht besonders zu; er hatte sich an dem einen Tag bei Cincinnati schon
einen solchen Denkzettel im Sattel geholt, da er drei Tage danach nicht
ordentlich gehen konnte, und war deshalb auch nicht im Stande eine
lngere Tour auszuhalten -- zu Fu wre noch viel weniger mglich
gewesen und Eisenbahnen existirten noch nicht; was nun anfangen? -- Der
Professor erzhlte ihm da, da er unter anderen Annehmlichkeiten seines
Platzes auch die htte rhmen hren, in kaum fnf Meilen von der Farm
eine nach St. Louis vorbeigehende Postverbindung zu haben, die eben all
die kleinen, im Inneren liegenden Orte berhrte, und eigentlich nach
Vincennes am Wabasch bestimmt schien, von wo aus sie dann weiter durch
Illinois, gerade West nach St. Louis lief, und auch wohl, wenn er nicht
sehr irre, schon theilweise mit einer Eisenbahn in Verbindung stand.

Hier war eine Aushlfe, auf einer Amerikanischen Post zu fahren berdie
schon etwas Neues und Interessantes, und ging dieselbe vielleicht gar
mehrmals die Woche, konnte man auch leicht an einem, des Bleibens
werthen Platz ein paar Tage anhalten, von da kleine Ausflge in die
Nachbarschaft machen, und mit der nchsten Post weiter fahren. Die
nchste Post_station_ war also Hollowfield, etwa fnf Meilen von
Lobensteins Farm gelegen; die Postkutsche selber lief, als Speculation
eines Privatunternehmers, von irgend einer kleinen Stadt am Ohio nach
Vincennes hinauf, wo sie mit der Vereinigten Staaten Post, die von
Cincinnati nach St. Louis ging, zusammentraf und wieder zurck fuhr,
whrend die letztere die mitgekommenen Passagiere weiter zu befrdern
hatte. Sein Koffer konnte inde, wie er sich das auch gedacht, hier
stehen bleiben bis er selber wieder in New-Orleans angekommen war, die
nothwendigsten Sachen hatte er auch schon in einen Reisesack gepackt,
und der Professor, der ihn unter den jetzigen Umstnden gar nicht
nthigen konnte lnger bei ihm zu bleiben, versprach ihm am nchsten
Morgen zwei Pferde mit einem Mann zu besorgen, der ihn, nebst seinem
Reisesack sicher nach Hollowfield geleiten konnte.

Als Hopfgarten am nchsten Morgen nach eingenommenem Kaffee die Farm
verlie, sah er die Deutschen drauen beschftigt theils im Wald
abgesgte Stmme mit Ochsen herbeizuschaffen, theils schon hergebrachte
zu behauen. Er blieb, bis die Pferde gebracht wurden, bei ihnen stehn
und schaute ihnen zu, aber Alles was sie anfaten ging ihnen nur langsam
von Hnden; sie arbeiteten, wie es schien, sehr akkurat, aber mit keiner
Idee von dem Werth der Zeit hier in Amerika. Es waren Tagelhner, die
nur eben auf anstndige Weise ihren Tag von Mahlzeit zu Mahlzeit
durchzuschleppen hatten, und jede Anstrengung, die sie dabei ihrem
Krper ersparen konnten, galt natrlich fr reinen Gewinnst; da der
Professor ihnen dabei ihren _vollen_ Lohn bezahlte, verstand sich von
selbst.

Der Weber, als auf dem Schiff gelernter Zimmermann, hatte die Leitung
des Ganzen berkommen und that allerdings sein Mglichstes; der
Professor hielt mit Recht groe Stcken auf ihn. Dem Weber waren aber
auch im Anfang die vielen verschiedenen Arbeiter nicht recht gewesen,
die Einem ja, seiner uerung nach, die Haare vom Kopf fren -- wann
htte aber da das Haus fertig werden sollen? --

Als Hopfgarten endlich im Sattel sa, und sein Fhrer den Eingang zur
Fenz niedergelegt hatte, da die Reiter hinauskonnten, standen
Lobensteins in der Thr ihres Hauses, und winkten ihm noch ein letztes
Lebewohl nach. Marie war schon an der Arbeit gewesen und stand
hochaufgeschrzt, mit aufgestreiften rmeln, neben dem kleinen Viehhof
in dem ihre Melkkhe eingesperrt waren.

Und gren Sie mir Clara viel tausendmal! rief sie ihm nach.

Und sie soll recht, recht bald schreiben, bat Anna noch.

Ich werde Alles bestellen, winkte Hopfgarten zurck, schwenkte noch
einmal den Hut gegen sie, und galopirte dann, seinem Thiere die Sporen
eindrckend, rasch den schmalen Weg entlang, der gen Hollowfield fhrte.

       *       *       *       *       *

Der Brief Mariens, den er in seiner Brieftasche fr Clara mit sich trug,
lautete:


    Meine liebe gute Clara!

    Wenn Dich diese Zeilen erreichen, hast Du Dich hoffentlich ganz
    wieder erholt, und bist wieder das frohe, heitere Wesen, das Du
    warst, als wir zusammen das Schiff betraten.

    Uns geht es hier recht gut; Vater hat eine Farm in Indiana, nur
    einige englische Meilen von dem schnen Flu Ohio gekauft, und
    wenn wir uns auch jetzt noch ein wenig behelfen mssen, wird es
    spter desto freundlicher werden.

    Frher hatten den Platz Amerikaner inne, aber Du glaubst gar
    nicht, Clara, wie ihn die zugerichtet hatten; mit Krben und
    Schaufeln haben wir den, berall in die Ecken gekehrten Schmutz
    zum Hause hinaus und auf das Feld getragen, und unter dem Dach auf
    den Queerbalken, wo einzelne Breter lagen, fanden wir den Staub
    fingerdick und schon ganz hart geworden. Vater lt aber jetzt ein
    anderes bauen; von den Arbeitern, die wir angenommen haben ist
    Einer Maurer, und will uns das Ganze ordentlich herstellen.

    Wir besitzen jetzt schon zwei Pferde, vier Zugochsen, acht Khe,
    drei Klber, elf Hhner und vier Truthhner; Anna, die das
    Milchwesen berkommen, hat schon einmal gebuttert, und in vierzehn
    Tagen denken wir unsere erste Butter nach der Stadt -- freilich
    ein kleines erbrmliches Nest -- zu verkaufen. Wir haben zwar noch
    eine andere Stadt, Hollowfield -- die erste heit Grahamstown und
    liegt am Ohio -- irgendwo im Lande drin in der Nhe, die wird aber
    auch nicht besser sein als die erste, und der Weg dorthin soll
    sehr schlecht sein. Wir arbeiten jetzt aber sehr viel; um fnf Uhr
    wird aufgestanden, und da haben wir vollauf zu thun bis es dunkel
    wird; ja die Tage vergehn uns dabei nur immer noch zu schnell.
    Anna hat sich hier recht erholt und ist munterer als sie auf dem
    Schiff war, auch Camilla wird dick und fett, und mu ebenfalls
    schon mit zufassen, die Hhner fttern, in der Kche mit
    aufwaschen helfen, und allerlei kleine Arbeiten thun. Wir haben
    allerdings die Webersfamilie, die zufllig auf demselben Dampfboot
    mit uns stromauf ging, in Dienst genommen, und auf ein Jahr
    engagirt, und eigentlich sollte uns die Frau die Kche besorgen;
    die hat aber jetzt so viel mit den Arbeitern zu thun, und mit
    Scheuern und Waschen, da sie noch nicht dazu kommt. Wenn wir nur
    erst einmal weniger Arbeiter brauchen wird das schon besser
    werden.

    Eduard fhlt sich ganz glcklich hier; er ist jetzt auf einen
    Entdeckungszug, wie er es nennt, in das Innere; wenn er aber
    zurckkommt mu er auch tchtig mit zufassen; denn faule Leute
    knnen wir hier nicht brauchen -- hier mu Alles arbeiten.

    Die Lage unserer Farm ist reizend; in einem kleinen Thalkessel,
    von nicht sehr hohen aber dicht bewaldeten Hgeln umgeben, liegen
    wir wie mitten in der Wildni, und sind doch ganz dicht an
    civilisirten Gegenden. Ein kleiner Bergbach mit klarem Wasser
    luft kaum zwanzig Schritt am Haus vorbei. In dem allerdings sehr
    verwilderten Garten stehen dabei eine Menge junger Pfirsich- und
    Quitten- und Apfelbume, die einmal spter gute Frchte tragen
    werden, im Walde wachsen eine Unmasse wilder Brombeeren, und
    berhaupt viele andere Fruchtbume mit wildem Wein, die ich Dir in
    meinem nchsten Briefe nher beschreiben werde, denn jetzt hab'
    ich sie selber noch nicht aufsuchen knnen.

    Mit unserem Englisch geht es noch sehr schwach, und die Nachbarn,
    der Eine in Grahamstown ausgenommen der uns den Platz verkaufte
    und ein Pennsylvanier ist, sprechen gar nichts Anders wie Englisch,
    und wir radebrechen dabei schn mit ihnen herum; da wir aber
    lauter deutsche Arbeiter haben, knnen wir das Englisch jetzt noch
    eine Weile entbehren.

    Mutter ist leider die letzten Tage unwohl gewesen und hat das
    Bett hten mssen; das ganz neue fremde Leben hat sie auch wohl
    mehr angegriffen als uns, die wir noch jung sind und uns gerade
    keine Sorgen machen. Im Anfang hat sie sogar immer verweinte Augen
    gehabt -- wenn sie es auch vor uns verbergen wollte, wir haben es
    doch gemerkt. Jetzt aber, da sie sieht da es vorwrts geht,
    findet sie sich schon besser hinein, und im nchsten Jahre wird
    hoffentlich Alles gut sein.

    Vater ist jetzt ganz glcklich; er ist von frh auf bei der Hand,
    und zeichnet und mit aus und ordnet an, und wenn er sich auch
    manchmal mit den Leuten zankt, die Vieles nicht so machen wollen
    wie er es fr gut befindet, so bekommt ihm die kleine Aufregung
    doch ganz gut, denn er wird dick und fett dabei, und sieht wohl
    und munter aus.

    Aber jetzt genug von uns; mich und uns Alle drckt die Sorge wie
    es Dir in Deinem neuen Leben geht, mein Herz, und ob Du Dich von
    Deiner Krankheit vollstndig erholt. Herr von Hopfgarten, der Dir
    viel von uns erzhlen wird, hat uns freilich versprochen Dich
    selber aufzusuchen, und uns genauen Bericht abzustatten, aber wir
    mchten auch von Dir selber es schriftlich sehn da es Dir gut
    geht, bis Dein lieber Mann sein Wort hlt, und Dich zu uns bringt.
    Wir freuen uns unendlich darauf, und bis dahin sind wir auch schon
    besser eingerichtet als jetzt. Unsere Adresse schreibe ich Dir
    hier unten ganz genau. Wie geht es denn Hedwig, ist sie froh und
    gesund? --

    Doch ich mu jetzt schlieen, drauen kommen die Leute mit der
    einen Kuh, die uns fortgelaufen war, und nach der sie schon den
    ganzen Tag gesucht haben, in der Kche ist auch so viel zu thun,
    da ich nicht lnger hier sitzen darf; ich wollte Dich nur
    wenigstens wissen lassen wie es uns geht. So lebe recht wohl,
    gre Deinen lieben Mann und Hedwig recht freundlich von uns
    Allen, wie mir auch Alle fr Dich viel tausend Gre aufgetragen
    haben, und gedenke manchmal freundlich

    Deiner Marie.




Capitel 9.

Herrn von Hopfgartens Abenteuer.


Hopfgarten erreichte nach einem kurzen und nicht unangenehmen Ritt das
kleine Stdtchen Hollowfield, von dem er aber im Anfang wirklich glaubte
er sei wieder nach Grahamstown gekommen, so glich eins dem anderen. Nur
das Wirthshausschild war anders: das scheuliche Brustbild irgend einer
menschlichen Figur mit groer Allongenperrcke und in eine blaue Uniform
eingeknpft, dessen Unterschrift, den innerlich gewi sehr verehrten,
hier uerlich aber traurig mishandelten Namen George Washington trug.

Zur rechten Zeit war er brigens eingetroffen, denn die _mailcoach_ oder
Postkutsche stand gerade ausgefahren vor dem Washington Hotel, und in
ein ledernes Behltni, das hinten an dem etwas unbehlflich aussehenden
Fuhrwerk angebracht war, wie vorn in den Kasten unter dem Kutschenbock
(von den Englndern _Stiefel_ genannt) waren ein paar junge Burschen
eben beschftigt kleine Koffer, Reisescke, Hutschachteln und andere
Passagierbliche Gegenstnde einzuschieben, und -- wenn sie sich nicht
gutwillig dem beschrnkten Raum fgen wollten -- mit den Fen
hineinzutreten.

Diese Postkutsche hielt in ihrem Innern neun Personen; acht Passagiere
waren schon eingeschrieben, von denen jedoch auer ihm, nur zwei bis
Vincennes fuhren, und nachdem der Deutsche sein Passagegeld bezahlt,
hatte er die Genugthuung seinen eigenen Reisesack auf dieselbe Art und
Weise behandelt zu sehn, wie das Gepck seiner Postgefhrten.

Mit etwas mistrauischen Blicken betrachtete er brigens gleich von
Anfang an dieses ihm noch neue Amerikanische Befrderungs-Mittel, das
allerdings, mit seinen Schwestern in Europa verglichen, Manches zu
wnschen brig lie. Stark genug schien brigens der Kasten gebaut, auch
den schwersten Wechselfllen ihrer Fahrt wacker zu begegnen. Die Federn
bestanden aus Streifen roher Haut, und die Kutsche selber hatte nur, wie
Herr von Hopfgarten bei nherer Besichtigung fand, eine einzige Thre in
der linken Seite. Drei Sitze waren im Inneren angebracht, jeder fr drei
Personen, wobei die mittelsten Passagiere auf eine bewegliche und
ebenfalls in Rohhaut hngende Bank zu sitzen kamen, und ihre Rcken
gegen einen anderen breiten ledernen Riemen legen durften. Statt der
Polster in den Ecken -- die Thr hatte eine Glasscheibe -- hingen an den
Seiten lederne Gardinen herunter, die nach Gefallen der Passagiere
auf- und niedergelassen werden konnten.

Soweit war Alles gut, beim Einsteigen, was natrlich fr smmtliche
Passagiere nur durch die eine Thr geschah, fand sich aber da
Hopfgarten, als letzter Passagier, den mittelsten Platz auf der
mittelsten Bank bekommen hatte, und dadurch natrlich jedes
Anhaltepunktes fr seinen Kopf beraubt war. Er mute denselben
fortwhrend in der Schwebe halten, und durfte nur hoffen in eine Ecke zu
kommen, wenn einige der anderen Reisenden, die nicht ganz mit bis nach
Vincennes fuhren, ausstiegen. Die Pferde waren vorgespannt, die
Passagiere kletterten in ihre Sitze, der Deutsche als Vorletzter, der
Schlag wurde zugeworfen. _All right!_ rief der Hausknecht, oder ein
dem hnliches Individuum, das sich aber sonst sehr unabhngig zu fhlen
schien, die vier munteren, ziemlich gut gehaltenen Rappen zogen an, und
mit einem furchtbaren Sto, der schon die Gte des ledernen Rckbandes
probte, in Gang gebracht, rasselte der Wagen pltzlich unter dem Jubel
der jugendlichen Bevlkerung von Hollowfield in voller Flucht zu dem
kleinen Ort hinaus und in den Wald hinein.

Dem Leser, der noch nie in einer Amerikanischen Postkutsche gefahren,
auch nur einen Begriff der stoweisen Bewegung, selbst nur stoweise
beizubringen, wre unmglich, und Hopfgarten dankte schon nach der
ersten Viertelstunde Gott, da ihm in Hollowfield keine Zeit gelassen
worden eine ordentliche Mahlzeit zu sich zu nehmen, er htte sonst
Hllenqualen ausstehen mssen.

Einer anderen Unannehmlichkeit entging er aber _nicht_; das Ausspucken
der Amerikaner hatte er schon seit seiner ersten Dampfbootfahrt bemerkt,
und es war ihm fatal gewesen, ohne da es ihn weiter belstigte; hier
aber, in dem engen Raum des Kutschkastens kam er mit den Leuten in so
nahe Berhrung, da er dem ekelhaften Gebrauch nicht mehr aus dem Wege
gehen konnte, und bald zu seinem Entsetzen fand, wie er sich wirklich in
eine hchst fatale Lage muthwilliger Weise hineingebracht hatte. Da die
brigen Passagiere durch das offene Fenster des Schlags ein ziemlich
regelmiges Feuer von ausgespritztem Tabackssaft unterhielten, durfte
ihn natrlich nicht in Erstaunen setzen, er war auch darauf, wenn auch
nicht in dem Grade, vorbereitet gewesen. Das genirte ihn also weiter
nicht, er schlo die Augen und berlie sich dabei, bis er sich etwas
mehr daran gewhnt haben wrde, seinen eigenen Gedanken, aber der
unglckselige Passagier zu seiner rechten, der mit ihm auf ein und
demselben Bret sa, wie der in der vorderen rechten Ecke -- und der
letztere fast noch mehr als der erste -- brachten ihn bald zur
Verzweiflung. Die guten Leute nmlich, lange ungeschlachte _Hoosier_,[17]
die berdie nicht wuten was sie mit ihren Beinen anfangen sollten,
muten, da das Leder an ihrer Seite niedergeschnallt war, schrg an ihm
und ber ihn wegspucken, das Wagenfenster zu erreichen, und wenn auch
der Mittelpassagier im Anfang versuchte zwischen ihren beiden Knieen den
Boden zu treffen, so war das noch eher schlimmer als das erste.
Hopfgarten konnte jedoch nie den geringsten Grund zur Klage bekommen, denn
auch nicht das kleinste Spritzchen traf ihn, so geschickt dirigirten die
Burschen den braunen Saft wohin sie ihn wollten. Aber trotz dieser, in
der nchsten Stunde vielleicht sechzig Mal gemachten Erfahrung, mute er
unwillkrlich nach jeder neuen Expectoration an sich hinunter sehn, um
sich von dem _status quo_ seines Rockes und seiner Beinkleider zu
berzeugen, bis er endlich -- der Mensch stumpft zuletzt selbst gegen
Tabackssaft ab -- eine mitgenommene wollene Decke um sich her zog und
diese preisgebend sich fest vornahm auf Nichts weiter zu achten.

Smmtliche Passagiere schienen Farmer aus der Umgegend oder aus
Vincennes zu sein -- selbst ein Quker, der sich zwischen ihnen befand
-- die theils zum Viehhandel, theils zu anderen derartigen Zwecken den
Ohio und dessen kleine Ansiedlungen zwischen Cincinnati und der Mndung
des Wabasch besucht hatten. Das Gesprch drehte sich dabei, zwischen dem
Spucken und Rasseln und Schtteln des Wagens, einzig und allein um
Rinder und Schweine, Maispreise und was Mehl und Whiskey werth waren.
Die Gegend blieb sich ebenfalls ziemlich gleich, Wald wohin das Auge
reichte, nur dann und wann von kleinen Ansiedlungen unterbrochen, die
sich immer schon auf einige Zeit vorher durch den schlammigen Weg
bemerkbar machten. Es mute hier berhaupt mehr geregnet haben als am
Flu, oder regnete vielmehr noch, wie ihnen bald einzeln niederkommende
Schauer bewiesen. Die Wege, die dann und wann ber kleine offene und
natrliche Wiesenflecke -- erste Auslufer der Prairieen -- fhrten,
wurden immer weicher und unwegsamer, und der rstige Galop mit dem ihre
Fahrt begonnen, schrumpfte zuletzt zu einem zhen Schritt zusammen, in
dem die keuchenden Pferde das unbehlfliche Fuhrwerk durch den schweren
Lehmboden fortschleppen muten.

       *       *       *       *       *

Hie und da hielten sie an kleinen drftig genug aussehenden
Wirthshusern an, irgend eine Erfrischung die stets mit Brandy in allen
mglichen Formen und Mischungen gewrzt wurde, zu sich zu nehmen, sonst
aber ging die Fahrt ununterbrochen rasch vorwrts, und die verschiedenen
Kutscher, mit stets guten Pferden, thaten wirklich ihr Mglichstes
weiter zu kommen.

       *       *       *       *       *

So brach die Nacht an; der Regen wurde strker, die Strae unwegsamer;
berall lagen dabei niedergebrochene ste und Zweige, selbst
umgeworfene Stmme, die zu umgehn es oftmals Viertelstunden kostete,
kreutz und queer darber hin, whrend schon die Hlfe einzelner
Passagiere in Anspruch genommen werden mute mit der, vorn im _boot_
liegenden Axt, die schlimmsten Hindernisse aus dem Wege zu schlagen.
Wenn sie manchmal eine tiefe Sumpfstelle in der Strae zu passiren
hatten blieb ihnen sogar nichts Anderes brig als darum hin eine neue
Bahn zu haun. Hopfgarten hatte sich diesen kleinen Hlfsleistungen von
denen die wackeren Hoosiers oft ganz durchnt und voll Schlamm
zurckkehrten, und einen entsetzlichen Dunst im Wagen verbreiteten, bis
jetzt noch immer zu entziehen gewut, und war, trotz mehrfachen
Sticheleien der brigen, bergauf und ab ruhig im Wagen sitzen
geblieben. So lange er sich trocken erhalten konnte war die Sache auch
noch zum Aushalten, und brauchten sie dann ein paar Stunden lnger nach
Vincennes und versumten die Cincinnati-Post, was that's? dann blieb er
einige Tage dort und besah sich die Umgegend, wie die hier beginnenden
Illinois Prairieen.

Langsam rumpelte das schwerfllige Geschirr indessen, jetzt fast bei
jedem Sto von den Flchen und Verwnschungen der ungeduldig werdenden
Passagiere begleitet, durch die wilde strmische Nacht. Der Wind heulte
in den Bumen, und der Regen schlug mit einer solchen Gewalt gegen die
niedergelassenen Schutzleder an, da selbst die Bereitwilligsten von
heute den Kopf bedenklich ber die Mglichkeit eines nochmaligen
Aussteigens schttelten. Wider Erwarten ging die Kutsche aber, jetzt
auf besserem Wege, rasch und lebendig, dann wieder in weicheren Boden
gerathend, langsam und schwer vorwrts, aber doch wenigstens vorwrts;
der Wald war hier weit offener als an den Stellen, die sie am Abend
passirt, und der Weg von Holz fast gnzlich frei.

So mochte es elf Uhr geworden sein; eben hatten sie wieder ein kleines
Stdtchen mit irgend einem groartigen Namen verlassen, und der
abgehende Kutscher dem, ihnen neu berlieferten noch einige wohlmeinende
Warnungen ber den jetzt zu passirenden _green blossom swamp_ (den
grnen Blthen-Sumpf) gegeben, als sie drauen Pltschern an den Rdern
hrten. Rasch hinaussehend bemerkten sie, wie sie eben eine Reihe von
Lachen oder Dmpel, die jetzt bei dem Regen einen ordentlichen kleinen
See bildeten, passirten; das Land schien hier flach und eben, und die
Rder schnitten tief in den schwammigen Boden ein. So fuhren sie etwa
eine halbe Stunde, bis sie wieder verhltnimig trockeneren Grund
gewannen, das heit Grund, der wenigstens nicht vollkommen unter Wasser
stand. Hier begann auf's Neue Hgelboden, dessen ersten schlpfrigen
Hang sie sich gerade mhsam hinauf gearbeitet als der Wagen, wie sie auf
der anderen Seite rascher hinunter fuhren, nach links zu auffallend tief
zu gehen begann. Die von den Passagieren, die begonnen hatten ein wenig
einzunicken, wurden rasch genug munter, und Hallo _driver_! (Kutscher)
schrie jetzt Einer der Leute mit einer dnnen pfeifenden, nselnden
Stimme -- was macht Ihr denn da drauen -- Ihr werft doch nicht um? --
ich habe nur noch etwa eine halbe Meile zu Wittwe Jones's zu fahren, bis
dahin werdet Ihr doch den verdammten alten Kasten in Gang halten?

Verdamm Wittwe Jones's lautete die eben nicht hfliche, halblaut
gebrummte Antwort des Wagenlenkers, der allerdings in dem Wetter mit
seinem Geschirr und den Pferden mehr zu thun hatte, als noch auf die
Fracht, Koffer und Passagiere, Acht zu geben; Wittwe Jones soll zu
Grase gehn.

In der That Freund, der Wagen fngt an unverhltnimig schrg zu
gehn sagte in diesem Augenblick der Quker, der bis dahin, selbst an
den Orten wo sie angehalten, noch keine zehn Worte gesprochen hatte,
indem er sich, soweit das irgend mglich war, von der bedrohten Seite
fort auf Herrn von Hopfgarten in einem unbestimmten Gefhl das
Gleichgewicht wieder herzustellen, drngte -- Du wirst doch nicht
umwerfen?

Er hatte seinen Satz noch nicht ganz vollendet, als das rechte Vorderrad
auf eine Erhhung, einen Stein oder Ast, auflief; einen Moment noch
rollte der Wagen, durch die rasch anziehenden Pferde fortgerissen, auf
den beiden linken Rdern fort, um im nchsten Augenblick, unter dem
Aufschrei smmtlicher Insassen, schwerfllig nach links, und zwar auf
_die_ Seite berzuschlagen an der sich die einzige Thr befand.

Die Verwirrung die jetzt im Inneren entstand war furchtbar, Alles whlte
und drngte durcheinander, nur einmal erst auf die Fe zu kommen und
das Geschrei nach dem Kutscher sie aufzuknpfen da sie zu
windwrts aus dem verdammten Kasten kommen knnten, bertubte alles
Andere, und lie sie natrlich in dieser ersten Zeit gar nicht hren was
drauen vorging.

Der _Driver_ der sich indessen whrend die Pferde glcklicher Weise
still standen, wieder aus dem Schlamm, in den ihn der erste Sto
geworfen, aufgelesen hatte, trat jetzt zu dem Wagen hinan, den
Nothschreien der Passagiere Folge zu leisten; nicht etwa aber diesen zu
Gefallen, sondern weil er ohne deren Hlfe sein Geschirr natrlich gar
nicht wieder htte aufrichten knnen.

Hll und Verdammni߫ fluchte er dabei laut genug in den Bart jedes Wort
zu verstehen, whrend er in der Dunkelheit nach den Knpfen und
Schnallen der ledernen Vorhnge fhlte, diese zu ffnen und seine
Passagiere in's Freie zu lassen -- mu der Mensch da so eine
verwnschte Bande miger Tagediebe und Faullenzer in Nacht und Nebel in
der Welt herumfahren, und seinen eignen Hals, wie seine Pferde riskiren
-- wenn sie nur der Teufel holte, den ganzen Schwamm, wie sie dadrinn
hocken. -- Da Herzchen schlo er dann seine schmeichelhafte Anrede,
indem er das endlich geffnete Leder zurckwarf, und den jetzt
ordentlich nieder _fluthenden_ Regen zwischen die unglcklichen
Passagiere hineinlie -- jetzt knnt Ihr Euch auch eine Gte thun und
einmal sehn wie's drauen ist -- nun sind wir lange genug gefahren und
drfen ein Stck zu Fue gehn.

War der Kutscher brigens bler Laune, so waren es die Passagiere noch
mehr, und nur das Wetter und die Stockdunkelheit verhinderten vielleicht
eine ernsthafte Schlgerei zwischen einem oder dem anderen der Schaar,
mit dem groben Driver. Hier war aber keine Zeit zum Besinnen, denn je
lnger sie neben dem umgeworfenen Wagen standen, desto lnger go auch
der Regen auf sie nieder und je eher sie den wieder aufhoben, desto
schneller kamen sie wieder in's Trockene.

Ungeschicktes Vieh von einem Kutscher! schrie indessen der eine
Hoosier, der letzte der im Wagen stand, und vergebens im Innern nach
seinem hinuntergefallenen Hute fhlte fhrt erst in's Blau hinein, und
nimmt dann auch noch das Maul voll mit Grobheiten. Wo hast Du denn Dein
Fahren gelernt, Langbein, heh? -- Dich mcht' ich einmal auf acht Tage
unter der Hand haben.

_Nevermind Bill_ rief ihm ein Anderer zu komm heraus aus der Falle
und drck Deine Schulter hier mit unter, da wir das verdammte Ding
wieder in die Hhe bringen. So hier -- hebt Jungens -- ahoy-y -- Sie da,
kleiner _Dutchman_ Sie sind der krzere von uns, kriechen Sie doch
einmal drunter, da er nicht wieder zurckfllt.

Herr von Hopfgarten, dem diese gemthliche Anrede galt, dachte aber gar
nicht daran ihr Folge zu leisten, und seinen eigenen Rcken zum Ruhestuhl
des ganzen Wagens herzugeben; mit anfassen mute er aber doch, wollte
er nicht die Nacht da im Schlamm halten bleiben, und den vereinten
Anstrengungen der Passagiere gelang es denn auch endlich den schweren
Wagen wieder auf seine Rder zu stellen und das herausgefallene Gepck
beim Schein der einen Laterne -- die andere war schon vorher ausgegangen
und dann auch noch zum berflu im Sturz gebrochen, zusammenzusuchen.
Der Kutscher hatte inde das verwickelte Geschirr der Pferde in Ordnung
gebracht und kletterte, die Sorge fr das Gepck ganz den Passagieren
berlassend, mit einem Na so packt Euch wieder hinein, Alle mit
einander, bis zum _nchsten_ Loch auf seinen Sitz zurck, von wo aus
er, als das Zuschlagen der Wagenthr ihm dazu das Signal gab, mit
erneuten Flchen auf die Pferde einhieb.

Der Zustand der Passagiere im Inneren war brigens, trotzdem da sie
jetzt wenigstens vor dem Regen geschtzt saen, ein sehr mislicher, denn
na bis auf die Haut, die Hnde und Fe voll Schlamm, durften sie gar
nicht daran denken sich irgend einer behaglichen Ruhe hinzugeben. Des
Kutschers ominse Worte -- sie sollten einsteigen _bis zum nchsten
Loch_ klangen ihnen auch dabei noch immer in den Ohren, und in der That
bewie das Schleudern des Wagens, in dem sie herber- und hinbergeworfen
wurden, da sie die schlechtesten Pltze keineswegs berstanden hatten.

Eine halbe Stunde spter hielten sie allerdings bei Wittwe Jones, und
konnten ihre halberstarrten Glieder -- den Quker ausgenommen, der keine
Spirituosen trank -- an einem nichtswrdigen Glas Cognac, halb Wasser
und halb Schwefelsure erwrmen, aber gehalten wurde hier nicht lnger,
und der eine Passagier der hier ausstieg rief ihnen noch lachend nach,
wenn sie gleich unten am Hgel wieder umwrfen, sollten sie nur rufen,
und er wollte dann mit der Laterne hinunter kommen und sie
zusammensuchen.

Trotz der unangenehmen Fahrt brigens, und trotz dem Regen, der immer
schrfer anfing niederzupeitschen, whrend die Nacht dunkler und
strmischer wurde, schien der Humor in dem engen mit Menschen
vollgepfropften Kasten doch endlich die Oberhand zu gewinnen; die
Passagiere beschrieben untereinander die Situationen, in denen sie
sich befunden als der Wagen umschlug, lachten ber die einzelnen
verzweifelten Ausrufe, und selbst ber die unverschmte Grobheit
des Kutschers, und wurden dabei bekannter zusammen, als sie es
wahrscheinlich beim schnsten Wetter geworden wren. Sie fingen schon
auch wirklich an sich wieder einem wohltuenden Gefhle der Sicherheit
hinzugeben, als der Wagen auf's Neue einen Alles zusammenwerfenden Ruck
that -- und dann festsa. Vergebens blieben alle Peitschenhiebe und
Flche des _drivers_; der Wagen stak und war nicht von der Stelle zu
bringen, und die Passagiere muten, trotz dem Wetter, noch einmal
hinaus.

Hier zeigte sich nun allerdings, da das rechte Vorderrad in eine alte
Wurzel hineingefahren war, aus der es leicht wieder befreit werden
konnte; als man es aber nher untersuchte, erwie sich da zwei Speicher
gebrochen seien, die unter dem schweren Gewicht von acht Passagieren
keine hundert Schritt weit mehr gehalten htten. Das nchste ordentliche
Wirthshaus war zugleich noch sieben englische Meilen entfernt, und sie
smmtlich gezwungen, wenn sie das beschdigte Rad nicht wieder
zusammenflicken konnten, bis dorthin zu Fu durch die Nacht zu laufen.
Dem zu begegnen gingen die jungen Farmer und Viehhndler, die mit
derartigen Sachen gut umzuspringen wuten, daran, den Schaden soviel als
mglich wieder auszubessern. Auf ebener Strae htte das Rad auch wohl
die paar Meilen noch gehalten, und so versuchten sie's denn und stiegen
wieder ein. Lieber Gott, der erste Baumstumpf an den sie kamen, machte
die immer mehr aufgeweichten Riemen nachgeben, noch hielten die
brigen Speichen, aber nicht lang; ber eine Strecke steinigen Boden
dahinfahrend krachte und splitterte es wieder, und ehe die Hlfte der
Passagiere hinausspringen konnte, schlug der Kasten zum zweiten Mal um.

An ein wieder einsetzen war jetzt nicht mehr zu denken; eine Stange
wurde nur abgehauen, vorn befestigt und quer unter die rechte Axe
gelegt, den Wagen aufrecht zu halten, und dann nach einigen Versuchen
selbst das Gepck zum groen Theil fr zu schwer befunden, auf diese
Weise transportirt zu werden. Der Kutscher machte nun allerdings den
Vorschlag, smmtliche Koffer und Scke hier irgendwo unter einem Baum
aufzustapeln, und Einen von ihnen als Wache dabei zurckzulassen. Hierzu
aber wollte sich nicht allein Niemand verstehn, sondern auch Niemand
sein Gepck zurcklassen, und der Kutscher wurde soweit berstimmt, dem
Passagiergut im Wagen so lange Raum zu gnnen, bis es effektiv nicht
weiter gebracht werden _konnte_; dann wollte es Jeder tragen.

Das Gepck war aber wirklich in dem schlammigen Weg wenn auch nicht zu
schwer fr das gebrochene Rad und die untergeschobene Stange, doch
jedenfalls fr die Pferde, die den Wagen mit dem scharfeinschneidenden
Hemmschuh endlich kaum noch fortschleppen konnten. Die Amerikaner hatten
zwar Stangen abgehauen, die als Hebebume dienen muten, den Wagen, wo
er stecken blieb wieder herauszuheben, und nicht ganz auf der Strae
sitzen zu bleiben, aber es ging das endlich auch nicht mehr, und das
Gepck mute heraus und geschultert werden. Die Pferde _konnten_ es
nicht weiter bringen. Hopfgarten wie der Quker, die eben nur leichte
Reisescke hatten, bekamen dazu noch eine der Stangen zu tragen, whrend
die Amerikaner mit Axt und Hacke -- Amerikanische Posten sind schon
darauf eingerichtet -- nebenher gingen, und dem Wagen fortwhrend freie
Bahn machten, Holz aus dem Weg zogen, oder auch die Hebebume von den
Schultern ihrer Leidensgefhrten nahmen und die angeschleifte Stange ber
irgendwelche Hindernisse hinberhoben.

Hier war es Hopfgarten, der sich zuerst widersetzte, und gegen solche
Behandlung mit Erfolg Protest einlegte.

Ich habe sagte er zu dem erstaunt ihn ansehenden _driver_ meine volle
Passage noch dazu bis _Vincennes_ bezahlt; ich bin jetzt, den halben Weg
fast, zu Fu gelaufen -- nicht das allein, ich habe auch mein Gepck
geschleppt, und gearbeitet wie ein Pferd den verwnschten Kasten in Gang
zu halten. Ich bin dabei erbtig weiter zu marschiren und mein Gepck
selber zu schultern -- _aber die verdammte Stange trag ich keinen
Schritt mehr_; und das Holz dem Mann vor die Fe werfend, stiefelte er
ruhig weiter durch den Schlamm.

Die Situation hatte viel komisches, und ein paar Leute lachten, das
Wetter war aber doch zu entsetzlich irgend etwas gerade sehr spahaft zu
finden. Die kleine Caravane hatte sich indessen eben wieder in Bewegung
gesetzt, als Hopfgarten zu ihrer Linken ein Licht durch die Bume
schimmern sah, einen der Mitpassagiere darauf aufmerksam machte, und ihn
frug, ob er wisse wer da wohne.

Oh hol's der Teufel brummte der Mann, _dort_ knnen wir nicht
bleiben, das ist ein wster Ort, mit dem Niemand gern Verkehr hat.

Wie so? frug rasch der Deutsche, neugierig gemacht durch die
Bemerkung.

Ein alter Jude wohnt dort mit seiner Mutter sagte der Amerikaner,
einen scheuen Blick nach dem Licht hinberwerfend, und _handelt_ am Tag
in der Gegend herum; die Leute sagen auch er htte eine Masse kostbarer
Waaren bei sich aufgehuft, wo er die aber her und womit er sie bezahlt
hat wei kein Mensch, und es mag auch Niemand seine Schwelle betreten.

Der Mann schritt weiter; whrend das Wetter aber immer wthender wurde,
der Regen immer toller niederpeitschte und der Sturm in den Baumwipfeln
raste, als ob er die alten Riesenkronen, die ihm Jahrhunderte getrotzt,
bei dem Armvoll niederwerfen wollte, zog sich der Weg wieder in eine
Niederung hinab, in der sie bis an die Knie fast in Schlamm und Morast
waten muten. Das Licht kam dabei nher, obgleich man deutlich
unterscheiden konnte da es links etwas von der Strae ab lag und
Hopfgarten, an solche Beschwerden nicht gewhnt, und mit der
_Mglichkeit_ ihnen zu entgehn vor sich, beschlo endlich mit seinem
Gepck, das er ja berdie auf dem Rcken trug, querfeldein auf das Haus
zuzugehn, und die Gastfreundschaft der Leute, mochten sie sein was sie
wollten, fr diese Nacht in Anspruch zu nehmen. Morgen fand sich dann
schon Gelegenheit weiter zu kommen, oder er gab auch seine ganze Reise
nach Vincennes und von da mit der Post weiter nach St. Louis auf, und
kehrte auf dem nchsten Weg nach dem Ohio zurck -- er hatte das
Postfahren satt bekommen.

Der eine Farmer rieth ihm allerdings, als er den Entschlu hrte
gar eifrig ab, und trstete ihn damit, da sie hchstens noch fnf
Miles bis zum nchsten Wirthshaus htten; Hopfgarten war aber fest
entschlossen seinen einmal gefaten Plan auszufhren, unangenehmere
Gesellschaft konnte er dort auch nicht finden, und da die Leute noch
Licht hatten, also auch folglich noch auf waren, wrden sie ihm doch
wenigstens einen Platz am Feuer nicht versagen. Ohne sich also weiter an
die brigen zu kehren, und Postkutsche nebst Passagieren ihrem
Schicksal berlassend, wandte er sich links ab dem Lichte zu, und kam
nach etwa viertelstndigem Wandern, wobei er die Post noch immer konnte
durch den Schlamm rasseln und sogar das Fluchen der Passagiere hren, an
eine niedere Fenz, die er mit einiger Mhe berkletterte. Er war durch
die Anstrengungen der Nacht und die nakalte bsartige Witterung
ordentlich steif und gelenklos geworden, und konnte kaum hinberkommen.




 FUSSNOTEN -- FOOTNOTES

 [1] Die Amerikanische Nachtschwalbe, ihres leise klagenden Rufs
 wegen, der ganz diesen Worten hnlich klingt, _Whippoorwill_ genannt.

 [2] Little Rock -- kleiner Fels -- die Ansiedlung bekam ihren Namen
 zuerst von einzelnen kleinen Felsblcken, die hier am Ufer liegen.

 [3] Postreiter.

 [4] stehen, der deutsch-amerikanische Ausdruck von _bleiben_ von dem
  Englischen _to stay_.

 [5] _To shake hands_ die Hand schtteln.

 [6] Vereinigten Staaten.

 [7] _racoon_, der Waschbr.

 [8] _old man_ und _old woman_ werden fast alle verheirateten Leute
 in den westlichen Wldern genannt, sie mgen so jung sein wie sie wollen.

 [9] Alle Frauen werden dort so angeredet.

 [10] Macht Nichts aus

 [11] Keine Messer, keine Scheeren zu schleifen?

 [12] Herein!

 [13] Weien Mnner.

 [14] Methodisten und ultramontanes Blatt.

 [15] Gegenwrtige Gesellschaft immer ausgenommen.

 [16] Sie hat jetzt nahe an 130000.

 [17] _Hoosiers_ werden die Bewohner Indianas scherzhafter Weise in
 Amerika genannt.




       *       *       *       *       *




ANMERKUNGEN -- TRANSCRIBER'S NOTE

Contemporary spellings have generally been retained, even when not
consistent. A small number of obvious typographical errors have been
corrected and some names regularised; missing punctuation has been
added.

Zeitgenssische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende
Zeichensetzung wurde ergnzt.

The following additional changes have been made to the text:

Die folgenden zuszlichen nderungen wurden vorgenommen:


 und von ihnen                        und waren von ihnen
 aus der Heimath vertrieben           aus der Heimath vertrieben

 nahmen ihre ganze Aufmerksamkeit     nahmen ihre ganze Aufmerksamkeit
 in Anspruch, und lie sie            in Anspruch, und lieen sie

 aber komm Sidonie                    aber komm Amalie

 die beiden Tchter der alten         die beiden Tchter der alten
 Mr. Rosemore                         Mrs. Rosemore

 eine nochmalige Strung der Bauern   eine nochmalige Strung des Bauern

 von den groen Rosinen, die Sie      von den groen Rosinen, die Sie
 frher im Topf gehabt                frher im Kopf gehabt

 versucht, (...) als Band             versucht, (...) als Band
 herausgegeben                        herauszugeben

 Den Fremden, Bedruckten              Den Fremden, Bedrckten

 umwinkelt wurde                      umwickelt wurde

 wie sie der (...) Schweine,          wie sie der (...) Schweine wegen,
 die dort (...) geschlachtet (...)    die dort (...) geschlachtet (...)
 werden                               werden

 wten wie des Menschen Handeln      wten wie des Menschen Handeln
 seinen Werth bestimmen               seinen Werth bestimme

 Hopfgarten wie die Quker            Hopfgarten wie der Quker



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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
https://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

