The Project Gutenberg EBook of Ehstnische Mrchen. Zweite Hlfte, by Various

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Title: Ehstnische Mrchen. Zweite Hlfte

Author: Various

Translator: Ferdinand Lwe

Release Date: September 5, 2007 [EBook #22516]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHSTNISCHE MRCHEN. ZWEITE HLFTE ***




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Estnische Mrchen.


_Aufgezeichnet von_

Friedrich Kreutzwald.


_Aus dem Estnischen bersetzt_

von

F. Lwe,

ehem. Bibliothekar a. d. Petersb. Akademie der Wissenschaften,
corresp. Mitglied der gelehrten estnischen Gesellschaft zu Dorpat.


_Zweite Hlfte._


Dorpat.

_Verlag von C. Mattiesen._

1881.



Von der Censur gestattet. -- Dorpat, den 12. Mrz 1881


Druck von C. Mattiesen in Dorpat 1881.




Vorwort.


Dr. Friedrich _Kreutzwald_, der hochverdiente Kenner und Erforscher der
estnischen Sprache, erhielt von der finnischen Literaturgesellschaft in
Helsingfors den ehrenvollen Auftrag, eine Sammlung von estnischen
Mrchen herauszugeben. Die Sammlung (Eesti rahwa ennemuistesed juttud)
erschien im Jahre 1866 in Helsingfors im Verlage der
Literaturgesellschaft; sie umfat auf 368 Seiten 43 grere und 18
kleinere Stcke. Mit Bewilligung der finnischen Gesellschaft und des
Herrn Dr. Kreutzwald hat Herr F. _Lwe_ die Mrchen bersetzt. Die erste
Hlfte wurde schon im Jahre 1869 verffentlicht (Halle. Verlag der
Buchhandlung des Waisenhauses 1869, 366 S. 8^o); die zweite Hlfte wird
erst jetzt den Kennern und Liebhabern der Volkspoesie dargebracht; es
hat lange Zeit gewhrt, ehe die mancherlei Schwierigkeiten, welche dem
Erscheinen der Mrchen-Uebersetzung sich entgegenstellten, berwunden
werden konnten.

Die Leser werden in den vorliegenden estnischen Mrchen mancherlei
Bekanntes finden; Reminiscenzen an die Kinderjahre und an die
Grimm'schen Mrchen werden bei Manchem auftauchen. Unzweifelhaft sind
viele der estnischen Mrchen entlehnt. An solchen Entlehnungen sind die
Esten nicht rmer als andere Vlker, und es gewhrt ein eigenthmliches
Interesse, mehr oder minder anderswo bekannte Stoffe in ihrer estnischen
Einkleidung zu betrachten. Allein nicht blos die Freude an der
poetischen Behandlung der einzelnen Mrchen ist es, was uns auffordert,
denselben unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es knpft sich eine ganze
Anzahl rein ethnographischer und historischer Fragen an die Betrachtung
ihres Inhalts. -- -- Sicher ist es, da, wenn wir die estnischen Mrchen
betrachten, wir es mit den Einflssen der verschiedensten Zeiten und
Vlker zu thun haben. -- Manche Zge weisen unverkennbar auf _litauische_
Berhrungen hin, andere zahlreichere und wohl auch jngere auf _russische_
Elemente. Da die Kstenstriche Estlands und namentlich die zunchst
liegenden Inseln _schwedische_ Bevlkerung gehabt und zum Theil auch noch
gegenwrtig haben, ist der letzteren nebst manchem Mrchen auch mancher
aus der ltesten Zeit stammende Mythus entnommen. Aber auch die neueste
Zeit hat aus der Kinderstube der _deutschen_ Familie sowohl in der Stadt
als auf dem Lande so manche Mrchen in die Bauerhtte verpflanzt. Nicht
minder haben die aus dem Kriegsdienst heimkehrenden Esten so manche
Erzhlung, die sie frher im schwedischen und spter im russischen Heere
vernommen hatten, den hrlustigen Leuten in der Heimath zugetragen
(Vergl. A. Schiefner im Vorwort zu der ersten Hlfte der Uebersetzung
der estnischen Mrchen).




Inhalt.


                                                                      Seite
 1. Baumling und Borkling                                               1-4
 2. Des Nebelberges Knig                                               4-9
 3. Die schnellfige Knigstochter                                    9-23
 4. Loppi und Lappi                                                   23-26
 5. Der Pathe der Grottennymphen                                      26-36
 6. Seltene Weibestreue                                               36-49
 7. Aschen-Trine                                                      49-57
 8. Reichlich vergoltene Wohlthat                                     57-60
 9. Die Stiefmutter                                                   61-67
10. Klugmann in der Tasche                                            67-80
11. Der zaubermchtige Krebs und das unersttliche Weib               81-88
12. Der Findling                                                      88-95
13. Wie sieben Schneider in den Trkenkrieg zogen                    95-106
14. Der Glcksrubel                                                 106-118
15. Der nrrische Ochsenverkauf                                     118-123
16. Der mildherzige Holzhacker                                      123-127
17. Die nchtlichen Kirchengnger                                   128-135
18. Des Schtzen abhanden gekommenes Glck                          135-142
19. Der aus Gefahr erlste Knigssohn wird der Retter seiner Brder 142-152
20. _Localsagen._
    a. Warum Reval niemals fertig werden darf                       152-153
    b. Der Gerbleder-Verkufer                                      153-154
    c. Das Frulein von Borkholm                                    154-155
    d. Der winselnde Fuknchel                                     155-158
    e. Der von der Stelle gerckte See                              158-161
    f. Die Kaufmannstocher von Narva                                161-163
    g. Wo Narva's frherer Reichthum liegt                          163-164
    h. Das Mdchen von Waskjalasild                                 164-165
    i. Emmujrw und Wirtsjrw                                       165-167
    k. Die Tochter des Strandbewohners von Tolsburg                 167-168
    l. Die Steindenkmale der Hungersnoth                            168-169
    m. Der Herren von Pahlen Schutzgeist                            169-171
    n. Der aus den Klauen eines Adlers gerettete Knigssohn         171-172
    o. Die Meermaid und der Herr von Pahlen                         172-174
    p. Der Kapellenbau                                              174-174
    q. Ein Herr von Pahlen rettet Reval aus Feindeshand             174-175
    r. Der Frauen von Pahlen Todesboten                             175-175
    s. Der Heimgnger-Schtze                                       175-178




1. Baumling und Borkling.


Einem geizigen Wirthe machte es unaufhrlich Aerger und Kummer, da
Knechte und Mgde nicht bei ihm aushielten. Obwohl er nicht mehr Arbeit
von ihnen verlangte als andere Wirthe, so fand doch _der_ Unterschied
statt, da er seinen Dienstleuten nicht soviel zu essen gab, da sie
satt werden konnten. Hatte einer das Hundeleben ein viertel oder halbes
Jahr ertragen, so zwang ihn Hunger, wieder davon zu laufen; und als es
endlich in der Runde umher bekannt geworden war, warum das Gesinde nicht
blieb, da wurde es dem knauserigen Wirthe ganz unmglich, noch Bedienung
zu bekommen. Weit in Allentacken[1] lebte ein berhmter Weiser, zu dem
eilte der Wirth sich Raths zu erholen, brachte ihm einen Sack voll Geld
und andere Geschenke und fragte bei ihm an: ob es nicht mglich sei,
Knecht und Magd zu finden, die sich mit weniger Nahrung begngten und
den Wirth nicht kapp und kahl fren. Der Weise erwiderte: Mglich ist
das Ding wohl, allein es geht ber meine Kraft, da mut du zum alten[2]
Wirthe gehen, der dir allein helfen kann. Darauf gab er weitere
Anleitung, wie der Mann an drei Donnerstagen Abends, kurz vor
Mitternacht, einen schwarzen Hasen im Sacke, auf den Kreuzweg gehen und
dort pfeifen msse, damit der alte Wirth komme. Versuche dann selbst,
wie ihr Handels eins werdet, sagte der Weise, ich kann hier nicht
weiter helfen. Aber la dich nicht betrgen. Als der Mann fragte, wo er
einen schwarzen Hasen her kriegen solle, hie ihn der Weise eine
schwarze Katze mitnehmen.

Als nun der nchste Donnerstag gekommen war, steckte der Wirth die Katze
in den Sack und ging auf den Kreuzweg, obwohl ihm etwas bnglich zu
Muthe war. Er pfiff und wartete, aber es kam Niemand. Endlich pfiff er
noch einmal und dachte dabei: wenn er jetzt nicht kommt, so habe ich den
Weg umsonst gemacht. Da erhob sich in der Luft ein Gerusch, als ob ein
Blasebalg in der Schmiede getreten wrde, dann sah er eine dunkle Masse
oben in der Luft schweben und eine Stimme fragte: Was willst du,
Brderchen? -- Ich habe einen schwarzen Hasen zu verkaufen, erwiderte
der Mann. Komm nchsten Donnerstag, ich habe heute keine Zeit, mit dir
einen Handel zu machen, sagte die Stimme und damit entschwand auch die
dunkle Masse den Blicken des hinaufschauenden. Der Mann war wohl etwas
verdrielich, da er den Weg umsonst gemacht hatte, allein was half's,
Hheren gegenber muss ein geringer Mann immer geduldig sein. Den
zweiten Donnerstag ging die Sache etwas besser von Statten. Gleich auf
sein erstes Pfeifen erschien ein altes Mnnchen mit einem Schultersack
und fragte: Was willst du, Brderchen? Der Mann antwortete wieder:
Ich habe einen schwarzen Hasen zu verkaufen. Was kostet er? fragte
der fremde Alte. Der Mann erwiderte: Ich verlange fr den Hasen weiter
nichts als einen Knecht und eine Magd, die mir dienen, aber mich nicht
kapp und kahl fressen. Auf wie viele Jahre willst du den Vertrag
abschlieen? fragte der _alte_ Wirth. Meinethalben auf die Zeit meines
Lebens, gab der Bauer zur Antwort. Aber der Fremde bedeutete ihn, da
dies durchaus nicht angehe und da sie keinen andern Vertrag miteinander
abschlieen knnten als auf sieben oder zweimal sieben Jahre. So komme
nchsten Donnerstag, und bringe deinen schwarzen Hasen mit, ich werde
dir dann einen Knecht und eine Magd bringen, denen du weder Speise noch
Trank zu geben brauchst, nur mut du sie bei der Hitze des Nachts zum
Weichen in's Wasser legen, sonst welken sie und sind nicht mehr im
Stande zu arbeiten.

Der Mann war am Abend des dritten Donnerstags wieder am Kreuzwege und
pfiff, worauf der _alte_ Wirth sogleich erschien, aber allein, weder ein
Knecht noch eine Magd waren mitgekommen. Du mut mir von deinem
Ringfinger drei Tropfen Blut[3] zur Festmachung des Vertrages geben,
damit du nicht zurcktreten kannst, sagte der Fremde. Der Mann fragte,
wo denn der Knecht und die Magd wren. Im Sacke erwiderte der _alte_
Wirth. Da nun der Schultersack nur klein war, frchtete der Bauer einen
Betrug. Der Fremde, welcher dessen Gedanken zu errathen schien, sagte:
Ich betrge dich nicht! Dann ergriff er den Sack und warf einen Quast
von der Gre einer Hedekunkel heraus, indem er sagte: Hier ist dein
Knecht! Ein langer breitschult'riger Mann stand sofort neben dem alten
Papa. Ein zweiter Quast flog aus dem Sacke und es war ein Mdchen daraus
geworden. Deine Diener sind hier, sie werden nicht zu essen verlangen,
sagte der Fremde. Jetzt gieb mir die Blutstropfen zur Besiegelung und
den schwarzen Hasen, dann kannst du nach Hause gehen. Der Mann that wie
verlangt und fragte zuletzt, wie denn die neuen Diener wohl hieen. Des
Knechtes Name ist _Baumling_ und der Magd Name ist _Borkling_, sagte der
_alte_ Wirth, steckte den vermeintlichen Hasen in den Sack und ging seiner
Wege! Der Bauer aber ging mit seinem Gesinde heim.

Der Knecht und die Magd thaten Tag fr Tag vom Morgen bis zum Abend ihre
Arbeit, ohne jemals Nahrung zu fordern, was den Wirth sehr erfreute, und
wenn sie manchmal an einem heien Sommertage zu welken schienen, so
wurden sie zur Nacht eingeweicht und waren am andern Morgen so frisch
und stark wie zuvor. Der geizige Wirth scharrte nun jedes Jahr immer
mehr Geld zusammen, weil er seinem Gesinde weder Brot zu geben noch Lohn
zu zahlen brauchte. So waren endlich zwei mal sieben Jahre beinah
vorber gegangen, nur noch einige Wochen fehlten. Dem Wirthe kam die
Sorge, da er die Diener verlieren knnte, darum dachte er hin und her,
wie es wohl mglich wre die Frist zu verlngern.

Eines Morgens war er aufgestanden und sah, da Knecht und Magd noch
nicht bei der Arbeit waren. Er meinte, sie schliefen noch auf dem Boden
und kletterte auf der Leiter hinauf. Aber da war Niemand zu finden. Auf
der Stelle, wo sie geschlafen hatten, fand er einen verfaulten
Baumstumpf und ein Huflein Birkenrinde. Da wurde es ihm pltzlich klar,
was die Namen des Knechts und der Magd bedeutet hatten; ohne Zweifel
waren die Beiden durch Zauber aus Holz und Bork gemacht. Eben wollte er
die Treppe wieder hinunter steigen, als eine Hand ihn an der Gurgel
packte und ihn auf dem Flecke erwrgte. Die Frau fand spter auf dem
Rande des Bodens nichts weiter als drei Blutstropfen. Als sie in die
Klete (Vorrathskammer) ging, nahm sie wahr, da die Kornkasten leer
waren und die Geldkiste nur mit welken Birkenblttern angefllt. So war
mit einem Male alle Habe dahin und die verwittwete Frau starb vor
Kummer ebenfalls; doch erfuhr sie nichts davon, da der alte Bursche den
Wirth, der ihm aus Geiz seine Seele verkauft, erdrosselt hatte. Diesen
Lohn hatte nun der geizige Mann davon, da er seinen Reichthum
frevelnder Weise zusammengescharrt hatte.

[Funote 1: Die Bucht an der Ostsee westlich vom Lauf der Narowa. L.]

[Funote 2: Identisch mit dem in dem ersten Bande hufig vorkommenden
alten Burschen (dem Bsen). L.]

[Funote 3: Vgl. Bd. 1, S. 67. Anm. L.]




2. Des Nebelberges Knig.


Es waren einmal Dorfkinder auf Nachthtung im Walde, die Nacht war kalt
und neblicht, so da auch am Feuer die erstarrte Hand nicht mehr warm
werden wollte. Da sagte eins der Mdchen, das einen aufgeweckten Geist
hatte: ich will lieber ein Stck Weges laufen, das wird mir mehr Wrme
geben als das Sitzen am Feuer. Mit diesen Worten sprang es auf und lief
davon. Die andern lachten hinter ihr her und sagten: sie wird wohl bald
zurck kommen! Aber der kleine Flchtling kam nicht zurck. Als die
Morgenrthe schon am Himmel stand, fingen sie an das verschwundene
Mdchen zu rufen, erhielten aber von keiner Seite her eine Antwort. Die
Kinder meinten nun, sie msse wohl in's Dorf gegangen sein. Als man aber
heim kam, war die Vermite nirgends zu finden. Die Aeltern gingen in den
Wald, ihre Tochter zu suchen; umsonst aber strichen sie ber einen
halben Tag lang von einem Flecke zum andern, sie fanden keine Spur von
ihr. Da dachten sie mit Schrecken daran, da wilde Thiere das Mdchen
getdtet haben knnten. Sorgenvoll und betrbt gingen sie gegen Abend
wieder nach Hause.

Das verloren gegangene Kind war schon eine Strecke weit von den brigen
abgekommen, als es an eine Bergspitze gelangte, auf der ein kleines
Feuer brannte, weiter konnte es durch den dichten Nebel nichts sehen.
Das Kind dachte, seine Gefhrten seien da am Feuer, kletterte den Berg
hinan und sah, da ein graubrtiger einugiger Mann ausgestreckt am
Feuer lag und es mit einem Eisenstecken schrte. Das Kind erschrack und
wollte zurck, aber der Alte hatte es schon bemerkt und rief in strengem
Tone: Bleibe stehen, oder ich werfe den Eisenstecken nach dir! Zwar
habe ich nur ein einziges Auge, aber das ist eben so sicher wie die
Hand, so da ich niemals mein Ziel verfehle! -- Das Kind blieb zitternd
stehen. Der Alte hie es nher kommen, und als das Mdchen furchtsam
zgerte, stand er auf, nahm es bei der Hand und sagte: Komm und wrme
dich! Das Mdchen mute nun wohl, wenn auch zitternd und bebend,
mitgehen. Der Alte nahm Weibrot aus seinem Schultersack und gab es dem
Kinde zu essen. Dann klopfte er mit dem Eisenstecken auf den Rasen und
alsbald standen zwei hbsche Mdchen am Feuer, als wren sie aus der
Erde hervorgewachsen. Es dauerte nicht lange, so hatten sich die Kinder
miteinander befreundet, spielten und trieben Kurzweil am Feuer, der Alte
aber hatte das Auge geschlossen, als schliefe er.

Als die Morgenrthe heraufstieg, trat ein altes Mtterchen heran und
sprach zum Dorfkinde: Heute mut du bei unseren Kindern zu Gast bleiben
und auch die nchste Nacht hier schlafen, dann schicke ich dich wieder
nach Hause. -- Obwohl sich nun das Dorfkind anfangs gengstigt hatte, so
war es dort bald mit den andern Kindern so bekannt geworden, da es
weder Furcht noch Heimweh mehr empfand. Der Tag verging ihnen spielend,
und Abends wurden die Kinder miteinander zur Ruhe gelegt. Den andern
Morgen aber kam ein junges Frauenzimmer und sprach zum Dorfkinde: Du
mut heute nach Hause gehen, denn deine Eltern haben deinetwegen groen
Kummer, sie glauben du seist gestorben. Mit diesen Worten fhrte sie
das Kind an der Hand, bis sie aus dem Walde heraus kamen. Dann sagte die
Fhrerin: Von dem, was du gestern und vorige Nacht gehrt und gesehen
hast, darfst du kein Wrtchen zu Hause reden, sage nur, du habest dich
im Walde verirrt. Darauf gab sie dem Kinde eine kleine silberne Spange
und sagte: Wenn dich die Lust anwandeln sollte, wieder einmal zu uns zu
Gast zu kommen, so hauche nur auf diese Spange, so findest du schon den
Weg zu uns! Das Kind steckte die Spange in die Tasche und dachte auf
dem Wege zum Dorfe daran, was wohl die Eltern von der Sache halten
wrden, da sie ihnen die Wahrheit nicht gestehen drfe. In der Dorfgasse
gingen zwei Mnner an ihr vorber, welche sie nicht kannte. Als sie in
des Vaters Hofthor trat, schien ihr der Ort gnzlich fremd; wo vorher
nichts gestanden hatte, da wuchsen jetzt Aepfelbume, an denen schne
Frchte hingen. Auch das Haus erschien ihr fremd. Da trat ein fremder
Mann aus der Thr, schttelte wie verwundert den Kopf und sagte, so da
das Mdchen auf dem Hofe es hrte: Ein fremdes Dorfmdchen ist auf
unserem Hofe. Das Mdchen erschien die Sache wie ein Traum, doch trat
sie einige Schritte nher, bis sie an die Thrschwelle kam. Als sie in's
Zimmer hineinsah, erblickte sie den Vater, der auf der Ofenbank sa;
eine fremde Frau und ein junger Mann saen neben ihm, aber dem Vater
waren Bart und Haupthaar ganz grau geworden. Guten Morgen, Vater!
sagte die Tochter, wo ist die Mutter? -- Die Mutter, die Mutter?
rief die fremde Frau zusammenfahrend. Hilf Gott! bist du der verlorenen
Tiu Geist, oder bist du ein lebendiges Geschpf wie wir? Ist es denn
mglich, da unser liebes Kind, das uns vor sieben Jahren verstarb, zum
zweiten Male in's Leben zurck kommt? Tiu konnte aus dieser Rede nicht
klug werden. Da erhob sich die fremde Frau von der Bank, streifte Tiu's
Hemdrmel auf, fand auf der Handwurzel eine kleine Brandnarbe und rief
dann aus, das Mdchen umhalsend: Unsere Tiu, unser fr todt beweintes
Kind, das vor sieben Jahren im Walde verloren ging. Das kann ja nicht
sein, erwiderte Tiu, ich bin nur eine Nacht und einen Tag von euch weg
gewesen, oder zwei Nchte und einen Tag[4].

Jetzt gab es beiderseits genug sich zu wundern; Tiu sah nun deutlich,
da sie lnger weg gewesen war als sie selbst glaubte, denn sie war
jetzt schon etwas grer als ihre Mutter, und Vater und Mutter waren
gealtert. Gern htte sie den Eltern erzhlt, was ihr begegnet war,
allein sie durfte ja nicht. Endlich sagte sie, ich hatte mich verirrt
und war unter fremde Leute gerathen. Der Eltern Freude ber ihr
wiedergefundenes Kind war so gro, da sie nicht weiter nachforschten,
wo es denn gewesen sei.

Den andern Abend aber, als Vater und Mutter schlafen gegangen waren,
lie es der Tiu keine Ruhe mehr, sie zog die Spange aus der Tasche und
hauchte darauf, um Auskunft darber zu erlangen, was fr ein wundersames
Ereigni sich mit ihr zugetragen. Alsbald fand sie sich wieder am Feuer
auf dem Berge, und auch der einugige Alte war wieder da. -- Lieber
alter Papa! bat Tiu, gieb mir Auskunft darber, was mit mir
vorgegangen ist. Der Alte erwiderte lachend: Plappern ist
Weibersache! klopfte mit seinem Stecken auf den Rasen, und das junge
Frauenzimmer, welches Tiu nach Hause geleitet und ihr die Spange
geschenkt hatte, stand vor ihr. Sie nahm Tiu bei der Hand und fhrte sie
einige Schritte vom Feuer weg; dort sagte sie: Da du dir zu Hause nichts
hast merken lassen, will ich dir mehr verrathen. Der alte Papa am Feuer
ist des Nebelberges Knig, die alte Mutter, welche du die erste Nacht
gesehen hast, ist die Rasenmutter[5], und wir sind ihre Tchter. Ich
will dir jetzt eine noch schnere bunte Spange geben, sage zu Hause, du
habest sie gefunden. Willst du uns sehen, so hauche nur wieder auf die
Spange. Heute darf ich dir nichts weiter sagen, aber sei verschwiegen,
so wirst du knftig mehr von uns zu hren bekommen. Jetzt geh' nach
Hause, ehe die Eltern aus dem Schlafe erwachen.

Als sie am Morgen erwachte, hielt sie das in der Nacht Geschehene fr
einen Traum, aber die schne Spange auf ihrer Brust bewies ihr, da sie
nicht getrumt hatte. Inde war ihr das Leben im Dorfe so fremd
geworden, da sie hufig Abends, wenn die Eltern schlafen gegangen
waren, auf ihre Spange hauchte und sich dadurch, wie sie wnschte, auf
den Nebelberg versetzte. Am Tage war sie meist verdrielich, weil sie
sich nach ihrem nchtlichen Glcke sehnte und somit wenig Ruhe hatte.
Als der Herbst kam, fanden sich viele Freier ein; aber sie wies sie ab,
endlich vor Weihnacht wurde mit dem jungen Manne, welchen sie bei ihrer
Rckkehr auf des Vaters Hofe gesehen hatte, Branntwein[6] getrunken.

Der Brutigam blieb als Schwiegersohn im Hause, denn die Eltern waren
beide schon betagt.

Im nchsten Jahre brachte Tiu ein Tchterchen zur Welt, es war ein sehr
schnes Kind, konnte aber doch der Mutter Herz nicht ausfllen. Sie
sehnte sich stets nach dem Nebelberge zurck und wre gern hingezogen,
wenn sie das Kind htte allein lassen knnen. Als aber die Tochter
sieben Jahr alt geworden war, kam eine Nacht, wo die Mutter ihr
Verlangen nicht mehr zurckdrngen konnte, sie hauchte auf die Spange
und sah sich auf den Nebelberg versetzt. Der Rasenmutter Tchter kamen
ihr mit Freudengeschrei entgegen. Warum bist du so lange weg
geblieben? fragten sie. Tiu sagte mit thrnenden Augen, da es ihr
nicht mglich gewesen sei zu kommen, wiewohl ihr das Herz groes
Verlangen danach getragen habe. Des Nebelberges Knig mu uns helfen,
sagten darauf die Mdchen und baten Tiu, nach zwei Wochen wieder zu
kommen und ihr Tchterchen mitzubringen. Tiu versprach es zu thun, wenn
es mglich wre.

Als aber die Zeit herangekommen war, schlief das Kind so ruhig an des
Vaters Seite, da die Frau nicht das Herz hatte, es mit sich zu nehmen,
sie ging dehalb, indem sie sich der Spange bediente, allein. Der alte
Knig des Nebelberges lag beim Scheine des Feuers am Boden, und sagte
als er Tiu erblickte: Du bist heute zur unglcklichen Stunde ohne dein
Kind hergekommen, und es wird dir groe Qual daraus erwachsen. Doch
kannst du zu guter Letzt noch eine vergngte Nacht feiern, ehe deine
Leidenstage beginnen. Bei diesen Worten klopfte er mit dem Eisenstecken
auf den Rasen, und sofort erschienen der Rasenmutter Tchter, nahmen Tiu
mit sich und feierten ein schnes Fest miteinander.

Inzwischen war daheim der Mann erwacht und als er die Frau nicht im
Bette fand, stand er auf und suchte sie auf dem Hofe. Auch hier fand er
keine Spur der Verschwundenen. Da entbrannte im Manne der Zorn, denn er
glaubte die Frau sei irgendwo auf bsen Wegen, darum legte er sich nicht
wieder hin, sondern ging sofort zu einem Weisen des Dorfes, ihm den Fall
zu erzhlen, und ihn um Rath fragen. Als der Weise sich aus einem
Weinglase Aufschlu verschafft hatte, sagte er: Mit deinem Weibe steht
es nicht wie es sein soll, sie geht des Nachts als Wrwolf[7] um, und
hat das gewi schon lange getrieben, nur da du es bis heute nicht
bemerkt hast. Wenn sie nach Hause kommt, mut du sie sogleich vor
Gericht stellen.

Der Mann fand, als er nach Hause kam, die Frau an der Seite des Kindes
ruhig im Bette schlafen, er weckte sie inde nicht, um sie ber ihren
nchtlichen Gang auszufragen, sondern ging vor Gericht, wie der Weise
gewollt hatte. Die Frau wurde vorgefordert. Sie weigerte sich Auskunft
darber zu geben, wo sie vergangene Nacht gewesen sei, wollte auch nicht
gestehen, wo sie frher als Kind sieben Jahre lang sich verborgen
gehalten, und sagte nur: Meine Seele ist schuldlos, mehr kann ich nicht
sagen. Auch spter wollte sie ihr Geheimni nicht verrathen, so da
endlich der Spruch gefllt wurde: das Weib ist eine Hexe, ein Wrwolf
und sonstige Uebelthterin, dehalb mu sie den Feuertod sterben. Es
wurde dann ein groer Scheiterhaufen errichtet, an welchen man das arme
Weib festband, worauf er angezndet wurde. Als aber die Flamme eben
aufloderte, fiel so dichter Nebel, da man die Hand vor Augen nicht
sehen konnte[8]. Als spter die Sonnenstrahlen den Nebel aufsogen, fand
man den Scheiterhaufen noch unversehrt, das Weib aber war nirgends zu
finden, es war als ob sie im Nebel zerflossen wre. -- Des Nebelberges
Knig hatte sie gerettet.

Wiewohl nun Tiu jetzt auf dem Nebelberge gute Tage hatte, so fand ihr
Herz doch keinen Frieden, sondern sehnte sich nach dem zurckgebliebenen
Kinde. Htte ich mein Tchterlein hier -- so seufzte sie oft -- dann
knnte ich glcklich leben, so aber ist das halbe Herz immer bei dem
Kinde im Dorfe, und die andere Hlfte lebt in Trauer. Des Nebelberges
Knig errieth ihre geheimen Gedanken und lie einst bei Nacht das
Tchterlein aus dem Dorfe zur Mutter bringen. Da waren beide, Mutter und
Tochter, vollkommen glcklich und sehnten sich nach nichts mehr. Die
Dorfleute und der Mann glaubten, da die, in einen Wrwolf verwandelte
Frau das Kind bei Nacht fortgenommen habe. Der Mann freite eine andere
Frau, aber weder seine eigene Wirthschaft noch die der anderen Hfe
nahmen so guten Fortgang wie sonst; allsommerlich litten sie Schaden
durch Drre, das Getreide und Gras verdarben, weil der erfrischende
Nachtthau nicht auf den Strich fiel, den die Leute bewohnten. Des
Nebelberges Knig war zornig darber, da sie sein Pflegekind hatten
umbringen wollen.

[Funote 4: Sterblichen im Elfen- oder Feenlande verfliet die Zeit,
ihnen unbewut, mit reiender Geschwindigkeit. S. Khler's Anm. zu Bd.
1, S. 364. L.]

[Funote 5: Vgl. Bd. 1, S. 89 Anm. und S. 104 Anm., sowie S. 30. An
letzterer Stelle heien die im Mondschein badenden Jungfrauen der
Waldelfen und der Rasenmutter Tchter. Wenn in unserem Mrchen der
Knig des Nebelberges der Gemahl der Rasenmutter heit, so mchte eine
ursprngliche Identitt desselben mit den Waldelfen angenommen werden
knnen. L.]

[Funote 6: S. Bd. 1, S. 83 Anm. 2. L.]

[Funote 7: Ehstn. liba hunt, eigentlich lufische Wlfin, soll nach
dem Aberglauben das neunte Junge eines Wolfes sein, besonders gefrig
und gefhrlich, mit spitzer Schnauze, welches die Thiere von hinten
anfllt und ihnen das Eingeweide herausreit (Wiedemann,
Ehstnisch-Deutsches Wrterb. S. V). Hier ist es offenbar Wrwolf, d. h.
Mannwolf. Vgl. ber diesen Aberglauben _Ruwurm_ Eibofolke S. 360. L.]

[Funote 8: Wrtlich: Da man nicht vor seinen Fen sehen konnte. L.]




3. Die schnellfige Knigstochter.


Es war einmal eine sehr schne und schmucke Knigstochter, die aller
Orten berhmt war, denn es kamen gar viele Freier zu ihr, von Morgen und
Abend, von Mittag und Mitternacht her, so da oftmals die ganze Woche
durch der Hof von den Pferden der Bewerber nicht leer wurde. Aber das
Freien ward den Mnnern nicht so leicht wie unseren Zeitgenossen, die,
wenn sie auch manchmal an _einem_ Morgen vor sieben Thren anklopfen
mssen[9], doch dabei den Hals nicht verlieren. Mit der schmucken
Knigstochter war das aber anders und es durfte keinen Freier, der seine
Bewerbung anbringen wollte, an gehrigem Muthe fehlen. Die knigliche
Maid hatte nmlich sehr schnelle Fe, und darum ihrem Vater fest
versichert, sie werde nicht eher heirathen, als bis sie einen Freier
fnde, der eben so schnellfig sei, so da er mit ihr nicht nur um die
Wette, sondern ihr auch noch ein Stck vorbeilaufen knne. Nun, das
htte weiter nichts geschadet, wenn mit dem Wettlauf nicht noch eine
andere Bedingung verbunden gewesen wre, nmlich, da jeder Freier,
dessen Schritte die der Jungfrau nicht berholen knnten, sofort sein
Leben verlieren sollte. Wohl mu man sich wundern, da trotzdem immer
noch junge Mnner von vornehmer Geburt sich fanden, welche das
gefhrliche Wagestck unternahmen, obgleich noch keiner einen besseren
Lohn erhalten hatte als den, da sein erstarrter Krper um einen Kopf
krzer gemacht wurde. Die abgehauenen Kpfe wurden dann jedesmal,
gleichsam ihnen selbst zum Spott und andern zum Schrecken, auf lange
Stangen vor des Knigs Behausung aufgespiet. Mancher kluge Mann mochte
nun wohl meinen, da in den auf ihren Stangen steckenden Kpfen doch
nicht viel Hirn und Witz gewesen sein knne, da sie thricht genug
gewesen, ihre Haut so billig zu Markte zu tragen. Aber dergleichen kluge
Leute vergessen, da manchem jungen Manne das feurige Blut die ruhige
Besinnung aufzehrt. Man erlebte nun freilich, da die zur Abschreckung
aufgesteckten Kpfe die gute Wirkung hatten, das unaufhrliche Zustrmen
von Freiern zu verringern, da sie auch manchen Ankmmling vor der
Pforte noch zur Umkehr bewogen, ehe er das Glcksspiel versuchte.
Gleichwohl stellte sich immer noch von Zeit zu ein und der andere Thor
ein, der nicht wieder nach Hause kam, sondern seinen Kopf den Raben zum
Futter lie.

Jetzt hatten schon so lange keine Hufe von Freier tragenden Rossen den
Weg zum Knigssitze gestampft, da die Leute schon anfingen zu hoffen,
diese unsinnigen Fahrten wrden gar nicht mehr vorkommen, als mit einem
Male ein von Sehnsucht getriebener Knigssohn aus weiter Ferne her sich
abermals auf den Weg machte. Dieser Freier war aber ein gar schlauer
Mann und hatte deshalb schon daheim ein paar Jahre oder noch lnger
seine Beine tglich im Laufen gebt. Jetzt verstand er seine Sache aus
dem Grunde, denn in dem ganzen Knigreiche, welches sein Vater
beherrschte, war unter Mnnern und Weibern Niemand, den der Knigssohn
nicht im Lauf berholt htte. Wenn er trotzdem mit Kutsche und Pferden
auf die Freite fuhr, so wollte er einmal dadurch den Leuten seinen
Reichthum zeigen, und dann auch seinen Beinen Ruhe gnnen, damit sie
nicht noch vor dem Wettlauf ermdeten. Einen halben Scheffel Gold nahm
der Jngling fr die Wegekost mit; dasselbe wurde, als wre es ein
Hafersack, hinten auf der Kutsche festgebunden. Der Knigssohn war auf
seiner Freierfahrt noch nicht weit gekommen, da sieht er von weitem ein
Menschenbild im Fluge herankommen, wie von Vogelfittigen getragen und
nach wenig Augenblicken saust auch der Schnellfu wie der Wind an der
Kutsche vorbei. Halt still, halt still! schreit der Knigssohn aus
Leibeskrften, damit das Ohr des Windfigen es vernehme. Alsbald hlt
der Mann seinen Lauf an und bleibt stehen, um zu hren, weshalb er
gerufen wird. Da erst wird der Knigssohn gewahr, da dem Lufer an
beiden Fen ein Mhlstein hngt. Dieser seltsame Umstand lt die
Laufkraft des Mannes in des Knigssohn Augen noch gewaltiger erscheinen,
darum fragt er: Weshalb hast du die Mhlsteine an den Fen? Meine
Fe wrden sonst im schnellen Laufe nicht am Boden haften, erwidert
der Mann -- und ich knnte unversehens wer wei wohin gerathen, wenn
die Fe keine schwerere Last zu tragen htten als blo den Krper.

Der Knigssohn denkt alsbald, einen solchen Mann knnte ich in Dienst
nehmen, wer wei wie die Sache geht, vielleicht kann ich einen
Stellvertreter zum Wettlauf stellen, falls ich selber nicht gewi wre
durchzukommen. Hast du nicht Lust in meinen Dienst zu treten? fragte
er den Mann. Warum nicht, wenn wir Handels einig werden. Was versprecht
ihr mir denn fr Lohn? Der Knigssohn erwidert: Alle Tage frisches
Essen und Trinken, soviel dein Herz begehrt, schne vollstndige Sommer-
und Winterkleidung und einen Stof[10] Gold als Jahreslohn.

Der Mann war damit zufrieden und der Knigssohn hie ihn sich hinter der
Kutsche auf den Goldsack zu setzen. Wozu? fragte der Mann. Glaubt
ihr, da eure Pferde schnellere und strkere Beine haben als ich? Seid
unbesorgt, ich werde ihnen immer voraus sein. So zogen sie denn weiter.

Nach einer Weile sieht der Knigssohn einen Mann am Wege sitzen, der
eine Flinte an die Wange gelegt hatte, als ob er auf irgend einen Vogel
ziele. Aber wie scharf auch der Knigssohn und seine Diener nach allen
Seiten hin sphten, sahen sie doch weder auf der Erde noch in der Luft
irgend etwas, worauf der Schtze htte zielen knnen. Was thust du
da, fragte der Knigssohn. Der Schtze wies mit der Hand, als wollte er
zu verstehen geben, sprecht kein Wort, ihr verscheucht mir den Vogel.
Was machst du da? fragt der Knigssohn zum zweiten, und als keine
Antwort erfolgte zum dritten Male. Seid still, sagte der Schtze mit
leiser Stimme, bis ich euch Antwort gebe, ich mu erst den Vogel
herunterschieen. Nach einem Weilchen lie sich ein Paff hren, worauf
der Schtze sogleich aufstand und also sprach: Ich habe den Vogel,
jetzt kann ich euch Antwort geben. Schon eine Weile kreiste eine Mcke
um den Thurm der Stadt Babylon und wollte sich auf den Thurmknopf
niederlassen; ich konnte das aber nicht dulden, denn die Mcke ist zehn
Liespfund schwer, sie htte die feine Knopfspitze beschdigen knnen,
deshalb scho ich den Feind nieder. Der Knigssohn fragt verwundert:
Wie kannst du denn so weit sehen? -- Was fr eine winzige Weite ist
das, lacht der Mann, mein Auge reicht viel weiter. Wartet ein
wenig, ruft der schnellfige Lufer dazwischen, ich will hin und
sehen, ob der Mann aufgeschnitten, oder die Wahrheit gesagt hat. Mit
diesen Worten war er auf und davon wie der Wind, und nach einigen
Augenblicken hatte ihn der Knigssohn aus dem Gesicht verloren.

Einen solchen Schtzen knnte ich wohl auch einmal irgendwo brauchen,
denkt der Knigssohn und geht sogleich daran, den Vertrag abzuschlieen.
Willst du zu mir als Diener kommen? fragt er den scharfsichtigen
Schtzen. Warum nicht, erwidert der Mann, wenn wir Handels einig
werden knnen. Was versprecht ihr mir als Lhnung? Der Knigssohn sagt:
Tglich frisches Essen und Trinken, soviel das Herz begehrt,
vollstndige schne Kleidung fr Sommer- und Winterbedarf, und einen
Stof Gold als Jahreslohn. Der Schtze war damit einverstanden, und eben
langte auch der Schnellfu wieder von Babylon an, auf dem Rcken die
heruntergeschossene groe Mcke, die ihm gar nicht lstig war. Der
scharfsichtige Schtze setzte sich hinter der Kutsche auf den Goldsack
und man fuhr wieder weiter.

Sie waren noch nicht viel weiter gefahren, da sah der Knigssohn, der,
wie kluge Leute pflegen, Augen und Ohren berall hatte, am Wege einen
Mann, der auf der Erde lag und das Ohr an den Boden hielt, als wollte er
erlauschen; des Mannes Ohr war rhrenfrmig gestaltet und drei Klaftern
lang. Was machst du da? fragte der Knigssohn. Der Horchende
erwiderte: In der Stadt Rom sind gerade jetzt fnf Knige versammelt,
die heimlich ber einen Krieg rathschlagen; ich wollte nun eben hren,
ob der Krieg auch uns berhren wird. Der Knigssohn fragte verwundert:
Wie kannst du in so weiter Ferne hren? Der Mann erwiderte: Das ist
nun gerade nicht weit, mein Ohr reicht noch weiter, es kann wohl kaum
irgendwo auf der Welt etwas gesprochen werden, was nicht an mein Ohr
dringen wrde, wenn ich anders Lust htte, von allem leeren
Weibergeschwtz Kenntni zu nehmen. Der Knigssohn dachte gleich bei
sich, wer wei ob eines solchen Mannes Beistand nicht manchmal nthig
werden kann, und fragte den Ohrenmann: Httest du nicht Lust in meinen
Dienst zu treten? Warum nicht -- erwiderte der Ohrenmann -- wenn wir
Handels einig werden. Was versprecht ihr mir denn zum Jahreslohn? Der
Knigssohn gab zur Antwort: Tglich frisches Essen und Trinken, soviel
dein Herz begehrt, vollstndige schne Kleidung und einen Stof Gold
jhrlichen Lohn. Der Ohrenmann war damit sehr zufrieden, worauf der
Handel geschlossen wurde. Der Mann drehte seine lange Ohrrhre zusammen,
damit sie den Boden nicht berhrte, setzte sich neben dem
Scharfsichtigen auf den Goldsack hinter der Kutsche und so fuhren sie
weiter.

Sie waren wieder eine Strecke Wegs gefahren, als sie auf einen groen
Wald stieen. Schon eine Weile vorher, ehe der Wald sich vor ihnen
aufthat, hatte der Knigssohn bemerkt, wie seltsam einzelne Wipfel von
Zeit zu Zeit klafterhoch ber die andern Bume des Waldes sich empor
hoben und dann pltzlich wieder ganz verschwanden. Er fragte seine
Diener, was die Sache zu bedeuten habe, aber keiner konnte ihm darber
Aufschlu geben. Stand Jemand am Baume und hieb ihn mit der Axt um, so
konnte der Baum wohl, sobald er zu Boden fiel, dem Gesichte
entschwinden, aber wie ein Baum erst den Wipfel ein Paar Klafter hoch
gen Himmel streckt, bevor er niederfllt, das konnte menschlicher
Verstand nicht erklren. Allgemach betraten nun unsere Wanderer den Wald
und hier sollten sie denn glcklicher Weise durch eigene Anschauung
erfahren, wie es mit dem wunderbaren Emporsteigen der Bume zuging. Sie
waren noch gar nicht lange im Waldesdickicht gefahren, als sie den
Baumlupfer gerade bei der Arbeit erblickten. Ein Mann nmlich whlte
sich einen passenden Baum aus, trat dann darauf zu, packte mit beiden
Fusten den Stamm und zog ihn sammt den Wurzeln aus dem Boden, als wre
es ein Kohlkopf oder eine Steckrbe gewesen. Als er sah, da die Kutsche
hielt, unterbrach er die Arbeit und trat einige Schritte nher, weil er
meinte, der in der prchtigen Kutsche fahrende Herr knnte wohl des
Waldes Eigenthmer sein, der ihm zu wehren komme. Deswegen sagte er
demthig: Geehrter Herr! nehmt es nicht fr ungut, wenn ich ohne
Erlaubni etwas mageres Kleinholz aus eurem Walde genommen habe, das
grere habe ich nicht angerhrt; die Mutter wollte Brei kochen und
schickte mich deshalb in den Wald, da ich eine Tracht Holz nach Hause
brchte, um Feuer unter den Grapen zu machen. Ich wollte eben noch
einige Stcke zulegen, und mich dann auf den Weg machen, als ihr
herbeikamt. Der Knigssohn wunderte sich sehr ber des Mannes Strke,
doch dachte er, ich will mich Spaes halber als den Herrn des Waldes
geberden, bis ich seine Kraft noch besser erprobe, deshalb sagte er zum
Baumlupfer: Ich wehre dir nicht, nimm meinetwegen noch einen viel
stmmigeren Baum dazu. Mit vergngtem Gesicht schritt der Mann zurck,
packte sofort einen Baum den er mit den Hnden nicht umspannen konnte
und ri ihn krach! aus dem Boden heraus. Hast du nicht Lust in meinen
Dienst zu treten? fragte der Knigssohn. Warum nicht, wenn wir Handels
einig werden, erwiderte der Mann. Was fr einen Jahreslohn versprecht
ihr mir denn? Der Knigssohn erwiderte: Jeden Tag frisches Essen und
Trinken, soviel das Herz begehrt, vollstndige Kleidung und jhrlich
einen Stof Gold. Der Mann kratzte sich hinter den Ohren, als wre er in
Betreff des Lohnes noch unentschlossen, sagte dann aber: Gnnet mir nur
erst noch soviel Zeit, da ich die Tracht Holz der Mutter bringe und ihr
zugleich sage, wohin ich gehe, sie knnte sonst bis zum Sterben warten,
dann eile ich sogleich zurck. Nachdem er die Erlaubni erhalten, nahm
er das ausgerissene Holz auf, ging raschen Schrittes von dannen und kam
auch ohne viel Zeitverlust zurck. Der Knigssohn war vergngt, da er
wieder einen Knecht gewonnen hatte, dessen Hlfe ihm in unerwarteter
Gefahr zu Statten kommen konnte.

Man hatte den Wald schon lngst im Rcken und war ein gutes Stck im
offenen Felde weiter gefahren; in weiter Ferne erblickte man eine Stadt
und eine Strecke diesseits der Stadt sieben Windmhlen, welche smmtlich
auf einer Seite des Weges in einer Reihe neben einander standen. Der
Knigssohn, welcher scharf auf Alles achtete was vorging, bemerkte
sogleich, da die Flgel smmtlicher Windmhlen sich drehten, obwohl die
Luft ringsum so ruhig war, da kein Blttchen und Federchen sich rhrte.
Weiter fahrend sprte er dann pltzlich einen heftigen Wind, wie aus
einer Rhre oder wie er aus einem Mauerloch zuweilen in's Gemach dringt,
nachdem er sich aber einige Schritte von der Stelle entfernt hatte,
hrte der Wind eben so pltzlich wieder auf. Der Knigssohn lie die
Blicke berall umher schweifen, gewahrte aber lange nichts
Absonderliches, woraus er auf den Winderzeuger htte schlieen knnen.
Als sie nur noch einige Feld Weges vom Stadtthor entfernt waren, sieht
der Knigssohn pltzlich einen Mann von mittlerem Wuchse, der, die Fe
gegen einen groen Stein gestemmt und den Leib etwas rckwrts gebogen,
eine ganz eigenthmliche Arbeit zu verrichten schien. Der Knigssohn
lie halten und fragte den fremden Mann: Was machst du da, Brderchen?
Der Mann erwiderte: Was soll ich armer Schlucker machen? Da ich
nirgends einen besseren Dienst fand, der mich htte ernhren knnen,
mute ich nothgedrungen das Amt bernehmen, bei stillem Wetter, wenn
kein Wind geht, die Stadtmhlen durch Blasen in Gang zu bringen. Aber
kann ich mir mit diesem dummen Geschft wohl Geld verdienen? Kaum so
viel, da ich nicht Hungers sterbe. Ist es dir denn ein so leichtes
Geschft, die Mhlen durch Blasen in Gang zu bringen? fragte der
Knigssohn. Nun, erwiderte der Mann, das knnt ihr mit eigenen Augen
sehen. Mein Mund bleibt immer geschlossen und mit den Fingern drcke ich
ein Nasenloch zu, damit nicht zuviel Wind entsteht, weil sonst die
Windmhlenflgel sammt der Mhle in die Luft fliegen wrden. Hast du
nicht Lust in meinen Dienst zu treten? fragte der Knigssohn. Warum
nicht, erwiderte der Mhlenblser, wenn wir Handels einig werden und
ihr mir soviel gebt, da ich nicht lnger Hunger zu leiden brauche. Was
fr einen Lohn versprecht ihr mir, wenn ich zu euch in Dienst treten
soll? Der Knigssohn erwiderte: Was ich den andern Knechten gebe, das
sollst du auch bekommen. Alle Tage frisches Essen und Trinken, soviel
dein Herz begehrt, schne vollstndige Kleidung und obendrein noch einen
ganzen Stof Gold als Jahreslohn. Der Windblser sagte mit frhlicher
Miene: Damit kann sich ein Mann schon begngen, bis er einmal zufllig
etwas Besseres findet. Es sei so, schlagen wir ein! Den Mann am Wort,
den Stier am Horn, sagt ein alter Spruch. Der Knigssohn nahm den neuen
Knecht mit und zog dann mit seinen vier Dienern der Knigsstadt zu, um
Glck oder Unglck zu erproben: mochte er nun des schnen Mdchens
Gemahl werden, oder seinen Kopf auf die Stange liefern.

Als er in die Knigsstadt kam, lie er fr sich und seine Diener in dem
besten Gasthof Wohnung nehmen und befahl dem Wirthe noch ausdrcklich,
den Dienern reichliches Essen und Trinken zu geben, jeglichem was er
selber wnsche. Eine Hand voll Gold auf den Tisch werfend, sagte der
Knigssohn: Nimm das Wenige als Handgeld, wenn wir wieder scheiden, so
werde ich schon noch zulegen, was fehlt. Dann befahl er, Schneider und
Schuster aus der ganzen Stadt zusammenzurufen, die seinen Dienern
stattliche Gewnder fertigen sollten, denn obwohl jeglicher in dem was
seines Amtes war vortrefflich Bescheid wute, so war doch keinem deshalb
ein besseres Gefieder gewachsen, so da man an ihnen recht besttigt
finden konnte, was ein altes Wort sagt: Neun Gewerbe, das zehnte
Hunger, oder: Einem schnen Singvogel ist nicht immer ein hbscher
Rock gewachsen!

Der schnellfigen Jungfrau Vater, der alte Knig, hatte inde schon
durch's Gercht von der Pracht und dem Reichthum des neuen Freiers
gehrt, noch ehe der Jngling selbst vor ihm erschien, was erst am
dritten Tage geschah. Die schnen Kleider und Schuhe fr die Diener
waren nicht frher fertig geworden. Als der alte Knig den stattlichen,
blhenden Jngling erblickt hatte, sagte er mit vterlicher Huld:
Lasset, werther Freund, diesen Wettlauf lieber unversucht; wren eure
Fe auch noch so geschwind, so knntet ihr doch nichts gegen meine
Tochter ausrichten, da sie Fe hat wie Flgel. Mich dauert euer junges
Leben, das ihr unntz hingeben wollt. Der Freier erwidert: Geehrter
Knig! ich hre von den Leuten, da, wenn Jemand nicht selbst mit eurer
Tochter um die Wette laufen wolle, es ihm gestattet sei, seinen Diener
oder Lohnknecht zu schicken. -- Das ist allerdings wahr, erwiderte
der Knig, aber aus solch' einem Gehlfen erwchst auch nicht der
geringste Nutzen. Bleibt der Gehlfe zurck, so wird nicht sein Kopf
genommen, sondern der eurige muss dafr haften und wird vom Rumpfe
getrennt und auf die Stange gesteckt werden. Der Knigssohn sann eine
Weile nach und sagte dann mit Entschlossenheit: Sei es denn so. Einer
meiner Diener soll das Glck versuchen und mein Haupt soll, wenn er
Unglck hat, ben. Ich bin einmal in dieser Angelegenheit von Hause
gekommen, und ehe ich, ohne die Sache verrichtet zu haben, zurckgehe
und mich zum Gesptt der Leute mache, verliere ich lieber meinen Kopf.
Besser da die Leute den todten Kopf auf der Stange als den lebenden
Mann verspotten. Wiewohl der alte Knig noch gar viel redete und den
Freier mit aller Macht von seinem Vorhaben abzubringen suchte, so half
es doch nichts, sondern er mute endlich nachgeben. Der Wettlauf sollte
am nchsten Tage vor sich gehen. Als der Knigssohn fortgegangen war,
sprach der Vater zu seiner Tochter Worte, die der langohrige Mann im
Gasthof erhorchte und dem Knigssohne wiedersagte: Liebes Kind, du hast
bis zum heutigen Tage viel junge Mnner in's Verderben gestrzt, was mir
schon oftmals das Herz betrbte. Aber keiner von den hingeopferten
Freiern war so sehr nach meinem Sinne, wie der junge Knigssohn, der
morgen die Kraft seiner Beine im Wettlaufe mit dir erproben will, er ist
ein blhender Mann und von kluger Rede. Aus Liebe zu mir hemme morgen
die Schnelligkeit deiner Fe, damit der Freier oder sein Diener dich
besiege und ich endlich einen Schwiegersohn bekomme, der nach meinem
Tode das Reich erbe, da ich keinen Sohn habe. -- Was? erwiderte die
Knigstochter, whrend ihr Antlitz vor Stolz und Zorn sich rthete,
soll ich um eines Burschen willen die Strke meiner Fe verleugnen, um
dadurch unter die Haube zu kommen? Nein durchaus nicht, lieber bleibe
ich zeitlebens eine alte Jungfer. Wer hat ihn hergetrieben? Ich habe ihn
nicht gerufen, so wenig als Diejenigen, welche vor ihm hierher gekommen
sind. In unserem Walde wchst noch Holz genug, um seinen thrichten Kopf
und alle, die von seines Gleichen, zu tragen, wenn man sie an die Luft
stellt, damit sie ihre tolle Hitze abkhlen. Gefllt euch der Freier, so
schickt ihn lieber wieder heim, ehe er den Lauf versucht, aber von mir
hoffet auf keine Barmherzigkeit fr ihn. Wer nicht hren will, mu
fhlen. Der Knig sah, da seine Tochter in diesem Stcke
unerschtterlich sei und gab allen weiteren Widerspruch auf.

Darnach, als der Ohrenmann dem Knigssohne dies Gesprch erzhlt hatte,
trat der schnellfige Diener in's Zimmer und sagte: Ich schme mich,
so vor den Leuten mit meinen Mhlsteinen herumzulaufen, kaufet lieber
sechs Ochsenfelle, lasset daraus einen Ranzen machen, dann kaufet noch
zur Beschwerung fr den Ranzen so viel Eisen als meine Fusteine wiegen,
so ist Alles in Ordnung; die Leute werden mich fr einen reisenden
Handwerksburschen halten. Der Knigssohn erfllte ohne Widerrede des
Mannes Verlangen, lie Felle und Eisen kaufen, soviel fr nthig
erachtet wurde, und den andern Morgen war der Ranzen bei Zeiten fertig.
Der Mann nahm den Ranzen auf den Rcken und setzte sich in Gang, obwohl
die ungewohnte Last auf dem Rcken den Fen anfangs etwas fremd vorkam;
sie wollten sich an diese weiter abliegende Fessel nicht recht kehren,
bis sie sich allmhlich auch dieser Hemmung fgen lernten.

Auf dem fr den Wettlauf bestimmten Platze hatte sich eine unzhlige
Menge Volks versammelt; die Einen lachten ber den Ranzenmann, die
Andern sagten: Ein Vernnftiger ist darauf bedacht, wenn er laufen
will, die berflssigen Kleider abzulegen, diesem Manne aber ist es
nicht eingefallen auch nur den Ranzen von sich zu thun. Der Ohrenmann
meldete diese Reden sofort dem Knigssohne; aber der Lufer achtete
ihrer nicht. Zur Rennbahn war eine Gasse von der Lnge einer Meile
abgesteckt und zu beiden Seiten mit Bumen bepflanzt, die den Laufenden
Schutz gegen die brennende Sonnenhitze gaben. Am Ende der Gasse
sprudelte eine kleine Quelle ihr Wasser aus dem Boden hervor. Es war
festgesetzt, da die Wettlaufenden mit einer leeren Flasche an die
Quelle laufen und dort die Flasche mit Wasser fllen sollten, und wer
dann beim Zurcklaufen, sei es um einen oder zwei Schritte, vor dem
Andern wieder eintreffe, der solle der Sieger sein. Als nun die
Knigstochter und des Freiers schnellfiger Diener auf das gegebene
Zeichen gleichzeitig ausliefen, dauerte es nicht gar lange, so war der
Ranzenmann wie der Wind an der Jungfrau vorber, lief zur Quelle, fllte
die Flasche und trat den Rcklauf an. Auf dem halben Wege kam ihm die
Knigstochter, die noch erst zur Quelle lief, entgegen. Halt ein wenig
an, Brderchen! bat die Knigstochter, ich habe mir den Fu etwas
verstaucht. Gieb mir aus deiner Flasche ein paar Tropfen Wasser auf den
Fu und verschnaufe, dann gehen wir wieder vorwrts. Meinethalben,
sagte der Mann, ich habe ja keine Eile; ich bleibe, wenn ihr wollt,
hier sitzen, bis ihr von der Quelle zurckkommt, dann laufen wir mit
einander weiter. Als er aber niedersa um auszuruhen, und keinen Betrug
frchtete, hielt ihm die Knigstochter, als ob sie ihm schmeicheln
wollte, ein Schlafkraut unter die Nase, so da er sofort in Schlaf fiel.
Dann nahm ihm die Jungfrau die gefllte Flasche aus der Hand und trat
hinkend den Rcklauf an. Der Augenmann sah den Vorfall, nahm seine
Flinte und scho von einem Baume einen Zweig so geschickt herunter, da
derselbe dem Schnellfu auf die Nase fiel und ihn aus dem Schlafe
weckte. Zu seinem Schrecken findet der Mann eine leere Flasche und
sieht, da die Maid schon eine Strecke auf dem Rckwege voraus ist.
Jetzt strengte er seine Fe an, da Fersen Funken sprhten, flog zum
zweiten Male zur Quelle, fllte die Flasche und sauste dann wie der Wind
zurck. Richtig berholte er die Knigstochter schon, als immer noch
eine gute Wegstrecke bis zum Ziel brig war und langte einige
Augenblicke vor ihr an. So war der Sieg dem Freier geblieben, der
diesmal seinen Kopf nicht auf die Stange verkauft hatte; die
Knigstochter aber ging in zornigem Muthe nach Hause, denn solch' einen
Possen hatte sie noch in ihrem Leben nicht erfahren, da irgend ein
menschliches Wesen raschere Fe gehabt htte als sie selber. Der
Knigssohn begab sich mit seinen Dienern in den Gasthof, lie ein
prchtiges Mahl anrichten und machte dem Lufer ein reiches Geschenk,
desgleichen auch dem Schtzen, der den Lufer zu rechter Zeit aufgeweckt
hatte. Gleichwohl vermochte der Lrm des Gelages nicht das Gehr des
Ohrenmannes zu verwirren, da er nicht vernommen htte, was derweil im
Knigshause zwischen Vater und Tochter gesprochen wurde. Jetzt, liebes
Kind! sagte der Knig, mut du dich vermhlen, da hilft nichts mehr,
deiner Fe Schnelligkeit ist durch einen Schnelleren berwunden. Ich
bin darber ganz froh, denn erstens werden nun keine Mnner mehr
ankommen und zweitens erhalte ich einen Schwiegersohn, der in allen
Stcken nach meinem Sinne ist. Der Knig wollte noch weiter sprechen,
aber da lsten sich pltzlich der Tochter Zungenbnder, welche der Zorn
bis dahin gefesselt hatte und nun strzte aus dem schnen Munde die Rede
wie der Wasserfall auf's Mhlrad, so da der Knig nicht im Stande war
noch etwas weiter vorzubringen. Da Niemand vermchte, diese Rede Wort
fr Wort wiederzugeben, so will ich nur in Krze den Kern derselben
mittheilen. Die Tochter betheuerte mit den eindringlichsten Worten, wenn
der Vater sie mit Gewalt verheirathen wolle, so wrde sie wohl vorher
ihr Leben lassen knnen, aber die Frau des Mannes zu werden, der durch
seinen Diener zufllig ber sie gesiegt habe, dazu solle keine Macht der
Erde sie zwingen. Als endlich das Znglein der Tochter schon mde wurde
und der Knig wieder ein und das andere Wort dazwischen werfen konnte,
versuchte er es bald mit Drohungen, bald mit Schmeichelworten, aber
Alles vergebens. Meinethalben, rief die Tochter aus, mgt ihr ihm das
halbe Knigreich als Abfindung anbieten, aber zur Frau wird er mich
nicht bekommen so lange Leben in mir ist. Der Knigssohn wurde sehr
verdrielich, als der Ohrenmann diese Reden gemeldet hatte. Aber der
Baumlupfer sagte: Betrbt euch darber doch nicht, Mdchen giebt es auf
der Welt mehr als so eine Knigstochter meint, und auch noch schnere
und feinere als sie ist. Verlanget aus des Knigs Schatzkammer so viel
Gold, wie ein Mann in einem Sacke auf seinem Rcken fortbringen kann,
als Abfindungspreis, und lasset die Tochter in Ruhe, bis sie mit all'
ihrer Habe verschimmelt, so da Niemand mehr kommt sie anzusehen,
geschweige denn zu freien. Der Rath war nach des Knigssohnes
Geschmack, deshalb sagte er am andern Morgen, als er aus des alten
Knigs Munde vernommen, was ihm der Ohrenmann schon gestern berichtet
hatte: So mag es denn meinetwegen mit der Freite sein Bewenden haben.
Ich will mich mit euch vertragen, wenn ihr mir aus eurer Schatzkammer
soviel Gold und Goldeswerth zum Ersatz fr meine weite Reise
versprecht, als ein Mann in einem Sacke auf dem Rcken forttragen
kann. Der Knig versprach das ohne Weigern, und war noch froh, da er
so wohlfeilen Kaufes davon kam, denn htte der Jngling das halbe
Knigreich zur Abfindung gefordert, er htte es hingeben mssen, so aber
kam er mit einem Sack voll Gold los. Der Knig dachte in seinem Sinn:
ich hielt den jungen Mann fr gescheidter als er ist, aber er kennt das
Gewicht des Goldes nicht, von dem doch der allerstrkste Mann nicht viel
tragen kann. So trennten sich die Mnner, beide mit dem abgeschlossenen
Handel sehr zufrieden.

Im Gasthofe sagte der Baumlupfer zum Knigssohne: Jetzt schicket Diener
in die Stadt und lasset smmtliches Segeltuch, das in den Buden zu
finden ist, aufkaufen, dann bringet fnfzig Schneidergesellen zusammen
und lasset aus dem Segeltuch einen sechsdoppelten Sack nhen, so lang
und breit als der Stoff reichen will. Mit diesem Sacke will ich aus der
Schatzkammer das Lsegeld holen, das euch zum Ersatz fr die Jungfrau
dienen soll. Der Knigssohn that also und versprach den Bockreitern
reichen Lohn, wenn sie die Nacht durch den Sack bis zum Morgen fertig
nhen wrden. Wenn nun, wie man sagt, schon der Meisterin Bratenschssel
auf dem Ofenherd[11] die Nadel des Schneiders beflgelt, so kann man
leicht denken, um wie viel mehr der vom Knigssohne verheiene Lohn dies
that. Die Schneider stichelten die ganze Nacht am Segeltuch und jeder
war nur darauf bedacht, seine Augen vor dem Nebenmann zu hten, damit
ihm dessen Nadel in ihrem Schwung nicht in's Auge fahre. Etwas vor
Mittmorgen (9 Uhr) hatten die Mnner den Sack fertig und fast alle Nhte
waren doppelt genht. Die Schneider erhielten den Arbeitslohn und noch
so viel Trinkgeld obendrein, da sie dafr, obwohl die Arbeit nur eine
Nacht gedauert hatte, drei Tage lang in der Herberge Gelage halten
konnten. Der Baumlupfer nahm dann seinen Sack auf den Rcken und ging
damit nach des Knigs Schatzkammer zum Schatzmeister, um die Fllung des
leeren Sackes zu verlangen. Als der Schatzmeister den grundlos tiefen
Sack erblickte, sagte er spottend: Du hast wohl den rechten Weg
verfehlt, Brderchen, du wolltest sicher in irgend eine Kaffscheune, fr
das Geld htte es eines solchen Sackes wahrhaftig nicht bedurft. Der
Sackmann erwiderte: Nun, der Sack wird ber den frei bleibenden Rand
nicht trauern [12], auch kann ich nicht mehr hinein thun, als ich im
Stande bin fortzutragen. So mit einander sprechend, waren sie bis zur
Schatzkammer gekommen. Als die Thren aufgeschlossen waren und die
Goldtonnen alle zum Vorschein kamen, sagte der Schatzmeister: Was
meinst du, getrauest du dir wohl daraus den Sack zu fllen und dann vom
Platze zu bringen? Der Sackmann erwiderte: Du wirst ja sehen; wer kann
eine Sache als sicher rhmen, ehe er sie versucht hat? Mein Herr hatte,
als er herkam, die feste Hoffnung, mit einer jungen Frau zurckzufahren,
bekommt aber nun keinen besseren Lohn als ein Sckchen voll Geld. Nun,
Geld ist oft besser als ein bses Weib. Der Schatzmeister sagte
hhnisch: Schade, da du keine Schaufel mitgebracht hast, das wrde die
Arbeit abkrzen, denn mit der Hand den Sack zu fllen ist doch
langweilig, zumal wenn der Sack so gro ist. Der Baumlupfer entgegnete:
Mein seliger Vater sagte oftmals scherzweise: Wenn ein Mann weder Kanne
noch Schpfkelle hat, so mu er entweder aus dem Rande des Kbels oder
aus dem Spundloch abschlrfen. Mit diesen Worten hob er die erste
Goldtonne auf wie ein Krbchen voll Daunen, bat, die Oeffnung des Sackes
auseinander zu halten und schttete dann das Geld hinein, da es
klirrte. Jetzt wurde dem Schatzmeister schon bange, als es aber der
zweiten und dritten Tonne nicht besser erging, da wurde das Mnnlein
bleich wie eine getnchte Wand. Nach einer Weile waren alle Goldtonnen
geleert, der Sack war aber noch nicht einmal zur Hlfte voll. Der Trger
fragte: Hat euer Knig denn keinen greren Schatz? Gold in Barren
findet sich noch hinten in Kasten, es ist aber eben noch nicht geprgt.
Nun her damit! sagte der Baumlupfer und leerte die Kasten ebenso rein
aus wie vorher die Tonnen. Als dann alle Ecken und Winkel leer waren,
nahm er den Sack auf den Rcken und schritt zurck nach dem Gasthofe.

Das Zuschlieen machte dem Schatzmeister diesmal keine Sorge, darum lief
er, wie von einer Bremse gestochen, dem Knige das Unglck zu melden.
Der alte Knig erschrak nicht minder, als er den Vorfall hrte, lie
die Tochter holen und rief: Sieh nun, was fr ein Unglck deine
halsstarrige Widersetzlichkeit angerichtet hat. Aller Geldvorrath ist
dahin, der Freier hat mich kapp und kahl gemacht wie eine Kirchenmaus.
Was fr ein Knig bin ich jetzt? Ein Herrscher ohne Geld hat weder Hand
noch Fu, seinen Feinden die Spitze zu bieten. Wenn die Soldaten hren,
dass ich nichts mehr habe, um ihnen ihre Lhnung zu zahlen, so laufen
sie auseinander. Da sagte die Tochter: So kann die Sache nicht
bleiben; wir mssen mit List oder Gewalt ihnen den Schatz wieder zu
entreien suchen. Aber noch ehe sie Zeit hatten, irgend eine List zu
versuchen, kam schon Botschaft, da der Knigssohn die Stadt verlassen
habe. Jetzt mssen wir Gewalt brauchen, sagte die Tochter. Lasset
augenblicklich das ganze Heer zusammenrufen und dem spitzbbischen
Freier nachjagen, der ja doch mit seiner schweren Last nicht schnell
vorwrts kommen kann. Der Befehl wurde sofort vollzogen. Am andern Tage
war das Heer beisammen; man brach auf, dem das Geld fortfhrenden Manne
nachzusetzen, voran die Reiterei, darauf das Fuvolk und zuletzt der
Knig mit seiner Tochter in einer Kutsche. Ein Drittel des Goldes aus
dem Schatze, der dem feindlichen Freier wieder abgenommen werden sollte,
wurde den Kriegsleuten zum Geschenke versprochen, damit sie desto
hitziger verfolgen mchten.

Der Knigssohn war mit seinem Schatze schon eine gute Strecke vorwrts
gekommen, denn der sechsfache Geldsack hemmte des Trgers Schritte
nirgends; auf jede andere Weise freilich wre es schlechterdings
unmglich gewesen, die schwere Last fortzubringen. Zugvieh htte man
wohl fr gutes Geld soviel kaufen knnen, als die Schwere der Last
erforderte, aber woher ein Fuhrwerk nehmen, das unter dem Gewichte nicht
gebrochen wre? Der Schatztrger war eben ber einen hohen Berg gekommen
und hatte sich am Fue desselben unter einem Busche niedergelassen, um
auszuruhen, als der Mann mit den langen Ohren ihnen Alles erzhlte, was
hinter ihnen in der Knigsstadt angezettelt und vorgenommen wurde. Der
Augenmann hatte vom Kamm des Berges aus das nachsetzende Heer deutlich
erblickt -- darum schlug dem Knigssohne das Herz doch etwas bnglich.
Aber der Windblser sagte: wir mssen uns etwas weiter vom Berge
entfernen, damit, wenn die Truppen herankommen, der Windsto meines
Mundes sie um so sicherer treffen kann. So gingen die Mnner weiter,
bis sie einen passenden Ort gefunden hatten. Als nun der Augenmann
meldete, da die voranziehende Reiterschar den Kamm des Berges schon
erreicht htte, begann der Windmann zu blasen. Und hast du nicht
gesehen! als htte ein Wirbelwind leichten Staub und Schutt vom Berge in
die Hhe gefegt, so flogen Mann und Ro bis in die Wolken und fielen
dann nieder, so da kein Glied bei dem andern blieb. Ganz eben so flog
dann auch das Fuvolk in die Luft, so da zuletzt nichts weiter brig
blieb, als die Kutsche, in welcher der alte Knig mit seiner
schnellfigen Tochter sa. Soll ich sie auch auffliegen lassen?
fragte der Windmann. Aber der Knigssohn verbot es ihm, indem er sagte:
Versuchen wir es noch einmal in Gte. Darauf fuhr er in seiner Kutsche
auf den Berg zurck, dem Knige entgegen, grte hflich und sagte:
Jetzt seid ihr auf einmal zum armen Manne geworden, ihr habt weder
Schatz noch Heer, was fr ein Knig knnt ihr da sein? Versprecht mir
eure Tochter zur Frau, so hat alle Trbsal ein Ende. Weder der alte
Knig noch die halsstarrige, schnellfige Tochter konnten sich jetzt
lnger widersetzen, sondern gaben ihre Zustimmung. Darauf sagte der
Knigssohn zu seinem Schwiegervater: Seid ohne Sorge, den Schatz lasse
ich sofort zurcktragen, und unter einer weisen Regierung wird die
Bevlkerung rasch zunehmen, so da die Pltze derer, welche heute in die
Luft flogen, wieder aufgefllt werden. Bis dahin aber, da die Jugend
heranwchst, werden meine starken Diener das Reich beschtzen, von denen
der eine mit seinem Auge die kleinste Mcke in der Wolke gewahr wird,
der andere mit seinem Ohr das Niesen einer Maus hundert Klafter tief in
der Erde hrt, der dritte mit seiner Strke alles Gold und Silber einer
Schatzkammer auf dem Rcken davontrgt und der vierte mit seinem Munde
jedes Heer in die Luft blasen kann.

Man zog dann in die Knigsstadt zurck, wo ein prachtvolles
Hochzeitsfest begangen wurde, das vier Wochen dauerte; der Schwiegersohn
aber blieb im Hause des alten Knigs und wurde nach dessen Tode
Beherrscher des Reichs.

[Funote 9: Wrtlich: Durch sieben Feuerstellen gehen. L.]

[Funote 10: Ein Stof ist gleich einer halben Kanne; (3/4 Stof = 1
Bouteille). L.]

[Funote 11: Keris, Hitzherd. Der Ofen ist doppelt; die untere
Abtheilung enthlt das Feuer und ist halb in der Erde; oben hat er ein
durchbrochenes Gewlbe und eine Lage feuerbestndiger Gerllsteine
(kerise kiwid), die von der Flamme umspielt werden und Wrme absorbieren
und bewahren. Diese Steine werden als Rost zum Braten benutzt, so wie
zum Dampfbade, indem man Wasser darauf giet. Vgl. _Bertram_, Wagien,
Dorp. 1868, S. 20 und _Blumberg_, Quellen und Realien des Kalewipoeg 1869.
In den Verhandlungen der gel. estn. Gesellsch. zu Dorpat Bd. 5, Heft 4.
L.]

[Funote 12: Sprichwrtliche Redensart, die berall angewandt wird, wo
man der Bemerkung, da ein Gef grer sei als der dafr bestimmte
Inhalt, entgegnen will. Nach Kreutzwald's gef. Mittheilung. L.]




4. Loppi und Lappi.


Es lebte einmal ein armer Kthner mit seiner Frau in einer einsamen
Htte abseits vom Dorfe. Der Mann hie Loppi und das Weib Lappi. Es
schien als wren die Beiden zum Unglck geboren, denn es wollte ihnen
gar nichts gelingen. Gott hatte ihnen in den frheren Jahren ihrer Ehe
auch Kinder geschenkt, es war aber keines derselben leben geblieben, das
den Eltern eine Sttze im Alter htte sein knnen. Wie zwei drre
Baumstmpfe saen Mann und Frau alle Abend auf der Ofenbank, und da lief
ihnen oft ohne Grund die Galle ber und es gab Zank. Wie bekannt, sucht
der Mensch im Verdru meist die eigene Schuld auf den Nchsten zu wlzen
und oft auch da, wo menschliche Bosheit nicht im Spiele war, dennoch
andern Menschen die Ursache des Unglcks aufzubrden. So konnte man
nicht selten den Loppi im Aerger sagen hren: Htte ich nur das Glck
gehabt, eine bessere Frau zu bekommen, was htte mir da gefehlt, ich
knnte heute ein reicher Mann sein. Aber Lappi hatte eine beflgeltere
Zunge, die gegen _ein_ Wort des Mannes gleich Dutzende bereit hatte. Wenn
also der Mann Worte wie die angefhrten wieder vorbringen wollte, so kam
er nicht weit ber den Anfang hinaus, vielmehr belferte Lappi flugs
dagegen: Da seh' Einer den Lumpenkerl! Wenn ich in meiner kindsmigen
Einfalt keinen besseren Mann zu whlen wute, so ist das freilich zum
Theil meine Schuld, aber ich glaube auch sicherlich, da nur Hexenknste
im Stande waren mich zu bethren, und der Teufel mag wissen, was du mir
heimlich in's Essen oder Trinken gethan hast, bis mein Sinn sich dir
zuwandte. An Freiern hat es mir nicht gefehlt, und wrest du
abgerissener Gesell mir nicht zum Unglck in den Wurf gekommen, so
knnte ich heute als Dame am gedeckten Tische sitzen. Um dich
nichtsnutzigen Menschen mu ich jetzt Hunger und Kummer leiden, bis der
Tod mich erlst. Da alle unsere Kinder gestorben sind, daran bist du
auch schuld, da du weder fr Weib noch fr Kind zu sorgen wutest --
und so flo der einmal losgelassene Redestrom noch lange weiter und
hrte oft nicht eher auf, als bis der Mann ihr mit der Faust das Maul
stopfte.

So sa eines Abends das Ehepaar der Htte wieder zankend auf der
Ofenbank, als eine stattliche Frau in Kleidern von deutschem Schnitt
eintrat und durch ihr Erscheinen des Weibes Zungenwerk pltzlich zum
Stehen und des Mannes gehobenen Arm zum Sinken brachte. Nachdem sie
freundlich gegrt, sagte die Fremde: Ihr seid arme Schlucker und habt
bis heute viel Noth zu leiden gehabt; aber nach dreien Tagen wird alle
Noth mit einem Male aufhren; darum haltet Frieden im Hause und saget
selber, was fr ein Loos ihr euch als das beste wnschen wollt. Ich bin
nicht, was ich euch scheine, ein menschliches, sondern ein hheres
Wesen, das die Wnsche der Menschen vermge gttlicher Kraft in
Erfllung gehen lassen kann. Drei Tage habt ihr Zeit zu berlegen und
_drei_ Wnsche drft ihr aussprechen, hinsichtlich der Lage oder der guten
Gabe, die ihr begehrt. Dann sprechet eure Wnsche nur aus, sie werden
sich in demselben Augenblicke durch geheime Kraft verwirklichen. Aber
seid gescheidt, da ihr euch nicht etwa unntze Dinge herbeiwnschet.
Nach diesen Worten grte die stattliche Frau abermals und war wie der
Blitz zur Thr hinaus. Loppi und Lappi, welche ihren Zank vergessen
hatten, starrten jetzt sprachlos auf die Thr, zu der die
Wundererscheinung hereingekommen und durch die sie wieder verschwunden
war; endlich sagte der Mann: Legen wir uns zur Ruhe; wir haben drei
Tage Zeit zu berlegen, und wollen sie weislich anwenden, damit wir uns
das allerbeste Glcksloos wnschen mgen. Allein obgleich ihnen drei
Tage Bedenkzeit vergnnt waren, so verbrachten sie doch schon ber die
Hlfte derselben Nacht unter der Last der Gedanken und berlegten,
welcher Wunsch wohl der allerbeste wre. O, was fr ein kstlicher
Friede jetzt drei Tage ununterbrochen in der Htte wohnte! Loppi und
Lappi waren andere Menschen geworden, sprachen freundlich mit einander
und suchten einander an den Augen abzusehen, was Jegliches verlangte.
Den grten Theil des Tages saen Beide stumm im Winkel und berlegten,
was sie wnschen sollten. Am dritten Tage, nach Tisch, ging Loppi in's
Dorf, wo den Morgen ein Schwein geschlachtet war und der Wurstkessel
gerade auf dem Feuer stehen mute. Er nahm von Hause den Butternapf
sammt Deckel und wollte des Nachbars Frau um etwas Wurstwasser bitten,
Abends seinen Kohl darin zu kochen. Loppi dachte, wenn der Magen mit
guter Speise gefllt ist, so kommen dem Menschen gleich bessere
Gedanken. Als er wieder heim kam, stellte er den Kohl auf's Feuer, damit
die Speise zu rechter Zeit auf den Tisch kme.

Als nun die Abendstunde und mit ihr die Zeit herangekommen war, die
Wnsche kund zu thun, dampfte die Schssel mit Kohlsuppe auf dem Tische
und Mann und Frau setzten sich zum Essen -- zugleich sollten sie nun
auch ihre Wnsche sich vollziehen lassen. Sie hatten schon manchen
Lffel von dem schmackhaften Sppchen hinuntergebracht, da sagte Lappi
vergngt: Gott sei gedankt fr das schne Sppchen, davon kann der
Mensch schon satt werden; aber noch viel besser wrde die Suppe
schmecken, wenn nur auch eine Wurst dabei wre! -- Bums! fiel von der
Zimmerdecke eine groe Wurst mitten auf den Tisch. Mann und Frau waren
ein Weilchen ber das Geschenk so erschreckt, da es ihnen nicht einfiel
sich der Wurst sofort zu bemchtigen. Loppi merkte, da mit der Wurst
der erste Wunsch in Erfllung gegangen war, und das brachte ihn so auf,
da er mit vollem Munde rief: Da dich der Bse hole und dir die Wurst
an die Nase setze! wenn -- Aber das arme Mnnlein konnte vor Schrecken
nicht weiter sprechen, denn die Wurst hing der Lappi schon an der Nase;
und zwar nicht mehr als wirkliche Wurst, sondern als ein mit der Nase
aus einer und derselben Wurzel hervorgewachsenes Stck Fleisch. Was
jetzt thun? Zwei Wnsche waren schon verpufft und der zweite hatte
obendrein die Nase der Frau so verunstaltet, da sie sich nicht getrauen
konnte, den Leuten unter die Augen zu treten. Immerhin blieb noch ein
Wunsch und der war noch nicht ausgesprochen: mit diesem konnten sie
kluger Weise Alles zum Guten wenden. Aber die arme Lappi hatte in diesem
Augenblicke keinen sehnlicheren Wunsch als den, da ihre Nase von der
langen Wurst befreit wrde, darum sprach sie diesen Wunsch aus und die
Wurst war verschwunden. Jetzt war es mit den drei Wnschen vorbei und
Loppi und Lappi muten wieder wie frher armselig in ihrer Htte leben.
Wohl warteten sie eine Zeit lang darauf, da die schne Frau
wiederkomme, allein die theure Fremde erschien nicht mehr. Wer ein
unerwartetes Glck nicht gleich beim Schopf oder Zipfel[13] zu fassen
und festzuhalten wei, der hat es verscherzt.

[Funote 13: Estnisch: beim Schwanz oder Horne. L.]




5. Die Pathe der Grottennymphen.


Einmal war ein junges Weib in den Wald gegangen, um Beeren zu pflcken.
Ihr Krbchen war gerade voll und sie wollte eben wieder nach Hause
gehen, als ihr pltzlich unter den Bumen eine Gestalt in die Augen
fiel, die von Ferne einem Menschen hnelte. Als das Weib nher ging,
fand es ein junges Frauenzimmer mit bleichem Antlitz, Mund und Wangen
blutig, ohnmchtig unter einem Busche liegend. Unsere junge Frau eilte
zur nahen Quelle, schttete die gepflckten Beeren in die Schrze und
fllte das Krbchen mit kaltem Wasser, womit sie Augen und Schlfen der
Jungfrau wusch, bis diese aus ihrer Ohnmacht erwachte, die Augen weit
ffnete und befremdet um sich blickte. Als sie ein fremdes Weib an ihrer
Seite fand, erschrak sie anfangs, aber bald vergingen Schrecken und
Furcht; sie fate das junge Weib freundlich bei der Hand, dankte und
sagte: Deine Gte hat heute mein Leben aus groer Gefahr gerettet! Wer
wei, was aus mir geworden wre, wenn du dich nicht meiner erbarmt
httest: Der schlimmste Feind unseres Geschlechts, der alte
Waldesvater[14], begegnete mir heute zufllig und schlug mich halb todt,
soda ich bewutlos hinsank. Ohne deine Hlfe wre ich wohl hier am
Platze geblieben! Heute kann ich dir keine grere Belohnung geben als
den Ring, den ich dir hier an den Finger stecke. Siehe, jetzt sind wir
bis an unser Lebensende eng mit einander verbunden[15]! Wenn du das, was
du jetzt unter dem Herzen trgst, einst zur Welt bringst, dann mut du
mich zu Gevatter bitten und mich sammt meinen beiden jngeren Schwestern
aufnehmen, wenn wir selbdritt zur Taufe kommen. Halte reinen Mund und
la gegen Niemand ein Wrtchen von dem heutigen Vorfalle verlauten:
sollte man dich ber den Ring befragen, so sage, du habest ihn im Walde
gefunden. Mit diesen Worten hatte sie den goldenen Ring von ihrem
Finger gezogen und an den Finger des jungen Weibes gesteckt. Dieses bot
ihr jetzt Erdbeeren aus der Schrze, die Jungfrau nahm das freundlich an
und verzehrte ber die Hlfte. Du hast mich heute aus der Ohnmacht
erweckt, mir Hunger und Durst gestillt -- diese Wohltaten will ich
dereinst an deiner Tochter vergelten, wenn sie in meine Jahre kommt und
heirathet. Unter fernerem freundlichen Gesprch waren sie aus dem Walde
in's Freie gekommen, wo die dann Jungfrau Abschied nahm und sich wieder
in den Wald zurckwandte. Die Frau wollte erst noch Beeren pflcken, um
ihr Krbchen wieder voll zu machen, aber der Tag neigte sich schon, und
als sie die brig gebliebenen Beeren aus der Schrze in den Korb
schttete, wurde derselbe gehuft voll. Das schien ihr wunderbar, hatte
sie doch mit eigenen Augen gesehen, da die Jungfrau ber die Hlfte der
Beeren verzehrt hatte. Aber ihr Erstaunen sollte noch wachsen, als sie
nach Hause kam. Als sie nmlich die Beeren aus dem Korbe in die Schssel
schttete, fand sie die untere Hlfte mit Silbergeld angefllt. Was
hatte das zu bedeuten? Da die Jungfrau ihr verboten hatte, von dem, was
im Walde mit dem Ringe geschehen war, zu sprechen, so meinte die Frau
auch die Sache mit dem Gelde geheim halten zu mssen. Sie legte also das
Geld auf den Boden ihrer Truhe zwischen zusammengerollte Leinwandpacken,
um daran in bsen Tagen einen Nothpfennig zu haben.

Ein halbes Jahr nach der beschriebenen Beerenlese war sie in die Wochen
gekommen und hatte ein Tchterlein zur Welt gebracht. Als der Tag des
Tauffestes herankam, machte es der Mutter schwere Sorge, da sie der
fremden Jungfrau Wohnort nicht erfragt hatte. Sie wute nun nicht, wohin
die Botschaft senden. Der Taufgste Schlitten hielten vor der Thr, mit
den Fiemerstangen zur Pforte gekehrt -- man wollte eben in die Kirche
fahren. Die Mutter schaute mit thrnenden Augen auf des Kindes Trgerin,
bedauernd, da die fremde Jungfrau nicht eingeladen war. Da hrt sie vom
Hofe her Glockengeklingel, und siehe! ein hbscher deutscher Schlitten
mit zwei Pferden fhrt zur Pforte herein; drei in Pelze gehllte
Frauenzimmer sitzen im Schlitten. Ihr seid schon auf dem Wege zur
Kirche, -- ruft eine der Jungfrauen aus dem Schlitten heraus --
verliert keine Zeit. Unser Kutscher wendet und dann fahren wir mit
einander zur Kirche; wir knnen die Mutter des Tuflings begren, wenn
wir zurckkommen. -- Obwohl nun die Wchnerin drinnen diese Worte nicht
hrte, so dachte sie doch gleich, da die drei Fremden im deutschen
Schlitten Niemand anders sein knnten als die schon frher angemeldeten
Gevatterinnen, denen aber keine weitere Einladung geworden war. Das
Herz, am Morgen noch so kummervoll, wollte ihr jetzt vor Freude
springen! Doch that es ihr leid, da die lieben Gste trockenen Mundes
vom Taufhause zur Kirche gefahren waren und sie konnte die Rckfahrt
kaum abwarten, um ihnen den geziemenden Imbi vorzusetzen. Zum Glck
ahnte ihre Seele nichts von dem Streite, den indessen in der Kirche die
Gevatterinnen wegen des dem Kinde beizulegenden Namens hatten. Als der
Prediger fragte, was dem Kinde fr ein Name beigelegt werden solle,
antwortete eine der fremden Jungfrauen: _Masikas_ (Erdbeere)! -- Wie
sagtet ihr? -- fragte der Prediger -- Marie oder Martha oder Margret?
-- _Masikas_ war abermals die Antwort. Der Vater des Kindes und die
Gevattern sahen sich einander verwundert an und Niemand wute, was er
von der Sache halten sollte. Der Geistliche aber sagte streng: Ich
bitte, macht hier keine Spe, saget ernsthaft, was fr einen Namen das
Kind bekommt, oder ich taufe es mit einem Christennamen, ohne euch
weiter zu befragen. Jetzt wurden auch der Jungfrau Wangen roth vor Zorn
und sie erwiderte mit gehrigem Nachdruck: Gott hat die Menschen, die
Thiere und die Pflanzen auf die Erde gesetzt, aber keinem Geschpfe hat
er Namen gegeben, sondern das haben die Menschen gethan. Wer darf mir
verwehren, dem Kinde einen Taufnamen beilegen zu lassen nach meinem
Gefallen? -- Glaubt ihr mir mit Gewalt beizukommen? fragte der
Prediger nicht minder erzrnt. Wenn ihr mich so leicht zu beherrschen
vermeint, so will ich euch erstens in's Gedchtni zurckrufen, wer ich
bin, und zweitens auch fragen, wer ihr seid, und ob ich euch berhaupt
ordnungsmig als Pathe des Kindes annehmen darf? -- Ohne ein Wort zu
sagen, zog die stolze Jungfrau ein Blatt Papier aus dem Busen und gab es
dem Prediger zu lesen. Dieser wurde, als er es las, bleich wie der Tod
und stammelte mit erschreckter Stimme: Verzeiht, verzeiht, geehrte
hochgeborene -- allein die Jungfrau hob drohend den Finger und sagte:
Still, still! taufet das Kindlein, wir haben weiter nichts zu reden!
-- Der Geistliche taufte das Kind und gab ihm den Namen _Masikas_, doch
zitterten dem Manne die Hnde, whrend er die heilige Handlung vollzog.
Die stolze Jungfrau hatte das Kind ber die Taufe gehalten und dann dem
Geistlichen eine Goldmnze und dem Kster einen silbernen Rubel
eingehndigt, was die anderen Gevattern deutlich gesehen hatten. Alsdann
fuhr man zum Taufhause zurck. Unterwegs berechneten die Bauerfrauen,
wie gro wohl das Pathengeschenk fr Mutter und Kind ausfallen mge, da
schon so reichliche Taufgebhren bezahlt worden waren.

Im Festhause angekommen, ging die stolze Jungfrau sofort die Taufmutter
zu begren, fiel ihr um den Hals, streichelte ihre Wangen und sagte,
mit dem Finger auf die anderen Jungfrauen deutend: Meine jngeren
Schwestern, die ich zur Taufe mitzubringen versprochen hatte. Wir
geloben dir alle drei, fr dein Tchterlein zu sorgen, falls Gott dich
aus dieser Welt abrufen sollte, ehe noch das Kind herangewachsen ist.
Sodann hndigte jede der Jungfrauen der Mutter des Kindes ein goldenes
Schchtelchen ein mit den Worten: In diesem Schchtelchen sind die
Pathengeschenke fr's Tchterchen, zeige sie Niemandem, du selbst kannst
sie schon besehen, aber verliere die kostbaren Dinge nicht. Wohl bat
man jetzt die vornehmen Jungfrauen, sie mchten sich zu Tisch setzen, um
sich zu strken, aber sie wollten weder essen noch trinken, sondern
verlieen nach herzlichem Abschiede von der Mutter das Fest und fuhren
in ihrem prchtigen Schlitten davon.

Die Gste brannten vor Begier zu erfahren, wer die stolzen Jungfrauen
gewesen, und was wohl in den goldenen Schchtelchen enthalten wre.
Dieses Verlangen konnte ihnen freilich Niemand befriedigen. Selbst der
Vater des Kindes wurde unruhig, als er nach dem Aufbruch der Taufgste
von seiner Frau keine nhere Auskunft erhielt. Er wollte nicht glauben,
was ihm seine Frau der Wahrheit gem versicherte, nmlich da ihr die
wunderbaren Fremden eben so unbekannt seien wie allen Uebrigen. Einige
Tage spter ging er heimlich an die Truhe, um die Goldschchtelchen zu
besehen, damit er erfhre, was fr ein kostbarer Schatz in der goldenen
Hlle stecke. Er fand nichts weiter als drei kleine Steinchen[16] in
jeder Schachtel. Obgleich er ber diesen Fund einigermaen verwundert
war, sprach er doch gegen Niemand davon.

Die kleine _Masikas_ war sieben Jahre alt geworden, als ihre Mutter
pltzlich schwer erkrankte, so da man schon nach einigen Tagen keine
Hoffnung mehr haben konnte. Die Kranke sehnte sich, vor ihrem Tode noch
das heilige Abendmahl zu nehmen, und so wurde der Geistliche
herbeschieden. Diesem erzhlte sie, was ihr vor der Geburt ihrer Tochter
im Walde mit der fremden Jungfrau begegnet war. Der Geistliche trstete
sie: Darber sei ruhig! aus diesem Zusammentreffen kann deiner Seele
kein Schaden erwachsen, und auch deiner Tochter wegen kannst du ruhig
sterben, die Gevatterinnen werden fr die Erziehung derselben schon
Sorge tragen. Nachdem sie Gottes Gnadenmahl, Brot und Wein, genossen
hatte, segnete sie ihr Tchterlein, nahm Abschied und entschlief. Am
Tage nach der Begrbnifeier kam die vornehme Gevatterin und wollte ihre
Pathe als Pflegling mit sich nehmen; aber der Wittwer mochte sich von
der Tochter nicht trennen und bat, sie ihm zur Freude und zum Troste
noch zu lassen. Auf sein Bitten wurde ihm das Kind gelassen, aber die
Jungfrau sagte: Eine von uns Schwestern wird jeden Tag kommen, nach der
kleinen Masikas zu sehen. So geschah es auch wirklich; tglich kam eine
Jungfrau, um das mutterlose Kind zu sehen, und brachte ihm schne
Kleider, se Kuchen und vielerlei hbsche Spielsachen.

Nach einem Jahre beschlo der Wittwer eine andere Frau zu nehmen. Drei
Tage vor der Hochzeit kam die lteste der Jungfrauen und sagte: Masikas
darf nicht lnger bei dir bleiben, ich will sie heute mit mir nehmen. Du
bekommst wohl eine zweite Frau und kannst mit der Zeit wieder Vater
werden, aber Masikas findet keine zweite Mutter wieder. Alles was wir
bis jetzt der Pathe geschenkt haben, bleibe dir und deiner jungen Frau,
nur die drei goldenen Schachteln, welche wir am Tauffeste dem Kinde
schenkten, mu ich mitnehmen. Der Mann strubte sich zwar nach Krften
dagegen, allein es half ihm nichts. Weinend bat die kleine Masikas: Ich
will zur Taufmutter gehen! und der Vater mute endlich nachgeben. Er
ging der geheimnivollen Jungfrau eine Strecke weit nach, um zu sehen,
wo denn ihre Behausung liege, die ja doch nicht sehr entfernt sein
konnte, da tglich eine der Jungfrauen gekommen war, nach dem Kinde zu
sehen. Die vornehme Jungfrau schritt, das Kind an der Hand, auf jenen
Wald zu, in welchen die verstorbene Mutter als junge Frau gegangen war
um Beeren zu pflcken, und wo sie das erste Mal mit der Jungfrau
zusammengetroffen war. Als die Jungfrau nun mit dem Kind an einen groen
Felsblock gelangt war, der am Saume des Waldes frei dalag, entschwand
sie pltzlich den Blicken des nachsehenden Mannes, als wre sie unter
die Erde gesunken. Zwar eilte der Mann an den Ort, ging viele Male um
den Stein herum, suchte nach Fustapfen und stampfte von Zeit zu Zeit
mit der Ferse gegen den Boden, ob er nicht eine glckliche Stelle finde;
aber alle Mhe war vergeblich, weder das Kind noch die Taufmutter bekam
er zu sehen. In Gesellschaft seiner jungen Frau verga er dann
allmhlich das Tchterlein seiner verstorbenen Frau.

Wir mssen jetzt von dem Lebenslaufe der kleinen Masikas erzhlen.
Unweit des bezeichneten Felsblockes lag drei Spannen tief unter dem
Rasen eine Fliese, eine Klafter breit und anderthalb Klafter lang, die
sich beim richtigen Drauftreten wie eine Kellerluke aufthat, den
Ankmmling hereinlie und dann augenblicklich wieder zufiel. Das geschah
mit so wunderbarer Geschwindigkeit, da, wer von weitem zusah, nicht
daraus klug ward, sondern meinte, da der noch eben sichtbare Mensch
pltzlich entweder unter den Boden gesunken oder unsichtbar in die Luft
gefahren sei. Bestrkt wurde man in dieser Meinung noch dadurch, da
nirgends ein Streifen oder sonst eine Spur auf dem Rasen zurckblieb,
vielmehr war die Rasendecke wie aus einem Stcke gegossen. Unter der
Fliesendecke befand sich eine breite, aus edlem Gestein gehauene Treppe,
welche weiter in die Tiefe fhrte. Die Stufen hinabsteigend, gelangte
die kleine Masikas mit ihrer Taufmutter auf einen schnen Hof, in
welchem ein aus Glas aufgefhrtes Gebude stand; das war die Wohnung der
Jungfrauen, man nannte sie den Sitz der Grottennymphen[17]. Hier
befanden sich viele dienende Frauenzimmer, welche allerlei feine
weibliche Handarbeit fertigten. Auch die kleine Masikas wurde in solchen
Handarbeiten unterrichtet, wiewohl sie sonst nicht wie eine Dienerin
gehalten, sondern wie ein verwhntes deutsches Kind, dem es an nichts
fehlt, aufgezogen wurde. Ihre Taufmtter sorgten fr sie und liebten sie
mit mtterlicher Zrtlichkeit. So erreichte sie das Alter von sechzehn
Jahren und war nun zu einer schnen Jungfrau aufgeblht.

Da sagte eines Tages die lteste Taufmutter zu ihr: Meine liebe
Masikas! Die Zeit ist da, wo wir uns trennen mssen. Hoffen wir aber von
der Gte unseres Gottes, da die Trennung nicht lange dauern werde. Wenn
alles glcklich abluft, so kommen wir wieder zusammen und dann kann uns
nichts mehr trennen, als der Tod. Zwei treue Diener und deine drei
goldenen Schchtelchen mut du mitnehmen; in den Schchtelchen findest
du alle Bedrfnisse, deren du auf der langen Reise nicht entrathen
kannst. Nachdem sie dem Mdchen noch mancherlei Unterweisung in Betreff
der Reise ertheilt, erffnete sie ihr zuletzt, da sie nach drei Tagen
aufbrechen msse. Wohl empfand Masikas groes Herzeleid, aber nicht
geringer war die Betrbni der Taufmtter, als die Stunde des Scheidens
kam. Sie wollten in Thrnen zerflieen, als sie ihre Pathe umarmten und
ihr Ku auf Ku gaben. Endlich wurden die beiden Diener gerufen,
bejahrte Mnner, welche Masikas vorher nie gesehen hatte, und es wurde
ihnen bedeutet, da sie das Mdchen auf der Reise zu beschtzen htten.
So machte man sich denn auf den Weg; Masikas trug das kleine Krbchen,
in welchem sich die goldenen Schchtelchen befanden.

Sie waren eine Weile im Walde vorwrts gegangen und des Mdchens
Abschiedsthrnen waren trocken geworden, da sagte der eine ihrer
Begleiter: Wir knnen nun doch den langen Weg nicht zu Fue
zurcklegen. Masikas fragte: wo sollen wir denn Pferde hernehmen? Der
Mann erwiderte: Pferde und sonstige Reisebedrfnisse stecken in eurem
Korbe in den goldenen Schchtelchen. Masikas sah ihn zweifelhaft an,
als wollte sie den Sinn dieser Spottrede herausbringen. Aber der Mann
sagte ganz ernsthaft: Nehmt ein Steinchen aus dem Schchtelchen, so
werden wir alsbald Wagen und Pferde haben. Obgleich das Mdchen keinen
Glauben daran hatte, that sie doch nach des Mannes Gehei, nahm eins der
Steinchen, wie es ihr gerade in die Finger kam und bergab es dem Manne.
Dieser blies drei Mal darauf und sagte: Kutsche mit vier Pferden
vorgefahren! Augenblicklich stand die Kutsche mit den Pferden da.
Masikas ward als Herrschaft in die Kutsche gesetzt, der eine Mann setzte
sich als Kutscher auf den Bock, der andere als Lakai hinten auf, und
dann ging die Reise rasch vorwrts. Die Sonne stand schon hoch im
Mittag, als der Kutscher fragte, ob sie nicht Appetit verspre. Masikas
erwiderte: wir haben keinen Mundvorrath von Hause mitgenommen! Aber
doch die Steinchen, -- versetzte der Lakai hinter der Kutsche -- gebt
nur wieder eins her! Masikas reichte ein Steinchen hin, der Mann blies
wieder darauf und rief: Her gedeckter Tisch mit Speisen! --
Augenblicklich stand ein gedeckter Tisch mit kstlichen Speisen vor
Masikas. Sie a sich satt und gab dann den Dienern soviel sie begehrten.
Darauf blies der Mann abermals auf den Tisch und pltzlich verschwand
Alles und das Steinchen flog der Masikas in die Hand zurck. Am Abend
ging es mit dem Nachtessen ebenso, und darauf wurde ein anderes
Steinchen in ein Bett mit Kissen verwandelt, auf welchem das Frulein
die Nacht ber von der Anstrengung der Reise ausruhte. Ganz so geschah
es die folgenden Tage, so da es ihnen an nichts mangelte -- nur wurde
der Masikas auf der weiten Reise die Zeit lang; sie wnschte sich
weibliche Gesellschaft. Mehr zum Spae als in Absicht nahm sie ein
Steinchen zwischen die Finger, blies darauf wie sie es bei den Mnnern
gesehen, und rief: Zofe herbei! Augenblicklich sa ein feines Mdchen
neben ihr. Warum htte Masikas nun nicht in der schnen Kutsche weiter
fahren mgen, da sie vom Morgen bis zum Abend sich angenehm unterhalten
konnte!

Als man eines Morgens vom Nachtlager aufbrach, sagte der Kutscher zu
Masikas: Heute kommen wir zum Hofe eines berhmten Weisen; da msset
ihr hineingehen und genau darauf achten was fr Anweisung der alte Weise
euch geben wird. Seinem Geheie mssen wir in allen Stcken nachkommen,
sonst wird es mit dem, was wir vorhaben nichts. Eins der Steinchen mt
ihr heute zum Geschenk fr den Weisen verwenden, damit wir freundlich
aufgenommen und gut berathen werden. -- Noch vor Abend langten sie bei
dem Weisen an; die Mnner muten ihm einen schweren, halb mit Silber,
halb mit Gold gefllten Sack bringen, der aus einem der Steinchen
hervorgerufen war. Der Weise sagte, nachdem er die Hand der Masikas
betrachtet hatte: Eure Reise fhrt morgen in einen dichten Wald, und da
werden euch drei Thiere entgegenkommen, erstens eine Hirschkuh, dann ein
alter Wolf und endlich ein Br. Suchet diese wilden Thiere zu locken, so
da sie an sich kommen lassen und leget dann jedem derselben sein
Zeichen an, damit ihr sie das nchste Mal erkennet, wenn ihr wieder mit
ihnen zusammentrefft. Der Hirschkuh legt einen seidenen Grtel an und
dem Wolfe einen ledernen Riemen um den Hals, dem Bren aber steckt euren
Ring, der euch aus eurer seligen Mutter Habe noch geblieben ist, an die
Vorderpfote. Nach drei Tagen wird eine gruliche wthende Schlange auf
euch eindringen, da knnt ihr euch nicht anders retten, als da ihr ein
Steinchen in einen Nord-Adler verwandelt und euch sammt euren Dienern
auf den Rcken desselben setzet, er wird euch mit Windesschnelle bis
unter die Wolken hinauftragen, wohin die Schlange euch nicht folgen
kann. Kutsche und Pferde wird sie allerdings verschlingen, aber das
schadet euch weiter nichts. Dieser Bissen wird auch ihr letzter sein,
sie verendet sieben Tage darauf und dann kommen Pferde und Wagen wieder
aus ihrem Rachen heraus. Was weiter geschieht, bleibe jetzt noch
ungesagt, denn auch euren Taufmttern in der Grotte wird Glck zu Theil
werden.

Am anderen Tage kamen unsere Reisenden in einen dichten Wald, wo sich
Alles so begab, wie es der Weise vorausgesagt hatte. Zuerst kam ihnen
die Hirschkuh, sodann der alte Wolf und zuletzt ein Br entgegen.
Masikas lockte die Thiere eins nach dem anderen zu sich und heftete dann
jedem sein Zeichen an: der Hirschkuh einen blauen Seidengrtel, dem
Wolfe einen Lederriemen um den Hals, und dem Bren steckte sie ihren von
der Mutter ererbten Ring an die Vorderpfote. Der Br leckte ihr wie zum
Danke die Hand und lief brummend in den Wald zurck. Viel grlicher
war, was ihnen nach drei Tagen begegnete. Schon von weitem hrte man ein
Sausen und Rauschen als wrde das schwerste Heufuder am Boden
hingeschleift. Endlich wurde des Schlangenknigs[18] Kopf mit goldener
Krone sichtbar, aber in demselben Augenblicke hatte Masikas ein
Steinlein in einen Nord-Adler verwandelt, setzte sich mit ihren drei
Dienern auf seinen Rcken und der Vogel trug sie hoch in die Lfte. Von
da oben sahen sie, wie die ungeheure Schlange Wagen und Pferde
hinunterschluckte, als wren es junge Muslein gewesen. Sieben Tage flog
der Nord-Adler mit seiner Last in Wolkenhhe weiter; die Nchte schlief
er auf dem Wolkenrande[19] und die auf seinem Rcken Sitzenden litten an
Nichts Mangel, da ihnen die Steinchen in den Goldschchtelchen der
Masikas alles gewhrten was sie brauchten.

Am Morgen des siebenten Tages lie sich der Nord-Adler mit seiner Last
nieder. Sie kamen gerade dazu, als die Pferde sammt dem Wagen aus dem
Rachen des todten Schlangenknigs wieder herausfuhren. Whrend sie
dieses Wunder noch anstaunten, sahen sie einen alten Mann und eine alte
Frau in prchtigen kniglichen Gewndern herantreten. Der Mann trug
einen ledernen Riemen und die Frau einen blauen Seidengrtel, und beide
Stcke erkannte Masikas sofort als diejenigen, welche sie dem Wolfe und
der Hirschkuh umgethan hatte. Bald darauf nahte sich auch ein blhender
Jngling, an dessen Finger der Ring glnzte, den Masikas dem Bren
gegeben. Der Fremde Alte sagte: Dank dir, Masikas, theures Glckskind!
du hast uns aus langer Gefangenschaft erlst. Ich war vor siebenhundert
Jahren ein reicher Knig im Sdlande, hier steht meine Gemahlin und dort
mein Sohn; unsere drei Tchter sind dahin. Der bse Schlangenknig des
Nordens berwltigte mein Reich und verschlang alle meine Unterthanen.
Mich verwandelte er in einen Wolf, meine Gemahlin in eine Hirschkuh und
meinen Sohn in einen Bren. Wohin die Tchter gekommen sind, habe ich
nicht erfahren, mglich, da die Schlange sie gefressen hat. -- Masikas
vermuthete sogleich, da ihre Pathen aus der Grotte die verschwundenen
Tchter sein knnten, aber sie wollte nichts sagen bis sich ihre
Vermuthung besttigen wrde, damit die Freude der Eltern desto grer
wre. Sie lie nun aus einem Steinchen eine zweite Kutsche entstehen, in
welche sich der Knig nebst Gemahlin und Sohn setzten, und dann machte
man sich auf den Heimweg. Schon am dritten Morgen kamen ihnen die Pathen
der Masikas entgegen. Aber wer vermchte der Eltern und der Tchter
Freude zu schildern, als sie nach siebenhundertjhriger Trennung sich
pltzlich wieder zusammenfanden! Des Knigs Sohn nahm dann die Masikas
zu seiner Gemahlin und wurde Herrscher im Reiche seines Vaters, da
dieser seines Alters wegen nicht mehr selbst regieren wollte. Auch die
drei Tchter vermhlten sich mit der Zeit, aber Niemand hat je aus ihrem
Munde gehrt, wohin ihre Goldschchtelchen mit den Steinchen gekommen
und wo dieselben schlielich geblieben seien.

[Funote 14: Die Vorstellung vom Waldgotte ist in der finnischen
Mythologie reich ausgebildet, wo er am hufigsten unter dem Namen _Tapio_
vorkommt und an der Spitze einer groen Hofhaltung (Tapiola) stehend
gedacht wird. Er erscheint als ein alter Mann mit dunkelbraunem Barte,
mit einem hohen Hut aus Fhrennadeln und einem Pelz aus Baummoos. Die
hohe Verehrung, die ihm geweiht wird, theilt er mit seiner Gemahlin
Miellikki. Wenn die Jagd ungnstig ausfllt, zrnt Tapio, der oft auch
Waldgreis, Tapiola's (Tapioheim's) Alter heit und zuweilen als
Erdenwirth, Waldknig, Gabenspender ja als erster Gott und groer
Schpfer oder Spender bezeichnet wird, so da man an den spteren
griechischen Pan erinnert wird. Spuren der Verehrung dieses Gottes sind
wohl in dem Feste metsa- oder metsiku-pidu, das noch bis zum Ende des
vorigen Jahrhunderts in Estland gebruchlich war, erhalten. Es wurde
nmlich eine (am Tage Mari Verkndigung angefertigte) groe Strohpuppe
auf eine lange Stange gesteckt, im Dorfe unter Gesang herumgetragen und
dann in den Wald gebracht und auf einen Baum gestellt. Ein wildes
ausgelassenes Fest schlo sich an. Vgl. Castrn, Vorles. ber finn.
Mythol. S. 92 ff. Boecler-Kreutzwald: Der Esten Gebruche, S. 12-13,
81-82 L.]

[Funote 15: Wrtlich: verlobt. L.]

[Funote 16: Vgl. d. Anm. zur ersten Hlfte S. 84. L.]

[Funote 17: Kiwi-alused, wrtlich: die unter dem Steine Befindlichen.
L.]

[Funote 18: Vgl. Bd. 1, S. 26. L.]

[Funote 19: Vgl. Bd. 1, S. 128. L.]




6. Seltene Weibestreue.


Vormals lebte ein unermelich reicher junger Kaufmann, der neun hundert
neun und neunzig Schiffe hatte, welche unaufhrlich Waaren weithin in
fremde Lnder fhrten und von da wieder andere Waaren oder baares Geld
dem Schiffsherrn zurckbrachten. Um das Tausend voll zu machen, lie er
noch ein neues Schiff bauen. Als das Schiff fertig war und eben vom
Stapel gelassen werden sollte, geschah es zufllig, da ein Hebebaum den
Schiffsherrn streifte und seine Hose vom Querl bis zum Beinling aufri.
Nun ist fr einen reichen Mann eine geplatzte Hose eine viel schlimmere
Sache als fr einen Armen, an welchem dergleichen nicht besonders
auffllt -- whrend der Allen wohlbekannte Kaufherr frchten mute, da
die Leute ihre Blicke auf nichts anderes mehr richten wrden, als auf
seine zerrissenen Hosen. Deshalb erkundigte er sich angelegentlich nach
dem Wege zum nchsten Bockreiter, der den Schaden wieder gut machen
knnte. Man wies ihn in ein Quergchen in der Nhe des Hafens, wo ein
Schneider wohnte. Der kleine Nadelknig besah den Schaden durch seine
groe Brille, lie durch seinen Lehrburschen dem Kaufherrn die Hosen
herunterziehen und gab diesem einen langen weiten Rock zur Bedeckung,
bis die Hosen wieder zugenht wren. Und damit dem Herrn die Zeit nicht
lang wrde, bat der Schneider ihn, sich so lange in ein anderes Gemach
zu seinen Tchtern zu verfgen. Gott hatte den kleinen Bockreiter mit
drei sehr schnen Tchtern gesegnet, von denen namentlich die jngste
eben so stattlich von Ansehn als zierlich in ihrem Wesen war. Des
Kaufmannes Herz war alsbald dem jngsten Tubchen des Schneiders
zugeflogen und die Freundschaft war schon geschlossen, ehe noch die
Hosen zusammengenht waren. Als dann des Schneiders Bursche mit dem
ausgebesserten Kleidungsstck eintrat, rgerte sich der Kaufmann ber
die geschwinden Finger, die ihm nicht mehr Zeit gegnnt hatten, sich mit
der holden Jungfrau angenehm zu unterhalten. Nachdem er die Hosen
wieder angezogen und dem Meister eine reichliche Bezahlung eingehndigt
hatte, ging er noch einmal in das Zimmer der Tchter, um Abschied zu
nehmen und zugleich die Jungfrauen in sein Haus einzuladen, wo nach zwei
Wochen ein prchtiges Fest stattfinden wrde. Die Mdchen dankten fr
die Ehre der freundlichen Einladung, fgten aber mit Bedauern hinzu, da
sie nicht so schne Kleider anzulegen htten, wie fr ein solches Fest
erforderlich wre. Die Kleider seien meine Sorge, erwiderte der
Kaufmann -- und somit bleibt es dabei, da ich euch am genannten Tage
unter meinem Dache empfange.

Nach Hause gekommen, hatte er nichts Eiligeres zu thun, als vierzehn
Stck des allerschnsten Seidenzeuges aus seinem Laden auszusuchen und
den Tchtern des Schneiders zuzuschicken, die er dabei ersuchen lie,
sie mchten sich selbdritt aus jedem Stcke einen Anzug machen lassen,
so da jede vierzehn eigene Anzge htte, denn das Fest wrde vierzehn
Tage whren und da mten die drei Schwestern jeden Tag ein anderes
Kleid und zwar jedesmal alle drei von dem gleichen Stcke haben. Jetzt
flogen einmal die Nadeln in der Stadt; in zwei Wochen sollten zwei und
vierzig seidene Damenkleider mit Spitzen, Bndern und Bestzen fertig
genht sein und sollten auch den Mdchen passen wie angegossen, so da
nirgends eine fehlerhafte Falte zum Vorschein kme. Und wirklich wurde
die Arbeit in der genannten Zeit fertig, denn der reiche Kaufmann zahlte
doppelten Lohn fr die rasche Frderung der Arbeit.

Als nun am ersten Abend des Bockreiters Tchter so reich geschmckt auf
dem Feste des jungen Kaufmanns erschienen, da machten viele Frulein und
Demoisellen lange Gesichter, vor Neid darber, da sie keine so schnen
Kleider hatten. Ihr Neid stieg mit jedem Tage, als des Schneiders
Tchter jeden Abend in einem andern neuen Anzuge erschienen. Was aber
den Neid der weiblichen Gesellschaft noch hher entflammte, war der
Umstand, da der reiche Kaufmann Niemanden so freundlich aufnahm, als
des Schneiders Tchter. Am vierzehnten Abende, am Schlu des Festes,
schenkte der Kaufmann der jngsten Tochter des Schneiders eine schwere
Goldkette und einen goldenen mit Edelsteinen besetzten Ring, der auf
mehrere Tausend Rubel geschtzt wurde. Mit diesem Liebespfand hatte er
sich der Jungfrau verlobt. Vier Wochen spter wurde die glnzende
Hochzeit ausgerichtet, worauf des Schneiders jngste Tochter, jetzt die
Frau eines reichen Mannes, dessen stattliches Haus bezog.

Bosheit und Neid ber das unerwartete Glck der Schneiderstochter machte
die Leute in der Stadt fuchswild; aber den grten Verdru davon hatte
ein verarmter Graf, dessen nicht unter die Haube gekommene Schwester
gern dem Kaufmann ihre Hand gereicht und ihm statt der Mitgift den Glanz
ihrer vornehmen Geburt in's Haus gebracht htte; es wre dann auch wohl
in den leeren Beutel des Bruders manches Goldstck aus dem Vermgen des
reichen Schwagers gefallen. Die Heirath des Kaufmanns hatte beider
Hoffnung zunichte gemacht, was ihm der Graf nicht verzeihen konnte; er
sann also im Stillen darber nach, wie er die Verschmhung seiner
Schwester an des Schneiders Eidam rchen knnte. Der Kaufmann pflegte
des Abends ein Wirthshaus zu besuchen, um sich mit seinen Bekannten die
Zeit zu vertreiben; hier traf er auch manchmal mit dem Grafen zusammen.
Eines Abends setzte dieser dem Kaufmann einen Floh in's Ohr, indem er
folgendermaen zu reden anhub: Ihr habt ein gar hbsches junges Weib zu
Hause, ich wundere mich, wie ihr euch getraut, Abends von Hause zu gehen
und die junge Frau allein zu lassen. Glaubt ihr denn an Weibestreue? Es
ist sicherlich noch nirgends in der Welt vorgekommen, da ein hbsches
Weib ihrem Manne treu geblieben wre. Der Kaufmann erwiderte: Ihr
verlumdet meine Frau aus Neid; aber wie knntet ihr eure Rede wahr
machen, wenn ich euch nach Beweisen fragen wrde? -- Der Graf machte
sich sogleich anheischig, seine Worte wahr zu machen, wenn ihm der
Kaufmann erlauben wrde, die junge Dame fter zu besuchen. Der Kaufmann
erzrnte ob des Grafen unverschmten Rede mehr, als er sich merken lie;
gleichwohl war sein Sinn zweifelhaft geworden und er machte endlich mit
dem Grafen eine Wette, kraft welcher sein groes Vermgen dem Grafen
zufallen sollte, wenn dieser die schmachvolle Bezchtigung wahr machen
knnte. Die Frau durfte natrlich von der Wette nichts erfahren. Nachdem
die Uebereinkunft vor Zeugen geschlossen war, sollte der Graf nun sein
Glck versuchen.

Als der Kaufmann Abends nach Hause kam, sagte er seiner jungen Frau, er
msse auf lngere Zeit in Geschften verreisen und knne wohl erst nach
einigen Wochen von der langen Reise zurck sein. Alle Geschfte des
Hauses wolle er bis dahin dem Herrn Grafen anvertrauen, der deshalb noch
heute einziehen werde. Die Frau uerte, mitreisen zu drfen, als ihr
aber der Mann dies abschlug, sagte sie: Thut was ihr wollt, ich mu mit
Allem zufrieden sein. Als der Kaufmann am andern Morgen noch manches,
auf die Wette Bezgliche insgeheim mit dem Grafen besprochen hatte,
machte er sich auf den Weg, von den Thrnen der jungen Frau begleitet.

Die groe Reise ging freilich diesmal nicht weit; der Kaufmann hatte
sich in der Vorstadt eine Wohnung gemiethet, wo er still wie eine Maus
lebte, aber immer die Ohren gespitzt hielt, den Nachrichten ber die
junge Frau zu lauschen. Das keusche Weib hatte sich nach dem Scheiden
des Mannes in ihre Kammer zurckgezogen, fest entschlossen, so lange der
Mann von Hause fern sein wrde, nirgends hin zu Gaste zu gehen, noch
irgend Jemand als Gast aufzunehmen, mit Ausnahme ihrer eigenen
Schwestern. Dadurch hoffte sie alles leere Geschwtz der Leute
abzuschneiden. Armes Geschpf, das die Fallstricke nicht ahnte, welche
man ihr legte! Ihre Nahrung lie sie sich tglich durch die Magd in ihre
Kammer bringen, und wenn sie Sonntags in die Kirche ging, mute das
Mdchen sie jedesmal begleiten. -- Nach einem Vierteljahre lief von dem
Manne ein Brief ein, des Inhalts, da das Geschft sich weit mehr in die
Lnge ziehe, als er vorausgesetzt habe, weshalb es ihm durchaus nicht
mglich sei, den Zeitpunkt seiner Rckkehr anzugeben. Diesen Brief
bergab der Graf der Frau nicht, sondern setzte einen andern falschen
Brief auf, worin der Kaufmann das lustige herrliche Leben in der Fremde
rhmte und zuletzt der Frau rieth, sich mit dem Herrn Grafen die Zeit zu
vertreiben, damit ihr das Warten nicht langweilig werde. Die Frau
schrieb der Wahrheit gem zurck: Ich lebe allein in meiner stillen
Kammer, und mich verlangt auch nicht nach einem Gesellschafter, der mir
die Zeit vertreibe, sondern ich bitte nur alle Tage Gott, da er euch
glcklich heimkehren lasse, meine Sehnsucht zu stillen. Auch diese
Antwort kam dem Kaufmann nie zu Gesicht; der Graf schrieb wieder einen
Lgenbrief, als von der Frau herrhrend, worin sie sich rhmte, da sie
alle Tage entweder in die Stadt zu Gaste gehe, oder zu Hause Gste
empfange, oder auch in des Herrn Grafen Gesellschaft die Zeit verbringe,
so da sie niemals Sehnsucht nach ihrem Manne empfunden habe. Diesen
ruchlosen Betrug verbte der Graf jedesmal, wenn Mann und Frau sich
einander schrieben, denn er verstand anderer Leute Handschrift so
knstlich nachzumachen, da die Eheleute nicht dahinter kamen. Als
endlich der Kaufmann schrieb, er hoffe binnen einigen Wochen wieder nach
Hause zu kommen, da unterschlug der Herr Graf diesen Brief und lie das
falsche Gercht aussprengen, da der Kaufmann in der Fremde sein Ende
gefunden habe. Die arme sich fr eine Wittwe haltende Frau weinte und
jammerte bitterlich; lie die Wnde des Gemachs mit schwarzem Zeuge
beschlagen, legte Trauerkleider an und lie nicht einmal ihre Schwestern
zum Besuch kommen; zur Kirche aber ging sie jeden Sonntag nach wie vor.

Alle List und Betrgerei, die der Graf bis jetzt angewandt, war
vergeblich gewesen, es war ihm nicht mglich geworden, mit des Kaufmanns
Frau zusammen zu kommen oder eine nhere Verbindung anzuknpfen; ebenso
wenig hatte er ein Beweisstck, auf welches er die Frau htte
bezichtigen knnen. Da entschlo er sich, es noch einmal mit List zu
versuchen. Er lie eines Tages die Frau durch ihr Mdchen bitten, sie
mchte eine Kleiderkiste ber Nacht in ihrer Kammer verwahren, bis er
sie am nchsten Morgen wieder wegbringen lasse, denn es sei sonst
nirgends im Hause Raum fr eine Kiste. Die Frau, welche sich keiner
Arglist versah, willigte ein. Der Graf war aber selber heimlich in die
Kiste geschlpft und auf diese Weise in die Kammer der Frau gelangt.
Beim Schlafengehen hatte die Frau eine goldene Kette vom Halse genommen
und auf den Tisch vor dem Bette gelegt; es war die Kette, die der Mann
ihr bei der Verlobung geschenkt hatte, deshalb trug sie dieselbe Kette
tglich am Halse. Als sie in der Nacht ruhig schlief, kroch der Graf
ganz sachte aus der Kiste, raffte die goldene Kette vom Tische, steckte
sie in die Tasche und eilte sich wieder in die Kiste zu verstecken, mit
welcher er dann spter fortgetragen wurde. -- Die gestohlene Kette
sollte dem Kaufmanne bezeugen, da seine Frau die Ehe gebrochen und die
Kette als Liebespfand geschenkt habe. Als die Frau am Morgen aufstand,
hatte sie in ihrem Herzenskummer der goldenen Kette nicht weiter Acht
gehabt, wiewohl sie sonst immer des geliebten Mannes Geschenk umzulegen
pflegte.

Als sie am Nachmittag zufllig zum Fenster hinaus auf die Strae sieht,
sieht sie den fr todt gehaltenen Gatten zurckkommen. Augenblicklich
reit sie die schwarzen Trauerbehnge von den Wnden, luft in
Freudenthrnen ausbrechend ihrem Eheherrn entgegen und fllt ihm um den
Hals. Der Kaufmann, fremd und kalt wie Eis, giebt keine frohe Regung zu
erkennen, da er die Freude der Frau fr ein trgerisches Blendwerk hlt;
der Herr Graf hatte ihm einen Floh in's Ohr gesetzt, der ihm keine Ruhe
mehr lie. Die Frau wollte sogleich in die Kche eilen, um fr den von
der Reise kommenden Gemahl Speise zu bereiten, allein dieser wehrte es
ihr, da er selber fr das Abendessen sorgen wolle.

Als die Zeit dazu herangekommen war, wurde eine hlzerne Schssel mit
einem Mehlbrei aufgetragen, in welchem zwei hlzerne Lffel staken. Die
Frau machte groe Augen und wute nicht, was sie davon halten solle. Der
Kaufmann aber sagte mit bekmmertem Ernste: Heut' Abend wollen wir uns
aus der Breischssel zum letzten Male satt essen, denn das ist Alles,
was mir von meinem groen Vermgen geblieben ist. Morgen sind wir
Bettler, die nicht das Stck Brot haben. Weinend bat die Frau, ihr zu
sagen, durch welches unvermuthete Unglck sie mit einem Male arm
geworden wren. Dieses Unglck hast du selbst verursacht, -- erwiderte
der Mann -- deine Versndigung gegen die eheliche Treue hat uns so weit
gebracht, da wir zum Bettelstabe greifen mssen. Wo ist deine goldene
Kette, die ich dir als Verlobungspfand schenkte? Erst jetzt bemerkte
die Frau, da die Kette sich nicht an ihrem Halse befand; sie sprang
erschreckt vom Tische auf und lief in ihre Kammer, die vergessene Kette
zu holen, fand sie aber dort nicht. Sie wollte jetzt die Kette suchen,
aber der Kaufmann hinderte es und sagte: La nur die leeren Grimassen,
womit du mich zu tuschen suchst! Ich wei, da du selbst die Kette
verschenkt hast, die jetzt dein Galan besitzt. Was konnte da der Frau
ihr Leugnen helfen und ihre Vertheidigung? Der ruchlose Graf fand mit
seiner goldenen Kette berall mehr Glauben, denn die Menschen glauben
viel leichter das Bse als das Gute; konnte er doch auch vor Gericht
seine Worte durch dieses Beweisstck erhrten und obendrein beschwren,
da er eine Nacht in der Kammer der Frau zugebracht habe. -- Ohne also
auf die Vertheidigung der Frau weiter Rcksicht zu nehmen, fllte das
Gericht schlielich den Spruch: die ehebrecherische Frau solle auf einem
Schiffe in die hohe See hinaus gefahren und dort vom Schiffe in's Meer
geworfen werden den Fischen zur Speise. Der Kaufmann aber solle zur
Strafe fr seine leichtsinnige Wette und Andern zur Abschreckung auf
Lebenszeit in's Gefngni gesetzt werden. Ueber den leichtsinnigen Mann
hatte das Gericht ein angemessenes Urtheil gesprochen, allein der
schuldlosen Frau fgte das weltliche Gesetz schweres Unrecht zu. Dem
Grafen wurde das Vermgen des reichen Kaufherrn zuerkannt. Dieser
Unglckliche erbat fr seine Gattin noch die einzige Gnade, da sie vor
der Ertrnkung in ein getheertes Gewand eingenht wrde, und da ihr
zwanzig in den Grtel eingenhte Golddukaten mitgegeben wrden, damit
die Leute bei dem an's Land geworfenen Leichnam das Geld fnden und ihm
dafr ein Grab bereiteten. Das Gericht gewhrte diese Bitte.

So wurde der einst reiche Kaufherr in Ketten in's Gefngni gebracht,
whrend seine unschuldige Gattin auf einem Schiffe viele Meilen weit in
die See gefhrt und dann ber Bord geworfen wurde. Das aus getheertem
Zeuge gemachte Obergewand blhte sich hoch auf wie eine Blase und hielt
die unglckliche Frau ber Wasser. Die unbarmherzigen Schiffsleute
riefen lachend: Mit der Zeit wird das Wasser schon seine Beute
schlucken! kehrten um und dachten nicht weiter an das arme Geschpf,
das wie eine wilde Gans auf den Wellen dahin schwamm.

Gottes Wege waren nicht die der irrenden Menschen. Seine Huld lie nicht
zu, da ein schuldloses Wesen in der Tiefe des Meeres versinke, sondern
wies auf wunderbare Weise den Weg der Rettung. Die Meereswellen muten
die in ein getheertes Gewand eingenhte Frau drei Tage und drei Nchte
auf dem Rcken tragen und endlich in einem fernen fremden Lande an's
Ufer schleudern. -- Obgleich die Frau sehr ermdet war, als sie auf's
Trockene kam, verga sie doch nicht, Gott, der sie aus Todesnthen
errettet hatte, fr seine wunderbare Hlfe zu danken. Dann warf sie sich
auf den Rasen, um zu schlafen, sich von der durch das lange Treiben auf
dem Wasser verursachten Erschpfung zu erholen und ihre Lebenskraft fr
die kommenden Tage neu zu strken. Noch hatte sie die Augenlider nicht
geschlossen, als sie zwei Raben auf hohem Fichtenwipfel so reden hrte:
Da liegt jetzt -- sagte der erste Vogel -- ein unglckliches
Geschpfchen am Strande, welches die kurzsichtigen Menschen ausgestoen
haben. Die Arme wird hier, wo keine Menschen wohnen, doch zuletzt
umkommen, obwohl sie sich gar leicht retten knnte. -- Wie denn?
fragte der andere Vogel. Siehe, erwiderte der erste Plauderer --
obgleich die Arme sehr ermdet scheint, sollte sie doch ihre letzte
Kraft zusammen nehmen und rechts am Ufer weiter gehen, da wohnt ein
frommer Dorfgeistlicher, der sie freundlich aufnehmen und ihren
ermatteten Krper strken wrde. Hat sie sich dann einige Tage ausgeruht
und ihre Krfte erfrischt, dann knnte sie in die groe Stadt gehen, die
nicht weit von da liegt und wo die Leute Mangel an Wasser leiden, weil
ein bser Zauberer vor vielen hundert Jahren alle unterirdischen
Wasseradern festgemacht hat, so da in die Brunnen kein Wasser kommt,
als was die Regenschauer dem Schooe der Wolken entlocken. Und doch wre
es eine Kleinigkeit, den Bewohnern der Stadt Trinkwasser zu schaffen.
Wie denn das? fragte der andere Rabe. Sieh nur, erwiderte der erste
-- mitten auf dem Markte liegt ein groer grauer Granitblock, welcher
alle Quelladern deckt und schliet. Es bedrfte weiter keiner Arbeit,
als diesen Verschlu-Block heben zu lassen, dann wrden die Quellen aus
der Tiefe reichliches Na ergieen. Und derjenige knnte reichen Lohn
verdienen, welcher der Stadt Wasser verschaffte. -- Aber diese arme Frau
knnte noch mehr Ehre und Glck finden, wenn sie in die Knigsstadt
ginge und dort des Knigs einzigen Sohn gesund machte, den bis jetzt
weder Doctoren noch Wundrzte heilen konnten. So liegt der arme Jngling
schon sieben Jahre im Bette und findet nirgends Hlfe, weil menschlicher
Verstand seine Krankheit nicht erkennen kann. Und doch knnte der
Knigssohn leicht gesunden, wenn ihm die rechte Arznei gegeben wrde.
Was fr Kruter knnten denn seinem Uebel abhelfen? fragte der andere
Vogel. Es wre eine Kleinigkeit, ihn gesund zu machen -- lie sich der
Sprecher weiter vernehmen. -- Es wre dazu nichts weiter erforderlich,
als in der Domkirche an die dritte Bank, rechts vom Altare, zu gehen und
dort die Diele aufzubrechen, unter welcher ein Musenest liegt. Wenn das
Nest sammt den Jungen herausgenommen, in einem Grapen oder Kessel
gekocht, und die Flssigkeit dann durch ein Tuch geseiht und in Flaschen
gegossen wrde, so wre die Arznei fertig[20]. Jeden Morgen und Abend
ein Lffel voll von dem Musekraft-Trank dem Kranken eingegeben und mit
derselben Flssigkeit die Brust eingerieben, wrde den Kranken in
einigen Tagen gesund machen. -- Wohl sehr schade ist es, da in unseren
Tagen weder Stadt- noch Land-Aerzte die Vogelsprache verstehen, welche
sie manches Mal auf den richtigen Weg bringen knnte, wenn ihr eigener
Kopf ihnen nicht mehr aushelfen will. Und auch manchem eingebildeten
Naseweis, der menschliche Belehrung verschmht, knnten durch die Rede
der Vgel vernnftigere Gedanken in sein einfltiges Gehirn kommen. --
Doch fahren wir jetzt in unserer Erzhlung fort.

Nachdem die unglckliche Frau die Raben-Weisheit vernommen hatte,
schlief sie ein. Auf wunderbare Weise lie Gottes Gte ihrem Krper im
Schlaf neue Kraft zustrmen; obwohl sie drei Tage ohne einen Bissen
Nahrung gewesen war, fhlte sie doch beim Erwachen weder Mdigkeit noch
Hunger. Der klugen Vgel Zwiegesprch fiel ihr alsbald ein; doch konnte
sie sich nicht klar machen, ob sie das wachend oder trumen erlebt habe.
Da ihr aber nichts Besseres brig blieb, wollte sie es mit dem
angegebenen Wege versuchen. Mit grter Mhe erreichte sie vor Abend des
Predigers Haus, wo die guten Menschen sie freundlich aufnahmen und
pflegten. Nach einigen Tagen fhlte sie sich stark genug, weiter zu
wandern. Der Prediger und die Hausleute baten sie, noch einige Tage bei
ihnen zu Gaste zu bleiben, denn sie war ihnen allen lieb geworden; aber
sie wollte ihnen nicht lnger zur Last fallen, sondern dankte fr die
genossene Wohlthat, nahm Abschied und macht sich dann auf den Weg, um
der Anleitung der Vgel gem ihr Glck weiter zu versuchen. Da die
Wegweisung der Raben sich das erste Mal bewhrt hatte, so richtete sie
ihre Schritte nach der wasserbedrftigen Stadt. Da fiel es ihr ein, da,
wenn sie in Weiberkleidern die Stadt betrte, die Leute wohl nicht viel
von ihrer Einsicht halten wrden. In der guten alten Zeit duldete man
noch nicht das Gegacker der Henne, wie in unseren Tagen, wo der Hahn
wohl selber rhmt, wie hbsch sein Schtzchen schon gesungen, als es
erst drei Spannen hoch war, weshalb er das sangreiche junge Huhn selbst
auf den Markt trgt und ruft: Kommt und hrt, wie hbsch mein Hhnchen
singt.

Die Frau kaufte sich also Mannskleider und gab sich das Ansehn eines
Mannes. Sie schnitt ihre langen Haare kurz am Kopfe ab, zog einen Rock
an, band einen rothen Grtel um die Hften und zog das bunte Hemd ber
die Hosen, so da sie ganz wie ein Russe aussah. Als sie nach einigen
Tagen in die Stadt kam und in einem Wirthshause ein Quartier bezog, fand
sie auf dem Etische mancherlei Getrnke, Branntweine und Weine, Bier
und Meth, aber kein Tropfen Wasser war zu sehen. Sie bat, man mge ihr
ein Glas Wasser bringen. Geehrter Herr, ihr knnt in unserer Stadt alle
Arten von Getrnk haben, um euren Durst zu lschen, aber frisches Wasser
knnen wir euch auch um den hchsten Preis nicht geben: Wasser mssen
wir in der heien Zeit von weitem herfhren, wie eben jetzt, wo Gott
keinen Regen giebt. Warum lasset ihr keine Brunnen graben? fragte die
als Mann verkleidete Frau. Der Gastwirth erwiderte: Brunnen haben wir
von Alters her genug gegraben, aber es kommt kein anderes Wasser hinein
als was der Regen hineinbringt. Unsere Obrigkeit hat schon Unsummen
daran gewendet, und hat auch demjenigen eine groe Belohnung verheien,
der Wasser in die Brunnen leiten wrde, aber wenn auch von berall her
viel geschickte Brunnenmeister kamen, um ihr Glck zu versuchen, so hat
doch keiner von ihnen Wasseradern gefunden. -- Die Frau sagte: Die
Sache scheint sehr wunderbar! Ich will Nachmittags in eurer Stadt
umhergehen, vielleicht finde ich zufllig Pflanzen, welche auf eine
Wasserader weisen. Das wird wohl vergebliche Mhe sein, -- meinte der
Gastwirth -- doch knnt ihr ja immerhin euer Heil versuchen.

Die Kaufmannsfrau schlenderte nun aus einer Strae in die andere, bis
sie auf den Markt kam. Da fand sie den groen grauen Granitblock, wie
es die Raben in ihrem Gesprche angegeben hatten; und da nun so die
beiden ersten Verkndigungen wahr geworden waren, so wuchs ihr der Muth,
den Wasserkerker zu erschlieen. Sie ging zum Oberhaupt der Stadt, gab
sich fr einen Brunnenmeister aus und versprach der Stadt Wasser zu
schaffen, wenn man ihr soviel Arbeiter und Werkzeuge geben wrde, wie es
die Sachlage erfordere. Das Stadtoberhaupt aber bedachte, welchen
Geldaufwand die fruchtlose Arbeit schon verursacht hatte und sprach
deshalb die Bitte aus, den vergeblichen Versuch lieber zu unterlassen.
Der Brunnenmeister lie sich aber nicht so leicht irre machen, sondern
sagte: Gebt mir fnfzig oder sechzig Arbeiter und die nthigen
Werkzeuge, wie Stangen, Stricke und dergleichen, so mache ich mich
verbindlich, eurer Stadt soviel Wasser zu schaffen, da Menschen und
Thiere genug haben. -- Das Stadtoberhaupt verlangte jetzt ein Pfand von
solchem Werthe, da es alle Ausgaben decke, wenn die Arbeit den
verheienen Nutzen nicht bringe. Die Frau entgegnete: Geld habe ich
jetzt gerade nicht soviel, um das Pfand zu hinterlegen, aber ich mache
mich anheischig, fr jeden Arbeiter fnfzig, oder wenn ihr wollt,
hundert Tage zu arbeiten, wenn ich euch das versprochene Wasser nicht
liefere. Falls ich aber meine Versprechungen erflle, dann zahlt ihr mir
die Belohnung, welche ihr fr die Auffindung von Wasser ffentlich
ausgeboten habt. Auf diese Bedingung hin wurde der Vertrag geschlossen.

Nachdem die Vorbereitungen beendigt waren, begab sich die Frau mit
fnfzig Arbeitern auf den Markt: eine ungeheure Volksmenge zog
hinterdrein, um das Wunderwerk mit anzusehen. Die Frau Meister lie
zuerst hart um den Block herum Grben ziehen, dann starke Balken als
Hebel unter den Block schieben, Stricke mit dem einen Ende an die Balken
befestigen, mit dem andern um den Block legen, und als nun die Mnner
auf das gegebene Zeichen mit einem Male aus Leibeskrften anzogen und
aufwanden, ging der Block in die Hhe. Und o Wunder! zischend ergo sich
ein breiter Wasserstrahl unter dem Blocke hervor. -- Freudengeschrei
erscholl aus dem Munde von Tausenden. Das Stadtoberhaupt und die anderen
obrigkeitlichen Personen traten nher und fllten Becher und Kannen mit
frischen Wasser, das klar, khl und erquickend war. Alle, die das Wasser
schmeckten, rhmten es einstimmig und die klugen Doctoren erklrten, es
sei der Gesundheit sehr zutrglich. Da nun der Brunnenmeister sein
Versprechen erfllt hatte, wurde ihm die fr das Auffinden von Wasser
ausgesetzte Belohnung unweigerlich ausgezahlt und berdies folgten ihm
die Dankes- und Segenswnsche der Bewohner nach.

Jetzt brauchte die Frau nicht mehr zu Fue zu gehn, sondern konnte in
einer Kutsche mit sechs Pferden fahren, wenn sie wollte. Sie fuhr
alsbald in die Knigsstadt. Als sie mit Dank gegen Gott dessen gedachte,
wie der Vgel Anleitung sie unverhofft auf den Weg des Glckes gefhrt
hatte, beschlo sie zugleich sich andere Kleider zu besorgen, weil denn
doch die russische Bauerkleidung fr einen Doctor nicht pate. Sie lie
ihr Haar anders ordnen und kaufte sich einen Anzug, wie ihn die
stdtischen Aerzte zu tragen pflegen. Als sie dann nach einigen Tagen
die Residenz des Knigs erreichte, miethete sie in einem vornehmen
Gasthof eine Wohnung und gab sich fr einen Arzt aus, der aus weiter
Ferne gekommen sei.

Die Ankunft eines berhmten Arztes aus weiter Ferne drang rasch zu des
Knigs Ohren. Er schickte seine Diener in den Gasthof und lie den
Doctor zu seinem kranken Sohne bitten. Als der Doctor kam, redete er ihn
so an: Ich bin ein groer Knig, aber bei allem Ansehn und Reichthum
ein unglcklicher Vater. Mein einziger Sohn siecht schon sieben Jahre
lang auf dem Krankenlager dahin und Niemand kann ihm helfen; obgleich
die berhmtesten rzte meines Landes und fremder Lnder die
verschiedensten Arzeneimittel versucht haben, konnten sie doch sein
Uebel nicht heilen. Mit tiefem Kummer sehe ich, wie mein liebes Kind mit
jedem Tage rascher dem Grabe sich nhert. Der neue Arzt bat, den
Kranken sehen zu drfen, worauf er in dessen Gemach gefhrt wurde. Der
kranke Knigssohn im Bette sah mehr einem Schatten als einem
menschlichen Wesen hnlich; da er athmete, war das einzige
Lebenszeichen, sonst htte man ihn fr eine Leiche halten knnen. Der
Doctor sagte: Weil sich die Krankheit so sehr in die Lnge gezogen hat,
ist die Behandlung sehr schwierig geworden, doch gebe ich die Hoffnung
noch nicht ganz auf. Er versprach dann die nthigen Arzeneien zu
bereiten und nach einigen Tagen die Behandlung zu beginnen.

Am andern Tage ging der vermeintliche Doctor, die herrliche Domkirche zu
besehen, wie denn jeder Fremde diese schnste Zierde der Stadt in
Augenschein nimmt. Nachdem er die Kirche von auen und von innen
genugsam betrachtet hatte, zhlte er die dritte Bank rechts vom Altar
ab, brach die Diele auf, fand dort das von dem Raben angegebene
Musenest mit den Jungen, band Alles in sein Schnupftuch, brachte die
Diele wieder in Ordnung und eilte in seine Wohnung zurck. Hier machte
er sich in aller Stille daran, den Gesundheitstrank zu kochen, und lie
ihn dann ein Weile stehen, ehe er die Flssigkeit durch ein Tuch seihte,
worauf er sie in eine Flasche go. Nach einigen Tagen ging er wieder zum
kranken Knigssohn, gab ihm einen Lffel voll von dem Krafttrank ein und
rieb ihm die Brust damit. Die Kraft des Wundertranks war so stark, da
der Kranke um Mittag zu essen verlangte und ihm auch die vorgesetzte
Speise zum ersten Male schmeckte. Der Knig war ber das Verlangen nach
Speise anfangs erschrocken; er hielt dasselbe fr ein krampfhaftes und
meinte, die Todesstunde sei gekommen, in welcher zuweilen die schwersten
Kranken Elust zeigen. Da aber der weibliche Doctor nichts dagegen
hatte, so wurde des Kranken Begehr erfllt. Als der Knigssohn nach dem
Essen einige Stunden geschlafen hatte, war sein Aussehen beim Erwachen
freundlicher und er sagte, da er sich strker fhle. Schon am andern
Tage richtete er sich allein im Bette auf, am sechsten Tage aber fhlte
er sich stark genug, aufzustehen und sich auf einem Stuhle
niederzulassen.

Whrend er so sa, fielen seine Blicke hufig auf den jungen Doctor, den
der alte Knig nicht eher ziehen lassen wollte, als bis der Sohn sich
vollstndig erholt habe. Eines Tages sagte der Knigssohn seufzend zum
Doctor: Es thut mir herzlich leid, da Gott euch nicht ein Frauenzimmer
hat werden lassen. Mir ist in meinem Leben noch kein schneres Antlitz
vorgekommen als das eurige -- ich wrde euch gewi freien, wenn ihr ein
Weib wret. Der Doctor erwiderte: Seid zufrieden mit dem, was Gott
gemacht hat, und danket ihm dafr, da ihr von schwerer Krankheit
genesen seid. Ihr knnt euch jetzt, da ihr wohlauf seid, jeden Tag aus
den edelsten Geschlechtern eine Lebensgefhrtin whlen.

Des Knigs Freude ber die glckliche Wiederherstellung seines Sohnes
war grenzenlos. Er htte dem Arzte gern das Zehnfache der versprochenen
Belohnung gezahlt -- der Arzt aber lehnte diese Gnade ab und verlangte
keinen greren Lohn als ein Stck Land in der Gegend des Reiches, wo
seine Geburtsstadt stand, und wo der Gatte gefangen sa, wenn ihn der
Tod nicht befreit hatte. Die Bitte wurde nicht nur ohne Weiteres
zugestanden, sondern der Knig befahl auch, die Grenzen des geschenkten
Landstriches so weit auszudehnen, da beinahe der vierte Theil des
Reiches an Land und Leuten des Doctors Erbeigenthum wurde. Nach einigen
Tagen war die Schenkungsurkunde gerichtlich ausgestellt und mit dem
kniglichen Insiegel bekrftigt. Dann verlie der neue Grundeigenthmer
des Knigs Palast, nahm dankend Abschied und schlug den Weg nach seinem
knftigen Wohnsitz ein.

Als sich die Frau demselben nherte, fielen ihr mancherlei Gedanken und
Gefhle schwer auf's Herz, wenn sie sich die Vergangenheit zurckrief
und berdachte, wie sie als Kind in Drftigkeit aufgewachsen, dann
pltzlich im Hause des Kaufmanns reich gewesen sei, und endlich solche
Trbsal erlebt habe. Doch Reichthum und Trbsal waren ohne ihre Schuld
ber sie gekommen, und ihr Gewissen fhlte sich nicht beschwert. -- Sie
trug noch immer mnnliche Kleidung und wollte sie auch nicht eher
ablegen und sich zu erkennen geben, als bis Alles geordnet wre. Vor
ihrem frherem Hause lie sie die Kutsche halten und durch einen Diener
anfragen, ob sie da wohl auf einige Tage eine Wohnung miethen knne. Der
gegenwrtige Besitzer, der uns wohlbekannte Graf, obwohl jetzt durch
schnden Betrug steinreich geworden, war doch uerst geldgierig und
suchte, wo er konnte, seinen Mammon zu vermehren. Er war darum gleich
bereit, dem reichen fremden Herrn eine Wohnung zu vermiethen, als ihm
der hohe Preis, den er unverschmter Weise forderte, unweigerlich
zugestanden wurde.

Die Frau legte am folgenden Tage eine reiche Mnnerkleidung an und
erschien vor der Obrigkeit, wo sie den kniglichen Schenkungsbrief
vorzeigte und sich als Grundherrn zu erkennen gab. Man kann leicht
denken, da der neue Gebieter mit groer Ehrerbietung und
Unterwrfigkeit empfangen wurde. Sein erster Befehl lautete dahin, den
vormals reichen Kaufmann, der vor Jahren wegen leichtsinnigen Wettens
in's Gefngni gesetzt worden, sowie den Grafen, der dessen Vermgen
erhalten, desgleichen die Magd, welche damals bei der Frau des Kaufmanns
gedient habe und jetzt beim Grafen diene -- diese drei Personen
vorzufhren. Der Befehl wurde sofort vollzogen.

Der in der langen Haft schwach und bleich gewordene Kaufmann hatte schon
graues Haar bekommen und einen langen Bart, der ihm bis zur halben Brust
reichte. Hnde und Fe waren gefesselt und ein zerfetztes Gewand
bedeckte seinen Leib. Der Herr Graf trat stolzen Schrittes in den
Gerichtssaal; fr ihn, den reichen, hochgeborenen Mann, gab es wohl
keinen Grund zur Furcht. Der neue Grundherr befahl sogleich, dem bis
dahin gefangen gehaltenen Kaufmanne die Fesseln abzunehmen und sie dem
Grafen anzulegen. Obwohl die Gerichtsherren einander verwundert ansahen,
wagte doch keiner ein Wort gegen die Anordnung des gebietenden
Grundherrn vorzubringen. Jetzt fragte die in Mnnerkleidung dastehende
Frau den Grafen: Bekennet, wie ist damals die goldene Kette der
Kaufmannsfrau in eure Hnde gekommen? Der Graf erwiderte mit
schamloser Frechheit: Die Frau schenkte mir die Kette als
Liebespfand. -- Darauf wurde die Magd in Ketten gelegt und in's Verhr
genommen; sie sollte erklren, wie es sich mit der Kette verhalte. Die
erschrockene Magd deckte nun den ganzen Betrug auf. Hierauf fllte das
Gericht den Spruch, da der Graf und die Magd auf Lebenszeit in's
Gefngni kommen sollten und zwar wurden sie in denselben Thurm
gebracht, in welchem der Kaufmann bis jetzt gesessen hatte.

Nachdem so die Uebelthter ihren verdienten Lohn erhalten hatten,
entfernte sich die Frau, legte ihre Frauenkleider an und gab sich ihrem
Manne zu erkennen. Der Kaufmann bereute voll Scham sein Vergehen und
wagte nicht zu seiner Frau, die er ohne ihr Verschulden verstoen und in
den Tod geschickt hatte, die Augen aufzuheben. Die liebende Frau aber,
welche ihrem Manne die am Altare gelobte Treue stets rein bewahrt hatte,
verzieh ihm all' sein Unrecht. Darauf segnete der Geistliche ihre Ehe
zum zweiten Male ein und es wurde eine stattlichere Hochzeit gefeiert
als die erste war. Aber der Vater der Frau, der alte Schneider, schlief
schon im Grabe und hatte den Freudentag, wo seine verlumdete Tochter
wieder zu Ehren kam, nicht mehr erleben sollen. Vom Tage der zweiten
Hochzeit an lebte das Paar glcklich bis an's Ende und dem Kaufmann
stieg niemals wieder ein Zweifel an der Treue seiner Frau auf. Und
glcklich darf man den Mann preisen, der eine fromme Frau gewonnen hat,
deren Leben so klar dahinfliet, wie ein Quellbach, auf dessen Grunde
nicht Schlamm noch Schutt gefunden wird.

[Funote 20: Nach Kreutzwald's gef. briefl. Mittheilung gilt bei den
Esten Musedreck mit Honig als Hausmittel gegen die Brune, sowie eine
frisch abgezogene Mausehaut gegen nssende Flechte. L.]




7. Aschen-Trine.


Einmal lebte ein reicher Mann mit seiner Frau und einer einzigen
Tochter, welche die Eltern mehr als ihren Augapfel liebten, und deshalb
auf's zrtlichste erzogen; und die gute Tochter war dieser Liebe werth.
Die Mutter hatte einst einen Traum gehabt, aus dem sie auf ein schweres
Migeschick schlo, und sie htte viel darum gegeben, wenn Jemand ihr
den Traum richtig htte deuten knnen. Aber noch ehe sie einen klugen
Traumdeuter fand, erkrankte sie schwer an einer Brustentzndung und
fhlte schon am andern Tage ihre Todesstunde herannahen. Der Mann war
fortgegangen um Aerzte zu holen, da rief die Frau ihr Tchterchen an
ihr Bett, streichelte ihm die Wangen und sagte mit betrbter Miene: Der
Himmel ruft mich aus dieser Welt ab zur Ruhe; ich mu in's Grab und dich
Lmmchen zurcklassen. Dein Vater und ein anderer hherer im Himmel
werden fr dich Sorge tragen, und mein mtterliches Auge wird von jener
Welt her ber dich wachen. Wenn du ein frommes und gutes Kind bleibst,
so werden unsere Herzen ewig vereinigt bleiben, denn auch Tod und Grab
knnen die Liebesbande zwischen Mutter und Kind nicht zerreien. Pflanze
auf meinem Grabhgel zum Schmuck eine Eberesche, damit die Vgel im
Herbste Beeren darauf finden und dir gutes dafr erweisen, wenn du keine
andern Freunde mehr haben solltest. Sollte dein Herz einmal einen
heimlichen Wunsch hegen, dann schttle den Wipfel der Eberesche, damit
ich Kunde davon erhalte; oder sollten bittere Stunden in dein Leben
treten, dann schlpfe unter den Schatten der Eberesche, welche dich
trostreich aufnehmen wird wie der Schoo einer Mutter und deinem
betrbten Herzen Erquickung bringen wird. Nicht lange darnach und noch
ehe der Vater von seinem Gange nach dem Arzte zurck war, schlossen sich
die Augen der guten Mutter auf immer. Das Tchterchen weinte bitterlich
und wollte weder bei Tage noch bei Nacht aus der Nhe der Todten
weichen, bis der Mutter kalter Leichnam in den Sarg gelegt und zu Grabe
getragen wurde. Die Tochter pflanzte eine Eberesche auf das Grab, grub
die Wurzeln in die Erde und feuchtete sie mit ihren Thrnen; und als
spter das Na der Wolke dazu kam, wuchs der Baum in die Hhe, da es
eine Lust war zu sehen. Das Kind setzte sich gar oft unter diesen der
Mutter geweihten Baum, der ihm jetzt der liebste Platz auf Erden
geworden war.

Den nchsten Herbst ging der Vater wieder auf die Freite und brachte
nach einigen Wochen eine neue Heerdesknigin in's Haus. Allein er hatte
nicht daran gedacht, beim Freien _darauf_ zu sehen, ob die Frau auch eine
Mutter fr seine Tochter werden knne. -- Zwar wird es einem vermglichen
Wittwer nicht schwer, eine Frau zu bekommen, aber selten ist der Fall,
da die Waise in ihr eine Mutter findet. -- Die Stiefmutter hatte zwei
Tchter aus ihrer ersten Ehe; sie brachte dieselben mit in's Haus und da
Blut doch immer dicker ist als Wasser, so war es selbstverstndlich, da
des Mannes Tochter auf keine goldenen Tage zu hoffen hatte. -- Die
Mutter achtete ihre Tchter fr golden, des Mannes Tochter fr irden,
und als die Goldtchter das sahen, faten sie auch flugs den Gedanken:
wir sind die Gebieterinnen, sie ist unsere Sclavin! Da indessen ein
neuer Besen immer gut fegt, so zeigte die neuvermhlte Wittwe ihrer
Stieftochter in den ersten Tagen nach der Hochzeit ein freundliches
Gesicht, und dasselbe thaten zum Schein ihre beiden Tchter -- aber die
Freundlichkeit kam nicht von Herzen. Ihre Herzen waren hart und voll von
Stolz und Tcke und anderen sndhaften Regungen, so da darin fr den
Keim der Liebe kein Raum blieb, sich zu entfalten. Der armen Tochter des
Mannes wurde das Leben von Tag zu Tag saurer gemacht, aber der Vater
hatte weder Augen zu sehen noch ein Herz, seines Kindes Leid zu fhlen.
Was hat sich die unntze Brotratte[21] im Zimmer umherzutreiben! sagte
die Stiefmutter. Ist nicht in der Kche am Heerde Platz genug? Die
Traghlzer um den Hals und Wasser vom Brunnen geholt, dann in den Stall,
an den Back- und Wasch-Trog! Wer Brot essen will, mu seinen Bissen auch
verdienen knnen. Dazu prahlten die Tchter noch: Ja, sie soll unsere
Leib-Magd sein. Darauf wurden der Waise alle guten Kleider weggenommen,
die Truhe der verstorbenen Mutter wurde geleert, aller Putz den Tchtern
der Stiefmutter ausgeliefert und der Tochter des Mannes ein alter grauer
Kittel angezogen, in welchem sie vom Morgen bis zum Abend, mit Asche und
Staub bedeckt, die husliche Arbeit thun mute. Da sie nun weder glatt
gekmmt, noch sauber sein konnte, so schalten die Stiefmutter und die
Stiefschwestern sie _Aschen-Trine_. Sie fgten der Waise Leid und Verdru
zu, wo sie nur konnten und machten sie auch heimlich beim Vater
schlecht, so da das Kind auch bei ihm keine Hlfe fand, wenn es ihm
einmal seine Noth klagte. Aschen-Trine duldete lange Zeit schweigend,
sie weinte und betete, ging aber nicht zu der auf der Mutter Grab
gepflanzten Eberesche, um ihres Herzens Kummer auszuschtten. Da begab
es sich, als sie eines Tages am Bache Wsche splte, da eine Elster vom
Wipfel eines Baumes herunter sprach: Thrichtes Kind, thrichtes Kind!
Warum gehst du nicht zur Eberesche, Klage zu fhren und um Rath zu
bitten, wie du dir deine schwere Lage erleichtern knntest. -- Diese
Worte riefen ihr die letzte Rede der sterbenden Mutter in's Gedchtni
zurck und sie beschlo, so bald als mglich ihre Bitte bei der
Eberesche anzubringen. Bei Tage war es ganz unmglich, aber in der
Nacht, wo die andern schliefen, stand sie heimlich vom Lager auf, zog
sich an, ging zum Grabe der Mutter, setzte sich auf den Grabhgel und
begann die Eberesche zu schtteln. Ein Stimmchen fragte: Ist dein Herz
noch rein und fromm wie sonst, oder bist du schon in Snde verfallen?
Trine erwiderte: Gott allein sieht und erforscht des Herzens Trachten,
soviel meine Seele wei, lastet keine Snde auf ihr. Jetzt fhlte sie,
als ob unsichtbare Hnde ihr Haupt und Wangen streichelten, die Stimme
aber rief im Suseln der Luft: Wenn dein Leben gar zu dornig wird und
du mit der Arbeit nicht mehr fertig werden kannst, dann rufe dir Hahn
und Henne zu Hlfe! Das Mdchen konnte anfangs nicht recht begreifen,
was fr Helfer ihr diese Hausvgel werden knnten; auf dem Heimwege aber
fiel ihr ein, wie die Halbschwestern ihr oft zum Schabernack die Erbsen
und Linsen in die Asche streuten, aus welcher sie dann Korn fr Korn
heraussuchen mute, um Speise zu kochen. Da wollte sie doch einmal
Spaes halber versuchen, ob nicht die Schnbel der bezeichneten Helfer
ihr die zeitraubende Arbeit erleichtern knnten.

Inzwischen hatte der Knig ein prchtiges Fest vorbereitet und
berallhin Boten ausgesandt, welche im ganzen Reiche ffentlich kund
machen und auf Wegen und Stegen ausrufen sollten: da alle jungen
blhenden Mdchen zwischen sechzehn und zwanzig Jahren zum Freudenfeste
des Knigs kommen sollten, welches drei Tage hinter einander dauern
wrde, weil sein einziger Sohn gesonnen sei zu freien, und sich aus der
Mdchenschaar diejenige auszusuchen, welche ihm die hbscheste und
verstndigste zu sein dnkte. O du liebe Zeit! Was hob da fr ein
Treiben an berall! Zum Glck war nicht befohlen worden, die Taufscheine
mitzubringen, so da auch diejenigen hinkommen konnten, ihr Glck zu
versuchen, die schon eine Kleinigkeit ber die Zwanzig hinaus
geschritten waren.

Der Aschen-Trine Stiefschwestern, die Goldtchterchen der Mutter,
sollten beide auf des Knigs Fest gehen; da hatte denn die Waise vom
Morgen bis zum Abend zu thun: sie wusch und plttete Kleider, nhte
neuen Putz und mute dabei noch alle brigen huslichen Geschfte
besorgen. Und als ob es daran noch nicht genug wre, warf die ltere
Stiefschwester eine Schssel voll Linsen in die Asche und rief: Lies
sie heraus und setze sie auf's Feuer! Zum Glck fiel der Trine die am
Grabe der Mutter erhaltene Weisung ein, darum sagte sie:

    Hhnelein und Hennelein!
    Kommt die Linsen lesen fein!

Augenblicklich waren die gerufenen Hlfsarbeiter da und begannen zu
lesen und in kurzer Zeit hatten sie die letzten Krner aus der Asche
gescharrt und mit ihren Schnbeln in die Schssel gethan. Als dann der
erste Tag des Festes anbrach, mute Aschen-Trine die Schwestern
schmcken, ihren Kopf kmmen, ihr Antlitz waschen und sie prchtig
ankleiden, wofr sie zum Danke nur Schimpfreden und mehr als eine
Maulschelle erhielt, so da ihr Augen und Ohren brannten. Aschen-Trine
ertrug den Frevel geduldig und seufzte nur zuweilen zum Himmel auf; als
aber die Stiefschwestern nun auf's Fest gegangen waren und sie allein
mit der Stiefmutter zu Hause geblieben war, da stieg ein heies
Verlangen in ihrem Herzen auf, welches ihr die Thrnen in die Augen
trieb. Sie wre auch gar gern zum Feste gegangen, wenn sie Erlaubni
erhalten oder Kleider gehabt htte, in denen sie sich unter die andern
Gste htte mischen knnen.

Als sie sich recht satt geweint und dadurch den ersten Kummer
beschwichtigt hatte, nahm sie den Strickstrumpf zur Hand und setze sich
auf die kleine Bank am Heerde, wo ihr das Herz allmhlich wieder leicht
wurde. Sie gedachte der verstorbenen Mutter und bat Gott, ihr auch einst
die Ruhe im Grabe zu verleihen, so lange sie aber noch hier im Staube
wandle, gelobte sie Alles fromm zu dulden, bis sie einst in einer
besseren Welt wieder in den Armen der Mutter ruhen werde. Pltzlich
hrte sie ihren Namen rufen; als sie aber die Augen aufschlug, sah sie
Niemanden. Nach einer Weile sagte das unsichtbare Stimmchen: Geh und
schttle die Eberesche! Aschen-Trine eilte das Gehei zu erfllen.
Nachdem sie den Baum ein paar Mal geschttelt hatte, wurde es hell und
auf dem Wipfel sa ein ellenhohes Frauenbild in Goldgewndern, ein
kleines Krbchen in der einen und ein goldenes Stbchen in der anderen
Hand. Die kleine Fremde fragte das Mdchen nach diesem und jenem, wie es
ihr bis jetzt ergangen sei, und als sie Bescheid erhalten, lie sie sich
zur Erde nieder. Sie streichelte der Waise die Wangen und sagte
trstend: Binnen kurzem wirst du bessere Tage erleben, du mut aber
heute auf des Knigs Fest gehen. Aschen-Trine sah sie unglubig an und
hielt die Rede fr Spott.

Das kleine Frauenzimmer nahm jetzt ein Hhnerei aus dem Korbe und
berhrte es mit dem goldenen Stbchen -- sofort stand eine schne
Kutsche auf dem Rasen. Dann nahm sie wieder sechs junge Muse heraus,
und verwandelte sie in sechs schne isabellfarbene Pferde, welche vor
die Kutsche gespannt wurden. Aus einem schwarzen Kfer wurde dann ein
Kutscher gemacht und zwei bunte Schmetterlinge wurden in Diener
verwandelt. Diese baten Aschen-Trine, sich in die Kutsche zu setzen und
auf des Knigs Fest zu fahren. Wie durfte aber die Waise in schmutzigen
Kleidern zum Feste kommen? Die kleine Zauberin, oder was sie sonst sein
mochte, berhrte mit ihrem Goldstbchen Trinen's Kopf und siehe!
augenblicklich war sie zum stattlichsten deutschen Frulein geworden,
das man nur sehen konnte; ihre alten schlechten Kleider waren in einen
kostbaren Anzug verwandelt, der ganz aus Sammt und Seide bestand und von
Gold und Silber schimmerte. Am schnsten aber war ein goldener Kranz auf
dem Haupte, der von Edelsteinen funkelte, die wie die Sterne am Himmel
glnzten.

Die kleine Zauberin mahnte: Fahre jetzt zum Feste und geniee mit den
Andern alles Wohlsein und Vergngen, damit das Andenken an die
vergangenen Leidenstage in deinem Herzen erlsche und die Freude darin
aufdmmere. Wenn aber der Hahn um Mitternacht drei Mal krht, dann
darfst du keinen Augenblick lnger bleiben, sondern mut nach Hause
eilen, als ob es dir auf den Ngeln brenne[22]. Sonst hrt die
Zauberkraft auf, und Kutsche, Pferde, Kutscher, Diener und du selbst
verwandeln sich wieder in das, was sie vorher waren. Darum vergi meine
Mahnung nicht, sonst gerthst du in Schande und verscherzest dein
Glck.

Aschen-Trine versprach die Zeit genau in Obacht zu nehmen; setzte sich
in die Kutsche und fuhr in gestrecktem Galopp auf des Knigs Fest. Als
sie aber in den Festsaal trat, war es als ob die Sonne aufgegangen wre,
so da alle andern Frulein und Damen neben ihr erbleichten, wie der
Mond und die Sterne in der lichten Morgenrthe. Die Stiefschwestern
erkannten sie zwar nicht in dieser Pracht und Schnheit, aber doch
drohte ihr Herz vor Neid zu bersten. Der Sohn des Knigs hatte fr keine
Andere mehr Auge noch Ohr, sondern wollte der Aschen-Trine keinen
Augenblick von der Seite weichen; mit ihr unterhielt er sich auf's
Angenehmste, mit ihr scherzte und tanzte er, als ob sonst Niemand weiter
im Saale wre. Auch der alte Knig und seine Gemahlin beeiferten sich
dem stattlichen Frulein, an dem sie eine Schwiegertochter zu bekommen
hofften, alle Ehre zu erweisen. Aschen-Trine war wie im Himmel, so da
die Freude ihr nicht Zeit lie, an irgend etwas Anderes zu denken, als
das Glck des Augenblickes zu genieen. Beinahe htte sie die Mahnung
der kleinen Zauberin gnzlich vergessen, htte nicht der Hahnenschrei um
Mitternacht sie aufgescheucht und angetrieben nach Hause zu eilen. Als
sie den Saal verlie, krhte der Hahn schon zum zweiten Male, aber ehe
sie sich in die Kutsche setzen konnte, hatte er zum dritten Male
gerufen. In demselben Augenblicke verschwanden aber auch Kutscher,
Pferde und Diener, als wren sie in die Erde gesunken; Aschen-Trine
fhlte sich wieder in ihren alten schmutzigen staubigen Kleidern und
eilte nun in vollem Laufe nach Hause -- mit solcher Hast, da ihr der
Kopf rauchte und der Schwei von den Wangen troff. Sie warf sich dann
auf ihr Lager am Heerde, dachte an die schmeichelhafte Ehre, welche ihr
im Hause des Knigs erwiesen worden und konnte lange den Schlaf nicht
finden. Endlich entschlummerte sie und schlief ruhig bis zum Morgen,
obwohl bunte Trume das glckselige Fest ihr wieder vor Augen brachten.

Die Stiefschwestern waren erst gegen Mittag erwacht, so sehr hatte das
Fest sie ermdet. Als sie aus dem Bette stiegen, mute Aschen-Trine sie
waschen, anziehen und kmmen, wobei sie von nichts Anderem sprachen, als
von dem gestrigen Feste beim Knige und von dem unbekannten fremden
Frulein, dessen Schnheit, Pracht und zierlicher Anstand die andern so
sehr berstrahlt hatten, da von dem Augenblicke an, wo sie ber die
Schwelle getreten war, des Knigssohnes Augen sich nicht mehr von ihr
gewendet hatten. War sie berhaupt eines sterblichen Menschen Kind
gewesen, so konnte sie nur eines steinreichen Kniges Tochter, etwa aus
Land Kungla[23] sein. Als sie fortgegangen, sei der Knigssohn mimuthig
geworden, und habe nicht mehr getanzt, noch mit irgend Jemand sich
unterhalten. Der Aschen-Trine hpfte das Herz vor Freude, als sie
solches vernahm, sie brachte deshalb dreimal mehr Zeit als gewhnlich
damit zu, ihre Stiefschwestern anzukleiden und achtete weder ihre
Schimpfreden noch ihre Schlge: Alles glitt von ihr ab wie Wasser, das
auf eine Gans gegossen wird. Am Heerde hatte sie den Tag ber keinen
andern Gedanken als an das gestern genossene Vergngen und an den
Knigssohn, der -- sie zweifelte kaum -- ein Auge auf sie geworfen
hatte.

Als nun am Abend die Stiefschwestern wieder zum Feste gingen, blieb
Aschen-Trine ruhig zu Hause und ging auch nicht wieder die Eberesche zu
schtteln, da sie Alles der Frsorge des himmlischen Vaters berlassen
wollte. Noch vor Mitternacht kamen die Schwestern von des Kniges Fest
zurck und sprachen davon, da der Knigssohn die Flgel habe hngen
lassen, mit Niemanden getanzt noch gesprochen, sondern nur unverwandten
Blickes nach der Thr gesehen habe, ob nicht das Frulein von gestern
wieder kommen wrde. Der Knig hatte deshalb erklrt, sein Sohn sei
unwohl und der dritte Tag des Festes knne nicht gefeiert werden.

Wir haben vergessen zu erwhnen, da Aschen-Trine bei ihrem raschen
Ausbruch aus dem Festsaale einen ihrer goldenen Schuhe drauen an der
Schwelle verloren hatte. Am andern Morgen hatte der Knigssohn den
verlorenen Schuh gefunden und die Hoffnung gefat, dadurch dem Mdchen
auf die Spur zu kommen. Seine Sehnsucht lie ihm nicht Tag noch Nacht
Ruhe; er wre eher in den Tod gegangen, als da er die unbekannte fremde
Dame fr immer aufgegeben htte, aber wo sollte er sein Liebchen finden?
-- Nach einigen Tagen ertheilte er Befehl, in Stadt und Land berall zu
verknden, da es sein fester Entschlu sei, diejenige Jungfrau zu
seiner Gemahlin zu machen, deren Fu in den zurckgelassenen goldenen
Schuh passen wrde. Auf diesen Ruf eilten nun alle jungen Mdchen
herbei, ihr Heil zu versuchen, ob ihr Fu so gebaut sei, da er sie zur
Gemahlin des Knigssohnes machen knne.

In dem schnsten der Gemcher des Knigssohnes stand der hbsche goldene
Schuh auf einem seidenen Kissen; dahin wurden die Mdchen, hoch und
nieder, eine nach der andern gefhrt, damit jegliche den Schuh anpassen
knne. Aber der Einen war der Schuh zu lang, der Andern wieder zu kurz,
der Dritten zu eng, so da keiner Einzigen Fu hineinpate. Manche Zehe
und manche Hacke mute Pein leiden, ohne da es half. Eines Tages waren
auch Aschen-Trine's Stiefschwestern hingegangen, ihr Glck zu versuchen.
Nach ihrer Meinung hatten sie so kleine Fe, da ihnen schon der
Frauenschuh[24] htte passen mssen. Darum schoben, stopften, drckten
und stieen sie mit Gewalt den Fu in den goldenen Schuh, da das Blut
unter den Zehen durchschien. Aber alle ihre Mhe war umsonst. Die
jngere Schwester sagte mit Nasenrmpfen: Das ist ein dummer Schuh, den
man zum Schabernack gemacht hat und in den kein menschlicher Fu
hineingeht. Im nchsten Augenblicke schon sollte ihre Rede Lgen
gestraft werden.

Gro war nmlich der Schwestern Erstaunen, als pltzlich die Thr
aufging und -- Aschen-Trine eintrat, in ihrem alltglichen mit Staub und
Asche bedeckten Anzuge, den sie immer am Heerde trug. Zornig gaben die
Schwestern Befehl, das schmutzige Ding hinauszuwerfen, aber noch ehe
Jemand diesem Befehl nachkommen konnte, hatte Aschen-Trine schon ihren
Fu in den goldenen Schuh gesteckt, der ihr pate wie angegossen. Und
ehe die Zuschauer noch Zeit hatten, sich von ihrem Erstaunen zu erholen,
begab sich etwas noch Seltsameres vor ihren Augen. Das Gemach erfllte
sich pltzlich mit dichtem Nebel, so da man keinen Schritt weit vor
sich sehen konnte. Aus dem Nebel schimmerte dann pltzlich etwas wie ein
helles Feuer hervor, und aus diesem entwickelte sich die glnzende
Gestalt der kleinen Zauberin; sie berhrte mit dem Goldstbchen
Aschen-Trine, deren geringe Hlle mit Gedankenschnelle von ihr abfiel,
so da sie als die leuchtende Jungfrau da stand, welche an jenem ersten
Festabend dem Knigssohne als die lieblichste von allen erschienen war.
Dieser strzte nun jauchzend auf die schne Jungfrau zu und umarmte sie
mit den Worten: Diese Jungfrau hat Gott mir zur Gefhrtin geschaffen.

Die kleine Zauberin, oder wer sie sein mochte, schenkte der Aschen-Trine
eine so groe Mitgift, da man sie fuhrenweise in die Stadt bringen
mute, wo dann ein prchtiges Hochzeitsfest gefeiert wurde, welches
einen vollen Monat dauerte. So war aus der verachteten Waise die
Gemahlin eines Knigssohnes geworden. Ihre Stiefschwestern wollten vor
Neid bersten, da die Aschen-Trine sich so hoch ber sie erhoben hatte
-- Aschen-Trine, welche sie bis dahin schlimmer als den Hofhund gehalten
hatten. Aber Aschen-Trinen's gutes Herz mochte ihnen nicht Bses mit
Bsem vergelten, sondern verzieh ihnen all' ihr Unrecht, ja sie that
ihnen noch obendrein Gutes, als sie nach des Schwiegervaters Tode
Knigin geworden war.

Obwohl sie nun schon lngst unter dem Rasen ruht, so lebt doch ihr
Andenken noch ungeschwcht im Munde des Volkes, und sie wird gepriesen
als die beste und auch als die schnste der Kniginnen.

[Funote 21: Wrtlich: das ungelegene Brotwiesel. L.]

[Funote 22: Wrtlich: als ob Feuer in deiner Tasche brenne. L.]

[Funote 23: S. Bd. 1, S. 102, Anm. 2. L.]

[Funote 24: Cypripedium Calceolus. L.]




8. Reichlich vergoltene Wohlthat[25].


Brennende Sonnenhitze drohete einen Gewitterregen; rasch suchte deshalb
ein junger Bauer die Schwaden auf der Wiese zusammenzunehmen, damit das
trockene Heu noch vor Ausbruch des Regens bedeckt wrde. Als er nach
rasch abgethaner Arbeit sich auf den Heimweg machte, stieg am sdlichen
Himmel schon dunkles Gewlk auf und kam rasch nher. Der junge Mann
beschleunigte seine Schritte, um noch vor dem Regen nach Hause zu
kommen. Am Saume des Waldes gewahrte er einen fremden Mann, dessen Haupt
an einen Baumstamm gelehnt war, in so tiefem Schlafe, da der nahende
Donner ihn nicht erweckte. Dies Mnnlein knnte heute rger bethaut
werden, als ihm lieb wre, wenn ich es nicht wecke -- dachte der Bauer
und trat nher. Hre Brderchen! rief er und schttelte den
Schlafenden an der Schulter. Wenn du nicht einen Pelz wie eine
Gnsehaut anhast, so spring' auf und suche Schutz vor dem Regen; ein
schweres Gewitter ist im Anzuge. Der fremde Mann sprang erschrocken auf
die Fe und sagte: Dank dir, tausend Dank, Bauersmann, fr dein gut
gemeintes Aufwecken! Dann fhlte er hastig in seinen Taschen herum, als
suchte er nach Geld, um es als Belohnung anzubieten. Da er aber in den
leeren Taschen nichts fand, wandte er sich halb beschmt wieder zum
Bauer und sagte: Zum Unglck habe ich gerade nichts in der Tasche, was
ich dir als Belohnung bieten knnte, aber doch soll dir deine Belohnung
nicht vorenthalten bleiben. Ich habe gewaltige Eile, wenn ich mich vor
dem drohenden Regengu retten will; achte deshalb auf, was ich dir kurz
sagen will und behalte es wohl. Nach zwei Jahren wird man dich zum
Kriegsdienst nehmen und du wirst in ein Reiterregiment eingestellt
werden. Eine Zeit lang wirst du mit dem Heere von einem Orte zum andern
ziehen, bis ihr endlich im Norden, in Finnland, in Quartier kommt. Eines
Tages wird dir das Herz von Heimweh schwer werden, wenn gerade an dir
die Reihe ist, die Pferde auf die Weide zu fhren. Eine kleine Strecke
weit von deinem Standquartier, auf einer weiten Rasenflche, wird eine
krumm gewachsene Birke dir in's Auge fallen. Tritt an die Birke heran,
klopfe drei Mal unten auf den Stamm und frage: ist der _Krumme_ zu Hause?
Dann wirst du den Lohn fr die heute mir erwiesene Wohlthat empfangen.
Und nun Gott befohlen! -- Damit eilte er davon und war in kurzer Zeit
den Augen des Bauers entschwunden. Dieser sah ihm mit spttischem
Kopfschtteln nach und ging dann rasch nach Hause. Als er beim Ausbruch
des Regens sein Haus erreicht hatte, war der Fremde sammt seinen
Prophezeiungen vergessen.

Gleichwohl begab sich spter etwas, was den ersten Theil der
Prophezeiung wahr machte: der junge Bauer wurde nach zwei Jahren zum
Soldaten genommen und der Reiterei zugetheilt. Man sollte meinen, da
ihm dieses Begegni das Zusammentreffen mit dem fremden Manne in's
Gedchtni zurckgerufen htte, aber dem war nicht also, vielmehr schien
jener Tag gnzlich aus seiner Erinnerung geschwunden. Er war nun schon
eine Zeit lang mit seinem Regimente von einem Ort zum andern gezogen und
endlich, nachdem er ber vier Jahre lang Kronsbrot gegessen hatte, im
nrdlichen Finnland in's Quartier gekommen. Hier in der Fremde, fern von
Hause und von den lieben Seinigen, wurde ihm das Herz oft schwer, und
die Sehnsucht prete ihm Thrnen aus, wenn er allein ber seine Gedanken
brtete. Eines Tages traf ihn die Reihe, die Pferde auf die Weide zu
fhren. Als er nun wieder so allein und mimuthig auf dem Felde da sa
und seine sehnschtigen Gedanken in die Heimath wandern lie, trafen
seine Augen zufllig auf eine krumm gewachsene Birke, die nicht weit von
ihm stand. Da wurde ihm wunderbarer Weise mit einem Male frhlich zu
Muthe, die Tage seiner Kindheit und Jugend stiegen lebendig in seiner
Erinnerung auf, und auch der Ort, wo er sich befand, schien ihm lngst
bekannt, wiewohl er sich keine klare Rechenschaft darber geben konnte,
ob er dieses Bekanntsein trumend oder wachend empfinde. Als er sich mit
der Hand die Stirn rieb, gleichsam um sein Gedchtni zu wecken, fiel
ihm pltzlich die Begegnung mit dem fremden Manne deutlich wieder ein,
wie ein Sonnenstrahl aus dichtem Gewlk bricht. Das Zusammennehmen der
Schwaden, die drohend aufsteigende Gewitterwolke, der fremde Schlfer am
Waldessaum und dessen bedeutungsvolle Prophezeiung -- Alles stand vor
ihm, als wre es erst gestern geschehen. Als er nun alle seine
Lebensschicksale bis heute im Geiste durchflog, fand er, da die
Prophezeiung eingetroffen war. Was kann mir denn der Versuch schaden,
da ich zur Birke gehe und an ihren Stamm klopfe? dachte der Mann.
Einmal wei doch hier Niemand, weshalb ich es thue und dann sieht mich
ja auch jetzt kein Mensch, der mich spter wegen meines nrrischen
Beginnens verspotten knnte.

So denkend, nherte er sich der Birke und sah sich eine Weile nach allen
Seiten um, ob in der Nhe nichts Strendes zu erblicken sei; dann fate
er sich rasch ein Herz und klopfte dreimal leise an den Stamm, whrend
seine Zunge halb widerstrebend fragte: Ist der _Krumme_ zu Hause? Es kam
keine Antwort. Der Kriegsmann fhlte seinen Mut wachsen, klopfte noch
einmal strker, so da der Stamm wiederhallte und rief mit starker
Stimme: Ist der _Krumme_ zu Hause?

In der Birke erhob sich ein Gerusch und pltzlich stand der fremde
Mann vor ihm, wie vom Winde hergeblasen. Nun, mein Lieber! sagte er
freundlich -- es ist sehr gut, da du mir mein Versprechen in's
Gedchtni zurckgerufen hast. Ich glaubte, du habest ganz vergessen,
was ich dir einst sagte, und es wre mir sehr leid gewesen, wenn es mir
deshalb nicht mglich geworden wre, dir meine Schuld abzutragen.
Kinder, he! rief er in die Birke hinein: wer von euch kann am
schnellsten sein? -- Ich -- erwiderte eine Stimme -- kann so schnell
sein, wie der Vogel fliegt. -- Schon gut, sagte der Krumme, aber wer
kann noch schneller sein? Ein andere Stimme erwiderte: Ich kann mit
dem Winde um die Wette laufen! -- Wollen wir sehen ob ein anderer noch
schneller sein kann -- sagte der Alte und fragte dann zum dritten Male.
Darauf erwiderte ein feines Stimmchen: Vater, ich kann so schnell sein,
wie der menschliche Gedanke![26] Komm, mein Sohn, rief der Krumme --
dich kann ich heute gerade brauchen. Darauf stellte er einen
mannshohen, mit Gold- und Silbermnzen gefllten Sack vor den Kriegsmann
hin, fate diesen am Hute und sagte: Kriegsmann und Hut auseinander!
und Mann und Sack nach Hause! Augenblicklich fhlte der Reitersmann,
wie sein Hut ihm vom Kopfe flog, als er sich aber umsah, wo der Hut
hingekommen sei -- fand er sich pltzlich daheim in Mitte der Seinigen
und der gewaltige Geldsack stand neben ihm auf dem Boden. Anfangs hielt
er das Begegni fr einen Traum, bis er sich endlich berzeugte, da
sein Glck ein wirkliches sei.

Da kein Mensch auf ihn als einen Ausreier fahndete, so kam er endlich
auf die Vermuthung, da der abhanden gekommene Hut an seiner Statt im
Dienste geblieben sei. Vor seinem Tode erzhlte er die wunderbare
Begebenheit seinen Kindern und sprach dabei die Meinung aus: da das
geschenkte Geld ihm Glck gebracht habe -- so knne der Geber kein bser
Geist gewesen sein.

[Funote 25: Vgl. Boecler u. Kreutzwald S. 112. Der fremde Mann, der
Krumme, ist nach der Aussage desjenigen der Kreutzwald die Sage
mittheilte, der _Baumelf_. Vgl. auch Bd. 1, S. 60, Anm. L.]

[Funote 26: Man vgl. das Lessingsche Fragment des Faust. Die
Schnelligkeit des menschlichen Gedankens nimmt hier die fnfte Stufe ein
-- die siebente und hchste Stufe ist -- der Uebergang vom Guten zum
Bsen. (Faust spricht mit den sieben schnellen Geistern der Hlle.)
Lessings smmtl. Schriften, Berl. 1827, Bd. 28, S. 174. L.]




9. Die Stiefmutter[27].


Ein noch junger Wittwer hatte zum zweiten Male gefreit, dabei aber seine
Augen zu Hause vergessen, so da er ein gar tckisches Weib in's Haus
gebracht hatte. Ein wahres Hundeleben hatte bei ihr das Tchterchen der
ersten Frau, welches zwei Jahre alt nachgeblieben war, wie ein Lmmlein.
Als die Stiefmutter dann selber ein Tchterchen zur Welt gebracht hatte,
ging es dem Stiefkinde vollends gar jmmerlich. Dennoch ertrug das arme
mutterlose Geschpfchen alles Bittere und Schwere, und klagte seine Noth
Niemanden, als oftmals unter Thrnen seinem Gott im Himmel. -- Die
schlaue bse Stiefmutter wute vor den Leuten ihre Bosheit zu verstecken
und geberdete sich so, da Unkundige glauben konnten, sie verhtschele
ihre Stieftochter mehr, als ihre eigene leibliche Tochter. Gingen die
Tchter Sonntags zur Kirche oder sonst wohin auf Besuch, so sah man
stets die Stieftochter hbscher angezogen als das eigene Kind. Es wohnte
aber in der Nachbarschaft eine kluge alte Kinderbesprecherin,[28] welche
die Sache durchschaute und recht gut wute, wie es der Stieftochter zu
Hause ging, wenn keine Zuschauer da waren. Wenn diese Alte zuweilen hin
kam, so streichelte sie heimlich dem Stiefkinde Kopf und Wangen und
sagte: Harre aus und hoffe! es bricht schon noch einmal eine bessere
Zeit fr dich an. Dem Wartenden aber wird die Zeit lang; und als Jahr
auf Jahr verstrich, ohne ein besseres Leben herbeizufhren, kam die
Waise zu der Ansicht, da das Dorfmtterchen ihr nur leere Worte
vorgeschwatzt habe.

Beide Tchter waren herangewachsen, da kam eines Morgens ein Freier auf
den Hof. Aber zum Verdru der Mutter begehrte der Mann nicht ihre eigene
Tochter, sondern die Stieftochter zur Frau. Die Mutter sagte: Meine
Tchter sind beide noch sehr jung, und ihr Nacken ist noch zu schwach
fr das Joch der Ehe[29]; ich will sie nicht so frh verheirathen. Der
Mann mochte aber nicht mehr lange warten und man kam endlich berein,
da er nach einem halben Jahre mit dem (Freier-) Branntwein wieder
kommen solle. Die Mutter dachte bei sich: vielleicht gelingt es mir, die
Sache so zu wenden, da er dennoch meine Tochter zum Weibe nimmt. Als
nun der Freier nach einem halben Jahre wieder kam, hatte die Mutter den
Anzug der Tchter vertauscht und beide so an den Spinnrocken gesetzt,
da der in die Stube Tretende nur ihren Rcken erblickte. Der Branntwein
wurde angenommen und freundlich sagte die Mutter: Wohlan, lieber
Freier, wenn das alte Wort Wahrheit redet, so mu das Herz dich zu
deinem Liebchen ziehen, ohne da du es siehest. Sage mir jetzt: welche
von den beiden Spinnerinnen ist dein Schatz? Der Freier schritt alsbald
gerade auf den Rocken der Stieftochter zu sagte: Die Schale ist wohl
anders aber der Kern steckt doch hier in meinem Schatze. So mute denn
der Freierbranntwein getrunken werden und obgleich der Mutter das Herz
vor heiem Zorne zu springen drohte, zeigte sie doch dem Freier ein
freundliches Gesicht. Als der aber fort war, fiel sie rger als ein
Hagelwetter ber die arme Stieftochter her, die -- so meinte die Frau --
dem Brutigam heimlich ein Zeichen gegeben habe.

Am Hochzeitsmorgen putzte sie ihre eigene Tochter mit prchtigen
Kleidern heraus und hllte ihr das Gesicht in seidene Tcher ein, so da
kaum die Nasenspitze frei blieb, weshalb auch weder Brutigam noch
Hochzeitsgste den Betrug merkten. Die Stelle der Tochter durfte aber
nicht leer bleiben, deshalb hatte sie eine Strohpuppe gemacht, derselben
die Kleider ihrer Tochter angezogen und sie an den Heerd gesetzt, so da
sie die Gste glauben sollten, ihr Kind bleibe zu Hause und koche fr
die Hochzeitsgste, whrend die Stiefschwester in der Kirche dem Manne
angetraut werde. Die arme Stieftochter sa aber inzwischen in der
Riege[30] in einer alten umgestlpten und mit vielem Gerll bedeckten
Tonne, wie eine Maus in der Falle.

Der Hochzeitstag war noch nicht weit, als die alte Nachbarin dem Mdchen
zu Hlfe eilte, es aus seinem Gefngni befreite und ihm befahl dem Zuge
hurtig nachzulaufen, um in der Kirche die Traurede des Geistlichen
anzuhren, auf dem Wege zur Kirche aber sangen des Brutigams
Schlittensohlen unaufhrlich:

    Liebchen sthnet unterem Fa,
    Hhnchen seufzet unterm Deckel,
    Zieht dein Pferd doch eine Fremde
    Ja ein Unhold fhrt im Schlitten.

Der Brutigam fragte: Was denn die Schlittensohlen so wunderlich
quiekten? Schlau erwiderte die Schwiegermutter:

    Schlittensohle tanzt zur Hochzeit
    Und das Krummholz knarrt vor Freude.

Die aus dem Fasse befreite Stieftochter lief so rasch sie konnte dem
Hochzeitszuge zur Kirche nach, aber freilich waren die Beine der Rosse
viel flinker, so da sie die Hochzeitsgste nicht mehr einholen konnte.
Als sie in die Kirche trat, waren die Ringe schon gewechselt. Was jetzt
beginnen? Alle Hoffnung war geschwunden. Weinend verlie die betrogene
und verachtete Braut die Kirche und setzte sich am Wege nieder, wo der
Hochzeitszug von der Kirche her vorbeifahren mute. Dort sang sie, als
der Zug vorbeikam:

    Haltet, haltet, Hochzeitsgste,
    Weile, weile, lieber Brut'gam!
    Hast 'ne Fremde mitgenommen
    Hast dein Hhnchen ja verloren!

Der Brutigam fragte wieder, was der Gesang zu bedeuten habe und die
Schwiegermutter erwiderte: Ein ungebetener Gast singt albernes Zeug!
Aber die Sache schien doch dem Brutigam durchaus nicht so albern; er
lie darum halten, und wollte selbst gehen um zu forschen, was diese
Posse zu bedeuten habe. Aber der Brautvater schalt ihn und sagte: Mache
dich doch nicht zum Gesptte vor den Leuten! Wer wird wenn es zur Freite
oder zur Hochzeit geht, auf Hundegebell hren? Deinen Schatz hast du im
Schlitten, jetzt fahre nach Hause ehe die Wrste und Kuchen kalt
werden. Aber das verachtete Mdchen war hinten auf den Tritt eines der
Schlitten gesprungen und fuhr so mit den Anderen nach Hause. Als der Zug
still hielt, bis des Brutigams Genossen die Bierkannen aus dem Hause
holten[31], schlpfte das Mdchen vom Schlitten herunter, setzte sich
unter einen Wachholderbusch und sang wieder ihren Vers:

    Haltet, haltet, liebe Gste,
    Weile, weile, lieber Brut'gam!
    Dir im Schlitten sitzt 'ne Wlfin --,
    Hhnchen unter dem Wachholder.

Dem Brutigam schwoll das Herz vor Unmuth, er wollte jetzt der Sache auf
den Grund kommen, aber die Mutter und der Brautvater wehrten ihm
sogleich: Hre nicht auf das dumme Geschwtz von Eindringlingen, du
machst dich nur zum Gesptte vor den Leuten! So unsicher auch der
Brutigam geworden war, wagte er doch nicht, das Wort lterer Leute in
den Wind zu schlagen.

Als man in's Hochzeitshaus gekommen war, wurde die junge Frau aus dem
Schlitten gehoben und an den Tisch gefhrt, aber die Tcher wurden ihr
nicht vom Kopf genommen, so da der Brutigam den Betrug nicht gewahr
werden konnte. Als man sich zum Essen gesetzt hatte, sang das verachtete
Kind hinter der Thr:

    Brutigamchen ist betrogen
    Hat ein fremdes Theil bekommen!

Die Schwiegermutter sprang zornig vom Tische auf und sagte: Jagt mir
die unverschmten Schmarotzer von der Schwelle! Aber die Stieftochter
flchtete auf den Boden, wo sie so lange warten wollte, bis das junge
Paar in die Schlafkammer gefhrt wrde. Dem Brutigam schmeckte weder
Speise noch Trank mehr, ihn hatten die seltsamen Snge, die er
wiederholt vernommen, ganz verstimmt.

Da die junge Frau keine Brste hatte, wie sie ihrem Geschlechte eigen
sind, so hatte ihr die Mutter Bschel von Hede unter's Hemd in den Busen
gestopft. Als nun die Gste zur Ruhe gingen und auch das junge Paar sich
in's Schlafgemach begab, sang das bekannte Stimmchen wieder vor dem
Fenster:

    Brutigamchen, liebes Brschlein!
    Auf der Brust sind Bschel Hede;
    Hede giebt dem Kind nicht Nahrung,
    Noch dem Manne seine Freude.

Der Brutigam stand unschlssig, das Herz war ihm frostiger als ein
Februarmorgen, als aber die junge Frau eingeschlummert war, eilte er
sich zu berzeugen, ob der Gesang Wahrheit oder Lge verkndet habe, und
siehe! in der That fand sich Hede am Busen statt der Brste. Jetzt wurde
dem Mnnlein der Betrug klar, doch sagte er Niemandem ein Wrtchen
davon, sondern machte heimlich einen Anschlag, den Frevel zu ahnden. Als
er andern Tages mit der jungen Frau nach Hause fuhr, fand er am Flusse
ein Loch im Eise, hielt das Pferd an und that als ob er es trnken
wolle, packte dann pltzlich die junge Frau bei den Haaren, schleppte
sie bis an den Rand des Loches und stie sie dort Kopf unten Fe oben
unter's Eis. Besser unbeweibt leben als eine Hedekunkel umarmen,
dachte der Mann und fuhr seiner Wege.

Als er am Abend nach Hause kam, fand er zu seiner Ueberraschung sein
Schtzchen schon vor der Kammer; die alte Nachbarin hatte es heimlich
dahin geschafft. Der Mann war mit dem Tausche sehr zufrieden, that aber
keinem Menschen kund, was ihm auf der Hochzeit begegnet war, sondern
lebte ruhig und glcklich mit seiner jungen Frau weiter.

Ueber ein Jahr spter, als die junge Haubentrgerin schon gesegneten
Leibes gewesen war, und gerade ihr erstes Kind schaukelte, wollte die
Stiefmutter ihr einen Besuch machen; sie hatte nichts von der
Vertauschung der Frauen erfahren, sondern meinte, ihre eigene Tochter
sei die Gattin des Mannes. Da die Stieftochter sich nach der Hochzeit
nicht mehr hatte blicken lassen, fand die Mutter ganz natrlich. Das
Mdchen hat ein Haar im Hochzeithalten gefunden -- dachte sie -- und
wei schon im Voraus, wie der Feuerbrand auf ihrem Rcken tanzen wrde,
wenn sie wieder kme.

Als sie auf der Fahrt zum Schwiegersohn an das Fluufer kam, wo im
verflossenen Winter der Mann die ihm angetraute Frau ertrnkt hatte,
fand sie eine hbsche Teichrose[32] auf dem Wasser blhen. Die Mutter
wollte das Blmlein herausziehen und ihrer Tochter mitbringen, da sie
sich daran ergtze. Als sie aber die Hand danach ausstreckte, hrte sie
ein Tnen -- ob es aus der Luft oder dem Wasser kam, konnte sie nicht
recht unterscheiden, aber Gesang lie sich also vernehmen:

    La das Blmlein ungepflcket,
    Nimmer brich das blh'nde Rslein:
    Es entspro aus deiner Tochter,
    Es erwuchs aus deinem Liebling,
    Aus dem trauten Herzenspppchen.

Die Mutter erschrak ber das, was sie vernommen; sie wute nichts
besseres zu thun, als einen Weisen aufzusuchen, dessen Zauberkraft das
Tchterchen aus der Blumenhaft befreien knne. Mit Hlfe dieses Weisen
erhielt denn auch die Teichrose ihre Menschengestalt zurck und so kam
die Mutter wieder zu ihrer verlorenen Tochter, und fuhr mit ihr nach
Hause zurck. Hier begann sie mit sich zu Rathe zu gehen, wie der
Schwiegersohn, der ihr theures Kind im Flusse ertrnkt hatte, am besten
zu bestrafen wre. Nachdem sie lange fruchtlos hin und her gesonnen
hatte, ging sie wieder zum Weisen und bat ihm um Hlfe. Der Weise
versprach, die Tochter in eine Katze zu verwandeln und so in den Hof des
Schwiegersohnes zu schicken, dort sollte die Katze bei Nacht in aller
Stille dem Kinde der Stiefschwester die Kehle dermaen zerkratzen, da
das Kind nicht wieder aufwachen wrde. Aber die alte
Kinderbeschwichtigerin, welche eine nicht minder verschlagene Zauberin
war, lief voraus in des Schwiegersohnes Hof, wo sie noch vor der Katze
ankam; sie unterrichtete die Frau und sagte: Wenn die fremde Katze am
Abend in die Stube kommt, so gieb ihr Milch zu lecken, streichle sie und
locke sie auf deinen Schoo. Alsdann versenge ihr mit heier Asche
Krallen und Pfoten und wirf sie zur Thr hinaus. Die junge Frau
erfllte genau die Vorschrift des Dorfmtterchens und hrte dann noch
eine gute Weile, wie die Katze drauen schmerzlich wimmerte.

Am folgenden Tage wurde in der Nachbarschaft ruchbar, da die Tochter,
welche in Katzengestalt gegangen war, pltzlich schwer krank geworden
sei, so da sie nicht aufstehen konnte. Hnde und Fe waren in Lappen
gewickelt, aber welcherlei Schaden sie genommen hatte, das erfuhr
Niemand, da Mutter und Tochter ber den bsen Vorfall schwiegen. Die
Mutter aber sann Tag und Nacht auf nichts weiter, als wie sie dem
Schwiegersohne und der Stieftochter Schlimmes zufgen knnte. Sie
dachte: wenn der Weise _mich_ in ein Thier verwandelt, so wird die Sache
besser gehen: ich werde ihnen die verbrannten Hnde und Fe meiner
Tochter mit Zinsen heimzahlen. Der Zauberer verwandelte sie in einen
Hund, schlug heimlich des Schwiegersohnes Hund todt, balgte ihn ab und
zog die Haut ber die zum Hunde umgewandelte Mutter, so da des
Schwiegersohnes Hausgesinde das Thier fr den eigenen Hund halten
sollte. Aber die Kinderbeschwichtigerin war wieder schneller; sie lief
auf des Schwiegersohnes Hof und sagte: Euer Hofhund droht toll zu
werden, er luft umher und sucht Menschen und Thiere zu beien. Drum
haltet ihn fest, wenn er den Abend nach Hause kommt, legt ihm einen
Strick um und schlagt ihn die Zhne aus dem Maule, schneidet ihm auch
die Ohren ab, dann wird Niemand ihn zu frchten haben. Der Mann that
nach der Zauberin Gehei, zerschmetterte dem Hunde die Zhne mit einem
Steine, schnitt ihm die Ohren glatt vom Kopfe und trieb ihn dann hinaus.
Man hrte drauen noch lange das Schmerzgeheul des Hundes.

Den andern Morgen aber lag die in Hundsgestalt umgegangene
Schwiegermutter schwer krank im Bette, der Mund geschwollen und blutig,
die Ohren in Tcher gewickelt. Weder Mutter noch Tochter hatten jetzt
noch Lust zum dritten Male ihr Heil zu versuchen, obwohl sie im Stillen
hin und her dachten, wie sie einmal dem Tochter- und Schwestermann Alles
heimzahlen knnten. Sie versprachen dann dem Weisen eine sehr groe
Belohnung und zahlten ihm den dritten Theil als Handgeld voraus, damit
er ohne ihr Zuthun selber die Zchtigung vollstrecken mge. Wohl
versuchte jetzt der Weise allerlei List und Rnke, aber die
zauberkundige Kinderbeschwichtigerin machte alle seine Knste zu nichte,
so da der Alte endlich froh war, nur mit heilen Gliedmaen davon zu
kommen.

Die ohne Trauung in die Ehe getretene Stieftochter lebte bis an ihr Ende
glcklich mit ihrem Manne. Gott hatte ihnen fnf Kinder gegeben, die
alle schon ihr Geschft hatten, als ihre Eltern aus dieser Welt
schieden. Von der Stiefmutter und ihrer eigenen Tochter hat man nie
wieder etwas gehrt.

[Funote 27: Vgl. das in manchen Zgen verwandte Mrchen 15 im ersten
Bande: Rugutaja's Tochter und m. Anm. daselbst. L.]

[Funote 28: Vgl. Anm. zu Bd. 1, S. 203. L.]

[Funote 29: Wrtlich: ihr Hals kann die Haube noch nicht tragen.]

[Funote 30: Dresch- oder Darrscheune. L.]

[Funote 31: Vgl. Boecler-Kreutzwald, S. 30. Der letztere sagt hier:
Der Brautzug macht etwa eine Werst vor dem festlichen Hochzeitshause
halt, damit die Frauen ihre Toilette ordnen knnen, whrend einer von
den Brutigams-Buben vorausreiten und den Zug anmelden mu. Bald sprengt
der eilende Bote zurck, mit einer hohen Bierkanne beladen, aus der
zuerst das Brautpaar, dann smmtliche Gste getrnkt werden. Den Rest
trinkt der Ueberbringer selbst mit Wohlbehagen, damit er einen Sohn
erzeuge, wenn er einst in den Ehestand treten wird. Wer den Bodensatz
trinkt, bekommt einen Sohn ist Sprichwort. L.]

[Funote 32: Vgl. Bd. 1, S. 13. L.]




10. Klugmann in der Tasche.


Ein junger Mann hatte sich einst auf einer Wanderung an einem groen
Steine niedergelassen um sein Mittagsbrot zu essen, und nachdem er sich
gesttigt hatte, streckte er seine mden Glieder der Lnge nach auf den
Rasen aus, das Haupt an den Stein lehnend. Im Schlafe wurde er von
nrrischen Trumen geweckt, es war, als ob ein leises summendes
Stimmchen ihm unaufhrlich in's Ohr sang, aber was noch wunderlicher
war, auch beim Erwachen verstummte das Gesumme nicht, sondern dauerte
noch fort. Es kam dem Manne vor, als wenn das Stimmchen aus dem Steine
oder unter demselben hervordrnge. Lauschend legte er das Ohr an den
Stein und vernahm deutlich, da das Gesumme da heraus kam. Als er
schrfer hinhorchte, konnte er auch allmhlich die Worte verstehen:
Glckskind! befreie mich aus der ewig langen Gefangenschaft! Schon
siebenhundert Jahre dulde ich durch Zaubermacht hier schwere Pein, die
gleichwohl meinem Leben kein Ende macht. Du bist bei Sonnenaufgang am
Himmelfahrtstage zur Welt gekommen und du allein kannst mich aus dem
Kerker befreien, wenn du nur den guten Willen hast zu helfen. Der junge
Mann antwortete zweifelnden Sinnes: Wer wei, ob die Kraft mit dem
Willen gleichen Schritt hlt! Erzhle mir erst dein Unglck
ausfhrlicher und dann gieb mir an, was ich zu deiner Rettung
unternehmen kann?

Das verborgene Stimmchen sagte: Schneide da, wo drei Hofgter
zusammenstoen, einen Ebereschenzweig von Fingersdicke und Spannenlnge,
nimm eine Handvoll Brlapp und Hexenkraut[33], znde Alles zusammen an
und beruchere damit, indem du neun Mal gegen den Sonnenlauf um den
Stein wandelst, den ganzen Stein, so da auch kein Fleckchen vom Geruche
unberhrt bleibt: dann werden sich die Pforten meines Kerkers aufthun,
so da ich wieder an's Tageslicht treten und an die Luft kommen kann.
Mein Dank fr deine Wohlthat soll grenzenlos sein, du sollst durch mich
ein groer Herr werden.

Der Mann stand eine Weile nachdenklich, dann sagte er: Dem Nchsten in
der Noth zu helfen, ist eines jeden Christenmenschen Pflicht, und wenn
ich in diesem Augenblicke auch nicht wissen kann, ob du ein guter oder
bser Geist bist, so will ich dich dennoch aus deiner Noth befreien.
Aber bevor ich das thue, mut du mir feierlich geloben, da fr keinen
Christenmenschen aus deiner Freiwerdung Schaden entstehen wird. Der im
Stein Gefangene gelobte dies eidlich und wiederholte seine
Versprechungen in Bezug auf den Rettungslohn. Jetzt ging der Mann in den
Wald, um die erforderlichen Hlzer und Kruter zum Ruchern zu suchen.
Zum Glcke wute er einen Ort, der nicht allzuweit entfernt war und wo
die Grenzen von drei Landgtern zusammenstieen. Dennoch dauerte das
Aufsuchen der erforderlichen Dinge bis zum Mittag des andern Tages, so
da er erst kurz vor Abend zurck kam.

Bald nach Sonnenuntergang begann er mit der Berucherung des Steines,
ging der Vorschrift gem neun Mal gegen Morgen um den Stein herum und
trug Sorge, da auch nicht der kleinste Fleck unberuchert blieb. Als er
eben den neunten Umgang beendigt hatte, erscholl ein pltzlicher Krach,
als ob der Erdboden geborsten wre, in demselben Augenblick hob sich der
groe Stein und stieg drei Klafter hoch empor. Ein Mnnlein sprang wie
der Wind aus der Grube heraus und lief spornstreichs davon. Er war noch
nicht fnf Schritt weit gekommen, so fiel der Stein in seine Vertiefung
zurck, den Retter und Geretteten mit Staub und Schutt bedeckend. Dann
kam der Gerettete auf seinen Retter zu, umarmte ihn dankend und wollte
ihm Hnde und Fe kssen, was aber der junge Mann nicht zulie. Beide
setzten sich nun am Steine auf den Rasen nieder und das befreite
Mnnlein begann folgendermaen seine Lebensgeschichte zu erzhlen:

Ich war zu meiner Zeit ein sehr berhmter Zauberer, that den Leuten
viel Gutes und erhielt dafr reichliche Bezahlung. Ich heilte Menschen
und Thiere, wenn ihnen etwas zustie; ebenso vereitelte ich die
schdlichen Werke bser Hexen. Dewegen haten mich diese und frchteten
mich wie das Feuer, weil ich ihnen in allen Stcken berlegen war. Sie
pflogen unter einander vielfltig Rath, wie sie mir Fallstricke legen
knnten, aber meine Kunst machte alle ihre Anschlge zu Schanden, so da
mir kein Schaden daraus erwuchs. Endlich legten sie eine Menge Geld
zusammen, schickten damit einen verschlagenen Boten nach Nordland und
lieen von da einen starken Mona-Zauberer[34] zu Hlfe kommen. Dieser
Schelm bemchtigte sich meiner mehr durch List als durch Gewalt, stahl
mir heimlich meine Zauberwerkzeuge und sperrte mich unter dem Steine da
ein, wo ich so lange Zeit Pein leiden sollte, bis ein Glcksfall einen
Mann herfhren wrde, der am Himmelfahrtsmorgen bei Sonnenaufgang
geboren worden. Siebenhundert Jahre hatte ich umsonst auf diesen
glcklichen Augenblick gewartet, da kamst du her, erhrtest liebreich
meine Bitten und wurdest mein Befreier. Dank, unendlichen Dank dir fr
diese Wohlthat; so lange meine Lebenstage dauern, will ich dir danken.
Ich will dir ohne Lohn Tag und Nacht dienen, alle meine Strke und
Klugheit zu deiner Beglckung aufwenden, bis ich dich so hoch erhoben
habe, als ein Sterblicher nur steigen kann. Erst wenn ich dir dieses
Gelbni erfllt habe, will ich dich mir selbst zu Hlfe rufen, um mit
deinem Beistande meinem Feinde seine Bosheit zu vergelten, sollte ein
glcklicher Zufall ihn mir vor Augen bringen. Bis zu dem Tage will ich
mich vor den Augen der Menschen verborgen halten, damit meine Feinde
nichts von meiner Befreiung erfahren. Ich vermag durch Zauberkraft mich
in jede beliebige Gestalt zu verwandeln, sie sei gro oder klein. Um dir
nun nicht beschwerlich zu fallen, will ich mich in einen Floh verwandeln
und in deiner Hosentasche wohnen. Wenn du irgend je meiner Hlfe und
meines Rathes bedarfst, so komme ich aus der Tasche hervor und springe
dir hinter's Ohr, um dir zu rathen, was du vornehmen sollst. Um meinen
Lebensunterhalt darfst du dir keine Sorge machen: ich habe siebenhundert
Jahre ohne Nahrung unter dem Steine zugebracht, was sollte mir denn in
freier Luft und im Sonnenschein fehlen? Jetzt wollen wir uns schlafen
legen und morgen frh mit einander aufbrechen, um unser Glck zu
versuchen.

Als der Geist oder Zauberer -- oder wer er sonst sein mochte -- seine
Erzhlung beendet hatte, nahm der junge Mann ein wenig Abendbrot zu sich
und legte sich zur Ruhe. Als er am andern Morgen erwachte, stand die
Sonne schon hoch ber dem Horizont, aber der Gefhrte von gestern Abend
war nirgends zu sehen. Noch im Schlafe befangen, wute der junge Mann
nicht, was er von der Sache halten sollte: ob die gestrigen Ereignisse
ihm wirklich begegnet, oder blos ein nchtliches Traumgesicht gewesen
seien? Nachdem er gefrhstckt, wollte er sich eben auf den Weg machen,
als drei Wandrer desselben Wegs daher kamen. Sie waren gekleidet wie
Handwerksburschen und trugen lederne Ranzen an Riemen auf dem Rcken.
Pltzlich fhlte unser junger Freund ein Kitzeln hinter dem Ohr und es
drang ihm wie ein feines Mckengesumme in's Gehirn: Berede die
Wanderer, sich auszuruhen und erkunde von ihnen, wohin sie wollen.
Jetzt erst fiel es ihm ein, welch' ein Abkommen sein Gefhrte mit ihm
getroffen durch das Versprechen, sich in der Hosentasche aufzuhalten und
sein Rathgeber zu sein. Die gestrigen Ereignisse waren also kein Traum
gewesen.

Der Flohtrger trat nun grend auf die Herankommenden zu, und lud sie
freundlich ein, am Steine niederzusitzen, um dann selbviert mit einander
weiter zu gehen, falls sie einen und denselben Weg htten. Die
wandernden Handwerksburschen erzhlten ihm dann, was fr ein groes
Unglck in der Knigsstadt vor einigen Tagen sich begeben habe, da des
Knigs einzige Tochter beim Baden im Flusse ertrunken sei, und obwohl
das Wasser dort gar keine Tiefe habe, so sei doch unmglich den Leichnam
aufzufinden, so da es den Anschein habe, als sei die Knigstochter im
Wasser zerflossen. Der Flohtrger fhlte wiederum das bekannte Kitzeln
und sein heimlicher Rathgeber summte ihm in's Ohr: Gehe mit ihnen, du
kannst dort dein Glck machen. Der Hrer that, wie ihm geheien und
gesellte sich ihnen zu.

Als sie schon eine gute Strecke zurckgelegt hatten, fhrte ihr Weg sie
durch einen dichten Kiefernwald, wo ein alter zerfetzter Kober am Rande
eines Grabens auf der Landstrae lag. Der Ohrkitzler sagte: Nimm den
alten Kober auf, er wird euch auf der Reise von Nutzen sein! Wenn
gleich der Mann dieser Versicherung kaum Glauben schenkte, hob er doch
den fast auseinanderfallenden Kober auf, hing ihn um und sagte
scherzend: Der Mensch mu nichts verachten, was er zufllig am Wege
findet, wer wei, was uns der Koberfetzen fr Nutzen bringen kann. Die
Gefhrten erwiderten lachend: Unserthalben nimm ihn, wenn du magst,
wenigstens wird ein leerer Kober deine Schultern nicht ermden. Wohl
sollten sie einige Stunden spter die geheime Kraft des Kobers kennen
lernen und dem Manne danken, der das verachtete Ding aufgehoben hatte.

Die brennende Mittagssonne hatte den Mnnern zum Dampfen hei gemacht;
sie setzten sich unter einen breiten astreichen Baum um auszuruhen und
wollten eben einen Bissen Brot zu sich nehmen, wie ihn jeder in seinem
Sacke mit sich fhrte, als der Ohrkitzler seinem Wirthe zuraunte:
Befiehl dem Kober, euch zu essen zu geben! -- Der Mann dachte: will er
_mich_ zum Besten haben, warum soll ich Andere verschonen? ich will ihnen
auch einen Possen spielen. Er nahm den Koberfetzen vom Halse, stellte
ihn vor sich auf den Rasen hin, klopfte mit seinem Stocke darauf und
rief: Koberchen! Koberchen! schaff uns Speise! Hat man auf der Welt
etwas Wunderbareres gesehen oder gehrt, als was jetzt geschah? Aus dem
Spae wurde sofort Ernst. Anstatt des Kobers stand ein kleiner mit
weiem Leinen gedeckter Etisch da, der war ganz mit vollen Schsseln
besetzt, vier Lffel lagen daneben; und was fr Leckerbissen gab es da!
Eine Suppe von frischem Fleische, Schweinebraten, Wrste, Kuchen von
gebeuteltem Mehle, dann zur Lschung des Durstes Flaschen mit Bier, Wein
und Meth. Die Mnner griffen ungebeten zu, als sen sie an einer
Hochzeitstafel, denn all' ihr Lebtage hatten sie keine besseren Gerichte
gekostet. Als sie satt waren und Keines mehr Speise und Trank begehrte,
verschwand der Tisch so pltzlich, wie er gekommen war und blieb nichts
zurck, als der alte Kober. Hatten die drei anfangs den Kobertrger
verlacht, so htte jetzt jeder gern das kostbare Geschenk auf den Rcken
genommen, so da schon ein Zank darber auszubrechen drohte. Da sagte
der Finder: Ich habe das schlechte Ding aufgehoben, darum bin ich auch
berechtigt, mich fr den Eigenthmer zu halten. Die andern wagten
nicht, seine Behauptung Lgen zu strafen, sondern muten den Kober
seinem Finder berlassen. Doch sollte der Nahrungsspender nicht mehr so
wie frher am Halse getragen werden, sondern einer der Wanderer, ein
gelernter Schneider, nahm Nadel und Zwirn aus seinem Ranzen und machte
aus einem Brotsacke einen Ueberzug fr den Kober, in welchen dieser
vorsichtig eingehllt wurde, damit er unterwegs nicht beschdigt wrde.

Als die Mnner einige Stunden nach der Mittagsmahlzeit geruht hatten,
machten sie sich wieder auf den Weg. Ein gesttigter Magen und ein von
Hoffnung gehobenes Herz sind die allererheiterndsten Begleiter auf der
Wanderung. Das sah man auch an unseren Wanderern, welche singend und
scherzend dahin zogen. Am Abend wurde unter einem Gebsche eine
Lagerstelle fr die Nacht bereitet, und das Koberchen gab ihnen, wie am
Mittage, reichlich Speise und Trank. Beim Schlafengehen machte es den
Mnnern die meiste Sorge, wie sie whrend der Nacht den Kober hten
sollten, da keine Diebsfinger daran kmen. Endlich wurde ausgemacht,
da alle vier ihre Kpfe auf den Kober nebeneinander legen sollten, so
da der eine seine Fe nach Sden, der andere nach Norden, der dritte
nach Osten und der vierte nach Westen streckte. Der Finder befestigte
auerdem noch das eine Ende seines Gurts an den Kober und das andere an
seine linke Hand, so da er augenblicklich fhlen mute, wenn man etwa
den Kober abschneiden wollte. Obgleich nun ihr Nahrungsspender[35] gar
nicht besser gehtet sein konnte, so wurden doch die Mnner oft durch
unruhige Trume aus dem Schlafe geweckt, und da war es immer eines Jeden
erste Bewegung, mit der Hand nach dem Kober zu fassen, um zu sehen, ob
das kostbare Ding noch da sei.

Als sie am Morgen aufstanden, bereitete ihnen das Koberchen auf ihr
Gehei ihr Frhstck. Und so herrlich ging es Tag fr Tag weiter, bis
sie nach einer Woche in die Knigsstadt kamen. Hier flsterte der
Ohrenblser seinem Retter in's Ohr, da ein bser Nix die verschwundene
Knigstochter in seinen Schlupfwinkel gebracht habe -- er wolle ihn aber
dahin fhren, wo die Jungfrau verborgen gehalten werde.

Zuvor aber hie er den Mann vor den Knig treten und diesem melden, er
habe sich zu dem Versuche entschlossen, die verschwundene Knigstochter
aus dem Flusse zu holen. Fr den Fall aber, da ihm dabei ein Unglck
zustiee, so da er nicht mit dem Leben davon kme, solle der Knig
geloben, die Hlfte des Lohnes seinen, des Unglcklichen, Eltern zu
schicken und die andere Hlfte unter die Armen der Stadt zu vertheilen.
Obwohl nun der Knig nicht die geringste Hoffnung hatte, nach so langer
Zeit noch eine Spur der verstorbenen Tochter wiederzufinden, nahm er
dennoch des jungen Mannes Anerbieten freundlich an und versprach mit dem
Lohne so zu verfahren, wie jener gewnscht. Am folgenden Tage sollte der
Versuch unternommen werden. Als unser Freund das Haus des Knigs
verlie, summte der Ohrenkitzler: Fange dir heut Abend drei Krebse, die
werden dir den Weg zeigen. Der Mann that, wie geboten.

Am folgenden Tage strmte das Volk in dichten Schaaren[36] an's Ufer, wo
der Mann in den Flu gehen sollte, um die verschwundene Knigstochter zu
suchen, und auch der Knig selbst kam in Begleitung vieler Groen, um
den Versuch mit anzusehen. Dann wurden die Zofen gerufen um die Stelle
zu zeigen, wo des Knigs Tochter untergegangen sei, denn die Mdchen
hatten an jenem Tage am Ufer gesessen und den unglcklichen Vorfall mit
angesehen. Soviel begriff Jedermann augenblicklich, da man an der
bezeichneten Stelle nicht ertrinken konnte; die Tiefe betrug nicht ganz
drei Fu, der Grund war fest und die Strmung schwach. Wenn man etwa
dreihundert Schritt weiter hinab ging, so stie man allerdings auf eine
Tiefe, aber wie konnte die Knigstochter so weit abwrts gekommen sein?
Mit natrlichen Dingen konnte es hier nicht zugegangen sein. Der
Rathgeber summte dem Manne in's Ohr: La heimlich einen Krebs frei und
gieb Acht, wohin er geht. Der Mann befolgte das Gebot ungesumt, that
als wollte er mit der Hand die Wassertiefe messen und lie, ohne da die
Leute es merkten, einen Krebs in's Wasser. Der Krebs schwamm zwanzig
Schritt fluabwrts, wandte sich dann pltzlich links und verschwand in
der Uferwand. Ganz denselben Weg nahmen der zweite und dritte Krebs.
Jetzt summte der Rathgeber dem Manne in's Ohr: den Weg wissen wir nun,
dahin mssen wir. Schlage dreimal mit der linken Ferse auf's Ufer und
dann spring kopfber in's Wasser, so werden wir wohl an's Ziel kommen.
Der Mann that, wie ihm geboten war, stampfte dreimal das Ufer und sprang
dann kopfber in den Flu, so da ber ihm der Schaum zusammenschlug.
Das Volk harrte schweigend der Dinge, die nun kommen wrden.

In der Uferwand fand der Mann die Mndung eines Schlupfwinkels, in die
ein menschlicher Krper leicht hineinkriechen konnte. Krieche in die
Hhle! rief der Rathgeber. Als der Mann ein Weilchen mhsam vorwrts
gekrochen war, wurde der dunkle Gang auf einmal weit genug, da er
aufrecht gehen konnte. Der Rathgeber trieb ihn an, dreist
vorzuschreiten, da Unheil nicht zu befrchten sei. Eine Strecke
weiterhin dmmerte ein schwacher Schimmer auf, bis sich endlich der Mann
wieder in voller Helligkeit befand. Da stand auf weitem grnen Plane vor
ihm, noch ber eine halbe Werst weit, ein groes, aus blauem Steine
aufgefhrtes Wohnhaus. Merke auf das, was ich dir jetzt sagen will --
sprach der Rathgeber -- und fhre Alles pnktlich aus, sonst kannst du
die Knigstochter nicht aus ihrem Kerker befreien. Sie lebt dort in dem
blauen Hause des Nixen. Zwei Bren halten Tag und Nacht Wache vor der
Pforte, so da kein lebendes Wesen heraus noch hinein kann. Diese
Wchter mssen wir kirre machen. Nimm also, wenn wir hinkommen, dein
Koberchen und gebiete ihm, sich in einen Bienenstock zu verwandeln.
Diesen wirf den Bren vor und dann schlpfe hinter ihrem Rcken in's
Haus. Dort werde ich dir weitere Anleitung geben. Als der Mann an die
Pforte kam, hrte er das Brummen der Bren und da wurde ihm schon bange,
als er aber die hlichen Thiere durch die Spalte erblickt hatte, sank
ihm das Herz vollends in die Hosen. Doch nahm er das Koberchen von der
Schulter und gebot ihm, zum Bienenstocke zu werden. Augenblicklich stand
ein groer Bienenstock vor ihm, so schwer, das der Mann ihn nicht heben
konnte. Die Bren aber hatten den Geruch des Honigs gewittert, stieen
die Pforte selber auf und strmten auf den Bienenstock los, so da sie
gar nicht Zeit hatten, den Mann zu bemerken. Dieser eilte hinter ihrem
Rcken in den Hof und von da flugs in die Hausthr, die glcklicherweise
nicht verschlossen war. Dann sagte der Rathgeber: Vor der Kammer rechts
steckt ein goldener Schlssel, drehe denselben im Schlosse um und stecke
ihn in die Tasche, so kann der alte Nix nicht heraus. In der Kammer
links, vor welcher ein silberner Schlssel steckt, sitzt die
Knigstochter gefangen, die du befreien mut.

Als der Mann den goldenen Schlssel umgedreht hatte, hrte er in der
Kammer ein so grliches Gebrlle, da die Wnde erbebten! Er aber
steckte den Schssel in die Tasche und eilte an die Thr, in welcher der
silberne Schlssel stak. Als er die Thr geffnet hatte, erblickte er
die Knigstochter, die traurig, in halb sitzender Stellung, auf einem
Bette ruhte. Beim Anblick des fremden Mannes erschrak sie, als er aber
erklrt hatte, er sei gekommen, sie aus ihrem Gefngni zu befreien,
sprang sie freudig vom Bette auf. Der Jngling sagte: Wir drfen hier
nicht lnger weilen, sondern mssen uns sofort auf den Weg machen, ehe
die Bren mit ihrem Bienenstocke fertig werden. Dann nahm er die
Knigstochter bei der Hand und fhrte sie vor die Thr. Die mit dem
Bienenstock beschftigten Bren achteten der Kommenden nicht. Auf den
Zehen leise tretend, kamen sie hinter den Bren zur Pforte hinaus. Der
Mann verschlo die Pforte von auen, damit die Bren nicht heraus
knnten und machte sich dann eilends davon. Der Rathgeber summte ihm
in's Ohr: Rufe das Koberchen zurck! Da rief der Mann: Koberchen,
Koberchen! komm heim! Flugs hing das Koberchen an seinem Halse. Als sie
an den Hhleneingang kamen, sagte der Jngling zur Knigstochter:
Frchtet weder das Dunkel, noch weiterhin die Enge des Weges, wir
gelangen nach kurzer Zeit wieder an's Tageslicht. Wenn wir in's Wasser
kommen, so machet die Augen fest zu, bis ich euch an's Ufer getragen
habe. Als er vorwrts schritt, fand er den Hohlweg nach dem Flusse zu
viel breiter als vorhin, so da beide bequem durch konnten. Im Flusse
umfate er die Knigstochter mit beiden Armen und trug sie an den
trockenen Strand.

Die meisten Zuschauer waren schon nach Hause gegangen, weil sie die
Hoffnung auf die Rckkehr des Suchenden aufgegeben hatten. Der Knig und
die ihm nher stehenden Groen waren aber noch am Ufer geblieben und
besprachen das unglckliche Ereigni, als pltzlich zwei Kpfe auf der
Oberflche des Wassers sichtbar wurden. Wer vermchte die Freude des
Knigs und der Leute zu beschreiben, als statt des erwarteten todten
Krpers die Jungfrau frisch und gesund an's Ufer kam. Der Knig fiel
bald seiner Tochter, bald ihrem Retter um den Hals, und vergo
Freudenthrnen und mit ihm weinte der umstehende Haufe. Als aber die
Freudenbotschaft mit der Schnelligkeit des Windes sich in der Stadt
verbreitet hatte, strmten die Menschen zu Tausenden herbei, um das
Wunder zu sehen. Auf des Knigs Gehei mute der Retter seiner Tochter
im kniglichen Schlosse Wohnung nehmen, wo ihm ein kniglicher Lohn
ausgezahlt wurde; dreimal so viel als bedungen war.

Als sich der junge Mann am Abend in seinem Prachtbett schlafen legen
wollte, summte der Ohrenkitzler: Du darfst hier nur ein Paar Tage
bleiben, dann mssen wir wieder weiter ziehen, denn du bist nun mit
einem Male zum reichen Manne geworden. Ich glaube, da dich der Knig
mit der Zeit zum Schwiegersohne nehmen wrde, was ich dir aber nicht
empfehlen darf. Du bist noch jung und unreif und wrdest fr eine solche
Ehre nicht taugen. Wollen wir lieber noch in der Welt umherstreifen, bis
du lter und klger wirst. Wiewohl dieser Rath dem jungen Manne nicht
sehr mundete, bedachte er doch noch zu seinem Glcke, da ihm bisher
alle Vorschriften des kleinen Klugmanns in seiner Tasche Nutzen
gebracht hatten; darum wollte er auch jetzt dem Wunsche seines
Rathgebers nachkommen.

Der Knig und seine Tochter baten nun allerdings den Befreier, er mge
auf lngere Zeit bei ihnen als Gast bleiben, aber der Jngling wollte
sich ihren Bitten nicht fgen, weil ihm der Ohrenkitzler anders gerathen
hatte. Als reicher Mann brauchte er nun nicht mehr zu Fue zu gehen,
sondern konnte, wenn er wollte, in einer prchtigen Kutsche fahren. Da
er jedoch keine Eile hatte und das Koberchen alle Tage die nthige
Nahrung bot, so schweifte er meist in gewohnter Weise, mehr auf eigenen
als auf Rosses Beinen umher. Eines Tages ruhte er gerade von einem
Marsche aus, da kitzelte es ihn wieder hinter dem Ohre und das Stimmchen
summte: Man verfolgt dich und mchte dir das Koberchen mit Gewalt
entreien, denn deine frheren Gefhrten haben den Leuten in der Stadt
von dem wunderbaren Kostgeber erzhlt und alle Welt mchte ihn besitzen.
Brich dir von einem Eichbaum einen tchtigen Knttel, so lang, da er
bequem im Kober Platz hat, hhle dann das eine Ende aus und giee
geschmolzenes Blei hinein, so wirst du einen wackeren Bundesgenossen
gegen deine Feinde haben. Der Mann kam diesem Gehei nach, machte sich
den Knttel zurecht und steckte ihn in den Kober. Am Mittmorgen des
folgenden Tages, als unser Freund gerade durch einen dichten Wald ging,
sprangen zehn Mnner hinter Bumen hervor und wollten ihn berauben. Der
Ohrenkitzler summte ihm in's Ohr: Rufe den Knttel aus dem Kober! Der
Mann that es und siehe, welch' ein Wunder da geschah! Der Knttel wurde
stracks lebendig, sprang aus dem Kober und begann die Feinde
durchzubluen, bis sie nach kurzer Zeit mit blutigem Rcken davon liefen
und dann viele Tage an ihren Wunden zu bhen hatten, bis sie heilten.

An einem schnen Sommerabende kam unser Wanderer in ein groer Dorf, wo
das junge Volk sich gerade auf dem Anger erlustigte. Da schaukelten sich
junge Frauen und Mdchen unter Gesang auf der Dorfschaukel, whrend
Andere nach der Sackpfeife sich auf dem glatten Rasen im Tanze drehten.
Pltzlich fhlte unser Freund, der dem Treiben zusah, das Kitzeln hinter
dem Ohre und das Stimmchen summte: Zur glcklichen Stunde sind wir
hierher gekommen, weil nmlich mein Feind an der Lustbarkeit Theil
nimmt. Wenn der Plan, den ich mir ausgesonnen, gelingt und du deinen
Pact dabei geschickt auszufhren weit, so werden wir heute seiner
habhaft und ich kann ihm den verdienten Lohn mit Zinsen heimzahlen.
Betrachte dir genau die Schaar der Mdchen, du findest darunter eine,
die statt der Perlen ein hbsches buntes fingerdickes Band um den Hals
geschlungen hat. Dieses Mdchen mut du zum Tanze auffordern, im
schnellsten Drehen ihr buntes Band packen und es augenblicklich entzwei
reien, ohne dich darum zu kmmern, ob du das Mdchen dabei erwrgen
knntest! Ihr Leben ist zher als das einer Katze und wird von deinem
Zerren nicht erlschen.

Der Mann gesellte sich sogleich zu den tanzenden Mdchen, aber es
dauerte eine Weile, ehe er die Bandtrgerin herausgefunden hatte; es war
eine lange, kraushaarige Dirne, welcher die Bursche nicht viel Zeit zum
Ausruhen gnnten. Als der Gebieter des in seiner Tasche steckenden
Zauberers einen Augenblick erspht hatte, wo das Mdchen aus dem Arme
eines Tnzers frei geworden war, forderte er es zum Tanze auf. Mitten im
raschesten Tanz ergriff er mit der rechten Hand das bunte Halsband und
ri es entzwei, so da die Stcke weit auseinander flogen. Ein
gruliches Wehgeheul -- und das Mdchen war verschwunden. Die Leute
erschraken ber das hliche Geschrei und sahen dann, wie ein grauer
Mann mit einem Ziegenbart in groer Eile in den Wald hinein lief, ein
anderer etwas lngerer Mann aber dem Flchtigen hart auf den Fersen war,
so da jener schwerlich hoffen konnte, zu entkommen. Die Entfernung und
die Abenddmmerung entzogen Beide den Augen der Anwesenden, wehalb nach
einer Weile die jungen Leute die Lustbarkeit fortsetzten, als ob keine
Unterbrechung eingetreten wre.

Unser Freund sah dem Treiben des jungen Volkes noch eine Weile zu und
ging dann frba, um ein ruhiges Nachtlager aufzusuchen. Nicht gar weit
vom Dorfe hrte er Jemanden mit raschen Schritten hinter sich herkommen.
Als er sich umsah, erblickte er einen ihm unbekannten fremden Mann.
Warte Brderchen! rief der fremde Mann. Ich gehe mit dir. Kennst du
mich nicht mehr? -- Eine kurze Frist hat hingereicht, mich zum starken
Manne zu zeitigen, der dir fremd geworden ist, und doch bin ich noch
dein Schuldner dafr, da du mich aus dem siebenhundertjhrigen Kerker
befreit und heute meinen schlimmsten Feind in meine Gewalt gebracht
hast, so da ich nicht mehr in deiner Hosentasche mich zu verstecken
brauche. Darauf erzhlte er seinem Retter, wie er seinen Feind im Walde
in Fesseln gelegt habe, welche ihm das Entrinnen unmglich machten, weil
mit dem zerrissenen Zauberbande, das eine lebendige Schlange gewesen,
all' seine Wunderkraft auf einmal ein Ende genommen. Er wollte jetzt den
Feind noch manchen Tag durchwalken lassen, bis er den Ort angeben
werde, wo er vor siebenhundert Jahren drei Knigstchter und einen
unermelichen Schatz verborgen habe. Wenn wir die Jungfrauen auffinden
und es dir gelingt, sie aus ihrem Zauberschlafe zu erwecken, so wirst du
ein beraus reicher und glcklicher Mann werden. Als er damit seine
umstndliche Erzhlung geschlossen hatte, speisten sie mit einander aus
dem Kober und legten sich dann zur Ruhe.

Am andern Morgen gingen sie in den Wald, um nach dem gefangenen Zauberer
zu sehen. Da stand das unglckliche Mnnlein, Hnde und Fe mit starken
Stricken zusammengebunden und einen starken Klotz zwischen den Knien, so
da er sich wie ein Igel krmmte und sich nicht von der Stelle rhren
konnte. Der siegreiche Zauberer rief gebieterisch: Knttel aus dem
Kober! Alsbald sprang der Knttel dem gebundenen Manne auf den Rcken
und begann ihn durchzudreschen, als wollte er alle Glieder zu Brei
stampfen. Der Hexenmeister bat um Gnade und versprach zu bekennen. Als
er nun aber nach den Knigstchtern und dem Schatze befragt wurde, sagte
er, er habe den Ort schon lange vergessen. Da wurde denn der Knttel
abermals beordert, an die Arbeit zu gehen! Da der Hexenvater nun alle
Hoffnung auf Entrinnen fahren lassen mute, nannte er endlich den Ort,
wo die Knigstchter und der Schatz verborgen seien. Der Zauberer sagte:
Bis wir sie aufgefunden haben, mut du mein Gefangener bleiben, doch
darf ich dich nicht hier lassen, wo dich zufllig der Eine oder der
Andere finden und aus Barmherzigkeit deine Bande lsen knnte. Mit
diesen Worten nahm er das Mnnlein wie eine Hedekunkel auf den Rcken
und trug es an die Mndung einer Schlucht, in welche er es hinunter
schleuderte, da die Knochen krachten. Da warte unsere Rckkehr ab,
spottete der Zauberer. Seinem Gefhrten erffnete er dann, da sie, da
der genannte Ort zu weit entfernt sei, nur durch Zauberkraft dahin
gelangen knnten und sich des Kobers als Fuhrwerks bedienen mten. Auf
seinen Befehl verwandelte sich der Kober in ein kleines Boot, auf dessen
Boden gerade zwei Mnner Platz genug hatten, zu sitzen oder ausgestreckt
zu schlafen. Das Boot hatte auf beiden Seiten Flgel von zwei Klafter
Lnge. Als die Mnner sich eingesetzt hatten, erhob sich das Boot mit
ihnen bis zu der Hhe der untersten Wolkenschicht und nahm seinen Flug
gen Sden. Speise und Trank gab ihnen das fliegende Boot tglich auf des
Zauberers Befehl nicht minder als das frhere Koberchen: sie litten also
an nichts Mangel, noch weniger wurden sie mde in ihrem fliegenden
Schiffchen, das Tag und Nacht unaufhaltsam weiter eilte.

Die Luftfahrer waren auf diese Weise schon ber eine Woche sdwrts
gezogen, als der Zauberer dem Boote befahl, sich niederzulassen. Dies
geschah auf einer weiten, brennenden Sandwste, wo nichts weiter zu
sehen war, als einige Steinhaufen von einer alten Ofenstelle. Der
Zauberer verwandelte jetzt das Boot wieder in den Kober und hing diesen
seinem Gefhrten mit den Worten um: Du hast noch einige Tagereisen vor
dir, ich darf dich aber nicht begleiten. Darauf entfernte er den am
Fue eines Mauerstcks liegenden Sand und nach einem Weilchen kam eine
Fallthr zum Vorschein. Als er diese aufhob, wurde eine Treppe sichtbar.
Jetzt fing der Zauberer eine groe Schmeifliege, und that sie in ein
Schchtelchen, das der Mann in seinen Busen stecken mute. Dazu gab ihm
der Zauberer die Belehrung: Wenn du gefragt wirst, wer die eine oder
die andere Knigstochter sei, dann entla die Schmeifliege aus dem
Schchtelchen und gieb Acht, zu welcher sie hinfliegt. Die dadurch von
ihr angezeigte Jungfrau kannst du dreist fr diejenige ausgeben, nach
welcher man dich gefragt hat. Darauf hin machte der Mann sich auf den
Weg, mochte es nun wohl oder bel ablaufen.

Er war nach seiner Rechnung schon mehrere Stunden[37] auf der finsteren
Treppe hinuntergestiegen, als er Ermdung und Hunger versprte. Er
setzte sich auf eine Stufe, strkte sich mit Speise und Trank, ruhte
einige Stunden und ging wieder weiter. Nach kurzer Zeit traf ein
Lichtschimmer sein Auge und nach einer halben Stunde befand er sich auf
einem ihm fremden Platze, wo ein stattliches Knigshaus sich zeigte. Der
Mann schritt darauf zu. Vor dem Eingange kam ein kleiner Alter mit
grauem Haupt und Bart ihm entgegen und sagte: Komm nur, Brderchen, und
versuche dein Heil! Wenn du mir richtig angeben kannst, welche des
Knigs jngste Tochter ist, so fasse sie nur bei der Hand und die
Schlafenden werden sofort erwachen. Wenn du dich aber irrst, so fllst
du in denselben Schlaf, wie sie. Als der Mann nun eintrat, nahm er das
Schchtelchen aus dem Busen und folgte dem Alten, bis sie zur dritten
Kammer kamen. Da schliefen auf prchtigem Seidenbette drei herrliche
Jungfrauen, die, man mochte sie noch so genau betrachten, einander so
hnlich sahen, da nicht das geringste Merkmal verrieth, welche von
ihnen die jngste und welche die lteste sei. Als der Mann die
Schlferinnen eine Weile aufmerksam betrachtet hatte, ohne dadurch
Gewiheit zu erlangen, lie er die Schmeifliege aus dem Schchtelchen
heraus. Die Fliege flog einige Male im Zimmer umher und lie sich dann
auf die Stirn der in der Mitte liegenden Jungfrau nieder. Nun trat der
Mann nher, fate die Jungfrau bei der Hand und sagte: Das ist die
jngste Schwester. Augenblicklich erwachten die Knigstchter und
erhoben sich und die jngste fiel ihrem Retter um den Hals mit den
Worten: Liebster Brutigam, sei willkommen, der du uns aus dem langen
Zauberschlafe erweckt hast! Aber jetzt mssen wir nach Hause eilen.

Auf dem Rckwege fand unser Freund die frhere Treppe nicht mehr,
sondern nachdem sie eine Weile tastend in der finstern Hhle ihren Weg
gesucht hatten, drang helles Tageslicht herein. Anstatt der vorigen
Sandwste lagen schne mit Gras und Blumen bedeckte Wiesen da und statt
des alten Gemuers ein stattliches Knigsschlo mit einer groen Stadt.
Der Zauberer trat ihnen entgegen, nahm seinen Befreier bei der Hand und
fhrte ihn etwas abseits an eine Stelle, wo ein kleiner klarer Teich im
Schatten eines Gebsches lag. Blicke in's Wasser, gebot der Zauberer.
Als der Jngling es that, besorgte er, da seine eigenen Augen ihm ein
Blendwerk vorspiegelten. Sein Antlitz war wohl noch das frhere, aber
der prchtige knigliche Anzug von Seide, Sammet und Gold war ein ganz
anderer. Wer hat mir das auf meinen Leib geschafft? fragte der
Jngling. Der Zauberer erwiderte: Das war des Koberchens letzte Arbeit
fr dich. Fortan wirst du weder seiner noch meiner Hlfe mehr bedrfen,
weil du binnen einigen Tagen zum Schwiegersohne des Knigs und spter,
wenn der Alte seine mden Augen geschlossen hat, statt seiner zum Knige
erhoben wirst. Damit hoffe ich dir meine Schuld abgetragen zu haben. --
Mehr als tausendfach! rief der Mann freudig aus, worauf sie Abschied
nahmen und sich trennten.

Nach einigen Tagen war die Hochzeit des kniglichen Schwiegersohnes und
als nach einem Jahre der Knig zu Grabe getragen war, wurde der
Schwiegersohn Knig und mu noch gegenwrtig regieren, wenn ihn der Tod
nicht zu seiner Ruhesttte gebracht hat.

[Funote 33: Kaetise rohu, wrtlich: Kraut gegen den bsen Blick. L.]

[Funote 34: Vgl. Bd. 1, S. 25. Anm. L.]

[Funote 35: Wrtlich: Brotvater. L.]

[Funote 36: Wrtlich: wie Hagel. L.]

[Funote 37: Wrtlich: Ueber einen Zwischenraum zwischen zwei
Mahlzeiten. Der Este (der Arbeiter) rechnet solcher Mahlzeiten drei: vom
Aufstehen bis acht Uhr, von da bis zwei Uhr, und von da bis zum Abend.
S. Wiedemann, Wrterb. s. o. L.]




11. Der zaubermchtige Krebs und das unersttliche Weib[38].


Mann und Weib gingen eines Morgens frh zum Heuen und arbeiteten bis
eilf Uhr, dann sagte die Frau zum Manne: Geh, fang' im Flu Krebse oder
Fische, was dir gerade aufstt, damit wir Zukost haben. Obgleich der
Mann von der Arbeit mde war, unterstand er sich doch nicht sich zu
struben, weil, wie das ja oft der Fall ist, das Weib die Hosen anhatte.
-- Als er an den Flu gekommen war, zog er gleich aus der ersten tiefen
Stelle einen Krebs von der Gre eines Fausthandschuhes heraus. Was fr
ein Glcksfang, dachte der Mann -- einen greren Krebs haben meine
Augen solange ich lebe nicht gesehen. Aber in demselben Augenblicke
berfiel ihn ein Schrecken, als der Krebs mit deutlicher Menschensprache
anhub zu bitten: La mich frei, Goldbrderchen! Bei der brennenden
Hitze war ich in meinem Schlupfloch eingeschlafen, so da ich deine
Annherung nicht eher merkte, als bis deine Finger meine Scheeren schon
gepackt hatten. Mein mehr als hundertjhriges Fleisch, zher als
Wolfsfleisch, wrde dir doch nicht schmecken. Was fr Nutzen httest du
von meinem Tode? Ueberdies bin ich ein durch bse Zauberkraft in einen
Krebs verwandelter Mensch! Der Mann erwiderte verwundert: Lieb'
Brderchen Krebs, nimm es nicht bel, wenn ich deine Bitte nicht zu
erfllen wage. Ich fr mein Theil wrde dich gleich frei lassen, htte
ich nur nicht eine bse Frau, die mir arg mitspielen wrde, wenn ich mit
leeren Hnden nach Hause kme und noch obendrein berichten mte, da
ich schon einen groen Krebs hatte und den Glcksfang wieder aus den
Hnden lie. Nun -- sagte der Krebs -- am Ende brauchtest du das der
Frau ja nicht zu erzhlen. Der Mann kratzte sich hinter'm Ohr und sagte
dann mit scheuer Geberde: Wtest du nur, Brderchen, wie listig meine
Frau ist und wie sie mir alle Geheimnisse abzupressen wei, so wrdest
du anders sprechen. Was sie mit glatten Schmeichelworten nicht aus mir
herausbringt, das entreit sie mir mit Tcke, so da es mir ganz
unmglich ist, etwas vor ihr verborgen zu halten. Der Krebs erwiderte
lachend: Ich sehe wohl, lieber Freund, da du zu der Zunft derjenigen
gehrst, die nach der Frauen Pfeife tanzen mssen, und ich bedauere dich
dehalb von ganzem Herzen. Da dir aber das bloe Bedauern nichts helfen
wrde, so will ich dafr sorgen, da ich dir fr meine Freilassung Gaben
spende, mit denen du die Bosheit der Frau besnftigen kannst. Obwohl ich
dir gegenber klein erscheine, bin ich dir dennoch an Macht weit
berlegen. Der Mann stand eine Weile zweifelnd und erwiderte endlich:
Ja, wenn du das mglich machtest, da ich wegen deiner Freilassung
keinen Verdru mit der Frau htte, so wrde ich dich augenblicklich
freigeben. Der Krebs fragte: Welche Art Fisch it deine Frau wohl am
liebsten? -- Der Mann erwiderte: Das wei ich selber nicht, aber ich
glaube, es kme darauf gar nicht an, wenn ich ihr nur berhaupt frische
Fische bringen knnte, und nicht mit leeren Hnden zurck kme. Da hie
ihn der Krebs den Hut am Ufer niedersetzen und rief dann: Hut voll
Fische! Wer hat je etwas Wunderbareres auf der Welt gesehen? Des Mannes
Hut war augenblicklich gehuft voll von Fischen. An diesem kleinen
Stckchen erkennst du meine Macht, sagte der Krebs -- und du kannst
jetzt mit dem eben gehrten Spruche deinen Hut alle Tage fllen. Sollte
dir noch ein anderer Wunsch in den Sinn kommen, so mut du mich zu Hlfe
rufen, um die Erfllung desselben zu bewirken; rufe nur in Flu hinein:

    Brderchen Krebs, aus der Hhle!
    Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!

so erscheine ich sofort. Aber ich mchte dir einschrfen, wenn du
gescheidt sein willst, sage deinem Weibe nichts von dem heutigen Vorfall
-- es wrde dir mehr Schaden als Nutzen bringen. -- Der Mann versprach,
so weit als mglich, das Geheimni vor seinem Weibe zu bewahren, dankte
dem Krebse fr die frischen Fische und fr die erhaltene Zusage, lie
ihn dann in den Flu zurck und eilte frohen Schrittes und Herzens zu
seiner Frau.

Das Antlitz der Alten heiterte sich auf, als sie den reichen Fang des
Mannes gewahr wurde, sie weidete die Fische sofort aus, streute Salz
darauf und stellte sie im Grapen auf's Feuer. So viel Schmeichel- und
Liebkosungsworte wie heute, hatte der Mann lange nicht aus dem Munde
seiner Frau vernommen. Sieh nur, Lieberchen, was du fr Glck hast,
wenn du thust wie ich wnsche, sagte die Frau, whrend sie ihre Fische
verzehrte. Die Woche hindurch verflo ihnen die Zeit in Freude und
Friede, ganz wie in den ersten Tagen nach der Hochzeit; der Mann brachte
tglich einen Hut voll Fische aus dem Flusse, und Beide lieen sich's
schmecken. Am Sonntag Mittag aber rmpfte die Frau zum ersten Male die
Nase und sagte: Na, was ist das fr ein Teufelskram! Kannst du mir denn
keine bessere Speise mehr auf den Tisch bringen, als diese lumpigen
Fische? Sie sind mir zum Ekel geworden, ich kann sie nicht mehr in den
Mund nehmen!

Der Mann fragte, was sie denn statt der Fische wohl haben mchte, und
die Frau erwiderte: eine frische Fleischbrhe und Schweinefleisch
wrden mir am besten munden. Der Mann versprach zwar, ihr Verlangen am
nchsten Tage zu befriedigen, allein es wurde ihm doch nicht gut zu
Muth, wenn er berlegte, ob der Krebs auch im Stande sein werde, den
Wunsch des Weibes zu erfllen.

Als er am andern Tage mit Sonnenaufgang an's Ufer des Flusses kam, rief
er schchtern:

    Brderchen Krebs, aus der Hhle!
    Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!

Augenblicklich streckte der Krebs seine Scheren an's Ufer und fragte:
Was willst du Brderchen? Der Mann erwiderte: Ich fr mein Theil
htte weiter kein Begehren, aber meiner Frau schmecken die frischen
Fische nicht mehr, sie sehnt sich nach anderer Speise. Der Krebs lachte
und fragte, was fr Speise die Frau denn haben mchte, und sagte, als er
das Verlangen der Frau vernommen: Geh heim, klopfe alle Morgen drei Mal
mit dem kleinen Finger an den Etisch, und rufe dabei: Frische
Fleischbrhe und Schweinefleisch zu Mittag auf den Tisch! so sollst du
die gewnschte Speise erhalten; aber ich bitte dich, werde nicht zum
Knecht der Gelste deines Weibes, du knntest es einmal spter bereuen,
wenn keine Reue mehr hilft. Der Mann that den andern Tag, wie ihn der
Krebs gelehrt hatte. Ganz nach Befehl standen zu Mittag die verlangten
Speisen auf dem Tische. Wiederum war dieselbe Freundlichkeit im Hause
wie am ersten Fischtage; die Frau war sanft wie ein Tubchen und suchte
dem Manne Alles an den Augen abzusehen, um es ihm recht zu machen. Noch
war die Woche inde nicht ganz herum, da rmpfte das Weibel wieder die
Nase und sagte: Verfluchte Geschichte! wer Henker kann alle Tage
frische Fleischbrhe und Schweinefleisch essen. Mir ist es nicht
mglich, denn es widersteht dem Magen. Demthig fragte der Mann: Sage
mir, Liebchen, was du denn haben mchtest? Die Frau antwortete:
Gnsebraten und sen Kuchen!

Dem Manne sank wohl der Muth, als er sich wieder zum Flusse aufmachen
sollte, denn er frchtete den Krebs durch das ewige Bitten zu erzrnen;
dennoch wagte er nicht das Gehei der Frau unerfllt zu lassen, weil es
sonst leicht Feuer unter'm Dach htte geben knnen. Nachdem er eine
Weile am Ufer hin und her gewandelt war, rief er endlich mit
schchterner Stimme:

    Brderchen Krebs, aus der Hhle!
    Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!

Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und
fragte: Was willst du, Brderchen? Der Mann erwiderte: Ich fr mein
Theil htte weiter kein Begehren, aber meiner Frau schmeckt die frische
Fleischbrhe nebst Schweinefleisch nicht mehr, sondern sie verlangt nach
anderer Speise. Der Krebs fragte, was denn die Frau haben mchte und
sagte, als er es gehrt hatte: Geh nur heim, deiner Frau Wnsche sollen
alsbald erfllt werden, ohne da du dabei weitere Anstalten zu treffen
brauchst. Als nun am anderen Tage Mittag herankam, schaute der Mann
oftmals mit ngstlichem Blicke auf den Etisch, ob des Krebses Zusage
auch wohl in Erfllung gehen werde? Und je hher die Sonne stieg, desto
tiefer sank des Mannes Hoffnung, da der Tisch noch immer leer blieb. Nun
siehe das Wunder! Zur bestimmten Zeit standen Gnsebraten und se
Kuchen auf dem Tische. Die Frau war ganz glcklich; die Schmeichelworte
liebster Mann, Goldmann, kamen hufiger ber ihre Lippen als am ersten
Tage nach der Hochzeit. Abends beim Schlafengehen hatte sie dann den
Mann so lange geliebkoset und umschmeichelt, bis er ihr den Vorfall mit
dem Krebse erzhlt hatte. Was fehlt uns nun noch, sagte die Frau --
wenn wir einen solchen Helfer haben? Wir wollen jetzt einmal ein
besseres Leben fhren. Schon lngst sind mir diese Bauerkleider
widerwrtig und wnschte ich mir einen stattlicheren Anzug; geh und
schaffe mir Damenkleider. Der Mann versuchte zwar Widerstand zu
leisten, indem er sagte, er wisse nicht, ob der Krebs dergleichen
hervorzubringen vermge -- aber die Frau lie ihren Einfall nicht
fahren, sondern setzte dem Manne Tag fr Tag so lange zu, bis sie ihn
bewog an den Flu zu gehen. Da der Mann weder Tag noch Nacht mehr Ruhe
hatte, ging er eines Morgens an den Flu mit dem festen Vorsatze: kann
der Krebs mein Begehr nicht erfllen, so ersufe ich mich im Flusse.

Nachdem er eine Weile unschlssig am Ufer auf und abgegangen war, fate
er sich endlich ein Herz und rief mit schchterner Stimme:

    Brderchen Krebs, aus der Hhle!
    Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!

Der Krebs streckte augenblicklich seine schwarzen Scheren an's Ufer und
fragte: Was willst du, Brderchen? Der Mann erwiderte: Ich fr meinen
Theil htte weiter kein Begehren, aber meines Weibes Wnsche nehmen kein
Ende; obwohl jetzt alle Tage Gnsebraten und se Kuchen auf dem Tische
stehen, so ist sie doch mit den guten Bissen nicht mehr zufrieden. Was
will sie denn? fragte der Krebs. Der Mann erwiderte: Prchtige
Damenkleider statt ihrer eigenen Lumpen! Der Krebs lachte und sagte:
Geh heim, deines Weibes Wunsch soll vollstndig erfllt werden. Der
Mann dankte dem Krebs fr sein gtiges Versprechen und machte sich auf
den Heimweg, sehr vergngt ber das leichte Gelingen dessen, was er
besorgen sollte. Schon an der Hofthr kam ihm seine Frau in stattlichen
Kleidern entgegen, die er im ersten Augenblicke nicht kannte, bald aber
als seine eigene, zur Dame erhobene Frau erkennen mute. Jetzt lebten
sie einmal im Glcke: alle Tage Gnsebraten und se Kuchen auf dem
Tische und die Frau mit stattlichen Damenkleidern angethan. Zu Ende der
Woche sagte die Frau eines Abends zum Manne: Ich habe mir die Sache hin
und her berlegt und gefunden, da unser Leben auf diese Weise nicht
fortgehen kann. Stattliche Damenkleider, Gnsebraten und se Kuchen
vertragen sich nicht mehr mit einer Bauernhtte, der Krebs mu uns einen
Gutshof schaffen, in welchem ich, Tag aus Tag ein, wie eine gndige Frau
wohnen kann. Zwar strubte sich der Mann auf alle Weise, weil er
glaubte, da der Krebs ein solches Verlangen bel nehmen knnte, aber
die Frau gab ihre eigensinnige Grille nicht auf, sondern qulte den Mann
so lange, bis er sich endlich fgte.

Mit schwerem Herzen und unmuthigen Schritten ging der Mann den andern
Morgen an den Flu; oftmals stand er still und sann darber nach, wie er
sich wohl dieser schlimmen Aufgabe entziehen knnte; da ihm aber kein
besserer Rath kam, mute er doch endlich seinen mchtigen Helfer angehen
und rief:

    Brderchen Krebs, aus der Hhle!
    Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!

Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und
fragte:

Was willst du, Brderchen? Der Mann erwiderte: Ich fr meinen Theil
htte weiter kein Begehren, aber meine Frau hat trotz ihrer guten Kost
und ihrer Damenkleider keine Ruhe mehr und qult mich alle Tage wie der
bse Feind, da ich deine Hlfe anrufen soll. Als der Krebs hrte, da
die Frau abermals Wnsche hege, fragte er, was sie denn nun wieder
Neues wolle? Der Mann berichtete, da die Frau nach einem prchtigen
Gutshof und nach dem Titel einer gndigen Frau Verlangen trage und
bekannte zuletzt, da er ihr eines Abends sein Zusammentreffen mit dem
Krebs erzhlt habe. O du Armer! rief der Krebs, dann hast du deinem
Glcke und deinem Frieden ein Ende gemacht! Deines Weibes Wnsche werden
dir keine Ruhe lassen, bis ihr all' euer jetziges Glck wieder eingebt
habt. Dennoch magst du dieses Mal ruhig nach Hause gehen, deines Weibes
Begehr soll vollstndig erfllt werden.

Als der Mann vom Flusse nach Hause kam, glaubte er sich verirrt zu
haben, weil er seine frhere Htte nicht mehr vorfand und die ganze
umliegende Gegend ihm fremd vorkam. Ein stattliches Hofgut lang vor ihm,
mitten in einem schnen Nutzgarten, und whrend er noch zweifelnd
dastand und nicht wute, was er thun sollte, kam ihm eine stattliche
Dame in seidenen Kleidern entgegen. An der Stimme erkannte er seine
angetraute Gattin, die ihn zrtlich umarmte und sagte: Jetzt sind meine
Wnsche befriedigt; ich danke dir und deinem Helfer dem Krebse! Der
Mann wute nicht, was er vor Freuden anfangen sollte; jetzt hatte er
eine Frau, die ihn lieb und werth hielt. Um die Speisen hatten sie keine
Sorgen mehr, da die Kche jeden Tag herbeischaffen muten, was der
gndigen Frau Herz begehrte. Ein besseres Loos konnte einem Menschen
nirgends auf Erden zu Theil werden.

Dennoch fand das unersttliche Herz der Frau keine Ruhe, vielmehr begann
sie nach eigen Wochen den Mann wiederum zu qulen, er mchte sie mit
Hlfe des mchtigen Krebses zur Knigin erheben. Der Mann strubte sich
aus allen Krften, aber es half nichts, denn die Frau summte ihm Nacht
und Tag ihre Gelste nach der kniglichen Wrde in's Ohr und lie ihm
nirgends Ruhe. Wohl chzte und seufzte das arme Mnnchen und kratzte
sich hinter den Ohren, da er sich aber nicht anders zu helfen wute, so
mute er endlich gehen, um beim Krebse Hlfe zu suchen.

Als er an den Flu kam, war er mehr todt als lebendig; er versuchte
mehrmals seinen Helfer zu rufen, aber die Zunge versagte ihm den Dienst.
Endlich gelang es ihm jedoch, die Worte hervorzustottern:

    Brderchen Krebs, aus der Hhle!
    Schwarzer Mann, aus dem Schlupfloch!

Augenblicklich streckte der Krebs seine schwarzen Scheeren an's Ufer und
fragte: Was willst du, Brderchen? Der Mann antwortete schchtern:
Ich fr meinen Theil htte weiter kein Begehren, aber meinem Weibe will
der Stand einer gndigen Frau auf ihrem Hofsitz nicht mehr behagen. Der
Krebs fragte: Was fr einen Stand wnscht sie sich denn? Der Mann
erwiderte: Meine Frau will Knigin werden. Oho! rief der Krebs,
inde da ich einmal dein Schuldner bin, will ich dieses Mal noch deinem
Weibe den Willen thun. Geh heim, deines Weibes Wunsch soll in Erfllung
gehen.

Wie der Krebs es verheien hatte, so fand der Mann, als er nach Hause
kam, seine Frau zur Knigin erhht. Knechte, Diener und Zofen gab es zu
Dutzenden und alle muten der neuen Knigin Befehle vollziehen. Gott sei
gedankt! dachte der Mann, jetzt werde ich einmal Ruhe haben, denn das
hchste Begehr meines Weibes ist erfllt; dazu auf Schritt und Tritt
soviel Dienerschaft, da sie es gar nicht merkt, wenn ich abseits gehe,
um nach all' der Mhe und Noth auszuruhen.

Ueber ein paar Monate verstrichen der Frau in ihrer kniglichen Wrde
gar angenehm, so da kein Wunsch sie mehr plagte. Eines Tages aber lie
sie ihren Mann rufen und sagte: Ich habe nicht lnger Lust, Knigin zu
sein, sondern will noch hher steigen! Darin mssen du und dein Helfer,
der Krebs, mir behlflich sein. Der Mann fragte: Was willst du denn
noch, wenn die knigliche Wrde dir nicht frommt? Die Frau erwiderte:
ich will Gott werden! Der Mann erschrak dermaen, da er eine Zeit
lang kein Wort hervorbringen konnte, dann legte er sich auf's Bitten und
als all sein Bitten nichts half, fuhr er endlich heraus: Mach' was du
willst, aber diese Bitte werde ich dem Krebse nicht vorlegen. Sieh den
Lausangel! rief das Weib zornig, darfst du dich mir widersetzen, die
ich deine angetraute Frau und obendrein noch Knigin bin! Augenblicklich
erflle meinen Befehl, oder ich lasse dir das Leben nehmen!

Der Mann dachte: sterben mssen wir Alle, gleichviel wie ich um's Leben
komme, ob durch meine bse Frau, oder durch den Krebs, ich will den
Befehl vollziehen. So denkend, machte er sich mit kecken Schritten auf,
aber je nher er dem Flusse kam, desto krzer wurden des Mnnleins
Schritte. Endlich fate er sich ein Herz und rief:

    Brderchen Krebs, aus der Hhle!
    Schwarzer Mann aus dem Schlupfloch!

Ringsum blieb Alles still, weder der Krebs noch ein lebendes Wesen lie
sich blicken. Es rief noch ein Mal, ebenso fruchtlos, endlich rief er
zum dritten Male. Da streckte der Krebs erst die eine dann die andere
Scheere, langsam an's Ufer und fragte: Was willst du von mir? Der Mann
sagte: Ich fr meinen Theil htte weiter kein Begehr aber meine zur
Knigin erhobene Frau lt mir nirgends Ruhe. Was begehrt sie denn
noch? fragte der Krebs. Der Mann erwiderte: Sie will Gott werden.
Zornig versetzte der Krebs: In den Schweinestall alle Beide! Deine Frau
ist toll und du bist noch schlimmer als toll, weil du nach ihrer Pfeife
tanzest.

Der Mann hatte eine Empfindung, als ob der Boden unter seinen Fen
erschttert wrde. Als er sich prfend umsah, wurde er weder Flu noch
Krebs gewahr, etwas weiterhin stand eine Htte im Freien. Als der Mann
darauf zuging, fand er einen Schweinestall und seine Frau in elenden
Lumpen im Winkel auf schmutzigem Stroh am Boden. Da muten sie bis an
ihr Ende wohnen und des alten Wortes gedenken: Allzu scharf macht
schartig.

[Funote 38: Neben dem analogen deutschen Mrchen in der Grimmschen
Sammlung vgl. man die hchst charakteristische Behandlung desselben
Stoffes in dem Mrchen vom Fischer und der Fischerin von _Puschkin_. Aus
dem Russ. in der Bibl. ausl. Classiker, von E. _Lwe_. Bndchen 107.
Hildburgh. 1870. L.]




12. Der Findling.


Eine Frau fand an einem Sonntag Morgen, als sie zur Kirche ging, im
Walde ein Knblein, das etwa zwei Jahre sein konnte. Das Kind weinte
bitterlich vor Hunger und wute nichts darber zu sagen, von wo und wie
es hier in den Wald gekommen. Der feine Anzug schien dafr zu sprechen,
da das Knblein vornehmer Leute Kind sei. Die Frau nahm es auf, brachte
es in ihr Haus, reichte ihm Nahrung und machte sich dann wieder auf zur
Kirche, wo sie zu erfahren hoffte, wohin das gefundene Knblein gehre.

Als sie aber weder an diesem Sonntage noch an dem folgenden in den
benachbarten Kirchen ber die Eltern oder Verwandten des Kindes durch
Kundmachung von der Kanzel Auskunft erhielt, so beschlo sie, im
Einverstndni mit ihrem Manne, das Knblein als Pflegekind zu sich zu
nehmen; es schien ein aufgewecktes Geschpf zu sein und konnte deshalb,
wenn Gott ihm Leben und Gesundheit schenkte, ihnen zur Freude
aufwachsen. Sie hatte zwar selbst schon sechs Kinder, so da der
Pflegling als siebente Brotratte in's Haus kam; aber Gott segnete ihren
Acker und ihre Herde, so da sie alle Kleidung und Nahrung fanden und
Keines Mangel litt.

Als der Pflegling zum jungen Manne herangewachsen war, sprach er eines
Tages zu seinen Pflegeltern: Ich danke euch fr alle eure Liebe und
Wohlthat, aber jetzt ist fr mich die Zeit gekommen, in der Welt
umherzustreifen. Vielleicht glckt es mir, irgendwo einen Dienst zu
finden, der mir mehr Lohn bringt, als fr meine geringen Bedrfnisse
aufgeht, dann erstatte ich euch, was ihr fr meine Erziehung aufgewandt
habt, obwohl ich niemals im Stande sein werde, euch eure Liebe zu
vergelten. So nahm er Abschied, warf den Brotsack ber und eilte fort.
Nachdem er seine Wanderung schon einige Tage gen Sden fortgesetzt
hatte, kam er eines Tages in einen dichten Wald, aus welchem ein
schweres Sthnen an sein Ohr drang. Er horchte eine Weile scharf hin,
von welcher Seite her das Sthnen komme und schritt dann, der Stimme
nachgehend, weiter. Unter einem dichten Gebsch fand er einen
verwundeten Alten, dessen Kopf und Gesicht blutete, sowie auch das Moos
und der Rasen um ihn mit Blut gefrbt waren. Der Alte hatte die Augen
geschlossen, so da nur die schweren Athemzge und das Sthnen einen
Beweis dafr gaben, da noch Leben im Krper sei. Der junge Mann eilte
nach Wasser und fand in der Nhe ein Rinnsal mit klarem frischen Wasser;
er fllte davon in seinen Hut und brachte es dem Alten, damit dieser
durch einen Trunk sich strke und belebe. Der Alte schluckte begierig
von dem gebotenen Wasser, gerieth dann in ein starkes Husten und fiel
endlich unter den Hnden des ihm Beistehenden in Ohnmacht. Der junge
Mann hob ihn auf seine Schultern und trug ihn zur Quelle, wo er dem
Alten so lange kaltes Wasser ber den Kopf go, bis er aus seiner
Ohnmacht erwachte und sich wieder erholte. -- Den zerschlagenen Kopf des
Alten verband er mit seinem Halstuche, reinigte Gesicht, Haare und
Kleider vom Blute, bereitete dann aus Moos ein weiches Lager und lie
den Alten darauf nieder, damit er ausruhe.

Der Alte schlief gleich ein und ruhte ber einen halben Tag von der
durch seine Wunde verursachten Ermattung aus. Der junge Mann sa neben
ihm und verscheuchte mit einem Baumzweige die Fliegen von dem
Schlafenden. Endlich ffnete der Alte das eine Auge ein wenig, sah
seinen Helfer freundlich an und sagte dann: Von ganzem Herzen danke ich
dir fr das Werk der Barmherzigkeit, das du an mir gethan hast und fr
welches ich diesmal dein Schuldner bleiben mu, weil Ruber mich so kahl
geplndert haben, wie eine Kirchenmaus. Knftig, wenn wir wieder einmal
zusammentreffen, hoffe ich dir deine Mhe zu lohnen. Deine Wanderung
knnte vielleicht lnger dauern, als der von Hause mitgenommene
Brotsack reicht, darum bitte ich dich, stecke mein
Strmlings-Schchtelchen in den Sack -- es ist Alles, was mir die Ruber
gelassen haben. -- Der junge Mann strubte sich zwar Anfangs, die
dargebotene Aushlfe anzunehmen, die der Alte doch wohl selber viel
nthiger haben knne, allein er mute endlich nachgeben, als er sah, da
der alte Mann seine Weigerung bel nahm. Dieser steckte nun sein
Schchtelchen in des Jnglings Brotsack mit den Worten: Ich habe von
hier nach Hause nicht weit, allein einem Wanderer lauert immer allerlei
Gefahr auf. -- Als der Alte dann fortging, mute der junge Mann sich
ber die Schnelligkeit desselben wundern; je weiter der Alte kam, desto
beflgelter wurden seine Schritte, so da er bald wie ein Vogel aus dem
Gesichtskreise entschwand. Da der junge Mann ber einen halben Tag
geruht hatte, machte er noch ein Stck Weges, bevor er sich zur
Nachtruhe legte. Als er sich anschickte, sein Brot zu verzehren, kam es
ihm vor, als wre dasselbe heute im Sacke grer und zugleich frischer
geworden. Das geschenkte Schchtelchen war voll gesalzener Strmlinge,
die dem Manne gar sehr mundeten. Als er den anderen Morgen sein
Frhstck nahm, fand er das Schchtelchen voll Butter und Mittags wieder
voll Schweinefleisch. Gesegnet sei der freundliche Geber! rief der
Mann, der mich mit diesem spendenreichen Schchtelchen beglckt hat!
Was fehlt mir jetzt auf meiner Wanderung?

Eines Tages hatte er sich am Wege niedergesetzt, um auszuruhen, da kam
ein kleiner rother Hund bers Feld zu ihm gelaufen, leckte seine Hand,
wedelte mit dem Schwanze und packte von Zeit zu Zeit seinen Rockzipfel,
als wollte er den Mann zum Aufstehen verlocken und ihn irgend wohin
fhren. Der junge Mann sah dem Treiben des Hundes eine Weile zu und
erhob sich dann, worauf der Hund freudig um ihn herum lief und dann
wieder den Rockzipfel packte und so den Mann mit sich fortzuziehen
suchte. Der junge Mann begriff des Hundes stummen Wunsch und folgte ihm
ber das Feld zum Walde hin, der etwa eine halbe Werst entfernt sein
mochte. Von Zeit zu Zeit blieb der Hund stehen, um zu sehen, ob sein
Begleiter auch hinter ihm sei. Im Walde fand der junge Mann eine
Frauensperson, die mit starken Stricken an den Stamm einer Kiefer
festgebunden war, so da sie sich nicht rhren konnte; auch hatte sie
keine andere Krperbedeckung, als ein feines leinenes Hemde. Der Mann
machte sie sogleich vom Baume los und hrte, da Ruber sie gnzlich
ausgeplndert und dann an den Baum gebunden htten. Ich kann dir zwar
keine Frauenkleider geben -- sagte der Mann -- aber nimm meinen Rock
und bedecke dich damit, bis wir unter Menschen kommen und einen besseren
Anzug finden. Dankend wickelte sich die Jungfrau in den Rock und ging
in Begleitung des jungen Mannes weiter; der kleine rothe Hund lief als
Fhrer voraus. Abends kamen sie an die Ruinen eines alten Schlosses und
wollten da ihr Nachtlager aufschlagen, weil sie in der Nhe kein anderes
Obdach gewahr wurden. Ein Wanderer hatte schon vor ihnen unter demselben
Mauerwerk sich niedergelassen. Der junge Mann nahm seinen Brotsack zur
Hand und bat die beiden Andern zu Gast: alle drei aen sich satt. Nach
dem Essen erzhlte der Fremde, der ein gelernter Schmiedegesell war, da
er vorhabe, in die Knigsstadt zu gehen, wo gerade Schmiede sehr nthig
seien und gut bezahlt wrden. Die Jungfrau sagte, sie sei eines
vornehmen Gutsherrn Tochter, habe ihre Tante besuchen wollen und sei
Rubern in die Hnde gefallen, welche sie gnzlich ausgeplndert und an
den Baum gebunden htten, worauf sie mit Kutsche und Pferden davon
gegangen seien. Nun wurde Rath gehalten, wie man der Jungfrau Kleider
verschaffe, in denen sie wieder unter die Leute gehen knne; aber Keiner
von ihnen hatte einen Kopeken in der Tasche und sie frchteten, da sie
Niemand finden wrden, der ihnen Kleider leihe. Beim Schlafengehen sah
der junge Mann, da der kleine rothe Hund verschwunden sei und fragte
deshalb die Jungfrau, wo der Hund geblieben wre. Diese machte groe
Augen und erwiderte: Ich habe _deinen_ Hund nicht mehr mit Augen gesehen,
seit wir hierher gekommen sind. Jetzt war der junge Mann nicht minder
erstaunt und erzhlte, wie er, dem Hunde folgend, den Weg in den Wald
gefunden und deswegen geglaubt habe, der Hund gehre der Jungfrau und
habe ihn zu Hlfe gerufen.

Den andern Morgen gingen der junge Mann und der Schmiedegesell um zu
versuchen, ob sie irgendwo Kleider fr die Jungfrau borgen knnten,
kamen aber Beide nach Mittag mit leeren Hnden zurck. Man legte sich
Abends mit schwerem Herzen schlafen, da der Plan ganz fehlgeschlagen
war. Ein freundliches Traumgesicht trstete die Jungfrau. Sie erlebte im
Traume, wie ein kleiner alter Mann ihr Kleider und Geld versprach, wenn
die Mnner Muth genug htten, den andern Tag ein Wagestck zu
unternehmen. Es seien nmlich in dem alten Gemuer Keller und in diesen
befinde sich ein unermelicher Schatz. Es stehe den Mnnern aber ein
harter Kampf bevor, ehe sie sich im Rcken der Wchter des Schatzes
bemchtigen knnten. -- Die Jungfrau erzhlte am Morgen den Mnnern
ihren Traum, der ihr so lebhaft vor den Augen stand, da sie beim
Erwachen die Gestalt des alten Mannes noch immer neben sich zu sehen
glaubte.

Unverweilt gingen die Mnner aus, um die Keller zu suchen, die sie auch
bald fanden; es war aber der Eingang so finster, da sie ohne Feuer
nicht die Hand vor Augen sehen konnten. Zum Glcke fand sich das
getheerte Ende eines Balkens im Sand-und Kalkschutt, das wurde zu
Brennspnen geschliffen und nun ging man bei Fackelschein den Glcksweg
zu suchen. Nachdem sie eine Strecke in einem engen Hohlwege fortgegangen
waren, kamen sie vor eine eiserne Thr, die so fest war, da sie trotz
allen Schlagens und Stoens sich nicht rhrte, geschweige denn aufging.

Entmuthigt kehrten die Mnner zurck und erzhlten ihr Migeschick. Der
Schmiedegesell sagte, da seine muthigsten Hammerschlge nichts
ausgerichtet htten gegen die feste Thr, welche unbeweglich geblieben
sei, wie eine Felswand. -- Als sie nun selbdritt zu Mittag aen,
gesellte sich der kleine Alte zu ihnen und bat um Speise, die ihm
gereicht wurde. Nachdem er sich gesttigt, sagte er: Ich habe mit der
Jungfrau ein Wrtchen zu sprechen, das andere Ohren nicht hren drfen.
Die Jungfrau hatte sofort den Alten als denselben erkannt, von dem sie
die Nacht so bedeutsam getrumt hatte, sie hatte deshalb nicht die
mindeste Furcht, sich mit dem Alten von den beiden Andern zu entfernen.
Als sie im Gemuer eine einsame Stelle gefunden hatten, sagte der Alte:
Ihr werdet die Eisenthr nicht eher sprengen knnen, als bis ihr drei
Krten getdtet und mit ihrem Blute drei kleine Kreuze auf die Thr
gemacht habt. Geht die Thr dann auf, so mssen die Mnner sich brav
halten, damit sie die Wchter des Schatzes berwltigen. Der Kampf wird
ihnen nicht leicht werden, aber dafr ist der Lohn auch unermelich
gro. Mehr darf ich dir nicht offenbaren.

Die Jungfrau erzhlte, als sie zurck kam, was sie aus des Alten Munde
vernommen hatte. Die Mnner gingen ungesumt der Vorschrift des Alten
gem Krten zu fangen, an denen es hier in den feuchten Kellergruben
nicht fehlen konnte; auch brauchten sie nicht lange danach zu suchen.
Der Schmiedegesell nahm nun seinen schweren Hammer, der junge Mann einen
starken eichenen Knttel, und so gegen den Feind gerstet machten sie
sich zum zweiten Male auf den Weg, in der Hoffnung, jetzt die
Schatzkammer leer zu machen. -- Sobald die Eisenthr mit dem Krtenblut
kreuzfrmig bestrichen war, sprang sie von selbst auf, so da die
Mnner ungehindert ber die Schwelle und in einen andern Keller treten
konnten, der beim Fackelschein so gerumig erschien wie eine Kirche.
Alsbald fuhr ein groer schwarzer Hund[39] mit Gebell auf die Mnner los
und wollte des jngeren Schenkel packen, aber der Schmiedegesell war
geschwinder als der Hund und traf mit seinem groen Hammer den Kopf des
Thieres so gut, da ein zweiter Schlag nicht mehr nthig war. Nach einem
Weilchen kam ein anderer schwarzer Hund, bedeutend grer als der erste,
der hatte zwei Kpfe und vier Augen. Obwohl ihm der Schmied mit dem
ersten Schlage einen Kopf herunterschlug, so drang er doch mit dem
andern um so rger auf die Mnner ein. Des jungen Mannes Knttel
splitterte beim Schlagen ohne dem Hunde etwas anzuhaben. Da schwang der
Schmied seinen Hammer mit aller Macht auf des Hundes Nacken, so da das
bse Thier todt zu seinen Fen niederfiel. Jetzt kam ein dritter noch
grerer Hund, der drei Kpfe und sechs Augen hatte. Der Schmied schlug
den einen Kopf ab, und bald darauf den zweiten, worauf der Hund mit dem
dritten Kopfe davon lief und winselnd den Augen der Mnner entschwand.
Als der Hund fort war, wurde der finstere Keller mit einem Male so hell,
als wren viele Dutzend Kerzen entzndet worden, obgleich nirgends weder
Lichter noch Lampen zu erblicken waren.

Als die Mnner noch immer voll Verwunderung in die Helle starrten, trat
hinter der Wand eine junge Dame hervor, herrlicher zu schauen als die
schnste Blume, in hellseidenen Kleidern und eine fingerdicke goldene
Kette um den Hals; sie reichte den Mnnern freundlich die Hand und
sagte: Ich danke euch von ganzem Herzen, da ihr mich aus der Haft
erlst habt, in welche ein bser Zauberer mich gebannt hatte. Dann kam
eine andere nicht minder schne Dame hinter der Wand hervor, dankte wie
die erste und fgte hinzu: Nun macht auch unsern Schatz frei, der in
des Hexenmeisters Keller liegt. Die Mnner baten, ihnen den Weg zu
zeigen und machten sich auf, um die Schatzkammer zu leeren. Die
Jungfrauen aber fielen einander um den Hals und weinten vor Freuden.
Dann erzhlten sie den Mnnern, sie seien eines reichen Knigs Tchter,
und von ihrer Stiefmutter, welche den eigenen Kindern den Schatz
zuwenden wollte, durch Zauberkraft hier eingesperrt und in Hunde
verwandelt worden, so da die ltere als einkpfiger, die jngere als
zweikpfiger Hund die Schatzkammer zu hten hatten. Die Zauberknoten
seien so geschrzt gewesen, da sobald ein Sterblicher die Hunde todt
schlge, die Knigstchter erlst wren. In der Schatzkammer, sagten
sie, lgen Gold und Silber in groen Massen, aber ein durch Zaubermacht
starker Br sei als Wchter vor die Thr gestellt. Die Mnner hatten
Muth genug, das grausige Wagestck zu unternehmen; sie kamen dehalb
berein, da der junge Mann mit seinem Knttel dem Bren in die Augen
stoen solle, whrend der Schmied ihm auf den Rcken springen und von
dort aus mit seinem Hammer den Kopf bearbeiten werde. Doch zeigte sich
die Aufgabe viel schwerer, als sie sich vorgestellt hatten, und es
verging wohl eine Stunde, ehe sie des Feindes Herr wurden. Die Mnner
waren beide blutig gekratzt. Als der Br zu Boden fiel, erfolgte
pltzlich ein Krach, als wre die Erde unter ihren Fen geborsten. Die
hintere Mauerwand sank ein und die Mnner erblickten jetzt die Kasten,
welche den Schatz enthielten; neben den mit Gold und Silber gefllten
Kasten lagen so viel Spangen und Silberperlen aufgestapelt, da man
damit allein schon mehr als _ein_ Pferd htte beladen knnen. Ein junger
Mann in prchtigen Kleidern trat hinter dem Kasten hervor, grte und
dankte fr seine Erlsung, auch er war ein Knigssohn, welchen ein
Zauberer in einen Bren verwandelt und als Wchter seines Schatzes
hingestellt hatte. Dem Vater im Himmel, der euch hierher gefhrt hat,
sei Dank! -- sagte der Knigssohn. Der alte Zauberer, der die Gestalt
des dreikpfigen Hundes angenommen hatte, hat jetzt keine Macht mehr
ber uns, weil ihm die beiden Kpfe, in denen seine strkste Zauberkraft
steckte, abgehauen sind. Jetzt wollen wir seinen Schatz unter einander
theilen, und da wird einem Jeden von uns so viel zufallen, da er genug
hat. Die Knigstchter gaben dem Edelfrulein von ihren Kleidern so
viel es brauchte, dann wurde die Theilung des Schatzes vorgenommen, mit
welcher sie ber eine Woche zubrachten.

Als die Theilung beendigt war, kam der kleine alte Mann und freute sich,
da Alles so gut abgelaufen war. Dann sagte er: Jetzt darf ich euch
alle Geheimnisse enthllen, die bis heute verborgen blieben. Du -- so
sprach er zu unserem jungen Manne -- bist eben so gut ein Knigssohn,
wie die andern hier Knigskinder sind. Bse Menschen stahlen dich als
Kind aus der Behausung deiner Eltern, denn da du das einzige Kind warst,
hofften sie durch diesen Frevel nach dem Tode des alten Knigs sich der
Herrschaft bemchtigen zu knnen. Ich war von deiner Geburt an dein
Beschtzer und trug stets Sorge, da dir in dem Bauerhause nichts
schlimmes widerfahre. Wiewohl dein Auge mich nicht sah, war ich doch
Nacht und Tag um dich. Als du dann spter auf die Wanderung gingst,
wollte ich dein innerstes Herz erforschen, darum verwandelte ich mich in
den verwundeten Mann, dem du im Walde zu Hlfe kamst, und schenkte dir
das Strmlings-Schchtelchen, das nie leer werden durfte. In
Hundsgestalt fhrte ich dich dann zu der geplnderten Dame und endlich
in diese Schloruine, wo das Glck deiner wartete. Jetzt whlt euch
Jeder eine Lebensgefhrtin nach eures Herzens Trieb, denn Reichthmer
habt ihr ja mehr als genug.

Darauf freite der aus dem erschlagenen Bren hervorgegangene Knigssohn
die eine und der in der Bauerhtte aufgewachsene Knigssohn die andere
Knigstochter; des reichen Gutsherrn Tochter gab Herz und Hand dem
Schmiedegesellen. Der als Findling aufgewachsene Knigssohn schickte
seinen Pflegeeltern die Hlfte seines Schatzes, so da diese mit einem
Male reiche Leute wurden, welche ihren Kindern und Kindeskindern ein
groes Vermgen vererben konnten.

[Funote 39: Vgl. Bd. 1, S. 98 u. 359. L.]




13. Wie sieben Schneider in den Trkenkrieg zogen.


Es lebten einmal in alten Zeiten sieben Schneider, denen das Nadeln
zuwider geworden war: sie wollten hher hinaus. Von manchen tapferen
Helden hatten sie erzhlen hren und dann vernommen, da im Trkenlande
ein groer Krieg angebrochen sei und da wackere Mnner dahin gesucht
wrden. Bei dieser Nachricht schwoll unseren Mnnlein der Kamm, sie
wollten zu Felde ziehen um sich die Sporen zu verdienen; und redeten
darum untereinander wie folgt: Wir stehen wohl auch unsern Mann!
Bislang haben wir friedlich Lcher in's Zeug gestochen, gehen wir jetzt
mit strkerem Spie des Feindes Leiber zu durchbohren! Sie lieen sich
nun einen langen Lanzenschaft aus dem strksten Eichenholz machen, dann
vom Schmiede ihre sieben Scheeren zusammenschweien, zu einer
Lanzenspitze zurechthmmern und an das Ende des Schafts festklopfen. Ehe
sie sich auf den Weg machten, wurde geloost, wer von ihnen Obermann
werden und als Fhrer[40] vorangehen solle. Als das Loos entschieden
hatte, stellten sie sich in eine Reihe und nahmen gemeinschaftlich die
schwere Lanze auf ihre Schultern, weil eben _Einem_ die Last zu schwer
geworden wre. Der Erste, der durch's Loos gewhlte Hauptmann, der die
scharfe Spitze der Lanze trug, wurde _Nasenmann_ genannt, weil seine
Nase den Andern den Weg zeigen sollte. Die fnf Folgenden erhielten die
Namen: _Einkraftmann_, _Zweikraftmann_, _Dreikraftmann_, _Vierkraftmann_
und _Fnfkraftmann_, was freilich nicht bedeuten sollte, da Einer von
ihnen die Kraft von drei oder vier Mnnern gehabt htte, sondern nur
anzeigen, in welcher Reihenfolge sie marschiren mten, damit gar keine
Irrung entstehen knnte. Der Siebente wurde _Schwanzmann_ genannt, weil
das hintere Ende des Lanzenschafts auf seiner Schulter lag; die
Kraftmnner aber muten auch noch abwechselnd den Brotsack tragen, der
eine ein Drittel des Tages, der andere das zweite Drittel und so weiter
bis zum sechsten. Ueberdies hatte Jeder ein Preeisen in der Tasche,
damit nicht auf offenem Felde der starke Wind sie vom Wege fortblasen
knnte. Es versteht sich brigens von selbst, da die Mnner alle eben
so klug wie beherzt waren, da sie wohl sonst nicht gewagt htten, eine
so groe Sache zu unternehmen, die ihnen auf jedem Schritte den Tod
bringen konnte.

So zum Kriege gerstet zogen alle sieben Mnner an einem schnen
Sommermorgen aus, nahmen zu rechter Zeit Frhstck und Mittagsmahl,
ruhten dazwischen im Schatten der Gebsche aus, eilten dann wieder
weiter und wollten, wenn sie Jemandem begegneten, nach dem besten Wege
in's Trkenland sich erkundigen. Als sie so ber Feld gingen, sah der
_Nasenmann_ und sahen auch die Andern einen Bauerhof unweit der Strae,
und es wurde sofort beschlossen zwei Mnner auf Kundschaft
auszuschicken, ob man da nicht noch Mundvorrath fr die Reise bekommen
knnte. _Dreikraftmann_ und _Fnfkraftmann_ gingen hin um nachzusehen. Als
sie zurck kamen, erzhlten sie den Andern, da sie auf dem Hofe nichts
weiter gefunden als drei Weiber und einige Kinder, von Mnnern nirgends
eine Spur. Der _Nasenmann_ sagte: Kriegsleute mssen Muth haben, also
gerade auf den Feind los, und wenn er noch so stark ist! Die Mnner
stieen ein Freudengeschrei aus und strmten auf den Bauerhof los. Als
die Weiber die sieben Mnner und die lange Lanze sahen, erschraken sie
wohl im ersten Augenblick, aber ein Mtterchen, das natrlichen
Scharfblick besa, merkte sogleich, was fr Mnnlein die Andringenden
wren, und sagte deshalb zu den andern Weibern: Diese Feinde jagen wir
mit dem Besenstiel zum Hofe hinaus! -- nahm einen Besenstiel in die
Hand, whrend ein andres Weib eine Mistgabel, ein drittes eine
Brotschaufel ergriff und so stellten sie sich vor die Thr, den Feind
erwartend. Halt, Brderchen! rief der _Nasenmann_, die Klugheit mu
zuweilen den bermigen Muth zgeln, sonst knnte es Unglck geben; wir
haben nur _eine_ Waffe, sie aber _drei_ und viele Hunde sind endlich auch
des Bren Tod. Kehren wir lieber um. Die Andern fanden des Hauptmanns
Rath lobenswerth und machten sich deshalb so rasch davon, als ob sie
Feuer in den Taschen htten. Als der _Schwanzmann_ nach einiger Zeit es
wagte, ber die Schulter zurckzublicken, sah er, da ihnen kein Feind
mehr auf der Ferse sei; da hemmte man den Lauf und zog langsam weiter.

Am Abend gegen Sonnenuntergang flog ein Mistkfer ber die Kriegsmnner
hin; sie hrten das Gesumme seiner Flgel, welches in der Abendstille so
frchterlich klang, da die Mnner schauderten. Der _Nasenmann_ rief:
Brderchen, der Feind kommt ber uns, ich hre schon sein Drhnen! Mit
diesen Worten lie er die Lanzenspitze von der Schulter gleiten und lief
mit Blitzesschnelle davon. Die Andern dachten: unser Leben ist auch
nicht zher als seines! warfen die Lanze von den Schultern und nahmen,
wie ihr Hauptmann, die Flucht, der eine hierhin, der andere dorthin, wie
es sich gerade traf. Der _Nasenmann_ hatte eine leere Heuscheune gesehen
und lief darauf zu, um eine Zufluchtssttte zu finden; als er aber
hineinsprang, bemerkte er nicht, da ein Rechen am Boden lag, der, als
sein Fu unversehens die Pflcke berhrte, in die Hhe schnellte und mit
dem Stiele gegen sein Gesicht schlug. Habt Erbarmen, oder fhrt mich
in's Gefngni! -- bat _Nasenmann_ -- aber lat mich leben! er hielt
nmlich das Anprallen des Stiels fr einen Schlag des Feindes. Nach
einer Weile, als Alles um ihn her still blieb, glaubte er, der Feind
habe sich zurckgezogen und wagte nun die Scheune zu verlassen.
Inzwischen hatte nchtliches Dunkel sich ber die Gegend gelagert, wo
sollte er jetzt seine Gefhrten auffinden? Sie zu rufen, wagte er nicht,
denn auch die Feinde htten seine Stimme hren knnen. Dieselbe Furcht
verschlo den andern Mnnern den Mund, so da keiner ein Zeichen zu
geben wagte. _Dreikraftmann_, der in einen Strauch von wilden Rosen
gerathen war, konnte jedoch das Stechen der Dornen nicht lnger
aushalten, sondern fing an bitterlich zu weinen und den Feind, von
dessen Lanzenspitzen er sich geqult glaubte, um Gnade zu bitten.
Gnade, Gnade, lieben Leute! es wre schon _an einer_ Lanze bergenug,
warum stecht ihr mich mit so vielen? Als die Feinde aber nicht darauf
hrten, nahm er Reiaus, bis er ber den _Schwanzmann_ stolperte und
hinfiel, aber Beide wagten sich nicht weiter zu rhren, sondern dachten,
wenn wir still bleiben, halten uns die Feinde fr todt. So lagen Beide
bis zum Morgen, wo sie erst beim Schein der Morgenrthe inne wurden, da
sie Freunde seien.

Da nun ringsum nirgends mehr eine Spur vom Feinde zu erblicken war, so
riefen sie auch den Uebrigen zu, die dann auch einer nach dem andern
herankamen. Keiner von Allen hatte soviel Schaden genommen, wie
_Dreikraftmann_, dessen Krper an vielen Stellen zerkratzt war. _Nasenmann_
sagte: Ich wei zwar nicht, wo ich verwundet bin, aber am Blutflu
merke ich, da ich Schaden genommen habe, denn meine Hosen sind voll
Blut. Als man nachsah, fand sich, da das Blut eine brunlich-gelbe
Farbe hatte und _Vierkraftmann_ sagte: Der Geruch ist bler, als der von
Blut. _Nasenmann_ ging, seine Hose zu reinigen und dankte seinem Glcke,
als er sah, da er nirgends eine Wunde hatte. Darauf beschlossen die
Mnner einmthig, von ihren ersten Kriegsdrangsalen zu Hause nichts zu
sagen.

Als die Lanze wieder aufgefunden war, setzten sich Alle nieder, um sich
durch einen Imbi zu strken, ehe sie weiter zgen. Da fiel es dem
_Nasenmann_ ein, die Kriegsleute zu berzhlen, um zu sehen, ob der
zweimalige Zusammensto Verluste gebracht habe? Es fand sich, da ein
Mann fehlte; die Andern zhlten ebenfalls, Jeder der Reihe nach, und
Keiner brachte mehr als sechs heraus, der siebente war verschwunden. Sie
zhlten so: Ich bin ich, dann eins, zwei, drei bis zum sechsten. Wer von
ihnen nun aber verloren gegangen war, konnte Niemand sagen. Endlich kam
einem von ihnen ein gescheidter Gedanke wie angeblasen. Er sah am Boden
einen kleinen Misthaufen und sagte zu den Kameraden, wenn jeder seine
Nase hineinsteckte, so knnte man sehen, wie viel Lcher dadurch
entstanden wren. Sie thaten es und als man darauf die Nasenspuren
nachzhlte, da fanden sich -- o Freude -- alle sieben; Niemand aber
konnte begreifen, woher der Irrthum gekommen, da man beim Zhlen nur
sechs herausgebracht.

Als sie weiter zogen, kamen sie an den Saum eines dichten Waldes, in
welchen ein schmaler Pfad hineinfhrte. Hier wurde wieder Rath
gepflogen, was besser wre, auf diesem Pfade gerade durch zu marschiren,
oder den Wald in einer weiten Entfernung zu umgehen. Allein da keiner
vorher wissen konnte, ob denn auch ein Weg um den Wald herum fhre, so
wurde endlich einmthig beschlossen, hindurch zu gehen. Der schmale Pfad
machte ihnen das Weiterkommen sehr beschwerlich, da sie unaufhrlich
rechts und links mit den Hnden die Zweige zur Seite biegen muten; sie
konnten deshalb auch nicht weiter sehen, als die Nase reichte. Ohne aber
auf Hindernisse und Dunkelheit zu achten, schritten sie muthig und
tapfer vorwrts, so da sie nicht frher gewahr wurden, da ein Wolf
mitten im Wege schlief, als bis _Nasenmann_ schon den Fu erhoben hatte,
um darauf zu treten. Als er nun so pltzlich die gruliche Bestie zu
seinen Fen erblickte, rief er voll Schrecken: Ein Seehund! ein
Seehund[41]! und sprang jh zurck, so da _Einkraft_-und _Zweikraftmann_
auf ihre Hintermnner gedrngt wurden und die Mnner smmtlich zu Boden
fielen, bis auf _Schwanzmann_, der glcklicher Weise aufrecht blieb,
wodurch die Lanzenspitze auf den Wolf zu fallen kam. Gern htten die
Mnner smmtlich die Flucht ergriffen, wenn die vor Schrecken erstarrten
Beine sie htten tragen wollen, oder wenn der dichte Wald das
Durchkommen gestattet htte. Da also kein Entrinnen mglich war, so
muten sie nothgedrungen bleiben und ruhig warten, bis der Seehund einen
nach dem andern verschlingen wrde. _Nasenmann_, welcher am nchsten
stand, wunderte sich, da das Raubthier sich nicht vom Flecke rhre und
klug wie er war, schlo er daraus sofort, da ihre scharfe Lanze
dasselbe im Schlafe getdtet habe. Als er nher trat und das Thier
untersuchte, fand er es entseelt, was freilich nicht von einer durch die
Mnner ihm beigebrachten Wunde herrhrte, sondern schon einige Tage
vorher eingetreten war. _Nasenmann_'s Freude ber dieses unerwartete Glck
war grenzenlos, als er aber ber die Schulter blickte und seine
Gefhrten alle mit dem Gesicht auf dem Boden liegend fand, erschrak er
von neuem, weil er glaubte, da sie durch sein Zurckprallen smmtlich
vom Lanzenschaft durchbohrt seien, so da sie daran stken, wie
Strmlinge an der Stange. Er hub dann so bitterlich an sein Herzweh zu
klagen, da der Wald ringsum von seinem Geschrei erscholl. Die Andern
glaubten anfangs, da er unter den Griffen des Thieres schreie und
wagten deshalb nicht, sich vom Fleck zu rhren. Als aber das Geschrei
andauerte, wurde ihnen soviel klar, da doch aus dem Bauche des Thieres
so lautes Schreien nicht an ihr Ohr dringen konnte. Die Dreisteren hoben
die Kpfe etwas in die Hhe und lugten heimlich von unten herauf, um zu
entdecken, warum denn ihr Hauptmann so schreie. Sobald sie inne wurden,
da der erschlagene Seehund weder Ohren noch Schwanz rhrte, und
_Nasenmann_ unversehrt neben ihm stand, sprangen sie wie der Wind vom
Boden auf und eilten, sich die seltsame Sache anzusehen. Niemand von
ihnen war im Geringsten verletzt; da sie niedergestrzt, war einzig und
allein deshalb geschehen, damit des grulichen Thieres Auge sie nicht
erblicken sollte. Als sie nun zusammen das Unthier, wofr sie den
Seehund gehalten, zu untersuchen begannen, wo und wie tief ihr
Schlachtspeer in dasselbe eingedrungen sei, erstaunten sie wohl sehr
darber, da an dem Thiere auch nicht die mindeste Spur einer Wunde
sichtbar wurde. _Dreikraftmann_ sagte: Ein Seehund hat doch nicht mehr
als zwei natrliche Oeffnungen, eine vorn, die andere hinten, jetzt seht
nach, in welche von beiden ist unsere Lanze eingedrungen? _Fnfkraftmann_
war nher getreten und als er mit der Nase an den Seehund rhrte, rief
er: Oho! Brderchen! ihr seid auf dem Holzwege! Der Seehund ist schon
lngst krepirt, denn er stinkt! Ja, sagte _Dreikraftmann_, mir ist
schon lngst ein fauler Geruch, wie von einer sauer gewordenen
Strmlingstonne, in die Nase gestiegen!

Die Mnner faten nun einmthig den klugen Beschlu, dem todten Seehund
das Fell abzuziehen und dasselbe an der Lanze zu befestigen, damit alle
Welt daraus ershe, was fr tapfere Thaten sie verrichtet htten. Den
Leichnam lieen sie im Walde liegen, indem sie sagten: Hat er frher
Rinder und Pferde gefressen, so mgen sie jetzt ihn fressen!

Da nun aber der Abend hereinbrach und sie noch immer nicht wuten, wie
weit der Wald sich noch erstrecken mchte, so muten sie ihren Marsch
beschleunigen, um vorwrts zu kommen. Nach einer Werst hrte der Wald
auf und sie kamen an ein Feld, auf dem nichts weiter wuchs, als einiges
Wachholdergebsch. Hier wollen wir zur Nacht bleiben, sagte _Nasenmann_,
denn wir haben heute wie Mnner uns gemht und geplagt. Whrend die
Andern schliefen, sollte immer einer von ihnen abwechselnd Wache halten,
damit ihnen kein Unheil ber den Hals kme.

Mitten in der Nacht, als gerade _Dreikraftmann_ auf Wache stand, vernahm
er ein schauerliches Getse, weshalb er sogleich seine Gefhrten
weckte. Die Mnner spitzten alle die Ohren und von Zeit zu Zeit erscholl
es: plumps! plumps! als ob Jemand einen schweren Stein aus einer Hhe zu
Boden wrfe. Einige hielten das Gerusch fr so schlimm, da es die Erde
unter ihren Fen erbeben mache. Was konnte das sein? _Nasenmann_ fragte,
ob einer sich getraue, dem Gerusche nachzugehen, um zu sehen, was es
sei; aber keiner schien Lust zu haben, solch' ein Wagni zu unternehmen.
Endlich sagte _Dreikraftmann_, der manchmal verwickelte Fragen sehr
scharfsinnig zu lsen wute: Ich glaube zu wissen, was das Gerusch zu
bedeuten hat; des erschlagenen Seehundes Geist geht sicherlich als
Gespenst[42] um. Als aber das Gerusch immer nher kam, sagte
_Schwanzmann_: Mir fllt etwas ein, wie wir unseres Gespenstes am besten
Herr werden knnen. Die Gespenster mssen sich vor wilden Thieren
frchten, ich wickele das Fell des erschlagenen Seehundes wie einen Pelz
um mich und gehe auf allen Vieren dem Gerusch entgegen, dann jage ich
das Ding gewi in die Flucht. Der Anschlag gefiel den Mnnern, und so
wurde _Schwanzmann_ in das Seehundsfell gewickelt, und damit er auch sonst
nicht ohne Schutz gegen Gefahren bleibe, nahmen die Andern die Lanze auf
die Schultern und gingen in einem Abstand von hundert Schritten hinter
ihm her. _Schwanzmann_ war noch nicht weit gekommen, da sah er auf dem
Felde ein gruliches fnffiges Thier, das hatte zwei lange Hrner und
feurige Augen im Kopfe, die wie Kerzen weithin leuchteten. Wunderlich
war sein Gang, die beiden Vorderfe hob es zugleich auf, als wren die
Beine zusammengewachsen, die Mittelfe traten einer nach dem andern
einher, der fnfte Fu aber schien dazu vorhanden zu sein, da ihn das
Thier wie einen Flgel bald links, bald rechts schwinge, wahrscheinlich
um die Bewegung des schweren Krpers zu erleichtern. Den Kopf hielt das
Thier am Boden und brauchte ihn wohl dazu, den Krper vorn zu sttzen.
Als unser Freund das Alles gesehen hatte, hielt er es fr das
Gescheidteste, so sacht als mglich zurck zu gehen, ehe das grliche
Thier ihn erblicke. Als die Andern seinen Bericht gehrt hatten, wurde
sogleich beschlossen, das Weite zu suchen, damit das gruliche Thier sie
nicht fnde. Htte nicht die Furcht den Augen _Schwanzmann's_ ein
Blendwerk vorgemacht, so wrde er ein Wesen gesehen haben, das weder ihm
noch den Andern Angst erregt htte, nmlich ein gekoppeltes Pferd,
welches diese Nacht auf der Weide graste. Die vermeintlichen Hrner
waren des Thieres Ohren, der Schwanz sein fnfter Fu und die feurigen
Augen hatte ihm die Furcht des Beschauers geschaffen.

Am folgenden Tage ging ihre Reise glcklich von Statten und es stie
ihnen weiter kein Hinderni auf als ein kleiner See, an dessen Ufer sie
gegen Abend gelangten. Vom hohen Ufer aus gesehen wogte der blaue See
vor ihren Augen, als ob ein Windsto ber die Wasserflche hin fahre.
Die in den Trkenkrieg ziehenden Mnner lieen sich am Ufer auf den
Rasen nieder und hielten Rath, wie sie hinber kommen sollten, da
nirgends in der Nhe weder Boot noch Kahn zu sehen war. Htten sie
gewut, da ihr Sitz nichts weiter als ein Erdhaufen war und der
vermeintliche See ein Flachsfeld, das gerade mit blauen Blthen bedeckt
war[43], so htte ihnen das Rathschlagen weniger Kopfbrechen gekostet.
_Nasenmann_ sagte: Hier hilft alles nichts, ber den See mssen wir, wie
sollten wir sonst nach Trkenland kommen. Htte einer von uns die Strke
des Kalewsohnes, so knnte er uns mit Leichtigkeit ber den See an's
andere Ufer tragen; oder ist Jemand ein tchtiger Schwimmer, der bringe
die Andern der Reihe nach ber den See auf's Trockne. _Dreikraftmann_
sagte: Hast du die Strke, so sei der Kalewsohn und trage uns durch den
See, oder bist du ein geschickter Schwimmer, so schwimm' und nimm uns
mit. _Fnfkraftmann_ aber, der gerade hinter seinem Rcken stand, stie
ihn vom Ufer -- oder richtiger gesprochen: vom Erdhaufen hinunter.
_Dreikraftmann_ erschrack anfangs nicht wenig, als er aber merkte, da er
mit der Nase auf trocknem Rasen lag, fhlte er alsbald wieder Muth in
sich und rief aus: wer ein wackerer Mann sein will, der komme mir
nach! Da stie _Nasenmann_ noch zwei Mnner vom Ufer und die brigen
sprangen von freien Stcken hinunter. Auer einer kleinen Erschtterung
versprte Keiner weiteren Schaden, und Alle waren froh, da das
Wagestck gelungen war und das gefrchtete Wasser sie nicht na gemacht
hatte. Die Lanze aber hatten die Mnner am Ufer vergessen und muten nun
zurck gehen um ihre Waffe zu holen, weil ein Krieger ohne Lanze
ebensowenig weiter kommt, als ein Ackersmann ohne Pflug. Da der Abend
angebrochen und eine geschtzte Stelle zur Hand war, so wollten die
Mnner hier bernachten und nach gepflogener Berathung wurde ein Lager
hergerichtet.

Als die Kriegsmnner sich eben schlafen legen wollten, drang der Feind
auf sie ein, es war ein Bauer mit einem derben Knttel auf der Schulter,
der scheltend heran kam. Ihr Lumpengesindel! rief er, habt ihr nicht
anderswo Raum euch niederzulassen als auf meinem Flachsfelde! Wartet ihr
Galgenschwengel! ich will euch den Rcken so blau schlagen wie die
Flachsblthen! -- Die Trkenbekmpfer aber dachten: besser Furcht als
Reue! und ergriffen die Flucht; kaum da sie noch so viel Zeit hatten,
die Lanze mitzunehmen. Sie htten sich wohl auch zur Wehr setzen knnen,
aber der Feind war so pltzlich und mit so wildem Grimm auf sie
eingestrmt, da es ihnen nicht beikam den Kampf aufzunehmen. Erst
nachdem sie einige Werst weit geflohen waren, fiel es ihnen ein, sich
zur Wehr zu setzen, aber wo sollten sie jetzt den Feind hernehmen? Eben
so gut htten sie die Luft greifen knnen! Wir htten ihn ja kurz und
klein schlagen knnen, sagte _Nasenmann_ -- wenn er uns nicht so
unvermuthet ber den Hals gekommen wre. _Dreikraftmann_ sagte: Und was
fr einen Knttel fhrte er! Ich danke meinem Glcke, da er nicht dazu
kam, meinen Rcken zu messen, er htte mir alle Knochen zu Brei
geschlagen. Aber was meint ihr dazu, Kameraden, wenn wir morgen frh
unsere Schritte wieder heimwrts lenkten? Wer Teufel wei, wie weit das
Trkenland noch sein mag und was fr Unglck uns noch zustoen kann ehe
wir hinkommen? Die Andern fanden sogleich, da _Dreikraftmann's_ Rath gut
war. Aber -- sagte _Nasenmann_: den Weg, den wir gekommen sind, gehe
ich nicht zurck, da wrden wir wie die Muse der Katze in den Rachen
laufen und unsere Haut zu Markte tragen, weil der Mann mit dem Knttel
nicht verfehlen wrde uns durchzubluen. Alle muten zugeben, da
_Nasenmann_ Recht hatte, und nachdem sie ber die halbe Nacht damit
zugebracht hatte, die Sache nach allen Seiten hin zu errtern, wurde
einmthig beschlossen auf einem andern Wege zurck zu kehren.

Da kamen sie denn nach einigen Tagen an das Ufer eines See's, in welchem
wirklich Wasser flo, und also nicht blos ein blauer Schimmer der
Oberflche sie tuschte. Das ist also der Peipus-See, rief
_Vierkraftmann_, der den Ort sogleich erkannte, aber hier mssen wir sehr
vorsichtig sein, weil hier ein gar gruliches Unthier wohnen soll, ob
Vierfler, Vogel oder Fisch, kann ich nicht mit Sicherheit angeben,
aber das habe ich aus alter Leute Mund vernommen, da der Kalewsohn
selber es nicht bezwungen hat. _Nasenmann_ stand eine Weile nachdenklich
und sagte dann: Wenn sich die Sache wirklich so verhlt wie du sagst,
so mssen wir ihm entgegenziehen und ihm das Garaus machen! Diese That
wird uns mehr Ehre und Ruhm bringen als ein Kampf gegen die Trken.
-- Als sie nun des Waldes ansichtig wurden, in welchem das Unthier seinen
Aufenthalt haben sollte, da sank ihnen freilich wieder das Herz in die
Hosen, was brigens auch andern Wackeren begegnen kann; dennoch wollten
sie die Heldenthat nicht aufgeben. Wer kann wissen, ob wir mit dem
Leben davon kommen, sagte _Nasenmann_ -- der Tod kmmert sich nicht um
des Menschen Alter, sondern rafft dahin, wen er eben packt. Nun wollen
wir aber nicht mit leerem Magen aus dieser Welt scheiden, darum ihr
Brderchen! setzen wir uns nieder und verzehren wir vor unserm Ende noch
einmal unser Brot, vielleicht (hier strzten ihm Thrnen aus den Augen)
ist es unsere letzte Mahlzeit. Da wurde den Mnnern gar wehmthig um's
Herz, als sie ihres Anfhrers Betrbni sahen und als sie daran dachten,
da wenn das heutige Brot gegessen sei, sie wohl kein neues mehr backen
wrden. Whrend sie sich so ber den Tod unterhielten, versumte doch
keiner darber sich satt zu essen, denn sie meinten, mit vollem Magen
lasse es sich leichter sterben als mit leerem. Nach dem Essen begannen
die Mnner sich gegen den Feind zu rsten, wobei es viel Hin- und
Herreden gab. _Nasenmann_, der bis jetzt immer der erste gewesen war,
meinte jetzt, er habe dieses Ehrenamt lange genug bekleidet und
wnschte, da ein Anderer an seine Stelle trte. Aber die Andern
strubten sich dagegen und sagten, es wre nicht in der Ordnung, wenn
sie sich vor ihren Vorgesetzten drngen wollten; Muth htten sie genug,
nur keinen Krper, der mit ihrem Muthe gleichen Schritt hielte.
_Dreikraftmann_ meinte, ob es denn nicht das Beste wre, wenn Einer fr
alle Andern strbe und der Hauptmann dies auf sich nhme, aber _Nasenmann_
schrie, da der Wald wiederhallte: So haben wir nicht gewettet! Wer
einen guten Rath zu geben wei, der hat auch die Pflicht, meine ich,
selber diesem Rathe gem zu handeln! Nachdem sie noch eine Zeit lang
gezankt und hin und her gestritten hatten, so einigten sie sich endlich
dahin, da Alle gleichzeitig mit der Lanze auf den Feind eindringen
sollten, nahmen die Lanze auf die Achseln und zogen in alter Weise dem
Walde zu, wo das bse Unthier hauste. Bevor sie den Wald erreichten,
muten sie ber ein Blachfeld, da war eine Dame vom Espenhain oder
gerade heraus gesagt -- ein Hase, der sich eben gesetzt hatte und seine
langen Ohren emporstreckte. Dieser grliche Anblick erschreckte die
Schneider dergestalt, da sie sogleich still standen und sich beriethen,
ob sie vorwrts gehen, gerade auf das grliche Unthier losstrmen und
es mit ihrer langen scharfen Lanze durchbohren sollten, oder ob es nicht
besser sei, die Flucht zu ergreifen, ehe das Thier ber sie herfalle und
Einen nach dem Andern hinunterschlucke. Da nun _Schwanzmann_ der hinterste
und durch sechs Mann vor sich geschtzt war, so schwoll seine
Verwegenheit so sehr an, da er dem _Nasenmann_ zurief: Sto den Feind
nieder, wir helfen ja von hinten nach! Aber _Nasenmann_ erwiderte: Du
hast gut schwatzen, du bist durch Andere gedeckt, wrest du an meiner
Stelle, so fiele das Herz dir wohl zwanzig Mal in die Hosen. So
haderten die Mnner eine Weile; Einer gab immer dem Andern Schuld, da
man nicht gerade auf den Feind losgehe, Allen aber standen vor Furcht
die Haare zu Berge wie die Schweinsborsten. Endlich aber rief _Nasenmann_:
Gehen wir denn, ihr Mnner, gerade drauf los! kniff die Augen zu und
strmte vorwrts, dabei schrie er aus Leibeskrften: Hurjo! hurjo!
worauf der Hase nach dem Walde davonlief. Als _Nasenmann_ nach dem Feinde
blinzelte und seine Flucht sah, rief er vor Freude: Er weicht schon, er
weicht schon, er weicht schon! eben so gut knnte man die Luft greifen!
Seht, Mnner, seht! er luft wie ein Hase! sollte es nicht gar ein Hase
sein? _Dreikraftmann_ sagte: Ich wei nicht, Brderchen, wo du deine
Augen gelassen hast? das Thier hat die Gre eines Fllens!
_Vierkraftmann_ wollte dies berichtigen und meinte, das Thier sei doch
wohl so hoch wie ein Pferd, _Fnfkraftmann_ sagte: meinem Auge erscheint
ein Ochs, mit diesem Thiere verglichen, kleiner als ein junger Hund.
_Schwanzmann_ aber meinte, das Thier habe die Hhe eines Heuschobers. So
konnten die Mnner sich lange nicht einigen ber die Gre des Thieres,
das aber muten sie zuletzt Alle einrumen, da der Unhold auf den
ersten Anblick allerdings einen Krper habe, wie ein Hase, jedoch um
Vieles grer sei als ein Hirsch.

Als nun die Trkenlands-Kmpfer aus der eben beschriebenen Fhrlichkeit
Alle glcklich mit dem Leben und mit gesunden Gliedmaen davon gekommen
waren, wurde zur Strkung ein Imbi genommen; dann berlegten sie, was
nun zunchst zu thun sei. Da sie bislang auf ihrem Zuge mehr als genug
wackere Thaten vollbracht, welche im Gedchtni der Nachkommen fortleben
wrden, das fhlte Jeder von ihnen. Und ein Jeglicher war dessen froh,
da er an seinem Theile ein Mann gewesen sei, den keine Drangsal vom
rechten Pfade hatte ablenken knnen.

Nach langem Rathschlagen wurde beschlossen, wie folgt: Wer so viele
Tage lang Hitze und Beschwerden ertragen, wie wir sieben, der hat ein
volles Recht heimzukehren und fortan unter dem Schatten des Ehren- und
Ruhmesbaums, welchen vereinte Tapferkeit gepflanzt, die Tage seines
Alters zu verleben. Lanze und Seehundshaut aber sollen zu ewigem
Gedchtni an einem passenden Orte aufgehngt werden, den Nachkommen zur
Schau, damit alle Schneider Kunde erhalten von den Thaten, welche ihre
Vorvter auf der Welt verrichteten.

Ob gegenwrtig noch Ueberbleibsel von dem berhmten Schlachtspeer und
von der Seehundshaut vorhanden sind, wei ich nicht mit Sicherheit
anzugeben, was aber mnniglich bekannt ist, das ist der Schneider _Muth_
und _Tapferkeit_. Diese von ihren Vorfahren berkommenen Eigenschaften
sind das Erbtheil aller Schneider und werden ihnen verbleiben bis an der
Welt Ende.

[Funote 40: Wrtlich: Nasenmann. L.]

[Funote 41: Mere-karu ist nach Kreutzwald's gef. briefl. Mittheilung
eine scherzhafte Benennung des Seehundes; Geld- und Tabacksbeutel aus
Seehundsfell seien sonst bei den Esten sehr gebruchlich gewesen und
mere-karu nahast kotid oder pungad genannt worden. Auch die aus
schwarzgefrbten Fellen junger Seehunde gemachten Pelze, bei
Arrendatoren und Disponenten sehr beliebt, hieen mere-karu nahast
kasukad. L.]

[Funote 42: Wrtlich: als Heim- oder Wiedergnger. S. ber diese Anm.
zu der letzten der unten folgenden Localsagen von dem
Wiedergnger-Schtzen. L.]

[Funote 43: So hielten die Heruler, von den Langobarden besiegt, auf
der Flucht ein blhendes Leinfeld fr einen See, strzten sich hinein,
als ob sie schwimmen wollten und wurden so von den nacheilenden Siegern
ereilt und niedergemacht. Paulus Diaconus I, 20. Auch Goethe bei seinem
Aufenthalt in Palermo sagt: Man glaubt in den Grnden kleine Teiche zu
sehen, so schn blaugrn liegen die Leinfelder unten. Vgl. _Hehn_,
Kulturpflanzen und Hausthiere S. 113. L.]




14. Der Glcksrubel.


Einmal lebte ein wohlhabender Bauersmann, der hatte drei Shne, von
denen die beiden lteren ganz gescheidte Mnner waren; nur der jngste
Sohn hatte sich von Kindheit auf etwas einfltig gezeigt, so da er mit
keinerlei Arbeit ordentlich zurecht kommen konnte. Als der Vater auf dem
Todbette lag, redete er so zu seinen Shnen: Da meine Lebenstage sich,
wie ich glaube, zu Ende neigen und ich von dieser Welt abgerufen werde,
so sollt ihr die Erbschaft dergestalt theilen, da die beiden lteren
Brder das Vermgen zu gleichen Theilen erhalten, und wenn sie wollen
auch das Ackerland jeder zur Hlfte nehmen. Sollte Einer von Beiden
wnschen, allein auf dem Hofe zu bleiben, so mu er dem andern Bruder so
viel Geld auszahlen als das halbe Grundstck werth ist. Du, Peter, mein
jngster Sohn, taugst weder zum Hofherrn noch zu Anderer Knecht, darum
mut du auswandern und in der weiten Welt dein Glck versuchen. Deine
Taufmutter schenkte am Tauftage einen alten Silberrubel, den sie
_Glcksgeld_ nannte und dir mitzugeben hie, wenn du einmal das elterliche
Haus verlassen solltest. Sie setzte hinzu: so lange mein Taufsohn den
Glcksrubel in der Tasche hat, kann er allenthalben leicht durchkommen,
weil Noth und Elend einem Glckskinde nichts anhaben knnen. Also nimm
jetzt die Pathengabe und versuche wie du mit Hlfe derselben
durchkommst. -- Am folgenden Tage gab der Vater den Geist auf. Die
Shne drckten ihm die Augen zu und begruben ihn. Da die beiden lteren
Brder noch Junggesellen waren, so blieben sie beisammen auf ihres
Vaters Hofe. Sie hngten ihrem jngeren Bruder einen Brotsack ber die
Schulter, der fr einen Mann mindestens eine Woche lang Nahrung
enthielt, und sagten: Geh jetzt und suche den Glcksweg! Peter ging
pfeifend zur Pforte hinaus und schlug den Weg gen Morgen ein, indem er
dachte: wenn die Sonne Morgens aufgeht, so giebt sie mir die Richtung
an, so da ich nicht zu frchten brauche mich zu verirren. So lange er
Vorrath im Brotsack fand, hatte er nicht die geringste Sorge, sondern
zog singend und pfeifend dahin und kam immer weiter von Hause. Als er
nach einigen Tagen wieder Mahlzeit hielt, fand er, da der Sack nun leer
war, das machte ihm aber weiter keine Noth, da er sich jetzt satt
gegessen hatte. Als er am nchsten Morgen erwachte, fuhr er mit der Hand
in den Brotsack -- allein der war eben so leer wie sein Magen. Mit
schwerem Herzen ging er eine Weile weiter, setzte sich dann nieder um zu
verschnaufen und berlegte was er jetzt thun solle, um den knurrenden
Magen zu beschwichtigen. Der Rubel stack zwar unberhrt in seiner
Tasche, aber was konnte ihm der hier helfen, wo Niemand in der Nhe war,
dem er Brot htte abkaufen knnen. Er lehnte das Haupt an einen Stein
und streckte den Krper auf den Rasen, in der Hoffnung, da ihm der
Schlaf vielleicht Rath bringe. Als er erwachte, sah er einen fremden
alten Mann neben sich sitzen, der einen langen weien Bart aber nur _ein_
Auge hatte. Dies Auge stand mitten auf der Stirn ber der Nase; da wo
sonst bei Menschen die Augen stehen, hatte der Alte zwei groe Warzen,
welche wie die Hrner eines Bocklamms aussahen. Drei groe schwarze
Hunde, immer einer grer als der andere, lagen dem Alten zu Fen.

Der Alte betrachtete mit seinem einen Auge den Peter genau und fragte
dann: Bauer, hast du nicht Lust mir die Hunde abzukaufen? Ich lasse sie
dir wohlfeil. Peter erwiderte: Ich habe selber nichts zu brocken noch
zu beien, was soll ich den Hunden geben? Der Alte lachte und sagte:
Nun, damit wrdest du schon zurecht kommen. Meine Hunde verlangen
nichts von dir, sondern knnen dir noch obendrein Nahrung schaffen.
Sind es denn etwa Jagdhunde, fragte Peter, die alle Tage Wild fangen
und so ihrem Herrn den Braten bringen? Der Alte erwiderte: Meine Hunde
sind besser als gewhnliche Jagdhunde. Wenn du die Katze nicht im Sacke
kaufen magst, so will ich dir gleich zeigen, welchen Nutzen diese Hunde
ihrem Herrn bringen. Er tippte dann dem kleinsten Hunde mit dem Finger
auf den Kopf und befahl: Lauf-hol-Essen! Der Hund sprang auf und lief
wie der Wind davon, so da er bald verschwunden war. In weniger als
einer halben Stunde kam er zurck, einen Handkorb im Maule.
Unaussprechlich gro war Peters Freude, als er den Korb mit den
schmackhaftesten Speisen gefllt fand, Schweinefleisch, frische Fische,
Wrste und Kuchen. Er a, da ihm der Leib zu platzen drohte. Dann sagte
der Alte: Was brig bleibt, mut du den Hunden geben, weil der Korb
jedesmal geleert werden mu und nicht der kleinste Bissen brig bleiben
darf. Petern that es zwar Leid, den Rest den Hunden zu geben, er wagte
aber nicht sich dem Alten zu widersetzen, dem er es doch verdankte, da
er jetzt satt geworden war. Zaghaft sagte er dann: Den kleinsten Hund
da wrde ich gern kaufen, wenn ich Geld genug htte, aber mein Vermgen
besteht im Ganzen aus einem Silberrubel; mehr habe ich nicht hinter Leib
und Seele. Willst du den Hund um diesen Preis verkaufen, so wollen wir
den Handel sogleich abschlieen. Der Alte war mit dem gebotenen Preis
zufrieden, fgte aber hinzu: Man darf diese Hunde niemals voneinander
trennen, sonst wrde fr den Herrn wie fr die Hunde Unheil entstehen.
Wenn du nicht mehr Geld hast als einen Silberrubel, so verkaufe ich dir
dafr den kleinsten Hund und schenke dir die beiden andern dazu. Du
wirst mit deinem Kaufe gewi zufrieden sein. Der erste Hund heit, wie
du gehrt hast: _Lauf-hol-Essen_, der mittlere heit: _Rei-nieder_ und der
grte: _Brich-Eisen_! Sollte dir irgend etwas zustoen, wobei du der
Hunde bedrftest, so rufe nur denjenigen bei Namen, dessen Hlfe du
gerade brauchst und dein Verlangen wird erfllt werden. Wie dich der
kleinste tglich mit Nahrung versorgt, so werden die beiden andern dich
gegen den Feind schtzen. Dann rief er den Hunden zu: Hier steht euer
neuer Herr! Die Hunde wedelten mit dem Schwanze und leckten Petern die
Hand, als wollten sie zu erkennen geben, da sie die Weisung verstanden
hatten. Beim Abschiede berhrte des Alten Finger die Stirn Peter's, es
durchfuhr ihn pltzlich wie ein Blitz, aber in demselben Augenblicke war
auch der Alte verschwunden, ob in die Luft zerflossen oder zu Staub
verweht, das ist Peter'n niemals klar geworden. -- Wunderbarer Weise
schien es, als htte des Alten Finger Petern und Alles was vor ihm lag,
mit einem Male verwandelt -- denn noch nie war ihm die Welt so schn
erschienen wie jetzt, und zugleich war in ihn selbst ein anderer Geist
eingezogen. Peter sprach zu sich selbst: Bisher habe ich wie in einer
dichten Nebelhlle gelebt, aus welcher ich heute in die Helle getreten
bin. Die Hunde sahen ihn klug an und wedelten mit den Schwnzen, als
wollten sie dadurch andeuten: du hast Recht. Nachdem Peter eine Weile
ber den wunderbaren Vorfall nachgesonnen hatte, machte er sich auf, um
seine Wanderung fortzusetzen. Als er am Abend zufllig in die Tasche
griff, fand er seinen Rubel und konnte sich schlechterdings nicht
erklren, wie das Geld dahin gekommen sei, weil er genau wute, da er
den Rubel fr den Hund dem Alten gegeben, und da dieser das Geld vor
seinen Augen in die Tasche gesteckt hatte. Wie konnte der Rubel von da
zurckkommen? Lauf-hol-Essen hatte laut Befehl die Abendmahlzeit geholt,
welche fr den Herrn und seine Hunde hinreichte; eben so ging es am
andern Morgen. Aber die nrrische Geschichte mit dem Gelde wollte Petern
nicht aus dem Kopfe, er nahm sich darum vor, der Sache auf den Grund zu
kommen. Er tauschte seinen Rock gegen den besseren eines ihm begegnenden
Mannes, und gab den Rubel als Aufgeld. Als er eine Meile weiter gegangen
war, fand er seinen Rubel wieder in seiner Tasche. Jetzt erst merkte er,
wie die Sache mit dem Rubel stand, der immer wieder in seines Herrn
Tasche zurck schlpfte, so oft er auch bei einem Handel ausgegeben
wurde. Er kaufte sich nun alle Tage Kleider und sonstige Bedrfnisse,
oder auch allerlei Tand, wie das die Reichen thun, gleichwohl blieb sein
Pathengeschenk immer in seiner Tasche. Auf welche Weise der Rubel aus
fremder Hand da hinein kam, das konnte sich der Besitzer freilich nicht
erklren. Aber er dachte vergngten Sinnes: ich knnte, wenn ich wollte,
die ganze Welt durchstreifen, weil es mir nirgends an Nahrung und Geld
gebrche.

Peter war nun schon eine geraume Zeit von einem Orte zum andern gezogen,
als er eines Tages auf einen Wald zuschritt; die Hunde hoben die Nasen
schnuppernd in die Hhe und sahen wieder auf ihren Herrn, als wollten
sie sagen: hier ist etwas nicht geheuer, sieh dich vor! Peter ging
weiter und sah, da die Hunde immer unruhiger wurden, doch konnte er
nichts Befremdliches entdecken. Da hrte er pltzlich von weitem das
Gerusch von Rdern, wie wenn ein schweres Fuhrwerk Schritt fr Schritt
heraufkomme. Dann gewahrte er eine Kutsche mit vier schwarzen Pferden
und es war als ob sie einen Leichenwagen zgen, denn die Kutsche war mit
schwarzen Decken behangen und auch der Kutscher trug schwarze Kleider.
Die Pferde lieen Kpfe und Ohren hngen, als empfnden auch sie Trauer.
Als Peter in's Kutschenfenster hineinlugte, sah er eine junge bleiche
Dame in schwarzen Trauerkleidern allein in der Kutsche sitzen; sie
weinte bitterlich und wischte sich von Zeit zu Zeit mit einem feinen
weien Tuche die Thrnen von den Wangen. Peter fragte den Kutscher, was
die Sache zu bedeuten habe, erhielt aber keine Antwort. Da fuhr Peter
ihn heftig an: Schlingel! willst du die Pferde anhalten und mir
antworten? Sonst werde ich dir das Maul aufmachen, da du reden lernst!
-- Als der Kutscher den Mann und seine groen Hunde ansah, meinte er
doch, da hier nicht zu spaen sei, hielt die Pferde an und berichtete,
da da im Walde ein gruliches Ungeheuer hause, das halb wie ein
ungeheurer Br und halb wieder wie ein Vogel geformt sei, so da es
ebenso gut auf der Erde einherschreiten, als fliegen knne. Dieses
gruliche Unthier verschlinge ringsum im Knigreiche eine groe Menge
Menschen und Thiere und wrde schon lngst das Land ganz von lebenden
Wesen entblt haben, wenn ihm nicht jedes Jahr an einem bestimmten Tage
eine unschuldige Jungfrau zum Opfer gefhrt wrde, welche das Thier
augenblicklich herunterschlinge. Der Knig lasse zu diesem Behuf aus dem
ganzen Reiche alle unschuldigen sechzehnjhrigen Mdchen zusammenkommen
und unter ihnen das Loos werfen, um zu entscheiden, an welche
Unglckliche die Reihe zu sterben komme. Diesmal sei das Todesloos auf
die einzige Tochter des Knigs gefallen, welche jetzt dem Thiere zum
Frae gebracht werde. Obwohl der Knig und seine Unterthanen in tiefster
Betrbni seien, so knne Niemand der Sache abhelfen oder ihr eine
andere Wendung geben, weil das Gelbni erfllt werden msse, ohne
Rcksicht darauf, ob das Mdchen reich oder arm, hochgeboren oder gering
sei. Peter empfand inniges Mitleid, als er des Kutschers Erzhlung
vernommen hatte und die tiefe Traurigkeit der unglcklichen
Knigstochter sah. Er beschlo sogleich, die Jungfrau auf ihrem
Todeswege zu begleiten. Da nun die Kutsche Schritt fr Schritt weiter
fuhr, folgte Peter mit seinen Hunden nach. Als sie endlich an einen
hohen Berg kamen, der mitten im Walde stand, hielt der Kutscher die
Pferde an und bat die Knigstochter, auszusteigen, weil sie nun an die
Grenze gekommen seien, welche Leben und Tod scheide. Ohne ein Wort zu
verlieren, wie ein Lmmlein, stieg die schne Knigstochter aus der
Kutsche und ging den Berg hinauf. Peter wollte sofort hinterdrein, aber
der Kutscher rief: Bauer! la die Narrenspossen bleiben! Du kannst dein
Leben eben so gut einben, wie die Jungfrau und die Sache stnde darum
doch nicht besser. Peter erwiderte zuversichtlich: Das ist meine Sache
und nicht die deinige! und schritt khn vorwrts. Die vom Weinen
geschwollenen Augen der Knigstochter blickten wie dankend auf ihn und
die schwarzen Hunde wedelten frhlich mit dem Schwanze, als wollten sie
sagen: das ist braven Mannes Art! -- Sie hatten noch nicht den dritten
Theil des Berges erklettert, als pltzlich ein Brausen und Tosen sich
erhob, als ob ein schweres Hagelwetter im Anzuge sei. Vom Kamme des
Berges herab wlzte sich ein grliches Thier, dessen Oberleib
brenartig, aber viel hher war, als das grte Pferd; statt der Haare
bedeckten Schuppen den Krper, zwei krumme Hrner standen am Kopfe und
zwei lange Flgel am Rcken, fulange Zhne wie Schweinshauer ragten aus
dem Rachen hervor, an Vorder- und Hinterpfoten hatte es lange Klauen.
Das grliche Raubthier mochte noch einige zwanzig Schritte von der
Knigstochter entfernt sein, als es seine lange Zunge herausstreckte,
mit welcher es wie eine Schlange die Jungfrau erst stechen wollte, bevor
es sie verschlang, aber in demselben Augenblicke rief Peter
unerschrocken: Bei-nieder! Als das Unthier die Stimme des Mannes
hrte, funkelten seine Augen wie Feuer und sein Athem dampfte wie
Badstubenbrodem, aber schon war der schwarze Hund, dem Befehle seines
Herrn gehorchend, mit Blitzesschnelle herangesprungen und im Kampfe mit
dem Ungeheuer begriffen. Sehr gewandt wute der Hund sich vor des
Thieres Rachen und Klauen zu wahren, sprang demselben zwischen den
Beinen durch unter den Leib, grub sich mit den Zhnen ein und bi so
lange, bis die Eingeweide aus dem Leibe heraushingen und des Hundes
Zhne das Herz packten. Da fiel das gruliche Thier mit der Wucht eines
Felsens nieder, da der ganze Berg unter seiner Last bebte und hauchte
nach kurzer Zeit sein bses Leben aus. Der Hund aber, obwohl er zehnmal
kleiner war, fra das Unthier rein auf mit Haut und Haaren, so da
nichts weiter brig blieb als die beiden Hrner und die vier langen
Hauer. Diese Reste hob Peter auf und steckte sie in seinen Sack. Dann
eilte er der Knigstochter zu Hlfe, welcher Furcht und Schrecken die
Besinnung geraubt hatten und die ohnmchtig da lag. Peter holte in
seinem Hute aus der nahen Quelle kaltes Wasser und benetzte damit Stirn
und Wangen der Jungfrau so lange, bis die Schwche verging. Wie aus
einem langen Schlafe erwachend, mute sie sich eine Weile besinnen, was
mit ihr geschehen sei, als sie aber das grliche Thier nicht mehr
vorfand, hielt sie sich fr gerettet, fiel vor ihrem Retter auf die Knie
und dankte ihm unter Thrnen mit liebreichen Worten. Dann bat sie ihn,
sich mit ihr in die Kutsche zu setzen und zum Knige zu fahren, um
seinen verdienten Lohn zu fordern, der ihm sicher nicht krglich,
sondern kniglich wrde gereicht werden. Peter dankte fr das
freundliche Anerbieten und erwiderte dann: Ich bin noch jung und
unerfahren, darum getraue ich mich noch nicht vor dem Knige zu
erscheinen. Ich will mich erst noch lnger in der Welt umsehen, und wenn
der himmlische Vater mir Leben und Gesundheit giebt, da komme ich nach
drei Jahren zurck. So trennten sie sich. Die Knigstochter setzte sich
in die Kutsche und fuhr zu ihrem Vater zurck; Peter setzte seine
Wanderung nach fremden Lndern fort.

Dem Kutscher aber kam ein bser Gedanke. Er hatte das Gesprch mit
angehrt, welches die Knigstochter mit Petern gefhrt hatte und hielt
es fr gerathen, sich selber fr den Retter der Knigstochter auszugeben
und den groen Lohn einzustreichen. Als sie nun im Waldesdickicht an
eine Stelle kamen, wo ein steiler Abhang eine tiefe Schlucht begrenzte,
stieg er ab und sagte zur Knigstochter: Euer Erretter ist seine Strae
gezogen und wird sicherlich niemals wiederkehren, um von euch und von
eurem Vater den Lohn fr seine That zu fordern. Ich glaube deshalb, da
es eure Pflicht wre, mir diesen Lohn zu zahlen, weil ich den jungen
Mann gedungen hatte, euch zu helfen, er wre sonst nicht erschienen.
Sagt also eurem Vater, wenn wir heim kommen, da _ich_ euch aus den Klauen
des Unthiers gerettet und das Geschpf der Hlle erschlagen habe, so da
es Keinem mehr ein Leid zufgen kann: dann wird mir der Lohn
ausgezahlt. Die Knigstochter erwiderte: Das wre erstens eine
offenbare Lge und zweitens ein schweres Unrecht, wenn der Mann, der den
Lohn verdient hat, ihn einbte und ein anderer ihn erhielte, der nichts
gethan hat. Gott bewahre mich vor einer solchen Snde! Der Kutscher
runzelte die Stirn und rief zornig: Wohl, es sei denn, wie ihr selber
wollt! Lebendig sollt ihr aus meiner Hand nicht mehr entkommen! Bereitet
euch zum Tode!

Die Knigstochter fiel vor ihm auf die Knie nieder und bat um
Barmherzigkeit, aber das Kieselherz des Bsewichtes kannte kein
Erbarmen, vielmehr sagte er mit hartem Tone: Whlet zwischen zwei
Dingen -- was ihr fr besser haltet: entweder ihr sagt eurem Vater, da
ich das Unthier erschlagen habe, oder, wenn ihr diese Lge nicht
hervorbringen wollt, strze ich euch den Abhang hinunter in die Tiefe,
wo euch der Mund auf ewig geschlossen bleibt. Zu Hause sage ich, da das
Unthier euch verschlungen hat, wie alle anderen Jungfrauen vor euch, und
damit ist die Sache aus. Jetzt sah die Knigstochter, da hier weiter
keine Hoffnung auf Befreiung war, wenn sie sich dem tckischen Kutscher
lnger widersetzte, darum versprach sie, ihrem Vater die Lge
vorzutragen, die ihr der Kutscher angegeben hatte, mute aber erst mit
einem schweren Eide betheuern, da sie diese Lge auch wirklich als
Wahrheit aufrecht erhalten und keiner Seele mit einem Worte verrathen
wolle, was sich heute begeben hatte. Starr vor Angst und Schrecken hatte
die Knigstochter des ruchlosen Mannes Gehei erfllt, aber je nher sie
dem Vaterhause kam, desto schwerer wurde ihr das Herz. Sie konnte aber
ihren Schwur nicht verletzen, sondern mute den Kutscher als ihren
Retter nennen. Grenzenlos war der Einwohnerschaft wie des Knigs Freude,
als die fr todt beweinte Jungfrau lebendig und gesund zurckkam und
zugleich die Nachricht brachte, da das Unthier vernichtet sei und
fortan Niemand mehr sich vor demselben zu frchten brauche. Die
Trauerkleider wurden jetzt abgethan und statt ihrer Freudengewnder
angelegt. Der Knig fiel seiner Tochter weinend um den Hals und konnte
lange kein Wort hervorbringen; als er endlich die Sprache wiederfand,
dankte er dem Retter seiner Tochter und reichte ihm die Hand mit den
Worten: Dank und Preis dir, geehrter Mann! Du hast nicht nur mein
einziges Kind aus dem Rachen des Todes befreit, sondern auch das ganze
Reich aus des schlimmsten Feindes Gewalt erlst. Fr diese groe
Wohlthat will ich dich belohnen und dir meinen theuersten Schatz geben;
du sollst meines Tchterchens Gemahl und mein Schwiegersohn werden. Da
aber meine Tochter noch sehr jung ist, so kann die Hochzeit erst nach
Jahresfrist stattfinden. Darnach wurde der Kutscher auf's prchtigste
gekleidet und zum hchsten Range erhoben, wo er denn Tag fr Tag in
groer Ehre und Herrlichkeit lebte, und seines frheren Standes, da er
ein niederer Diener gewesen war, nicht mehr gedachte.

Anders lie sich die Sache mit der Knigstochter an, welche heftig
erschrack, als sie vernahm, da der Vater sie selbst dem Retter zum
Lohne versprochen. Sie war sehr betrbt und vergo oft heimlich Thrnen.
Weil aber ihre Zunge durch einen schweren Eid gebunden war, durfte sie
Niemandem erzhlen, wie es sich mit ihrer Rettung verhielt, noch weniger
aber verlauten lassen, was ihr Herz Nacht und Tag qulte, da sie
nmlich nicht ihres geliebten wahren Erretters Lebensgefhrtin werden
konnte. Als das Jahr vorber war, brachte sie gleich die Bitte vor, man
mge _noch_ ein Jahr mit der Hochzeit warten; das war freilich nicht nach
dem Sinne des Brutigams, er mute sich aber fgen, da der Knig seiner
Tochter die Bitte gewhrte. Als aber nach Ablauf des zweiten Jahres die
Tochter abermals mit der Bitte vor den Vater trat, die Frist
hinauszuschieben, rief er aus: Du undankbares Geschpf! warum willst du
diesen wackern Mann nicht heirathen, der dich aus dem Rachen des
Unthiers erlst und mein ganzes Knigreich von einer schweren Geiel
befreit hat! Die Tochter war bleich geworden wie der Tod und war dem
Vater zu Fen gefallen: sie sagte nichts weiter als: O wie glcklich
wre ich jetzt, wenn das Unthier mich heute vor zwei Jahren verschlungen
htte! Diese, im Tone des Kummers gesprochenen Worte drangen dem Vater
wie Feuerpfeile durch's Herz, er hob seine Tochter vom Boden auf, nahm
sie auf seine Kniee und sagte: Noch einmal, liebes Kind, zum letzten
Male will ich deiner Bitte Gehr schenken, aber heute ber's Jahr kann
dich keine Macht lnger vor der Hochzeit schtzen; weil ich dich mit
meinem Knigswort deinem Retter zugesagt habe. Die Tochter dankte fr
diesen neuen Beweis vterlicher Liebe und hoffte noch immer darauf, da
der theure Jngling, der sie aus den Klauen des Todes errettet hatte,
sein Versprechen halten und nach drei Jahren zurckkehren werde. Viel
schneller als sie hoffte und dachte, schwand das dritte Jahr dahin, und
ging zu Ende, ohne da von des fremden Mannes Ankunft etwas verlautet
htte.

Die Knigstochter wute im Voraus, da sie von ihrem Vater keine
Verlngerung der Frist mehr erbitten drfe, darum sah sie ruhig die
Vorkehrungen zur Hochzeit mit an, weinte bisweilen in der Stille und
flehte zu Gott um Hlfe. In der Nacht vor dem fr die Hochzeit
festgesetzten Tage trumte ihr, da ein alter einugiger Mann mit grauem
Barte gekommen war um sie zu trsten. Der Alte hatte gesagt: sei
getrost und unverzagt! Einem hheren Auge kann Unrecht nie verborgen
bleiben, wenn es sich auch menschlicher Kunde entzge. Beim Erwachen
fhlte die Knigstochter neue Kraft und Hoffnung im Busen.

Nun geschah es, da an demselben Tage, wo die Hochzeit der Knigstochter
stattfand und die ganze Stadt deshalb im Festjubel war, da ein fremder
Mann mit drei schwarzen Hunden zum Thore hereinkam. Er erkundigte sich,
warum wohl die Leute so sehr vergngt seien und erhielt Bescheid, da
gerade die Hochzeit der Knigstochter gefeiert werde und da sie den
Mann heirathe, der sie vor drei Jahren den Zhnen eines grulichen
Unthiers entrissen habe. Der Fremde fragte weiter: Sagt mir doch, wo
dieser Retter ist? Nun -- war die Antwort -- wo anders als in des
Knigs Hause, da der Brutigam ja immer neben der Braut sitzt. Da rief
der Fremde zornig: Lat mich vor den Knig, ich will ihm klar machen,
da er seine Tochter einem verworfenen Betrger berliefert. Lat mich
mit dem Knige reden!

Die Wchter an der Pforte des Knigshauses glaubten es mit einem
Verrckten zu thun zu haben, darum nahmen sie ihn fest, legten ihm
Fesseln an Hnde und Fe und warfen ihn dann in ein mit eisernen
Riegeln wohlverwahrtes Gefngni, damit die Festfreude nicht durch einen
Tollen gestrt werde. Jetzt sah Peter ein, da er die Sache wie ein
Hitzkopf angefat hatte und bereute seine Leidenschaft, weil die
Knigstochter nun eines Andern Weib ward, whrend er im Kerker in Ketten
sitzen mute. Da hrt er unter dem Fenster des Gefngnisses ein Kratzen
und Hundegeheul und denkt: meine treuen Hunde wollen zu mir, vielleicht
kann ich mit ihrer Hlfe befreit werden. Zum Glcke fllt ihm ein, den
dritten Hund zu Hlfe zu rufen und kaum hat er Brich-Eisen!
herausgebracht, so hat auch schon das grte der schwarzen Thiere seine
Pfoten an den Eisengittern des Fensters, welche unter der Kraft des
Hundes wie altes Bandeisen brechen. Der Hund springt zum Fenster herein,
zernagt seines Herrn Hand- und Fufesseln, als wre es Heedegarn, und
springt dann wieder zum Fenster hinaus, Peter ihm nach. Da ihm so aus
der Noth geholfen war, berlegt er was weiter zu thun ist, damit die
Knigstochter nicht das Opfer eines Frevels werde. Als er jetzt Hunger
sprte, rief er den ersten Hund: Lauf-hol-Essen! Der Hund lief mit
Windeseile und kam bald mit einem Handkorbe zurck; die Speisen darin
waren mit einem feinen weien Taschentuch bedeckt und ein goldener Ring
war in den Zipfel des Tuches eingebunden; auf dem Ringe fand Peter den
Namen der Knigstochter eingegraben, und daraus schpfte sein Herz
wieder neue Hoffnung.

Die Sache mit dem Tuche und dem Ringe verhielt sich so. Der Knig sa
mit seinen vornehmen Gsten bei Tafel, ihm zur Rechten seine Tochter und
zur Linken der Brutigam, der vormalige Kutscher, welcher heute durch
die Trauung Schwiegersohn des Knigs werden sollte. Da kommt ein
schwarzer Hund, einen leeren Korb im Maule, in's Gemach gelaufen,
gerade auf den Stuhl der Knigstochter los, sieht die Jungfrau mit
bittenden Augen an und leckt ihr die Hand, als wollte er sagen: thut ihr
mir nicht auch Speise in den Korb? Die Hnde der Knigstochter geriethen
vor Herzensfreude in ein leichtes Zittern, denn sie hatte den schnen
Hund augenblicklich als den ihres Erretters wieder erkannt. Sie nahm
darum vom Tische Fleisch und Fisch nebst sem Gebck und that Alles in
den Korb; zugleich zog sie ihren Verlobungsring vom Finger, band ihn in
einen Zipfel ihres Tuches und bedeckte dann mit diesem den Korb. Der
Hund ging mit dem Korbe davon; die Knigstochter aber sagte dem Knige
einige Worte heimlich in's Ohr, worauf sich der Knig von der Tafel
erhob, die Tochter bei der Hand nahm und mit ihr in ein abgelegenes
Zimmer ging, wohin nach kurzer Zeit auch der Prediger gerufen wurde.
Diesen fragte der Knig, ob ein Eid bindend sei, den ein Mensch in
Todesnoth gezwungener Weise geschworen habe, um dadurch sein Leben aus
Mrderhand zu retten. Der Prediger erwiderte: ein abgezwungener Eid,
den ein Mensch wider sein besseres Wissen und Wollen schwrt, hat weder
nach gttlichen noch nach menschlichen Gesetzen Gltigkeit, weil ein
solcher Eid eben nichts bedeutet. Jetzt offenbarte die Knigstochter
ihr Geheimni und erzhlte ausfhrlich, was ihr heute vor drei Jahren im
Walde begegnet war. Der Knig befahl einigen Dienern, die Spur des
Hundes zu verfolgen und wenn mglich den Herrn desselben ausfindig zu
machen. -- Diesen Mann sollten sie dann augenblicklich vor den Knig
fhren. Nach kurzer Zeit war der Mann gefunden und mit seinen drei
Hunden vor den Knig gebracht. Die Knigstochter erkannte sogleich ihren
Retter, fiel ihm dankbewegt um den Hals und sagte: Heute rettet ihr
mein Leben zum zweiten Male aus der Gewalt eines bsen Thieres! Tausend
und aber tausend Dank fr diese Liebe und Wohlthat!

Der Knig begab sich nun mit seiner Tochter wieder zur Tafel und hie
Petern so lange warten, bis er ihn rufen lasse. An der Tafel warf der
Knig die Frage auf: was fr eine Strafe einem Menschen gebhre, der
eines Andern wackere That verheimliche und dessen verdienten Lohn sich
zueigne? -- Der vormalige Kutscher dachte, ich will nun zeigen, was ich
fr ein tchtiger Richter bin, und erwiderte auf des Knigs Frage: Ein
solcher Uebelthter verdiente nichts Besseres, als da ihm ein Mhlstein
um den Hals gebunden und er in die Tiefe des Meeres versenkt wrde.
Darauf sagte der Knig: Sehr wohl, ein solcher Spruch soll denn auch
gefllt werden! und befahl den Fremden in den Saal zu rufen. Als nun
Peter mit seinen drei schwarzen Hunden eintrat, wurde der Kutscher
bleich wie eine getnchte Wand, fiel vor dem Knige auf die Kniee und
bat um Gnade. Der Knig sagte: Du ruchloser Frevler hast dir selbst das
Urtheil gesprochen und sollst nun auch die Strafe erleiden, die du
angegeben hast. Damit aber unser schnes Hochzeitsfest deinetwegen nicht
gestrt werde, sollst du so lange im Gefngni sitzen, bis die Hochzeit
meiner Tochter vorber ist. Darauf wurde der Kutscher hinausgefhrt, in
Ketten gelegt und in's Gefngni geworfen. Jetzt nahm Peter seine
Beweisstcke aus dem Sacke, nmlich des Unthiers Hrner und Hauer,
worauf ein lautes Freudengeschrei aus dem Munde der Hochzeitsgste
erscholl. Der Knig befahl Petern sich neben ihn auf des Kutschers Stuhl
zu setzen und lie ihn noch an demselben Abende als seinen Schwiegersohn
mit der Prinzessin trauen. Hauer und Zhne des Unthiers wurden zu ewigem
Gedchtni in die knigliche Kirche gebracht.

Nach vier Wochen, als die Festlichkeiten beendet waren, erlitt der
Kutscher die verdiente Strafe, die er selbst angegeben hatte. Eines
Tages aber trat Peter ehrerbietig vor den Knig und sagte, als niederer
Leute Kind sei er jetzt durch ein unerwartetes Glck zum vornehmen Manne
geworden, allein er habe daheim noch zwei ltere Brder und bitte
deshalb den Knig um Erlaubni, sie kommen zu lassen, damit er nicht
allein in Glck und Freude lebe, sondern auch seinen Brdern das Leben
leicht machen knne. Der Knig willigte ein und lie auf der Stelle
Befehl ergehen, da Peter's Brder herkommen sollten. An dem Tage wo die
Brder kamen und Peter sie freundlich empfing, fing der grte der
schwarzen Hunde an mit menschlicher Zunge zu reden und sagte: Jetzt ist
unsere Zeit um, sintemal wir so lange bei dir bleiben muten, bis wir
sehen wrden, ob du dich in deinem Glcke der Brder erinnern wrdest.
Dem himmlischen Vater sei Dank! du hast wie ein rechter Mann in allen
Stcken deine Pflicht gethan. Pltzlich waren die Hunde in Schwne
verwandelt, hoben ihre Flgel und zogen davon. Wohin? das hat bis auf
den heutigen Tag Niemand weder gehrt noch gesehen.

Peter lebte als Knigs Eidam in groer Ehre und Pracht, und half seinen
Brdern, so da sie auch mit der Zeit wohlhabende Leute wurden. Den
Glcksrubel schenkte er seines ltesten Bruders erstem Sohne als
Pathengeschenk mit den Worten: Zieht er einst als Jngling von Hause,
dann gebt ihm das Pathengeschenk mit auf die Reise, er kann damit
ebensogut durch die Welt kommen, wie ich durchgekommen bin und mein
Glck gefunden habe.




15. Der nrrische Ochsenverkauf.


Ein Bauer hatte drei Shne: die beiden lteren waren klug genug, der
dritte aber etwas schwer von Begriffen. Vor seinem Tode traf der Vater
die Anordnung, da die lteren Shne mit einander den Bauerhof
bernehmen und ihren jngeren Bruder ernhren sollten, da dieser nicht
viel Hoffnung gab, da er sich selber wrde ernhren knnen; der Vater
sprach ihm daher auch kein greres Erbtheil zu als einen jungen
Pflugstier. Da nun aber der Besitzer desselben nichts zu pflgen hatte,
so nahmen die lteren Brder wechselweise der eine heute, der andere
morgen, den Stier ihres jngeren Bruders zum Pflgen. Es lt sich
denken, da bei solchem tglichen Pflgen kein Ochs gedeiht, zumal wenn
die Peitsche dem Pflger und der Ochs einem Andern gehrt. Da kommt
eines Tages zufllig ein Fremder, sieht die Geschichte mit dem Ochsen
und setzt dem jngeren Bruder einen Floh[44] in's Ohr, indem er sagt:
Meinst du, da der Ochs vor dem Pfluge gedeiht, wenn du ihn tglich
fremden Hnden berlssest? Sei kein Thor, nimm lieber deinen Ochsen,
verkaufe ihn auf dem Markte und stecke das Geld in die Tasche, dann
weit du was du hast. Der junge Mann sah ein, da der Bauer Recht habe,
nahm seinen Brdern den Ochsen weg, ftterte ihn bis zum Herbst, band
ihm dann einen Halfter an seinen Hrnern fest und machte sich auf, den
Markt zu besuchen. Sein Weg fhrte durch einen groen Wald und ein
schneidender Wind blies in die Wipfel, da sie unaufhrlich hin und her
schaukelten. Zwei dicht beisammen stehende Bume streiften einander beim
Hin- und Herschwanken und verursachten von Zeit zu Zeit ein Gequiek. Der
Besitzer des Ochsens horcht auf, wieder trifft ein Quiek! sein Ohr, da
fragt er: Was? -- fragst du nach meinem Ochsen? Quiek! tnt es vom
Wipfel her zurck. Der Mann sagt: Der Ochs ist mir feil; willst du den
geforderten Preis zahlen, so nimm ihn. Quiek! schallte es wieder von
oben herab. Der Mann fragt weiter: Willst du funfzig Rubel geben? so
sind wir Handels einig! Quiek! ist wieder die Antwort. Gut, sagt der
Mann, so sei es denn, willst du das Geld gleich zahlen? -- Die
Windste hrten jetzt eine Weile auf, und darum blieb der Wald ruhig.
Oder vielleicht nach einem Jahre? Quiek! erscholl zur Antwort. Ganz
wohl spricht der Mann, ich kann warten. Aber du Alter mut
Brgschaft leisten, damit ich nicht um das Meinige komme, so spricht er
zu einem hohen Baumstumpf, der in seiner Nhe stand, willst du? Quiek!
schallt es zur Antwort. Mag es denn sein, -- spricht der Mann --
unser Handel ist abgemacht, heute ber's Jahr komme ich, mein Geld zu
heben, und du, Alterchen, gelobst mir dafr zu stehen, da ich nicht um
das Meinige komme! Wiederum: Quiek! Der Mann bindet den verkauften
Ochsen an den Stamm einer Kiefer, da er den Baum fr den Kufer hlt und
kehrt dann nach Hause zurck. Die Brder fragen, wo er den Ochsen
gelassen hat. Er erwidert: Ich habe den Ochsen fr funfzig Rubel an
einen Bauer verkauft. Wo das Geld sei? Das Geld wird mir heute ber's
Jahr ausgezahlt, so haben wir es abgemacht, antwortet der jngere
Bruder. Gewi hast du dich von einem Schelm betrgen lassen, und wirst
nicht einmal den Schwanz deines Ochsen wiedersehen, geschweige denn das
Geld, sagten die Brder. Der jngste aber entgegnet: Das hat gar keine
Gefahr. Es ist ein fester Handel und ich habe einen wackeren Brgen, der
aus eigener Tasche zahlt, wenn sich der Kufer weigern sollte. Das ist
aber nicht zu befrchten, es sind beide ehrenwerthe Mnner, sie haben
keinen Kopeken herunter gehandelt, sondern ohne weiteres meinen Preis
zugestanden. Namen und Wohnort des Kufers und des Brgen erfuhren
jedoch die Brder nicht und dehalb besorgten sie nach wie vor, da ein
ruchloser Galgenstrick nebst seinem Helfershelfer ihren bldsinnigen
Bruder betrogen habe. Dieser aber blieb dabei, da er zur rechten Zeit
sein Geld erhalten werde.

Nach Verlauf eines Jahres genau an dem Tage wo er vorigen Herbst seinen
Ochsen verkauft hatte, macht er sich auf, um den Kaufpreis in Empfang zu
nehmen. Die Luft war ruhig und konnte die Wipfel im Walde nicht in
Bewegung bringen, darum war auch nirgends Gebrause noch Gequieke zu
hren. Er geht weiter und findet den Ort, wo er voriges Jahr den Ochsen
verkaufte, wieder -- auch Kufer und Brge standen auf demselben Flecke,
aber der Ochs war nicht mehr zu sehen; vielleicht war er geschlachtet
oder an einen Dritten verkauft. Der Mann fragt bei der Kiefer an:
Willst du mir jetzt meinen Ochsen bezahlen? Die Kiefer lt keine
Silbe verlauten, auch auf die zweite und dritte Anfrage nicht. Warte,
Brderchen! ruft der Mann -- ich will dir den Mund ffnen! rafft einen
tchtigen Prgel vom Boden und lt damit solche Hiebe auf den Stamm der
Kiefer regnen, da der ganze Wald von dem Klatschen wiederhallt. Sieh
da! der Bsewicht ertrgt den Schmerz, sagt nichts und bezahlt auch
nicht. Auch gut spricht der Mann. -- Der Brge mu mir fr die Schuld
aufkommen und das Geld fr den Ochsen hergeben. Du siehst, Alter, da
der Hund von Kufer nicht zahlen will, also mut du mich laut Abmachung
bezahlen. Gieb mir entweder den Ochsen wieder oder funfzig Rubel. Nun,
was zauderst du noch? Der Mund war schneller im Versprechen als die Hand
im Bezahlen! -- Der Stumpf konnte natrlich weder schwarz noch wei
reden, aber das setzte den Verkufer in Feuer und Flammen. Oho! ihr
Bsewichter! rief er zornig -- ich sehe, ihr seid beide Schurken! So
schimpfend schlug er auf den Stumpf los. Pltzlich strzt der alte
morsche Stumpf unter seinen wuchtigen Streichen krachend zu Boden. Aber,
o Wunder! unter den Wurzeln kommt ein groer Geldtopf zum Vorschein, bis
zum Rande mit Silbergeld angefllt, das hier vor Alters, wer wei wann,
war vergraben worden. Da seh' einer die Spitzbberei! ruft der Mann.
Der Kufer war ein Ehrenmann, der dir das Geld einhndigte und du
wolltest es verleugnen und fr dich behalten! Na, dafr hast du jetzt
den gebhrenden Lohn, da ich dich zu Boden geschlagen habe. -- Dann
spricht er zur Kiefer: Nimm's nicht bel, braver Mann, da ich dir ohne
Grund eine Tracht voll Prgel aufgeladen habe, aber du hast selbst die
meiste Schuld, warum thatest du nicht zur rechten Zeit den Mund auf und
sagtest mir, da du ihm das Geld gabst, der uns jetzt Beide betrgen
wollte. Dann nahm er den Geldtopf auf die Schulter und machte sich auf
den Heimweg. Die schwere Last zwang ihn, fters auszuruhen. Unterwegs
begegnet ihm der Prediger, der fragt: Was trgst du so Schweres auf dem
Nacken? Der Mann erwidert: Vorigen Herbst verkaufte ich einen Ochsen,
der Kaufpreis ist mir heute ausgezahlt worden. Darauf erzhlt er
umstndlich, wie der Brge ihn habe betrgen wollen, wehalb er ihn auch
zu Boden geschlagen habe. Der Prediger, der ihn als bldsinnig kannte,
merkt bald wie die Sache mit dem Gelde eigentlich zugegangen ist,
zugleich aber denkt er: hat der ein unverhofftes Glck gehabt, so kann
er mir auch einen und den anderen Rubel verehren. Gieb mir auch eine
Handvoll von deinem Reichthum, Brderchen, so hast du leichter zu
tragen. Der Mann wirft ihm eine Handvoll hin: Da, nimm! Da sagt der
Prediger: Gieb mir noch eine fr meine Frau, der Mann giebt sie,
ebenso auch fr die beiden Tchter, jeglicher ihr Theil. Da die Sache so
glatt geht, denkt der Prediger, er knne auch fr seinen Sohn betteln.
Unersttlicher Geizhals ruft der Mann mit dem Gelde -- was lgst du?
Du hast ja gar keinen Sohn! Meinst du vielleicht mir ebenso mitzuspielen
wie der schuftige Brge? Warte, ich will dir zeigen, wie man Betrgern
lohnt! Mit diesen Worten schlgt er dem Prediger mit dem Geldtopf
dermaen vor den Kopf, da der Topf zerbricht und der Prediger todt
hinfllt. Unser Freund nimmt seinen Quersack von der Schulter, sammelt
das Geld vom Boden auf und thut auch das hinein, welches er dem Prediger
gegeben hatte; dann geht er nach Haus. Gro war am Abend das Erstaunen
der lteren Brder, als der von ihnen verspottete Ochsenverkufer mit
einem schweren Geldsack in's Zimmer trat, der lauter gutes Silber
enthielt. Da erzhlte er ihnen seine Begegnisse, und wie er erst den
schurkischen Brgen und danach den lgenhaften Prediger zu Boden
geschlagen. Der letztere Fall weckte in den Brdern die Besorgni, da
sie mit verantwortlich gemacht werden knnten, sie gingen darum
selbander fort, und brachten in der Dunkelheit des Predigers Leichnam
heimlich nach Hause, wo sie ihn verbargen, um ihn bei erster Gelegenheit
in aller Stille zu bestatten, damit die Leute der Sache nicht auf die
Spur kommen und ihnen die That zuschreiben knnten. Aber ihr jngster
Bruder hatte ihren Gngen nachgesprt und den Ort entdeckt, wo sie den
Prediger hingelegt hatten.

Als nun Frau und Tchter des Predigers sahen, da derselbe spurlos
verschwunden war, frchteten sie, der alte Bursche (Teufel) mchte ihn
geholt haben und wollten doch ein solches Gercht nicht aufkommen
lassen. -- Sie sagten also, der Prediger sei ganz pltzlich verschieden,
rsteten einen prchtigen Begrbnischmaus und legten statt des Todten
Steine und Stroh in den Sarg. Die lteren Brder, welche gemerkt hatten,
da der jngste den todten Prediger hinter ihrem Rcken aufgefunden
hatte, gruben in der Nacht ein Loch und legten den Todten hinein. Da
aber dennoch zu befrchten war, da ihres einfltigen Bruders Mund
unntzes Zeug ber sie schwatzen werde, so entschlossen sie sich einen
Bock zu schlachten, der an derselben Stelle geborgen wurde, wo vorher
der Todte gelegen hatte. Der Bock wurde mit einem weien Leintuch
bedeckt, dabei aber der Kopf dergestalt gelegt, da der Bart ein wenig
herausguckte.

Beide lteren Brder waren zum Begrbni des Predigers geladen, whrend
der jngste allein zu Hause blieb. Die Langeweile machte das Mnnlein
verdrielich: war er denn etwa schlechter als die anderen, da er nicht
zum Gastmahl geladen worden? Dann dachte er: haben sie mich nicht
gebeten, so will ich ungebeten hingehen und ihnen zeigen, da ich noch
mehr Recht habe Theil zu nehmen als die Andern, weil ich ja doch die
Veranlassung zu dem Gastmahl bin.

Als sich die Gste nun eben um den Tisch setzten, trat er ein, und
sagte: Na, was soll denn das bedeuten? Ihr et und trinkt hier, mich
aber verget ihr einzuladen, der ich doch von Rechtswegen des Mahles
Meister bin? Oder habt ihr vielleicht, oder haben meine Brder den
Prediger todt geschlagen? Keineswegs: denn ich versetzte ihm mit dem
Geldtopfe einen Schlag an den Kopf fr seine schamlose Habgier, da er
mir durch Lgen mehr Geld abzwacken wollte als ihm ziemte. Erst gab ich
ihm Geld, dann erhielt er fr seine Frau und seine beiden Tchter je
eine Handvoll fr die vier, da wollte er auch noch fr seinen Sohn
haben. Ihr wit aber so gut wie ich, da so ein Sohn gar nicht vorhanden
ist? Fr diese unverschmte Lge schlug ich ihm an den Kopf, obgleich
ich nicht die Absicht hatte ihn todt zu schlagen, sondern nur fr seine
Habgier und Lge zu zchtigen. Als meine Brder ihn spter nach Hause
schafften, war er schon lngst todt.

So sprach der Bldsinnige der drei Brder auf dem Leichenschmaus des
Predigers. Obgleich nun die Leute wuten, da er schwachkpfig war und
da man auf seine Reden nicht viel geben knne, so hielten es doch
Einige fr gut, die Sache nher zu prfen. Die Brder stellten Alles in
Abrede und straften ihres Bruders Reden Lgen. Dennoch begab man sich an
den Ort, wo des Predigers Leichnam angeblich versteckt war, um
nachzusehen. Der jngste Bruder ging selber als Fhrer mit und zwar
dahin, wo, wie er wute, die Brder den Todten versteckt hatten. Als man
dort angekommen war, fand sich in der That ein todter in ein weies
Leintuch gehllter Krper, dessen weier Bart unter der Hlle
hervorragte. Da rief der Fhrer ganz vergngt: Nun seht ihr jetzt? Sie
haben den Alten schon mit dem Laken zugedeckt, aber der Bart guckt doch
heraus. Nehmt das Laken fort, so werdet ihr den Prediger finden, den ich
zu Boden schlug und werdet inne werden, da mir von Rechtswegen der
erste Platz an der Gasttafel gebhrt! Man zog die Decke vom Todten weg
und fand einen -- geschlachteten Bock, dem Hrner und Bart noch nicht
abgeschnitten waren. Jetzt merkten die Mnner, da der Narr sie -- mit
oder ohne Absicht -- angefhrt hatte, gingen zum Leichenschmause zurck
und das Gerede vom Todtschlag verstummte. So kam es, da die Sache mit
dem im Wald gefundenen Schatz wie auch mit der Tdtung des Predigers bis
auf den heutigen Tag nicht aufgeklrt worden ist.

[Funote 44: Wrtlich: eine Bremse. L.]




16. Der mildherzige Holzhacker[45].


Vor Zeiten ging ein Mann in den Wald, Bume zu fllen. Er kam zur Birke
und wollte sie umhauen; als die Birke die Axt sah, flehte sie klglich:
La mich leben! Ich bin noch jung und habe eine Schaar von Kleinen
hinter mir, die um meinen Tod weinen wrden. Der Mann lie sich
erbitten und kam zur Eiche; er wollte die Eiche umhauen. Als die Eiche
die Axt sah, flehte sie klglich: La mich noch leben! ich bin noch
frisch und stark, meine Eicheln sind alle noch unreif und taugen nicht
zur Saat. Wo sollen die kommenden Geschlechter den Eichwald hernehmen,
wenn meine Eicheln zu Grunde gehen? Der Mann lie sich erbitten und kam
zur Esche, sie umzuhauen. Als die Esche die Axt sah, flehte sie
klglich: La mich noch leben! Ich bin noch jung und habe erst gestern
ein junges Weib gefreit, was soll aus der Armen werden, wenn ich falle?
Der Mann lie sich erbitten und kam zum Ahorn, den er umhauen wollte.
Der Ahorn aber flehte klglich: La mich noch leben, meine Kinder sind
noch klein, alle noch unerzogen, was soll aus ihnen werden, wenn ich
umgehauen werde? Der Mann lie sich erbitten und kam zur Erle, die er
nun umhauen wollte. Als die Erle die Axt sah, flehte sie klglich: La
mich leben! ich habe gerade meinen weien Ueberzug[46] und mu viele
kleine Geschpfchen mit meinem Safte ernhren, was soll aus ihnen
werden, wenn ich umgehauen werde? Der Mann lie sich erbitten und kam
zur Espe; er wollte die Espe umhauen. Die Espe aber flehte klglich:
La mich leben! Der Schpfer hat mich geschaffen, da ich mit meinen
Blttern im Winde raschle und Nachts die Frevler auf ihrem bsen Wege
schrecke. Was sollte aus der Welt werden, wenn ich umgehauen wrde? Der
Mann lie sich erbitten, kam zum Faulbaum und wollte ihn umhauen. Als
der Faulbaum die Axt sah, flehte er klglich: La mich leben! Ich bin
noch in Blthe und mu der Nachtigall Schatten geben, da sie auf meinen
Zweigen singe. Wo fnden denn die Leute schnen Vogelsang, wenn die
gefiederten Snger unser Land verlieen, weil ich umgehauen werde? Der
Mann lie sich erbitten und kam zur Eberesche; er wollte die Eberesche
umhauen. Die Eberesche aber flehte klglich: La mich leben! Ich stehe
jetzt eben in der Blthe, aus ihr sollen die Beerentrauben entstehen,
die im Herbst und im Winter den Vgeln Atzung geben mssen. Was sollte
aus den armen Thierchen werden, wenn ich umgehauen wrde? Der Mann lie
sich erbitten und dachte bei sich: wenn mit dem Laubholze nichts
anzufangen ist, so will ich mein Heil beim Nadelholze versuchen. Er kam
zur Fichte und wollte sie umhauen. Als die Fichte die Axt sah, fing sie
gleich an klglich zu bitten: La mich leben! Ich bin noch jung und
krftig und mu Zweige treiben, um Sommers und Winters zu grnen den
Menschen zur Lust. Wo sollten sie ein schattiges Obdach finden, wenn ich
umgehauen wrde? Der Mann lie sich erbitten, kam zur Kiefer und wollte
die Kiefer umhauen. Aber als die Kiefer die Axt sah, flehte sie
klglich: La mich leben! Ich bin noch jung und krftig und mu mit der
Fichte zusammen ohne Unterla grnen; es wre Schade, wenn ich umgehauen
wrde. -- Der Mann lie sich erbitten, kam zum Wachholder und wollte
ihn umhauen. Der Wachholder aber flehte klglich: La mich leben! Ich
bin der allergrte Schatz des Waldes und ein Segenspender fr Alle,
weil man mich gegen neun und neunzig Krankheiten brauchen kann. Was
sollte aus Menschen und Thieren werden, wenn ich umgehauen wrde?

Der Mann lt sich auf dem Rasen nieder und denkt bei sich: Die Sache
kommt mir hchst wunderbar vor, jeder Baum hat seine Zunge und hat
Bittreden auf der Zunge, mit denen er gegen seine Zerstrung sich
strubt; was soll ich machen, wenn ich nirgends mehr Bume finde, die
sich ruhig umhauen lassen? Mein Herz kann ihren Bitten nicht
widerstehen. Htte ich kein Weib daheim, so ginge ich mit leeren Hnden
zurck. Da tritt aus der Tiefe des Waldes her ein alter Mann mit langem
grauem Barte, angethan mit einem Hemde von Birkenrinde und einem Rocke
von Fichtenrinde[47] vor unseren Freund hin und fragt: Was sitzest du
denn so mimuthig da auf dem Grase? hat dir Jemand etwas Bses
zugefgt? Der Gefragte erwidert: Wie sollte ich nicht mimuthig sein?
Ich nahm heute Morgen meine Axt, ging in den Wald und wollte Nutzholz
fllen, um es nach Hause zu fhren, aber o Wunder! da finde ich
pltzlich den ganzen Wald belebt, jeder Baum hat seinen Verstand im
Kopfe und seine Zunge im Munde, und wei sich mit Bitten zu wahren. In
mir ist kein Tropfen Blut, der ihrem Flehen zu widerstehen vermchte.
Werde aus mir was da wolle, ich kann lebende Bume nicht zerstren. Der
Alte sieht ihn mit freudevollen Blicken an und spricht: Ich danke dir,
Bauer, da du deine Ohren vor dem Flehen meiner Kinder nicht
verschlossen hast; dir soll aus dieser Mildherzigkeit kein Schade
erwachsen; ich will sie dir vergelten und Sorge tragen, da es dir in's
Knftige an nichts gebreche. Die nicht vergossenen Blutstropfen meiner
Kinder sollen dir Glck bringen; nicht blos an Brenn- und Nutzholz soll
es dir niemals fehlen, sondern auch in anderen Dingen soll Segen in dein
Haus kommen, so da du fortan nichts weiter zu thun haben wirst, als
kund zu geben was dein Herz begehrt. Nur mut du dich hten, da deine
Wnsche das Ma nicht berschreiten, und auch deiner Frau und deinen
Kindern schrfe ein, da sie ausschweifende Wnsche bezhmen mssen;
ihre Wnsche drfen sich nicht ber das Mgliche hinaus erstrecken. Es
wrde sich sonst das erwartete Glck in Unglck verkehren. Da, nimm
diese Goldruthe und hte sie wie deinen Augapfel! Mit diesen Worten gab
er dem Manne eine Goldruthe, die einige Spannen lang und so dick wie
eine Stricknadel war, und gab dazu die Belehrung: Wenn du ein Haus
auffhren oder sonst eine nothwendige Arbeit vollbringen willst, so geh
an einen Ameisenhaufen und schwinge deine Ruthe dreimal gegen denselben,
schlage aber nicht hinein, um den kleinen Geschpfen nicht zu schaden.
Dabei befiehl ihnen, was sie thun sollen und du findest den nchsten
Morgen die Arbeit gethan, wie du sie gewnscht hattest. Begehrst du
Speise, so nthige mit der Ruthe den Grapen, da er dir bereite, was du
wnschest. Willst du zur Speise noch Naschwerk, so zeige die Goldruthe
den Bienen und heie sie an die Arbeit gehen, und sie werden dir mehr
Honigwaben bringen, als du sammat deinem Hausgesinde verzehren kannst.
Willst du Saft, so gebiete der Birke und dem Ahorn, sie werden dein
Gebot alsbald erfllen. Die Erle wird dir Milch geben, der Wachholder
Gesundheit bringen, wenn du sie in dieser Art dazu anhltst. Fisch-und
Fleischgerichte wird dir der Grapen alle Tage kochen, ohne da du erst
etwas Lebendes zu tdten brauchtest. Willst du Leinewand, seidene oder
wollene Kleider, so gebiete den Spinnen, sie werden dir Zeuge weben ganz
wie du sie wnschest. Dergestalt wird es dir knftighin an nichts
fehlen, sondern du wirst Alles zur Genge haben, zum Lohn dafr, da du
auf die Bitten meiner Kinder hrtest und sie am Leben lieest. Ich bin
des _Waldes Vater_[48], den der Schpfer zum Herrscher ber die Bume
verordnet hat. Darauf nahm der Alte Abschied und verschwand vor des
Mannes Augen.

Der Mann aber hatte eine schlimme Frau, die ihm schon auf dem Hofe
belfernd wie ein bser Hund entgegen kam, als sie den Mann mit leeren
Hnden aus dem Walde zurckkommen sah. Wo bleibt das Holz, welches du
bringen solltest? schrie das Weib; der Mann erwiderte ruhig: es bleibt
im Walde und wchst. Zornig fuhr das Weib ihn an: O htten doch alle
Birkenreiser sich zu Ruthenbndeln zusammengebunden und dein trges Fell
gegerbt. Der Mann schwang heimlich die Goldruthe und sprach, ohne da
die Frau es hrte: Der Wunsch erflle sich an dir! Da fing das Weib
pltzlich an zu schreien: Ai, ai! ai, ai! o wie weh! ai, ai! das geht
durch Mark und Bein! ai, ai! Gnade, Gnade! So schreiend sprang sie von
einem Ort zum andern, und fate bald hier, bald dort nach ihrem Leibe,
als htte ein schmerzhafter Ruthenstreich die Stelle getroffen. Als der
Mann glaubte, da es genug der Strafe sei, gab er der Goldruthe den
entsprechenden Befehl. An diesem ersten Versuche erkannte er, was fr
ein herrliches Geschenk der Waldesvater ihm gemacht hatte, da ihm in der
Glcksruthe zugleich eine Zuchtruthe fr seine Frau geworden war. -- Er
hatte auf seinem Hofe eine alte halb verfallene Klete, und wollte darum
noch selbigen Tages die Kraft der Ameisen im Huserbau erproben. So ging
er an den Ameisenhaufen heran, schwang dreimal die Goldruthe und rief:
Macht mir eine neue Klete auf dem Hofe! Als er am andern Morgen
aufstand, fand er die Klete fertig. Wer konnte wohl jetzt glcklicher
sein als unser Freund? Die Bereitung der Speise machte ihm nicht die
geringste Sorge; was das Herz begehrte, das kochte der Kessel sobald es
ihm befohlen war, trug es auch tglich selber auf den Tisch, so da die
Hausleute nichts weiter zu thun hatten als zu essen. Spinnen webten
ihnen Zeuge, Maulwrfe pflgten ihre Aecker, Ameisen streuten den Samen
aus und ernteten im Herbste das Korn vom Felde, so da es der
Menschenhand nirgends bedurfte. Wenn die Kinnladen des bsen Weibes
einmal zu arg klapperten oder dem Manne etwas Schlimmes anwnschten, so
mute es der Hausdrache jedesmal selber erleiden, weil die Goldruthe
ihre Schuldigkeit that. Hier seufzt gewi mancher Ehemann: O! htte ich
doch eine solche Goldruthe!

Der Besitzer der Goldruthe hatte seine Lebenstage im Glcke beendigt,
weil er sich niemals Dinge gewnscht hatte, welche die Grenzen der
Mglichkeit berschritten. Vor seinem Tode vererbte er die Goldruthe
seinen Kindern, gab ihnen dieselbe Unterweisung, die er vom Waldesvater
erhalten hatte und warnte sie vor unmglichen Wnschen. Die Kinder
richteten sich danach und brachten ihr Leben nicht minder glcklich zu.
In der dritten Generation aber geschah es, da die Ruthe in den Besitz
eines Mannes kam, der, ohne sich an die Warnung seiner Eltern zu kehren,
viele unntze Dinge wnschte und dehalb die Goldruthe zwecklos bemhte;
inde entstand zunchst aus diesen Wnschen noch kein Schade, weil die
gewnschten Dinge doch wenigstens mglich waren. Der bermthige Mann
gab sich aber damit nicht zufrieden sondern verma sich, um die Kraft
der Ruthe auf die Probe zu stellen, Unmgliches zu wnschen. So hatte er
eines Tages der Goldruthe geboten, die Sonne vom Himmel herunter zu
holen, damit er einmal seinen Rcken ganz dicht an der Sonne wrmen
knne. Die Ruthe wollte zwar ihres Herrn Befehl ausfhren, da aber das
Herunterkommen der Sonne ein unmgliches Ding ist, so sandte der
Schpfer dem Wnschenden so flammende Strahlen aus der Sonne herab, da
er sammt allen Gebuden verbrannte, ohne da auch eine Spur davon zurck
blieb. Ob nun die Glcksruthe im Feuer geschmolzen ist oder nicht --
Niemand wei jetzt Ort und Stelle anzugeben, wo man sie zu suchen htte.
Auch glaubt man, da die heien Sonnenstrahlen, welche an diesem
unglcklichen Tage herabschossen, die Bume im Walde dermaen in
Schrecken versetzt hatten, da ihre Zungen gebunden blieben und Niemand
spter ein Wort mehr aus ihrem Munde vernommen hat.

[Funote 45: Vgl. zwei von Ruwurm mitgetheilte abweichende Fassungen
dieses Mrchens, die eine schwedisch, die andere estnisch. _Ruwurm_,
Sagen aus Hapsal &c. 1861. S. 187, 188. Vgl. auch die erste Hlfte
dieser Mrchen S. 60 u. d. Anm. L.]

[Funote 46: Von Insecten. L.]

[Funote 47: Vgl. eben Mrchen 5. Seite 27 Anm. L.]

[Funote 48: S. Seite 27. Anm. L.]




17. Die nchtlichen Kirchengnger.


Meines Grovaters Vetter lebte als junger Mensch in einem Bauerhofe
unweit der Kirche, die im Winter nicht ganz zwei Werst entfernt war,
weil der Weg dann ber den gefrorenen Morast fhrte. An einem
Weihnachts-Samstag-Abend legten sich die Bewohner des Hofes zeitig
schlafen, weil sie am ersten Festtag in der Morgenfrhe aufstehen und
zur Kirche gehen wollten, wo an diesem Tage der Gottesdienst bei
Kerzenschein gehalten wurde. Der Hofbesitzer erwachte von Allen zuerst,
ging hinaus um nach dem Wetter zu sehen, und gewahrte, da die
Kirchenfenster schon im Lichterglanz strahlten. Als er wieder in's
Gemach trat, weckte er die Leute aus dem Schlafe: Steht auf, wir haben
zu lange gesumt; die Lichter in der Kirche sind schon angezndet. Da
brannte es den Leuten unter den Sohlen, alle sprangen vom Lager auf,
wuschen sich, und zogen sich an; die Jngeren machten sich dann zu Fue
auf, whrend die Andern die Pferde anspannten und ihnen nachfuhren. Das
Nebelwetter gnnte ihnen nicht viel Sternenlicht -- aber die von
Kerzenlicht erhellte Kirche stand da wie eine geschmckte Jungfrau, und
war ihnen ein leuchtender Wegweiser. Als sie nher kamen, tnte ihnen
der Gesang der in der Kirche Befindlichen entgegen; derselbe schien aber
etwas Fremdartiges zu haben. Die Kirchenthren standen weit offen und
die Kirche schien gedrngt voll von Menschen, dennoch war nicht ein
einziges Gespann in der Nhe zu sehen. Die Mnner schritten nun voran,
in der Hoffnung, doch in dem Gedrnge noch irgendwo Platz zu finden
-- die Weiber gingen hinterdrein. Als die Mnner eben an die Kirchenthr
gekommen waren und den Fu ber die Schwelle setzen wollten, verstummte
der Gesang und die Lichter erloschen pltzlich, soda die Kirche mit
einem Male stockfinster war[49]. Ein fremder Mann kam ihnen an der
Kirchenthr entgegen und sagte: Ihr mit geweihtem Wasser getauften
Leute habt hier jetzt nichts zu schaffen! jetzt ist _unsere_ Kirchenzeit;
euer Gottesdienst beginnt erst am Morgen! -- Die Leute sahen einander
an und wuten nicht was sie von dem wunderlichen Vorfall halten sollten;
da wurde die Kirchenthr von innen geschlossen und jetzt war kein
besserer Rath als wieder nach Hause zu gehen, weil weder Prediger noch
Kster schon Feuer auf dem Heerde hatten. Der fremde Mann aber nahm
meines Grovaters Vetter bei der Hand, fhrte ihn einige Dutzend
Schritte von den Andern abseits hinter eine Kirchenecke und flsterte
ihm zu: Komm drei Tage vor Johannis-Samstag um Mitternacht hierher, so
will ich dir den Weg zum Glcke zeigen; aber la gegen Niemand das
Geringste von meiner Einladung verlauten, sonst knntest du zu Schaden
kommen. Mit diesen Worten war er auch verschwunden. Beim Nachhausegehen
fiel der Nebel und der Himmel klrte sich auf, so da die Sterne
schimmerten, und am Stande derselben erkannten die Mnner, da
Mitternacht angebrochen sei, was auch der Hahnenschrei ankndigte, der
ihnen vom Hause her entgegen tnte. Die Aelteren legten sich noch einmal
zu Bette, whrend das junge Volk wach blieb, um den Anbruch des Tages zu
erwarten. Erst nach einigen Stunden war die rechte Kirchenzeit
angebrochen und man machte sich von Neuem auf. Die Leute erzhlten
spter dem einen und dem andern ihrer Bekannten von dem Kirchgange in
der Weihnachtsnacht, so da sich die Sache herum sprach und zuletzt auch
dem Geistlichen zu Ohren kam. Der Geistliche lie die Mnner zu sich
berufen, fragte sie genau ber den Vorfall aus und verbot ihnen dann
weiter davon zu reden, da ihr vermeintlicher Kirchgang in der
Weihnachtsnacht nichts weiter gewesen sein knne als ein lebhafter
Traum. Obgleich nun die Mnner ihrerseits das klare Bewutsein hatten,
da sie wirklich zur Kirche gegangen waren und mit wachen Augen die
Sache erlebt hatten, so mochten sie doch nicht lnger mit ihrem Prediger
streiten, sondern versprachen zu schweigen. Aber was half das jetzt
noch, da das Gercht schon nach allen Seiten hin ausgesprengt war und
sich von Tag zu Tage weiter verbreitete. Eben so gut kannst du die Luft
greifen, als das einmal losgelassene Gerede der Leute wieder bannen.

Meines Grovaters Vetter war anfangs fest entschlossen den ihm
angegebenen Glckspfad aufzusuchen, allein je nher die Zeit
heranrckte, desto mehr sank ihm der Muth. Konnte er doch nicht darber
in's Klare kommen, wer der Einladende oder wer die nchtlichen
Kirchengnger gewesen, und wie weit ein Christenmensch ihnen trauen
durfte? Ja, wre es ihm vergnnt gewesen, mit einem andern zuverlssigen
Manne sich zu berathen, wer wei ob seine Zweifel nicht geschwunden
wren, aber da ihm der fremde Mann eingeschrft hatte, die Sache geheim
zu halten, machte ihm eben die meiste Pein. Er hatte sich schon mit dem
Gedanken vertraut gemacht, von dem Versuche abzustehen, als vierzehn
Tage vor Johanni sich etwas Unerwartetes zutrug, was ihn wieder anderen
Sinnes machte. Als er nmlich eines Abends nach Sonnenuntergang nach
Hause ging, fand er ein fremdes altes Mtterchen am Wege sitzen. Der
Mann grte und wollte vorbergehen, aber die Alte fragte ihn, wehalb
er denn in so tiefen Gedanken sei, da er wie im halben Traume
einhergehe. -- Unser Freund getraute sich nicht die Frage der Alten zu
beantworten, weil er die Wahrheit nicht sagen _konnte_ und nicht lgen
_wollte_. Die Alte schien inde seine Gedanken zu errathen, als sie
fragte: Willst du mir nicht deine Hand zeigen, Shnchen, damit ich sehe
was dein Herz drckt und ich dir einen guten Rath geben kann? -- Der
Mann stand unschlssig und wute nicht ob er das Verlangen der Alten
erfllen sollte oder nicht. Die Alte aber fuhr freundlich fort: Frchte
nichts! ich will ja nicht in schlimmer Absicht deine Hand besehen; ich
wnsche nur dein Glck und das kannst du wahrlich brauchen, weil du noch
jung und unerfahren bist und die grere Hlfte deines Lebens noch vor
dir hast. Prophezeiung knftiger Geschicke kann dem Menschen bisweilen
von Nutzen sein; sollte ich in deiner Handflche etwas finden, was
besser verborgen bliebe, so werde ich's dir verschweigen. Nein, nein!
Goldmtterchen! rief meines Grovaters Vetter, verknde mir Alles, es
sei gut oder schlimm, ich werde nicht vor dem erschrecken was mir
auferlegt ist! und damit reichte er der Alten die Hand zur
Besichtigung. Die Alte setzte ihre Brille auf die Nase und begann in
seiner Hand zu lesen. Die Zge muten wohl etwas verworren sein, denn
erst nach geraumer Zeit gab sie dem Wartenden folgenden Bescheid: Du
bist ein ausgemachtes Glckskind, dir steht ein groes Glck nahe bevor,
wenn du gescheidt genug bist, das Glck so bei den Hrnern zu packen,
da es dir nicht mehr entrinnen kann. Deine Besorgni wegen des
unbekannten Mannes ist grundlos, du kannst ihm dreist vertrauen, weil er
dein Glck wnscht und keinen Vortheil fr sich sucht. Geh ohne Furcht
dahin, wohin du gerufen wirst, Bses hast du dort nicht zu frchten. Nur
dein eigenes Herz kann dir einen Streich spielen; hte dich vor Bedenken
und Zweifeln und erflle zuversichtlich, was weisere Leute dir anrathen.
Aber wenn du einmal auf die Freite gehst, dann mache deine Augen auf,
sonst strzest du in's Unglck. Ein glattes Ei hat oft einen faulen Kern
und deine Ehestandslinien laufen etwas verworren. Durch Vorsicht kannst
du dich aus allen Schlingen lsen. Mehr darf ich dir heute nicht sagen,
aber wenn wir einmal wieder zusammentreffen sollten, wirst du mir sicher
fr meine Anleitung danken. -- Der Mann griff in seine Tasche, und
wollte einige Kopeken heraus nehmen, um sie der Alten fr ihre Mhe zu
geben, aber die Alte verstand die Bewegung und rief abwehrend: Biete
mir kein Geld an, ich nehme es von Niemandem; ich verknde alle meine
Sprche den Leuten umsonst, weil ihr Glck meine hchste Belohnung ist.
Sie erhob sich, nahm Abschied und ging so raschen Schrittes von dannen,
wie ein junges Mdchen, so da sie wie der Blitz verschwunden schien.
Obgleich nun meines Grovaters Vetter die ganze Geschichte mehr fr Spa
als Ernst nahm, so fhlte er sich doch bedeutend erleichtert, es war
ihm, als ob ihm ein Stein vom Herzen gefallen wre, und er war nun fest
entschlossen, den gewiesenen Glcksweg aufzusuchen.

Drei Tage vor Johannis-Samstag schlug er spt Abends den Weg zur Kirche
ein, damit er um Mitternacht anlange; je nher er kam, desto unruhiger
schlug ihm das Herz, es war wie wenn ihm Jemand in's Ohr riefe: du bist
nicht auf dem rechten Wege. Auch htte nicht viel gefehlt, da er
wieder umgekehrt wre. Da erhob sich ein schner Gesang in den Lften
und er vernahm die Worte:

    Weiche nicht vom Weg des Glckes,
    Frchte nichts und bange nimmer!
    Dich beschirmen Schutzesgeister.
    Deiner warten Glckesloose:
    Weiche nicht vom Weg des Glckes.

Durch diesen Gesang fhlte er seinen Muth wachsen, ging rascheren
Schrittes weiter und kam bald an die Kirchenthr, welche geschlossen
war. Von der linken Seite kam hinter einer Kirchenecke ein fremder Mann
hervor und sagte: Vortrefflich, da du meinem Rufe gefolgt bist; ich
habe schon eine Weile gewartet und frchtete, du wrdest nicht mehr
kommen und es wrde mir unmglich werden, weiter mit dir zu reden. Unser
nchtlicher Weihnachts-Kirchgang[50] findet immer nach je sieben Jahren
statt; meist zu einer Zeit, wo alle Menschen noch schlafen, weshalb ich
auch bis jetzt noch Niemanden gefunden habe, dem ich den Glcksweg htte
zeigen knnen. Meine Zeit ist kurz, die Eule ruft mich beim Hahnenschrei
nach Hause. Gieb genau Acht auf das was ich dich lehre, merke dir jedes
Wort und handle nach meiner Anweisung. Auf eurem Heuschlag ist eine
kleine Erhhung, welche die Leute den Grabhgel nennen; da wachsen drei
Wachholderbsche, und unter dem mittleren liegt ein unermelicher
uralter Schatz vergraben: du kannst ihn heben, wenn du dich mit den
Htern des Schatzes abzufinden weit, und zu dem Ende genau so
verfhrst, wie ich dir jetzt sagen will. Verschaffe dir drei schwarze
Thiere, ein befiedertes und zwei behaarte, schlachte sie den Htern der
Geldgrube und trage Sorge, da von dem Shnungsblut kein Tropfen
verloren gehe, vielmehr Alles den Htern zufliee und ihr Herz fr dich
erweiche. Dann schabe von deiner Brustspange etwas feinen Silberstaub
auf das Blut, damit der Silberglanz ber dem Rasen sich mit demjenigen
unter dem Rasen begegne und dadurch den Weg zeige. Darauf schneide von
dem Wachholderbusch eine drei Spannen lange Ruthe, tunke die Spitze
derselben drei Mal in das Opferblut auf dem Rasen und schreite neun Mal
von Morgen gegen Abend um den Wachholderbusch herum; nach jedem Umgange
aber schlage drei Mal mit der Ruthe auf den unter dem Busche
befindlichen Rasen und bei jedem Schlage rufe: Igrek! Beim neunten
Umgange wird von unten her Geldgeklapper an dein Ohr schlagen, und wenn
der Gang beendigt ist, so wird dir Silberglanz entgegen schimmern. Dann
kniee nieder, lege den Mund an den Rasen und rufe neun Mal _Igrek!_ so
fngt der Kessel an sich zu heben. Warte dann ruhig bis er heraufsteigt.
Ehe dies geschieht, wird dir manches Unheimliche zu Gesichte kommen,
wovor du dich nicht zu frchten noch zu erschrecken brauchst, weil diese
Dinge dir nichts Bses zufgen knnen, wenn du muthig bleibst. Sie haben
weder Krper noch Seele, sondern sind leere Schattenbilder,
hervorgerufen um den Muth eines Mannes zu prfen, ob dieser auch das
Glck verdient, da ihm der Schatz ausgeliefert werde. Solltest du bei
ihrem Anblick die mindeste Furcht zeigen, so kannst du dir nur getrost
die Hnde waschen, weil dann doch von dem Schatze nichts hineinkommen
wird. Am Abend des Johannis-Samstags, wenn ringsum die Feuer brennen und
die Leute sich beim Scheine derselben belustigen[51], mut du mit den
drei schwarzen Thieren an die Geldgrube gehen. Den dritten Theil des
gefundenen Geldes mut du unter die Armen vertheilen, weil du an dem
Uebrigen noch ganz genug behltst. Diese Belehrung wiederholte der
fremde Mann Wort fr Wort drei Mal, damit sie sich unserm Freunde
einprgen und ein Versehen nicht vorkommen sollte. Als beim dritten Male
eben das letzte Wort aus seinem Munde gekommen war, verkndete des
Ksters Hahn Mitternacht und alsbald war der Sprechende den Augen des
Hrenden entschwunden, als wre er weggeblasen. Ob er in die Luft
gefahren oder in den Boden gesunken war, darber konnte der Zeuge keine
sichere Auskunft geben.

Meines Grovaters Vetter machte sich am folgenden Tage auf, um die drei
bezeichneten Thiere zu suchen, fand auch glcklich einen schwarzen Hahn
und eben solchen Hund auf dem Nachbardorfe und fing in der Nacht einen
Maulwurf; diese Thiere hielt und ftterte er zu Hause, bis die Zeit
gekommen war, zur Geldgrube zu gehen. Am Abend des Johannis-Samstags,
als die Sonne untergegangen war und alle Leute aus dem Dorf zum
Johannisfeuer gegangen waren, steckte er den Maulwurf in den Sack, nahm
den schwarzen Hahn unter den Arm, band dem schwarzen Hunde einen Strick
um den Hals, damit er nicht davon liefe und ging dann in aller Stille
fort, um auf dem Glckswege dem Schatze nachzuspren. In der hellen
Sommernacht waren alle Gegenstnde deutlich sichtbar. Um Mitternacht
begann er seine Arbeit angewiesener Maen, schlachtete erst den Hahn,
dann den Maulwurf und endlich den Hund, trug Sorge, da auch der letzte
Blutstropfen auf den ihm bezeichneten Rasenfleck flo, schabte von
seiner Brustspange Silberstaub und schttete ihn auf das Blut, und
schnitt dann eine drei Spannen lange Wachholderruthe aus dem Busch,
tunkte die Spitze derselben dreimal in den blutigen Rasen und begann
darauf den neunmaligen gegen Morgen gewendeten Umgang; schlug auch bei
jedem Gange dreimal auf den Rasen unter dem Busche und rief bei jedem
Schlage: Igrek! Beim achten Gange schlug Geklapper von Geld an sein
Ohr und beim neunten schimmerte ihm Silberglanz in's Auge. Da warf er
sich nach dem neunten Gange auf dem Rasen auf die Knie und rief neunmal
in den Boden hinein: Igrek. Pltzlich stieg unter dem Wachholderbusche
ein feuerrother Hahn mit goldenem Kamme auf, schlug mit den Flgeln,
krhte und flog davon. Hinter dem Hahn her schleuderte der Boden dem
Manne ein Klimit[52] Silbergeld vor die Fe. Dann erschien eine
feuerrothe Katze mit langen Goldkrallen unter dem Wachholderbusch,
miaute und rannte davon, hinter ihr spie die Erdffnung abermals ein
Klimit Silbergeld dem Manne vor die Fe, was sein Herz mit Freude
erfllte. Darauf erhob sich ein feuerrother Hund mit goldenem Kopf und
Schwanz aus dem Busche, bellte ein paar Mal und lief davon; mehrere
Klimit Silberrubel flogen hinter ihm her aus dem Boden dem Manne vor
die Fe. In derselben Weise kamen der Reihe nach ein feuerrother Fuchs
mit goldenem Schwanz, ein feuerrother Wolf mit zwei goldenen Kpfen, ein
feuerrother Br mit drei goldenen Kpfen aus dem Busche und hinter
jeglichem Thiere wurde eine immer grere Masse Geld auf den Rasen
geschleudert, hinter dem Bren fielen nach des Mannes Schtzung ein Paar
Loof (Scheffel) vor ihm nieder, wodurch denn der Haufe schon die Hhe
eines kleinen Heuschobers (Sade) erreichte. Nach dem Verschwinden des
Bren erhob sich ein Gebrause und Getse unter dem Busche, als ob
funfzig Schmiede-Blge arbeiteten. Dann aber kam aus dem Gebsche hervor
ein schauerlicher groer Kopf zum Vorschein, der halb menschliche halb
thierische Bildung zeigte: das Geschpf hatte neun fulange goldene
Hrner am Kopfe und zwei ellenlange goldene Hauer im Maule. Noch
schauerlicher als die Gestalt waren die Feuerfunken die wie von
glhendem Eisen aus Maul und Nasenlchern sprhten und das Getse
verursachten. Der Mann glaubte, die Funken mten ihn jeden Augenblick
verbrennen und als jetzt das Ungethm immer hher heraufstieg und dabei
den Kopf gegen ihn wandte, lie ihm das Entsetzen nicht mehr Zeit, sich
des fremden Mannes Vorschrift in's Gedchtni zu rufen. Vielmehr ergriff
meines Grovaters Vetter die Flucht, wobei ihm die Haare am ganzen Leibe
wie Borsten in die Hhe starrten. Auf der Flucht sprte er noch eine
Weile des Gespenstes feurigen Athem im Nacken und dankte seinem Glcke,
da die Beine ihn nur weiter trugen. Auch hatte er nicht Zeit rckwrts
zu sehen, da der Feind ihm unaufhrlich auf den Fersen sa und ihm
jeden Augenblick das Garaus machen konnte. So rannte er aus
Leibeskrften, da ihm die Brust zu springen drohte, bis er endlich
seinen Hof erreichte, wo er wie todt niederfiel. Erst am Morgen weckten
ihn die Sonnenstrahlen -- ob aus dem Schlafe oder der Ohnmacht, wer
konnte es wissen? Der Kopf war ihm schwer und betubt, so da eine
geraume Zeit verging, ehe er sich von dem nchtlichen Begegni klare
Rechenschaft geben konnte. Dann aber war es sein erstes Geschft, aus
der Klete drei sechslofige Scke zu nehmen und damit zu dem Hgel zu
gehen, um das in der Nacht auf den Rasen geschleuderte Geld zu sammeln,
ehe Andere ihm zuvorkmen. Da fand er wohl alle drei Wachholderbsche an
der alten Stelle, auch die Leichname der drei geschlachteten Thiere und
die Wachholderruthe, aber weder Geld noch die leiseste Spur davon, da
in der Nacht ein Geldhaufen auf dem Rasen gelegen hatte. Auch war nicht
das geringste Merkmal von der Oeffnung vorhanden, zu welcher die Thiere
und das Geld herausgekommen waren. Htten nicht die Leichname der
geschlachteten Thiere bekrftigt, was in der Nacht geschehen war, so
htte man das Ganze fr einen Traum halten knnen. Sicher war das Geld
wieder unter die Erde zurckgewandert, wo es vielleicht noch bis heute
auf einen khneren Mann wartet, der vor schauerlichen Schattenbildern
nicht die Flucht ergreift, sondern den Schatz hebt.

Wie es mit der zweiten Vorhersagung der Alten spter geworden, ob sie
wahr oder falsch gewesen, davon wei ich nichts zu berichten. Wiewohl
der Vetter meines Grovaters von seinem Schatzhebungs-Versuche oftmals
sprach, so lie er doch nie ein Wort von seiner Freite und dem was ihm
hiebei begegnete, verlauten. Mglich, da ihm auf seiner ehemaligen
Laufbahn Manches in die Quere kam, was er Andern nicht mittheilen
mochte, indem er es vorzog sein Kreuz in Geduld allein zu tragen.

[Funote 49: Wrtlich: sackfinster. L.]

[Funote 50: Die Esten unterscheiden zwischen wanad julud alte
Weihnacht und uued julud neue Weihnacht. Die letzteren sind identisch
mit Neujahr, so da in vorchristlicher Zeit das estnische Jahr um
Weihnacht begonnen haben mu, wie in Skandinavien und Deutschland. Die
Benennung julud kommt dem nord. Julfest zu nahe, als da man den
Zusammenhang beider Namen bezweifeln knnte. (Vgl. _Boecler-Kreutzwald_
der Ehsten abergl. Gebr. S. 92 u. 93. Ruwurm Eibofolke  340).
Uebrigens ist in diesem Mrchen, wie in manchen andern der Sammlung eine
gewisse Sympathie fr die heidnischen Erinnerungen noch nicht erloschen
-- ein Bestreben, die heidnischen Anschauungen gegenber dem
Christenthum noch nicht ganz fallen zu lassen. Der estnische Landmesser
J. Lagus in Walk, dem wir die Aufnahme alt-estnischer Gebets- und
Zauberformeln verdanken, erhielt (1849) ber den Vershnungsglauben
oder Taaradienst folgende Auskunft: Der Vershnungsglauben oder
Taaradienst war vor dem Mnchsglauben, und zu des Mnchsglauben Zeit
ward in den Kirchen in lateinischer Sprache gelesen und die Mnche
frchteten des Vershnungsglaubens Zauberer (Weise) sehr, welche die
alten Gebete und Opferworte verstanden. Vgl. _Kreutzwald_ und _Neus_, myth.
und mag. Lieder der Ehsten S. 11 u. 12. L.]

[Funote 51: Am Julofeste, das zugleich ein Todtenfest, mute die
grte Ruhe und Stille beobachtet werden, whrend im Gegensatze dazu am
Sommerfest um Johannis Alles seine Freude laut uerte. S.
Kreutzwald-Boecler S. 86 u. 87. Vgl. Kreutzwald und Neus myth. und mag.
Lieder der Ehsten S. 61. L.]

[Funote 52: S. Anm. zu Bd. 1, S. 178.]




18. Des Schtzen abhanden gekommenes Glck.


Es war einmal ein ebenso geschickter als glcklicher Schtze, der
niemals ohne reiche Beute aus dem Walde zurck kam, mochte es Sommer
oder Winter sein. Was er in Schuweite zu Gesicht bekam, Vogel oder
Vierfler, das hatte er schon so gut wie in der Tasche, denn nie traf
seine Ladung in's Blaue, sondern gerade in das Thier hinein, welches er
tdten wollte. Mit einem Male aber, ich wei nicht wer ihm den bsen
Streich gespielt hatte, war des Schtzen voriges Glck dahin; Vgel und
Vierfler ergriffen die Flucht schon in weiter Entfernung und kam er
einmal einem Thiere so nahe, da seine Flinte es erreichen konnte, so
ging der Schu jedes Mal in's Blaue. Der Schtze merkte bald, da es mit
seiner Flinte nicht mehr mit rechten Dingen zuging; er reinigte und
besprach die Flinte auf alle Art, grub sie drei Tage lang unter der
Thrschwelle ein, ber welche die Frauenzimmer schritten[53], aber kein
Kunststck wollte anschlagen. So war er nun ber eine Woche kreuz und
quer im Walde umhergestreift, hatte tglich manchen Schu verpufft, aber
weder Schwanz noch Horn, weder Feder noch Wolle in die Jagdtasche
geschafft.

Mimuthig ging er eines Abends, als er aus dem Walde kam, in die
Schenke, und wollte seine ble Laune durch einen Schluck Branntwein
vertreiben, aber auch der Branntwein mundete ihm nicht. Da stopfte er
sich seine Pfeife, legte Feuer darauf und setzte sich an den Tisch um zu
schmauchen. Als er zufllig die Augen aufschlug, sah er im Winkel am
Ende des Tisches einen fremden Mann sitzen, der weder eine Pfeife im
Munde noch einen Bierkrug vor sich stehen hatte, sondern nur mit einem
Stck Kreide kleine Striche auf den Tisch zog, die er dann und wann
zhlte, worauf er sie wieder auswischte und neue hinmalte, als htte er
Gott wei was fr groe Kosten zusammen zu rechnen. Als ein Theil des
Abends so hingegangen war, lie sich der Schtze einen Krug Bier geben,
womit er zuweilen die trockne Kehle anfeuchtete; inde sprach er kein
Wort, sondern vertrieb sich die Zeit mit seinen Gedanken, wie der Andere
mit dem Zusammenzhlen seiner Striche. Jetzt trat der Schenkwirth aus
seiner Kammer und fragte: Ihr Leute, begehrt ihr noch etwas von mir
oder wollt ihr zur Nacht hier bleiben? wo nicht, so brecht auf, ich will
den Krug zuschlieen und mich schlafen legen. Der Schtze erwiderte:
Brderchen, la mich nur noch meine Pfeife stopfen und anznden, dann
gehe ich nach Haus. Als er damit fertig war, nahm er seine Flinte aus
der Ecke, grte und verlie das Zimmer. Ohne ein Wort zu sagen folgte
ihm der Fremde, der ihn, wie er drauen im Mondschein bemerkte, um mehr
als Kopfeslnge berragte und auf einem Fue etwas hinkte. Als der
Schtze eine Strecke gegangen war, sah er da der Fremde denselben Weg
genommen hatte, blieb stehen und fragte: Haben wir Beide vielleicht
einen Weg? Der Fremde erwiderte: Wohl mglich! mein Weg geht berall
hin, wo er Futapfen vorfindet, mgen sie rechts oder links fhren. Der
Schtze sagte: Mein Weg geht gerade nach Haus. Lachend versetzte der
Fremde: Gleichviel, so begleite ich dich ein Stck Weges, denn mein
Haus ist immer da, wohin ich gerade komme. Im Weitergehen fragte der
Schtze, was das fr Striche gewesen seien, die sein Begleiter den
ganzen Abend auf den Tisch gezogen und zusammen gezhlt habe. Der Fremde
antwortete kurz: Die Geschfte des heutigen Tages, ich fand da noch
eins mangelt und mu darum eilen, vor Mitternacht noch einen Fisch zu
fangen. So seid ihr also ein Fischer? fragte der Schtze. Der Fremde
erwiderte: Je nachdem es sich trifft, bin ich ein Fischer, ein
Vogelfnger oder was sonst von mir verlangt wird. Es ist mein Loos, da
ich immer in anderer Leute Dienst meine Schuhe vertragen mu. Aber sage
mir, Gesell, warum bist du so verdrielich, da dir in der Schenke weder
Branntwein noch Bier schmecken wollte? Der Schtze erzhlte ihm sein
Migeschick; seine Flinte msse verhext sein, da weder Vgel noch
Vierfler mehr in Schuweite kommen wollten, und wre dies auch einmal
der Fall, so gehe der Schu jedesmal fehl. Als der Fremde das Unglck
des Schtzen vernommen hatte, sagte er: Wer deine Flinte verzaubert
hat, mag wohl zu verschlagen sein, als da deine Mittel etwas gegen ihn
ausrichten knnten. Hier ist kein anderer Rath als bei dem alten Wirthe
Hlfe zu suchen, der allein helfen kann. Der Schtze fragte: Wer ist
der alte Wirth und wo wohnt er? ich hre zum ersten Mal von ihm. Der
Fremde erwiderte: Wer er ist und wo er wohnt, das kann ich dir nicht
mit Sicherheit sagen, aber ich will dir angeben, wo du mit ihm
zusammenkommen und ihm deine Noth klagen kannst. Uebermorgen, Donnerstag
Abend, ist der Mond gerade voll. Geh kurz vor Mitternacht an einen
Kreuzweg, pfeife drei Mal und warte bis er kommt; die Flinte nimm gleich
mit. So wie diese jetzt beschaffen ist, kann sie kein Geschpf tdten,
und wenn du die Mndung auch dicht daran brchtest. Ich will mich Spaes
halber fnf Schritte vor dir hinstellen, lade die Flinte scharf und
ziele auf mich, nach dem Kopfe, dem Herzen, dem Bauche oder wohin du
selber willst, du wirst mir keinen Schaden zufgen. Aber wenn ich dir
nun doch Schaden thue? fragte der Schtze. Nun, dann ist es meine
Schuld, sagte der Fremde -- und du bist nicht verantwortlich dafr.
Mache dein Zeichen an der Kugel, damit du sie wieder erkennest. Der
Schtze lud seine Flinte mit einer Wolfskugel, auf die er mit den Zhnen
ein Zeichen machte und stampfte dann die in einen Fettlappen
eingewickelte Patrone fest. Er dachte bei sich selber: einen
Nebenmenschen Spaes halber zu tdten, das wre wohl Snde, aber ich
will ihm einen Denkzettel geben, da ihm die Lust vergehen soll, ferner
solche Possen zu treiben. Ich will ihm die Kugel in seinen linken
Schenkel schicken, sein linker Fu hinkt ja doch schon. So denkend
zielte er auf des Fremden Schenkel, eine Spanne hoch ber der
Kniescheibe, so da die Kugel am Knochen vorbei durch das weiche Fleisch
gehen mute. Der Fremde stand fnf Schritt weit unbeweglich. Die Flinte
knallte -- der Fremde aber trat ihm lachend entgegen und sagte: Da,
nimm deine Kugel! und gab sie dem Schtzen zurck. Dieser erkannte
sofort die von ihm bezeichnete Kugel und sah, da weder der Mann noch
sein Kleid Schaden genommen hatten. Hole Dieser und Jener meine Flinte
und dich mit! ruft der Schtze zornig. Ihr seid entweder beide verhext
oder der alte Bursche steckt in euch! Der Fremde erwidert lachend: ich
habe dir schon vorhin gesagt, da deine Flinte, wie sie jetzt beschaffen
ist, keinem lebenden Wesen schaden kann, sie bedarf eines klgeren
Arztes, der das kann, was du mit deinen Knsten nicht zu Wege bringst.
Geh und suche, wie ich dir angegeben habe, bermorgen Abend Hlfe beim
alten Wirthe. Whrend sie noch weiter mit einander sprachen, waren sie
an die Dorfgasse gekommen und trennten sich dort ohne Abschied, indem
der Schtze am Zaunwege hin in's Dorf hinein ging, whrend der Fremde
auf der Auenseite des Zauns vom Dorfe sich entfernte. Der Schtze hrte
noch, wie der Fremde vor sich sagte: Jetzt ist meine Zahl fr heute
voll.

Am folgenden Tage, Donnerstag Abends, ging der Schtze der erhaltenen
Anweisung gem an den Kreuzweg, um das ihm abhanden gekommene Glck
wieder zu finden; zwar frstelte ihm das Herz ein wenig, doch pfiff er
dreimal und wartete dann was weiter geschehen wrde. Von Norden her
hrte er ein Brausen, als ob ein Hagelwetter im Anzuge sei, dann
leuchtete es dreimal wie ein Blitz vor seinen Augen und ein kleiner
alter Mann mit rothem Barte stand vor ihm. _Wie_ der dahin gekommen war,
ob aus der Luft heruntergeworfen oder aus dem Erdboden herauf gehoben,
das konnte der Schtze nicht sagen, weil er eben die Ankunft des Alten
gar nicht bemerkt hatte. Der Alte fragte: Was willst du von mir, da du
mich hergepfiffen hast? Der Schtze erzhlte ihm alles von Anfang bis
zu Ende, wie ihm die Flinte verhext sei, so da weder Vierfler noch
Vgel ihr nahe kmen, und falls auch einmal ein Thier in Schuweite
komme, der Schu jedesmal fehl gehe. Der Alte sagte: Wenn ich dir das
abhanden gekommene Glck wieder schaffen soll, so mssen wir erst
darber einig werden, wie lange ich dir dienen soll? Der Schtze
erwiderte: So lange ich lebe. Ganz wohl -- sagte der Alte -- das
Glck will ich dir wieder schaffen, aber sieh dich vor, da groes Glck
dich nicht bermthig mache[54]. Dann griff er in seinen Schultersack,
nahm eine Hand voll Birkenktzchen heraus, die er dem Schtzen gab, und
sagte: Nhe zu Hause ein kleines Sckchen und stecke die Ktzchen da
hinein. Gehst du in den Wald um Vgel oder Vierfler zu schieen, so
stecke das Sckchen mit den Ktzchen in die Tasche oder in den Busen,
dann wirst du jedesmal soviel Thiere erlegen wie du willst, auch wird es
dem Walde nie an Wild mangeln. Was du heute erlegt hast, das ist morgen
wieder ersetzt, aber hte dich, den gresten Vogel oder Vierfler, der
den andern immer als Fhrer voran ist, niederzuschieen, sonst wrdest
du das Glck und zugleich dein Leben einben. Jetzt gieb mir zur
Besiegelung des Vertrages drei Tropfen von deinem Blute![55] Als der
Schtze das hrte, erschrack er und stand da, zweifelnd was er thun
sollte. Der Alte, der seine Gedanken wohl errieth, sagte: Thue was du
willst, es ist ja hier von keinerlei Zwang die Rede, wir schlieen einen
gtlichen Vertrag. Willst du, wie es in letzter Zeit immer der Fall war,
ohne Beute nach Hause kehren, so weigere das Blut, wenn du aber Lust
hast durch die Beute des Waldes zum reichen Manne zu werden, so mut du
mir zur Besiegelung des Vertrages die verlangten Blutstropfen geben.
Der Schtze nahm seine Passelnadel[56] von der Hutkrmpe, stach damit in
den Ringfinger der linken Hand und drckte drei Tropfen Blut heraus, mit
denen der Alte ein Stck Birkenrinde benetzte, das er alsdann in die
Tasche steckte. Darauf blies er drei Mal auf die Flinte des Schtzen und
sagte mit vergngter Miene: Jetzt sind wir miteinander im Reinen,
deine Flinte ist entzaubert und erlegt was dir vor die Faust kommt. Eine
Flintenkugel schenke ich dir noch in den Kauf, du kannst damit dem
Verzauberer deiner Flinte den verdienten Lohn zahlen. Schiee diese
Kugel ab wohin du willst, und nenne dabei die Krperstelle, in welche
sie eindringen soll, so geht sie dahin und wre das Ziel auch Dutzende
von Meilen von dir entfernt. Der Schtze nahm die Kugel mit Dank an und
wollte sich mit einem Gott befohlen verabschieden, allein der Alte
legte ihm die Hand auf den Mund und hie ihm schweigen. In demselben
Augenblicke war er dem Schtzen ebenso wunderbar aus dem Gesichte
entschwunden, als er vorher erschienen war. Der Schtze wandte seine
Schritte heimwrts und wollte am folgenden Tage versuchen, ob die
Versprechungen des Alten sich als wahr oder falsch erweisen wrden.
Erfllt sich das Versprechen, dachte der Schtze, so habe ich einen
wahren Glckshandel gemacht, nur ist es schade, da ich dem Alten drei
Blutstropfen verpfndete. Vielleicht findet sich mit der Zeit Rath zu
einer Aenderung des Vertrags, oder ich ziehe mich durch List aus der
Schlinge.

Als er nach Hause kam, warf er sich in seinen Kleidern auf's Bett um ein
paar Stunden zu ruhen; am Morgen frh wollte er in den Wald und
versuchen, ob die an der Flinte gemachte Kur angeschlagen habe. Ruhiger
Schlaf kam die ganze Nacht nicht in sein Auge; so oft ihm die Lider
zufallen wollten, wurden sie immer wieder durch Bilder von
Vogelschwrmen und Thierheerden aufgerissen, welche lrmend an ihm
vorberzogen. Mit anbrechender Morgenrthe sprang er vom Lager auf, lud
seine Flinte, steckte die Glcksktzchen in die Hosentasche, band die
Jagdtasche um und wollte ohne Frhstck von Hause gehn; erst auf der
Schwelle fiel es ihm ein einige Bissen zur Vogeltuschung[57] zu sich zu
nehmen. Als er in den Wald kam, stie ihm ein Schwarm Birkhhner auf,
dessen Fhrer grer war als ein Auerhahn. Diesen lie der Schtze
unversehrt, er zielte in die Mitte des Schwarms; die Flinte knallte und
sechs Birkhhner auf einmal fielen auf den einen Schu vor ihm nieder.
Habe Dank! alter Patron! ruft der Schtze -- ich sehe, da du Wort
gehalten und dein Versprechen wahr gemacht hast. Da fllt ihm die
Kugel ein, welche er in den Kauf erhalten hatte um den Verzauberer der
Flinte damit zu zchtigen; er denkt: ich will dem Frevler seinen
verdienten Lohn geben und dafr sorgen, da er sich in's Knftige nicht
so leicht soll an meine Flinte machen knnen. Er ladet die Flinte, legt
die Kugel drauf und sagt: Dem feindlichen Hexenmeister durch beide
Schienbeine! worauf er den Schu abfeuert. Da er nun fr heute keine
Lust mehr hat, Vgel zu schieen, so hebt er seine sechs Birkhhner vom
Boden auf und macht sich auf den Heimweg. Als er in's Freie kommt,
steigt ein Flug Feldhhner dicht vor ihm auf, wiederum ein greres an
ihrer Spitze. Der Schtze denkt: Schade, da ich die Flinte nicht wieder
lud, sonst htte ich hier abermals mein Glck versuchen knnen. Gerade
als ob sie seine Gedanken errathen htten, lieen sich die Vgel ein
paar hundert Schritt weit von ihm nieder. Er ladet die Flinte und geht
ihnen nach. Die Vgel fliegen wieder auf, der Schtze lt den Anfhrer
vorber fliegen, feuert in den Schwarm hinein und siehe! ein Dutzend
Feldhhner fllt zu Boden. Oho! -- ruft der Schtze -- wenn die Sache
so fortgeht, so darf ich bald nicht anders in den Wald kommen als mit
Wagen und Pferden, um die erbeutete Ladung Vgel in die Stadt zu
fhren.

Und wirklich ging die Sache so glcklich weiter; er schickte alle Woche
eine volle Ladung Vgel zur Stadt auf den Markt, und dennoch schienen
sie dadurch in den Wldern nicht weniger zu werden, vielmehr kam es dem
Schtzen vor, als ob sie um so mehr zunhmen, je mehr er ihrer
vertilgte. Diese leichte Hantierung, die mehr einem Spiele glich, machte
den Schtzen sorglos, und mit der Sorglosigkeit stellte sich die
Leidenschaft fr den Branntwein ein, so da er sich meistentheils in den
Schenken umhertrieb und selten Abends nach Hause kam, ohne da es ihm
vor den Augen flimmerte. Im trunkenen Muthe hatte er aber zuweilen gegen
die Anderen mit seinem Vertrage geprahlt, so da sich das Gercht
verbreitete, da der Schtze habe seine Seele dem alten Burschen
verkauft. Eines Abends trat der Schtze bei hellem Mondschein aus dem
Kruge, die geladene Flinte auf der Schulter, und stie im Freien auf
einen Trupp Fchse, deren Anfhrer eine Strecke weit voraus lief und so
schn war, da der erhitzte Schtze nicht mehr Zeit fand, sich der
Bedingungen des Vertrags zu erinnern, welche ihm verboten das grte
Thier niederzuschieen. Er ri die Flinte an die Wange, zielte und gab
dem groen Fuchse eine volle Ladung. Augenblicklich fiel -- nicht der
auf's Korn genommene Fuchs, sondern statt desselben der Schtze selber
todt zu Boden. Am andern Morgen wurde sein Leichnam etwa eine Werst weit
vom Dorfe auf dem Felde gefunden: die Flintenkugel war ihm durch's Herz
gegangen. Da er sich nicht absichtlich selber getdtet hatte, konnte
man daraus abnehmen, da die Flinte eine Strecke weit von ihm gefunden
wurde, und ihre Mndung von ihm abgekehrt war. Die Dorfbewohner trugen
ihn nach Hause und gingen daran einen Sarg zu zimmern; dabei wurden sie
fter einer schwarzen Katze ansichtig, welche keiner von ihnen frher
jemals erblickt hatte. Der Todte lag auf dem Tische mit einem weien
Laken bedeckt. Als der Sarg fertig war und man den Leichnam hineinlegen
wollte, hatten die Mnner einen neuen Schrecken. Als sie nmlich das
Laken abnahmen, fand sich der Todte nicht mehr, sondern ein Bund Stroh
lag statt desselben auf dem Tische und zugleich mit dem Todten war auch
die groe schwarze Katze verschwunden, welche Niemand Anders sein
konnte, als der alte Bursch selber. Spter wurde es ruchbar, da einem
nahe wohnenden Zauberer, der lange auf dem Siechbette gelegen hatte,
beide Beine vom Knie an lahm geworden waren, da der Mann nicht anders
als auf zwei Krcken gehen konnte. Diesem Manne hatte sicher die im
Walde abgeschossene Strafkugel des Schtzen die Beine untauglich
gemacht, zum Lohn dafr, da er dessen Flinte verhext hatte.

Diese Erzhlung macht offenbar, da wer dem Bsen Blut giebt, ihm auch
seine Seele verkauft; oder anders ausgedrckt: Gieb dem Teufel die
Fingerspitze und er packt deine ganze Hand.

[Funote 53: Vgl. Boecler-Kreutzwald der Ehsten abergl. Gebr., S. 128.
L.]

[Funote 54: Man sieht, da hier selbst der Bse -- Moral predigt! L.]

[Funote 55: S. Anm. zu Bd. 1, S. 67. L.]

[Funote 56: Der altestnische Bauerschuh (pastal oder passel) besteht
aus einem einzigen lnglichen viereckigen Stck Pferde- oder Rindsleder
von hellgelber Farbe. Vorn wird er spitz zusammengenht. Der ganze Rand
ist mit geschnittenen Lchern versehen, durch welche eine lange Schnur
luft, die den ganzen Schuh wie einen Beutel zusammenzieht. So bleibt
nur das Fublatt unbedeckt. Die Schnur kreuzt sich auf dem Schienbein
und wird zwischen Wade und Knie befestigt, indem sie so zugleich als
Strumpfband dient. _Bertram_, Wagien. S. 74. Der russische Bauerschuh ist
aus dem Bast der jungen Birke _geflochten_. L.]

[Funote 57: Linnu-pete Vogelbetrug, ein Frhstck, das man aus
Aberglauben im Frhling vor dem Ausgehen geniet, um nicht nchtern den
Kuckuck hren zu mssen, weil man sonst taub wird oder in dem Jahre
stirbt. _Wiedemann_ estnisch-deutsches Wrterb. u. d. u.
Boecler-Kreutzwald S. 85 vgl. mit S. 140 und mit der Anm. zu Kalewipoeg
XI, 14. deutsche Ausg. Dorpat, 1861. L.]




19. Der aus Gefahr erlste Knigssohn wird der Retter seines Bruders.


In den Tagen der Vorzeit war ein junger Knig schwer erkrankt, weshalb
nach allen Seiten hin Boten ausgesandt wurden um Aerzte zu holen. Obwohl
nun Beschwrer und Zauberer in groer Anzahl zusammen kamen, so konnte
doch keiner von ihnen des Knigs Krankheit heilen. Endlich wurde ein
berhmter Zauberer aus Nordland geholt, der mit kundigem Blicke des
Knigs Krankheit gleich erkannte, da nmlich seine Arme vom Finger bis
zum Ellenbogen von goldfarbigem und seine Beine von der Zehe bis zum
Knie von silberfarbigem, der Leib aber von indigoblauem Glase sei. Der
Zauberer sagte: Gegen dieses Siechthum helfen keine Mittel, keine
Kruter, sondern der Knig mu eine junge Gattin freien, so wird er in
dreien Tagen gesund. Die Gattin mu aber nach Farbe und Ansehn zur
Krankheit des Knigs passen, sonst ist keine Heilung mglich. Der Knig
gab nun Befehle, im ganzen Reiche nach einer solchen Jungfrau, die seine
Heilung bewirken knnte, zu suchen. Nach einigen Tagen ergab sich, da
eines Kriegshauptmanns jngste Tochter den Arzt machen knne, weil das
Mdchen hellgelbes goldenes Haar, schneeweie silberfarbene Haut und
blaue Augen habe. Als die Jungfrau vor den Knig gefhrt wurde, rief
dieser aus seinem Bette: Ich fhle es, diese Arznei wird mich gesund
machen! sprang aus dem Bette und befahl alsbald die Hochzeit
zuzursten, die auch noch an demselben Tage gehalten wurde. Am Abend,
ehe das junge Paar zu Bette ging, trat eine alte Frau, die aus der Hand
wahrsagte, vor die junge Knigin, und bat um Erlaubni aus der Hand
derselben zu prophezeien. Nach einer Weile sagte die Alte: Nach kurzen
Glckstagen erwarten euch lange Leidenstage um einer bsen Schwester
willen, aber Gott lt euch endlich aus eurem Sohne den Retter erstehen.
Ihr werdet in drei Wochenbetten zwlf Shne gebren. Mit diesen Worten
verschwand die Alte vor den Augen der Knigin, als wre sie in Luft
zerflossen. Die ltere Schwester aber, welche selber gewnscht hatte des
Knigs Gemahlin zu werden, hate diese um ihres Glckes willen und nahm
sich im Stillen vor, ihrer jngeren Schwester Schaden zuzufgen.

Die junge Knigin brachte im ersten Wochenbette sechs Shne auf einmal
zur Welt, lauter muntere und gesunde Kinder. Der Knig war gerade
damals, als seine Gemahlin in die Wochen kam, von Hause abwesend, darum
wurde ein Diener abgeschickt, der dem Knige die Botschaft bringen, und
ein anderer, der den Kindern eine Amme suchen sollte. Die ltere
Schwester der Knigin dang nun um hohen Preis eine Hexenmeisterin,
welche die Kinder verderben oder heimlich bei Seite schaffen sollte, so
da der Knig deshalb einen Ha auf seine Gemahlin werfen mte. Die
Hexenmeisterin verwandelte sich in ein junges Weib und kam wie von
Ungefhr dem die Amme suchenden Diener entgegen, zu dem sie so sprach:
Ich bin schon fter Amme bei Kindern hochgeborner Deutschen und
vornehmer Leute gewesen, fhrt mich also nur zur Frau Knigin, weil sie
nirgends eine bessere Amme finden kann. So wurde das bse Geschpf zur
Knigin gefhrt, deren Seele keine Ahnung davon hatte, da ihre
Schwester dieses Weib zu einer Frevelthat gedungen hatte.

Nachts, als die Knigin schlief, nahm die alte Hexe heimlich die sechs
Knaben aus der Wiege, bergab sie dem alten Burschen und legte sechs
junge Hunde an die Stelle der Kinder. Als der Knig nach Hause kam und
diese jungen Hunde sah, welche seine Gemahlin, wie man ihm sagte, zur
Welt gebracht habe, entbrannte er in heiem Zorne, so da er befahl: die
Gemahlin sammt den jungen Hunden um's Leben zu bringen. Da aber die
Knigin ein frommes und mildherziges Menschenkind war, so begaben sich
die Unterthanen in Masse zum Knige, um seine Verzeihung zu erbitten:
Um einer einzigen Schuld willen drfe man doch einen Menschen nicht
gleich mit dem Tode strafen! Der Knig gab ihrer Bitte Gehr und
verzieh seiner Gattin fr dies Mal.

Aber schon im nchsten Wochenbette sollte eine neue Schuld auf die arme
Frau fallen. Zum Unglck traf es sich, da der Knig wiederum in fremden
Landen war, als fr seine Gemahlin die Zeit der Niederkunft herannahte.
Die Knigin brachte drei gesunde Knaben zur Welt, und als man ging den
Kindern eine Amme zu suchen, kam die Hexenmeisterin wieder des Weges
daher und bot sich zur Amme an. Damit die Knigin sie nicht erkennen und
abweisen sollte, hatte sie eine andere Gestalt angenommen. Dennoch
strubte sich das Herz der Mutter sie zuzulassen, und sie mute sich
halb mit Gewalt als Amme aufdrngen. In der Nacht, als die Mutter
schlief, ging die Vertauschung der Kinder ganz wie das erste Mal vor
sich: die drei Knaben wurden dem alten Burschen bergeben und statt
ihrer drei junge Hunde in die Wiege gesetzt. Als der Knig heimkehrt,
lt er die Hunde tdten und will auch seiner Gemahlin das Todesurtheil
sprechen. Da hebt die Knigin unter bitteren Thrnen an zu flehen:
Meine Seele ist rein von Schuld, wenn ich auch nicht begreife, wie es
mit der wunderbaren Begebenheit zugeht! Ich sah mit meinen Augen, wie
ich das erste Mal sechs und das zweite Mal drei gesunde Knaben zur Welt
brachte, an deren Stelle nachher junge Hunde in der Wiege gefunden
wurden. Die ganze Dienerschaft bezeugte die Wahrheit dieser Aussage und
bat einstimmig um Gnade. Sie sagten: Bei einem so wunderbaren Ereigni
mu das irdische Gericht auch ein zweites Mal verzeihen, weil Gott
allein das Geheimni durchschauen kann. Sollte aber die Sache zum
dritten Male vorkommen, dann drft ihr eurer Gemahlin weiter keine Gnade
angedeihen lassen, sie mu dann fr ihre Schuld ben. Der Knig gab
der Bitte seiner Frau und seiner Unterthanen abermals Gehr und verzieh.

Im dritten Wochenbette brachte die Knigin wiederum drei Knaben zur
Welt. Die Geburt erfolgte um Mitternacht und da das Gemach dunkel war,
so nahm die Wchnerin heimlich einen Knaben und versteckte ihn in den
Bettkissen, so da keines Menschen Seele von diesem Kinde eine Ahnung
hatte. Diejenigen, welche eine Amme suchten, stieen wie das erste und
zweite Mal auf die Hexenmeisterin, die ihnen aus dem Walde entgegenkam,
und nahmen sie an. Nchtlicher Weile vertauschte nun die Amme die beiden
Knaben gegen junge Hunde und brachte die Knaben dem alten Burschen.
Als der Knig die Hunde erblickte, entbrannte sein Zorn und er befahl
sie sogleich zu tdten. Da holte die Knigin ihren versteckt gehaltenen
Sohn hervor und sagte: Alle Kinder die ich geboren habe, glichen
diesem. Welche Gewalt sie verwandelt hat, ist mir unbekannt. Aber der
Knig fuhr zornig auf: Wenn mir eilf Knaben zu Schanden geworden sind,
so verlohnt es sich nicht um dieses einzigen willen die Mutter am Leben
zu lassen. Besser sie wird sammt dem Kinde umgebracht, damit mir nicht
abermals ein solcher Verdru entstehe! Darauf lie er die Richter
zusammenkommen und fragte sie um ihre Meinung, welche Todesart ber die
Frau zu verhngen sei. Die Richter gaben diesen Bescheid: Es ist
schrecklich ein menschliches Wesen zu verbrennen, nicht minder
schrecklich, ihm einen Strick um den Hals zu legen und es am Galgen
aufzuhngen, noch entsetzlicher aber, es mit dem Schwerte hinzurichten.
Machen wir lieber ein eisernes Bette mit hohen Kanten, legen Mutter und
Sohn hinein und lassen Beide in diesem Bette auf's Meer hinausbringen
und sie dort in die Fluth strzen. Dieser Rath gefiel dem Knige, er
lie ein eisernes Bett machen, Mutter und Sohn hineinlegen und sie auf
einem Schiffe weit in's Meer hinausbringen. Als die unglcklichen
Geschpfe in ihrem eisernen Bette vom Schiffe in's Meer geworfen wurden,
ereignete sich das Wunder, da das Bett nicht auf den Grund sank,
sondern wie ein leichtes Kissen auf den Wellen schwamm. Gottes Gnade
wollte sie schtzen, damit nicht schuldlose Geschpfe durch bser
Menschen Tcke umkmen.

Der Knigssohn wuchs im eisernen Bette auf dem Meere zusehends, und
hatte nach sieben Wochen schon ganz die Gestalt und das Ansehn eines
Erwachsenen. Die Schiffsleute hatten ihnen, ehe sie zurckfuhren, einen
Brotsack und ein Milchfchen[58] zugeworfen, welche Mutter und Sohn
wunderbarer Weise ernhrten -- denn obwohl sie jeden Tag davon zehrten,
ging doch weder Speise noch Trank zu Ende. Als der Knigssohn nach
sieben Wochen zu einem jungen Manne herangewachsen war, sagte er eines
Tages zu seiner Mutter: Mutter, ich mchte die Glieder strecken! Die
Knigin erwiderte: Thu' es noch nicht, lieber Sohn, es wrde sonst die
Fuwand des Bettes sich lsen, wir wrden in's Meer fallen und dort
unser Ende finden.

Aber der Knigssohn sagte nach einigen Tagen wiederum: Mutter, ich
mchte die Glieder strecken, weil mir die Fe und Waden von dem ewigen
Krummliegen weh thun! Die Mutter wehrte es mit den Worten: Lieber
Sohn, strecke die Glieder noch nicht, es knnte groes Unglck ber uns
bringen. Da rief der Sohn zum dritten Male mit Wehgeschrei: Ich habe
groe Angst im Herzen und starke Schmerzen in allen Gliedern und kann
diese Einsperrung nicht lnger aushalten. Ich will die Beine
ausstrecken, komme was da wolle! Die Mutter erwiderte: Gleichviel! wo
der Tod ist, da ist auch das Grab. Strecke deine Glieder soviel du
willst, damit du die lange Pein los wirst! Da streckte der Knigssohn
seine Beine krftig gegen das Fuende des eisernen Bettes, so da die
Wand krachend herausfiel. Dennoch aber sanken sie nicht auf den Grund,
sondern fanden sich auf dem Trocknen, auf einer kleinen Insel. Die
Knigin schlpfte aus dem Bette, fiel auf die Knie und dankte dem
himmlischen Vater fr die wunderbare Rettung.

Der Knigssohn entfernte sich vom Ufer um nachzusehen, ob er irgendwo
auf der Insel eine Nahrung fnde, mit welcher sie ihr Leben fristen
knnten. Er war eine Strecke Weges gegangen, da kam ihm aus dem Dickicht
des Waldes ein kleiner alter Mann mit grauem Barte entgegen und bot ihm
einen Feuerstahl. Was soll ich damit machen, Goldvterchen? fragte der
Knigssohn. Ich habe weder ein Aschenloch noch sonst eine passende
Stelle, wo ich den Feuerstahl hinlegen knnte. Der Alte drckte ihm den
Stahl halb mit Gewalt in die Hand und sagte: Schlage mit diesem Stahle
an einem beliebigen Orte Feuer, dann wirst du vollauf zu essen und zu
trinken haben, soviel dein Herz nur begehrt. Der Knigssohn ging mit
der unntzen Gabe zu seiner Mutter zurck, die ihn sogleich fragte:
Sage mir, wo hast du diesen Feuerstahl her? Du hast ihn doch nicht
frevelnd Jemandem entwendet? Der Sohn erwiderte sich gleichsam
entschuldigend in bittendem Tone: Werde nicht bse, lieb Mtterchen,
ein fremder Alter, mit dem ich zufllig im Walde zusammentraf, steckte
mir den Feuerstahl mit Gewalt in die Hand. Auch sagte er: wenn du mit
diesem Feuerstahl Feuer anschlgst, so werdet ihr zu essen und zu
trinken bekommen. -- Wenn nun auch weder Mutter noch Sohn die geringste
Hoffnung darauf hatten, so wollte doch der Sohn Spaes halber den
Versuch machen. Und sieh einmal! wie die Funken aus dem Steine sprangen,
stand ein Tisch mit Speisen und Getrnken vor ihnen, so da sie sich nun
vor Hunger nicht mehr zu frchten brauchten.

Am folgenden Tage schlenderte der Knigssohn wieder im Walde umher und
abermals begegnete ihm der graubrtige Alte, der wie ein Specht an einem
hohen Baume herunter kletterte, denn er hatte an Fingern und Zehen
scharfe Krallen wie eine Katze. Der Alte bot ihm eine Axt; der
Knigssohn wollte sie zwar nicht nehmen, aber der Alte sagte ernsthaft:
Sei nicht thricht! sondern nimm was ich dir aus gutem Herzen gebe!
Dann drckte er ihm das scharfe Werkzeug mit Gewalt in die Hand und
fgte hinzu: Trage die Axt heim und nthige sie, dir ein Wohnhaus zu
zimmern, dann wirst du alsbald ein Obdach haben. Der Knigssohn brachte
die Axt heim und die Mutter erkundigte sich sogleich wieder, ob sie
nicht fremdes Eigenthum und gestohlen sei. Als der Sohn ihr mittheilte,
wie er zu der Axt gekommen sei, fhlte sich die Mutter beruhigt. Darauf
schaffte der Sohn durch den Feuerstahl Brot und sonstige Speise auf den
Tisch und sie sttigten sich wie Tags zuvor. Nach dem Essen befahl er
der Axt: Zimmere uns ein neues Wohnhaus! und sofort stand ein hbsches
neues Haus vor ihnen, als wre es aus dem Boden aufgeschossen. Mutter
und Sohn traten ber die Schwelle und nahmen darin ihren Aufenthalt.

Nach einigen Tagen zeigte sich auf der Hhe der See ein Schiff. Der
Knigssohn ging dicht an's Ufer, lie ein weies Tuch flattern um den
Schiffsleuten ein Zeichen zu geben und winkte ihnen heranzusegeln; dann
kaufte er ihnen die ganze reiche Schiffsladung ab und lie sie an's Land
bringen. Die Axt lie, auf Gehei ihres Herrn, unablssig Haus an Haus
sich reihen, so da in kurzer Zeit eine Stadt daraus wurde. Der
Knigssohn aber lie das Schiff mit Korn fllen und sandte es dann
zurck in die Heimath. -- Als er darauf wieder im Walde umherstrich,
begegnete ihm der kleine Alte mit dem langen grauen Barte. Der Alte
sagte: Eine Stadt hast du nun wohl fertig, aber Einwohner fehlen der
Stadt. Da, nimm diesen Ebereschenzweig[59], geh morgen frh an einen
Ameisenhaufen, klopfe dreimal mit der Ruthe darauf und rufe: schaffet
Leute fr meine Stadt! so werden Einwohner genug in die neue Stadt
kommen. Der Knigssohn that am andern Morgen was der Alte ihm geheien
und fand, als er zurck kam, alle Huser der Stadt mit Einwohnern
angefllt, denen der Feuerstahl das tgliche Brot schaffte.

Als der Schiffer an's Land gestiegen war, ging er sofort zum Knige und
erzhlte ihm die wunderbare Begebenheit, wie er an eine wste Insel
gekommen sei, auf welcher bis dahin kein lebendes Wesen zu finden
gewesen, whrend jetzt am Ufer eine prchtige Stadt stehe, deren
Eigenthmer ihm die Schiffsladung abgekauft, und das Schiff mit Korn
beladen zurckgesandt habe. Mein geringer Verstand kann es nicht
begreifen, -- so schlo der Schiffer seine Erzhlung -- wie die Stadt
so pltzlich dahin gekommen ist. -- Der Knig erwiderte: Ich mu
selber hin, um dieses Wunder zu sehen. Er hatte sich aber mittlerweile
des Kriegsobersten lteste Tochter zur Gemahlin erkoren und diese sagte
jetzt, als sie des Knigs Worte hrte: Es ist nicht nthig, da ihr
dahin geht; nthiger ist es durch drei Knigreiche in _das_ Land zu
fahren, wo ein prchtiger Brunnen mit goldener Bekleidung und silbernem
Schwengel steht, eben dort ist auch eine goldene Maurerkelle und eine
andere silberne daneben.

Zum Glck hatte der Knigssohn diese Rede mit angehrt, denn er hatte
sich mit des Alten Hlfe in einen kleinen Floh verwandelt[60] und sa in
des Knigs Gemach am Fenster, wo Niemand ihn bemerkte. Als er der
Knigin Rede hrte, dachte er: O! stnde doch dieser Brunnen vor meiner
Stadt, dann kme der Knig gewi um ihn anzusehen. Als er aber heim
kam, fand er auch wirklich einen solchen Brunnen schon vor der Stadt;
eine Katze lief an der goldenen Brunnensule hinauf und bat um Gnade,
dann kam sie herunter und bat selbst um den Tod.

Nach diesem geschah es wieder, da ein anderer Schiffer mit seinem
Schiffe sich der Insel nherte. Der Knigssohn rief ihn an's Ufer,
kaufte ihm die ganze Schiffsladung ab und lie das Schiff mit Korn
fllen. Als der Schiffer nach Hause kam, ging er sofort zum Knige, ihm
den wunderbaren Vorfall zu melden. Als er ber die Schwelle trat,
bemerkte er nicht, da der Knigssohn in Gestalt einer Fliege ihm in
den Busen geschlpft war. Der Schiffer erzhlte dem Knige, wie er auf
einer wsten Insel pltzlich eine sehr schne Stelle gefunden, wo eine
herrliche Stadt stehe, deren Huser von Gold und Silber glnzen, und am
Thore stehe ein prchtiger Goldbrunnen, der im Sonnenschein funkele. Da
verlangte es den Knig selbst hinzugehen, um das Wunder mit eigenen
Augen zu sehen, aber die Knigin that sogleich Einspruch: Ihr braucht
nicht dahin zu gehen, viel nthiger wre es durch vier Knigreiche zu
fahren, dahin wo die schnen Heuschlge liegen; das Heu schichtet sich
selber ohne da Jemand zu mhen oder zu harken braucht, thut sich selber
auf den Boden und kommt auch wieder herunter, so da es gar keiner
Arbeiter bedarf, weder zum Aufspeichern noch zum Herunterwerfen. Und es
sollen dort drei Knige mit einander Krieg fhren; der eine von ihnen
ist gewaltig, der andere noch viel gewaltiger und der dritte giebt
vollends seine Macht nicht aus den Hnden. Es thte wohl Noth, dieses
Kriegsgewhl mit anzusehn.

Der Knigssohn dachte in seinem Sinn: Wenn dergleichen bei meiner Stadt
sich fnde, so kme der Knig gewi hin, sich das Wunder zu besehen. So
wie ihm dieser Gedanke durch den Kopf fuhr, hatte sich auch Alles schon
so gefgt, denn der graubrtige Alte hatte es bewirkt.

Jetzt zeigte sich nach einigen Tagen abermals ein Schiff auf hoher See,
der Knigssohn lockte es wieder an seine Kste, kaufte die ganze Ladung,
fllte das Schiff mit Korn bis zum Rande und sandte es zurck. Sich
selbst aber verwandelte er in eine Stecknadel und that sich in des
Schiffers Rock. Als der Schiffer nach Hause kam, eilte er zum Knige und
erzhlte von all' den Wundern auf der wsten Insel. Dort sind -- sagte
der Schiffer -- so wunderbare Dinge, wie sie sicherlich nirgends sonst
in der Welt gefunden werden, gold- und silberfarbene Huser, allerlei
Goldbrunnen und Heuschlge, welche selber das Heu mhen, aufnehmen, auf
den Boden bringen und vom Boden wieder herunterwerfen, ohne da Hlfe
von Menschenhand erforderlich ist. Ueberdies bekriegen sich dort
unaufhrlich drei Knige, die einander nicht bezwingen knnen. Da
erwachte in des Knigs Brust ein heftiges Verlangen dahin zu gehen und
mit eigenen Augen diese Wunderdinge zu schauen. Die Knigin aber sagte,
als sie seine Absicht vernahm: Dahin zu gehen thut nicht Noth, sondern
vielmehr durch fnf Knigreiche zu fahren, wo die elf Mnner am Tische
sitzen, deren Arme bis zum Ellenbogen goldfarben und deren Beine bis
zum Knie silberfarben sind[61]; diese Dinge sind viel wunderbarer.
Dennoch nahm sich der Knig vor, zur Insel zu fahren um das zu sehen,
wovon die Schiffsleute ihm erzhlt hatten. Die Knigin aber widersetzte
sich hartnckig und wollte den Knig nicht ziehen lassen; dagegen sagte
der Knig: Bis heute habe ich zweimal auf euren Widerspruch gehrt,
aber lnger habe ich nicht Lust nach eurer Pfeife zu tanzen, sondern
will nun das dritte Mal meinen Willen durchsetzen. Uebrigens sind ja
alle eure Angaben falsch gewesen; ich bin berall hingegangen, wohin ihr
mich gehen hieet, habe aber nirgends auch nur eine Nagelspitze von den
gerhmten Wunderdingen gefunden.

Als der Knigssohn diese Rede vernommen, eilte er nach Hause und
erzhlte seiner Mutter was er gehrt hatte und fragte wo jene elf Mnner
wohl sein knnten. Die Knigin muthmate sogleich, wie es sich mit den
elf Mnnern verhalte, dewegen buk sie drei Kuchen; zwei derselben
knetete sie mit Milch aus ihrer Brust, in den Teig des dritten aber that
sie Gift. Dann unterwies sie ihren Sohn folgendermaen: Verfge dich in
Gestalt einer Stecknadel auf die Schwelle der Thr, wo die elf Mnner zu
Tische sitzen, und warte bis der Hausherr aus der andern Kammer kommt
und sich oben am Tische niedersetzt. Wenn sie nun im Begriff sind die
Mahlzeit zu beginnen, dann verwandle dich in einen Mann und tritt zu
ihnen ein, gre sie ehrerbietig und biete ihnen deine Kuchen als
Gastbrot an. Den Kuchen mit dem Gifte reiche dem Hausherrn ganz, die
beiden andern brich in elf Theile, lege jeglichem ein Stck auf den
Tisch und lade sie ein, das Gastbrot zu essen. Der Sohn vollfhrte
Alles wie die Mutter ihm aufgetragen hatte. Der Hausherr a zuerst von
seinem Kuchen, aber sowie er einen Bissen hinunter geschluckt hatte,
barst er mitten von einander[62]. Die jungen Mnner erschracken sehr und
fragten einander: was hat dieser schlimme Vorfall zu bedeuten? Der
Knigssohn aber forderte sie auf, nur dreist zu essen. Doch keiner hatte
den Muth von dem Kuchen zu kosten, vielmehr sagten sie: I du zuerst,
so wollen wir dann auch essen. Er nahm jetzt ein Stck von dem Kuchen,
a und die andern aen nach ihm. Nach dem Essen bat er seine Brder sich
zu Gast. Die Brder fragten: Auf welche Weise sollen wir gehen? In
Gestalt von Pferden oder in menschlicher Bildung?

Er aber unterwies sie: Lat uns als Tauben dahin fliegen. So geschah
es auch und binnen kurzer Zeit langten sie an.

Am andern Tage nun kam auch der Knig zur Insel um die Wunderdinge zu
schauen, von denen er vernommen, und er fand sie alle ganz so wie man
ihm berichtet hatte. Zuletzt trat er auch in das Haus, in welchem seine
verstoene Frau wohnte, die ihm schon auf der Schwelle freundlich
grend entgegenkam. Der Knig aber erschrack im ersten Augenblicke
heftig und wute nicht was er von der Sache denken sollte, ob ein
Schattenbild der Frau oder ob sie selber leibhaft vor ihm stehe. Da
sagte die Frau mit holdseliger Rede: Hier stehen meine zwlf Shne so
wie ich sie zur Welt gebracht habe, und nicht als die jungen Hunde,
welche euch gezeigt wurden. Jetzt kam auch der wunderthtige Alte und
erklrte dem Knige umstndlich, wie sich Alles begeben und wer die
Kinder vertauscht habe.

Am andern Morgen fuhr der Knig mit seiner Frau und seinen zwlf Shnen
heim, versteckte sie aber an einem verborgenen Orte und lie smmtliche
Oberrichter zusammenkommen, auch seine gegenwrtige Gemahlin mute unter
ihnen Platz nehmen. Dann erzhlte der Knig, was neuerdings einen
geringen Mann betroffen habe, welches Unrecht man ihm zugefgt habe und
da ein naher Blutsverwandter als der Hauptschuldige da stehe. Noch ehe
die Richter den Mund ffnen konnten, rief die Knigin mit zorniger
Stimme: Einem solchen Uebelthter gebhrt kein besserer Lohn, als da
man ihn in eine groe Tonne legt, welche inwendig mit eisernen Stacheln
versehen sein mu, und da man die Tonne so lange rollt, bis die
scharfen Stacheln ihm das Fleisch von den Knochen herunter gerissen
haben und er unter groen Schmerzen den Geist aufgiebt. Seine
Helfershelfer mssen von Pferden auseinander gerissen und ihre Glieder
auf's Rad geflochten werden. Die Richter billigten einstimmig den
Ausspruch der Knigin.

Sehr wohl! sprach der Knig, befahl die Thren zu ffnen und die
Abgesperrten aus ihrem Versteck zu holen. Als aber nun die frhere
Gemahlin des Knigs mit ihren Shnen eintrat, da wurde die zweite Frau
todtenbleich; dann warf sie sich dem Knige zu Fen und bat um Gnade.
Der Knig erwiderte mit strengem Antlitz:

Nicht ich, sondern ihr selbst habt das Urtheil gesprochen; euer Wille
geschehe!

Als darauf die ruchlose Frau sammt der Hexenmeisterin den ber sie
verhngten Tod erlitten hatte, nahm der Knig seine erste Gemahlin
wieder zu sich, blieb aber nicht da wohnen, sondern begab sich mit ihr
und seinen Shnen in die neue Inselstadt, die in jeder Hinsicht viel
prchtiger war als sein bisheriger Wohnort.

[Funote 58: Vgl. die Anm. Bd. 1, S. 84. L.]

[Funote 59: Vgl. die Goldruthe in dem Mrchen 16 vom mildherzigen
Holzhacker S. 123. L.]

[Funote 60: Vgl. das Mrchen 10, Klugmann in der Tasche. L.]

[Funote 61: Vgl. oben Mrchen 19 S. 142 L.]

[Funote 62: Es ist auffllig, da hier der alte Bursche nicht blos
berlistet und gezchtigt wird, sondern geradezu umkommt. In den
Mythologien der meisten Vlker und auch in Kalewipoeg kann das bse
Princip, weil ewig dem Guten widerstrebend, nicht sterben -- mindestens
nicht vor einer gewaltigen an's Ende der Tage verlegten Katastrophe,
nach welcher eine neue Weltschpfung und Weltordnung anhebt. L.]




20. Localsagen.


a. Warum Reval niemals fertig werden darf.

Jeden Herbst ein Mal steigt in finsterer Mitternacht ein kleines graues
Mnnlein aus dem oberen See, geht den Berg hinunter an das Stadtthor und
fragt den Thorwchter: Ist die Stadt schon fertig oder giebt es dort
noch etwas zu bauen? In groen Stdten pflegt es nun so zu sein, da
die Bauarbeit selten feiert, denn wenn auch keine neuen Gebude
aufgefhrt werden, so giebt es doch aller Orten an den alten zu bessern
und zu flicken und Sonstiges zu thun, so da kaum eine Zeit eintritt, wo
alle Werkleute ruhen. Sollte aber auch einmal alle Arbeit still stehen,
so darf man doch das dem Seemnnlein nicht verrathen. Dehalb ist von
der Obrigkeit wegen allen Thorwchtern strenger Befehl gegeben, auf die
Frage des alten grauen Mnnleins jedes Mal zu antworten: Die Stadt ist
noch lange nicht fertig, viele Gebude sind erst zur Hlfte aufgefhrt,
und es kann noch manches liebe Jahr whren, bis alle Arbeiten zu Stande
gekommen sind. Das fremde alte Mnnlein schttelt dann zornig den Kopf,
murmelt etwas in den Bart, was der Wchter nicht versteht, dreht sich
rasch um und geht zum oberen See zurck, wo sein bleibender Aufenthalt
ist. -- Sollte ihm auf seine Frage jemals die Antwort gegeben werden,
da es in der fertig gewordenen Stadt nichts mehr zu bauen gebe, so
wrde Reval zur selbigen Stunde ein Ende nehmen, weil der obere See mit
seiner ganzen Wassermasse vom Laaksberge herab in's Thal strzen und die
Stadt, sammt Allem was darinnen ist, ersufen wrde[63].

[Funote 63: Die Entstehung dieser Sage erklrt sich durch den Umstand,
da der obere See wirklich, bei ungengender Ableitung oder heftigem
Sturme die Niederungen Revals berschwemmt. L.]


b. Der Gerbleder-Verkufer.

    Um Mitternacht der Thorwart fragt:
    Wer reitet gespenstig durch die Stadt?

In alter Zeit erblickte man am Laaksberge in mondhellen Nchten oftmals
einen gepanzerten Mann auf hohem weien Rosse, der ein Bndel gegerbten
Leders unter dem Arme trug, welches er den Wanderern, auf die er stie,
zum Kauf anbot. Aber Niemand mochte die angebotene Waare kaufen, weil
ein widriger Geruch wie von Menschen daran haftete, der die Kufer
abschreckte. Eines Nachts kam ein kleiner alter Mann mit einem
Ziegenbarte des Weges und fragte: Was fr einen Preis verlangst du fr
deine Felle, Brderchen? Der Gepanzerte erwiderte: Die Ruhe im Grabe,
die mir bis jetzt nicht gegnnt war. Der Alte forschte weiter, um
welcher Schuld willen der stattliche Reiter die Grabesruhe nicht finde
und wer ihn zwinge hier allnchtlich umherzureiten. Der Gepanzerte gab
zur Antwort: Ich war zu meiner Zeit ein berhmter Kriegsmann, mit Namen
_Pontus_; ich lie den im Kriege Gefallenen die Hute abziehen, sie gerben
und dann statt thierischer Felle verwenden, so da in meinem Hause keine
anderen Ledersachen zu finden waren als solche, die aus gegerbter
Menschenhaut gemacht waren. Die Stiefel die ich anhabe, Wamms und Hosen,
die ich unter dem Panzer trage, ebenso der Sattel, die Zgel und alles
andere Riemenwerk, was du hier siehst, sind aus gegerbten Menschenhuten
gemacht. Vor meinem Tode blieb noch eine Menge von dem gegerbten Leder
brig, weil ich ja nun keinerlei Ledergerth mehr brauchen konnte. Als
ich an die Pforten jener Welt kam und eben eintreten wollte, rief der
Thorwchter: Halt! dich darf ich nicht eher einlassen, als bis du das
noch unverarbeitete Menschenleder verkauft hast und da es dir nicht
gestattet ist, bei Tage das Grab zu verlassen, so mut du dir bei
nchtlicher Weile Kufer suchen. Reite drum immer von Mitternacht bis
zum Hahnenschrei in der Nhe des Laaksberges[64] umher, bis du Jemanden
findest, der dir die gegerbten Hute abnimmt. Obgleich ich nun schon
zwei Generationen hindurch den Leuten meine Waare angeboten habe, so
wollte sie doch Niemand kaufen, weil ihr ein widriger Geruch wie von
Menschen anhafte. Nun -- erwiderte der Alte -- um dieses Fehlers
willen werde ich deine Waare nicht verschmhen. Wenn du dafr keinen
hheren Preis forderst, als die Erlsung von dem nchtlichen Reiten, so
wollen wir den Handel durch Handschlag fest machen. Steige vom Pferde
und komm mit mir. -- Pontus freute sich da er einen Kufer gefunden
hatte, nahm sein Bndel und ging mit dem Alten. Aber der Kufer brachte
ihn geraden Wegs in die Hlle. Als der Alte an die Schwelle kam, nahm er
seine wahre Gestalt an -- Hrner am Kopfe und einen Schwanz hinten --
stie den Pontus hinein und rief mit grulicher Stimme: Ihr von Pontus
geschundenen Mnner, tretet her! Da kamen schaarenweis Mnner ohne Haut
heran, welche smmtlich die Hlle fr ihr blutiges Fleisch
zurckforderten. Der alte Hllenwirth aber sagte zhnefletschend: Zieht
ihm die Haut vom Leibe und reckt sie alle Tage so lange aus bis ihr
genug habt, um euer Fleisch und Bein damit zu bedecken.

[Funote 64: Der ostwrts von Reval von Norden nach Sden sich in's
Land erstreckende Felsrcken. L.]


c. Das Frulein von Borkholm[65].

    Welch' hellen Schein hat auf dem Teich
    Der Wchter Nachts gesehen?
    Ist Volksgedchtni wohl so reich,
    da wir die Mr' verstehen?

Von einem wunderbaren Feuerschein, der fast allmitternchtlich auf dem
Borkholmer Teiche zu sehen war, wuten die Leute der Umgegend in alter
Zeit viel zu erzhlen, wie sie es von den Wchtern vernommen hatten. Das
Feuerchen scho wie eine brennende Kerze pltzlich aus dem Wasser in die
Hhe und erlosch wieder nach Verlauf einer Stunde. Wiewohl aber dieses
Teichfeuer schon von Alters her den Leuten eine bekannte Sache war und
viele Menschen dasselbe mit eigenen Augen gesehen hatten, so wute doch
Niemand genauer anzugeben, wie es sich mit der Sache eigentlich
verhielt. Endlich fand sich im Kirchspiel Halljal ein Alter, der in
dieser Beziehung nhere Auskunft geben konnte. Seine Aussage lautete so:
Viele hundert Jahre vor der Russenzeit lebte in dem festen Schlosse
_Borkholm_ ein tapferer Ritter, der als lediger Mann die Haushaltung mit
seiner jungen Schwester fhrte. Der Ritter mute als Kriegsmann hufig
abwesend sein, und so kam es, da die Schwester mit einem jungen Manne
eine Freundschaft schlo, die weiter fhrte als Beide voraussehen
mochten. Als das Frulein ihres Zustandes so weit inne wurde, da sie
einsah, der Frauenhaube nicht mehr entrathen zu knnen, entschlo sie
sich das geschehene Unglck ihrem Bruder zu bekennen. Sie kam eines
Tages in seine Kammer, warf sich ihm zu Fen, gestand ihren Fehltritt,
und bat um Erlaubni sich mit dem jungen Manne trauen zu lassen. Der
Bruder stie sie voller Wuth mit dem Fue fort wie einen Hund, lie den
Verfhrer seiner Schwester rufen, hieb ihm mit dem Schwerte den Kopf ab,
so da das Blut das Frulein bespritzte, welches vor Entsetzen in
Ohnmacht fiel. Dann befahl der Ritter, mitten im Teiche ein Loch in's
Eis zu hauen, schleppte selber seine Schwester bei den Haaren dahin und
stie sie lebendig kopfber unter's Eis; er selbst hielt so lange am
Rande des Loches Wache, bis das unglckliche Geschpf rettungslos
verloren war.

Da aber das unglckliche Frulein unbufertig einen gewaltsamen Tod
hatte erleiden und ohne den Segen der Kirche in ihr nasses Grab sinken
mssen, so konnte auch ihre Seele darin keine Ruhe finden, sondern der
ruhelose Geist mute allnchtlich als Licht auf dem Teiche schimmern. --
Als dem Prediger diese Erzhlung des alten Mannes zu Ohren gekommen war,
begab er sich eines Tages auf einem Kahne an die Stelle des Teiches, wo
der nchtliche Feuerschein aufzusteigen pflegte, segnete die Grabsttte
mit den blichen Worten ein und verrichtete ein langes Gebet, wodurch
die Seele des Fruleins der ewigen Ruhe theilhaftig ward. Spterhin hat
keines Menschen Auge mehr auf dem Borkholmer Teiche nchtliches Leuchten
gesehn.

[Funote 65: In Wierland, dem nordstlichen Striche Estlands. L.]


d. Der winselnde Fuknchel.

    Was erregt sein schrilles Schreien,
    Was erweckt die Klagelaute?
    Kalewipoeg (Einl. 131 u. 132)

Wenn man aus dem _Jmper_'schen Dorfe Arukla nach der St.
Kathrinenkirche[66] geht, so fhrt der Weg durch eine Schlucht, wo
vormals, wie sich alte Leute noch deutlich erinnern, bei nchtlicher
Weile oftmals ein Winseln gehrt wurde, welches wie die Klage eines
gequlten Geschpfes klang. Mancher Vorbergehende hatte auch in
mondheller Nacht einen kreiselfrmig sich drehenden Gegenstand
wahrgenommen, von dem das Gewinsel etwa herrhren konnte. Bei Tage fand
sich am Orte nichts weiter als ein menschlicher Fuknchel, der
unbeweglich da stand. Niemand wute mit Bestimmtheit zu sagen, ob der
Fuknchel mit dem nchtlichen Winseln und Drehen etwas gemein habe oder
nicht. Nun hatte aber ein beherzter junger Mann aus dem Dorfe Arukla
keine Ruhe, bis er Klarheit in die Sache brchte. Er war schon einige
Male stehen geblieben, wenn die Andern erschreckt davon eilten, und da
hatte er gesehen, da allerdings die Drehung des Fuknchels das
Gewinsel hervorbrachte, weshalb er im Stillen den Vorsatz fate, der
Sache vllig auf den Grund zu kommen.

In einer mondhellen Nacht machte er sich zur Schlucht auf, hrte schon
von weitem das Gewinsel und sah, als er nher kam, die wunderliche
Drehung des Fuknchels. Er beobachtete eine Zeitlang den nrrischen
Wirbeltanz und berzeugte sich, da das Winseln tatschlich von der
schnellen Umdrehung herrhrte. Da sprang er hinzu und packte mit beiden
Hnden den Knchel, der darin noch zappelte, als wollte er dem dreisten
Manne mit aller Gewalt entschlpfen. Aber des starken Mannes
Lederhandschuhe, in denen eiserne Finger steckten, lieen den
eingefangenen Gegenstand nicht so leicht wieder los. Allmhlich hrte
das Zappeln des Knchels auf und pltzlich stand ein fremder Mann, wie
vom Himmel gefallen, vor unserm Freunde. Der Fremde sprach: Habe
tausend Dank fr diese Wohlthat, da du kamst mich von der langen Pein
zu erlsen, in welcher meine arme Seele bis heute keine Ruhe finden
konnte. Wohl kamen Leute genug vorbei, aber keiner hatte den Muth den
tanzenden Knochen in die Hand zu nehmen, wie du gethan hast, wackerer
Mann. Besorge nun weiter Alles was ich dir angeben werde, damit meine
mde Seele einmal zur Ruhe komme, dann sollst du einen frstlichen Lohn
fr deine Mhe erhalten. Morgen frh, wenn die Morgenrthe heraufsteigt,
grabe da wo wir jetzt stehen, ein Grab von sieben Fu Tiefe und sechs
Fu Lnge, lege den Knochen auf den Grund desselben an das stliche Ende
und dann geh' und bitte den Prediger her, da er mit Gebet und den bei
Bestattungen blichen Segenssprchen diesen Knochen begrabe, so werde
ich aus meiner Pein erlst und finde die ewige Ruhe. Ich war zu meiner
Zeit ein reicher und groer Knig in Schwedenland. Uebermuth trieb mich
an, dieses Land mit Krieg zu berziehen, wo sehr viel unschuldiges Blut
meinetwegen vergossen wurde; dehalb mute ich zur Strafe meiner Snden
im Schlachtgewhl an dieser Stelle ein unglckliches Ende finden. Der
grte Theil des Heeres fiel an diesem Tage mit mir, was verschont
blieb, ergriff die Flucht, so da Niemand Zeit behielt, sich um die
Todten zu kmmern. Die Feinde plnderten mich kapp und kahl und lieen
mich nackt liegen wie einen Hund. Darnach fraen wilde Thiere meinen
Leichnam, so da nichts brig blieb als blo dieser Fuknchel, der hier
zum Winseln festgebannt wurde, bis sich Jemand ber ihn erbarmen wrde,
so da dann der Knochen eine Grabsttte und meine Seele Erlsung von der
Sndenqual fnde. Wenn der Fuknchel nun so wie es sich gebhrt
bestattet und eingesegnet ist, und der Prediger drei Schaufeln Erde auf
denselben geworfen hat, so schtte das Grab noch nicht mit Erde zu,
sondern warte bis der Prediger nach Hause gegangen ist. Dann hhle den
stlichen Rand des Grabes noch einen halben Fu tiefer aus, so findest
du den Lohn fr deine Mhe. Von dem vorgefundenen Gelde bezahle dem
Prediger 25 Thaler fr die Beerdigung, funfzig Thaler la unter die
Kirchenarmen vertheilen, und was dann noch brig bleibt ist Alles dein,
und du kannst damit machen was du willst. Mit diesen Worten war der
Fremde eben so wunderbar verschwunden, wie er gekommen war.

Unser Freund steckte einen Pflock in den Boden um die Stelle zu
bezeichnen, wo er das Grab graben sollte, ging dann nach Haus um eine
Schaufel zu holen und war mit Anbruch der Morgenrthe schon an der
Arbeit. Der Fuknchel lag neben dem Pflocke wie er hingelegt worden
war, ohne sich zu rhren. Um Mittag war das Grab fertig geworden, der
Mann legte den Fuknchel hinein und ging dann um den Prediger
herzubitten, dem er sein nchtliches Erlebni von Anfang bis zu Ende
erzhlte; doch lie er nichts von dem Lohn fr das Begrbni verlauten,
weil er ja selbst noch nicht wute, ob er etwas finden wrde, und nicht
mit leeren Versprechungen zum Lgner werden wollte. Der Prediger
wunderte sich wohl gar sehr ber das, was er von dem Manne hrte, doch
strubte er sich weiter nicht, sondern ging mit ihm, um den ruhelosen
Menschenknochen nach christlicher Weise zu begraben. Als der Prediger
nach ertheiltem Segensspruch sich entfernt hatte, grub der Mann laut
Vorschrift das Grab um einen halben Fu tiefer aus, da stie er auf
einen groen kupfernen Deckel. Als er den Deckel aufbrach, fand er einen
vier Zuber groen kupfernen Kessel, der bis an den Rand mit schwedischen
Thalern angefllt war. Er versuchte den Kessel mittels einer Stange
hinaufzuheben, es war aber ganz unmglich: drum stand er von der
vergeblichen Arbeit ab, zog seinen Rock aus, breitete ihn auf den Boden,
und that Mal auf Mal soviel Geld darauf, als er auf dem Rcken
davontragen konnte. Die fortgebrachten Geldhaufen schttete er etwas
weiter ab unter's Gebsch, bis der Kessel gnzlich geleert war; auf dem
Grunde hatte er noch fast ein halbes Klimit an purem Golde gefunden.
Den leeren Kessel lie er an Ort und Stelle, fllte das Grab mit Erde
auf, glttete die Oberflche und ging dann um aus dem Dorfe ein Pferd
zur Fortbringung des Schatzes zu holen. Das Pferd hatte aber zweimal
schwer zu ziehen, um alles Geld fortzubringen. Jetzt zahlte der
glckliche Finder dem Prediger den Begrbnilohn und hndigte ihm auch
funfzig Thaler ein mit der Bitte, sie gleichmig unter die Armen des
Kirchspiels zu vertheilen. Nach einigen Tagen kaufte er sich zwei starke
Pferde und einen mit Eisen beschlagenen Wagen, lud das Geld darauf und
zog aus seinem Orte weg. Wohin? Das hat spter Niemand vernommen; man
meint aber, da er bers Meer, sei es nach Finnland oder nach Schweden
gezogen war, weil die gefundenen Thaler smmtlich kniglich schwedisches
Geprge hatten und dort mehr werth sind als hier zu Lande.

Nach dieser Zeit hat keines Menschen Ohr mehr in der Schlucht das
Winseln des Fuknchels gehrt, welches, ehe derselbe begraben wurde,
noch mein Grovater, wenn er vorbeiging, manches Mal vernommen hat.

[Funote 66: Bei Wesenberg. L.]


e. Der von der Stelle gerckte See.

    Zeige, Seelein uns'ren Schritten,
    Deines alten Standes Grenzen.

Wenn man von dem Stdtchen Werro[67] nach Pleskau[68] zu geht, so liegt
hinter dem siebenten Werstpfahl links von der Landstrae in einer tiefen
engen Schlucht ein kleiner See zwischen Kieshgeln. Eine halbe Werst
weiter wenn man hinter der Senkung wieder bergauf kommt, liegt ebenfalls
links vom Wege eine kleine runde von Kieshgeln eingefate Schlucht,
welche an ihrem Nordrande deutlich erkennen lassen, da Wasserwellen
einst hier durchgeflossen sind und die Hgelwand niedergerissen haben.
Gegen Sdost wchst jetzt am Abhange der Schlucht ein hbsches
Birkenwldchen, und es werden in demselben ein paar kleine Bauerhfe
sichtbar, jenseits welcher am Rande des Waldes vor einigen Jahrzehnten
ein Schulhaus aufgefhrt worden ist. An den hier beschriebenen Ort
fhren uns alte Sagenspuren, von denen wir Nachstehendes melden wollen,
wie es der Volksmund erzhlt.

Vor einigen hundert Jahren lag in der eben bezeichneten Schlucht ein
kleiner See mit klarem silberfarbigem Wasser zwischen grnen Ufern; wo
jetzt der Birkenwald steht, erhob sich auf der Steile des Ufers ein
prchtiger Eichwald, in dessen Schatten ein einzelner schner Bauerhof
lag, dessen Aussehn schon von weitem einen wohlhabenden Wirth verrieth.
An Stelle der umliegenden Hfe, welche jetzt zu beiden Seiten der Strae
hie und da dem Wanderer sich zeigen, stand in alter Zeit ein
ausgedehnter Laubwald. Aber kehren wir jetzt zu dem kleinen See zurck,
in dessen Flche beim Sonnenschein Eichwald und Bauerhof sich spiegeln
und dessen Wellen selten gekruselt sind, weil ihn zwischen seinen hohen
Ufern das Spiel von Wind und Wetter wenig berhrte. Die Bewohner des
Hofes holten tglich aus dem See das nthige Trink- und Kochwasser und
im heien Sommer erfrischten sie ihre erschlafften Glieder im See. --
Der hchste und herrlichste Schatz des Hofes aber war des Wirths einzige
Tochter, die wie ein Kleeblmchen[69] mit fnf krftigen Brdern
zusammen aufwuchs und auf's schnste erblhte, so da weit und breit
kein Mdchen zu finden war, das ihr gleich kam. Ihr frommes unschuldiges
Herz glich auch darin einer Blume, da sie selbst nicht wute, welche
Freude sie durch ihren Liebreiz den Andern, besonders jungen Mnnern,
machte. Freier meldeten sich oft genug und von allen Seiten, aber sie
hatte gar kein Verlangen sich so frh das Ehejoch auf den Nacken legen
zu lassen. Zum Heirathen habe ich noch Zeit genug sprach sie lachend
zu ihren Eltern und Brdern, wenn die Freier nach vergeblicher Werbung
wieder davon ritten.

Eines Tages geschah es, da ein junger Ritter von vornehmer Geburt auf
dem Wege von Schlo Kirump nach Schlo Neuhausen[70] am Hofe vorbei
ritt, und die schne Jungfrau am Ufer des Sees erblickte. Dieser Anblick
weckte in seinem Herzen ein solches Verlangen, da er fortan Nacht und
Tag das Mdchen nicht mehr aus dem Sinne bringen konnte. Als er dehalb
nirgends Ruhe fand, schlug er unter dem Vorwande verschiedener Geschfte
oftmals den Weg zum Bauerhofe ein, wo denn der Wirth und dessen Shne
sich wohl mit ihm unterhielten, das Mdchen ihm aber niemals zu Gesicht
kam. Da diese List also nicht anschlug, so nahm der junge Ritter zu
einem andern Mittel seine Zuflucht. Er schlich Tage lang heimlich um
den See herum, bis er einmal den Augenblick fand, mit der Jungfrau
allein zu reden und ihr seines Herzens Wnsche kund zu thun. Obwohl nun
die Jungfrau nicht die geringste Liebe fr ihn fhlte, so wagte sie doch
nicht den ungestmen vornehmen Jngling rundweg abzuweisen, der, wenn er
sich so verschmht sah, ihren Eltern und Brdern viel Bses zufgen
konnte. Nothgedrungen mute sie also die Liebeswerbung des Ritters
ertragen, wiewohl sie ihm nicht die geringste Annherung gestattete,
welche ihre jungfruliche Ehre htte beleidigen knnen. Als die Eltern
und Brder die Festigkeit des Mdchens sahen, hatten sie auch nichts
mehr dagegen, da der vornehme Fremde fast tglich auf ihren Hof kam; er
hoffte wohl doch noch einen Augenblick zu erhaschen, wo er das Mdchen
in seine Liebesnetze verstricken knnte. Auf des Ritters Flehen gab die
Jungfrau stets die Antwort: Geehrter Herr! zu eurer Gemahlin taugt
meines Gleichen nicht, denn ihr seid ein hochstehender Deutscher, ich
nur eine geringe Bauerntochter, und euer Kebsweib zu werden habe ich
nicht die mindeste Lust. Es wre darum nach meinem Dafrhalten das
Beste, da ihr mich vergsset und zu euren Standesgenossen
zurckkehrtet.

Eines Tages saen sie wieder beisammen am Ufer unter einer mchtigen
Eiche, als der Ritter ihr das alte Lied von seiner heien Liebe wieder
in die Ohren sang und versicherte, er wrde, wenn es mglich wre,
lieber zehn Mal sein Leben hingeben als sich vom Liebchen trennen. Das
Mdchen flehte dagegen: Spottet meiner nicht lnger! ich darf und will
euren Betheuerungen nicht glauben; es ist eine Laune, die euch
angeflogen ist und ebenso wieder verfliegen wird. Mit euch Freundschaft
zu halten widerstrebt meiner Seele. Ihr knnt nimmer Macht ber mich
gewinnen, denn ich kann euch der Wahrheit gem sagen, eher lasse ich
mir das Leben nehmen, als meine Ehre beschimpfen. Zwischen uns darf
nicht lnger Freundschaft sein. Der Ritter erwiderte: So gewi wie
dieser klare See vor uns seinen Platz nicht verlieren oder von hier an
eine andere Stelle rcken kann, -- eben so gewi soll meine Liebe zu dir
ewig unvernderlich bleiben. --

Auf diese Weise hatte er noch bis in den Abend hinein das Mdchen an
sich zu ziehen gesucht, bis er endlich unmuthig nach Hause ging, erzrnt
ber sich selbst und das Mdchen, da die Sache nicht besser abgelaufen
war.

Nicht gering war am andern Morgen der Schrecken und das Erstaunen auf
dem Bauerhofe, als die Leute beim Aufstehen vor die Thr tretend den See
nicht mehr vorfanden, sondern an Stelle desselben nur Schlamm und
Schmutz auf feuchtem Sandgrund. Das Mdchen hob, der gestrigen
Betheuerung des jungen Mannes gedenkend, die Augen gen Himmel, da der
alte Vater (der Himmelsvater) ihr ein so deutliches Zeichen gegeben. Der
Ritter aber wagte seitdem nicht mehr seinen Fu auf den Seehof zu
setzen, wo die Macht des Himmels seine Betheuerungen so zu Schanden
gemacht hatte.

[Funote 67: In Livland. L.]

[Funote 68: Russ. Pskow, am stlichen Sd-Ende des Peipus-See. L.]

[Funote 69: Orja-wits, weier Honigklee (Melilotus vulgaris W.). L.]

[Funote 70: In Livland. L.]


f. Die Kaufmannstochter von Narva.

In der Stadt Narva war vor Zeiten groer Reichthum, und derselbe wurde
durch den Handel mit der Kunglainsel[71] und mit andern Lndern jenseits
des Meeres von Jahr zu Jahr grer. Man erzhlt, da jeden Sommer
Hunderte von fremden Kauffahrern aus allen Gegenden in den Hafen von
Narva einliefen, um auslndische Waaren zu bringen und dafr die
Erzeugnisse unseres Landes zu holen. Von Narva aus nahmen die Waaren
dann eine doppelte Richtung: ein Theil wurde nach Dorpat verfhrt, der
andere, grere ber Pleskau nach Ruland; deshalb muten die Fahrzeuge
der narvaschen Kaufleute im Sommer ununterbrochen auf dem Flusse und auf
dem Peipus schiffen, whrend im Winter die Frachtfuhren ber's Eis
zogen.

Zu der Zeit, wovon die Rede ist, besa ein Kaufmann in Narva ein so
bedeutendes Vermgen, da die groen Kellergewlbe unter seinem Hause
von der Diele bis zur Decke mit Tonnen Goldes und Silbers angefllt
waren. Aber Gott hatte dem reichen Manne nur eine einzige Tochter
gegeben, die all das Geld nach ihrer Eltern Tode erben sollte. Es lt
sich leicht denken, da es ihr an Freiern nicht fehlte, weil reiche
Mdchen damals ebenso hoch im Preise standen und ebenso gesucht waren
wie heutzutage. Die Bewerber um die Hand der reichen Kaufmannstochter
strmten aus allen Landen herbei, darunter auch Shne vornehmer Leute,
aber keines Einzigen Branntwein[72] wurde angenommen. Wie es nicht
selten geschieht, da in Heirathsangelegenheiten reiche wie arme
Mdchen ganz anders denken und ganz andere Wnsche hegen als ihre
Eltern, so war's auch hier der Fall. Whrend die Eltern einen reichen
oder doch einen vornehmen Schwiegersohn wollten, hatte sich ihr
Tchterchen in der Stille einen Liebsten erwhlt, der weder einen groen
Namen noch Reichthmer noch sonst Etwas besa, was ihn ber die Andern
htte erheben knnen: gleichwohl liebte ihn das reiche Mdchen von
ganzem Herzen und war fest entschlossen, entweder dieses Jnglings
Gattin zu werden, oder als alte Jungfer hinter ihren Geldkisten zu
verwelken. Zwar wute sie so gut wie ihr Geliebter, da die reichen
Eltern einem so lumpigen Freier ihr einziges Kind nicht geben wrden;
allein die Liebenden hofften zuversichtlich, da irgend ein
unvorhergesehener Glcksfall ihnen zu Hlfe kommen werde.

Da segelte eines Tages ein stolzer junger Schwedenknig in den Hafen von
Narva ein, stieg aus dem Schiffe und begab sich geradeswegs in die
Wohnung des reichen Kaufmanns -- wie die Leute meinten, um Geld zu
borgen. Aber nach einigen Stunden war es in der ganzen Stadt bekannt,
da der junge Knig des reichen Kaufmanns Schwiegersohn werden sollte.
Der hochgeborne stolze Freier war von den Eltern sogleich mit solcher
Freude empfangen worden, da es ihnen gar nicht eingefallen war, vor
Annahme seines Branntweins erst ihre Tochter zu fragen, ob sie diesen
Brutigam auch wolle. Das Struben und Weinen der Tochter wurde als
kindische Thorheit verlacht, und ohne darauf Rcksicht zu nehmen,
verlobten die Eltern ihr Kind dem Knige; die Hochzeit sollte binnen
einer Woche gefeiert werden.

Einige Tage vor der Hochzeit hatte des Knigs Braut noch einmal eine
heimliche Zusammenkunft mit ihrem frheren Geliebten, dem sie einen
kostbaren goldenen Ring zum ewigen Andenken schenkte und zugleich
betheuerte, wenn kein anderer Retter kme, so sollte der Tod sie von dem
Schwedenknige befreien. Drohungen dieser Art hatte sie schon zuvor
ihren Eltern gegenber wiederholt verlauten lassen, aber man glaubte
nicht daran und machte sich nicht das Geringste daraus.

Die Hochzeit wurde festlich begangen, aber in das Herz der jungen
neuvermhlten Frau drang keine Freude, vielmehr war sie anzusehen wie
eine Blume, die im Sonnenbrande verdorrt. Als nun der Knig gleich nach
der Hochzeit zu Schiffe gehen und mit seiner Gemahlin nach der Heimath
segeln wollte, fiel die junge Frau einmal ber das andere in Ohnmacht,
also da sie halbtodt auf's Schiff getragen wurde. Am andern Tage, als
das Schiff schon auf hoher See schwamm, legte die junge Frau dieselben
Festkleider an, in denen sie getraut worden war, und verlangte auf's
Verdeck, um frische Luft zu schpfen. Der Knig fhrte sie selbst die
Treppe hinauf; oben ging sie einige Mal auf und nieder und strzte sich
alsdann pltzlich, ehe Jemand es hindern konnte, ber Bord.

Wohl empfanden die Eltern bitteren Schmerz, als sie die Nachricht von
dem unglcklichen Ende ihrer Tochter erhielten, aber was konnte das
jetzt helfen? Den Todten kann all' unsere Reue nicht wieder in's Leben
zurckrufen.

Man erzhlt, da noch gegenwrtig, wenn der Wind von Schweden her kommt
und die Wogen peitscht, mitten im Brausen des Sturms ein feines Ohr das
Klagen und Weinen der jungen Knigsfrau vernehmen kann.

[Funote 71: Vgl. Bd. 1, S. 102, Anm. 1 und Neus Estnische Volkslieder,
428 ff; Kreutzwald und Neus, Mythische u. magische Lieder der Esten, 30;
Verhandlungen der gelehrten Estnischen Gesellschaft zu Dorpat, IV, a,
48. 164.]

[Funote 72: Welchen nach estnischer Sitte der den Freier begleitende
Brautwerber anbietet.]


g. Wo Narva's frherer Reichthum liegt.

In den Tagen, als Narva noch eine reiche Stadt war, zog einst von
Ruland oder von Polen her der grimmige Feind mit groer Heeresmacht
heran, um die Stadt einzunehmen und auszuplndern. Zum Glck erhielten
die Bewohner einige Tage vorher durch ihre Spione Nachricht, so da sie
noch Zeit hatten, den grten Theil ihres Goldes und Silbers
zusammenzuraffen und in der Mndung des Flusses unweit der See zu
versenken. Darauf wurden die Thore geschlossen und die Schanzen besetzt.
Mit Proviant war die Stadt so reichlich versehen, da eine Hungersnoth
nicht zu besorgen stand; die festen Mauern und Werke rings um die Stadt,
der tiefe, breite Flu einerseits und die mit Wasser gefllten
Wallgrben andrerseits wehrten den Feind ab, so da er nicht eindringen
konnte. Er belagerte die Stadt bis zum Herbst, mute aber dann
unverrichteter Sache abziehen. Nach dem Abzuge des Feindes hatten die
Brger der Stadt nichts Eiligeres zu thun, als an die Mndung des
Flusses zu gehen, um ihren Schatz aus seinem Versteck heraufzuholen.
Unglcklicher Weise aber hatten sie ihn zu nahe am Meere auf den Grund
des Flusses gesenkt; die heftigen Strme hatten oftmals die Tiefe
aufgewhlt und die Geldfsser gegen einander geschttelt und zerbrochen,
der vom Meere ausgeworfene Sand aber hatte spter Alles bedeckt und
festgelegt, so da man nur wenig von dem versenkten Gelde wieder
erlangte. Der grte Theil dieses Schatzes der Vorzeit ruht bis zum
heutigen Tage auf dem Grunde des Flusses und des Meeres, und Niemand
wei, welchem Glckskinde er einmal in die Hnde fallen wird.


h.[73] Das Mdchen von Waskjalasild[74].

Vor Zeiten ging einmal an einem freundlichen stillen Sommerabend ein
frommes Mdchen, sich in einem Bache unweit Waskjalasild zu baden, um
die von der Hitze des Tages ermatteten Glieder zu strken. Der Himmel
war klar, die Luft wehte lind und aus dem nahen Erlengebsch ertnte die
Nachtigall. Der Mond stieg am Horizonte auf und blickte liebreich auf
des Mdchens Kopfband, ihr hellgelbes Haar und ihre rothen Wangen. Der
Jungfrau Herz war unschuldig, keusch und rein wie Quellwasser, das
durchsichtig ist bis auf den Grund. Pltzlich fhlte sie in ihrem
frhlichem Herzen ein unbekanntes Sehnen sich regen, so da sie ihren
Blick nicht mehr vom Antlitz des Mondes wegwenden konnte. Weil sie nun
so fromm, keusch und unschuldig war, so gewann der Mond sie lieb, und
nahm sich vor, ihr die geheime Sehnsucht und das Verlangen ihres Herzens
zu stillen. Aber die fromme Maid trug nur den einen Wunsch im Herzen,
den sie nicht laut werden zu lassen wagte: aus dieser Welt zu scheiden
und am hohen Himmel ewig bei dem Monde zu leben. Der Mond errieth auch
die unausgesprochenen Gedanken ihres Herzens.

Die Luft des lieblichen Abends war wiederum mild und still, die
Nachtigall fltete im Erlengebsch durch die Nacht, der Mond schaute in
den Grund des Baches von Waskjalasild hinab, aber nicht mehr einsam wie
vorher; der Jungfrau liebes Gesichtchen schaute mit ihm in den Bach
durch die Wellen hindurch in die Tiefe und blieb von der Zeit an bis auf
den heutigen Tag immer neben dem Monde sichtbar. Dort am hohen Firmament
zu wohnen hat das Mgdlein jetzt ihre Freude und Genge und hegt den
Wunsch, da auch andere Mdchen mit ihr dieses Glckes theilhaftig
werden knnten. Freundlich blickt deshalb ihr Auge in mondheller Nacht
von oben auf die Erde herab und lockt schmeichelnd die staubgeborenen
Schwestern zu sich zu Gaste. Da aber nicht eine von ihnen so fromm,
keusch und unschuldig ist wie sie, so kann auch keine zu ihr hinauf in
den Mond kommen. Das Mondmgdlein wendet drum von Zeit zu Zeit ihre
Augen trauernd ab und bedeckt ihr Antlitz mit einem schwarzen Tuche.
Gleichwohl giebt sie deswegen die Hoffnung nicht auf, vielmehr hofft sie
immer noch, es werde sich knftig einmal unter ihren irdischen
Schwestern eine finden, die so fromm, keusch und unschuldig sei, da der
Mond sie zu sich rufen knne, um des glckseligen Lebens theilhaftig zu
werden. Darum wendet die Mondjungfrau von Zeit zu Zeit mit wachsender
Hoffnung ihre Augen zur Erde nieder, mit freundlichem Lcheln und
unverhlltem Antlitz, wie an dem seligen Abend, wo sie zum ersten Male
vom hohen Himmel herab in den Bach von _Waskjalasild_ hinunter schaute.
Aber auch die besten und verstndigsten der staubgeborenen Mdchen sind
nicht ohne Fehl, und weichen, ehe man sich's versieht, vom rechten Pfade
ab, und keine von ihnen ist so fromm, keusch und unschuldig, da sie des
Mondes Gefhrtin werden knnte. Wenn das fromme Mondmdchen dessen inne
wird, so bemchtigt sich ihrer der Unmuth von Neuem und sie verhllt ihr
Gesicht abermals mit dem schwarzen Trauertuche.

[Funote 73: Die Esten haben die Vorstellung von den Mondleuten. Das
ist ein unglckliches Ehepaar, welches zur Strafe dafr, da es am
Sonntage in die Badstube ging, um zu baden, sammt dem Wasserzuber in den
Mond versetzt ward, wie im Vollmonde zu sehen. Vgl. Boecler-Kreutzwald
S. 103, wo auch in der Anm. auf die vorliegende schon im Inland Jahrg.
1, N^o 2, Sp. 26 behandelte Volkssage hingewiesen wird. L.]

[Funote 74: Wrtlich: Kupferfubrcke. L.]


i. Emmujrw und Wirtsjrw[75] (Muttersee und Pftzensee).

Nachdem Altvaters Gte dem Menschengeschlecht hier zu Lande Wohnsitze
bereitet, den Boden gesegnet, da er ihnen Frucht bringe, die Wlder mit
Vgeln und Vierfern angefllt hatte, schuf er auch einen See mit
klarem, kaltem und erquickendem Wasser, aus welchem die Menschen sich
jederzeit einen strkenden Trunk holen konnten. Am hohen Ufer des Sees
wuchsen grne Eichen- und Lindenwlder, in deren Schatten die schnsten
Blumen blhten, whrend in den Wipfeln der Bume Morgens und Abends
Vogelsang ertnte, so da eitel Wonne und Jubel das Menschenherz
erfllen mute. Solch' ein glckliches Loos hatte Altvater's Wille
seinen Kindern bereitet. Aber dies Glck war nicht von langer Dauer,
denn die Menschen wurden bermthig, thaten was ihr bses Herz ihnen
eingab und wurden endlich so verderbt, da Altvater lnger kein
Wohlgefallen an ihnen haben konnte; die Ohren sausten ihm, da er
immerfort von ihrer Bosheit hren mute. Da sprach Altvater eines Tages:
Ich will meine entarteten Kinder fr ihre Ruchlosigkeit zchtigen und
zwar dadurch, da ich das erquickende Wasser mit sammt dem See ihnen
entziehe, vielleicht da die Qual des Durstes sie bessert und allmhlich
auf den rechten Weg zurckfhrt. Und siehe! eines Tages stieg im Sden
eine schwarze drohende Gewitterwolke auf, und zog nher und nher, bis
sie ber dem See stand, wo sie gleichsam ausruhte und ihren Rand
sulenartig zum See hinabstreckte. Pltzlich begann das Wasser des Sees
zu zischen und zu steigen und sich so lange aufzublhen, bis es, die
Wolkensule berhrend, mit ihr sich vereinigte: dergestalt verschwand in
wenig Augenblicken alles Wasser aus dem See bis auf den letzten Tropfen.

Die schwarze Gewitterwolke schwebte mit ihrer Ladung weiter und
entschwand vor Abend den Blicken der Zuschauer. Das vormalige Becken des
Sees war leer und es war nur ein sumpfiger Schlamm fr Frsche
zurckgeblieben; aber auch diesen trockneten nach einigen Tagen die
Sonnenstrahlen und der Wind aus. Jetzt erhob sich gro Geschrei und
Wehklagen unter den Leuten: der Durst qulte sie, weil sie nirgend mehr
ein anderes Trinkwasser fanden, als was der Regen in Vertiefungen des
Bodens sich ansammeln lie. Allmhlich fllten zwar Regenschauer und die
Schneeschmelzen des Frhlings den frheren Raum des Emmujrw wieder bis
zum Rande, aber es war weiches Pftzenwasser, was weder den Durst
hinlnglich stillte noch den Krper zu erquicken vermochte. Die Leute
legten dem See wie zum Schimpfe den Namen _Wirtsjrw_ (Pftzensee) bei und
dieser Name ist ihm auch bis auf den heutigen Tag geblieben. Die schnen
hohen Ufer mit den grnen Laubholzwaldungen und den blhenden Blumen
sind aus der Umgebung des See's lngst verschwunden; an ihrer Stelle
bildeten sich Morste, in denen nicht viel Andres wchst, als einige
krnkliche Kiefern.

Als spterhin des Durstes Pein die frevelnden Menschen etwas gebessert
hatte und ihre Klagen und Bitten mit jedem Tage wehevoller zu Altvaters
Ohr emporstiegen, erweichte er sein Herz und erbarmte sich ihrer
wiederum. Gleichwohl wurde ihnen der frhere See nicht wieder
zurckgegeben, sondern Altvater lie berall schmale unterirdische
Rinnsale entstehen, go das vormalige Wasser des Emmujrw hinein und
befahl zugleich dem Wasser so zu flieen, da es hie und da aus dem
Boden hervorsprudele, damit die Menschen ihren Durst lschen knnten.
Damit aber die unterirdischen Wasseradern im Winter nicht zu kalt und im
Sommer nicht zu hei wrden, ordnete Altvater's Weisheit an, da im
Frhling ein Kltestein in die Quellen gelegt werde, der im Herbst
herausgenommen und zum Winter mit einem Wrmesteine vertauscht wird:
wodurch bewirkt wird, da die Quellen niemals gefrieren knnen -- wie
sonst Bche, Flsse und Seen sich mit Eis bedecken.

[Funote 75: Vgl. ber diese offenbar mit geogonischen Anschauungen
zusammenhngende Sage _Kreutzwald_ zu _Boecler_ S. 8 und _Ruwurm_ Sagen
aus Hapsal u. s. w., S. 101. Der Wirtsjrw liegt im Felliner Kreise. L.]


k. Die Tochter des Strandbewohners von Tolsburg[76].

Am Strande von Tool wohnte vor Zeiten ein unermelich reicher Fischer,
der schon von vielen Geschlechtern Geld und Gut geerbt hatte,
ungerechnet das, was er selbst zusammengescharrt oder was der
Hausgeist[77] ihm zugefhrt hatte. Er besa eine einzige Tochter, die
von auen wohl einem hbschen Blmchen glich, inwendig aber voll Tcke
war. Der Reichthum ihres Vaters reckte die Nase des Dirnleins so sehr in
die Hhe, da es ihrer Meinung nach im ganzen Lande keinen Burschen
geben konnte, den sie htte heirathen knnen. Daran wre nun auch weiter
nichts gelegen gewesen, htte sie nicht selbst die jungen Leute zu sich
herangelockt und sie dann hinterdrein mit Spott und Schande
heimgeschickt und vor aller Welt gelstert. In dem Mae freilich, wie
mit der Zeit die Geschichte der verschmhten Freier berall bekannt
wurde, hrten endlich auch die Brautfahrten auf, weil die jungen Leute
dachten: mag die Uebermthige hinter ihren Geldkasten zur alten Jungfer
verwelken, an deren Fleisch dann auch nicht einmal ein Wolf mehr
anbeit.

So verstrichen ein paar Jahre ruhig, whrend welcher kein Freier mehr
erschien. Eines Morgens aber kam ein fremder vornehmer Freier auf einem
schwarzen Pferde, er selbst von Gold und Silber schimmernd, so da man
ihn durchaus fr nichts Geringeres als einen Knigssohn halten konnte.
Einen solchen Freier durften nun freilich weder die Eltern noch die
Tochter verschmhen, vielmehr wurde er mit groen Ehren- und
Freudenbezeugungen empfangen. Als jedoch der Freier zu Tische gebeten
wurde, nahm er weder Speise noch Trank in den Mund, sondern bat die
Braut sich schleunigst anzukleiden und mit ihm in seine Wohnung zu
kommen, welche nicht weit entfernt sei und wo Hochzeitsschmaus und Gste
schon des neuen Paares harreten. Als die Maid sich geschmckt hatte, hob
der Brutigam sie auf den Rcken seines Pferdes, schwang sich selbst in
den Sattel und ritt wie der Wind davon, so da man von ihm nichts weiter
gewahr wurde als die Funken, welche des Pferdes Hufe aus den Steinen
schlugen. Sie erreichten ein freies Feld, wo ein prchtiges steinernes
Schlo vor ihnen stand, aus welchem ihnen der Festlrm der
Hochzeitsgste dumpf entgegentnte. Der Brutigam sprang vom Pferde,
half der Braut absteigen, nahm ihren Arm und trat mit ihr in den
Festsaal. Ein hliches Hohngelchter, welches dem Mdchen durch Mark
und Bein drang, empfing die Beiden. Dann erhob sich ein lautes Krachen,
als ob ein Donnerschlag die Erde zum Bersten gebracht htte! In
demselben Augenblicke war das schne Schlo mit allen Hochzeitsgsten
wie weggefegt und von Allem keine Spur mehr vorhanden.

Als die umwohnenden Leute auf das Getse herzueilten, zu sehen was es
gebe, konnte man nichts weiter entdecken, als einen steinernen Pfosten
von Menschenhhe, an dessen oberer Hlfte viele Streifen hinliefen, wie
Perlenschnre um einen Hals. So steht der steinerne Pfosten bis zum
heutigen Tage bei _Karlshof_ vor dem Dorfe _Raudlep_ zum Schreckbild fr
bermthige Mdchen.

[Funote 76: Tolsburg: ein alter ganz herabgekommener Hafenort in der
Nhe von Port Kunda. L.]

[Funote 77: Tont war sonst bei den Esten ein Geist, der dem Hause
Schtze zubrachte und deshalb auch schlechtweg meddaja d. h. Zufhrer
heit. Jetzt bedeutet tont ein (gefrchtetes) Gespenst. Die Tonttu kamen
auch in der finnischen Mythologie in der Bedeutung schtzender und
helfender Hausgeister vor. Das Wort hngt nach alten Autoritten mit dem
schwedischen tomtkubbe, tomtkarl, tomtr-lar zusammen. Vgl. noch ber
den, in mancher Beziehung verwandten kratt (schwed. skratt) eine Reihe
von Sagen bei _Ruwurm_, Sagen aus Hapsal &c., Reval 1861, S. 107-111.
_Desselben_ Eibofolke Th. 2, S. 241-248. Bd. 1 dieser Mrchen, S. 32, Anm.
1. L.]


l. Die Steindenkmale der Hungersnoth[78].

    _Die_ Mnner seien hochgeehrt,
    Die Volksgedchtni hlt so werth.

Wer je nach Palms[79] gekommen ist, der hat wohl auch jene Steinhaufen
gesehen, welche an vielen Orten auf den Gutsfeldern stehen. Wie die
alten Leute zu erzhlen wissen, sind jene Steinhaufen alle zur Zeit
einer schweren Hungersnoth zusammengetragen worden, was so zuging: Die
Herren von Pahlen hatten seit unvordenklichen Zeiten die Gewohnheit,
einen reichen Getreidevorrath in den Gutskleten anzusammeln, auf da,
wenn einmal die Leute durch Miwachs Mangel litten, die Gutsklete sie
bis zur neuen Ernte ernhren knnte. Da geschah es, da eines Jahres
eine so bittere Hungersnoth in Estland herrschte, da die Leute aller
Orten hinstarben wie die Fliegen. Wer aber zu seinem Glcke noch soviel
Kraft hatte, sich nach Palms aufzumachen, der war gerettet. Daher kamen
hier nach und nach Hunderte von Menschen zusammen, welche der Herr von
Pahlen aus seiner Klete versorgte und es war ein so reicher Gottessegen
vorhanden, da die Kornkasten nicht leer wurden. Obgleich nun der Herr
dafr keine Arbeit von den Leuten verlangte und sie zu keinerlei
Leistung anhielt, sondern ihnen aus Erbarmen das Brot gab, so hielten es
doch die Leute ihrerseits fr Pflicht, fr den Herrn irgend eine Arbeit
zum Dank fr seine Wohlthat auszufhren. Weil nun die Pahlenschen Felder
sehr steinig waren, so faten die Leute einmthig den Beschlu, alle
Steine von den Feldern aufzusammeln und in Haufen aufzuthrmen. Diese
Steinhaufen fhren deshalb den Namen: Steindenkmale der Hungersnoth.
Man sagt ferner, da seit der Zeit bis auf unsere Tage herab die
Pahlenschen Felder reich gesegnet sind, und wenn auch ringsum Miwachs
eintritt, so bleiben diese Felder doch bewahrt, weil die Thrnen der
Hungrigen sie bethaut haben und die Dankgebete der Gesttigten zu Gottes
Ohr gedrungen sind.

[Funote 78: Der Herausgeber, Dr. Kreutzwald, macht zu diesem und den
folgenden Sagen nachstehende Bemerkung (in estnischer Sprache): Die
folgenden alten Erzhlungen haben sich als unvergngliche Ehrendenkmale
fr die Erbherren von Palms im Gedchtni des Volkes erhalten. Meines
Wissens giebt es hier zu Lande kein anderes Adelsgeschlecht, welchem die
alten Sagen einen solchen Ehrenkranz geflochten haben, als das
Geschlecht der Barone Pahlen. Wo Hrige ein derartiges Gedchtni fr
ihre Herren bewahren, da darf man wohl den Schlu ziehen, da jene
Mnner Freunde des Volkes waren und da das Band, welches sie mit dem
Volke verknpfte, ein solches war, wie es zwischen Eltern und Kindern
besteht. L.]

[Funote 79: So heit das Gut derer von Pahlen. L.]


m. Der Herren von Pahlen Schutzgeist.

Schon von Alters her war es den Leuten wohl bekannt, da die Herren von
Pahlen einen Schutzgeist hatten, der sie in jeglicher Noth vor Schaden
htete. Alle Mnner aus dem Geschlechte der Pahlen waren von hohem
Wuchse und starkem Krperbau, so da sie immer mindestens um eines
Kopfes Lnge Andere berragten und ihre Schutzgeister waren wieder noch
um einen Kopf hher als sie selbst. So erzhlt man von einem dieser
Herren, da seine Hhe derjenigen der gekappten Fichten gleich kam, die
wie eine Gasse den Gemsegarten durchschnitten. Wenn er nun unter diesen
Bumen lustwandelte, ging der Schutzgeist ihm zur Seite, an
Gesichtsbildung und Gestalt dem Herrn gleich und auch wie er gekleidet,
der Kopf aber ragte ber die Fichten hinaus. Zuweilen hrte man beide
auch mit einander reden, aber in einer fremden Sprache, welche kein
Anderer verstand. Hatte der Herr sich zur Tafel niedergelassen oder
sonst auf einem Sitze Platz genommen, so kauerte der Geist neben ihm am
Boden, ohne sich je zu setzen, Nachts aber schlief er mit dem Herrn in
einem Bette. Doch konnte es immer fr einen Ausnahmefall gelten, wenn
der Geist von anderen Leuten erblickt wurde, meist blieb er fremden
Augen unsichtbar. Es geschah einmal whrend einer schweren Pest, da die
Seuche die Menschen zu Hunderten hinraffte und die Kranken allerwrts
darnieder lagen, ohne da Jemand ihnen zu Hlfe kam. Da ging der Herr
von Pahlen tglich in den Drfern umher nach den Kranken zu sehen,
brachte ihnen Getrnk und andere Strkungen und trstete sie auf
jegliche Weise, so da er den Bedrngten wie ein rettender Engel
erschien. Auf solchen Gngen wurde sein Schutzgeist immer neben ihm
erblickt, ein schwarzes Sckchen in der Hand, aus welchem er unablssig
Nebel ausstreute, so da sein Herr wie im dichten Nebel dahinschritt.
Dies geschah, damit die Seuche ihn nicht anstecken knne.

Als derselbige Herr in seiner Jugend Kriegsmann gewesen war, hatte ihm
weder eine Degenschneide noch eine Flintenkugel etwas anhaben knnen,
sondern Beide waren immer von ihm abgeprallt. Wenn er gefragt wurde, ob
ihm denn die Kugeln nicht weh thten, so antwortete er lachend: Ich
habe nur das Gefhl, als ob mich Jemand mit Wachholderbeeren wrfe. Als
der Lebensabend des alten Herrn herangekommen war und derselbe aus
dieser Welt abberufen wurde, war der Schutzgeist von ihm geschieden. In
der Nacht vor seinem Tode vernahm das ganze Gutsgesinde einen gewaltigen
Lrm im Waffensaale und es kam ihnen vor, als wrden die Waffen von
einer Wand an die andere geworfen, so da Wnde und Estrich erbebten.
Niemand hatte Muth genug hinzugehen um das grause Spiel mit anzusehen,
das bis ber Mitternacht dauerte; aber wunderbar war es, da der kranke
Herr in seinem Bette nichts von dem Getse hrte. Als die Diener am
nchsten Tage im Waffensaal nachsahen, wo nach ihrer Meinung Alles wirr
durcheinander am Boden liegen mute, da fanden sie zu ihrem Erstaunen,
da jedes Stck an seinem alten Fleck am Nagel hing und auch nicht ein
einziges Spinngewebe auf den Waffen zerstrt war. Das vernommene
nchtliche Gelrme hatte nichts Anderes zu bedeuten gehabt, als da es
den Leuten die Todesstunde des alten Herrn verknden sollte.


n. Der aus den Klauen eines Adlers gerettete Knigssohn.

Von einem andern Herrn _von Pahlen_, der in seiner Jugend im Russenheere
gedient hatte, wird ebenso wie von dem vorher erwhnten erzhlt, da er
gegen Hieb und Schu gefeit gewesen sei. Noch in spteren Lebensjahren,
wo er von seines Tagewerkes Last und Hitze in Palms ausruhte, sollte er
durch Zufall der Lebensretter eines Knigssohnes werden. Er war eines
Tages auf der Jagd von seinen Begleitern abgekommen und an das Ufer
eines kleinen Flusses gerathen, da hrte er pltzlich ein seltsames
Sausen und Brausen in der Luft wie von einer heranfahrenden Hagelwolke.
Dennoch war, soweit das Auge reichte, der Himmel berall klar, von einer
Wolke nirgends eine Spur; als aber der Herr schrfer hinsah, bemerkte er
am sdlichen Horizont ein schwarzes Klmpchen, welches rasch nher kam
und immer mehr aufschwoll -- es war die Ursache des vernommenen
Gerusches. Zu seinem Erstaunen wurde der Herr gewahr, da die schwarze
Masse nichts Anderes war als ein ungeheuer groer Adler; in seinen
Fngen hing ein Kind, ob todt oder lebendig? wer konnte es wissen. Der
alte Herr schlo alsbald aus der Beschaffenheit des Adlers, da es hier
nicht mit rechten Dingen zugehe, ri einen silbernen Knopf von seinem
Wamms, stie ihn in die schon mit Pulver geladene Flinte, zielte und
scho auf des Adlers Leib. Der schlimme Vogel lie das Kind fahren und
suchte mit furchtbarem Flgelschlage das Weite. Das Kind fiel in den
Flu, aber ein auf den Knall der Bchse herzugeeilter Diener sprang dem
Kinde nach und rettete es glcklich aus der neuen Gefahr. Am Halse des
Kindes hing an goldener Kette ein kleines goldenes Tfelchen auf welchem
eingegraben stand, da das Kind ein Knigssohn aus fernen Landen sei.
Der alte Herr sandte nun das Kind durch zwei zuverlssige Mnner den
Eltern zurck, welche um den Verlust desselben in schwerer Sorge waren.
Der Knig bot nun dem Retter seines Kindes reiche Dankesgaben, die
jedoch der Herr von Pahlen nicht annahm, indem er sagte: fr ein
gerettetes Menschenleben bedarf es keines zeitlichen Lohnes, denn ich
habe damit nur meine Pflicht gethan. Spter lie er an der Stelle, wo
das Kind in's Wasser gefallen war, eine Mhle bauen, welche noch
gegenwrtig die _Adlermhle_ genannt wird, doch besorge ich, da heut zu
Tage unter den Besuchern der Mhle nicht Viele sind, welche zu sagen
wissen, wovon die Mhle ihren Namen erhalten hat.


o. Die Meermaid und der Herr von Pahlen.

Vor Zeiten erging sich einmal ein Herr von Pahlen am Strande des Meeres,
da sah er auf einem Steine eine Jungfrau sitzen, die bitterlich weinte.
Der Herr trat alsbald nher und fragte sie, was ihr fehle, da sie so
bitterlich weine. Die Jungfrau sah ihn eine Weile mit thrnenden Augen
an, seufzte tief auf, antwortete aber nicht. Da streichelte ihr der Herr
sanft Kopf und Wangen und fragte abermals mit liebreicher Rede: Sage
mir deines Herzens Kummer, denn ich frage nicht zum bloen Zeitvertreib,
sondern will, wenn irgend mglich, dir helfen und deine Thrnen
trocknen. Die Jungfrau erwiderte weinend: Du bist ein sterblicher
Mensch, darum kannst du mir keine Hlfe bringen, da ich unter einem
hheren Gesetze stehe, aber da du freundlich gegen mich warst, so will
ich dir meine Noth klagen. Sieh, ich bin des _Meervaters_[80] einzige
Tochter und mu seine Befehle unweigerlich ausfhren, wenn mir auch das
Herz zu springen droht und die Thrnen mir aus den Augen strzen. Heute
morgen erhielt ich den Befehl, vor Abende die Wellen hoch aufschumen zu
machen und sie die Nacht durch im Toben zu erhalten. Denke ich daran,
wie viele Schiffe und Menschen da zu Grunde gehen werden, so kann ich
mein kummervolles Herz nicht beschwichtigen[81]. Der Herr forschte nun
weiter, wehalb der Meeresvater ein so grauenvolles Spiel liebe, welches
Niemandem Nutzen bringe, worauf das Mdchen erwidertet: Ich glaube, er
wirkt die Verzauberung der Wellen lediglich der _Windesmutter_ zum
Ergtzen, mit welcher er heimlich Freundschaft geschlossen hat und nach
deren Pfeife er jetzt tanzen mu. Wenn Jemand den Machtring mir vom
Finger ablsen knnte, so da es mir unmglich wrde die Wellen zu
erregen, dann htte der Vater von mir gar keine Untersttzung, sondern
mte die husliche Arbeit allein vollbringen. Der Herr bat, den Ring
besehen zu drfen, und fand da derselbe ganz in's Fleisch hinein
gewachsen war, und da keine Gewalt ihn abzuziehen vermochte. Nachdem
nun der Herr den Machtring eine Zeit lang betrachtet hatte, bat er die
Jungfrau, sie mchte ihm erlauben zu versuchen, ob es nicht mglich sei
den Ring durchzubeien. O, wenn dir das mglich wre! rief sie freudig
-- dann wrde ich dir ewig dankbar sein und dir reichen Lohn fr deine
Mhe zahlen! Darauf packte der Herr den Ring krftiglich mit den
Zhnen, die Jungfrau schrie vor Schmerz auf -- ein Ruck! und der Ring
war mitten durchgebrochen. Jetzt fiel die Jungfrau dem Herrn um den
Hals, dankte und reichte ihm den durchgebissenen Ring mit den Worten:
Nimm ihn zum Andenken und verliere ihn ja nicht, er wird dir Glck
bringen. Morgen sollst du den Lohn fr deine Mhe empfangen. Dann ging
sie singend und hpfend dem Meere zu, setzte sich auf den Kamm einer
Welle und schwamm wie eine Wildgans bald so weit, da der Herr sie aus
den Augen verlor.

Als der Herr am andern Morgen erwachte und die Augen weit aufthat,
standen zwei mit starken Eisenreifen beschlagene Tonnen vor seinem
Bette. Niemand konnte Auskunft darber geben, wie die Tonnen dahin
gekommen waren, denn soviel das Gutsgesinde wute, war keine fremde
Seele, weder am Abend noch am Morgen da gewesen, und in der Nacht waren
alle Thren verschlossen geblieben. Die Tonnen wurden so schwer
gefunden, da drei starke Mnner sie nicht vom Flecke schieben,
geschweige denn aufheben konnten. Als man die Deckel aufbrach, fand sich
da beide Tonnen bis zum Rande mit Silber gefllt waren. Gott sei
gedankt! rief der Herr aus -- jetzt kann ich meines Herzens Sehnsucht
stillen und den Armen Gutes thun! Noch selbigen Tages lie er die Leute
des Gebiets zusammenrufen und theilte jedem Gesinde eine Handvoll Geld
aus -- damit erschpfte er die eine Tonne. Von der andern Tonne schenkte
er die Hlfte zu Kirchenbauten, die andere Hlfte der Stadt Reval, damit
ihre Ringmauern verstrkt wrden. Daher also stammt der alte Reichthum
des Pahlenschen Gebiets, der sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat.

[Funote 80: Offenbar identisch mit dem Bd. 1, S. 12 Anm. besprochenen
Ahti. Sehr bezeichnend ist die weiterhin vorkommende heimliche
Freundschaft des Meervaters mit der Windesmutter. L.]

[Funote 81: M. vgl. die hnliche Empfindung der Tochter Prospero's in
Shakespeares Sturm. L.]


p. Der Kapellenbau.

Weil die Kathrinenkirche sehr weit war und zur Zeit der schlechten Wege
der Kirchenbesuch den Leuten sehr schwer fiel, lie ein Herr von Pahlen
seinen Gebietsinsassen auf seine Kosten eine Kapelle aufbauen. Als das
neue Gotteshuschen fertig war, machte es dem Herrn groen Kummer, da
die Kapelle keine Glocke hatte und Glockengieer gab es damals bei uns
zu Lande nicht. Der Herr betete oftmals zu Gott, er wolle nach seiner
eigenen Fgung helfen, das halb gebliebene Werk durchzufhren. Da erhob
sich eines Tages ein heftiger Sturm auf dem Meere und brachte ein mit
reicher Fracht beladenes Schiff in groe Gefahr. Der Schiffer gelobte in
der hchsten Noth, er wolle, wenn Gott ihnen helfe, lebendig das Ufer zu
erreichen, der nchsten Kirche zwei Glocken schenken. Nach einigen
Stunden legte sich der Sturm und das beschdigte Schiff erreichte
glcklich den Strand von Palms, wo es ausgebessert wurde; die Kapelle
aber erhielt auf diese Weise zwei schne Glocken.


q. Ein Herr von Pahlen rettet Reval aus Feindeshand[82].

Reval, welches darum das jungfruliche heit, weil kein Feind es jemals
bezwungen hat, war einst einen ganzen Sommer hindurch von einem
feindlichen Heere umzingelt. Obgleich nun die rings um die Stadt
laufenden Mauern und Schanzen stark genug waren, den Feind abzuwehren,
so kam es doch mit der Zeit dahin, da der Hunger die Bewohner qulte
und da bei der von Tage zu Tage wachsenden Noth die Schwcheren schon
verzweifeln wollten. In dieser Bedrngni wurde wieder ein _Pahlen_ ihr
Retter. Listiger Weise lie er, als wollte er den hungernden Bewohnern
der Stadt Proviant zufhren, eine Frachtfuhre vom Laaksberge her in die
Nhe des feindlichen Lagers abgehen, wo denn die mit Lebensmitteln und
Bier beladenen Wagen sofort festgehalten wurden. Im Lager aber herrschte
nicht viel weniger Mangel als in der Stadt, weswegen die Kriegsleute
sich wie hungrige Wlfe auf den Proviant strzten, so da Niemand Zeit
hatte auf die Stadt viel Acht zu geben. Diesen kurzen Zwischenraum
suchte nun der Herr von Pahlen zur Rettung der Stadt zu benutzen. Er
lie zur See einen gemsteten Ochsen nebst einigen Scheffeln Malz
heimlich in die Stadt bringen. Die Einwohner brauten nun alsbald
frisches Bier, brachten zur Nachtzeit groe Kufen auf die Stadtwlle,
kehrten sie um und gossen das ghrende Bier darauf, so da der Schaum
ber die Rnder flo. Dann wurde der Stier auf den Wall gelassen, der
brllend umher lief und mit den Hrnern die Erde aufwarf. Als nun die
Feinde die schumenden Bierfsser und den gemsteten Ochsen gewahr
wurden, da sank ihnen pltzlich der Muth: Hol' euch der und jener!
riefen die Kriegsleute -- wer noch soviel Bier brauen und Mastochsen
auf den Wllen umherlaufen lassen kann, den knnen wir nicht durch
Hunger aus der Stadt treiben, vielmehr werden wir noch frher dem Hunger
verfallen als jene. Am andern Morgen sah man wie der Feind das Lager
rumte und den Rckmarsch antrat; Reval aber war wiederum gerettet.

[Funote 82: _Ruwurm_, Sagen aus Hapsal &c. S. 28., theilt eine hnliche
Geschichte mit, welche die Befreiung des von Polen belagerten Hapsals
behandelt. L.]


r. Der Frauen von Pahlen Todesboten.

Alte Leute erzhlen, da Gott den Frauen von Pahlen das besondere Glck
verlieh, da er ihnen jedesmal, wenn das Scheiden aus dieser Welt
bevorstand, ihre Todesstunde voraus verknden lie. Dies geschah so, da
sie einige Tage vor ihrem Tode sich selber erblicken muten, sei es nun,
da ihre eigene Gestalt ihnen irgendwo entgegentrat, oder auf demselben
Stuhle sa, wo sie tglich selbst zu sitzen pflegten oder vor ihren
Augen schlafend im Bette lag. Hatte eine Frau von Pahlen ihr eigenes
Bild auf diese Weise erblickt, so wute sie, da nach einigen Tagen ihr
Ende bevorstehe, denn es war mit ihren Mttern und Gromttern ganz
ebenso gewesen. -- Einer dieser Frauen war ihr Ebenbild auf der Schwelle
erschienen und hatte sie mit betrbtem Blicke angesehen. Eine andere
wollte sich eben zu Tische setzen, als sie sich selbst schon auf ihrem
Stuhle sitzend gewahrte.


s. Der Heimgnger-Schtze[83].

Mein seliger Grovater erinnerte sich aus seinen Kinderjahren, wie noch
mancher von dem alten Herrn von Kersel zu erzhlen wute, der als
berhmter Heimgnger-Schtz keine nchtliche Wanderung anders unternahm
als mit einer Flinte bewaffnet, die mit silbernen Kugeln geladen war.
Rings um Kersel waren endlich alle diese Nachtgespenster fortgeschafft,
so da sich keins derselben mehr getraute, sich vor den Menschen sehen
zu lassen, aber an andern Orten wurden sie noch hufig gefunden. So hat
einst der Prediger von Halljal[84] die Hlfe des seligen alten Herrn
angerufen, weil er, in der Nhe des Kirchhofes wohnend, Nachts keine
Ruhe hatte. Als der alte Herr hinkam, hatte er die ersten Nchte sehr
viel zu thun, ehe er dem Kirchhofe Ruhe schaffen konnte. Vier und fnf
Flintenschsse wurden fast in jeder mondhellen Nacht vernommen, bis
endlich dem Schtzen diese Vgel nicht mehr zu Gesicht kamen. Nur
spottete seiner doch noch eine Weile eine lange weibliche Gestalt,
welche jeden Abend beim ersten Hahnenschrei mitten auf dem Kirchhofe
ber einem Grabe aufstieg, auf den Schu des Herrn wie ein Nebel
verschwand, aber nach einigen Augenblicken wieder auf dem alten Flecke
war. Ein paar Dutzend silberner Kugeln hatte der Herr schon an sie
verschwendet, ohne dem Feinde beizukommen. Da erschien eines Tages ein
altes Vterchen vom Strande von Tolsburg[85] und schlug dem Herrn vor,
das die silbernen Kugeln nicht frchtende Weibsbild den Wlfen[86]
entgegen zu jagen, wobei es gewi sein Ende finden werde. Ich habe
-- sagte der Strandbewohner -- einen mit Zauberkrutern berucherten[87]
Hund, der sie von hier vertreiben und in die Flucht jagen wird, nur
mssen wir warten bis zum Monat Februar, wo die Wlfe ihre Brunstzeit
haben und ihrer viele beisammen sind. -- Da der Herr keinen besseren
Anschlag gegen den Feind wute, nahm er den Beistand des Strandbewohners
mit Dank an, und versprach bis zur angegebenen Zeit zu warten und dann
mit ihm und dem berucherten Hunde auf die Jagd gegen die Heimgngerin
zu ziehen.

In einer mondhellen Februarnacht machte man sich auf, das Werk zu
vollfhren. Einige Werst weit von der Kirche stand eine mit Heu gefllte
Scheune. In diese stellte der Strandbewohner einen ihm bekannten
beherzten Mann mit einer tchtigen dreizackigen eisernen Gabel zum
Wchter, damit er die vor den Wlfen die Flucht Nehmende zurckscheuche,
falls sie einen Zufluchtsort in der Scheune suchen wrde. Eine gute
Stunde vor Mitternacht ging der Herr mit dem Strandbewohner auf den
Kirchhof, wo die bekannte Gestalt schon vor ihnen auf einem der Grber
stand. Der Herr wollte nun zuerst noch ein Mal sein Heil mit der Flinte
versuchen, weswegen er diese stark lud und drei silberne Kugeln
hineinthat; dann zielte er gut und scho los! -- die Gestalt verschwand,
stand aber im nchsten Augenblicke wieder vor ihnen. Jetzt wurde der
Hund darauf gehetzt, der die weie Gestalt alsbald vom Kirchhof
verscheuchte und gerade nach dem Sumpfe zu trieb. Die Gestalt schwebte
voraus, der Hund war ihr bellend auf den Fersen. Nicht gar weit vom
Sumpfe kam eine Wolfsherde daher, es mochten ihrer mindestens zehn Stck
sein; der Hund kehrte um und die Wlfe waren gleich der Heimgngerin auf
den Fersen. Aber die weie Gestalt schien wie Flgel unter den Sohlen zu
haben, so da die Wlfe ihr durchaus nicht nachkommen konnten. Drei oder
vier Schritt vor der Scheune sprang sie wie ein Eichhrnchen mit einem
Satze durch die obere Thrffnung in die Scheune, setzte sich auf die
Schwelle nieder und streckte die Fe hinauf, so da sie ber die Thr
hinausragten. Nach einiger Zeit langten auch die Wlfe hier an und
blickten mit glhenden Augen hinauf nach dem Sitze der Heimgngerin,
konnten aber an der Thr-Wand nicht hinan. Da hhnte sie die
Heimgngerin! Sie streckte abwechselnd den rechten und den linken Fu
den Wlfen hin und rief dabei jedesmal: Da! nehmt diesen Fu! da! nehmt
den andern Fu! keinen kriegt ihr: beides sind meine Fe[88]! -- Der
hinter ihr aufgestellte Wchter sah das Spiel eine Zeit lang mit an,
packte dann mit beiden Hnden die Gabel am Stiel und stie mit einem
krftigen Schlag das Gespenst kopfber hinunter vor die Wlfe.
Augenblicklich zerrissen die Wlfe sie, so da kein Fetzen von ihr
nachblieb.

Den andern Morgen ging der Herr mit dem Strandbewohner, die Stelle zu
besehen, wo in der Nacht die Wlfe der Heimgngerin das Garaus gemacht
hatten, allein sie fanden da keine andere Spur als ein handbreites Stck
eines feinen leinenen Gewandes und einen goldenen Ring. Als der Herr die
Inschrift auf der Innenseite des Ringes beobachtete, wurde sein Antlitz
bleich wie Schnee, denn in dem Ringe stand der Name einer benachbarten
Gutsfrau. Er fuhr sogleich hin und vernahm von dem Gesinde, da in
diesem Augenblicke Niemand von den Herrschaften zu Hause sei. -- Nach
einigen Tagen aber kehrte der Herr des Gutes in Trauerkleidung allein
zurck und erzhlte, die Frau sei pltzlich in Reval gestorben. Im
Frhjahr verkaufte er das Gut und zog in die Fremde, aus der er nimmer
wiederkehren mochte.

Nach dem Wegzug des Herrn lsten sich die Zungen der Leute; man erzhlte
erst im Stillen, dann ffentlich, da es mit der Frau nicht habe mit
rechten Dingen zugehen knnen, denn das ganze Gutsgesinde wute gar
wohl, da sie nicht _eine_ Nacht zu Hause geschlafen hatte, sondern, wenn
der Herr eingeschlafen war, rucherte sie ihm, wer wei mit was fr
Krutern, unter die Nase, und ging dann im weien Nachtgewande ihrer
Wege, von denen sie erst gegen Morgen zurckkam. Andere wieder
erzhlten, da die verstorbene Frau niemals Speise und Trank zu sich
genommen, sondern, wie von der Luft gelebt habe, wenn sie nicht etwa auf
ihren nchtlichen Wanderungen irgendwo an einem fremden Orte sich
gesttigt habe.

[Funote 83: Es wurden und werden vielleicht noch an vielen Orten
Estlands die Todten mit allerlei Dingen ausgestattet, die man als die
fr das Jenseits unentbehrlichsten betrachtet, z. B. Nadel, Zwirn,
Kopfbrste, Seife und Brot, Branntwein, eine kleine Mnze: Kindern legt
man wohl auch Spielzeug in den Sarg. Solche Verstorbene nun, welche in
dieser Beziehung vernachlssigt wurden, gehen als nchtliche Heimgnger
um und werfen den Angehrigen ihre Versumni vor. Boecler-Kreutzwald,
S. 68, 69, 111. Die Inselschweden an den estnischen Ksten wissen von
bsen Menschen, die aus ihren Grbern zurckkommen, in den Stuben
lrmen, sich in allerlei Gestalten verwandeln, Menschen und Thiere
erschrecken u. s. w. Wenn der Hahn krht, fliegen sie fort. Diese
Wiedergnger heien schwedisch delaupas. S. Ruwurm Eibofolke Th. 2, S.
262 ff, wo eine Menge Sagen und Zge von diesen gespenstischen Wesen
gesammelt sind: Nach Ernst _Willkomm_ kennt der Inselfriese ebenfalls
Wiedergnger oder Gonger, Menschen, die in den Wellen ihren Tod
gefunden haben und in Gestalt und Haltung Ertrunkener frheren Bekannten
am Lande wieder erscheinen. S. dessen: Im Wald und am Gestade. Skizzen
u. Bilder Thl. 1, S. 173. Vgl. noch Ruwurm, Sagen aus Hapsal, S. 122.
Hurt, Beitrge zur Kenntni estn. Sagen und Ueberlieferungen, Dorp.
1863, S. 21 ff. L.]

[Funote 84: In Wierland. L.]

[Funote 85: S. oben Anm. zu S. 167. L.]

[Funote 86: Diese sollen nach Wiedergngern sehr lecker sein; ein
schwed. Sprichwort sagt: Ohne die Wlfe wre die Welt voller Trollen. S.
_Ruwurm_ Eibofolke, 2, 264. Ruwurm bemerkte auch daselbst, da der Wolf
eine dunkle Erinnerung an den Fenriswolf sei, den Bruder der Hel (des
Todes), der die Seelen verschlingt. L.]

[Funote 87: Das Ruchern mit verschiedenen Krutern wird von den Esten
in Fllen angewendet, wo man Einwirkungen bser Mchte voraussetzt, z.
B. wenn eine Kuh nicht ordentlich melkt, vgl. Kreutzwald-Boecler, S. 86
u. oben Mrchen 10, S. 68. Hier ist der Hund gegen solche im Voraus
gefeit. L.]

[Funote 88: Aehnlich neckt der Geist die Wlfe in der von _Ruwurm_
Eibofolke  388, 6 (Th. 2, S. 264) beigebrachten Erzhlung aus Worms.
L.]





End of Project Gutenberg's Ehstnische Mrchen. Zweite Hlfte, by Various

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