The Project Gutenberg EBook of Quer Durch Borneo, by A.W. Nieuwenhuis

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Title: Quer Durch Borneo
       Ergebnisse seiner Reisen in den Jahren 1894, 1896-97 und
       1898-1900; Erster Teil

Author: A.W. Nieuwenhuis

Editor: M. Nieuwenhuis-von xkll-Gldenban

Release Date: December 23, 2005 [EBook #17379]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK QUER DURCH BORNEO ***




Produced by Jeroen Hellingman







                       Quer durch Borneo

                    Ergebnisse seiner Reisen
           In den Jahren 1894, 1896-97 und 1898-1900


                              Von

                      Dr. A.W. Nieuwenhuis

                        Unter Mitarbeit

                              Von

           Dr. M. Nieuwenhuis-von xkll-Gldenbandt


                          Erster Teil

          Mit 97 Tafeln in Lichtdruck und zwei Karten


                   Buchhandlung und Druckerei
                            Vormals
                           E.J. Brill
                          Leiden--1904







VORWORT.


Bevor noch die Ergebnisse meiner ersten Durchquerung der Insel
Borneo unter dem Titel "In Centraal Borneo" verffentlicht waren,
trat ich eine neue Reise an, die zwei Jahre und acht Monate dauerte
und mir Gelegenheit bot, die bereits erlangte Kenntnis von den
Bewohnern dieser bisher vllig unbekannten Gegenden wesentlich zu
bereichern. Da die Forschungen, die ich ber den Charakter der Dajak
und die Verhltnisse, unter denen sie leben, anstellte, eine weitere
Ausbreitung des niederlndischen Einflusses im Herzen Borneos zur
Folge hatte, erschien mir eine Vereinigung der frher erworbenen
Resultate mit den neuen und deren Verffentlichung in umgearbeiteter
Form nicht nur aus wissenschaftlichem, sondern auch aus praktischem
Interesse wnschenswert.

Das Werk besteht aus zwei Teilen. Der erste behandelt die Reise
von Pontianak nach Samarinda, quer durch Borneo, und enthlt eine
Schilderung von den Zustnden unter den Bahau am Kapuas und Mahakam,
der zweite beschreibt die Expedition zu den Kenja im Stammland der
Bahau, ferner die Industrie, den Handel, den Huserbau und die Kunst
bei diesen Stmmen.

Wie in meinem vorigen Werke habe ich mich auch in diesem darauf
beschrnkt, fast ausschliesslich eigene Beobachtungen zu geben, und
die anderer Autoren nicht zur Vergleichung herbeigezogen. Abgesehen
davon, dass das Werk sonst zu umfangreich geworden wre, ist es
auch sehr schwierig, in allem, was die Reisenden bis jetzt ber
Borneo geschrieben haben, sorgfltige Beobachtungen von flchtigen
Eindrcken zu unterscheiden. berdies bin ich der Ansicht, dass eine
einfache Wiedergabe eigener Beobachtungen, von deren Richtigkeit man
sich im Laufe vieler Jahre hat berzeugen knnen, fr die Ethnographen
besonders wertvoll ist.

In dieses neue Werk habe ich, soweit sie nicht in Fachzeitschriften
gehren, alle Resultate meiner Reisen in Mittel-Borneo aufgenommen;
desgleichen haben diejenigen Photographien der vorigen Reisen, die ich
fr wissenschaftlich interessant hielt, auch ins neue Buch Aufnahme
gefunden. In die Reiseerzhlung, die das Werk auch fr Laien geniessbar
machen soll, sind noch Beobachtungen allerlei Art, die anderswo keinen
Platz fanden, und einige charakteristische Erlebnisse meiner vorigen
Reisen verflochten worden.

Zur Verzierung des Einbands wurden ausschliesslich dajakische Muster
verwendet. Die vordere Seite des Einbands ist mit den Randfiguren
eines Frauenrockes geschmckt, die hintere Seite und der Rcken
tragen Ttowiermuster.

Die Herausgabe des vorliegenden Werkes konnte in dieser Form nur
dank einer bedeutenden Subvention seitens des Kolonialministeriums
stattfinden. Diese Subvention ermglichte auch eine Reproduktion
der Tafeln in Licht- und Farbendruck, durch welche erst die vom
ethnographischen Standpunkt wichtigen Einzelheiten der photographischen
Aufnahmen zur vollen Geltung gelangten.

Whrend meiner Arbeit habe ich von verschiedener Seite Untersttzung
genossen. In erster Linie fhle ich mich der "Maatschappij tot
bevordering van het natuurkundig onderzoek der Nederlandsche
Kolonin", die meine ersten Reisen veranlasste und mir gestattete,
die von ihr herausgegebene Karte von Borneo fr dieses Werk zu
reproduzieren, zu Dank verpflichtet. Ferner spreche ich den Herren
Professoren Dr. _A.E.J. Holwerda_ und Dr. _K. Martin_ und Herrn
Dr. _J.D.E. Schmeltz_, die sich stets hilfsbereit gezeigt haben,
besonders aber Herrn Professor Dr. _F. Schwend_ in Stuttgart, der mir
durch seine Hilfe bei der Korrektur einen grossen Dienst geleistet hat,
meinen herzlichsten Dank aus.

Leiden,

Dezember 1903.

Dr. A.W. Nieuwenhuis.





INHALT.


Kapitel I.      1-22

Erste wissenschaftliche Expedition nach Mittel-Borneo
(1893-1894)--Plne zu einem zweiten Versuch einer Durchquerung
Borneos von West nach Ost--Zweite Reise (Februar 1896-Juni 1897)
und deren Ergebnisse--Anlass zur Unternehmung der dritten Reise (Mai
1898-Dezember 1900)--Ausrstung--Dampfschiffahrt nach Pontianak--Fahrt
auf dem Kapuas bis Putus Sibau--Zustnde in Putus Sibau.

Kapitel II.      23-42

Aufenthalt in Putus Sibau--Aussichten fr die Mahakamreise--Besuch
der Batang-Lupar--Aufbruch nach Tandjong Karang Einrichtung des
Kajan Hauses--rztliche Praxis unter der Bevlkerung--Vorbereitungen
fr den Zug nach dem Mahakam Rckkehr nach Putus Sibau--Einkauf von
Ethnographica und Krankenbehandlung--Verwundung eines Sibau Dajak
Zurcksendung eines Jgers--Besuche der Kajan--_Usun_ in Putus
Sibau--Befragen der Vgel--Aufbruch nach dem Mahakam.

Kapitel III.      43-68

Allgemeines ber die Insel Borneo--Die Gebirge von
Mittel-Borneo--Die Wasserscheiden zwischen dem Mahakam und
dem Batang-Rdjang, Kajan und Barito--Geologie des oberen
Mahakamgebietes--Salzquellen--Geologischer Charakter des Apu Kajan
ussere Gestaltung Mittel-Borneos--Buschvegetation--Meteorologische
Verhltnisse--Bewohner der Insel--Malaien und Dajak Sesshafte Stmme:
Bahau und Kenja--Nomadenstmme: Punan, Bukat und Beketan--Herkunft
der Bahau und Kenja Legende vom Wasser und Feuer--Auswanderungen
und Vermischungen der Stmme--Organisation eines Bahau- bezw. eines
Kajan-Stammes--Geschichte der Mendalam Kajan--Glieder eines Stammes:
Huptlinge, Freie und Sklaven--Gegenseitige Verpflichtungen der
Stammesglieder--Abstammung des Huptlings _Akam Igau_.

Kapitel IV.      69-95

Lebenslauf eines Bahau bzw. eines Kajan--Geburt--Behandlung des
Neugeborenen--Kindertragbrett (_hawaat_)--Verpflegung des Kindes--Erste
Namengebung--Zweite Namengebung--Namennderungen--Das Kind bis zur
Pubertt--Junge Mnner und Mdchen--Ttowierung--_utang_--Knstliche
Verunstaltungen--Beschftigungen und Verkehr der
jungen Leute--Mahlzeiten Heirat--Stellung von Mann und
Frau--Erbschaft--Tod--Trauer--Kopfjagden.

Kapitel V.      96-115

Religise Vorstellungen der Bahau--Wichtigste Gtter--Einteilung des
Weltalls--Gute und bse Geister--Seelen der Bahau--Charakter und
Schicksal der _bruwa_ und _ton luwa_--Seelen der Tiere, Pflanzen
und Gesteine--Vorzeichen--Erklrung der _pemali_--Priester
und Priesterinnen--Beseelung der _dajung_--Pflichten der
_dajung_--Erklrung der _mela_--Das Ei als Opfergabe.

Kapitel VI.      116-132

Opfergaben der Ballon: _kawit_--Die _pemali:_ bei der _mela_,
beim Erntefest, in den Reisscheunen, auf dem Reisfelde, beim
Sen, beim Neujahrsfest, bei der _mela_ der Namengebung, bei der
_mela_ gegen Krankheit, bei der Rckkehr von grossen Reisen--Das
_legn_--Schwierigkeiten bei den Nachforschungen auf religisem
Gebiet--_Usun_, die Oberpriesterin--Schpfungsgeschichte der Mendalam
Kajan.

Kapitel VII.      133-155

Auffassung der Kleidung seitens der Eingeborenen--Zweck
der Kleidung--Einfluss der Malaien auf die
Kleidung--Alltags-, Fest- und Kriegskostm der Mnner am
Mendalam--Kopfbedeckungen--Schmuck--Ttowierung--Ausrecken der
Ohrlppchen--Umformung der Zhne--Haartracht--Alltags- und Festkleidung
der Frauen--Schmuck--Trauerkleidung--Ausrstung der Toten--Waffen der
Kajan: Schwerter, Speere, Blasrohre--Herstellung der Blasrohre--Pfeile
und Pfeilgifte--Schilde.

Kapitel VIII.      156-185

Rolle des Ackerbaus bei der Bahau und Kenja--Religise Vorstellungen
beim Ackerbau--Legende von der Entstehung der Ackerbauprodukte--Art
der Feldbewirtschaftung--Vorzeichensuchen bei der Wahl der
Felder--Bestimmung der Saatzeit--Perioden des Reisbaus--Bedeutung
der Ackerbaufeste--Saatfest: religise Zeremonien; Masken- und
Kreiselspiel--Neujahrsfest--Festgebruche--Zweite Namengebung der
Kinder--Darbietung der Opfer--Tnze der Priesterinnen--Ringkampf--_aron
uting_ = Festtag des Schweinefleischessens--_aron kertap = Festtag_
des Klebreisessens--_nangeian_ = Rundtanz der Priesterinnen und
Laien--Schlusszeremonien beim Neujahrsfest.

Kapitel IX.      186-199

Fischreichtum des Kapuasgebietes--Fischereigertschaften--Fang des
_tapa_--Fang mit _tuba_-Gift--Jagd--Hunde der Bahau--Ertrgnisse der
Jagd--Vogelfang--Haustiere.

Kapitel X.      200-219

Von Putus Sibau nach Siut--Besuch bei den Taman Dajak-Verlust
eines Hundes durch ein Krokodil--Nachtlager auf der Gerllbank
Liu Tangkilu--Kampf gegen die Strmung--Aufenthalt wegen des
_telaradjang_--Umschlagen eines malaiischen Handelsbootes--Ausflug
auf einen Berg--Eigentmliche Lianen--Fortsetzung der Fahrt bis zur
Gung-Mndung--Aufenthalt wegen schlechter Vorzeichen--Passieren
der "Gurung Delapan"--Nachtlager an der Bungan-Mndung--_Bier_
und _Obet Lata_ fallen in den Fluss--Begegnung mit unserer
ersten Gesandtschaft--Ankunft an der Bulit-Mndung--Aufschlagen
der Lagers--Nchtlicher berfall durch Hochwasser--_Akam Igaus_
Reiseplan--Begegnung mit Bungan Dajak--Aufbruch zum _pangkalan_
Howong--Kalkberge am Bulit.

Kapitel XI.      220-243

Ankunft am _pangkalan_ Howong--Unterhaltung im Lager--_Akam
Igau_ zieht zum Mahakam voraus--Aufbruch eines Teils der Kuli zur
Wasscherscheide--Erscheinen von Bungan Dajak--Besuch im Lagerplatz,
der Bungan--Rckkehr der Trger--Verschwinden des Reises--Landzug
in Eilmrschen--Passieren des Bungan--Nahrungsnot--Lager unterhalb
der Wasserscheide.

Kapitel XII.      244-268

Auf der Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam--Opfer der
Kajan--Lngs des Howong zu den Pnihing--_Amun Lirung_--Nahrungsmangel
und Schwierigkeiten mit dem Transport des Gepckes--_Kwing
Irang_--Lhnung der Trger--Besuch bei den Bukat--Reise zu
_Belar_--Einkauf von Bten am Tjehan--Fahrt zu _Kwing Rang_ am Blu-u.

Kapitel XIII.      269-294

Der Mahakam in seinem Ober- Mittel- und Unterlauf--Bewohner des
Mahakamgebietes--Vorgeschichte der Stmme--Stellung und Einfluss
der Fremden--Ursprngliche Bewohner am oberen Mahakam--Vorherrschaft
der Long-Glat--_Kwing Irang_ und dessen Stellung unter den brigen
Huptlingen--Verkehr und Handel unter den Stmmen--Selbstndigkeit der
Stmme--Verteilung der Lndergebiete--Bestimmungen in bezug auf Feld-
und Waldfrchte, Buschprodukte, Jagd- und Fischfang--Industrie--Verkehr
mit den Nachbarlndern--Handel und Handelswege.

Kapitel XIV.      295-315

Verkehr mit den Eingeborenen--Einkauf von Ethnographica--Sammeln und
Konservieren von Tieren und Pflanzen--Sammlungen und Untersuchungen
auf geologischem Gebiet--Topographische Aufnahmen--Photographie.

Kapitel XV.      316-350

Verhltnisse bei den Mahakam Kajan--Zeitrechnung-Beschftigungen
whrend der Verbotszeit--Besteigung des Batu
Mili--Saatfest--Maskenspiel--Kreiselspiel--Abschied von _Akam Igau_
und _Jung_--Fahrt zum Meras--Tod des Huptlings _Bo Li_--Begegnung
mit malaiischen Rebellen--Beginn mit der Mahakamaufnahme--Zweite
Besteigung des Batu Mili--Sage vom Batu Mili--Hahnenkmpfe.

Kapitel XVI.      351-385

Besuch bei den Ma-Suling am Meras--In Batu Sala, Napo Liu
und Lulu Sirang--Behandlung von Kranken, Einkauf von Bten und
Ethnographica--Besteigung des Batu Situn--Beobachtungsposten
auf einem Baumgipfel--Rckkehr nach Lulu Sirang--Symbolische
Heiratserklrung--Hochzeitsgebruche--Ehegesetze--Heimkehr nach dem
Blu-u--Besuch bei den Pnihing am Tjehan--In Long 'Kup--Besteigung
des Liang Karing--Bei den Pnihing am Pakat--Begrbnissttte
der Pnihing--_Hadji Umar_--Zurcksendung einer Batang-Lupar
Gesellschaft--Beratung wegen des Hausbaus--Besuch von _Hinan Lirung_.

Kapitel XVII.      386-417

Bau des Huptlingshauses--Besteigung des Batu Lesong--Ermordung einer
Sklavin--Schutzleistung gegen Batang-Lupar Banden--Anwerbung neuer
Leute--Krankenbesuch am Meras--Reisevorbereitungen--_Bang Joks_
politische Stellung--_Kwing Irangs_ Einzug ins neue Haus--Allerhand
Schwierigkeiten--Wiederholtes Vorzeichensuchen--Tod eines kleinen
Mdchens--Ankunft _Akam Igaus_--Neue Reisehindernisse.

Kapitel XVIII.      418-449

usseres der
Bahau--Krperbau--Sinnesorgane--Charakter--Eigentmlichkeiten ihrer
Konstitution--Krankheiten der Bahau: Malaria, venerische Krankheiten,
Intestinalkrankheiten, Rheumatismus; Kropf; Infektionskrankheiten
verschiedener Art, Augenkrankheiten, parasitre Hautkrankheiten--Wert
einer rztlichen Praxis unter den Eingeborenen--Vorstellungen
der Bahau von ihrem Krper, ihrem Geist; dem Schlaf und den
Krankheiten--Heilmethoden der Priester--Ditetische Mittel-Befolgung
rztlicher Vorschriften--Arzneien der Eingeborenen--Massage,
Dampfbder.

Kapitel XIX.      450-468

Allgemeines ber Ttowierung--Unterscheidung dreier
Gruppen--Vorschriften fr Ttowierknstlerinnen und
Patienten--Ttowiergertschaften--Ausfhrung und Folgen der
Operation--Methoden der Ttowierung bei den verschiedenen
Stmmen und Stnden--Seeenttowierung--Ttowierung der Kajan am
Mendalam--Ttowiermuster--Ttowierung bei den Mahakamstmmen und
den Kenja.

Kapitel XX.      469-493

Reise zur Kste: von Long Blu-u nach Long Tepai--Passieren
der westlichen Wasserflle--Flssen des Rotang--In Long Deho
bei _Bo Adjang_--Aufenthalt wegen Hochwassers--Ertrinken
zweier Long-Glat--Ankunft _Kwing Irangs_--Weiterreise mit den
Kajan--Passieren des Kiham Udang--Wiedersehen mit dem Kontrolleur
in Long Bagung--Begegnung mit Kenja--ber Uma Mehak, Udju Halang,
Ana und Tengaron nach Samarinda.




BEMERKUNGEN BER DIE AUSSPRACHE.


Alle einheimischen Wrter, die keine geographischen Namen oder
Personennamen bedeuten, liess ich kursiv drucken. Whrend die Zeichen
auf den gerade gedruckten Wrtern keiner weiteren Erklrung bedrfen,
gelten in Bezug auf die Aussprache der Vokale in den kursiv gedruckten
Wrtern die folgenden Regeln des allgemeinen linguistischen Alphabets
[1].


    _a_         in dem Deutschen Tat, hat.
    _e_         in dem Deutschen Br, fett;
    _e_         in dem Deutschen Weh;
    _i_         in dem Deutschen wir, mit;
    _o_         in dem Deutschen Mond;
    _o_         in dem Deutschen Sonne;
    __         in dem Deutschen Hrner;
    __         in dem Deutschen Knig;
    _u_         in dem Deutschen Mut;
    _u_         in dem Deutschen Tr;
    _ai_        in dem Deutschen Kaiser.
    _au_        in dem Deutschen Haut.
    _au_        in dem Deutschen Hute.
    _e_         bezeichnet den dumpfen Vokal der deutschen Vor- und
                besonders Endsilben, z.B. begraben.


In den Inhaltsangaben und in den berschriften der Seiten sind obige
Zeichen bei den kursiv gedruckten Wrtern fortgelassen worden.

Um die Lnge und die Krze der Vokale und die Betonung anzugeben, sind
die blichen Zeichen [-]; [u]; und ['] verwendet worden.





LISTE DER KARTEN UND TAFELN.


Karte der Insel Borneo     Anhang.
Karte des Bungan-Gebietes  gegenber Seite 226

Tafel.                         Gegenber Seite

 1. Die Expedition in Long Bagung (Mai 1899)      Titelbild.
 2. Tandjong Karang      26
 3. Geschnitzte Haustr des Huptlings _Akam Igau_      28
 4. Inneres von _Akam Igaus_ Wohnung A      28
 5. Inneres von _Akam Igaus_ Wohnung B      28
 6. _Usun_, Oberpriesterin in Tandjong Karang      40
 7. Die Salzquelle Sepan Dingei mit Brunnenvorrichtung      46
 8. Landschaft von Mittel-Borneo (oberer Mahakam)      48
 9. Greis der Kajan vom Mahakam. Kajan vom Mahakam      52
10. Junge Frauen der Mahakam Kajan. Junge Mdchen der Mahakam      56
11. ltere Frau der Mahakam Kajan      60
12. Pnihing      64
13. Bewaffnete Ma-Suling vom Meras mit ihrem Huptling Ibau Li      68
14. Kindertragbrett (_hawat_) der Kajan am Mendalam      72
15. Religise Gegenstnde der Mendalam Kajan      116
16. Religise Gegenstnde der Mendalam Kajan      118
17. Religise Gegenstnde der Mendalam Kajan      120
18. Religise Gegenstnde der Mendalam Kajan      122
19. Religise Gegenstnde der Mendalam Kajan      124
20. Religise Gegenstnde der Mendalam Kajan      124
21. _Legen_      126
22. Gut gekleideter junger Kajan      136
23. Bahau in Kriegskostm      136
24. Hte der Bahau      138
25. Schmucksachen der Mendalam Kajan      140
26. Frau der Bahau in Trauerkleidung      144
27. Totenausrstung      144
28. Schwerter der Mendalam Kajan      146
29. Schwerter der Bahau      148
30. Schwertscheiden der Bahau      148
31. Schwerter mit Scheiden der Stmme von Nord- und
    West-Borneo      148
32. Pfeilkcher, Giftbrett u.s.w.      150
33. Auszug aufs Feld mit Tragkorb, Schwert, Ruder und Speer      162
34. Neu angelegtes Reisfeld der Bahau      162
35. _Dangei_-Htte      172
36. _Lasa_, Opfergerst mit Opfergaben      176
37. Landschaft am oberen Kapuas      188
38. Aufwrtsziehen der Bte mittelst Rotangtaue im
    Gurung Delapan      212
39. Gurung Bakang      214
40. Mndung des Bulit      216
41. Befrdern der Bte ber einen Wasserfall im Bulit      216
42. Stalaktiten am Liang Bubuk      218
43. Inneres einer Kuli-Htte      222
44. Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam      246
45. Zwei aus verflochtenen und verwachsenen Lianen entstandene
    Bume      254
46. Haus des Pnihinghuptlings _Belar_      260
47. Massenkalk mit undeutlicher Schichtung      264
48. Unvollendete Niederlassung der Kajan an der Mndung des
    Blu-u      268
49. Unsere Wohnung in Long Blu-u      272
50. Zwei Kajanfrauen vom oberen Mahakam      274
51. Junger Mann und Frau der Kajan am oberen Mahakam      284
52. Kajanknaben vom oberen Mahakam 296
53. Junger Sklave der Kajan am oberen Mahakam  308
54. Steine zur Bestimmung des Sonnestandes whrend der
    Saatzeit      316
55. Der Batu Mili bei Long Blu-u      320
56. _Hudo Kajo_, als Geister verkleidete Mnner      324
57. Holzmasken      324
58. Landung der Geistermasken      326
59. Tanz der Geistermasken      326
60. Maskerade der Frauen      328
61. Frauen in Festkleidung. Als Mnner verkleidete Frauen      328
62. Als Punan verkleidete Kajan      328
63. Kreiselspiel      330
64. Napo Liu      332
65. Gruppe der Murung Malaien in Napo Liu      334
66. Grabmal des Ma-Suling-Huptlings _Bo Long_      354
67. Rotang mit symbolischen Zeichen zur Absperrung eines Flusses      360
68. Holzstapel als symbolische Heiratserklrung bei den
    Long-Glat      364
69. Der Liang Karing an der Mndung des Tjehan      370
70. Aufwrtsziehen der Bte im Kiham Tukar Anang      372
71. Niederlassung der Pnihing am Long Pakat      374
72. Mit Figuren verzierter Stein im Tjehan      374
73. Begrbnissttte der Pnihing am Fuss des Liang Nanja      376
74. Srge der Pnihing      376
75. Achtjhriger Kajan mit Tinea imbricata bedeckt      440
76. Symmetrisch verbreitete Tinea imbricata bei einer jungen Kajanfrau
    am oberen Mahakam      442
77. Ttowieren einer Hand bei den Kajan am oberen Mahakam      450
78. Frau der Long-Glat mit vollstndiger Ttowierung      452
79. _Dahei Kwing_, achtzehnjhrige Kajanfrau vom oberen Mahakam mit
    ttowierten Hnden      452
80. Junger Bukathuptling mit Brust- und Armttowierung      452
81. Ttowierter Dajak vom Kahjan      452
82. Ttowiermuster der Mendalam Kajan      456
83. Schenkelttowierung einer _panjin_      460
84. Schenkelttowierung von _Tipong Igau_      460
85. Hand- und Fussttowierung der Mendalam Kajan      460
86. Schenkelttowierung einer Long-Glat-Frau      461
87. Muster fr Schenkelttowierungen      462
88. Muster fr Schenkelttowierungen      464
89. Muster fr Schenkelttowierungen      464
90. Seitenstcke fr Schenkelttowierungen      464
91. Schlussstcke fr Schenkelttowierungen      466
92. Handttowierungen der Long-Glat      466
93. Handttowierungen der Uma Luhat; Kajan am Blu-u      466
94. Handttowierungen der Uma Luhat      466
95. Ttowierung der Kenja Uma Tow      468
96. Schenkelttowierung der Kenja      468
97. Schenkelttowierung der Kenja      468








KAPITEL I.

    Erste wissenschaftliche Expedition nach Mittel-Borneo
    (1893-1894)--Plne zu einem zweiten Versuch einer Durchquerung
    Borneos von West nach Ost--Zweite Reise (Februar 1896-Juni 1897)
    und deren Ergebnisse--Anlass zur Unternehmung der dritten Reise
    (Mai 1898-December 1900)--Ausrstung--Dampfschiffahrt nach
    Pontianak--Fahrt auf dein Kapuas bis Putus Sibau--Zustnde in
    Putus Sibau.


In den Jahren 1893 und 1894 rstete die "Maatschappij tot
bevordering van het natuurkundig onderzoek der Nederlandsche Kolonin"
(Gesellschaft zur Befrderung der naturwissenschaftlichen Forschung in
den niederlndischen Kolonieen) ihre erste grosse wissenschaftliche
Expedition nach Mittel-Borneo aus; wesentlich untersttzt wurde
sie dabei durch den damaligen Residenten _S.W. Tromp_ [2] der
"Wester-Afdeeling" von Borneo, der sehr wohl begriff, dass eine
Erweiterung der Kenntnis von Land und Volk auch in politischer Hinsicht
von grosser Bedeutung sein musste.

Den Teilnehmern an der Expedition war zur Aufgabe gestellt worden,
von der Westkste durch die bisher ganz unbekannten Gebiete des oberen
Kapuas und oberen Mahakam bis zur Ostkste vorzudringen und whrend
der Reise, so weit als mglich, naturwissenschaftliches Material zu
sammeln und die Bevlkerung zu studieren.

In Kutei erhoben sich aber bald warnende Stimmen, welche auf die
grossen Gefahren einer derartigen Unternehmung aufmerksam machten;
daher nahm man von dem anfnglichen Plan Abstand und beschrnkte
sich auf die Erforschung des Flussgebietes des oberen Kapuas, in
welchem vom November 1893 bis zum Oktober 1894 reiche Sammlungen auf
botanischem, zoologischem, geologischem und ethnologischem Gebiete
angelegt wurden. Dank der Untersttzung der Regierung durch Schutz-
und Transportmittel konnten die Forscher, jeder in seinem Fache,
gesondert ttig sein; whrend der Zoologe Dr. _J.  Bttikofer_ und der
Botaniker Dr. _H. Hallier_ sich im Urwalde niederliessen, durchzog
der Geologe Prof. _G.A.F. Molengraaff_ ausgedehnte Landstrecken,
um deren Formation kennen zu lernen und beendete seine Reise durch
einen gelungenen Zug von Bunut sdlich nach Bandjarmasin. Indessen
jeder auf diese Weise die ntige Forschungsfreiheit genoss, lag mir,
als dem Expeditionsarzte, die Verwaltung des Ganzen ob. Da meine
rztliche Hilfe von den Teilnehmern der Expedition selten beansprucht
wurde, konnte ich in den Drfern der Eingeborenen wohnen bleiben und
von dort aus fr die Zufuhr neuer Vorrte und die Anwerbung von Kuli
Sorge tragen.

Teils aus Neugier, teils um rztlichen Beistand zu erbitten, kamen bald
ununterbrochen Eingeborene in meine Nhe, so dass ich Gelegenheit
hatte, die Bevlkerung eingehend zu studieren und Ethnographica
zu sammeln.

Nach zweimonatlichem Aufenthalt am Mandai, sdlich vom oberen Kapuas,
machten der Geologe, Prof. _Molengraaff_, und ich den Versuch, in das
Gebiet des oberen Mahakam vorzudringen; wir mussten jedoch, obgleich
wir bereits die Wasserscheide zwischen Kapuas und Mahakam berschritten
hatten, auf Grund von Gerchten, die der uns begleitende Kontrolleur
ber ernstliche feindliche Rstungen seitens der Eingeborenen vernommen
hatte, den Rckzug antreten. Auf dieser letzten sechswchentlichen
Expedition hatten die am Mendalam wohnenden Kajan, ein bis dahin so
gut wie unbekannter Stamm, die Trger und Ruderer geliefert. Die
Kajan am Mendalam sind nmlich mit denen am Mahakam verwandt und
in stndigem Verkehr, daher sind sie auch die besten Kenner dieser
dunklen Gebiete von Mittel-Borneo.

Ich war somit, um zuverlssige Auskunft ber die Verhltnisse am
oberen Mahakam zu gewinnen, hauptschlich auf diesen Stamm der Kajan
angewiesen. Zwar hatte schon im Jahre 1825 ein Europer, _Georg
Mller_, von der Ostkste aus den oberen Mahakam erreicht, aber sein
Geleite von Pnihing und Kajan ermordete ihn nach dem berschreiten
der Wasserscheide im Flussbett des Bungan; mit dem khnen Forscher
gingen auch seine Aufzeichnungen zu Grunde, und die innersten Gebiete
Borneos blieben unbekannt wie zuvor.

Whrend Prof. _Molengraaff_ seine Reise nach Bandjarmasin antrat,
liess ich mich also fr zwei Monate bei diesem Stamm der Kajan am
Mendalam in Tandjong Karang nieder und zwar mit demselben Resultat, wie
sonst berall, dass rztliche Hlfe, das Einkaufen von Ethnographica
und viel Geduld mit ihrer Eigenart mir alles Vertrauen gewanden,
das eingeborene Stmme einem Fremden berhaupt schenken knnen. Als
wichtigsten Vertrauensbeweis betrachtete ich ihre Erklrung, mich
in das Gebiet des oberen Mahakam begleiten zu wollen, falls ich auf
ihre Bedingungen zur Unternehmung der Reise eingehen wollte. Eine der
fr beide Teile wichtigsten war, dass ich, um nicht das Misstrauen
ihrer Verwandten am Mahakam zu erregen, ohne bewaffnetes Geleite
gehen sollte, was fr mich so viel bedeutete, als dass ich mich ihnen
vollstndig ausliefern sollte. Ich fand eine teilweise Erklrung fr
diese Bedingung in dem Gefhl, das alle Eingeborenen in Mittel-Borneo
bei der Begegnung mit etwas Neuem und Fremdem beherrscht, nmlich:
der Angst. Da ich ausserdem wusste, dass es im eigenen Interesse
der Dajak lag, der niederlndisch-indischen Regierung keinen Anlass
zur Unzufriedenheit zu geben, indem sie mir ein Leid zufgten, so
beunruhigte mich diese Bedingung durchaus nicht.

Unter den interessanten Beobachtungen, die ich in dieser Zeit ber
den Charakter der Stmme von Mittel-Borneo machte, ist diejenige
sicher die bedeutendste, dass die blutgierigen, wilden, Kpfe
jagenden Dajak im Grunde zu den sanftesten, friedliebendsten und
ngstlichsten Bewohnern dieser Erde gehren. Meine Erfahrungen stehen
in dieser Hinsicht nicht nur in schroffem Gegensatz zu der allgemein
verbreiteten Auffassung ber die Dajak seitens der Europer an den
Ksten Borneos, sondern seltsamer Weise auch aller Reisenden, die bis
jetzt Gelegenheit hatten, mit den mehr im Innern der Insel wohnenden
Stmmen in Berhrung zu kommen.

Da meine neuen Kajanfreunde mir allmhlich auch zu verstehen gaben,
dass es mit der feindlichen Gesinnung der Mahakambewohner nicht so
schlimm bestellt sei, fasste ich auf meiner Rckreise nach Batavia
den Plan, wenn irgend mglich, aufs neue den Versuch zu wagen, in
das Gebiet des oberen Mahakam einzudringen und den Fluss bis zur
Ostkste hinabzufahren.

In Batavia angelangt wurde ich jedoch sogleich als Arzt nach Lombok
abkommandiert, wo die Bestrmung von Tjakra Negara (1894) und alle
traurigen Folgen dieses entsetzlichen Kriegszuges uns rzte bald alle
eigenen Plne vergessen liessen.

Auch im Anfang des folgenden Jahres fanden wir selten Zeit, an etwas
anderes, als an unsere Kranken zu denken, bis endlich der Westmonsun
uns weniger Patienten und mehr Kollegen brachte und es mir glckte,
eine Versetzung nach Batavia zu erlangen.

Dankbar fr die mir erhaltene Gesundheit und alles, was ich auf der
prachtvollen Insel Lombok gesehen hatte, bestieg ich im Juli ein Schiff
der "Paketfahrtgesellschaft", welches mich nach Java brachte, und
sechs Tage darauf fhrte mich die Bahn von Surabaja an den Ort meiner
Bestimmung. Vier im idyllischen Garut verbrachte Tage verwischten
den Eindruck aller Lomboker Schrecknisse, und bei meiner Ankunft in
Batavia traten meine Borneoplne mir deutlicher als je vor den Geist.

Nach einigen Unterhandlungen mit dem Ausschuss der oben genannten
niederlndischen Gesellschaft in Batavia, zeigte sich diese bereit,
meine Plne zu untersttzen, und als dann auch der finanzielle Teil
erledigt und die Zustimmung der Regierung erlangt war, konnte ich mit
der Ausrstung beginnen und im Februar des Jahres 1896 von Batavia
ber Pontianak mit der Expedition aufbrechen.

berzeugt, dass die Unterhandlungen mit den Kajan Monate dauern
wrden, liess ich zwei Europer: _Demmeni_ und _von Berchtold_, von
denen sich jener mit dem Photographieren, dieser mit der Erwerbung
einer zoologischen Sammlung beschftigen sollte, vorlufig in Batavia
zurck; sie trafen mit mir erst im Mai am oberen Kapuas zusammen. Hier
war es mir nach monatelangem Zusammenleben mit den Kajan am Mendalam
endlich geglckt, diese ihrem Versprechen gemss zur Teilnahme am
Zuge nach dem Mahakam zu bewegen und die vorlufigen Vorbereitungen,
wie das Einkaufen von Bten und grossen Quantitten Reis, zu beenden;
jedoch dauerte es noch bis zum 3. Juli, bis wir von Putus Sibau,
dem wichtigsten Handelsplatz am oberen Kapuas, aufbrechen konnten. Im
Laufe von zwei Monaten fuhren wir den Kapuas und darnach seine beiden
Nebenflsse Bungan und Bulit hinauf, zogen auf 800 m Hhe ber die
Wasserscheide und stiegen dann zum Penaneh, einem Nebenfluss des
Mahakam, hinunter.

Der erste Empfang bei den dort ansssigen Pnihing liess nichts zu
wnschen brig, und auch whrend unseres achtmonatlichen Aufenthaltes
bis zum April 1897 bei den anderen Stmmen am oberen Mahakam fiel
nichts vor, was unser freundschaftliches Verhltnis gestrt htte. Es
war anfangs mein Plan gewesen, nur zwei Monate bei ihnen zu bleiben,
aber die herrschende Hungersnot liess uns nur die Wahl, uns ohne
Unterbrechung von einem Stamme zum anderen fhren  zu lassen, oder
die Hungersnot am oberen Mahakam bis zum Eintritt der neuen Ernte
mitzumachen. Wir whlten letzteres, da nur ein lngerer Aufenthalt
bei den Stmmen ein Ergebnis der Reise versprach, und es gelang uns,
mit den Tauschartikeln bis zum letzten Augenblick hauszuhalten. Im
April brachen wir mit _Kwing Irang_, dem obersten Huptling der
Mahakam-Kajan, bei dem wir uns niedergelassen hatten, nach dem unteren
Mahakam auf, passierten die grossen Wasserflle, die den Ober- und
Mittellauf des Mahakam scheiden, und wurden vom Huptling dem Sultan
von Kutei bergeben, der uns mit dem Assistent-Residenten _van Assen_
entgegengereist war.

Der langdauernde Aufenthalt im Herzen vom Borneo hatte uns in Stand
gesetzt, unsere Umgebung eingehend zu studieren und so brachte ich,
ausser bedeutenden Sammlungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet,
eine grndliche Kenntnis der Zustnde, Sitten und Sprachen der Stmme
am Mahakam mit nach Java.

Statt in einem Dorado der Wilden, wie es sich die Europer gewhnlich
vorstellen, hatten wir unter Zustnden gelebt, von denen man sich
in Europa schwer einen Begriff machen kann. Ausser den ungnstigen
hygienischen Verhltnissen, welche eine Zunahme der Bevlkerung
verhindern, hatten mich die Angst und Unruhe, in der diese Menschen
ihr Dasein fhren, betroffen. Jene sind, als Folgen des Klimas
und der Eigenart der Bevlkerung, schwer zu bekmpfen, diese,
hauptschlich durch die Fehden der Stmme untereinander verursacht,
sind sehr leicht zu beseitigen, sobald sich eine ber diesen Stmmen
stehende Macht mit der Schlichtung ihrer Zwistigkeiten befasst und
Selbstwehr verhindert. Die Bahau fhlten, dass ihnen (lies vor allem
fehlte; denn _Kwing Irang_ wandte sich durch meine Vermittelung im
Namen aller Stmme am oberen Mahakam an die niederlndisch-indische
Regierung mit der Bitte um Beschirmung.

Hierdurch wurde die indische Regierung veranlasst, eine neue Expedition
auszursten, um festzustellen, auf welche Weise in den Gebieten des
oberen Mahakam Ruhe und Sicherheit am besten herzustellen seien. Als
Leiter dieser Expedition wurde ich gewhlt, ferner der Kontrolleur
1. Kl. _J.P.J. Barth_ und einige europische und malaiische Gehilfen.

Obgleich politische Interessen bei diesem neuen Zuge das Leitmotiv
bildeten, war es mir doch klar, dass seine Organisation aus
verschiedenen Grnden die gleiche wie bei der frheren, so wohl
gelungenen Expedition von Pontianak nach Samarinda sein musste. Es
handelte sich im wesentlichen darum, die Stimmung der Bevlkerung in
bezug auf die Einsetzung einer festen Verwaltung auszukundschaften
und auf die Schlichtung ihrer Zwistigkeiten mit benachbarten Stmmen
Einfluss zu gewinnen. Hierzu war es, wie auch auf der vorigen Reise,
notwendig, das Vertrauen der ngstlichen Bahau zu erwerben und sie
durch ein monatelanges Leben und Arbeiten in ihrer Mitte an die
Gegenwart von Weissen zu gewhnen.

Da wir mglicherweise mit feindlich gesinnten Stmmen von Serawak
in Berhrung kommen konnten, musste das gut bewaffnete Geleite so
zahlreich sein, dass es im Notfall krftigen Widerstand leisten
konnte. Um zu verhindern, dass dieses, hauptschlich aus Malaien
bestehende Geleite whrend eines lngeren Aufenthaltes in einem
Stamme Anstoss errege und um es stets bei guter Stimmung zu erhalten,
musste fr seine stndige Beschftigung gesorgt werden; das Gleiche
galt auch fr die Europer. Ich whlte die Malaien daher derart,
dass sie, ausser als Schutzsoldaten, auch auf wissenschaftlichem
und praktischem Gebiet von Nutzen sein konnten, als Pflanzensammler,
Jger, Prparatoren, Ruderer u.s.w.

Eine grosse Menge Tauschartikel zu unserem tglichen Unterhalt,
zum Einkauf von Ethnographica und zur Bezahlung der Kuli wurde
wiederum mitgenommen. Wir mussten nmlich nicht nur trachten,
unsere dajakischen Gastherren nicht zu verletzen, sondern auch, durch
Einkaufen von allerhand Dingen, vielen im Stamme einen Vorteil und uns
ihre Gunst zu verschaffen. Zur Erreichung dieses Ziels war auch, wie
wir auf der letzten Reise erfahren hatten, ein grndlicher rztlicher
Beistand von grosser Bedeutung; daher gehrte ein reichlicher Vorrat
an Arzneimitteln zu unseren wichtigsten Reiseartikeln.

Mit Rcksicht auf die oben erwhnten Verhltnisse setzte sich meine
Reisegesellschaft aus folgenden Gliedern zusammen: dem Kontrolleur
_J.P.J. Barth_, der sich hauptschlich mit dem Studium der allgemeinen
Umgangssprache der Bahau, dem Busang, befasste; dem Photographen
der vorigen Expedition, _J. Demmeni;_ dem Topographen _H.W. Bier_;
zwei Javanen aus dem botanischen Garten in Buitenzorg (Java) fr die
botanischen Sammlungen; dem Jger und Prparator _Doris_ fr das
Prparieren von Vgeln und Sugetieren und sechs anderen Javanen,
die bereits Naturforscher auf Reisen begleitet hatten und im stande
waren, als Mechaniker, Jger, Fischer u.s.w. die verschiedensten
Dienste zu leisten. Zu meiner persnlichen Bedienung nahm ich _Midan_,
meinen javanischen Diener der vorigen Reise, mit. An Vierfsslern
begleiteten uns zwei Jagdhunde; in Pontianak kaufte ich spter noch
zwei Wachthunde hinzu.

berzeugt, dass uns die Kstenmalaien in Kutei Schwierigkeiten
verursachen wrden, falls wir auf dem eigentlichen Wege, den unteren
Mahakam hinauf, zum oberen gelangen wollten--den Malaien ist nmlich
selbst viel daran gelegen, ihren eigenen Einfluss im Hinterlande
auszubreiten und den der Niederlnder zurckzudrngen--mussten wir
unsere Reise wiederum von Pontianak, an der Westkste, beginnen und
uns von den Kajan wieder durch das unbewohnte Quellgebiet der grossen
Flsse zum oberen Mahakam geleiten lassen.

Auf der Reise im Jahre 1896 hatte, um den Landtransport mit einer
kleinen Anzahl Leute mglich zu machen, die Ausrstung so viel als
mglich eingeschrnkt werden mssen. Jetzt war die Besorgnis, durch
ein grosses Geleite bei den Mahakamstmmen Misstrauen zu erwecken,
zwar geringer, aber, in Anbetracht des Umstandes, dass die Verpflegung
so vieler Menschen unterwegs an und fr sich schon schwierig genug
war, musste das mitzunehmende Gepck auch diesmal auf ein Minimum
reduziert werden.

Was die Kleidung betraf, so galt es, sie so zu whlen, dass sie
sowohl dem Klima als den Strapazen standhalten konnte. Eine gute
wollene Unterkleidung und eine warme Bedeckung nachts sind die besten
Schutzmittel gegen Moskitos und Erkltungen; die Hauptursachen fr
das Entstehen der Malaria. Auch musste dafr gesorgt werden, dass
die verpackten Kleidungsstcke und dass Bettzeug so wenig als mglich
Gefahr liefen, nass zu werden.

Als Packkisten sind die bekannten Stahlkfferchen die geeignetsten. Sie
halten, ausser unter Wasser, die Feuchtigkeit fern, zerbrechen nicht
beim Fall auf Felsen und werden durch die Termiten nicht angetastet;
sie drfen jedoch sammt Inhalt nicht mehr als 20-25 kg wiegen.

Fr die Nacht besassen wir starke Reiseklambu (Moskitonetze) aus fester
Java-Gaze 1: 1: 2 m gross und so eingerichtet, dass sie mittelst
Seilen in jedem beliebigen Raum ausgespannt werden konnten. Der
untere Rand der Gaze war, ausgenommen an der Eingangsffnung, wo
das Zeug 1 m ber einander schlug, an ein Stck double waterproof
sheeting festgenht. Sorgte man dafr, dass die Gazeenden am Eingang
dicht auf einander lagen, so war die Mglichkeit eines nchtlichen
Besuchs von Ameisen, Schlangen, Skorpionen und Blutegeln so gut wie
ausgeschlossen, und ich bin auch wirklich auf der ganzen Reise durch
dergleichen Gste nicht gestrt worden. Die grosse Dichte der Gaze
hielt auch die Moskitos und sehr kleinen _aga_ oder _murutu_ fern,
welch letztere sehr empfindlich stechen, obgleich sie nicht grsser
sind als eine Nadelspitze.

Die undurchlssige Unterlage schtzte nachts vor Bodenfeuchtigkeit
und bildete tagber eine wasserdichte Umhllung fr das Klambu,
ein kleines Kopfkissen und zwei Decken, die in sie eingepackt und
mit Riemen festgeschnrt wurden.

Zur Bettausrstung gehrte ferner noch eine dnne, mit Lederimitation
berzogene Matratze, aus drei Teilen bestehend und daher leicht
transportierbar.

Als Oberkleidung sind ein Anzug aus Khaki, Schuhwerk aus Leinwand und
ein Korkhelm sehr geeignet. Zum Schutz gegen Blutegel, die lstigste
Plage der feuchten Tropenwlder, ist es geraten, die Kleidung fest
am Krper anschliessen zu lassen und die Beinkleider an den Kncheln
festzubinden oder zu knpfen.

Eine besondere Sorgfalt muss auf die Wahl des Schuhwerkes verwendet
werden; das Gehen mit blossen Fssen ist sehr unzweckmssig. Fr
schwieriges und unebenes Gelnde sind, als Sttze fr die Knchel,
hohe Schnrstiefel sehr empfehlenswert und zwar mssen sie, um das
Wasser nach dem Durchwaten von Morsten und Lachen schnell abfliessen
zu lassen, aus Leinwand hergestellt sein. Dnne, starke, nicht zu
schwer beschlagene Sohlen verhindern am besten ein Gleiten auf Felsen
und umgefallenen Baumstmmen. Lederne Gamaschen bewhren sich gut
auf Mrschen; hohe Wasserstiefel dagegen sind zu schwer.

Auch als Dachbedeckung eignet sich double waterproof sheeting seht gut,
nur darf man es nicht lange der Sonne aussetzen, oder man muss es in
diesem Falle mit Matten bedecken. Zur Aufrichtung eines Zeltes lehrte
mich die Erfahrung, nichts anderes mitzunehmen als Stcke dieses
Zeuges, die gengten, eine Flche von 4  6 m zu berdecken. Der
Tropenwald liefert stets viel dnnes Holz fr Pfhle und Fussboden,
so dass das Gerst zu einer Htte von den Dajak innerhalb einer
Stunde im Walde gefllt und aneinander gebunden werden kann. Soll das
Zelt nur einige wenige Nchte gebraucht werden, so sind Wnde nicht
erforderlich, da der Regen im Urwalde selten schrg niederfllt.

Wegen der Unmglichkeit, grssere Mengen von Lebensmitteln ber Land
mitzufhren, mussten auch die Europer am Mahakam von dem leben,
was die Bahauumgebung lieferte; nur fr die Kranken wurden Konserven
mitgenommen. Das Hauptnahrungsmittel bildete fr alle der Reis-. fr
die Eingeborenen kamen am Kapuas noch getrocknete und spter frische,
im Fluss gefangene Fische hinzu; daher wurden auch einige Wurfnetze
mitgenommen. Was die mitzufhrenden Tauschartikel betraf, so hatte
ich mich bereits frher davon berzeugt, welche Arten von Glasperlen
und Zeug bei den einzelnen Stmmen besonders beliebt waren. Auch viele
Kleinigkeiten wie: Fingerringe, Nadeln, Spiegeldschen u.a. nahm ich
mit, um sie zu gelegentlichen kleinen Geschenken zu verwenden.

Die Kisten, welche im Laufe der Reise geleert wurden, waren zur
Aufnahme von Ethnographica und trockenen naturwissenschaftlichen
Gegenstnden bestimmt, whrend die zahlreichen Arzneiflaschen spter
zum Aufbewahren der Spiritusprparate verwendet wurden. Obgleich
Formol als Konservierungsmittel einige Nachteile aufweist, war
es doch zum Mitfhren deshalb am geeignetsten, weil man es beim
Gebrauch mit Wasser stark verdnnen kann; daher wurde nur wenig
Alkohol mitgenommen. Fr das Konservieren kleiner Tiere leisteten
uns kleine Kisten voll zylinderfrmiger Glser mit abschraubbaren
metallenen Deckeln gute Dienste.

Es konnte beinahe die ganze Ausrstung in Batavia angeschafft werden,
mit Ausnahme einiger Apparate fr Hhenmessungen und Photographie,
welche in Europa bestellt werden mussten, und einiger Tauschartikel,
die nur in Singapore, von wo aus europische Produkte hauptschlich
in Borneo eingefhrt werden, zu erhalten waren. In allen Teilen
des indischen Archipels besitzen die Eingeborenen in bezug auf
Tauschartikel ihre besonderen Liebhabereien, so dass nur solche unter
ihnen gangbar sind, welche an dem Ort gekauft wurden, von dem aus sie
fr gewhnlich eingefhrt werden. Bei den Stmmen von Borneo finden
hauptschlich bestimmte Arten von Glasperlen Beifall, die in Java
nicht beliebt und daher auch nicht kuflich sind, obgleich smmtliche
Glasperlen in Europa verfertigt werden. Da sowohl diese Perlen als
auch bestimmte Elfenbeinarmbnder, die von den Chinesen speziell fr
die Bahau- und Kenjastmme von Nord-Ost-Borneo gearbeitet werden,
nur in Singapore zu haben waren, musste ich, zur Vervollstndigung
unserer Ausrstung, erst noch eine Reise nach dieser Stadt unternehmen.

Einen Teil des Proviantes und der Tauschartikel sandte ich von Batavia
aus direkt an die Ostkste von Borneo an den Residenten von Samarinda
zur Aufbewahrung; ich hatte mir nmlich vorgenommen, wenn unser Zug
von West nach Ost glcklich beendet sein wrde, nochmals ins Innere
der Insel zurckzukehren, um in das nordstlich gelegene gnzlich
unbekannte Stammland aller Bahau und Kenja, das Quellgebiet des
Bulungan, vorzudringen.

Zu meinem Verdruss musste ich, wegen der zu langen Dauer der
Reisevorbereitungen, die beste Reisezeit verstreichen lassen. Die
kleinen Quellflsse des Kapuas sind nmlich nur in der Trockenzeit,
der Zeit nach der Ernte, befahrbar und so kann man die Kajan auch nur
zwischen Juni und September zur Teilnahme an einer Expedition bewegen.

Endlich, am 18. Mai, schiffte ich mich in einem kleinen Dampfer der
"Paketfahrtgesellschaft" in Batavia nach Pontianak ein.

Am folgenden Tage fand meine Reiseungeduld einige Ablenkung
durch den Aufenthalt unseres Dampfers in Billiton; das Aus- und
Einladen von Gtern mit Hilfe von Fhren der sehr eigenartigen Seka
(schwrmende Fischerbevlkerung) bot manches interessante Bild. Von
ihren schwimmenden und lebhaft bewegten Wohnungen aus tauchten die
Seka ins kristallklare Wasser nach Geldstcken, die wir hineinwarfen,
und schienen sich in der blau-grnen Tiefe ebenso sicher zu fhlen,
wie andere auf dem Festlande. Jedoch, trotz allem Schnen, was
ich sah, und allem Interessanten, was mir der Steuermann ber das
Leben dieser Fischerbevlkerung erzhlte, war es fr mich doch eine
Erlsung, als Borneo beim Erwachen am anderen Morgen in Sicht war und
das Schiff bereits kehrte, um sich zwischen dem fr Uneingeweihte
unentwirrbaren Labyrinth von Grn, das in Form von Inseln und
weit ins Meer hineinragenden Landzungen buchstblich aus dem Wasser
hervorstieg, hindurchzuwinden. Auch zur Ebbezeit ist hier kein festes
Land zu sehen; die hie und da braune Farbe des Wassers deutet nur
auf ausgedehnte Moderbnke. Der hchsten Erhebungen dieser Bnke hat
sich eine eigentmliche Vegetation bemchtigt, die, mit Hilfe eines
mchtigen Gerstes von zahllosen Luft- und Sttzwurzeln, nicht wenig
dazu beitrgt, die vorhandenen Untiefen zu befestigen und weitere
Anschwemmungen zu befrdern.

Nur sehr langsam nherten wir uns diesen trgerischen grnen
Streifen, die mit zweifelhaftem Recht den Namen Kste fhrten; als
Verknder des weit in der Ferne in einzelnen undeutlichen Bergspitzen
sichtbaren Festlandes begrssten wir sie aber doch mit Freuden. Still
glitt unser Fahrzeug ber die spiegelglatte dunkle Wasserflche,
whrend die strahlende, aber noch nicht lstig warme Sonne mit ihrem
leuchtenden Glanz das ernste Bild in eintnig grner Umrahmung zu
beleben trachtete. Weder Mensch noch hier waren anwesend, um den
ersten berwltigenden Eindruck dieses grossen aequatorialen Landes
in seiner beklemmenden Majestt zu brechen.

Zwischen den vielen, aus dem Wasser emporsteigenden Wldchen steuerte
der Kapitn sein Schiff, nach einigen nur ihm bekannten Kennzeichen,
in der Richtung der Kubu, der sdlichsten und schiffbarsten Mndung
des Kapuas. Auch diese Einfahrt liess viel zu wnschen brig; denn
wir mussten einige Zeit warten, bis die Flut so hoch gestiegen war,
dass sie uns ber die Moderbank in die noch immer durch eine grne
Mauer verborgene Flussmndung tragen konnte. Mehr die Zeit, als die
Tiefe des Wassers, gaben endlich das Zeichen zum Weiterdampfen; als wir
uns nach einer scharfen Biegung vor der ungefhr 40 m breiten ffnung
in der grnen Mauer befanden, sah das aufgewhlte Wasser verdchtig
moderfarbig aus. Da es sich aber darum handelte, ob wir hier noch
zwlf Stunden warten sollten, oder nicht, wollten wir doch lieber
probieren, ob unser Dampfer nicht ebenso gut durch den Moder als durch
das Wasser dringen konnte. Mit vollem Dampf wurde die Schraube durch
das braune Wasser getrieben, aber gleich darauf fhlten wir den Kiel
durch eine teigige Masse gleiten, die Schnelligkeit verminderte sich,
und pltzlich befand sich der ganze Vorderteil des Dampfers in einem
Wald von Nipapalmen.

Zum Glck war dieser unbeabsichtigte Abstecher nicht verhngnisvoll,
denn von einem festen Ufer war auch hier keine Rede, so dass das
vllig auf die Moderbank geschobene Schiff. nach eigenen Drehungen
der Schraube in umgekehrter Richtung, bald wieder mitten in der Kubu
schwamm und seine Fahrt wieder aufnehmen konnte. Bald begann sich zu
beiden Uferseiten der Reichtum der tropischen Vegetation zu entfalten;
die federfrmigen Bltter der Nipapalmen (Nipa fruticans Thb.) bildeten
dabei stets einen lichtgrnen Saum um den dunkleren Urwald.

Das Fahrwasser machte viele Krmmungen und wurde hie und da so eng,
dass es nur fr einen kleinen Dampfer mit krftigem Steuerruder
passierbar war. Bisweilen fuhren wir, um besser wenden zu knnen,
so dicht unter den Bumen hindurch, dass wir vor ihren ber  das
Verdeck streichenden sten flchten mussten. In einigen Stunden
befanden wir uns endlich in einer breiten Flussverzweigung, an deren
Ufern festes Land und Spuren von Kultur sichtbar waren. Kokospalmen
erhoben ihre hohen Federkronen ber die niederen Uferbume, und fr
Eingeweihte wurde ein Fusspfad zu den malaiischen Wohnungen, die nach
alter Gewohnheit sorgfltig hinter dem schtzenden Wall von Uferbumen
verborgen lagen, sichtbar. Erst spter erschienen auch einige Malaien
in langen, schmalen, kaum ber die Wasserflche hervorragenden Bten;
sie ruderten, um die Strmung zu vermeiden, unter dem Ufergebsch.

Je weiter wir fuhren, desto zahlreicher wurden die den Reichtum
dieser Gegenden bildenden Kokosnusspflanzungen. Die Eingeborenen waren
hier weniger scheu; die Kinderschar geriet sogar beim Erblicken des
Dampfbootes in frhliche Erregung.

In wenigen Augenblicken waren alle Nachen mit kleinen Ruderern
in Paradieseskostm besetzt, die mit Rudern, Stcken und Hnden so
schnell als mglich in die Mitte des Stromes zu gelangen suchten, wo
ihre usserst ranken Fahrzeuge von den Wellen unseres Dampfers so lange
umhergeschleudert wurden, bis sie Wasser fassten und umschlugen. Dann
pltscherte die braune Bemannung unter frhlichem Gelichter im Flusse
herum, kehrte das Boot wieder um, entfernte mit einigen geschickten
Bewegungen das Wasser und schwang sich wieder in den Nachen.

Als wir uns gegen Mittag dem Hauptstrome nherten, erlangte die
Wasserflche eine Breite, wie sie im indischen Archipel nur die
stolzen Strme von Borneo aufweisen.

Auf der spiegelblanken Flche war, bis wir Pontianak, den Hauptort
an Borneos Westkste, erreichten, kein lebendes Wesen zu sehen. Jetzt
belebten sich aber die Ufer. Die Huser standen dicht bei einander und
vereinigten sich, besonders am linken Ufer, zu einem langen malaiischen
_kampong_ (Dorf). Nach ihrer Bauart zu urteilen, hatten die Malaien
auch hier den Begriff des Festlandes noch nicht zu fassen vermocht;
denn vom erkennbaren Ufer aus erstreckten sich ihre Pfahlbauten bis
weit in den Fluss hinein, wo noch einzelne, auf grossen treibenden
Baumstmmen gebaute Huser den bergang von festen Wohnhusern zu
Fahrzeugen vervollstndigten. Aus der Ferne war der Anblick der
unregelmssig bei einander liegenden Gebude mit der grau-braunen
_atap_ (Dachbedeckung von Palmblttern) und den schwarzen Holzdchern
recht hbsch, und die vielen, den Verkehr vermittelnden Ruderbtchen
gaben dem Ganzen ein besonders lebhaftes Geprge. In der Nhe jedoch
machten sich die unschnen Farben der schlecht unterhaltenen Wnde
und Dcher zu sehr geltend; das Gleiche war auch beim Palast (_dalam_)
des malaiischen Sultans der Fall, von dem ein Europer etwas anderes
als ein Durcheinander grosser, unansehnlicher Htten erwartete.

Wir fuhren jetzt am anderen Ufer einer Reihe buginesischer Behausungen
entlang, hinter welchen die hsslichen Hinterhuser des sehr grossen
chinesischen _pasar_ (Markt) zum Vorschein kamen. Keines dieser
Gebude war auf den Grund gebaut; alle standen auf Pfhlen im Morast;
selbst die bis 10 m breiten Strassen bestanden aus Planken, die auf
Pfhlen ruhten.

Einen freundlicheren Eindruck machte der europische Teil der
Ortschaft; er dehnte sich mit seinen netten weissen Husern und
grossen Grten zwischen dem ppigen Grn des Ufers aus.

Verglichen mit Batavia ist Pontianak ein kleiner Ort; als wir uns
dem Anlegeplatz nherten, erinnerte ich mich aber, wie einst, nach
dreijhrigem Aufenthalt auf meinem nrdlicher gelegenen Posten Sambas,
dieser Anblick einen ganz anderen Eindruck auf mich machte. Damals, an
kleine, graue, malaiische oder schmutzige, dunkle, chinesische Huser
gewhnt, dachte ich unwillkrlich: "wie ist Pontianak doch gross
und schn!" Die Bewunderung schwand aber, bei nherer berlegung,
auch damals schnell, und ich musste ber die Vernderung lachen,
die der Mensch unter dem Einfluss seiner Umgebung unmerklich erleidet.

Erklrlicher ist die Stimmung eines Offiziers, der mir erzhlte,
dass ihm Trnen in die Augen traten beim Gedanken, dass er hier
einige Jahre verbringen sollte. Und doch--hat man hier lngere Zeit
gelebt--so nehmen die meisten mit Wehmut Abschied. Der "erste Posten"
wird stets besonders lange in treuer Erinnerung bewahrt. Ist man
an die Unsttigkeit einer indischen Laufbahn einmal gewhnt, so
fllt es einem leichter, angeknpfte Bande wieder zu lsen, aber
die beim Abschied vom ersten Posten vergossenen Trnen sind wahr,
und die herzlichen Abschiedsworte, die man den das Geleite gebenden
Bekannten zuruft, sind im. Augenblicke wirklich empfunden.

Bei Ankunft unseres Postdampfers stand, obgleich niemand erwartet
wurde, "ganz Pontianak" in der Mittagsglut auf dem Stege, umgeben
von zahlreichen Eingeborenen mit und ohne Uniform.

Was das Hotel in Pontianak betraf, so hatte es seit meinem letzten
Aufenthalt ebenfalls den Wechsel alles Irdischen erfahren, zum Glck
aber nicht dabei verloren, Der frhere Besitzer, der, obwohl etwas
braun, doch bei jedermann unter dem echt hollndischen Namen _Piet_
bekannt war, hatte sich mehr fr seinen vorteilhaften Handel in
Orang-Utanen und Orchideen als fr den Gang seines Hotels interessiert,
so dass dieses, nach dem Urteil von Kennern indischer Gasthuser,
unter seinem Interesse und Wirken auf zoologischem und botanischem
Gebiet etwas zu leiden hatte.

Ob ihm nun seine vermittelnde Rolle zwischen europischen
Wissenschaftlern und Liebhabern und den Dajak des Inneren auf
die Dauer nicht mehr gefiel, oder ob ein Wink des Residenten, der
durch Erteilung einer Regierungsuntersttzung auf die Fhrung des
Gasthauses Einfluss hatte, das Seine dazu beigetragen, konnte ich aus
der Ortschronik nicht sicher feststellen; so viel aber war gewiss,
dass _Piet_ jetzt am jenseitigen Flussufer in einer neu errichteten
lfabrik ttig war und dass wir bei dem neuen Wirt auf reinerem Tisch
und besser speisten, als es frher der Fall gewesen.

Der Einfluss der sich immer mehr ausbreitenden europischen Industrie,
der auch Pontianak aus dem Schlaf zu wecken drohte, hatte leider
noch nicht zu eingreifenden und sehr notwendigen Verbesserungen
seines Hotelgebudes gefhrt. Das auf Pfhlen in einer Schlammgrube
errichtete Holzgebude schien nmlich mit einem grossen Teil der
Ortschaft im Einsinken begriffen zu sein. Bei dieser stndigen
Abwrtsbewegung hatte der vor den Husern dem Ufer entlang laufende
Griessweg immer den Vorsprung; denn, nach dem was die Leute erzhlten,
musste er jedes Jahr mindestens um einen halben Meter erhht werden,
damit er nicht mehrere Male im Jahre unter den braunen Wassern des
Kapuas verschwinde und ein Jagdgebiet der Krokodile werde, denen
bereits etliche Menschen und Hunde zum Opfer gefallen waren.

Um meinen Aufenthalt nach Mglichkeit abzukrzen, hatte ich schon
von Batavia aus an den Residenten von Pontianak die Bitte gerichtet,
grssere Mengen gesalzener Eier, gedrrter Fische, Tabak u. dergl. fr
mich einkaufen zu lassen. Zu meiner angenehmen berraschung hatte der
Resident auch bereits das Salz, welches wir fr den Selbstgebrauch
vor allem aber als kostbaren Tauschartikel fr die Bahau in grossen
Mengen ntig hatten, luftdicht in verltete Blechkisten zu je 20 kg
Gewicht verpacken lassen.

Wir nahmen 40 dieser Kisten mit und gebrauchten deren 30 am Mahakam.

An anderen notwendigen Artikeln entdeckte ich auf dem chinesischen
Markt nicht viel Brauchbares; nur selten fand ich eine Partie
Glasperlen, Tcher oder schwarzen Kattuns in der erforderlichen
Verpackung. Die erleichterte Dampferverbindung mit den hher am
Kapuas gelegenen Ortschaften hatte auch hier zur Folge gehabt, dass
die Zwischenhndler verschwanden und die kleinen Hndler von oben
ihre Bestellungen direkt nach Singapore richteten.

Weit besser bediente man uns mit _kadjang_ (Palmblattmatten) und
allem, was mein Kchenjunge Midan, um mir in einer Gegend ohne _toko_
(Lden) und _pasar_ (Markt) eine gute Mahlzeit bereiten zu knnen,
fr ntig hielt. Da er hierin am meisten Sachkenntnis besass, konnte
ich ihm die Kchensorgen getrost berlassen.

Der Resident hatte uns, gleich nach meiner Ankunft, seine Jacht
"Karimata" zur Verfgung gestellt, so dass wir schon am 24. Mai nach
Putus Sibau, unserem nchsten Halteplatz, weiterreisen konnten.

Dank der Zuvorkommenheit des Residenten durften wir die mitzunehmenden
Leute unter den bewaffneten eingeborenen Schutzmannschaften selbst
whlen; wir suchten diejenigen zu gewinnen, welche bereits bei der
topographischen Aufnahme des Kapuasgebietes und bei den militrischen
und wissenschaftlichen Expeditionen der letzen 10 Jahre als Geleite
gedient hatten und an das Leben in der Wildnis, fern von ihrer Familie
und der vertrauten Umgebung, gewhnt waren. Zur Anwerbung dieser
Soldaten begab sich _Barth_ spter von Sintang nach seinem frheren
Wohnplatz am Melawie, Nanga Pinoh, und holte uns nachher am oberen
Kapuas wieder ein.

Ich nahm also von Pontianak Abschied und zwar mit dem stillen Wunsch,
dass mich die Westkste vor der Hand nicht wiedersehen sollte. Auf
dem Flusse zeigte sich die gleiche Aussicht, wie einige Tage zuvor,
nur wurden die Ufer eintniger, weil die Nipa nur so weit wchst,
als das Brackwasser reicht, also etwas ber Pontianak hinaus.

Die breiten stillen Strme bieten nur wenig Abwechslung; das
Dampfschiff vertreibt Krokodile und Affen, die sich sonst zu zeigen
pflegen, und der Waldrand ist zu weit entfernt, als dass man seine
Schnheit wirklich geniessen knnte. Jetzt war er nur als schmaler
Saum lngs der Wasserflche bemerkbar; auf der vorigen Reise hatte ich
aber einen unvergesslichen Eindruck von ihm erhalten. Damals machte
ich die Fahrt mit einem ausgedienten Regierungsdampfer; infolge der
starken Anspannung brach eine Maschinenstange, so dass wir lange liegen
bleiben und mit einer kleinen, an Bord befindlichen Schmiede den Bruch
zu heilen suchen mussten. Als die Schmiede an Land gebracht wurde,
bekam ich, durch den Vergleich mit den am Ufer arbeitenden Menschen,
einen Begriff von den riesenhaften Dimensionen der Urwaldbume. Fr
gewhnlich verliert man in der Beurteilung der Tropennatur gar bald
jeden Massstab.

Die Landschaftsbilder, die sich auf der weiteren Fahrt vor uns
entrollten, hatten viel Europisches an sich; mit der Nipa waren
nmlich die charakteristischsten Reprsentanten des Pflanzenreichs im
indischen Archipel, die Palmen, verschwunden; sie zeigen sich in den
aequatorialen Wldern Borneos, mit wenigen Ausnahmen, nur da, wo der
Mensch sie hinpflanzte. Gewhnlich geben ihre Federkronen den Ort an,
an dem Menschen wohnen oder gewohnt haben. Erblickt man daher einen
Tropenwald aus der Ferne, von oben oder von der Seite, so sieht man
nur Laubbume; aus der Nhe betrachtet verschwindet jedoch dieses
europische ussere; das einfarbige Bild lst sich nach der grossen
Verschiedenheit der tropischen Baumarten, die hier neben, ber und
durch einander wachsen, in eine unendliche Mannigfaltigkeit grner
Schattierungen auf.

Whrend der beinahe zwei mal 24 Stunden dauernden Fahrt nach Sintang
verndert sich die Gegend nur wenig; der Strom wird breiter und
breiter, bis bei Tajan, dem Wohnplatz eines Kontrolleurs, die Ufer
1500 m von einander entfernt sind, so weit, dass man die Bume der
gegenberliegenden Seite schwer unterscheiden kann. Der Dampfer hielt
nicht an, um dem Beamten Nachrichten von der Aussenwelt zukommen zu
lassen, die ihm in seinem Einsiedlerleben, als einzigem europischen
Reprsentanten der Regierung, einige Abwechslung gebracht htten. Der
Kontrolleur verwaltet ein Gebiet von der Grsse einer Provinz seines
Vaterlandes, auf dem sich jedoch nur hie und da eine Niederlassung von
Dajak oder Malaien unter dem _panembahan_ (Frst) von Meliau befindet.

Endlich brachten einige Hgelreihen mit unregelmssigen Formen
etwas Abwechslung in das Bild; sie waren aber nicht hoch genug, um
die majesttische Wasserflche zu beherrschen. In der ersten Nacht
passierten wir Sanggau, an dem wir vorbei dampften, um so schnell
als mglich Sintang zu erreichen. Am 26. Mai erwachten wir dort;
um unsere Nachtruhe nicht zu stren, hatte der Kapitn kein Signal
mit der Dampfpfeife ertnen lassen.

An der Mndung der Melawie erbaut, hat Sintang, wie alle grossen
malaiischen Wohnpltze, eine vorzgliche Lage, um auf den Handel der
im Gebiet der Melawie wohnenden Dajak einen beherrschenden Einfluss
auszuben, d.h., nach malaiischer Auffassung, so viel Steuern als
mglich zu erpressen. Diesem erhebenden Streben der malaiischen Frsten
ist nun durch die indische Regierung Zaum und Zgel angelegt worden;
aber sie haben doch stets eine starke Festung mit 150 Mann Besatzung
vor Augen ntig, um sich in ihre Beschrnkung zu fgen.

Zu meiner Freude konnte ich in Sintang verschiedene alte Bekannte
begrssen; im brigen hatte ich aber keinen Grund, mich hier lange
aufzuhalten, denn auf dem Markt fand ich nur einen einzigen fr den
oberen Kapuas brauchbaren Artikel. Ich setzte jetzt alle Hoffnung
auf den Markt von Bunut und auf die Chinesen, die von dort aus in
grossen, verdeckten Magazinbten ihre Handelsartikel nach Putus
Sibau hinaufrudern.

Nachdem wir in Semitau, einer Station auf unserer ersten Expedition im
Jahre 1894, den Kontrolleur besucht hatten, ging es schnell den Fluss
aufwrts bis nach Bunut, das wir am 28. Mai abends erreichten. Weiter
aufwrts wurde die Fahrt nachts gefhrlich wegen der grossen abwrts
treibenden Baumstmme und der im Fluss versunkenen Stmme (einige
Eisenholzarten haben ein sp. Gewicht von etwa 1.2), die bei Hochwasser
durch den starken Strom immer weiter verschoben werden.

Oberhalb Semitau trugen die Ufer des Kapuas einen anderen Charakter;
die ununterbrochene Buschvegetation war verschwunden, man sah nur
niedriges Strauchwerk, das auf den von Malaien und Dajak verlassenen
_ladang_ (trockenen Reisfeldern) aufgeschossen war.

Der chinesische Markt in Bunut enttuschte mich, was seinen Vorrat an
Perlen und seidenen Tchern betraf, zum Glck nicht; wir waren aber
doch schon um 8 Uhr morgens mit unseren Einkufen fertig und konnten
sogleich weiter nach Putus Sibau hinauf fahren.

Unterwegs hatte ich aufs neue Gelegenheit, mich davon zu berzeugen,
mit welcher enormen Schnelligkeit sich das Pflanzenreich eines
verlassenen Kulturbodens wieder bemchtigt. Vor zwei Jahren hatte ich
mich ber die grosse Zahl der am linken Ufer angelegten Reisfelder
gewundert, jetzt war von diesen wenig mehr brig; das Ufer war berall
gleichmssig von derselben Strauchvegetation von 10-15 m Hhe bedeckt.

Dank dem hohen Wasserstande, konnten wir unsere Fahrt ber Untiefen
und versunkene Baumstmme ungehindert fortsetzen, bei den letzten
Strahlen der untergehenden Sonne Putus Sibau erreichen und bei der
mir wohlbekannten _kubu_ (Blockhaus) auf dem Floss anlegen. Diese
_kubu_, deren es am oberen Kapuas zahlreiche giebt, sind viereckige,
ungefhr 2 m ber dem Boden errichtete und rund herum mit Palisaden
umgebene Gebude, die etwa 10-20 mit Beaumontgewehren bewaffneten
Eingeborenen als Wohnhaus dienen. Unter Aufsicht des Kontrolleurs
stehend haben diese Soldaten fr die Aufrechterhaltung der Ruhe zu
sorgen, zugleich mssen sie dem Beamten auf seinen Reisen, die hier
stets zu Wasser ausgefhrt werden, als Ruderer dienen.

Putus Sibau liegt am Kapuas vor der Mndung seines rechten Nebenflusses
Sibau und ist der hchste Punkt, den Dampfer bei hohem Wasserstande
noch erreichen knnen. Weiter oberhalb engen grosse Gerllbnke das
Flussbett in Trockenzeiten stark ein und verursachen in Regenzeiten
wiederum so heftige Stromschnellen, dass auch kleine Dampfbarkassen nur
in den gnstigsten Fllen weiter hinauffahren knnen. Lange bevor man
in Putus Sibau an eine Dampferverbindung dachte, hatten die Malaien
die grosse Bedeutung dieses Ortes bereits begriffen und hier ihre
letzte Niederlassung im Binnenlande gebaut. Bis vor kurzem waren sie
hier Alleinherrscher; ihren Hauptunterhalt bildete der Handel mit
den wichtigsten der benachbarten Dajak Stmme: den Kajan-, Taman-,
Kantu- und Sibau-Dajak; einen Nebenerwerb bildete das Sammeln von
Buschprodukten.

Als nach Einsetzung der niederlndischen Verwaltung den stndigen
Fehden der Stmme untereinander und besonders den Einfllen der
Batang-Lupar aus Serawak ein Ende gemacht wurde, wagten sich sehr bald
auch die Chinesen bis Putus Sibau hinauf. In langen Ruderrten fuhren
sie in 3-4 Tagen den Kapuas von Bunut aufwrts, um ihre Waren vom Markt
in Bunut hier an den Mann zu bringen. Die niederlndische Regierung
verweigerte ihnen aber das Niederlassungsrecht, das sie sich wohl auch
nicht sonderlich wnschten, da der Kontrolleur weit ab, in Semitau,
wohnte und die Malaien ihre Konkurrenten, durch deren Gegenwart ihrem
Monopol auf den betrgerischen Handel mit den Dajak ein Ende gemacht
wurde, mit scheelen Augen ansahen. Das Wohnen in Bten bietet den
Chinesen ausserdem den grossen Vorteil, dass sie sich bei drohender
Gefahr schnell aus dem Staube machen knnen, was in dieser Gegend,
wie es sich in den letzten Jahren erwiesen, oft sehr wnschenswert war.

Wenige Jahre vor unserer ersten Expedition 1894 waren, auf das Gercht
eines grossen Einfalls der Dajak aus Serawak hin, alle Hndler aus
Putus Sibau nach Bunut geflchtet; die Bevlkerung selbst lebte seit
dem grossen Plnderungszug der Batang-Lupar am oberen Mahakam 1885
in stndiger Angst.

Bei meiner Ankunft jedoch waren alle schreckenerweckenden Gerchte
lngst vergessen und seit meinem ersten Besuch in Putus Sibau
hatten viele Vernderungen stattgefunden. Der Resident hatte es nach
der ersten wissenschaftlichen Expedition fr ratsam gehalten, den
malaiischen Distriktsaufseher von Putus Sibau durch einen Kontrolleur,
den Herrn _Westenenk_, zu ersetzen und dieser hatte dafr gesorgt,
dass das ussere des malaiischen Dorfes, das, wie berall am Kapuas,
aus einer Reihe niedriger Huser am Flussufer bestand, wesentlich
verbessert worden war; ausserdem hatte er den chinesischen Hndlern
das Niederlassungsrecht gewhrt.

Auf dem rechten Ufer, das hoch gelegen war, und nicht, wie das steile
linke, bei jedem Hochwasser ein Stck Boden durch Absturz verlor,
waren eine Reihe chinesischer Huser im Bau begriffen; sie schlossen
sich dicht an einander und waren durch eine lange Galerie unter ihrem
gemeinsamen Dache verbunden.

Hier war also der Grund zu einem neuen festen Handelsplatze mit
ansssiger. Bevlkerung gelegt, fr die umliegenden Gebiete ein
Ereignis von grsster Bedeutung, da die Aufsicht eines europischen
Beamten den allzueifrigen Bemhungen der Hndler, sich auf Kosten
der harmlosen Eingeborenen zu bereichern, eine Grenze setzte. Eine
weitere wichtige Folge der Gewhrung des Niederlassungsrechtes war,
dass die chinesischen Handelsdampfer jetzt nicht mehr in Bunut Halt
machten, sondern direkt bis Putus Sibau hinauffuhren, wodurch die
Preise der eingefhrten Waren sanken und die der Buschprodukte stiegen.

So konnte auch ich meine Einkufe jetzt ebensogut in Putus Sibau als
in Bunut machen, was mir, besonders spter beim Zuge an den Mahakam,
sehr zu statten kam.

Ein Teil der kleineren malaiischen und chinesischen Hndler hatte
jetzt gerade schwere Zeiten zu bestehen, da einige andere, reiche,
von weit unten heraufgekommene Konkurrenten sich besonders des Handels
mit Buschprodukten zu bemchtigen suchten.

Eine wichtige Rolle bei dieser Art von Handel spielt das
Vorschusswesen: ein Malaie oder Dajak, der in den Urwald zieht, um
Buschprodukte zu suchen, erhlt von einem anderen Malaien oder Chinesen
auf Kredit eine Ausrstung an Kleidern, Werkzeugen und besonders an
Reis unter der Bedingung, dass er spter mit dem, was die Expedition
an Rotang, Guttapercha und Kautschuk liefern wird, das Geliehene
reichlich zurckbezahlt. Sind die Buschproduktensucher einmal fort,
so ist eine berwachung ihrer Arbeit oder eine Bestimmung des Termins
ihrer Rckkehr fast unmglich, da sie wochenlang in unbewohntem Lande
die Flsse hinauffahren und man sie in den Bergen des Urwaldes schwer
erreichen kann.

Meistens sind es Malaien, die sich ganz dem Sammeln von Buschprodukten
widmen; ihr angeborener Hang zum Nomadenleben und die eingebildete
Freiheit, die sie im Urwalde geniessen, treibt viele dazu, ihre
Drfer am unteren und mittleren Kapuas fr Jahre zu verlassen; ihnen
schliessen sich auch manche, von bsem Gewissen geplagte Leute an,
um dem Gefngnis zu entgehen.

In Gegenden, die reich an Rotang und Guttapercha sind, trifft man
daher eine sehr zweifelhafte Gesellschaft malaiischer Abenteurer
an; sie wissen sich jedoch auch das Leben im Urwalde gemtlich
zu machen. So bildete 1896 der Oberlauf des Krhau, des linken
Quellflusses des Kapuas, das Zentrum des Buschverkehres; man baute
dort, in nchster Nhe der Buschprodukte, Wohnungen. Hndler brachten
die ntigen Waren, die wegen des schwierigen Transportes sehr teuer
wurden; aber die Mglichkeit, die man dort genoss, der Leidenschaft
fr Kartenspiel und Hahnengefechte ungestraft frhnen zu knnen,
wog manche Nachteile auf. Aus Mangel an Frauen vergriffen sich die
Malaien an denjenigen der in der Nachbarschaft schwrmenden Punan
und Bukatstmme; das kostete ab und zu allerdings einen Kopf--aber
was riskiert man nicht alles der goldenen Freiheit wegen!

Unternehmendere Malaien dingen bisweilen fr einige Monate zu einem
bestimmten Lohn Kajan- oder Taman-Mnner und ziehen mit ihnen in den
Wald. Wird eifrig gesammelt, so bildet das Buschproduktesuchen eine
lohnende Beschftigung, der am Kapuas viele einen gewissen Wohlstand
zu danken haben. Die Malaien sind aber im Busch wie zu Hause einer
regelmssigen Arbeit abgeneigt.

Haben sie eine so grosse Menge Guttapercha und Rotang beisammen, dass
sie von ihrem Ertrag einige Zeit leben und geniessen knnen, so tritt
ihre Sucht zum Faulenzen und ihre Leidenschaft fr Wrfelspiel und
Frauen so sehr in den Vordergrund, dass die Arbeit im Stich gelassen
wird, bis die Not sie wieder zu ihr treibt. Unter diesen Umstnden
regt auch der Gedanke an die fernen Glubiger nicht zur Arbeit an. Auf
viele wirken diese Verhltnisse geradezu lhmend; denn sie machen
stets neue Schulden, deren Tilgung immer schwieriger wird.

Begreiflicher Weise ist unter derartigen Verhltnissen das Ausleihen
auf Kredit fr die Hndler mit grossem Risiko verbunden und bietet
nur denjenigen Vorteil, die im Stande sind, mit auf den Arbeitsplatz
zu ziehen und ihre Schuldner zu beaufsichtigen. In dieser Beziehung
sind die kleinen Hndler den grossen gegenber im Vorteil.

Geld spielt bei diesen Handelskontrakten selten eine Rolle. Sowohl
Malaien als Dajak lassen sich ihre Produkte mit Kattun, javanischem
Tabak, Salz und allerhand Nahrungsmitteln bezahlen. Auch die
Dajak kaufen gern auf Schulden und bezahlen diese bei der folgenden
Reisernte. Von einer Zinszahlung in unserem Sinne ist hier keine Rede;
aber die Hndler entschdigen sich, indem sie die Quantitt des zu
empfangenden Reises erhhen. Auch hierin bringen geregeltere Zustnde
Vernderungen hervor; so erzhlte mir der Kajanhuptling _Akam Igau_,
der in seinem Leben viele Handelszge unternommen hatte, dass er
seine ersparten Dollars in Bunut nach malaiischer Weise gegen 3%
monatlichen Zinses unterzubringen beabsichtige.

In auffallendem Gegensatz hierzu werden europische Industrieprodukte,
die aus den Fabriken direkt nach Singapore und von dort durch Chinesen
nach Putus Sibau eingefhrt werden, zu kaum hheren Preisen als in
Europa verkauft. Wir wunderten uns nicht wenig, hier fr fl 1.37
europische Regenschirme kaufen zu knnen, die wegen ihres dnnen
berzuges zwar besser gegen Sonne als gegen Regen schtzten, im brigen
aber hbsch gearbeitet waren. Einfache Schmucksachen, wie vergoldete
Armbnder, waren zu Bazarpreisen kuflich und nette Glasdschen mit
einem Dutzend Fingerringe mit bunten Steinen zu fl. 1 lieferten den
traurigen Beweis, dass in Europa viel Arbeit gegen geringe Belohnung
geleistet werden muss.

Da die Bedrfnisse und das Kaufvermgen der Dajak sehr gering sind,
kann ein Handel mit ihnen auch nur wenige unterhalten und die vielen
Malaien, die langsam flussaufwrts gezogen sind, sehen sich gentigt,
hauptschlich vom Ertrag der Buschprodukte zu leben. Jedoch auch
die Buschprodukte mssen schon seit Jahren aus sehr entfernten
Gegenden geholt werden und der Vorrat ist so beschrnkt, dass er
nicht mehr allen einen Verdienst liefern kann. Um der dringenden
Not abzuhelfen, wurde, bei meinem frheren Aufenthalt am Mendalam,
der Kapuas freigegeben, um aus dein Flussand Gold zu waschen. Die
Goldwscherei ist hier zwar nicht sehr lohnend, reicht jedoch zum
Unterhalt einer Familie aus, da auch Frauen und Kinder sich an
der Arbeit beteiligen. In Anbetracht des Umstandes, dass sich die
benachbarten Dajakstmme dadurch in ihren Rechten verkrzt glaubten,
verlangte diese Massregel viel Umsicht und Geschicklichkeit seitens
des Kontrolleurs, und die Goldwscherei wurde auch nicht weiter als
bis zur Mndung des Krhau gestattet.

Dergleichen Rechte der Dajak auf die Erzeugnisse des Landes werden
brigens auch beim Sammeln von Buschprodukten bercksichtigt und die
Sitte verlangt, dass dem betreffenden Dajakhuptling 10% des Ertrages
abgeliefert werden. Am oberen Kapuas sind durch das Hin- und Herziehen
der Stmme die Ansprche auf Lndergebiete so kompliziert geworden,
dass die hollndische Verwaltung sich in diesem Stromgebiet mit der
Einnahme und Verteilung der Steuern unter den Huptlingen hat befassen
mssen. Auch die ausserhalb wohnenden Pnihinghuptlinge vom Mahakam
kommen hierbei in Betracht, da auch sie frher am Kapuas lebten.




KAPITEL II.

    Aufenthalt in Patus Sibau--Aussichten fr die
    Mahakamreise--Besuch der Batang-Lupar Aufbruch nach Tandjong
    Karang--Einrichtung des Kajan Hauses--rztliche Praxis
    unter der Bevlkerung--Vorbereitungen fr den Zug nach dein
    Mahakam--Rckkehr nach Putus Sibau Einkauf von Ethnographica und
    Krankenbehandlung--Verwundung eines Sibau Dajak.--Zurcksendung
    eines Jgers--Besuche der Kajan--_Usun_ in Putus Sibau--Befragen
    der Vgel--Aufbruch nach dem Mahakam.


Der Kontrolleur von Putus Sibau, dein schon von Batavia aus die
Bestellung von Bten aufgetragen worden war, hatte uns bereits
erwartet und die Kaserne seiner Schutzsoldaten zur Aufnahme unserer
Mannschaften und Gter vorbereitet. Nachdem wir uns in der alten
Umgebung wieder eingerichtet hatten, erkundigten wir uns, wie es
mit der Aussicht auf eine Expedition zum Mahakam stehe. Vorlufig
waren die Aussichten noch nicht glnzend; die Kajan am Mendalam
waren noch mit der Ernte beschftigt; ihr Huptling _Akam Igau_,
der mich bereits auf der vorigen Reise begleitet hatte, befand sich
eben am Emblau, um mit den Erbfeinden der Kajan, den Batang-Lupar
(auch Hiwan genannt) aus Serawak, zu beraten; endlich lauteten auch
die Berichte vom Mahakam beunruhigend. Wie bei allen bsen Gerchten
aus diesen Gegenden, standen auch jetzt wieder begangene Mordtaten im
Vordergrund: die Bungan Dajak sollten einen Malaien _Adam_, der 1896
meinen Zug zum Mahakam zu verhindern gesucht hatte, gettet haben
und am _Boh_ sollten fnf Batang-Redjang, welche am Flussufer nach
Buschprodukten suchten, ermordet worden sein.

Bald stellte sich auch heraus, dass die Kajan die bestellten Bte noch
nicht fertig hatten, so dass die wenigen Monate gnstiger Reisezeit,
die uns noch brig blieben, sicher mit Vorbereitungen verstreichen
mussten.

Sobald _Akam Igau_, den der Kontrolleur mit dem kleinen Dampfer
"de Punan" vom Emblau zurckholen liess, unsere Plne gehrt und
sich berlegt hatte, erklrte er sich bereit, uns zu begleiten. Seine
Zusage war fr uns eine grosse Beruhigung; wir ersahen aus ihr, dass
er, der die Denkweise seiner Verwandten am Mahakam besser als irgend
jemand kannte, die Aussicht auf Erfolg fr gengend gross hielt, um
mit uns die Reise zu wagen. Seine Zusage bezog sich jedoch nur auf ihn
und einige seiner Leibeigenen; um aber eine rationelle und ausgiebige
Untersttzung zu erlangen, musste ich selbst mit den verschiedenen
Niederlassungen der Kajan am Mendalam Unterhandlungen anknpfen.

Auf meiner letzten Reise hatte ich einen jungen, _Akam Igau_ feindlich
gesinnten Huptling, namens _Tigang Aging_, vorn Zuge ausschliessen
mssen, weil ich Zwistigkeiten zwischen beiden frchtete; jetzt aber
hatte ich so viel mehr Personal bei mir, dass auch mehr Trger und
Ruderer erforderlich waren, als eine einzige Niederlassung liefern
konnte; es war mir daher sehr willkommen, dass auch Tigang zum Mitgehen
bereit war.

Die Unterhandlungen begannen wiederum mit einer Diskussion ber die
Zeit des Aufbruchs.

Obgleich die Ernte noch nicht beendet und das grosse Neujahrsfest
noch nicht gefeiert worden, zu den Reisevorbereitungen also noch
ein berfluss an Zeit vorhanden war, lautete der Vorschlag seitens
der Kajan doch, dass nicht vor der folgenden Saatzeit aufgebrochen
werden sollte, was einen Aufschub von fnf Monaten und ein Reisen
zu ungnstiger Jahreszeit bedeutete. Ich appellierte jedoch an ihren
gesunden Verstand und suchte ihnen begreiflich zu machen, warum dieser
Vorschlag unausfhrbar war; im brigen berliess ich diese wichtige
Frage jedoch der Zukunft, da ein erwarteter Vershnungsbesuch der
Batang-Lupar, die sich noch am Emblau aufhielten, die Gemter sehr
erregte und fr andere Interessen unzugnglich machte.

Diese Batang-Lupar kamen nmlich, etwa 100 Mann stark, aus dem
Gebiete von Serawak und standen unter Fhrung von zweien der grssten
Huptlinge am mittleren Batang-Redjang, _Kanjan_ und _Rawing_. Beide
hatten sich als Anfhrer des grossen Feldzuges der Batang-Lupar gegen
die Kenjastmme im Quellgebiet des Balui oder oberen Batang-Redjang
einen grossen Ruf erworben. Schon seit alter Zeit lebten die
Batang-Lupar mit den Taman und Kajan am Mendalam auf dem Kriegsfuss,
jetzt kamen ihre Huptlinge, wie sie sagten, um Frieden zu schliessen.

Nach ihrer Art und Weise zu reisen waren diese Batang-Lupar schon
seit sechs Monaten unterwegs; ihre wahrsagenden Vgel hatten sie
stets wieder gezwungen Halt zu machen und sie selbst hatten jede
Gelegenheit benutzt, um im Gebirge Buschprodukte zu sammeln. Auch
hatte ihnen im Urwald die Herstellung von Bten zum Befahren des
Emblau viel Zeit gekostet.

In Borneo ist jeder Fremdenbesuch verdchtig, da nach Landessitte
eine gute Gelegenheit Kpfe zu jagen auch auf Gste sehr verlockend
wirkt. Bedenkt man, dass der Kontrolleur in Putus Sibau mit seinen
8 Schutzsoldaten keine starke Festung zur Verfgung hatte, so nimmt
es nicht Wunder, dass man auch dort sehr auf der Hut war.

Sicherheitshalber hatte der Kontrolleur _Kanjan_ und _Rawing_ nur mit
30 Mann Gefolge nach Putus Sibau zu kommen gestattet, auch sollten
die beiden Huptlinge nur eine Nacht in jeder Kajan Niederlassung
verbringen und zwar ohne ihr Geleite. Um ihnen diesen Beschluss
mitzuteilen, war _Akam Igau_, der als weitgereister Mann auch diese
Stmme kannte, zum Emblau gesandt worden.

Ich erlebte noch die Ankunft der Batang-Lupar in Putus Sibau und hrte
ihre indirekten Berichte vom Mahakam. Da empfing ich von den Mendalam
Kajan aus Tandjong Karang die Nachricht, dass sie mich, ihrer vielen
Kranken wegen, mit Ungeduld erwarteten. Obgleich die Friedensfeier
sehr interessant zu werden versprach, beschloss ich doch, der Bitte
meiner Kajanfreunde bald Folge zu leisten.

An Vorrten und Tauschartikeln nahm ich nur das Notwendigste mit,
alles brige liess ich unter der Obhut des Kontrolleurs in Putus
Sibau zurck.

_Demmeni_ und _Bier_ sollten whrend meines Aufenthaltes bei den
Kajan ihre Zeit dazu verwenden, ihre Ausrstung in Ordnung zu
bringen. Ersterer sollte ausserdem die Aufsicht ber einige Leute
aus Buitenzorg fhren, die Kisten und Blechsachen zu reparieren oder
herzustellen hatten.

_Doris_ der Prparator begann sogleich seine Ttigkeit auf zoologischem
Gebiet, whrend die beiden Javanen, _Sekarang_ und _Hamja_, hier
gute Gelegenheit hatten, sich im Sammeln und Lebendkonservieren von
Urwaldpflanzen zu ben. Obgleich beide nur im botanischen Garten von
Buitenzorg gearbeitet hatten, zeigten sie sich doch bald, in noch
hherem Grade als ihre Kollegen im Jahre 1896, zur Erfllung ihrer
Aufgabe befhigt.

Wegen der Schwierigkeit, die Kajan auch nur fr einen Tag zur
Unterbrechung ihrer Arbeit zu bewegen, um mich und mein Gepck
nach Tandjong Karang abholen zu lassen, mietete ich einige Malaien,
die sich nie durch anderweitige Pflichten daran verhindert sehen,
einen Extralohn zu verdienen.

Bte lieh mir der Kontrolleur und so konnte ich bereits am 7. Juni
zum Mendalam aufbrechen.

Als wir, nach fnfstndiger Fahrt, um die letzte Flussbiegung fuhren,
trat mir das wohlbekannte Tandjong Karang wieder vor Augen: hinter
einem Vordergrunde von dunkelgrnen Fruchtbumen und zahlreichen
kleinen, zerstreuten Reisscheunen kam das hohe, gerade Dach der langen
Kajanwohnung zum Vorschein. Das Haus dehnte sich parallel dem Ufer
ber eine 250 m lange Strecke aus; sein 15 m hoher First, der sich
gegen den hellen Himmel besonders scharf und geradlinig abhob, war nur
in der Mitte, ber der Wohnung des Huptlings, um einige Fuss erhht.

Mit Stangen das Boot lngs dem Ufer vorwrtstreibend, erreichten
wir bald die Steinbank vor dem Hause und ich verliess mein Fahrzeug,
umringt von Kindern, von denen mich einige mit dem Finger im Munde
verlegen anstarrten; durch meinen vorigen Besuch waren sie jedoch
schon zu sehr an mich gewhnt, um fortzulaufen. Ein vielbetretener Pfad
fhrte mich das hohe Ufer hinauf; weiter diente ein langer Baumstamm
als Brcke ber einen 5 m tiefen Graben, den der Strom seit meinem
letzten Aufenthalt hatte entstehen lassen. Hieran schloss sich ein aus
1 m breiten Brettern bestehender Steg, der in 1 1/2 m Hhe ber dem
Erdboden auf Eisenholzquerbalken ruhte, die wiederum in die ffnungen
senkrecht stehender Pfhle eingefgt waren. Dergleichen Pfhle werden
gewhnlich mit grotesken Menschenfiguren verziert, hier war man aber
noch nicht so weit. Dieser 40 m lange Steg fhrte zu einer kleinen
Plattform am Fuss der Haustreppe. Wir hatten bei diesem Gang den mit
Fruchtbumen und Reisscheunen besetzten Vorderplatz passiert, der
ausserdem viele kleine mit Sirih (Piper betle) und Gemse bepflanzte
Grtchen enthielt, welche gegen die vielen frei herumlaufenden Schweine
und Hhner mit festen flecken umgeben waren.

Am Fuss der Treppe stand _Akam Igau_; er empfing mich sehr erfreut und
forderte mich auf, ins Haus einzutreten. Auf der Galerie des 5 m ber
dem Erdboden auf einem Wald von Pfhlen ruhenden Hauses hatte sich bei
meiner Ankunft eine Menge brauner Gestalten  aus den verschiedenen
Wohngemchern versammelt, vor allem Frauen und Kinder, die ihre
Neugier am wenigsten zu beherrschen schienen. Die gute Kajansitte
forderte jedoch, dass sich keiner unsere frhere Bekanntschaft
merken liess, bevor ich ihn mit einem Kopfnicken begrsst hatte,
d.h. auch das Kopfnicken entsprach eigentlich nicht der Sitte; denn
unter einander begrssen sich die Kajan berhaupt nicht. Besuchen sie
einander, so machen sie es sich erst bei ihren Gastherren gemtlich,
bevor sie fr diese zu sprechen sind.

Die Frauen trugen offenes Haar, blossen Oberkrper und verschiedene
Halsketten; von unterhalb der Hften bis zu den Fssen bekleidete sie
ein Rckchen, das mittelst zweier Perlenschnre am Krper festgebunden
war. Von den Kindern liefen nur die kleinsten nackt umher, die ungefhr
zweijhrigen trugen bereits ein Rckchen oder Lendentuch. Die Kleidung
der Mnner bestand bei den meisten nur in einem Lendentuch, einige
erfreuten sich auch des Besitzes einer bunten malaiischen Hose.

Nachdem sich die Menge etwas verlaufen hatte, liess sich die mchtige
Galerie des Hauses in ihrer ganzen Ausdehnung berblicken.

Bei allen Dajak herrscht die Sitte, dass der ganze Stamm in einem
einzigen langen Hause (_uma_) wohnt; sie tun dies der Sicherheit
wegen. Aus dem gleichen Grunde bauen sie ihre Huser auch auf Pfhlen,
mehrere Meter ber dem Erdboden; jedes Haus dient bei berfllen
zugleich auch als Festung gegen den Feind. Von der Galerie (_awa_)
fhren an der durchlaufenden, mittleren Hauswand (_liding_) in
Abstnden von 4-6 m Tren mit 1/2 m hohen Schwellen in die dahinter
gelegenen Wohngemcher (_amin_) der einzelnen Kajanfamilien. Vor
der Huptlingswohnung (_amin aja_), wo das Dach etwas erhht war,
erreichte auch die Galerie eine grssere Breite und ragte mit erhhtem
2 m breitem Fussboden nach aussen vor. Dieser Ausbau, auf dem ein
Herdplatz angebracht war, diente als Gastgemach und war auch mir
als solches angewiesen. Bau, Ausfhrung und Reinheit der Galerie
fielen angenehm auf; der Fussboden bestand aus gut bearbeiteten
aneinanderschliessenden Planken, auf denen man auch abends, ohne
seine Gliedmassen zu riskieren, ruhig umhergehen konnte.

Vor jeder Wohnung bzw. jedem Wohngemache stand neben der Tr ein zum
Reisstampfen bestimmter Block, (_lesong)_.

An der Aussenseite, wo das schrge Schindeldach nur t m ber dem
Fussboden hing, war die Galerie durch eine Reihe horizontaler Latten
abgeschlossen.

Whrend meine Leute das Gepck nach oben ins Gastzimmer brachten, lud
mich _Akam Igau_ zur Begrssung seiner Familie in seine Wohnung ein.

In gebckter Haltung ber die Trschwelle steigend gelangte ich
in einen schmalen langen Gang, der mitten in ein 8  12 m grosses
Gemach fhrte. Mnner, Frauen, Kinder und Hunde bewegten sich in dem
rauchgeschwrzten Raume durcheinander.

Beim Lichtschein, der sprlich durch das grosse, mittelst einer
Palmblattklappe geschlossene Dachfenster (_huwbw_) hereindrang,
bemerkte ich lngs den Wnden verschiedene gesonderte Rumlichkeiten,
welche den verheirateten Familiengliedern, die im brigen alle
zusammenlebten, als Nachtquartier dienten. Lngs der Galeriewand erhob
sich ein 5 m breiter Herd auf dem etliche eiserne Tpfe (_taring_)
auf Dreifssen zum Kochen gestellt waren. Auf Wandgestellen ber dein
Feuer befanden sich, durch den Rauch vor Feuchtigkeit und Insekten
geschtzt, die Kchenvorrte: das sehr kostbare Salz, Bataten, Mais
und trockene Zuspeisen fr den Reis.

Die Kochgertschaften bestanden ausschliesslich aus flachen
Eisenpfannen verschiedener Grsse, whrend zum Wasserholen grosse
Bambusgefsse und Kalabasse dienten.

ber den Gestellen mit Esswaren befanden sich andere mit sorgfltig
gestapeltem Brennholz, das hier zum Trocknen ausgebreitet war.

Whrend ich die Umgebung musterte, hatten die Hausbewohner Zeit
gehabt, sich von der Erregung, welche meine Ankunft verursacht hatte.,
zu erholen, und ich begann die Hauptpersonen der Gesellschaft zu
begrssen. Die Tchter des Huptlings und deren Ehemnner kamen
zuerst an die Reihe, die jngeren Shne waren zum Glck nicht allzu
schchtern.

Auch verschiedene Sklavenfamilien, die bei der Hausarbeit behilflich
sein mussten, hausten in diesem Gemache.

An der Aussenwand gegenber der Tr (_betamen_), wo der Zimmerboden
etwas erhht war, standen in langer Reihe grosse Gonge und Tempajan
(chinesische Tpfe); die lteren und kostbareren waren mit den
brigen Familienstcken wie: alte Schwerter, Speere und Perlen,
in den gesonderten Rumlichkeiten geborgen.

Um die Anwesenden baldmglichst von meiner bengstigenden Gegenwart
zu befreien, ging ich wieder auf die Galerie hinaus und sorgte dort,
dass mein Gepck geschickt gestapelt wurde, damit fr mein  Klambu
(Moskitonetz) noch Platz brig blieb. Mittelst einiger Matten wurde der
Raum schnell in ein Zimmer verwandelt, das mir nach der langen Reise
sehr willkommen war. Sobald konnte jedoch von Ruhe keine Rede sein,
denn die Malaien aus Putus Sibau mussten ihren Lohn erhalten, um noch
am selben Tage zurckzukehren, und bald strmten auch besorgte Eltern
mit kranken Kindern und besorgte Kinder mit kranken Eltern herbei,
die alle von meinen allmchtigen Arzneien Hilfe erwarteten.

Nachdem ich etwas geruht und von dem genossen hatte, was mein
Diener auf dajakischem Herde fr mich bereitet hatte, reichte
das Tageslicht noch gerade zu einem Spaziergang in der Galerie;
absichtlich beschftigte ich mich mehr mit den leblosen als mit den
allzu schreckhaften lebenden Wesen meiner Umgebung.

Das lange Haus enthielt ungefhr 50 verschiedene Rume, jeder von
einer mehr oder minder zahlreichen Familie bewohnt und von nahezu
gleicher Grsse; nur die Einrichtung der Zimmer war, je nach der
Wohlhabenheit ihrer Bewohner, verschieden.

ber jeder Haustr standen auf horizontalen Balken der Vorwand grosse
Krbe mit Rotang und Fischerei- und Ackerbaugertschaften.

Auch in diesen kleineren Wohnrumen der gewhnlichen Leute herrschte
wie bei der Huptlingsfamilie das Prinzip der gesonderten Schlafkammern
fr Verheiratete und junge Mdchen. Die jungen, unverheirateten Mnner
schlafen vom achten Jahre an in der Galerie.

Am folgenden Tage setzten mit Hilfe des Huptlings einige Mnner
das Gerst fr eine Htte von 4  6 m Bodenflche zusammen; mit
den mitgefhrten Palmblattmatten wurden die Wnde belegt und mit
Segeltuch das Dach gedeckt, so dass ich bereits abends mein Klambu
im neuen Palast aufstellen konnte; hier belstigte ich die Bewohner
des langen Hauses nicht und war auch selbst in ruhigerer Umgebung.

In den ersten Tagen erneuerte ich die Bekanntschaft mit einstigen
Freunden und Freundinnen; bei allen hatte ich anfangs eine gewisse
Zurckhaltung zu berwinden, die aber nur ihrer Sitte entsprang;
denn sie schwand bei einem freundlichen Blick oder Wort oder kleinen
Geschenk. Obgleich ich fast alle bekannten Gesichter wiederfand,
war es doch Zeit, dass ich mit meinen Arzneien den Kampf gegen die
bsen Geister, die Urheber aller Krankheiten, wieder aufnahm. Einen
kleinen Jungen, der, durch Syphilis erschpft, seinen Eltern schon
monatelang Angst und Sorgen bereitet hatte, konnte ich nicht mehr
retten, er starb drei Tage nach meiner Ankunft; das verzweifelte
Jammern seiner Mutter tnte mir noch lange Zeit in den Ohren. Kleine,
infolge leichter Malariaanflle anmisch aussehende Patienten wurden
mir in grosser Zahl gebracht; in den ersten 14 Tagen kamen sie
regelmssig zu bestimmter Zeit, um ihre Chinindosis einzunehmen.

Obgleich die Rosen, die auf ihre Wangen zurckkehrten, einen etwas
brunlichen Ton hatten, so war doch das Schwinden der graugelben
Hautfarbe, die wiederkehrende Frhlichkeit und das gesndere Aussehen
erfreulich zu beobachten.

Bei meinem ersten Besuch in Tandjong Karang hatte ich die Leute nur
mit Mhe dazu bringen knnen, mir irgendwelche Gegenstnde fr meine
ethnographische Sammlung abzutreten; jetzt brachte man mir bereits
von selbst allerhand Sachen. Ich suchte aber nur einige besonders
schne Schnitzereien in Horn und Holz zu erlangen, da es mir nur
darum zu tun war, meine beiden frheren Sammlungen zu vervollstndigen.

Mein Hauptinteresse galt aber der Vorbereitung fr die Expedition,
d.h. dem Einkauf von Bten und Reis. Zwar waren, wie erwhnt, bereits
vor langer Zeit 25 Bte bestellt worden, aber aus Ungewissheit und
Sorglosigkeit hatten die Kajan die Arbeit noch nichtbeendet, obgleich
sie dieses Mal zum Glck mehr zu Stande gebracht hatten, als vor
meiner frheren Reise. Um den Leuten zu zeigen, dass es mir Ernst
war, suchte ich auch nach alten brauchbaren Bten und zwar mit gutem
Erfolge. Sobald der eine Kajan sah, dass sein Nachbar an seinem Boote
arbeitete, machte auch er sich, um nicht im Rckstande zu bleiben,
ans Werk; so half die Konkurrenz mehr als alle Worte. Der Konkurrenz
verdankte ich es auch, dass ich die Bte zu den gleichen Preisen wie
frher erhielt. Da ich fr meine Vogel- oder mexikanischen Dollars, die
in West-Borneo noch stets neben dem hollndischen Gelde zirkulieren,
in Singapore nur fl. 1.10 bezahlt hatte und die Chinesen sie den Dajak
immer noch zu fl. 1.50 berechnen, kaufte ich sehr vorteilhaft ein.

Noch mehr Schwierigkeiten als das Herbeischaffen von Bten bereitete
der Einkauf von Reis; ich hatte ihn in grosser Menge ntig und der
Reisvorrat der Kajan war beinahe erschpft.

Es lag mir daran, von dem Gelde, das fr Reis ausgegeben werden musste,
besonders viel den Kajan selbst zukommen zu lassen, daher  verabredete
ich mit _Akam Igau_, dass er unter den Familien von Tandjong Karang
100 Dollar verteilen sollte, fr die sie mir nach der Ernte Reis
zu liefern hatten. _Akam Igau_ behielt jedoch einen guten Teil des
Geldes fr sich und seine Leibeigenen und folgte bei der Verteilung
so sehr seinen Sympathieen, dass einige, die auch etwas beitragen
wollten, aber nicht in seiner Gunst standen, leer ausgingen. Als man
mit Klagen zu mir kam, konnte ich mich durch einige Dollars Vorschuss
einer weiteren Quantitt Reis versichern. Leider war dieses Verfahren
nicht auch in den hher gelegenen Niederlassungen anwendbar; die
Ernteaussichten waren dort sehr schwach, und viele Mnner beteiligten
sich nur deshalb an der Expedition, um spter mit dem verdienten Lohn
fr sich selbst Reis einkaufen zu knnen.

Kaum hatten die Chinesen und Malaien in Putus Sibau gemerkt, dass
es etwas zu verdienen gab, als auch sie mir anboten, nach der Ernte,
sobald die benachbarten Dajakstmme ihnen ihre Schuld in Reis bezahlt
haben wrden, einige Tausende von Kilo zu liefern.

Inzwischen kam auch wieder die Frage nach dem Termin des Aufbruchs zur
Sprache. Bald nach der Abreise der Batang-Lupar kam _Tigang_ nochmals
zu mir und erklrte, dass seine Leute nicht vor der nchsten Reissaat
aufbrechen wollten. Glcklicher Weise sind die Kajan Beweisgrnden
zugnglich, so dass mir _Tigang_ auf meine Bemerkung, dass nach dem
langen Warten eine ungnstige Reisezeit angebrochen sein wrde, nichts
anderes erwidern konnte, als dass die Beteiligung an der Expedition
den Kajan viele Opfer kostete.

Nach langem Hin- und Herreden wurde beschlossen, dass die Mnner nach
dem Erntefest einige neue Grundstcke fr die Anlage der Reisfelder
suchen sollten und dass wir, wenn auch das Fllen des Waldes beendet
sein werde, die Reise antreten sollten.

_Akam Igau_ war zwar bei dieser Verhandlung nicht gegenwrtig gewesen,
ich wusste aber doch, dass auch er fr einen beschleunigten Aufbruch
war und fragte ihn daher nicht um seine Meinung. Wir hatten zugleich
berlegt, dass es unmglich sein wrde, fr die 140 Mann, die sich
am Zuge beteiligen sollten, auch den Proviant in den Bten gleich
mitzufhren; es sollte daher ein Vorrat Reis und Salz so schnell und
so weit als mglich den Kapuas aufwrts transportiert und dort bewacht
werden, bis wir nachkamen und ihn ber Land Weiterschaffen konnten.

Als die Zeit des Aufbruchs ungefhr bestimmt war, erkundigten sich
die verschiedenen Huptlinge nach der Zahl der Dorfgenossen, die
mitgehen konnten. Bald trat die alte Eifersucht zwischen _Akam Igau_
und _Tigang_ wieder zu Tage; letzterer erzhlte triumphierend, dass
er in Tandjong Kuda, seinem Dorf, 50 Mann aufstellen konnte, Tandjong
Karang dagegen nur 30, Pagong nur 10 und die Ma Suling ebenfalls nur
10 Mann. Da _Tigang_ der Schwiegersohn von _Akam Lasa_, dem Ma Suling
Huptling, war, der selbst nicht mitziehen konnte, so fgte sich der
Anfhrer der Ma Suling mehr _Tigang_ als _Akam Igau_.

Dieser wusste jedoch, dass ich ihn, den erprobten Fhrer, doch als
Leiter des Ganzen behandeln wrde und nahm sich die geringere Anzahl
seiner Mnner nicht zu Herzen.

Inzwischen war die Ernte vorber und das Erntefest mit gewohnter Freude
und Feierlichkeit begangen worden; ich hatte mich wiederum davon
berzeugen knnen, in wie hohem Masse die ganze Bevlkerung von den
fr Europer so unbegreiflichen und unsinnigen religisen Zeremonien
ergriffen wurde. So verging der ganze Monat Juni; da er sehr trocken,
also zum Reisen usserst geeignet gewesen und ich ausserdem berzeugt
war, dass es noch lange dauern wrde, bevor wir uns in Bewegung setzen
konnten, machte mich das Warten sehr ungeduldig. Es war mir noch ein
Trost, dass ich, nachdem ich erst 12 Bte mit einer grossen Menge Reis
nach Putus Sibau hatte bringen lassen, einige Tage darauf eine zweite
Truppe Kajan aus Tandjong Karang mit 2000 kg Reis und 14 Blechgefssen
Salz den Kapuas aufwrts schicken konnte. Sie sollte versuchen, den
Kapuas, Bungan und Bulit bis zu dem Ort hinaufzufahren, von wo aus der
Landweg beginnen sollte; zwei bewaffnete Schutzsoldaten, von denen der
eine, Korporal _Suka_, bereits auf einer Expedition am oberen Melawie
sich ausgezeichnet hatte, und ein Kajan, der die Punansprache kannte,
wurden als gengende Bewachung im unbewohnten Berglande angesehen.

In Putus Sibau war es dem Kontrolleur inzwischen gelungen, die
tchtigsten der bewaffneten malaiischen Schutzsoldaten dazu zu bringen,
uns zum Mahakam zu begleiten.

Zu unserem Erstaunen war auch ein malaiischer Huptling, Raden _Inu_,
sein Bruder, _Abang Ganda_, und ein Untergebener, _Persat_, aus
dem Pinaugebiet am Melawie nach Putus Sibau gekommen; diese hatten
zuflliger Weise gehrt, dass der Kontrolleur, den sie von frher
her kannten, eine grosse Reise antreten sollte, und wollten sich nun
aus alter Anhnglichkeit an derselben beteiligen. Ein Zuwachs der
Gesellschaft erschien uns anfangs zwar nicht sehr erwnscht, weil die
Leute aber so viel Eifer an den Tag legten, beschlossen wir doch, sie
mitzunehmen, und haben es spter auf der Reise nicht zu bereuen gehabt.

Mein Aufenthalt am Mendalam war nun nicht mehr unbedingt notwendig und
auch _Akam Igau_ drang darauf, man solle sich zur Reise vorbereiten,
damit man nach der Rckkehr der Gesandtschaften gleich aufbrechen
knne; ich nahm daher zum Leidwesen meiner vielen Freunde und Bekannten
von Tandjong Karang Abschied und kehrte nach Putus Sibau zurck.

Hier waren unterdessen aus Pontianak nachbestellte Gter angekommen,
auch allerhand ntzliche Dinge, wie Kisten fr Lampen und andere
tgliche Gebrauchsartikel, verfertigt und ein Vorrat Segeltuchs
zugeschnitten, besumt und mit Seilen versehen worden. Ferner hatte
_Demmeni_ auf seine photographische Ausrstung viel Arbeit verwandt;
ebenso _Bier_ fr eine topographische Aufnahme des Mahakamgebietes
alles vorbereitet.

Um alles hatte sich der Kontrolleur _Barth_ bekmmert, und ich sah
zu meiner Befriedigung, dass er auch mit den Eingeborenen sehr gut
umzugehen verstand. Da die allgemeine Verkehrssprache der Bahau,
das Busang, ihm noch unbekannt war, hatte er sich alle Mhe gegeben,
sie vor dem Beginn des Zuges zu erlernen.

Ich hatte bereits 1894 dem ltesten Sohne _Akam Igaus_, namens _Ju_,
das Lesen und Schreiben mit lateinischen Buchstaben beigebracht; nun
hatte er den Kontrolleur gebeten, auch seinen jngeren Sohn, _Adjang_,
im Lesen und Schreiben des Malaiischen, das er nur notdrftig sprach,
zu unterrichten. _Adjang_ war studienhalber nicht nur monatelang
beim Kontrolleur in Putus Sibau geblieben, sondern zog auch mit
uns zum Mahakam. Whrend unserer Reise durch den Urwald lernte er
abends im Lager seine Lektionen ebenso eifrig wie in Putus Sibau,
und am Mahakam angekommen las und schrieb er bereits befriedigend.

Da an der Ausrstung nichts mehr zu tun brig blieb und das fr
die Reise so gnstige trockene Wetter anhielt, htte mich die
Ungeduld, endlich fortzukommen, sehr geqult, wenn die Bewohner der
Niederlassungen ober- und unterhalb von Putus Sibau meine rztliche
Hilfe nicht stndig in Anspruch genommen und mich gezwungen htten,
mich um ihre Interessen zu bekmmern.

Unterhalb Putus Sibau waren in den letzten Jahren Niederlassungen
der Kantu Dajak entstanden. Dieser mit den Batang-Lupar verwandte
Stamm aus dem Seengebiet war von diesen aus seinem alten Wohnplatz
nach Sdwesten vertrieben worden. Seit der Zeit hatten sich die Kantu
bald hier bald da in sehr kleinen Niederlassungen weiter oben am Kapuas
verteilt. Sie waren viel zugnglicher als die Kajan und interessierten
mich auch durch ihre Kunstfertigkeit in der Herstellung von Webereien
und Perlenarbeiten, so dass ich es lebhaft bedauerte, mich mit ihnen
aus Zeitmangel nicht mehr abgeben zu knnen. Da sie mehr als die
anderen Stmme geneigt waren, ihre seltenen Produkte um hohen Preis
loszuschlagen, gelang es mir, in kurzer Zeit allerlei anzuschaffen,
was mir von ihrer sehr hoch stehenden Webe- und Frbeindustrie eine
Vorstellung geben konnte.

Auch mit den weiter oben wohnenden Taman Dajak kam ich dadurch in
Berhrung, dass sie mir ihre Kranken brachten und durch vorteilhaften
Verkauf ihrer eigenartigen Kleidungsstcke von mir zu profitieren
trachteten. Verschiedene Personen boten mir auch ihre aus bunten
Perlen und Muscheln (Nassa callosa) verfertigten Jckchen und
Rckchen an, die sie frher bei ihren religisen Festen trugen, jetzt
aber, wegen der Ausbreitung des Islam in ihrem Stamm, nur selten
mehr gebrauchten. Diese in schnen farbigen Mustern ausgefhrten
Kleidungsstcke sind in jeder Familie altes Erbgut, dessen Herstellung
viel Zeit und Geld gekostet hat; unter gewhnlichen Umstnden sind
sie auch beinahe nicht zu erlangen. In dieser Erwgung kaufte ich die
schnsten dieser Kleidungsstcke und rettete sie so vor dem Untergang.

Die meisten kosteten 20 bis 26 Dollar; fr ein besonders schnes
Rckchen musste ich sogar 35 Dollar bezahlen. Die Besitzerin dieses
Kleinods, eine Taman Frau am Mendalam namens _Litong_, war anfangs
durchaus nicht geneigt, mir diesen ihren schnsten Schmuck abzutreten
und ich hatte bereits alle Versuche, sie zu erweichen, aufgegeben,
als ihr Vater, von einem Handelszuge aus Bunut zurckkehrend, den
hohen Preis erfuhr, den ich geboten. So kam er eines schnen Tages
nach Putus Sibau und bergab mir sehr erfreut fr die 35 Dollar das
Rckchen. Htte ich geahnt, dass er ganz gegen den Wunsch seiner
Tochter handelte und dass diese, wie ich spter durch Kajan erfuhr,
vor Kummer heisse Trnen vergossen, so htte ich meine Sammellust
vielleicht bezwungen.

Auch die Taman Dajak, die am Sibau wohnten, der neben unserer Wohnung
in den Kapuas strmte, trugen dazu bei, uns die erzwungene Ruhe nicht
allzu fhlbar werden zu lassen. Wenige Tage nach meiner Rckkehr
nach Putus Sibau holten vier dieser Sibau Dajak mich in einem
Boot in ihre Niederlassung ab, wo einer der Ihren, der sich beim
Holzhacken mit dem Schwerte das Bein verletzt hatte, heftig blutend
darniederlag. Den Verwundeten nach Putus Sibau zu bringen schien
unmglich; so blieb mir nichts anderes brig, als mit den ntigsten
Hilfsmitteln und einem unserer Malaien zum Kranken zu reisen. Nach
dreistndiger Fahrt in schwankendem Nachen erreichten wir das lange
Haus, auf dessen grosser Galerie vor der Huptlingswohnung eine Menge
Mnner, Frauen und Kinder um eine Gruppe herumhockte, die sich mit
der Pflege des Kranken beschftigte. Dieser schien ein krftiger
junger Mann zu sein; auf dem Rcken zwischen seinen jammernden
Angehrigen liegend zeigte er bereits eine verrterische graubraune
Leichenfarbe, auch hatte er schon das Bewusstsein verloren und sein
Puls war nicht mehr fhlbar. Sein rechter Fuss war an der Innenseite,
unterhalb des Knchels, verwundet und mit alten Lappen voll geronnenen
Blutes verbunden. Fortwhrend trpfelte noch Blut aus dem Verbande,
was hauptschlich wohl einem zweiten Verbande zugeschrieben werden
musste, den man um die Wade angebracht hatte und der, gleichwie auch
die horizontale Lage des Beines, einen Abfluss des vensen Blutes
verhinderte. Whrend ich den zweiten Verband abnehmen und das Bein
hoch halten liess, erzhlte man mir, wie sich der junge Mann die Wunde
beigebracht hatte. Die Abwesenheit des Pulsschlags bewies, dass die
Blutung auch whrend des Transportes nach Hause sehr heftig gewesen
sein musste. Man hatte, um die Blutung zu stillen, das gebruchliche
Mittel, gekaute Sirihbltter mit Kalk, auf die Wunde gelegt, welch
letzterer adstringierend wirkt und durch das starke Anpressen mittelst
der Bltter zugleich als Tampon dient. Da der Patient augenscheinlich
nicht mehr viel Blut zu verlieren hatte und seine Herzttigkeit sehr
schwach war, musste ich einen neuen Bluterguss bei der Untersuchung zu
vermeiden trachten und hielt daher den Kautschukschlauch am Schenkel
bereit. Zum grossen Erstaunen der Taman kam, da ich das Bein hoch
halten liess, beim Wegnehmen der schmutzigen Lappen und Sirihballen
kein Tropfen Blut mehr aus der Wunde; doch war die bis tief hinter
den maleolus internus reichende Wunde durch die falsche Behandlung
bereits so infiziert, dass an einen aseptischen Heilverlauf nicht zu
denken war.

Vor allem musste der Patient wieder zu Krften kommen, dann konnte man
ihn, zwecks einer rationellen Behandlung, nach Putus Sibau bringen
lassen. Ich desinfizierte daher die Wunde so weit als mglich,
bestreute sie mit Jodoform, tamponierte sie grndlich und empfahl
den Taman, das Bein stndig hoch liegen zu lassen und gut fr den
Patienten zu sorgen.

Dank seiner krftigen Konstitution war der Mann nach zwei Tagen
bereits so weit, dass seine Familie ihn mir zur weiteren Behandlung
nach Putus Sibau bringen konnte. Nachdem ich schon gehofft, dass
keine Nachblutung den Heilprozess stren wrde, rief man mich doch
sechs Tage darauf nachts, weil der Verband ganz mit Blut durchtrnkt
war. Es blieb nun nichts anderes brig, als die Galerie unserer
Kaserne zum Operationszimmer zu machen und den gewandtesten meiner
Gehilfen zum Assistenten zu promovieren. Zum Glck gelang es mir bald,
die Blutungsquelle zu entdecken. Ich hatte bereits vorher versucht, die
Wunde von dem nekrotischen Gewebe zu reinigen, aber die Infektion hatte
sich bereits zu sehr verbreitet. Sobald die Schlinge um den Schenkel
etwas gelockert wurde, quoll in rhythmischen Stssen eine Blutmenge,
augenscheinlich aus der arteria tibialis postica, hervor. Beim Schein
einiger Lampen entfernte ich so lange nekrotisches Gewebe, bis die
Arterie bloss lag; es zeigte sich, dass diese auf die ungnstigste
Weise beschdigt war, nmlich halb durchgeschnitten, so dass die
Enden sich nicht zurckziehen konnten und wegen der Retraktion
der Rnder stndig offen gehalten wurden. Mit einigen Bedenken,
wegen der stark entzndeten und infizierten Umgebung, entschloss
ich mich doch, das Gefss zu durchschneiden und die beiden Enden
zu unterbinden. Glcklicher Weise schlossen sich die Gefsse und
eine Blutung trat nicht mehr ein, trotzdem sich die Entzndung ber
den ganzen Unterschenkel verbreitete. Einige Einschnitte bis in das
subkutane Gewebe, zur Entfernung des Eiters, und eine Aussplung mit
Borwasser bten eine gute Wirkung. Infolge unserer sorgsamen Pflege kam
der Taman bald wieder zu Krften, und nachdem der Kontrolleur von Putus
Sibau nach unserer Abreise noch einige Zeit fr ihn gesorgt hatte,
konnte er wieder nach Hause gebracht werden, wo er bald vllig genas.

Der langdauernde Aufenthalt in Putus Sibau hatte noch den grossen
Vorteil, dass wir uns ber die aus Java mitgenommenen und uns
grsstenteils fremden Leute ein Urteil bilden konnten. Bereits als
ich sie in Dienst nahm, hatte ich dafr gesorgt, dass jeder von ihnen
einen Kameraden oder Verwandten bei sich hatte, damit er sich nicht
einsam fhlen sollte. Da eine gute Stimmung unter den Teilnehmern
einer Expedition deren guten Erfolg wesentlich beeinflusst, freute
es mich sehr, zu bemerken, dass Zwistigkeiten unter unseren Leuten
wenig vorkamen. Nur der zweite Jger, _Djumat_, erregte zu meiner
Verwunderung bei seinen mohammedanischen Glaubensgenossen durch seine
stndigen religisen bungen Anstoss. Wie ich bei meiner Rckkehr
von den Kajan hrte, war er, ein europisches Halbblut, zum Islam
bergetreten. Obgleich beinahe mein ganzes Geleite mohammedanisch war,
hatte ich doch von Beten und von anderen religisen Verrichtungen
nie etwas gemerkt; nur _Djumat_ war hierin sehr eifrig und rgerte
dadurch die anderen so sehr, dass einer der Schutzsoldaten zuletzt
auf seiner Violine zu spielen begann, sobald _Djumat_ seine Gebete
anfing. Wahrscheinlich geschah dies nicht wegen der Andachtsbungen
selbst, dazu waren meine Javaner und Malaien zu friedliebend,
sondern weil sie ihn besser kannten als ich. Bald hrte ich auch
einige Bemerkungen ber _Djumat_, der sich viel mit den Chinesen
auf dem Markte abgab, und eines Morgens fand ich auf der Galerie
einen zusammengefalteten chinesischen Brief, den ich aber nicht
lesen konnte. Etwas Besonderes vermutend, wollte ich meine farbigen
Begleiter doch nicht in die Angelegenheit einweihen, und da auch
unsere Europer das Schreiben nicht lesen konnten, liess ich es
unbeachtet. Der Schreiber schien aber die Sache ernst zu nehmen;
denn zwei Tage darauf erhielt ich ein anderes Briefchen, diesmal
malaiisch geschrieben. Der Inhalt des Briefes war der, dass _Djumat_
den chinesischen Frauen auf dem _pasar_ auf brutale Weise nachstellte
und dass ein derartiges Betragen meines Personals mir am Mahakam
gefhrlich werden konnte. Fr mich war diese Tatsache zu wichtig,
um ihr nicht Rechnung zu tragen.

Mit dem Kontrolleur _Barth_ und dessen Kollegen von Putus Sibau
kam ich berein, dass wir gleich die Ankunft des kleinen Dampfers
"de Punan", der uns die letzte Post und noch einige Gter bringen
sollte, bentzen mussten, um uns dieses lstigen Reisegenossen zu
entledigen. Sobald denn auch der Dampfer angekommen war, erhielt
_Djumat_ zu seiner Verwunderung den Befehl, sich bereit zu halten,
um sich zwei Stunden spter nach Java einzuschiffen. Diese pltzliche
Entlassung musste ihn umsomehr in Erstaunen versetzen als er, wie auch
seine Kameraden, bereits in Java 75 fl. Vorschuss von seinem Lohn
erhalten hatte. Sein Betragen, das in seiner javanischen Umgebung
nicht viel Anstoss erregte, war jedoch in unserer knftigen Lage,
mitten unter den eingeborenen Stmmen, viel zu gefhrlich, als dass
ich die brigen Mnner nicht auf den Ernst eines solchen Vergehens
htte aufmerksam machen mssen. Bereits seit langem wusste ich,
dass eine grosser Teil der Morde und Unglcksflle von Malaien unter
den Dajak hauptschlich daher kam, dass die malaiischen Mnner darauf
ausgingen, die dajakischen Frauen zu verfhren. Obgleich es nmlich bei
den Bahau, nach lngerem Aufenthalt in ihrer Mitte, wohl gestattet ist,
mit einem der jungen Mdchen, die in ihrem Tun und Lassen fast gnzlich
unabhngig sind, ein Verhltnis anzuknpfen, geschieht es doch hufig,
dass die Malaien, mit Hilfe von Geschenken und anderen Mitteln, mit
der ersten besten Frau, die sich hierfr empfnglich zeigt, einen
intimen Verkehr anzubahnen versuchen. Da aber die eheliche Treue bei
diesen Stmmen sehr streng gehalten wird, laden sich die Malaien durch
ihr leichtsinniges Betragen die Rache des beleidigten Gatten auf den
Hals. Ich suchte daher, wenn wir irgendwo bei den Bahau lngere Zeit
bleiben mussten, tun ihr Vertrauen zu gewinnen, alles daranzusetzen,
um ein derartiges Betragen zu verhindern. So hatte ich von Anfang an
getrachtet, etwas ltere Mnner fr unseren Zug anzuwerben und habe
auch spter durch leichtsinniges Betragen meiner Leute nicht viel
Unannehmlichkeiten gehabt.

Nach meiner Abreise von Tandjong Karang nahmen die Kajan noch fters
jede Gelegenheit wahr, um uns in Putus Sibau zu besuchen, teils aus
persnlicher Anhnglichkeit, teils um noch einiges vorteilhaft zu
verkaufen, teils um noch allerhand Neues und Schnes von unserer
Ausrstung zu sehen.

Selten vergingen einige Tage, ohne dass ich Besuch bekam, und
jetzt waren es nicht nur, wie in frherer Zeit, erwachsene Mnner
und einzelne Frauen, die sich aus dem Mendalamgebiet herauswagten,
sondern es kamen auch viele Knaben und Mdchen und sahen sich zum
ersten Mal in ihrem Leben Putus Sibau mit seinen vielen Malaien,
Chinesen und seinem Markt an. Auch viele 18-20 jhrige Frauen
erklrten, noch nie hier gewesen zu sein; zum bernachten konnten
sie sich aber nicht entschliessen, sie sorgten vielmehr alle, vor
Einbruch der Nacht aus dieser fremden Umgebung wieder fortzukommen.

Besonders meine Freundin _Usun_, die lteste und oberste Priesterin
von Tandjong Karang, bentzte jede Gelegenheit, um nach Putus Sibau
zu kommen, und es zeigte sich, dass aufrichtiges Interesse sie
dazu trieb. Bereits bei meinen Besuchen 1894 und 1896 hatte sie mir
allerhand, nach ihren Begriffen schne Geschenke gemacht, auch war
sie die einzige Frau ihres Stammes gewesen, die es gewagt hatte, sich
photographieren zu lassen. Auch jetzt wieder gab sie uns einen starken
Beweis ihres Vertrauens, indem sie einmal mit einer Gesellschaft
vom Mendalam ankam, mehrere Tage allein bei uns blieb und erst mit
einer zweiten Gesellschaft nach Hause zurckkehrte. _Usun_ usserte
oft ihre Besorgnis aller Gefahren wegen, die uns auf den weiten
Reisen bedrohten, besonders beunruhigte sie mein Plan, in das ferne
Gebiet des Apu Kajan, das Stammland ihrer Vorfahren, einzudringen,
ein Land, das in ihrer priesterlichen Wissenschaft einen mythischen
Charakter angenommen hatte und von dem sie wusste, dass es von den
so gefrchteten Kenjastmmen bewohnt wurde.

Wenige Tage vor unserer Abreise kam _Usun_ mit einigen Mnnern und
Frauen von Tandjong Karang zu uns herunter und bat um die Erlaubnis,
bis zu unserer Abfahrt bei uns bleiben zu drfen. Zugleich gab
sie zu verstehen, dass sie, da es nun doch zum Scheiden kam,
beschlossen hatte, ihren kostbarsten, oder besser gesagt, ihren
heiligsten Besitz zwischen ihrem Enkel und mir zu teilen, damit diese
geweihten Gegenstnde mich vor allen Gefahren, denen ich entgegen ging,
beschtzten. Sie bergab mir ein sehr altes Schwert, das, nach der
Aussage meiner 70 jhrigen Freundin, bereits in ihrer Jugend sehr
alt gewesen war, ferner Kieselsteine von aussergewhnlicher Form
in einem kleinen Sckchen und ein steinernes Flschchen mit etwas
Kokosnussl. In diesen ernsten Abschiedstagen wurde _Usun_ gestattet,
ihre Schlafmatte in der kleinen Kammer auszubreiten, in welcher der
Kontrolleur _Barth_ auf einer Seite und ich auf der anderen unsere
Moskitonetze aufgehngt hatten. Beim Erwachen am anderen Morgen sah
ich, dass _Usun_ bereits alle ihre Vorbereitungen getroffen hatte

an der Stelle, wo sie geschlafen hatte, lagen auf einer kleinen Matte
neben einander die fr mich bestimmten Schtze, ausserdem das Geldstck
und die Perlen, die ich ihr als _ust_ gegeben hatte, d.h. damit diese
Dinge in gleicher Weise in ihre Hnde bergehen knnten, wie ihre
Talismane in die meinen und der Geist, der in letzteren steckte, nicht
erzrnt wrde. Darauf sprach sie, vor der Matte hockend, die Geister
an, die in den Gegenstnden hausten und trug ihnen auf, mich gegen alle
Angriffe bser Geister zu schtzen, mich vor Anstrengungen sowie vor
einem Fall in den Bergen oder Tlern zu behten und zu verhindern,
dass meine Seele sich von mir entfernte. Weiter berichtete sie den
Geistern der geweihten Gegenstnde, dass ich die Absicht habe, sie
zum Mahakam und weiter bis zum Apu Kajan zu bringen. Auch erzhlte
sie ihnen, dass ich ihr das Geldstck und die Perlen gegeben, damit
sie an Stelle der alten Gegenstnde in ihren Hnden zurckblieben.

Ich schenkte _Usun_ zuletzt noch, da meine Vorrte es zu erlauben
schienen, einen Satz schner Armbnder aus Elfenbein. Bis zum letzten
Augenblick blieb _Usun_ bei uns und, whrend ich des Morgens mit
dem Verteilen von Menschen und Gtern in die Bte viel zu tun hatte,
strengte sie sich an, mir mit ihren alten Beinen wie mein Schatten
zu folgen und hrte nicht auf, mir unter heissen Trnen Segenswnsche
auf die Reise mitzugeben.

Mit _Akam Igau_ hatte ich abgemacht, dass er seine Leute dazu
bringen sollte, gleich nach der Rckkehr der vorausgeschickten
Gesandtschaften die wahrsagenden Vgel zu befragen. Am 24. Juli
kehrten die Gesandtschaften endlich gemeinsam zurck; ihre Reisen
waren ohne Unfall verlaufen, nur hatten sie, wegen des sehr hohen
Wasserstandes, lange gedauert; auch war es ihnen nicht geglckt,
den Bulit aufwrts bis zum Landweg zu gelangen; sie hatten aber den
Reis an der Mndung des Bulit unter dem Schutze von Korporal Suka
und zwei anderen zurckgelassen.

Den folgenden Tag kam _Tigang Aging_ aus Tandjong Kuda mit dem Bericht,
dass in seinem Dorf fr sechs Tage "_melo njaho_" ein "Stillsitzen
wegen der Vorzeichen" angesagt war, weil man ein Reh ber ein eben
bearbeitetes Feld hatte laufen sehen (ein bses Omen) und dass man
erst nach dieser Ruhezeit, unter Anfhrung des Ma-Suling namens _Obet
Lata_, zur Beobachtung der Vorzeichen aufbrechen wrde.

Nach Ablauf dieser sechs Tage kam _Tigang Aging_ abermals nach
Putus Sibau, diesmal mit dem Vorschlag, wiederum einen Teil unseres
Gepckes unter Aufsicht der zwei alten Huptlinge _Seniang_ und
_Akam Lasa_, je mit zehn Mann; vorauszuschicken. Diese Leute waren
nmlich nicht im stande, den Zug mitzumachen, wollten aber, wie es
schien, auch noch etwas verdienen. Nachdem ich diesem Vorschlage
in der  berlegung zugestimmt hatte, dass wir dadurch spter um
so schneller flussaufwrts fahren konnten und ich, um nur endlich
fortzukommen, mglichst viel Freunde gewinnen musste, verpflichtete
sich wiederum _Tigang_, den _Obet Lata_ bereits am folgenden Tage
auf die Vogelschau auszusenden. Auf diese Weise suchte sich _Tigang_
als Herrn der Mendalambewohner aufzuspielen, obwohl er sehr gut
wusste, dass _Akam Igau_ von mir als Fhrer angesehen wurde. Mein
Hauptziel war jedoch die Abreise, der ich mit Ungeduld entgegensah,
da die Trockenzeit bereits zwei Monate gedauert hatte und jeder Tag
uns Regen und ungnstig hohen Wasserstand bringen konnte; daher fand
ich alles gut, was uns einen Schritt weiter brachte. Es verging aber
ein Tag nach dem andern, ohne dass wir etwas anderes hrten, als dass
die Vgel noch immer nicht alle erforderlichen Zeichen gegeben hatten,
bis endlich am 16. August _Akam Igau_ seinen Sohn _Adjang_ abholte,
um gemeinschaftlich mit den brigen Teilnehmern an der Expedition
ein _melo njaho_ zu feiern, da die Vgel jetzt gengende Auskunft
gegeben hatten. Zwei Tage darauf sollte die ganze Gesellschaft bei
uns eintreffen.

Um _Akam Igaus_ Oberherrschaft wieder einzuschrnken, kam auch
_Obet Lata_ im Auftrage _Tigangs_ am folgenden Tage und meldete,
dass man aus Tandjong Kuda aufbrechen werde, dass man sich aber,
wie auch auf der vorigen Reise, noch einen Tag an der Mndung des
Mendalam aufhalten wolle, um noch einen besonderen Vogel zu befragen.

Am 18. August schlug endlich unsere Befreiungsstunde; denn bereits des
Morgens kam ein bemanntes Boot nach dem anderen hinter der Flussbiegung
zum Vorschein. Auch _Seniang_ und _Akam Lasa_ brachten ihre eigenen
Bte und Leute mit; gegen ihren Vorschlag, bereits am selben Tage
weiterzufahren, hatte ich nichts einzuwenden. Ich gab ihnen eine
gute Ladung Reis und Salz mit und so fuhren sie bereits mittags den
Kapuas aufwrts.

Die Leute, welche die Mahakamreise selbst mitmachen sollten,
bernachteten, der bereinkunft gemss, unter _Akam Igaus_ und
_Tigangs_ Aufsicht an der Mendalam Mndung, trafen aber schon frh
am folgenden Morgen vor unserer Wohnung ein.

Im Ganzen erschienen aus den verschiedenen Niederlassungen am Mendalam
ungefhr 110 Mann, die sich in so viel Gruppen verteilten, als die
Zahl der Drfer und Stmme, denen sie angehrten, betrug.  Die Kajan
aus Tandjong Karang und Tandjong Kuda waren die zahlreichsten,
ihnen folgten die Ma-Suling und Uma-Pagong, und schliesslich noch
Glieder der Bukat und Punan, der meist nur zeitweise am Mendalam
lebenden Nomadenstmme. Jede Gruppe hatte einen eigenen Huptling
oder angesehenen Mann zum Anfhrer; ich betrachtete aber, wie bereits
gesagt, _Akam Igau_ aus Tandjong Karang als Oberhaupt aller, da er
als alter weitgereister Mann am meisten Einfluss besass, whrend
sein viel jngerer Nebenbuhler _Tigang Aging_ aus Tandjong Kuda nur
durch seine hohe Geburt sich Ansehen zu verschaffen trachtete. Ihm
vllig ergeben war nur _Obet Lata_, der Anfhrer der Ma-Suling,
ein alter unbedeutender Mann, der _Tigang_ als den Schwiegersohn des
Ma-Sulinghuptlings _Akam Lasa_ frchtete.

Die Mnner von Uma-Pagong standen, wie auch auf der vorigen Reise,
unter Anfhrung von _Jung_, einem Adoptivsohn des weiblichen Huptlings
_Bulan_. Es war dies eine junge energische Persnlichkeit, die uns
auf der Reise viele Dienste erwies.

Die Gruppe der Punan und Bukat bestand aus 12 Mnnern sehr
verschiedener Abkunft, auch befanden sich unter ihnen einige Leute
eines anderen Jgerstammes, der Beketan. _Ludang_, der Punanhuptling,
konnte an der Expedition nicht teilnehmen, liess sich aber durch
seinen jungen Sohn _Kwing_ vertreten, dem ein schwchlicher, aber
intelligenter Mann namens _Tetuh_ zur Seite stand.

Um keine Zeit zu verlieren, hatten wir bereits am Tage zuvor alles
Gepck so geordnet, dass die Ladung auf die schnellste Weise von
statten gehen konnte. Nun galt es, Menschen und Gter auf die
praktischste Weise in die 25 Bte zu verteilen, was insofern seine
Schwierigkeit hatte, als die Leute sich bereits in Gruppen verteilt
und in den Bten da Platz genommen hatten, wo es ihnen gerade am besten
gefiel; dadurch war das eine Boot berladen, das andere beinahe leer;
ausserdem nahm jedes Boot so wenig als mglich Gepck mit, so dass ich
das Einladen genau regeln und berwachen musste. Das, erforderte alles
viel Hin- und Herreden, Ermahnungen und bisweilen ernstes Auftreten
und dauerte bis 10 Uhr morgens. Die ganze Zeit ber hatte ich die
alte _Usun_ an meinen Fersen. Endlich war alles geregelt, jeder Mann
an seinem Platze und wir nahmen vom Kontrolleur Abschied, der uns
mit seinen zwei kleinen Kanonen noch eine gute Reise nachdonnerte.




KAPITEL III.

    Allgemeines ber die Insel Borneo--Die Gebirge von
    Mittel-Borneo--Die Wasserscheiden zwischen dem Mahakam
    und dem Batang-Rdjang, Kajan und Barito--Geologie des
    oberen Mahakamgebietes--Salzquellen--Geologischer
    Charakter des Apu Kajan--ussere Gestaltung
    Mittel-Borneos--Buschvegetation--Meteorologische
    Verhltnisse.--Bewohner der Insel--Malaien und Dajak--Sesshafte
    Stmme: Bahau und Kenja--Nomadenstmme: Punan, Bukat und
    Beketan--Herkunft der Bahau und Kenja--Legende vom Wasser und
    Feuer-Auswanderungen und Vermischungen der Stmme.--Organisation
    eines Bahau- bezw. eines Kajan-Stammes--Geschichte der
    Mendalam Kajan--Glieder eines Stammes: Huptlinge, Freie und
    Sklaven-Gegenseitige Verpflichtungen der Stammesglieder--Abstammung
    des Huptlings _Akam Igau_.


Die Insel Borneo ist mit ihrer Oberflche von 734.000 quad. km
nach Neu-Guinea die grsste der Welt; sie ist mehr als zweieinhalb Mal
so gross als England, Schottland und Irland zusammen. Betrachtet man
eine in grossem Massstab gehaltene Karte von Borneo, so bemerkt man,
dass vom Zentrum der Insel aus mchtige Strme nach allen Richtungen
hin den Ksten zustrmen; sie durchziehen in ihrem Unterlauf weite
Ebenen, die sie mit der Zeit selbst gebildet haben. Die Entstehung so
grosser Flsse und Ebenen ist nur da mglich, wo starke Regenflle
herrschen. Die durchschnittliche jhrliche Regenmenge in Borneo ist
in der Tat eine sehr bedeutende, sie kann bis ber 5 m betragen, doch
machen sich auf dem ausgedehnten Gebiet grosse lokale Abweichungen
bemerkbar. Wegen ihrer aequatorialen Lage bestreichen die Passatwinde
die Insel Borneo lange nicht so regelmssig wie Java, daher ist der
Regenfall dort gleichmssiger auf das ganze Jahr verteilt.

In scharfem Gegensatz zu den Nachbarinseln hat man auf Borneo bis jetzt
keine ttigen Vulkane gefunden. Zwar entdeckte Prof. _Molengraaff_
im Jahre 1894 sdlich vom oberen Kapuas ein ausgedehntes vulkanisches
Gebiet, das hauptschlich aus riesigen Tufflagern besteht, Spuren
einer Eruption jngeren Datums fand er jedoch nicht. Die sdlichen
Nebenflsse des oberen Kapuas haben daher auch Zeit  gehabt, diese
Tufflager durch Erosion in ein hchst eigenartiges Bergland umzuformen,
dessen eigentmliche terrassenfrmige Erhebungen bisweilen mehr als
1000 m Hhe erreichen. Dem 1825 verunglckten Forschungsreisenden
_Georg Mller_ zu Ehren nannte Prof. _Molengraaff_ dieses Gebirge:
Mller-Gebirge. Die zahlreichen Petrefakten, welche diese Tufflager
enthalten, deuten darauf hin, dass das Mller-Gebirge hauptschlich
in der Tertirzeit gebildet sein muss.

An der Ostkste, gegenber der Insel Miang und auf dieser selbst,
liegen 100 m hohe Hgel, die in spteren geologischen Perioden durch
negative Strandverschiebung entstanden sein mssen; denn man findet
auf ihnen die Riesenmuschel (Tridacna). Das ganze flache Gebiet
von Kutei wird durch diese auf die Ostkste beschrnkte Hgelreihe
gegen das Meer hin abgegrenzt. Die vielen Seeen, welche die grosse
eingeschlossene Ebene aufweist, lassen vermuten, dass sie frher ein
Becken gewesen, das durch den Mahakam und seine Nebenflsse allmhlich
angefllt worden ist. Bereits seit langer Zeit werden in den Hgeln
an der Mahakammndung Steinkohlenlager ausgebeutet; vor einigen Jahren
sind dort auch reiche Petroleumquellen angebohrt worden.

Das Kettengebirge, welches sich von dem an der Westkste gelegenen
Tandjong Dato an quer durch die Insel nach Osten, wahrscheinlich
bis zum Kap Mangkalihat, erstreckt und die Wasserscheide zwischen
zahlreichen Flssen bildet, besteht grsstenteils aus stark gefalteten
Schieferschichten.

Nach den Untersuchungen von Prof. _Molengraaff_ ist dieses Gebirge,
nrdlich von dem grossen Seeengebiet der Batang-Lupar, aus stark
abgetragenen Schiefern zusammengesetzt und erhebt es sich nur ungefhr
200 m ber den Meeresspiegel. An der Sdseite traf er zum ersten Mal
die fr Mittel-Borneo charakteristische Danau-Formation [3], deren
obere, aus Kieselschiefer, Jaspis und Hornstein bestehende Schichten
Radiolarien enthalten und daher Tiefseeablagerungen sein mssen.

Nrdlich vom oberen Kapuas und Mahakam, nach Osten zu, steigt dieses
Gebirge immer mehr an, behlt jedoch stets denselben Charakter
bei. Vom Bukit Tjondong aus konnte _Molengraaff_ das Gebirge, das
er Ober-Kapuri-Kettengebirge nannte, bersehen; es erwies sich auch
spter, vom Liang Tibab aus gesehen, als typisches Kettengebirge,
das ganz aus zahlreichen, scharfen, in gleichen Entfernungen neben
einander sich erhebenden Rcken zu bestehen schien. Wie gesagt,
steigt das Gebirge in stlicher Richtung an: der Lawit ist bereits
1767 m hoch, die hchsten Gipfel bei den Kapuas-Quellen erreichen 1900
m und diese Hhe bleibt ungefhr konstant bis zum oberen Mahakam,
wo das Kettengebirge vom Batu Tibang durchbrochen wird. Dem Gerll
seiner Flsse nach zu urteilen, scheint dieser letztere Teil des
Gebirges eruptiven Ursprungs zu sein.

stlich vom Batu Tibang setzt sich das Kettengebirge, das jetzt den
Namen Bawui Gebirge trgt, weiter fort; in westlicher Richtung, bis
zum Batu Okang, dem grossen Bergmassiv, auf dem der Boh entspringt,
verschmlert es sich und bildet dort die Wasserscheide zwischen
Kajan und Mahakam. stlich vom Batu Okang ist das Kettengebirge noch
unerforscht; knftige Untersuchungen werden aber voraussichtlich
ergeben, dass es sich ununterbrochen bis zum Kap Mangkalihat fortsetzt.

Im Flussbett des Selirong und Seliku, der beiden Quellflsse
des Mahakam, beobachtete ich im Hangenden der fast senkrecht
aufgerichteten, alten Schiefer beinahe horizontal gelagerte
Sandsteinschichten, die im brigen Teil des Gebirges bereits weggesplt
sein mssen. Auch dieser mittlere Teil des Kettengebirges ist also
nach seinem Entstehen untergetaucht gewesen. Am oberen Seliku befanden
sich diese Sandsteinschichten am Fuss des Lasan Tujan in 720 in Hhe,
am Selirong, etwas oberhalb des Landweges nach Serawak, in 650 m
Hhe. Der Sandstein, aus dem die 5-10 cm dicken Schichten bestanden,
war an beiden Orten grobkrnig. Die Schichten fallen unter 26 nach
Norden ein und das Streichen ist 236.

Die Danauformation, die _Molengraaff_ im Seeengebiet der Batang-Lupar,
im Bungan und Bulit, an der Sdseite des Kettengebirges antraf,
stellte ich auch am oberen Mahakam, unterhalb der Mndung des Sik
und im Boh in der Nhe der Ogamndung fest.

Weitere Hornsteinschichten beobachtete ich im Mahakam und zwar
in seiner westlichen Reihe von Wasserfllen bei Long Tepai, wo
beim Fall des Lobang Kubang die Lagen eine Dicke von 3 dm bis 1 m
erreichen. Der hier weisse Hornstein wird von den Sandsteinschichten
des grossen Gebirgszuges berlagert, der die Wasserscheide zwischen
dem oberen Mahakam und oberen Barito bildet. In seinem von West nach
Ost sich erstreckenden Teil heisst dieser Gebirgszug Batu Lesong,
seine sdliche Fortsetzung heisst bis zur Quelle des Rata: Batu Ajo.

Dieses ganze Gebirge erscheint als ein schmaler, sehr steiler, oben
abgeflachter Rcken. Seine grobkrnigen Sandsteinschichten erreichen
eine Mchtigkeit von 5-50 m und haben eine Neigung von 8 nach Sden.

Der 1800 m hohe Batu Lesong wird seiner regelmssigen Form wegen von
den Eingeborenen mit einem Reisblock, _lesong_, verglichen. Bei einer
Besteigung des Batu Lesong im Quellgebiet des Blu konstatierte ich,
dass er sich mit senkrechten 4-500 m hohen Wnden aus den Flussbetten,
welche das Wasser nach Norden in den Mahakam, nach Sden in den Busan
und Belatung wegfhren, erhebt. Der Hauptrcken ist nur 1-2 km breit
und sendet nach Norden eine Reihe von Querrcken, welche die Tler
der Nebenflsse des Mahakam von einander scheiden. Zum Mahakam hin
fallen diese Querrcken oft sehr steil ab, zwischen dem Blu und
Danum Parei mit einer Hhe von 1000 m; dazu sind sie oft so schmal,
dass sie kaum fr einen Pfad Platz lassen. Eine starke Abtragung wird
durch die ppige Vegetation verhindert. Nach Osten hin nimmt die Hhe
des Batu Lesong immer mehr ab; seine Fortsetzung, Batu Ajo, ist nur
noch 1000-1200 m hoch. Das Gebirge, welches den gleichen Charakter
stets beibehlt, kehrt sich mit einer scharfen Wendung nach Sden;
es scheint das vulkanische Mller-Gebirge nach Osten zu begrenzen.

Die nrdlichen, zwischen dem Sumw und Mers gelegenen Nebenflsse
des Mahakam, sowie der betreffende Teil des Hauptstromes selbst, haben
sich ebenfalls ihre Betten aus beinahe horizontalen Sandsteinlagern
erodieren mssen. Diese gehren dem ursprnglich augenscheinlich
mit dem Batu Lesong zusammenhngenden Ong Dia (ong = Gebirge) der
Bahau an. Der Ong Dia ist nicht ber 900 m hoch, luft in Form eines
schmalen Rckens dem Batu Lesong parallel, fllt dem Mahakam zu steil
ab und dehnt sich in nrdlicher Richtung bis zu dem hoch aufragenden
Kalksteingebirge Batu Matjan aus. An die steilen Wnde des Ong Dia
lehnen sich auf der Mahakam Seite eine Reihe von Hgeln in Gestalt von
200-500 m hohen steilen Kalkbergen, welche die Erosion des Sandsteins
aufzuhalten scheinen.

Das eben erwhnte nrdliche Kalksteingebirge liegt zwischen dem Serata
und oberen Tepai und erhebt sich mit seinen eigentmlichen Formen bis
zu einer Hhe von 1900 m; es giebt dem Serata, Sumwe, Mers, Tepai,
Glat und anderen Flssen den Ursprung, whrend sdlich von ihm der
obere Mahakam einen mchtigen Bogen nach Westen macht, bevor er den
Weg nach Sden einschlgt. Die hchsten Berge dieser Kalkformation
heissen: Batu Matjan, Batu Brok und Batu Ulu.

Diesem grossen Kalkgebirge schliesst sich eine Reihe schmaler,
sehr steiler, freier Kalkberge von 300-900 m Hhe an, welche ich
lngs den Ufern des Tjehan unterhalb des Pakat und weiter stlich
lngs dem Mahakam bis an den Blu entdeckte. Der Kalk hat eine dichte
Struktur und findet sich teils massig, teils in Schichten bis zu 40
m Mchtigkeit. Diese fallen am Mahakam sowohl als am Tjehan ungefhr
gleich unter 44 nach Sden und das Streichen ist 242, also im
wesentlichen gleich dem der oben erwhnten Sandsteinschichten.

Zu den hchsten Erhebungen dieser Kalkberge gehrt der Liang Karing
an der Mndung des Tjehan, der Liang Nanja im Flusstal selbst und
der Batu Baung am Mahakam.

In den zahlreichen Hhlen dieser Berge bewahren die Eingeborenen ihre
Kostbarkeiten auf und setzen sie ihre Toten bei. hnliche grosse
Felsenhhlen sollen auch im grossen Kalksteingebirge z.B. im Batu
Matjan, Batu Brok u.a. vorkommen.

Ausser den eben besprochenen beiden Gebirgsgliedern kommt im Gebiet
des oberen Mahakam noch eine Reihe vulkanischer Andesitkegel vor, die
sich im Tal des Blu von Sden nach Norden hinzieht. Der nrdlichste
dieser Kegel ist der Batu Mili 840 m, ihm gegenber an der Mndung
des Blu liegt der Batu Kasian 650 m, weiter sdlich der Moang 900
m. Am Fuss dieser Hgel kommen Quellen vor, die gleichzeitig Salz und
Kohlensure liefern; die Bevlkerung benutzt sie zur Salzgewinnung. Bei
einer dieser Quellen, der Span Dingei am Fuss des Moang, glckte
es mir im Jahre 1896 mit _Kwing Irang_, dem Huptling der Mahakam
Kajan, eine alte Vorrichtung zur Salzgewinnung auszugraben. Als auf
Anweisung von _Kwing Irang_ neben einer Reihe Felsen von glasigem
Eruptivgestein die Erde fortgeschafft wurde, kam der Rand eines
ausgehhlten Baumstammes von 6 dm Durchmesser zum Vorschein, der
senkrecht in den Boden gerammt war. Etwas tiefer bemerkten wir einen
zweiten hohlen Baumstamm, der in den ersten hineingesteckt war und
aus dem das Wasser krftig hervorsprudelte. Die Baumstmme dienten
dazu, das Wasser vor Verunreinigung durch hineinfallende Erde zu
schtzen. Gegenwrtig wird die Quelle ihres geringen Salzgehaltes wegen
nicht mehr ausgebeutet, in frherer Zeit jedoch wurde das Salzwasser
aufgefangen und in grossen Tpfen verdampft.

Trotz der Einfuhr von Salz von der Kste her benutzten die Ma-Suling
am Mers noch bis vor kurzem eine andere, salzhaltigere Quelle,
Sepan Daja, am Fuss des Ong Dia zur Salzgewinnung. Eine Analyse des
mitgenommenen Wassers ergab folgende Bestandteile


            per Liter Wasser (neutral).

            Kieselsure     (Si O2)     0.068 g
            Chlor           (Cl)        3.592 g
            Kalk.           (Ca O)      0.202 g
            Magnesia.       (Mg O)      0.098 g
            Kali            (K2 O)      0.095 g
            Natron          (Na2 O)     3.260 g


Was das Gestein am Grunde des Mahakambettes betrifft, so sah
ich unterhalb der Mndung des Kaso, bis oberhalb der westlichen
Wasserflle, jngere Schiefer in dnnen Schichten mit 1-10 cm
dicken sandsteinartigen Schichten abwechseln. Alle diese Schichten
streichen von West nach Ost, im Grossen und Ganzen mit der Richtung
des Flusslaufes bereinstimmend.

Von der Vereinigung des Selku und Selrong an bis zur Mndung des
Blu fllt der Mahakam von 550 auf 200 in Hhe; bei der Fahrt den Boh,
Oga, Temha und Meseai aufwrts steigt man von 150 bis 600 m Hhe,
wo der Landweg zum oberen Kajan beginnt.

Von hier aus kann man die Wasserscheide lngs einem ins Tal des Laja,
eines Duellflsschens des Kajan, hinabfhrenden Querrcken in einem
Tage berschreiten. Der Kajan entspringt in der Nhe auf dem Batu
Telunjn und strmt in nrdlicher Richtung, in 600 m Hhe, durch ein
ausgedehntes Hgelland, das die Bahau Apu Kajan nennen.

Die Erhebungen bestehen hier hauptschlich aus Rcken, die sich
von der Wasserscheide aus nach Norden erstrecken; sie sind, wie
die Wasserscheide selbst, aus altem Schiefergestein gebildet,
das unter der allgemeinen Bschbedeckung verborgen, fast nur in
den Flussbetten zum Vorschein kommt. Diese Schiefer sind schwach
gefaltet und fallen im allgemeinen unter 45-70 nach Sden; das
Streichen ist 245-275. An einigen Stellen werden die Schiefer
von Sandsteinschichten bedeckt. Diese sind 1-6 dm dick und liegen
horizontal den lteren, geneigten Schieferschichten auf. Die Schiefer
werden von Basaltgngen durchbrochen.

Nach Auffassung der Bevlkerung dehnt sich das Gebiet des Apu Kajan
bis zu der Stelle aus, wo der Kajan eine lange Reihe unberwindlicher
Wasserflle, Barm, bildet. Der Beschreibung zufolge muss der Fluss
dort ber eine grosse Strecke hin von sehr hohen Bergen eingeschlossen
sein.

Etwas Nheres wissen auch die Eingeborenen nicht ber dieses ihnen
selbst unbekannte und mystische Gebiet; knftige Forschungsreisen
werden hoffentlich auch dorthin Licht bringen.

Nach diesem kurzen geologischen berblick ber Mittel-Borneo betrachten
wir uns im folgenden das Land, wie es sich dem Beschauer in seiner
usseren Gestalt darbietet.

Man kann sich Mittel-Borneo am besten als ein mit Urwald bedecktes
Gebirgsland vorstellen, dessen bedeutendste Flusslufe unter 200 m
Hhe liegen und dessen hchste Bergspitzen 2000 m nicht berragen. So
grosse Erhebungen kommen jedoch in der Nhe menschlicher Wohnungen
nicht vor; Niederlassungen finden sich stets nur an den Flssen und
hher als 250 m liegen sie in Mittel-Borneo berhaupt nicht.

Das ganze Land ist mit ununterbrochenen, Jahrhunderte alten Wldern
bedeckt, die, je nach der Hhe ihrer Lage, von einander verschieden
sind. Diejenigen Wlder, mit denen der Mensch in Berhrung kommt,
zeigen eine usserst ppige Vegetation, die zwischen einem Gerst
von Riesenstmmen mit alles berdeckendem Bltterdache eine Menge
kleinerer Bume, Strucher und Kruter gebildet hat, so dicht,
wie sie hohe Temperatur und stndige Feuchtigkeit auf humusreichem
Boden allein zu schaffen vermgen. Auf dieses alles berwuchernde
Pflanzenkleid bt die menschliche Ttigkeit wenig Einfluss aus. Fr
seine relativ geringen Bedrfnisse fllt der Mensch stellenweise den
Wald, dessen Boden fr 1-2 Jahre als _ladang_ (trockenes Reisfeld)
gebraucht wird; aber unmittelbar darauf wird diese kleine Lcke in
der Buschbedeckung von der alles beherrschenden Vegetation wieder
ausgeglichen, so dass binnen weniger Jahre nur der Eingeweihte
die Spuren frherer menschlicher Arbeit erkennen kann. So wurde in
frherer Zeit ein grosser Teil der tiefer gelegenen Wlder durch seine
Bewohner gefllt, aber, wenn nicht hie und da steinerne Gertschaften
zurckgeblieben wren, kme man schwerlich auf die Vermutung, dass
an Stelle dieser sogenannten Urwlder einst Reisfelder gestanden.

Die ungestrte Ruhe, welche die verlassenen Reisfelder geniessen,
gestattet dem Gestrpp und Busch, sogleich wieder ihr Reich
einzunehmen, und noch keine einzige Grasart, nicht einmal das im
brigen Indien so hufige und verbreitete _alang-alang_ hat sich im
Gebirgslande von Mittel-Borneo entwickeln knnen. Erst seit ungefhr
dreissig Jahren ist am oberen Mahakam Gras aufgetreten, zum grossen
Verdruss der Bewohner, die es nun aus ihren Reisfeldern jten mssen.

Die Buschvegetation findet in der aequatorialen Lage des Landes eine
mchtige Sttze, da der Einfluss der Passatwinde, der in hheren
Breiten den Wechsel von Regen- und Trockenzeit hervorruft, sich hier
nur in geringem Masse geltend macht. Daher erleidet die Vegetation von
Mittel-Borneo niemals die Nachteile einer langdauernden Drre, die
den Graswuchs fters begnstigt; auch schafft die grosse Ausdehnung
der Wlder selbst, ausser der Zufuhr von Wasserdampf aus dem Meere,
einen berschuss an Feuchtigkeit in der Luft, whrend in den khlen
Rumen unter dem Bltterdache und im Boden bestndig ein grosser
Feuchtigkeitsvorrat angehuft bleibt.

Durch diese das ganze Jahr anhaltende Feuchtigkeit und den bermssigen
Regen ist die Temperatur dieser Gegenden niemals besonders hoch und nur
da, wo die Bevlkerung zum Bau der Wohnungen einen kleinen Teil des
schtzenden Pflanzenkleides zerstrt hat, steigt um die Mittagszeit
die Temperatur unter einem _kadjang_- (Palmblatt-) Dache auf 30-31
C, sinkt aber auch nachts selten unter 20 C.

In unmittelbarer Nhe der Berge, mehr am Mandai und Mahakam als
im Tale des Mendalam, ist der Himmel oft bewlkt, und nachts
bedecken tief hngende Wolken und Nebel den Wald. In der Regel
beginnt die Bewlkung gleich nach Sonnenuntergang und verschwindet
bei Sonnenaufgang; daher gehrt ein klarer Sternhimmel in vielen
Gegenden zu den Seltenheiten. Die Gipfel der Berge bleiben oft auch
an heiteren Tagen bis zum Abend mit Wolken bedeckt. Das Gleiche gilt,
mit geringen Ausnahmen, auch fr die Kstengebiete, nur bewirken hier
die Seewinde bisweilen khlere Nchte.

In hheren Regionen verndert sich der Charakter der Vegetation
unter dem Einfluss hufiger und regelmssiger Regen auffallend
schnell. Gegen die Berge aufsteigend, lassen die mit Wasserdampf
stark geschwngerten Luftstrme ihre Wassermassen in Form von Regen
anhaltend niederfallen und ihre Wolken widerstehen der Sonnenwrme;
dadurch khlen die hheren Stellen so stark ab, dass man auf einer
Hhe von 1000 m an, abgesehen von wenigen kleinen Bumen und niedrigem
Gestrpp, eine dicke, alles berdeckende Moosvegetation antrifft,
der man in Java nur auf einer Hhe von 2500-3000 m begegnet.

Die Bewohner Borneos wurden bisher in Dajak (die ursprnglichen
Inselbewohner) und Malaien (die eingewanderte Bevlkerung)
eingeteilt; jene, sagte man, bewohnen das Binnenland, diese die
Ksten. Im allgemeinen ist diese Einteilung richtig, aber hie und
da, z.B. in Serawak, bewohnt die heidnische Bevlkerung das Land bis
zur Kste, andrerseits leben Stmme, die sich auch Malaien nennen,
bis tief ins Innere an den grossen Flssen. Diese zwei Hauptgruppen
sind ausserdem nirgends scharf geschieden, sondern haben sich stark
vermischt, was zur Folge gehabt hat, dass sich die Bewohner vieler
Orte zwar Malaien und Mohammedaner nennen, in Wirklichkeit aber
beinahe oder ganz rein dajakischer Abstammung sind und sich zu einer
Religion bekennen, die dem heidnischen Dajaktum viel mehr hnelt als
dem Mohammedanismus. Auch findet man, allerdings weniger hufig,
Dajak, in deren Adern malaiisches Blut fliesst. Diese Vermengung
wird durch die grossen Flsse, die fr Fahrzeuge der Eingeborenen
bis tief ins Innere des Landes zugnglich sind, stark befrdert. Die
vorzugsweise seefahrenden Malaien konnten sich lngs diesen Strmen
leicht verbreiten. Wie sehr sich die Malaien an einen Verkehr zu
Wasser gebunden fhlen, erkennt man berall daran, dass sie sich
hauptschlich an den grossen Strmen niederlassen und die Dajak in
das Bergland an die Nebenflsse zurckdrngen.

Auch die allgemeine Bezeichnung der eingeborenen Bevlkerung
Mittel-Borneos als Dajak ist nicht ganz zutreffend, da diese aus
verschiedenen, ethnologisch scharf von einander geschiedenen Gruppen
zu bestehen scheinen. Nach meinen im Jahre 1894 an 135 Dajak im
Gebiete des oberen Kapuas ausgefhrten anthropologischen Messungen
scheinen sich diese Gruppen auch krperlich sehr verschieden
zu verhalten. Dr. _Kohlbrgge_, der die Freundlichkeit hatte,
meine Messungen zu bearbeiten, kam, ohne von den ethnologischen
Verschiedenheiten der Stmme etwas zu wissen, auf Grund der Ergebnisse
der Schdelmessungen und anderer Krpermerkmale zu der Vermutung,
dass Mittel-Borneo von zwei Vlkergruppen bewohnt wird, von denen die
eine brachyzephal, die andere dolichozephal ist; diese kann zu den
Indonesiern gerechnet werden [4]. Zu den Brachyzephalen gehren die
Kajan; zu den Dolichozephalen die Ulu-Ajar Dajak am Mandai. Auch vom
ethnographischen Gesichtspunkte aus sind diese zwei Gruppen durch ihre
sehr verschiedenen Sitten und Gewohnheiten geschieden. Ausserdem sind
sie geschichtlich getrennt, denn die Kajan gehren zur grossen Gruppe
der Bahau- und Kenjastmme von Ost-Borneo, whrend die Ulu-Ajar zu den
Stmmen gerechnet werden mssen, die als Ot-Danum und Siang am oberen
Melawi, oberen Kahjan und oberen Barito wohnen. Dass Dr. _Kohlbrgge_
die Kajan auf Grund der Messungen fr ein Mischvolk ansieht, ist sehr
richtig, denn dieser Stamm ist seit 150 Jahren von seinem Stammland
Apu Kajan am weitesten, bis in das Kapuasgebiet, fortgezogen, wo viele
Sklaven, Abkmmlinge von Kriegsgefangenen verschiedenen Ursprungs und
Individuen benachbarter Stmme durch Heirat in den Stamm aufgenommen
wurden.

Neben diesen zwei grossen Gruppen, welche die ackerbautreibenden
Stmme umfassen, giebt es in Mittel-Borneo, in geringerer Zahl,
auch Jgerstmme, die unter den Namen von Punan, Bukat und Beketan
in den hohen Gebirgen, den Quellgebieten der grossen Strme, ein
Nomadenleben fhren. Diese Stmme betreiben wenig oder gar keinen
Landbau, sondern leben von Jagd, Fischfang oder Waldfrchten. Sie
scheinen lter als die beiden anderen Gruppen zu sein und gehren
vielleicht zu den ltesten Bewohnern Borneos.

Sowohl die Bahau- als die Kenjastmme haben zum gemeinsamen Stammland
das Quellgebiet des Kajan bzw. Bulunganflusses, welches Apu Kajan
oder Po Kedjin genannt wird. Frher wurden alle Stmme der Bahau und
Kenja unter den Namen Paristmme zusammen gefasst.

Augenblicklich bewohnen diese Stmme die Stromgebiete des ganzen
Mahakam bis zum Mujub, des Berau und des Kajan, die alle an Borneos
Ostkste ins Meer mnden; ferner die Gebiete des Oberlaufs der Flsse,
die nach Norden strmen: des Limbang, des Baram und des Bali oder
Batang-Rdjang. Von hieraus drang ein kleiner Teil der Bevlkerung
in die Kapuasebene ein, wo er jetzt am Mendalam wohnt.

Die Bewohner dieser Lndergebiete nennen sich, wie oben gesagt,
teils Bahau teils Kenja.

Zu den Bahau rechnen sich die Stmme am Mahakam bis zum Mujub. Oberhalb
der Wasserflle gehren also zu ihnen die:

Seputan im Gebiet des Kasoflusses; Pnihing vom Howong bis zum
Sumw; Kajan vom Sumw bis zum Dini; Long-Glat vom Dini bis zu den
Wasserfllen; Ma-Suling am Meras.

Unterhalb der Wasserflle des Mahakam gehren zu den Bahau die:

Hwang-Sirow; Long-Wai; Uma-Lohat in Udju Halang; Hwang-Ana; Hwang-Tring
in Tepu.

Am oberen Batang-Rdjang oder Balui fasst man die Bahaustmme unter dem
Namen Kajan, der wieder verschiedene Stmme begreift, zusammen. Ebenso
wohnen am Mendalam, dem nrdlichen Nebenfluss des Kapuas, Bahau: die
Kajan Uma-Aging zu Tandjong Karang und Tandjong Kuda, die Ma-Suling
und Uma-Pagong weiter flussaufwrts.

Zu den Kenja rechnen sich vor allen die Stmme, die augenblicklich
noch im Apu Kajan wohnen, ferner die, welche sich an den nach Osten
strmenden Flssen niedergelassen haben, nmlich die am Tawang,
Brau und Kajan. Auch die Stmme am oberen Limbang und oberen Baram
gehren zu den Kenja.

Die Kenjastmme, die gegenwrtig den Apu Kajan bewohnen, haben ihre
Heimat an dem stlich gelegenen Iwan, einem linken Nebenfluss des
Kajan. Neben diesem Nebenflusse befindet sich ein anderer, der Bahau,
von dem wahrscheinlich der Name der Bahau herrhrt, so dass diese
also ursprnglich ebenfalls aus dem Osten herstammen.

Es entspricht nmlich der Gewohnheit der Kenja und Bahau, den Stmmen
den Namen des Flusses, an dem sie lebten oder leben, zu geben. So
setzt sich der Name "Long-Glat" zusammen aus: "_long_" = Mndung und
"Glat" = Name eines Nebenflusses des Oga. Ma-Suling = Uma Suling =
Haus am Suling; Uma-Mehak = Haus am Mehak (Nebenflsschen des Boh);
Uma-Tepai =- Haus am Tepai (Nebenfluss des Mahakam); Hwang-Tring =
Stamm vom Tring (Berg im Gebiet des Boh).

Am Kajan wohnen von seinem Ursprung flussabwrts folgende Kenjastmme,
die:

Uma-Tow; Uma-Bom; Uma-Djalan; Uma-Tokong; Uma-Kulit; Uma-Baka;
Uma-Bakong; Uma-Leken (unmittelbar oberhalb des Barm).

Die Bahau- und Kenjastmme wissen noch sehr wohl, dass sie vom Apu
Kajan herstammen und die meisten knnen auch noch die Zeit ihrer
Auswanderung angeben. Auch gegenwrtig finden solche Auswanderungen
noch statt. Vor ungefhr dreissig Jahren sind die Kenja Uma-Time,
die jetzt am Tawang wohnen, vom Kajan dorthin bergesiedelt; der
Stamm der Uma-Bom hat jetzt den Plan, in das Tal des Boh zu ziehen
und sich dort niederzulassen. Im Lauf der Zeit wandert ein solcher
Stamm immer weiter flussabwrts, den Weg der meisten Bahaustmme,
die jetzt am Mahakam wohnen, folgend.

Obgleich die Geschichte ihrer Auswanderung den Stmmen sehr wohl
bekannt ist, hat doch auch die Legende die Tatsache, dass alle vom
Apu Kajan gebrtigen Stmme jetzt nach allen Himmelsgegenden zerstreut
wohnen, zu erklren versucht:

In alten Zeiten, heisst es, entstand zwischen dem Feuer (_apui_) und
dem Wasser (_ata_) ein Zwist, der sich so steigerte, dass beide im
Kampfe die Krfte aufs usserste anspannten. Wind und Regen kamen dem
Wasser zu Hilfe, welches infolgedessen so sehr stieg, dass es alles
Land mit Wldern und allem berflutete. Dadurch erlosch das Feuer,
aber auch alle Menschen bis zum Apu Kajan hinauf kamen um. Nur einige
wenige, die in Bten sassen, blieben am Leben. Diese sahen keine andere
Mglichkeit, das Wasser zum Sinken zu bringen, als eine der Ihren,
_Hillo_, die Tochter eines Huptlings, zu tten, indem sie ihr die
Schulter durchhieben. Da fiel das Wasser pltzlich vom hohen Bergland
hinunter und fhrte zugleich die in den Bten berlebenden Menschen
nach verschiedenen Seiten auseinander. So wurden die Bewohner von
Apu Kajan in alle Himmelsrichtungen zerstreut und sprechen heute so
viele verschiedene Sprachen.

Wenn irgend mglich, wohnen die Stmme im Mahakam- und Kajangebiete am
Hauptfluss selbst; nur wenn der Wohnplatz fr unsicher gehalten wird,
wie nach dem Einfall der Batang-Lupar im Jahr 1885 am Mahakam, oder
wenn eine starke Zunahme der Bevlkerung es gebietet, wie am Kajan,
lassen sich Bahau und Kenja auch an Nebenflssen, hufig hoch im
Gebirge, nieder. Das Gleiche sehen wir am oberen Barito oder Murung,
wo sich die Dajak vor den am Hauptfluss sich ansiedelnden Malaien an
die Ufer der Nebenflsse zurckgezogen haben.

Eine Eigentmlichkeit aller Bahau besteht darin, dass sich ihre
selbstndigen Stmme, obgleich sie einander nicht bekriegen, doch
auch nur wenig vermischen. Heiraten zwischen Pnihing, Kajan und
Long-Glat kommen, beispielsweise, nur selten vor, noch viel seltener
sind Verbindungen zwischen Bahau und Kenja. Demnach mssen Heiraten
zwischen Gliedern von Stmmen, die verschiedenen Gruppen angehren,
wie Bahau und Ot-Danum, frher eine grosse Seltenheit gewesen sein. Man
sollte daher erwarten, dass sich das Blut der Stmme von Mittel-Borneo
sehr rein erhalten habe, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Bahau
haben nmlich alle ihre gegenwrtigen Wohnpltze erst erobern mssen;
am Mahakam fanden sie Stmme vor, die mit den Ot-Danum vom Kahjan und
Melawie und den Siang vom oberen Barito verwandt waren. Die Bewohner
wurden teils vertrieben, teils zu Sklaven gemacht und den Huptlingen
der Stmme zugeteilt. Diese Sklaven lebten anfangs in Familien,
getrennt von den freien Gliedern des Stammes, aber allmhlich wurden
sie durch Heirat in den Stamm selbst aufgenommen, bei den Long-Glat
z.B. beinahe vollstndig. Daher bestehen die Bahaustmme am Mahakam
gegenwrtig aus einer Mischung der dolichozephalen Ot-Danum mit den
ursprnglichen Bahau, die wahrscheinlich brachyzephal waren.

hnlich verhlt es sich mit den Kajan am Mendalam.

Die Kenjastmme im Apu Kajan jedoch mssen den ursprnglichen Charakter
der Bewohner dieses Stammlandes noch sehr rein erhalten haben, und
drften daher fr knftige anthropologische Untersuchungen einen
ausgezeichneten Ausgangspunkt bilden.

Noch ein anderer Faktor zwingt uns bei der Beurteilung der Reinheit
eines Stammes zur Vorsicht und zwar folgender: in Anbetracht, dass
die Zahl seiner Glieder fr die Macht und den Einfluss eines Stammes
auf die anderen von grsster Wichtigkeit ist, streben die meisten
Huptlinge danach, diese Zahl nach Mglichkeit zu vergrssern. Vor
allem suchen sie Heiraten ihrer Stammesgenossen in fremde Stmme zu
verhindern; sobald sie sich aber stark genug dazu fhlen, wie die
Long-Glat im Anfang des 19. Jahrhunderts, bekriegen sie schwchere
Stmme und zwingen sie, mit ihnen zusammen zu wohnen und zwar als ihre
Untergebenen, nicht als Sklaven. Es leben jetzt noch unter den bereits
getrennten Long-Glat die Stmme der Ma-Tuwan, Manok-Kwe, Uma-Tepai,
Uma-Wak und Batu-Pala, die wahrscheinlich auch vom Apu Kajan gebrtig
sind. Merkwrdiger Weise haben diese oft nur 100 Individuen zhlenden
Stmme sich ihre eigenen Sprachen und Sitten erhalten; Heiraten mit
den Long-Glat kommen jedoch hufig vor. So kann auch auf diesem Wege
Vermischung stattfinden.

In letzter Zeit ist in Borneo ein neues Moment entstanden, das
die scharfen Gegenstze zwischen den verschiedenen Vlkergruppen
und die grosse Feindschaft, die frher zwischen ihnen herrschte,
zum Verschwinden bringt: es ist die europische Nachfrage nach den
Buschprodukten Borneos, vor allem nach Guttapercha und Rotang. Infolge
dieser Nachfrage vereinigen sich Mnner aus den entlegensten Gegenden
der Insel in Gruppen und ziehen als Buschproduktensucher berall hin,
wo diese Artikel noch zu finden sind. Diese Banden sind stark genug,
um den Widerstand einzelner Stmme, die sie nicht aufnehmen wollen, zu
brechen und sich allmhlich auf freundschaftlichen Fuss mit ihnen zu
stellen. Daher erscheinen jetzt Ot-Danum und Siang, die sich frher,
wegen der feindlichen Gesinnung der Bahau, nie in das Gebiet des
Mahakam wagten, scharenweise bei ihnen und gehen nicht selten sogar
eine vorbergehende Eheverbindung mit deren Frauen ein.

Auch die Malaien der Kste haben begonnen, sich an dem Sammeln von
Buschprodukten stark zu beteiligen; in grosser Zahl ziehen die Mnner
aus ihren Drfern am Unterlauf der Flsse nach deren Quellgebieten,
um in ihren noch unberhrten Wldern nach Rotang und Guttapercha
zu suchen. Man findet daher gegenwrtig in ganz Borneo Malaien, was
fr die einheimische Bevlkerung neben einigen Vorteilen sehr grosse
Nachteile mit sich bringt.



Bei smmtlichen Bahau und Kenja ist die Organisation der Gemeinwesen
in der Hauptsache die gleiche, was sich aus der Verwandtschaft
dieser beiden Stammgruppen sehr wohl erklren lsst. Ich beschrnke
mich daher darauf, hier nur die Verfassung des Stammes der Mendalam
Kajan ausfhrlich zu besprechen und bei anderen Stmmen vorkommende
Abweichungen gelegentlich zu erwhnen. Es sei mir gestattet, einige
geschichtliche Bemerkungen ber diese Kajan vorauszuschicken.

Der Stamm der Kajan bewohnt die Ufer des Mendalam gemeinsam mit dem der
Ma-Suling und Uma-Pagong, mit denen sie, nach ihren geschichtlichen
berlieferungen, gemeinsame Abstammung aus dem Quellgebiet des
Kajanflusses verbindet. Eine Hauptursache der Auswanderung bildete
die zu starke Zunahme der Bevlkerung; den unmittelbaren Anstoss gab
aber ein unter den Stmmen ausgebrochener Zwist.

Die Vorfahren der eben erwhnten Bahaustmme durchzogen damals das
zwischen dem Berge Batu Tibang und der Oga-Quelle gelegene Land,
in dessen ausgedehntem Urwald sich noch heute Spuren ihrer frheren
grossen Niederlassungen finden. Von hier wanderten sie nach dem
Njangjan, einem Nebenfluss des Batang-Rdjang, den sie spter wieder
verliessen, um nach zwei verschiedenen Richtungen auseinander zu gehen.

Der eine Teil zog an den oberen Mahakam, wo er heute noch im Tal
seines Nebenflusses, des Meras, wohnt; der andere Teil begab sich
in das Gebiet des oberen Kapuas, wo er jetzt am Mendalam lebt. Bevor
er sich jedoch hier niederliess, bewohnte er lange Zeit das Tal des
Sibau, in welches er lngs dem Batang-Rdjang, auf dem heute noch
gebruchlichen Wege, gelangt war. Obgleich es sicher 150 Jahre her
sind, seit die Mendalam Kajan dort wohnten, machen ihre Huptlinge
doch jetzt noch auf diese Gebiete und besonders auf die damals
gepflanzten Fruchtbume Ansprche geltend. Whrend ihres Aufenthaltes
am Sibau trennte sich auch dieser Zweig nochmals; ein Teil blieb am
oberen Kapuas, der andere fuhr den Fluss hinunter und liess sich an
verschiedenen Orten des Hauptstromes bis unterhalb Semitau nieder. Aus
verschiedenen Ursachen nahmen seine Glieder hier aber so stark an Zahl
ab, dass ihre Huptlinge beschlossen, zum alten Zweig am oberen Kapuas
zurckzuziehen. Sie wurden dort aufgenommen, nachdem sie sich eidlich
verpflichtet hatten, nicht wieder fortzuziehen. Als sie spter trotz
ihres Eides wiederum den Kapuas abwrts auswanderten, gingen sie dort
aus unbekannten Ursachen vllig zu Grunde. Die drei berlebenden Kinder
aus der Huptlingsfamilie wurden von dem alten Stamm wieder aufgenommen
und verbanden sich durch Heirat mit ihren frheren Stammesgenossen.

Auch dieser sesshaftere Teil der Bahaustmme wechselte seinen
Wohnplatz, sei es aus Mangel an geeignetem Boden fr seine Reisfelder,
sei es, weil er an einem bestimmten Ort zu stark von Krankheiten, die
von den vielen dort hausenden Geistern ausgehen sollen, heimgesucht
wurde.

Im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts erhielten die Kajan den
unerwnschten Besuch von Scharen ihrer Verwandten aus dem Gebiet
des oberen Mahakam. Diese waren damals sehr mchtig und zogen unter
Anfhrung zweier grosser Long-Glathuptlinge, _Ledju_ und _Ibau_,
durch ganz Mittel-Borneo brandschatzend umher. Whrend aber das Haus
der Taman am Mendalam und viele andere am Kapuas von ihnen verwstet
wurden, blieb das der Kajan am Mendalam verschont und zwar, der
berlieferung nach, aus dem Grunde, dass Ledju, durch das Erscheinen
eines aussergewhnlich grossen und starken Kajan, namens _Bang_,
erschreckt den Kampf einstellte. Im Friedensschluss kam man berein,
dass Tipong Aging, die Tochter des vornehmsten Kajanhuptlings,
_Ledju_ als Gattin an den Mahakam folgen sollte.

Fhrt man heute den Mendalam einige Stunden weit aufwrts, so
trifft man zuerst die Niederlassung von Tandjong Karang, bewohnt von
dem Stamm, genannt Kajan Uma-Aging; etwas weiter oben, in Tandjong
Kuda, wohnt ein anderer Teil des gleichen Kajanstammes, whrend noch
weiter oben am Fluss die Ma-Suling und der Stamm Uma-Pagong gemeinsam
wohnen. Der Rest des Tamanstammes, der vor der Ankunft des _Ledju_
sehr stark war, lebt jetzt teils mit den Ma-Suling und Uma-Pagong,
teils mit den Kajan in Tandjong Karang zusammen.

Die Kajan Uma-Aging haben sich erst vor wenigen Jahren infolge von
Zwistigkeiten in der Huptlingsfamilie getrennt. Sie wohnten frher
gemeinsam in Tandjong Karang, aber neben _Seniang_, dem Manne der
_Bulan_, die eigentlich allein erbberechtigter Huptling war, hatte
auch _Akam Igau_, der Gatte von _Seniangs_ verstorbener Schwester, viel
Einfluss und Ansehen gewonnen; die beiden Schwger konnten sich jedoch
nicht vertragen. Als _Seniangs_ Sohn _Tigang_ einst einen heftigen
Streit herbeifhrte, zog _Akam Igau_ mit einem grossen Teil der freien
Kajan und Leibeigenen an das gegenberliegende Ufer und. baute sich
dort ein neues Tandjong Karang. Auch _Seniangs_ Familie zog spter
mit dem Rest der Kajan weiter den Fluss hinauf und liess sich in dem
jetzigen Tandjong Kuda nieder. Seit ungefhr zehn Jahren wohnen diese
Huser oder Stmme nun getrennt in kleinem Abstand von einander und
die gegenseitigen Eiferschteleien und Zwistigkeiten haben in dieser
Zeit nicht abgenommen.

Trotz des vielen Herumschweifens haben die Kajan die ursprngliche
Organisation ihres Gemeinwesens nicht verndert.

Ein Stamm der Kajan besteht aus folgenden Gliedern: einem Huptling
(hipui), Freien (_panjin_) und Sklaven (_dipen)_. Whrend der Huptling
stets einer bestimmten, bevorrechteten Familie angehrt, setzen sich
die Freien aus lauter Familien von der gleichen Rangstufe und den
gleichen Rechten zusammen.

Die Leibeigenen sind meistens Nachkommen von Kriegsgefangenen und
Eigentum des ganzen Stammes; ihre Arbeit kommt dem Huptling zu Gute,
der sie dafr zu unterhalten hat. Ab und zu werden Sklaven von den
nomadisierenden Jgerstmmen, die sie auf ihren Kopfjagden erbeuteten,
gekauft.

Die eingeborenen Sklaven und auch die, welche einmal das Haus ihrer
Herren betreten haben, drfen nie mehr verkauft und auch nie auf den
Grbern der Huptlinge geopfert werden; zu letzterem Zweck wurden
frher die gekauften Sklaven verwendet.

Wegen Schulden oder Missetaten wird bei den Bahau nie jemand zum
Sklaven gemacht.

Das Ansehen eines Huptlings hngt im allgemeinen von der Hhe seiner
Geburt ab. Die Huptlingswrde ist erblich. Bei der Nachfolge wird aber
nicht nur auf das Alter der Kinder, sondern auch auf deren Befhigung
fr das Huptlingsamt Rcksicht genommen: Der Huptling bestimmt oft
schon bei Lebzeiten den Nachfolger und ist dieser einmal erwachsen,
so spielt er hufig eine grssere Rolle als sein Vater.

Zu den physischen Gebrechen, die einen Sohn an der Nachfolge hindern,
gehren Taubheit und Blindheit. So konnte _Adjang_, der lteste Sohn
_Seniangs_, seiner Taubheit wegen, nicht Huptling von Tandjong
Kuda werden; es erbte daher sein jngerer Bruder, _Tigang_, die
Huptlingswrde. Charakterfehler knnen die Nachfolge nicht verhindern,
sie geben aber fters zu heftigem Widerspruch seitens der Untertanen
und nicht selten auch zu einer Spaltung des Stammes Anlass.

Die grssten Tugenden eines Huptlings sind: Uneigenntzigkeit
und Rechtschaffenheit; neben diesen werden auch Tapferkeit und
Redegewandtheit geschtzt, aber in geringerem Masse. Der Huptling
gewinnt sich die Gunst der Seinen hauptschlich durch Milde und
Freigebigkeit und diese Eigenschaften sind auch fr alle, die mit den
Bahau in Berhrung kommen, eine Grundbedingung zu einem guten Empfang.

Die Huptlingswrde kann auch auf die Tchter bergehen, die Shne
werden aber bevorzugt. Ist eine Frau jedoch einmal zum Huptling
gewhlt, so geniesst sie alle Ehren, die ihrer Stellung zukommen.

Der Huptling vertritt seinen Stamm nach aussen, bt durch Auferlegung
der Strafen die richterliche Gewalt im Stamm, hat die Nutzniessung
der Leibeigenen und ist Inhaber des allgemeinen Eigentums, wie alter,
halb heiliger Erbstcke (_dawan una)_.

Nicht nur weltlichen, sondern auch geistigen Mchten gegenber muss ein
Huptling die Interessen der Seinen vertreten; daher leitet er alle
bei den Ackerbaufesten stattfindenden religisen Zeremonien ein. Da
jedes Verfahren, das der Reisbau erfordert, mit einer religisen Feier
begonnen werden muss, giebt der Huptling das Zeichen fr den Anfang
jeder neuen Periode.

Obgleich der Huptling nicht zur eigentlichen Priesterschaft gehrt,
muss er doch die Verbotsbestimmungen, gleich wie die Priester,
strenger als alle brigen befolgen.

Ferner fallen dem Huptling grsstenteils die Kosten der ffentlichen
Festmahlzeiten und der Sold fr die Priester zur Last; auch hat er
fr die Entrichtung der Bussen, die dem Stamm durch Feinde oder die
Regierung auferlegt werden, zu sorgen.

Alle innerhalb des Stammes ausgebrochenen Zwistigkeiten werden bei
den Kajan durch den eigenen Huptling geschlichtet, sehr im Gegensatz
zu den benachbarten Stmmen der Taman-, Sibau- und Kantu Dajak, die
keine andere Autoritt als die des hollndischen Beamten anerkennen
und ihn daher stndig mit kleinlichen Angelegenheiten belstigen. Die
Mendalam Kajan wenden sich nur dann an den Kontrolleur, wenn Huptlinge
untereinander in Streit geraten und eire entscheidende Macht somit
fehlt.

Erhlt der Stamm Besuch von fremden Gsten, so nimmt der Huptling
die Gastherrnpflichten auf sich, auch wenn der Besuch einen Monat
lang bleibt; sind die Gste jedoch zu zahlreich, so werden sie unter
die verschiedenen Familien verteilt, die in der Hilfe, die ihnen
die Fremden bei ihrer Arbeit leisten, einigermassen Entschdigung
finden. Ein Besuch kann sich nmlich, durch pltzliches Eintreten
einer Verbotszeit bei Erntefesten oder beim Tode angesehener Personen,
sehr in die Lnge ziehen, da Fremde in dieser Zeit das Haus nicht
verlassen drfen.

Hat sich ein Glied eines Stammes etwas zu Schulden kommen lassen,
so wird sein Vergehen dem Huptling vorgetragen und diesem liegt die
Rechtsprechung ob; er fllt sein Urteil jedoch nicht nach persnlicher
berzeugung oder Willkr, sondern nach den berlieferten, dem Stamme
eigenen Gesetzen, die als Gewohnheitsrechte (_adat_) bezeichnet
werden. Da die _adat_ sehr verwickelt ist, ruft der Huptling vor
jeder Rechtsprechung die tchtigsten, angesehensten und ltesten
Mnner der Freien, _mantri_ genannt, zusammen und bert mit ihnen
die Angelegenheit.

In gleicher Weise wie die Priester fr die Erfllung der religisen
_adat_ zu sorgen haben, mssen die _mantri_ auf die Befolgung
der weltlichen _adat_ achten; sie bilden die ausfhrende Macht im
Gemeinwesen der Kajan, ben aber auch auf jeden Beschluss grossen
Einfluss aus.

Vor jeder Rechtshandlung werden nicht nur die _mantri_, sondern mit
deren Hilfe auch die betroffenen Parteien und smmtliche Bewohner
des Hauses, Leibeigene und Frauen inbegriffen, zu einer ffentlichen
Versammlung einberufen, und jedem steht das Recht zu, sich frei zu
ussern. Derartige Versammlungen werden hufig abends oder an Tagen,
an denen schwere Arbeit oder ein Verlassen des Hauses verboten ist,
abgehalten und dauern oft eine ganze Nacht, bisweilen auch noch den
folgenden Tag.

Lsst sich ein Kajan einem anderen gegenber Diebstahl, Ehebruch oder
Mord zu Schulden kommen, so kann sein Vergehen mit einer Busse geshnt
werden. Krperliche Strafen, Gefngnisstrafe und vorgeschriebene
Blutrache kommen in diesem Falle nicht zur Anwendung. Den unmittelbaren
Tod heischt die _adat_ nur fr Personen, die dem ffentlichen Interesse
gefhrlich sind oder zu sein scheinen.

Die Bussen werden teils der geschdigten Partei, teils dem Huptling
ausbezahlt, der bei der Auferlegung der Strafen vorsichtig zu Werke
gehen muss; denn zeigt er einen Schimmer von Habsucht, so luft er
Gefahr, die Volksgunst zu verlieren.

Die Busse trgt den Charakter einer Schadloshaltung. Hat z.B. ein frei
herumlaufendes Schwein einen Teil eines Reisfeldes vernichtet, so steht
es dem Besitzer des Ackers frei, das Tier zu tten. Dessenungeachtet
ist er aber verpflichtet, dem Besitzer des Schweines ein anderes
Tier als Ersatz zu liefern. Der Eigentmer des Schweines wiederum
muss den auf dem Reisfelde verursachten Schaden vergten.

Auch Mordtaten werden mit Bussen gestraft; nur wenn die Bussen nicht
bezahlt werden oder nicht auferlegt werden knnen, weil der Tter
entflohen ist oder einem feindlichen Stamme angehrt, tritt die Rache
in den Vordergrund. Sie trifft jedoch nicht immer die schuldige Person,
sondern auch deren Stammesgenossen, wenn die Gelegenheit sich gerade
dazu bietet.

Handelt es sich um den Mord mehrerer Personen, der hufig durch
Geisteskranke gebt wird, so wissen sich die Bahau nicht anders zu
helfen, als indem sie den Mrder tten. In einzelnen Fllen, wenn der
Mord nicht vollstndig ausgefhrt wurde, werden dergleichen Personen
auch in kleinen Huschen oder in gesonderten Rumen des grossen Hauses
eingesperrt und verpflegt.

Steht ein Stammesglied im Verdacht, Gift (_puli_) zu besitzen, mit
dem es Menschen ttet oder krank macht, so riskiert es, von dem einen
oder anderen niedergemacht zu werden, natrlich oft unschuldiger Weise.

Bei Ehebruch kommt es vor, dass der betrogene Ehemann die Schuldigen,
wenn er sie berrascht, ttet; er ist jedoch verpflichtet, fr die
gettete Person Schadenersatz zu bezahlen. Nicht immer hat der Ehebruch
eine Scheidung der Gatten zur Folge.

Frauen, welche ausserehelich schwanger werden, und die schuldigen
Mnner haben nach Anschauung der Bahau eine Missetat begangen, welche
die Geister erzrnt und dem Stamme Unglck bringt. Die Strafe, die
man ihnen auferlegt, gleicht daher einem Opfer an die Geister. Die
Long-Glat am Mahakam lassen die Schuldigen mit einem Schwein als
Opfergabe auf einem Floss mit der Strmung flussabwrts treiben. Das
Schwein ertrinkt in den Wasserfllen, whrend sich das schuldige Paar
durch Schwimmen rettet.

Zur Entdeckung des Schuldigen sah ich die Bahau von folgendem Mittel
Gebrauch machen: Der Bestohlene liess jeden ein Ei anrhren in der
berzeugung, dass der Schuldige das Ei nicht zu berhren wagen wrde,
aus Furcht krank zu werden.

Die Bahau schwren auf den Zahn des Knigstigers; in ernsten Fllen
jedoch geschieht die Eidesleistung unter gleichzeitigem langsamem Tten
eines Hundes. Dem Tiere werden mittelst eines Schwertes Stichwunden
beigebracht und derjenige, der den Eid leistet, bestreicht sich
mit dem ausstrmenden Blute. Bei Meineid wird der Schuldige, nach
dem Glauben der Bahau, spter durch den Hund, d.h. durch den Geist,
der in ihm steckte, verfolgt, gebissen und gettet.

Die Vollziehung der Strafen ist fr die _mantri_ keine leichte
Aufgabe, denn sie besitzen keine Zwangsmittel und im Kajanstaat
geniesst jeder die grsste Freiheit. Die _mantri_ finden aber fr
die Aufrechterhaltung der Ordnung in zwei Faktoren eine wesentliche
Sttze: erstens in der Achtung der Kajan vor der ffentlichen Meinung,
zweitens in ihrer Furcht, bei bertretung der _adat_ zur Strafe krank
zu werden, dem sog. "_takut parid_."

Dass Menschen, die ihr ganzes Leben gemeinsam in einem
Hause, in unmittelbarer Nhe von einander, verbringen, doch
ein so ausgesprochenes Gefhl der Eigenwrde und beinahe eine
berempfindlichkeit fr die Meinung ihrer Umgebung besitzen, setzt uns
in Erstaunen. Die _adat_ und die Art ihrer Handhabung ist berhaupt
nur bei einem Stamm mit derartigem Charakter denkbar.

Wird in einer ffentlichen Versammlung oder durch den Huptling und
die _mantri_ einem Schuldigen eine Busse auferlegt, so wagt er es
nur in seltenen Fllen, sich zu widersetzen. Es kommt noch hinzu,
dass sich seine ganze Familie bei der Angelegenheit betroffen fhlt.

Nicht minder als die ffentliche Meinung trgt das "_takut parid_"
dazu bei, im Staate und in der Familie der Kajan Ordnung und Sitte
aufrecht zu erhalten. Der Aberglaube _parid_, krank, kachektisch zu
werden, sobald man dieses oder jenes Verbot bertritt, bt auf das Tun
und Lassen von alt und jung den grssten Einfluss aus. Im allgemeinen
wird bei den Kajan jemand _parid_, wenn er etwas tut oder anrhrt, das
nur lteren oder Hherstehenden zukommt. Das _takut parid_ gilt somit
nicht fr smmtliche, sondern nur fr besondere bertretungen. Kindern
ist es verboten, Gegenstnde, die lteren Mnnern oder dem Huptling
gehren, hauptschlich aber Kriegswaffen, anzurhren. Junge Mnner
drfen keine Schwertgriffe aus Horn schnitzen oder eiserne Schwerter
und Speere gravieren oder Gestelle fr Reiskrbe mit Rotang umflechten
oder endlich sich nicht mit den Schwanzfedern des Nashornvogels
schmcken--alle diese Dinge sind nur alten, tapferen Mnnern gestattet.

In bezug auf alles, was den fr die Borneobewohner mystischen
Tiger (_ledjo_) betrifft, ist jeder in hohem Masse _takut parid_;
nur einige der vornehmsten Huptlinge wagen es, den Zahn eines
Knigstigers anzurhren. Als ich daher auf meiner letzten Reise
als grosses Geschenk fr die obersten Huptlinge am Mahakam einige
Tigerzhne aus Java mitnahm, htete ich mich davor, zu verraten, in
welcher Kiste sie sich befanden, da sonst kein Kajan sie htte tragen
wollen. Aus dem gleichen Grunde musste ich auch einen Tigerschdel
in Putus Sibau zurcklassen. Jeder frchtete sich davor, auch nur
mit dem Staub des Tigerzahnes in Berhrung zu kommen, den _Demmeni_
fr den Pnihinghuptling _Belar_ einst feilte.

Auch in allem, was den Gottesdienst angeht, seien es Gebruche, Verbote
oder religise Gegenstnde, ist jeder Laie _takut parid_. Selbst die
jungen Priesterinnen knnen _parid_ werden und nur die ltesten,
wie _Usun_ in Tandjong Karang, wagten es, ber ihre Wissenschaft
zu sprechen und religise Gegenstnde (_barang lali_) fr mich
nachzumachen.

Dass in einem Gemeinwesen, das, wie wir gesehen haben, mehr durch die
ffentliche Meinung und aberglubische Furcht als durch Gesetz und
Recht zusammengehalten wird, einzelne Individuen mit ausgesprochener
Persnlichkeit; leichter als wo anders, eine leitende Rolle zu
bernehmen im stande sind, ist selbstverstndlich. Daher hat der
Huptling auch hauptschlich diesen einzelnen Rechnung zu tragen,
die grosse Menge folgt von selbst.

Treten jedoch aussergewhnliche Ereignisse ein, wie z.B. meine
Expedition zum Mahakam, so fhlt sich auch eine Persnlichkeit wie
_Akam Igau_ auf unsicherem Boden; denn sobald das Gewohnheitsrecht,
keine Bestimmungen getroffen hat, ist der Huptling seinen Untergebenen
gegenber machtlos. Zwar wagen diese ohne des Huptlings Hilfe nichts
zu beginnen, aber er hat kein Mittel, seine Leute zu zwingen, sich an
einem besonderen Unternehmen zu beteiligen, sondern jeder beschliesst
selbst, ob er mithlt oder nicht. In Anbetracht, dass sein Ansehen zum
grossen Teil von der Wohlgesinntheit seiner Untergebenen abhngt, zieht
sich ein Huptling, sobald es darauf ankommt, etwas Aussergewhnliches
durchzusetzen, gern zurck und schiebt die Entscheidung am liebsten
einem anderen zu:

Der freie Kajan (_panjin_) hat dem Huptling gegenber keine andere
Verpflichtung, als ihm bei jedem neuen Verfahren, das der Reisbau
erfordert, einen Arbeitstag zu leisten, ferner ihm bei der Ausfhrung
grsserer Arbeiten, wie bei der Herstellung und beim Transport von
Bten durch den Wald, sowie beim Bau seiner Wohnung behilflich zu sein.

Wird fr den ganzen Stamm ein neues Haus gebaut, so liefert jede
Familie, ausser dem Material fr die eigene Wohnung, noch einen Pfahl,
einige Planken und 100 Schindeln zum Bau der Huptlingswohnung (_amin
aja)_. Der Huptling wiederum ist verpflichtet, mit seinen Sklaven
demjenigen zu helfen, der aus irgend einem Grunde sein Feld nicht
bebauen kann oder sonst der Untersttzung bedrftig ist.

Ein derartiges gegenseitiges Hilfeleisten ist bei den. Kajan sehr
blich; bei jeder besonderen Ausgabe oder Unternehmung wendet man
sich um Leistung von Geld oder Arbeitskraft an die Opferwilligkeit
der Verwandten und Dorfgenossen.

Heiratet z.B. ein Kind des Huptlings, so beteiligen sich alle
Stammesgenossen an den Festkosten; fr ffentliche Festmahlzeiten
liefert jeder etwas gewhnlichen Reis oder Klebreis; hat ein Huptling
eine ansehnliche Busse zu bezahlen, wie _Akam Igau_, als er sich zu
bald nach dem Tode der ersten Frau. wieder verheiratete, so trgt
jeder seines. Anteil bei.

Befindet sich ein Kajan in Not, so sind in erster Linie seine
Anverwandten, in zweiter der Huptling verpflichtet ihm zu helfen.

Nicht nur bei ffentlichen, sondern auch bei privaten Festen hat
der Huptling eine besondere Rolle zu erfllen: die Kinder, die zu
Neujahr einen Namen erhalten, werden ihm zugetragen, damit er sie mit
Wasser besprenge; will ein junger Mann in eine andere Niederlassung
hineinheiraten, so muss ihm der Huptling hierzu seine Bewilligung
erteilen und der neue Huptling erhlt ein Geschenk; sind keine
Angehrigen vorhanden, so fllt dem Huptling die Vormundschaft und
die Vermgensverwaltung der Waisen bis zu deren Volljhrigkeit zu.

Was die Verpflichtungen der Leibeigenen (_dipen_) gegenber dem
Huptling betrifft, so liegt ihnen, wie erwhnt, alle Arbeit in Wald,
Feld und Haus ob. Oft tritt auch Arbeitsteilung ein, so dass Mnner
und Frauen ohne kleine Kinder mehr ausserhalb des Hauses arbeiten,
die anderen dagegen das Reisstampfen, Kochen, Reinigen der Wohnung
und dergleichen bernehmen. Die Sklaven arbeiten unter Aufsicht
der Huptlingsfamilie oder unter der bestimmter, von dem Huptling
erwhlter Personen. Das Verhltnis von Herr und Knecht ist jedoch
derart, dass man lange unter den Kajan gelebt haben muss, um zu wissen,
wer eigentlich Leibeigener ist.

Besonders fhige Sklaven schickt der Huptling oft fr Monate auf
Reisen, um unter verwandten Stmmen am Mahakam oder Batang-Rdjang
Handel zu treiben. Da den Sklaven hierbei ein Teil des Gewinnstes
zufllt, bringen sie es oft zu grsserer Wohlhabenheit als die
freien Kajan.

Die Leibeigenen drfen ausserdem noch fr ihren unmittelbaren Vorteil
arbeiten; frher scheint der Huptling regelmssig einen bestimmten
Prozentsatz ihres Gewinnes fr sich beansprucht zu haben, gegenwrtig
macht _Akam Igau_ nur selten von diesem Recht Gebrauch. Anders verhlt
es sich in Tandjong Kuda, wo der Huptling arm ist.

Fr 100 Dollar kann sich ein Leibeigener am Mendalam loskaufen;
ich habe aber nie von einem solchen Fall gehrt. Ebenso ungewhnlich
sind Fluchtversuche Leibeigener aus Unzufriedenheit ber ihr Los. Die
meisten der gegenwrtigen Sklaven sind im Stamme geboren und knnen
sich nirgends anders niederlassen, wenn ein anderer Huptling sie
nicht unter seinen Schutz nimmt.

Wie die freien Kajan, haben auch die Leibeigenen mannigfach
Gelegenheit, sich durch persnliche Eigenschaften eine einflussreiche
Stellung zu verschaffen; sie knnen sogar in die Priesterschaft
aufgenommen werden und sich durch ihr Amt ein bedeutendes Einkommen
erwerben; auch knnen sie es im Kriege bis zum Anfhrer bringen.

In der Huptlingswohnung essen die Leibeigenen gesondert, auch schlafen
sie in besonderen Abteilungen.

Die Sklaven heiraten meist unter einander, aber eine Verbindung mit
freien Kajan gehrt nicht zu den Seltenheiten. Die Freien bernehmen
durch eine Heirat mit Sklaven deren Verpflichtungen, sie "heiraten in
die grosse Wohnung" = "_ngahawa halam amin aja_," wie der offizielle
Ausdruck lautet. In Wirklichkeit aber zieht das junge Paar nur selten
in die Huptlingswohnung, meist erhlt es eine selbstndige Wohnung
im grossen Hause.

Erfolgt Scheidung, so tritt der Freie in seinen frheren Stand zurck
und die Kinder folgen teils dem Vater teils der Mutter; eine besondere
Bestimmung hierber habe ich nicht ausfindig machen knnen.

Als allgemeines Eigentum des Stammes drfen die Sklaven nie verkauft,
bei Erbschaft verteilt oder bei der Heirat eines Huptlings von ihm
in eine andere Niederlassung mitgefhrt werden. Den Sklaven wird nur
selten gestattet, in ein anderes Dorf zu heiraten.

Man sollte nicht erwarten, dass in einem Staate, in welchem, dank
seiner freien Organisation, der niederste Sklave durch persnliche
Eigenschaften zu Einfuss und Ansehen gelangen kann, das Gefhl fr
Standesunterschiede sehr ausgeprgt ist--und doch ist dies bei den
Kajan in hohem Masse der Fall. Sie unterscheiden in ihrem Gemeinwesen
nicht nur Huptlinge, Freie und Sklaven, sondern zwischen diesen noch
verschiedene bergangsstufen und zwar in der Art, dass eine bestimmte
Stellung ihren Familien zwar rechtlich, aber nicht gesellschaftlich,
zukommt. Dem Huptling wird z.B. nachgerechnet, ob unter seinen
Vorfahren Freie vorkommen und wie viele, ob Fremde oder nur Glieder
verwandter Stmme in seine Familie hineingeheiratet haben; von allen
diesen Verhltnissen ist sein Ansehen abhngig. Unter den _panjin_
wiederum giebt es Familien, die seit alters zum Stamme gehren, in
die womglich Glieder der Huptlingsfamilie durch Heirat aufgenommen
worden sind, die sich nicht mit Fremden oder Sklaven vermischten
und die berdies reich sind; man nennt sie _Panjin saju_ = schne
Freie. Ihre ltesten Glieder ben einen besonderen Einfluss im
Staate. Dagegen giebt es andere _panjin_, denen alle diese gnstigen
Umstnde fehlen und die daher eine viel tiefere gesellschaftliche
Stufe einnehmen. Sind diese Familien lange arm gewesen oder haben sie
fters Sklaven oder Glieder fremder Stmme durch Heirat aufgenommen,
so geniessen sie unter ihren Dorfgenossen oft viel weniger Ansehen
als wohlhabende Sklavenfamilien, die kluge und einflussreiche Glieder
zu den Ihrigen zhlen.

Die Kajan dichten ihren Huptlingen gern eine besonders hohe Herkunft
an, so lassen sie _Akam Igau_, dessen Vater vom Mahakam gebrtig war,
von den guten Geistern des Apu Lagan abstammen. Die Legende lautet
folgendermassen

In alten Zeiten feierte das Haus der Uma-Aging am oberen Kajan
einst das Saatfest (_tugal_). Nachdem der Huptling _Ledjo Aging_
mit den Priesterinnen auf dem heiligen Reisfelde (_luma lali_)
alle Zeremonien ausgefhrt und einen _pelale_ (Opfergerst mit
Opferspeisen) errichtet hatte, bemerkte er beim Nachhausekommen,
dass er sein Messer, das er bei der Arbeit gebraucht hatte, auf dem
Opferplatze hatte liegen lassen. Als _Ledjo_ allein auf das Feld
zurckkehrte, fand er dort zu seinem Erstaunen eine Schar weiblicher
Geister aus dem _Apu Lagan_ (Aufenthaltsort der guten Geister), die die
Aufforderungen der Priesterinnen er hrt hatten und sich an den auf
dem _pelale_ niedergelegten Opferspeisen gtlich taten. Bei _Ledjos_
Kommen entflohen die Jungfrauen bis auf eine, die mit ihrem langen,
prachtvollen Haar am Opfergerst hngen blieb und so dem Huptling
in die Hnde fiel. _Ledjo_ nahm das schne Mdchen mit der heller
Hautfarbe nach Hause und berredete es, als seine Gattin bei ihm zu
bleiben. In damaliger Zeit war es aber im Kajanlande immer hell, daher
schmte sich Jungfrau _Mang_ vor innigeren Beziehungen und stieg zu
ihrem Himmel hinauf, um von dort den Schutz des nchtlichen Dunkels
in ihre neue irdische Heimat herniederzubringen. _Mang_ brachte die
Finsternis in einem _samit_ (Palmblattsack) mit, den sie, zu Hause
angekommen, im Gemache niederlegte, worauf sie sich nach der langen
Reise etwas Erholung und Erfrischung gnnte. Ein neugieriges Kind,
das wissen wollte, was sich in dem Sacke befand, schnitt ein Loch
hinein; da entfloh die Finsternis und breitete sich zum Schrecken
des Stammes ber das ganze Land aus. Die Kajan wussten in ihrer Angst
nicht, was sie beginnen sollten und entwarfen allerhand Plne, um dem
Unglck zu wehren, als die Hhne zu krhen anfingen und es wieder
Licht wurde. Seit der Zeit kehren Nacht und Tag regelmssig zu den
Menschen zurck.

Nun war _Mangs_ Eheglck vollkommen und bald darauf wurde sie
schwanger. Als sie nach etlichen Monaten mit vielen anderen ihres
Stammes auf einer Gerllbank mit Fischen beschftigt war, fhlte sie,
dass ihre Stunde gekommen sei. Sie zog sich daher zurck und hockte
in der Ferne nieder, um ihr Kind zur Welt zu bringen. _Ledjo_ und
die Seinen dachten aber, dass sie nur einem Bedrfnis nachkommen
wolle; denn bis dahin war es bei den Kajan blich gewesen, wenn
ein Kind geboren werden sollte, der schwangeren Frau den Leib
aufzuschneiden. Von Mang lernten die Kajan nun ein besseres Verfahren;
denn bald brachte sie ihrem Gatten ein Tchterchen, _Do Neha_ (_neha_
= Gerllbank).

Als _Do Neha_ erwachsen war, konnte Mang ihre Sehnsucht nicht lnger
bezwingen und kehrte zum _Apu Lagan_ zurck. Ihre Tochter vermhlte
sich mit _Tigang Aging_, dem sie einen Sohn, _Batang Huwang_,
schenkte. Bald nach der Geburt schnitt sich die junge Mutter, um ihr
Shnchen zu trocknen, einen Teil ihres langen Haares ab. Kaum hatte
sie diese weggeworfen, als sie aus ihren Haaren so stark zu bluten
begann, dass sie starb. Seither drfen die Huptlinge von dem Stamme
Aging ihre Haare nicht schneiden lassen.

Da das Kind den Tod der Mutter veranlasst hatte, brachten es die
Dorfbewohner in den Wald, um es dort umkommen zu lassen. Niemand wagte
das Kind aufzunehmen. Endlich kam eine gute Frau, die das Kind aufhob
und mit ihm an den Fluss Kaso zog. Dort liess sich _Batang Huwang_,
der keine Lust mehr versprte, nach seinem Stamm zurckzukehren,
nieder. Seine Nachkommen blieben ebenfalls im Mahakamgebiet wohnen,
nur _Akam Igaus_ Vater zog an den Mendalam und heiratete in den Stamm
der Ma-Aging (= Uma-Aging).

Durch diese Erzhlung erhlt _Akam Igau_ eine Abstammung von
den Himmelsgeistern und wird gleichzeitig zu einem Glied der
Huptlingsfamilie der Uma-Aging gemacht.




KAPITEL IV.

    Lebenslauf eines Bahau bzw. eines Kajan--Geburt--Behandlung
    des Neugeborenen--Kindertragbrett (_hawat_)--Verpflegung
    des Kindes--Erste Namengebung--Zweite
    Namengebung--Namennderungen--Das Kind bis zur Pubertt--Junge
    Mnner und Mdchen--Ttowierung--_utang_--Knstliche
    Verunstaltungen--Beschftigungen und Verkehr der
    jungen Leute--Mahlzeiten--Beirat--Stellung von Mann und
    Frau--Erbschaft--Tod--Trauer--Kopfjagden.


Bevor ein junger Kajan das Licht der Welt erblickt, haben sich
seine knftigen Eltern zahlreichen Vorschriften der _adat_ zu
unterwerfen. Die Mutter darf keine Tiere tten und keine zu jungen
Fische essen. Auch einige ausgewachsene Fische, das Fleisch des
Schuppentieres (Manis javanica) und verschiedene Arten von Frchten
und Gemsen sind ihr verboten. Ferner muss sie sich hten, whrend
des Regens zu schlafen, geschieht dies doch, so wird sie geweckt.

Der Gatte darf vor und nach der Entbindung seiner Frau nicht auf die
Jagd gehen, keine Pfhle einrammen und keine jungen Fische essen. Um
die Geburt zu erleichtern, legt ein sorgsamer Ehemann whrend der
Schwangerschaft seiner Frau seine Schnitzarbeit in Hirschhorn bei
Seite; auch reisst er keinen Kattun, um sich ein Kleidungsstck
herzustellen.

In der ersten Zeit ihrer Schwangerschaft geht die Kajanfrau ihrer
gewohnten Arbeit im Hause und auf dem Felde nach. Sobald ihre
Krperform im dritten oder vierten Monat auffallend wird, bedeckt sie
zuerst den Leib und dann auch die Brust mit einem Tuche (_djat butit_).

Bei der Entbindung drfen nur Frauen zugegen sein. Die Mnner werden
schon beim Beginn der Wehen aus dem Gemache entfernt und mit ihnen
auch alle eisernen und schneidenden Gegenstnde--wahrscheinlich um
die Kindesseele nicht zu erschrecken. Die Mutter gebiert in hockender
Stellung. Ist das Kind zur Welt gekommen, so schneidet ihm eine der
Hilfe leistenden Alten mit einem Schwerte den Nabelstrang durch,
nachdem er in einer Entfermung von 4 cm vom Kinde unterbunden worden
ist. Dieses Schwert, das nie verkauft werden darf, wird als altes
Familienstck piettvoll bewahrt. Die Nachgeburt wird in den Wald
geworfen und dort in der Regel von Schweinen und Hunden aufgefressen.

Da die Kajanfrauen alle gut gebaut sind und Rhachitis nicht vorkommt,
verluft eine Entbindung gewhnlich normal. Die Geburtshelferinnen
sind auch nicht im stande, bei anormaler Kindeslage der bei Blutungen
Hilfe zu leisten; nur das Reiben des Leibes ist gebruchlich. Als
grosse Merkwrdigkeit wurde mir erzhlt, dass eine Frau aus Pagong
einst den prolabierten Uterus einer Wchnerin mit gutem Erfolge
zurckgestlpt hatte.

Einige bei den Kajan verbreitete Krankheiten, gonorrhoeische
Endometritides und Lises, knnen jedoch dem Verlauf der Geburt eine
ernste Wendung geben. Hilft sich die Natur nicht selbst, so hat jede
Abweichung Tod oder schweres Leiden zur Folge. Bercksichtigt man,
dass die Kajan den bei der Geburt sterbenden Frauen kein ehrenvolles
Begrbniss und glckliches Leben im Jenseits zugestehen, so ist
die Angst, mit welcher diese ihrer Entbindung entgegensehen,
begreiflich. (Nheres f. Kap.).

Tot- und Frhgeburten sind so hufig, dass die Frauen nicht wissen,
wie lange eine normale Schwangerschaft eigentlich dauert. Nach dem
siebente und achten Monat sah ich besonders viele unausgetragenen
Kinder zur Welt kommen. Abortus ist ebenfalls eine hufige Erscheinung,
aber nur als Folge von Krankheit. Fr knstliche Fruchtabtreibung
besitzen die Kajan und, wie es scheint, auch die brigen Dajak,
im Gegensatz zu den Malaien, absolut kein Mittel.

Wenn die Mutter bei der Geburt stirbt oder schwer erkrankt oder bse
Trume die Eltern erschrecken, setzt der Vater das Kind im Walde
aus; es wird aber hufig von anderen Kajan oder Malaien aufgenommen
und erzogen.

Unmittelbar nachdem das Kind gewaschen ist, werden seine Ohrlppchen
von einer alten Frau mittelst scharf zugespitzter Bambusstbchen
durchstochen. Die Hlzchen bleiben bis zur Heilung der Wunde in der
ffnung, werden dann aber durch einen Zinnring, dessen Schwere das
junge Gewebe ausrecken soll, ersetzt. Je grsser die ffnung wird,
desto mehr Ringe werden angebracht, so dass fnf- bis sechsmonatliche
Kinder bereits 200 g Zinn an jedem Ohre tragen. Um ein Durchreissen der
Ohrlppchen zu verhindern, ist den Mttern in der ersten Zeit verboten,
Fische zu essen, die mit einem Angelhaken gefangen worden sind.

Weitere Verbildungen werden mit den Neugeborenen nicht vorgenommen.

Gleich nach der Geburt erhlt das Kind ein Armband (_leku lali =_
geweihtes Armband) aus _bua djele_, den hellbraunen und schwarzen
Frchten von Coix-Arten, welche auf die bsen Geister abschreckend
wirken sollen. Beim Abfallen des Nabelstranges wird dieses Armband
durch ein zweites ersetzt und dieses wiederum nach Ablauf eines
Monats bei der ersten Namengebung durch ein drittes. Die abgelegten
Armbnder des Kindes werden von der Mutter bis zur ersten und zweiten
Namengebung an einer Halskette getragen, nach Schluss der betreffenden
Verbotszeiten aber in einem Sckchen aus Kattun an das Kindertragbrett
gebunden (pag. 72).

Die Kinder werden nicht gewickelt, sondern liegen vllig nackt auf
einer mit Tchern oder einer kleinen Matratze bedeckten Matte. Ein
langes schmales Tuch, dessen Enden ber einem Balken geknpft werden,
dient als Wiege, indem man das Kind in dem Bausch, welchen das Tuch
bildet, schlafen legt.

Zum Herumtragen der Kinder besitzen die Kajan die sehr praktische
_hawat_, die am Mendalam aus einem Liegebrett in Form eines beinahe
vllig aufgeschlagenen Buches und eines senkrecht dazu angebrachten
Sitzbrettes besteht. Solange das Kind sehr klein ist, trgt es die
Mutter mittelst zweier um die Schultern gehngter Schnre liegend vor
sich auf der _hawat;_ ist das Kind grsser, so trgt es die Mutter
sitzend auf dem Rcken. Als weiche Unterlage fr das Kind werden auf
den Boden der _hawat_ einige Tcher gelegt.

In Anbetracht, dass das Kind einen grossen Teil des ersten Lebensjahres
auf der _hawat_ verbringt, nehmen die Bahau an, dass auch dessen
Seele (_bruwa_) mit dem Tragbrett eng verbunden ist und dieses tters
als Aufenthaltsort whlt. Um nun eine stndige Verbindung mit dem
Kinde und dessen Seele zu unterhalten, versumen die Mtter niemals,
ihre Kleinen morgens und abends in innige Berhrung mit der _hawat_
zu bringen. Sie tun dies, indem sie einen Finger des Kindes in eine
Schlinge aus Lianenfasern, welche an der _hawat_ befestigt ist,
stecken, ihn hin- und herbewegen und einige Worte dazu murmeln. Die
Kindesseele wird durch diese Handlung aufgefordert, in ihren
eigentlichen Wohnsitz zurckzukehren; eine lngere Abwesenheit oder
ein gnzliches Fortbleiben der Seele hat nmlich Krankheit bzw. Tod
des Kindes zur Folge. Der Vorgang wird mit _njina_ bezeichnet. An
jeder _hawat_ hngen drei bis vier derartiger Schlingen und zwar
sind sie alle an Hkchen aus dem Holz von Fruchtbumen befestigt,
fr die die Seelen und Geister eine grosse Vorliebe haben sollen.

Verschiedene andere Gegenstnde, welche ebenfalls an der _hawat_
angebracht werden, haben den Zweck, die guten Geister fr das Kind
gnstig zu stimmen und die bsen zu vertreiben.

Wie an der _hawat_ auf nebenstehender Tafel zu sehen, hngt an ihrer
Aussenseite eine Schnur mit vielen, kleinen, runden Pckchen; sie
werden _kawit_ (Kap. VI) genannt und enthalten allerhand Esswaren zur
Anlockung der guten Geister. Bei jeder wichtigen religisen Zeremonie,
die im Laufe des Jahres stattfindet, wird ein derartiges Opferpckchen
an der _hawat_ befestigt und hngen gelassen.

Neben diesen _kawit_ befinden sich fnf verschiedene Schalen von
Schnecken und Seetieren, die alle an Schnren mit Perlenverzierungen
hngen und ein beliebtes Mittel zur Vertreibung bser Geister
bilden. Dem gleichen Zweck dient auch ein Bndel _blehiding_, der
Bast einer beim Verbrennen entsetzlich riechenden Anonacee.

Die zwei in der Mitte an der _hawat_ hngenden Lppchen stellen die
ersten Kleidungsstcke des Kindes vor.

An der zweiten, ber der ersten hngenden Schnur sind, als Lockmittel
sowohl fr die Seele des Kindes als fr die guten Geister, an
Perlenschnren zwei aus Muschelschalen geschliffene Knpfe und ein
europischer weisser Porzellanknopf befestigt, ausserdem eine Reihe
kleiner Geschenke (_usut)_, bestehend aus kleinen Schnren aus
Lianenfasern mit Perlen von verschiedenem Werte; letztere sollen
besonders zur Beruhigung der Kindesseele dienen.

An der gleichen Schnur hngen ferner: ein Hundezahn zur Abwehr bser
Geister; das erste Armband des Kindes und zwei aus Pandanusblttern
(_tika_) geflochtene Streifchen (pag. 74).

Endlich werden an die _hawat_ auch noch die vorhin erwhnten geweihten
Armbnder des Kindes und die Halsketten, welche die Mutter nach Ablauf
der Verbotszeiten, gelegentlich der ersten und zweiten Namengebung,
ablegt, gebunden.

Die Kajan freuen sich ber die Geburt von Mdchen mehr als ber die
von Knaben; denn diese verlassen die Eltern, wenn sie heiraten oder
weite Reisen unternehmen, jene dagegen helfen hufig whrend ihres
ganzen Lebens bei der Arbeit und bringen ausserdem einen Schwiegersohn
ins Haus.

Die Neugeborenen werden in den ersten Monaten ausschliesslich mit
Muttermilch genhrt; kann die Mutter diese nicht geben, so hilft eine
andere Frau. Aus Gesundheitsrcksichten ist der Stillenden nur weich
gekochter Reis als Nahrung erlaubt; scharfe Speisen darf sie nicht
geniessen und im ersten Jahr auch nicht rauchen oder Betel kauen.

Die ersten zehn Tage ist der Wchnerin jede Arbeit verboten; dann
beginnt sie sich innerhalb des Hauses mit dem Haushalt und der Pflege
des Kleinen zu beschftigen.

Wchnerin und Kind werden in den ersten Tagen zum Schutz gegen
Krankheit mit dem Russ von Damaraharz eingerieben. Ausserdem darf,
solange der Nabelstrang noch nicht abgefallen ist, ausser den
Hausbewohnern niemand das Gemach betreten, da das Kind sonst krank
werden knnte; als Warnungszeichen hngen zwei gekreuzte Holzstckchen
vor der Tr. Der abgefallene Nabelstrang wird sorgfltig in ein
Tuch gewickelt und in einem Bambusbehlter aufbewahrt; er bildet
mit den Gertschaften, die zum Durchstechen der Ohrlppchen und
Durchschneiden der Nabelschnur dienten, den Grundbestandteil des
_legn_, einer Sammlung aller Gegenstnde, die im Leben des Kajan eine
Rolle gespielt haben. Das _legn_ wird nach dem Tode des Besitzers
unter dem Wohnungsdache verborgen und als _lal_ (geweiht) seinem
Schicksal berlassen. (Siehe Kap. VI).

In den ersten Monaten drfen die neugeborenen Kinder nicht aus dem
Hause gebracht oder im Fluss gebadet werden, eine Sitte, die fr die
unbekleideten Wichte nur zutrglich sein kann.

Vor Ablauf des ersten Jahres geht die Mutter nicht aufs
Reisfeld; whrend dieser Zeit setzt sie das Stillen fort, bis die
Milchabscheidung von selbst oder infolge einer neuen Schwangerschaft
aufhrt. Im dritten oder vierten Monat beginnt die Mutter dem Kinde
etwas Bananen und dann weich gekochten Reis zu essen zu geben.

Die Mutter muss sich, hauptschlich whrend des ersten Monats,
solange das Kind noch keinen Namen erhalten hat, einer langen Reihe
von Verbotsbestimmungen unterwerfen, welche sich vor allem auf Essen
und Trinken, Arbeiten u.s.w. beziehen. Auch drfen Mutter und Kind
keinen Putz und besonders nichts Rotes tragen. Fr die Ausstattung
der Kleinen wird vorzugsweise gebrauchtes Material benutzt, selbst
die hngende Decke aus Palmblttern ber dem Schlafplatz muss bereits
gedient haben. Weiter verlangt die _adat_, dass bei jeder Mahlzeit dem
Kinde etwas Speise auf dem _uwit lali_ (geweihten Teller) gespendet
werde; auch muss die Mutter sich nach dem Essen stets fr kurze
Zeit entfernen.

Auch die Vter haben nach der Geburt ihres Kindes verschiedene
Vorschriften zu befolgen, sie drfen sich in der ersten Zeit z.B. nicht
weit vom Hause entfernen.

Um ihr Kind vor bsen Geistern zu schtzen, trgt die Mutter
verschiedene Amulette: um den Kopf ein schlichtes Band aus den Blttern
einer Pandanusart, an denen _long_, Stckchen des Wurzelstockes
von _daun long_ (Arodeae spec.) befestigt sind; letztere Pflanze
gilt als sicherstes Schreckmittel gegen bse Geister. Um den Hals
trgt sie eine Kette aus den Frchten von drei Pflanzen (Coix-Arten)
und aus verschiedenen Muschelarten. Begiebt sich die Mutter mit dem
Kinde auf die Galerie oder in den folgenden Monaten ausserhalb des
Hauses, so nimmt sie stets ein brennendes Bndel _plehiding_ mit,
dessen unangenehmer Geruch die bsen Geister in die Flucht schlgt.

Nach Ablauf des ersten Monats findet die erste Namengebung des
Kindes statt; sie ist nur provisorisch, denn den eigentlichen Namen
erhlt das Kind erst bei dem nchsten _dangei_ (Neujahrsfeste). Ein
namenloses Kind heisst _hapang;_ stirbt es, so wird ihm nicht
ffentlich nachgetrauert.

Mit der ersten Namengebung endet die erste, strengste Verbotszeit;
die Mutter darf jetzt ihre frheren Ttigkeiten, wie z.B. das
Mattenflechten, wieder aufnehmen; als symbolisches Zeichen hierfr
flicht sie einen Streifen, der an die _hawat_ gebunden wird.

Man findet bei allen Stmmen von Mittel-Borneo die Eigentmlichkeit,
dass sie Fremde nur mit Angst in die Nhe kleiner Kinder kommen sehen;
bei den Punan darf niemand, der die Sprache des Stammes nicht kennt,
ein Kind anrhren, da dieses sonst dumm werden muss. Bei den Kajan
bringt jeder Fremde bei seinem ersten Eintritt in eine Wohnung, in der
sich ein kleines Kind befindet, ein Geschenk (_usut_) von Perlen oder
etwas Zeug mit; augenscheinlich liegt dieser Sitte die berzeugung
zu Grunde, dass die Seele des Kindes, die durch die neue Erscheinung
erschreckt worden ist, durch etwas Schnes wiederum beruhigt werden
muss; geschieht dies nicht, so entflieht die Seele und das Kind
wird krank.

Bei der zweiten Namengebung wird den Geistern durch die Priester ein
Opfer von Schweinen und Hhnern gebracht; das Fleisch der Tiere wird
bei frhlichem Festmahl mit Freunden und Bekannten verzehrt. Darauf
bringt man den jungen Weltbrger in die Wohnung des Huptlings. Die
sehr schlicht gekleidete Mutter trgt auf dem Kopfe einen schmucklosen
und mit _kawit_ versehenen Hut, _haung lali_ (geweihter Hut); in der
Hand hlt sie eine Bambusklapper und ein Bambusgefss mit Wasser,
in dem von dem Huptling die Fsse des Kindes gebadet werden. Das
Kind erhlt hierbei den Namen, mit dem es weiter genannt werden soll.

Bei der Wahl der Namen vermeidet man diejenigen krzlich verstorbener
Familienglieder, wahrscheinlich um deren Seelen nicht zu beunruhigen
und auf das Kind abzulenken, was diesem schaden knnte. Gewhnlich
nennt man das Kind nach sehr alten oder bereits vor langer Zeit
verstorbenen Verwandten.

Leidet ein Kind fters an Krankheit, so verndert man seinen Namen,
sobald es ihm wieder besser geht, um die bsen Geister, die es so
hufig besuchen und dadurch krank machen, irre zu leiten.

Einige allgemeine Bemerkungen ber Namengebung und Namennderung bei
den Bahau mgen hier eingeflochten werden.

Familiennamen existieren bei den Bahau nicht. Will man eine bestimmte
Person bezeichnen, so fgt man ihrem eigenen Namen denjenigen von
Vater oder Mutter bei; eine besondere Bestimmung hierber ist mir nicht
bekannt. Tipong Igau z.B. bedeutet: Tipong, die Tochter des Igau (Name
des Vaters); Adjang Song bedeutet: Adjang, der Sohn der Song (Name der
Mutter). Die Kinder behalten die Namen der Eltern auch nach deren Tode.

Wird bei den Bahau ein Mann Vater eines Sohnes, der Bang oder einer
Tochter, die Kehad genannt wird, so verliert er meistens seinen eigenen
Namen und man bezeichnet ihn fortan als: Vater des Bang bzw. Vater
der Kehad. Bei den Mendalam Kajan z.B.: Amei (Vater) Bang oder Amei
Kehad. Die Mutter wird dementsprechend Inei (Mutter) Bang bzw. Inei
Kehad genannt. Bei den Pnihing heissen die Eltern in diesem Fall:
Amun (Vater) Bang bzw. Kehad und Hinan (Mutter) Bang bzw. Kehad;
am Mahakam in der Busang Sprache: Taman (Vater) Bang bzw. Kehad.

Sobald jedoch das erstgeborene Kind stirbt, nehmen die Eltern wieder
ihren frheren Namen an; so wurde der Kenjahuptling Taman Kuling (=
Vater der Kuling) nach dem Tode seiner Tochter Kuling wieder Djalong
genannt und zwar mit dem Beinamen "Bui", der die gleiche Bedeutung wie
"Ujung" (siehe unten) bei den Mendalam Kajan hat.

Gewisse Familienereignisse werden bei den Bahau durch bestimmte
Beiworte, welche den Eigennamen der Personen vorangesetzt werden,
angedeutet. Bei den Mendalam Kajan sind die folgenden gebruchlich:

Balo, wenn der Mann gestorben ist, z.B. Balo Paja = Wittwe Paja;
Hawal, wenn die Frau gestorben ist, z.B. Hawal Igau = Wittwer Igau;
Akam, wenn ein kleines Kind gestorben ist, z.B. Akam Igau; Ujung,
wenn ein fast erwachsenes Kind gestorben ist, z.B. Ujung Igau; Hiat,
wenn ein jngerer Bruder oder eine jngere Schwester gestorben ist,
z.B. Hiat Bang; Abel, wenn ein lterer Bruder oder eine ltere
Schwester gestorben ist, z.B. Abel Imu.

Fr die gleichen Familienverhltnisse findet man bei den verschiedenen
Stmmen verschiedene Bezeichnungen.

Sobald Mnner und Frauen alt und grau werden, erhalten sie vor ihrem
eigentlichen Namen die Bezeichnung "Bo", z.B. Bo Belar, Bo Uniang.

Eigentmlicher Weise erhalten besonders vornehme Huptlinge nach ihrem
Tode ganz andere Namen, als sie zu Lebzeiten getragen. Man bezeichnet
diese Namennderungen mit "_geln_". So nannte man am Mahakam den
Long-Glathuptling Ding nach seinem Tode Bo Kul und seinen Sohn Ngau
nach dem Tode Bo Langit. Die Kajan am Mahakam sprechen jetzt von dem
Huptling Kwing Irang, unter dessen Anfhrung sie vor 150 Jahren an
den Mahakam zogen, stets nur als von Singa Meln.

Nach der zweiten Namengebung drfen die Kinder schn gekleidet
werden, auch geniessen sie bis zur Pubertt das Vorrecht, den
zahlreichen Verbotsbestimmungen, welche fr Erwachsene bestehen,
nicht unterworfen zu sein. Sie drfen z.B. Hirsche, graue Affen,
Schlangen und Nashornvgel essen; auch werden ihnen bei religisen
Festen keine Beschrnkungen auferlegt. Sie brauchen sich auch nicht
die Wimpern und Augenbrauen zur Verschnerung ausziehen zu lassen,
kurz, sie geniessen in jeder Beziehung einer grossen Freiheit.

Vater und Mutter widmen sich der Erziehung ihrer Kinder mit viel
Liebe. Sobald die Sprsslinge einmal zur Welt gekommen sind, machen
sie sich zum Mittelpunkt des ganzen Kajanhaushaltes. Die elterliche
Zuneigung wird von den Kindern brigens erwidert und es ist auffallend,
wie selten sie zu Zchtigungen Anlass geben; man hrt sie eigentlich
nur bei Krankheit schreien. Treibt die Jugend es gar zu arg, so halten
die Eltern eine Bestrafung der Schuldigen mit ein paar Schlgen oder
einer Strafrede wohl auch fr angebracht. In einigen Fllen, die
ich miterlebte, kam es jedoch nicht bis zum Weinen; die Wirkung der
Strafe zeigte sich nur in einem etwas erschreckten Gesichtsausdruck
der Kleinen.

Schon die 1 1/2-2 jhrigen Kinder gehen, wenn sie im Freien spielen,
gewhnlich bekleidet umher: die Knaben tragen das Lendentuch, die
Mdchen das Rckchen; die meisten halten jedoch Kleidungsstcke
fair unntzen Ballast und ziehen im Hause und nach dem Bade Adams
Kostm vor.

Die Hauptbeschftigung der Knaben bilden Spiele im Freien und im
Wasser; Ringkampf, Wettlauf und Schwimmen sind am beliebtesten;
den Kampf in zwei Parteien ben sie nur in der Art, dass sie sich
gegenseitig mit Lanzen aus Grashalmen bewerfen. Dem Kreiselspiel,
Blasrohrschiessen und hnlichen Vergngungen widmen sich die Knaben,
im Gegensatz zu den erwachsenen Mnnern, auch ausserhalb der Zeit der
Ackerbaufeste. Ein beliebtes Spiel ist auch das Zielen mit platten
Flusssteinen nach Erdgruben.

Bei keinem dieser Spiele macht sich Ehrgeiz oder Neid geltend;
die Knaben spielen um zu spielen, nicht um als Sieger aus dem Spiel
hervorzugehen.

In den ersten Jahren spielen Knaben und Mdchen zusammen; spter
unterhalten sich die Mdchen mehr innerhalb des Hauses, wo sie schon
frh der Mutter an die Hand gehen. Puppen scheinen nur zum Stillhalten
sehr kleiner Kinder benutzt zu werden.

Weder Knaben noch Mdchen erhalten einen systematischen Unterricht in
irgend einem Fache. Whrend diese allmhlich den Haushalt besorgen
lernen, ziehen jene vom zehnten Lebensjahr an mit aufs Feld, helfen
beim Bau von Bten, beim Fischen und bei allen sonstigen Arbeiten,
mit denen sich die Mnner beschftigen.

Je nach ihrer eigenen Anlage und nach der Hauptttigkeit ihrer Eltern,
beginnen die Kinder in der einen oder anderen Richtung allmhlich
eine gewisse Fertigkeit zu erlangen.

Da bei den Kajan keine erblichen Berufe bestehen, kann sich jeder
nach eigener Wahl ausbilden, wenn nicht besondere Umstnde, wie
Krankheit, gezwungene Arbeit zum Unterhalt der Familie u.s.w., ein
Hindernis bilden.

Die Pubertt tritt bei den Mdchen ungefhr mit zwlf Jahren, bei den
Knaben etwas spter ein und bringt in ihre Lebensverhltnisse wichtige
Vernderungen. Vor allem sind sie nun den Vorschriften, welche die
_adat_ den Erwachsenen auferlegt, hauptschlich Verbotsbestimmungen
bezglich des Essens verschiedener Speisen, unterworfen. Ferner
beginnen sie sich in diesem Lebensalter mit eigenartigen Verzierungen
und Verbildungen des Krpers zu schmcken.

Beide Geschlechter lassen sich die Schneidezhne vorn hohl ausfeilen;
einige treiben sich ausserdem, nach Sitte einiger Punan, goldene Stifte
durch die Zhne. Die meisten fangen jetzt auch mit dem Schwrzen der
Zhne und dem Betelkauen an.

Mit eintretender Geschlechtsreife wird an Knaben und Mdchen die
eigentliche Ttowierung vorgenommen; jene lassen sich anfangs nur
einen Stern auf der Schulter oder eine einfache Figur auf dem Arm
ausfhren; die brigen Verzierungen erhalten sie erst, wenn sie durch
weite Reisen oder durch Teilnahme an einer Kopfjagd Beweise ihrer
Tapferkeit geliefert haben.

Fr die Frauen bildet die Ttowiersitte eine wahre Marter, der sie sich
aber mit staunenswerter Opferwilligkeit unterwerfen. Die Kajanfrauen
am Mendalam lassen sich den unteren Teil des Unterarms, die Hand,
den ganzen Schenkel bis unterhalb des Knies und den Fussrcken mit
prachtvollen Ttowiermustern bedecken. Die ttowierten Teile erscheinen
wie mit einem dichten, dunkel blauen Netz berzogen.

In der Entfernung verschwinden die Einzelheiten der oft knstlerisch
schnen Muster, man erhlt dann den. Eindruck, als trgen die Frauen
blaue Trikots. Bei Frauen mit lichtgelber Hautfarbe treten die Figuren
auf den der Sonne weniger ausgesetzten und daher helleren Schenkeln
besonders schn hervor.

Die jungen Mnner haben zwar durch die Ttowierung; weil sie bei
ihnen nur in beschrnktem Masse ausgefhrt wird, viel weniger als
die Frauen zu leiden, dafr mssen sie sich aber, um ihre volle
Mnnlichkeit zu erlangen, einer anderen Prfung unterwerfen,
nmlich der Durchbohrung der glans penis. Bei dieser Operation
wird folgendermassen verfahren: Zuerst wird die glans durch Pressen
zwischen den beiden Armen eines umgeknickten Bambusstreifens blutleer
gemacht. An jedem dieser Arme befinden sich einander gegenber an
den erforderlichen Stellen ffnungen, durch welche man, nachdem
die glans weniger empfindlich geworden, einen spitzen kapfernen
Stift hindurchpresst; frher benutzte man hierfr ein zugespitztes
Bambushlzchen. Die Bambusklemme wird entfernt und der mittelst einer
Schnur befestigte Stift in der ffnung gelassen, bis der Kanal verheilt
ist. Spter wird der kupferne Stift (_utang_) durch einen anderen,
meist durch einen zinnernen, ersetzt, der stndig getragen wird,
nur in schwerer Arbeitszeit oder bei anstrengenden Unternehmungen
macht der metallene Stift einem hlzernen Platz.

Besonders tapfere Mnner geniessen mit dem Huptling das Vorrecht,
um den penis einen Ring tragen zu drfen, der aus den Schuppen des
Schuppentieres geschnitten und mit stumpfen Zacken besetzt ist;
bisweilen lassen sie sich auch, gekreuzt mit dem ersten Kanal, einen
zweiten durch die glans bohren.

Ausser den Kajan selbst, ben auch viele Malaien vom oberen Kapuas
diese Kunst aus. Die Schmerzen bei der Operation scheinen keine sehr
heftigen zu sein, auch hat sie nur selten schlimme Folgen, obgleich
bis zur Genesung oft ein Monat vergeht.

Mit den Genitalien der Frauen werden keine Vernderungen vorgenommen.

Die jungen Mnner lassen sich ferner, um ihre Unempfindlichkeit
gegen Schmerz zu beweisen, Stckchen Damaraharz auf der Haut
verbrennen. Diese Feuerproben hinterlassen eigentmliche runde Narben;
sie werden in der Regel in einer Reihe angebracht und betragen im
Durchmesser bis zu 1 cm.

Die jungen Leute beginnen zu dieser Zeit auch mehr Sorgfalt auf ihre
Kleidung und auf ihr sonstiges ussere zu verwenden; die jungen Mdchen
ziehen sich bis auf das Kopfhaar alle Haare am Krper aus; die jungen
Mnner entfernen Wimpern, Augenbrauen und Bart (Siehe Kap. VII).

Auch mit dem Erlernen der Knste fangen Mnner und Frauen erst
nach der Pubertt an; diese legen sich auf das Flechten von Matten
und das Ausfhren von Perlenarbeiten; jene erlernen die Holz- und
Knochenschnitzerei, das Entwerfen von Mustern fr Verzierungen aller
Art u.s.w.

Gleichzeitig mit den krperlichen Vernderungen, welche mit beiden
heranwachsenden Geschlechtern vor sich gehen, wchst auch ihr
Streben, das gegenseitige Wohlgefallen zu erregen. Das Verfertigen von
Geschenken nimmt einen grossen Teil der freien Zeit der jungen Leuten
in Anspruch; die Mdchen arbeiten aus Perlen Halsketten, Schwertgrtel
und Zierate fr die Schwertscheiden und fhren auf Palmblttern
Stickereien fr Hte und kleine Gegenstnde aus; die Mnner erwidern
die Geschenke mit schn geschnitzten Bambusgefssen, Flten, Rudern und
Messergriffen, oder sie schneiden den Mdchen aus Zeug hbsche Figuren
als Belege fr Hte und Kleider aus. So haben beide Teile Gelegenheit,
bei ihren Liebesbestrebungen in Kunstfertigkeit zu glnzen. Geld oder
Wertgegenstnde schenken sie sich nur selten.

Die erwachsenen jungen Mdchen verlassen die elterliche Wohnung nur, um
aufs Reisfeld zu gehen oder Verwandte in benachbarten Niederlassungen
zu besuchen; weitere Reisen unternehmen sie nicht. Fr die erwachsenen
jungen Mnner dagegen beginnt jetzt die Zeit, wo sie ihre Eltern
verlassen, um lange Reisen zu Handelszwecken, zum Buschproduktesammeln
oder zum Besuch von Familiengliedern bei verwandten Stmmen zu
unternehmen.

Die Kajan sind im Gegensatz zu den Malaien und benachbarten Stmmen
von einem lebhaften Arbeitsdrang erfllt. Ihre Arbeitsamkeit fiel nicht
nur mir, sondern auch _Akam Igau_ auf, denn er bemerkte mir gegenber,
dass die Lebhaftigkeit und der Tatendrang der Kajan zum Unterschied
von den benachbarten Taman die Aufmerksamkeit der Geister zu sehr
auf sich zgen und dass sie deshalb von Krankheit mehr heimgesucht
wrden als jene. Der Unterschied zwischen den beiden Stmmen ist
allerdings auffallend.

Fr die Frauen bildet das Reisstampfen (_tepa_) die wichtigste der
huslichen Arbeiten; Mnner nehmen nur selten an ihr Teil. Gewhnlich
stampfen zwei Frauen gleichzeitig in dieselbe Vertiefung des
Reisblockes (_lesong)_, welcher deren zwei bis sechs besitzt. Bei den
Mendalam Kajan stehen die Frauen beim Stampfen auf dem Block selbst und
schieben den bespelzten Reis mit den Fssen allmhlich in das Loch; bei
anderen Stmmen, wie den Pnihing, stehen die Frauen neben dem Block und
gebrauchen die zweite Hand, um den Reis in das Loch zu schieben. Der
Reis wird fters zweimal gestampft; die Krner bleiben dabei heil
und werden mittelst einer Art Schwinge von den Spelzen befreit.

Ausgenommen vor grsseren Unternehmungen, wird des Reis nur in
kleinen Mengen fr einige Tage gestampft, damit er nicht verderbe. Am
beliebtesten sind die feinen Reisarten mit langem schmalem Korn;
die groben Arten werden an die Hndler verkauft. Es werden viele
verschiedene Arten und Varietten des Reises gebaut. Ichselbst
beobachtete 18 Arten des gewhnlichen Reises, _parei_ (Oryza sativa)
und 12 Arten von Klebreis, _plut_ (Oryza sativa var. glutinosa).

Die Zubereitung der Speisen ist ebenfalls ausschliesslich Arbeit der
Frauen, doch verstehen auf Reisen auch die Mnner sehr gut mit dem
Kochtopf umzugehen.

_Kanen_, in Wasser ohne Salz gekochter Reis, bildet bei jeder Mahlzeit
das Hauptgericht und wird jedem gesondert auf einem Bananenblatt
gereicht.

Bei Festmahlzeiten geniessen die Kajan statt des gewhnlichen
Reises Klebreis, den sie auf verschiedene Weise zubereiten. Entweder
wickeln sie ihn in bestimmte Bananen- oder Palmbltter und kochen
ihn in Wasser oder sie rsten ihn. Der gerstete und nachher zu
grobem Mehl gestampfte Klebreis wird _kertap_ genannt und bildet,
besonders in Verbindung mit rohem oder eingedampftem Zuckerrohrsaft,
einen geschtzten Leckerbissen. Am Mendalam, wo grosser Fischreichtum
herrscht, wird Fischfleisch stets als Zuspeise zum Reis genossen. Meist
werden die Fische in Wasser gekocht; die Suppe wird in besondere
Schlchen oder hlzerne Teller (_uwit_) gegossen und mit einem
gefalteten Bananenblatt als Lffel gegessen. Falls ein Kessel nicht
vorhanden ist, werden die Fische gerstet.

Alle Fleischarten werden auf die gleiche Weise wie der Fisch
zubereitet; der Bratprozess ist gnzlich unbekannt, obgleich das
hierfr geeignete Tengkawang Fett vielfach vorkommt und auch als
Zuspeise verwendet wird. Zahme Schweine und Hhner werden nur bei
religisen Festmahlzeiten genossen, whrend Wild auch an gewhnlichen
Tagen als Zuspeise gegessen wird. Salz wird niemals beim Kochen
hinzugefgt, sondern stets nur als Leckerbissen in kleinen Stckchen
nebenbei gereicht.

Als Wrze fr die Speisen dienen verschiedene essbare Bltter; am
beliebtesten sind die Bltter der Bataten (Ipomoea Batatas) und die
jungen Farnspitzen von Polypodium nigrescens Bl.

Fr lange Reisen, oder wenn Zeit und Gelegenheit zum Kochen fehlen,
nimmt man in Bambusgefssen oder in Palmblttern gersteten Klebreis,
unverndert oder in Form von grobem Mehl, mit; er kann wochenlang
aufbewahrt werden, ohne zu verderben.

Die Kajan essen in gewhnlichen Zeiten zweimal tglich und zwar, je
nach Umstnden, vor oder nach dem Gang zum Reisfeld und mittags nach
der Heimkehr um vier oder fnf Uhr. Bei Nahrungsmangel oder wenn sie
still zu Hause sitzen, begngen sie sich bisweilen mit einer einzigen
Mahlzeit gegen zwlf Uhr; bei berfluss an Reis oder schwerer Arbeit
dagegen wird ihr Magen anspruchsvoller und verlangt dreimal tglich
Zufuhr.

Bei den Mahlzeiten sitzen alle Familienglieder im Kreise neben
einander; eine Rangordnung wird nicht beobachtet.

Die Kajan sind, wie alle Bahau und Kenja, sehr mssig im Essen
und Trinken. Das tgliche Getrnk besteht in Wasser und nur bei
grossen Versammlungen und Festen wird _tuwak_, gegohrener Reiswein,
getrunken. Die Stmme am Mendalam geniessen den Branntwein berhaupt
nur an einem Tage des Jahres, beim Neujahrsfest; sie stellen ihn aus
gekochtem Klebreis her, den sie zwei bis drei Tage in grossen Tpfen
ghren lassen.

Am oberen Mahakam machte ich kein Neujahrsfest mit und sah daher auch
keinen _tuwak_ trinken, ich vermute jedoch, dass auch diese Bahau
das Getrnk kennen, da ich bei ihren Verwandten, den Kenja Uma-Tow,
zur Begrssung bei ffentlichen Zusammenknften fters grosse Tpfe
_tuwak_ leeren sah.

Die Kenja bereiten auch aus Zuckerrohrsaft ein alkoholisches Getrnk;
ausserdem trinken sie den Honig von wilden Bienen. Der hufigere oder
seltenere Gebrauch derartiger Getrnke scheint mit dem grsseren oder
geringeren berfluss an Lebensmitteln, dessen sich die verschiedenen
Stmme erfreuen, im Zusammenhang zu stehen. Jedenfalls aber
werden alkoholische Getrnke weder bei den Bahau noch bei den Kenja
regelmssig genossen und Missbrauch wird mit ihnen nie getrieben, auch
scheinen ihnen die Alkoholika, nach den verzerrten Mienen zu urteilen,
die ich beim Trinken beobachtete, nicht einmal sonderlich zu munden.

Eigentmlicher Weise ist das Tabakrauchen der Bevlkerung von
Mittel-Borneo schon lngst bekannt, whrend das Betelkauen erst vor
kurzem durch die Malaien bei einigen Bahaustmmen eingefhrt worden
ist. Die Erscheinung ist um so auffallender, als das Betelkauen bei
der Kstenbevlkerung das grsste Genussmittel bildet.

Bei den Mendalam Kajan wird die Sitte des Tabakrauchens immer mehr
durch die des Betelkauens verdrngt. Der Tabak, den sie hierzu
gebrauchen, stammt aus Java; zwar pflanzt die Bevlkerung auch
eigenen Tabak, sie versteht ihn aber nur durch Trocknen und Schneiden
zuzubereiten und verwendet ihn nur zum Rauchen in Zigaretten.

Unter den Mahakamstmmen kaut bei den Long-Glat jung und alt Betel
und raucht Tabak; bei den Kajan rauchen alte Mnner und Frauen noch
ausschliesslich, whrend die jngeren auch Betel kauen; die Pnihing,
bei denen nur das Rauchen gebruchlich ist, bauen den Tabak selbst und
lassen ihn, indem sie ihn feingeschnitten lange Zeit in Bambusgefssen
fest zusammengepresst aufbewahren, ghren. Auch bei den Kenja, die
nur das Rauchen kennen, legen sich Mnner und Frauen von frher Jugend
an auf die feinere Zubereitung des selbst gebauten Tabaks.

Erwhnenswert ist wohl auch noch die Tatsache, dass es auch
die Eingeborenen Mittel-Borneos bisweilen nach einem besonderen
Genussmittel gelstet; so beobachtete ich, dass Mnner und Frauen,
hauptschlich aber Schwangere, bisweilen im Uferboden nach einem
gelblichen oder rtlichen Lehm suchten, der aus verwittertem Schiefer
bestand; sie nannten ihn _batu kerp_ oder_ tana kerp_.

Die jungen Mnner und Mdchen geniessen bei den Kajan im Verkehr
mit einander die grsste Freiheit. Bemerkenswerter Weise stellt
ihre gesellschaftliche Sitte an den mnnlichen Teil in moralischer
Hinsicht die gleichen Anforderungen, wie an den weiblichen; dieses
Verhalten stimmt mit der hohen Stellung, welche die Frau auch sonst
im Gemeinwesen der Kajan einnimmt, berein. Die jungen Leute haben
daher vor der Ehe alle Gelegenheit, einander kennen zu lernen und
sich selbst zu prfen; sie tun dies um so mehr, als eine Heirat bei
ihnen als ernsthafte Verbindung aufgefasst wird, die von beiden Seiten
Treue heischt. Vor der Heirat dagegen haben beide Geschlechter volle
Freiheit, in ihrem Verkehr so weit zu gehen, als ihnen beliebt. Die
Eltern versuchen wohl ab und zu ihren Einfluss geltend zu machen,
aber meist mit schlechtem Erfolge.

Fassen zwei junge Leute eine Zuneigung zu einander, so bietet ihnen
die Sitte fr ein ungestrtes Beisammensein zahlreiche Gelegenheiten.

Am beliebtesten sind gemeinsame Fischpartieen. Vor Anbruch der
milden Tropennacht, wenn das Mondlicht die Landschaft gerade gengend
erhellt, um ihr das Unheimliche der Dunkelheit zu nehmen, schmckt
sich der junge Mann mit seiner besten Kleidung, einem breiten blauen
Lendentuch und einem bunten, bisweilen seidenen Kopftuch; eine
besondere Zierde bilden schwarze Armbnder und Bschel Riechgras,
welche er am Kopf und an den Armen befestigt. Sein schnstes, oft
mit Geschenken seiner Angebeteten verziertes Schwert an der Seite,
mit Ruder und Wurfnetz bewaffnet, eilt der Jngling zum Flusse,
wo er mit krftigen Ruderschlgen den Kahn bald in die Nhe der
Harrenden bringt. Die gleichfalls schn gekleidete Geliebte steigt mit
wohlgefllter Beteldose ins Fahrzeug und setzt sich an das Hinterende
des Bootes, um es mit ihrem Ruder zu steuern. Der junge Mann steht
mit dem Wurfnetz (_djala_) vorn im Kahn und schleudert es da, wo
er Fische vermutet, mit krftigem Schwunge ins Wasser. Ein grosses
Netz misst im Durchschnitt 8 m und da es am Rande mit einer Zinn-
oder Eisenkette beschwert ist, bedarf es ausser grosser Kraft auch
grosser Gewandtheit, wenn das Netz gut ausgebreitet gleichmssig auf
die Wasserflche niederfallen soll. Gar mancher Wurf wird unter den
aufmerksamen Blicken der Schnen mit besonderer Anspannung ausgefhrt
und, beim Fischreichtum dieser Gewsser, selten ohne Erfolg. So
treibt das Prchen den Fluss hinunter; liefert der Fang gengend
Fische fr eine Mahlzeit, so wird gelandet. In der Regel bildet eine
leerstehende Htte auf dem Reisfeld oder ein trautes Pltzchen unter
den hohen Uferbumen das Endziel der Bootfahrt. Dort strt niemand die
Liebenden im Genuss aller Herrlichkeiten, welche die Kunstfertigkeit
des Mdchens auf kulinarischem und musikalischem Gebiet zu liefern
im stande ist. Die weichen Tne der Nasenflte geben dem Ganzen
einen besonderen Reiz; denn in der Stille der Nacht erwecken diese
klagenden, aber lieblichen Laute Empfindungen, fr die das sanfte
Gemt der Kajan sehr empfnglich ist.

In Zeiten, wo es am Mendalam unsicher ist, wie z.B. bei meinem
Besuche im Jahre 1894, als die Bukat von der Serawakschen Grenze
um die Niederlassungen der Kajan herumschwrmten, halten Freunde
nachts in der Nhe des Prchens Wacht. Die Freunde helfen auch
spter beim Aufrichten eines treppenartig behauenen Pfahls, den der
glckliche Jngling zur Erinnerung an die schne Nacht beim Huschen
zurcklsst. Einer meiner gewandtesten, aber leichtsinnigsten jungen
Leute zeigte mir einst seinen Schlupfwinkel fr derartige Liebesfeste
mit grossem Selbstbewusstsein; denn er hatte vier solcher Gedenkpfhle
aufrichten knnen. Eine derartige Unbestndigkeit der Gefhle wird
aber bei den Kajan, trotz aller Freiheit, welche die jungen Leute
geniessen, von der ffentlichen Meinung streng gergt.

Bisweilen vereinigen sich auch mehrere Prchen, lassen sich fischend
und kosend den Fluss abwrts treiben und kehren nicht vor dem folgenden
Mittag zurck.

Auch die gemeinsame Arbeit auf dem Felde bietet den jungen Leuten
gnstige Gelegenheit, sich kennen zu lernen, besonders wenn die
Eltern mit dem Verkehr ihrer Kinder einverstanden sind. Wenn dies
nicht der Fall ist, wird die Standhaftigkeit der Liebenden oft auf
harte Probe gestellt.

So erlebte ich einst, dass ein jungen Mdchen, mit ebenso schnem
usseren als krftig entwickeltem Willen, ihren Eltern einen Verlobten
ins Haus brachte, der diesen nichts weniger als willkommen war, weil
er fr schwere Feldarbeit und den Bau von Bten noch keine gengende
Leistungsfhigkeit besass. Auch nach der mit viel Aufwand von Energie
durchgesetzten Heirat, hatte der junge Ehemann alle Mhe, im Hause
der Schwiegereltern seinen Platz zu behaupten.

Bei allen Bahau herrscht nmlich die Sitte, dass der junge Gatte
zuerst in die Wohnung seiner Schwiegereltern zieht und erst nach drei
bis vier Jahren mit der Frau in sein eigenes Haus oder das seiner
Eltern bersiedelt. Ist die Frau jedoch im Hause ihrer Eltern einmal
entbunden worden, so darf sie dem Manne schon vor Ablauf dieses Termins
folgen. Eine bertretung dieser Sitte gestattet die _adat_ dem jungen
Paar nur gegen Bezahlung einer recht bedeutenden Busse. Nur wenn der
einzige Sohn des Hauses ein Mdchen aus einer zahlreichen Familie
heiratet, kommen die Eltern oft berein, dass die Schwiegertochter
von Anfang = an in das Haus des jungen Mannes zieht.

Hie und da findet ein Prchen in dem Zustand der jungen Frau,
bei der die Folgen des freien Verkehrs nicht ausgeblieben, eine
etwas unerwnschte Hilfe fr die Erlangung der Heiratszustimmung der
Eltern. Unter solchen Umstnden wird das Verhltnis der jungen Leute
baldmglichst durch eine Heirat besiegelt; denn die Schwangerschaft
einer Unverheirateten wird allgemein verurteilt. Ein Mann, der ein
Mdchen sitzen lsst, wird sehr schief angesehen. So etwas kommt
daher nur hchst selten vor und wird, wenn besondere Umstnde eine
Heirat unmglich machen, mit einer ansehnlichen Busse an die Eltern
der Verlassenen und den Huptling gestraft.

Einen derartigen Fall erlebte ich bei meinem zweiten Besuch
am Mendalam, als die beiden Huptlinge in Tandjong Karang und
Tandjong Kuda aus persnlicher Feindschaft ihren jungen Untertanen
nicht gestatteten, sich mit einem Gliede des anderen Dorfes zu
vermhlen. Eines der Opfer, ein junges Mdchen, das ich gern hatte
und das frher hufig zu mir kam, um sich in meiner Htte auszuruhen,
zeigte sich zwei Monate lang nicht mehr bei mir und als sie zum
ersten Mal wieder erschien, wagte sie kaum die Augen aufzuschlagen,
obgleich ich mir alle Mhe gab, ihr aus der Verlegenheit zu helfen;
auch spter besuchte sie mich nur noch einige Male.

Da die Frauen bei der Eheschliessung eine Hauptstimme haben, gehren
Verlobungen in kindlichem Alter zu den Seltenheiten.

Obwohl Unverheiratete die grsste Freiheit geniessen und Verheirateten
viele Beschrnkungen und Pflichten auferlegt werden, nehmen die Kajan
auffallender Weise gern das Ehejoch auf sich. Daher sind junge Mnner,
wenn sie nicht durch weite Reisen daran verhindert werden, mit 25
Jahren beinahe alle verheiratet; Mdchen verheiraten sich meist vor
dem zwanzigsten Jahr.

Bei jeder Eheschliessung finden zwischen den beiderseitigen Eltern ber
die Mitgift und die Summe, welche der junge Mann seinen Schwiegereltern
bei der Heirat ausbezahlen muss, Unterhandlungen statt. Leben die
Eltern nicht mehr, so werden sie durch Angehrige oder den Huptling
vertreten.

Der Betrag, den der junge Gatte bezahlen muss, ist meist nicht hoch,
mit einem Schwert oder einem Gong sind die Schwiegereltern gewhnlich
zufrieden; reiche Huptlinge dagegen haben bis zu 300 Dollar zu
bezahlen.

Polygamie ist am Mendalam nicht Sitte, sie kommt nur bei einigen
Huptlingen am Mahakam vor, die sie krzlich von den Malaien bernommen
haben.

Man sieht es gern, dass beide Teile, die eine Heirat mit einander
eingehen, dem gleichen Stande angehren. Huptlinge verlieren viel
an Ansehen, wenn sie sich mit gewhnlichen Kajan verheiraten und ihre
Kinder haben wenig Aussicht, ihre Nachfolger zu werden; dass sie sich
jemals mit Leibeigenen verheirateten, hrte ich nie.

Bei den Kajan sind nicht nur Ehen zwischen nahen Blutsverwandten,
sondern auch Ehen zwischen angeheirateten Verwandten, wie den
gegenseitigen Geschwistern von Eheleuten, verboten. Daher mssen
die wenigen Huptlinge am Mendalam, die aus Standesrcksichten auf
Heiraten unter Verwandten angewiesen sind, bei der Eheschliessung
eine Busse fr die bertretung der _adat_ bezahlen.

Heiraten zwischen benachbarten, nicht verwandten Stmmen sind zwar
nicht verboten, kommen aber so selten vor, dass Taman und Kajan
z.B. lnger als ein Jahrhundert neben einander leben, ohne sich zu
vermischen. Die meisten fremden Mnner einer Niederlassung gehren
verwandten Stmmen an und halten sich ihrer Heirat wegen fr lngere
oder krzere Zeit dort auf.

Fr die Heirat, insbesondere fr die Zeit von der Hochzeit bis zu dem
folgenden Neujahrsfeste, bestehen so zahlreiche Verbotsbestimmungen,
dass die Kajan, um diese lstige Periode abzukrzen, vorzugsweise
kurz vor diesem Feste heiraten.

Bei den gewhnlichen Kajan verluft eine Hochzeit sehr schlicht;
die Huptlinge dagegen veranstalten bei der Heirat ihrer Kinder
grosse Feste, die zwei bis drei Tage dauern und an denen sich alle
angesehenen Dorfbewohner beteiligen.

Die Hochzeit wird im Hause der Braut gefeiert, in welches der Brutigam
durch seine Freunde geleitet wird. Die Wohnung, aus der aller Hausrat
vorher entfernt wurde, ist mit Grn und bunten Tchern festlich
geschmckt und die Wnde sind mit allem, was die Eltern der Braut
dem Geleite des Schwiegersohnes schenken, behngt. Die Freunde haben
denn auch das Recht, alles Schne, das ihnen durch die Freigebigkeit
des Huptlings und die Beitrge der Dorfgenossen angeboten wird,
mit sich heim zu nehmen.

Unter den Geschenken, die Braut und Brutigam einander geben und
auch unter denen der Familienglieder, spielen Perlen eine wichtige
Rolle. Von dem Brutigam erhlt die Braut zuerst einen _taksa hawa_
(Grtel fr die Ehefrau), bestehend aus einer Schnur mit vier alten
Perlen; beim Hochzeitsmahl findet sie zwei weitere Perlen im Reis;
ausserdem erhlt sie noch eine besonders schne Perle, die "_koho
guman" (kuman = essen)_.

Die Verwandten und Bekannten schenken eine Perlenschnur (_dje)_, die
so lang als die Braut sein muss und die, je nach der Wohlhabenheit
der Geber, einen hheren oder geringeren Wert besitzt.

Mann und Frau sind in der Ehe gleichberechtigt; die Leitung des
Hauses gelangt aber auch bei den Kajan in die Hnde der strkeren
Persnlichkeit. Wie bereits gesagt, wird von beiden Teilen vollkommene
Treue verlangt, auch fr den Fall, dass der Mann langdauernde Reisen
unternimmt. Ein Treubruch wird schwer bestraft, scheint brigens selten
vorzukommen. Der Mann hat eine hhere Busse zu bezahlen als die Frau.

Der schuldige Teil hat die Busse an die Familie des beleidigten
Teils zu entrichten; weigert er sich, der Strafe nachzukommen, so
ist die ffentliche Meinung stark genug, um seine Halzstarrigkeit
zu brechen. Ist er durchaus nicht im stande, die Busse aufzubringen,
so helfen ihm die Verwandten und Bekannten.

Wenn sich nach dem Tode von Mann oder Frau der berlebende Teil wieder
verheiraten will, muss er nach dem Gebot der _adat_ mindestens 1 1/2
Jahre warten; eine bertretung erfordert Busse.

Daher hatte _Akam Igau_, als ihm die Trauerzeit nach denn Tode seiner
ersten Frau zu lang vorgekommen war und er sich vor Ablauf derselben
mit _Tipong_, der Schwester seines Schwiegersohnes _Sigau_, verheiratet
hatte, seinen Kindern eine bedeutende Entschdigung auszubezahlen. Die
Busse wurde teilweise von den verschiedenen Familien in Tandjong
Karang aufgebracht. Im Ganzen waren zur Shnung der Schuld zwanzig
Gonge erforderlich gewesen; ausserdem empfing jedes Kind eine kostbare
alte Perle und ein Stck schwarzen Kattuns. Dieses sollten die Kinder,
wie man mir erklrte, abends als Binde vor den Augen gebrauchen,
bildlich, um die Schuld des eigenen Vaters nicht zu sehen.

In der Ehe herrscht Gtertrennung. Vater und Mutter sorgen
gemeinschaftlich fr den Unterhalt der Kinder. Sind diese einmal
erwachsen, so bleiben sie zwar im Elternhause wohnen, bebauen aber
mit Hilfe von Freunden und Freundinnen ihre eigenen Reisfelder. Sie
leben von dem Ertrag des Ackerbaus und von den Nebenverdiensten, die
sie sich als Kunsthandwerker, Schmiede, Ttowierknstler, Priester
u.s.w. erwerben. Mssen einige Artikel, wie Salz, Tabak und Kattun,
in grsseren Mengen von Hndlern an Ort und Stelle gekauft oder von
der Kste herbeigeschafft werden, so wird die erforderliche Kaufsumme
von allen Familiengliedern gemeinsam zusammengebracht; von dem Vorrat
gebraucht jeder nach Bedrfnis. In allen derartigen Angelegenheiten
hat der Vater die Hauptstimme.

Kommen Eheleute berein, dass sie sich auf gutwillige Weise
trennen wollen, so behlt bei der Scheidung jeder Teil sein
Heiratsgut. Widersetzt sich dagegen der eine Teil einer Scheidung, so
muss ihm der andere als Entschdigung sein Heiratsgut berlassen. Die
Kinder drfen selbst entscheiden, mit welche Partei sie es halten
wollen; die kleinen folgen gewhnlich der Mutter, meist stehen sie
aber mit beiden Eltern auf gutem Fuss.

So lange die Kinder im Elternhause leben, haben sie auf nichts
anderes als die Geschenke, die sie ab und zu erhalten, und ihren
eigenen Verdienst Anspruch. Auch nach dem Tode der Eltern wird, wenn
die Kinder noch beisammen bleiben, das Erbe nicht geteilt. Gehen
sie auseinander, so erben Shne und Tchter gleich viel. Speziell
bei den Mendalam Kajan erben die Tchter mehr als die Shne, mit der
Begrndung, dass diese leichter ihren Unterhalt verdienen knnen.

Die Familienerbstcke (_dawan una_) fallen gewhnlich dein ltesten
Kinde zu; die brigen Kinder werden durch andere Wertgegenstnde
schadlos gehalten.

Mann und Frau erben nicht von einander. Im Falle dass keine Kinder da
sind, geht der Besitz des verstorbenen Teils an dessen Familie zurck.

Ein Todesfall in der Familie veranlasst so viel Arbeit, dass die
Angehrigen kaum Zeit haben, sich der Trauer hinzugeben.

Wenn der Tod infolge von Krankheit eintrat, siedelt die Seele
des Verstorbenen nach dem Kajanhimmel, _Apu Kesio_, ber und jeder
beeilt sich, ihr alles fr die Reise Erforderliche zu beschaffen. Die
Vorbereitungen fr das Begrbnis gewhnlicher Kajan dauern zwei bis
drei Tage, fr Huptlinge bis zu acht Tagen.

Die Leiche wird zuerst gewaschen, dann mit Blumen eingerieben und
mit schnen Kleidern geschmckt.

Die Totenkleidung besteht aus weissem Kattun und wird mit schwarzen
Arabesken und Menschen- und Tiergestalten verziert. Als Kopfbedeckung
erhlt der Tote eine altmodische Baumbastmtze. Den Schmuck,
den die Kajan im Jenseits tragen wollen, whlen sie sich schon bei
Lebzeiten aus; er ist in bezug auf Material und Arbeit von der besten
Qualitt. (Nheres ber Totenkleidung siehe Kap. VII).

Zur Besnftigung der bsen Geister, die sich der Leiche des
Verstorbenen bemchtigen knnten, versehen die Hinterbliebenen diese
in liebevoller Sorgfalt mit Perlen. Nur die Reichen geben dem Toten
alte Perlen mit, die Unbemittelteren begngen sich mit neueren. Die
Perlen haben, je nach dem Krperteil auf dem sie angebracht werden,
verschiedene Namen:

_kali mata_, 2  4 an ungedrehte Pflanzenfasern gereihte Perlen,
werden auf jedes Auge gelegt.

_kali pro_, eine Perle, die in die Kehle gesteckt wird.

_kali djela_, eine Perle, die auf die Zunge gelegt wird.

_kali lo-ong_, eine grssere Perle, die mitten auf den Leib gebunden
wird.

_usut usu_, Perlen, die um die Finger gebunden werden.

_tewel buwa awong to_, eine Perle, die an jedem Daumen befestigt wird.

_usut tudak_, 2  4 Perlen, die an jedes Bein gebunden werden.

_aaset udjong halbw_, Eisen, das auf die Kniee gelegt wird.

Einem Huptling wird ausserdem als weiterer Schutz ein hlzerner
_rimau_ oder _ledjo_ (Tiger) mitgegeben.

Bei allen diesen Vorbereitungen helfen Freunde und Bekannte; sie sind
die Zeit ber Gste der Leidtragenden.

Nach Beendung der Ausstattung wird der aus zwei Hlften
ausgehhlter Baumstmme bestehende Sarg ins Haus gebracht und die
Leiche hineingelegt; die Ritzen werden mit Guttapercha luftdicht
verschlossen. In den folgenden Tagen wird die Ausrsting, die dem Toten
ausserhalb des Sarges mitgegeben wird, in Ordnung gebracht. Dann wird
der Sarg von Mnnern auf den Begrbnisplatz getragen und, je nach
dem Stande des Verstorbenen, einfach auf dem Boden niedergesetzt
oder auf ein hlzernes Gerst gestellt, das oft mit einem schn
geschnitzen hlzernen Dache berdeckt wird. An die Bume und Strucher
ringsherum werden bunte Tcher und Wimpel gehngt und neben dem Sarge
werden die brigen fr den Aufenthalt in _Apu Kesio_ notwendigen
Gegenstnde, die im Sarge selbst keinen Platz fanden, niedergelegt;
es sind dies: Waffen, Ruder, Gonge, Tempajang (grosse irdene Gefsse),
Kleidungsstcke, Hausgert und dergleichen. Die kostbaren Gegenstnde
werden oft zum Schutz gegen Diebstahl seitens der Malaien durch
Zerbrechen wertlos gemacht.

Wenn es sich um einen vornehmen Huptling handelt, wird der Sarg in
einem _salong_, einem nach allen Seiten geschlossenen Huschen aus
Eisenholz, beigesetzt. Der _salong_ ist oft mit knstlerisch schnen
Malereien und einem prachtvoll gearbeiteten Dache verziert. In dem
_salong_ werden noch so lange andere Leichen der Familie beigesetzt,
bis er gefllt ist oder verfllt.

Leibeigene ohne Familie werden nach dem Tode einfach zum Begrbnisplatz
getragen, in eine Matte gewickelt und niedergelegt. Einst sahen wir,
wie die Leiche eines wenige Stunden vorher verstorbenen Sklaven von
einem anderen auf dem Rcken zum Flusse getragen und in einem Boote
weggefhrt wurde; bereits nach einer Stunde kehrten die Mnner wieder
zurck. Whrend die Bekannten beim Tode eines freien Kajan die Rolle
von Klageweibern bernehmen und das Weinen der Familie verstrken,
hatte fr den Sklaven nur eine einzige Frau kurze Zeit ihr Jammern
ertnen lassen.

Alle, die auf andere Weise als durch Krankheit ums Leben kommen,
geniessen weder das Vorrecht eines ehrenvollen Begrbnisses noch ist
ihnen, nach der berzeugung ihrer Hinterbliebenen, ein knftiges Leben
in _Apu Kesio_ beschieden. Die Seelen der Ermordeten, Selbstmrder,
Verunglckten, im Kampfe Gefallenen, bei der Entbindung Gestorbenen
und Totgeborenen gelangen auf zwei verschiedenen Wegen nach zwei
anderen Orten, wo sie mit hnlichen Unglcklichen, wie sie selbst,
weiterleben mssen. Die Leichen dieser Armen flssen den Kajan Abscheu
ein, daher werden sie nur in eine Matte gerollt und verscharrt. Ein
besonderes Grauen erregen die Leichen von Wchnerinnen; kein Mann und
keine jngere Frau darf sie berhren; sie werden auch nicht durch die
Galerie vorn aus dem Hause hinausgetragen, sondern nach Entfernung
einiger Bretter aus der hinteren Wand der Wohnung hinausgeworfen, in
Matten gewickelt und an Rotangseilen zur letzten Ruhesttte geschleift.

Bei Begrbnissen von Personen, die eines ehrenvollen Todes gestorben
sind, geben sowohl Mnner als Frauen das letzte Geleite, letztere
mssen der allgemeinen Trauer durch lautes Weinen Ausdruck verleihen.

Die eigentliche Trauer beginnt erst nach der Beisetzung des
Verschiedenen und dauert vierzehn bis fnfzig Tage.

Whrend der Trauerzeit ist es Besuchern von auswrts verboten,
die Wohnung oder die Reisfelder der Leidtragenden zu betreten. Beim
Tode eines Huptlings wird der ganze Mendalam fr verboten (_lali_)
erklrt. Das Verbot wird durch Spannen eines Rotangseiles ber den
Fluss angezeigt; zerreisst jemand das Seil, so muss er Busse bezahlen,
aber das _lali_ ist damit zu Ende.

Whrend der Trauerzeit darf nur Baumbastkleidung ohne jeden Schmuck
getragen werden; die Frauen setzen sich ausserdem eine grosse
Trauermtze mit hngenden Zipfeln auf. (Siehe Kap. VII).

Kommt ein Todesfall in der Zeit vor, wo eine Familie der Feldarbeit
wegen auf dem Reisfeld wohnt, so darf sie vor Ablauf des Neujahrfestes
das grosse Haus nicht wieder betreten und baut sich daher in dessen
Nhe zwischen den Reisscheunen eine zeitweilige Htte.

Am Ende der Trauerzeit feiert die Familie mit Hilfe einer Priesterin
eine _mela_ (siehe f. Kap.), bei der Schweine und Hhner geopfert
und von den Hausgenossen und Gsten bei einem Festmahl verspeist
werden. Nach der _mela_ muss sich die Familie noch einen, Tag still
verhalten, _melo_, dann darf sie ihr Alltagsleben wieder aufnehmen. Die
Priesterin erhlt fr ihre Dienste ein Schwert, zwei Mass Reis und
vier bis fnf mehr oder minder wertvolle Perlen.

In frheren Zeiten war zum Ablegen der Trauer ein frisch erbeuteter
Schdel oder irgend ein anderer menschlicher Krperteil erforderlich
gewesen, der, wenn es Huptlinge galt, wahrscheinlich auf Kopfjagden
(_ajo_) erlangt wurde. Gegenwrtig werden zu diesem Zwecke am Kapuas
berhaupt keine Kopfjagden mehr unternommen; selbst alte Schdel werden
nur noch in besonders ernsten Fllen bei benachbarten Stmmen geliehen;
in der Regel begngt man sich jetzt mit etwas Menschenhaar. Sehr
wahrscheinlich ist die Bedeutung dieser Sitte die, dass man dein
Verstorbenen einen Menschen opfert, damit er ihm als Diener ins
Jenseits folge. Da bei den Bahau nur Huptlinge sich Diener halten,
wurden begreiflicherweise auch nur fr diese Kpfe gejagt.

Dass bei anderen wichtigen Lebensereignissen, wie bei der Geburt eines
Kindes und bei Hochzeiten, die Erbeutung eines Kopfes augenblicklich
oder in frheren Zeiten jemals notwendig gewesen, habe ich whrend
meines Aufenthaltes unter den Bahau und Kenja nie ermitteln knnen. Ich
glaube mit Sicherheit erklren zu knnen, dass die _adat_ diese
Sitte nicht fordert. Auch herrschte bei ihnen nie der Gebrauch, das
Schlachtopfer auf dem Huptlingsgrabe langsam zu Tode zu martern, wie
dies die Stmme am Barito und Kahjan und die Batang-Lupar noch jetzt
zu tun scheinen. Es war selbst verboten, einen Haussklaven zu opfern
und auch ein Kriegsgefangener oder eine gekaufte Person waren gerettet,
sobald sie das Haus erblickt hatten. Dies geschah, beispielsweise,
im Jahre 1893 am Mahakam, als _Bang Jok_, ein Huptling in Long Deho,
beim Ablegen der Trauer nach dem Tode seines Vaters _Jok Bang_, einen
Menschen opfern wollte. Der Sklave hatte damals, wahrscheinlich durch
Zufall, das Haus bemerkt und durfte daher nicht gettet werden.

Wir sehen somit, dass die Religion bei den Kajan am Kapuas auch
frher nur beim Tode des Huptlings die Opferung eines Menschen
erforderte und dass gegenwrtig eine Erinnerung an diesen Brauch
gengt. Dagegen besteht noch jetzt bei ihnen die Sitte, die Schdel
ihrer erschlagenen Feinde aufzubewahren; man findet daher in einigen
ihrer Huser, besonders aus frheren Zeiten, derartige Trophen
in grosser Zahl. Trotzdem bei den friedliebenden Bahau Tapferkeit
und Strke nicht zu den geschtztesten Eigenschaften gehren (Siehe
f. Kap. Schpfungsgeschichte: die Strksten und Gewandtesten werden
zu Sklaven), ist es doch fr Huptlingsshne wnschenswert, wenn
auch nicht unerlsslich, dass sie irgend welche Beweise ihres Mutes
liefern. Daher hat sich jetzt noch die Sitte bei ihnen erhalten,
dass erwachsene Huptlingsshne die Gelegenheit, die sich ihnen
bietet, eine gefahrvolle Reise zu unternehmen oder einen Menschen
zu tten, wahrnehmen. Selbst das Tten gekaufter alter Frauen wird
nicht verschmht; denn das Vergiessen von Menschenblut an und fr
sich sehen die Bahau schon als eine mutvolle Tat an, eine Auffassung,
die mit ihrem furchtsamen Charakter vllig bereinstimmt. Auch suchen
die jungen Huptlinge stets auf eine fr sie selbst ungefhrliche
Weise ihr Opfer zu treffen. Besonders geeignet zur Erbeutung eines
Kopfes sind Handelszge, hauptschlich die zu den im Norden wohnenden
nichtverwandten Stmmen; hierauf beruht auch die alte Feindschaft
der Bahau mit den Batang-Luparstmmen am mittleren und unteren
Batang-Rdjang.

In frheren Zeiten unternahmen die Bahau auch Zge zu dem alleinigen
Zwecke, Kpfe zu erbeuten; sie jagten hauptschlich bei ihren Feinden
am oberen Kahjan und Miri oder Mengiri, die sie frher aus dein
Gebiet des oberen Mahakam vertrieben hatten.

Bei den Mendalam Kajan knnen Kopfjagden seit langer Zeit nicht mehr
stattgefunden haben; am oberen Mahakam haben die Kajan am Blu-u ihre
letzte Kopfjagd vor 13 Jahren am Kahjan unternommen. Obgleich sich
nur 15 Mann an dem Unternehmen beteiligten und keine Kpfe, sondern
nur ein Gefangener erbeutet wurden, betrachtete man diesen Zug doch
als einen richtigen Kriegszug. Der gefangene Kahjan Dajak lebte noch
bei meiner Ankunft am Blu-u, war mit einer der hbschesten Sklavinnen
verheiratet und besass vier Kinder. Ein anderer Sklave, _Sorong_, trug
auf seinen Waden eine Ot-Danom Ttowierung und war augenscheinlich in
beinahe erwachsenem Alter erbeutet worden; er was Vater von elf Knaben,
besass als Ratgeber des Huptlings _Kwing Irang_ eine bevorrechtete
Stellung und war durch seinen Handel zu Wohlstand gelangt.

Da Kopfjagden unter grossen Anstrengungen und Entbehrungen mit viel
Vorsicht unternommen werden und viele Monate, bisweilen ein ganzes
Jahr, dauern, Arbeitskrfte in einem Dorfe in der Regel aber nicht
entbehrt werden knnen, ist es begreiflich, dass sie nur selten
stattfinden.

Bemerkenswerter Weise trifft man weder bei den Bahaustmmen am Kapuas
noch am Mahakam auf der Galerie ihrer Huser die Schdeltrophen,
die den Eintretenden an anderen Orten so unangenehm berhren. Auch
in den vier Niederlassungen der Bahau am Mendalam und in denen
der Kajan, Long-Glat, Ma-Suling und anderer Stmme unterhalb der
Mahakamflle bemerkte ich keine Schdel. Nur in der Niederlassung des
Pnihinghuptlings _Belar_, der selbst halber Punan ist und dessen
Stamm wahrscheinlich nicht zu den Bahau gehrt, fand ich Schdel
hngen. Indessen besitzen auch alle anderen Huptlinge Schdel,
sie bewahren sie aber an einem Ort, wo sie nicht sogleich ins Auge
fallen. So bemerkte ich einen Teil eines Schdels in Batu Sala,
einer Long-Glat Niederlassung, an der Aussenwand des Hauses, er war
aber hinter einem Bschel Palmbltter kaum sichtbar.

Bahau und Kenja trocknen die Kpfe ber dem Feuer, ohne die
Fleischteile von den Schdeln zu entfernen; auch werden diese nie
mit Figuren verziert.

Ich glaube die Tatsache, dass die Bahau keine Schdel auf die
Galerie hngen, dem Umstande zuschreiben zu knnen, dass ihnen die
Schdel selbst Abscheu und Angst einflssen. Sogar sehr alte Mnner,
denen die _adat_ die geweihtesten Dinge zu berhren gestattet, fassen
einen Schdel nur sehr ungern an. Als Beweis fr diese Auffassung mag
auch das folgende Begebnis dienen, das ich selbst am oberen Mahakam
erlebte. Dort war nmlich das alte Haus der Ma-Suling am Meras
so baufllig geworden, dass der Stamm sich einen neuen Wohnplatz
suchen musste. Aller Besitz und die noch brauchbaren Materialien
wurden mitgenommen, nur die Schdel wagte man nicht aus dem alten
Hause zu entfernen. Man rief daher den Pnihinghuptling _Belar_ zu
Hilfe, der die Schdel vorlufig in einer Htte vor dem alten Hause
unterbrachte und selbst als Belohnung fr seine Mhe die Hlfte der
Schdel mitnahm, um seine Galerie mit ihnen zu verzieren, was ihm
sehr zu statten kam, da ihm bei der Brandschatzung seines Hauses im
Jahre 1885 seine eigenen Trophen verloren gegangen waren. Dieses
geschah im Jahre 1897 und noch im Jahre 1900 standen die Schdel
auf dem inzwischen verwilderten Platze vor dem verfallenen Hause,
wo wilde Rinder, Hirsche und Schweine den ganzen Boden aufgewhlt
hatten. _Belar_ sollte damals noch einmal kommen, um die Schdel in
dem inzwischen vollendeten Hause der Ma-Suling aufzuhngen.

Die Schdel, die man bei den Stmmen in Mittel-Borneo antrifft, sind
so verschiedenen und unsicheren Ursprungs, dass es keinen Wert hat,
sie aus anthropologischem Interesse anzukaufen. Wie aus Obenstehendem
hervorgeht, werden Schdel auf Kopfjagden erbeutet oder gekauft
oder als Belohnung oder aus weit entfernten Gebieten als Geschenk
erhalten. Der Sultan von Kutei schenkte z.B. dem Huptling _Kwing
Irang_ zwei Kpfe, die im Gebiete des unteren Bulungan erbeutet worden
waren. Bedenkt man, dass die Kopfjger in ihrer Eile und Erregung oft
nicht wissen, wessen Kopf sie eigentlich erbeutet haben, so nimmt es
nicht Wunder, dass die Besitzer der Schdel selbst nicht immer angeben
knnen, von wo oder von welchem Stamme diese herrhren; ausserdem
teilen die Bahau den Fremden, aus Furcht vor Rache, nicht gern mit,
auf welche Weise sie zu ihren Schdeln gelangt sind.




KAPITEL V.

    Religise Vorstellungen der Bahau--Wichtigste Gtter--Einteilung
    des Weltalls--Gute und bse Geister--Seelen der Bahau--Charakter
    und Schicksal der _bruwa_ und _ton luwa_--Seelen der Tiere,
    Pflanzen und Gesteine--Vorzeichen--Erklrung der _pemali_--Priester
    und Priesterinnen--Beseelung der _dajung_--Pflichten der
    _dajung_--Erklrung der _mela_--Das Ei als Opfergabe.


Um die Hhe der geistigen Entwicklung und die Eigenart eines Volkes
beurteilen zu knnen, muss man vor allen Dingen die Vorstellungen
kennen lernen, die dieses sich von seiner Stellung gegenber
der umgebenden Natur bildet. In hherem oder geringerem Masse
sind diese Vorstellungen, die wir als Religion bezeichnen, jedem
denkenden Wesen eigen. Je widerstandsfhiger ein Volk sich seiner
Umgebung gegenber fhlt, desto verschiedener und erhabener wird es
sich ihr gegenber vorkommen. Ein Volk gewinnt aber nur dann eine
gewisse Furchtlosigkeit und Unabhngigkeit gegenber den auf sein
Dasein einwirkenden Naturkrften, wenn es bewusst oder unbewusst so
viel Kenntnis von der Natur erlangt, dass es sein Leben mit deren
Forderungen in bereinstimmung zu bringen im stande ist.

Bercksichtigen wir, dass die Bahau und Kenja von Borneo
ackerbautreibende Stmme sind, deren Lebensunterhalt von der Witterung
und anderen sichtbaren Naturnderungen unmittelbar abhngig ist,
dass ausserdem die schdlichen Einflsse des Klimas ihr krperliches
Befinden durch Krankheit so stark beeintrchtigen, dass sie an Zahl
wenig zunehmen, so kann es uns nicht wundern, in den religisen
berzeugungen dieser Stmme das Gefhl der Abhngigkeit von der
sie umgebenden Natur stark ausgeprgt zu finden. In der Tat ist die
Stellung, die sich die Bewohner von Mittel-Borneo im Reiche der Natur
anweisen, eine sehr bescheidene; denn sie kommen sich selbst von
den Pflanzen, Tieren und Gesteinen ihrer Umgebung nicht wesentlich,
sondern nur graduell, verschieden vor.

Charakteristischer Weise schreiben die Bahau nicht mir sich selbst,
sondern auch allen belebten und unbelebten Wesen den Besitz von
Seelen (_bruwa_) zu. Nach ihrer Auffassung reagieren die Seelen eines
Baumes, eines Hundes oder eines Felsens auf dieselbe Art wie die eines
Menschen, sie werden von denselben Empfindungen der Lust und Unlust
bewegt. Daher suchen die Bahau die erzrnten Seelen der Tiere, Pflanzen
und Steine, welche sie zu verletzen oder zu vernichten gezwungen sind,
durch Opfer zu besnftigen; im brigen aber empfinden sie vor ihnen
keine besondere Angst. Die Wirkungen der Naturkrfte erscheinen ihnen
dagegen fr das Wohl und Wehe des Menschen viel bedeutungsvoller und
auch gefhrlicher.

Die wahren Ursachen von Donner, Blitz, Regen und Wind nicht kennend
stellen sich die Bahau diese als. usserungen von Wesen oder Geistern
(_to_) vor, die zwar mchtiger sind als sie selbst, sonst aber
Angenehmes und Unangenehmes auf die gleiche Weise wie die Menschen
empfinden. Die Geister knnen daher einerseits durch Geschenke und
Opfer von lebenden oder toten Wertgegenstnden gnstig gestimmt werden,
andererseits durch diejenigen Dinge, die auch den Menschen Abscheu
und Angst einflssen, in die Flucht geschlagen werden. Ich beobachtete
einige Male, dass der Sohn _Kwing Irangs_, des Huptlings der Mahakam
Kajan, bei heftigem Sturme aus dem Hause strzte und, um den Geistern
zu imponieren und sie gleichzeitig zu besnftigen, das erste beste
Tier, das ihm in den Weg kam, einmal ein Schwein, einmal ein Huhn,
mit Schwertschlgen ttete. Ein anderes Mal strzte ein Mann, in der
einen Hand ein gezogenes Schwert in der andern einen Schdel haltend,
whrend eines Sturmes aus dem Hause, um den Sturmgeist in die Flucht
zu schlagen.

Auch durch Schreien suchen die Bahau die Wind- und Regengeister zu
vertreiben; hilft dieses Mittel nicht, so stellen sie zur Abschreckung
einen Schdel vor das Haus. Als wir auf einer Reise mit den Mendalam
Kajan von einem heftigen Gewitter berfallen wurden und sehr nahe
Donnerschlge uns erschreckten, zogen die Kajan sogleich ihre Schwerter
halb aus der Scheide, um die gewaltigen Geister zu verjagen.

Diese Naturgeister ben auch direkten Einfluss auf das Leben der
Menschen aus; so werden bestimmte Vergehen durch die _to belare_,
Donnergeister, bestraft. Das Lachen ber Tiere z.B., das bei den Bahau
als Verbrechen gilt, wird durch die _to belare_ sogleich gestraft,
indem sie dem Schuldigen den Hals umdrehen. Es ist daher sehr
unvorsichtig, mit einem Huhn, Hund oder Schwein etwas vorzunehmen,
was die Leute zum Lachen bringen knnte. Als am Mahakam pltzlich
ein kleines Mdchen, wahrscheinlich an Vergiftung, starb, schrieben
die Dorfbewohner ihren Tod dein Umstand zu, dass sie ber irgend ein
Tier gelacht haben sollte.

Ausser diesen Naturgeistern, die sich als Blitz, Donner, Wind und
Regen ussern, kennen die Bahau noch eine Schar anderer _to_,
die, je nachdem wie sie sich den Menschen gegenber verhalten,
als gute und bse bezeichnet werden. An jene wendet man sich bei
Krankheit, Unglcksfllen und bsen Trumen um Hilfe, diese, als die
Unglckstrger, sucht man durch Gewaltmittel zu vertreiben oder durch
Opfer zu beschwichtigen.

Die _to_ werden, je nach der geistigen Entwicklungsstufe, welche die
einzelnen Bahau einnehmen, verschieden aufgefasst. Whrend man die
gewhnlichen Leute nur von den _to_, als den Urhebern ihrer Freuden
und Leiden, sprechen hrt, betrachten die hher Stehenden, wie die
Huptlinge und Priester, die _to_ nur als die direkten oder indirekten
Werkzeuge eines obersten Gottes _Tamei Tingei_ (= unser hoher Vater).

Wenden wir uns, bevor wir nher auf die _to_ eingehen, im folgenden
den hheren geistigen Mchten der Bahau zu.

Ihr ganzes Weltall wird von dem eben genannten _Tamei Tingei_,
dem Allvater, beherrscht, der mit seiner Gemahlin _Uniang Tenangan_
ber allen anderen von Geistern und Menschen bewohnten Regionen lebt.

Ausser dem Allvater erkennen die Bahau noch andere hohe Gtter an,
die unter _Tamei Tingeis_ Oberherrschaft im Weltall bestimmte Rollen
zu erfllen haben. Es sind dies:

_Djaja Hipui_ (= alter Huptling), die Mutter der Kajanwelt und
Beherrscherin der guten Geister, jetzt mit _Howong Hwan_ vermhlt
und _Amei Awi_ (= Vater Awi) und dessen Gemahlin _Buring Une_, welche
die Erde und ihre Erzeugnisse beherrschen.

Gtter, Geister, Menschen und Seelen der Verstorbenen wohnen im Weltall
nicht durcheinander, sondern in bestimmten Schichten oder Regionen,
die zum Teil besondere Namen tragen; es existieren deren fnf, nmlich:

1. oberste Region, bewohnt von _Tamei Tingei_ und dessen Gemahlin
_Uniang Tenangan;_

2._ Abu Lagan_, bewohnt von _Djaja Hiwi_ und dessen Gemahl _Howong
Hwan;_

3. _Apu Kesio_, bewohnt von den Seelen der Verstorbenen;

4. die Erde, bewohnt von den Menschen;

5. unterirdische Region, bewohnt von _Amei Awi_ und dessen Gemahlin
_Buring Une_.

Fr die gebildeteren Bahau ist _Tamei Tingei_ derjenige Gott,
welcher das Lebenslos der Menschen beherrscht, der bereits hier
auf Erden denjenigen straft, der sich bertretungen der _adat_ und
andere beltaten zu Schulden kommen lsst, und denjenigen belohnt,
der sich durch gute Werke auszeichnet. Er ist allwissend und hat zur
Vollstreckung seines Willens eine Schar bser, die Erde bewohnender
Geister zur Verfgung. Man sollte vom Allvater, der nicht nur straft,
sondern auch belohnt, erwarten, dass ihm ausser den bsen Geistern
auch gute direkt zu Diensten stehen. Ich habe aber letztere nie
erwhnen hren; es ist daher wahrscheinlich, dass _Tamei Tingei_ sich
fr seine Zwecke der im _Apu Lagan_ unter _Diaja Hiwis_ spezieller
Aufsicht stehenden guten _to_ bedient.

_Amei Awi_ und _Buring Une_ beherrschen die Erde und den Ackerbau. Da
das Gelingen der Ernte von ihnen abhngt, wird ihnen besonders bei
den Saatfesten und beim Beginn der Erntefeste geopfert. Sie leben in
aller Herrlichkeit auf einer Erde, die unter derjenigen der Menschen
liegt und so fruchtbar ist, dass sie nahrhaften Reis und Frchte
aller Art in Hlle und Flle hervorbringt.

Whrend _Tamei Tingei, Amei Awi_ und ihre Gemahlinnen von Anbeginn
an Gottheiten gewesen sind, lebte _Djaja Hiwi_, die Beherrscherin
der guten Geisterwelt _Apu Lagan_, einst als menschliches Weib auf
Erden und zwar im Stammland aller Bahau, im Apu Kajan, als Ehefrau
von _Tamei Angoi_, einem Huptling am Kajanufer. _Djaja Hipuis_
Vorgeschichte ist folgende:

Im Apu Kajan, wo fr gewhnlich ein berfluss an Reis und herrlichen
Frchten herrschte, trat einst Hungersnot ein. Daher begab sich
_Tamei Angoi, Djaja Hipuis_ Gatte, mit seinem Sohne _Tekwan_, auch
wohl _Sunung Kule_ genannt, in das Land _Lagan Pau_, um dort fr
Gonge, Schwerter und Perlen Reis einzukaufen. Aber auch dort herrschte
Reisnot, so dass sie sich unverrichteter Sache auf den Rckweg machen
mussten. Zum bermass des Unglcks ertrank _Tekwan_ unterwegs in den
Wasserfllen des Flsschens Lirong. Tief gebeugt kehrte der Vater in
sein langes Haus am Kajan zurck; sein Kummer wurde von _Djaja Hiwi_
und dem ganzen Volke geteilt.

Als _Tamei Angoi_ nach Ablauf der Trauerzeit zufllig auf eine Leiter
stiess, die nach oben in die Geisterwelt _Apu Lagan_ fhrte, beschloss
er in seiner Not, von dort mit Hilfe seiner Tauschartikel Reis fr
seine hungernden Untertanen zu holen. So stieg er denn voller Hoffnung
die Leiter hinauf und gelangte vor _Buring Bango_, die Frau, die
damals den _Abu Lagan_ beherrschte. _Tamei Angoi_ wurde fr seinen Mut
belohnt; denn er fand hier nicht nur einen berfluss an Reis, sondern
feierte auch Wiedersehen mit seinem Sohne _Tekwan_. Leider durfte
ihm dieser aus der Geisterwelt nicht wieder auf die Erde folgen, was
die Freude des Vaters, der im brigen sehr befriedigt von dem Erfolg
seiner Unternehmung in sein Land zurckkehrte, etwas beeintrchtigte.

Kaum hatte _Djaja Hipui_ erfahren, dass ihr ltester Sohn im _Apu
Lagan_ wohnte, als sie sich auf Erden nicht mehr halten liess; trotzdem
weder _Tamei Angoi_ noch ihr jngerer Sohn _Imu Djoatut_ das Land,
in dem sie bis jetzt so glcklich gelebt hatten, verlassen wollten,
beschloss die Mutter dennoch, zu ihrem _Tekwan_ berzusiedeln. Ein
grosser Teil der Dorfbewohner schloss sich _Djaja Hipui_ an und so
stiegen sie gemeinsam auf der Leiter nach oben, worauf sie diese
zerbrachen. _Buring Bango_ jedoch wollte die Neuangekommenen in ihrem
Reiche nicht aufnehmen, daher entbrannte ein heftiger Kampf. _Buring
Bango_ wurde besiegt und gezwungen, nach _Pu-u Siu_ zu flchten und
ihr Reich _Djaja Hipui_ zu berlassen.

Von_ Tamei Angoi_ und _Imu Djoatut_, den auf Erden Zurckgebliebenen,
stammen smmtliche Bahau ab.

_Djaja Hipui_ lebt mit den Ihren im _Apu Lagan_ nach der Weise
der Bahau auf Erden, in langen Husern, an einem Flussufer. Ober-
und unterhalb von _Djaja Hipuis_ Hause stehen je zwlf dieser langen
Huser und zwar heissen die zwlf ersten, von oben gerechnet: _Ingan
I; Bua Kudja; Ulo Lawing; Paren Tingin; Paren Balui; Batang; Uniang
Awang; Utan; Ingan II; Bua Kaping; Tijung_ und _Apu Lagan_. Die Namen
der flussabwrts gelegenen Huser sind mir nicht bekannt.

_Djaja Hipui_ greift auch in das Lebenslos der Menschen ein; wird
sie z.B. zu hufig oder zu ungelegener Zeit, besonders durch Fluchen,
angerufen, so straft sie.

Die guten Geister des _Apu Lagan_ sind den Bahau gnstig gesinnt: sie
beseelen die Priester und helfen ihnen dadurch, die in Krankheitsfllen
entflohenen Seelen der Menschen zurckzurufen; sie beseelen auch die
Ttowierknstler, Hirschhornschnitzer; Schmiede und hnliche Leute;
auch sind sie es, die mit Hilfe von Tieren, Trumen und Begebnissen
aller Art die Bahau auf das, was sie tun und lassen mssen, aufmerksam
machen.

ber die Vorstellung, die sich die Bahau von dem Aussehen der guten
_to_ machen, habe ich nie etwas vernommen.

Dagegen schreiben sie den strafenden Geistern, die sie daher als die
"bsen (_dja-ak_)" bezeichnen, alle Krpereigenschaften zu, die sie
selbst an ihren Nebenmenschen unangenehm und hsslich finden. Die
bsen_ to_ sind menschenhnliche Wesen mit grossen, dicken Leibern,
riesigen Augen in grossen Kpfen, schweren Hauern, dichter langer
Behaarung und aussergewhnlicher Strke. Die den Donner und Blitz
verursachenden _to belare_ sind z.B. so stark, dass man glaubt,
vom Blitz getroffene Bume seien von ihnen auseinander gerissen. Das
Blitzen erzeugen sie durch das Funkeln ihrer Augen, das Donnern durch
das Tnen ihrer Stimmen. Sie bewohnen gewhnlich Hhlen an Bergabhngen
und bilden hnliche Gemeinwesen wie die Bahau. Auch die brigen bsen
Geister suchen sich als Wohnpltze die Orte aus, die auf das Gemt
der Menschen einen bengstigenden Eindruck hervorbringen, wie stark
bewachsene Berge, dunkle Waldgebiete, Felshhlen und eigentmlich
geformte Felsen und Steinklumpen.

Viele Berge werden von den Eingeborenen wegen der dort hausenden
Geister gemieden und auch mir gestatteten sie fters nicht, in die
Nhe einer Berghhle zu gehen. Bei der Besteigung des Batu Kasian
hrte ich den Huptling _Kwing Irang_ unseren Pflanzensucher fragen,
ob er nicht die Hhle des dort lebenden _belare_ entdeckt habe. Whrend
der Reise warfen meine Trger mit Steinen und Holzstcken nach allen
Hhlen und Felsen, die fr Wohnsitze von Geistern galten. Einst sah
ich einen Mann den Mond anspeien, ich weiss nicht aus welchem Grunde.

Als weitere Abschreckungsmittel fr bse Geister dienen auch
menschliche Phantasiegestalten, deren Genitalien bertrieben gross
dargestellt werden. Derartige Figuren, mit Schild, Schwert und Speer
bewaffnet, werden, besonders wenn Krankheiten im Lande herrschen,
an den Pfaden lngs des Flussufers aufgestellt. Auch Genitalien an
und fr sich sind im stande, andringende Geister zu verscheuchen;
sie werden daher in roher Form aus Holz geschnitzt hufig auf Treppen
und Bretterstegen angebracht. Wie im Kapitel ber Kunst gezeigt werden
wird,  hat dieser Glaube den Bahau die eigenartigsten Motive fr die
Verzierung ihrer Huser, Waffen und Gertschaften geliefert. Aus
der Schpfungsgeschichte der Kajan geht hervor, dass ihre Gtter
und Geister vor geschlechtlichen Beziehungen ein Grauen empfinden;
hieraus erklrt sich die abschreckende Wirkung, die der Anblick von
Genitalien auf die bsen Geister bt.

Dass auch das Pflanzenreich zur Abwehr bser Geister vielerlei Mittel
liefert, ist bereits im vorhergehenden Kapitel gezeigt worden,
ebenso dass die Zhne von Hunden, Wildkatzen, Bren und Panthern,
besonders geformte Steine u.s.w. als Schreckmittel benutzt werden.

Die bsen sowie die guten Geister besitzen einen viel weiteren Blick
als die Menschen und sind, wie wir gesehen haben, auch viel mchtiger
als diese; sie bilden fr die meisten Bahau das religise Element,
mit dem sie sich bei ihrem Gottesdienst hauptschlich befassen.

Da die guten Geister nicht nur an sich ungefhrlich sind, sondern
den Menschen auch alles erdenkliche Gute anzutun bestrebt sind, die
bsen Geister dagegen den Menschen, als Strafe fr ihre Missetaten,
alles Unglck bermitteln, haben diese fr die Bahau begreiflicher
Weise mehr Interesse als jene. Man hrt sie daher viel hufiger von
den gefrchteten bsen als von den harmlosen guten _to_ sprechen.

Obgleich die Bahau an eine wenn auch beschrnkte Unsterblichkeit der
Seele glauben, sind sie doch der berzeugung, dass _Tamei Tingei_
ihnen durch seine Diener schon hier auf Erden das Los zuerteilt, das
sie sich durch ihre Lebensweise selbst verdient haben. Diejenigen,
welche die menschliche oder gttliche _adat_ bertreten, erleiden
Missgeschick oder werden krank; sind die Geister sehr erzrnt, so
lassen sie die Schuldigen im Kampfe fallen, verunglcken, sich selbst
tten oder, wenn es Frauen betrifft, bei der Geburt sterben. Alle auf
diese Weise Umgekommenen sind _matei dja-ak_, d.h. eines schlechten
Todes gestorben. Es wird ihnen kein ehrenvolles Begrbnis zu Teil;
auch gelangen ihre Seelen nicht in den Himmel _Apu Kesio_, sondern
an einen anderen Ort; aber von einer weiteren Vergeltung ihrer auf
Erden begangenen Missetaten im knftigen Leben ist keine Rede.

Den guten Menschen sendet Allvater Glck und Wohlergehen; auch
lsst er sie durch Krankheit eines schnen Todes (_matei saju_)
sterben. Ihre Seelen gelangen nach _Apu Kesio_, wo sie in einem
berfluss an Nahrungsmitteln schwelgen und nicht zu arbeiten brauchen.

Im Anfang dieses Kapitels ist bereits gesagt worden, dass die Bahau
nicht nur sich selbst, sondern auch allen belebten und unbelebten
Wesen auf Erden den Besitz von Seelen zuschreiben; sie glauben,
dass die Menschen und deren Haustiere: Schweine, Hunde und Hhner,
ferner die Hirsche, grauen Affen und Wildschweine von zwei Seelen,
die brigen Tiere, Pflanzen und toten Gegenstnde dagegen nur von
einer Seele bewohnt werden.

Betrachten wir zuerst die Seelen der Menschen, ihren Charakter und
ihr Schicksal.

Alle Leiden, von Angstgefhlen und qulenden Trumen an bis zu
Missgeschicken und Krankheiten, schreibt der Bahau dem Umstande zu,
dass ein Teil seiner Persnlichkeit zeitweise seinen Krper verlsst;
er nennt diesen nur locker mit seinem Krper verbundenen Teil:
_bruwa_ (malaiisch: _mata kanan_ = rechtes Auge). Einen zweiten Teil
seiner Persnlichkeit, der zeitlebens mit seinem Krper verbunden
bleibt, nennt der Bahau: _ton luwa_ (malaiisch: _mata kiba_ = linkes
Auge). Diese beiden geistigen Teile des Bahau, seine beiden Seelen,
spielen sowohl in seinem Leben als nach seinem Tode eine wichtige
Rolle.

Die stets unruhige _bruwa_ entflieht dem menschlichen Krper, nach
Aussagen der Priesterinnen, in Gestalt eines Tieres: eines Fisches,
Vogels oder einer Schlange. Die Fischform verspricht ein langes,
die Schlangenform ein kurzes Erdenleben. Der wichtigste Wohnsitz der
_bruwa_ liegt im Haupte des Menschen, sie verlsst den Leib durch den
Scheitel. Schlgt man ein Kind daher aufs Haupt, so entflieht seine
_bruwa_ leicht.

Eine der wichtigsten Aufgaben der Priesterinnen besteht darin, die
_bruwa_, die den Menschen schon bei geringen Anlssen, wie Schreck
und Verstimmung, besonders aber bei Krankheit, verlsst, wieder in den
Krper zurckzulocken. Sie tun dies mit Hilfe der Geister aus dem _Apu
Lagan_ und zwar auf sehr verschiedene Weise. Bisweilen lsst sich die
_bruwa_ schon dadurch besnftigen, dass ein schnes Stck Zeug auf
das Haupt des Patienten gelegt wird; sonst spaltet die Priesterin in
der Dunkelheit das Haupt zum Schein und lsst die entflohene Seele
wieder in ihren alten Wohnsitz zurckkehren.

Bei dem Tode des Menschen verlsst die _bruwa_ den Krper fr immer
und zieht nach Aras Kesio. So viel ich habe erfahren knnen, verweilt
die Seele auch hier nicht ewig, sondern begiebt sich spter an einen
anderen Ort, _Langit Mengun_, und wird erst dort zu einem wirklichen,
ewig fortlebenden Geiste.

Der Weg, den die _bruwa_ zum Apu Kesio zurckzulegen hat, ist usserst
mhe- und gefahrvoll; daher giebt man dem Verstorbenen alles mit, was
seiner Seele auf der Reise und auch spter beim Aufenthalt im Jenseits
von Nutzen sein knnte. Hierzu gehren: eine vollstndige und prchtige
Kleiderausrstung nach altem Muster; schne Schmucksachen; Waffen;
Gertschaften aller Art; Gonge, die neben dem Grabe aufgestellt oder
bei Huptlingen in die Prachtgrber (_salong_) gelegt werden; ferner
eine winzige Leiter, um der Seele zu ermglichen, Felsen zu erklimmen
und Abgrnde zu berschreiten und ein Vorrat von Nahrungsmitteln. Um
die _bruwa_ gegen Anflle bser Geister unterwegs zu schtzen, giebt
man ihr in einem Tragkorbe (_briut_) seltsam geformte Steine und
Tierzhne mit, zur Anlockung der guten Geister dagegen ein Bambusgefss
mit Zuckerrohrsaft.

Die _bruwa_ begiebt sich nicht sogleich nach dem Tode des Menschen
auf die Wanderung, sondern hlt sich, solange die Angehrigen die
Trauer noch nicht abgelegt haben, in der Nhe des Leichnams auf. Die
Seelen der Kapuas Dajak whlen fr diese Zeit den Berg Batu Tilung
am Mandai als Aufenthaltsort. Beim Ablegen der Trauer ist es daher
Aufgabe der Priesterin, durch Abhalten einer _mela_ dafr zu sorgen,
dass die Seele sicher nach _Apu Kesio_ befrdert (_anter_) wird.

Die _bruwa_ beginnt ihre Reise unterhalb der Erde und Flsse und hat
ausser den gewhnlichen Terrainschwierigkeiten auch noch Brcken aus
heftig wippenden Baumstmmen und Wege von der Schrfe der Schwerter
zu berwinden. Kommt sie ber diese Hindernisse nicht hinweg, so geht
sie zu Grunde; strzt sie z.B. von der Brcke in den Fluss, so fressen
sie die Fische und sie ist vernichtet. Die Unsterblichkeit der _bruwa_
ist somit eine begrenzte.

Die Seelen der _matei saju_, eines schnen Todes Gestorbenen, und der
_matei dja-ak_, eines schlechten Todes Gestorbenen, wandern zuerst
auf gemeinschaftlichem Pfade, dann aber findet Dreiteilung des Weges
statt: rechts fhrt ein Weg zum _Apu Kesio_, links fhren zwei Wege,
von denen der eine durch Schwerter, der andere durch Gonge bezeichnet
ist, zu anderen Anfenthaltsorten, die fr die eines gewaltsamen
Todes Gestorbenen bestimmt sind. Die Verunglckten, Erschlagenen,
Selbstmrder u.s.w. schlagen den Weg der Schwerter, die Frauen und
Kinder, die whrend oder kurz nach der Geburt gestorben sind, dagegen
den der Gonge ein.

Was die zweite Seele der Bahau, die _ton luwa_, betrifft, so ist
sie zeitlebens mit seinem Krper fest verbunden. Erst wenn der Leib
gestorben ist, verlsst auch diese Seele die stoffliche Hlle. Die
_ton luwa_ bleibt jedoch auf dem Begrbnissplatz, wo sie solange
herumirrt, bis sie endlich zu einem bsen Geiste wird. Gehen die
Bahau daher an einem Begrbnisplatz vorber, so werfen sie den _ton
luwa_, um sie zu beruhigen, Stckchen Esswaren, Tabak u. dergl. zu,
auch weisen sie nicht nach ihnen und sprechen nicht von ihnen.

Die _ton luwa_ haben die Fhigkeit, whrend ihres Aufenthaltes
auf der Totensttte in Tiergestalt, als Hirsche und graue Affen,
zu erscheinen. Desshalb essen die Bahau diese Tiere nur dann, wenn
der Hunger sie dazu zwingt. Da die Malaien keine Schweine essen,
glauben die Bahau, dass deren Seelen nach dem Tode bisweilen in
Schweine bergehen.

Als Beweise fr den gelegentlichen Aufenthalt der _ton luwa_ in Tieren
fhrten mir die Mendalam Kajan die folgenden Erzhlungen an

Ein Mann zog aus um zu_ silem_, d.h. mit einem Blasrohr zu
jagen. Obgleich er den ganzen Tag umherlief, hatte er doch keinen
Erfolg, und so schlief er endlich mde und verstimmt auf einem
Begrbnisplatze ein. Da erschien ihm ein wunderschnes Mdchen, mit der
er den Rest der Nacht verbrachte. Beim Erwachen in der Frhe bemerkte
der Mann, dass ein Hirsch, der neben ihm lag, eiligst aufstand und
entfloh. Hieraus ersah er, dass die Seele des Mdchens sich tagsber
in einem Hirsch aufhielt.

Ein anderer Jger stiess an einer Stelle des Waldes, wo er lange Zeit
nicht gewesen war, auf ein Haus, das von grossen, dunklen Menschen
bewohnt wurde; etwas weiter stand ein zweites Haus, in dem schne
Frauen lebten, und in einem dritten Hause fand er Menschen noch
anderer Art. Mit allen diesen Leuten plauderte der Jger, ass mit
ihnen, kaute Betel und schlief endlich an der Seite einer der Frauen
ein. Als er in der Nacht vor Klte erwachte und sich zur Erwrmung ein
Feuer anzndete, bemerkte er, dass sich ein Waffenhalter an der Wand in
einen Baumast und die Hausbewohner in graue Affen verwandelten. Darauf
ergriff er eiligst die Flucht. Im Vorberlaufen sah er noch, dass sich
die Menschen in den beiden anderen Husern in Hirsche verwandelten.

Wenden wir uns jetzt den Seelen der Tiere, Pflanzen und leblosen
Wesen zu.

Die Bahau bezeichnen diejenigen Tiere, die nur eine einzige Seele
besitzen, als _tular lan_ (wirkliche Tiere); die Haustiere, ferner
die Hirsche, grauen Affen und Wildschweine dagegen sind im Besitze
der gleichen Seelen wie die Menschen, einer _bruwa_ und einer _ton
luwa;_ sie knnen daher auch zeitweilig als Menschen leben und wie
diese Huser bewohnen. Auch hierfr lieferten mir die Kajan durch
eine Erzhlung den Beweis:

Ein Mann, der sich mit seinem Blasrohr auf die Jagd begeben hatte,
irrte lange im Walde umher, bis er an ein Haus gelangte, das von
schnen Frauen bewohnt wurde.

Mit einer dieser Frauen lebte er mehrere Monate zusammen; eines Morgens
erklrte sie ihm jedoch, dass sie eigentlich ein _bawui_ (Wildschwein)
sei und dass sie von nun an nicht lnger in ihrer menschlichen Gestalt
weiterleben drfe, sondern in den Wald zurckkehren msse. Sie hatte
den Mann aber inzwischen sehr lieb gewonnen und legte ihm ans Herz,
stets dabei zu sein, wenn die Jger seines Stammes Wildschweine
erlegten, da es leicht geschehen knne, dass auch sie sich unter
den Jagdopfern befinde. Darauf nahm sie Abschied und begab sich mit
vielen anderen Frauen an das Ufer eines Weihers, der vor dem Hause
lag; in diesen tauchten sie unter und kamen am gegenberliegenden
Ufer in Gestalt von Wildschweinen wieder zum Vorschein. Die Tiere
liefen einen Hgel hinan und verschwanden im dichten Walde.

Bald nachdem der Mann in sein Dorf zurckgekehrt war, erlegten
seine Stammesgenossen wirklich ein Wildschwein. An einer Narbe an
der Seite des Tieres erkannte der Mann seine frhere Geliebte und
bemchtigte sich daher der Leiche. Gross war sein Erstaunen, als
er beim Aufschlitzen von Brust und Bauch das ganze Tier mit Gold
gefllt fand. So wurde er zum reichsten Manne im ganzen Dorfe. Die
Bahau jagen daher nie mehr Wildschweine, ohne deren Seelen zuvor ein
Opfer gebracht zu haben.

Haben die Bahau einen _kule_, den gefrchteten borneoschen Panther
geschossen, so sind sie fr ihr Seelenheil sehr besorgt; denn die
Pantherseele ist beinahe mchtiger als die ihre. Sie schreiten
daher acht Mal ber das gettete Tier unter der Beschwrungsformel:
"_kule, bruwa ika hida bruwa akui_" = "Panther, Seele deine unter
Seele meine". Zu Hause angelangt werden Jger, Hunde und Waffen mit
Hhnerblut eingerieben, um ihre Seelen zu beruhigen und am Entfliehen
zu verhindern. Die Bahau essen nmlich Hhnerfleisch so gern, dass sie
den gleichen Geschmack auch bei ihrer Seele voraussetzen, auch glauben
sie, dass ihr schon der Genuss des Blutes allein genge. Ausserdem
mssen die Mnner acht Tage lang sowohl tags als nachts baden. Nach
Verlauf dieser acht Tage mssen sie sich aufs neue auf die Jagd
begeben.

Haben die Jger bei der Wildschweinjagd der Beute den Schwanz
abgehauen, so mssen sie vorschriftsgemss ebenfalls nach acht Tagen
wieder jagen gehen; haben sie einen Bren erlegt, so gehen sie bereits
nach sechs Tagen wieder auf die Jagd.

Die Pflanzen besitzen nach Auffassung der Bahau zwar nur eine Seele,
diese ist aber oft sehr anspruchsvoll und rcht sich fr jede
Verletzung oder Vernachlssigung an den Menschen. Daher tun die
Kajan nach dem Bau eines Hauses, wobei sie zahlreiche Bume haben
misshandeln mssen, ein Jahr lang Busse, d.h. es folgt eine Zeit,
in der ihnen vieles verboten (_lali_) ist, unter anderem das Tten
von Bren, Tigerkatzen, Schlangen u.s.w.

Bei den Ulu-Ajar Dajak am Mandai, sdlich vom oberen Kapuas, bestehen
hnliche, aber noch strengere Vorschriften fr den Huserbau. Dort
hngt die Dauer der Busse von den hauptschlich gebrauchten Baumarten
ab; fr ein Haus aus wertvollem Eisenholz muss man sich drei Jahre
lang verschiedener Leckerbissen enthalten; die Seelen geringerer
Baumarten machen dagegen bescheidenere Ansprche.

Eine derartige Verbotszeit wird durch eine Festlichkeit abgeschlossen
(_bet lali)_. Dabei spielt die Kopfjgerei, allerdings nur pro forma,
auch noch eine Rolle; man entlehnt nmlich einen alten Schdel bei
einem benachbarten Stamme.

Sehr verschieden geartet sind auch die Seelen der die Pfeilgifte
liefernden Bumeder Tsembaum (Antiaris toxicaria Lesch.) scheint
schwer zu befriedigen zu sein; denn nur selten ist das Kernholz dieses
Baumes wohlriechend; dies ist nur dann der Fall, wenn derjenige,
der ihn fllt, die richtigen Opfer zu bringen versteht. Das Gleiche
gilt fr den in Ost-Borneo vorkommenden Kampferbaum.

Auch der Reis ist beseelt und die gute Gesinnung seiner Seele ist fr
den Ernteausfall von grosser Bedeutung, daher mssen die Priesterinnen,
wie wir in der Folge sehen werden, beim Reisbau ein sehr kompliziertes
Zeremoniell erfllen.

Eigentmlicher Weise stellen sich die Bahau, wie schon gesagt, auch die
toten Wesen ihrer Umgebung beseelt und mit menschlichen  Eigenschaften
begabt vor. Aus diesem Grunde wirft ein Kajan, der schwer dazu zu
bewegen ist, einen Gegenstand durch Verbrennen zu vernichten, ihn
anstandslos in den Fluss, in der berzeugung, dass er sich im Wasser
doch noch durch Schwimmen retten knne.

Eine besonders rcksichtsvolle Behandlung erfahren bei den Mendalam
Kajan und allen Busang sprechenden Stmmen am Mahakam die Seelen
derjenigen Gegenstnde, die im Leben des Menschen eine wichtige
Rolle gespielt haben; sie werden zu Lebzeiten gesammelt und auch
nach dem Tode ihres Eigentmers in einem grossen Packen, _legen_
genannt, aufbewahrt. Zwar kmmert sich keiner weiter um den Packen,
auch lsst man ihn beim Verlassen des Hauses unter dem Dache zurck;
niemand wrde jedoch wagen, ihn zu vernichten. (Siehe folg. Kap.)

Im vorhergehenden haben wir die Vorstellungen kennen gelernt, die
sich die Bahau von sich selbst, ihrer irdischen Umgebung und den
ber ihnen stehenden Mchten gebildet haben; betrachten wir jetzt
die Beziehungen, die zwischen der Geister- und Menschenwelt bestehen.

Das Bedrfnis, fr ihren Lebenswandel eine Richtschnur und ber
ihre Zukunft einige Gewissheit zu erlangen, hat in den Bahau die
berzeugung entstehen lassen, dass ihnen die guten Geister des _Apu
Lagan_ durch die Vermittlung von Tieren und auffallenden Ereignissen
den Willen und die Plne Allvaters mitteilen. Aus dieser berzeugung
hat sich ein ausgebreitetes System von Vorzeichen entwickelt, das
nicht nur bei wichtigen Unternehmungen, sondern auch im tglichen
Leben, und zwar bei den verschiedenen Stmmen in verschiedenem Masse,
eine grosse Bedeutung erlangt hat.

Die Zahl dieser Vorzeichen ist eine sehr grosse und ihre Arten sind
sehr verschieden; die wichtigsten, welche unter allen Umstnden bei den
Bahau Gltigkeit haben, werden dem Vogelkluge entnommen. Es handelt
sich hierbei hauptschlich darum, ob gewisse Vgel rechts oder links
vom Beobachter auffliegen oder ihre Stimme hren lassen. Die beiden
massgebendsten der wahrsagenden Vgel der Bahau sind der _hisit_ oder
_sit_ (Anthreptes malaccensis) und der _telandjang_ (Platilophus
coronatus), beides auf Borneo sehr verbreitete Honigvgel. Die
Kenjastmme legen ausserdem viel Gewicht auf das Erscheinen einer roten
Trogonart (Trogon elegans) und eines verbreiteten braunen Falken mit
milchweissem Kopf (Habiastur intermedia).

Zu den wahrsagenden Tieren gehren ferner auch das Reh, _kidjang_
(Cervulus muntjac) und eine schwarze Schlange mit 4 weissen
Lngsstreifen und einem lackroten Kopf, Bauch und Schwanz (Doliophis
bivirgatus Boie).

Da auch ein sorgfltiges Befragen und Befolgen der Vorzeichen den
Bahau nicht gengend erschien, um sich _Tamei Tingeis_ Wohlwollen und
somit ein glckliches Leben ohne Krankheit und Unglck zu verschaffen,
erfanden sie ein System von Verbotsbestimmungen, eine religise _adat_,
die ihnen zwar jede Freiheit des Handelns benimmt, ihren ngstlichen
Gemtern jedoch eine grosse Beruhigung gewhrt.

Es wrde zu weit fhren, an dieser Stelle auf die zahlreichen Arten der
Verbotsbestimmungen nher einzugehen; sie durchziehen das ganze Leben
der Bahau derart, dass der Leser mit den Bewohnern von Mittel-Borneo
gleichzeitig auch diese religise _adat_ kennen lernen wird. Einige
Beispiele mgen aber erlutern, was die Bahau im allgemeinen mit
den stndig bei ihnen wiederkehrenden Worten "_pemali_" und "_lali_"
bezeichnen.

Unter _pemali_ (Hauptwort) und _lali_ (Eigenschaftswort) wird in
der Busangsprache alles, was sich auf religise Verbote bezieht,
verstanden. Das Wort _lali_ hat die gleiche Bedeutung wie das
polynesische _tabu_, wie das malaiische _pantang_ und das _buling_ im
Kapuas-Malaiisch. Die Dajak legen dein _lali_ einen doppelten Sinn bei:
das eine Mal bedeutet es "verboten" im allgemeinen, so wird z.B. beim
Tode eines Huptlings die Niederlassung und der Flusslauf fr _lali_
erklrt, d.h. sie drfen von keinem Fremden betreten werden; ferner
ist es _lali_, zu bestimmten Zeiten etwas Bestimmtes zu essen, zu
tun, zu sagen. Das andere Mal wird _lali_ in dem Sinne von "geweiht"
gebraucht, z.B.: "_luma lali_" = "geweihtes Reisfeld", das nur fr
religise Zwecke benutzt werden darf; "_haureg lali_" = "geweihter
Hut", der nur bei religisen Zeremonien aufgesetzt werden darf
u.s.f. Wie dem Eigenschaftswort "_lali_" kommt auch dem zugehrigen
Hauptwort "_pemali_" eine doppelte Bedeutung zu. Mit "_pemali_"
werden sowohl alle durch die religise _adat_ vorgeschriebenen
Verbotsbestimmungen als auch geweihte Gegenstnde bezeichnet. Alle
symbolischen Gegenstnde, durch welche die Priesterinnen den
Geistern ihre Wnsche vortragen, heissen "_pemali_", desgleichen alle
Gegenstnde, die berhaupt beim Gottesdienst gebraucht werden.

Obgleich die Bahau mit Hilfe der guten Geister und der Vorzeichen
selbstndig mit Allvater in Verbindung treten knnen, halten sie
unter Umstnden doch noch eine besondere Vermittlung durch berufene
Personen fr notwendig. Durch die Erfahrung belehrt, dass auch eine
gewissenhafte Beobachtung der Vorzeichen und Verbotsbestimmungen nicht
im stande ist, sie vor Krankheit und Unglck zu schtzen, wenden sie
sich in schwierigen Fllen lieber an Menschen, die ihrer Meinung nach
der Geisterwelt nher stehen als sie selbst, um Rat und Hilfe.

Eine eigentliche Priesterkaste existiert bei den Bahau nicht;
die Personen, die eine Vermittlung zwischen Volk und Geisterwelt
bernehmen, behalten ihre sonstigen Berufe als Ackerbauer, Hausfrauen
u.s.w. stets bei. Die Zahl der weiblichen Priester ist eine weit
grssere als die der mnnlichen; sie alle werden _dajung_ (singen _=
dajung_) genannt.

Die Pflichten der _dajung_ sind sehr mannigfaltig; ihre Hilfe wird
bei bsen Trumen, Krankheit, Tod und Unglcksfllen von ihren
Stammesgenossen beansprucht; eine wichtige Rolle spielen sie auch;
wie wir spter sehen werden, bei den Ackerbaufesten. Die _dajung_ sind
zugleich auch die Gebildeten und Weisen des Stammes; denn sie sind
es hauptschlich, welche die berlieferungen des Stammes bewahren,
ausser der gttlichen auch die weltliche _adat_ kennen, sich stets
auf der Hhe der medizinischen Wissenschaft erhalten und diese auch
praktisch anwenden.

Die _dajung_ halten Versammlungen und Lehrstunden, in welchen die
Jngeren zwei Jahre lang unterwiesen werden. Die jungen Priester haben
eine Probezeit zu berstehen, in welcher sie allerhand unangenehme
Dinge tun mssen, wie z.B. Erde essen. Whrend der Lehrzeit tragen
die Priesterinnen bei Festen Rckchen mit weissem Mittelfelde.

Trotzdem ich alle Ackerbaufeste bei den Mendalam Kajan mitmachte,
beobachtete ich exaltierte Zustnde der _dajung_ nur in rudimentrer
Form. Es war beim Neujahrsfeste, als eine der Hauptpriesterinnen,
_Tipong Igau_, den Geistern die auf einem Opfergerst (_lasa_)
ausgebreiteten Geschenke als Opfer anbot. Sie umkreiste in immer
schneller werdendem Tanze das Opfergerst, bis sie zuletzt an ihm
emporkletterte und es schttelte, als wollte sie die Opfer gen Himmel
steigen lassen. (Siehe Kap. VIII).

Um ihr priesterliches Amt antreten zu knnen muss die junge _dajung_
zuvor durch einen guten Geist beseelt werden. Der Vorgang der
Beseelung wurde mir erst bei den Mahakamstmmen klar; ich beobachtete
indessen bereits bei den Mendalam Kajan, dass einer jungen Priesterin
eine am Opfergerst befestigte Schnur in die Hand gegeben wurde,
lngs welcher der Geist sich auf sie herablassen sollte; eine ltere
Priesterin weihte sie unterdessen in die Geheimnisse der priesterlichen
Wissenschaft ein.

Bei den Bahau fehlt es zwar nicht an Frauen mit allerhand
Nervenkrankheiten wie Epilepsie, sie gehrten aber nie zu den _dajung_,
die alle als brave Hausmtter und -vter ihren Pflichten auf ruhige
Weise nachkamen.

Die _dajung_ geniessen seitens des Volkes grosse Achtung; selbst
wenn die Ungeschickteren unter ihnen bei den religisen Tnzen
oft unverstndliche und komische Sprnge und Bewegungen ausfhren,
erregen sie doch nie die Heiterkeit der Zuschauer.

In sexueller Hinsicht spielen die _dajung_ auch durchaus nicht die
Rolle der _blian_ (Priesterin) und des _basir_ (Priester) am Barito,
ihr sittliches Leben ist untadelhaft.

Das Priesteramt verschafft an und fr sich keine besonderen Vorrechte
und Vorteile. Die eifrigen und gewandten _dajung_ knnen allerdings,
trotzdem sie einen Teil ihrer Einnahmen den sie beseelenden Geistern
und hheren Gttern opfern mssen, sich durch ihr Amt eine reiche
Erwerbsquelle erschliessen.

Die Priesterinnen sind verpflichtet, den Verbotsbestimmungen strenger
als die Laien nachzukommen.

usserlich unterscheiden sich die _dajung_ von den Laien nur, wenn
sie ihres Amtes walten, durch ein bis mehrere besondere Armbnder
und bei festlichen Gelegenheiten durch schne, auf besondere Weise
geschlungene Schale.

Jede Niederlassung am Mendalam besitzt ihre eigenen _dajung_, die
mit einander in keiner Verbindung stehen; auch sind die religisen
Gebruche selbst bei benachbarten, verwandten Stmmen von einander
etwas verschieden.

Die _dajung_ bedienen sich whrend ihrer Amtshandlungen einer
besonderen, lteren Sprache, die von der gegenwrtigen verschieden
ist und _dahaun to_ (Geistersprache) genannt wird.

Ausser durch die Sprache treten die _dajung_ mit den Geistern auch
durch Herstellung verschiedener Gegenstnde in Verbindung, die
sie selbst teils als Ausdruck ihrer Wnsche, teils als Opfergaben
betrachten. Diese symbolischen Gegenstnde sind alle aus sehr
einfachem, dem Pflanzenreiche entnommenem Material verfertigt und
werden, wie weiter oben bereits ausgefhrt ist, mit allen Gegenstnden,
Vorschriften und Verbotsbestimmungen, die auf den Gottesdienst Bezug
haben, als _pemali_ zusammengefasst.

Sobald die Priesterschaft mit der Geisterwelt in Verbindung treten
will, benachrichtigt sie diese durch Schlge auf alte, kupferne Becken
oder runde, kupferne Platten, die 3-4 dm Durchmesser haben und mit
einem 5 cm hohen Rande versehen sind. Die vibrierenden Tne dieses
Instrumentes begleiten jede religise Handlung, man hrt sie aber
nie bei anderen Gelegenheiten.

In der Wirksamkeit der _dajung_ lassen sich zwei Hauptaufgaben
unterscheiden: die erste besteht darin, die _bruwa_ des Menschen
zu dessen Lebzeiten am Entfliehen zu hindern oder, wenn sie bereits
entflohen ist, sie zurckzuholen und sie nach dem Tode des Menschen
sicher nach _Apu Kesio_ zu geleiten (_anter);_ die zweite verlangt
eine Vermittelung zwischen der Menschen- und Geisterwelt in allen
Dingen, die den Ackerbau, die eigentliche Lebensquelle der Bahau,
betreffen. Betrachten wir zunchst, wie sich die Priester ihrer ersten
Aufgabe entledigen.

Unter einer _mela_ verstehen die Bahau eine religise Handlung,
die den Zweck hat, die beunruhigte Seele eines Menschen, die im
Entfliehen begriffen oder bereits entflohen ist, durch besnftigende
Mittel und mit Hilfe der guten Geister zum Bleiben bzw. zur Rckkehr
in den Menschen zu bewegen. Sobald ein Familienglied schlecht getrumt
hat, sich krank fhlt oder Unglck erlitten hat, wird eine _dajung_
zur Vornahme einer solchen _mela_ herbeigerufen. Auch mit gesunden
Menschen wird eine _mela_ vorgenommen, wenn es sich darum handelt,
ihre Seele fr ein bevorstehendes, beunruhigendes Ereignis, wie
z.B. eine Reise, feierliche Handlungen u.s.w. vorzubereiten.

Soll ein krperlich oder geistig Kranker geheilt werden, so findet die
_mela_ stets in seiner Wohnung statt. Der gewichtige Tag wird morgens
gegen acht Uhr mit einer besonders guten Mahlzeit, an der sowohl die
Familie als auch die Priesterin teilnimmt, eingeleitet. Die Mahlzeit
besteht aus Huhn, Fisch, Reis, Ei und einer Gemsesuppe. Von allen
diesen Herrlichkeiten wird fr die Geister etwas auf die Seite gelegt
und spter zu einer Geisterspeise verarbeitet, welche, je nachdem es
sich um Krankheit, bse Trume. oder einen Unglcksfall handelt, mit
besonderen Zutaten versehen zu einer _blaka_, dem materiellen Ausdruck
des von dem leidenden Teil Gewnschten, vereinigt wird. Einige dieser
Geisterspeisen werden an die Kindertragbretter und die Dachfenster,
durch welche die guten Geister eintreten sollen, gehngt.

Ausser durch Leckerbissen erfreuen die _dajung_ die guten Geister
auch durch Geschichtenerzhlen; am Boden hockend berichten sie ihnen
stundenlang die Stammesgeschichte oder sie erzhlen ihnen allerlei
Sagen, wie die von _Belawan Buring_, von denen sie annehmen, dass
auch die _to_ sie mit Interesse und Vergngen anhren.

Mit allerhand derartigen Vorbereitungen verstreicht der Vormittag;
nachmittags schlachtet einer der mnnlichen Hausgenossen ein Ferkel,
dessen Blut auf Bananen- und _sawang_-Blttern (Cordyline javanica
Bl. [beta].) aufgefangen wird, um spter bei der eigentlichen _mela_
als Geistertrank zu dienen. Unterdessen hat sich die Priesterin auf
einer schnen Rotangmatte vor dem offenen Dachfenster, durch welches
die Geister eintreten sollen, niedergelassen und zwar nach Kajanweise
mit gekreuzten Beinen hockend, das Haupt auf die rechte Hand gesttzt.

Vor ihr stehen allerhand schne Dinge: hbsche Zeugstcke,
Perlenketten, alte Schwerter und Gonge, ausserdem die _blaka_. Am
Dachfenster hngt die _alan bruwa_, der Seelenweg, eine Schnur mit
Lockmitteln, welche der entflohenen Seele bei der Rckkehr den Abstieg
durch das Fenster erleichtern soll. Die singende Priesterin sucht nun
mit Hilfe der Geister von _Apu Lagan_ die verirrte Seele des Patienten
lngs des _alan bruwa_ zurckzuholen. Glaubt sie ihr Ziel erreicht zu
haben, so befrdert sie die Seele in ein Krbchen mit Geisterspeise
und setzt dieses, nachdem es sorgfltig geschlossen worden, in einer
dunklen Ecke der Wohnung nieder. Hierauf geniesst die Familie wieder
ein krftiges Mahl, bei dem das Ferkelchen das Hauptgericht ausmacht.

Der Einbruch der Dunkelheit giebt das Zeichen fr den Beginn
der eigentlichen _mela_. Tre und Fenster werden geschlossen, ein
altes Schwert und eine Speerspitze werden mit der Geisterspeise und
den mit Ferkelblut besprengten Blttern versehen und der Patient
niedergesetzt. Er sttzt den einen Fuss auf das Schwert, whrend
ihm die Priesterin den Arm von oben nach unten mit der Speerspitze
streicht. Die Handlung hat den Zweck, die verirrte Seele, welche
die Priesterin vorher aus dem Korbe genommen und in das Haupt des
Kranken geblasen, in dessen Krper fest zu halten. Nachdem der Patient
wieder in den Besitz seiner _bruwa_ gelangt ist, werden auch seine
Angehrigen auf die gleiche Weise behandelt, um fr ihr Gesundbleiben
zu sorgen. Hiermit ist die _mela_ zu Ende und die Priesterin kehrt
beim, belohnt mit einem Schwert und vier bis fnf Perlen, deren Wert,
wenn die behandelte Familie reich ist, 7 1/2 fl das Stck betragen
kann.

Wie im folgenden Kapitel gezeigt werden wird, fhren die _dajung_ die
_mela_, je nach dem Zweck, den sie erfllen soll, auf verschiedene
Weise aus; das Prinzip ist aber stets das gleiche: eine Beruhigung
der Seele mittelst ihr angenehmer Dinge.

An dem Tage nach der _mela_ ist den Hausbewohnern jede Arbeit verboten,
auch drfen sie mit den Dorfgenossen nicht verkehren, ihre Wohnung ist
_lali_. Als Zeichen hiervon legen sie sich ein besonderes Perlenarmband
(_leku mela_) um, in dessen Mitte sich acht rote Perlen, an den Seiten
je vier gelbe, vier blaue und vier schwarze, kleinere Perlen befinden;
abgeschlossen wird die Kette durch zwei braune Frchte einer Cox-Art,
welche die bsen Geister zu vertreiben im stande ist. Dieses Armband
wird erst am Ende des zweiten Tages abgelegt.

Ungefhr auf die gleiche Weise wird die _mela_ vorgenommen, wenn
es sich um jemand handelt, der sich beunruhigt fhlt, der schlecht
getrumt oder Missgeschick erlebt hat.

Gilt es das Wohlsein eines Huptlings oder das des ganzen langen
Hauses, so gengt eine Priesterin fr die _mela_ nicht, sondern es
vereinigen sich drei bis vier der ltesten, um ihren Einfluss auf
die Geisterwelt geltend zu machen.

Sowohl bei der _mela_ als bei anderen Gelegenheiten spielt das Ei als
Opfer eine besondere Rolle. Augenscheinlich liegt der Grund darin,
dass ein Ei einen leicht zu beschaffenden und billigen Opfergegenstand
bildet; die Kajan jedoch leiten den Ursprung dieses Gebrauches von
folgendem Begebnis ab:

_Umwo_, das Kind eines Elternpaares_ Tedjulong Apong_ und _Buro Ling_,
fiel einst in den Fluss und kam nicht wieder zum Vorschein. Darber
entstand so viel Jammer und Verzweiflung im Hause, dass selbst die
Geister oben aufmerksam wurden und untersuchten, was eigentlich
geschehen war. Zwei grosse Geister, _Belar Kingan Tuman Tana_
und _Belar Tuman Langit_, sandten mitleidsvoll aus ihrem Himmel
ein Ei herab, um mit dessen Hilfe die entflohene Seele des Kindes
zurckzurufen. Die Eltern wussten jedoch nicht, was mit dem Ei zu
beginnen sei, wickelten es in ein Tuch und legten es unter ihre
Schlafsttte. Nachts trumte ihnen, dass es gut sei, das Ei an den
Fluss zu bringen und ins Wasser zu werfen. Das taten sie denn auch
in aller Feierlichkeit und, als sie nach Hause zurckkehrten, fanden
sie zu ihrer Freude das Kind auf der Galerie sitzen.

Als die Eltern ihr Kind badeten, trat das Ei an die Oberflche des
Wassers und trieb den Fluss hinab, sie erkannten es jedoch nicht und
stiessen es weg. Das Ei schwamm aber langsam den Fluss wieder hinauf;
da nahmen die Eltern es als Spielzeug fr das Kind mit nach Hause und
bewahrten es in Tchern. Nach Verlauf einiger Zeit, whrend welcher
das Kind immer gesunder wurde, krochen aus dem Ei ein Hahn und eine
Henne hervor. Da merkten die Eltern, dass das Ei ihnen von den Geistern
gesandt worden war und eine besondere Bedeutung hatte, und seit der
Zeit bringen die Kajan den _to_ Eier und Hhner als Opfer dar.




KAPITEL VI.

    Opfergaben der Bahau: _kawit_--Die _pemli:_ bei der _mela_,
    beim Erntefest, in den Reisscheunen, auf dem Reisfelde, beim
    Sen, beim Neujahrsfest, bei der _mela_ der Namengebung, bei der
    _mela_ gegen Krankheit, bei der Rckkehr von grossen Reisen--Das
    _legn_--Schwierigkeiten bei den Nachforschungen auf religisem
    Gebiet--_Usun_, die Oberpriesterin--Schpfungsgeschichte der
    Mendalam Kajan.


Ihre zweite wichtige Ttigkeit, die Vermittlung zwischen dem Volke
und der Geisterwelt, von welcher der Ausfall der Ernte abhngig ist,
entwickeln die Priesterinnen bei den Ackerbaufesten; diese liefern
daher die beste Gelegenheit, um in den Gottesdienst der Bahau einen
Einblick zu gewinnen. Betrachten wir im folgenden die Art und Weise, in
welcher die Priesterinnen ihre vermittelnde Rolle auszufhren suchen.

Als das wirksamste Mittel zur Anlockung der Geister betrachtet man das
Anbieten verschiedener Esswaren. Schweine, Hhner, Eier, Fische und
Reis werden als die wahren Gtter- und Geisterspeisen angesehen. Bei
einer gewhnlichen _mela_ werden nur Ferkel und Hhner geschlachtet,
whrend die grossen Schweine, und zwar nur die mnnlichen, fr die
grossen Festlichkeiten aufbewahrt werden. Ungeteilt werden den Geistern
nur Ferkel, Kchlein und Eier angeboten, von den Schweinen und anderen
Speisen erhalten sie nur kleine Teile. Die Geister begngen sich
nmlich mit dem geistigen Teil, der in dein Opfer steckt, das nach
Auffassung der Bahau auch beseelt ist, und berlassen den krperlichen
dem Genuss des Menschen.

Die Opfergaben werden in Form von _kawit_ gereicht, die bei keiner
religisen Handlung fehlen drfen. Es sind dies kleine Rollen aus
Bananenblttern, in welche Esswaren eingewickelt werden. Jede Rolle
enthlt, der bei den Bahau heiligen Zahl acht entsprechend, acht
Lagen. Jede dieser Lagen wiederum besteht aus einem viereckigen,
handgrossen Blattstck, auf welches ein zweites, kleineres,
ausgefranstes Blatt und dann etwas Hhner- oder Schweinefleisch, Fisch,
Reis oder Mais gelegt wird; das Ganze wird mit einem fingerbreiten
Blattstreifen bedeckt. Liegen acht derartiger Schichten aufeinander, so
werden sie in Form einer Zigarre zusammengerollt und mit ungedrehten
Bastfasern, deren Enden nicht geknpft, sondern nur verschlungen
werden drfen, gebunden und die _kawit_ ist fertig.

Flssige Opferspeisen werden den Geistern gewhnlich in Bambusgefssen
gereicht.

Eine gleich wichtige Rolle wie die _kawit_ spielen bei religisen
Handlungen die anderen _pemali_, mittelst derer die Priesterinnen
den Gttern und Geistern die Wnsche des Volkes auszudrcken suchen.

Die Herstellung dieser _pemali_ kostet den Priesterinnen viel Zeit;
denn sie sind, je nach der Gelegenheit, fr welche sie verwendet
werden sollen, verschieden, ausserdem oft sehr kompliziert und
zahlreich. Befassen wir uns zunchst ausfhrlich mit den _pemali_
und deren Anwendung.

Bevor der Reis geerntet (_ngeluno_) wird, lsst jeder Bahau in
seinem Hause eine _mela_ stattfinden und sich und die Seinen fr
die bevorstehende gewichtige Arbeit vorbereiten; tut er dies nicht,
so darf er an der gemeinsamen Festmahlzeit nicht teilnemen. Die Sorge
fr die Vorbereitungen zum Erntefest berlsst er dem Huptling.

Die Priesterin hat fr diese _mela_, die abends stattfindet, tagsber
drei _pemali_ zu verfertigen: das _kahe parei_, das _tuhe lali_
und das _ao lali_.

Das _kahe parei_ ist ein Stck einer Fruchtschale, an der zwei
_kawit_ und einige _usut_, jede aus zwei an eine Schnur gereihten
Perlen bestehend, befestigt sind. Die _usut_, fnf an Zahl, heissen:
_usut parei_ (Reis), _usut baha_ (entspelzter Reis), _usut kanen_
(gekochter Reis), _usut ata_ (Wasser) und _usut apui_ (Feuer); fr
alle diese _usut_ verwendet man am liebsten alte Perlen. Unter _usut_
wird im allgemeinen ein Geschenk oder eine Busse zur Besnftigung
einer erzrnten Seele verstanden; man bringt z.B. ein _usut_ mit,
wenn man als Fremder zu einem kleinen Kinde kommt (Siehe pag. 74.).

_Tuhe lali_ heisst ein aus einem Krbis verfertigter Lffel von
altmodischer Form, an den vier _kawit_ mit Mehl, Ei, Fisch und
gekochtem Reis gehngt werden.

_Ao lali_ ist ein hlzerner Spatel, wie man ihn beim Reiskochen stets
gebraucht; auch er wird mit einer _kawit_ versehen.

Mit dem _kahe parei_ werden bei der stattfindenden _mela_ alle
Familienglieder von der Priesterin berhrt, erst ihr Gesicht, dann ihre
Brust. Der Vorgang wird mit _pelesat_ bezeichnet. Darauf ist jeder
mit dem _ao lali_ ein paar Reiskrner und trinkt mit dem _tuhe lali_
etwas Wasser. Dann beginnt die Festmahlzeit.

Wie alle Gegenstnde, welche bei religisen Handlungen gedient haben,
werden auch diese _pemali_ sorgfltig aufbewahrt.

Der eben erwhnte Reis ist der erste der neuen Ernte. Er muss,
nach alter Sitte, in einer auf Backsteinen ruhenden Pfanne gekocht
werden. Die Backsteine, drei an Zahl, zwei grosse (_angan banga_)
und ein kleiner (_angan tepa)_, werden fr diese Gelegenheit besonders
hergestellt. Die zwei grossen Steine stehen, auf eine Kante gesttzt,
auf dem Herde und tragen die Pfanne; der kleinere Stein wird an
einen der grsseren gelehnt und trgt eine _kawit_. Zur Abwehr bser
Geister dient ein mit Haken versehener Bambusstab (_udak awak)_,
der beim Gebrauch an den kleinen Stein gelehnt wird. Diese Backsteine
sind so ziemlich das einzige berbleibsel der frheren Tpferkunst,
die bei den verwandten, aber von den malaiischen Hndlern seltener
besuchten Stmmen jetzt noch im Schwange ist.

Bei der Festmahlzeit wird der neue Reis fr alte tapfere Mnner
auf besondere Weise zubereitet; man kocht ihn, in Bananenbltter
eingewickelt, in Form von lnglichen Pckchen, welche aufgerollt
werden. Jeder der Tapferen erhlt acht solcher an einer Schnur
befestigten Rollen.

Auch das erste Einbringen des Reises in die Scheune findet mit Hilfe
der _dajung_ statt, welche mit den Reisseelen unterhandeln muss,
um sie fr ihren knftigen Aufenthalt in der Scheune gnstig zu
stimmen. Die hierfr verwendeten _pemali_ sind bei den verschiedenen
Stmmen verschieden.

Die _dajung_ von Tandjong Karang gebrauchen das _barang bulit_, die
von Tandjong Kuda den _telu_ mit _hikp bulit_ und die der Ma-Suling
den _san lali_. Alle diese _pemali_ dienen dem gleichen Zweck, dem
Anlocken; Auffangen und Aufbewahren der Reisseelen.

Zum _barang bulit_ gehrt eine winzige Leiter, ein Spatel, beide
mit _kawit_ versehen, und ein geschlossenes Krbchen. In diesem
befinden sich, ausser einer _kawit_, Haken und Dornen von Pflanzen und
Schnre aus Pflanzenfasern, um die Reisseele ntigenfalls gewaltsam
festzuhalten. Bei der Handlung streift die Priesterin die Reisseele
mit dem Spatel lngs der Treppe in den Korb, soll heissen: sie bringt
die Seelein die auf Pfhlen ruhende Reisscheune.

Das _telu_ mit dem _hikp bulit_ ist eine mit einem weissen
Kattunstreifen gebundene Bambusdose, in der sich einige _kawit_,
eine Schnur und eine winzige Leiter befinden. Auf dieser Leiter wird
die Reisseele mit dem _hikp bulit_ (Schpfnetz) in das Bambusgefss
befrdert, hier von der _dajung_ mit der Schnur festgebunden und das
Ganze in der Scheune aufgehngt. Netz und Leiter sind ebenfalls mit
_kawit_ versehen. Neben dieser Form existiert in Tandjong Kuda noch
eine andere: zwei Bambusgefsse mit _kawit_, die neben einander an
einer Schnur in der Scheune hngen; man unterscheidet an diesen die:
_tawe_ (Schnur) _lepo_ (Scheune), _parei_ (Reis), welche als Seelenweg
dient, und das _teha hato toko hawo_, Gefss fr die Aufbewahrung
der eingefangenen Seele.

Die _san_ (Leiter) _lali_ der Ma-Suling besteht aus einer Leiter, einem
Bambusgefss und einer Hhnerfeder, die zur berfhrung der Seele in
das Gefss dient. Das Bambusgefss enthlt die _kawit_ und wird, mit
weissen Kattunstreifen umwickelt, man nennt es: _njina bruwa parei_
wrtlich: Beruhigung der Reisseele.

Unter _njina_ wird das tgliche Anlocken, Liebkosen und Beruhigen der
Kinderseelen durch die Mtter verstanden. Eine genaue Wiedergabe des
Wortes ist unmglich (ber den Vorgang siehe pag. 72).

Um sich auch fr das folgende Jahr eine gute Ernte zu sichern,
halten es die Bahau fr notwendig, nicht nur in den Besitz der
Seelen des augenblicklich vorhandenen Reises zu gelangen, sondern
auch der Seelen des auf den Boden gefallenen, von Hirschen, Affen und
Schweinen gefressenen Reises habhaft zu werden. Auch hierfr haben die
Priester ein Mittel erfunden: sie stellen ein _telu hina_ (Hauptwort
zu _njina =_ beruhigen) her, das ist ein Bambusgefss (_telu_) mit
_kawit_, an welches vier Haken aus Fruchtbaumholz befestigt werden,
mit deren Hilfe die verlorenen Reisseelen, falls solche vorhanden,
aus der Ferne herbeigelockt werden knnen. Nachdem die Seelen im
Behlter geborgen worden, hngt man ihn in der Wohnung auf.

Die _Ma-Suling_ haben fr den gleichen Zweck ein anderes _pemali_,
die _usu bruwa_ = Seelenhnde. Es sind zwei aus Fruchtbaumholz
geschnitzte Hnde, zwischen welche acht _kawit_ gesteckt werden;
man umwickelt sie mit Kattun und bindet sie mit einer Perlenschnur
fest. Die Hnde haben die gleiche Bedeutung wie die Gefsse, sie
sollen die herbeigelockten Reisseelen festhalten. Auch dieses _pemali_
wird im Wohngemach aufgehngt.

Ein anderes _pemali_, das _barang usut_, wird erst dann in die Reis
scheune gebracht, wenn diese bereits gefllt worden ist; es ist ein
Korb, dessen Inhalt die Reisseelen, falls diese erzrnt sind, beruhigen
soll. In dem Korbe befinden sich noch drei andere, kleinere Krbe, in
denen kleine und grosse rote Perlen als eigentliches _usut_ (Geschenk)
liegen; ausserdem enthlt das Krbchen noch die Endtriebe eines Krautes
und als Symbol fr das Festhalten der Seele einige gekrmmte Dornen.

Wenn eine Kajanhausfrau fr den tglichen Gebrauch Reis aus der
Scheune holt, sorgt sie dafr, dass die Reisseelen hierber nicht
in Zorn geraten. Zu diesem Zweck hat sie das _barang lali_ stets
in der Scheune hngen; seine wesentlichen Bestandteile sind ein
Bndel Sphne aus Fruchtbaumholz und ein viereckiges Krbchen aus
_tika_. Mitten zwischen die Sphne wird ein Ei gesteckt und unten am
Bndel ein kleines Bambusgefss mit Zuckerrohrsaft (_telang tewo_)
als Opfergabe angehngt. Das Krbchen enthlt eine geweihte Matte
fr das Holen des Reises: _brat_ (Matte) _lali_ (geweiht) _ala_
(holen) _parei_ (Reis) und vier _kawit_, die besondere Namen tragen:
barang _bal ok; pakan lepo halam; pakan lepo parei; bal ok a desak;_
ausserdem einen Reishalm. Die Frau beginnt damit, als Opfer fr die
_bruwa parei_, etwas Zuckerrohrsaft auf das Ei zwischen den Sphnen
zu giessen. Whrend sie den Deckel des Korbes abhebt, die kleine
Matte herausnimmt, auf den Boden breitet und einen Reishalm darauf
legt, erklrt sie den Reisseelen den Zweck ihres Kommens. Darauf
kniet sie, einige Sprche murmelnd, vor der Matte nieder und isst
ein einziges Korn von dem Reishalm. Nachdem sie das _barang lali_
sorgfltig geborgen, geht die Frau mit der erforderlichen Menge Reis
ruhig nach Hause.

Matten spielen beim Trocknen und Stampfen des Reises eine wichtige
Rolle, es ist daher wahrscheinlich, dass das _barang lali_ und das
Verzehren des Reiskorns den Reisseelen die bevorstehende Behandlung
andeuten sollen.

Beim Beginn einer neuen Ernte werden die gebrauchten _pemali_
durch andere ersetzt, nur das _bararg lali_ und _kahe parei_ werden
sorgfltig mit einer mit Reis gefllten Eierschale bewahrt und
bei jeder neuen Jahreszeit wieder zum Vorschein geholt. Wenn diese
_pemali_ verloren gehen, ist eine _mela_ der _dajung_ erforderlich,
um die Reisseelen wieder anzulocken.

Beim Beginn des Reisschnitts stimmt man die Geister dadurch gnstig,
dass man ihnen Esswaren und Wasser, vielleicht einen Aufguss auf
Gemsebltter, darbietet. Das Opfer, _tawe lali luno_ genannt, wird
von Kindern auf das Reisfeld getragen. Die Esswaren: gekochter Reis,
Fisch und Huhn, befinden sich in drei von den _dajung_ mit einfacher
Schnitzerei verzierten Bambusbehltern, das Wasser in einem vierten,
niedrigeren Behlter; an alle Gefsse werden _kawit_ gehngt. Abends
werden die Reishalme des ersten Schnittes in einem geweihten Korbe
(_ingan lali_) unter Beckenschlag feierlich ins Haus getragen. Aus
der Wohnung sind Hunde und Katzen vorher entfernt worden, auch hat
man die _amin_ gereinigt und den Eingang mittelst einer Tr aus
Rotanggeflecht verschlossen. Die Tr (_bilet_) besteht aus zwei
durch eine Rotangschlinge verbundenen Hlften und einem hlzernen
Handgriff. Soll der Korb in die Wohnung getragen werden, so streift
man die Schlinge mit dem Handgriff ab, die beiden Flgel des Pfrtchens
springen auf und der Reis kann seinen Einzug halten.

Die mit dem Saat- und Neujahrsfest verbundenen Festlichkeiten haben auf
die Verehrung der Gtter _Tamei Tingei_ und _Djaja Hipui_ Bezug, daher
besitzen die bei dieser Gelegenheit gebrauchten _pemali_ teilweise
eine allgemeinere und wichtigere Bedeutung als die vorhin angefhrten;
denn nun gilt es nicht allein, die betreffenden Geister zufrieden
zu stellen, sondern man verlangt von ihnen auch eine gute Ernte,
Gesundheit und Wohlfahrt. Die _dajung_ verfertigen fr das Neujahrsfest
ein besonderes _pemali_, das sie auf dem geweihten Reisfeld (_luma
lali_), das als Ort der heiligen Handlung dient, aufrichten. Mit
geringen gelegentlichen Abweichungen besteht dieses _pemali_ aus
Stcken von Fruchtbaumholz, die durch ihre Form den Geistern die Bitten
des Kajanvolkes bermitteln sollen. Die Konstruktion ist die folgende:

Mitten im Reisfeld werden, mit ihren zugespitzten Enden in die Erde
gebohrt, vier etwa 20 cm lange runde Pfhle dicht neben einander
in einer Reihe aufgestellt. Die beiden mittelsten tragen oben je
einen Kranz von acht kleinen, in das Holz eingesenkten Hkchen,
whrend zu den seitlichen Pfhlen je eine Treppe fhrt. Die Pfhle
sind oben mit zwei schmalen Brettern gedeckt; vor und hinter ihnen
stecken etwas lngere Hlzer mit ihren hakenfrmigen Enden schrg
im Boden. Die Bedeutung des Ganzen ist diese: die vier aufrechten
Pfhle bitten die Gtter um langes Leben, die beiden Hakenkrnze um
ein Ansammeln von Reichtmern, die beiden Treppen um ein bersteigen
aller Schwierigkeiten, die schief im Boden steckenden Hlzchen um
einen Boden, aus dem sich Reichtmer heben lassen. Dieses _pemali_, als
_pelale_ bezeichnet, wird beim Saatfest und spter beim Neujahrsfest
am Fuss des _dangei_ aufgerichtet, nachdem man die Erde vorher mit dem
Blut eines Kchleins als Opferspeise befeuchtet hat (Siehe Kap. VIII).

Das _pemali bliang_ unterscheidet sich vom _pelale_ hauptschlich
dadurch, dass die Hakenkrnze durch acht lngere Haken, die man rings
um die vier Pfhle steckt, ersetzt werden. Zwischen die Haken werden
als Opfergaben kleine Fische gelegt. Die Pfhle und Haken des _pemali_
bliang stecken nicht, wie beim _pelale_, in der Erde, sondern in einem
Krbchen mit Klebreis, das mit einem Deckel verschlossen wird. Nachdem
das Krbchen mit einem Streifen weissen Kattuns umwickelt worden,
befestigt man an ihm ein winziges _tekok_, zwei Bambusstbe und eine
Matte, mit denen beim Neujahrsfest die Geister angerufen werden;
augenscheinlich ein Mittel, um die Aufmerksamkeit der Geister des
_Apu Lagan_ zu erregen. Jede _dajung_ verfertigt am dritten Tage des
Neujahrsfestes ihr eigenes _pemali bliang_ und stellt es am folgenden
Tage mit denen der anderen Priesterinnen gemeinschaftlich an den Fuss
des Opfergerstes (_lasa_); nach dem Feste bewahrt jede ihr _pemali_.

Fr das grosse Neujahrsfest werden ausserdem auch noch andere _pemali_
verfertigt.

Das eben erwhnte _tekok_ wird dann tglich an Stelle eines Gongs
zum Anrufen der Geister gebraucht. Es besteht aus einer geweihten
Matte (_brat lali_) aus _tika_ und zwei Bambusstben von 3 dm Lnge,
welche am unteren Ende durch einen Halmknoten geschlossen sind. Beim
_dangei_-Feste ruft die Priesterin morgens und abends die Geister an,
indem sie in bestimmtem Rhythmus mit den Bambusstben abwechselnd
auf die Matte schlgt und den Geistern halb singend, halb rezitierend
die Leiden und Wnsche des Stammes zu kennen giebt.

An das Gestell (_lasa_), an welches die Opfergaben gehngt werden,
wird stets eine Rotangschnur und an diese wiederum eine _tawe nangan_
(Leitbahn) befestigt, welche als _alan to_ (Weg der Geister) dienen
soll. Der _alan to_ hngt an einem kupfernen Haken und besteht aus
einem weissen Kattunstreifen, der in einige rote und blaue Streifen
ausluft, an welche jede der anwesenden _dajung_ ein Bambusgefss mit
Zuckerrohrsaft, eine Art Halskette aus Perlen und verschiedene _usut_
(Geschenke) und Schleifen, von mir unbekannter Bedeutung, bindet. Neben
dem weissen Kattunstreifen hngt eine Perlenschnur mit kawit, die mit
einer Schlinge endet. Bei der Beseelung kommt der gute Geist lngs
dieser Schnur auf die darunter stehende _dajung_ herab.

Die Art und Weise, in welcher die Bahau ihren Dorfgenossen ihre
Neujahrswnsche ausdrcken, ist sehr eigentmlich. Die _dajung_
verfertigen nmlich vor Beginn des Festes fr die ganze Bevlkerung
das _hato kawit bruwa_, ein Bndel von acht Haken aus Fruchtbaumholz
und drei _kawit_, die zusammengebunden in einem Sckchen aus weissem
Kattun stecken. In eine Schlinge aus ungedrehten Pflanzenfasern,
welche aus dem Sckchen hervorragt, muss der Nachbar bei der Begrssung
seinen Finger stecken, der dann hin- und herbewegt wird; bisweilen
wird auch der gute Einfluss, der von der Schlinge ausgeht, auf das
Haupt des Betreffenden geblasen. Indem man die Seele des Freundes
mittelst der Schlinge mit dem wohlschmeckenden Inhalte des Sackes in
Berhrung bringt, erweist man ihr etwas Angenehmes, ausserdem wnschen
die hlzernen Haken ein Sammeln von Reichtmern fr das folgende Jahr.

Beim _marong uting_ (Schweinefleischessen, siehe Kap. VIII) verfertigen
die _dajung_ in der Wohnung des Huptlings das _bowo nangan_, ein
Gestell, auf welchem den Geistern das Schweinefleisch in kawit
angeboten wird. Das _bowo nangan_ ist ein mit Schnitzwerk etwas
verziertes Bambusrohr, das horizontal an einer Perlenschnur hngt,
innen und aussen mit _kawit_ versehen ist und in der Mitte acht
_usut_ trgt, deren Bedeutung mir nicht klar ist. Zu beiden Seiten
des Bambusrohres hngen gekreuzte Stckchen mit kleinen Schnren,
an welche die _kawit_ mit Schweine- und Hhnerfleisch gebunden
werden. Tagsber hngt das _bowo nangan_ in der _dangei_-Htte, abends
wird es aber stets in die _amin_ des Huptlings zurckgebracht. Statt
der Speerspitze und des Schwertes, welche die _dajung_ bei einer
gewhnlichen _mela_ gebraucht, verwendet sie bei der gelegentlich
des marong uting stattfindenden _mela_ die _telingan uting_, eine
geschliffene Muschelschale (_hulo)_, an der eine alte Perlenschnur und
eine _kawit_ hngen. Diese von Nautilus-Arten stammenden Schalen und
die alten Perlen werden bei den Bahau sehr geschtzt und sind daher,
gleich wie alte Waffen, sehr geeignet, die Seele in gute Stimmung zu
versetzen, besonders in Verbindung mit dem geliebten Schweinefleisch.

Nach der Sitte aller Stmme von Mittel-Borneo wechseln auch die Kajan
am Mendalam ihren Wohnsitz, sobald fr den Reisbau kein geeigneter
Boden in der Nhe mehr vorhanden ist. Bein Einzug in das neue Haus
erbittet die Oberpriesterin den Segen _Tamei Tingeis_ und zwar drckt
sie ihre Bitte durch das _betungul_, ein fr den Huptling bestimmtes
_pemali_ aus. Dieses befindet sich, wie das _pemali bliang_, in
einem Krbchen aus _tika_ und besteht aus einem selbst gebrannten
irdenen Tpfchen (_taring ladang_) mit unregelmssigen Vertiefungen
am Bden, in welche 2  8 Haken aus Fruchtbaumholz gesteckt werden;
auch diese bitten um eine Anhufung von Schtzen. Zwischen den Haken
werden in geknickte Bambushlzer kleine Fische als Opfer geklemmt. Das
Tpfchen bittet _Tamei Tingei_ wahrscheinlich um Nahrungsmittel. Mit
den Backsteinen, die beim Kochen des ersten Reises verwendet
werden (pag. 118), bildet es das einzige berbleibsel der alten
Tpferkunst. Beim Umzug bleibt das _betungul_, wie auch das _legen_
der Verstorbenen, im verlassenen Hause zurck.

Ein wichtiges _pemali_, das speziell fr die _dajung_ bestimmt
ist, heisst _hlen lali_ und ist ein lngliches Kissen aus weissem
Kattun. Das Kissen wird von den Frauen bei ihrer Aufnahme unter die
_dajung_ hergestellt und bei jedem Saatfest zum Vorschein geholt und
mit einer _kawit_ versehen. Neben den _kawit_, welche die Zahl der
Amtsjahre der Priesterin angeben, sind verschiedene Perlenschnre
angebracht. Ein Armband (_kamang tukan_ oder _laku dajung_) wird nur
auf dem Kissen der ltesten Priesterin befestigt und darf nie entfernt
werden. Auf jedem Kissen findet man drei _usut:_ eine rote, eine gelbe
Perle und einen Knopf (_hulo_). Die Besitzerin trgt diese usut, sobald
sie ihres Amtes waltet. Die gelbe Perle dient zugleich fr die _mela_
der Priesterin selbst; fhlt diese sich nmlich krank oder frchtet
sie ein Entfliehen ihrer Seele, so sucht sie ihre _bruwa_ zu beruhigen,
indem sie die gelbe Perle fest in die Hand drckt. Neben den erwhnten
drei _usut_ wird das _usut lali_ angebracht, das aus kleinen Perlen
besteht und whrend des Saatfestes tglich angefasst werden muss. Bei
dieser Gelegenheit werden auch die Hausgenossen gesegnet, indem die
_dajung_ ihr Haupt mit dem Kissen, das fr gewhnlich sorgfltig in
einer Kiste bewahrt wird, in Berhrung bringt.

Je nach der Gelegenheit, bei welcher eine _mela_ vorgenommen
wird, bentzt die _dajung_ zur Beruhigung der Seele verschiedene
Gegenstnde. Bei der _mela_, welche whrend des Saatfestes bei der
zweiten Namengebung des Kindes stattfindet, streicht die Priesterin
dieses in Tandjong Kuda mit einem durch _kawit_ und Perlen geweihten
Krbis. Gleich wie auch in Tandjong Karang, werden die Fsse des
Kindes in Wasser gebadet, das in zwei hierfr bestimmten Bambusgefssen
mit _kawit_ mitgebracht worden ist. Krbis und Bambusgefsse heissen
zusammen: _tawe anak ok =_ Seelenbefriediger eines kleinen Kindes.

Wenn die Kajan durch Vermittlung der Priesterinnen die Hilfe der
Geister anrufen, stellen die Priesterinnen fr die _mela_ folgende
Gegenstnde her: _pemali kaja, kawit mela_ und _malat kadja_.

Der _pemali kaja_ ist eine besondere Art von Seelenweg, welchen die
_dajung_ bentzt, wenn es eine verirrte Seele mit Hilfe der guten
Geister zurckzurufen gilt. Dieser Seelenweg, welcher an dem offenen
Dachfenster angebracht wird, besteht in einer kostbaren Perlenschnur
mit zwei gelben Perlen als _usut_. Auf die Schnur folgt ein aus acht
Schlingen zusammengesetzter Knoten, der mit einem Pckchen von acht
Haken aus Fruchtbaumholz vier Perlen, vier kleinen _kawit_, einer
Hhnerfeder und einem Stck _daun hugul_ (Dracaena-Blatt) verbunden
ist. Die Perlen, die _kawit_ und das in Schweineblut getauchte
Blattstck dienen als Beruhigungsmittel fr die herankommende Seele;
die Haken bitten um Reichtum; die Hhnerfeder wird bei der eigentlichen
_mela_ verwandt.

Die Priesterin streift bei der _mela_ die zurckkehrende Seele lngs
des Seelenweges auf den Knoten, den sie in einem Sckchen und dieses
wieder in einem Krbchen bis zum Abend aufbewahrt. Mit der Hhnerfeder
bestreicht die Priesterin den Patienten, nachdem sie ihm vorher im
Dunkeln die Seele in das Haupt geblasen hat.

_Kawit mela_ wird das alte Speereisen genannt, mit dem die _dajung_
den Aren des Patienten streicht; vier _kawit_ und zwei mit Schweineblut
bestrichene Bltter von _hugul_ werden an ihm befestigt.

_Malat kadja_ ist der Name des alten Schwertes, auf welches der
Patient whrend der _mela_ seinen Fuss setzen muss; auch dieses ist
mit _kawit_ versehen.

Die _blaka_, die, wie die anderen pemali, morgens vor der eigentlichen
_mela_ hergestellt wird, bittet die aufgerufenen Geister um alles,
was dem Menschen not tut; sie besteht im wesentlichen aus einem dnnen
Flechtwerk in Form einer 1 1/2 quad. dm grossen Matte, welche um
folgenden Inhalt geschlagen wird: acht sorgfltig hergestellte _kawit_,
ein Pckchen von vier Hhnerfedern (_ukur manok)_, ein gewundenes Stck
Rotang (_ukur uting_) und zwei Bambusstbe (_tawe)_. Die drei letzten
Gegenstnde haben folgende Bedeutung: _ukur manok_ = Mass fr Hhner,
bittet die Geister um viele Hhner und giebt zugleich die gewnschte
Grsse derselben an; _ukur uting_ = Mass fr Schweine, bittet um viele
Schweine, ebenfalls mit Grssenangabe; _tawe_ bittet um langes Leben.

Kehren die Bahaumnner von einer langen Reise zurck, so mssen sie,
bevor sie das Haus betregen drfen, vier Tage lang in einer fr
diesen Zweck besonders hergerichteten Htte abgesondert leben. Der
Anfhrer der Gesellschaft lsst fr diese Zeit durch die _dajung_
eine _blaka ajo_ herstellen; sie besteht aus einer 2 quad. dm
grossen Rotangmatte, auf welcher mittelst eines Rotangstckes 2 
8 Bltter von _daue Jong_ befestigt werden; diese dienen zur Abwehr
bser Geister. Zwischen die Bltter wird Reis gestreut. Die _blaka
ajo_ wird spter in der Galerie (_awa_) afgehngt. Einen wichtigen
Gegenstand fr die Zeit dieser Absonderung bildet ferner ein alter
Feuermacher der Bahau, der im tglichen Leben schon lngst durch Sthl
und Feuerstein ersetzt worden ist. Zwischen den Zhnen einer Gabel
aus leichtem trockenem Holz wird ein halbiertes Stck Rotang hin-
und herbewegt. Durch die bei der Reibung entstehende Wrme werden die
abgeriebenen Holzteilchen zum Glhen gebracht und entznden die feinen
Baumbastteile, welche unter der geriebenen Stelle auf eine Matte aus
_tika_ gelegt werden. Die Gabel wird mit den Fssen festgehalten.

Mit dem bereits mehrmals erwhnten _legen_ mge die Reihe der _pemali_
abgeschlossen werden.

Das _legen_, ein aus _tika_ geflochtenes Krbchen, enthlt alle
Gegenstnde, die im Leben des Kajan eine Rolle gespielt haben und
nicht vernichtet werden drfen, weil ihre Seelen sich sonst an dem
Menschen rchen knnten.

Man findet im Krbchen folgende Gegenstnde:

1. Einen Bambusbehlter mit dem abgefallenen Nabelstrang (_obut_)
und einen zweiten mit einem _habung awut_, einem _pemali_, das
verhindern soll, dass das Kind zu viel isst und dadurch eine zu
schnelle Verdauung erhlt.

2. Ein Messerchen aus Bambus (_haling obut_) und eine hlzerne
Unterlage, die fr das Abschneiden des Nabelstranges bentzt wurden.

3. Die _tewesing_, eine Halskette der Mutter, welche aus Perlen und
2  4 Frchten zur Abwehr bser Geister besteht und an welcher die
_hina ana_, die Schlinge vom Kindertragbrett, hngt. Ferner sind an
der Halskette befestigt: das _laku krawa_, das Armband, das gegen
Krmpfe schtzen soll und das _leku pela_, das Armband, welches das
Kind zwischen der ersten und zweiten Namengebung trgt.

4. Das _tol_, ein Stckchen, mit dem das Kind zum ersten Mal fr die
Reissaat Lcher in die Erde bohrte.

5. Ein Kreisel (_asing_), mit dem das Kind zum ersten Mal beim
Saatfest spielte.

6. Die Eierschalen (_telo lali_), mit welchen das Kind gelegentlich
der ersten Namengebung bei der _mela_ gestrichen worden ist.

7. Das Rckchen (_ta-a_) und

8. Das Jckchen (_basong)_, welche bei der ersten Namengebung zum
ersten Mal angelegt wurden.

9. _hapin hawat_, ein Zeugstck, das als Unterlage in dem Tragbrett
bentzt wurde.

10. Ein Tellerchen aus Krbisschale (_uwit lali_), auf welchem
dem Kinde bei der Mahlzeit von Vater und Mutter einige Reiskrner
gegeben wurden.

11. Ein Instrument zum Durchbohren der Ohrlppen (_natap telinga)_.

12. Ein Stckchen Baumbast mit den ersten Exkrementen des Kindes.

13. Das _lawong tika akar_, das Kopfband, welches die Mutter whrend
des ersten Lebensjahres des Kindes trug.

14. Das Bambusgefss, in welchem das erste Badewasser fr das Kind
geholt wurde.

Aus allem, was im vorhergehenden ber die religisen Vorstellungen
der Bahau gesagt worden ist, ersieht der Leser, dass die Besorgnis um
die Ruhe ihrer Seelen ihr Tun und Lassen whrend ihres ganzen Lebens
beherrscht. Da die _bruwa_ durch alles, was dem Menschen selbst
fremd, unbegreiflich und gefahrvoll erscheint, erschreckt und zum
Fliehen gebracht werden kann, was Krankheit oder Tod zur Folge hat,
stsst derjenige, der mit Hilfe der Bewohner von Mittel-Borneo in
unerforschten Gegenden wissenschaftliche Untersuchungen vornehmen
will, auf bisweilen unberwindliche Hindernisse. Das Betreten eines
unbekannten Gebietes, das Besteigen eines gefrchteten Berges, die
Photographie, die anthropologischen Messungen u.s.w. erschienen meinem
Geleite als gefhrliche Experimente, die Wohlsein und Gesundheit aufs
ernsteste bedrohten.

Eine besondere Seelenunruhe veranlassten meine Nachforschungen
nach ihren berlieferungen und ihrem Gottesdienst; die Hindernisse,
die man mir auf diesen Gebieten daher in den Weg legte, waren sehr
grosse. Zum Glck liessen sich die bengstigten Seelen der Baliau meist
mit allem, was diese selbst schn fanden, wie hbsches Zeug, Perlen
und Geld, beschwichtigen. In bezug auf Mitteilsamkeit in religisen
Angelegenheiten machte sich brigens, je nach Veranlagung und Hhe der
geistigen Entwicklung bei den einzelnen Personen, Verschiedenheiten
geltend. Whrend die einen sich vllig unzugnglich zeigten, konnte
ich von den anderen doch mit Hilfe von allerhand Mitteln einiges
erfahren. Indessen wren mir die religisen Vorstellungen der Kajan am
Mendalam auch nach elfmonatlichem Aufenthalt in ihrer Mitte ein Buch
mit sieben Siegeln geblieben, wenn nicht gerade die Oberpriesterin
von Tandjong Karang, _Usun_, eine rhmliche Ausnahme gemacht und sich
in allem, was ihre heilige Wissenschaft betraf, zugnglicher gezeigt
htte. Trotz mancher unangenehmen Eigenschaften meiner alten Freundin
kann ich nicht umhin, gerade an dieser Stelle mit Dankbarkeit ihrer
zu gedenken.

_Usun_ gehrte zu den wenigen Bewohnern des langen Hauses, die
den ganzen Schatz der berlieferungen von der Geisterwelt und
der Stammesgeschichte kannten. Nach der berzeugung der Kajan
war ihr Tun und Lassen daher fr die Gesinnung der Geister,
somit fr das Wohlergehen und den Gesundheitszustand des ganzes
Stammes, massgebend. Durch aussergewhnliche Handlungen, wie es ihre
Unterhaltungen mit meiner profanen Person ber Religionsangelegenheiten
waren, schadete Usus also nicht nur sich selbst, sondern ihrer
ganzen Umgebung; begreiflicher Weise sah man unseren Verkehr daher
nur sehr ungern. _Usun_ selbst stand ihren Stammesgenossen durchaus
nicht furchtlos gegenber, auch spielte die Besorgnis um das Wohl
und Wehe ihrer eigenen Seele bei ihr eine grosse Rolle; ich musste
daher jedesmal, wenn sie mir etwas Besonderes erzhlt oder gebracht
hatte, ihre _bruwa_ mit etwas Geld, Kattun oder Perlen besnftigen,
um bsen Trumen oder gar Krankheiten zuvorzukommen. Den Geldstcken
schien dabei eine besonders beruhigende Wirkung eigen zu sein, auch
wurden sie, um in innige Berhrung mit ihrer Seele gebracht zu werden
von der Alten beim Abschied gebissen. Auch ihr Enkel, ein ungezogener
zwlfjhriger Knabe, bengstigte ihr Gemt; denn er wollte, wie die
brigen Kajan, nichts von ihrem gefhrlichen Umgang mit mir wissen.

Gegen alle diese Schwierigkeiten kmpften in _Usuns_ Seele eine sehr
entwickelte Habgier und Eitelkeit auf ihre Wissenschaft und Stellung
und, wenn ich mir schmeicheln darf, eine grosse Eingenommenheit fr
meine Person.

Unter diesen Verhltnissen entwickelte sich unser Verkehr derart,
dass _Usun_, um ihre Umgebung irre zu fhren, abends, wenn alle
Hausbewohner schliefen, zu mir schlich. Dann packte sie ihre _pemali_,
die heiligen Gertschaften, die sie fr mich verfertigt hatte, aus
und steckte die erhaltene Belohnung ein. Wenn sie sich im Dunkeln hie
und da frchtete, nahm sie den Enkel mit, der fr die ausgestandene
Seelenangst stets auch etwas bekam.

In der Stille meiner Htte, nur unterbrochen von einzelnen Lauten,
die von dem schlummernden Kajanhause herberdrangen und von dem
Gezirp der ewig munteren Grillen, vernahm ich in einem entsetzlichen
Gemengsel von Kapuas-Malaiisch und Busang die Geschichte von _Usuns_
Geisterwelt. Das energische Gesicht der alten Dajakfrau gab dem Bilde
noch ein besonderes Geprge. Wurden wir durch Neugierige gestrt, so
hatte die Alte sogleich ein harmloses Thema bei der Hand und fand sie
bei ihrem Kommen meine Htte besetzt, so schob sie das Mitgebrachte
von aussen durch die Mattenwand der Htte auf meinen Schlafplatz--die
Rechnung blieb spter nicht aus.

Tagsber liess _Usun_ ihren Gefhlen freieren Lauf, sprach fters
beim Doktor vor und liess sich zum Gaudium der ringsherum stehenden
Jugend bald hier bald da auf allerhand Leiden untersuchen.

Der pekunire Vorteil, den _Usun_ aus ihrem Handel mit ihrer
priesterlichen Wissenschaft zog, weckte den Neid und die Konkurrenz
ihrer Kolleginnen und diesem Umstande habe ich es zu verdanken, dass
mir auch von anderer Seite religise Gegenstnde geliefert wurden,
von deren Existenz ich sonst nie etwas erfahren htte.

Die Schpfungsgeschichte der Mendalam Kajan, wie ich sie aus dein
Munde der alten _Usun_ vernommen, mge dieses Kapitel abschliessen.

_Die Schpfung der Erde, Geister und Menschen_.

Eine Spinne liess sich einst vom Himmel an einem Faden herab. Diese
Spinne wob ein Netz, in welches ein Steinchen von der Grsse einer sehr
kleinen Perle fiel. Das Steinchen wurde grsser und grsser, erst wie
eine _ower ane_ (besondere Perlenart), dann wie eine _ketobong apo
parei_ (besondere Perlenart), dann wie eine kleine Muschel, wie ein
Nagel (_hulo_), wie eine aus einer Muschelschale geschnittene Scheibe
(_barang hulo_), wie ein Fussrcken, wie ein runder Teller (uwit),
wie eine Sitzmatte, wie ein Sieb, dann wie eine grosse Matte u.s.f.,
bis es den ganzen Raum unter dem Himmel einnahm.

Auf diesen Stein fiel eine Flechte (_oro napon_) vom Himmel, die
auf ihm kleben blieb; dann fiel ein Wurm (_halang_) hernieder, aus
dessen Exkrementen die ersten Erdteilchen entstanden. Auch diese Erde
nahm immer mehr zu, bis sie den ganzen Stein bedeckte. Da fiel der
grosse Baum, _kajo aja_ auch wohl _kajo nangei_ (beim Neujahrsfest
verwendet) genannt, vom Himmel; der Baum war anfangs nicht hher
als ein Messerchen (_nju_) dick ist, dann wurde er so gross, als
ein Beil (_ase_) dick ist, schliesslich erreichte er die Hhe eines
Bananenstammes u.s.f.

Darauf fiel eine Krabbe vom Himmel und begann mit ihren vielen
Gliedmassen in der Erde zu graben, wodurch Berge, Tler und Flussbetten
entstanden, unter anderen der Kajan, Pengian, Danum P (Flsse im Apu
Kajan Gebiet beim Batu Tibang) und schliesslich alle brigen Flsse
von Borneo.

Aus dem Boden wuchsen jetzt allerhand Pflanzen hervor, zuerst die
verschiedenen Bambusarten: _bulu buring; bulu pusa; bula tengun_
und _bulu tan_; dann die Bume, die das rote zhe Holz fr Schilde
liefern und die Fruchtbume. (Alle diese Baumarten werden beim
Neujahrsfest zum Bau der _dangei_-Htte verwendet). Schliesslich
erschienen die Rotangarten: _uwe nga; uwe haring; -bohong; -hawon;
-kudjo; -ngelawto; -peselilit; -selat; -seputan_ und _uwe maling_,
die alle im Haushalt ihre verschiedene Verwendung finden.

Der Rotang wand sich an dem grossen Baum _kajo aja_ hinauf und der
Wind trieb ihn derart, dass er in die vulva des Baumes gelangte,
wodurch dieser sehr gross wurde.

Zwei Geister, ein Mann, _Belare Adje Awe_, und eine Frau_, Ketot Era
Pode_, kamen jetzt vom Himmel herab und liessen sich auf dem grossen
Baum nieder; sie konnten sich aber als Geister nicht begatten. Als der
Mann einst einen Schwertgriff schnitzte und die Frau am Webstuhl sass,
fielen der Schwertgriff und das Weberschiffchen neben einander auf die
Erde und paarten sich. Aus ihrer Vereinigung ging ein menschenhnliches
Wesen, _Kelower Ga-a_ (= schiebend sich vorwrts bewegen) hervor,
dem aber Arme und Beine fehlten.

Die Paarung und ihr Resultat erschreckten die beiden Geister jedoch
derart, dass sie eiligst in den Himmel zurckflogen.

Das gliederlose Monstrum bekam zwei Kinder verschiedenen Geschlechtes:
_Huwar Ane_ und _Uti_; deren beide Kinder: _Klobe Ange_ und _Klobe_
konnten sich auch noch kaum bewegen, sie hatten aber ebenfalls
zwei Nachkommen: _Ngujer Bawe_ und _Lahnde_, die beide nur sitzen
(_ngujer_) konnten. Diese jedoch zeugten richtige Menschen: einen
Mann _Paren Keliter Pulut Luwe_ und eine Frau _Udjung Malen Leke_.

Die Tochter dieser ersten Menschen, _Lahei Lalau_, hatte so lange
Arme und Beine, dass sie den Himmel berhren konnte. Sie bekam zwei
Kinder: _Amei Awi_ und _Buring Une_, die hauptschlich die Erde und
ihre Erzeugnisse beherrschen und daher als die wichtigsten Gtter
des Ackerbaus verehrt werden. Sie besitzen 2  8 Kinder, nmlich:


			Frauen:                       Mnner:

		_Usun Keten Apui_			_Bang Alang Tui_
		_Usun Keten Apui Lawan_		_Bang Alweg Lawar_
		_Hanja Ata Tere_			_Bang A lang Nje_
		_Hanja Ata Tujan_					...
		_Husun Djulu Djele_			_Jok Une_
				...					_Hang Pidang Le_


ferner noch vier Kinder, die als die wichtigsten Mondphasen am Himmel
stehen: _Kerebso_ = aufgehender Mond; _Kelo-ong Pajang_ = Halbmond;
_Kamat_ = Vollmond und _Penjerm Dm_ = dunkler Mond.

_Amei Awi_ und _Buring Une_ liessen ihre Kinder, um darber zu
entscheiden, wer von ihnen Huptling, wer Freier und wer Sklave
werden sollte, einen Berg hinauflaufen. Die Strksten, die die Spitze
zuerst erreichten, machten sie zu Sklaven, die minder Starken, welche
sich halbwegs befanden, machten sie zu Freien und einen Mann mit
einem kranken Bein und eine schwangere Frau, die am Fuss des Berges
zurckgeblieben waren, machten sie als die Schwchsten zu Huptlingen.

Smmtliche Kinder waren jedoch mit der Entscheidung ihrer Eltern
unzufrieden und gingen daher nach den verschiedensten Orten im
Weltall auseinander, wo sie jetzt als Monde und hnliche Gebilde ein
glckliches Dasein geniessen.

Die Eltern dagegen, die einsam zurckblieben, nahmen ein weisses Tuch
und eine Matte und begaben sich zu dem grossen Baum _kajo aja. Amei
Awi_ kratzte von dein Baum eine grosse Menge Rinde ab und holte
aus dem Walde ein langes Stck Rotang. Nachdem er die beiden Enden
ber dem Boden befestigt hatte, baute er darauf ein Haus und streute
mit seiner Gattin die Baumrinde auf den Fussboden, worauf Schweine,
Hhner, Hunde und Menschen aus den Rindenteilchen entstanden. Die
Menschen blieben jedoch stumm, obgleich sie ihnen Ohrringe (_isang)_,
Ruder (_bese)_, und andere Dinge gaben. Daher begab sich _Amei Awi_
auf den Fischfang, kochte die Fische und ass einen Teil mit _Buring
Une_. Als sie darauf auch den Menschen von den Fischen zu essen gaben,
begannen diese zu sprechen.

Von diesen echten Menschen stammen die Bahau ab, die krank werden
und sterben knnen, da sie, wie auch ihre Haustiere, eigentlich aus
vergnglicher Rinde (_kul kajo_) bestehen.




KAPITEL VII.

    Auffassung der Kleidung seitens der Eingeborenen--Zweck
    der Kleidung--Einfluss der Malaien auf die
    Kleidung--Alltags-, Fest- und Kriegskostm der Mnner am
    Mendalam--Kopfbedeckungen--Schmuck--Ttowierung--Ausrecken
    der Ohrlppchen--Umformung der Zhne--Haartracht--Alltags- und
    Festkleidung der Frauen--Schmuck--Trauerkleidung--Ausrstung der
    Toten--Waffen der Kajan: Schwerter, Speere, Blasrohre--Herstellung
    der Blasrohre--Pfeile und Pfeilgifte--Schilde.


Stmme, welche stets nackt gehen, kommen auf Borneo nicht mehr vor;
dagegen findet man sehr nahe verwandte Stmme, welche, je nachdem
sie viel oder wenig mit Fremden in Berhrung gekommen sind, ber ein
zeitweiliges Nacktgehen sehr verschieden denken. Es scheint brigens,
dass die Fremden bei den ursprnglichen Bewohnern Borneos nicht nur
auf die Entwicklung der Kleidung, sondern auch auf die Auffassung
der Eingeborenen, ob und wann diese berhaupt erforderlich ist,
einen starken Einfluss gebt haben. In Sambas, im Sultanat an
der Westkste, beobachtete ich, dass bei den mehr landeinwrts und
gesondert lebenden Siding Dajak beim gemeinsamen Baden sowohl Mnner
als Frauen ihre Kleidung gnzlich ablegten, whrend ihre Verwandten,
die in malaiischer Umgebung an der Kste leben, beim Baden stets alte
Kleidungsstcke anlegten.

hnliche Unterschiede zeigen sich im Innern der Insel bei den
grossen Stammgruppen der Bahau und Kenja, von denen diese nur wenig,
jene dagegen mehr von Malaien beeinflusst werden. Obgleich nmlich
sowohl die Bahau als die Kenja stets vllig nackt baden, kleiden
sich erstere doch unmittelbar nach dem Bad gleich vollstndig an,
whrend letztere unbekleidet in ihr Haus zurckkehren und sich erst
dort anziehen. Auch um Wasser zu holen und ihre Kinder zu baden,
begeben sich die Kenjafrauen vorzugsweise nackt zum Flusse. In
Stromschnellen und Wasserfllen nehmen die Kenjamnner ihr Lendentuch
ab, die Bahaumnner dagegen tun das nie. Dass das Schamgefhl und
die Begriffe von Anstand sich bei diesen beiden Stammgruppen unter
malaiischem Einfluss verndert haben und noch verndern, ersah ich
daraus, dass sich die Kenja in Gegenwart von uns Fremden in dieser
Hinsicht bald wie die Bahau betrugen. So begaben sich die Mdchen
und Frauen der Kenja nur nachts, wenn wir schliefen, nackt aus ihrer
Wohnung zum Flusse.

Als _Demmeni_ einmal spt abends seine Platten entwickelte, bemerkte er
sechs unbekleidete junge Mdchen, die zum Flusse gingen; kaum hatten
sie aber den roten Schein der photographischen Laterne bemerkt,
als sie erschreckt und lachend ins Haus zurckeilten. Auch die
Kenjamnner schmten sich vor uns Europern, ihre Kleidung in den
Wasserfllen gnzlich abzulegen. Ihr Betragen war nur eine Folge
davon, dass unser Geleite von Malaien und Bahau den Kenja erzhlt
hatte, wir Weissen nehmen an dem nackten Erscheinen der Eingeborenen
Anstoss, was brigens gar nicht mit unserer europischen Auffassung
bereinstimmte. Man sieht hieraus, welch eine grosse Rolle angelerntes
Schamgefhl bei der Entwicklung der Kleidung spielt.

Da Stmme, die stets vllig nackt gehen, in Borneo nicht mehr
vorkommen, ist es jetzt schwer festzustellen, ob der Gebrauch einer
Krperbedeckung berhaupt fremdem Einfluss zugeschrieben werden muss.

Augenblicklich dient die Kleidung der Dajak nachweisbar folgen
den Zwecken: als Schutz gegen Sonnenwrme bei smmtlichen Stmmen,
als Schutz gegen Klte nur bei den im rauhen Gebirgsklima lebenden
Kenjastmmen, als Schutz gegen Einbrennen und Dunkelwerden der Haut,
als Schmuck und als Schreckmittel gegen Feinde. Um sich gegen die
Sonnenwrme zu schtzen, bedecken sich Mnner und Frauen bei der
Feldarbeit und bei ihren Reisen auf offenen, der Sonne ausgesetzten
Flssen auch den Oberkrper.

Die Frauen, bei denen eine helle Hautfarbe fr besonders schn
gilt, suchen mehr als die Mnner durch Kleidung ein Einbrennen
und Dunkelwerden zu verhindern; ihre flachen konischen Sonnenhte
(_haung_) sind daher viel grsser als die der Mnner. (Siehe Taf. Hte
der Bahau).

Eigentliche Kleidungsstcke werden als Schmuck nur selten, bei
festlichen Gelegenheiten, getragen. Die Kajan am Mendalam z.B. legen
ihre schnsten Kostme nur einmal im Jahr, zum Neujahrsfest, an;
dann tragen die Mnner schne Jacken und die Frauen schlingen sich
Schale um die Schultern; Lendentcher und Rckchen bestehen dann auch
aus den schnsten Stoffen.

Rechnet man zur Kleidung, wozu man nach der Auffassung der Dajak
berechtigt ist, auch Ttowierungen, Umbildungen von Zhnen und
Ohren, Hals und Armbnder u.s.w., so findet die Kleidung als Schmuck
allerdings eine viel ausgedehntere Verwendung.

Wenn die Bahau ihre Festkleider auch nur selten anlegen, verwenden
sie doch auf ihre tgliche Toilette sehr viel Sorgfalt. Besonders
ist dies bei unverheirateten jungen Mnnern und Mdchen und bei
Jungverheirateten der Fall. Sind Mnner und Frauen erst einige Jahre
verheiratet, so tritt die praktische Seite der Kleidung mehr in den
Vordergrund. Eine besondere Tracht fr Verheiratete und Unverheiratete
giebt es nicht.

Die Bahau bekleiden ihre Kinder, sobald sie gehen knnen. Die Kleinen
zeigen aber fr die Notwendigkeit und Schnheit von Kleidungsstcken
meist gar kein Verstndnis und einzelne leisten daher beim ersten
Anlegen des Lendentuchs oder Rckchens heftigen, oft Jahre dauernden
Widerstand. Die Eltern schreiben diesen Widerstand, wie alles
Aussergewhnliche, dem Einfluss bser Geister zu; daher baten mich
die Mtter fters, ihr eigensinniges Kind zu "belesen," d.h. durch
Lesen in einem Buche den bsen Geist aus ihm zu vertreiben.

Durch den stndigen Verkehr mit den Malaien, die auswrtige Stoffe,
hauptschlich billigen europischen Kattun, bei ihnen einfhren,
ist die ursprngliche Kleidung der Bahau am Mendalam viel strker
beeinflusst worden als die der Stmme am oberen Mahakam und Bulungan.

In frheren Zeiten verfertigten, wie es die Kenja und Bahau am
Mahakam jetzt noch tun, auch die Mendalam Kajan die Stoffe fr ihre
Kleidungsstcke selbst; sie webten sie aus Baumwolle oder Lianenfasern
oder stellten sie aus geklopftem Baumbast her. Die gewebten Stoffe
wurden bei Festlichkeiten oder von den Reicheren getragen, whrend
der Baumbast fr die gewhnliche Arbeitskleidung diente.

Auf die Herstellung dieser Kleidungsstcke verwandten besonders die
Frauen viel Sorgfalt und Kunstfertigkeit. Sie webten sowohl prchtige
Stoffe als auch einfachere, die dann, wie auch der Baumbast, durch
schne farbige Stickereien verziert wurden. Die Stickereien wurden in
hbschen, farbigen Mustern, hauptschlich im Kettenstich, ausgefhrt
und legen noch heute von dem Geschmack und Fleiss der damaligen
Frauen ein gutes Zeugnis ab. Den Mnnern fiel die Bearbeitung der
verschiedenen Arten von Baumbast zu, auch schnitten sie aus Zeug
Figuren aus, welche von den Frauen als Verzierung auf die Kleider
genht wurden.

Whrend die eben erwhnten Verzierungen und die schn bestickten
Baumbastkleider am oberen Mahakam jetzt noch gebruchlich sind, findet
man am Mendalam Figurenverzierungen nur noch an der Totenkleidung
und Baumbast, einfach bearbeitet, wird nur noch bei der Feldarbeit
oder als Zeichen von Trauer getragen. An Stelle des Baumbasts wird
bei der Trauerkleidung jetzt auch weisser Kattun angewandt, den man
vor dem Gebrauch in den Morast legt und dann auswscht, um ihm den
braunen Ton zu geben, der dem Baumbast gewhnlich eigen ist.

Seitdem der weniger dauerhafte aber billige Kattun am Mendalam
eingefhrt worden ist, webt man dort berhaupt nicht mehr. Merkwrdiger
Weise ist mit der Qualitt der Stoffe auch die ihrer Bearbeitung
gesunken; denn statt des frheren sorgfltigen Nhens ist jetzt nur
noch das Heften gebruchlich und das Sticken hat ganz aufgehrt.

Bei smmtlichen Stmmen von Mittel-Borneo bekleiden sich die Mnner
mit einem Lendentuch, die Frauen mit einem Rckchen. Whrend dieses
bei den verwandten Bahau- und Kenjastmmen hinsichtlich der Form vllig
bereinstimmt, trgt es bei den brigen Dajak, z.B. den Batang-Lupar,
Taman und Ot-Danum, einen ganz anderen Charakter.

Beschftigen wir uns im folgendem speziell mit der Kleidung der
Mendalam Kajan.

Das wichtigste und einfachste Kleidungsstck der Mnner bildet
das Lendentuch (_ba_). Bei schwerer Arbeit und auf Expeditionen
durch Urwald und ber Wasserflle gebraucht man ein kurzes (huch,
das nur einmal um die Hften geschlungen wird; im Hause und bei
Festlichkeiten dagegen tragen besonders die Reicheren bis zu 12
m lange Lendentcher. Ein derartiges Tuch wird stets nur einmal
zwischen den Beinen durchgezogen und der Rest dann um die Hften
geschlungen. Gegenwrtig ist weisser, roter und blauer Kattun hierfr
am beliebtesten, falls aber die Feldarbeit einen dauerhafteren Stoff
erfordert, whlt man Baumbast. Die grosse Haltbarkeit des Baumbasts
ist wohl die Ursache, dass er noch nicht gnzlich durch den beim
Tragen viel angenehmeren Kattun verdrngt worden ist.

In der Regel wird das Lendentuch nicht verziert; seine Schnheit hngt
von seiner Lnge und vom angewandten Stoff ab. Zur Alltags kleidung
der Mnner gehrt ferner eine Sitzmatte (_tabin_) in Form eines 3 
4 1/2 dm grossen Rechtecks, das oben, an einer der schmalen Seiten,
in ein 1 1/2 dm hohes Dreieck verluft. An der Dreieckspitze sind zwei
Schnre angebracht, mittelst deren die Sitzmatte ber den Hften an
den Krper gebunden wird und zwar so, dass die Matte hinten an der
Verlngerung des Rckens zu hngen kommt. Die Matte hat den Zweck,
die blosse Haut beim Sitzen auf schmutzigem oder nassem Boden vor
Verunreinigung zu schtzen; sie wird daher beinahe stndig getragen
und hufig auch auf Reisen nicht abgelegt. In der Regel werden die
Matten aus Rotang geflochten und oft mit roten oder schwarzen Figuren
oder mit Knpfen und Zeugstreifen verziert.

In neuerer Zeit tragen die Mnner an Festtagen gern eine lange, bunte,
malaiische Hose, falls sie einer solchen habhaft werden knnen.

Auf Jacken (_basong_) aus Kattun sind die Kajanmnner sehr erpicht;
ihre Frauen stellen aber fr die Feldarbeit auch sehr gute Jacken
aus Baumbast her. Um eine Trennung der Fasern zu verhindern, wird
der Bast mit festem Zwirn oder dnner Schnur durchzogen. Bisweilen
fassen die Frauen die Bastkleider mit rotem Kattun ein; die Arbeit
lsst aber an Schnheit viel zu wnschen brig. Weiter unterscheidet
sich die Festkleidung der Mnner von der Alltagskleidung hauptschlich
durch die bessere Qualitt des angewandten Materials. Hinzu kommt nur
noch ein _sarong_ aus _batik_ [5] oder ein anderes schnes Stck Zeug,
das quer ber der linken Schulter getragen wird. Am Mahakam gebrauchen
die jungen Leute diesen Schal, falls sie nicht arbeiten, tglich.

Zum Kriegskostm der Mnner gehrt hauptschlich eine dicke rmellose
Jacke (_basong kapai_), die aus zwei mit Kapok gefllten Lagen Kattun
besteht, welche in rechtwinklig sich schneidenden Linien durchsteppt
ist; sie schtzt den Oberkrper vor Speerstichen und Schwerthieben.

Als eine Ergnzung dieses rmellosen Waffenrockes mssen wahrscheinlich
zwei rmel betrachtet werden, die nur durch den obersten, nicht mehr
als 2 dm betragenden Teil eines Jckchens mit einander verbunden
sind. Dieses eigenartige Kleidungsstck ist aus gewhnlichem Stoff
verfertigt und dient als Armbedeckung.

Die Kajan und alle brigen Stmme auf Borneo tragen ber den
eben erwhnten Kleidungsstcken einen Kriegsmantel (_sunung_) aus
Tierfellen. Ein Pantherfell (_sunung kule_) gilt als das schnste;
aber wegen seiner Kostbarkeit und Seltenheit begngt man sich auch
mit einem langhaarigen Ziegenfell (_sunung kading)_. In frheren
Zeiten scheinen mit Tierfiguren bestickte Baumbastmntel in Form
einer Tierhaut gebruchlich gewesen zu sein, wenigstens wurde mir
ein solcher, mit einer Reihe von 8 Schwanzfedern des Nashornvogels
verziert, zum Kauf angeboten. Man nannte ihn _sunung kapuwa_.

Ein Kopftuch (_lawong_) wird von den gewhnlichen Mnnern nur
gelegentlich, von den Huptlingen jedoch, um ihre Wrde anzuzeigen,
tglich getragen. Der Kajan schlingt das Tuch in Form eines Wulstes um
den Kopf und zieht seine fr gewhnlich offen hngenden Haare derart
hindurch, dass sie unter dem Wulst eine auf die Schultern herabhngende
Schlinge bilden und ber demselben mit ihren Enden aufliegen. Ausser
Baumbast wird besonders bunter Kattun und europischer _batik_ fr
Kopftcher gebraucht.

Hte (_haung_) bentzen die Mnner nur gegen Sonnenbrand und heftigen
Regen; sie werden aus Pandanusblttern verfertigt und haben die gleiche
Form wie die der Frauen, ihr Durchmesser betrgt aber selten mehr als
50 cm (Fig. 5 u. 6 auf Tafel: Hte der Bahau). Die Frauen, welche die
Hte herstellen, legen bisweilen viel Formen- und Farbensinn an den
Tag, indem sie bei besonders schnen Exemplaren in der Mitte einen
Beleg, bestehend aus einer Stickerei oder Perlenarbeit, anbringen und
das Feld mit hbschen Figuren aus schwarzem Kattun verzieren. Derartige
Hte drfen indessen nur von hochgestellten Personen getragen und Toten
ins Jenseits mitgegeben werden (Fig. 6). Auch ist nur alten Mnnern
gestattet, die Schwanzfedern des Nashornvogels (_Buceros rhinoceros_)
auf ihre Hte zu heften; hufig werden diese Federn an Perlenschnren
befestigt (Fig. 5).

Eine weitere Kopfbedeckung der Mnner bildet die Kriegsmtze. Sie
wird in Form eines runden Krbchens aus festem Rotang geflochten und
von den Frauen mit besonderer Sorgfalt verziert. Mitten auf dem Boden
werden Perlenstickereien und am Rande eigenartige Verzierungen--vorn
meist glnzende Metallplatten oder Tiermasken--angebracht. Oben auf
die Mtze werden lange Federn gesteckt; die beliebtesten sind die des
Nashornvogels, des Argusfasans (_Argusianus Grayi_) und des Hahns. Fr
die Mtzen gilt, wie fr die Hte, dass die mit breiten schwarzen
Streifen gezeichneten weissen Schwanzfedern des Nashornvogels nur von
angesehenen Personen oder bewhrten Kriegern getragen werden drfen
und dass nur wenigen Auserwhlten gestattet ist, deren acht in der
Mitte der Mtze von vorn nach hinten anzubringen.

Zu den wichtigsten Schmucksachen der Mnner gehren: Bein-
(am Mah. _sekhad_) und Armringe (_leku_), Halsketten (_tewesing,
tewe-ang_) und Ohrringe (_isang)_.

Die Armringe werden oberhalb der Ellenbogen, die Beinringe unterhalb
der Knie getragen und von den Punan oder auch den Kajan selbst
aus Rotang oder _kebalan_, dem dunkelbraunen oder schwarzen,
sehr biegsamen Kernholz einer farnartigen Gebirgsliane, sehr fein
geflochten. Bisweilen wird die Farbenwirkung dieser Ringe, die, je nach
dem Material, aus dem sie bestehen, _leku kebalan_ oder _leku uwe_
(Rotang) genannt werden, durch Einflechten goldgelber Pflanzenfasern
erhht. Hufig trgt eine Person bis zu 200 solcher Ringe gleichzeitig.

Diejenigen jungen Leute, welche mit den Batang-Lupar im Serawakschen
Gebiet zusammengekommen sind, bringen von diesen Holz- oder
Elfenbeinringe mit, die sie dann selbst mit schnen Schnitzereien
verzieren.

Auch die jungen Mdchen stellen fr die Jnglinge Armverzierungen her
und zwar aus Glasperlen, welche sie mit viel Geschmack zu zierlichen,
farbenprchtigen Mustern in Form schmaler Bnder aneinanderreihen
(Fig. 1 auf Tafel: Schmucksachen der Bahau).

Die Halsketten der Mnner bestehen alle aus neuen oder alten und dann
bisweilen sehr wertvollen Glasperlen.

Die schmalen, fest am Halse anliegenden Ketten (_tewesing_, Fig. 6)
sind in der Regel aus bunten kleinen Perlen zusammengesetzt und enden
vorn in einer Rosette.

Die frei auf die Brust herabhngenden Ketten (_teweang_, Fig. 11 u. 8)
dagegen bestehen aus mehreren Reihen grsserer--bis erbsengrosser
Perlen. Bei der Zusammenstellung dieser Perlen wird auf eine gewisse
Regelmssigkeit geachtet; sind es jedoch alte Perlen, welche selten
in gengender Anzahl und gleicher Form vorhanden sind, so kann eine
bestimmte Regel nicht eingehalten werden. Aus gleichartigen alten
Perlen bestehende Ketten haben daher einen hohen Wert. Die Kapuasstmme
unternehmen monatelange Reisen zum Mahakam, um diese Perlen, die dort
noch in grsserer Anzahl vorhanden sind, zu kaufen.

Ausser der Ttowierung fllt bei den Mnnern am meisten die Umformung,
welche die Ohren erlitten haben, auf; im Ausrecken der Ohrlppchen
wetteifern sie nmlich mit den Frauen.

Mit der Durchbohrung der Ohrlppchen wird daher, wie im Kapitel
IV berichtet worden ist, schon gleich nach der Geburt des Kindes
begonnen. Die Zinnringe (_isang temha)_, welche das Kind anfangs
ausschliesslich trgt, werden spter hufig durch dicke Kupferringe
(_hisang tembaga_) ersetzt, deren Zahl so weit vermehrt wird, als,
ohne Schmerzen und Entzndung zu verursachen, mglich ist. Um die
Dehnbarkeit der Ohren zu erhhen, wird bei Kindern ausserdem fters
innen an der Oberseite der ffnung ein Einschnitt gemacht.

Die Eltern achten sorfltig darauf, dass bei diesen Operationen keine
Entzndungen entstehen, da die dnnen Ohrlppchen sonst Gefahr laufen,
durchgescheuert zu werden, was bei sehr kleinen Kindern bisweilen
auch vorkommt. Die Ringe erreichen oft ein so hohes Gewicht,
dass die Kleinen sie bei jeder lebhaften Bewegung mit der Hand
sttzen mssen. Durchgerissene Ohrlppchen werden als ernsthafter
Schnheitsfehler aufgefasst. Obwohl die Kajan es in der Chirurgie nicht
weit gebracht haben, verstehen es einige ihrer Mnner doch, die beiden
zerrissenen Enden wieder aneinanderwachsen zu lassen; sie erzeugen mit
ihrem gewhnlichen Messer an jedem der Enden eine wunde Oberflche,
legen sie bereinander, wickeln einen weichen Blattstreifen herum
und befestigen das Ganze mit einem Faden. Ich sah verschiedene auf
diese Weise geheilte Ohren, die vom aesthetischen Standpunkt zwar
viel zu wnschen brig liessen, deren 6-8 mm bereinander gelegte
Enden jedoch wieder kleine Ringe zu tragen vermochten.

Wenn die Ohrlppchen durch Verwundung oder Hautkrankheit fters
entzndet werden, entstehen Verdickungen des Bindegewebes (Keloide),
welche die Schnheit sehr beeintrchtigen. Ein brigens hbsches
Mdchen sah ich einst ihre derart verunzierten Ohren ngstlich
verbergen.

Whrend die Frauen sich mit diesen Umformungen begngen, lassen sich
die Mnner in spterem Alter ausserdem noch oben in der Ohrmuschel eine
ffnung von der Grsse eines Pfennigstckes und hufig auch noch eine
zweite ber dem Hinterende des ausgereckten Ohrlppchens, anbringen. In
diesen ffnungen drfen alte, tapfere Mnner die Eckzhne (_ipen_)
des seltenen borneoschen Panthers (_kule_) tragen; hufig begngt man
sich auch mit geschliffenen oder ungeschliffenen Brenzhnen. Diese
Zhne werden oft, wahrscheinlich um ein Verlieren zu verhindern,
mit einer um Hinterhaupt und Hals geschlungenen Perlenschnur verbunden.

In den grossen Ohrlchern tragen die Mendalam Kajan gewhnlich Ringe
(_isang_) aus eingefhrtem Zinn oder Kupfer (Fig. 2); in letzter
Zeit schincken sie sich auch, nach der Sitte der Mahakamstmme,
mit einer grossen Anzahl dnner silberner Ringe.

Statt dieser Ringe werden bei festlichen Gelegenheiten auch noch
hlzerne oder metallene Ohranhngsel angebracht; sie sind birnfrmig
und greifen mit einem grossen Haken um das Ohrlppchen herum
(Fig. 3). Whrend die Ringe beinahe ausnahmslos unverziert sind,
werden diese eigentlichen Ohrgehnge, sowohl was ihre Form als was
ihre Bearbeitung betrifft, mit viel Sorgfalt und Kunstsinn hergestellt.

Weniger auffallend als die Umformung der Ohren ist die der
Zhne. Die Schneidezhne werden am Ober- und Unterkiefer von vorn
hohl ausgeschliffen; einige lassen sich auch nach Sitte der Punan
goldene Stifte durch einen oder mehrere Zhne treiben.

ber den menschlichen Haarwuchs haben sowohl Bahau als Kenja sehr
eigenartige Anschauungen, die sich zum Teil aus der Tatsache erklren
lassen, dass sie selbst gewhnlich sehr schwach behaart sind. Es flsst
ihnen nmlich, da sie selbst an den Anblick stark behaarter Wesen
nicht gewhnt sind, eine Person mit starkem Voll- oder Knebelbart
fast Abscheu und Schreck ein. Aus Rcksicht fr unsere Gastherren
rasierten wir Europer und einer der Javaner uns daher, so lange der
Besitz von Seife es gestattete, regelmssig.

Da die Kajan nur das Haupthaar schn finden, herrscht bei ihnen die
Sitte, dass sich sowohl Mnner als Frauen alle Haare im Gesicht, in den
Achselhhlen und an der pubis ausziehen. Die jungen Frauen der Mahakam-
und Kenjastmme halten sich besonders streng an diese Vorschrift; die
am Mendalam lassen einen schmalen Streifen an den Augenbrauen stehen.

Alte Mnner lassen sich bisweilen, um auf ihre Umgebung Eindruck zu
machen, ihren Bart nach Belieben wachsen; junge Leute dagegen sorgen
dafr, dass von ihren Barthaaren mglichst wenig sichtbar wird.

Die Mnner rasieren sich ohne Seife mit dem gewhnlichen Messer
(_nju_); die Achsel- und Pubishaare entfernen sie weniger sorgfltig
als die Frauen.

Zum Ausziehen der Wimpern dienen kleine, kupferne oder silberne Zangen
(_tsp_), die stets zu einer vollstndigen Toilettenausstattung von
Mann oder Frau gehren.

In vorgercktem Alter oder whrend der strengen Arbeitszeit verfhrt
man hufig weniger sorgfltig mit der Entfernung der Haare. Das
Haupthaar, das Mnner und Frauen sich lang wachsen lassen, wird
schlicht zurckgestrichen; zum Kmmen dient ein geschnitzter
Bambuskamm.

Bei Frauen gilt langes Haar fr sehr schn und, wenn sie sich etwas
Kokosnussl--am Mendalam eine grosse Seltenheit--verschaffen knnen,
versumen sie nie, ihre Frisur damit einzureiben. Ebenso nehmen
sie, sobald sie eines Stckchens Seife habhaft werden, sogleich
eine Extrareinigung des Haares vor; gewhnlich gebrauchen sie dafr
Citronensaft. Die Mnner lassen das Haar am Hinterhaupt lang wachsen;
vorn schneiden sie es gerade und kurz ab und kmmen es glatt auf die
Stirn, whrend sie an den Schlfenstellen ber den Ohren einen 5 cm
hohen Streifen rasieren.

Betrachten wir jetzt die Kleidung der Frauen.

Das wichtigste Kleidungsstck der Frauen besteht aus einem rechteckigen
Stck Zeug, an dessen oberen Ecken Bnder befestigt sind. Dieses
Tuch (_ta-a_) wird in der Beckengegend um den Krper geschlungen und
derart festgebunden, dass es unterhalb der Darmbeinkmme zu liegen
kommt. Bei den Frauen am Mendalam schlagen die seitlichen Kanten der
_ta-a_ rechts am Krper, bei denen am Mahakam dagegen hinten ber
einander. Dieses Rckchen reicht bei den Kajanfrauen bis zu den Fssen
herab, bei den Frauen der anderen Kapuasstmme bedeckt das Rckchen,
das sie geschlossen tragen, kaum noch die Kniee. Beim Laufen oder
wenn sie am Boden hocken, kommen die Beine der Frauen und zugleich
die schnen Ttowierungen ihrer Schenkel zum Vorschein.

Die _ta-a_ ist, je nach dem Vermgen ihrer Besitzerin und nach
der Gelegenheit, bei welcher sie gebraucht wird, mehr oder minder
hbsch-. sie besteht jedoch immer aus einem Mittelfeld mit 4 ungefhr
1 dm breiten Rndern.

Fr Festrckchen whlt man als Mittelstck einfarbigen Kattun oder
Seide und fr die Rnder meist roter. Flanell oder, falls diese zu
kostbar ist, roten oder geblmten Kattun.

Der obere Rand des Rckchens (_kohong ta-a_) ist meist etwas breiter
als die brigen und wird in Fllen besonderer Eleganz durch eine
Silberborte von dem Mittelstck abgegrenzt.

Einfache Jacken (_basong_) aus Baumbast oder Kattun werden von den
Frauen als Schutz gegen Sonnenbrand bei der Feldarbeit oder auch sonst
getragen. Es giebt Jacken mit und auch ohne rmel; diese enden hinten
in einem ungefhr 1 dm langen Zipfel. Besonders hbsche Jacken werden
in den Neujahrstagen getragen; bei huslichen Festen dagegen werden
sie selten angezogen.

Statt der Jacken werden an Festtagen auch Schale gebraucht. Die,
Frauen, die keine Priesterinnen sind, bedecken sich dann den Oberkrper
derart mit einem langen Stck Zeug von ungefhr 1/2 m Breite, dass
die beiden Enden vorn und hinten bis zur Mitte der Schenkel gerade
herunterhngen und der mittlere Teil rechts unter der Achsel liegt,
whrend zwei Falten der linken Tuchhlfte oberhalb der linken Schulter
aneinander genht werden. In Tandjong Karang waren hauptschlich
Schale aus rotbrauner, golddurchwirkter Seide beliebt.

hnliche Schale tragen auch die Priesterinnen, wenn sie an Festtagen
ihres Amtes walten; sie schlingen sie jedoch nur einmal um den Krper
und zwar so, dass die Mitte des Tuches ber der Brust zu liegen
kommt und die unter den Armen hindurchgezogenen Enden auf dem Rcken
festgebunden werden. Nur die Oberpriesterin _Usun_ bedeckte sich den
Oberkrper nicht.

Frauen, welche die Wrde einer Priesterin noch nicht vllig erreicht
haben, unterscheiden sich von diesen durch die weissen Felder ihrer
_ta-a_.

Alle Frauen der Bahau tragen, sobald ihre Schwangerschaft usserlich
sichtbar wird, ein Tuch (_djad butit_), das sie auf gleiche Weise wie
die Priesterinnen um Brust und Leib schlingen. Durch straffes Anziehen
dieses Tuches erhlt der Leib, besonders in den letzten Monaten, eine
gute Sttze. Nach der Entbindung wird das _djad butit_ bald abgelegt
und durch ein schmleres Tuch (_djad usok_) ersetzt, welches nur die
Brste bedeckt und noch whrend mehrerer Monate getragen wird.

Die Frauen schmcken sich mit den gleichen Ohrgehngen wie die Mnner,
nur lassen sie sich in der eigentlichen Ohrmuschel keine Lcher bohren.

In noch hherem Masse als die Mnner, lieben sich die Frauen mit
Perlenschnren, Armbndern und Fingerringen zu zieren. Sie sind es
auch, die fr den Wert alter Perlen am meisten Verstndnis haben,
die jede Art beim Namen kennen; fr den Besitz mancher dieser Perlen
sind sie im stande, sehr viel aufzuopfern. Die neuen Glasperlen,
Nachahmungen der alten Formen, werden in Europa verfertigt und ber
Singapore eingefhrt.

Sogar ber dem Alltagsrckchen trgt die Kajanfrau einen Grtel,
(_taksa_), bestehend aus einer doppelten Reihe oft sehr kostbarer
alter Perlen (Fig. 12 u. 13) und dazu zahlreiche Halsketten aus
kleineren Perlen (Fig. 11 u. 8).

Zu den Kostbarkeiten der Frau gehrt auch ein Satz elfenbeinerner
Armbnder (_leku tulang_). Es sind 16-60 glatte Elfenbeinringe, die,
in der Grsse aufeinanderfolgend, zusammen einen stumpfen Kegel bilden,
der den Unterarm vom Puls bis 1 dm unterhalb des Ellen bogens bedeckt.

Sowohl diese Armbnder als auch die beliebtesten Seidenstoffe werden
in China verfertigt und von dort bezogen, vielleicht im Zusammenhang
mit den frheren chinesischen Niederlassungen an Borneos Nordkste.

Fingerringe. werden von den Kajan nie selbst hergestellt; besonders
beliebt sind die europischen Ringe aus unechtem Golde mit glnzenden
bunten Steinen; sie haben die von den Taman Dajak stammenden kupfernen
Ringe fast gnzlich verdrngt.

Sobald in einer Kajanfamilie ein Trauerfall stattfindet, mssen alle
Schmuckgegenstnde abgelegt werden; auch bunte Kleidungsstcke drfen
dann nicht mehr getragen werden. Die veraltete Baumbastkleidung
(_kapua_) wird wieder hervorgeholt und, falls man diese nicht mehr
besitzt, muss alles aus- weissem Kattun hergestellt werden.

Nach Ablauf der Trauerzeit (_bet lali_) steht es jedem frei, seine
frhere Kleidung wieder anzulegen; es kommt jedoch hufig vor,
dass die nchsten Angehrigen durch das Tragen dieser Trauerkleidung
ihrem Schmerz ber den erlittenen Verlust noch Monate und Jahre lang
Ausdruck geben. Wittwen zeigen dadurch an; dass sie sich nicht wieder
verheiraten wollen.

Zu der eigentlichen Trauerkleidung der Frauen gehrt eine besondere
Baumbastmtze, bestehend aus einem langen breiten Streifen, der wie
ein Tuch von hinten nach vorn um das Haupt geschlungen wird, wo die
Enden ber einander geschlagen und dann frei von vorn ber den Kopf
nach hinten bis zum halben Rcken herab hngen gelassen werden;
Mnner tragen nichts dergleichen.

Als Zeichen der Trauer das Haupthaar abzuschneiden, scheint bei
den Mendalam Kajan nicht blich zu sein; ich weiss auch nicht, ob
die Sklaven nach dem Tode des Huptlings hierzu verpflichtet sind,
wie dies am Mahakam der Fall ist.

Die Liebe zu ihren Verstorbenen ussern die Kajan dadurch, dass sie
diese fr die Reise in den Himmel und. den dortigen Aufenthalt so gut
als mglich auszursten suchen. In erster Linie handelt es sich hierbei
um eine Aussteuer von schnen Kleidungsstcken. Interessanter Weise
giebt man sich alle Mhe, diese Kleider nach der Mode der Vorfahren
zu verzieren, eine Mode, die sich bis heute noch bei den Stmmen am
oberen Mahakam erhalten hat (Tafel: Totenausrstung).

Das Charakteristische dieser Totenkleidung besteht in einer Applikation
von Figuren, die aus schwarzem Kattun geschnitten sind, auf weiss
kattunenen Rcken und Jacken. Von der schwarzen Farbe glauben die
Kajan, dass sie auf die bsen Geister, die die Seele des Verstorbenen
unterwegs bedrohen knnten, schreckenerregend wirkt. Die Figuren
werden von den Mnnern entworfen und ausgeschnitten und von den
Frauen auf die von ihnen verfertigten Kleider geheftet. Gleichfalls
von Mnnern entworfen und von den Frauen angebracht werden auch die
mit schwarzer Farbe auf Pandanusbltter gemalten oder aus schwarzem
Kattun geschnittenen Figuren fr die Hte und Tragkrbe der Toten. Den
Verzierungen der Totenkleidung liegen bei den Kajan als beliebte
Kunstmotive der Hund (_aso_, Fig. 3 b), der Mensch (_kelunan_, Fig. 3
a) und Stilisierungen beider zu Grunde. Beim Hunde tritt dabei der
Kopf stets am deutlichsten hervor; die brigen Krperteile verlaufen
in so zierlich gebogenen Linien, dass man deren Bedeutung im ersten
Augenblick meist nicht erkennen kann.

Die Hte der Toten (Fig. 6 auf Tafel: Hte der Bahau) werden viel
schner verziert als die der Lebenden; so drfen, wie bereits gesagt,
mit schwarzen Figuren belegte Kopfbedeckungen bei Lebzeiten nur
Abkmmlinge der vornehmsten Huptlingsgeschlechter tragen, nach dem
Tode jedoch werden sie neben dem Grabe viel niedrigerer Personen
niedergelegt.

Der Leiche selbst wird im Sarge eine eigenartige Mtze aus Baumbast,
die nicht mit Zwirn, sondern mit den frher gebruchlichen umgedrehten
Pflanzenfasern genht werden muss, aufgesetzt. Die Form dieser Mtze
ist fr Mnner und Frauen verschieden; jenen ist eine Zipfelmtze,
diesen eine anschliessende, nach hinten etwas verlngerte Mtze
vorgeschrieben.

Einen wichtigen Gegenstand der Totenausrstung bildet ein Tragkorb
(_adjat_, Fig. 1), in dem sich ausser Armbndern (Fig. 1 d) und
einem Palmblattsack (_samit_, Fig. 1 e) mit Handarbeiten auch
noch Gegenstnde befinden, die zur berwindung aller Gefahren auf
dem Wege zum _Apu Kesio_ dienen. Der Korb enthlt eine _kawit_
(Fig. 1 c) und zwei kleine Bambusgefsse (Fig. 1 b) mit Speise fr
die guten Geister, fr die auch das Barnbusgefss (Fig. 1 g) mit
Zuckerrohrsaft, das am Tragkorb hngt, bestimmt ist. Drei Sckchen
(Fig. 1 h) enthalten eigentmlich geformte Steinchen, die zur Abwehr
bser Geister dienen. Zum gleichen Zweck werden auch Tierzhne am
Tragkorbe befestigt. Um auf wilden Flssen das Wasser aus dem Boot
schpfen zu knnen, wird dem Toten eine halbe Kalabasse (Fig. 1 a)
mitgegeben. Schliesslich hngt am Tragkorbe noch eine Leiter (Fig. 1
f), um ber Felsen und Abgrnde klimmen zu knnen (Siehe pag. 104).

Den Toten werden auch die schnsten und kostbarsten Armbnder,
Halsketten und Ringe fr den Aufenthalt im Jenseits in den Sarg
gelegt. Daher bt das Grab eines Vornehmen eine so grosse Anziehung
auf die raubgierigen Malaien, dass selbst die am Kapuas errichteten
Prunkgrber aus Eisenholz nicht fest genug sind, um ihren kostbaren
Inhalt vor diesem Gesindel zu schtzen. So wurde das Grab von _Akam
Igaus_ erster Frau bereits kurz nach deren Begrbnis von Malaien
erbrochen und geplndert. Auch in Serawak ist Grabschnderei nichts
Unbekanntes.

Die Hauptwaffen der Kajan sind Schwert (_malat_) und Speer (_bakir_);
das Blasrohr (_seput_) spielt als Waffe nur eine nebenschliche
Rolle; nur wenige verstehen berhaupt mit ihm umzugehen und kein
eigentlicher Kajan ist im stande, das Pfeilgift zu sammeln und zu
bereiten. Hauptschlich sind es Abkmmlinge der Punan unter ihnen,
die sich mit Vorliebe des Blasrohrs, der ursprnglichen Waffe der
Nomadenstmme, bedienen. Das Schwert dagegen ist fr den Kajan nicht
nur im Kriege. die wichtigste Waffe, sondern auch im tglichen Leben
der wichtigste Gebrauchsgegenstand und wetteifert hierin nur mit dem
kleinen Messer (_nju_, Fig. h, Taf.: Schwerter der Mendalam Kajan),
das an der Innenseite der Schwertscheide in einem besonderen Behlter
stets mitgetragen wird. Alle Arbeit, die mit Messer oder Beil nicht
ausgefhrt werden kann, verrichtet der Kajan mit seinem Schwert, das
ihn daher nie verlsst. Bei der Feldarbeit verwendet er zum Abhacken
von Zweigen und Gestrpp allerdings ein fr diesen Zweck hergestelltes
einfaches Schwert; befindet er sich aber auf weiten Reisen, so bentzt
er sein Kriegsschwert sowohl gegen den andringenden Feind als auch zum
Behauen von Brettern und zum Hacken von Brennholz. Kein Kajan nimmt
auf Expeditionen zweierlei Schwerter mit, aber jeder sorgt dafr,
dass sein Exemplar alle Zwecke erfllen kann. Daher werden sowohl
am Kapuas als am Mahakam fr ernsthafte Kriegszge meist einfache,
aber gut gearbeitete Klingen vorgezogen, whrend die schnen, mit
eingelegtem Kupfer und Silber verzierten Exemplare nur als sehr
geschtzte Prunkgegenstnde dienen. Nur ein kriegerischer Huptling,
wie der Pnihinghuptling _Belar_, nahm auch auf Expeditionen schn
gearbeitete Kriegsschwerter mit, aber gelegentlich wird er mit ihnen
wohl auch Bumchen gefllt haben.

Ebenso unzertrennlich wie von seinem Schwerte ist der Kajan von
seinem Speer; in den Wohnungen findet man selbst ganze Reihen von
Speeren aufgestellt.

In frherer Zeit wurden die Speerspitzen (_tite bakir_) sehr sorgfltig
bearbeitet, gegenwrtig aber begngt man sich mit sehr schlichten
Speeren und auf gute Herstellung der Schfte wird in der Regel gar
nicht geachtet. Einen mit Schnitzwerk verzierten Speerschaft sah ich
niemals bei den Bahau, hchstens hatte man ihn rund und glatt poliert.

Die Spitzen der Speere, die tglich aufs Feld mitgenommen werden,
gleichen einem lnglichen, scharf zugespitzten, zweischneidigen,
eisernen Blatte; dagegen haben die wirklichen Kriegsspeere die Form
eines ausgehhlten Meissels; sie sind besonders zum Durchbohren der
Schilde sehr geeignet, werden aber nie auf die Jagd mitgenommen.

Zum Werfen dient ein kurzer Speer mit kurzer Spitze.

Das Schwert wird, nach der grsseren Sorgfalt, die auf seine
Herstellung verwandt wird, zu urteilen, dem Speere bei weitem
vorgezogen.

Beim Verzieren der Schwerter nebst Zubehr entwickeln die Kajan viel
Geschmack und Kunstfertigkeit; die Mnner beim Schnitzen der Griffe
(_haupt_, Fig. b) und Scheiden (_bukar_, Fig. c), die Frauen beim
Verfertigen von Grtelquasten (Fig. d) und Belegen (_tap_) aus Wolle
oder Perlen. (Siehe Tafel: Schwerter der Mendalam Kajan. u.s.w.).

Die Bestandteile eines Kajanschwertes sind gengend bekannt,
weniger ist dies vielleicht mit den Anhngseln der Fall, welche ein
gut ausgersteter Krieger stets am Schwertgrtel hngen hat. Die
wichtigsten sind zwei Bambusdschen mit Feuerstein (_batu tekik_) und
Rauchmaterial: Tabak und Bananenblttern; ferner einige Flschchen mit
Arzneien, meist malaiischen Ursprungs, und endlich allerhand Amulette
zur Abwehr bser Geister: Flusssteinchen von besonders aufflliger
Form, z.B. lnglich und stark gebogen oder mit einem auf natrliche
Weise entstandenen Loch in der Mitte; Eckzhne von Hunden und Bren,
die an alten Perlenschnren in einem Bndel beieinander hngen;
auch Glckchen (_anhing)_, besonders solche aus altem Eisen, ben
eine schutz bringende Wirkung. Unter all diesen Merkwrdigkeiten
fiel mir noch etwas Besonderes auf: ein sogenanntes Hahnenei, ein
kleines Exemplar des letzten unfruchtbaren Eies einer Henne. Kein
Najan beginnt einen Kriegszug ohne ein solches Ei, das bisweilen
Jahrzehnte alt ist und in ein Tchlein eingewickelt in einem besonderen
Bambusdschen (Fig. e) mitgenommen wird. Sonderbarer Weise glauben
auch die Bahau, dass ein derartiges Ei von einem Hahn gelegt wird;
am Mahakam verteidigte ein Kajanjngling mir gegenber mit grossem
Ernst diese berzeugung.

Alle diese Anhngsel sind an der rechten Seite, wo der Grtel (Fig. f )
mit einer scheibenfrmigen Schnalle (_hulo bukar_, Fig. g) geschlossen
wird, befestigt. Das Schwert hngt fr gewhnlich an der linken Seite,
ist sein Trger jedoch linkhndig, was ziemlich hufig vorkommt,
so hngt es rechts und auch die Klinge (_tite_, Fig. a) ist dann
rechts und nicht, wie sonst, links ausgeschweift geschmiedet. Auch
gewhnliche Arbeitsschwerter werden fr Linkhndige angefertigt.

Hauptschlich der eigentmlichen Art ihrer Herstellung wegen von
Interesse sind die Blasrohre (_seput_): 2 m lange hlzerne Rohre
mit gleichmssig weitem Kanal; ist dieser bisweilen nach einer Seite
etwas gekrmmt, so wird die Unregelmssigkeit durch Beschweren mit
einer Speerspitze (_tite seput_) ausgeglichen. Oft sind die Rohre
auch tadellos gerade; unregelmssig gekrmmte sah ich nie.

Die meisten Stmme von Mittel-Borneo verfertigen die Blasrohre
selbst aus einem harten Stck Holz, das sie zuerst mit einem 2 m
langen Eisen bearbeiten, dessen eines, meisselfrmiges Ende schart
geschliffen ist. Das Holzstck wird zu diesem Zweck in horizontaler
Lage gut befestigt und das Eisen, das stets dnner sein muss als der
gewnschte Kanal, wird in dessen Richtung gelegt und durch etliche
gekreuzte Bambusstcke gegen den Block gesttzt. Durch fortwhrendes
Stossen mit diesem Meissel wird langsam ein Weg durch den Block
gebohrt. Bei ununterbrochener Arbeit kann ein Mann einen solchen Kanal
innerhalb eines Tages herstellen, bevor das Blasrohr aber fertig
ist, hat es noch manche Prozedur zu erleiden. Zuerst schneidet man
das berschssige Holz an der Aussenseite fort und giebt dann der
Wand eine gleichmssige Dicke. Das Gltten des Kanals wird durch
Schaben bewirkt. Man bentzt hierzu ein Reibeisen (_tossok seput_,
Fig. a, Taf.: Pfeilkcher), bestehend aus einem doppelt gefalteten
Eisenstab, in den man mit einem Schwert oder Meissel Einschnitte
gehackt hat. Mittelst eines langen, dnnen Stieles aus festem Holz
oder Rotang wird dieses Reibeisen so lange im Kanal herumgedreht und
hin- und hergezogen, bis keine Splitter mehr zum Vorschein kommen.

Zur feineren Bearbeitung verwendet man die harten, scharfen Rnder
zweier ungefhr 2 dm langer Bambusstcke, die, an den gleichen
Stab zusammengebunden, gerade in die ffnung passen; durch Hin-
und Herdrehen dieser Stbe erhlt der Kanal beinahe die gewnschte
Gltte. Den letzten Schliff giebt man ihm durch an einen Stab gebundene
Bltter, die unter der Epidermis soviel Kieselsurekristalle angehuft
enthalten, dass sie sich wie feines Reibpapier anfhlen. Auf hnliche
Weise wird die Aussenflche des Blasrohrs behandelt: wenn das Messer
nichts mehr verbessern kann, kommt eine Art _Bambusreibe (kasa
seput_, Fig. b) an die Reihe, bestehend aus dnnen Bambussphnen,
die an 2 Schnren so nah aneinander gereiht sind, dass sie in gleichen
Entfernungen den scharfen, kieselhaltigen Rand nach innen kehren. Diese
scharfen Rnder umschliessen das Blasrohr und scheuern, wenn man sie
einen Tag lang um die Oberflche bewegt, alle Unebenheiten ab. Zum
Schluss poliert man die Aussenseite mit den gleichen Blttern wie
die Innenseite.

Der Kanal hat bei allen Blasrohren ungefhr den gleichen Durchmesser,
nur seine Lnge variiert innerhalb bestimmter Grenzen. Gute Exemplare
besitzen ein Mundstck aus Horn, Zinn oder Kupfer und ein aufrechtes
Eisenstbchen am andern Ende dient dazu, dem Schtzen das Zielen
zu erleichtern.

Die Pfeile (Fig. c und d), welche mit dem Blasrohr abgeschossen
werden, besitzen, je nach dem Zweck, fr den sie bestimmt sind,
eine verschiedene Form und sind ausnahmslos vergiftet. Ihr Schaft
wird aus Palmblattstielen, in der Regel aus denen der Sagopalme
(Eugeisonia tristis), verfertigt.

Die Pfeile tragen, damit sie im Kanal dicht anschliessen, an ihrem
Ende ein kegelfrmiges, sehr leichtes Holzstckchen. Ihre Spitze wird,
zum Tten kleiner Tiere, durch Einschrumpfenlassen am Feuer gehrtet
und dann mit einer Lage schwarzen Giftes bestrichen (Fig. c.) Sollen
mit den Pfeilen Menschen, Hirsche oder Wildschweine gettet werden,
so fgt man in einen Einschnitt der Schaftspitze eine feine, dnne
Spitze aus Bambus oder am liebsten aus Blech und bestreicht diese mit
einer dickeren Lage Gift, die sie zugleich auch im Schaft befestigt,
jedoch nur so weit, dass sie, wenn sie einmal durch die Haut gedrungen
ist, mit ihren Widerhaken in der Wunde stecken bleibt und sich vom
Schafte leicht lsen kann (Fig. d). Bisweilen bewirkt man auch das
Abbrechen eines Teiles des Schaftes selbst, indem man ihn mit einem
ringfrmigen Einschnitt versieht.

Die Pfeile werden in grsserer Anzahl in einem besonderen Bambuskcher
(_telanga_, Fig. e und f) von ungefhr 9 cm Durchmesser aufbewahrt.

Der Bambus ist 30 cm oberhalb des Halmknotens, der den Boden des
Kchers bildet, abgeschnitten und am oberen Teil rings um die ffnung
etwas beschnitten, um bequem mit einem Bambusstpsel (am Kapuas,
Fig. e) oder mit einem runden, kegelfrmigen, hlzernen Stpsel (am
Mahakam, Fig. f) geschlossen werden zu knnen. Am Kcher wird ein oft
hbsch geschnitzter hlzerner Haken (Fig. g) befestigt, den die Jger,
wenn sie sich auf die Jagd oder in den Krieg begeben, an der rechten
Seite in ihr Lendentuch stecken.

In einem Kcher befinden sich ungefhr 24 Pfeile von verschiedener Form
und zwar sitzt jeder gesondert in einem dnnen Bambusbehlter (Fig. h),
damit sie einander auf langdauernden Reisen nicht beschdigen. Da die
Pfeile und ihre Behlter viel krzer als der _telanga_ selbst sind,
werden sie noch gesondert in Stckchen Fell (Fig. k) des grossen
Eichhrnchens oder des kleinen Hirsches gehllt, an welchen sie
bequem hervorgeholt werden knnen. Durch verschiedene Farben oder
an das Ende aufgeschobene kleine Perlen unterscheidet man die Pfeile
fr grssere und kleinere Tiere.

Neben diesen fertigen Pfeilen stecken im Kcher noch mehrere Pckchen
(Fig. i und l) unvollendeter Pfeilschfte, deren noch stumpfe Spitzen
meistens bereits im Feuer gehrtet worden sind (Fig. m). Jedes
dieser Pckchen wiederum befindet sich in einer besonderen ledernen
Hlle. Der Kcher enthlt ausserdem noch ein Stckchen mit scharfer
Spitze (Fig. n), auf die man beim Schneiden die konischen Hlzchen
steckt, welche hinten an die Pfeilschfte befestigt werden. Die
Bahau und Punan nehmen stets einen Vorrat dieser Hlzchen in einer
flaschenfrmigen Kalabasse (Fig. o) mit hlzernem Stpsel mit, die
sie an den Kcher hngen; da sie berdies auf dem Grunde des Kchers
immer ein bis mehrere Stcke Pfeilgift mitnehmen, knnen sie auch im
Walde stets neue Pfeile herstellen. Neben der Kalabasse hngt noch
ein Bambusbehlter mit Zunder und Feuerstein (Fig. p), die auf Reisen
stets mitgefhrt werden.

Die Gifte, welche die Stmme von Mittel-Borneo fr ihre Pfeile bentzen
und durch welche unbedeutende Wunden oft ttlich wirken, sind sehr
verschiedenen Ursprungs. Die Bahau unterscheiden 6 verschiedene Arten
von Pfeilgiften, die sich von ebenso vielen verschiedenen Bumen
und Lianen herleiten; sie heissen: _tasem; tasem telang; ipu kajo;
ipu aka; ipu tana_ und_ ipu seluwang_.

Die zwei _tasem_-Arten werden aus den Giften verschiedener Pflanzen,
welche in ganz Mittel-Borneo, sowohl am oberen Kapuri, oberen Barito
und oberen Mahakam als am oberen Kajan vorkommen, zusammengesetzt;
daher knnen die _tasem_-Gifte von allen Stmmen, die diese
Flussgebiete bewohnen, hergestellt werden.

Dagegen wachsen die die _ipu_-Gifte liefernden Pflanzen nur am oberen
Kapuas und oberen Barito, so dass sie nur von den in diesen Gebieten
umherschwrmenden Punan und Bukat gesammelt und den anderen Stmmen
verkauft werden. knnen. Die _ipu_-Gifte werden nmlich, als die
wirksameren, den _tasem_-Giften vorgezogen. Da die _ipu_ liefernden
Pflanzen auch am Kapuri nur an bestimmten Stellen vorkommen, mssen
die Sammler oft weite Zge unternehmen, um die Gifte zu finden. Eine
gute Fundstelle fr die betreffenden Pflanzen bilden die Wlder am
Fuss des Bukit Tilung im Mandaigebiet.

Die Herstellung der Pfeilgifte und die sie liefernden Pflanzen sind
in Mittel-Borneo nur den Jgerstmmen der Bukat und Punan oder deren
Abkmmlingen unter den ackerbautreibenden Dajakstmmen bekannt; daher
ist es nur unter besonders gnstigen Umstnden mglich, sich Pfeilgifte
von bekannter Herkunft und die dazu gehrigen Pflanzen zu verschaffen.

Auf meinen drei Reisen in Borneo glckte es mir nur im Jahre 1894, in
den Besitz einer einigermassen vollstndigen Sammlung der _ipu_-Gifte
und des dazugehrigen Herbariums zu gelangen. Bei meiner zweiten Reise
1896 waren die Bukatshne, die frher bei den Mendalam Kajan wohnten
und mir zu der Sammlung verholfen hatten, fortgezogen und ich konnte in
vier Monaten keine zweite zuverlssige Sammlung zu Stande bringen. Im
Jahre 1898 erhielt ich zwar die verschiedenen Gifte und das Holz und
die Bltter der _ipu_-Pflanzen, aber man fhrte mich mit den Blten
und Frchten, fr die die richtige Zeit augenscheinlich noch nicht
gekommen war, irre. Diese letzte Sammlung wurde von Dr. _Boorsma_
im botanischen Institut zu Buitenzorg untersucht; die erlangten
Resultate sind in "Mededeeling uit 's Lands Plantentuin" (deel 52)
verffentlicht worden; ihnen entnehme ich auch die weiter unten
angefhrten Bestandteile der Pfeilgifte. Die beiden Gifte: _tasem
und tasem telang_, werden gewonnen, indem man die gleichnamigen Bume
anzapft und den ausfliessenden Milchsaft auffngt. Der _tasem_-Baum
erreicht eine bedeutende Grsse, der _tasem telang_ dagegen wird
nicht ber 1 dm dick.

Der Milchsaft wird mit dem wsserigen Auszug aus dem geriebenen Bast
einer Liane, _aka kia_, vermengt. Die Mischung wird in einem alten
eisernen Topf, der fr andere Zwecke nicht mehr gebraucht wird, bis
zu Sirupdicke eingedampft; die Masse erhrtet beim Abkhlen. Das Gift
wird vor dem Gebrauch fein gerieben und mit den Blttern von _gambir
utan_ (Euphorbiacee) gemengt, ein Verfahren, fr welches besondere,
oft schn verzierte Brettchen (Fig. q) und Reib stcke (_ligan_,
Fig. r) verwendet werden.

Die _tasem_-Gifte werden auf weite Expeditionen in viereckigen
Krbchen aus Palmblattscheiden (_takong_, Fig. s) mitgefhrt und vor
dem Gebrauch in der Nhe des Feuers aufgehngt, um sie zh-flssig
werden zu lassen.

Eine Analyse des Pfeilgiftes, das einen zhen, schwarzen Extrakt mit
intensiv bitterem Geschmack liefert, stellte folgende Bestandteile
fest: Antiarin, das giftige Glycosid, das im Saft von Antiaris
toxicaria Lesch. enthalten ist; die zwei Alkaloide: Strychnin
und Brucin; Upan, das durch _Wefers Bettink_ aus dem Milchsaft
von Antiaris gewonnen wurde, und Antiaretin, das von _Mulder_ und
_Lewin_ als Bestandteil des _antjar_-Milchsaftes angegeben wurde;
ferner eine schwach giftige pflanzliche Sure, die ein Aufschumen
verursacht. Derrid, das hauptschlich in den aus Malakka stammenden
Pfeilgiften enthalten ist, fehlte.

Die giftige Wirkung der _tasem_-Gifte muss somit den in Antiaris
vorkommenden Stoffen und den Strychnos-Alkaloiden zugeschrieben werden;
der hohe Antiaringehalt spielt hierbei zweifellos die Hauptrolle.

Auf Grund der in den _tasem_ anwesenden aufschumenden Sure nimmt
Dr. _Boorsma_ an, dass nicht nur der Milchsaft, sondern wahrscheinlich
auch ein Auszug aus dem Bast des _tasem_-Baumes (hchst wahrscheinlich
Antiaris toxicaria) bei der Zubereitung verwendet werden. Das in
viel geringerer Menge vorkommende Strychnin und Brucin liess sich
in kleinen Quantitten auch in den Holz- und Bastteilen der Liane
_aka kia_ nachweisen; diese gehrt, wie auch eine mikroskopische
Untersuchung feststellte, zu den Strychnosarten.

Was die _ipu_-Gifte betrifft, so bildet:

_ipu tana_ eine teils zhe, teils brchige, dunkelbraune Masse;

_ipu kajo_ einen weichen, schwarzen Extrakt;

_ipu aka_ eine zhe, braune, von aussen schwarze und brckelnde,
teilweise auch steinharte Masse;

_ipu seluwang_ einen zhen, schwarzen Extrakt.

Alle diese _ipu_-Arten haben einen intensiv bitteren Geschmack. Sie
enthalten smmtlich Strychnin und _ipu tana_ ausserdem auch
Brucin. Derrid fehlte auch bei diesen Giften.

Augenscheinlich stammen alle _ipu_-Gifte von Strychnosarten ab. Die
Holz- und Bastteile der diese Gifte liefernden Pflanzen ergaben
bei der Untersuchung alle als giftige Bestandteile Alkaloide. Nicht
nur der Bast, sondern hauptschlich auch das Holz erwiesen sich als
strychninreich, whrend das Holz von _ipu seluwang_ ausserdem auch
noch Brucin enthielt. Es ist daher wahrscheinlich, dass _ipu tana_
und _ipu seluwang_ oder die dazu gehrigen Holzproben aus Versehen
verwechselt worden sind.

Da bei _ipu kajo_ hauptschlich in den Holzteilen viel Strychnin
gefunden wurde, ist es wahrscheinlich, dass bei der Herstellung
dieses Giftes nicht nur geschabter Bast, sondern auch geschabtes Holz
verwendet wird.

Man bereitet smmtliche _ipu_-Pfeilgifte, indem man den Bast,
vermutlich auch das Holz der betreffenden Pflanzen, fein zerreibt,
mit Wasser auszieht und die Lsung vorsichtig eindampft, bis sie eine
dicke, zhe, schwarzbraune Masse bildet. Diese wird in kleinen Mengen
in den Palmblttern einer Licula-Art aufbewahrt. Beim Gebrauch erweicht
man das Ende eines Stckchens _ipu_ ber Wasserdampf und bestreicht
damit die Pfeilspitzen, welche sodann in einiger Entfernung vom Feuer
getrocknet werden. Den Wasserdampf lsst man durch die ffnung eines
trichterfrmig gewundenen Bananenblattes, das ber ein Bambusgefss
mit kochendem Wasser gestlpt worden, hindurchstreichen.

Dass die Wirkung des _ipu_ mit derjenigen des Strychnins bereinstimmt,
davon berzeugte ich mich einst, als ein Hund von einem Pfeile nicht
sogleich ttlich getroffen wurde. Das Tier lag mit Bewusstsein auf der
Seite, die Zunge aus dem Maule hngend und litt, wie die schnellen,
kurzen Atemzge andeuteten, an Atemnot. Ab und zu stellten sich
spontan Konvulsionen ein, bei denen sich der ganze Krper streckte;
sie wechselten mit tonischen Krmpfen. Erschtterte man das eine Ende
des freiliegenden Fussbodenbrettes, auf dem das Tier lag, so wurden
die Zuckungen so heftig, dass der Hund bis auf 1/2 m Hhe aufsprang;
er gab dabei keinen Laut von sich.

Das Schiessen mit dem Blasrohr hat auf der Jagd und im Kriege den
grossen Vorteil, dass man auf das Opfer, ohne es zu verscheuchen, so
lange Pfeile abschiessen kann, bis einer trifft. brigens sind auch
viele Nachteile damit verbunden, besonders bei der Jagd auf grosse
Tiere, fr die die Wunde niemals sofort ttlich ist und die auch
durch die Giftwirkung nicht sogleich bewegungslos werden. Sie behalten
daher immer noch genug Kraft, um bedeutende Abstnde zurckzulegen,
was den Jgern viel Schwierigkeiten bereitet, da bereits ganz in
der Nhe gefallenes Wild in dem dichten Walde, auf dem mit Blttern,
sten und Gestrpp bedeckten Boden, schwer zu finden ist.

Die Pfeile erfahren ferner, ihres geringen Gewichtes wegen, leicht
eine Ablenkung, hauptschlich auf freier Flche bei Wind.

Unter den sesshaften Dajak begegnete ich nie einem, der im Schiessen
mit dem Blasrohr eine besondere Geschicklichkeit an den Tag legte;
die Punan verstanden sich hierauf viel besser. In den Proben,
die sie vor mir ablegten, schossen sie zwar auf 40-50 m Abstand,
aber die Treffsicherheit liess viel zu wnschen brig und war mit
derjenigen eines Gewehrschusses mit Kugel nicht zu vergleichen. Fr
die Jgerstmme jedoch, die in den fast windstillen Wldern leben,
bildet das Blasrohr, weil es mehrere Pfeile auf das gleiche Tier
abzuschiessen gestattet, eine praktische Waffe, der sie sich auch
Menschen gegenber gut zu bedienen verstehen.

Die Schilde (_klebit_) der Bahau haben die bekannte lnglich
viereckige Form mit dreieckiger Verlngerung nach oben und unten. Die
mit Menschen- und Tierfiguren und Masken stark verzierten Exemplare,
die bisweilen nach Europa ausgefhrt werden, traf ich bei den Stmmen
von Mittel-Borneo nur selten; sie bedienen sich auf ihren Zgen stets
einfacher, glatter Schilde aus leichtem, festem, braunem Holze, die
in der Mitte und an den Seiten, der Breite nach, mit Rotangschnren
verstrkt werden. Ich fand bei den Kajan noch eine alte, viereckige,
eiserne Platte mit zwei Spitzen, die, als Schutz fr die an der
Rckseite befindliche Hand, vorn in der Mitte der Aussenflche
befestigt wurde.

Die einfachen Schilde werden nie mit Haar verziert; dies geschieht
nur mit den bemalten Schilden, die daher _klebit bok_ (Haarschild)
genannt werden. Gegenwrtig wird am Kapuas nicht mehr das Haar
erschlagener Feinde als Zierat gebraucht, auch ist es verboten, als
Waffenverzierung Menschenhaar aus dem eigenen Stamm zu verwenden. Das
Haar fr die Schilde wird jetzt hauptschlich von den Taman Dajak
gekauft, die mit ihrem eigenen Haar Handel treiben. Fr die Schwerter
bentzt man vielfach eingefhrte, gefrbte Tierhaare.

Nur die Punan und Bukat gebrauchten ursprnglich und zum Teil auch
noch jetzt keine Schilde.




KAPITEL VIII.

    Rolle des Ackerbaus bei den Bahau und Kenja--Religise
    Vorstellungen beim Ackerbau Legende von der Entstehung der
    Ackerbauprodukte--Art der Feldbewirtschaftung--Vorzeichensuchen
    bei der Wahl der Felder--Bestimmung der Saatzeit-Perioden
    des Reisbaus--Bedeutung der Ackerbaufeste--Saatfest:
    religise Zeremonien; Masken- und Kreiselspiel--Neujahrsfest
    Festgebruche--Zweite Namengebung der Kinder--Darbietung der
    Opfer--Tnze der Priesterinnen--Ringkampf--_aron uting_ =
    Festtag des Schweinefleischessens--_aron kertap_ = Festtag des
    Klebreisessens--_nangeian_ = Rundtanz der Priesterinnen und
    Laien--Schlusszeremonien beim Neujahrsfest.


Die Bahau und Kenja sind Ackerbauer; sie widmen sich hauptschlich
dem Bau ihres wichtigsten Nahrungsmittels, des Reises; alle brigen
Bodenerzeugnisse spielen daneben eine untergeordnete Rolle. Der
Ackerbau beherrscht im Grunde das ganze Leben dieser Stmme: ihr Jahr
ist das Jahr des Reisbaues, das sie in die verschiedenen Perioden
einteilen, welche die Bearbeitung des Reisfeldes und die Behandlung
des Reises selbst bedingen.

Die Herstellung von Wohnung, Kleidung und sonstigen Artikeln nehmen
die Kajan in der Zeit vor, die der Reisbau ihnen gerade brig lsst,
vor allem nach dem Jten der neuangelegten Felder und in der letzten
Ernteperiode. Dinge, die sie jetzt nicht mehr selbst verfertigen
oder gewinnen, wie Salz und einige Arten Zeug, werden den malaiischen
Hndlern mit Bodenprodukten bezahlt.

Bei Stmmen, deren Denken so stark vom Ackerbau in Anspruch genommen
wird, nimmt es nicht Wunder, dass sie ihre Vorstellungen von den ihr
Wohl und Wehe beherrschenden Mchten mit diesem in engen Zusammenhang
bringen. Die Geisterwelt steht mit dem Ackerbau der Bahau in inniger
Verbindung, ohne ihre Zustimmung kann eine Feldarbeit berhaupt
nicht vorgenommen werden. Auch fallen alle grossen Volksfeste mit den
verschiedenen Perioden des Reisbaus zusammen. Da nach der Ernte ein
besonderer Wohlstand herrscht, werden, schon aus praktischen Grnden,
auch alle Familienfeste, die einen grossen Aufwand erfordern, auf
das Neujahrsfest am Schluss der Ernte verlegt.

Die beiden mchtigen Geister, _Amei Awi_, und dessen Gattin, _Buring
Une_, die nach der berzeugung der Kajan in einer Welt leben,
die unter dem Erdboden liegt, beherrschen den ganzen Ackerbau
und lassen den. Ausfall der Ernte grsstenteils vom Benehmen des
Feldeigentmers abhngen, und zwar nicht nur von dessen sittlichem
Betragen, sondern vor allem davon, ob er alle ihnen zukommenden Opfer
und ihre Warnzeichen gengend beachtet hat.

Dem Huptling fllt eine wichtige Rolle beim Ackerbau zu: er muss
bei den Festen im Namen des ganzen Stammes die vorgeschriebenen
Beschwrungen durch die Priesterinnen ausfhren lassen.

Alle religisen Zeremonien, die der Ackerbau erfordert, finden
auf einem kleinen, besonders zu diesem Zweck angelegten Reisfeld
(_luma lali_) statt; hier leitet auch die Huptlingsfamilie jedes
neue Verfahren des Reisbaus, wie das Sen, Jten, Ernten ein;
die feierlichen Handlungen, die dabei vorgenommen werden, haben
symbolische Bedeutung.

Die Geister walten nicht nur ber dem Gelingen oder Misslingen der
ganzen Ernte, sondern sie haben auch die angebauten Produkte: Reis,
Mais, ssse Erdpfel, Tabak u.s.w. besonders fr die Bahau auf Erden
entstehen lassen.

Nach der berlieferung der Mendalam Kajan lebte nmlich in alten
Zeiten, als sie noch das Stammland Apu Kajan bewohnten, ein Ehepaar:
_Batang Timong Nangei_ und seine Frau _Uniang Bulan Batang Ngaui
Ingan_ (ihre Namen stehen mit dem Ackerbau in Verbindung, denn
_nangei_ bedeutet das Feiern des neuen Jahres am Ende der Reisernte,
_ingan_ ist ein Reiskorb u.s.f.). Das Ehepaar hatte zu seinem Kummer
keine Kinder und, um sie zu erlangen, ging der Mann, auf Anraten
der Geister, darauf aus, eine bestimmte Art Rotang zu suchen. Nach
mehr als einem Jahr kehrte der Mann ohne Erfolg und vllig erschpft
heim. Seine Gattin _Uniang_ war aber inzwischen gestorben, weil sie
whrend einer Verbotszeit des Sens genht und hierdurch den Zorn der
Geister erregt hatte. Ihr Tod hatte sich folgendermassen zugetragen:
Als _Uniang_ einmal wieder zu verbotener Zeit bei der Arbeit sass,
fiel durch das Dach eine Nadel vom Himmel gerade auf ihren kleinen
Finger, der zu bluten begann. Die Blutung war nicht zu stillen und
so musste die Frau allmhlich verbluten; aus ihrem hervorquellenden
Blute entstand aber Reis (_parei_) und nach ihrem Tode aus dem Rumpf
Bananen (_pute_), aus ihren Haaren Zuckerrohr (_tewo_), aus ihren
Oberarmen _kladi_, aus ihren brigen Krperteilen andere mit dem
Reis zugleich gebaute Gewchse wie: Gurken, ssse Erdpfel (_obe_)
u.s.w., aus den Schamteilen ging Tabak (_bako_) hervor, daher geben
die Frauen ihren Liebhabern Zigarren zu rauchen.

Sowoht Bahau als Kenja legen trockene Reisfelder (_luma_ im Busang
_ladang_ im Malaiischen) an. Ein Stck Wald, jung (_talon_) oder alt
(_tuwan)_, wird einige Meter oberhalb des Erdbodens gefllt, das
Holz liegen gelassen, bis die Sonne es etwas getrocknet hat und das
Ganze dann in Brand gesteckt. Ohne den Boden weiter zu bearbeiten,
werden mit einem hierfr bestimmten Stocke (_tol_) Lcher in die Erde
bzw. die Asche gebohrt, in welche man dann den Reis (_parei_) st.

Jede Familie besitzt ein eigenes Reisfeld; sobald erwachsene Kinder da
sind, erhalten sowohl Shne als Tchter ein eigenes Feld. Hier bauen
sie neben Reis auch Mais, Bataten, Tabak, Zuckerrohr und _kladi_
(Colocasia antiquorum); ein besonderes Feld wird nur fr die das
Fischgift (_tuba_) liefernden Schlingpflanzen angelegt. Da man das
Reisfeld jedes Jahr oder sptestens nach zwei Jahren wieder verlsst,
werden nur selten Fruchtbume ausser Bananen und Papaya (Carica Papaya)
darauf gepflanzt; diese werden vielmehr von jeder Familie dicht vor
oder hinter dem langen Hause mit Betel und hnlichem in kleinen Grten
gezogen, die, zum Schutz gegen die frei umherlaufenden Schweine,
mit festen Hecken umgeben werden.

Unter den Fruchtbumen sind die wichtigsten: _duku_ (Lansium
domesticum), _durian_ (Durio zibethinus), verschiedene Citrusarten,
Papaya (Carica Papaya), _djambu_ (Jambosa) und _blimbing_ (Capura
Zollingeriana T. et B.).

Die Kokospalme kommt selten vor, trgt wenig Frchte und ist nur,
insofern sie Leckerbissen liefert, von Bedeutung.

Obgleich die Frauen sowohl bei der Feldarbeit als bei den zugehrigen
religisen Handlungen eine wichtige Rolle spielen, wird der Boden
fr ein neu anzulegendes Feld doch ausschliesslich von Mnnern
ausgesucht. Das mnnliche Haupt des Dorfes trachtet zuerst von den
Vgeln und anderen wahrsagenden Tieren zu vernehmen, ob das von ihm
gewhlte Grundstck auch einen guten Ertrag verspricht. Handelt es
sich darum, Urwald (_tuwan_) oder jungen Wald (_talon_) zu fllen, so
bentzen die Bahau am Mendalam den _telandjang_ (Platylophus coronatus)
als wahrsagenden Vogel; wegen des Urwaldes wird auch noch das Reh
(Cervulus muntjac) befragt. Der Huptling begiebt sich zu diesem
Zwecke in das gewhlte Waldstck und klopft an den Bumen, bis er
den _telandjang_ hrt oder sieht. Zeigt sich der Vogel rechts von
ihm, so ist das Grundstck gut gewhlt, zeigt er sich jedoch links,
so muss ein anderes Stck Wald gesucht werden. Hat der Huptling das
gewnschte Vorzeichen gefunden, was oft 2-3 Tage dauert, so beginnen
die brigen Mnner ebenfalls die Tiere zu befragen. Ist dies geglckt,
so muss das ganze Dorf 4 Nchte "_melo njaho_" d.h. "stillsitzen wegen
der Vorzeichen". Es darf dann kein Dorfbewohner mit der Aussenwelt
in Berhrung kommen oder mit einem Vorbergehenden sprechen; es darf
auch kein Fremder das Dorf betreten. Dann verwendet man 3 Tage darauf,
das Unterholz mit dem Schwerte wegzurumen, _meda_, worauf wiederum
ein _melo njaho_ von 4 Nchten folgt. Die Bahau rechnen nmlich nach
Nchten statt nach Tagen.

Auch der Schrei des _kidjang_ (Reh), rechts oder links vom Beobachter,
zeigt an, ob ein Stck Urwald gefllt werden darf oder nicht. Hat
das Reh die Wahl gebilligt, so muss das ganze Dorf 8 Nchte _melo
njaho_. Man darf dann das Haus wohl verlassen, aber keinen Reis als
Proviant mitnehmen und keine Nacht ausserhalb des Hauses verbringen
(_san)_.

Obgleich im Innern von Borneo nur eine geringe Anzahl Menschen wohnt,
ist doch alles Land so unter den verschiedenen Stmmen verteilt,
dass jeder nur in einem bestimmten Gebiete seine Reisfelder anlegen
darf. Wenn ein Stamm aus einer Gegend fortzieht, hat ein anderer das
Recht, sie zu bebauen; auf die herangewachsenen Fruchtbume jedoch
machen die frheren Besitzer noch viele Jahre Anspruch.

Auf noch nie bebaut gewesene Grundstcke haben alle Glieder eines
Stammes gleiche Rechte und drfen sich daher ihren Teil nach Belieben
whlen. Ein einst bebaut gewesener Boden bleibt aber, auch wenn er
seit Jahren verlassen ist, stets das Eigentum desjenigen, der ihn
zuerst bearbeitete. Am Mahakam werden derartige Grundstcke nicht
verkauft, wohl aber verpachtet oder gegen andere eingetauscht. Als
Grenzzeichen bentzt man Bume, grosse Steine oder Bche.

In Anbetracht, dass fr das Trocknen und Verbrennen des gefllten
Waldes die trockenste Jahreszeit erforderlich ist, sucht man, unter
normalen Verhltnissen, diese Arbeiten whrend des Juli und August,
wo die grsste Aussicht auf Trockenheit vorhanden ist, zu Ende zu
fhren. Dass die Ernte dann auf die Regenzeit zwischen Dezember
und Mrz fllt, ist fr die Stmme von Mittel-Borneo von geringerer
Bedeutung.

Den Beginn der verschiedenen Perioden des Reisbaus lsst man von
den Umstnden abhngen, nur fr das Sen sucht man bestimmte Tage
einzuhalten. Wenn irgend mglich, beginnt man mit der Saat an dem Tage,
wo die Sonne an einem bestimmten Punkte des Horizontes untergeht.

Bei den Kajan am Mahakam richtete der Oberpriester neben dem neuen
Hause am _Blu-u_ zwei lngliche Steine von verschiedener Hhe auf
und stellte sie so, dass das Zeichen fr die Saat gegeben war, wenn
die Sonne in der Verlngerung ihrer Verbindungslinie unterging.

Man erzhlte mir, dass die Hhlungen in einem Felsblock bei Batu Sala,
im Flussbett des oberen Mahakam, dadurch entstanden seien, dass die
Priesterinnen der umliegenden Stmme von alters her jedes Jahr auf dem
Stein gesessen htten, um zu beobachten, wann die Sonne hinter einem
bestimmten Gipfel des gegenberliegenden Gebirges untergehen wrde;
dieser Zeitpunkt war dann fr den Beginn der Saat massgebend.

Ausser bei zu grosser Nsse wird mit dem Reisbau auch dann noch mit
einer Versptung angefangen, wenn die letzte Ernte besonders gnstig
ausgefallen war. In solchen reichen Zeiten begeben sich die Mnner
auf Handelsreisen, bauen Bte, bessern das Haus aus, oder verrichten
sonstige Arbeiten, die sie whrend der Zeit drckender Feldarbeit
nicht vornehmen knnen. Herrscht dagegen Reismangel im Stamme, so
beginnt man baldmglichst mit der Saat.

Jede umfangreichere Arbeit, so auch die Bearbeitung der Reisfelder,
wird bei den Bahau stets durch die gemeinsame Arbeit verschiedener
Gesellschaften von 4-6 Personen besorgt. Es sind nicht immer
Familienglieder, sondern, vor allem bei jungen Mnnern, hufig Freunde,
die einander Hilfe leisten und diese spter mit einer gleichen Anzahl
von Arbeitstagen heimzahlen. Nur Shne und Tchter sind ausdrcklich
verpflichtet, ihre Eltern bei der Arbeit zu untersttzen. Dieses
gemeinschaftliche Verrichten einer Arbeit nennen die Bahau: _pala dow_,
wrtlich: tagweise.

Derjenige, bei dem gearbeitet wird, muss seinen Gehilfen am
betreffenden Tage das Essen liefern; am Mendalam wird aber, besonders
in Zeiten von Reismangel, nicht immer whrend der Arbeit eine Mahlzeit
gehalten.

In der drckendsten Arbeitszeit geht jeder, der arbeiten kann, aufs
Feld; im Hause bleiben nur Kinder unter 8-10 Jahren, Frauen, die
Kinder unter zwei Jahren zu versorgen haben, Greise und Kranke zurck.

Der Auszug aufs Feld findet am Mendalam bei Sonnenaufgang, um 6 Uhr,
statt. Ausgerstet mit den augenblicklich gerade erforderlichen
Ackergertschaften, z.B. Schwertern und Beilen zur Zeit des
Waldfllens, Schaufeln zur Zeit des Jtens, dazu stets mit einem
Speer bewaffnet, begeben sich die Trppchen zum _paladow_ in einem
Boot oder lngs einem Waldpfad auf das Arbeitsfeld. Hat man zu Hause
noch nicht gefrhstckt, so macht sich einer von der Gesellschaft,
meist eine Frau, an die Zubereitung des Morgenimbisses.

Nicht immer erreicht die Gesellschaft ihr Arbeitsfeld; begegnet
sie unterwegs einem links auffliegenden Vogel, der gerade zu den
wahrsagenden gehrt, oder bemerkt sie eine rotkpfige Schlange
(Doliophis bivirgatus Boie), die den Kopf in die Richtung des Hauses
dreht, oder hrt sie den Schrei eines Rehs, so kehren smmtliche
Teilnehmer unverrichteter Sache wieder nach Hause zurck. Auch wenn
die Gesellschaft in dem Huschen, das oft auf dem Felde errichtet
wird, eine beliebige Schlange erblickt, macht sie sich schleunigst
auf den Heimweg.

Bei den verschiedenen Stmmen sind auch die Warnzeichen, welche einen
Aufschub der Feldarbeit verlangen, einigermassen verschieden.

Die Bahau beschftigen sich an den Tagen, an denen die Tiere ihnen
die Arbeit auf dem Reisfelde verbieten, zu Hause mit Flechtarbeit,
Nhen und dergl.

Das Wahrnehmen schlechter Vorzeichen ist am ersten Tage der beginnenden
Feldarbeit besonders verhngnisvoll; begegnet man nmlich morgens
beim ersten Auszug einem ungnstigen Zeichen, so darf man ein ganzes
Jahr lang berhaupt keinen Reis bauen, nur Bataten, Mais u.a. drfen
dann gepflanzt werden. Um derartigen Zustnden vorzubeugen, geht man
das erste Mal, kluger Weise, nachts aufs Feld.

Sieht man in der Zeit der Vorarbeiten ein Reh bers Feld laufen,
so darf dieses ebenfalls nicht im gleichen Jahre bearbeitet werden,
sondern man beschrnkt sich auch in diesem Falle auf den Anbau anderer
Bodenprodukte.

Die Jahreseinteilung richtet sich bei den Bahau, wie bereits erwhnt,
nach den verschiedenen Arbeiten, die auf dem Reisfelde vorgenommen
werden. Das Jahr zerfllt demnach in 8 Perioden:

_nebas = meda_ = Fllen des Unterholzes.

_newang_ = Fllen der Bume.

_nutung_ =Verbrennen des gefllten Holzes.

_nugal_ = Sen;_ tugal_ = Saatfest; _nugal_ = Feiern von _tugal_.

_nawo_ = Jten.

_ngeluno_ = Ernten.

_newuko_ = Beenden der Ernte.

_nangei_ = Feiern des neuen Reisjahres; _dangei_ = Neujahr.

Will ein Kajan an einer Stelle, wo im Laufe von 15 Jahren ein ungefhr
100 Fuss hoher Wald gewachsen ist, sein Feld anlegen, so beginnt
er damit, die kleineren Pflanzen und Gebsche mit einem eigens fr
diesen Zweck hergestellten Schwerte umzuhauen. Wenn alles Unterholz
am Boden liegt, kommt das Fllen der Bume an die Reihe, die einzige
ausschliesslich von Mnnern verrichtete Arbeit; sie wird mit kleinen,
selbst hergestellten oder auch eingefhrten Beilen aus hartem Stahl
bewerkstelligt.

Die Bume werden 1-4 m ber dem Boden gefllt, worauf auch die Zweige
abgehackt werden, so dass die Stmme flach auf dem Boden zu liegen
kommen. Auch nach einmonatlicher Drre lassen sich die Stmme und
dicksten ste nur teilweise verbrennen; man rumt sie jedoch nicht
fort, sondern st den Reis einfach zwischen und neben dem Holz
hin. Mit einem Teil dieses Holzes wird brigens, um Hirschen und
wilden Rindern den Eintritt zu wehren, das Reisfeld eingezunt. In
wildrmeren Gegenden unterlsst man die Herstellung dieser Hecke,
weil sie viel Arbeit erfordert und opfert lieber einen Teil der
Ernte. Auch den Vgeln, von denen bei beginnender Reife drei Arten
Reisdiebe (Padda oryzivora; Munia fuscans; Munia bruneiceps) in
grossen Schwrmen das Feld heimsuchen, und den Affen muss ein Teil des,
Bodenertrages abgetreten werden. Bisweilen verursachen auch Insekten
und deren Larven einen so grossen Schaden, dass von der ganzen Ernte
beinahe nichts brig bleibt. Allen diesen Schdlingen gegenber sind
die Bahau viel wehrloser als die Malaien; nur durch Schreien und
Schlagen auf Bambusgefsse gelingt es ihnen mit viel Anstrengung,
einige der Ruber zu vertreiben.

Befindet sich ein Reisfeld in der Nhe des Hauses, so wird es von
diesem aus bewirtschaftet, hat man es aber in grsserer Entfernung
anlegen mssen, so wird das tgliche Hin- und Herziehen zu mhsam;
man baut daher auf dem Felde selbst ein Huschen (_lepo luma_) auf
Pfhlen, in welches die ganze Familie einzieht. In sicheren Gegenden
wohnen die Familien oft weit auf den Feldern zerstreut, wodurch der
Stammverband oft gelockert wird.

Die den Reisbau begleitenden religisen Feste sind bei allen Stmmen
etwas verschieden, nur die ihnen zu Grunde liegenden Vorstellungen
sind berall die gleichen. Im wesentlichen handelt es sich stets
darum, die Geister und die Seelen des Reises durch Opfer aller Art
zu vershnen und gnstig zu stimmen.

Die Mendalam Kajan erfreuen sich eines ziemlich regelmssigen
Ernteertrages; ihre Ackerbaufeste finden daher auch jedes Jahr statt;
die Mahakam Kajan dagegen knnen wegen hufiger Missernten nur alle
2-3 Jahre ein Neujahrsfest (_dangei_) feiern.

Trotzdem diese Festlichkeiten am Mendalam regelmssiger gefeiert
werden, folgt man ihnen am Mahakam doch mit lebhafterem Interesse und
die Bedeutung aller Zeremonien und Spiele lsst sich hier auch viel
besser verfolgen. Am Mendalam kam ich zu der falschen Vorstellung, dass
die Volksspiele, die bei den Festen stattfinden, rein willkrlich zur
Saat- oder Erntezeit vorgenommen werden; am Mahakam dagegen merkte ich,
dass selbst dem Maskenspiel beim Saatfest eine gleich tiefe Bedeutung
wie irgend einer durch die Priesterinnen verrichteten Handlung zukommt.

Fr die Denkweise der Kajan ist die Tatsache charakteristisch, dass bei
den Erntefesten nicht nur die Menschen im berfluss schwelgen drfen,
sondern dass auch ihre Haustiere: Schweine, Hunde und Hhner, die
fr gewhnlich vom Abfall leben, in der Festzeit sich gut gekochten
Reises erfreuen drfen. Als ich einst _Akam Igau_ fragte, warum sich
die Kajan aller geistigen Getrnke enthielten, gab er mir als einen
der Grnde an, dass sie sonst nicht gengend Reis htten, um auch
die Tiere an den Festmahlzeiten teilnehmen zu lassen. Ausserdem wies
er auf die traurigen Folgen hin, die der Genuss von Reisbranntwein
(_tuwak_) fr seine Nachbarn, die Taman Dajak, hatte.

Bei allen religisen Handlungen frchten die Kajan die Anwesenheit
Fremder, weil diese die angerufenen Geister erschrecken und verstimmen
knnten; daher drfen die malaiischen Hndler in Tandjong Karang auch
nie Festlichkeiten beiwohnen.

Obgleich ich mich nun stets davor htete, meinen Gastherren meine
Gegenwart, falls sie nicht gewnscht wurde, aufzudrngen, erschien mir
das Saatfest doch so interessant, dass ich es mitzumachen beschloss,
auch auf die Gefahr hin, den Unwillen der Dorfbewohner zu erregen.

Ich hatte daher auf die schchternen Fragen, ob ich bei den
Festlichkeiten zugegen sein wolle, bejahend geantwortet. Am Morgen
des Festtages war aber ein guter Teil der Huptlingsfamilie mit der
Priesterschaft bereits aufs geweihte Feld (_luma lali_) gezogen,
als _Akam Igau_ mich noch mit dem Versprechen hinhielt, mir spter
das Boot seines ltesten Sohnes zur Verfgung stellen zu wollen,
das mich an das jenseitige Ufer zum Schauplatz der Festlichkeit
bringen sollte. Nachdem ich vergeblich auf dieses Boot gewartet
hatte, bestieg ich dasjenige, in dem _Akam Igaus_ lteste Tochter,
_Tipong Igau_, zum Festplatz fahren sollte. _Tipong_ besass im
grossen Hause von Tandjong Karang die einflussreichste Stellung;
auch gehrte sie zu den obersten Priesterinnen und legte als solche
meinen Nachforschungen nach den Lebensverhltnissen und religisen
berzeugungen der Kajan die grssten Hindernisse in den Weg. Aber
obwohl fanatisch, war _Tipong Igau_ doch nicht boshaft und wies daher
auch meine Begleitung nicht ab, trotzdem sie diese durchaus nicht
zu schtzen schien. Sie hatte brigens gleich einen Grund gefunden,
um ihr religises Gewissen zu beschwichtigen; denn als ihr mitten
auf dem Flusse ein vorberfahrender Malaie zurief, dass ich, als
Fremder, nicht zur Feier gehre, gab sie ihm sofort zur Antwort,
dass ich Kajanisch spreche und folglich auch zu den Kajan gehre.

Dass meine Anwesenheit als etwas Aussergewhnliches betrachtet wurde,
merkte ich auch spter, bei der Rckkehr von dem Feste. Ein zum Islam
bergetretener Kajan fragte mich nmlich, ob ich bei der Feier zugegen
gewesen sei. Auf meine besttigende Antwort ergriff er schweigend
meine Hand, lchelte mich von der Seite an und ging weiter--ein
Ausdruck seiner Bewunderung, dass ich es in der Volksgunst bereits
so weit gebracht hatte.

Durch _Tipong Igaus_ Auffassung beruhigt, bestieg ich mit ihr
das hohe Ufer und befand mich sogleich auf dem _luma lali_, das
unmittelbar hinter den Trmmern eines frheren Kajanhauses angelegt
worden war. Neben dem _luma lali_ der Huptlingsfamilie lagen die
geweihten Felder der brigen Familien, die das Fest am folgenden Tage
begehen sollten. Diese kleinen Felder werden niemals des Ertrages
wegen bebaut, sie dienen nur als Schauplatz religiser Handlungen,
auch werden auf ihnen symbolisch alle Arbeiten eingeleitet, die spter
auf den wirklichen Reisfeldern vorgenommen werden mssen.

Bei meiner Ankunft bemerkte ich zuerst, unter einem auf vier Pfhlen
ruhenden Baldachin aus Palmblttern, zwei weibliche und zwei mnnliche
Priester, die sich mit der Zubereitung der Opfer beschftigten; die
Frauen stellten _kawit_ her, whrend die Mnner aus Fruchtbaumholz
die erforderlichen Stcke fr das Opfergerst (_pelale_) schnitzten.

Inzwischen befasste sich der profanere Teil der Familie und Sklaven mit
deren irdischen Interessen, indem er in einigen grnen Bambusgefssen
Klebreis und in anderen Hhner- und Schweinefleisch kochte. Die Kinder
umringten alle diese Herrlichkeiten, whrend Jnglinge und Jungfrauen,
im Schatten abgelegenerer Gebsche sitzend, bei sssem Minnespiel
die Welt um sie her zu vergessen schienen.

Um die Stelle, wo das Opfergerst aufgestellt werden sollte,
bauten zwei Mnner aus dickem Holze eine feste, ungefhr 1 m hohe
pyramidenfrmige Hlle mit seitlicher ffnung, worauf die lteste
_dajung_ um die Hlle etwas Reis ste und dann die jungen Leute
herbeirief, um das ganze Feld weiter zu besen. Whrend die jungen
Mnner mit ihrem Pflanzstock (_tol_) Lcher in den Boden bohrten,
streuten die jungen Mdchen, hinter ihnen hergehend, den Reis in
die Gruben; die gegenseitigen Sympathieen der Prchen blieben dabei
nicht verborgen.

Unterdessen waren die Bambusgefsse teilweise schon verkohlt,
ein Zeichen, dass ihr Inhalt bereits gar geworden war und dass das
Festmahl beginnen konnte. Hflicher Weise bot man mir zuerst meinen
Anteil an der Mahlzeit an, den ich, mit Rcksicht auf die in Ungeduld
harrende Jugend, so schnell als mglich zu bewltigen trachtete. Der
Anblick der Gesellschaft, die jetzt in festem Klebreis und dem so
seltenen Schweine- und Hhnerfleisch frmlich schwelgte, erheiterte
mich nicht wenig.

Nach beendetem Mahl fragte mich _Tipong_, ob ich nun, da alles vorber
sei, nicht nach Hause fahren wollte; da aber niemand sonst sich zum
Aufbruch rstete, glaubte ich ihre Langmut noch weiter auf die Probe
stellen zu mssen und erklrte, noch etwas warten zu wollen.

Da holte _Tipong_ mit den anderen Priesterinnen einen grossen Behlter
mit _kawit_ herbei, erwrmte sie zum Schein, steckte sie in kleine
Bambusgefsse und stellte diese zerstreut auf dem Felde auf. An
jeder Stelle, wo ein solches Opferpckchen niedergelegt wurde, blieb
_Tipong_ mit zwei Oberpriesterinnen stehen und redete halblaut mit
den Geistern. Leider konnte ich wegen der lauten Schlge der Gonge
nichts von ihrem Gemurmel verstehen.

Darauf folgte die Aufrichtung des Opfergerstes unter der
pyramidenfrmigen Hlle: fnf _dajung_ knieten vor der ffnung; die
lteste nahm aus einem Behlter die von den Mnnern geschnitzten
Hlzer und stellte sie so zu einem _pelale_ auf, wie es in dem
Kapitel ber Gottesdienst beschrieben worden ist. ber das Ganze
setzte sie ein Dach, das gleichzeitig dazu diente, zwischen den vier,
oben herausragenden, kleinen Sttzbalken eine grosse Anzahl _kawit_
zu tragen. Rings um das Gestell wurde etwas Hhnerblut gegossen und
einige Reiskrner gest, worauf die ffnung der Hlle mit ein paar
Holzstcken geschlossen wurde. Auch hierbei musste die Priesterin den
Geistern eine lange Rede halten, die erst beendigt wurde, nachdem
ein paar Bambushalme und Fruchtbaumzweige rings herum in den Boden
gepflanzt worden waren. Einige geschlachtete Kchlein, einige Eier
und kleine Bambusgefsse mit Schweineblut wurden als weitere Opfer
fr die Geister an die Zweige gehngt.

Hiermit war die eigentliche Zeremonie beendigt; die Teilnehmer waren
aber noch nicht befriedigt; besonders trachteten die Mtter kleiner
Kinder von dem aussergewhnlichen Einflusse, der von dem Opfergestell
ausstrmen musste, fr ihre Kleinen Nutzen zu ziehen. Zuerst wurde
uns der Behlter mit den briggebliebenen _kawit_ gereicht, um unsere
Hand hineinzustecken und darauf eine Schssel mit Wasser. Durch beide
Handlungen sollte unseren Seelen etwas Angenehmes erwiesen werden.

Hierauf verteilte man _kawit_ unter die Frauen, die sich mit den
Kindern auf den Tragbrettern oder mit diesen allein zum Opfergerst
begaben; unter Hersagen einiger Worte liessen sie den guten Einfluss
des _pelale_ auf die am Tragbrett hngende Schlinge bergehen und
legten dann eine _kawit_ neben ihm auf den Boden nieder. Mit dem
Befestigen einer _kawit_ am Tragbrett erreichte die Zeremonie ihr Ende.

Erst im letzten Augenblick traf _Ju_, der lteste Sohn des Huptlings
(_Akam Igau_ hatte ihn seltsamer Weise, wie er angab, um ihm ein
glcklicheres Dasein zu verschaffen, in Bunut Malaie, d.h. Mohammedaner
werden lassen), mit seiner Frau ein, so dass ich, sehr befriedigt
ber meine Beharrlichkeit, mit der Gesellschaft heimkehrte.

Am ersten Tage des Saatfestes darf die ganze Bevlkerung, die sehr
jugendliche und sehr alte abgerechnet, von 8 Uhr morgens bis 6
Uhr abends nicht baden (_pongan);_ hierauf folgt eine 8 nchtliche
Ruhezeit (_melo)_, in der man weder arbeiten noch mit seiner Umgebung
verkehren darf. Am 10ten Tage, dem ersten einer zweiten Periode von
einem Tage und acht Nchten, folgt, wie am ersten, das _pongan_, das
Badeverbot. In der folgenden, achtnchtlichen Periode wird das grosse,
eigentliche Reisfeld best. Am roten Tage gilt wieder das _pongan_,
diesmal ohne folgendes _lali_, und mit einem weiteren _pongan_ am
loten Tage ist die Zeit der Reissaat abgelaufen.

Ausser dem grossen Festmahl am ersten Tage des Saatfestes und dem
zweiten fr die geringeren Leute am folgenden Tage haben die Kajan
in der ersten Periode der Abgeschlossenheit noch allerlei andere
Gelegenheit, um sich zu unterhalten. Sie lassen sich durch das
erzwungene Niederlegen von Hammer und Beil, durch das Verbot, abends
oder nachts ausser dem Hause zu verweilen, und durch die Abwesenheit
von Fremden die Laune nicht verderben. Die Mnner finden auch zu Hause
in ihren Schnitz- und Flechtarbeiten, die Frauen in ihren geliebten
Perlenarbeiten angenehme Beschftigung. Ausserdem haben die jngeren
Leute mit den Vorbereitungen zu der am Ende der ersten Verbotszeit
stattfindenden Maskerade viel zu tun.

Die Masken der Mnner und die der Frauen sind ganz verschieden,
stellen aber alle die bsen Geister dar. Die entsetzlichen Kpfe
und lang behaarten Leiber, welche sie den Dmonen zuschreiben,
veranschaulichen die Mnner durch hlzerne Gesichtsmasken (_hudo
kajo_) und fein zerschlitzte Bananenbltter, die sie sich um den
Leib wickeln. Die Frauen verfertigen sich Masken aus Tragkrben
(_hudo adjat)_, indem sie diese cylinderfrmigen, aus feinem Rotang
geflochtenen Krbe mit weissem Kattun, auf den mit grossen Stichen
ein menschliches Antlitz genht ist, berziehen; zu beiden Seiten
des Korbes befestigen sie die grossen Ohrgehnge der Kajan. Der Korb
wird mit der ffnung nach unter auf den Kopf der Trgerin gestlpt
und diese bis zur Unkenntlichkeit mit Zeug umwickelt.

Whrend des Saatfestes unterhalten sich die Mnner auch fters mit dem
Kreiselspiel (_pasing_). Die Kreisel sind oval, abgeplattet, glatt und
2 bis 3 kg schwer. Das Spiel besteht darin, dass einer den Kreisel
(_asing_) seines Vorgngers mit dem seinigen aus dem Wege zu rumen
versucht und zwar so, dass der eigene Kreisel sich dabei stets weiter
fortdreht, bis auch er das Opfer des folgenden wird. Die lteren Mnner
bentzen bisweilen mehrere Kilo schwere Kreisel aus Eisenholz; meist
werden fr die Festlichkeit neue Kreisel geschnitzt. Stets fand sich
abends auf dem Platze vor der Huptlingswohnung eine Gesellschaft
junger, bis 30 Jahre alter Mnner ein, die vor den weiblichen
Zuschauern auf der Galerie in Kraftentfaltung und Geschicklichkeit
mit einander wetteiferten.

Der achte Tag bot den Kajanmgen wieder etwas Besonderes, nmlich
ein Festmahl mit dem beliebten Klebreis als Hauptgericht.

Am folgenden Tage sammelten die Frauen allerhand essbare Bltter
in ihren Grtchen und auf den Feldern. Wie bei allen religisen
Festen, dienten zum Kochen auch dieser Bltter frische grne
Bambusgefsse. Gegen Abend fuhren die Frauen ans jenseitige Ufer
und besprengten die Erde des geweihten Reisfeldes mit dem Wasser, in
welchem die Bltter gekocht worden waren. Nachdem sie die geleerten
Bambusgefsse zerschlagen und die Trmmer neben dem Opfergestell
niedergelegt hatten, kehrten sie befriedigt nach Hause zurck.

Der Tag des zweiten _pongan_ war der Maskerade gewidmet. Gegen
Abend begannen sich die Hausbewohner auf der Galerie vor der
Huptlingswohnung zu versammeln und sich ein Pltzchen, von dem aus
sie die kommenden Dinge gut beobachten konnten, auszusuchen.

Zuerst erschienen einige in grne Massen zerschlitzter Bananenbltter
verwandelte Mnnergestalten mit Holzmasken und Kriegsmtzen und
begannen schweigend, nach dem Rhythmus der Gonge, in der Weise der
Javaner beim "_tandak_", einen Tanz auszufhren. Es folgten noch
mehr solcher Gestalten, von denen einige auch Kriegstnze nachahmten;
infolge des grossen Gewichtes der Blttermassen ermdeten sie jedoch
bald, auch begleiteten sie ihre hohen Sprnge nicht mit Kreischen,
wie bei den eigentlichen Kriegstnzen.

Bei Einbruch der Dunkelheit wurden diese Tnze von der aufregenden
Vorstellung einer Wildschweinjagd abgelst. Das Schwein stellte
ein Mann dar, der sich einen aus Holz geschnitzten Schweinekopf
aufgesetzt und einige Tcher umgebunden hatte; mit seinen gut
nachgeahmten Bewegungen und Lauten machte er auch wirklich einen sehr
schweinehnlichen Eindruck. Einige junge Leute funktionierten als
Hunde, die den alten Eber zum Stehen gebracht hatten, und verursachten
durch Anfallen, Zurckweichen und Klffen einen entsetzlichen Lrm
auf dem kleinen Platze. Die fr gewhnlich so ruhigen Kajan nahmen an
dem Geschick des _bawui_ (Wildschwein) lebhaften Anteil; es herrschte
ein buntes Durcheinander, das sich bei gelegentlichen Seitensprngen
des Schweines mitten unter die weibliche Jugend noch erheblich
steigerte. Trotz der Wildheit des seltenen Schauspiels war auch bei
den jngsten bis einjhrigen Zuschauern von Angst und Schrecken nichts
zu merken; aus aller Mund klang mir lautes, herzliches Lachen entgegen.

Dem Auftreten der jungen Mdchen mit ihrem _hudo adjat_ ging eine
obszne Vorstellung eines Mannes voraus.

Mittags hatten mir bereits _Paja_, die zweite Tochter _Akam Igaus_,
und deren Freundin mit viel Grazie vorgetanzt, um mich bei Tageslicht
alles gut sehen zu lassen. Jetzt erschienen aber acht auf gleiche Weise
verkleidete junge Mdchen. Beim trben Schein der wenigen Harzfackeln
und unter den sanften Tnen einer Art Mundharmonika, welche einer der
Zuschauer spielte, gingen die Mdchen im Tanzschritt mit begleitenden
Armbewegungen langsam hinter einander her. Nur zwei oder drei der
Mdchen zeigten wirkliche Begabung zum Tanz und fhrten, fr einen
Kenner indischer Tnze, gefllige Bewegungen aus; die brigen liefen
mit eckigen, unverstndlichen Gebrden nur so mit.

Mit einem letzten _pongan_ wurde die Zeit der Reissaat abgeschlossen
und zugleich die des Jtens eingeleitet. Wir liessen uns nochmals, von
der Wohnung des Huptlings aus, mit einigen Priestern zum geweihten
Reisfeld bersetzen. Dort wurden wiederum _kawit_ verfertigt und
unter drhnendem Gelut der Gonge und Gemurmel in altem Kajanisch
auf dem Opfergerst zu den alten, bereits vertrockneten, hinzugefgt.

Inzwischen hatte die lteste Priesterin _Usun_ mit einer Schaufel,
an welche eine _kawit_ gebunden worden war, auf dem Platze rings um
den _pelale_ gejtet, und nun begann auch die brige Gesellschaft auf
dem anderen Teil des Feldes zu jten. Hierauf wurde das Feld nochmals
mit einem Dekokt essbarer Bltter, in das wir vorher unsere Finger
hatten tauchen mssen, besprengt und die Bambusgefsse zertrmmert
zu den anderen gefgt. Nachdem die Kindertragbretter wieder mit
_kawit_ versehen worden waren, konnten wir befriedigt das andere
Ufer aufsuchen, Opfer und Feld den Sorgen der aufgerufenen Geister
berlassend. Gleichwie diese an den Herrlichkeiten auf dem _pelale_,
konnten wir uns zu Hause an einer Extramahlzeit von Klebreis, den
die Frauen der Huptlinge selbst gestampft hatten, erquicken.

So wurde jede weitere Behandlung des Reisfeldes mit religisen und
kulinarischen Zeremonien eingeleitet, whrend welcher der Gemeinde
stets einige Nchte Verbotszeit und bestimmte Spiele vorgeschrieben
waren. Wie wir gesehen haben, wurde whrend des Saatfestes Kreisel-
und Maskenspiel vorgenommen; beim ersten Einbringen des Reises
(_lali parei_) beschoss man einander mit Lehmpfropfen aus kleinen
Blasrohren--frher fanden dabei auch noch Scheingefechte mit
hlzernen Schwertern statt--; whrend des Neujahrsfestes sind bei den
Mnnern Wettkmpfe im Ringen, Hoch- und Fernspringen und Laufen im
Schwange. Auch mit den Frauen wird unter grosser Frhlichkeit gekmpft,
wobei mit Wasser gefllte Bambusgefsse die Hauptwaffen darstellen.

Den Glanzpunkt des Jahres bildet bei den Kajan das _dangei_, das
Neujahrsfest; die Ernte ist dann vllig eingebracht und in allen
Familien herrscht berfluss. Die schnsten Kleider, die whrend des
ganzen Jahres sorgfltig aufbewahrt liegen, werden hervorgeholt und die
ganze Bevlkerung lebt 8 Tage lang nur ihrem Vergngen. Beim _nangei_
herrscht auch keine Verbotszeit, fremde Gste sind im Gegenteil bei
den Festen sehr willkommen. Alle wichtigen Familienereignisse, welche
das Herrichten einer Festmahlzeit erfordern, werden in dieser Zeit
des Wohllebens gefeiert: alle im Laufe des Jahres geborenen Kinder
erhalten nun ihren endgltigen Namen; die bis dahin verschobenen
Hochzeiten finden nun statt.

Die _adat_ hat Jungverheirateten brigens fr die ganze Zeit vor dem
gemeinsamen Neujahrsfeste so viel Verbotsbestimmungen vorgeschrieben,
dass junge Leute, schon um allen diesen Unbequemlichkeiten in den
Flitterwochen zu entgehen, erst kurz vor dem Neujahrsfest heiraten.

Begreiflicher Weise wurde im langen Kajanhause bereits lange vor
dem Feste von nichts anderem als von den kommenden Tagen gesprochen,
und mancher opferte viele Mass Reis, um von den Malaien noch etwas
besonders Schnes zur Ergnzung seiner Festkleidung zu erhandeln.

In grossen Mengen wurde alles, was fr die Mahlzeiten und religisen
Handlungen erforderlich war, aus Wald und Feld zusammengebracht;
die Mnner holten in Bten Brennholz und frischen Bambus herbei, die
Frauen gingen gebckt unter der Last grosser Krbe mit Bananenblttern,
welche als Unterlage fr den zu stapelnden Reis und als Material fr
die _pemali_ dienen sollten.

Am 2. Juni wurde es Ernst: aus der Wohnung des Huptlings, der die
ganze Leitung und die Hauptkosten des Festes auf sich zu nehmen hatte,
zogen 4 Mann aus, um einen Fruchtbaum zu fllen und 4 Planken daraus
zu hacken, welche den Priestern bei den heiligen Handlungen als Diele
(_tasu nangei_) dienen sollten.

Diese 2,5 m langen Bretter tragen an den beiden zugespitzten Enden
roh geschnitzte Menschenfiguren und werden von dem Huptling bis
zum folgenden _dangei_-Fest, wo sie durch andere ersetzt werden,
aufbewahrt.

Die _dajung_, welche ber die ganze Dauer des Festes Gste der
Huptlingsfamilie sind, zogen, zehn an Zahl, bereits am Vorabend des
_nangei_ in die Wohnung _Akam Igaus_ und verkndeten den Geistern
aus _Apu Lagan_, dass das Neujahrsfest angebrochen sei.

Als Willkommgruss und zur Anlockung der Geister hatte man vor dem
noch geschlossenen Dachfenster (_huwabw_) in der Huptlingswohnung
ein Bambusgefss mit Esswaren befestigt und darunter alte Schwerter
und Speerspitzen aus dem sehr geschtzten Eisen vom Balui oder Batang
Rdjang, von wo die Kajan es in frheren Zeiten mitgebracht hatten,
aufgehngt. Aber nicht nur der Huptling bereitete den Geistern einen
festlichen Empfang, sondern aus allen Wohnungen der Wohlhabenderen
wurden Tragkrbe mit kostbaren Gegenstnden geholt und neben einander
vor dem Fenster niedergesetzt, wo sie whrend der ganzen Festdauer
verblieben.

Meine alte Freundin _Usun_ gab jedesmal an, bei welcher Familie
ein solcher Korb geholt werden musste; sie schien aber trotz ihrer
priesterlichen Wrde profane Empfindungen nicht ablegen zu knnen. Sie
lebte nmlich mit einer ihrer Nachbarinnen, _Anj Do_, in Unfrieden,
weil diese ihr im Handel mit religisen Gegenstnden mir gegenber
stark Konkurrenz machte, und suchte sich jetzt dadurch an ihrer
Feindin zu rchen, dass sie deren Korb nicht holen liess. _Tipong
Igau_ jedoch durchschaute den Gemtszustand der Alten und kam ihrem
Gedchtnis zu Hilfe, so dass auch _Anja Do_s Korb zu seinem Rechte
gelangte und wie die brigen von den Frauen bei Fackellicht und unter
Beckenschlag in die _amin_ des Huptlings getragen wurde.

Nachdem alle Krbe mit ihren Herrlichkeiten beisammen waren,
bedeckten sich die Priesterinnen die Brust mit einem Tuche, ffneten
das Dachfenster und hielten alle gleichzeitig an die Geister von
_Apu Lagan_ eine lange Ansprache, bei der _Usun_ immer den Anfang
machte. Das Gleiche geschah aussen auf der Galerie unter dem zweiten,
ebenfalls geffneten Dachfenster. Die Bedeutung dieser Rede war die,
dass  die guten Geister von _Apu Lagan_, angelockt durch alles Schne,
das man ihnen in den Krben zum Opfer brachte (natrlich nur zum
Schein), den Bitten der _dajung_ Gehr geben und durch das geffnete
Fenster in die Wohnung des Huptlings eintreten und whrend der ganzen
Festzeit im Stamme verweilen sollten.

Hierauf begannen die Priesterinnen um eine Kriegsmtze und
einen Kriegsmntel, die sie mitten auf eine Matte gelegt hatten,
herumzulaufen; leider konnte ich wegen des stndigen Schlagens auf
kupferne Becken nichts von ihrem Gemurmel verstehen.

Am 3. Juni fand das eigentliche Fest statt. Die Frauen begannen
beizeiten fr eine gengende Menge Klebreis zu sorgen, der
in gedrrter Form als _kertap_, mit oder ohne Palmzucker, mit
geruchertem _tapa_ als Zuspeise, eines der beliebtesten Gerichte
bildet. Die Mnner beschftigten sich inzwischen mit dem Aufrichten
des _djehe nangei_ (Neujahrspfahl), den sie aus einem Fruchtbaum
hergestellt hatten. Hierbei verfuhren sie folgendermassen: sie gruben
auf dem Platze vor der Huptlingswohnung ein Loch, in welches die
Priesterinnen Reis, Fisch und Hhnerfleisch legten. Um diese Grube
legten sie die vier _tasu nangei_ als Diele fr die Priesterinnen,
die whrend der heiligen Handlungen den Erdboden nicht berhren
durften. Nachdem die Oberpriesterin acht Mal (der heiligen Zahl
entsprechend) um die anderen, die zusammengedrngt ebenfalls auf den
Brettern standen, herumgelaufen war, fing sie durch eine Bewegung
mit einem Stck weissen Kattuns eine Seele, wahrscheinlich die des
Fruchtbaumes, warf sie schleunigst in die Grube und schloss diese
mittelst eines mit Bananenblttern berzogenen Rotangringes von der
Grsse der Grubenffnung; das Blatt hatte sie zuvor mit einem alten
Schwerte durchstossen.

Unterdessen liess eine zur Seite kauernde _dajung_, um die Geister
auf die wichtige Handlung aufmerksam zu machen, zwei Bambusstbe
rhythmisch auf eine Matte niederfallen. Bei den Tnen dieses _tekok_
berichtete die Priesterin den Geistern von den Festplnen ihres
Stammes, von seinen Nten und Wnschen. Die zwei mnnlichen Priester
hoben hierauf das Bumchen, stellten es mit dem Gipfel voran in die
Grube und pflanzten es fest, so dass seine etwas bekappten Wurzeln
3-4 m ber dem Boden zu stehen kamen. Zu diesem Bumchen fgten
andere Mnner, in gleicher Reihe und in gleichen Abstnden, noch
7 andere Bumchen hinzu und pflanzten dann eine zweite Reihe von
8 Bumchen dieser gegenber, in ungefhr 1 1/2 m Entfernung. Beide
Reihen wurden auf halber Hhe durch kleine Querbalken mit einander
verbunden. An allen Bumchen hatte man, etwas unterhalb der Wurzeln,
eine Flche mit 8 Einschnitten, deren Bedeutung mir unbekannt geblieben
ist, angebracht. Auf die Querbalken wurden vier weitere Balken und
auf diese die vier Bretter (_tasu nangei)_, die vorher den Boden
bedeckten, gelegt; so entstand oben, zwischen den zwei Reihen Pfhlen,
ein gedielter Raum. Das ganze Gerst war so gestellt worden, dass man
mittelst einer Treppe bequem aus der Huptlingswohnung in diese kleine
Kammer gelangen konnte. Die Wnde der Kammer wurden mit meterlangen,
kunstvoll hergestellten Sphnen aus besonderem Fruchtbaumholze gefllt
und der Raum schliesslich mit Bambuszweigen leicht beschattet. Zum
Schluss wurde das Opfergerst, _dangei_ genannt, noch an den vier
Seiten durch gekreuzte Balken gesttzt und stand jetzt fix und fertig
da. So bleibt das Gerst nicht nur whrend der ganzen Festzeit,
sondern auch whrend des ganzen folgenden Jahres stehen, bis Wind
und Wetter es zum grssten Teil zerstren und  sein Nachfolger es
beim nchsten _nangei_ vllig verdrngt.

Nachmittags wurde unter dem _dangei_, bei dem zuerst errichteten
Pfahl, ein gleicher _pelale_ (Opfergestell), wie der auf dem
geweihten Reisfelde beim Saatfest, aufgestellt, diesmal mit weniger
_kawit_. Statt dessen opferte man gegen 4 Uhr ein Ferkel, befestigte
es an einem Querbalken und liess es dort hngen, bis es verweste.

Auch jetzt brachten die Mtter ihre Kleinen zum _pelale;_ zuerst
erschienen die zwei ltesten Enkelkinder des Huptlings, der
jngste auf seinem Tragbrett, schn geputzt mit einem Kopftuch aus
chinesischer Seide; ebenso schn gekleidet war das junge Mdchen,
das die _hawat_ auf dem Rcken trug. Der andere Enkel wurde, als
zu gross, nur durch seine _hawat_ vergegenwrtigt, deren heilsamen
Einfluss man spter auf die bliche Weise auf ihn bertrug, indem
man seinen Zeigefinger in einer am Tragbrett hngenden Schlinge
hin- und herbewegte (_njina)_. Die beiden Trgerinnen der _hawat_
hatten, wie beim Saatfest, den von den vielen Opfergaben am _pelale_
ausstrmenden guten Einfluss in den Schlingen aufgefangen, um den
_bruwa_ der Knaben etwas Angenehmes zu erweisen.

Nach Sonnenuntergang fand fr alle, die augenblicklich in der _amin_
des Huptlings wohnten, also fr Familienglieder im engeren Sinne,
Leibeigene und Priesterinnen, eine gemeinsame _mela_ statt. Hinter
ein ander begaben sich erst Mnner, dann Frauen, dann Leibeigene
und zuletzt die _dajung_ von der Galerie des Hauses auf die kleine
Plattform des _dangei_, auf der eine Priesterin mit einem alten
Schwerte stand. Die betreffende Person, mit der die _mela_ vorgenommen
wurde, stellte einen Fuss auf einen alten Gong und die Priesterin
bestrich ihren Arm von oben nach unten mit dem Schwerte. Je lter und
vornehmer die Person war, desto lnger wurde sie gestrichen. Alle
hatten sich fr diese Gelegenheit besonders schn gekleidet; die
_dajung_ trugen ihre hbschen Brusttcher umgeschlungen. Als die _mela_
mit ihnen selbst vorgenommen wurde, setzten sie sich eine Kriegsmtze
aufs Haupt, die vorn mit dem Kopfe des Rhinozerosvogels und hinten
mit dessen Schwanzfedern geschmckt war. Den Priesterinnen wurden
hauptschlich Handflchen und Fusssohlen gestrichen. Zuletzt nahm
auch die diensttuende _dajung_ auf dem Gong Platz und liess sich von
einer anderen streichen.

Am Morgen des 4. Juni erklangen vom _dangei_ herab wiederum die
Tne des _tekok_, unter denen eine _dajung_ den Geistern ungefhr
3/4 Stunden lang erzhlte, wer die Kajan eigentlich seien, von wem
die Huptlingsfamilie abstamme, was der Stamm in dem betreffenden
Augenblick vornehme und was er sich wnsche. Auch mit der Zchtigung
der Batang-Lupar, der Erzfeinde der Kajan, wurden die Geister
beauftragt. Die ganze Erzhlung wurde in Reimform in singendem
Tone vorgetragen, wobei das Reimwort lange Zeit die gleiche Endsilbe
behielt. An den folgenden Festtagen wiederholte die Priesterin morgens
und abends das _tekok_.

Unterdessen herrschte auf der Galerie reges Leben; die jungen Mdchen
stampften Klebreis und fanden whrend des Entspelzens und Beutelns
der Reiskrner immer noch Zeit, auf die in der Nhe zuschauenden
Jnglinge Geschosse aus Mehl und Wasser abzufeuern. Natrlich wurden
diese Angriffe seitens der jungen Mnner mit frhlichen Racheakten
beantwortet. Einige sehr ausgelassene junge Mdchen hatten sogar ein
kleines Boot auf die Galerie heraufgetragen, um es als Wasserfass zu
bentzen, und machten den Vorbergehenden, besonders uns bekleideten
Europern, den Weg sehr unsicher.

Das Mehl wurde in der Galerie vor der Huptlingswohnung auf einen
Haufen geschttet und ein Teil desselben von Knaben mittelst breiter
Pandanusbltter in dreieckige Pckchen gebunden und ebenfalls in
Dreieckform auf dem Boden aufgestapelt. Nachdem der Vorrat fr gengend
erachtet worden war, traten die Priesterinnen nach ihrer Altersfolge
aus der Huptlingswohnung auf die Galerie, fassten einander bei der
Hand und bildeten einen Kreis um den Mehlhaufen. _Usun_ stand dabei
vor den Mehlpckchen, ber welche hin sie wiederum eine _mela_ vornahm:
die Glieder der Huptlingsfamilie reichten ihr der Reihe nach ber dem
Haufen Mehlpckchen hin die Hand, die sie mit ihrem alten Schwerte
berhrte. Dann kamen die Leibeigenen und kleinen Kinder, voran die
beiden Enkel des Huptlings, wiederum von jungen Mdchen getragen, an
die Reihe. Schliesslich traten auch die Mtter der brigen Familien mit
ihren Kleinen heran; diejenigen, deren Kinder bereits zu gross waren,
um getragen zu werden, brachten deren alte Tragbretter in die Nhe
des Mehlhaufens, um dessen segensreichen Einfluss aufzufangen. Auch
die Priesterinnen selbst liessen zum Schluss die _mela_ mit sich
vornehmen. Alle Anwesenden bekamen einige Mehlpckchen mit nach Hause,
der Rest wurde unter der Huptlingsfamilie und den _dajung_ verteilt.

Bei dieser Gelegenheit wurden auch die im Laufe des Jahres geborenen
Kinder zum ersten Mal ffentlich gezeigt; sie wurden, wie die
Huptlingskinder, von jungen Mdchen auf dem Rcken getragen. Abends
gaben die Mtter den Kleinen zu Ehren ein Familienmahl.

Der Vormittag des 5. Juni verlief nach dem _tekok_ des Morgens sehr
still. Erst gegen 2 Uhr mittags ertnte der Gong der Priesterinnen,
als Zeichen, dass wieder etwas Besonderes vor sich gehen sollte;
ich eilte daher aus meiner Htte in die Wohnung des Huptlings, wo
die _dajung_ mit dem Verfertigen ihrer _pemali_ beschftigt waren,
was stundenlang dauerte.

Nachdem die grsste Hitze vorber war, wurde den grsseren Kindern
ein Fest gegeben; die kleinen, ungefhr 6 Jahre alten Mdchen trugen
jetzt zum ersten Mal einen kleinen, leeren, mit _kawit_ versehenen
Reiskorb (_ingan);_ sie zeigten sich hie und da auf der Galerie,
schienen aber beim Eintritt in die neue Lebens- und Arbeitsperiode
recht verlegen zu sein.

Abends ging es in der Galerie besonders feierlich zu: Priester
und Laien fassten sich an der Hand und schritten langsam um
eine Bambusmatte, auf der wiederum die priesterliche Kriegsmtze
(_haung lali_) und ein Stck Zeug lagen, herum. Die alte _Usun_
marschierte mit unbedecktem Oberkrper, aber schnem Rckchen, voran,
die anderen Priesterinnen folgten mit bedeckter Brust, ausser den
beiden jngsten, die ihre zweijhrige Lehrzeit noch nicht hinter
sich hatten; diese trugen ein langes, rotes Gewand, das vorn und
hinten gerade herunterhing und in der Mitte eine ffnung fr den
Kopf frei liess; ihre Rckchen hatten, zur Unterscheidung von den
anderen, ein weisses Feld. Die _dajung_ leiteten den Rundgang ein,
bis allmhlich immer mehr junge Mnner und Frauen herbeikamen und,
erst mit Zeugstreifen zwischen einander, spter ohne diese, sich in
den Kreis fgten. Die schliesslich ermdeten Priesterinnen liessen
sich jetzt abwechselnd auf der Matte nieder.

Sowohl Priester als Laien stimmten whrend des Rundganges (_nangeian_)
halb rezitierend, halb singend, ein geistliches Lied an; _Usun_
sagte die Verse, die brigen wiederholten den Refrain. Nach einigen
Stunden stellten sich die Laien lngs den Wnden der Galerie auf, um
die Beseelung der jngsten _dajung_ zu beobachten. Die Betreffende
stand zu diesem Zwecke vor der Matte und hielt eine Art Kette fest
(_alan to_ = Geisterweg), lngs welcher der Geist zu ihr herabkommen
sollte. Neben ihr stand eine der ltesten Priesterinnen, um sie in
die Geheimnisse ihrer Wissenschaft einzuweihen, whrend _Usun_,
die Kriegsmtze auf dem Kopfe, deklamierend und tanzend um sie
herumlief; zu beiden Seiten fhrten mnnliche _dajung_ Kriegstnze
auf. Wahrscheinlich hatten diese letzten Vorstellungen den Zweck,
bse Geister abzuwehren. Die Szene dauerte nur eine Viertelstunde,
worauf die Laien ihren Marsch bis nach 1 Uhr nachts fortsetzten. In
den Familien mit Tuflingen herrschte bis in den Morgen frhliches
Beisammensein.

Der 6. Juni war fr Priester und Priesterinnen ein Tag der Erquickung;
denn bis jetzt hatten sie unter allerhand Verbotsbestimmungen, von
denen nicht baden und kein Wasser trinken zu drfen die schlimmsten
waren, geschmachtet. An diesem Tage war es den Priestern endlich
erlaubt, ihren auswendigen Menschen durch ein Bad zu erquicken; den
inwendigen erfrischte ich ihnen bereits seit mehreren Tagen, indem
ich in ihre Wasserflaschen einige Tropfen Salzsure goss, wodurch,
nach Auffassung der _dajung_, das Wasser so verndert wurde, dass
sie es mit reinem Gewissen trinken konnten. Nach den grossen Mengen
so prparierten Wassers, die von mir verlangt wurden, liess sich die
Grsse des priesterlichen Durstes bemessen.

Nach dem _tekok_ des Morgens folgte der Glanzpunkt des Festes--die
Opferung der Schweine. Zuerst begann unter dem Hause eine Jagd nach
den frei herumlaufenden Tieren- der Huptling lieferte deren fnf;
jede Familie, in der ein kleines Kind bei diesem Neujahrsfest einen
Namen erhielt, lieferte eines.

Als ich mich bald nach dem Ertnen des priesterlichen Gongs auf die
Galerie begab, fand ich die Schweine des Huptlings gebunden neben
einander niedergelegt und die Priesterinnen vor den Tieren knieend,
die sie in Geistersprache den Bewohnern von _Apu Lagan_ als Opfer
anboten. Hinter den Opfertieren, schrg unter dem Galeriefenster
und dem als Geisterweg dienenden Rotangseil vom vorigen Tage, hatte
man aus 4 senkrechten und 4 horizontalen Hlzern ein Gerst (_lasa_)
aufgestellt und dieses mit schnen Stoffen, einem Kriegsmantel und
einigen Grteln aus alten Perlen, alles Opfergaben des Huptlings,
behngt; ebenfalls Opfergaben waren die schnen kupfernen Gonge am
Fusse des Gerstes. Durch symbolische Gegenstnde (_pemali_) in einem
danebenstehenden Korbe suchten die Priesterinnen den Geistern die
Wnsche des Stammes zu erkennen zu geben.

Die Priesterinnen begannen nun, um das Opfergerst langdauernde Tnze
auszufhren, die, besonders da sie bei Tageslicht stattfanden, viel
Interessantes boten.

Smmtliche Priesterinnen beteiligten sich an dem Tanze; jede deutete
durch ihre Bewegungen den Geistern droben das Darbringen der Opfer
auf dem Gerst und der fnf Schweine an. Erst schmckte sich die
oberste Priesterin, dann jede der brigen mit dem Kriegsmantel aus
Pantherfell und der Kriegsmtze, whrend zu beiden Seiten zwei
mit Schwertern bewaffnete Priester, zur Abwehr bser Geister,
Kriegstnze auffhrten. Hie und da vernderten die Priesterinnen
den Charakter ihrer Bewegungen; sie zeigten viel Individualitt
beim Tanze und nach der Art seiner Ausfhrung liess sich die Hhe
der erreichten priesterlichen Entwicklung bemessen. Nur den drei
obersten Priesterinnen: _Usun, Tipong Igau_ und einer gewissen
_Uniang_ gelang es, durch Pantomimen das Anbieten der Opfer an die
Himmelsbewohner wirklich verstndlich auszudrcken. _Usun_, mit einer
Speerspitze tanzend, erweckte den Eindruck, als wolle sie mit ihr
das ganze Opfergerst den Geistern droben entgegenreichen. _Tipong_
dagegen fhrte einen ruhigen Tanz aus, mit geflligen Bewegungen die
Seelen der Opfer auffordernd, himmelwrts zu steigen. Ihre korpulente
Gestalt bewegte sich dabei mit bewundernswerter Weichheit, welche
die anderen; gnstiger Gebildeten, bei weitem nicht erreichten. Diese
sprangen und hpften unbeholfen um die Opfer herum und verstanden nur
selten Ausdruck in ihre Bewegungen zu bringen. Einige Priesterinnen
liessen sich sogar, um recht deutlich zu sein, zu den absonderlichsten
Vorstellungen verleiten. Whrend z.B. _Tipong_ sich zu den nahebei
liegenden Opfertieren beugte, scheinbar einen Teil von ihnen ergriff
und mit einigen Bewegungen in die Hhe schwang, gingen andere,
in der Meinung, dass eine bloss symbolische Bewegung nicht genge,
hpfend, mit der Kriegsmtze auf dem Kopfe, auf die Schweine zu,
packten das kleinste an den Hinterbeinen und trugen das quiekende
Tier, mit Anspannung aller Krfte, im Tanzschritt zum Opfergestell
und wieder zurck. Zum Schluss wurde auch _Tipong_ zu grsserer
Lebhaftigkeit hingerissen, schttelte einige Male das Gestell,
bestieg es sogar und bewegte es hin und her, um die Seelen der Opfer
hinaufsteigen zu lassen. Im allgemeinen waren die Bewegungen bei
diesen Tnzen viel lebhafter als bei denen der Javaner und erforderten
grosse Kraftanspannung; die alte _Usun_ leistete in dieser Beziehung
Bewundernswertes.

Die Priesterinnen wurden jetzt von jungen Mnnern und Frauen abgelst,
welche mit dem gleichen Gesang wie am vorhergehenden Tage den Tanz
um das Opfergerst in ruhigerer Weise bis zum Abend fortsetzten. Man
hatte sich fr diesen Tanz besonders schn geschmckt; die Mnner mit
prchtigem Kopf- und Lendentuch und einer Art _selendang_ (langer,
schmaler, malaiischer Schal) als Bandelier um die Schultern. Auch die
Frauen trugen derartige Schale und zwar in der Weise, wie es im vorigen
Kapitel beschrieben worden ist. Beinahe alle hatten Elfenbeinarmbnder
und Fingerringe angelegt; ausserdem hatten sie sich fr diese festliche
Gelegenheit Augenbrauen und Wimpern besonders sorgfltig ausgezogen.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit schlachteten die Mnner die Schweine
und zwar auf der Galerie vor der Tr der verschiedenen Wohnungen; sie
schnitten ihnen jedoch nicht, wie die Ulu-Ajar Dajak, den Hals durch,
sondern schchteten sie. Da man das Schreien der Tiere nicht gern
hrte, hatte man ihnen nicht nur die Schnauze zugebunden, sondern hielt
diese ausserdem noch fest. Der lteste, ungefhr zehnjhrige Enkel des
Huptlings machte den Anfang beim Schlachten; man gab ihm ein Messer
in die Hand, welche von einem lteren Manne gefhrt wurde. Auch in den
Wohnungen der Familien mit Tuflingen wurden die Opfer geschlachtet,
worauf man ihnen den Bauch durch einen Querschnitt ffnete, um zu
sehen, ob die Unterseite der Leber hell oder dunkel war, d.h. ob sie
eine gnstige oder ungnstige Farbe zeigte und ob die Gallblase und
andere Teile durch ihr normales gegenseitiges Verhalten dem Kinde
eine gute Zukunft versprachen.

Ebenfalls auf der Galerie versengte man den Tieren in hochflammendem
Feuer die Borsten, weidete sie aus und zerstckelte sie, was bei der
inzwischen hereingebrochenen Dunkelheit einen sehr phantastischen
Anblick bot. In der darauf folgenden Nacht durften sich weder
Mnner noch Frauen zur Ruhe begeben, obgleich der Tag fr alle sehr
anstrengend gewesen war.

Nicht minder anspannend war der folgende Tag, genannt "_aron uting_" =
"Festtag des Schweinefleischessens", an dem der Huptling bereits frh
morgens im Freien in grossen, eisernen Kesseln das Schweinefleisch
kochen liess.

Das _tekok_ datierte diesmal besonders lange. Die Mtter fingen
an diesem Morgen mit ihren Tuflingen einen Rundgang durch alle
Wohnungen an, um sie bei allen Hausbewohnern als neue Stammesglieder
vorzustellen. Die Kinder wurden dabei wieder von schn geputzten und
mit dem geweihten Hut geschmckten jungen Mdchen in ihren _hawat_
auf dem Rcken getragen, begleitet von den ebenso schn gekleideten
Mttern, welche zwei geweihte Bambusgefsse mit Wasser und eine
Klapper fr eine _mela_ in die Wohnung des Huptlings trugen; von
dort aus begaben sie sich zu allen brigen Hausbewohnern.

Auch aus der Wohnung des Huptlings begann jetzt ein Kinderauszug:
voran gingen die beiden Enkel, gleich hinter ihnen wurden die in
der _amin_ im verflossenen Jahre geborenen Kinder der Leibeigenen
von ihren Mttern getrgen. Zwar waren die Huptlingskinder bereits
viel zu alt fr den Umzug, aber als Shne des Huptlings mussten
sie ihn noch etliche Jahre mitmachen. Dem ltesten, _Ting_, wurde
von einem Mdchen ein winziger Schild und ein hlzernes Schwert
nachgetragen. Eine Sklavin begleitete den Zug mit einem Gong.

Mittags wurde, nachdem man aus gekochtem Schweinefleisch und Klebreis
gesonderte Pckchen gebunden und diese in Dreieckform auf der
Galerie aufgestapelt hatte, in gleicher Weise wie frher, mit allen
Familiengliedern des Huptlings und den Mttern, welche ihrer Tuflinge
wegen den Geistern geopfert hatten, eine _mela_ vorgenommen, genannt
"_mela uting_" = "Seelenberuhigung durch Schweinefleisch". Nach der
heiligen Handlung erhielt jeder wiederum seinen Anteil an den Pckchen
mit nach Hause. Der grosse Festtag verlief, wahrscheinlich wegen des
tags zuvor erfolgten Todes eines kleinen Kindes, sehr ruhig. Die Kajan
behaupteten zwar, Arak getrunken zu haben, ihr stilles, besonnenes
Betragen und die nur zwei Tage lang dauernde Bereitung des Trankes
sprachen aber mehr dafr, dass sie Zuckerwasser genossen hatten.

Vor der "_mela uting_" hatte ich noch einem interessanten Ringkampfe
(_pajow_) der jungen Mnner beigewohnt. Bereits einige Tage zuvor
hatten sich die Jnglinge hie und da mit einander gemessen, jetzt waren
alle auf der Galerie versammelt und ein Paar nach dem anderen betrat
den Ringplatz. Die Kmpfer waren nur mit dem Lendentuch bekleidet,
das sie straff anzogen, um dem Gegner einen festen Angriffspunkt zu
bieten. Die Partner umfassten einander, packten sich gegenseitig hinten
am Grtel fest und suchten einander emporzuheben und rcklings auf den
Boden zu werfen. In Anbetracht, dass ein Fall auf die Eisenholzbretter
nicht ungefhrlich war, suchten einige Mtter ihre Shne von dem
gefhrlichen Spiele abzuhalten. In Gegenwart der Kameraden blieben
diese mtterlichen Mahnungen leider erfolglos, und so mancher hatte
bereits mit heftigem Anprall den Boden berhrt, als ein stmmiger
Sklave als Sieger des Tages hervorzugehen schien. Dem jungen Manne
waren die vielen Siege so zu Kopfe gestiegen, dass er nach seinem
letzten Triumph mit herausfordernden Gebrden einen lauten Juchzer
erschallen liess. Auch bei den Kajan kommt Hochmut vor dem Fall:
einer der bis dahin unbeteiligt gewesenen Zuschauer betrat jetzt den
Kampfplatz. berlegen durch seine frischen Krfte und durch seinen
ansehnlicheren Wuchs, gelang es ihm bald, seinen Partner vom Boden zu
erheben und ihn, den rechten Arm gesttzt auf das rechte Knie, in die
Hhe zu halten. Auf dem gleichen Bein hatte der zappelnde Gegner aber
einen Sttzpunkt fr seine Fsse gefunden und so wurde das Umdrehen
nicht leicht. Mit Anspannung aller Krfte gelang es dem Neuen endlich,
den hochmtigen Helden mit hartem Aufschlag zu Boden zu werfen. Die
gebruchliche Revanche brachte dem Besiegten keinen besseren Erfolg.

Am 8. Juni wurde der "_aron kertap_" = "Festtag des Klebreisessens"
gefeiert; er begann wieder mit einer _mela_, nach welcher diesmal
Pckchen mit Reis und Klebreis ohne Schweinefleisch verteilt wurden.

Abends war es, wegen des Todes des kleinen Kindes, sehr still im
Hause; man begrub es, um das Fest nicht durch Trauerfeierlichkeiten zu
unterbrechen, erst nach beendetem Fest. Die eigene Mutter hatte den
Heimgang des kleinen Kranken nach _Apu Kesio_ dadurch beschleunigt,
dass sie ihn morgens beim Rundgang zur _mela_ mitgenommen hatte.

Der 9. Juni bildete den letzten Festtag. Acht _dajung_ begaben sich
morgens auf die kleine Plattform des _dangei_, bildeten einen Kreis,
reichten einander die Hnde und begannen gemeinsam im Tonfall des
_tekok_ eine Ansprache an die Geister; der Rhythmus wurde dabei durch
Bewegen der Hnde angegeben. Nachdem sie sich ber eine Stunde lang
von der warmen Sonne hatten bescheinen lassen, brachte man ihnen einen
geschlossenen Korb (_ingan)_, in dem sich verschiedene _kawit_, acht
aneinander gereihte Eierschalen und einige Kchlein befanden. _Usun_
ffnete den Korb und begab sich mit ihm nach einer Ecke des _dangei_,
in welcher tglich auf einem trichterfrmig gespaltenen Pflanzenstengel
Esswaren fr die Geister niedergelegt wurden, und forderte diese auf,
in den Korb berzugehen. Der Korb wurde darauf geschlossen und von
den Priesterinnen in die _amin_ des Huptlings getragen.

Nach einer kleinen Erholung und einem krftigen Trunk von dem von mir
prparierten Wasser versammelten sich die _dajung_ auf der Galerie,
legten acht unverletzte Bananenbltter auf und neben einander auf
den Boden und stapelten darauf die Esswaren, welche sie aus dem
erwhnten Korbe hervorgeholt hatten. Durch Auseinanderschieben der
Schindeln hatte man zuvor eine ffnung im Dache hergestellt. Wiederum
murmelten die Priesterinnen eine Zeitlang ber dem Haufen, bildeten
ihren phantastischen Kreis und begannen, wie frher, zuerst mit den
Gliedern der Huptlingsfamilie, dann mit den Mttern und kleinsten
Kindern eine _mela_ vorzunehmen Darauf verteilten sie einen kleinen
Teil der _kawit_, Eierschalen und Kchlein an die Teilnehmer.

Es folgte jetzt eine Szene, die mich aufs lebhafteste interessierte
aus der _amin_ des Huptlings wurde eine Sammlung alter _hawat_ und
geweihter Hte herausgetragen. Die Tragbretter und dann auch die Hte
wurden ehrfurchtsvoll ber dem Haufen Opferspeisen hin- und herbewegt
und dann ins Haus zurckgetragen. Jetzt durften auch die gewhnlichen
Kajanfrauen mit ihren alten _hawat_ und Hten herantreten und den
wohlttigen Einfluss der Opfergaben auffangen. Diese Zeremonie bot
mir die seltene Gelegenheit, die alten, ehrwrdigen Familienstcke
zu sehen, die mir einen Begriff von der frheren Kunstfertigkeit der
Kajan gaben. Es lagen auf den _hawat_ noch Zeugstcke, die frher
von den Kajan mit hnlichen Figuren bemalt worden waren, wie man sie
jetzt in den Webearbeiten der Batang-Luparstmme findet; derartige
Arbeiten werden lngst nicht mehr von den Kajan ausgefhrt. Diejenigen,
die diese Tragbretter und Hte einst bentzt hatten, waren entweder
lngst gestorben oder bereits betagte Leute; so wurde z.B. auch _Akam
Igaus_ Kindertragbrett hervor geholt. Augenscheinlich sollte die neue
Weihe, die die _hawat_ empfingen, rckwirkend noch auf die Seelen
der Verstorbenen und Betagten einen guten Einfluss ben. Kaum hatten
sich die Priesterinnen entfernt, so suchte jeder noch etwas von dem
Rest der Opferspeisen zu erwischen.

Die offizielle Schlussfeier des ganzen Festes erfolgte vor dem Hause
beim _dangei_, wo man den Erdboden, den die Priesterschaft auch jetzt
nicht berhren durfte, mit den Brettern des _tasu nangei_ belegt
hatte. Wiederum waren alle aufs schnste gekleidet. Mit Kriegsmtze
und Kriegsmantel geschmckt umkreiste _Usun_ etliche Male tanzend den
Fuss des _dangei_ und fhrte mit ihrem alten Schwerte Bewegungen aus,
als wollte sie den ganzen _dangei_ gen Himmel heben. Die brigen
Priesterinnen, von denen die ltesten gleich wie die mnnlichen
Priester mit Speeren bewaffnet waren, untersttzten _Usun_s Bemhungen
und wehrten, indem sie in die Luft schlugen und stachen, ausserdem die
bsen Geister ab, die ihre Handlungen stren konnten. Die Priesterinnen
setzten ihren Tanz bis gegen Mittag fort, dann aber verschwand,
von der jngsten beginnend, die eine nach der anderen. Schliesslich
waltete nur noch die alte _Usun_ ihres heiligen Amtes und verliess den
Tanzplatz erst, nachdem die Sonne ihren Hhepunkt bereits erreicht
hatte. Nach drei anstrengenden Tagen durften die _dajung_ nun zum
ersten Mal wieder ihr wohlverdientes und heissersehntes Bad nehmen.

Abends sollte wiederum ein _nangeian_ um das Opfergerst, das
in gleicher Weise wie frher (pag. 177) aufgestellt worden war,
stattfinden. Die Huptlingsfamilie begann sich gegen 6 Uhr abends
auf den Rundgang, der nach alter Sitte bis zum Anbruch des folgenden
Tages dauern musste, vorzubereiten, indem sie auf der Plattform des
_dangei_ ein symbolisches Bad nahm. Die Familienglieder und darauf
auch die _dajung_ wurden der Reihe nach, den Fuss auf einen alten Gong
gesttzt, mit Weihwasser aus einem Bambusgefss bergossen. Unter den
Tnen eines Gongs wurden gleichzeitig alle Speiseabflle, welche von
der Herstellung der _pemali_ brig geblieben und bis jetzt sorgfltig
bewahrt worden waren, in grossen Krben von der Hhe des _dangei_
herabgeworfen.

Gegen 9 Uhr abends erklngen die Gonge von neuem, als Zeichen,
dass die Priesterinnen den _nangeian_ mit Singen und Tanzen begonnen
hatten; sie setzten den Rundgang fort, bis der Zustrom der Laien so
gross geworden war, dass sie von diesen abgelst werden konnten. Die
Beteiligung am _nangeian_ war jetzt eine viel regere als frher;
selbst bejahrtere Personen scharten sich in den Kreis der Jungen und
stimmten in den eintnigen aber melodischen Gesang ein. Alle hatten
ihre schnsten Festkleider angetan; die Frauen trugen ausserdem
ihre prchtigen Schale und die Mnner ihre Schwerter. Unterdessen
hockten die Priesterinnen auf einer Matte und unterhielten sich mit
Betelkauen und Singen, bis die Reihe an sie kam, unter verstrkter
Begleitung der Gonge wieder in den Kreis einzutreten. Auf uns Fremde
machte die ganze Zeremonie, des schlichten Ernstes wegen, mit dem
sie vorgenommen wurde, einen feierlicheren Eindruck, als wir ihn in
dieser seltsamen und ungewohnten Umgebung erwartet htten.

Bis zur Dmmerung setzten alle unermdlich den Rundgang fort. Nachdem
ich mich zur Ruhe begeben hatte, wurde ich stets wieder durch ein
besonders starkes Einsetzen der Gonge geweckt.

Bei Tagesanbruch erschallte aus der Huptlingswohnung lauter
Gesang. Auf den Schluss des Festes begierig eilte ich nach oben und
fand alle Festteilnehmer in der noch dunklen _amin aja_ versammelt;
sie standen unter dem noch geschlossenen Dachfenster um die _dajung_
herum und stimmten unter deren Vorgang einen Gesang an, der an Ernst
und Feierlichkeit nichts zu wnchen brig liess. Nach beendigtem
Gesang zogen sich alle still in ihre Wohnungen zurck.

Der 10. Juni begann fr alle mit dem, nach den Anstrengungen der
letzten Tage, so ntigen Schlaf. Die Priesterinnen sollten erst nach
genossener Ruhe in ihre eigenen Wohnungen zurckkehren, wo sie noch 8
Tage lang nach Vorschrift leben mussten. Die aussergewhnliche Stille
auf der Galerie bentzten wir sogleich, um einige photographische
Aufnahmen zu machen.

Die Tr der Huptlingswohnung wurde zuerst photographiert. Da ich auch
gern eine Aufnahme von dem noch danebenstehenden _lasa_ gemacht htte,
fragte ich, allerdings mit wenig Hoffnung auf Erfolg, _Akam Igau_, ob
dies gestattet sei. Obgleich sehr aufgebracht, wagte er doch nicht,
nein zu sagen, und so machte ich denn von dieser halben Zustimmung
und dem Schlaf der noch aberglubischeren Frauen Gebrauch, um auch
von dem _lasa_ ein Clich anzufertigen.

Was ich jedoch gefrchtet, traf ein, denn bereits abends kam _Akam
Igau_ mit verstrtem Gesicht zu mir und erzhlte, dass unsere Aufnahmen
einen Sturm der Entrstung seitens der erwachten Priesterinnen auf sein
armes Haupt beschworen hatten. Da eine gnstige Stimmung der Kajan kurz
vor unserem Zuge zum Mahakam von der grssten Bedeutung wir, glaubte
ich den Huptling mit ein paar Dollar entschdigen zu mssen. Ob nun
die photographischen Aufnahmen oder dies Geldgeschenk beunruhigend
gewirkt hatte, weiss ich nicht, aber am folgenden Morgen erschienen
_Usun_ und _Tipong Igau_, setzten sich mit ernster Miene zu mir auf
den Boden und erklrten, dass bse Trume ihnen in der vergangenen
Nacht die Entrstung der Geister verkndet htten. _Tipong_ hatte
getrumt, dass man sie nach dem Ritus der Kajan in ihren Sarg gelegt
hatte; _Usun_, dass ihr Boot aufs Land gezogen war: beide Trume
deuteten auf ihren bevorstehenden Tod. Ich frchtete anfangs, dass
man die Vernichtung der Clichs verlangen wrde, aber ihr dajakisches
Gewissen zeigte sich zum Glck mit dem Bezahlen einer Busse zufrieden
gestellt. Mir gegenber wollte _Tipong_ jedoch noch Nachsicht ben
und verlangte daher eine Seelenberuhigung von nur 3 Dollar. So waren
die Schwierigkeiten beiderseits fortgerumt, aber ich rechnete in
Zukunft doch auf weniger kostspielige Aufnahmen.

Die Priesterinnen waren nach dem Fest, wie gesagt, noch nicht frei:
den ersten Tag mussten sie _melo bruwa_, (= ruhen fr die Seele); den
zweiten Tag begaben sie sich alle in grosser Gala mit Kriegsmtze und
Schwert aufs geweihte Reisfeld ans jenseitige Ufer, um die Verbotszeit
abzuwerfen (_bet lali_); am dritten Tage mussten sie wieder ruhen; am
vierten Tage versammelten sie sich wieder alle in der _amin aja_, wo
morgens und abends bei geschlossener Tr eine grosse _mela_ stattfand;
am fnften und sechsten Tage wurde wieder geruht.

Auch fr die brigen Bewohner war alles Aussergewhnliche in dieser
Zeit verboten. Als in diesen Tagen ein von der Regierung mit der
Impfung der Kajan betrauter Malaie aus Putus Sibau ankam, um hier
seines Amtes zu walten, liess sich keiner von ihm impfen, obgleich
man ihn selbst herbeigewnscht hatte. Erst einige Tage spter kamen
die Kajan, dann aber in Haufen heran.

Am siebenten Tage mussten die _dajung_ in Gruppen von vieren in der
eigenen Wohnung eine _mela_ abhalten, worauf am achten wieder ein
_melo_ folgte, nach welchem sie endlich ihr Armband der Verbotszeit
(_leku lali_) endgltig ablegen durften. Diese Armbnder bestanden
aus vier Reihen grosser, wertvoller Perlen, welche sie von der
Huptlingsfamilie als wichtigste Belohnung erhalten hatten.




KAPITEL IX.

    Fischreichtum des Kapuasgebietes--Fischereigertschaften--Fang des
    _tapa_--Fang mit _tuba_-Gift--Jagd--Hunde der Bahau--Ertrgnisse
    der Jagd--Vogelfang--Haustiere.


Die Bahau am Mendalam erfreuen sich, wie auch die anderen Stmme am
oberen Kapuas, eines grossen Fischreichtums ihrer Gewsser. Fische
bilden daher auch nach Reis ihr Hauptnahrungsmittel. Nicht nur der
Kapuas und seine Nebenflsse, sondern auch alle Seeen, die ihm ihr
Dasein verdanken, sind reich an Fischen. Der Fluss schlngelt sich
nmlich in zahlreichen Windungen durch das flache Land, verlegt bei
Hochwasser fters sein Bett, hier seinen eigenen Bogen abschneidend,
dort wiederum einen neuen bildend, und lsst als Folge hiervon zu
beiden Uferseiten zahlreiche Seeen von lnglicher Form zurck. Bei
Hochwasser, wenn ihnen die Flsse schwerer zugnglich sind, fischen
die Kajan vorzugsweise in diesen Flussseeen.

Die Kajan gebrauchen fr den Fischfang folgende Gertschaften die
Angel (_pese);_ das Schpfnetz (_hikp);_ das Wurfnetz (_djala);_
den Speer mit einer Spitze (_bakir);_ den Speer mit mehreren Spitzen
(_serapang_) und verschiedene Arten von Reusen; ausserdem fischen
sie mit Fischgift (_tuba_).

Die Angel und das runde Wurfnetz werden tglich gebraucht; jene
hauptschlich von Kindern und alten Mnnern, dieses von erwachsenen,
krftigen Mnnern.

Je nachdem, ob es sich um den Fang grosser oder kleiner Fische handelt,
gebrauchen die Bahau verschiedene Angelhaken. Die kleinsten stellen sie
mit einem Widerhaken aus Kupferdraht her. Als ich ihnen Stecknadeln
mitbrachte, die sie bis dahin noch nicht kannten, verwandelten die
Kinder diese, indem sie sie umbogen, bald in Angelhaken. Auf meinen
folgenden Reisen bildeten Fischangeln verschiedener Grsse fr alt
und jung sehr geschtzte Geschenke.

Die grossen bis sehr langen Angelhaken werden geschmiedet; man
bentzt sie hauptschlich fr Setzangeln, die man, mit Kder und
Schwimmer versehen, den Fluss abwrts treiben lsst, whrend man
selbst, beispielsweise, eine weiter unten gelegene Niederlassung
besucht. Als Schwimmer dient ein trockener, hohler Krbis.

An Wurfnetzen gebraucht man, nach der Grsse der zu fangenden Fische,
drei verschiedene Arten. Sie bestehen aus einem runden Netz, das rings
herum eine Kette aus Zinn oder Eisen (_awit tite_ = Eisenkette) trgt;
letztere wird am liebsten aus grossen Ngeln, die man durch Klopfen
in Kettenglieder verwandelt, hergestellt.

Die Netze fr kleine Fische (_djala seluwang_) haben 2 1/2-4 qcm grosse
Maschen und einen Durchmesser von 3-4 m; sie werden gegenwrtig meist
aus eingefhrtem, grobem Strickgarn verfertigt.

Fr grssere Fische gebraucht man Netze mit 4-9 qcm grossen Maschen
und einem Durchmesser von 5-6 m. Die Netze werden aus den zu einer
Schnur gedrehten Fasern der Liane _aka tengang_ hergestellt. Die
grossen Wurfnetze, deren Durchmesser bis zu 8 m betrgt, haben bis
zu 16 qcm grosse Maschen; sie bestehen aus den gleichen Lianenfasern
wie die kleineren Arten, nur verwendet man fr sie dickere Schnre.

Die Bahau imprgnieren ihre Netze nicht und verstehen sie nach dem
Gebrauch vor Fulnis nur durch Trocknen an der Sonne zu schtzen.

Beim Auswerfen nimmt der Fischer das Netz ber beide Arme und
sucht es, durch drehende Bewegung, so ausgebreitet als mglich
auf die Wasserflche zu schleudern; die schwere, in zentrifugaler
Richtung auseinander getriebene Kette bewirkt, dass das Netz flach
niederfllt. Zum Herausziehen des Netzes dient eine im Mittelpunkt
befestigte Schnur, whrend die Fische durch die am Boden schleifende
Kette gefangen gehalten und mit heraufgezogen werden. Ist der Boden
jedoch durch Gestein, Baumwurzeln und Zweige sehr uneben, so lsst der
Fischer das Netz liegen, taucht unter und holt die Fische, aus Furcht,
dass sie sonst entfliehen knnten, mit der Hand hervor. Bisweilen
werden die Fische auch, bevor man das Netz ber sie wirft, mit
gekochtem Reis an eine bestimmte Stelle gelockt.

Das Auswerfen der Netze erfordert viel Kraft und Gewandtheit; um die
grossen Netze gleichmssig niederfallen zu lassen, nimmt der Fischer
den mittleren Teil oft in den Mund.

Ausser diesen sind auch lange Netze den Dahau bekannt; sie gebrauchen
sie, um ein Flsschen abzusperren, besonders beim Fischen mit
Gift. Zugnetze jedoch sind ihnen unbekannt.

Beim Fischen mit dem _serapang_ ist, um die Fische anzulocken und
sichtbar zu machen, Licht erforderlich. Der Fischer lsst sich
nachts in aller Stille flussabwrts treiben und hlt vorn im Boot
das _tapong hirui_, das Brettchen, unter dem die Harzfackel (_damat
hirui_) brennt, die ihm auf diese Weise nicht hinderlich wird. Am
Brettchen ist, um es bequemer zu handhaben, ein Griff (_tagin_)
angebracht. Sobald sich, vom Fackelschein angelockt, Fische zeigen,
sucht sie der Fischer zu spiessen.

Reusen werden besonders bei Hochwasser ausgesetzt und zwar an
Stellen, wohin sich die Fische vor der heftigen Strmung geflchtet
haben. Diese Reusen haben meist die gewhnliche malaiische Form;
nur eine Art hnelt einem runden Vogelbauer mit rundlicher ffnung,
in welcher ein am Aussenende geschlossenes Bambusrohr mit ebenfalls
runder ffnung oben steckt. Kleine Fische, durch den im Bambus
befindlichen Reis angelockt, lassen sich dazu verleiten, in den Bauer
zu schwimmen. Der Rckzug wird ihnen durch zusammeneigende stchen
an der inneren Bambusffnung abgeschnitten.

Auch der _hikp_, ein kreisfrmiges Stck Rotang von 1/2 m
Durchmesser mit eingespanntem Garnnetz, wird hauptschlich bei
Hochwasser angewendet, um zwischen das Ufergras geflchtete Fische
zu fangen. _hikp_ und Reusen werden vorzugsweise von Frauen und
Kindern bentzt.

Die Kajan ziehen zwar grosse Fische vor, verschmhen aber auch die
kleinsten nicht; diese werden auch vielfach zu Opferzwecken verwendet.

Da Salz auch am Mendalam sehr teuer ist, werden grssere Mengen Fische
durch Trocknen und Ruchern ber dem Feuer fr lngeres Aufbewahren
prpariert.

Whrend bei allen vorhin besprochenen Arten von Fischfang nur wenige
Personen beteiligt sind, vereinigen sich zum Fischen des _tapa_
die Bewohner eines oder mehrerer Huser.

Der _tapa_ ist ein grosser, bis 1 m langer, dunkelbrauner Fisch mit
sehr breitem, plattem Kopf und weit klaffendem Maul, bewaffnet mit
mehreren Reihen scharfer Zhne.

Gegen August zieht der Fisch aus dem Hauptstrom in kleine Nebenflsse,
um dort zu laichen; die Kajan bentzen diesen Augenblick, um hinter
den bisweilen grossen Schwrmen das Flsschen mittelst eines Heckwerks
oder Netzes abzuschliessen.

Einem derartigen _tapa_-Fang wohnte ich whrend meines ersten
Aufenthaltes in Tandjong Karang bei, wo es einem Manne aus Tandjong
Kuda glckte, einen Fischschwarm im Samus, einem rechten Nebenfluss
des Mendalam, einzuschliessen. Am ersten Tage hatten die Hausgenossen
des glcklichen Finders, unsere Nachbarn oben am Fluss, das Recht,
so viel Fische zu fangen als sie gelstete; den folgenden Tag sollten
wir uns zum Feste aufmachen.

Man hatte auch mich zur Teilnahme aufgefordert, und, wie immer mit
Stock und Revolver bewaffnet, nahm ich anderen Morgens frh in einem
schmalen Nachen Platz, dessen Wnde nur wenige Centimeter ber das
Wasser herausragten; ich musste mich daher sehr ruhig verhalten,
wenn ich das Boot nicht zum Umkippen bringen wollte. Zwei junge Kajan
ruderten, und so ging es schnell den Mendalam hinauf. Die Samusmndung
lag weiter unten, aber das eigentliche Jagdgebiet befand sich am
Oberlauf des Flsschens, so dass wir, um zeitig das Ziel zu erreichen,
erst ein anderes Nebenflsschen hinauffahren und dann eine Strecke ber
Land gehen mussten. Der Weg fhrte, nach dajakischer Weise, mehr ber
liegende Bume als ber mit Gras und Gestrpp bedeckten Boden. Bald
bildeten die Bume den einzigen passierbaren Weg; zu meinem Erstaunen
lagen sie aber nicht, wie gewhnlich, der ste beraubt am Boden,
sondern teilweise ber einander und zwar so, dass der nur wenig
abgekappte Gipfel des einen Baumes auf dem Fussende des folgenden
ruhte und der so entstandene Baumpfad bis zu 4 m hoch ber dem Erdboden
lag. Er fhrte nmlich zu frheren Reisfeldern durch einen Wald, der so
nass und morastig war, dass man mit bewundernswerter Geschicklichkeit
den einen Baum ber den anderen hatte fallen lassen und, nachdem die
hinderlichsten ste entfernt waren, einen Pfad geschaffen hatte,
auf dem man niemals den Boden berhrte. Es lagen hier Baumriesen
von mehreren Metern Durchmesser, auf denen man mhelos 40 m weit
gehen konnte; dann trat man aber auf andere, deren glatte, hellgraue
Stmme zwar sehr schn anzusehen waren, in dieser betrchtlichen
Hhe von einem beschuhten Europer jedoch nur mit einer gewissen
Kaltbltigkeit begangen werden konnten. Besonders kritisch wurde
die Situation beim berschreiten der oberen, dnnsten Stammenden,
an denen ste gesessen hatten; da die hinter mir gehenden Kajan ihren
Schritt dann etwas mssigen mussten, wurden die Schwingungen unseres
Pfades unregelmssiger und wir liefen Gefahr, das Gleichgewicht zu
verlieren. Letzteres war jedoch nicht wnschenswert, denn unter uns
lagen zwischen dornigem Gestruch die abgehackten ste bereinander,
so dass ein Fall bedenkliche Folgen gehabt htte. Glcklicher Weise
betrat ich hier nicht zum ersten Mal einen Baumpfad im Morastwalde,
aber 1 1/2 Stunden hintereinander, wie hier, war ich noch nicht auf
solchem Wege marschiert und so hielt ich mich vor Ermdung kaum noch
auf den Fssen, als wir endlich wieder den Boden betraten. An meinen
Begleitern bemerkte ich jedoch keine Ermattung, sie wren auch zu sehr
von der freudigen Erwartung des bevorstehenden Fischfangs erfllt,
um sich in die Schwierigkeiten hineinzudenken, die ein solcher Gang
ber glatte Baumstmme ohne sttzendes Gelnder dem schuhbedeckten
Fusse eines Europers bereiten musste.

Der Marsch durch ein verlassenes, dicht bewachsenes Reisfeld zhlte
fr gewhnlich schon zu den Prfungen, jetzt jedoch erschien er mir
wie eine Erholung.

Zeitig genug langten wir am Ufer des Samus an; die hier versammelte
Gesellschaft hatte ihre Reismahlzeit noch nicht begonnen.

An den sandigen, weissen Ufern des Samus, mitten im hohen Urwald,
boten die geschftigen Mnner, Frauen und Kinder eine Reihe anmutig
wechselnder Bilder. Auch die Ma-Suling hatten diesen Tag zum Fischen
gewhlt und ich bemerkte unter ihnen fremde Gestalten, die ihre Scheu
jedoch bald ablegten, als sie die anderen sich so frei in meiner
Gegenwart bewegen sahen.

Whrend des Essens kam die Nachricht, dass sich die Fische,
diesmal in geringerer Zahl als sonst, weiter oberhalb im Bache
befanden. Sogleich machten sich die Mnner auf, durchwateten das
Flsschen und verschwanden im Walde. Nur mit Mhe konnte ich einige
Knaben bestimmen, bei mir zu bleiben und mir den Weg zu weisen. Dieser
fhrte gleich anfangs quer durch den Fluss, den meine braunen Fhrer
einfach durchschwammen, whrend ich ihn, um nicht gleich durch und
durch nass zu werden, watend zu passieren versuchte. Diese Vorsicht
erwies sich aber als unntz, da ich doch bis an die Brust ins Wasser
musste; die Erfrischung war brigens angenehm und bei der stndigen
Bewegung nicht schdlich. Nachdem wir ein Stck Wald und mehrmals
den gleichen Bach durchquert hatten, erreichten wir den Schauplatz
des grossen Ereignisses: einige Meter unter uns zwischen steilen
Uferwnden standen die Kajanmnner im Wasser, bewaffnet mit grossen
Fischhaken, die so lose an langen Stcken befestigt waren, dass
sie beim Zurckziehen im Fischkrper haften blieben. Da der Haken
ausserdem an eine Schnur gebunden war, konnte der Fischer die erfasste
Beute bequem heranholen. Bei meiner Ankunft hatten die Leute bereits
viele Fische gefangen; zwar waren die Tiere diesmal nicht, wie es
frher vorgekommen sein soll, in solch gedrngter Masse erschienen,
dass ihre Rcken an der Wasseroberflche sichtbar wurden, vielmehr
musste man sie aus Uferhhlen und unter Baumstmmen, die im Bache
umherlagen, hervorstbern, doch gelang es, eine grosse Anzahl aus
diesen Schlupfwinkeln aufzuscheuchen.

Es ging sehr lebhaft beim Fischen her. Der Fang eines besonders schnen
Exemplars erfllte jeden mit Genugtuung und, wenn ein aufgejagter
Fisch mit krftigen Schlgen zwischen den Fischern hindurchschoss,
strzten alle voll Eifer auf ihn zu, da jeder den ersten Speerwurf tun
wollte, selbst auf die Gefahr hin, einen Menschen statt des Fisches
zu spiessen.

Die Mnner beeilten sich, sobald ein Fisch am Haken zappelte, das
wtende Tier mit dem schrecklichen Gebiss durch einen krftigen
Schwertschlag hinter dem Kopfe unschdlich zu machen; auf dem
Trocknen wurde der Kopf gnzlich vom Rumpf geschieden und dieser
ausgeweidet. Wenn die Fische sehr zahlreich erschienen, wagte man sich,
aus Furcht gebissen zu werden, nicht ins Wasser. Dass diese Furcht
nicht unbegrndet war, bewiesen einige grosse Narben an den Beinen der
Kajan. Diesmal schienen nur grosse Fische den Samus hinaufgeschwommen
zu sein; denn die gefangenen Exemplare waren mindestens 10 kg schwer.

Nach einigen Stunden besassen alle einen gengenden Vorrat an Fischen
und, da der Weg noch weit war, begann man an den Rckzug zu denken. Die
Knaben hatten bereits die Fische an den Platz vor ausgetragen, wo
die Frauen schon seit dem Morgen mit den Vorbereitungen zur Mahlzeit
beschftigt waren; gerstete _tapa_ bildeten nun das Hauptgericht und
es schmeckte so gut, dass keiner Lust zum Aufbruch versprte, was mir,
in der Voraussicht auf eine Wiederholung der Expedition vom Morgen,
sehr angenehm war.

Unter einem hohen Uferbaum hielten einige mir wohl bekannte Frauen
der Ma-Suling Siesta, und ich nahm mir die Freiheit, mich in ihrer
Nhe im Schatten des gleichen Baumes niederzulegen; ihr Schlaf schien
aber durch meine Anwesenheit gestrt zu werden; denn sie begannen
zu schwatzen. Eine von ihnen war ihres Gesanges wegen berhmt und
liess sich zum Glck nicht lange ntigen, einige Proben ihrer Kunst
zum besten zu geben.

Auf dein Rcken liegend, die Hnde unter dem Haupte gekreuzt, trug
sie, teils rezitierend, teils wirklich singend, einige Stcke vor;
in dieser Umgebung klang es sehr lieblich und, wenn es auch kein
europischer Gesang war, machte er doch einen viel besseren Eindruck
als der der Javaner oder Malaien. Die Melodieen glichen am meisten den
unsrigen. Leider konnte ich die Worte nicht verstehen; sie erweckten
die Heiterkeit der Zuhrer und, da ich einige Mal meinen Namen
unterscheiden konnte, improvisierte die Sngerin augenscheinlich. Auch
diese Idylle nahm ein Ende; das Mahl war eingenommen, die Fische in
Krbe gepackt, und so zogen Mnner, Frauen und Kinder beutebeladen in
langer Reihe auf dem gleichen halsbrecherischen Wege heimwrts. Auch
jetzt wieder beschtzten reich die Urwaldgeister der Kajan und ich
kam mit heilen Gliedmassen, aber mit etwas labilem Gleichgewichte
nach Hause.

Was die Fischerei mit der _tuba_, dem Fischgift, betrifft, so nimmt
auch an ihr die ganze Bevlkerung Anteil. Am oberen Kapuas wird nur in
den kleineren Nebenflssen mittelst Gift gefischt, am oberen Mahakam
auch im Hauptfluss.

"_tuba_" ist ein Sammelname fr verschiedene Wurzeln und
Baumrindenarten, deren narkotisch wirkende Milchsfte zum Betuben
der Fische bentzt werden. Die fr die _tuba_-Fischerei erforderlichen
Pflanzen werden teils gebaut, teils aus dem Walde geholt.

Haben die Bewohner eines Kajandorfes beschlossen, einen Fluss mit
_tuba_ abzufischen, so wird alles lebendig; denn um eine fr alle
gengende Menge Fische zu fangen, muss auch jede Familie ihren Teil
_tuba_ liefern. Man zieht daher in grossen Scharen zur _ladang_ und
sammelt dort die schwarzen, fingerdicken Wurzeln, die man zu Bndeln
von 1 Fuss Lnge und 2 dm Dicke vereinigt. Binnen weniger Tage, wenn
ungefhr 200 Bndel zusammengebracht worden sind, kann der Fischzug
in einem Flsschen beginnen.

So fuhren eines Tages bei Sonnenaufgang viele Mnner mit der _tuba_
in Bten an den Platz voraus, wo der Fang stattfinden sollte. Etwas
spter begaben sich auch die Frauen, Mdchen und Knaben zum Fluss und
auch ich nahm in einem der schwankenden Fahrzeuge Platz, in welchem
mich einige Mnner flussaufwrts ruderten.

Der Schauplatz der Jagd war ein kleines Flsschen, in dem unser  Nachen
bald hier bald dort ber eine Gerllbank geschoben werden musste.

Das nur 20 m breite Gewsser schlngelte sich, von den Uferbumen
vllig berdacht, zwischen urwaldbedeckten Hgeln hindurch. Nach
einstndiger Fahrt, als das Boot nicht weiter konnte, fhrte uns
ein Waldpfad lngs dem Ufer weiter hinauf. An einer buchtartig
verbreiterten Stelle des Flusses stiessen wir zu den Mnnern,
die damit beschftigt waren, die _tuba_ durch Klopfen in eine
weissliche, faserige Masse mit scharfem, betubenden Geruch zu
verwandeln. Inzwischen hatten sich die brigen Teilnehmer in
malerischen Gruppen auf den Uferfelsen gelagert. Die erfreuliche
Aussicht, die Fische auf bequeme Weise berlisten und verspeisen
zu knnen, schien vor allem die Frauen und Mdchen frhlich zu
stimmen. Sie hatten alle Schpfnetze (_hikp_) mitgenommen, whrend
die Mnner, ausser mit ihren gewhnlichen Waffen, auch mit den gleichen
Harpunen wie bei der _tapa_-Fischerei ausgerstet waren. Jedem hing ein
Rotangkorb ber der Schulter; im brigen waren sie in ihren Bewegungen
nicht durch bermssig viele Kleider gehindert: die Mnner trugen
nur ein kleines Lendentuch, die Frauen nur ein Rckchen.

Nachdem das Klopfen beendet war, begaben sich die Mnner mit den
gefllten Krben reihenweise in den Fluss und splten, den Bach
durchquerend, die geklopften _tuba_-Wurzeln im Wasser aus. Das
milchweiss aus der faserigen Masse strmende Wasser frbte den Fluss in
seiner ganzen Breite, whrend der betubende Geruch des _tuba_-Giftes
sich doppelt stark in der Umgebung fhlbar machte. In dem breiteren
und zugleich sehr tiefen Teil des Flussbettes strmte das Wasser nur
langsam und das Gift hatte Zeit, sich bis auf den Grund mit der ganzen
Wassermasse zu vermengen.

Die Wirkung zeigte sich schon nach wenigen Minuten bei den kleinen
Fischen, die nach oben kamen, aus dem Wasser zu springen suchten
und gleich darauf ihren weissen Bauch statt ihres oft prchtig
metallglnzenden Rckens sehen liessen. Dies war fr alle ein
Zeichen, sich mit Schpfnetzen und Harpunen in Bewegung zu setzen;
man verteilte sich im Fluss, die Jugend lngs dem Ufer, die lteren
in der Mitte. Doch nach kurzer Zeit war von der anfnglichen Ordnung
nichts mehr zu merken. Die allerdings etwas betubten, aber durchaus
nicht bewegungslosen Fische konnten nur mit viel Gewandtheit gefangen
werden und so musste man sich bald ihnen vorsichtig nhern, bald
ihnen nachtauchen oder ber Flussgeschiebe nachsetzen.

Alles lief, fiel und tauchte durcheinander; hier holte einer ein
schnes Exemplar mhelos zwischen Flussgestein hervor, dort sahen
drei andere etwas Weisses sich im Wasser bewegen und warfen sich
von allen Seiten auf die erschreckte Beute, die gerade noch Zeit
hatte, unterzutauchen und durch eine rasche Wendung den dreien zu
entschlpfen, um etwas weiter unten in das Netz eines ruhigeren
Fischers zu geraten, der sich das Tier bedchtig zutreiben liess.

Anfangs kamen nur wenig grssere Fische nach oben; entweder waren
sie nur in geringer Zahl vorhanden oder sie widerstanden besser der
Wirkung des Giftes und entschlpften den zahlreichen Verfolgern.

Langsam zog das vergiftete Wasser abwrts und gleichzeitig mit ihm die
frhliche Schar, der auch ich mich angeschlossen hatte. Ans Fischen
konnte ich jedoch nicht denken; denn bekleidet und beschuht durch
einen Bergstrom zu waten ist ohnehin schon eine schwierige Aufgabe;
zudem wurde der Fluss hie und da so tief, dass ich bis zur Brust
einsank und mich auf dem schlpfrigen Gerll nur mit Mhe aufrecht
hielt. Zum Glck strmte das vergiftete Wasser, aufgehalten durch
die vielen Steinblcke, nur langsam weiter und man hatte Zeit, ihm
zu folgen. 1 1/2 Stunden lang gingen wir so weiter, geleitet vom
_tuba_-Geruch, den wir bis zuletzt wahrnahmen. Ober- und unterhalb
des vergifteten Wasserstreifens verschwand der lstige Reiz in der
Nase, der brigens keinem gefhrlich zu sein schien. Endlich wurde
das Wasser zu tief, um darin waten zu knnen, und ich schwang mich
in ein am Ufer liegendes Boot und liess mich abwrts treiben.

Das Schauspiel gewann immer mehr an Lebhaftigkeit, denn jetzt
kamen die grossen Fische zum Vorschein, deren Fang bisweilen viele
Schwierigkeiten bereitete. Mit erstaunlicher Schnelligkeit und
Sicherheit tauchten die Mnner den Tieren nach, trafen sie im klaren
Wasser mit dein Speer und brachten die Beute im Triumph nach oben.

Die Frauen und Mdchen gaben brigens dem strkeren Geschlechte an
Geschicklichkeit nichts nach und tauchten mit dem gleichen Erfolge
auch unter den Bten durch, um ihre Schlachtopfer zu erjagen.

Nicht leicht werde ich das liebliche Bild vergessen, das mir ein
Kajanmdchen bot, als es pltzlich neben meinem Nachen aus dem Wasser
auftauchte. Ich hatte die Kleine nicht verschwinden sehen und erblickte
nun unversehens ihr liebes Gesichtchen mit den freudestrahlenden
Augen, umgeben vom lang herabhngenden, schwarzen Haar, das ihr wie
ein triefender Mantel ber dem Rcken hing und das helle Braun der
wohlgeformten Schultern und des Busens um so schner hervortreten
liess. Nicht ohne Koketterie erhob sich das Mdchen halb aus dem
Wasser und eilte darauf mit dem erbeuteten Fisch dem Ufer zu.

An der Einmndung in den Hauptfluss schien sich das langsam
herbeistrmende Wasser zu stauen; wenigstens kamen eine Menge
grosser Fische betubt an die Oberflche und gaben den Mnnern mit
ihren Harpunen genug zu tun. Auf einer verhltnismssig kleinen
Flche mehrere Meter tiefen Wassers schwammen und tauchten alle
durcheinander und warfen in ihrer Verfolgungswut die Harpunen mit
solcher Schnelligkeit, dass nur wie durch ein Wunder keine Verwundungen
vorkamen. An diesem letzten gefhrlichen und anstrengenden Spiel
beteiligten sich die Frauen nicht mehr, sie suchten befriedigt vom
Erfolg des Tages die Bte auf und legten sich triefend und ermdet,
aber doch frhlicher Stimmung, neben ihren Fischen nieder.

Whrend des ganzen Fischzugs hatte ich mich an der allgemeinen
Heiterkeit und Einigkeit erfreut; durch keinen einzigen Misston war die
Harmonie unterbrochen worden. In dieser gnstigen Gemtsverfassung
zeigten sie mir auf Wunsch des Huptlings ihre Schtze, so dass
ich bald 30 verschiedene Fischarten fr die zoologische Sammlung
beieinander hatte. Die Exemplare waren zwar meist klein, aber bei
keiner Gelegenheit so bequem zu erlangen als bei dieser.

Dass ein Flsschen durch eine derartige _tuba_-Fischerei gnzlich
ausgefischt wird, kann man sich vorstellen; die jngsten Fischchen
leiden am meisten unter dem Gift und es dauert daher lange, bis sich
der Fischstand wieder erholt. Darum bekmmerten sich die Dajak jedoch
nicht, sondern fuhren allgemein befriedigt den Fluss hinab. Zu Hause
angekommen kleidete ich mich schnell um und vergass bald, dass ich
einen halben Tag in triefenden Kleidern gesteckt hatte.

Sind die abzufischenden Flsse grsser und tiefer, so schliesst man
ihre Mndung mit einem hohen Bambusgitter, dessen Stbe eng beieinander
stehen, ab, um die grossen, nur halb betubten Fische aufzuhalten. Dann
spielt sich die Jagd wegen der Gefahr, durch Fische oder zufllig
aufgejagte Krokodile verwundet zu werden, in Bten ab. Zum Schluss
sammeln sich alle Fischer vor dem Gitter, das hinten mit Bambuskrben
und Netzen versehen ist, um die Fische, welche hinberzuspringen
versuchen, aufzufangen. Bei dieser Gelegenheit sah ich einzelne Fische
unglaublich hoch springen. Exemplare von etwa 1 Fuss Lnge und auch
einige grosse Arten schnellten pltzlich zwischen den Bten empor und
verschwanden hinter der mehr als 2 m hohen Bambuswand. Die weniger
guten Springer fielen in die Krbe und Netze.



Die Jagd spielt bei den Bahau am Mendalam nur eine nebenschliche
Rolle: begeben sich die Mnner aufs Reisfeld oder in den Wald,
so werden die Hunde stets mitgenommen und zeigt sich Wild, so wird
darauf Jagd gemacht.

Aus dem Begriff "Wild" schliessen die Bahau alle Tiere aus,
die sie nicht essen drfen, wie Horntiere, graue Affen und
Schlangen. Als Wildpret kommen daher hauptschlich Wildschweine,
verschiedene Wildkatzen, kleinere Sugetiere und hhnerartige Vgel
in Betracht. Besonders erstere sind als Wild sehr beliebt, auf meiner
ersten Reise waren sie aber noch selten; eine heftige Epidemie in
den Jahren 1888 und 1889 hatte nicht nur die wilden, sondern auch
die zahmen Schweine in Mittel-Borneo fast ausgerottet.

Eine wichtige Rolle spielen bei der Jagd die Hunde, die sich trefflich
zum Aufspren und Stellen des Wildes eignen. Sie wagen sich aber
nur an kleinere Tiere heran, da sie nicht ber 1 Fuss hoch werden;
grssere Schweine bellen sie nur aus einiger Entfernung an oder sie
bemchtigen sich ihrer Jungen.

In allen Gegenden, die ich besuchte, fand ich bei den Dajak die
gleiche Hunderasse: kurzhaarige, schlank aber krftig gebaute Tiere
mit aufrecht stehenden Ohren und langem, spitzen Kopf. Die mnnlichen
Tiere, besonders die guten Jagdhunde, werden hufig kastriert, um
sie anhnglicher an den Herrn und gleichgltiger gegen die Weibchen
werden zu lassen. Die Bahau bilden sich ein, dass die Kastration dem
Fortpflanzungsvermgen nicht schade, doch ist die Hunderasse bei ihnen
durch dieselbe stark zurckgegangen. Von den Punan, die ihre Jagdhunde
nicht kastrieren, beziehen die Huptlinge der sesshaften Stmme ihre
guten Exemplare. Eigentmlicher Weise bestimmen die Bahau auch bei
den mnnlichen Tieren hauptschlich nach der Zahl und Entwicklung der
Zitzen, ob es gute Jagdhunde sind oder nicht. Vor allem wird ihr Mut
hiernach beurteilt.

Bei Stmmen, wie die Pnihing, die sich fr die Jagd interessieren
und daher nicht, wie es meist geschieht, die Hunde selbst fr ihren
Unterhalt sorgen lassen, besitzen die Huptlinge schne, krftige
Hunde.

berall im Innern haben die Hunde die Eigenschaft, wenig, Fremden
gegenber berhaupt nicht, zu bellen. Begegnen sie letzteren, so
ergreifen sie entweder mit eingezogenem Schwanz die Flucht oder sie
beachten sie gar nicht. Auf der Jagd stossen sie ein kurzes Klffen
aus, fr gewhnlich aber machen sie sich durch ein hchst unangenehmes
Heulen bemerklich, in welches, wenn einer den Anfang gemacht hat,
alle brigen im grossen Dajakhause einstimmen. Aus der Ferne erinnert
ein derartiges Konzert an das Lrmen einer Menschenmenge. Auf die
gleiche Weise heulten die einheimischen Hunde auf der Insel Lombok,
was in der ersten Nacht auf dem Kriegsschauplatze einen unheimlichen
Eindruck machte. Bei den Dajak wurde man durch das Heulen nur im
Schlaf gestrt und zwar hauptschlich in mondhellen Nchten, die auf
das Hundegemt eine besondere Wirkung auszuben schienen.

Nur wenige Huptlinge, besonders eifrige Jger, behandeln ihre Hunde
gut, fttern sie reichlich und halten sie nicht, wie die brigen
Bahau, fr gnzlich gefhllos. Fr gewhnlich sind die Hunde infolge
schlechter Behandlung mager, sehr scheu und fr Freundlichkeiten
unempfindlich. Doch hngen auch bei den Dajak Herr und Hund auf ihre
Weise aneinander und sobald ein Hund auf einem Zug mit darf, giebt
er seine Zufriedenheit durch Springen und Heulen deutlich zu erkennen.

Die Kajan bedienen sich bei der Jagd keiner besonderen Waffen; sie
gebrauchen Schwert und Speer, die sie stets bei sich tragen; nur gegen
Vgel und kleine Sugetiere verwenden sie das Blasrohr mit vergifteten
Pfeilen. Mit diesen schienen die Jger, so viel ich beobachtete, nur
schlecht umgehen zu knnen; sie trafen selbst in kleinen Abstnden
nur selten. Wie an einem anderen Ort bereits gesagt ist (pag. 154),
handhaben nur wenige Leute das Blasrohr wirklich gewandt; es sind dies
mit Kajanfrauen verheiratete Punan und Bukat, die ihrer Gewohnheit, in
Wldern herumzuschwrmen, getreu bleiben. Diese verbringen die meiste
Zeit auf der Jagd statt auf dem Reisfeld und unterhalten auch ihre
Familien mit dem, was die Jagd ihnen liefert. Besonders geschtzt sind
die Hrner der Hirsche, die als Material zu Schnitzarbeiten dienen;
die Gallenblase (_mpedu_) und Klauen der Bren, welche die Chinesen
zur Bereitung von Arzneimitteln verwenden, die Zhne des borneoschen
Panthers, aus denen Ohrschmuck fr Mnner und sein Fell, aus dem
Kriegsmntel hergestellt werden; einen wichtigen Artikel bilden auch
die Bezoare, die runden oder ovalen Steine aus dem Darm oder der Leber
der genannten Tiere, sowie der Affen, Stachelschweine und Schlangen,
die unter dem Namen _gliga_ oder _guliga_ einen hohen Wert besitzen
und vor allem an chinesische Apotheken verkauft werden.

Zum Erlegen der Tiere wird meistens der Speer gebraucht; nur
selten findet man bei den Mendalam Kajan Gewehre und noch seltener
das notwendige Pulver. Da die Gewehre in der Regel von schlechter
Beschaffenheit sind und recht hufig Unglck mit ihnen angestiftet
wird, schiessen die Dajak meist mit abgewandtem Gesicht, was nicht
gerade zur Erhhung der Treffsicherheit dient.

Im Fangen der Vgel mittelst Schlingen zeigen sich die Kajan auffallend
ungeschickt und das Stellen von Fallen, mit denen andere Stmme
grssere Tiere erbeuten, scheint ihnen gnzlich unbekannt zu sein.

Whrend meines ersten Besuches am Mendalam wnschte ich, in den Besitz
einiger Argusfasanen zu gelangen, deren schner Ruf mir fters aus
dem Walde entgegenklang, die ihrer Scheuheit wegen jedoch beinahe
nur mit Schlingen zu fangen sind. Nur wenige Kajan waren zu dieser
Jagd geneigt und in den ersten Wochen hatte keiner Erfolg. Erst als
ich sehr hohe Preise aussetzte, 10 Dollar fr ein Mnnchen, 5 fr
ein Weibchen, begab sich der Schwiegersohn des Huptlings mit zwei
Leibeigenen, Shnen von Punan, fr einige Tage in den Wald. Mit dem
Blut schienen diese auch die Geschicklichkeit ihrer Vter geerbt zu
haben, denn nach 3 Tagen brachten sie mir einige prachtvolle Exemplare
zurck; nur sie waren auch im stande, mir die verschiedenen Sorten von
Pfeilgift mit den verschiedenen Pflanzenarten, aus denen es gewonnen
wird, aus dem Walde zu holen.

Bei meinem zweiten Besuch 1896 waren diese beiden Jger auf
weiten Reisen und von einer ferneren Sammlung von Pfeilgiften oder
Argusfasanen war keine Rede mehr.



Zu den gewhnlichen Haustieren der Bahau und Kenja gehren Schweine,
Hhner, Hunde und Katzen; Pferde, Khe, Ziegen und Schafe besitzen
sie nicht. Nur seit kurzer Zeit kommen bei einigen Stmmen einzelne
eingefhrte Ziegen und Schafe vor, sie werden aber von den Bahau,
wie alle anderen wilden und zahmen Horntiere, noch nicht gegessen. Bei
den Kenjastmmen essen nur die Priester keine Horntiere.

Die Schweine bilden in Mittel-Borneo eine einheitliche Rasse und
stammen wahrscheinlich von den einheimischen wilden Schweinen ab
oder sind doch wenigstens stark mit diesen vermischt; da die Schweine
stndig frei um das Haus herumlaufen und bisweilen tief in den Wald
eindringen, ist eine Vermischung mit wilden Schweinen durchaus nicht
ausgeschlossen. Die Bahau behaupten auch, dass eine Vermischung
wirklich stattfindet. Die jungen Schweine sind braun und schwarz
gestreift wie die wilden Schweine; die lteren Tiere sind meist weiss,
bisweilen auch schwarz.

Die Bahau fttern ihre Schweine so lange gut, als ihre eigenen
Nahrungsmittel es zulassen. Sie werden des Morgens frh, hauptschlich
aber gegen 4 Uhr nachmittags, nach dem Reisstampfen, gefttert, da
die Reisspelzen mit Wasser vermengt das Hauptnahrungsmittel fr die
Tiere bilden. Ausserdem werden auch unreife Frchte, besonders Papaya,
in Wasser gekocht, als Futter verwendet. Einige wohlhabende Familien
halten sich bisweilen ein Schwein, das stets frei auf der Galerie
des Hauses umherluft und ausschliesslich mit Reis-, Frchte- und
Gemseabfllen genhrt wird. Diese Tiere werden oft sehr dick, einige
Exemplare wogen sicher 150 kg. Die unter dem Hause frei herumlaufenden
Schweine erreichen niemals diese Grsse und dieses Gewicht.

Die Hhner Mittel-Borneos gehren zu einer Rasse, die sich in nichts
von denjenigen der Malaien unterscheidet. Auch die Kampfhhne gehren
dieser Hhnerrasse an. Tagsber laufen die Tiere in und unter dem Hause
frei umher und einzelne werden im Walde ein Opfer der Raubtiere. Um
die Kchlein zu beschtzen, werden sie jeden Abend eingefangen und mit
der Henne in einem Korbe oben an die Galerie des Hauses gehngt. Die
lteren Hhner schlafen auf dem Dache, auf den Fruchtbumen oder an
anderen hohen, sicheren Stellen. Die Eier werden als gelegentliche
Opfergaben oft monatelang bewahrt. Nur ab und zu werden frische Eier
von Erwachsenen gegessen; man giebt sie vor allem Kindern.




KAPITEL X.

    Von Putus Sibau nach Siut--Besuch bei den Taman Dajak--Verlust
    eines Hundes durch ein Krokodil--Nachtlager auf der Gerllbank
    Liu Tangkilu--Kampf gegen die Strmung--Aufenthalt wegen des
    _telandjang_--Umschlagen eines malaiischen Handelsbootes--Ausflug
    auf einen Berg--Eigentmliche Lianen--Fortsetzung der Fahrt bis zur
    Gung-Mndung--Aufenthalt wegen schlechter Vorzeichen--Passieren
    der "Gurung Delapan"--Nachtlager an der Bungan Mndung--_Bier_
    und _Obet Lata_ fallen in den Fluss--Begegnung mit unserer
    ersten Gesandtschaft--Ankunft an der Bulit-Mndung--Aufschlagen
    der Lagers--Nchtlicher berfall durch Hochwasser--_Akam Igaus_
    Reiseplan--Begegnung mit Bungan Dajak--Aufbruch zum _pangkalan_
    Howong--Kalkberge am Bulit.


Hat man die Mendalambewohner nach langdauernden Unterhandlungen
endlich dazu gebracht, sich an einer Expedition zu beteiligen, so
fassen sie ihre Verpflichtungen dafr wirklich ernst auf. Auch jetzt
wieder hatten sie, sorgsamer Weise, die Bootsrnder durch zwei Reihen
bereinander gelegter Planken erhht und die Ritzen mit geklopftem
Baumbast verstopft; diesen auch noch, nach malaiischer Art, mit Harz
zu durchtrnken (_dumpul_) halten die Kajan aber fr berflssig;
daher dringt stets etwas Wasser ins Boot und muss von Zeit zu Zeit
ausgeschpft werden. Um uns 4 Europer, den Jger _Doris_ und unser
Hab und Gut vor Sonne und Regen zu schtzen, hatten sie mitten im
Boot ein Palmblattdach von 1 m Hhe errichtet, das wenige Tage spter,
als wir unter dem dichten Ufergebsch nicht hindurch fahren konnten,
leider wieder fortgenommen werden musste.

Die Bte waren, je nach ihrer Lnge, mit 4-6 Mann besetzt; unser
grsstes Boot hatte eine Lnge von 14 m und eine Breite von 80 cm, die
brigen waren, um besser zwischen den Gerllbnken lenken zu knnen,
kleiner. Vorn und hinten im Boot sass ein Steuermann, die anderen
nahmen als Ruderer Platz. Malaien und Bahau bentzen im Oberlauf
der Flsse stets 1.60-1.70 m lange Ruder (_bese_), welche bis auf
1/3 der Lnge aus einem breiten Brett von hartem Holz bestehen. Alle
hatten ihre eigenen, neuen Ruder mitgebracht und waren auch sonst mit
allem versehen, was sie auf einer Reise ber Wasser und durch Urwald
ntig haben konnten. Vor allem hatten sie fr ihre Waffenrstung,
bestehend in Schwert, Blasrohr, Schild, Kriegsjacke und Kriegsmtze
gesorgt; als Unterlage zum Schlafen und als Dachbedeckung hatten sie
einen gengenden Vorrat Palmblattmatten (_samit_) mitgenommen. Die
Reisegarderobe war bei allen sehr schlicht und bestand nur aus 2 oder
3 einfachen Lendentchern und einem besonders schnen Lendentuch
und Jckchen, die fr die Ankunft bei ihren Freunden am Mahakam
bestimmt waren. Zu meiner grossen Zufriedenheit hatten sie gengend
viel Gertschaften, wie Beile, Hobel und Meissel mit sich genommen,
um die Bte ausbessern, ntigenfalls im Wald gnzlich neue herstellen
zu knnen. Alle diese Dinge waren in einem aus gespaltenem Rotang
geflochtenen Tragsacke (_bruit_) verpackt und von jedem Manne in die
Mitte des Bootes zu seinem brigen Gepck gelegt worden. Hierdurch
war aber der kleine Raum in der Mitte so angefllt, dass fr unsere
eigenen Gter und Personen nicht viel Platz brig blieb und die 25
Bte kaum alles bergen konnten.

Der Platzmangel hatte noch eine andere Ursache: wie gewhnlich
hatten die Ruderer auch diesmal vor der Abreise einen grossen
Vorschuss von ihrem Lohn (1/2 Dollar pro Tag) empfangen und ihn
teilweise dazu verwendet, ihren zurckbleibenden Familien allerhand
notwendige Dinge zu kaufen; grsstenteils hatten sie aber fr das Geld
Tauschartikel eingehandelt, um sich fr diese am Mahakam Schwerter,
Matten und alte Perlen, die dort besser als am Kapuas zu erhalten
waren, anzuschaffen. In Anbetracht, dass ich das schwere Silbergeld
dann nicht mitzufhren brauchte, um es erst am Mahakam auszubezahlen,
hatte ich den Leuten gern den Vorschuss bewilligt; malaiische und
chinesische Hndler in Putus Sibau erzhlten mir jedoch bald, dass der
Lohn in der viel umfangreicheren Form von Kattun, Glasperlen und selbst
Salz mitgefhrt werden sollte. Wohl wissend, dass hieran nichts zu
ndern war, weil mein Geleite hierber seine eigene Auffassung besass,
dass es ferner durch Handeln am Mahakam noch einen besonderen Vorteil
aus unserer Reise ziehen konnte, widersetzte ich mich nicht gegen
das Einladen der bisweilen verrterisch dickbuchigen Tragscke. Ich
wusste aus Erfahrung, wie sehr das eigene Interesse am Gelingen der
Expedition meine Kajan allen Schwierigkeiten gegenber sthlte.

Ich war froh, endlich unterwegs zu sein; denn das trockene Wetter
hatte mit einer fr Borneo seltenen Standhaftigkeit bereits 3 Monate
angehalten; die Regenzeit nahte, in den letzten Tagen war bereits eine
starke atmosphrische Vernderung eingetreten. Die bis dahin klare,
blaue Luft, in der sich nur oberhalb des fernen Gebirges eine weisse
Wolkenschicht abhob, wurde tglich grauer und bewlkter, so dass die
Regenperiode jeden Augenblick eintreten konnte.

So blickte ich denn bei unserer Abreise voll guter Hoffnung und
Selbstbefriedigung auf die mit vieler Mhe zu Stande gebrachte Flotte
zurck. In langer Reihe fuhren die Bte dicht am Ufer entlang, um so
wenig als mglich durch die Strmung aufgehalten zu werden; aus dem
gleichen Grunde suchten wir auch stets die Innenseite der Buchten auf
und mussten daher whrend einer Tagreise den Fluss fters durchqueren.

Der erste Tag bot keine Schwierigkeiten, weil das Wasser besonders
niedrig war; wir konnten sogar Siut erreichen, was uns 1894 und 1896
nicht geglckt war.

Oberhalb Putus Sibau ist der Kapuas nur fr Fahrzeuge der Dajak,
_harok_ oder _bung_ genannt, und leichte malaiische Handelsbte
schiffbar. Zwar ist stets gengend Wasser im Fluss vorhanden, aber
sein in der Mitte oder an den Ufern befindliches Geschiebe verengt
ihn bisweilen so stark, dass er bereits bei niedrigem Wasserstande
Stromschnellen bildet und bei Hochwasser selbst fr Fahrzeuge der
Eingeborenen schwer passierbar ist. Vor dem verlassenen Nanga Era
trifft man jedoch noch keine Felsen im Fluss oder bergige Ufer; diese
bestehen hier noch aus den alluvialen Ablagerungen des Flusses selbst,
in die er sich stets von neuem sein Bett grbt.

Wegen des tiefen Wasserstandes, den wir jetzt hatten, fuhren wir 4-5
m unterhalb des Uferniveaus. Zu beiden Seiten erhoben sich steile,
vom Flusse stndig untersplte Wnde. Der Anschnitt zeigte eine
Humusschicht von wechselnder Mchtigkeit und darunter eine 3 m dicke
Schicht von gelbbraunem Sande, vermengt mit pflanzlichen berresten,
bestehend aus grossen Mengen angehufter Bltter und Zweige oder aus
bereinander geworfenen Baumstmmen. Unter der Sandschicht kam altes
Flussgeschiebe zum Vorschein, welches ebenfalls, aber in geringerem
Masse, Pflanzenreste enthielt; diese sahen bisweilen der Braunkohle
hnlich. Die oberste Humuslage war nur einige Dezimeter dick, was
sich wohl daraus erklren liess, dass die Ufer des Kapuas in dieser
Gegend lngst des Urwaldes beraubt waren und bereits fters als
trockene Reisfelder gedient hatten. Daher findet man einen dichten
Waldbestand auch nur da, wo ihn die Taman Dajak als Begrbnissttte
bentzen. Auch an Orten, die durch die berlieferung geheiligt sind,
wird der Wald geschont.

Die Begrbnispltze der Taman machen auf den Vorberfahrenden
eher einen heiteren als einen finsteren Eindruck: die auf Pfhlen
stehenden, mit schnen, bunten Zeichnungen verzierten Grabmler mit
ihren zahlreichen Wimpeln aus rotem und weissem Kattun beleben den
dunkelgrnen Waldesrand. In der Nhe betrachtet wirken die lteren,
verfallenen Grabmler mit dem wegen der Raubsucht der Malaien halb
vernichteten Hausrat: irdenen Tpfen, Gongen, Rudern, Kleidungsstcken
u.s.w., welche den Toten ins Jenseits mitgegeben werden, allerdings
unheimlich dster.

Die Huser der Taman werden nicht, wie die vieler anderer Stmme,
alle paar Jahre von ihren Bewohnern verlassen; sie sind daher auch von
zahlreichen alten Fruchtbumen: Kokospalmen, Duku, Durian, Rambutan
und Blimbing umgeben, die als dunkelgrne Wldchen aus Reisfeldern
und Gestrpp hervorragen. In einiger Entfernung vom Hause bepflanzen
die Taman ganze Felder mit Bananen; die anderen Fruchtbume wrden
dort zu viel von Affen, Eichhrnchen und Vgeln zu leiden haben.

Da unser Zug zum Mahakam bereits monatelang am oberen Kapuas besprochen
worden war, strmte bei unserer Ankunft die ganze Bevlkerung von
Siut herbei und forderte uns auf, in ihren Husern zu bernachten.

Der Kontrolleur _Barth_ und ich zogen es vor, unser Nachtquartier
im neueren Hause am rechten Ufer aufzuschlagen, whrend _Demmeni_
und _Bier_ in ihren Bten bernachten wollten. Sie liessen diese mit
dem Vorderteil auf eine Gerllbank ziehen und zwar mit dem Resultat,
dass, als das Wasser nachts noch weiter fiel, der hintere Teil des
Bootes unter Wasser geriet und _Bier_, bei Tagesanbruch, halb im Wasser
liegend erwachte. Das Kajangeleite schlief in den Husern der Taman,
hatte aber in jedem Boot einen Wchter zurckgelassen.

Die Taman waren erfreut ber unsere Ankunft und sahen es, wie
immer, als Ehre an, uns fr eine Nacht als ihre Gste aufnehmen zu
knnen. Wie auf der vorigen Reise, wurde ich auch jetzt von Leuten,
die um Arzneien baten, berlaufen; hie und da kam auch jemand, in der
Hoffnung auf besseren Erfolg, mit etwas Reis oder Frchten an. Zu
meiner Freude bemerkte ich auch einen meiner frheren Patienten,
den ich bereits 1894 behandelt hatte. Man hatte ihn mir damals
nach Tandjong Narang gebracht, weil er sich durch einen Fall eine
scharfe, hlzerne Pfahlspitze in die Seite, 20 cm weit unter die Haut,
getrieben hatte. Mit Hilfe einiger Schnitte und einer Zange gelang
es mir, das Holzstck zu entfernen. Die Blutung war nicht heftig,
grosse Gefsse waren also nicht verletzt und die Pleurahhle nicht
erreicht; bei der grossen Widerstandsfhigkeit der Dajak sah der
Fall also nicht so schlimm aus. Obgleich auch das Fieber abnahm,
entwickelte sich doch, einige Tage vor meiner Abreise, eine schwere
Pleuritis. Von einer grndlichen Behandlung konnte keine Rede mehr sein
und so berliess ich den Kranken, nach Erteilung einiger Vorschriften
wegen der Behandlung der Wunde und sonstigen Verpflegung, den Seinen
und der Natur. Glcklicher Weise gelang es beiden, die Krankheit
zu berwinden. Als ich den Patienten jedoch 1896 wiedersah, litt
er so hochgradig unter stndigen Malariaanfllen, dass seine Milz
durch die Bauchwand hindurch als dicke Geschwulst fhlbar war. Ich
hinterliess ihm daher eine grosse Dosis Chinin mit ausfhrlicher
Gebrauchsanweisung. Mit grossem Eifer musste er den Vorschriften
gefolgt sein, denn er kam mir jetzt als krftiger Mann entgegen
und brachte mir als Zeichen seiner Dankbarkeit einige Frchte,
allerdings mit der Bitte um eine weitere Dosis Chinin. Bei einer
Untersuchung ergab es sich, dass die pleurae an der verwundeten Seite
noch verwachsen waren, von einer Hypertrophie der Milz oder Leber
war aber nicht mehr viel zu merken.

Allmhlich strmten so viele Mnner und Frauen herbei, die alle um
Heilmittel baten, dass mein Junge mich durch die Ankndigung, dass das
Essen bereit sei, aus grosser Verlegenheit rettete. Der Beginn einer
Mahlzeit macht nmlich auf alle Dajak grossen Eindruck, sie wagen es
daher nur sehr selten, einen beim Essen zu stren, dagegen kommen sie
nie auf den Gedanken, dass einem auch beim Ankleiden und Zubettegehn
ein allzu grosses Interesse der Umgebung unliebsam sein knnte.

Nach dem Essen stellte es sich heraus, dass der Tag nicht ganz ohne
Unfall verlaufen war; denn der Jger _Doris_ kam mit der Meldung, dass
einer unserer Hunde whrend der Fahrt von einem Krokodil aufgefressen
worden war. _Doris_, der mit einigen anderen Halbblutfreunden in
Batavia fr die Wildschweinjagd eine grosse Koppel Hunde hielt, hatte
zwei der besten Exemplare mitgenommen; es waren kleine, kurzhaarige
Tiere mit spitzem Kopf und spitzen, aufrechtstehenden Ohren, die
fr Treibjagden sehr geeignet zu, sein schienen. _Doris_ hatte die
Hunde, weil sie an das Fahren in Bten nicht gewhnt waren, lngs
dem Ufer laufen lassen. Da wir aber der Strmungen wegen fters die
Ufer wechseln mussten und _Doris_ den Dajak ausserdem zeigen wollte,
dass seine Hunde ebensogut schwimmen konnten als die ihrigen, hatte
er sie mehrmals den Fluss durchqueren lassen. Bei dieser Gelegenheit
kam neben einem der Hunde pltzlich der Kopf eines Krokodils zum
Vorschein, der sich dem erschreckten und bellenden Tiere bedchtig
nherte und es unter Wasser zog, bevor man den frechen Ruber durch
einen Gewehrschuss verjagen konnte.

Um meinen Vorrat an Arzneien, der tatschlich fr die Mahakambewohner
bestimmt war, nicht zu sehr anzugreifen und um den niederen Wasserstand
noch auszuntzen, fuhren wir gleich nach Sonnenaufgang weiter; wir
frhstckten auf einer Gerllbank in der Nhe von Lunsa, machten
jedoch weder bei dieser Niederlassung noch bei Lunsa Ra, einem
kleinen Pnihinghause, dem letzten am oberen Kapuas, Halt. Auch diese
Drfer waren bereits aus der Ferne an ihren Bananenanpflanzungen
erkennbar. Auf unserem Zuge 1894 hatte ich in einem Punanhause an
der Mndung des Era bernachtet, jetzt war von dem ganzen Gebude
nichts als ein einziger aufrechtstehender Pfahl bemerkbar. Bis auf
50 m Abstand vom Ufer hatten Bume und Strucher den ganzen Platz,
auf dem das Haus gestanden, eingenommen und waren dabei so von Lianen
berwuchert worden, dass man sich nur mit Hilfe eines Beiles einen
Durchgang htte verschaffen knnen.

Im Laufe des Tages fuhren wir an einer Reihe kleiner Inseln,
waldbedeckten Gerllbnken, vorber, die hie und da das Flussbett
sehr verengten, bei diesem niedrigen Wasserstande jedoch keine
Schwierigkeiten verursachten. Wir erreichten noch am selben Tage Liu
(= Insel) Tangkilu, eine am linken Ufer des Kapuas in einer Bucht
gelegene Gerllbank, die unseren zahlreichen Bten einen vorzglichen
Schlupfwinkel fr die Nacht lieferte. Hier fanden wir noch Spuren
der kleinen Reisfelder der Punan aus dem verlassenen Hause von
Nanga Era und befanden uns somit an der Grenze des sogenannten
Punangebietes, wo feste Niederlassungen nicht mehr vorkommen und
wo nur die nomadisierenden Stmme der Punan und Bukat die stndigen
Bewohner der Urwlder bilden.

Der ganze Charakter der Gegend verkndete den Anfang eines neuen
Gebietes. Mchtige Waldriesen zu beiden Uferseiten breiteten ihre
ste so weit ber den 50-60 m breiten Fluss aus, dass sie einander
berhren zu wollen schienen.

Hart am Uferrand wuchsen Bume, die in ihren hohen, breiten
Bretterwurzeln gengende Sttze fanden, um ihre meterdicken Stmme
und schweren Kronen in horizontaler Richtung ber den Fluss beugen
zu knnen. Bei Hochwasser sind die Stmme oft auf eine Lnge von
ungefhr zehn Metern berschwemmt und auch jetzt konnten wir nur
mit Mhe unter ihnen hindurch fahren. Auffallender Weise kommt in
den Urwldern von Mittel-Borneo lngs den Flussufern stets nur diese
eine Art von Bumen vor, whrend man in einiger Entfernung vom Ufer
berhaupt mir selten zwei oder drei Exemplare der gleichen Spezies
beieinander stehend findet. Die Frchte dieser Bume sind essbar,
werden aber nie gross, so dass nur Kinder sich bemhen, den Fischen
die Ernte streitig zu machen. Infolge ihres eigentmlichen Wuchses
und der Steilheit der Ufer des Kapuas, zog sich das grne Dach dieser
Urwaldbume vom Wasserspiegel an in breiten, welligen Falten bis
Hunderte von Metern an den Wnden der Kluft hinauf.

Ergriffen von dem grossartigen und geheimnisvollen Charakter unserer
Umgebung nahmen wir in feierlicherer Stimmung als gewhnlich unser
Mahl ein und begaben uns frh zur Ruhe. Wir hatten hoch oben auf
der Bank Zelte und in diesen unsere Klambu aufschlagen lassen, nur
_Bier_ bestand, trotz seines Unfalles in der vergangenen Nacht,
darauf, wieder in seinem Boot zu schlafen. Nachts fiel aber ein
kurzer, heftiger Regen, der seine Lagersttte, diesmal von oben,
vollstndig durchnsste. Als aber morgens die Sonne wieder schien und
der Wasserstand sich noch als gnstig erwies, zogen wir in heiterer
Stimmung in das unbewohnte Gebiet hinein. Weiter oberhalb musste aber
doch viel Regen gefallen sein, denn im Laufe des Morgens stieg das
Wasser, was uns das Passieren verengter Stellen und berhngender
Bume sehr erschwerte. Als an einer Stelle ein quer im Fluss halb
unter Wasser liegender Baumstamm umfahren werden musste, schien das
grosse Boot von _Tigang Aging_, in dem sich der Kontrolleur befand,
der Mannschaft zu schwer zu werden; denn die besonders bei steigendem
Wasserstande heftige Strmung drohte das Boot, sobald sich sein
vorderer Teil um das Ende des Baumes dem Ufer zuwandte, der Lnge
nach an den Stamm zu drcken, wodurch das von unten reissende Wasser
das Boot zweifellos erst in schiefe Stellung und dann zum Umschlagen
gebracht htte. In der Mitte des Flusses wiederum konnte gegen
die starke Strmung berhaupt nicht gefahren werden. Zwei Mnnern,
die erst auf den Baumstamm und dann in das Wasser gesprungen waren,
gelang es endlich, die Spitze des Bootes so lange gegen die Strmung
zu halten, bis die brigen Leute mit ihren Stangen am Ufer eine Sttze
gefunden hatten.

Wir kamen aber doch noch ein gutes Stck vorwrts, wohl mit Hilfe des
_telandjang_, des wahrsagenden Vogels, der sich gnstiger Weise am
rechten Ufer hren liess. Es war fr die Kajan eine grosse Beruhigung,
dass nun auch der _telandjang_ seine Zustimmung zum Unternehmen
gab; sie hatten ja vor unserer Abreise an der Mndung des Mendalam
vergeblich auf ihn gewartet. Uns kostete diese Seelenberuhigung unseres
Gefolges jedoch zwei Nchte Aufenthalt (_melo njaho)_, da die Religion
den Kajan vorschreibt, an der Stelle, wo sich der Vogel gezeigt hat,
das Lager aufzuschlagen. Allein die berzeugung, dass unsere Leute nur
auf diese Weise mit Vertrauen unseren weiteren Zug mitmachen wrden,
brachte mich dazu, ihrem Aberglauben wiederum zwei kostbare Reisetage
zum Opfer zu bringen.

Abends sassen wir still in unserem Waldlager, die einen mit Lektre,
die anderen mit allerhand Kleinigkeiten beschftigt, als 6 Malaien
in einem kleinen Boote flussabwrts gefahren kamen und uns um Hilfe
baten. Sie hatten nmlich etwas oberhalb unseres Lagers mit einem
grossen Boot voll Handelswaren an einem Felsen, den sie umfahren
mussten, Schiffbruch gelitten; die reissende Strmung hatte das
Boot gegen einen halb unter Wasser liegenden Stein geworfen und zum
Umschlagen gebracht. Die unglcklichen Leute hatten nichts brig
behalten und baten um ein Unterkommen.

In unserer Ruheperiode war es jedoch _lali_, mit irgend welchen
anderen Menschen in Berhrung zu kommen, und die armen Trpfe
kannten das unerbittliche Festhalten der Kajan an ihrer _adat_ zu
gut, um berhaupt noch einen Schritt bei mir zu wagen, und zogen mit
hungrigem Magen weiter nach Lunsa.

Fr die Meinen bildete das Missgeschick der Malaien einen
Glcksfall. Da die _adat_ ihnen bei Tageslicht einen kleinen Ausflug
gestattete, fuhr _Tigang_ in Gesellschaft einiger Stammesgenossen
in einem leeren Boote den Kapuas hinauf, um die Unglckssttte zu
untersuchen, und kam abends mit einem Gong zurck, den sie durch
Tauchen aufgefischt hatten.

Nachts fiel das Wasser, daher machten sich am zweiten Tage des _melo_
beinahe alle Kajan auf, um ebenfalls etwas von den verunglckten
Habseligkeiten aufzufischen. Vor Einbruch der Dunkelheit mussten
alle wieder zurck sein, aber sie hatten ihre Zeit augenscheinlich
gut angewandt, denn beinahe jeder brachte ein Beutestck mit. Von
den aufgefischten Leckerbissen, die eigentlich fr die malaiischen
Buschproduktensucher am oberen Krhau bestimmt waren, genossen die
Kajan leider nicht viel, da sie ihnen unbekannt waren.

Der eine verzehrte auf ein Mal eine ganze Bchse Sardinen, so dass ihm
bel wurde, der andere leerte eine grosse Flasche mit konzentriertem
Himbeerensirup und bekam Magenbeschwerden und selbst der glckliche
Besitzer des erbeuteten Gongs beunruhigte sich seines zweifelhaften
Eigentumsrechtes wegen.

Wir brigen hatten inzwischen, um eine Aussicht ber unsere Umgebung
zu erlangen, einen, nach den Aussagen der Leute gnstig gelegenen Hgel
bestiegen. Auf dem Gipfel des Berges angelangt standen wir jedoch, wie
es uns hufig bei noch viel hheren Bergen passierte, in einem ebenso
dichten Urwald als an seinem Fuss und einen Ausblick zu erlangen war
also unmglich. Um uns fr unsere Enttuschung etwas zu entschdigen,
machten uns unsere Begleiter auf einige botanische Merkwrdigkeiten
aufmerksam, von denen zwei Lianen allerdings interessant genug
waren. Sie hiessen "_aka kahir_" und "_aka hiling_" und bildeten
wahre Milch- und Wasserquellen, wenn man ihre Stmme durchschnitt und
vertikal hielt. Im brigen brachten wir von diesem Ausflug nicht viel
mehr heim als ermdete Gliedmassen.

Die im Lager zurckgebliebenen Kajan hatten uns unterdessen eine
berraschung bereitet und das dichte Ufergebsch vor unserer Htte
umgehackt, so dass wir jetzt eine freie Aussicht genossen. Das
gegenberliegende Ufer lag nun in seiner ganzen Grossartigkeit vor
uns. Die in allen Schattierungen von Grn prangenden Abhnge stiegen
300 m an und wurden von einer hohen, beinahe senkrechten, nackten Wand
abgeschlossen. Die Wand trug eine schwere Decke von hohen Stmmen,
deren zum Flusse hin frei entwickelte Kronen auch in dieser bedeutenden
Entfernung ihren verschiedenen Charakter erkennen liessen.

Der Eindruck dieser Umgebung wurde nicht wenig durch die scheinbar
vllige Abwesenheit tierischen Lebens erhht. Die kleinen Vgel
in den weit entfernten Baumkronen fielen nicht auf und nur selten
bemerkte man einige Rhinozerosvgel, die in grosser Hhe ber den
grnen Wellen vorberschwebten. Nur der Argusfasan liess seinen
hellen, vollen Ruf von nah und fern ertnen und zeugte von der reich
entwickelten Tierwelt des tropischen Urwaldes, von der der Mensch
trotz aller Anstrengung nur einen sehr kleinen Teil wahrnehmen kann.

Am anderen Morgen, den 24. August, begannen die Kajan, vergngt ber
den gnstigen Wasserstand, bereits bei Sonnenaufgang unsere Kisten
und den Reis in die Bte zu verteilen, verpackten unsere Klambu und
brachen das Zelt ab, so dass wir, als das ganze Kapuastal noch in
Morgennebel gehllt war, bereits in unseren Bten sassen und unter
den besten Auspizien flussaufwrts fuhren. Nach bereinkunft sollten
wir unsere erste Mahlzeit an der Stelle halten, wo das malaiische
Handelsboot gesunken war, denn meine Ruderer wollten whrend der
Vorbereitungen zum Mahl noch einige Habseligkeiten herausfischen.

Nach einer Stunde erreichten wir die Unglckssttte, ein Becken
unterhalb Pulau Balang, in welchem hervorragende Felsblcke in der
Mitte und zu beiden Seiten so heftige Strudel verursachten, dass wir
auch jetzt, bei niedrigerem Wasserstande, nur dank der Geschicklichkeit
und Anstrengung der ganzen Bemannung vorwrts kamen. Die Verunglckten
hatten versucht, ihr Boot lngs eines Felsvorsprunges des linken
Ufers ber eine kleine Stromschnelle hinaufzuschaffen, und ihre Ladung
war beim Umschlagen in das durch Felsblcke vom Flusse abgeschiedene
Becken gesunken.

Auch musste eine grosse Menge Reis gesunken sein, denn noch jetzt
liessen sich auf dem Grunde des Wassers dicke, weisse Schichten
erkennen. Gleich nach unserer Ankunft entledigte sich ein Teil der
jungen Mnner seiner ohnehin sprlichen Kleidung und verschwand im
Becken, whrend andere berlegten, wohin die Strmung noch weitere
Gegenstnde weggefhrt haben knnte. Ausser einigen Flaschen und
Konservenbchsen wurde noch ein Gong zum Vorschein gebracht, aber
die leichteren Sachen, wie Packen Kattun, mussten vom Wasser bereits
fortgetragen worden sein. Die Taucher blieben in ihrem Eifer bisweilen
so lange unter Wasser, dass ich besorgt wurde. Sie berichteten,
dass noch viele Scke Reis am Grunde lagen, aber dass das Wasser zu
tief sei, um sie hervorholen zu knnen; brigens war der Reis durch
das lange Liegen im Wasser sicher auch schon verdorben. So konnten
denn die Kajan nach dem Essen mit ruhigem Gemt von diesem kostbaren
Fleckchen Abschied nehmen und ihre Aufmerksamkeit darauf richten,
uns selbst wohlbehalten ber alle Strudel hinwegzubringen.

An der Mndung des Krhau trafen wir einige zwanzig malaiische
Hndler mit ihren Warenbten, die unseren neugierigen Kuli die
neuesten Nachrichten ber die Buschproduktensucher am Krhau und die
Einzelheiten des Schiffbruchs berichteten.

Teils mit Rudern, teils mit Stangen kmpfte die Bemannung immer
weiter gegen das wilde Wasser des Kapuas an. Durch das stndige
Schaukeln des Bootes und die warme Mittagssonne in einen leichten
Halbschlummer eingewiegt vernahm ich das Krchzen einiger Krhen in
den Uferbumen und wurde so im Traume ber Meere und Weltteile nach
einem kleinen Fleckchen Europas gefhrt, wo khle Winde auf frischen
Wiesen Mhlen treiben.

Bald aber verlangte eine besonders schwierige Stelle wieder die ganze
Kraftanspannung meiner braunen Ruderer, deren Stimmbnder, whrend
sie einander mit lauten Zurufen anfeuerten, in gleicher Weise wie
ihre Muskeln angestrengt wurden. Meine Gedanken wurden dadurch bald
in die Wirklichkeit; zum Kapuas, zurckgefhrt und ich erfreute mich
an der Geschicklichkeit und dem Eifer meiner Kajan, die mit ruhiger
Sicherheit alle Schwierigkeiten zu berwinden wussten.

Wir kamen diesmal auch viel weiter als auf der vorigen Reise und
fuhren auch an Long Mensikai vorbei, dessen ppige Vegetation jetzt
nicht mehr erraten lsst, dass der Ort einst bebaut und von Menschen
bewohnt gewesen ist.

Das kleine Stck Himmel, das zwischen den Uferbumen sichtbar war,
kndigte uns Unwetter und Regen an; wir waren daher froh, dass wir
unseren Zug noch bis zur Mndung des Gung forsetzen und auf einer
Gerllbank (_neha Barau_) unser Lager aufschlagen konnten.

Sehr unangenehm berhrte mich am anderen Morgen _Akam Igaus_ Vorschlag,
dass wir an diesem Tage nicht weiter fahren sollten, weil er schlecht
getrumt und ein anderer nachts den _bilang_, einen Baumgecko, gehrt
hatte. Im Hinblick auf die herandrohende Regenzeit musste ich das
usserste wagen, um _Akam Igau_ von seinem Aberglauben abzubringen und
rief daher _Tigang Aging_ und noch einige der wichtigsten Huptlinge zu
einer Beratung zusammen. Es war mir bereits frher aufgefallen, dass
_Akam Igau_ auf dieser Reise ganz besonders an den Vorzeichen hing,
weil seine beiden jungen Shne, _Adjang_ und _Djaw_, zum ersten Mal an
einem grossen Zuge teilnahmen. Ich hatte also nicht viel Nachgiebigkeit
seinerseits zu erwarten und spielte daher die Missgunst des _Tigang
Aging_, der nicht getrumt hatte und zur Weiterreise geneigter war,
gegen ihn aus. Ich gab zu erkennen, dass ich, nachdem beim Beginn der
Reise alle Vorzeichen als gnstig befunden worden waren, eine weitere
ernsthafte Unterbrechung unseres Zuges wegen der Vorzeichen nicht mehr
wnschte, dass ich es auch so mit _Kwing Irang_, dem grossen Huptling
am Mahakam, gehalten hatte, der sich, wenn er den _bilang_ hrte, mit
einer Scheinexpedition begngt hatte, und dass ich berzeugt war, dass
_Tigang Aging_ ebenso gehandelt htte. Letztere Bemerkung reizte _Akam
Igau_ am meisten, wenigstens zeigte er sich zur Weiterreise bereit,
nur wollte auch er vorher mit allen Kajan bis zu der Stelle hinziehen,
wo der _bilang_ sein "tjok, tjok" hatte ertnen lassen. Der Sinn einer
solchen Expedition scheint darin zu bestehen, dass man dem wahrsagenden
Tier, das eine Weiterreise verbietet, durch einen Spaziergang im
Walde weismacht, man setze die Reise in der Tat nicht fort.

Um die Gemter in gute Stimmung zu versetzen, versprach ich fr
diesen Tag einen Extralohn von 1/2 Dollar, falls es uns gelnge, die
kommenden 8 Wasserflle "Gurung Delapan" zu passieren und den Bungan
zu erreichen. Diese "Acht Wasserflle" bilden nmlich fr die Fahrt
auf dem oberen Kapuas das Haupthindernis. Der Fluss drngt sich hier
zwischen zwei Bergrcken hindurch in einem Bette, das die grossen
Wassermassen oft nicht fassen kann; ausserdem werden die zum Teil
haushohen Felsblcke am Ufer bei Hochwasser durch die Strmung rund
und glatt geschliffen. Diese Felswstenei erstreckt sich 600 m lngs
des Flusses, der brausend und schumend durch das unregelmssige Bett,
das er sich selbst im Laufe der Zeit gegraben hat, hindurchschiesst.

Bei dem niedrigen Wasserstande, den wir jetzt glcklicher Weise hatten,
legten wir die Strecke bis zu den Wasserfllen in kurzer Zeit zurck
und landeten guten Mutes unterhalb eines haushohen Sandsteinblockes
am linken Ufer. Der Block benahm uns zwar die Aussicht auf den
"Gurung Delapan", beschtzte aber unsere Bte vor den seitlich
vorbeischiessenden Wassermassen. Whrend wir beschuhten Europer nach
einiger bung beim Gehen auf Baumstmmen oder ber Flussgerll noch
eine ertrgliche Figur bilden, ist es auf einem Terrain wie dem vor
uns liegenden um unsere Haltung bald geschehen. Bereits das Verlassen
des kiellosen Bootes, das schaukelnd und chzend zwischen den anderen
auf dem bewegten Wasser lag, erforderte berlegung und Balancierkunst,
und gleich der erste Tritt auf dem nassen, runden, glatten Felsblock am
Ufer war ein Wagstck. Trotz unserer gut beschlagenen Sohlen wurde uns
das Vorwrtskommen ber und zwischen diesen glatten Steinmassen sehr
schwierig, whrend die barfssigen Kajan, schwer belastet, den langen
Weg nach oben mit viel Wrde und Bedachtsamkeit zurcklegten. Auch
die kleinsten Pckchen mussten aus den Bten genommen und ber
die Felsen bis oberhalb der Wasserflle getragen werden, so dass
es Stunden dauerte, bevor man an den Transport der Bte denken
konnte. Mit Rudern und Stangen war in diesem Wasserchaos nichts
anzufangen; daher holten die Kajan aus dem Walde lange Stcke Rotang,
von der Strke dicker Taue, und befestigten sie vorn und hinten an den
beiden Bootsenden. Die gewandtesten Mnner erfassten die Rotangenden,
kletterten auf den Felsen, zogen die Bte erst um den schtzenden
Block herum und dann lngs dessen Fusses hin die Flle hinauf. Sind
die Umstnde gnstig, so riskiert es ein Mann, im Boote zu bleiben,
um dessen Anprall an die Felswnde zu verhindern. Auf diese Weise
wurde ein Boot nach dem anderen um die verschiedenen vorspringenden
Felsblcke bugsiert, ein mhevolles und zeitraubendes Werk.

Der Zug der Gepcktrger ber die Felsen bot ein lebendiges
und belustigendes Schauspiel; denn der Transport so vieler Gter
stellte auch an die hoch entwickelte Kletterkunst der Kajan grosse
Anforderungen und, sobald Form und Gewicht des Packens ein Tragen
auf dem Rcken nicht zuliessen, schwankte der Trger ununterbrochen,
und so manches Ausgleiten hatte einen Fall zur Folge.

Noch lebhafter und aufregender ging es auf der Wasserseite zu; hier
entfalteten die Dajak eine solche Kraft, Umsicht und Fertigkeit, dass
auch ein an dergleichen wilde Schauspiele Gewohnter von Bewunderung
erfllt werden musste. Da jeder, durch die Anspannung erregt, dein
anderen' ber das Gedonner des Wassers hin etwas zuzuschreien versucht,
herrscht berall ein scheinbares Durcheinander; in Wirklichkeit
weiss aber jeder genau, was er zu tun hat. Das Boot wird durch die
beiden Rotangseile in der richtigen Stellung gehalten und prallt nur
selten an die Felswnde an. Whrend die erste Gruppe bereits einen
neuen Felsblock erklimmt, steht die zweite oft bis ber die Mitte im
Wasser und hlt das hintere Seil straff, um das Boot nicht anstossen
zu lassen; dann wird auch dieses Seil nach oben geholt und so geht
es langsam weiter. Ein Europer tut unter solchen Verhltnissen am
besten, sich jeder Einmischung zu enthalten und ganz dem Rat der
sorgsamen Huptlinge zu folgen.

Bei dem vorhandenen gnstigen Wasserstande liess man mich,
als die gefhrlichsten Stellen berstanden waren, im Boote Platz
nehmen. Nachdem wir mit einigen Bten bereits ein gut Stck vorwrts
gekommen waren, stand ich einen Augenblick allein in dem meinigen,
um die Ankunft der brigen zu erwarten. Da fing das Wasser pltzlich
mit solcher Geschwindigkeit an zu steigen, dass ich allein nicht im
stunde war, den einen Rand meines Bootes; der eben noch frei unter
einem vorspringenden Felsrand geschaukelt hatte und jetzt unter diesem
eingeklemmt war, zu befreien. Das Boot neigte sich sogleich stark,
aber einige Dajak sprangen in den Fluss und ich auf den Felsblock
und so glckte es diesmal, mein Boot vor dem Umschlagen und einige
meiner Gter vor einem unwillkommenen Bad zu behten.

Mit dem immer schneller ansteigenden Wasser vermehrten sich alle
Schwierigkeiten derart, dass an ein berschreiten der Wasserflle
nicht zu denken gewesen wre, wenn wir nicht bereits den halben
Weg zurckgelegt gehabt htten und nicht der Rckzug ebenso viel
Hindernisse wie das Vorwrtsgehen verursacht htte.

Unsere weitere Fahrt bestand in einem heftigen Kampfe mit den tobenden
Wellen. Bald im Boote schaukelnd, bald im dornigen Uferwalde allein
einen Weg suchend berliess ich die Bestimmung ber meine Person
und Habe gnzlich meiner Mannschaft. Bald nach Mittag glaubte ich,
an einzelnen grossen Felsblcken am Ufer zu erkennen, dass wir die
eigentlichen Flle berwunden hatten. Obgleich ich bereits zwei Mal den
Kapuas hinaufgefahren war, konnte ich doch in dem schnellfliessenden,
unruhigen Strom nicht das stille Wasser, das sich von hier bis zur
Mndung des Bungan hinziehen musste, nicht erkennen.

Die Felsblcke am Ufer, die das Flussbett verengten und mich stets
wieder das Boot zu verlassen zwangen, verschwanden jetzt, aber die
Schwierigkeiten verminderten sich darum nicht. Die heftige Strmung
konnte nur mit der grssten Kraftanspannung und dadurch, dass man an
der Innenseite der Buchten entlang fuhr, berwunden werden. Zu diesem
Zweck mussten wir immer wieder die hoch brausende Mitte des Flusses
durchqueren, ein Wagstck, das nur wenige Dajak zu unternehmen sich
getrauten. Ihrem Beispiel folgend stellten die brigen ihr Boot in
einem bestimmten Winkel gegen die Stromrichtung, ruderten aus aller
Macht und kamen so hinter einer beschirmenden Landzunge zum Vorschein,
um im nchsten Augenblick von der rasenden Strmung der Flussmitte
gepackt und mit schaudererregender Schnelligkeit gegen das andere
Ufer geschleudert zu werden. In solch einem Augenblick spannte die
Bemannung zuerst alle Krfte an, um den ersten Anprall der Bootspitze
gegen das Ufer zu verhindern; war dies geglckt, so sprangen alle im
Fahrzeug in die Hhe, ergriffen die Stangen und suchten nun auch den
Anstoss der Bootsrnder zu brechen.

Die Bewegungen, die die langen, schmalen Fahrzeuge ausfhrten, waren
usserst unangenehm und sicher ist, dass ich dem Himmel dankte,
als uns nachmittags gegen 4 Uhr die braunen Wellen des Kapuas nicht
mehr an das andere Ufer, sondern in das stille, dunkle Wasser seines
Nebenflusses, des Bungan, warfen, der sich wie ein See unter dem
Gewlbe der berhngenden Uferbume hinzog.

In der folgenden Nacht legten sich die Kajan, erschpft von allen
Anstrengungen, ohne andere Bedeckung als ihre Matten, auf der ersten
besten Gerllbank zur Ruhe nieder. Wir Europer verbrachten die Nacht
in einer schlecht gebauten Htte mit der beruhigenden berzeugung,
dass uns ein Regenfall im Bungangebiet nur einen und nicht mehrere
Tage Aufenthalt verursachen wrde, wie in dem so viel grsseren
Gebiete des Hauptflusses.

Nachts bereits begann der Bungan zu steigen und beim Erwachen mussten
die Kajan vor seinem verrterisch braunen Wasser von der Bank an
das hhere Ufer flchten; der stille See von gestern strzte jetzt
schumend an uns vorber. An eine Forsetzung der Reise war nicht zu
denken und so genossen meine Kajan einen wohlverdienten Ruhetag.

Ebenso schnell wie das Wasser gestiegen war, fiel es auch wieder und
wohlbehalten und erfrischt konnten wir am anderen Morgen den Bungan
aufwrts ziehen. Das Wasser hatte gerade die richtige Hhe. Ist es
niedriger, wie es auf meiner frheren Reise der Fall war, so muss die
Bemannung nebenherlaufend das Boot ber die Steine des Flussbettes
ziehen, eine viel ermdendere Arbeit als das Vorwrtsstossen mit
Stangen (_gala_). Trotzdem all unser Gepck beim berschreiten der
zwei folgenden Wasserflle, des Gurung Bakang, wo _Georg Mller_
1825 ermordet wurde, und des Gurung Langau ber Land getragen werden
musste, legten wir an diesem Tage doch ber die Hlfte des Weges bis
zur Mndung des Bulit zurck.

Durch einen kleinen Unfall lernte _Bier_ an diesem Tage das Fahren
in Dajakbten. Er glaubte nmlich anfangs, ebensogut hoch oben auf
ein paar Kisten als am Boden des Bootes, wie alle brigen, sitzen zu
knnen. In einer Stromschnelle verlor aber der Fhrer seines Bootes,
_Obet Lata_, das Gleichgewicht, suchte unwillkrlich an ihm einen
Halt und riss ihn mit sich in den Fluss. Zum Glck kehrten beide
wohlbehalten in ihr Boot zurck.

Der gleich gnstig gebliebene Wasserstand veranlasste uns auch am
folgenden Morgen, frh aufzubrechen. Vor der Mndung des Bulit hatten
wir keine Wasserflle mehr zu passieren und so erreichten wir bereits
gegen Mittag die Verbreiterung, in der Pulu (= Insel) Daru liegt. Ein
frhlicher Sonnenschein, der uns aber in der Tiefe der Kluft, unter
dem berhngenden Grn des Gebirgswaldes, nicht erreichen konnte,
belebte das Bild. Als sich hie und da Fische zeigten, konnten einige
Kajan dieser Versuchung nicht widerstehen, holten ihre Wurfnetze
hervor und begannen ihr Glck zu versuchen. Da vernahmen wir zu
unserer aller Freude unter der dunkelgrnen Halle, die sich ber uns
ausspannte, das Pltschern von Rudern und bemerkten auch bald die auf
dem Rckwege begriffenen Bte von _Seniang_ und _Akam Lasa_. Diese
hatten bei dem trockenen Wetter eine sehr gnstige Reise gehabt, alle
Vorrte unversehrt zum Bulit gebracht und dort auch die drei Mnner,
die unser Gepck bewachten, angetroffen; diese befanden sich sehr wohl,
sehnten sich aber in ihrer Einsamkeit sehr nach unserer Ankunft.

_Akam Lasa_ und _Seniang_ bekamen noch, als vorlufig letzten Gruss an
die gebildete Welt, einen Pack Briefe mit nach Putus Sibau und setzten
dann ihre Heimreise fort; auch wir verliessen den freundlichen Ort,
um noch Long Bulit zu erreichen.

Im Laufe des Nachmittags wurde uns die Fahrt auf dem stillen Wasser
unter hohen Uferbumen und Girlanden herabhngender Lianen durch
einen Regen verdorben. Da der Regen immer strker wurde und alle,
die keinen Mantel besassen, bis auf die Haut durchnsste, begrssten
wir mit Freuden die Reihe Felsblcke, welche die Mndung des Bulit
beinahe abschliesst.

Hier hatten die drei Wchter bereits eine Leiter zur Ersteigung des
hohen Uferwalls und Gerste fr unsere Htten hergestellt, so dass
nur noch das Segeltuch aus den Bten geholt zu werden brauchte, um
uns ein schtzendes Obdach vor dem Sturzregen zu verschaffen; bei
hungrigen und ermdeten Menschen ruft der Regen auch in den Tropen
eine sehr unangenehme Stimmung hervor. Fr uns Europer gab es aber
so viel Interessantes zu hren, dass nach dem Wechsel der nassen
Kleider die letzten Unannehmlichkeiten bald vergessen waren.

Mehr als drei Wochen hatten die Wchter allein, mitten in diesem nur
von den nomadisierenden Stmmen der Bukat und Bungan Dajak durchzogenen
Urwldern, zugebracht; sie hatten sich aber nie gengstigt. Bereits
wenige Tage nach ihrer Ankunft hatte sich das Gercht von ihrer
Anwesenheit mit so vielen guten Esswaren auch in diesen weiten Wldern
verbreitet. Erst waren ein paar Bunganmnner auf Kundschaft gekommen
und, nachdem man sie freundlich empfangen hatte, folgten bald auch
Frauen und Kinder, die alle ein Geschenk an Reis und Tabak erhielten,
das fr sie einen ganz besonderen Glcksfall bedeutete. So gestaltete
sich den drei Mnnern die Einsamkeit noch ertrglich und die Ungeduld
wurde ihnen nicht zu qulend.

Da in den letzten Jahren alles niedrigere Gehlz der nchsten Umgebung
von vorberreisenden Gesellschaften zum Bau von Lagern gefllt worden
war und unser zahlreiches Geleite es zu mhsam fand, Holz von weiter
her zu beschaffen, bernachteten sie in sehr primitiven Htten auf
den Gerllbnken unten im Fluss. Auf einen trockenen Abend folgte
aber eine nasse Nacht. Wir schliefen noch nicht lange, als wir von
einer allgemeinen Unruhe am Flussufer geweckt wurden. Der Regen vom
Nachmittag musste auch in einem Teil des Stromgebietes des oberen
Bulit gefallen sein; denn das Flsschen stieg innerhalb einer halben
Stunde um zwei Meter und seine Wassermassen berfielen pltzlich die
Schlfer auf der Bank.

Die Gesellschaft musste so schnell nach oben flchten, dass einige
ihr Hab und Gut nicht mehr in Sicherheit bringen konnten und zusehen
mussten, wie ihre Tragkrbe mit dem so kostbaren Inhalt von dem
Strome fortgerissen wurden. Whrend des folgenden Tages stieg und
fiel das Wasser abwechselnd. An eine Fahrt auf dem Bulit war nicht
zu denken, daher widmeten wir uns ganz dem Ordnen des Gepckes, das
uns, seines Umfanges wegen, trotz der ansehnlichen Trgerzahl fr den
Landtransport viel Schwierigkeiten verhiess. Daher kam _Akam Igau_
mit dem Vorschlag, nicht wie auf der letzten Reise sdlich vom Berge
Lekudjang zum Penaneh zu ziehen, sondern durch das Tal des oberen
Bungan und seines Nebenflusses, des Betjai, nrdlich vom Lekudjang,
den Howong, einen Nebenfluss des Mahakam, zu erreichen. Der Weg ber
den Penaneh fhrte nmlich ber die zahlreichen Bergrcken, welche die
sdlichen Quellflsse des Bungan trennen, ausserdem waren die Pnihing,
die frher am oberen Penaneh wohnten und uns auf der Reise 1896 die
erste Hilfe im Mahakamgebiet geleistet hatten, inzwischen an einen
weiter unter am Fluss gelegenen Ort gezogen, so dass wir diesmal einen
viel weiteren Weg selbstndig zurckzulegen gehabt htten als damals.

Um an den Howong zu gelangen, konnten wir erst dem Bungan und dann dem
Betjai bis zur Wasserscheide folgen, hatten diese dann auf bequemem
Pfade zu berschreiten und zum Howong hinunterzusteigen. Dort wohnte
seit langer Zeit ein Pnihingstamm, der uns beim Transport helfen und
ntigenfalls auch mit Reis versehen konnte.

In Anbetracht dass auch _Georg Mller_ im Jahre 1825 diesem Weg,
allerdings in umgekehrter Richtung, gefolgt war und dass er berdies
fr mich neu war, ging ich gern auf _Akam Igaus_ Vorschlag ein, und
wir beschlossen, nur bis zum _pangkalan_ (Halteplatz beim Beginn
des Weges zum ...) Howong den Bulit aufwrts zu fahren und nicht,
wie in den Jahren 1894-1896, erst vom_ pangkalan_ Mahakam aus den
Landzug zu beginnen.

Gegen Abend fiel das Wasser stndig und wir hofften, unsere Fahrt
am anderen Morgen auf dem nur 15 m breiten Flsschen bei einer fr
unsere Bte gengenden Tiefe des Wassers fortzusetzen.

Alles auf einmal zu transportieren war jedoch unmglich, daher sollten
der Sergeant _Duni_ und ein Schutzsoldat _Bajan_ mit einigen kranken
und auf der Reise verwundeten Kajan beim Reis zurckbleiben und spter
vom _pangkalan_ Howong aus abgeholt werden.

Am ersten Tage begegneten wir Bungan Dajak, die auf der Reise
nach Putus Sibau begriffen waren. Sie zeigten sich anfangs scheu,
obgleich ich bereits auf der frheren Reise mit ihnen verkehrt
hatte. Augenscheinlich frchteten sie unseren Zorn, weil sie den
Malaien _Adam_ ermordet hatten. Ich wusste aber, dass dieser _Adam_,
ein aus Serawak entflohener Bandit, diese schwachen Stmme entsetzlich
betrogen hatte, dass er sich sogar als Reprsentant der Regierung
aufgespielt und sich als solcher vieler vom Mahakam stammender Gter
bemchtigt hatte; ausserdem hatte er im Jahre 1896 alles getan, damit
unsere Expedition von den Mahakamstmmen schlecht empfangen wrde. Ich
beruhigte die Leute ber die Folgen ihrer Tat und beschloss, um Zeit
fr die Erneuerung unserer Bekanntschaft zu gewinnen, erst kochen
und das Nachtlager aufschlagen zu lassen. Nachdem sich die Bungan
beruhigt hatten, erzhlten sie mir, dass _Adam_ sehr schlecht gegen sie
gewesen sei. Als sie einst gemeinsam von Putus Sibau, wohin sie sich
begeben hatten, um Handel zu treiben und den Kontrolleur zu sprechen,
zurckkehrten, liess _Adam_ nicht zu, dass sie die mitgebrachten Waren
in ihre Htten brachten, sondern zwang sie, einen Teil ins Wasser
zu werfen. Einen kleinen Knaben, der noch etwas von den Schtzen
retten wollte, verwundete er mit dem Schwerte, worauf dessen lterer
Bruder einen vergifteten Pfeil auf ihn abschoss. Nun fassten auch die
anderen Mut und beschossen ihn mit Pfeilen; sie wagten aber nicht,
sich ihm zu nhern, und so hatte er noch Zeit gehabt, sich bis zu
einer Felsenhhle fortzuschleppen, wo er sein Leben endete.

Die Bungan besassen keine guten Bte und baten mich daher um eines der
unseren, von denen wir ohnehin einige zurcklassen mussten; denn meine
Kajan hatten fr ihre Rckkehr nicht so viele ntig. Ich sagte ihnen
ein Boot zu unter der Bedingung, dass sie beim Transport unserer Gter
lngs des Bulit bis zum Bungan behilflich sein sollten, worauf sie
hauptschlich wegen der zu erwartenden guten Reismahlzeiten eingingen.

Wir befanden uns hier inmitten einer interessanten
Bergformation. Bereits an der Mndung des Bulit bemerkte ich einen
weissen Kalkstein, weiter aufwrts wurden die Kalksteine immer
zahlreicher, bis wir, nach einer Fahrt von einigen Stunden, zu beiden
Seiten des Bulittales steile, 150-250 m hohe Kalkberge auftauchen
sahen. Beim ersten Blick erinnerten ihre berhngenden Wnde im unteren
Teil an die Tufflager im Mandaigebiet, aber die unregelmssigen Hhlen
und tiefen Klfte hoch oben benahmen mir bald den Irrtum. ber eine
Gerllbank klimmend, auf der einige Felsstcke anderer Formation
mit ausgesprochener Schichtung hervorragten, gelangten wir bald an
den Fuss eines der Berge. An der Seite, wo wir standen, hing eine
60 m hohe Felswand ber uns, die an den Stellen, wo nicht Moose
und Algen eine rote, braune oder graue Farbe hervorgerufen hatten,
brunlich weiss war. Zahlreiche, bis ein Meter lange Bienennester,
deren Bewohner auf diese Entfernung kaum sichtbar waren, hingen von
den Wnden wie von Gewlben herab.

Der untere Teil der berhngenden Wand war, infolge der Erosion des
durch die porse Kalkmasse dringenden Wassers, in tiefe, breite Gruben
und Spalten zerklftet, die ganz unten zu Hhlen anwuchsen, an deren
Eingang wir prachtvolle Stalaktiten bewunderten. Aussen waren diese
bewachsen und dunkel gefrbt, an der inneren Seite waren sie aber
schn weiss geblieben.

Ausser zahlreichen Schmetterlingen und Bienen, die das an vielen
Stellen durchsickernde Wasser aufsaugen, beobachteten wir als
Hauptbewohner dieser Hhlen nur Fledermuse und Schwalben, von
denen letztere essbare Nester bauen, die am Mahakam einen wichtigen
Ausfuhrartikel bilden. Auf dem Boden hatte sich im Laufe der Zeit eine
dicke Guanolage gebildet, deren durchdringender Geruch sich weit in
der Umgegend verbreitete.

Die Hhlen dienen den nomadisierenden Familien der Punan und der
ihnen hnlichen Bungan Dajak als Schatz- und Totenkammern.

Unser Geleite zeigte fr die Kalkbildungen viel weniger Interesse
als wir und nur einzelne wagten es, sich den Hhlen, welche ihre
Phantasie mit einem Heer von Geistern bevlkert, zu nhern. Keiner
war auch dazu zu bewegen, irgend etwas in der Umgebung anzurhren,
und so begannen wir denn selbst mit einem Hammer einen Teil eines
Stalaktiten abzuschlagen, um seine Bestandteile spter untersuchen zu
knnen. Er erwies sich als sehr pors; trotzdem kostete es viel Mhe,
ein Stck abzutrennen. Der lange Stab tnte dabei wie eine Glocke, wir
hrten aber aus Furcht, das ganze Stck auf unsere Kpfe zu bekommen,
bald mit diesem gefhrlichen Glockenspiel auf.

Um eine gute photographische Aufnahme machen zu knnen, musste ein
Baum gefllt werden. Whrend wir mit dem Aufsuchen eines geeigneten
Standplatzes beschftigt waren, verschwand, aus aberglubischer Furcht,
einer der Kajan nach dem anderen, und von den drei briggebliebenen
wagte keiner, den Baum zu fllen. Ich ergriff daher ein Dajakbeil
und machte mich selbst an die Arbeit. Einem danebenstehenden Pnihing
wurde die Situation allmhlich doch peinlich und, nachdem er sich
berzeugt hatte, dass ich immer noch lebend auf meinen Beinen stand,
berwand er seine Angst und nahm mir die Arbeit ab, die er sicher in
einem Zehntel der Zeit vollfhrte.




KAPITEL XI.

    Ankunft am _pangkalan_ Howong--Unterhaltung im Lager--_Akam Igau_
    zieht zum Mahakam voraus--Aufbruch eines Teils der Kuli zur
    Wasserscheide--Erscheinen von Bungan Dajak Besuch im Lagerplatz
    der Bungan--Rckkehr der Trger--verschwinden des leises--Landzug
    in Eilmrschen--Passieren des Bungan--Nahrungsnot--Lager unterhalb
    der Wasserscheide.


Bereits frh am folgenden Tage erreichten wir den _pangkalan_
Howong. Ida wir hier voraussichtlich einige Tage warten mussten,
bis all unser Gepck beisammen war, wurde ein festeres Lager als
gewhnlich aufgeschlagen. In kurzer Zeit wurden fr uns und die
verschiedenen Gruppen unserer Ruderer gute Htten und fr unsere
Vorrte ein paar feste Schutzdcher aufgestellt.

Es zeigte sich, dass wir alles ohne Unglcksflle und wenig
beschdigt, in krzerer Zeit als die vorigen Male, zu Wasser befrdert
hatten. Leider liessen die ungeschickten Punan noch im letzten
Augenblick ein Boot, als es zwischen zwei Felsblcken eingeklemmt
sass, voll Wasser laufen. Die mit Harz verklebten eisernen Kisten
trieben anfangs auf dem Wasser und konnten aufgefischt werden; sie
mussten aber, da trotzdem Wasser eingedrungen war, doch ausgepackt
werden. Unglcklicher Weise regnete es den ganzen Tag, so dass in
der ohnehin feuchten Umgebung ein Trocknen kaum mglich war.

Unsere ganze Gesellschaft genoss brigens die erzwungene Ruhe in
dem angenehmen Gefhl, dass ein wichtiger und gefhrlicher Teil der
Reise bereits zurckgelegt war. Wie gewhnlich verstanden die Kajan,
die freie Zeit am besten zu bentzen; sie hatten in ihren Tragkrben
allerhand Arbeit mitgenommen, mit der sie sich whrend der langen
Abende angenehm beschftigten. Beim Schein einer kleinen Blechlampe
schnitzte der eine ein neues Ruder, der andere einen Teller, ein
dritter, Liebhaber feiner Arbeit, stellte einen Mandau-Schwertgriff
her. Viele lagen auch neben einander und plauderten ber die
Tagesereignisse; trotz aller Anstrengungen der verflossenen Tage
schien keiner ruhebedrftig zu sein. Wurde die Stimmung besonders
heiter, so begann einer der lteren Mnner, Couplets, welche die
Stammesgeschichte behandelten, vorzutragen; in den Kehrreim stimmte
die ganze Gesellschaft mit ein. Der Gesang wirkte auf die Dauer etwas
eintnig, klang in dieser Umgebung aber doch anziehend und legte
ein gutes Zeugnis fr die Stimmung meiner Kuli ab; daher horchte ich
mit Vergngen, wenn mir nicht vor Mdigkeit die Augen zufielen. Wir
Europer hatten nmlich trotz unserer guten Lampen keine Lust gehabt,
irgend etwas vorzunehmen und hatten uns frh schlafen gelegt.

Am anderen Morgen sandte ich einen Teil unserer Leute an die Mndung
des Bulit zurck, um die dort mit dem Reisvorrat Zurckgebliebenen
abzuholen. Abends langten alle und alles wohlbehalten bei uns an.

Hatten an dem einen Abend die Mnner aus Tandjong Karang etwas
vorgetragen, so begannen am folgenden die Leute aus Pagong sich hren
zu lassen und zwar wieder auf ganz verschiedene Weise.

Da wir nun einmal unsere Reise so weit gefrdert hatten, durfte ich
mit Ruhetagen auch nicht mehr allzusehr geizen und liess daher meine
Kajan nach ihrer Art geniessen.

Der Wald, in dem wir uns eben befanden, war von der Regierung, aus
Furcht vor Zusammenstssen mit den Kpfe jagenden und Buschprodukte
raubenden Stmmen aus Serawak, den Dajak noch nicht zur Ausbeutung
frei gegeben worden und daher in seiner Unberhrtheit besonders
reizvoll. Die Gipfel der Bume erhielten durch die wehenden,
meterlangen Bltter der Rotangpalmen einen eigenen Schmuck; auch
zeigten die Baumfarne hier zum ersten Mal ihr helles, spitzenartiges
Laubwerk. Ein berall vorkommender Baum, dessen weisse Blten die
Gerllbnke bedeckten und das ganze Flusstal mit ihrem herrlichen Duft
erfllten, schien auch auf eine grosse Menge Insekten sehr anziehend
zu wirken: Zahllose Arten Fliegen, Bienen und Wespen umschwrmten
die Blten und da, wo die Sonnenstrahlen einen Durchgang fanden,
schwebten Gruppen eigenartig schner Schmetterlinge. Es fiel uns
aber auf, dass sich unter diesen im Ganzen wenig neue Arten befanden,
whrend die Nachtschmetterlinge und die brige Insektenwelt uns abends
durch ihren Reichtum in Erstaunen versetzte. Der Schein unserer Lampen
lockte aus der dunklen Umgebung zahllose kleine Nachtfalter herbei,
die sich an der hellen Innenseite unserer Dachbedeckung niederliessen
und uns durch ihre unbeschreibliche Mannigfaltigkeit in Formen und
Farben erfreuten. Fingen wir die sitzenden Tierchen mit dem weiten
Hals einer Flasche mit Cyankalium auf, so fielen sie von selbst hinein
und wir konnten sie nach Belieben bewundern. Matte und metallglnzende
Farben auf dem verschiedensten Grunde und in den schnsten Zeichnungen
erfreuten das Auge; unser Entzcken erregte aber ein sehr grosser
Falter mit weissen Atlasflgeln, deren Rnder mit den zierlichsten
Arabesken aus Gold geschmckt waren. Leider liess sich gerade dieser
Falter nicht fangen, er war, wie auch die anderen grossen Arten,
sehr scheu und zeigte sich nur auf Augenblicke. Auch das Aufstellen
von Lampen im Walde fhrte zu keinem befriedigenden Ergebnis.

Die Kajan hatten fr dergleichen weder Auge noch Zeit und zogen
beinahe alle in den Wald hinein. Die Punan gingen mit ihren Hunden
auf die Jagd; einige Kajan suchten _aka klea_, eine Liane, um mit
ihren Fasern unsere Fischnetze auszubessern, die beim Auswerfen auf
dem mit totem Holz und Steinen bedeckten Grunde des Flusses stark
gelitten hatten; wieder andere begaben sich auf den Fischfang.

Dank dem Fischreichtum dieser Flsse stand unserem Geleite stets
reichlich Fischfleisch als Zukost bei seinen Reismahlzeiten zur
Verfgung. Das brachte mich auf den Gedanken, von allen Arten kleine
Exemplare zu konservieren; eine derartige Sammlung, verglichen mit
einer zweiten aus dem Mahakamgebiet jenseits der Wasserscheide,
musste von Interesse sein. Ich suchte daher, wenn die Fischer abends
ins Lager zurckkehrten, kleine, unverletzte Fische aus und legte sie
in die hiefr mitgenommenen Flaschen in 20 % ige Formalinlsung. Auch
sorgte ich dafr, dass meine Sammlung durch die besonderen, kleinen
Arten der Fische der kleinen auf 500-600 m Hhe gelegenen Bergbchen
bereichert wurde. Ich hatte bereits auf meiner vorigen Reise eine
grosse Anzahl Fischarten sammeln lassen, aber aus Mangel an gut
schliessenden Flaschen verdarb ein grosser Teil auf der weiteren Reise.

Unser schn ttowierter Beketan, namens _Ganilang_, bentzte die Musse,
um sich an Stelle seines baumwollenen Lendentuches, das durch das
stndige Nasswerden in Wasserfllen und Strudeln stark gelitten hatte,
eines aus Baumbast herzustellen. Er suchte zu diesem Zwecke einen
ihm bekannten Baum aus, entkleidete ihn auf 4 m Lnge seiner Rinde
und begann mit seinem Mandau-Messer, die Rinden- und Bastteile von
einander zu trennen. Den ungefhr 4 m langen, 3 dm breiten und 1 bis
1 1/2 cm dicken, weissen Baststreifen, den er erhielt, rollte er von
beiden Enden aus so fest als mglich zusammen und klopfte ihn darauf
mittelst eines mit Einkerbungen versehenen Holzstckes mrbe. Indem
er das Bndel immer steifer aufrollte, gelang es ihm, die Fasern aus
einander zu pressen und den Streifen dadurch zu verbreitern. Nach
mehrstndiger Arbeit erhielt er einen 4 m langen und 8 dm breiten,
dnnen, biegsamen Lappen, aus dem durch Klopfen beinahe alle weicheren
Teile entfernt worden waren. Zur Nacht band ihn _Ganilang_ an einen
Baumstamm in stark strmendem Wasser, wodurch vollends der Rest
der weichen Teile ausgesplt wurde; nach dem Trocknen bildete der
Bastlappen ein hellbraunes, praktisches Lendentuch. Kleidungsstcke
aus guten Bastarten knnen monatelang getragen werden.

Die jngsten unserer Mnner verfolgten inzwischen ganz andere
Interessen. Im Gegensatz zu meiner vorigen Reise, wo _Akam Igau_
dafr gesorgt hatte, dass sich hauptschlich krftige, kriegstchtige
Mnner an unserer Expedition beteiligten, befanden sich diesmal viel
jngere Personen, welche das achtzehnte Jahr kaum erreicht hatten,
unter unserem Geleite. Ich betrachtete ihre Gegenwart als ein Zeichen
von Vertrauen, das man dem Wohlgelingen unserer Unternehmung entgegen
brachte, und, da sie sich unterwegs in den Bten gut gehalten
hatten, sah ich die frhlichen, geschmeidigen jungen Mnner gern
um mich. Fr viele bildete dieser Zug, gleichwie fr _Adjang_ und
_Djaw_, das erste grssere Unternehmen, das sie mitmachten, daher
sollten sie bei ihrer Rckkehr unter die erwachsenen Mnner des Stammes
aufgenommen werden. Vorher mussten sie sich aber, der Sitte gemss, den
_utang_, das Stbchen, anlegen lassen, welches als Zeichen erreichter
Mnnlichkeit durch die glans penis getrieben und whrend des ganzen
Lebens nicht abgelegt wird. Zu Hause schmen sich die jungen Leute zu
sehr vor den Frauen, um dergleichen Manipulationen mit sich vornehmen
zu lassen, daher bentzen sie lieber eine Reisegelegenheit dazu. In
der Besorgnis, dass uns am Ende ein Aufenthalt verursacht werden
knnte, war ich ber die Nachricht, dass einige bereits den Ruhetag
an der Mndung des Bulit und andere den Abend zuvor zur Ausfhrung
der Operation bentzt hatten, nichts weniger als erfreut. Obgleich
die Operation sehr wenig aseptisch vorgenommen wurde, zeigte sich
doch nur in einem Fall eine unangenehme Entzndung; heftige Blutung
kam berhaupt nicht vor, auch wurden die jungen Leute dadurch nicht
an der Arbeit gehindert; nur ab und zu sah ich einen von ihnen mit
schmerzhaft verzogenem Gesicht in einer khlen Bergquelle sitzen,
was ihm augenscheinlich Linderung verschaffte.

Wohl aus Rcksicht auf diese Verhltnisse zeigten _Akam Igau_ und
_Tigang_ am folgenden Morgen wenig Lust, den Landzug zu beginnen:
da ich aber nicht wusste, wie lange wir noch von unserem Reisvorrat
zu leben hatten, hielt ich Eile fr geraten und begann, als die
Kajan zgerten, mit den Malaien den Reis- und Salzproviant, der
vorausgetragen werden sollte, unter die verschiedenen Huptlinge,
je nach der Anzahl ihrer Leute, zu verteilen. Als uns darauf einige
der Bungan Dajak, die wir, wie frher mitgeteilt, als Trger und
Wegweiser zum Bungan in Dienst genommen hatten, zu Hilfe kamen,
rafften sich schliesslich auch die Kajan auf. Zwar blieben hie und
da einige in den Htten zurck und andere begannen mit dem Transport
ihrer eigenen Sachen, aber die meisten machten sich doch auf den Weg.

Tags zuvor hatte ich einige Bungan Dajak als Kundschafter und Trger
an den Bungan vorausgeschickt; sie kamen jetzt mit der Meldung zurck,
der Wasserstand im Bungan sei so hoch, dass man diesen nur mittelst
ber den Fluss gespannter Rotangseile habe passieren knnen, auch habe
man das Gepck noch vor der Mndung des Betjai unterbringen mssen;
erst am folgenden Tage sollten sie bis an den Betjai geschafft werden.

Der Bericht klang zwar nicht ermutigend, ich hatte aber ohnehin
eingesehen, dass wir nicht sogleich weiter konnten, weil sich bei
_Demmeni_, der seit dem ersten Tage unserer Ankunft an Malaria litt,
noch immer keine Besserung zeigte; gegen Abend kehrte das Fieber
stets zurck und liess sich auch nicht durch 2 g murias chinini, die
er 8 Stunden vor dem Anfall, innerhalb einer halben Stunde, einnahm,
niederschlagen. Da man den Patienten unmglich ber Land transportieren
konnte und auch eine Rckreise fr ihn nichts Gutes versprach, in
Anbetracht, dass es mindestens acht Tage dauern musste, bevor er in
Sintang rztliche Hilfe finden konnte, musste ich versuchen, ihn an
Ort und Stelle zu kurieren. Ich brachte daher den Patienten zu Bett
und erhhte die Chinindosis von 2 auf 3 Gramm mit dem Erfolge, dass
sich der Kranke zwar schwindelig fhlte, die Temperatur aber nicht
mehr stieg. Als am folgenden Tage 2 g Chinin wiederum  kein gengendes
Resultat ergaben, beschloss ich, noch einige Tage mit strenger Bettruhe
und 3 g Chinin fortzufahren. Obgleich diese Behandlung _Demmeni_
durchaus nicht angenehm war, berstand er sie doch mutig, berzeugt,
dass er nur auf diese Weise wieder marschfhig werden konnte.

Wir bentzten die Wartezeit, um unser Hab und Gut, das whrend der
Reise doch mehr oder weniger feucht geworden war, auf hoch gelegenen
Gerllbnken zu trocknen. Einige Packen Seidenstoffe waren durch die
Feuchtigkeit gnzlich entfrbt worden, obgleich sie sich in eisernen,
mit Harz verklebten Kisten befunden hatten; derartige kostbare Artikel
htten in besonderen, verlteten Blechkisten aufbewahrt werden mssen.

Den im Lager zurckgebliebenen Malaien hatte ich aufgetragen, auf
verschiedene Weise Fische zu fangen; der Erfolg war aber, da die
Trger das feinmaschige Wurfnetz mitgenommen hatten, gering.

Mittags kehrte die Trgergesellschaft zurck und besttigte die Meldung
der Bungan Dajak, dass der Weg lngs dem Bungan sehr beschwerlich
sei. Ferner hatten sie die in diesem Gebiete liegenden Niederlassungen
einiger Bungan Dajak erreicht. Deren Huptling _Lakau_ war mir von der
vorigen Reise her bekannt und trug die unmittelbare Schuld an dem Tode
des Malaien _Adam_. Diese Bungan hatten meinen Kajan beim fragen nicht
helfen wollen, trotzdem sie ihre Reisfelder bereits best hatten. Ihre
Weigerung erklrte sich aus der bei ihnen herrschenden Hungersnot,
die sie dazu trieb, ihre Reisfelder zu verlassen und irgendwo am Bulit
Waldfrchte zu sammeln; sie zogen daher mit Frauen und Kindern aus,
ihre Felder der Sorge der Natur berlassend.

Nachdem ich mit einigen in diesen Gegenden gut bekannten Punan,
_Djelwan_ und _Udjan_, darber beraten hatte, ob wir diesen wenig
verlockenden Landweg berhaupt einschlagen sollten, wurde beschlossen,
ihm dennoch zu folgen. Davon, dass wir Europer aufbrechen konnten,
bevor _Demmeni_ wieder zu gehen im stande war, konnte aber nicht
die Rede sein; denn in dieser Umgebung mussten wir so lange als
mglich beieinander zu bleiben trachten. Ich war daher gezwungen,
den Gtertransport gnzlich den Trgern zu berlassen, was ich aus
verschiedenen Grnden nur sehr ungern tat. Auch mussten wir berlegen,
auf welche Weise wir die Huptlinge am oberen Mahakam, deren Hilfe
wir ntig hatten, am besten von unserer Ankunft benachrichtigen
sollten. Da _Akam Igau_ sich bereits auf meiner Reise im Jahr 1896
trotz schwieriger Umstnde seines Auftrages trefflich entledigt und
uns bei seinen Verwandten eine gute Aufnahme erwirkt hatte, schien er
mir auch jetzt wieder die gegebene Persnlichkeit dafr zu sein. Meine
Wahl bereitete jedoch _Tigang Aging_, der sich selbst fr am besten
geeignet hielt, Haupt einer so wichtigen Gesandtschaft zu sein, viel
Verdruss; auch erschien ihm der Transport des Gepcks und die Aufsicht
ber seine eigenen Stammesgenossen viel weniger angenehm. Ausser _Akam
Igau_ beauftragte ich noch vier andere ltere Mnner aus verschiedenen
Husern am Mendalam, an den oberen Mahakam vorauszuziehen und _Kwing
Irang_, dem mchtigsten Huptling der dort lebenden Bahaustmme, zu
melden, dass unsere Expedition im Anzuge sei und wir ihn um seinen
Beistand ersuchten.

_Tigang Aging_ behielt ich, damit er unterwegs keine Hndel mit _Akam
Igau_ anfing, bei mir zurck, auch sollte er mir bei den Bungan Dajak
als Dolmetscher dienen.

Am nchsten Morgen wurden wiederum hauptschlich Reis und Blechkisten
mit Salz unter die Trger verteilt, die in der Voraussicht, lngere
Zeit allein reisen zu knnen, sehr vergngt waren. Es schien mir am
besten, dass sie ohne Aufenthalt bis an den oberen Betjai zogen. Sie
befanden sich dort auf einem Bergrcken nur einige Hundert Meter
unterhalb der Wasserscheide zwischen den Quellen des Betjai und Howong,
also an der Scheide des Kapuas- und Mahakamgebietes. Bis zu diesem
Punkte sollte _Akam Igau_ die Trger beaufsichtigen und Sorge tragen,
dass alles Gepck dort gut aufbewahrt wurde; dann sollte er mit seinen
Begleitern allein weiter zum Mahakam hinunterziehen. Der Korporal
_Suka_ und zwei andere Malaien, die unser Hab und Gut bereits am Bulit
so gut bewacht hatten, sollten auch jetzt bei den Sachen zurckbleiben
und dafr sorgen, dass alle Trger so schnell als mglich zu uns ins
Lager zurckkehrten, um uns abzuholen.

Nachdem die ganze Gesellschaft fortgezogen war, blieben wir Europer
mit einigen hier gnzlich unbekannten Javanern, zwei Kapuas Malaien
und drei Kajan, von denen zwei krank waren, einsam am Bulit zurck.

Wir konnten uns, da nur ein einziger, von den vielen Trgern
ausgetretener und durch den Regen aufgeweichter Pfad in den Wald fhrte
und es berdies viel regnete, nur auf dem kleinen Platz, den ich vor
unserem Lager hatte abholzen lassen, einige Bewegung verschaffen.

Um meine Leute die einsame Umgebung, die durch den stndigen Regen
noch trostloser wurde, in der Arbeit vergessen zu lassen, liess ich
sie Reusen fr den Fischfang herstellen; der Bulit fhrte aber gerade
jetzt nicht so viel Wasser, als fr das Fischen mit Reusen erforderlich
war, und so erhielt ich nur wenige neue Fischarten.

Zum Glck war _Demmeni_ nach dreitgiger sehr strenger Behandlung
fieberfrei geworden, und wir konnten ihn, um einen grsseren Ausflug
auszufhren, fr lngere Zeit allein lassen.

Es war nmlich Zeit, dass wir Vorbereitungen fr eine topographische
Aufnahme des Mahakamgebietes trafen. Diese Aufnahme sollte sich an
diejenige anschliessen, welche das topographische Institut in Batavia
im Auftrage der Regierung in den Jahren 1885-1896 von dem Flussgebiet
des Kapuas hatte ausfhren lassen.

Der Topograph _Werbata_ hatte damals den Weg ber die Wasserscheide
bis Penanh aufgenommen, hatte aber seine Absicht, von hier aus den
Mahakam zu erreichen, aufgeben mssen.

Da wir nun nicht, wie es anfnglich unser Plan gewesen, den Weg ber
Penanh einschlugen, sondern lngs des nur oberflchlich aus der
Ferne von ihm aufgenommenen Betjai zogen, mussten wir versuchen,
auf der Wasserscheide einen Punkt zu fixieren, indem wir von dort
aus mit dem Theodoliten die Azimute einiger hoher, bekannter Berge
bestimmten. War der Fixpunkt gefunden, so konnte von ihm aus, mit Hilfe
von Theodolit und Massstab, das ganze Mahakamgebiet aufgenommen werden.

Unser Topograph _Bier_ hatte aber bis jetzt nur in Sumatra gearbeitet
und auch meine Reisegenossen hatten bis jetzt nichts von dem Lande
gesehen, weil wir von Nanga Era an in der Tiefe eines schmalen,
von den bis 600 m hohen, steilen Abhngen des Kapuas-Kettengebirges
begrenzten Tales gefahren waren.

Um uns von dem, was die Wasserscheide am Howong nrdlich des Berges
Lekudjang an Aussicht liefern konnte, eine Vorstellung zu machen,
mussten wir eine Bergspitze besteigen und den Wald dort niederschlagen.

Etwas weiter oberhalb unseres Lagerplatzes am Bulit, bei dem
_pangkalan_ Mahakam, fhrte auf den Gipfel des Liang Tibab ein Pfad,
den der Topograph _Werbata_ hatte durchhauen lassen, um von diesem
Berge aus seine Beobachtungen anzustellen; er hatte daher auch auf dem
Gipfel den Wald fllen lassen. Ich hatte den Liang Tibab bereits im
Jahre 1894 mit Professor _Molengraaff_ bestiegen, um von hier aus einen
berblick ber das durchreiste Gebiet und das Kapuas-Kettengebirge
nrdlich des Bungan zu erhalten. Zwei Jahre spter hatte ich mit
_Demmeni_ dort einige photographische Aufnahmen gemacht.

Auch der Kontrolleur _Barth_ wollte das interessante Panorama des
Liang Tibab sehen, und so machte er sich denn am 14. September bei
herrlichem Wetter mit uns auf den Weg. Ein Bungan Dajak fhrte uns
durch den Wald bis an den Fuss des Berges, von wo aus wir nach einer
kleinen Kletterei bald auf den bekannten Pfad gelangten. Dieser war
inzwischen so stark mit jungen Bumen und Struchen bewachsen, dass
man ihn kaum wieder erkennen konnte. Der Pfad war brigens leicht zu
verfolgen, denn er fhrte bereits auf 100 m Hhe ber einen lngs
dem Bulit verlaufenden Kamm. Ein Verirren war nicht mglich, da
der Bergrcken nur wenige Meter breit war; eher riskierte man einen
Absturz von seinen sehr steilen Wnden. Glcklicher Weise verhinderte
die dichte Vegetation ein Schwindeligwerden und ermglichte zugleich
auch den Gebrauch der Hnde beim Klettern. Der ganze Weg bestand aus
Lehmboden und war durch die vielen Regengsse sehr schlpfrig geworden.

Ich habe mich immer wieder darber gewundert, dass so scharfe, steil
abfallende Rcken, die ganz aus Lehm und sehr verwittertem Gestein
bestehen, den vielen Sturzregen im Gebirgsland von Borneo Widerstand
zu leisten vermgen. Eine der Hauptursachen hierfr ist zweifellos
in der dichten Waldbedeckung zu suchen, da die tief eindringenden
Wurzeln die kleinen Erdteilchen vor Wegsplung und Absturz beschtzen
und das dicke Bltterdach die Kraft der niederfallenden Regen bricht.

Trotzdem die Bume und Strucher uns den Marsch erleichterten, dauerte
es doch beinahe zwei Stunden, bis ich mit _Bier_ den Punkt erreichte,
von dem aus der Topograph _Werbata_ seine Beobachtungen angestellt
hatte. Der Rcken war hier nur 1 m breit, bestand aus ganz losem, nur
durch Wurzeln zusammengehaltenem Gestein und gestattete lngs seiner
im Winkel von fast 60 ansteigenden Seitenwnde hinunterzuschauen. Um
Aussicht zu gewinnen, mussten wir erst die seit dem letzten Besuch
auf dem Gipfel aufgeschossenen Strucher fortrumen lassen und
begannen unterdessen unsere verschiedenen Hhenbarometer nach dieser
bekannten Hhe zu regulieren. Von den  beiden Aneroden schien der
eine auf der Reise gelitten zu haben, wenigstens wich er stark von
dein Hypsometer ab, mit dem er, wie auch der andere, noch in Putus
Sibau gut bereingestimmt hatte. Die beiden anderen Barometer gaben,
mit Bercksichtigung der Temperatur, die Hhe von 740 m richtig an.

Kaum hatten wir unsere Arbeit beendet, als auch der Kontrolleur mit
seinen Begleitern eintraf. Der steile und mhevolle Pfad hatte ihn
bis zum Erbrechen angestrengt, aber doch hatte er seinen Zug nicht
aufgeben wollen. Das prachtvolle Panorama des Kapuasgebirges, das
sich weithin ausdehnte, entschdigte ihn brigens reichlich fr die
ausgestandenen Strapazen.

Nach Norden traf der Blick das Ober-Kapuas-Kettengebirge, das, von
dichten, ernsten Wldern gnzlich berdeckt, mit seinen in Wolken
gehllten Gipfeln einen beklemmenden, schwermtigen Eindruck auf den
Beschauer machte. Zu Fssen des Gebirges strmte mit allen seinen
Nebenflssen der Bungan, auf dem wir uns so lange mhsam fortbewegt
hatten. Aus diesem Tal erhoben sich wie Kulissen die Ketten hinter
einander und stiegen erst schnell, dann immer allmhlicher nach Norden
hin auf, bis ihre hchsten Spitzen, der Kaju Tutung und Kerihum, in
den Wolken verschwanden. Das eintnige dunkelgrne Gewand, welches
das ganze Kettengebirge bis auf seine hchsten Erhebungen hinauf
umhllte, machte in seiner stolzen Einfachheit, die weder durch
Abwechslung der Farbentne noch durch eigenartige Felsformationen
belebt wurde, einen imposanten Eindruck. Tief unter uns schlngelten
sich die Tler des Bulit und Bungan als schmale Streifen nach Westen;
zwar waren auch sie mit dunklem Grn berdeckt, aber die steilen Wnde
der sie einschliessenden Kalkberge hoben sich leuchtend weiss von der
Umgebung ab. Als einziges Zeichen menschlichen Lebens sahen wir ganz
in der Tiefe zwischen zwei Querkmmen eines hohen Bergrckens eine
feine Rauchwolke zwischen den Bumen aufsteigen. Die Flsse selbst
blieben unserem Auge gnzlich verborgen.

Sdlich des Bungan Tales erhoben sich nur zwei hhere Bergrcken,
der Tanah Kuban, dicht bei den "Gurung Delapan", und der Rcken,
von dem der Liang Tibab einen der hheren Gipfel bildet; dieser
stieg weiter nach Sden bis zu einer Hhe von 1100 m an. Zwischen
diesen beiden Bergrcken zog sich in leichten Windungen, nach Sden
immer breiter werdend, das Flusstal des Langau hin. Obgleich Punan
und Buschproduktensucher in diesem Gebiete umherstreiften, liess die
ununterbrochene Waldbedeckung deren Anwesenheit doch nicht ahnen. Im
Sden und Westen begrenzten zwei spitze Berge, der Sara und der
Hariwun, das Langau Gebiet, whrend im Hintergrunde zwischen diesen
beiden der Menakut aus dem Stromgebiet des Krhau zum Vorschein kam. Am
sdlichen Ufer des Krhau, fern am Horizont, wurde das eigenartige
Mllergebirge mit seinen langgestreckten Tuff-Hochflchen sichtbar.

Nach Sden hin benahm uns der ansteigende Rcken des Liang Tibab
die Aussicht; dagegen bot uns der freie Osten einen interessanten
Anblick. In der Mitte zahlreicher, waldbedeckter Kmme von viel
geringerer Hhe erhob sich im Sd-Osten der obeliskenfrmige Pemeluan
bis zu 1300 m Hhe, whrend etwas stlicher der riesige Terata die
Landschaft beherrschte. Die Wnde beider Berge waren viel zu steil,
um von der Vegetation bedeckt sein zu knnen, und bildeten daher mit
ihren weissen, grauen und braunen Farben einen schnen Gegensatz zu
dem schlichten Grn um ihren Fuss und Gipfel. Im Nord-Osten lag der
Lekudjang, lngs welchem wir zum Mahakam ziehen mussten. Von unserem
Standpunkt aus hob sich der westliche, abgestrzte Teil der Kraterwand
dieses alten Vulkans von dem brigen waldbedeckten Teil schn ab. Wegen
der vorgelagerten Gebirgskmme und des schmalen Raumes zwischen ihr
und dem nrdlich gelegenen Kettengebirge, kam die Wasserscheide mit
dem Howong nicht klar zum Vorschein, aber doch schien es mglich, auf
ihr einen passenden Punkt zu finden, von dem aus man auf den Sara,
den Hariwung und irgend welche anderen Gipfel visieren und dadurch
Fixpunkte fr unsere topographische Aufnahme des oberen Mahakamgebietes
gewinnen konnte. Der nrdliche Abhang des Lekudjang war allerdings
steil, aber wir beschlossen doch, zu versuchen, den Berg von dieser
Seite aus zu besteigen, weil wir hierdurch eine Aussicht auf das
Gebiet des Howong und Mahakam gewinnen konnten.

Der Wind wehte heftig auf unserem hohen Punkt und wir konnten uns auf
dem schmalen Platze nicht bewegen; ein lngerer Aufenthalt auf der
Hhe erschien uns somit nicht verlockend und wir beeilten uns, trotz
der genussreichen Aussicht, wieder in die Tiefe zu gelangen. An den
steilen Abhngen des Kammes ging der Abstieg schnell von statten und im
Lager angekommen suchten wir, mde aber befriedigt, unsere Klambu auf.

In den letzten Tagen hatten wir in unserer Nhe fters Hunde bellen
gehrt; augenscheinlich zogen ihre Eigentmer, die Bungan Dajak,
unter _Lakau_ um unser Lager herum und wagten nicht, sich bei uns
zu zeigen. Als sie sich endlich davon berzeugt hatten, dass wir
nicht kamen, um den an dem Malaien _Adam_ verbten Mord zu rchen,
wagten sich erst einige Mnner heran und, als diesen nichts geschah,
auch mein Bekannter _Lakau_ mit seinen Tchtern, an die ich auf den
frheren Reisen bereits Arzneien verabreicht hatte. Die armen Leute
litten sehr an Nahrungsmangel, ich konnte ihnen aber keinen Reis,
nur Salz mitgeben. Nachdem sie ihren Hunger bei uns gestillt hatten,
baten sie um Arzneien. Die Huptlingstchter hatten wiederum dringend
Jodkali ntig; der Vorrat, den ich ihnen 1896 gegeben, hatte sie vllig
hergestellt, seit einigen Monaten waren die alten Leiden aber wiederum
zum Vorschein gekommen. Ich versprach einen neuen Vorrat Jodkali,
falls sie mir Flaschen bringen wrden. Das versprachen sie fr den
folgenden Tag, wo der ganze Stamm an uns vorber ziehen sollte, um im
Gebiete des unteren Bulit nach Waldfrchten zu suchen. Ein Malaie,
der mit den Bungan Dajak zusammenwohnte, schien den Reis minder gut
entbehren zu knnen, wenigstens brachte er ein uns sehr willkommenes
Huhn, um es gegen Reis auszutauschen.

In der Tat zogen am anderen Morgen Mnner, Frauen und Kinder, alle
beladen, am jenseitigen Ufer vorber und warfen auf uns und unsere
Umgebung neugierige, scheue Blicke. Nur einige Mnner wateten zu
uns herber und erzhlten, dass sie sich frs erste in unserer Nhe
niederlassen wollten, um in der Umgegend Frchte zu suchen. Unsere
Malaien hatten bereits einige Male herrliche Frchte gefunden,
die Bungan kannten aber die Fruchtbume dieser Wildnis, wie wir die
unserer Grten kennen. Aus dem Bericht der Bungan ersahen wir, dass
man unsere Gegenwart nicht allzusehr frchtete, und beschlossen daher,
unseren augenblicklichen Nachbarn einen Besuch abzustatten. Um ihnen
eine Freude zu machen, nahmen wir Glasperlen und Angelhaken als kleine
Geschenke mit. Unter _Tigang_s Fhrung gelangten wir nach einer halben
Stunde auf einem fr uns Europer nicht erkennbaren Pfade zu einer mit
wenig Gestrpp bedeckten Lichtung im Walde. Einige sehr primitive nach
Art der Punan und Bukat gebaute Htten standen hier neben einander.

Eine schrge Wand, die aus ineinander geflochtenen Zweigen bestand
und mit Blttern gedeckt war, ruhte mit einem Ende unter einem
Winkel von 60 auf dem Erdboden, whrend das andere von Pfhlen
gesttzt wurde. Aus den gleichen, grossen, runden Baumblttern, mit
denen dieses Dach gedeckt war, bestanden auch die Seitenwnde, welche
gegen Regen und allzu heftigen Wind Schutz bieten sollten. Die grsste
Htte in der Mitte wurde von der Huptlingsfamilie bewohnt. Sowohl in
dieser Htte als auch in den brigen hatte man den Boden mit dnnen,
neben einander ruhenden Baumstmmen belegt. Der Herd befand sich dem
Eingang gegenber unter der schrgen Wand; er bestand nur aus einigen
Steinen, auf denen eiserne Kochtpfe standen. Unter dem Herde hatte
man etwas Erde auf den Boden gestreut und ber demselben ein Gestell
fr Brennholz angebracht.

Nach den Britschen zu urteilen, die je zu zweien an den Seitenwnden
standen, schliefen der Huptling und seine Frau auf der einen und
ihre beiden Tchter auf der anderen Seite. Wo der Erdboden etwas
abschssig war, ruhten die vorderen Enden der Balken des Fussbodens
auf einem starken Querbalken, so dass der Fussboden ein Stck weit
vor dem Dache hervorragte und eine kleine Plattform bildete, von der
aus ein frisch gefllter Baumstamm als Pfad zum Boden fhrte. Alle
Htten waren nach dem gleichen Plan gebaut.

Wir fanden nur wenige Bewohner im Lager; die meisten suchten in
der Umgegend nach Waldfrchten; nur Kranke und sehr kleine Kinder
hatte man in den Htten zurckgelassen. Die anwesenden Frauen litten
entweder an Malaria oder an lutischen Ulcerationen und bereiteten
uns aus Scheu einen sehr khlen Empfang, der auch, als wir unsere
kleinen Geschenke austeilten, nicht wrmer wurde. Whrend wir einige
Zeit zwischen den Htten umhergingen, in der Hoffnung, dass man sich
an unsere Anwesenheit gewhnen wrde, traten einige ltere Frauen
und Kinder am jenseitigen Ufer aus dem Walde hervor; kaum merkten
sie aber, dass Besuch im Lager war, als sie schleunigst die hohe
Ufermauer wieder hinauf flchteten.

Da es durchaus nicht in unserer Absicht lag, diesen scheuen
Waldmenschen Schreck einzuflssen und ihnen unangenehm zu sein,
machten wir uns sogleich auf den Heimweg. Abends suchte ich den
ungnstigen Eindruck unseres Besuches zu verwischen, indem ich dem
Huptling _Lakau_ ein Boot schenkte, das er sich fr eine Fahrt nach
Putus Sibau sehnlichst gewnscht hatte.

Die Bungan Dajak nehmen unter der Bevlkerung von Mittel-Borneo
eine eigenartige Stellung ein; sie bilden im Bungan Gebiete einen
bergang von den echten Nomadenstmmen, wie den Punan und Bukat, zu den
sesshaften, Ackerbau treibenden Stmmen. Sie bauen hauptschlich Reis
und ssse Erdpfel, aber da der Ernteertrag infolge ihrer primitiven
Bearbeitung der Felder gering ist, sind sie gezwungen, diese nach der
Saat sich selbst zu berlassen, wodurch ein grosser Teil der Ernte den
Vgeln, Hirschen, Affen und Wildschweinen zum Opfer fllt. Sie selbst
mssen fr ihren Unterhalt den Wald durchstreifen, nach Frchten,
wildem Sago und Wild suchend. Bei ihren Feldern bauen sich die Bungan
Huser nach Art der ackerbauenden Stmme, nur weniger dauerhaft,
whrend ihres Nomadenlebens begngen sie sich aber mit den primitiven
Htten der im gleichen Gebiet lebenden Bukat. In ihrer Kleidung,
Ttowierung und Bewaffnung hneln sie sowohl den Bahau als den Punan.

Es fiel mir auf, dass ihre Mnner besonders krftig gebaut und gross
von Wuchs waren, einige erreichten eine Hhe von 1.75 bis 1.80 m;
die Frauen dagegen waren eher klein von Gestalt. Auch in Hautfarbe,
Haaren u.s.w. zeigen sie Verwandtschaft mit den Bahau und Punan.

Am Abend des 15. September kehrten von unseren Trgern zuerst die
Ma-Suling mit dem Bericht zurck, man habe das Gepck bis an den
Fuss des Bergrckens, der auf die Wasserscheide fhrte, gebracht und
dort die drei Malaien und zwei Bukat als Bewachung zurckgelassen;
ferner, _Akam Igau_ und die Seinen seien weiter an den Mahakam
gezogen. Da _Demmeni_ nun auch so weit war, dass er, mit einigen
Vorsichtsmassregeln gegen neue Strapazen, weiter ziehen konnte, legten
wir uns in der angenehmen Voraussicht, dass die langen, eintnigen
Tage nun ein Ende erreicht hatten, schlafen. Zwar regnete es viel
und der Bungan musste schwer zu passieren sein, aber dass dies doch
mglich war, bewies die Ankunft der brigen Trger am folgenden Morgen.

Unsere freudige Stimmung wurde leider bald grndlich gedmpft. Auf
meine Frage, wie viel Reis man bis an den oberen Betjai gebracht hatte,
erfuhr ich zu meinem grossen Schrecken, dass von dem ganzen grossen
Vorrat, den sie mitgenommen hatten, nur sechs Scke brig geblieben
waren und dass wir uns somit gnzlich auf den kleinen Rest, den wir bei
uns zurckbehalten hatten, angewiesen sahen. Eine Stunde lang kmpfte
ich mit mir selbst, um meine Entrstung nicht zum Ausbruch kommen
zu lassen, denn in dieser kritischen Lage bedeutete eine schlechte
Stimmung der Kajan ein Missglcken des Zuges zum Mahakam. Trotz
all meiner ernsten Frsorge vom Beginne an hatte ich nun doch nicht
gengend Proviant fr mein Personal.

Wie solche Mengen Reis hatten verschwinden knnen, darber konnte oder
wagte man mir keinen Aufschluss zu geben. Die lteren Mnner schoben
die Schuld auf die vielen _deha njam_ (= jungen Leute), welche, der
langen Reisen und der Sorge fr die Zukunft nicht gewhnt, unterwegs so
viel Reis verzehrt htten; die anderen wiederum behaupteten, sie htten
viel nass gewordenen Reis wegwerfen mssen. Trotz dieser Erklrungen
blieb mir die Sache rtselhaft, da ich nicht voraussetzen wollte,
dass sie den Reis fr ihre Rckreise im Walde verborgen hatten. Eine
Erklrung der Tatsache konnte den Reis brigens auch nicht wieder
herbeischaffen, und so rief ich denn die Huptlinge zusammen, um mit
ihnen zu berlegen, was weiter zu tun sei. Durch die Sorglosigkeit
ihrer Untergebenen hatten wir nun nicht einmal fr die Reise bis zum
Howong gengenden Proviant, trotzdem erhob keiner seine Stimme gegen
eine Fortsetzung des Zuges. Das war schon viel, denn die Huptlinge
wussten sehr wohl, dass wir nun in Eilmrschen den Landweg zurcklegen
mussten, dass von Ruhetagen keine Rede sein konnte und vom Gepck
auch nichts zurckbleiben durfte. Die Vertrautheit der Huptlinge
mit der Umgegend erffnete eine Aussicht, aus der schwierigen Lage
herauszukommen. Sie schlugen mir zuerst vor, den Bungan Dajak ein
Batatenfeld, das doch von Wildschweinen abgeerntet wurde, abzukaufen;
auch sollte ich ihnen an der Wasserscheide einen Tag frei geben,
da sie in der Umgegend einige Stellen kannten, an denen man wilden
Sago sammeln konnte; ausserdem wusste ich, dass meine Leute fr den
ussersten Notfall alle _kertap_, den fein gestossenen Klebreis,
in ihren Tragkrben mitgenommen hatten.

Eine andere Schwierigkeit bestand darin, dass wir uns auf der
Wasserscheide lngere Zeit aufhalten mussten, um den zurckgelegten
Weg am Mahakam messen zu knnen. Das war unbedingt ntig, da sonst
die ganze topographische Aufnahme des Mahakamgebietes in Verbindung
mit derjenigen des Kapuasgebietes berhaupt nicht stattfinden konnte.

Um so schnell als mglich von den Pnihing am Howong Hilfe zu erlangen,
erschien es mir am geratenster, das Prinzip des Zusammenbleibens der
Europer und der meisten Malaien zunchst aufzugeben. Nach allgemeiner
Beratung wurde daher beschlossen, am folgenden Morgen gemeinschaftlich
aufzubrechen und an diesem Tage noch beisammen zu bleiben, um zu
sehen, ob alles gut ging, und vor allem, ob _Demmeni_ folgen konnte;
war dies der Fall, so sollte ich mit _Bier_ und einigen tchtigen
Mnnern in Eilmrschen vorausziehen, whrend der Kontrolleur _Barth_
mit _Demmeni_ dafr sorgen sollte, dass der Nachschub alles Gepck
bis zur Wasserscheide brachte. Hierdurch hoffte ich zu erreichen,
dass, bis alle an die Wasserscheide gelangten, sowohl der Lekudjan
erstiegen als mit der Messung des Weges begonnen worden war.

Trotz ihres guten Willens zur Weiterreise nahmen die Trger am anderen
Morgen nur zgernd unser Gepck auf den Rcken; kindischer Weise
sahen sie sich um, ob die Leute des einen Dorfes nicht am Ende etwas
weniger zu tragen bekamen, als die eines anderen, auch kamen sie mit
den eigenen Dorfgenossen aneinander. Da unsere Malaien wenig Einfluss
auf die Kajan hatten, mussten der Kontrolleur und ich schliesslich
selbst alle Kisten, Reispacken, unsere Matratzen und Zeltdecken unter
sie verteilen und am Ende noch hier einen Kochtopf und dort eine
Lampe in den verschiedenen Tragkrben unterbringen lassen. Nachdem
alle gegessen hatten, begannen sie doch eifrigst ihre Tragkrbe in
Ordnung zu bringen.

Alle Stmme im Innern von Borneo gebrauchen beim Tragen von Lasten
auf ungebahnten Wegen den _takin_, einen aus starkem, gespaltenem
Rotang geflochtenen und daher biegsamen Tragsack von viereckiger
Form. Die hintere Wand des Sackes besteht aus zwei Teilen und ist mit
Rotangschnren versehen, so dass auch umfangreiche Gegenstnde in den
Korb aufgenommen werden knnen, indem man die Klappen ffnet und die
Fracht an beiden Seitenwnden mittelst der Schnre festbindet. Auf
diese Weise wurden auch die eisernen Kfferchen, in welchen ich die
meisten Tauschartikel und meine Kleider bewahrte, transportiert. Ein
grosser Vorteil bestand darin, dass die Koffer nicht wegen zu grosser
Lnge oder Breite aus dem Korbe hervorragten, daher wurde ein Klettern
zwischen und unter Felsen und umgefallenen Baumstmmen nicht allzu
beschwerlich. Viel Mhe und berredungskunst war stets erforderlich,
um lange, wenn auch leichte Gegenstnde, wie Stative und Massstbe
den Trgern aufzubrden. Um g Uhr war das Gepck verteilt. Die
Kajan packten alles so praktisch als mglich zusammen und banden
schliesslich noch ihre eigenen Sachen an den Korb. Die _takin_
werden mittelst zweier Rotangseile ber der Schulter auf dem Rcken
getragen. Ist die Haut nicht ganz gesund, so leiden die Schultern bei
lngeren Mrschen stark und die Tragseile werden daher oft mit Zeug
umwunden. Diejenigen, die ihre dicken Kriegsjacken mitgenommen hatten,
zogen sie fters an und setzten dann auch ihre schweren Kriegsmtzen
aus Rotang auf. Das Schwert hngen alle an die Seite, und in den
freien Hnden halten einige ihre Schilde, alle aber ihre Speere,
die ihnen auf beschwerlichen Pfaden einen ausgezeichneten Halt bieten.

Das Abbrechen des Lagers bestand nur darin, dass die Kajan ihre
Schlafmatten zusammenfalteten und vorsichtig aufrollten, die Htten
selbst blieben unversehrt zurck und werden wohl noch ein Jahr lang
Zeugnis von unserem Aufenthalt am Ufer des Bulit abgelegt haben.

Ein Trger nach dem anderen verschwand auf dem ausgetretenen Pfade
im Walde, und nun wurde es auch fr uns Zeit, an den Aufbruch zu
denken. _Demmeni_ war mit _Bier_ bereits vorausgegangen, um den
Weg langsam zurcklegen zu knnen; wir hatten bis zuletzt gewartet,
um uns davon zu berzeugen, dass nichts im Lager zurckgelassen wurde.

Der Weg bis zum Bungan war nur 5 km lang und nicht steil und wurde
daher ohne Schwierigkeiten zurckgelegt. Von Bergen und Gestein sahen
wir, bis wir an das Ufer des Bungan gelangten, nichts. Hier fand ich
alle vereinigt. Der 60 m breite Fluss war seit dem vorigen Tage stark
angewachsen und man frchtete, dass das Rotangkabel, das frher beim
Durchqueren des Flusses als Sttze gedient hatte, die schwer beladenen
Trger jetzt nicht wrde halten knnen. Daher waren bereits einige
Mnner in den Wald gegangen, um neuen Rotang zur Verstrkung zu suchen;
gleichzeitig befestigte man das eine Ende des Kabels doppelt stark
an den krftigen Wurzeln der Uferbume und sandte einen unbeladenen
jungen Mann an die andere Uferseite, um dort das Gleiche vorzunehmen.

Einer nach dem anderen stieg darauf vorsichtig lngs der
steinigen Uferwand zum Flussbett hinab, das gnzlich aus glatten,
rundgeschliffenen Felsblcken von 1/4 bis zu 1 m Durchmesser bestand.

Bereits bei stillstehendem Wasser musste das Gehen auf ihnen
beschwerlich sein. Jetzt wateten die Trger bis zur Brust in dem
brausenden Strom, erreichten aber doch, mit der einen Hand auf
den Speer gesttzt, mit der anderen das Rotangseil festhaltend,
wohlbehalten das andere Ufer. Da nie mehr als zwei bis drei Trger
gleichzeitig  sich am Seil festhalten durften, dauerte der bergang
sehr lange, hatte aber den Vorteil, dass keiner der Mnner fiel und
unser Gepck auch nicht nass wurde. _Demmeni_, fr den ein kaltes
Bad durchaus nicht wnschenswert war, nahm der krftige _Jung_
sogleich bereitwilligst auf den Rcken und brachte ihn glcklich,
nur mit nassen Fssen, an das andere Ufer. Jetzt kam die Reihe an uns
andere Europer. Ich bergab meinen Revolver und mein Gewehr einem
Kajan und begann dann mutig den Kampf mit dem Wasser. Kaum war ich
20 m vom Ufer entfernt, als ich mich mit Erstaunen fragte, wie die
Kajan in diesem Chaos runder Blcke unter Wasser einen Sttzpunkt fr
ihre Fsse hatten finden knnen. Augenscheinlich boten meine Kleider
der heftigen Strmung besonders viele Angriffspunkte, denn ich musste
mich mit beiden Hnden am Rotang festklammern, um Stand zu halten. Sehr
bedchtig suchte ich fr jeden Fuss einen Sttzpunkt und war bisweilen
froh, wenn sich der Fuss zwischen zwei Steinen festklemmte, obwohl
ich ihn beim nchsten Schritt oft nur mit Mhe wieder befreien
konnte. Vorsichtshalber gingen ein Kajan vor und einer hinter mir,
ich kam aber doch noch ohne ihre Hilfe hinber. Drben trstete ich
mich an dem Anblick, den _Barth_ und _Bier_ bei ihrem Durchzug boten.

Nachdem alles heil herbergebracht worden, konnten wir endlich
weiter ziehen, waren aber doch froh, als wir nach einer Stunde eine
Gruppe Htten erreichten, in welchen unsere Leute frher bernachtet
hatten. Ich beschloss, es fr den ersten Tag genug sein zu lassen
und sah mit Vergngen, dass _Demmeni_ sich gut gehalten und auch kein
Fieber bekommen hatte.

Am folgenden Morgen wollte ich mit _Bier_ und den notwendigsten
Trgern vorausgehen, um noch den Lagerplatz mit unserem Gepck an
der Wasserscheide zu erreichen; die Kajan meinten jedoch, dies sei
unmglich. Erst regnete es und, als es etwas trockener wurde, schienen
nur wenige Lust zu einem Eilmarsch zu verspren. Ich hatte aber _Jung_
als Oberhaupt der Trger und als Fhrer gewhlt und mit seiner Hilfe
brachte ich die Leute in Bewegung. So machte ich mich denn mit _Bier_,
4 Malaien, unter denen auch mein Diener _Midan_ war, und 6 Kajan auf
den Weg.

Auf einem abscheulichen Pfade begegneten wir einigen unserer Trger,
die sich auf eigene Hand aufgemacht hatten. Sie gaben uns eine
Vorstellung davon, auf welche Weise schwer beladene Eingeborene
Wegstellen berwinden, die dem Europer, auch unbelastet, der
Schwierigkeiten genug bieten. Vor unserer letzten Lagersttte hatte
der Weg ber einen Bergrcken gefhrt und war nicht besonders mhsam
gewesen, jetzt aber lief er einen steilen Abhang aufwrts, mit dem sich
ein Bergrcken, den wir seiner Hhe wegen nicht berschreiten konnten,
zum Bungantal hin abdachte. Wre der Abhang nicht bewachsen gewesen,
wodurch der Ausblick auf den brausenden Strom in der Tiefe verdeckt
wurde und man unwillkrlich ein Gefhl der Sicherheit erhielt, so
htten wir dem Pfade nicht folgen knnen. Man musste stndig auf und
nieder klettern, unter berhngenden Felsen hindurch, um abgestrzte
Baumstmme herum kriechen und hatte ber dem ghnenden Abgrund nie
mehr als ein paar Fuss Raum zur Verfgung. Auf derartigen Pfaden
kommen den Eingeborenen ihre beweglichen, krftigen Zehen, mit denen
sie sich in dem weichen Boden festklammern, und ihr geschmeidiger
Krper zu Gute. Sie legten auch nur bei solchen Spalten ihre
Last ab, die entschieden zu schmal waren, um mitsamt der Packung
hindurchzuschlpfen. Nach kurzer Zeit sahen wir smmtliche Trger
hinter uns und hatten jetzt nur selbst darauf bedacht zu sein, uns
durchzuschlagen. Den ganzen Morgen ber behielt der Weg den gleichen
Charakter und erst an der Mndung des Lja vernderte sich das Bild.

Hier lagen die verlassenen Htten der Bungan Dajak unterhalb eines
prachtvollen Wasserfalles, ber den sie als Brcke einen Baumriesen
hatten fallen lassen. Die zwei Felsen, die den Fall senkrecht zu beiden
Seiten einschlossen, waren 25 m von einander entfernt und obwohl der
hellgraue, glatte Stamm gewiss 40 in ber dem brausenden Wasser lag,
hatte man es fr berflssig gehalten, den Stamm mit einem Gelnder
zu versehen.

Die verlassenen Htten machten die Wildheit und Einsamkeit der Umgebung
doppelt fhlbar, und so eilten wir nach kurzer Rast von hier fort,
den neuen Reisfeldern der Bungan zu, die nach _Jung_ nicht mehr weit
entfernt waren und uns eine freie Flche bieten sollten.

Die Steilheit der Bergwand nahm allmhlich ab und der Pfad lngs
dem Fluss wurde gangbarer. Wir passierten noch einen der mchtigen
Wasserflle, von denen wir bereits fnf an diesem Morgen begegnet
waren, und dann lag pltzlich an der Mndung des Lja eine fast ebene
Flche vor uns, auf welcher die Bungan den Wald gefllt und Reisfelder
angelegt hatten.

Die freie Flche und der warme, heitere Sonnenschein machten nach den
vielen Tagen, die wir in den feuchtkalten Wldern in der Tiefe der
Talgrnde zugebracht hatten, einen wahrhaft erquickenden Eindruck. Wie
verlockend war es, sich am Waldesrande niederzulegen und sich in den
Anblick des lieblichen Bildes zu versenken. Wir hatten aber einen noch
zu weiten Weg zurckzulegen, um uns diesen Genuss gnnen zu knnen,
und so wartete ich denn mit _Jung_, der allein meinem schnellen Schritt
zu folgen im stande gewesen war, die Ankunft von _Bier_ und den Trgern
ab, um uns nach dem besten Pfad ber diese Felder zu erkundigen.

Nach einigem Zgern behauptete einer der Kajan, dass wir lngs
des Flussufers am bequemsten weiter kommen wrden, und sogleich
machte ich mich auf den Weg. Der Mann hatte sicher nicht gewusst,
was er sagen sollte; denn gerade dieser Teil der Felder war kaum zu
berschreiten. Wie die Bahaustmme im allgemeinen, hatten auch die
Bungan nur einen kleinen Teil des gefllten Holzes verbrennen knnen,
aber, entweder aus Nachlssigkeit oder wegen zu grosser Feuchtigkeit,
war auch viel kleines Holz, Zweige und niedere Strucher, unverbrannt
geblieben. Viele der gefallenen Baumriesen versperrten mit einem
Wald halb verkohlter ste den Weg, was bei anderen Stmmen nie
vorkommt. Alle Bume waren lngs des Abhanges mit ihren Kronen zum
Ufer hin gefallen, so dass wir ber jene hinweg oder unter ihnen
hindurch klettern mussten; die verkohlte Baumrinde erleichterte uns
einigermassen die Arbeit. Lagen zu viel Bume ber einander oder
waren die Stmme zu dick, so mussten wir uns durch ihr dichtes
Gezweige hindurcharbeiten und noch dazu auf freiem Felde in der
heissen Mittagssonne, nachdem wir wochen lang im khlen Walde gelebt
hatten. Der etwas vollbltige _Bier_ kam daher ziemlich erschpft
auf der anderen Seite der Felder an und sehnte sich nach Ruhe und
Erfrischung in einer Kajanhtte.

Leider fanden wir hier nichts anderes als Wasser und einen Baumstamm,
um darauf zu sitzen, bis unsere Trger ankamen und einen verborgenen
Vorrat Bataten hervorholten. Sogleich machten sie sich daran, die
Bataten in einem Topf gar zu kochen, aber vor Hunger ass jeder von uns
eine Knolle roh auf. Die Trger waren nicht minder ermdet als wir,
sie waren aber von den Htten der Bungan an ber dem Bergrcken hoch
ber der Ladang einem viel besseren Wege gefolgt.

Obgleich es erst Mittag war, behaupteten die Leute doch, an dem Tage
nicht mehr weiter zu knnen; augenscheinlich hatten sie berlegt, dass
die folgenden von ihnen gebauten Htten sehr hoch am Betjai lagen und
dass sie diese doch nicht mehr erreichen konnten. Auch die malaiischen
Schutzsoldaten und mein Junge _Midan_, die alle an ihrem Gepck zu
tragen hatten, erklrten, vor Ermdung nicht weiter gehen zu knnen.

Bei dem herrschenden Nahrungsmangel bedeutete aber ein Aufenthalt
ein Aufgeben der ganzen topographischen Aufnahme und so musste ich
denn trotz allem versuchen, mit _Bier_ weiter zu kommen. Dieser war
zwar sehr ermdet, wollte aber, als erprobter Topograph und weil
es sich um sein Amt handelte, doch nicht zurckbleiben. _Jung_ war,
wie immer, zu allem bereit und nahm die topographischen Instrumente,
den Theodolit und die kleinen Massstbe auf seine Rechnung; sein
Bruder belud sich mit meinem Bettzeug und einem Dreifuss, und zwei
andere krftige junge Leute trugen das Bettzeug von _Bier_ und die
notwendigsten Nahrungsmittel, und so machten wir sechs uns auf den Weg.

Als man uns im letzten Augenblick noch einige heisse Bataten zu
verspeisen gab, wurden in der Ferne die ersten schwer beladenen Trger
sichtbar. Ich frchtete jedoch, sie knnten meine Getreuen wankend
machen, brach daher eiligst auf und begann mit steifen Beinen weiter
zu marschieren. Zum Glck wanderten wir jetzt lngs des Lja durch
ein Lngstal, das zwar nicht so wild romantisch war wie das Quertal
des Bungan, dafr aber viel breiter und ebener; auch folgten wir
einem fr diese Gegenden guten Pfade.

Das Strauchwerk benahm uns nicht gnzlich das Sonnenlicht, daher
konnten wir uns in unseren nassen Kleidern, in denen es uns whrend der
Rast gefrstelt hatte, etwas erwrmen. Nach 3/4 Stunden verliess der
Pfad den Lja und fhrte uns dessen Nebenfluss, den Betjai, aufwrts,
der uns in stlicher Richtung direkt zur Wasserscheide bringen
sollte. Der Pfad lief hier wieder durch den Wald, verursachte uns aber
keine Schwierigkeiten, nur mussten wir fters die Uferseiten wechseln
und daher den nur 20 m breiten, wenig tiefen Fluss durchqueren;
bisweilen wateten wir auch 100 m weit im Flussbette selbst. Das Wasser
reichte zwar nur bis an die Kniee, war aber sehr kalt, so dass wir
wiederum frstelten; zudem war der Grund auch hier ganz mit glattem,
rundem Gerll bedeckt und ntigte bei der heftigen Strmung auch
den mit einem Stocke versehenen zu vorsichtigem Gehen. Treu blieben
unsere Wachthunde uns zur Seite; war das Wasser tief, so schwammen
sie, war die Strmung zu heftig, so liefen sie am Ufer entlang. Auf
solchen Expeditionen waren sie stets viel zu mde, um mit einander
zu kmpfen, was sie sonst mit Vorliebe taten, auch wagten sie es,
aus Furcht vor der neuen Umgebung, nicht, sich von uns zu entfernen.

Eine Stunde nach der anderen verging, whrend welcher wir im Wasser
gegen Strmung und Gerll und auf dem Lande gegen Baumwurzeln und
Felsblcke ankmpften. Jeder Schritt verlangte so viel Aufmerksamkeit,
dass wir fr unsere Umgebung kein Auge hatten. Begreiflicher
Weise wurde auch kein Wort unntz gesprochen. Da wir ber den noch
zurckzulegenden Weg unsicher waren, begann unsere Lage gegen drei
Uhr, unserer grossen Ermdung wegen, kritisch zu werden. Indem ich
mit _Jung_ stets voran marschierte, schleppte ich die anderen mit;
um 1/2 4 Uhr musste ich jedoch Halt machen, da _Bier_ vor Erschpfung
am Flussufer niedergefallen war. Er erklrte zwar, dass etwas Ruhe und
Nahrung ihn bald wieder herstellen wrden; aber es war mir doch eine
grosse Beruhigung, als der hinterste Trger erklrte, die gesuchten
Htten seien ganz in der Nhe. _Jungs_ Bruder brachte aus seinem
Tragkorbe _kertap_ zum Vorschein und reichte ihn mit Wasser dem
Erschpften als Magenstrkung. Nun merkten _Jung_ und ich, dass auch
wir eine Erfrischung sehr ntig hatten, setzten uns daher auf eine
Sandbank im Flusse und teilten brderlich den brigen _kertap_. Die
Rast gab auch mir den letzten Stoss; nur mit Mhe schleppte ich mich
die 300 m bis zu den Htten weiter und legte mich dort auf einer zum
Lagerplatz fr die Nacht bestimmten Bank nieder.

Auch jetzt wieder kam uns unsere Gewohnheit, zwischen unserer
Matratze stets einen Reserveanzug einzupacken, sehr zu statten. Als
wir unsere durch und durch nassen und von der Kletterei ber
halb verkohlte Baumstmme geschwrzten Kleider gegen trockene
vertauschten, durchzog uns das erste Gefhl von Wohlbehagen. Die
Kajan zndeten schnell ein Feuer an und kochten Wasser, das uns,
mit etwas kondensierter Milch vermischt, einen herrlichen, heissen
Trank lieferte. Bei unserer bermdung waren wir aber nicht im stande,
von dem primitiv zubereiteten Reis etwas zu geniessen. So war es uns
eine angenehme berraschung, als einer der Kajan mit einer unserer
Konservenkisten ankam, die er ganz in der Nhe im Walde gefunden
hatte. Einer der Trger musste die Kiste dort niedergelegt haben,
statt sie, wie es seine Pflicht war, bis zu dem Proviantlager weiter
oben zu bringen. Durch seine Nachlssigkeit waren wir nun in den Besitz
verschiedener Konservenbchsen gelangt, deren Inhalt auch bald unseren
Appetit wieder belebte. Unsere Hunde waren jedoch so mde, dass sie die
Reste, fr sie aussergewhnliche Leckerbissen, nicht einmal anrhrten;
sie waren nicht dazu zu bewegen, ihren Platz hinter unseren Klambu
zu verlassen und schliefen jetzt friedlich neben einander, whrend
sie sich fr gewhnlich immer den besten Platz streitig machten. Wir
Europer waren brigens auch zu nichts mehr aufgelegt, gingen bei
Sonnenuntergang schlafen und erwachten erst als es heller Tag war.

Nach der Aussage unserer Kajan war es bis zum Stapelplatz unseres
Gepckes nicht mehr weit, daher eilten wir auch nicht mit dem Aufbruch.

Gleich nachdem wir gespeist hatten, erschienen zu unserer grossen
Verwunderung mein Diener _Midan_ und einige Malaien. Sie hatten
es nmlich doch nicht ber sich gebracht, uns gnzlich im Stich zu
lassen und waren uns, nachdem sie sich etwas erholt hatten, doch noch
am vorigen Tage ohne die Kajan gefolgt. Bevor sie uns aber einholen
konnten, war die Dunkelheit eingebrochen und sie hatten unter hchst
mangelhafter Bedeckung die Nacht im Walde zubringen mssen. Sie hatten
aber trotz ihrer Ermdung aus Verdruss darber, dass sie uns nun doch
allein gelassen hatten, und aus Angst vor Kopfjgern nicht schlafen
knnen, waren bei Morgendmmerung bereits aufgebrochen und daher so
frh bei uns eingetroffen. Nun fingen wir gemeinsam die Wanderung
durch den Fluss an und bereits nach zwei Stunden begegneten wir erst
einem Hund, dann einem kleinen Knaben und schliesslich unserem Korporal
_Suka_ selbst, der sich eben auf den Fischfang begab. Der kleine Knabe
war ein Bukat, dessen Familie mit uns zum Howong ziehen wollte. Der
pater familias war mit _Akam Igau_ bereits vorausgegangen, um ihm als
Fhrer zu dienen und ihn bei den Pnihing von _Amun Lirung_ einzufhren.

Es stellte sich heraus, dass aller Proviant, mit Ausnahme des
Reises, gut angekommen war. Von den mehr als 50 Packen Reis, die ich
vorausgesandt hatte, waren zum Glck 11 statt nur 6, wie man mir
frher berichtet hatte, angekommen. Wir beschlossen nun, hier auf
die Ankunft unserer Trger zu warten und uns fr diesen Tag Ruhe zu
gnnen. Da unser Lagerplatz auf einer Hhe von 500 m lag und stark
beschattet war, kam uns die Temperatur sehr niedrig vor; eine wollene
Decke in unseren Klambu war daher sehr angenehm. Immerhin zeigte das
Flusswasser noch eine Temperatur von + 20 C.




KAPITEL XII.

    Auf der Wasserscheide zwischen Kapuri und Mahakam--Opfer
    der Kajan--Lngs des Howong zu den Pnihing--_Amun
    Lirung_--Nahrungsmangel und Schwierigkeiten mit dem Transport
    des Gepckes--_Kwing Irang_--Lhnung der Trger--Besuch bei den
    Bukat--Reise zu _Belar_--Einkauf von Bten am Tjehan--Fahrt zu
    _Kwing Irang_ am Blu-u.


Im Laufe des Tages kamen gengend viele Trger an, um unser
notwendigstes Gepck ber die Wasserscheide zu befrdern. Sie brachten
auch gute Nachrichten von _Barth_ und _Demmeni_, die uns langsam
folgten. Ich merkte bald, dass die Trger diesmal selbst Eile hatten
mit dem Transport- die Bataten der Bungan und der eigene _kertap_
ernhrten sie nur kmmerlich, auch frchteten sie das Schlimmste fr
die nchsten Tage.

Der zur Wasserscheide fhrende Bergrcken lief steil aufwrts,
aber der Pfad schien viel bentzt zu sein, denn er war nicht mit
Rotang und Gestrpp verwachsen. Auf halber Hhe hrten wir rechts
von uns den Ruf eines _hisit_, was meinem Geleite und daher auch
mir eine grosse Beruhigung gewhrte, da wir nun das Mahakamgebiet
unter gnstigen Vorzeichen betraten. Etwas weiter aufwrts bemerkten
wir Opferpfhle, die _Akam Igau_ und seine Begleiter hier mit der
Spitze zum Kapuasgebiet aufgerichtet hatten, um die bsen Geister
zu verhindern, sie weiter an den Mahakam zu begleiten. Obwohl die
Vegetation zu beiden Seiten des Bergrckens sehr ppig war, kamen
doch ab und zu zwischen dem dichten Grn die benachbarten Berge zum
Vorschein; rechts von uns tauchte der gesuchte Lekudjang auf. Zuletzt
fhrte der Pfad wieder durch undurchdringlichen Wald, und bei der
starken Steigung hatten wir auch nicht viel Lust, uns weiter Umzusehen.

Nach zwei Stunden vernderte sich das Bild gnzlich; wir zogen
mitten ber einen Morast, der nach Aussage der Trger auf der Hhe
der Wasserscheide selbst lag. Da unser Geleite hier ein Opfer zu
bringen verpflichtet war, mussten wir Halt machen und unser Lager
aufschlagen. Der Wind wehte aber auf dieser Passhhe so heftig, dass
ich es fr geratener hielt, die Zelte ungefhr 50 m weiter unten,
jenseits der Hhe, aufrichten zu lassen. Sehr einladend sah es auch
dort nicht aus: in der engen Schlucht des Howong stiegen zu beiden
Seiten dicht bewachsene, steile Wnde auf und ein eisiger Wind blies
durch die schmale Spalte. Infolge der vielen Regenflle triefte die
ganze Umgebung vor Nsse; um 6 Uhr morgens zeigte das Thermometer nur +
18.5 C und um 12 Uhr mittags + 21 C; einen schlechteren Lagerplatz
hatten wir seit Jahren nicht gehabt.

Unsere Trger schlugen in aller Hast die Zelte auf und eilten dann
wieder zum alten Lagerplatz zurck, um so schnell als mglich alles
Gepck auf die Mahakamseite zu schaffen. Nur einige Kajan blieben unter
_Obet Lata_ bei uns zurck, um uns bei der Besteigung des Lekudjang
zu helfen, die wir sogleich vornehmen wollten. Wir hofften von diesem
Berg aus einen berblick ber das Gebiet des Howong und Mahakam zu
erhalten und auf der Wasserscheide einen geeigneten Punkt zu finden,
von dem aus _Bier_ seine Messungen beginnen konnte.

Einem schmalen Kamm auf der linken Seite des Morasts folgend gelangten
wir zu einem Punkt, von dem aus einige spitze Gipfel im Kapuasgebiet
sichtbar waren. Pltzlich war uns aber der Pfad durch eine steile
Wand des Lekudjang abgeschlossen und wir mussten uns nach einer Stelle
umsehen, von der aus der Aufstieg mglich war. Obgleich die Steigung
durchschnittlich 40 betrug und wir uns auf einer Schutthalde befanden,
boten uns doch die wilden Sagopalmen, die hier wuchsen, gengende
Sttzpunkte, so dass wir uns leidlich fortbewegen konnten. Erschwert
wurde die Kletterei durch den Rotang, der uns mit seinen Dornen und
Widerhaken auf alle erdenkliche Weise festhielt; auch wurde uns an
dieser offenen, der Sonne ausgesetzten Bergwand die Hitze lstig. Nach
zwei Stunden war an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken; denn wir
befanden uns vor einer senkrechten Wand, deren Hhe wir wegen der
berhngenden grnen Massen nicht schtzen konnten. Umgehen konnten
wir die Wand nicht, weil der Bergrcken, auf dem wir uns befanden,
an beiden Seiten steil abfiel. Um nach Norden und Osten Aussicht zu
gewinnen, liessen wir einige Bumchen umhacken, deren Stmme zugleich
als Sttzen fr den Theodolit dienten, mit dem _Bier_ einige Peilungen
im Mahakamgebiet vornehmen wollte. Wir befanden uns auf 950 m Hhe,
direkt gegenber dem Ober-Kapuas-Kettengebirge, dessen zwei Erhebungen,
Tipung und Dadjang, dicht vor uns lagen. Die Bergkette setzte sich,
soweit wir sie nach Osten verfolgen konnten, im Gebiete des oberen
Mahakam weiter fort und schien an Hhe immer mehr zuzunehmen. Der
Mahakam hat sich in nord-stlicher Richtung in diese Kette sein
Bett gegraben. Die zu beiden Seiten des Mahakamtales hinter einander
aufsteigenden Bergrcken boten einen prachtvollen Anblick. Der Abstand
war aber zu gross und die Luft zu undurchsichtig, um in dem Panorama
irgend welche Einzelheiten wahrnehmen zu knnen. Der Howong schlngelte
sich durch ein Hgelland, das in dem alles bedeckenden dunklen Grn hie
und da hellere Tne zeigte, die von lteren und jngeren Reisfeldern
der Pnihing, welche hier seit langen Jahren wohnten, herrhrten. Nach
Westen und Sden benahm uns der Lekudjang jede Aussicht.

Auf dem Rckwege sahen wir uns nach einem Punkt um, von dem aus _Bier_
auch einige Bergspitzen im Westen anvisieren konnte.

In unserem Lager angekommen fanden wir bereits einen grossen Teil
unseres Gepckes vor, aber _Barth_ und _Demmeni_ hielten sich immer
noch im Lager am Betjai auf, das sie nicht verlassen wollten, bevor
alles Gepck abgeholt worden war.

_Tigang Aging_, der sich in _Akam Igaus_ Abwesenheit als Herr und
Meister aufspielte, wollte bereits am anderen Tage den Geistern auf
der Wasserscheide opfern (_napo_) lassen, aber bevor alle und alles
im Lager beisammen waren, konnte davon keine Rede sein. So machten
sich anderen Tages alle Trger und Malaien mit _Tigang_ wieder auf
den Weg zum alten Lager. Beinahe alle Mnner brachten mit grosser
Kraftanspannung an diesem Tage zwei Mal eine Fracht nach oben; trotzdem
blieb aber immer noch ein Rest im Lager am Betjai zurck. Da _Demmeni_
sich von der Reise etwas ermdet, im brigen aber wohl fhlte, blieb
er noch unten, whrend der Kontrolleur bei uns im Lager eintraf.

Trotz der grssten Sparsamkeit begann der Reismangel so fhlbar zu
werden, dass wir abends berieten, was weiter zu tun sei. Dass _Bier_
mit seiner Aufnahme begann, war dringend notwendig, daher wurden ihm
drei Malaien und drei Kajan mit einer gengenden Menge Reis zugeteilt,
um am folgenden Morgen die Messungen anfangen und den Weg selbstndig
bis an den Mahakam fortsetzen zu knnen. _Barth_ sollte mit _Demmeni_
wiederum fr den Gtertransport sorgen und ich mit den notwendigsten
Trgern vorausgehen und bei _Amun Lirung_, dem Pnihinghuptling weiter
unten am Howong, Proviant und Hilfe fr unsere Leute suchen.

Um den Rest unseres Gepckes abholen und dann opfern zu knnen,
hauptschlich aber, um im Walde nach Nahrungsmitteln suchen zu lassen,
musste ich noch einen Tag in unserem nasskalten Lager verbringen. Alle
Mnner, die nicht beim Tragen halfen, schickte ich in den Wald,
um _owur nanga_ (Palmkohl = junge Sprosse von Eugeisonia tristis)
und wenn mglich auch Sago aus dem Stamm der Palme zu sammeln. Leider
fanden die Leute zwar viel _owur_ aber nur sehr wenig Sago, so dass
der erste Hunger zwar gestillt wurde, eine krftigere Nahrung aber
immer noch fehlte.

Abends fand das Opferfest statt; alle kleideten sich etwas sorgfltiger
als gewhnlich an, legten sich ihr Schwert um und begaben sich mit
einigen Eiern, die stets auf grsseren Expeditionen zu diesem Zwecke
mitgenommen werden, auf die Wasserscheide; dort pflanzten sie Stcke
in den Boden, spalteten deren Spitzen in 4 Teile und klemmten die
Eier als Opfergabe fr die Geister der Wasserscheide hinein.

Da _Tigang_ viel redete, aber mit seinen Leuten weniger gut als _Jung_,
der selbst mitarbeitete, umzugehen verstand, teilte ich ihm mit,
dass ich seine Hilfe bei _Amun Lirung_, dem Pnihinghuptling, ntig
htte. Obgleich ihm der grosse Marsch nicht verlockend erschien,
fhlte er sich in seiner Eitelkeit dadurch doch so geschmeichelt,
dass er _Jung_ gern sein Amt, die berwachung des Gtertransportes,
berliess, und so machten wir uns bereits frh Morgens mit 8 Mann und
einem Bukat, _Udjan_, als Fhrer auf den Weg. Wie immer, ging ich,
um mein Geleite zur Eile anzuspornen, voraus, schlug aber einen
falschen Pfad ein, so dass die Trger bereits ein gutes Stck auf
dem richtigen Wege weitergegangen waren, bevor ich mit _Tigang_
mein Versehen bemerkte. Hoch ber einem steilen Abhang holte ich
die Trger ein. Die Eingeborenen nannten den Platz "_labu aso_",
d.h. Platz, an dem die Hunde strzen. Ein halb verfaulter Baumstumpf
wurde mir als berrest eines Baumes gezeigt, auf den _Georg Mller_
1825 mit den Punan um die Wette geschossen hatte; seine Flinte hatte
ber ihre Blasrohre den Sieg davon getragen.

Von dieser Stelle an fiel der Pfad so steil ab, dass man bis in das
Tal hinunter mehr gleiten als gehen musste. Im Tal lagen grosse
Mengen scharfkantigen Gesteins, das sich durch seine leuchtende
Weisse lebhaft von der dunkelgrnen Umgebung abhob; es waren die
Reste einer Goldmine, welche die Pnihing hier frher angelegt, jetzt
aber verlassen hatten. Der Howong hatte so viel von diesem Gestein
mitgefhrt, dass es noch in einer Entfernung von vielen Kilometern im
Flussbette Bnke bildete. Fr unsere beschuhten Fsse war das Gehen
auf den spitzen Steinen angenehmer als auf dem runden Geschiebe des
Betjai; unsere barfssigen Trger dachten allerdings anders und waren
froh, als wir weiter unten im Flussbett wieder die gewhnlichen,
runden Gerllsteine antrafen.

Bereits bei Beginn unserer Wanderung war unser Fhrer _Udjan_ sehr
schweigsam gewesen und hatte uns weder ber den Weg noch ber die
Mglichkeit, noch am gleichen Tage die Niederlassung der Pnihing zu
erreichen, viel mitgeteilt. Er hatte in den letzten Tagen an Fieber
gelitten; jetzt blieb er stndig zurck und klagte ber unseren
schnellen Gang. Als er endlich merkte, dass Eile dringend notwendig
war, raffte er sich auf. Mittags erreichten wir das Nebenflsschen,
das _Udjan_ uns als geeigneten Platz zum bernachten angegeben
hatte; unter den gegenwrtigen Umstnden konnte davon aber keine
Rede sein. Zwar wartete ich hier alle meine zurckgebliebenen Trger
ab, erklrte diesen aber sogleich, dass ich in der Hoffnung, das
Pnihinghaus zu erreichen, bis zum Einbruch der Nacht den Marsch
fortsetzen wolle; vom Lekudjang, aus gesehen, war mir nmlich der
Abstand nicht sehr gross vorgekommen. Meine Erklrung wurde von allen,
hauptschlich von _Tigang_, mit verdrossener Miene aufgenommen Ich
machte jedoch _Tigang_ darauf aufmerksam, dass ihm jetzt, wo er
mich zum ersten Mal begleitete, sein Ehrgefhl gebieten msse, nicht
zurckzubleiben. Das sah er auch ein und zeigte sich zum Weitergehen
bereit. Noch einige Stunden ging es im Bette des Howong abwrts,
dann trafen wir auf frhere Reisfelder, die wir, um grosse Windungen
des Flusses abzuschneiden, durchquerten.

Gegen 3 Uhr erreichten wir die neuen Reisfelder der Pnihing. Die freie
Aussicht, die wir hier wieder einmal genossen, und die Gewissheit,
in der Nhe menschlicher Wohnungen zu sein, die wir seit 40 Tagen
nicht gesehen hatten, belebten meine Krfte. Um 4 Uhr befand ich mich
endlich mit _Udjan_ und einem Malaien vor dem eingekerbten Baumstamm,
der als Treppe zum hohen Pnihinghause hinauffhrte; es kostete mich
aber einige Mhe, meine erschlafften Glieder noch diese letzten 4 Meter
hinaufzubefrdern. Zwei Stunden darauf langten auch meine Trger an.

Das Haus erschien fast leer; auf der Galerie befanden sich nur
eine alte Frau und ein Kind, die mit Erstaunen den ersten Weissen
betrachteten, der sich bei ihnen zeigte. _Amun Lirung_ (= Vater von
_Lirung_) kam mir aber sogleich vor seiner Wohnung entgegen. Er schien
sich bereits ber die Begrssungsform der Weissen unterrichtet zu
haben, denn er reichte mir die Hand; auch erzhlte er, dass beinahe
niemand im Hause anwesend war, da fast alle Familien augenblicklich
auf den Reisfeldern wohnten. Hierauf verschwand er eiligst in
seiner Wohnung, aus der er sehr bald mit einer Sklavin und einigen
Rotangmatten wieder zum Vorschein kam. Die Matten breitete er fr
mich und mein Gepck auf dem Boden der Galerie aus. Nachdem wir
uns niedergelassen hatten, begann die Unterhaltung. Mein Gastherr
zeigte sich als lebhafte, gesprchige Natur, machte mir aber im
brigen einen so wenig vertrauenerweckenden Eindruck, dass ich mir die
Geringschtzung, mit der die weiter unten am Flusse wohnenden Pnihing-
und Kajanhuptlinge mir auf meiner vorigen Reise von ihm gesprochen
hatten, sehr wohl erklren konnte. Seine Frau _Hinan Lirung_ ( = Mutter
von _Lirung_) blieb vorlufig noch verborgen, ich suchte sie aber,
auf Anraten _Tigang_s, spter in ihrem Wohngemache auf. Sie empfand
ber unsere Ankunft weder Angst noch Unwillen, sondern schien ganz
von den Vorbereitungen fr unseren Empfang in Anspruch genommen zu
sein. Bei meinem Eintritt kniete sie gerade vor einem grossen Topf
mit Reis und Bataten. Sie hatte mit ihrer Frsorge das Richtige
fr unseren Empfang getroffen und besass, wie ich spter bemerkte,
in der ganzen Huptlingsfamilie am meisten Verstand, den sie auch in
wichtigen Angelegenheiten des Stammes gut zu gebrauchen wusste. Meinem
Diener bergab sie fr mich eine Portion Reis und ein Ei und versprach
auch etwas Frchte.

Als ich draussen auf der Galerie an die Aussenwand gelehnt in dem
herrlichen Gefhl sass, wieder ein festes Dach ber mir und einen
trockenen, ebenen Boden unter mir zu haben, bemerkte ich einige
Malaien, die von der Mahakamseite aus den Howong durchwateten und
bald darauf vor uns erschienen. Sie erzhlten, dass _Kwing Irang_,
der Kajanhuptling vom Blu-u, der mir bis an die Mndung des Howong
entgegen gereist war, sie auf Kundschaft zu _Amun Lirung_ gesandt habe,
um zu erfahren, ob wir bereits eingetroffen seien.

_Akam Igau_ hatte seine Sendung, wie es sich zeigte, gewissenhaft
erfllt; er hatte sich zuerst zu dem wichtigsten Pnihinghuptling,
_Belar_, begeben, dann weiter flussabwrts _Kwing Irang_ am
Blu-u aufgesucht und war schliesslich noch weiter zu _Bo La_,
dem Huptling der Long-Glat, gegangen; alle drei Niederlassungen
hatte er auf unsere Ankunft und unsere Absichten vorbereitet. Seine
Aufforderung, uns baldmglichst Hilfe zu senden, hatte grossen
Eindruck gemacht, denn _Kwing Irang_ war sogleich mit vielen Bten
den Mahakam hinaufgefahren, unglcklicher Weise ohne vorher eine
fr lngere Zeit ausreichende Menge Reis zu beschaffen. Sie hatten
Tage lang mit Hochwasser kmpfen und jetzt sogar einen Tag warten
mssen und wren, wenn ich nicht gekommen wre, aus Reismangel wieder
umgekehrt, was fr unsere Expedition, bei der herrschenden Nahrungsnot,
sehr verhngnisvoll htte sein knnen. Die Malaien berichteten, dass
nach _Kwing Irangs_ Beispiel auch _Belar_ und andere Pnihing mir
entgegengefahren seien. Sehr beruhigend wirkte auf mich die Nachricht,
dass sich die Batang-Lupar Banden auf Befehl des Radja von Serawak aus
dem Gebiet des oberen Mahakam zurckgezogen hatten. Halb ausgeruht und
ermuntert durch die guten Nachrichten raffte ich mich nach Ankunft der
Trger auf, nahm ein erfrischendes Bad und wechselte meine Kleidung.

Obgleich diese Niederlassung der Pnihing nur 20 Familien umfasste, die
ihren Reisvorrat beinahe gnzlich verbraucht hatten, bewirtete _Hinan
Lirung_ meine Leute doch mit Reis und Bataten; ich selbst genoss zum
Reis noch das Ei und wrzte es mit dem Salz, das ich mitgenommen hatte
und von dem ich meiner Wirtin sogleich als Gegengeschenk einen Teil
anbot. _Amun Lirung_ forderte mich auf, die Nacht sicherheitshalber
in seiner _amin_ zu verbringen und, sobald sich die Unruhe dort etwas
gelegt hatte, verschwand ich in meinem Klambu.

Am 25. September erwachte ich mit dem angenehmen Bewusstsein, keinen
Marsch mehr unternehmen zu mssen. Die Pnihing zogen dem Kontrolleur
zu Hilfe und kehrten abends jeder mit einer schweren Kiste beladen
zurck. An den folgenden Tagen konnte ich sie aber auch gegen gute
Belohnung nicht dazu bewegen, den Zug zu wiederholen. Um _Kwing Irang_
von unserem Tun und Lassen zu unterrichten, sandte ich ihm _Tigang_
entgegen, der sich gleichzeitig auch nach einer Gelegenheit, Reis fr
uns zu beschaffen, umsehen sollte. _Tigang_ brach auch sogleich in
Gesellschaft der malaiischen Kundschafter auf. Er musste, um _Kwing
Irang_s Lagerplatz zu erreichen, zuerst das Flussbett des Howong ein
Stck weit durchwaten und dann ber Land zum Mahakam ziehen. Der
Howong strzt sich nmlich mit einer Reihe sehr steiler Flle von
ungefhr 120 m Hhe in den Mahakam und ist daher auf dieser Strecke
nicht befahrbar. Da auch unser Gepck auf jenem Wege zum Mahakam
getragen werden musste, liess ich _Kwing Irang_ bitten, mir seine
Kajan zu Hilfe zu schicken.

In Anbetracht, dass durch die Hhe der Wasserflle an der Mndung
des Howong eine Verbindung mit dem Mahakam auch fr Fische unmglich
gemacht oder doch sehr erschwert wurde, hielt ich eine gesonderte
Sammlung der Fischarten von Haupt- und Nebenfluss zwecks spterer
Vergleichung fr wertvoll. Ich setzte daher fr jede neue Fischart,
die man mir brachte, eine Belohnung aus, wodurch unsere ichthyologische
Sammlung mit 15 neuen Arten aus dem Howong bereichert wurde.

Tags darauf sandte mir _Kwing Irang_ einige seiner Kajan, die mich
als alte Bekannte sehr freudig begrssten; sie erzhlten, dass sie
meiner Ankunft wegen ihr Saatfest aufgeschoben hatten und dass sie
wegen Reismangel baldmglichst in ihre Niederlassung zurckkehren
mussten. Da auch _Tigang_ nur einen einzigen Packen Reis hatte
auftreiben knnen, schickte ich ihn am folgenden Tage mit einer
reichlichen Menge Tauschartikel wieder aus, um zu versuchen, in einer
Pnihingniederlassung am Penaneh wenigstens Bataten aufzukaufen.

Gegen Mittag des folgenden Tages traf _Kwing Irang_ in Gesellschaft
des Pnihinghuptlings _Kaharon_ und einiger anderen mit 50 Trgern
bei uns ein.



Es sei mir gestattet, _Kwing Irang_, der grssten und eigenartigsten
Persnlichkeit, der ich im Innern Borneos begegnete, hier einige Worte
zu widmen. Ist er es doch gewesen, der mir als Berater und Freund
auf allen Reisen treu zur Seite stand und dessen Hilfe ich die guten
Erfolge meiner Unternehmungen zum grossen Teil verdanke. Ich glaube
den Leser am schnellsten mit diesem seltenen Manne bekannt machen
zu knnen, indem ich ihm unsere erste charakteristische Begegnung
schildere.

Als ich im Jahre 1896 zum ersten Mal die Mndung des Blu-u erreichte,
hatte _Kwing Irang_, der damals weiter oben am Fluss wohnte, ein
malaiisches Haus zu meinem Empfange in Stand setzen lassen. Ich
verbrachte die Nacht vor unserer Begegnung in unruhiger Erwartung,
wusste ich doch aus den Berichten der anderen Stmme, dass das
weitere Schicksal unserer Expedition von der Entscheidung des grossen
Huptlings des Mahakamgebietes abhing. _Kwing Irang_, der abends zuvor,
nachdem wir uns bereits zur Ruhe begeben hatten, eingetroffen war,
schien ebenfalls auf unsere Begegnung gespannt zu sein; wenigstens
war ich noch nicht angekleidet, als er melden liess, dass er mich
begrssen wolle. Sogleich wurden zwei Klappsthlchen einander
gegenbergestellt und bald darauf sah ich an dem nebenstehenden
Hause eine Reihe Mnner hinab- und an unserer Baumtreppe wieder
hinaufsteigen. Der erste, dessen Haupt ber dem Boden erschien, trug
eine schwarze Mtze mit breitem Goldrande, unter der ein ltliches,
mageres Gesicht mit eingefallenen Wangen, gerader Nase und kleinen
Augen mit ruhigem, festem Blick zum Vorschein kam. Dem goldenen
Abzeichen nach, das nur er trug, musste der Mann _Kwing Irang_ sein,
auch besttigte mir die Sicherheit seines Auftretens im Gegensatz
zu der Steifheit seines Gefolges, dass der grosse Huptling in der
Tat vor mir stand. Ich ging ihm einige Schritte entgegen, reichte
ihm die Hand und forderte ihn auf, sich mir gegenber auf _Demmenis_
Stuhl zu setzen, was dein verschlossenen Eingeborenen einen Ausruf der
Verwunderung entlockte. Augenscheinlich war ihm so etwas bei seinen
Zusammenknften mit dem Sultan von Kutei und dem Radja von Serawak
noch nicht vorgekommen, denn die Behandlung eines Stuhles war ihm so
neu, dass er im Augenblick, wo er sich setzen wollte, umgefallen wre,
wenn ich ihn nicht rechtzeitig aufgefangen htte. Der Unfall brachte
ihn aber durchaus nicht aus der Fassung. Einige Minuten lang sassen wir
einander schweigend gegenber und lernten uns mit den Augen kennen. Was
mich betraf, so war ich mit dem empfangenen Eindruck zufrieden und,
wie er mir spter gestand, ging es ihm ebenso.

_Kwing Irangs_ Krper zeigte noch deutlichere Spuren des Alters
als sein Gesicht; er schien ein Mann von 55 Jahren zu sein,
mit feinem Krperbau, krftigen Muskeln und geringer Neigung zur
Wohlbeleibtheit. Seine Kleidung zeugte von Sorgfalt; ein Tuch aus
blauem Kattun bedeckte in zahlreichen Windungen die Lenden und ein
Schwert mit schnem Horngriff hing ihm an einem Rotanggrtel zur
Seite. An Schmucksachen trug er nur einige Halsketten und silberne
Ringe von cm Durchmesser, die an seinen weit ausgereckten Ohrlppchen
hingen und unter den offen herabfallenden Haaren hervorkamen. Von
einer Ttowierung bemerkte ich keine Spur.

Das freie Auftreten, die sichere Haltung und der gutmtige
Gesichtsausdruck _Kwing Irangs_ flssten mir sogleich Vertrauen und
die Hoffnung ein, dass wir einander verstehen wrden. Die Vorteile,
mit den Niederlndern auf gutem Fuss zu stehen, leuchteten dem
klugen Manne ein und so verstndigten wir uns bald ber meine
weiteren Plne. Nachdem der sachliche Teil erledigt war, begannen
wir eine lebhafte Unterhaltung ber allerhand Dinge. Ich zeigte
dem Huptling Bilder und Gewehre, von denen ihn besonders letztere
interessierten. ber unserer ersten Begegnung schien ein besonderer
Glckstern zu walten. Whrend ich nmlich _Kwing Irang_ die Einrichtung
eines Winchester Repetiergewehres sehen liess, ging pltzlich
ein Schuss los, der keinen geringen Schrecken verursachte. Aber
glcklicher Weise schlug die Kugel nur ein Loch in das Dach und,
da keiner verletzt war, blieben alle auf ihren Pltzen. Ich hatte
wiederum Gelegenheit, die grosse Besonnenheit meines neuen Freundes
zu bewundern, der die beruhigenden Worte seines Geleites kaum ntig
hatte. Ein rechtes Gesprch wollte jedoch nicht mehr in Gang kommen
und so verabschiedeten sich unsere Besucher bald darauf.

_Kwing Irang_ ist vor zwei Jahren, bald nachdem ich Borneo verlassen
hatte, gestorben.

Der Tod dieses klugen, friedliebenden Mannes, der mit weitem Blick im
Interesse seiner Untertanen auch mit ihm fremden Vlkern Beziehungen
anzuknpfen sich nicht scheute, bedeutet fr das Mahakamgebiet einen
grossen Verlust.



Die Mahakam Kajan waren zwar gern bereit, unser Gepck bis zum Mahakam
zu tragen, sahen es aber als Aufgabe ihrer Mendalam Verwandten an,
alles Gut, das sich noch beim Kontrolleur befand, bis zu _Amun Lirung_
zu befrdern. Die Mendalam Trger waren jedoch nach ihrer Ankunft im
Pnihinghause nicht mehr dazu zu bewegen, auch noch den Rest der Sachen
abzuholen, was ich ihnen in Anbetracht ihrer hungerigen Mgen nicht
verdenken konnte. Gegen hohen Preis gelang es mir, unseren Ma-Suling
Trgern noch etwas Reis zu verschaffen und den Kajan teilte ich
mit, dass sie unterwegs _Tigang_ mit einem Vorrat Bataten begegnen
wrden. Diese Aussicht erschien so verlockend, dass sie fast alle
wieder auf die Beine brachte. Abends kehrten sie mit dem Kontrolleur
und _Demmeni_, die sich beide wohl befanden, zu uns zurck. _Demmeni_
Wurde als alter Bekannter von den Mahakam Kajan freudig begrsst; dem
fremden Kontrolleur gegenber trat aber die, ihnen eigene ngstliche
Zurckhaltung wieder zu Tage.

Gegen Abend kam _Kaharon_, um mit mir ber die Lohnfrage zu beraten;
er forderte fr den Transport des Gepckes an den Mahakam nicht
weniger als 2.50 fl tglich fr den Trger. Fr alle Anstrengungen
und Entbehrungen, welche die Leute diesmal auszustehen hatten,
war der Preis nicht zu hoch, aber als Taggeld fr spter htte die
Erteilung eines solchen Lohnes Schwierigkeiten verursacht, besonders
da den Pnihing Geld viel weniger bedeutete als Tauschartikel. Im Laufe
des Gesprches merkte ich, dass _Kaharon_ die Lohnfrage nur berhrt
hatte, um zu erfahren, ob ich die geleistete Hilfe berhaupt bezahlen
wollte. Ich beeilte mich natrlich, ihm zu erklren, dass ich jeden,
der mir zu Hilfe gekommen war, belohnen wollte.

Anderen Tages kam _Tigang_ von seiner Forschungsreise nach
Nahrungsmitteln zurck; seine Bataten war er unterwegs leider
grsstenteils an seine hungerigen Dorfgenossen los geworden, er brachte
aber noch einen Packen Reis und eine gute Menge _bulung obe_ ( = Mehl
von Bataten) mit. Die Pnihing verstehen dieses Mehl ausgezeichnet zu
bereiten, indem sie die Bataten in feine Scheiben schneiden, sie in der
Sonne trocknen lassen und dann fein zerstampfen. Jedem Manne liess ich
von dem Batatenmehl eine Portion zuteilen, und da auch unsere Wirtin
noch von ihren bescheidenen Vorrten nach Krften beisteuerte, genossen
unsere wackeren Trger nach langer Zeit die erste gute Mahlzeit.

Wir hatten alle Ursache, mit unserem Empfang im Mahakamgebiet zufrieden
zu sein; denn alle grossen Huptlinge waren uns zu Hilfe geeilt,
auch waren wir hier am Howong mit aussergewhnlicher Selbstlosigkeit
aufgenommen worden. In der ersten Zeit gab ich meinen Gastherren
nmlich nichts anderes als etwas Salz und einige Kleinigkeiten,
ausserdem erregte ich noch _Hinan Lirungs_ Neid, indem ich _Djulan_,
einem lieblichen Bukatmdchen, das mich unter dem Schutz von _Tetuh_,
einem unserer Punan vom Mendalam, fters besuchte, etwas Tabak,
hbsche Zeugstckchen und Ringe schenkte. Die Kleine hatte sich
anfangs nur schchtern in der Ferne gezeigt, wurde nachher aber so
zutraulich, dass sie spter sogar allein zu mir zu kommen wagte. In
Anbetracht der mit Furcht gemischten Missachtung, mit der die Bahau
die nomadisierenden Bukat sowie alle Jgerstmme ansehen, stellte ich
an _Hinan Lirung_s Nachsicht hohe Anforderungen; es lag mir aber daran,
mit diesen scheuen Waldmenschen auf gutem Fuss zu stehen. Ich nahm mir
jedoch vor, meine Gastwirtin beim Abschied fr alle Gte und Toleranz
zu entschdigen. Als praktische Frau gab mir die Alte brigens bald zu
verstehen, dass ihr ein Satz Armbnder aus Elfenbein, wie sie deren
mehrere bei mir bemerkt hatte, am willkommensten wre. Ihre eigenen
Armbnder hatte sie nmlich, wie ich spter hrte, dazu verwendet,
den Reis einzukaufen, mit dem sie uns bewirtete. Um den Wert des
Geschenkes zu erhhen, zgerte ich anfangs mit der Erfllung ihres
Wunsches, liess sie dann aber das Mass angeben und suchte ihr einen
besonders schnen Satz aus. Den vielen Besuchen nach zu urteilen,
die mir _Hinan Lirung_ im Laufe des Jahres am Blu-u machte, schien
ihr unsere Bekanntschaft gut gefallen zu haben.

In der Nhe unseres Hauses hatten sich die Bukat, nach Art der Pnihing,
drei kleine Huser gebaut, die sie jetzt vorbergehend bewohnten. Ich
hatte diese scheuen Kinder der Wildnis bis jetzt nicht besucht, um
ihnen erst Zeit zu lassen, sich an unsere Gegenwart zu gewhnen. Jetzt
glaubte ich aber, mit _Barth_ einen Besuch bei ihnen wagen zu drfen.

Der Stamm der Bukat lebt in Gruppen von Familien fr gewhnlich in
den Urwldern des Quellgebietes der Flsse Kapuas und Mahakam und hlt
sich, wie auch die anderen Nomadenstmme, bald in diesem bald in jenem
Flusstal auf, je nachdem die Anwesenheit von Wild, Baumfrchten und
wildem Sago ein Verweilen wnschenswert erscheinen lassen. Selbst in
dieser Wildnis drfen sich die Bukat nicht willkrlich irgend einer
Gegend bemchtigen, sondern ihre verschiedenen Familiengruppen sehen
bestimmte Flussgebiete als ihr Eigentum an und lassen die anderen
nur gegen eine Entschdigung dort jagen und Frchte sammeln. Die
Bukat verbringen den grssten Teil des Jahres im Walde und kommen
berhaupt nur ungern mit den sesshaften Stmmen am Kapuas und
Mahakam in Berhrung. Zur Zeit der Reisernte jedoch lassen sie sich
vorbergehend bei dem einen oder anderen Stamme, wie z.B. jetzt am
Howong, nieder, um Reis, Zeug, Salz, Perlen und dergl. gegen ihre
Waldprodukte einzutauschen. Die Bukat empfingen uns ngstlich, aber
doch, nach Art der Bahau, freundlich, breiteten einige Rotangmatten fr
uns aus und setzten uns einige Waldfrchte vor. Zu meinem Erstaunen
entdeckte ich hier eine Frucht namens _kapulasan_, die in der Umgegend
von Buitenzorg auf Java viel gebaut wird, deren Heimat dort jedoch
nicht mehr bekannt ist. Aufmerksam geworden beobachtete ich spter
lngs des ganzen oberen Mahakam das Vorkommen des Baums, der diese
Frucht liefert. Zuflligerweise hatte unter den vielen herrlichen
Waldfrchten, die man mir auf der vorigen Reise brachte, gerade
diese gefehlt. Zur grossen Genugtuung unserer Gastherren assen wir
die saftreichen Frchte geradezu mit Gier, worauf sie von allerhand
wichtigen Angelegenheiten, die ihnen auf dem Herzen lagen, zu reden
begannen. Es handelte sich, wie so hufig bei diesen Leuten, wieder um
Verletzung ihrer Ansprche auf verschiedene Gebiete. So hatte man am
Kapuas bei der Verteilung des Zehnten aus dem Ertrage der Buschprodukte
ihre Huptlinge bergangen, obwohl diese vor langen Jahren ebenfalls
das Kapuasgebiet durchstreift hatten. Ihre hierauf begrndeten Rechte
hatten die Bukat jedoch am Kapuas nie geltend gemacht, so dass wir
ihnen rieten, sich an den Kontrolleur von Putus Sibau zu wenden, zu dem
sich in der gleichen Angelegenheit auch der ihnen verwandte Stamm der
Bukat aus dem Gebiete des Gung begeben hatte. Hiermit kamen wir auf
ein anderes Kapitel zu sprechen, auf Streitigkeiten zwischen diesen
Gung Bukat und einem vornehmen Bukathuptling, der sich augenblicklich
bei den Pnihing am Serata aufhielt. Diesem sollte nmlich infolge
seiner Abstammung das Gebiet des Gung eigentlich gehren; in Putus
Sibau konnte man natrlich auch von diesen Verhltnissen keine Ahnung
haben. Der Punan _Tetuh_, der uns begleitete, weil er selbst als
Nomade mit diesen Bukat in Verbindung stand, bernahm es, bei seiner
Rckkehr zum Kapuas alle diese Rechtsfragen zur Sprache zu bringen.

Whrend wir mitten in unserer Unterhaltung mit den Bukat begriffen
waren, traf wieder eine Schar Trger mit dem auf dem Wege noch
zurckgebliebenen Gepck ein. Wir hatten des Morgens, in Anbetracht
der starken Ermdung und schlechten Ernhrung unserer Leute,
nicht durchzusetzen gewagt, dass sich alle energisch an der Arbeit
beteiligten; so hatte sich denn auch nur ein Teil der Trger auf den
Weg gemacht und die Malaien, die bei dem Rest des Gepckes als Wache
zurckgeblieben waren, meldeten, dass sich immer noch 24 Blechkisten
mit Salz im Walde befanden. Wir verliessen daher eiligst unsere neuen
Bukatfreunde, um zu beraten, was weiter zu tun sei.

Um nur schnell fortzukommen, hatten viele Trger von _Kwing
Irang_ sich bereits von selbst mit unseren Kisten an den Mahakam
aufgemacht. _Kwing_ selbst jedoch wartete mit 20 jungen Kajan und
einigen Pnihing auf unsere Befehle. Mit _Amun Lirung_, oder besser
gesagt mit dessen Frau, kam ich berein, dass sie mir fr 12 Packen
schwarzen Kattuns zu 12 m Lnge die 24 Kisten mit Salz an den Blu-u
schaffen sollten. Zwar dauerte es einen ganzen Monat, bis sie mit
ihrer Fracht bei mir am Blu-u anlangten, aber die Reisnot entschuldigte
die Versptung.

Aus Furcht vor einer Steigerung der Lasten und des Hungers hatten es
unsere Trger mit dem Aufbruch zum Mahakam sehr eilig. Da ich aber
nichts mehr von unserem Gepck zurcklassen wollte, vereinbarte ich,
dass unsere ermdeten Mendalam Kajan unter Aufsicht von _Barth_
und _Demmeni_ alles Gepck dem Howong entlang bis an den Pfad,
der zum Mahakam fhrte, bringen sollten, whrend die frischeren und
krftigerer Mahakam Kajan es von dort ber die Hgelrcken bis an
den Anlegeplatz der Bte befrdern sollten. Nicht minder froh als
seine Leute war _Kwing Irang_ ber unsere Abreise; denn er hatte
im Pnihinghause keinen Platz gefunden und mit den Seinigen in und
unter einer Reisscheune bernachten mssen. Das bernachten im Freien
ohne Dach ber dem Haupte finden die Bahau aber sehr unangenehm und,
wenn es geregnet htte, wren viele von ihnen krank geworden.

So verabschiedete ich mich denn von meinen Gastwirten und zog mit
_Kwing Irang_ an den Mahakam voraus. In unserem Eifer fortzukommen
bersahen wir jedoch das winzige Nebenflsschen des Howong, lngs
dessen wir zum Mahakam abbiegen mussten, und irrten einige Zeit umher,
bevor wir es wiederfanden. Ich hatte in der letzten Zeit so viel an
Mrschen durch Wald und Flsse genossen, dass ich unseren jetzigen
Zug, besonders da mir die Hgelrcken, die uns vom Mahakam trennten,
recht hoch vorkamen, sehr unangenehm empfand.

Auf einem dieser Hgel trafen wir _Bier_ mit seinem Geleite; er hatte
die ganze Zeit ber mit gutem Resultat gearbeitet und es gelang ihm,
seine Messungen bis zum Mahakam noch am gleichen Tage zu beenden.

Die Pnihing hatten zwar den besten Anlegeplatz am Mahakam ausgesucht,
dennoch mussten wir von der Hhe des Bergrckens einen sehr steilen
Abhang hinunterklettern, um an das Flussbett zu gelangen. Hier fanden
wir die Mahakamer auf einem Platze gelagert, der nirgends eben genug
war, um ein Zelt aufschlagen zu knnen. Es mussten erst Terrassen
aus Holz, die teilweise ber das Wasser hinausragten, gebaut werden,
um fr unsere Zelte einen Untergrund zu beschaffen.

Inzwischen erneuerte ich die Bekanntschaft mit dem vornehmen
Pnihinghuptling _Belar_ und feierte Wiedersehen mit _Akam Igau_.

Nach seinem guten usseren zu urteilen, das von dem unserer erschpften
und abgemagerten Kuli stark abstach, war es _Akam Igau_ inzwischen am
Mahakam gut ergangen, was er mir denn auch zugab. _Belar_ erzhlte,
dass er mich nicht bei _Amun Lirung_ begrsst habe, weil er einen
kleinen Enkel mit auf die Reise genommen hatte.

Es dauerte bis zum Mittag des folgenden Tages, bis unsere ganze
Gesellschaft mit allem Hab und Gut am Ufer des Mahakam vereinigt war,
und es erwies sich bald als unmglich, mit allen und allem gleichzeitig
den Mahakam hinabzufahren. Zwar hatten alle Niederlassungen der Kajan
und Pnihing am Mahakam ihre grssten Bte zur Verfgung gestellt,
aber wegen des hohen Wasserstandes durften sie nicht schwer beladen
werden. Auf einen gnstigeren Wasserstand zu warten, war bei der
herrschenden Nahrungsnot unmglich; und so musste ich mich dazu
entschliessen, einen Teil unserer Leute vorlufig zurckzulassen. Ich
teilte den Huptlingen in einer Zusammenkunft meinen Plan mit, sie
selbst hatten nicht gewagt, mir diesen Vorschlag zu machen. Alle
zeigten sich einverstanden und versprachen, ihre Reisegenossen
in einigen Tagen abzuholen. Die Zurckbleibenden sollten sich bei
_Amun Lirung_, den Bukat oder im Walde die notwendige Nahrung zu
verschaffen suchen.

Am anderen Morgen zeigte es sich, dass das Fassen und Ausfhren
von Beschlssen fr Bahauhuptlinge sehr verschiedene Dinge sind;
denn keiner von ihnen war im stande, einen Teil seiner Untertanen zum
Zurckbleiben zu zwingen. Die Insubordination, die berall herrschte,
veranlasste seltsame und komische Szenen.

Zwar begann man damit, mein Gepck regelrecht in den Bten
unterzubringen, kaum war dies aber geschehen, so ergriff jeder eiligst
seinen Tragkorb, lud ihn auf den Rcken und sprang, zur Abfahrt
bereit, in ein Boot. So kam es, dass die Bte der Kajan und Pnihing,
die vor unseren Htten lagen, bevor wir sie noch betreten hatten,
teils von der eigenen Mannschaft teils von Eindringlingen berfllt
waren. Ein Boot war sogar zum Sinken berladen, und doch wagte es
die eigene Bemannung nicht, die Zustrmenden abzuweisen. Unterdessen
standen die Huptlinge rat- und machtlos am Ufer und in der Furcht,
zurckbleiben zu mssen, mischte sich sogar einer von ihnen, seine
Wrde vergessend, unter die Schar der Bestrmer. Mit strenger Miene,
drohendem Stock und ernsten Ermahnungen suchte ich nun allein
die Ordnung aufrecht zu erhalten. Zuerst schickte ich die am Ufer
stehenden zurck und entlastete dann die Bte von denjenigen, die
zurckbleiben mussten. Aus jeder Mendalam Niederlassung nahm ich 8
Mann mit und dank dem sanften Charakter meiner Kajan gelang es mir,
nur mit Einbusse der Hlfte meiner Stimme abzufahren.

Unterhalb einer Landzunge des anderen Ufers hatte sich _Akam Igau_
mit seinen Leuten gelagert und bei unserer Ankunft bot sich dort ein
noch heiterer Anblick.

In dem sehr grossen, breiten Boote des Pnihinghuptlings _Belar_
standen die Kajan Mann an Mann neben den Pnihing, ohne fr den
Huptling selbst einen Platz frei zulassen. Dieser betrachtete mit
seinem Enkel an der Hand vom Ufer aus gelassen die Bestrmung seines
Fahrzeuges. Ich kam diesmal wirklich in Versuchung, von meinem Stocke
Gebrauch zu machen; aber da mir eine derartige Einfhrung bei den
Mahakamstmmen doch nicht geraten erschien, suchte ich schliesslich
auch hier auf Kosten meiner Kehle die weisen Beschlsse der Huptlinge
zur Ausfhrung zu bringen.

In Anbetracht des hohen Wasserstandes waren unsere Fahrzeuge auch
jetzt noch sehr schwer beladen, aber bei der Umsicht der Pnihing und
Mahakam Kajan und der Besorgnis ihrer Huptlinge fr unsere Sicherheit
hatten wir nichts zu frchten und fuhren schnell flussabwrts an den
Mndungen des Kaso, Serata und Tjehan vorber bis vor das Haus des
Huptlings _Belar_.

Der Pnihinghuptling wies uns Europern und den Malaien als Wohnung
ein alleinstehendes Haus an, das so hoch und auf so dnnen Pfhlen
gebaut war, dass mir angst und bange wurde beim Gedanken, dass 20
Menschen und alles Gepck da hinauf geschafft werden sollten. Der
Boden des Hauses befand sich 6 m ber der Erde und die Pfhle waren
nur 2  1.5 dm dick. Da meine Malaien aber nichts gegen den Einzug
in diesen Vogelbauer einzuwenden hatten, liess ich alles Gepck nach
oben bringen und erklomm zuletzt selbst die steile Leiter. Die Hhe
unserer Behausung schtzte uns wenigstens vor dem oft lstigen Besuch
von kleinen Kindern und Hunden.

Jetzt, wo ich zum ersten Mal seit langer Zeit all unser Hab und Gut
beisammen in einem geschlossenen Raum aufgestapelt sah, wurde es mir
bewusst, wieviel Sorgen und Mhen diese hundert Packen und Kisten
meinen Trgern auf den schwierigen Pfaden durch Wlder und Flsse
verursacht hatten, und die abgearbeiteten Gestalten meiner braunen
Reisegenossen wurden mir dadurch um so lieber. Ich beeilte mich denn
auch, meinen Mendalam Kajan so schnell als mglich Reis und Bte
zu verschaffen, damit sie ihre zurckgebliebenen Stammesgenossen
abholen konnten. Mit Geschenken und guten Worten gelang es mir bei
den Pnihing, die Hlfte meiner Leute auszursten und sie am folgenden
Tage flussaufwrts zu schicken. Die andere Hlfte begab sich mit _Kwing
Irang_ an den Blu-u, um sich dort verproviantieren zu lassen, und zwei
Tage darauf fuhren auch sie an uns vorber den Mahakam aufwrts. Die
Huptlinge hatten ihnen natrlich nicht ihre besten Bte zur Verfgung
gestellt, aber es kamen doch alle unsere Kuli wohlbehalten bei uns
an, so dass ich froh sein konnte, so viel Gepck ohne Verlust oder
Schaden an Menschenleben bis an den Mahakam gebracht zu haben.

Meine erste Aufgabe bei _Belar_ bestand in der Lhnung aller,
die mir geholfen hatten. _Kwing Irang_ und seine Kajan wollten
warten, bis ich zu ihnen zog, und begaben sich daher gleich weiter
auf die Heimreise. In der Lohnfrage kamen zuerst die Pnihing aus den
Niederlassungen am Tjehan und Long Kub in Betracht. Mein reicher Vorrat
an Tauschartikeln erlaubte mir, ihre Dienste mit _batik_-Stoffen,
weissem, rotem, und schwarzem Kattun und rotem Flanell reichlich zu
bezahlen. Ihre Huptlinge erhielten je eine hbsche Jacke oder ein
seidenes Umschlagetuch. Meine Dankbarkeit fr unsere wohlbehaltene
Ankunft verleitete mich, den Leuten zu viel zu geben, mit Rcksicht
auf knftige Lohnansprche musste ich mich daher bereits am anderen
Tage den Pnihing von _Belar_ gegenber mssigen. Diese erhielten
nun zwar weniger, eine Handvoll Salz als Zugabe stellte aber jeden
zufrieden, ausserdem hatten wir, da wir noch einige Tage bei ihnen
bleiben sollten, Gelegenheit, ihren Frauen und Kindern mit allerhand
beliebtem Tand wie: Fingerringen, bunter Wolle, Nadeln und Perlen eine
Freude zu bereiten. Ich hatte mich nmlich, hauptschlich auf Anraten
von _Kwing Irang_, dazu entschlossen, noch einige Tage _Belars_ Gast
zu bleiben, ein Beschluss, der nach den berstandenen Anstrengungen
bei allen Beifall fand.

Einen weiteren Grund fr diese Verlngerung unseres Besuches bei
den Pnihing bildete fr mich der Wunsch, mit diesem einflussreichen
Huptling und den Seinen gut zu stehen; denn nur so konnte ich
den Hauptzweck meines Aufenthaltes am Mahakam, die Bevlkerung vom
politischen Standpunkt aus zu studieren, erfllen. Ich hatte mir
nun zwar, wie auch bei meiner frheren Reise, vorgenommen, meinen
festen Wohnplatz bei dem mchtigsten Mahakamhuptling _Kwing Irang_
aufzuschlagen; _Belar_ war aber von alters her sehr neidisch
auf dessen Stellung, und so riet mir jener selbst an, auch seinen
Nebenbuhler mit einem lngeren Besuch zu beehren. Inzwischen hatte
_Kwing_ auch Zeit, ein Haus fr mich in Stand zu setzen und fr meine
Leute ein Unterkommen zu beschaffen.

Unser Besuch befriedigte nicht nur die Eitelkeit der Pnihing, sondern
kam ihnen auch in praktischer Hinsicht sehr zu statten; denn meine
rztliche Hilfe war auch hier wieder sehr ntig. Gleich am ersten
Tage wurde ich zu zahlreichen Malaria- und Lueskranken gerufen. Indem
der Kontrolleur mich auf meinen Krankenbesuchen begleitete, hatte er
Gelegenheit, sich in vielen Wohnungen vorzustellen, die er sonst,
ohne indiskret zu sein, nicht htte betreten drfen. Meine Praxis
gewann mir bald das frher bereits erworbene Vertrauen der Leute
wieder zurck, so dass bald dieser, bald jener sich wieder in meine
Htte wagte, um gegen Reis oder Frchte etwas von meinen Artikeln zu
erhandeln. Die einen lockten die anderen heran und bald kletterten
die Besucher ununterbrochen auf der hohen Treppe in unsere mit Gepck
und Menschen ohnehin schon berfllte Htte hinauf.

Auch aus der Ferne brachte man mir Kranke. In einer weiter unten
am Fluss gelegenen Niederlassung, Long Kub, hatte man _Kwing Irang_
auf seiner Durchreise gebeten, dort zu bernachten, um den Huptling
_Erang Parn_, der wie seine Schwester, _Belars_ Frau, an periodischen
Ausbrchen von Wahnsinn litt, am folgenden Tage zu mir zu geleiten. So
kamen die Huptlinge denn auch mit grossem Gefolge bei mir an--leider
ohne ein Resultat zu erzielen; denn es schien mir geratener, lieber
sogleich meine Ohnmacht einzugestehen, als die Leute mit Scheinmitteln
hinzuhalten oder ihnen Beruhigungs mittel zu geben, die in den Hnden
dieser Menschen gefhrlich htten werden knnen.

Da _Belar_ so viel daran gelegen war, als einer der vornehmsten
Huptlinge angesehen zu werden, war es mir sehr angenehm, dass
ich sowohl ihm als _Kwing Irang_ als Anerkennung fr die Hilfe,
die sie mir auf der vorigen Reise geleistet hatten, seitens der
Regierung ein Geschenk anbieten konnte. _Belar_ fand nun zwar den
vergoldeten Silberbecher, den ich ihm berreichte, als Schaustck
sehr schn, aber viel zu prunkend, um ihn tglich zu gebrauchen,
und erbat sich daher von mir persnlich zum Alltagsgebrauch noch
einen Satz Elfenbeinarmbnder, wie ich ihn _Hinan Lirung_ geschenkt
hatte. berzeugt, dass mein wegen seiner Wildheit berchtigter Freund
nicht daran gewhnt war, einen einmal geusserten Wunsch fahren zu
lassen, gab ich ihm nach, nahm mir aber vor, in Zukunft so sparsam
als mglich mit meinen Tauschartikeln umzugehen.

Die Pnihing verlangten wohl unter dem Eindruck meiner grossen Vorrte
fr Bte, die ich jetzt anschaffen musste, so hohe Preise, dass _Akam
Igau_ mir riet, mich lieber an ihre Verwandten am Tjehan zu wenden,
die an neuen Bten eine grosse Auswahl besassen. Meinem Gastherrn
gefiel dieser Plan jedoch durchaus nicht, und ich hatte alle Mhe,
ein kleines Boot mit 4 Ruderern zu erlangen, das mich mit _Akam Igau_
und meinem Diener _Midan_ an den weiter oben in den Mahakam mndenden
Tjehan bringen sollte. Nach sechsstndiger Fahrt erreichten wir um
4 Uhr nachmittags das Haus der Pnihing, das am rechten Tjehanufer
erbaut war; bei meinem ersten Besuch vor zwei Jahren war es noch
nicht vollendet gewesen.

Trotzdem die Huptlinge nicht zu Hause waren, begannen wir doch
sogleich die vielen halb und ganz fertigen Bte zu besichtigen, und
mit _Akam Igaus_ Hilfe erwarb ich fr schwarzen Kattun und Perlen
sogleich zwei derselben. Zwei andere Bte, die ich gern erstanden
htte, gehrten dem Huptling _Parn_, der abends zurckkehren sollte;
daher machte ich es mir inzwischen auf der grossen Galerie vor seiner
Wohnung bequem. Reis einzukaufen, glckte mir nicht, da die Pnihing
den Seputan am Kaso bereits viel verkauft hatten; einen besseren
Erfolg hatte ich mit Batatenmehl.

Nach _Parns_ Ankunft wurde ich mit ihm wegen der Bte bald
handelseinig; da er so viel von meinen schnen Tauschartikeln gehrt
hatte, sprach er den Wunsch aus, dass seine Frau _Adjei_ und sein
kleiner Neffe _Kwing_ mich zu _Belar_ begleiten sollten, um sich als
Lohn fr die Bte unter allen Herrlichkeiten selbst etwas auswhlen
zu drfen. Obwohl ich diesem Dorfe nur einen kurzen Besuch machte
und seine Mnner fr ihre Dienstleistungen von meiner mildttigen
Stimmung bei der Ausbezahlung des Lohnes am meisten Vorteil gehabt
hatten, wollte ich doch auch bei den brigen Bewohnern eine gute
Erinnerung hinterlassen und forderte daher Frauen und Kinder auf, mich
am folgenden Morgen vor meiner Abreise zu besuchen, um sich kleine
Geschenke abzuholen. Trotz unserer frheren Bekanntschaft wagten sich
anfangs doch nur wenige in meine Nhe, kaum hatten diese aber jeder
einen Ring mit bunten Glassteinen erhaltet), als die Besucher in
hellen Haufen aus allen Tren zum Vorschein kamen. Die Frauen waren
auf diese wertlosen Ringe ganz versessen. Als ich auf meiner vorigen
Reise in der Zeit der Reisnot nirgends mehr Reis auftreiben konnte,
verkauften mir diese Frauen ihren letzten Vorrat fr diese Fingerringe.

Gegen 10 Uhr morgens fuhren wir mit vier neuen Bten und einem fnften
mit _Adjei_ und _Kwing_ ab. Bei _Belar_ angekommen fiel es meinen
Gsten, _Adjei_ und _Kwing_, sehr schwer, unter allen Tauschartikeln
eine Wahl zu treffen. Endlich gaben sie sich mit einer hbschen Jacke,
einem Sarong aus _batik_ und einigen Perlen zufrieden.

_Demmeni_ hatte seine Zeit inzwischen auf andere Weise gut
verwendet; durch allerhand Gaukelspiel, durch Explodierenlassen von
Magnesiumpulver und Verbrennen von Magnesiumband hatte er die Pnihing
in so gute Stimmung versetzt, dass der Kontrolleur es fr wnschenswert
hielt, mit ihm noch einige Zeit zu bleiben. Da auch _Belar_ diese
Gste gern behalten wollte, beschloss ich, allein zu _Kwing Irang_
an den Blu-u zu ziehen, um dort alles fr einen lngeren Aufenthalt
vorzubereiten.

Als _Belar_ abends mit einigen der vornehmsten Familienvter zu einem
Plauderstndchen zu mir kam, brachte ich das Gesprch auf einen Zug
zur Mahakamquelle. Ich hatte nmlich bereits 1896 _Belar_, der auf
seinen Jagden und zahlreichen Expeditionen nach Serawak diesen Teil
des Mahakamgebietes gut kennen gelernt hatte, zu diesem Unternehmen zu
bereden versucht. Die grosse Reisnot verhinderte uns aber damals an der
Ausfhrung des Planes. _Belar_ zeigte sich auch jetzt wiederum bereit,
mich zu begleiten, verlangte aber fr jeden seiner Leute einen und
fr sich selbst zwei Reichstaler (2 1/2 fl.) als Tageslohn. Da ich
noch lange auf tagweise bezahlte Dienste der Bahau angewiesen war,
konnte ich auf eine derartige Bedingung natrlich nicht eingehen und
begann ihn, wie ich es frher mit _Kaharon_ getan, auf das Unsinnige
seiner Forderung aufmerksam zu machen. Auch die Pnihing zeigten sich
logischen Beweisgrnden zugnglich; denn als ich ihnen den hohen Wert
eines Reichstalers begreiflich zu machen suchte und ihnen sagte,
dass der Tageslohn in Serawak und Kutei so viel niedriger sei, und
dass auch meine Mahakam Kajan so viel weniger erhielten, musste auch
_Belar_, allerdings ungern, zugeben, dass 1 fl. fr den Tag bei
eigener Bekstigung gengend sei.

Den Lohn fr die Begleitung an den Blu-u setzte ich mit _Belar_
gleichfalls im voraus fest; die Pnihing forderten ein Kopftuch und
einige Glasperlen fr den Mann. Auch versprach ich _Belar_, am
folgenden Morgen vor unserer Abreise nach seiner Frau zu sehen, die
bereits bei meinem ersten Besuch an Anfllen von Verfolgungswahnsinn
litt und die ich schon damals fr unheilbar erklrt hatte. Whrend
meiner Abwesenheit hatten sich die Anflle noch einige Mal wiederholt;
die grosse, schlanke Frau erschien jetzt magerer und bleicher als
je. Vor dem Eintritt eines Anfalls empfand sie Schwindel und einen
sonderbaren Geruch in der Nase, dann stellten sich Kopfschmerzen,
Blutandrang zum Kopf, glhende Wangen und rot unterlaufene Augen
ein. Bald darauf glaubte sie sich von bsen Menschen und Geistern
verfolgt, griff nach Schwertern und Speeren zur Verteidigung und wurde
dadurch fr ihre Umgebung gefhrlich. Da man ausserdem noch frchtete,
dass sie sich in ihrer Angst ertrnken knnte, mussten einige Mnner
bei ihr Wache halten. Die zarte Frau entwickelte whrend der Anflle
so viel Kraft, dass mehrere starke Mnner sie nur mit Mhe bewltigen
konnten. Nach derartigen Anfllen, die bis zu 8 Tagen dauerten, kam
sie wieder zur Besinnung und nach einigen Tagen gedrckter Stimmung
wurde sie ganz normal. Die Anflle waren zum ersten Mal aufgetreten,
nachdem die Batang-Lupar aus Serawak im Jahre 1885 _Belars_
Niederlassung verbrannt und viele Menschen gettet oder als Sklaven
fortgefhrt hatten. Dass dieser Umstand die Krankheit nicht verursacht,
sondern eine erbliche Anlage nur zum Ausbruch hatte kommen lassen,
ging daraus hervor, dass ihr Bruder, der Huptling von Long Kub,
ohne diesen Anlass an der gleichen Krankheit litt. Auch jetzt konnte
ich leider nichts anderes tun, als die Leute trsten.

Unterdessen hatten meine Begleiter gegessen, ihre grossen Bte unter
dem Hause hervorgeholt, ins Wasser gelassen und ihr eigenes Gepck in
den Bten untergebracht. Ich machte von den starken Armen und frischen
Krften der Pnihing Gebrauch, um die meisten und schwersten Kisten
sogleich von ihnen an den Blu-u mitnehmen zu lassen, der Rest sollte
mit den brigen Europern nachkommen. Die meisten Malaien und Javaner
zogen sogleich mit mir, um sich nach einer passenden Wohngelegenheit
fr sich umzusehen. Dass _Belar_ und die Vornehmsten seines Stammes
mir bis zum Blu-u das Geleite gaben, war ein Beweis dafr, wie sehr
sie meinen Besuch und den verlngerten Aufenthalt des Kontrolleurs
in ihrer Mitte zu schtzen wussten.

Die Fahrt ging bei dem hohen Wasserstande sehr schnell von statten,
bereits nach zwei Stunden befanden wir uns an der Mndung des
Blu-u. Die Ufer boten jetzt einen ganz anderen Anblick, als bei meiner
Abreise im Frhling des vergangenen Jahres. Man hatte damals lngs
des rechten, 30 m hohen Ufers bereits zum dritten Mal alles Gestrpp
und Gras ausgerodet, um dort fr den ganzen Stamm ein neues Haus zu
bauen. Seitdem die Batang-Lupar ihre Niederlassung verbrannt hatten,
lebten die Kajan nmlich zerstreut im ganzen Gebiet des Blu-u auf
ihren Reisfeldern, auch hatte jede Familie im Laufe der Zeit bereits
Pfhle und Planken zum Bau ihrer eigenen _amin_ hergestellt und sie
im Walde oder im Blu-u unter Wasser aufbewahrt. Schlechte Ernten,
ungnstige Vorzeichen und die Angst vor den immer noch im Quellgebiet
des Mahakam nach Guttapercha suchenden Batang-Lupar hatten den Hausbau
stndig verzgert.

Whrend meines achtmonatlichen Aufenthaltes in ihrer Mitte
(1896-97) hatten sich die Kajan, im Gefhl der Sicherheit wegen
meiner Anwesenheit, mit neuem Mut an den Bau des Hauses gemacht und
waren auch whrend meiner Abwesenheit in der Arbeit fortgefahren;
denn jetzt standen eine lange Reihe _amin_ auf dem hohen Ufer. Nur
eine einzige Familie, zu der besonders viele arbeitsfhigen Mnner
gehrten, hatte ihre Wohnung vllig beendet, die brigen wohnten
noch in kleinen, aus alten Brettern gebauten Htten rings umher und
sollten erst spter die letzte Hand an ihre _amin_ legen. _Kwing Irang_
hatte mit dem Bau seiner Wohnung berhaupt noch nicht anfangen knnen
und wohnte augenblicklich mit seiner Familie und einigen Sklaven in
einem sehr kleinen Hause, das wie die brigen 3 In ber dem Erdboden
lag. Die meisten seiner Sklaven lebten mit ihren Familien auf den
Reisfeldern des Huptlings, die sie zu bebauen hatten und um welche
herum sie ihre eigenen kleinen Felder angelegt hatten.

Da _Kwing Irangs_ provisorische Wohnung nur eine sehr kleine Galerie
besass, hatte man zur Aufnahme von Gsten und zur Abhaltung von
Versammlungen seinem Hause gegenber an der anderen Seite eines freien
Platzes ein lngliches Gebude aufgefhrt. Diesen Versammlungssaal
hatte man zur vorlufigen Unterkunft meines Personals und Gepckes
bestimmt, whrend man fr uns Europer an dieses Gebude angelehnt
a m ber dem Boden ein festes Haus von 48 quad. m Grundflche
errichtet hatte. Man hatte sich, gleich nachdem _Akam Igau_ meine
Ankunft gemeldet hatte, ans Werk gemacht und mir ein so gutes,
starkes Haus gebaut, wie ich es bis dahin auf meinen Reisen noch
nicht besessen hatte. Uns Europern stand nun ein ausgezeichneter
Wohnraum zur Verfgung, der nur als Zeichenatelier fr _Bier_,
als photographisches Atelier fr _Demmeni_ und als Arbeits- und
Handelslokal fr _Barth_ und mich zu eng war. Doch konnte allen diesen
Anforderungen spter entsprochen werden; vorlufig musste ich fr meine
Malaien eine Unterkunft zu beschaffen suchen. _Kwing Irang_ meinte,
dass hierfr ein leer stehendes, am Fusse des Uferwalles gelegenes,
malaiisches Haus am geeignetsten sein wrde. Es hatte hier lange Zeit
ein malaiischer Anfhrer einer Gesellschaft Buschproduktensucher,
ein gewisser _Hadji Umar_, gewohnt, der sich augenblicklich unterhalb
der Wasserflle aufhielt. Das etwas baufllige Haus konnte schnell
wieder hergestellt werden, indem der Wald Pfhle, der Huptling
Planken und meine Malaien die Arbeit lieferten. Die Lage des Hauses,
weit ab von der eigentlichen Niederlassung der Kajan, war insofern
gnstig, als die Malaien, die fr die Dajak nie Sympathie empfanden,
hier ungestrt wohnen konnten. Zwar war unser Geleite whrend der
Nacht hier weit von uns entfernt, aber einige Mnner konnten als
Wache stets oben im Versammlungssaal schlafen.

Nachdem ich _Belar_ und die Seinen belohnt und verabschiedet hatte,
wandte ich mich an meine alten Kajan Bekanntschaften, die sich
whrend der Anwesenheit der Pnihing in einiger Entfernung gehalten
hatten. Ihrer Sitte gemss, usserte keiner der Kajan, bevor ich
das Wort an ihn gerichtet hatte, seine Freude ber meine Ankunft,
dann aber war die Zunge pltzlich gelst und ich wurde mit Fragen,
wo ich die Zeit ber gewesen sei, ob ich mich nicht verheiratet htte
u.s.w. ber schttet; leider begannen sie auch sogleich wieder um
allerhand Dinge zu betteln. Das Willkommgeschenk, das die meisten
erwarteten, schob ich noch einen Tag hinaus.

An den beiden folgenden Tagen trafen in gesonderten Gruppen die
Mendalam Trger bei uns ein: zuerst die Ma-Suling mit denen aus
Pagong. Diese wollten sich den Mahakam abwrts zu ihren Verwandten
am Meras begeben, sich 10 Tage bei ihnen ausruhen und dann wieder
an den Kapuas zurckkehren. Obgleich sie bereits in Putus Sibau
einen Vorschuss von ihrem Lohn erhalten hatten und es abgemacht war,
dass sie den Rest bei ihrer Heimkehr dort vom Kontrolleur in Empfang
nehmen sollten, baten sie mich doch wieder um Geld. Mit Rcksicht
auf meinen beschrnkten Geldvorrat und darauf, dass alle anderen
wahrscheinlich mit den gleichen Forderungen herantreten wrden,
musste ich ihre Bitte abschlagen und gab jedem nur eine kleine
Summe als Vorschuss; fr den Rest gab ich ihnen einen Brief an den
Kontrolleur von Putus Sibau mit. Der gleiche Auftritt spielte sich
mit den Kajan aus Tandjong Karang und Tandjong Kuda ab, die sich,
um Blutsverwandte zu besuchen und Handel zu treiben, nach anderen,
weiter unten am Mahakam gelegenen Niederlassungen begaben. Nur den
armen Punan, die wenig oder gar keine Tauschartikel besassen, hndigte
ich einen grsseren Betrag aus, damit sie unter _Tetuhs_ Anfhrung
bei ihren Verwandten am Serata, wo sich bei den Pnihing eine grosse
Bukat Niederlassung befand, keine allzu klgliche Rolle spielten.

Ferner besprach ich mit _Kwing Irang_, was ich seinen Untergebenen,
die mir entgegengereist waren, geben sollte. Zu meiner angenehmen
berraschung schlug er mir vor, jeden auf die gleiche Weise mit einem
Stck schwarzen und roten Kattuns zu belohnen; so hatte ich denn
nicht mit dem persnlichen Geschmack der einzelnen zu streiten. Ein
chinesischer Bankerottierer, _Mi-Au-Tong_, der aus Pontianak dein
Kapuas entlang an den Mahakam geflchtet war und jetzt bei den Kajan
durch Handel mit Buschprodukten und Arzneien sein Leben fristete,
half mir beim Messen des Zeuges. Die Abmachung mit dem Huptling
wurde von seinen Untergebenen natrlich wieder nicht fr gut befunden;
jeder verlangte noch eine Portion Salz dazu, die ich ihm gern gab.

Dem Huptling selbst bergab ich im Namen der Regierung eine silberne
Beteldose mit Zubehr, die ihn sehr zu beglcken schien. Seinen
beiden Frauen hatte ich schne seidene Tcher mitgebracht, ausserdem
liess ich sie von meinen geblmten Seidenstoffen selbst noch etwas
auswhlen. _Kwing Irangs_ Pflegetochter _Kehad_ erfreute ich mit einem
Ohrschmuck, bestehend aus 20 Silberringen von 4 cm Durchmesser. Ich
hatte in Batavia 1500 dieser Ringe anfertigen lassen; sie bildeten
einen kostbaren und wenig umfangreichen Tauschartikel.

Der Satz Armbnder aus Elfenbein, den ich _Hinan Lirung_ und _Belar_
gegeben hatte, spukte auch _Kwing Irang_ im Kopfe herum, und er ruhte
nicht eher, bis ich auch den Arm seines 10 jhrigen Shnchens _Hang_
mit Elfenbeinringen geschmckt hatte. Alle Bahau besitzen die Eigenart,
dass sie ihre Wnsche starrsinnig auf einen bestimmten Gegenstand
richten und dass man sie dann mit Geschenken von viel grsserem Werte
nicht entsprechend erfreuen kann. Es ist daher am einfachsten, sie
ihre Wnsche stets vorher ussern zu lassen.

Zu meiner grossen Beruhigung war es diesmal mit dem Reisvorrat der
Kajan viel besser bestellt, als auf meiner vorigen Reise. Bereits
in den ersten Tagen kamen Scharen von Mdchen und Knaben, um gegen
kleine Mengen Reis Nadeln, Perlen u.a. einzutauschen, so dass ich einen
ganzen Vorrat beisammen hatte, bevor _Barth, Demmeni_ und _Bier_ am
11. Oktober bei uns eintrafen. _Kaharon_ begleitete die Gesellschaft,
um mit mir noch einmal ber die Expedition zum Quellgebiet des Mahakam
zu reden, die nach Ablauf der mit der Reissaat verbundenen Verbotszeit,
die jetzt bei den verschiedenen Stmmen eintrat, stattfinden sollte.




KAPITEL XIII.

    Der Mahakam in seinem Ober- Mittel- und Unterlauf--Bewohner
    des Mahakamgebietes--Vorgeschichte der Stmme--Stellung
    und Einfluss der Fremden--Ursprngliche Bewohner am oberen
    Mahakam--Vorherrschaft der Long-Glat--Kwing Irang und dessen
    Stellung unter den brigen Huptlingen--Verkehr und Handel
    unter den Stmmen--Selbstndigkeit der Stmme--Verteilung der
    Lndergebiete--Bestimmungen in bezug auf Feld- und Waldfrchte,
    Buschprodukte, Jagd und Fischfang--Industrie--Verkehr mit den
    Nachbarlndern--Handel und Handelswege.


Der Mahakam (im Malaiischen; Mekm im Busang) ist von den Strmen
Borneos, die sich an der Ostkste ins Meer ergiessen, der grsste. Er
entspringt unter dem Namen Selirong an der sdwestlichen Seite des
Batu Tibang, eines wahrscheinlich vulkanischen Berges, der sich in der
Fortsetzung des Ober-Kapuas-Kettengebirges, das aus alten Schiefern
besteht, erhebt. Der Mahakam folgt anfangs einem Lngstal dieses
Gebirges, aber bald nachdem sich der Selirong mit dem Seliku, einem
zweiten Quellflsschen, das auf dem Lasan Tujan entspringt, auf 550
m Hhe vereinigt hat, bricht der Fluss in sdwestlicher Richtung der
Reihe nach durch alle Ketten des Gebirges hindurch. Bis zur Mndung
des Howong, auf etwa 300 m Hhe, behlt der Mahakam diese Richtung
bei, wendet sich hier, in gleicher Entfernung von dem Batu Lesong,
ungefhr gerade nach Osten und biegt dort, wo dieses Sandsteingebirge
sich unter dem Namen Batu Ajo nach Sden fortsetzt, ebenfalls nach
Sden. An der Biegung bei Long Tepai hat sich der Fluss durch die
weissen Hornsteinschichten, auf denen das Sandsteingebirge liegt,
nur ein schmales 15-40 m breites Bett erodieren knnen, whrend das
Flussbett oberhalb Long Tepai an einigen Stellen eine Breite von 200
m erreicht.

An der Verengung bildet der Mahakam eine lange Reihe von Wasserfllen,
die von oben nach unten folgende Namen tragen: Kiham (Wasserfall im
Busang) Ulu, Kiham Hida, Kiham Nub, Kiham Lobang Kubang, Kiham Binju,
Kiham Kenh. Unterhalb dieser verengten Stelle verbreitert sich das
Flussbett ber eine ausgedehnte Strecke, bis beim Kiham Udang der
Fluss wiederum nur 30 m breit wird, whrend noch weiter unten, beim
Kiham Halo auf 100 m Hhe, die Wassermassen sich ber eine Entfernung
von ber 2000 m durch eine Verengung, die zwischen 20-50 m breit und
zwischen Sandsteinbergen gelegen ist, hindurchzwngen. Obwohl noch eine
Strecke weit von Hgeln beengt, erreicht der Fluss doch bald wieder die
normale Breite und wird von Long Bagung an auch nicht mehr stark durch
Berge verengt. Whrend daher der oberhalb Long Bagung gelegene Teil
des Mahakam nur unter gnstigen Verhltnissen fr die eigenartigen
Bte der Eingeborenen schiffbar ist, knnen bis zu dieser Stelle,
ausser bei sehr niedrigem Wasserstande, kleine Dampfbte den Fluss
hinauffahren. Bereits bei der Mndung des Merah betrgt die Breite des
Flusses 300 m und nimmt nach unten hin immer mehr zu. Nur bei Uma Mehak
Teba, wo der Strom sich um eine Hgelreihe windet, wird er noch einmal
100 m breit, spter jedoch nicht wieder. Erst dort, wo die sdstliche
Richtung in eine stliche bergeht, jenseits des Gunung Sindwar,
wird das Land zu beiden Flussseiten zu einer alluvialen Tiefebene,
auch erhebt es sich nicht hoch ber dem Meeresspiegel. Das Land
behlt aber nicht den gleichen Charakter bis zur Mndung bei, denn
die ganze Ostkste von Borneo wird nach Sden, bis zum Pasirfluss,
durch eine Gebirgskette begrenzt. Durch diese Gebirgskette muss der
Fluss sich hindurcharbeiten, bevor er sich in zahlreichen Mndungen
ins Meer ergiessen kann.

Betrachten wir uns den Oberlauf des Mahakam nher, so zeigt es sich,
dass er so lange die sdwestliche Richtung beibehlt, als er sich in
der Fortsetzung des Ober-Kapuas-Kettengebirges befindet, beim Howong
jedoch wird er gezwungen, sich nach Osten zu wenden, da er dort
auf das vulkanische Gebiet stsst, dessen wichtigste Erhebungen der
Lekudjan, Penaneh und Menetokai sind, und auf die Sandsteinformation,
in welcher nach Osten hin der Batu Lesong die Hauptkette bildet.

Von der Vereinigung des Selirong und Seliku an bis zur Mndung des
Howong fllt der Fluss in seinem sehr geraden Lauf von 550 auf 300 m
ber dem Meeresspiegel. Da das Quertal berall eng ist, behlt der
Mahakam in diesem Gebiet ganz den Charakter eines Bergstromes, der
nur bei niedrigem Wasserstande befahrbar ist und in welchem grosse
Wasserflle, wie der Kiham Matandow (Sonnenfall), die Reise sehr
gefahrvoll machen.

Die Ufer bestehen, ausser auf kurzen, ebeneren Strecken, aus steilen
Schieferwnden; im Flussbett selbst kommen nicht wie weiter unterhalb
grosse Geschiebeablagerungen vor, die an den Ufern oder in der Mitte
Gerllbnke bilden.

Da, wo der Fluss in der Richtung des Sandsteingebirges Batu Lesong
im Sden und des Batu Apap Kaju Hun und Ong Dia im Norden nach Osten
strmt, ndert sich sein Charakter. Bis Long Tepai kommen eigentliche
Wasserflle nicht vor, obgleich der Hhenunterschied zwischen Long
Howong und Long Blu-u noch 100 m betrgt. Die grssten Hindernisse fr
eine Bootfahrt bilden auf dieser Strecke die Stromschnellen und die
unterhalb der konvexen Uferseite gelegenen Gerllbnke. Der gewundene
Lauf des Flusses zwischen Long Blu-u und Pahng lsst bereits andere
Verhltnisse vermuten. Von dem Gipfel des Batu Mili aus sieht man
denn auch, dass sich das Flusstal nach Osten verbreitert; nur einige
Hgel nhern sich den Ufern und am Horizont erscheinen die Berge
Batu Niaan, Batu Boh und Batu Ajo. Auch eine Fahrt auf dem Flusse
zeigt ein verndertes Bild; der Fluss hat hier sein Bett in seine
alten Ablagerungen, viele Meter dicke Gerll- und Sandschichten,
gegraben und zahlreiche kleine, bewachsene Gerllinseln erschweren
die Fahrt auf dem Flusse.

Diese Flussablagerungen enthalten zahlreiche Schichten mit
Pflanzenresten und haben ihr Entstehen dem Umstande zu danken,
dass der Fall zwischen Blu-u und Tepai nur 20 m betrgt, whrend die
grosse Enge des Bettes unterhalb Tepai durch Stauung bei Hochwasser
auf die Stosskraft des Flusses sicher einen schwchenden Einfluss
bt. Bei Lulu Njiwung ist die Anzahl kleiner Gerllinseln besonders
gross. Unterhalb Long Tepai stsst der Mahakam auf das Bergmassiv,
das nach Westen in den Pajang ausluft; er windet sich hier durch
zwei enge Tler nach Sden und bildet dabei zwei Reihen grosser
Wasserflle. Auf dieser Strecke ist der Fall des Flusses ein sehr
bedeutender, er betrgt zwischen Long Tepai und Kiham Halo 80 m.

Nach der ersten, westlichen Reihe Wasserflle folgt ein breiterer
Teil des Flusses, an dem er den Bo aufnimmt, der, aus einem grossen
Stromgebiet kommend, dem Mahakam 1/3 seiner Wassermenge zufhrt.

Den verhltnismssig ruhigen Charakter dieser Strecke behlt der Fluss
bis Long Deho, wo bei Kiham Udang wiederum sehr enge Stellen folgen,
da der Fluss die mchtigen Konglomeratblcke, die in seinem Bette
liegen, nicht hat entfernen knnen. Der Kiham Udang wird gnzlich
aus diesen Blcken gebildet, welche von den Konglomeratschichten
aus rundem Griess abgebrckelt sind, die zu beiden Uferseiten
mit Sandsteinschichten abwechselnd eine Mchtigkeit von 10-30 m
erreichen. Der weiche Sandstein wurde vom Flusse weggefhrt, whrend
die Konglomeratmassen liegen blieben. Dass derartige Verengungen auf
den Strom einen grossen Einfluss ausben knnen, ersieht man daraus,
dass der Fluss bei Long Deho im Jahre 1897 in zwei Tagen 15 in stieg,
in 3 Tagen aber wieder seinen normalen Stand erreichte.

Unterhalb Long Bagun hat der Fluss fr seinen gewundenen Lauf eine
breitere Ebene, die er sich selbst aus seinen Ablagerungen von Griess
und Sand geschaffen hat, zu seiner Verfgung. Zwischen der Mndung
des Mera und Ma Mehak Teba liegen besonders viele Inseln, die alle
durch abgesetztes Geschiebe entstanden sind. Da Ana nur noch 50 m
ber dem Meeresspiegel liegt, ist der Fall des Flusses weiter unten
nicht mehr bedeutend.

Griessbnke kommen noch bis Ana vor, aber der Mahakam betritt erst
bei Gunung Sindwar die ausgedehnte Tiefebene von Kutei und erhlt
erst von hier an den Charakter eines Unterlaufs.

Das weite, gnzlich flache Gebiet nrdlich und sdlich vom Mahakam,
das den grssten Teil des Binnenlandes von Kutei ausmacht, scheint in
frherer Zeit ein grosses Wasserbecken gewesen zu sein, das durch den
Mahakam und seine Nebenflsse allmhlich angefllt und dann durch die
Vegetation berwuchert worden ist. Als berbleibsel dieses Beckens sind
zu beiden Seiten des Flusses eigenartige Seeen zurckgeblieben. Diese
tragen mit ihrer runden Form und grossen Oberflche einen ganz anderen
Charakter als die lnglichen, gewundenen, kleinen Seeen, die in der
"Wester-Afdeeling" zu beiden Seiten des Kapuas vorkommen und einen
Teil des frheren Flussbettes darstellen. Obwohl ein Teil des Mahakam,
vom Blu-u bis Long Pahng, nach Auffassung von Professor _Molengraaff_,
der Art seiner Geschiebeablagerung wegen nicht als Oberlauf betrachtet
werden sollte, muss es doch aus praktischen Grnden zweckmssig genannt
werden, den Teil des Mahakam oberhalb Long Bagun als Oberlauf zu
bezeichnen. Die ausgedehnten Gerll- und Griessablagerungen unterhalb
dieses Ortes stempeln den folgenden Teil zum Mittellauf; whrend der
Lauf des Flusses durch die Alluvialebene unterhalb Gunung Sindawar
alle Eigentmlichkeiten eines Unterlaufs aufweist. Nur wird der Fluss
an der Kste durch eine Hgelkette gezwungen, erst durch sie hindurch
zu brechen, bevor er sein Delta bildet.



Dass die Bevlkerung am oberen Mahakam aus Bahaustmmen besteht,
die alle in den letzten zwei Jahrhunderten aus dem hoch gelegenen
Gebirgsland Apu Kajan ausgewandert sind, ist bereits an anderer Stelle
berichtet worden.

In dem Quellgebiet des Mahakam trifft man bis zum Kiham Matandow
nur unberhrten Urwald, in dem einige kleine Gruppen von Bukat
umherschweifen. Sie gehren dem Bukatstamme an, der in den Gebieten
des oberen Kapuas, oberen Mahakam und Njangejan zu Hause ist. Da sie
in jedem Jahr und zu jeder Jahreszeit ihren Aufenthaltsort wechseln,
wissen selbst die ansssigen Bahau oft nicht genau, wo sie sich gerade
befinden. Sie stehen mit den brigen Nomadenstmmen, die sich unter
dem gleichen Namen von Bukat oder Punan am Serata, Boh und am Kapuas
im Flussgebiet des Gung, Krhau und Mendalam aufhalten, in Verbindung.

Vor dem Kriegszug der Dajak aus Serawak im Jahre 1885 wurde das
Flussgebiet des Mahakam, vom Kiham Matandow bis zum Sumw, von
verschiedenen Niederlassungen des Pnihingstammes bewohnt. Diese
Niederlassungen wurden damals jedoch alle verwstet mit dem Resultat,
dass smmtliche Bewohner den Hauptstrom abwrts zogen und sich in den
ersten Jahren am Danum Parei stlich vom Kajangebiete niederliessen
und spter, ungefhr 1893 und 1894, zwei Wohnpltze im Gebiete der
Kajan selbst grndeten, den einen an der Mndung des Sumw unter
dem Huptling _Belar_, den anderen dicht daneben zu Long 'Kub,
unter den Huptlingen _Erang Paren_ und _Tingang Kohi_. Nach dem Tode
des ersteren liess sich letzterer im Jahre 1901 wieder oberhalb der
Mndung des Kaso nieder.

Die Drfer an den Nebenflssen wurden von den Serawakischen Dajak
verschont, so z.B. dasjenige am Howong unter _Amun Lirung_ und das
am Penaneh unter Kaja, dem Bruder _Amun Lirungs_.

Die Bewohner des Hauses an der Mndung des Tjehan konnten noch, bevor
ihr Haus verbrannt wurde, flussaufwrts flchten und setzten sich
weiter oben an der Mndung des Paket fest, wo sie noch 1898 unter
dem Huptling _Paren_ lebten. Seit der Zeit wohnen sie aber nher an
der Mndung des Tjehan, um Vorbereitungen fr den Bau eines Hauses an
der Mndung selbst zu treffen. Am Serata, oberhalb der Wasserflle,
die hinter dessen Mndung liegen, war die Pnihingniederlassung unter
_Njangun Diu_, in der auch viele Punan wohnten, von den Batang-Lupar
verschont geblieben.

Der Stamm der Seputan, der nicht zu den Pnihing zu gehren scheint,
sondern in seiner Lebensweise mehr bereinstimmung mit den Bungan
Dajak zeigt, lebt im Gebiet des Kaso, teils hoch oben an diesem Flusse,
teils am Penaneh.

Fhrt man den Mahakam weiter abwrts, so gelangt man in das Gebiet
der Kajan, die nach dem im Jahre 1901 erfolgten Tode ihres Huptlings
_Kwing Irang_ unter dessen Neffen _Bang Lawing_ stehen.

Der Stamm der Kajan beherrscht den zwischen dem Sumw und dem Dini
gelegenen Teil des Mahakamgebietes. Auch sein Haus, das sich frher
unterhalb des Blu-u befand, wurde durch die Serawakischen Dajak
niedergebrannt, worauf sich die Bewohner zerstreut auf ihren Feldern im
Gebiet des Blu-u niederliessen. Bei meiner Ankunft im Jahre 1898 bauten
sie sich bereits eine neue Niederlassung auf dem hohen Mahakamufer an
der Mndung des Blu-u. Im Lande der Kajan halten sich keine Punan auf.

stlich vom Dini beginnt das Gebiet der Long-Glat, eines Stammes,
der sich gegenwrtig am Mahakam selbst festgesetzt hat und zwar in
Lulu Njiwung unter _Ding Ngow_, in Batu Sala unter _Paren Dalong_
und in Long Tepai unter _Bo Lea_, dessen Besitz an der Grenze des
Njian endet. Mit Ausnahme des Meras, an dem die Ma-Suling leben,
gehrt das ganze Flussgebiet den Long-Glat. Auch hier kommen keine
Punan oder Bukat vor.

Die Niederlassungen der Long-Glat unterscheiden sich insofern von denen
der Pnihing, Kajan und Ma-Suling, dass in jeder derselben mehrere
Stmme beieinander wohnen, die alle eigene Huptlinge besitzen,
welche dem Long-Glat-Huptling gehorchen mssen. Diese Verhltnisse
bestehen seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, wo die Long-Glat am
oberen Mahakam eine grosse Macht entwickelten und unter den zwei
Huptlingsbrdern _Bo Ibau_ und _Bo Ledju Aja_ alle dort ansssigen
Stmme unterwarfen. Die kleineren Stmme, wie die Ma-Tuwan, Ma-Tepai,
Ma-Manok-Kwe und Batu-Pala wurden von ihnen gezwungen, mit ihnen
zusammen zu wohnen, um ihre Anzahl zu vergrssern. Seit der Zeit
teilten sich diese Stmme, sobald sich die Long-Glat teilten. Obwohl
sie viel von den Long-Glat bernommen und sich auch durch Heirat mit
diesen vermischt haben, hat sich doch noch vieles aus der Zeit ihrer
Selbstndigkeit bei ihnen erhalten. Sie haben sich ihre Sprache,
ihren Huserbau und ihren Gottesdienst ein Jahrhundert lang bewahrt,
auch besitzen einige Stmme eine eigene Art der Ttowierung. Jeder
dieser Stmme wohnt in seinem eigenen, langen Hause neben dem der
Long-Glat, so dass man in einem Dorfe, das vielleicht 1-2 Hektare
umfasst, 3-4 bisweilen sehr verschiedene Sprachen reden hrt, beim
Ackerbau sehr verschiedene Zeremonien, Verbotszeiten und Vorzeichen
beobachten sieht und, besonders bei den Frauen, verschiedene Arten
der Ttowierung feststellen kann.

Allen Sprachen, die in einer Niederlassung gesprochen werden, die
allgemeine Umgangssprache, das Busang, mit einbegriffen, liegt der
gleiche Stamm zu Grunde. Dem Laute nach weichen diese Sprachen aber
sehr von einander ab; das Long-Glat z.B. ist den anderen Stmmen so
fremd, dass die Bahau etwas Unverstndliches als "_dahaun_ Long-Glat" =
"Sprache der Long-Glat" bezeichnen. Im gegenseitigen Verkehr bentzt
man das Busang.

In Lulu Njiwung wohnen die Long-Glat jetzt mit den Ma-Tuwan und drei
anderen, kleineren Stmmen zusammen; in Batu Sala leben die Long-Glat
mit den Ma-Tuwan und Uma-Tepai; in Long Tepai leben ausser den 3
letzten auch noch Manok-Kwe und Batu-Pala.

Die Ma-Suling und die Ma-Pagong haben sich im Merasgebiet in zwei
Drfern gemeinsam niedergelassen, bei Napo Liu (oberhalb der Insel)
dicht bei der Flussmndung, und weiter oben in Lulu Sirang. Diese
beiden Drfer waren frher Jahrzehnte lang vereinigt gewesen,
aber im Jahre 1896 trennten sie sich derart, dass jetzt in beiden
sowohl ein Haus der Ma-Suling als eines der Uma-Pagong steht. Die
Niederlassung von Napo Litt regiert der Huptling _Ledju Li_ und die
von Lulu Sirang der Huptling _Bo Ngow_. Am Mendalam und in den beiden
Niederlassungen am Meras wohnen die Uma-Pagong mit den Ma-Suling
zwar gemeinschaftlich, aber, so viel mir bekannt, in gegenseitiger
Unabhngigkeit.

Nach ungefhrer Schtzung betrgt die Seelenzahl bei den Seputan 500,
den Pnihing 1500, den Kajan 800, den Ma-Suling mit den Uma-Pagong 1300,
den Long-Glat 1600 und den Nomadenstmmen 400, so dass die Bevlkerung
am oberen Mahakam oberhalb der Wasserflle ungefhr 6000 Seelen stark
sein muss.

Neben dieser eigentlichen Bevlkerung halten sich im Gebiet des
oberen Mahakam bei allen Stmmen, die ihnen Zuflucht gewhren,
d.h. bei allen ausser den Pnihing, zahlreiche Fremde auf.

Diese sind hauptschlich Malaien oder, besser gesagt, Mohammedaner
verschiedener Blutmischung und Dajak aus anderen Gegenden, die sich
hier vor allem mit dem Sammeln von Buschprodukten befassen. Unter
den Malaien befinden sich viele, die ihr eigenes Land in der Nhe der
Kste Verbrechen oder Schulden wegen verlassen und bei den Bahau Schutz
gesucht haben. Die zahlreichen Arten Guttapercha und Rotang, die am
oberen Mahakam zu finden sind, lockten mit der Zeit immer mehr Fremde
heran. Besonders unter dein gutmtigen, rechtschaffenen Huptling
_Kwing Irang_ erschienen viele malaiische Buschproduktensammler,
die aus dem Gebiet des oberen Murung gebrtig waren; ihr Huptling
_Temenggung Itjot_, ein Nachkomme des von dem Krieg mit Bandjarmasin
her bekannten _Antassari_, erhielt jedoch von den Kajan kein
Niederlassungsrecht und durfte daher auch nicht mit einer Tochter aus
der Huptlingsfamilie in die Ehe treten. _Itjot_, der sich mit den
Seinen verfeindet hatte, zog zu den Ma-Suling an den Meras, heiratete
dort die Tochter eines vornehmen Huptlings und lebte seit 1893 in der
neuen Heimat. Es sammelten sich um ihn die Buschproduktensucher, von
denen sich viele gleichfalls eine Frau unter den Ma-Suling whlten,
und beuteten die Wlder am Meras aus, die sehr gross und reich
an Buschprodukten waren. Nachdem sie die Wlder erschpft hatten,
zogen die meisten nach anderen Gegenden. Unter anderem suchten sie
bei den Long-Glat in Long Tepai, Batu Sala und Lulu Njiwung Einfluss
zu gewinnen, um sich in ihren Gebieten der Buschprodukte bemchtigen
zu knnen; sie konnten aber, hauptschlich beim Huptling _Bo Lea_,
ihre Raubpolitik nur mit grosser Vorsicht betreiben. Die meisten
durften nicht einmal in einem Dorfe lngere Zeit wohnen bleiben. Der
energische Pnihinghuptling _Belar_ verstand diese fr die Stmme
gefhrlichen Gste sogar fast gnzlich fernzuhalten.

Der Wunsch der Huptlinge, den Stamm nach. Mglichkeit zu vergrssern
und das Ansehen, das sich die Fremden durch wirkliche oder vorgegebene
Talente als Medizinmnner und Handwerker zu geben wissen, erleichtern
den Fremden im allgemeinen die Aufnahme unter den Bahau.

Das Verhltnis zwischen Malaien und Dajak ist darin eigentmlich,
dass einige Huptlinge die Malaien gnzlich abzuwehren trachten,
in dessen sie bei anderen zu hohem Ansehen gelangen. Von Einfluss
ist hierbei die grosse Bewunderung, die sie bei den jungen Mdchen
erregen. Viele Malaien sind daher auch mit den vornehmsten oder
schnsten Mdchen der Stmme, in denen sie sich gerade aufhalten,
verheiratet. In der Regel lassen diese Mnner ihre Frauen, sobald
ihre Existenz mhsamer wird, einfach im Stich und ziehen zu anderen
Stmmen oder in andere Gebiete. Das geschah u.a. bei den Ma-Suling,
als der Guttapercha am Meras sein Ende erreichte.

Zu den Bahau, die aus dem Apu Kajan gebrtig sind, gehren zweifellos
die Kajan, Ma-Suling und Long-Glat. Die Pnihing schreiben sich zwar
gern den gleichen Ursprung zu, wahrscheinlich aber mit Unrecht. Erstens
ist es gewiss, dass sie aus dem Gebiet des oberen Kapuas, wo noch
ein kleiner Teil Pnihing wohnt, in das Tal des Mahakam gezogen sind
und dass sie seit dieser Zeit stndig in dessen Quellgebiet gelebt
haben. Zweitens haben die Pnihing einen viel krftigeren Krperbau
und andere Sitten als die brigen Stmme am Mahakam. Sie knnen nicht,
wie die Bahau, Schwerter schmieden und in Holz und Knochen schnitzen;
ihre Mnner und Frauen ttowieren sich nur wenig, unsystematisch,
augenscheinlich als Nachahmung anderer Stmme; Kriegstnze, die unter
den Bahau allgemein blich sind, kennen sie nicht. Der Umstand, dass
sie das Fleisch der Horntiere essen, was andere Stmme nicht tun, macht
es mir besonders wahrscheinlich, dass sie eher zu den Kapuasstmmen als
zu den Bahau gerechnet werden mssen. Ihre Sprache ist mir unbekannt.

Die Pnihing gehren vielleicht zu der Bevlkerung, die im Gebiet des
Mahakam wohnte, bevor die Bahau hier eindrangen. Diese berichten,
dass sie das Land von Stmmen eroberten, die Pin-Metjai, N-Kiham,
Pin-Buwat, Pin-Kunjong, Ten-Nean, Pera-Tran, N-Berang und Pin-Bawan
hiessen.

Alle diese Stmme flohen durch das Kasotal, teils nach dem Kapuas,
teils nach dem Barito. Die Ot-Danum am Miri, einem Nebenfluss
des Kahajan, werden noch mit Sicherheit als Nachkommen dieser
Stmme bezeichnet. Zu ihnen begeben sich die Mahakambewohner auch
vorzugsweise, um Kpfe zu jagen. Man schreibt diesen Urbewohnern
alle berreste aus frheren Zeiten zu, hauptschlich die Steine mit
Figurenzeichnungen am oberen Mahakam. Den einen, im Tjehan, suchten
wir auf; ein zweiter liegt auf dem Abhang am Auer Kebalan unterhalb
Long 'Kup und ein dritter im Fluss vor der Mndung des Danum Parei;
letzterer kommt nur bei niedrigem Wasserstande zum Vorschein.

Auch die steinernen Gertschaften und Tempajan, die beim Fllen der
mchtigen Wlder am Blu-u gefunden wurden, sind wahrscheinlich diesen
Stmmen zuzuschreiben. Als lebende Beweise ihres Bestehens knnen die
zahlreichen Sklaven der Mahakamstmme gelten, welche alle in den damals
gefhrten Kriegen erbeutet wurden. Die berlieferung ihrer Herkunft ist
den Sklaven noch wohl bekannt und sie bleibt ihnen unter den Kajan auch
bewusst, da diese ihre Sklaven in grsserer Abgeschiedenheit halten
als die anderen Stmme. Sie fhlen sich grsstenteils noch fremd unter
den Kajan, obwohl sie, mit Ausnahme einiger spter geraubter Sklaven,
alle im Stamme geboren sind, und folgen ihren eigenen Sitten, indem
sie z.B. noch Hirsche und wilde Rinder essen.

Unter den Long-Glat sind die meisten Sklaven durch Heirat in den Stamm
aufgenommen worden. Eine von dort gebrtige intelligente Sklavin,
Uniang Pon, die viel gereist war, erzhlte mir, dass man die Sklaven,
ihrer grossen Anzahl wegen, unter die Stmme unterhalb der Wasserflle
verteilt hatte, da sie sonst den Bahau htten gefhrlich werden knnen.

Wie gross der Einfluss der Sklaven bisweilen gewesen ist, erkennt
man daraus, dass die Kajan, die frher, nach eigener Angabe, Busang
sprachen, sich jetzt des _kehob_ Pin (Sprache der Pin) bedienen,
eines Dialektes des Busang, der durch die Sklaven verndert worden ist.

Die Bahau zogen auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten
zum Mahakam, der sie, der berlieferung nach, durch seinen grossen
Fischreichtum angelockt haben soll.

Die Ma-Suling und Ma-Pagong zogen mit denjenigen, die jetzt am
Mendalam wohnen, aus dem Apu Kajan zuerst zum Njangejan und teilten
sich erst dort. Sie zogen teils zum Mendalam, teils zum Mahakam,
wo ihnen das grosse Kalkgebirge, in dem sich der Batu Matjan, Batu
Ulu und Batu Brok erheben, lange Zeit zum Wohnplatz diente. Auch die
anderen Bahaustmme, die jetzt bei den Long-Glat leben, hielten sich
ursprnglich dort auf. Die Batu-Pala haben ihren Namen noch vom Batu
Pala, dem kleinen Kalkplateau am Meras in der Nhe des Batu Situn,
von wo die Long-Glat sie zwangen, zum Mahakam herunterzuziehen.

Die Kajan dagegen kamen vom Apu Kajan lngs dem Boh herab, unter
Anfhrung des Huptlings _Kwing Irang_, der nach seinem Tode den
Beinamen _Singa Meln_ erhielt. Sie fuhren den Mahakam hinauf, bis
zu dem Lande, in dem sie jetzt noch wohnen. Seit der Zeit wurden sie
von sechs Huptlingen regiert, also dauert ihr dortiger Aufenthalt
noch nicht lnger als 150 Jahre. Gleichzeitig mit ihnen zogen noch
viele andere des gleichen Stammes aus dem Apu Kajan fort. Nach ihrer
berlieferung hatten sie sich, um ber einen Fluss zu gelangen, eine
Brcke gebaut. Als die Vordersten das andere Ufer erreicht hatten,
bemerkten sie einen Hirsch (_pajo_) und begannen: "_pajo, pajo_"
zurufen. Die Hinteren verstanden jedoch: "_ajo_ (Kopfjagd), _ajo_"
und erschraken darber so sehr, dass sie die Rotangtaue, an denen
die Brcke befestigt war, durchschnitten, worauf diese in den Fluss
fiel. Darauf kehrten sie fr immer nach dem Apu Kajan zurck und
liessen die anderen allein zum Mahakam ziehen.

Die Long-Glat wanderten aus dem Apu Kajan am Ende des 18. Jahrhunderts
unter dem Huptling _Ding_ aus. Streitigkeiten mit anderen Stmmen
zwangen sie zum Auszug; wahrscheinlich liegen allen anderen
Auswanderungen die gleichen Ursachen zu Grunde.

Auch die Long-Glat folgten dem Boh, aber sie lebten lngere Zeit
an der Mndung (_long_) des Glat, nach dem sie auch ihren Namen
tragen. Von hier aus zogen sie zum Mahakam hinunter und liessen sich
an der Mndung des Njian nieder, von wo sie durch eine Kriegsbande
unter dem Huptling _Ding_ aus Long Howong, am mittleren Mahakam,
vertrieben wurden. Eine Frau hatte hierzu die Veranlassung gegeben.

Darauf zogen die Long-Glat, unter Anfhrung der beiden Brder
_Ibau_ und _Ledju_ ber die westlichen Wasserflle bis dicht an
die Mndung des Meras. Diese beiden Brder waren als Shne des
frheren Huptlings _Ding_ noch im Apu Kajan geboren und spielten am
oberen Mahakam viele Jahre hindurch eine grosse Rolle. Noch einmal
mussten sie, wahrscheinlich infolge ihrer eigenen beltaten, bis zur
Mndung des Serata flchten, wenigstens unternahm _Ledju_ vom Serata
aus den grossen Kriegszug gegen die Turi (Taman), die am oberen
Kapuas wohnten. Smtliche Stmme mussten sich ihm ergeben. Er fuhr
selbst den Kapuas bis Semitau abwrts und verbrannte unterwegs alle
Niederlassungen. Auch unternahm er grosse Zge nach dem Barito und
oberen Kahjan, dem mittleren Mahakam und sogar nach dem Apu Kajan,
wo er jedoch in der Nhe der grossen Wasserflle des Batu Plakau
geschlagen wurde. Fr alle dies: Kriegszge beanspruchte er die Hilfe
aller Stmme am oberen Mahakam, die ihm tributpflichtig waren oder die
er gezwungen hatte, aus ihren Bergfestungen am oberen Serata und oberen
Meras hinunterzuziehen. Die Ma-Suling liessen sich damals am unteren
Meras nieder, die Ma-Tuwan mussten mit den Long-Glat zusammenziehen,
ebenso die Batu-Pala, die ein Jahr lang belagert werden mussten, bevor
man ihr Haus verbrennen konnte. Dies war berhaupt die gebruchliche
Weise, um die Bewohner zum Auszug zu zwingen; bisweilen trug man
ihnen vorher noch ihr Hab und Gut aus dem Hause.

So zwang z.B. _Ledju_ seinen Bruder _Ibau_, der sich mit einem Teil
des Stammes von ihm geschieden hatte und auf einem Kalkplateau bei
der Mndung des Sumw lebte, sich wieder mit ihm zu vereinigen. Die
Kalkberge tragen noch jetzt den Namen Liang Totong (_totong_ =
brennen). _Ledju_ trieb die Untertanen seines Bruders mit ihrer Habe
aus dem Hause und verbrannte dieses. Seither wohnten sie gemeinsam
in Lirung Ban, einer Ebene am Mahakam, in der Nhe der Merasmndung.

In damaliger Zeit waren auch die Kajan und Pnihing von den
Long-Glat unterworfen und ihnen tributpflichtig gemacht worden. Die
Tributpflichtigkeit muss darin bestanden haben, dass die Long-Glat
das Recht hatten, sich an Bten und Vieh einige beliebige Stcke
mitzunehmen. Wahrscheinlich stand aber dieses Recht nur den
Huptlingen zu. Noch gegenwrtig herrscht die Sitte, dass ein junger
Pnihinghuptling, sobald er zum ersten Mal eine Niederlassung der
Long-Glat betritt, dem betreffenden Huptling ein Geschenk, ein Boot,
ein Fischnetz oder einen Gong mitbringt. brigens sind die Stmme,
die nicht mit den Long-Glat zusammenwohnen, unabhngig. Die Kajan
erkennen die Oberherrschaft der Long-Glat nicht mehr ffentlich
an, da ihr vor kurzem verstorbener Huptling _Kwing Irang_ aus der
Huptlingsfamilie der Long-Glat stammte.

Die Macht der Long-Glat hat sich einerseits vermindert, weil ihr
Charakter weniger kriegerisch geworden ist, anderseits, weil der
Stamm nicht mehr beieinander blieb. Bereits _Ledju_ zog, nachdem
der ganze Mahakam oberhalb der Wasserflle unterworfen war, mit
der Hlfte des Stammes nach dem mittleren Mahakam, unterhalb der
Wasserflle. Er fhrte einen Teil der Ma-Tuwan, Uma-Wak, Batu-Pala
und anderer Stmme mit sich und berliess _Ibau_ die Herrschaft ber
den oberen Mahakam. Der Auszug war durch die Heirat veranlasst worden,
welche zwischen _Ledju_ und der Tochter eines dort lebenden vornehmen
Huptlings, namens _Owat_, stattfand, und vielleicht auch durch Mangel
an gutem Ackerboden fr die zahlreichen Bahau und durch die Nhe der
Kste, die ihnen Salz, Tabak und Leinwaren lieferte. Seine Nachkommen
herrschten ber alle Bahaustmme am mittleren Mahakam.

Im Jahre 1825 traf _Georg Mller_ mit _Ledju_ zusammen und wurde
von ihm ber die Wasserflle geleitet und der Sorge seines Bruders
_Ibau_ anvertraut. In gleicher Weise verfuhr man spter mit mir,
bei meinem Zuge in der umgekehrten Richtung. Da in damaliger Zeit
sowohl die Kajan als die Pnihing, die _Mllers_ Geleite bildeten und
ihn beim Gurung Bakang ermordeten, unter _Ibaus_ Herrschaft standen,
ist anzunehmen, dass der Mord auf dessen Befehl stattfand. Dass der
Sultan von Kutei an dem Mord die Schuld trgt, ist unwahrscheinlich,
weil die Bahau damals von Kutei gnzlich unabhngig waren.

Bemerkenswert ist, dass nur _Mller_ ermordet wurde. Zwei seiner
Soldaten erreichten den Kapuas, die brigen wurden als Sklaven zum
Mahakam zurckgefhrt; keiner von diesen sah Java wieder. Ich erfuhr
dies sowohl durch einen Augenzeugen, _Adjang_, den jngsten Sohn von
_Ledju_, als auch noch durch andere. _Adjang_, mit dem ich in Long
Deho viel verkehrte, starb dort im Jahre 1900, im Alter von 90 Jahren.

_Ibau_ war eine friedsame Natur und hatte einen Ruf als
Schnitzknstler. Er und sein Sohn _Bo Kul_ verstanden, die Long-Glat
beisammen zu halten, aber nach des letzteren Tode war ein Teil des
Stammes mit seinem Nachfolger _Ngow Kul_ unzufrieden und zog mit
_Bo Lea_, einem Huptling von niederer Geburt aber hohem Ansehen,
weiter abwrts. Von den Manok-Kwe kamen smtliche mit, weil _Bo Lea_
mit der Tochter ihres Huptlings verheiratet war. Gegenwrtig leben
sie alle in Long Tepai. Auch _Ngow Kul_ blieb nicht an dem alten Ort
Lirung Ban, wo der Stamm sich nach vielen Jahren wiederum ein Haus
gebaut hatte, sondern liess sich in Lulu Njiwung nieder. Sein Sohn
_Ding Ngow_, der sein Nachfolger geworden ist, lebt jetzt noch dort.

Trotzdem die Ma-Suling und Kajan jetzt von den Long-Glat unabhngig
sind, besteht doch noch zwischen ihnen ein Band, nmlich die
Huptlinge, die alle entweder von der Huptlingsfamilie der Long-Glat
abstammen oder mit Gliedern von ihr verheiratet sind. So heiratete
_Bo Edo_, die Schwester von _Bo Kul_, einen Kajanhuptling _Owat_,
dessen Shne der Reihe nach ber die Kajan regierten; der letzte war
_Kwing Irang_.

_Bo Edo_ hatte aus zweiter Ehe mit einem _panjin_ einen Sohn _Li_,
der mit der vornehmsten Ma-Suling Frau verheiratet war. Sein Sohn
_Ledju Li_ war in Napo Liu, einer der Niederlassungen der Ma-Suling
am Meras, Huptling. In Lulu Sirang wiederum ist ein anderer
Huptling mit einer Schwester von _Bo Lea_ verheiratet. Auch unter
den Huptlingen der Pnihing vom Tjehan, dem Serata und von Long
'Kup giebt es verschiedene, die aus dem Geschlechte von _Bo Kul_
abstammen, so dass sich weitaus die meisten Huptlinge am Mahakam
oberhalb Tepu von derselben Familie herleiten.

Diese Familienbeziehungen haben zur Folge, dass bei einigen grossen
Arbeiten, wie beim Bau von Husern durch die Huptlinge, alle Stmme
am oberen Mahakam Hilfe leisten, indem sie einen schweren Pfahl aus
Eisenholz liefern.

Dies geschah auch beim Bau des mchtigen Hauses von _Kwing
Irang_. Jede Niederlassung lieh ihre Hilfe, ausser Lulu Njiwung,
dessen junger Huptling, _Ding Ngow_, sich zu hoch achtete, um
seine Hilfe anzubieten, weil er in direkter, mnnlicher Linie von
_Ibau_ abstammte. Wegen der Eigenart der Bahau, das Ansehen eines
Stammes auch von den persnlichen Eigenschaften und vom Alter seines
Huptlings abhngen zu lassen, stand _Kwing Irang_, als Huptling der
Kajan, hher als sein junger Neffe in Lulu Njiwung und alle brigen
Huptlinge. Vor diesen hatte er ausserdem voraus, dass sowohl sein
Vater als seine Mutter aus Huptlingsfamilien abstammten, ferner
war er der lteste seines Geschlechtes und ein Mann nach dem Sinn
der Bahau. Im Vergleich mit seiner Umgebung zeichnete er sich durch
Friedensliebe aus, so dass unter seiner Regierung bei den Kajan nur
noch selten Kopfjgerei gebt wurde; jedem gegenber war er gerecht
und selbstlos, nur war er ein Feind von energischen Massregeln. Obwohl
einige andere, wie _Belar_ bei den Pnihing und _Bo Lea_ bei den
Long-Glat, viel mehr Energie zeigten, erkannten sie doch mit den
anderen Huptlingen _Kwing Irang_ als den Hchststehenden oberhalb
der Wasserflle an. Diese Oberherrschaft bezog sich tatschlich aber
nur auf allgemeine Interessen, wie Unterhandlungen mit Serawak und
den benachbarten Lndern, auch genoss er das Vorrecht,fr die hohen
Bussen aufkommen zu mssen, die von diesen Lndern aus wegen erbeuteter
Kpfe auferlegt wurden.


Stammbaum der hipui bei den Mahakam Kajan.

Bo Kwing Irang (Singa Meln)--Bo Uniang (Gattin von Lalau Anj)
                              Bo Kwing (Mann)
                              Bo Tukau (Frau)
    Ding Tukau
        Bang Lawing (Nachfolger von Kwing Irang und Gatte von zwei
        panjin der Kajan)
            ein Sohn

        Lirung (Gattin des Malaien Utas)
            Bang

        Uniang (Gattin von Tekwan, hipui der Ma-Suling)
            Lasa

    Dja-Ang

    Owat (Gatte von Bo Edo)

        Uniang (Gattin von Bo Ibau in Long Tepai)
            Adjang Ibau
                zwei Tchter

        Kwing Irang
            Bang Awan (Sohn einer panjin der Kajan)
            Hang (Sohn von Uniang Anja, einer hipui der Long-Glat)
            Pern (Sohn einer hipui der Pnihing)

        Li (Sohn eines panjin der Long-Glat, Gatte von Ero,
        _hipui_ der Ma-Suling)
            Ledju (Huptling der Ma-Suling in Napo Liu)
            Ibau
            Bulan (Gattin des Ledju Adjang)

    Lalau (Gatte einer hipui in Long Medang)
        Tuka (gestorben in Tengaron)
        Ding (zu den Kajan geflohen)
        Edo (Gattin eines Malaien in Uma Mehak)


Auf die inneren Angelegenheiten eines Mahakamstammes hat niemand anders
als die Glieder des Stammes selbst Einfluss. In dieser Beziehung
wird die Autonomie des Stammes streng gewahrt. Einem Europer,
der an andere Verhltnisse gewhnt ist, erscheint es auffallend,
dass so kleine Stmme so gnzlich unabhngig voneinander und mit so
wenig Verbindung untereinander am gleichen Flusse leben knnen.

Der gegenseitige Verkehr findet in der Tat nur durch einzelne Mnner,
die an Handelsreisen gewhnt sind, statt. Nach der allgemeinen Sitte
kehren diese Hndler in den meisten Niederlassungen, an denen sie
vorberfahren, ein, um Neues zu hren oder mitzuteilen.

Frauen begeben sich zu fremden Stmmen nur, um Familienangehrige
zu besuchen, und auch dies geschieht selten. So besuchen sich die
Frauen der verschiedenen Niederlassungen der Long-Glat. Gleichwie
viele 20 jhrige Frauen der Mendalam Kajan noch nie in dem nur 3
Stunden entfernten Putus Sibau gewesen waren, kannten die meisten
Frauen der Mahakam Kajan nur ihre eigene Niederlassung.

Whrend meines Aufenthaltes im Jahre 1899 ging _Hiang_, die
angesehenste von _Kwing Irangs_ Frauen, mit ihrer Pflegetochter
_Kehad_ zum ersten Mal in ihrem Leben zum Stamm der Ma-Suling mit;
dabei war sie bereits 50 Jahre alt. Da beide nur Kajan zu sprechen
wagten, konnten sie sich nur mit Mhe mit den Frauen der Ma-Suling
verstndigen, die ein einigermassen verndertes Busang sprachen. Es
dauerte zwei Tage, bis _Kehad_ mit ihrer Nichte _Bulan_ in ihrem
mangelhaften Busang zu sprechen wagte. Um noch weiter, zu den Long-Glat
nach Long Tepai, mitzufahren, fehlte ihnen der Mut. Ebenso verhielt
es sich mit den anderen Frauen.

Derartige Verhltnisse fhren die Stmme in hohem Masse zum
Konservatismus und erwecken in ihnen die Neigung, sich in der
ihnen eigenen Richtung weiter zu entwickeln, mit dem Resultat,
dass unter allen diesen kleinen Menschengruppen, die aus derselben
Umgebung abstammen, eine besondere Sprache und viele besondere Sitten
hervorgegangen sind. Misstrauen, Eifersucht und Zwistigkeiten aller
Art halten diese Stmme gleich stark von einander entfernt als dies
anderswo bei Leuten geschieht, deren Verkehr durch Berge, Wasserflle
oder Wsteneien verhindert wird.

Eine Verbrderung der Stmme wird dadurch erschwert, dass die Bahau
praktisch endogam sind, obgleich in der Theorie weder ihre _adat_
noch ihre Religion ihnen verbietet, in einen anderen Stamm zu
heiraten. Die Endogamie erklrt sich daraus, dass die Huptlinge
ihren ganzen Einfluss aufbieten, um eine Verminderung ihres Stammes
durch den Wegzug seiner Glieder zu verhindern; denn im Hinblick auf
eine eventuelle Verteidigung ist es wnschenswert, dass die Zahl der
Stammesglieder mglichst gross ist.

Ich hatte diese Erscheinung schon bei den zwei Teilen des Kajanstammes
zu Tandjong Kuda und Tandjong Karang am Mendalam bemerkt und fand sie
in ganz derselben Weise am oberen Mahakam wieder. Hat sich ein Mann
in einem anderen Dorfe niedergelassen, so werden noch nach Jahren
Versuche gemacht, ihn zur Rckkehr zu bewegen.

Trotzdem ist seit Jahrzehnten von wirklicher Feindschaft und Kampf
unter diesen Stmmen keine Rede mehr gewesen. Begreiflicher Weise
ist aber auch ein gemeinsames Vorgehen unter ihnen nicht blich
und, wenn, wie es im Jahr 1885 geschah, die Batang-Lupar am Oberlauf
grosse Verwstungen anrichten, fhlen sich die Ma-Suling und Long-Glat
durchaus nicht verpflichtet, den anderen Stmmen ernsthaft beizustehen,
solange sie selbst nicht bedroht sind.

Der Boden, den ein Stamm der Bahau eingenommen hat, ist Eigentum des
Stammes und Glieder anderer Stmme drfen innerhalb dieser Grenzen
kein Land besitzen oder Fische fangen. Alle innerhalb dieses Gebietes
gelegenen Landstcke, die noch nicht bebaut gewesen sind, stehen jedem
Stammesglied, die Sklaven mit einbegriffen, frei zur Verfgung; nach
Beratung mit dem Huptling whlt jeder den Boden, den er ntig zu haben
glaubt. In Zeiten von Reismangel sind die Berge, in denen wilder Sago
(_nanga_ = Eugeisonia tristis) wchst, von grosser Bedeutung. Jeder
darf dann nach Bedrfnis dort Nahrungsmittel sammeln. Das Gleiche
gilt fr den Rotang und andere Artikel, welche der Wald liefert;
die freien Stammesglieder drfen sie sogar zum Verkauf sammeln, ohne
ihrem Huptling einen Teil des Ertrages zu geben. Lsst der Huptling
die Buschprodukte durch seine Sklaven suchen, so erhlt er den Zehnten
des Ertrags; den gleichen Tribut erhlt er auch von den Fremden.

Auch Jagd und Fischfang drfen die Stammesglieder frei betreiben,
nur steht dem Huptling das Recht zu, sobald der Fischstand oder der
Stand der Buschprodukte es erforderlich machen, einen bestimmten
Fluss oder ein Waldgebiet fr verboten zu erklren und demjenigen
eine Busse aufzuerlegen, der dieses Verbot bertritt.

Die Waldfrchte sind ebenfalls allgemeines Eigentum, ein Umstand
der in gnstigen Fruchtjahren von grosser Wichtigkeit ist, da in den
Wldern Borneos viele essbare Frchte vorkommen. Anders verhlt es
sich mit den Fruchtbumen, die irgendwann von Familien des Stammes
gezogen wurden. Doch werden die Frchte an entlegenen Orten vielfach
gestohlen, was um so begreiflicher ist, als der Stamm bald hier bald
da innerhalb seines Gebietes ein Haus baut und in der Nhe wieder
neue Reisfelder anlegt. Die Fruchtbume werden in der Regel dicht
beim Hause gepflanzt und beginnen oft erst dann zu tragen, wenn das
Haus wieder verlassen wird.

Der Grund zum Umzug eines Stammes liegt nur selten im Mangel an in der
Nhe liegendem Ackerboden. Wenn der Feind durch Brandschatzung keine
Veranlassung hierzu giebt, ist es meist der Aberglaube, der eine Rolle
spielt. Kommen nmlich viele Todesflle in einem Hause vor, so wird die
Umgebung, in der es steht, fr von bsen Geistern bewohnt angesehen,
und der Stamm zieht an einen anderen Ort. Ferner hat auch Zwietracht im
Stamme zur Folge, dass er sich teilt und die Parteien weit von einander
wohnen gehen, wie es z.B. die Long-Glat von Lirung Ban taten, die sich
in Lulu Njiwung und Long Tepai niederliessen. Die Ma-Suling mussten ihr
Haus am Meras verlassen, weil es alt und baufllig geworden war. Dies
geschieht jedoch nur selten; denn erstens besteht das Baumaterial,
hauptschlich am oberen Mahakam, aus sehr dauerhaftem Holz, zweitens
finden sich schon viel frher Grnde, welche die Bewohner zum Auszug
zwingen, vor allem Krankheit und Tod des Huptlings. Im allgemeinen
wohnen die Stmme selten lnger als 8 bis 10 Jahre am gleichen Ort.

Nicht nur die Fruchtbume, sondern auch der Boden bleibt Eigentum
derjenigen Familie, die ihn zuerst bebaute; sie darf ihn nicht
verkaufen, wohl aber umtauschen oder an andere Stammesglieder
verpachten. Der Huptling kann, wenn er viele Sklaven besitzt, viele
cker bebauen lassen, er ist hierzu auch wegen der grossen Mengen
Reis, die er zum Empfang von Gsten und fr den Unterhalt seiner
Sklaven ntig hat, gezwungen. Die Sklaven haben keinen Grundbesitz,
aber sie erhalten vom Huptling ein Stck Land zum Bebauen.

Auf je einen Arbeitstag fr sie selbst kommen bei den Sklaven zwei
fr den Huptling.

Zusammenhangslos wie die Stmme am oberen Mahakam sind, haben sie in
frherer Zeit doch ein oekonomisches Ganzes gebildet, weil es nicht nur
ihrer Neigung entsprach, alles fr den Lebensunterhalt Erforderliche
selbst herzustellen, sondern auch weil der Zugang zu ihrem Lande
und das oft feindliche Verhltnis mit den umliegenden Lndern
einen regelmssigen Verkehr zwecks Austausch von Handelsprodukten
ausschloss. In den letzten 10 Jahren haben sich die Zustnde zwar
sehr verndert, doch kann man noch jetzt verfolgen, wie sich das
Zusammenleben damals gestaltete. Feldfrchte bauten alle fr sich
selbst und zwar in einem solchen berfluss, dass noch etwas an die
verwandten Stmme unterhalb der Wasserflle, die damals noch keine
Reiszufuhr von der Kste erhielten, verkauft werden konnte. Die
Kleidung stellten sich die verschiedenen Stmme ebenfalls selbst her:
whrend aber die Pnihing, Kajan und Ma-Suling sich lange Zeit ausser
in Baumbast auch in selbst gewebte Stoffe kleideten und dies zum Teil
auch jetzt noch tun, bentzen die Long-Glat, wahrscheinlich ihres
grsseren Wohlstands und der Nhe der Kste wegen, bereits seit langem
eingefhrten Kattun zur Kleidung, den sie nur mit eigenen Stickereien
verzieren. Ein weiterer Grund fr das Verschwinden der Webekunst,
die von den Long-Glat ursprnglich gewiss ebenfalls betrieben
wurde, ist, dass sie durch Herstellung von Schwertern und eisernen
Ackergertschaften einen bei den anderen Stmmen sehr gesuchten
Tauschartikel besitzen, mit dem sie sich alles, was sie zum Leben
brauchen, anschaffen knnen. Noch heutigen Tages ist die Schmiedekunst
bei den Long-Glat viel hher entwickelt als bei den Kajan, Ma-Suling
und Pnihing. Diese dagegen zeichnen sich im Bau von Bten aus, die aus
einem Stck gearbeitet werden und eine Lnge von 23 m und eine Breite
von 2 m erreichen knnen. In ihren weiten, unberhrten Wldern finden
sie die hierfr erforderlichen, sehr grossen Baumstmme, zugleich sind
sie selbst aber auch die besten Bootbauer. Auch ihrer vortrefflichen
Netze wegen sind sie bekannt. Dies sind hauptschlich runde Wurfnetze,
welche aus den gedrehten Fasern einer Liane, _tengang_ genannt, gewebt
werden. Die brigen Stmme verfertigen die gleichen Schnre und Netze,
aber die Pnihing verstehen diese Kunst am besten. Die Kajan stellen
ebenfalls gute Bte her, auch knnen sie schmieden und Netze weben,
aber ihre Leistungen stehen nicht besonders hoch.

Auch die Tpferei wurde vor nicht sehr langer Zeit noch am Mahakam
betrieben. Man verfertigte Tpfe zum Reiskochen. Es gelang mir, noch
einige dieser Exemplare aufzutreiben und zu erwerben. Die Ma-Suling und
Ma-Tepai haben sich mit der Tpferei am lngsten befasst, vielleicht
weil sie den hierfr geeigneten Lehmlagern an der Mndung des Meras
am nchsten wohnten.

Beim Beginn der Reisernte formen auch gegenwrtig noch alle Stmme
grosse, viereckige, flache Tpfe von 2 1/2  3 1/2 dm Oberflche,
um den noch nicht vllig reifen Reis, der schwer zu entspelzen ist,
darin zu trocknen. Diese Tpfe werden aber nur in der Sonne getrocknet
und vertragen kein Wasser.

Das Schnitzen von Schwertgriffen aus Holz oder Hirschhorn bildet
gegenwrtig eine blhende Industrie, die ebenfalls besonders von
der. Long-Glat betrieben wird, jedoch sah ich auch bei den Kajan
einige schne Stcke, die aus jngster Zeit stammten. Die Pnihing
ben diese Kunst gar nicht und die Ma-Suling sehr wenig aus.

Auch der Reisbau regt zum Handelsverkehr an, indem er bei den
verschiedenen Stmmen einen verschiedenen durchschnittlichen Ertrag
liefert. Die Pnihing sind auch jetzt noch die schlechtesten Ackerbauer,
whrend die Ma-Suling sich sowohl frher als gegenwrtig der besten
Ernten erfreuen und nie Reismangel leiden; den berschssigen Reis
tauschen sie gegen die Erzeugnisse der anderen Stmme aus.

In frherer Zeit gewann man das Salz aus den Salzquellen, die sich
im Gebiet der Kajan, Ma-Suling und Long-Glat befinden.

Auch im Flechten von Rotangmatten sind die Long-Glat den anderen
Stmmen berlegen. Es lsst sich ganz allgemein behaupten, dass
der Stamm der Long-Glat sich vor allen anderen im Herstellen
gut gearbeiteter und schn verzierter Gegenstnde auszeichnet,
dass Kunstfertigkeit und Geschmack bei ihm am hchsten stehen. Sein
politisches bergewicht und die damit verbundene grssere Wohlhabenheit
scheint hierin von bedeutendem Einfluss gewesen zu sein.

Die Long-Glat nehmen auch augenblicklich noch in bezug auf Schnheit
der Kleidung die erste Stelle am Mahakam ein. Sie pflegen sich auch
Alltags sorgfltig und hbsch zu kleiden. Ihre Art und Weise der
Ttowierung ist ganz oder teilweise von anderen Stmmen, die sich
frher wenig oder anders ttowierten, bernommen worden.

Erst in letzter Zeit hat sich bei den Long-Glat die Sitte eingebrgert,
am Ober- und Unterkiefer die vordersten sechs Zhne zur Hlfte
absgen zu lassen. Sowohl Mnner als Frauen glauben sich hierdurch
zu verschnern. Unter den jungen Leuten der Kajan und Ma-Suling hat
diese Sitte, die vom Barito stammt, ebenfalls ihr Brgerrecht erworben
und sie unterwerfen sich, der neuen Mode zu liebe, gern dieser Marter.

Die einflussreiche Stellung der Long-Glat beruht, ausser auf der
berlieferung ihrer frheren Oberhoheit, auch darauf, dass Glieder
ihrer Huptlingsfamilie in diejenigen der Pnihing, Kajan, Ma-Suling
und der abhngigen Stmme, mit denen sie zusammenwohnen, verheiratet
wurden. Diese Verhltnisse wurden noch dadurch begnstigt, dass die
Long-Glat-Huptlinge, bald nachdem sie den Mahakam hinuntergezogen
waren, von den Malaien die Vielweiberei annahmen, eine Sitte, die weder
bei ihren Vorfahren herrschte noch bei irgend einem anderen Stamme
besteht, die ihnen aber eine zahlreichere Nachkommenschaft sichert. Als
Abkmmlinge der Long-Glat sind auch die letzten Kajanhuptlinge dieser
Sitte gefolgt.

Bildeten die Stmme am oberen Mahakam, wie wir gesehen haben, frher
unter der Long-Glat-Herrschaft eine politische und spter eine mehr
oekonomische Einheit, so blieben sie doch von einer Berhrung mit
den Nachbarlndern nicht gnzlich ausgeschlossen.

Weiter oben ist bereits erwhnt worden, dass im Beginn des
19. Jahrhunderts nach dem Kapuas, Barito und mittleren Mahakam
Kriegszge unternommen wurden, whrend sich spter, bereits vor 1825,
ein Teil der Long-Glat unterhalb der Wasserflle niederliess. Hierdurch
wurden freundschaftliche Beziehungen mit den sdlicheren Gebieten
angeknpft. Mit den Bewohnern am Barito, Kapuas und Batang-Rdjang
blieb das Verhltnis lange feindlich, so dass dorthin, wenigstens von
den Kajan, Ma-Suling und Long-Glat, nur selten Handelszge unternommen
wurden. Unter den Kajan war der Huptling _Kwing-Irang_ der erste,
der sie vor ungefhr 30 Jahren nach dem Batang-Rdjang geleitete,
wo der Radja von Serawak geordnetere Zustnde geschaffen hatte. In
jener Zeit wurden aber die Beziehungen, die man mit dem Apu Kajan noch
stets unterhalten hatte, abgebrochen, weil die Kriege unter den Kenja
selbst einen Zug in ihr Gebiet zu gefhrlich machten. Bemerkenswert
ist, dass, obwohl die Bahau nach dem Barito und Kapuas oft Kopfjagden
unternahmen, von dort aus, so viel ich weiss, doch niemals am oberen
Mahakam Kpfe gejagt wurden.

Durch den vorteilhaften Markt in Serawak am Batang-Rdjang angelockt,
unternahmen hauptschlich die Pnihing, Kajan und Ma-Suling, in
geringerem Masse auch die Long-Glat, geregelt dorthin Handelszge. Da
sie dort aber stndig mit feindlich gesinnten Batang-Luparstmmen in
Berhrung kamen, bot sich beiden Parteien fortwhrend ein Anlass, um
Kpfe zu jagen, was die Regierung von Serawak nicht verhindern konnte.

Wiederholte Unterredungen mit _Kwing Irang_ und dem damals noch
mchtigen Pnihinghuptling _Belar_ blieben so gut wie resultatlos,
da diese kaum im stande waren, dergleichen Heldentaten bei den eigenen
Stmmen zu unterdrcken und auf die anderen berhaupt keinen Einfluss
hatten. Hierdurch ereignete sich folgendes:

Als _Belar_ einst nach einer ernsthaften Beratung mit dem
Radja von Serawak von Fort Kapit, an der Mndung des Njangejan,
diesen Fluss aufwrts fuhr, um nach dem Mahakam zurckzukehren,
kam ihm ein anderer Pnihinghuptling, _Owat_, mit einer Gesellschaft
Dorfgenossen entgegen. _Belar_, der sie auf einer Kopfjagd vermutete,
suchte die Leute zur Rckkehr zu bewegen, aber _Owat_, als geborener
Ma-Suling, der bei den Pnihing nur verheiratet war, weigerte sich zu
gehorchen. Als ihm bald darauf in einem Boot sieben Batang-Lupar
begegneten, die Buschprodukte suchen gingen, ermordete er sie
alle. Serawak verlangte der bereinkunft gemss von den Mahakam
Huptlingen die Auslieferung der Mrder, aber diese, besonders die
Ma-Suling, verweigerten die Auslieferung und die brigen wagten nichts
durchzusetzen. Als Folge hiervon beschloss der Radja von Serawak,
das schuldige Pnihinghaus, das sich unter dem Huptling _Paren_ am
weitesten oben am Mahakam stand, zu zchtigen. Bercksichtigt man,
dass zum Zusammenbringen und Ausrsten einiger Tausend Dajak viel Zeit
erforderlich ist und so etwas auch nicht im Geheimen geschehen kann, so
erscheint es einem Europer unbegreiflich, dass man am Mahakam nichts
davon merkte. Auch die Fahrt den Njangejan aufwrts und der Zug ber
die Wasserscheide zum Seliku blieben unbemerkt, und die grosse Bande
konnte sich dort, um Bte zu bauen, lange Zeit aufhalten, ohne dass
man weiter unten etwas davon ahnte. Daher konnten die Pnihing vllig
unvorbereitet berfallen werden. Das schuldige Haus wurde erobert,
geplndert und verbrannt und die Bewohner grossenteils ermordet oder
zu Sklaven gemacht. Die Banden kannten keine Disziplin und setzten
ihren Plnderzug flussabwrts fort. Sie hielten sich am Hauptfluss,
wo _Belar_ ihnen in seinem Hause an der Kasomndung mit seinen
wenigen Leuten einen heldenhaften Widerstand bot. Durch die bermacht
der Leute, die zudem von dem Radja mit Gewehren versorgt waren,
wurde _Belar_ schliesslich berwunden und musste flchten. Sein
Haus wurde ebenfalls geplndert und verbrannt. Nach seiner Angabe
verlor er an Toten und Sklaven 234 Personen, vielleicht die Hlfte
der ganzen Anzahl.

Wegen dieses Aufenthaltes hatten die Bewohner an der Mndung des
Tjehan Zeit, diesen Fluss aufwrts zu flchten; sie verloren daher
nur ihr Haus, das verbrannt wurde. Die Plnderer fuhren noch weiter
zum Kajanstamm, der vllig unschuldig war und so wenig an einen
berfall dachte, dass er sogar eine Gesellschaft Batang-Lupar in
seinem Hause beherbergte. Das Haus wurde belagert und einen ganzen
Tag lang mit Gewehren beschossen, ohne dass jemand verletzt wurde. Nur
ein Malaie wurde bei ihnen dadurch gettet, dass sein Gewehr ihm beim
Schiessen sprang. Gegen Mittag waren die Batang-Lupar bis unter das
Haus gekommen, sie wagten sich aber nicht auf die Galerie hinauf. Da
warf sich der geflohene Pnihinghuptling _Paren_, der sein Haus und
einen grossen Teil seines Stammes verloren hatte und sich daher bei
den Kajan aufhielt, aus Verzweiflung mitten unter die Angreifer. Da
die Kajan ihm nicht beizustehen wagten, machten ihn die Feinde nieder.

Der Tod dieses Huptlings machte auf die Kajan und auch auf eine
Schar Long-Glat, die nach oben gezogen war, um Nachrichten zu holen
und Hilfe zu leisten, einen gewaltigen Eindruck. Die Batang-Lupar
hatten jedoch viele der Ihrigen verloren und zogen sich daher abends
auf eine weiter oben gelegene Gerllbank zurck, um spter wieder
flussaufwrts zu ziehen.

Des Abends spt jedoch zogen die Long-Glat aus dem Kajanhause fort,
ein Umstand, der neben dem Tode _Parens_ die Bewohner so erschreckte,
dass sie nachts alle mit dem Notwendigsten versehen das Haus verliessen
und auf den Batu Kasian flchteten, der nur von einer Seite, von der
Mndung des Blu-u aus, zu besteigen war. Die zurckgelassenen Hunde
heulten aber in dem verlassenen Kajanhause die ganze Nacht ber,
wodurch die Batang-Lupar aufmerksam wurden. Als es Tag wurde, kamen
sie noch einmal, um nachzusehen, was geschehen war. Sie plnderten
und verbrannten das ganze Haus und zogen dann beutebeladen den Mahakam
hinauf, zurck nach Serawak.

Seit der Zeit werden hchstens Zge, um kriegsgefangene Blutsverwandte
und Stammesgenossen zurckzufordern, und nur noch selten Handelsreisen
nach Serawak unternommen; und die Bewohner am oberen Mahakam mssen
sich wegen Salz und javanischen Tabak, an die sie sich durch den
Kontakt mit der Kste gewhnt haben, nach dem mittleren Mahakam oder
dem oberen Barito wenden, wo man diese Artikel noch bei meiner Ankunft
im Jahre 1896 am besten erlangen konnte.

Die Beziehungen mit der Aussenwelt, die hauptschlich den Verkauf der
eigenen und den Kauf fremder Produkte zum Zwecke haben, werden meist
von den Bahau selbst unterhalten, die, wenn ihre Arbeiten es zulassen,
besonders in Zeiten niedrigen Wasserstandes, in einem oder mehreren
Bten Handelszge unternehmen. Fr derartige Reisen vereinigen sich
stets Leute desselben Stammes.

In der Regel bildete Udju Tepu, der Stapelplatz der Buschprodukte
und Endpunkt der Dampferverbindung auf dem unteren Mahakam, das Ziel
der Reise. Frher suchten die Stmme aus den oberen Gebieten ihre
Webereien, Reis, Eisenwaren und Bte bereits unterwegs zu verkaufen;
jetzt sind Webereien, Reis und Eisenwaren wegen der Zufuhr von unten
nicht mehr viel wert; neben Geld bilden in Udju Tepu augenblicklich
Bte, Guttapercha, Rotang, Bezoarsteine und Rhinozeroshrner
brauchbare Tauschartikel. Ihrer Bedeutung nach geordnet bedrfen
die Bahau folgender Artikel: Salz, Kattun, Tabak, Perlen, Eisenwaren
und Tempajan.

In frherer Zeit bestand fr alle diese Artikel durchaus kein fester
Preis. Dieser wurde auch hier durch Nachfrage und Angebot und in noch
hherem Masse durch die Persnlichkeit des Kufers und Verkufers
bestimmt. Buginese und Bahau standen einander gegenber. Da jener im
Handel kein Gewissen kennt und dieser, besonders auf fremdem Boden und
in fremder, gefrchteter Umgebung, sehr leicht eingeschchtert wird,
wurde er stets auf die grbste Weise betrogen.

Um von dem, was die Bahau fr ihren wichtigsten Lebensartikel bezahlen
mssen, eine Vorstellung zu geben, mge hier ein Fall unter vielen
angefhrt werden, den ich selbst erlebte und zwar mit der Autoritt
eines Europers gegenber diesen eingeborenen Kaufleuten. Der Sultan
von Kutei in Samarinda verkauft das monopolisierte Salz an der Mndung
fr fl. 9 den Pikol (61,75 kg), in Tepu bezahlt man hierfr, je nach
Umstnden, in Geld fl. 12.50 und mehr, bei den Wasserfllen betrug der
Preis im Jahre 1897 in Geld fl. 25 bis 30, whrend ich am Blu-u bei
den Malaien das Salz nur fr fl. 1.50 bis 2.50 pro Kilo kaufen konnte.

Javanischer Tabak, der in Samarinda mit fl. 13 bezahlt wird, kostet
bei den Wasserfllen fl. 35 bis 40; weiter oben verlangen die Malaien
sogar 60 fl. und mehr.

Die Dauer der Handelsreisen ist eine sehr verschiedene, weil sie auf
der Strecke zwischen Long Tepai und Long Bagun durch den Wasserstand
bestimmt wird. Werden die Bte hier nicht aufgehalten und sind sie
nicht zu schwer beladen, so kann man in 5 Tagen von Long Blu-u nach
Udju Tepu reisen und in 10 Tagen von hier wieder zurck sein. So
gnstige Umstnde findet man aber nur sehr selten. Meist dauert ein
solcher Zug ber einen Monat. Die Verbindung mit dem Murung ist noch
viel ungnstiger. Wenn mglich sucht man die ntigen Gegenstnde in
Muara Laung am Murung einzukaufen, wohin man sich vom oberen Mahakam
aus auf verschiedenen Wegen begeben kann. Erstens vom Kaso aus,
der fr die kleinen, bis zu i o m langen Bte der Bahau lngs der
Niederlassungen der Seputan gut befahrbar ist. Nachdem man 3 Tage
lang den Fluss hinaufgefahren ist, kann man das Boot in einem halben
Tag ber die Wasserscheide ziehen bis zu einem Nebenflsschen des
Busang, eines Nebenflusses des Djoloi, welch letzterer wiederum in den
Murung mndet. Wegen der zahlreichen grossen Wasserflle folgt man
diesem Wege mir selten, um Muara Laung zu erreichen, sondern meist
um in den hher gelegenen Gebieten den Buschproduktensuchern Reis
zu verkaufen, fr den sie einen sehr hohen Preis an Guttapercha und
Geld bezahlen. Zweitens kann man den Murung vom Tjehan aus erreichen,
der viel schiffbarer als der Kaso ist. Der Landweg dauert hier aber
fr einen nicht zu schwer beladenen Bahau 3 bis 4 Tage und fhrt ber
den Batu Lesong zum Busang, der wegen zahlloser Wasserflle ein sehr
schlechtes Fahrwasser bietet. Auch vom Blu-u aus folgt man bisweilen
diesem Wege und zwar, indem man ein linkes Nebenflsschen, den Ikang,
an dem frher eine kleine Kajanniederlassung lag, hinauffhrt. Weiter
folgt man aber dem gleichen Pass des Batu Lesong, der dort ungefhr
1800 m hoch ist. Die Passhhe betrgt ber 1000 m. Der gebruchlichste
Weg nach Muara Laung ist jedoch der, stlich vom Batu Lesong lngs
des Pahng und Belatung, eines Nebenflusses des Murung. Dieser Weg
fhrt zwischen dem Batu Lesong und Batu Ajo hindurch, die hier durch
einen sehr niedrigen Pass geschieden sind. Der Belatung ist zwar gut
schiffbar, weil er keine hohen Wasserflle besitzt, aber der Fall ist
so bedeutend, dass man, um Gepck und Menschen abwrts zu bringen,
Flsse baut, auf denen alles festgebunden wird. Mit langen Rudern
sucht man dann die Mitte des Stromes zu halten, gelingt dies nicht,
so zerschmettern die Flsse und alles ist verloren.

Die Fahrt den Belatung aufwrts ist nur bei sehr niedrigem Wasserstande
mglich. Dieser Weg wurde bereits in frheren Zeiten viel bentzt,
um vom Mahakam aus nach dem Murung und weiter Kpfe jagen zu gehen;
daher trgt das Gebirge den Namen Batu Ajo (_ajo_ = Kopfjagd). In
spteren Jahren sind diese Wege meistens von Buschproduktensuchern aus
den Gebieten des Murung, Belatung und Busang begangen worden, die sich
zum Mahakam begaben, um dort Reis und andere Lebensmittel einzukaufen.

Die Reisen nach den malaiischen Niederlassungen am Murung dauern
in der Regel viele Monate, und die Beschaffung von Salz, Tabak und
Leinwaren ist des Transportes wegen sehr schwierig.

Die Bahau vom oberen Mahakam unterhielten lngs des Penaneh und
Howong auch mit dem Kapuasgebiet Handelsbeziehungen, aber wegen der
grossen Entfernung und der frheren ungnstigen Handelsverhltnisse
kamen sie nur selten hin. Dagegen kamen die Mendalambewohner und die
Taman fters nach dem oberen Mahakam, um Schwerter, Schwertgriffe,
Matten und alte Perlen einzukaufen.

Die gnstigen Handelsverhltnisse, welche der Radja von Serawak am
Batang-Rdjang geschaffen hat, brachten besonders die Pnihing und
Kajan dazu, den Beschwerden der Reise Trotz zu bieten. Um ihr Ziel
zu erreichen, mssen sie den Mahakam hinauffahren, was 9 bis 60
Tage dauert, ferner lngs des Seliku auf einer Hhe von 1100 m. die
Wasserscheide berschreiten, um nach zweitgiger Fahrt den Njangejan
abwrts nach Fort Kapit zu gelangen.




KAPITEL XIV.

    Verkehr mit den Eingeborenen--Einkauf von Ethnographica--Sammeln
    und Konservieren von Tieren und Pflanzen--Sammlungen und
    Untersuchungen auf geologischem Gebiet--Topographische
    Aufnahmen--Photographie.


Obgleich die Verhltnisse, unter denen die Eingeborenen von
Mittel-Borneo leben, derart sind, dass diese selbst den Schutz eines
hher stehenden Volkes herbeiwnschen, machen sich ihre ngstlichen
Gemter doch allerhand entsetzliche Vorstellungen von dem, was
geschehen knnte, wenn die ihnen so fremden Weissen, die so mchtig
sind, dass sie in Krankheitsfllen und auf gefhrlichen Bergspitzen
den bsen Geistern zu widerstehen vermgen, in ihr Land einziehen. Um
daher einen politischen Einfluss auf die Stmme zu gewinnen, mussten
wir nicht nur alles vermeiden, was bei ihnen Unwillen oder Schreck
erregen konnte, sondern auch alles daransetzen, um ein vertrauliches
Verhltnis mit ihnen anzubahnen.

Nach meiner rztlichen Praxis waren es die Samenlungen auf den
verschiedenen Gebieten der Wissenschaften, die uns mit der Bevlkerung
in intimen Verkehr brachten. Sie boten ausserdem einen zweiten grossen
Vorteil, indem sie den Teilnehmern der Expedition, sowohl den weissen
als den farbigen, stndig Beschftigung verschafften. Fr einander
fremde, auf niedriger Entwicklungsstufe stehende Menschen ist es
ungemein schwierig, unbeschftigt lange Zeit friedlich miteinander
zu verkehren.

Da. ich nun hauptschlich Malaien bei mir hatte, die als Mohammedaner
ohnehin auf die heidnischen Bahau herabsehen und von alters her
daran gewhnt sind, auf deren Auffassung von Eigentum, Anstand
u.s.w. nicht zu achten, trachtete ich von Anfang an danach, meine
Leute durch Ableitung in Banden zu halten. Eine grosse Versuchung
bildete fr meine stattlichen Reisegenossen auch der Umgang mit den
Frauen, von denen sich besonders die Mdchen fr sie interessierten
und die, bei der grossen Freiheit, die sie in dieser Beziehung in
ihrer Gesellschaft geniessen, aus ihren Gefhlen keinen Hehl machten.

Nachdem ich die Leute anfangs selbst auf die grosse Gefahr eines
Verkehrs mit Frauen hingewiesen hatte, waren sie spter verstndig
genug, zu Eifersucht und eventuellen Racheakten keinen Anlass zu geben.

Unsere Sammlungen brachten der Bevlkerung einen bedeutenden
materiellen Vorteil, denn fr die dafr erforderlichen Exkursionen
hatten wir Fhrer und hufig auch Trger ntig, so dass viele Mnner
monatelang bei uns einen Verdienst fanden; inzwischen fingen die
Frauen und Kinder whrend der Feldarbeit allerlei Tiere, die sie
uns fr Nadeln, Perlen und andere kleine Dinge verkauften. Jeder,
der sich photographieren liess, bekam eine Belohnung, und selbst,
wenn der eine oder andere etwas Interessantes erzhlt hatte, verlangte
er nachher eine Kleinigkeit.

Sobald die jungen Leute begriffen hatten, dass wir junge, seltene
Pflanzen, die auf eine bestimmte Weise aus dem Boden genommen waren,
gern kauften, bentzten sie ihre freie Zeit, um fr uns sammeln zu
gehen, und ihnen verdanken wir auch manchen seltenen Fund.

Ferner lieferte der Verkauf von Ethnographica vielen ein Mittel,
um sich aus unseren Vorrten einen gewnschten Gegenstand zu erwerben.

Gleichwie die Stmme am Mendalam, waren auch die am Mahakam anfangs
durchaus nicht geneigt gewesen, mir irgend etwas von ihrem Besitz zu
verkaufen. Unter einander sind sie nmlich kaum daran gewhnt, mit
etwas anderem als mit Reis und anderen Nahrungsmitteln Tauschhandel zu
treiben; denn jede Familie verfertigt ihre Kleider und Gertschaften
selbst und ist mit ihrer Arbeit zufrieden. Nur in besonderen Fllen,
wenn es sich um ein Kunstwerk handelt, wendet man sich an einen
Fachmann, wie einen Schmied oder Schnitzer. Daher konnten sie sich
anfangs nicht entschliessen, mir ein Messer, einen Korb oder eine
Matte abzutreten; hierzu trat auch noch Misstrauen, da die Leute nicht
begriffen, zu welchem Zwecke ich alle diese Gegenstnde kaufen wollte.

Nun befand ich mich jedoch zum zweiten Mal in ihrer Mitte. Zweifellos
hatten es nach meiner vorigen Abreise viele Leute bereut, die gute
Gelegenheit, fr sie wertlose Gegenstnde zu hohem Betrag zu verkaufen,
nicht bentzt zu haben; denn jetzt kamen sie whrend unseres ganzen
Aufenthaltes, von Kindern, die noch kaum laufen konnten, an bis zu
weisshaarigen Alten, mit allerhand Dingen, von denen sie glaubten,
dass sie uns interessieren knnten. ffnete ich einen Packen Perlen von
einer neuen Art oder ein besonders schnes Stck geblmten Kattuns, so
entschloss sich so mancher, uns einen geliebten Gegenstand abzutreten,
falls wir Reis, Eier oder Frchte als Kaufpreis nicht gengend fanden.

Beim Einkauf der Ethnographica ging ich, soweit Umstnde und Mittel
es erlaubten, darauf aus, nicht nur alles, fr das tgliche Leben
den Eingeborenen Notwendige, sondern auch alles, was ihnen zur
Verschnerung ihres Daseins dient, zu erwerben. Schon frher war es
mir aufgefallen, dass die Bahau in der Herstellung von Gegenstnden,
die sich durch Form und Farbe auszeichnen, eine hohe knstlerische
Entwicklung erlangt haben. Dies ist besonders bei den Gegenstnden der
Fall, fr die sie bei den Malaien einen Absatz und daher auch einen
Ansporn zu weiterer Vervollkommnung finden, wie z.B. im Schnitzen
von Schwertgriffen und im Schmieden von Schwertern. Diese schnen
Industrieprodukte der Bahau geben uns daher eine Vorstellung von dem,
was sie leisten knnten, wenn die Umstnde ihnen die ntige Anregung
verschafften.

Indem ich sehr hohe Belohnungen fr besonders schne Gegenstnde
aussetzte, suchte ich denn auch den Arbeitseifer der Knstler im
Stamme anzuspornen, und diesem Verfahren habe ich in der Tat einige
aussergewhnlich schne Stcke zu danken. Hierbei beschrnkte ich
mich natrlich darauf, den gewnschten Gegenstand anzugeben; die Art
der Verzierung und Ausfhrung berliess ich ihnen vollstndig.

Leider stiess ich gerade bei der Erwerbung der interessantesten
Kunstprodukte auf besondere Schwierigkeiten, die auch durch hohe
Preise nicht zu berwinden waren. Die oft wundervoll geschnitzten
Kindertragbretter (_hawat_) werden z.B. nicht verkauft, weil die Seele
des Kindes lange Zeit in ihnen haust; das gleiche gilt fr andere
dem Kinde gehrige Gegenstnde. Daher musste ich, hauptschlich bei
den Kajan am Mendalam, derartige Dinge neu herstellen lassen. Bei den
Kajan am Mahakam wagt man es nicht, die Kleider unerwachsener Kinder zu
verkaufen; mit den Tragbrettern ist man hier dagegen weniger ngstlich.

Glcklicher Weise waren die Schwertgriffe aus Hirschhorn kuflich,
allerdings nur zu hohen Preisen, da die Malaien, die, sobald sie
Geld besitzen, sehr freigebig sind, fr diese Kunstgegenstnde stets
viel brig haben. Am Mendalam kosteten schn gearbeitete Griffe bis
zu 10 Dollar das Stck; am oberen Mahakam musste ich fr ein altes,
schnes Exemplar 25 fl. bezahlen.

Am Mahakam erregten hauptschlich die Frauenarbeiten meine
Aufmerksamkeit, die geschmackvollen Perlenverzierungen fr
Kindertragbretter, Mtzen und Hte und die Stickereien auf Rcken und
Lendentchern. Als die Bevlkerung sich bei meinem zweiten Besuch
an den Handel mit mir gewhnt und den eigenen Vorteil eingesehen
hatte, suchte sie fr schne Dinge einen mglichst hohen Preis
herauszuschlagen. Dass man oft viel Zeit ntig hat, um eines bestimmten
Gegenstandes habhaft zu werden, mge man daraus ersehen, dass ich wegen
einer hbschen Perlenmtze zwei Jahre lang unterhandelte, wegen einer
anderen zehn Monate; eine dritte konnte ich berhaupt nicht erlangen.



Wie eingangs bereits erwhnt worden ist, mussten wir uns bei der
Ausrstung auf das Notwendigste beschrnken, da, besonders beim
Landtransport, jedes Gepckstck in Betracht kam. Am meisten wurde
hierdurch die zoologische Sammlung getroffen, fr die man sowohl
Konservierungsmittel als Flaschen und Bchsen mitfhren musste. Ich
nahm mir daher vor, an Sugetieren, die ohnehin schon bekannt waren,
nur sehr wenige und dann mir sehr kleine mitzunehmen; fr meine
Jger sollte das Sammeln von Vgeln, deren Blge wenig wogen, leicht
zu verpacken waren und als Konservierungsmittel nur Arsenikseife
erforderten, die Hauptaufgabe bilden. Sobald wir denn auch an einem
Orte lnger verweilten, begab sich _Doris_ mit einigen bewaffneten
Schutzsoldaten und einem Fhrer auf die Vogeljagd. Um die Anzahl
der Blge zu beschrnken und die Munition zu sparen, durften von
den gewhnlichen Vogelarten nur je 6 oder 8 Exemplare gesammelt
werden; trotzdem wuchs unsere Sammlung doch noch auf 1400 bis 1500
Exemplare an.

Mhsam war die Konservierung von Insekten, die trocken aufbewahrt
werden mussten, da die Leute sie uns, besonders anfangs, bei der
Rckkehr von der Feldarbeit in grosser Anzahl brachten und die
Witterung nicht immer ein Trocknen in der Sonne zuliess. Dazu kam
noch, dass wir uns auf dem ersten Teil unserer Reise ohne Naphtalin
behelfen mussten, weil man den Vorrat aus Versehen nach Samarinda
geschickt hatte.

An flssigen Konservierungsmitteln hatte ich hauptschlich Formol
und nur sehr wenig Spiritus mitgenommen, weil Formol mit Wasser
verdnnt seinen Zweck meist gut erfllt, wenn man nur dafr sorgt,
dass es in hermetisch schliessenden Flaschen mitgenommen wird und
dass die Flaschen mit den Prparaten sogleich vllig gefllt werden,
so dass nicht durch Sauerstoff eine Umsetzung in Ameisensure bewirkt
werden kann. Fr die Aufbewahrung von Reptilien, Amphibien und
hauptschlich von Fischen erwies sich eine Lsung von 1 Teil Formol
auf 5 Teile Wasser als am geeignetsten. Bringt man die Tiere lebend
oder unmittelbar nach dem Tode in das Konservierungsmittel und trifft
man die erwhnten Vorsichtsmassregeln, so erhalten sich die Farben
mindestens zwei Jahre lang; nur die ausgesprochenen Metallfarben
verschwinden auch in Formol. Auch die Farben gereinigter und
abgeschnittener Schnbel und Fsse zerschossener und daher wertloser
Vgel, die beim Trocknen meist schwarz werden, erhalten sich gut
in Formol.

Whrend sehr kleine Tiere unverletzt bewahrt werden knnen, muss
man an Fischen, Reptilien und Amphibien einen mindestens 2 cm langen
Bauchschnitt ausfhren und ein Schliessen der ffnung mittelst eines
Querhlzchens verhindern.

So weit mglich liess ich unsere Konservenbchsen und -Flaschen
gebrauchen; fr grssere Tiere liess ich aus Blech Behlter herstellen.

Zum Schliessen der Flaschen bentzten wir stets Harz, das zerstossen
und mit Petroleum angefeuchtet eine teigige Masse liefert, mit der
Glas- und Metallgefsse luftdicht verschlossen werden knnen. Da
Harz stets zu finden und Petroleum meist auch vorhanden ist, kann
dieses Verschlussmittel sehr empfohlen werden; wir bentzten es auch,
mit Kapok oder Werg gemischt, um unsere Stahlkoffer wasserdicht
zu schliessen.

Fr Fische und kleine Tiere hatte ich 3 Kisten mit cylinderfrmigen
Glsern von 200-500 ccm Inhalt mitgenommen; schraubbare Metalldeckel
verschlossen mittelst eines von innen angebrachten Kautschukstreifens
die Glser luftdicht; sicherheitshalber wurden sie aber auch noch mit
einem Harzring umgeben. In diesen Glsern haben sich besonders Fische,
Reptilien und Amphibien jahrelang gut gehalten, auch, als ich spter
nicht mehr im stande war, das Formol zu erneuern.

Whrend meines ersten Aufenthaltes am oberen Mahakam wurde ich beim
Sammeln stndig von der Bevlkerung untersttzt, nur sah sie es nicht
gern, dass wir ihre wahrsagenden Tiere tteten. So bedauerten es die
Kajan lebhaft, dass _Doris_ zwei _hisit_ (Anthreptes malaccensis)
und zwei _telandjang_ (Platylophus coronatus) geschossen hatte. Als
spter bei den Kenja das gleiche geschah, wurde der _telandjang_,
whrend er zum Trocknen hing, gestohlen, was sonst nie vorkam. Ich
hielt es fr geratener, kein Wort darber zu verlieren und das Tten
dieser Tiere zu verbieten. Obgleich auch die Rehe zu den wichtigen
wahrsagenden Tieren gehren, schienen die Bahau doch nichts dagegen
zu haben, dass ich sie schoss. Ihre _djelewan_, die Schlange mit
dem roten Kopf, Bauch und Schwanz, wagten sie weder lebend noch
tot anzurhren. Zum Entsetzen der Bahau tteten wir auf dem Wege
von Kapuas zum Mahakam eine _djelewan_ in unserer Htte und legten
sie in eine Flasche mit Formol. Da keiner die Flasche tragen wollte,
versteckte ich sie in einer der Kisten, ohne dass sie es sahen. Spter
schrieb die Bevlkerung den Erfolg meiner Expedition zum grossen Teil
dem Besitz dieser Schlange zu und ich musste sie so hufig vorzeigen,
dass ich mich zuletzt weigerte.

Eine besondere Furcht flsst den Bahau ein Halbaffe (Tarsius spectrum)
ein, der tagsber bewegungslos auf einem Baumstamm sitzend den
Vorbergehenden mit seinen grossen Nachtaugen anstarrt und den
Kopf weit nach rckwrts zu drehen vermag; keiner wagte es, dieses
ungefhrliche Tierchen zu tten. Zu den Tieren, welche der Aberglaube
schtzt, gehrt auch der grosse Erdwurm, der im stande ist, Tne
auszustossen; er soll die Fruchtbarkeit der Felder befrdern, wir
konnten daher kein Exemplar erhalten.

Bis zum Jahre 1899 verursachte uns das Sammeln wenig Mhe; whrend
unseres Zuges an die Ostkste jedoch wurden die Kajan von verschiedenen
Unglcksfllen betroffen, und ein Priester der Pnihing, der den Ruf
genoss, durch Trume prophezeien zu knnen, erklrte die Unglcksflle
fr eine Strafe der Geister, weil die Kajan fr uns so viele Insekten
gettet hatten. Im Grunde war der Priester nur neidisch auf den
Verdienst der Kajan, den diese sich durch das Sammeln von Tieren
verschafften. Nach unserer Rckkehr zu den Mahakam Kajan wagten sie
uns kein einziges Insekt mehr zu bringen, obgleich ich eine Verstimmung
hierber nicht bemerkte.



Einfacher gestaltete sich das Sammeln auf botanischem Gebiet. Die
Anlage eines Herbariums und einer Sammlung lebender Pflanzen
betrachtete ich als die Hauptsache und nahm daher aus dem botanischen
Garten von Buitenzorg zwei Malaien, einen Mantri, _Sekarang_,
und einen Pflanzensucher, _Amja_, mit, die beide im stande waren,
selbstndig ihre Arbeit auszufhren. Meine Aufgabe bestand daher nur
darin, ihnen fr ihre botanischen Exkursionen Fhrer und Trger zu
verschaffen und etwas Aufsicht zu ben.

Belehrt durch unsere Erfahrungen von der Reise 1896-97 gelang es uns
diesmal am oberen Mahakam, eine Sammlung der verschiedensten Pflanzen,
und zwar 500 Exemplare, lebend aus dem Innern Borneos nach Buitenzorg
zu transportieren. Dabei hatten die am Anfang unseres Zuges am Blu-u
gesammelten Pflanzen sechs Monate lang dort gepflegt werden mssen.

Beim Aufbewahren lebender Pflanzen verfuhren wir folgendermassen: wenn
mglich, wurden junge Exemplare aus dem Boden genommen und zwar so,
dass, um die feinen Wurzelenden nicht zu verletzen, gleichzeitig auch
eine grssere Menge Erde herausgehoben wurde. Zu Hause angekommen
setzten wir die Pflanzen sogleich in Bambuskrbe in eine Erde,
die aus Humus, Flusssand und etwas feiner Holzkohle bestand. Die
gleiche Erde wird in Buitenzorg in den Treibhusern bentzt. Unter
dem dichten Laubwerk der Fruchtbume bei der Wohnung der Malaien
wurde ein Grundstck vor Besuchen von Kindern, Hunden, Schweinen und
Hhnern durch Bambuslatten geschtzt und die Pflanzen unverdeckt auf
Holzgestellen niedergesetzt und tglich versorgt. Auf diese Weise
kamen whrend unseres Aufenthaltes am Mahakam nur wenige Pflanzen
um. Bei unserer Abreise zur Kste wurden die Krbe mit den Pflanzen
in Holzkisten von ungefhr 4  6 dm Bodenflche und 5 dm Hhe dicht
neben einander gesetzt. Die Kisten hatte ich grsstenteils an Ort
und Stelle anfertigen lassen.

Die ganze Sammlung umfasste 37 derartiger Kisten; sie wurde in ein
grosses Boot gesetzt und mittelst eines Palmblattdaches vor Sonne und
Regen geschtzt. An jedem Ort, wo wir lnger als eine Nacht blieben,
wurden alle Kisten aus dem Boot genommen und ans Ufer getragen,
wo man die Pflanzen im Schatten der frischen Luft aussetzte. Fr
die Seereise wurden die Kisten mit Rotangschirmen, ber die weisser
Kattun gespannt worden war, berdeckt. Durch stndiges Benetzen
des Kattuns blieb die Atmosphre unter diesem Dach auch whrend der
Hitze auf der Seereise und spter whrend der Eisenbahnfahrt stets
gengend khl. Obwohl zwischen der Abreise vom Blu-u und der Ankunft
in Buitenzorg zwei Monate lagen, hatten smmtliche Pflanzen in dieser
Zeit doch nur wenig gelitten.

Die Ausrstung fr das Herbarium bestand hauptschlich in grobem
chinesischem Packpapier, das sich zum Pflanzentrocknen sehr gut eignet.

Whrend eines Aufenthaltes auf einem freien Platz, wie eine
Bahauniederlassung ihn bietet, konnte man die Pflanzen der Sonne
aussetzen; in der feuchten Waldatmosphre jedoch mussten sie zwischen
vielen Bogen Papier vorsichtig ber dem Feuer getrocknet werden.

Grosse fleischige Frchte, die sich zum Trocknen nicht eigneten, und
Blten, die eine besondere Aufbewahrung verlangten, wurden ebenfalls
in eine Formollsung gelegt. Die Farben der Orchideenblten erhielten
sich auffallend gut in einer Formollsung im Verhltniss von 1 : 5.

Unerwartete Schwierigkeiten bot das trockene Aufbewahren von
Frchten und Samen zwecks spteren Aussens. Trotz der sorgfltigen
Behandlung, die sie seitens der hierin erfahrenen Javaner erfuhren,
hatten bei Ankunft in Buitenzorg doch beinahe alle die Keimkraft
verloren. Der Grund hierfr lag nicht in der Behandlung, sondern
in der Eigentmlichkeit der Samen vieler tropischer Pflanzen, in
betrchtlich kurzer Zeit die Keimfhigkeit einzubssen; wir htten
daher die Samen sogleich aussen und spter die jungen Pflnzchen
transportieren sollen.

Die vielen kleineren Ausflge, die wir whrend unseres Aufenthalts am
Blu-u zu benachbarten Stmmen unternahmen, kamen mehr den botanischen
als den zoologischen Sammlungen zu gute. Wir beobachteten immer
wieder, dass eine bestimmte Gegend zahlreiche ihr eigene Pflanzenarten
besass, denen wir an einem anderen Orte nie wieder begegneten. In
dem so gleichfrmig aussehenden Urwald trafen wir hauptschlich
auf bestimmten Bergen eine eigene Vegetation, die auf gleichartigen
benachbarten Bergen nicht mehr zu finden war.

Da wir mit Rcksicht auf die Reise nach der Kste und der in diesen
tiefgelegenen Gebieten und auf Java herrschenden Wrme die lebenden
Pflanzen in unserem Kulturgarten in keinen zu tiefen Schatten
setzen durften, zeigten viele Arten die eigentmliche Erscheinung,
dass bereits bei ihren ersten neugebildeten Blttern die prachtvolle
metallblaue Frbung zu schwinden begann. Diese Frbung, die vielen
Arten von Farren, Arodeen, Dracaeen, Begonien u.a. eigen, ist somit
von der im Urwald herrschenden Feuchtigkeit und Dunkelheit abhngig
und verschwindet unter vernderten Umstnden sehr bald, um einem
reinen Grn Platz zu machen.



Whrend ich mich in bezug auf Zoologie und Botanik darauf beschrnkte,
die Anlage und Pflege der Sammlungen und die Aufzeichnungen zu
beaufsichtigen und Notizen und Etiquetten oft selbst zu schreiben,
ging ich, um eine Vorstellung von der geologischen Formation des
oberen Mahakamgebietes zu erhalten, selbst darauf aus, Gesteine zu
sammeln und ihre Fundorte zu untersuchen.

Diese wie auch die anderen Sammlungen wurden so angelegt, dass sie
spter von Fachleuten bearbeitet werden konnten.

Die geologischen Untersuchungen nahm ich whrend der Exkursionen
vor, die wegen der topographischen Aufnahme des Mahakamgebietes
stattfanden. Whrend _Bier_ die eigentliche Aufnahme ausfhrte,
beschftigte ich mich mit eigenen Beobachtungen.

Als Ausrstung hatte ich folgende Gegenstnde mitgenommen: zwei Stze
geologischer Hmmer, einen Schmiedehammer, einen geologischen Kompass
und Hhenbarometer und fr die Verpackung der Handstcke sehr starke
Leinwand und Metallnummern. Die Erfahrung hatte mich auf den beiden
frheren Expeditionen gelehrt, dass das zum Aufbewahren von Gesteinen
so hufig gebrauchte Packpapier fr die Tropen ungeeignet ist, weil es
bei einer Bewegung der aufeinander liegenden Stcke leicht durchreibt,
besonders wenn es feucht wird, was auf langdauernden Reisen, wie den
unsrigen, kaum zu vermeiden war; ausserdem wird Papier leicht von
Ameisen, Termiten und anderen Tieren aufgefressen. Aus den gleichen
Grnden fand ich es unpraktisch, Etiquetten aus Papier zu gebrauchen,
die berdies nur an sehr trockenen Steinen haften bleiben und schnell
unleserlich werden. Ich verpackte die Stcke daher in starke Leinwand,
band sie mit einer Schnur fest und versah sie mit einer Metallnummer,
die mit derjenigen meiner Aufzeichnungen bereinstimmte.

Den geologischen Beobachtungen kam es sehr zu statten, dass wir, wenn
irgend mglich, grosse und kleine Flsse als Reisewege zu bentzen
suchten. Hierdurch befanden wir uns stets an den einzigen Stellen, die
uns ber die geologische Formation des Gebietes, das wir durchreisten,
Aufschluss geben konnten. Da mit Ausnahme der beinahe senkrechten,
das Tal begrenzenden Felswnde das ganze Gebiet des oberen Mahakam mit
Urwald bedeckt ist, wird das unterliegende Gestein nahezu gnzlich
vor Erosion geschtzt. Nur die feinsten Teilchen werden von dem
ablaufenden Regenwasser mitgefhrt, alle grsseren Stcke bleiben
liegen. Daher stsst man im Walde zuerst auf eine Humusschicht von
wechselnder Dicke, die der Tiefe zu immer mehr mit verwitterten Teilen
des unterliegenden Gesteins vermischt ist. In unverwittertem Zustand
trifft man das Gestein erst in einer Tiefe von vielen Metern an, daher
ist es, um eine bersicht ber die geologische Beschaffenheit eines
grsseren Gebietes zu erlangen, praktisch nicht erreichbar. Selbst
an den steilen, aber bewachsenen Bergabhngen und oben auf den
oft nur 1/2-2 m breiten Bergrcken findet man kein unverwittertes
Gestein; man trifft es hier als eine Anhufung loser, verwitterter
Stckchen in einem Sack von Pflanzenwurzeln. Das ursprngliche
Gestein tritt hauptschlich in den Flussbetten zu Tage. Hier ist das
Wasser stndig damit beschftigt, das unterliegende, feste Gestein
von den stark verwitterten Lagen zu befreien; alles kleinere vom
Ufer abgebrckelte oder von Bergstrzen herrhrende Gestein wird
abwrts gefhrt. Dies geschieht hauptschlich, wenn die grossen
Wassermassen eines tropischen Regens in den Gebirgsbchen unter
heftigem Geflle abwrts strzen; derartiges Gestein wird dann mit
Macht bereinandergeworfen und fortgefhrt, wodurch es gleichzeitig von
allen lockeren, verwitterten Teilen entblsst und glatt geschliffen
wird. Vom Ursprung der Quellflsse an bis zur letzten Gerllbank an
der Flussmndung bedeckt dieses Geschiebe, stets kleiner und kleiner
werdend, das ganze Flussbett.

Man findet daher in den Flussbetten sowohl festes Gestein, das in
grsserer oder kleinerer Ausdehnung an den Ufern blossgelegt wird,
als auch in den Gerllbnken eine bersicht ber das im Flussgebiet
aufwrts anstehende Gestein. Beginnt man somit in den verschiedenen
Nebenflssen ein Stck weit oberhalb ihrer Mndungen die verschiedenen
Gesteinsproben zu sammeln und ausserdem das blossliegende, feste
Gestein bis zur Quelle hinauf zu untersuchen, so kann man zu einer
fr die Tropen mglichst exakten Vorstellung der geologischen
Beschaffenheit eines Gebietes gelangen. Dieses Verfahren ist von
besonderem Wert, wenn man es, wie es am oberen Mahakam der Fall ist,
mit einem grsstenteils nicht vulkanischen Gebirge von einfachem
Bau zu tun hat. Denn die zahlreichen Bergbesteigungen, die ich der
topographischen Aufnahme wegen ausfhren musste, boten mir nur sehr
selten einen neuen Einblick in die geologische Formation des Gebirges;
das Gestein, das wegen der alles berdeckenden Buschvegetation nur
hier und da frei zum Vorschein kam, lieferte mir nur eine willkommene
Besttigung meiner im Flussbett gemachten Beobachtungen. Wichtiger war
es, von den Berggipfeln, auf denen man die Bume gefllt hatte, eine
bersicht ber das ganze Gebiet zu erlangen. Von hier aus liessen sich
die Wirkungen der Erosion verfolgen, auch zogen eigenartig gebildete
Berge oder Bergketten die Aufmerksamkeit auf sich und veranlassten
besondere Untersuchungen. Diese waren hauptschlich bei Formationen
aus weichem Kalkstein wichtig, da letzterer bereits in geringem
Abstand von seinem Standort durch die Gebirgsstrme vernichtet wird.

Die Erklrungen, die sich die Eingeborenen ber unser Sammeln von
Gesteinen bildeten, waren sehr mannigfaltig. Dass es uns um Goldsuchen
zu tun war, hielten sie fr das Wahrscheinlichste; sie suchten
zwar selbst am oberen Mahakam kein Gold, hatten aber von den Malaien
gehrt, dass wir darauf ausgingen. Als es sich herausstellte, dass ich
Gestein der verschiedensten Art mitnahm, glaubte die Bevlkerung in
mir einen Alchimisten zu sehen, der bei der Heimkehr alles Gestein
zusammenschmelzen und daraus Gold herstellen wrde. Auch diese
Auslegung kam mir malaiischen Ursprungs vor. Von dieser Anschauung
beherrscht gingen die Bahau auf unseren Exkursionen daher hufig
darauf aus, Gestein zu suchen, das Pyrit oder Glimmer enthielt,
weil sie diese fr Gold ansahen. Obwohl sie selbst Flusssteinen von
besonderer Form, mit einem Loch in der Mitte oder mit eigenartiger
Krmmung, eine beschirmende Kraft zuschreiben und sie als Sitz eines
bestimmten Geistes ansehen und obwohl sie auch hbsches Gestein,
wie den _batu boh_ aus dem Boh, als Schnallen fr Schwertgrtel und
als Perlen schleifen, konnten die Bahau doch mein Interesse fr das
Gestein an sich nicht begreifen. Nur selten widersetzten sich die
Leute dem Sammeln der Gesteine,' trotzdem sie oft unter der Last,
die sie zu tragen bekamen, sthnte.

An einigen Stellen des Flussufers, wo Geister hausen sollten, bat man
mich allerdings, mit meinem Schmiedehammer keine Stcke abschlagen
zu lassen, was ich denn auch nicht tat. An einigen anderen: Orten,
wie in dem Flsschen Tasan beim Berge Situn, wo die Ufer aus dunklen,
senkrechten Felswnden bestehen, ergriffen alle Bahau die Flucht,
als ich die Malaien einige Kalkstcke abschlagen liess.

Die topographische Aufnahme des oberen Mahakamgebietes stiess, der
eigenartigen Umstnde wegen, unter denen sie vorgenommen werden musste,
auch auf besondere Schwierigkeiten. Bevor wir unser eigentliches
Arbeitsfeld erreichten, hatten wir Bootfahrten auf kleinen, wilden
Gebirgsbchen und Landzge durch den Urwald im Quellgebiete des Kapuas
auszufhren, daher war es unmglich gewesen, fr die Bestimmung des
Meridians eines Ortes Chronometer mitzunehmen, weil diese durch die
Erschtterungen, denen sie whrend der Reise ausgesetzt gewesen wren,
ihre Zuverlssigkeit eingebsst htten.

Die Mglichkeit, mittelst astronomischer Beobachtungen die Lage
eines Ortes zu bestimmen, war somit ausgeschlossen und wir waren
darauf angewiesen, an die topographische Aufnahme des Kapuasgebietes,
welche nach neunjhriger Arbeit (1886-1895) von dem topographischen
Institut der indischen Armee in Batavia ausgefhrt worden war,
anzuknpfen. Whrend dieser Aufnahme waren bis zur Mndung des
Krhau Punkte astronomisch bestimmt und von diesen aus mittelst
Triangulation die wichtigsten Bergspitzen fixiert worden, um als
Anhaltspunkte fr Detailaufnahmen zu dienen. Um diese vorzunehmen,
hielten sich die Topographen monatelang in den unbewohnten Gebieten
des oberen Kapuas auf.

Wie bereits im Kapitel XI berichtet worden ist, hatte der Topograph
_Werbata_ 1893 den Weg zum Penaneh genau gemessen; da dieser Weg
aber fr unsere Verhltnisse zu beschwerlich war, hatten wir den
nrdlicheren zum Howong einschlagen mssen. Htten wir mehr Zeit
gehabt, so wre es mglich gewesen, den zurckgelegten Weg direkt zu
messen; da dies nicht der Fall war, mussten wir selbst einen Punkt
suchen, den wir durch Anpeilen bereits bestimmter Berge im Kapuasgebiet
zum Fixpunkt machen konnten. Daher scheuten wir keine Mhe, um auf
der Wasserscheide nach einem derartigen Punkt zu suchen, den wir in
der Tat auch fanden. Somit erffnete sich uns die Aussicht, von hier
aus durch direkte Messung des zurckgelegten Weges eine Grundlage
fr die weitere Aufnahme des ganzen Mahakamgebietes zu erhalten.

Ich hatte bereits auf meiner vorigen Reise feststellen knnen, dass
das ganze Flussgebiet des oberen Mahakam, in gleicher Weise wie der
brige Teil Mittel-Borneos, aus einem Berg- und Hgelland ohne Ebenen
besteht, das von zahlreichen Flssen durchschnitten wird und ausser an
den Stellen, wo die Bahau ihn zur Anlage von Reisfeldern gefllt haben,
mit dichtem Walde vollstndig berdeckt ist. Auch hatte ich mich bald
davon berzeugt, dass wir von Landwegen nur sehr geringen Gebrauch
wrden machen knnen und dass wir den Mahakam und seine Nebenflsse als
wichtigste Reisewege wrden bentzen mssen. Da sich nur an den Ufern
des Hauptstromes und einiger Nebenflsse Niederlassungen befinden,
mussten, um weiter abgelegene Beobachtungspunkte zu erreichen,
besondere Expeditionen ausgefhrt werden.

Mit Rcksicht auf die noch unbekannten Verhltnisse, denen wir auf der
Reise begegnen wrden, und auf den Zweck unserer Reise, war es nicht
mglich, von vorn herein einen festen Plan fr die topographische
Aufnahme auszuarbeiten. Die Umstnde sollten bestimmen, wie lange wir
am oberen Mahakam bleiben konnten und welche Zge wir in dieser Zeit
zwecks der topographischen Aufnahme oder aus politischem Interesse
wrden unternehmen knnen. In jedem Falle musste auf eine feste
Grundlage gebaut werden und, da das Messen des Weges sehr wohl mglich
erschien, wurde beschlossen, von dem Fixpunkt auf der Wasserscheide
aus den Landweg lngs des Howong bis an den Mahakam und dann diesen
Fluss selbst direkt zu messen. Im brigen sollte die Zukunft lehren,
in wie weit es mglich sein wrde, durch Messen von Seitenwegen zu
Wasser und zu Lande, durch Anpeilungen von Fixpunkten aus und durch
Bergbesteigungen die Aufnahme dieses ausgedehnten Gebietes auszufhren.

Der Topograph _Bier_ hatte sich fr die Aufnahme mit einem Theodolit
Tranche-Montagne, mit dem Azimuth und Hhe bestimmt werden konnten,
und mit 3 m langen Massstben, auf welchen eine Skala in Centimetern
angegeben war, ausgerstet. Im Fernrohr des Tranche-Montagne waren
Kreuzfden und Horizontalfden gespannt, in solch einem Abstand,
dass dieser mit der Anzahl Centimeter auf der Skala des Masstabes,
welche man zwischen ihnen auf 100 m Distanz ablas, in einfachem
Verhltnis stand. 100 Meter Abstand entsprachen 100 Centimetern auf
der Skala. Eine Messkette hatten wir nicht mitgenommen, da unser Weg
grossenteils zu Wasser zurckgelegt wurde und von einer regelrechten
Triangulation des Gebirgslandes keine Rede sein konnte.

Zur Kontrolle fr die Hhenbestimmung durch direkte Messung mittelst
des Theodolits war ich mit zwei guten Aneroidbarometern und einem
Hypsometer ausgerstet, an denen an allen wichtigen Punkten Ablesungen
gemacht wurden.

Einer der Aneroidbarometer von der Firma _Kipp en Zonen_ in Delft
stimmte mit dem Hypsometer auf jeder Hhe berein; er hatte bereits
die Reise 1896-1897 mitgemacht und war damals in der Sternwarte zu
Leiden verifiziert worden.

Whrend der Reise wurde eine Abweichung des Kompasses des Theodolits
nur ein einziges Mal am Blu-u festgestellt, was teilweise auch dem
Umstand zugeschrieben werden muss, dass der Himmel selten unbewlkt
genug war, um whrend eines grossen Teils des Tages den Stand der
Sonne mit gengender Schrfe mittelst des Fernrohres bestimmen zu
knnen. Diesem Umstand muss vielleicht zugeschrieben werden; dass
bei der Zeichnung der Karte im Massstab von 1 : 20000 die Lnge des
Mahakam bis zum astronomisch bestimmten Punkte Ana sich als richtig
erwies, die Richtung jedoch um einen Grad nach Sden abwich.

Die Aufnahme des Landweges bereitete unserem Topographen, der jahrelang
in dem waldbedeckten Gebirge Mittel-Sumatras gearbeitet hatte, keine
Schwierigkeiten. Einer der ursprnglich 3 m langen Massstbe wurde auf
die Hlfte verkrzt, um auf den Waldpfaden seiner Lnge wegen nicht
hinderlich zu sein, ferner wurde etwas mehr Zeit darauf gewendet, um
die gewundenen, steigenden und fallenden Pfade in kleinen Abstnden
messen zu knnen. Anders verhielt es sich mit dem Messen des Mahakam
selbst, da die langen, schmalen Bte der Bahau zum Aufstellen des
Theodolits nicht stabil genug sind. Auch das Aneinanderbinden mehrerer
Bte war wegen der zahlreichen Verengungen und Stromschnellen im
Fahrwasser sehr beschwerlich. Daher musste der Topograph auch bei
der Flussmessung zum Aufstellen seines Instrumentes das feste Ufer
whlen. Die Gehilfen, die in gesonderten Bten die Massstbe hielten,
lernten es bald, sich entweder mit ihren Bten zwischen Felsblcken
und Gerllbnken festzusetzen oder am Lande eine passende Stelle
zu finden. In der Regel waren drei Bte erforderlich: eines fr den
Topographen und zwei fr die Gehilfen. Indem _Bier_ einen Massstab
oberhalb und einen unterhalb seines eigenen Standplatzes aufstellen
liess, konnte er von einem Punkte aus zwei Abstnde im Flusse
messen. Der stromaufwrts befindliche Gehilfe suchte sich, whrend
der Topograph den stromabwrts befindlichen Massstab visierte, mit
seinem Bote einen passenden Punkt weiter unten im Fluss aus, worauf
der Topograph wiederum zwischen beiden Stand fasste und erst den jetzt
flussaufwrts befindlichen Massstab visierte dann den flussabwrts
befindlichen u.s.f.

Dadurch, dass _Bier_ seine Messungen stets von dem am weitesten
flussaufwrts gelegenen Punkt aus begann, lief er am wenigsten Gefahr,
durch pltzliches Hochwasser aufgehalten zu werden, auch konnten sich
die Bte mit dem Strome schnell abwrts bewegen.

Dank der langen Zeit von beinahe zwei Jahren, die wir am oberen Mahakam
zu verbringen gezwungen waren, und der Sicherheit, mit der wir uns
bewegen konnten, gelang es dem Topographen, den Mahakam stckweise, von
seinem Ursprung an der Grenze von Serawak an bis zu dem astronomisch
bestimmten Punkt Ana am mittleren Mahakam, zu messen. Indem er den Kaso
bis zum Penaneh, dem Endpunkt der Messung des Topographen _Werbata_,
hinauffuhr, konnte er spter seine Messung des Mahakamgebietes nochmals
mit derjenigen des Kapuas in Verbindung bringen.

In Anbetracht, dass der Kapuas, von Pontianak aus, seiner ganzen
Lnge nach bereits gemessen war, wurde mit einer Messung des Mahakam
diejenige Borneos von West nach Ost vollendet.

Im Zusammenhang mit dieser Aufnahme wurde die Wasserscheide zwischen
Mahakam und Barito vier Mal erstiegen: im Januar 1899 lngs des Blu-u
der Batu Lesong; im Juni 1899, bei der Messung des Bunut, der Batu
Ajo; im Juli 1899 von Long Deho aus das gleiche Gebirge, nrdlicher;
und im April 1900, dem Mobong entlang, wiederum der Batu-Ajo, an
einer dazwischen liegenden Stelle.

Auch bei der Messung des Pahng, eines der gebruchlichsten
Verbindungswege mit dem Baritogebiet, gelangte der Topograph bis dicht
an die Wasserscheide. Ausser den genannten Nebenflssen wurden auch
noch der Tjehan, Meras und der Tepai so weit als mglich gemessen. An
Bergen wurden der Aufnahme wegen bestiegen: der Liang Tibab am oberen
Kapuas; der Lasan Tojang im Quellgebiet des Mahakam; der Batu Balo
Baun am oberen Mahakam; der Lekudjan auf der Kapuas-Wasserscheide;
der Liang Karing am Tjehan; zwei Berge am Kaso; der Batu Lesong auf
der Barito-Wasserscheide; der Batu Karang und Batu Situn am Meras,
der Batu Mili am Blu-u und der Batu Ajo an drei verschiedenen Stellen.

Zwar suchten wir, um eine mglichst vollstndige bersicht ber die
Umgebung zu erlangen, zur Besteigung freiliegende Berge zu whlen,
doch mussten wir oft auf besondere Umstnde Rcksicht nehmen.

Da viele dieser Berge von den Kajan noch nie erstiegen waren, mussten
wir, von anderen Erhebungen aus, hufig selbst eine Seite aussuchen,
von der aus man den Gipfel wahrscheinlich erreichen konnte. Auf
dem Gipfel angekommen befanden wir uns in einem dichten Walde, so
dass zur Erlangung einer Aussicht erst Durchhaue ausgefhrt werden
mussten. War der Gipfel sehr klein oder nur mit Gestrpp bewachsen,
wie wir es jedoch nur einmal trafen, so wurden auf das Fllen der
Bume einige Tage verwandt. Fr gewhnlich war dieses Verfahren aber
wegen der grossen Oberflche des Gipfels und wegen der grossen Hrte
der Gebirgsbume nicht mglich. Wir whlten dann den hchsten Baum
aus, liessen die meisten ste entfernen und auf den briggebliebenen
eine feste Plattform bauen, auf der man mit Sicherheit visieren
konnte. Der Auf- und Abstieg auf der primitiven Leiter war aber
sowohl fr _Bier_ als fr mich ein Wagstck. In unmittelbarer Nhe
unseres Beobachtungspostens musste ausserdem stets eine grssere
Anzahl Bume gefllt werden, weil deren Kronen die Aussicht zu sehr
beeintrchtigten.

Wegen der Abreise des Topographen _Bier_ vor dem Beginn unserer
Expedition ins Quellgebiet des Kajan konnte von einer sorgfltigen
Aufnahme dieser Gegend keine Rede sein. Dafr bernahm es der
Photograph _Demmeni_, den Weg mittelst Handbussole und Schtzung
des Abstandes zu messen, wie er es bereits whrend der ersten Reise
1896-1897 am Mahakam mit gutem Erfolg getan hatte.

Auch fr unsere topographischen Arbeiten hatten die Eingeborenen
bald eine Erklrung gefunden oder von den Malaien bernommen, sie
glaubten nmlich, dass es uns darum zu tun sei, ihre Schlupfwinkel zu
Kriegszwecken kennen zu lernen. Wir konnten sie von ihrer berzeugung
nicht abbringen, trotzdem wir darauf hinwiesen, dass wir uns doch
nur an die Huptflsse und wichtigsten Berge hielten und dass
_Bier_ seine Karte ausarbeitete, ohne ihre nchste Umgebung viel zu
beachten. Trotzdem sind wir am oberen und mittleren Mahakam nie auf
Widerstand seitens der Bahau gestossen; diese unternahmen unserer
Arbeit wegen hufig weite Reisen in ihnen selbst unbekannte Gegenden.

Anfangs hatte es allerdings den Anschein, als arbeite man uns entgegen;
denn nur selten erhielten wir ber die Namen kleinerer Flsse oder
etwas abgelegenerer Berge richtige Auskunft. Entweder behauptete
man, nichts zu wissen, oder man gab falsche Namen an. Zu unserem
Erstaunen stellte es sich aber spter heraus, dass mit geringen
Ausnahmen wirkliche Unwissenheit in bezug auf alles, was sich nicht
in unmittelbarer Nhe des Stammesgebietes befand, vorlag. Selbst
hohe, die ganze Landschaft beherrschende Berge trugen nur bei den
in nchster Nhe wohnenden Stmmen einen Namen. Nur diejenigen,
die zu wiederholten Malen lngs des gleichen Flusses gereist waren,
konnten mit einiger Sicherheit dessen Namen angeben.

Die meisten kamen brigens ihr Leben lang nicht aus ihrer Umgebung
heraus und hatten fr alles, was im Gebiet des benachbarten Stammes
lag, kein Interesse. Da wir uns mit Hilfe eines Bahau von einer
Bergspitze aus absolut nicht orientieren konnten, lernten wir bald,
unsere eigenen Erfahrungen und Beobachtungen zu Rate zu ziehen,
sowohl wenn es galt, die Identitt eines Berges festzustellen,
als auch wenn ein Plan zur Erreichung eines bestimmten Punktes als
Beobachtungspunkt gefasst werden musste.

Sollten unbekannte oder gefrchtete Gegenden besucht werden, so bildete
fr die Bahau nicht nur Unwissenheit, sondern auch Angst um ihre eigene
und unsere Sicherheit einen Hinderungsgrund. Unserer topographischen
Arbeit wegen mussten wir immer wieder Bergspitzen zu erklimmen suchen
und gerade vor diesen frchten sich die Eingeborenen so sehr, weil die
Berghhlen von bsen Geistern, hauptschlich von den Donnergeistern,
bewohnt werden. Um die gefrchteten Unternehmungen zu verhindern,
nahmen die Bahau hufig zu falscher oder entsetzlich bertriebener
Auskunft ihre Zuflucht; den Kern von Wahrheit mussten wir selbst
herauszufinden suchen. Sobald ich aber den Zug mit einigen ihrer Mnner
wirklich antrat, taten sie alles, um ihm einen guten Erfolg zu sichern.



Wenige Hilfsmittel fr Untersuchungen aller Art gewhren einem
auf der Reise so viel Befriedigung als die Photographie; sie
erfordert jedoch, je nach dem Ziel, das man verfolgt, und dem Land,
das man bereisen will, eine besondere und sorgfltig gewhlte
Ausrstung. Fr ein sehr feuchtes Tropenklima, wie dasjenige
von Borneo, sind Apparate von besonderer Widerstandsfhigkeit
erforderlich. Obgleich wir bei der Zusammenstellung der Ausrstung
die verschiedensten Punkte eingehend bercksichtigten, wre es
uns ohne die besondere Geschicklichkeit _Demmenis_ als Mechaniker,
der im stande war, bald dieses, bald jenes an der Kamera und vor
allem an den Wechselkassetten zu reparieren, nicht geglckt, lnger
als einige Monate zu photographieren. Hauptschlich erforderten die
neu aus Europa empfangenen Gegenstnde, obgleich sie aus sehr gutem
Material verfertigt waren, eine stndige Ausbesserung; bald krmmten
sie sich vor Feuchtigkeit und Hitze, bald lste sich der Leim und
musste durch Schrauben ersetzt werden.

Auch in bezug auf die photographische Ausrstung galt unser Grundsatz:
so vollstndig und so leicht transportierbar als mglich. Hierbei
kamen hauptschlich die Platten in Betracht. Als besonders geeignet
erwiesen sich die Extra-Rapid-Films 13  18 der Firma _Perutz_ in
Mnchen; sie hatten den grossen Vorzug, leicht und unzerbrechlich zu
sein und ein kleines Volumen einzunehmen. Der Apparat selbst bestand
aus einer fr die Tropen gearbeiteten Reisekamera aus Mahagoniholz,
Format 13  18, auf sehr festem Stativ, versehen mit einem Anastigmat
von _Zeiss_ mit einem Momentverschluss von _Linhof_.

Die Kamera hatte mir bereits auf den beiden vorigen Reisen gedient
und war somit klimabestndig. Der lederne Balg war gegen Insekten
und Schimmel mit einer starken Lsung von arsenigsaurem Natron
eingerieben und verursachte uns whrend der ganzen Reise keine
Schwierigkeiten. In Verband mit der Bentzung von Films gebrauchte
ich auf der Reise 1896-97 eine Wechselkassette, welche in der Tat
grosse Dienste geleistet hat, aber, wie erwhnt, nicht ohne stndige
Ausbesserung seitens des Photographen. Nachdem wir sie mit einem neuen
Sack ausgerstet hatten, wurde sie gelegentlich auch auf der letzten
Reise gebraucht, hauptschlich wurde aber mit einer Wechselkassette
von _Grundmann Zaspel_ gearbeitet, sie erwies sich aber, bevor
wichtige hlzerne Teile durch metallene ersetzt worden waren, als
vollstndig ungeeignet fr die Tropen. Fr diese Wechselkassetten
mussten Filmstrger aus Aluminium gebraucht werden, in welche die
Films seitlich eingeschoben wurden. Hufig standen die Films verbogen
darin, so dass die Bilder in der Mitte oder an den Seiten weniger
scharf wurden als an anderen Stellen; hiervon abgesehen, erfllten
sie ihren Zweck sehr gut.

Eine metallene Kamera mitzunehmen, ist sehr ratsam; jedenfalls aber
sollte man sich mit metallenen Chassis versehen; ihrer sechs werden
sich stets als gengend erweisen.

Die Extra-Rapid-Films von _Perutz_ haben mir auch, was Haltbarkeit der
Films und Deutlichkeit der Bilder betrifft, stets gut gefallen. Sobald
man nicht in der Lage ist, einen neuen Vorrat Films anzugreifen,
lernt man deren grosse Haltbarkeit schtzen; sie hatten auch nach
zwei Jahren nichts an Empfindlichkeit eingebsst und lieferten ebenso
deutliche Bilder als zuvor. Vorsichtshalber hatte ich bereits in
der Fabrik jedes Dutzend gesondert in Zinkkstchen verlten lassen,
so dass wenigstens der Einfluss der Feuchtigkeit ausgeschlossen war;
vor zu grosser Erhitzung suchten wir sie ebenfalls so viel als mglich
zu schtzen.

Chemikalien und Gertschaften, um die belichteten Films schon
auf der Reise entwickeln zu knnen, wurden in gengender Menge
mitgenommen. Das Entwickeln wurde denn auch stets, sobald Aussicht
vorhanden war, das Negativ vollstndig abarbeiten zu knnen,
baldmglichst vorgenommen. Als Entwickler diente fast ausschliesslich
Hydrochinon; fr Momentaufnahmen diente zuletzt auch Methol.

Da ohne Dunkelkammer gearbeitet werden musste, wurde immer abends
entwickelt und es zeigte sich, dass bei einer Entwicklung im Walde
auch eventueller Mondschein den Prozess wenig benachteiligte.

Positive wurden whrend der Reise nicht verfertigt. Auf allen
Reisen hatten wir ausser dieser Ausrstung noch Detektivkameras
fr Momentaufnahmen von kleinerem Format mitgenommen. Obgleich wir
kostbare Apparate angeschafft hatten, waren sie fr die Tropen doch
ungeeignet und lieferten selten gute Resultate. Teilweise trugen
hieran die eigenartigen Umstnde, unter denen wir photographieren
mussten, und die Gegenstnde, welche wir photographieren wollten,
die Schuld. Bei unserem Reiseleben musste eine Aufnahme oft in
einem bestimmten Augenblick, bei schlechter Beleuchtung, bei Regen
u.s.f. gemacht werden. Handelte es sich um Personen, so waren fast
stets nur Momentaufnahmen mglich, da die Bahau vom Stillestehen keine
Ahnung haben; erst viel spter konnten wir bei einigen von ihnen eine
Zeitaufnahme ausfhren.

Innerhalb der Huser konnte nur bei sehr langer Exposition
photographiert werden, weil die Beleuchtung in den Wohnungen eine
sehr schlechte ist und die Wnde noch dazu so dunkel sind, dass auch
Momentaufnahmen bei Magnesiumlicht wegen der starken Absorption des
Lichtes durch die Wnde missglckten. Nur da, wo wir Zeitaufnahmen bei
Magnesiumlicht machen konnten, hatten wir guten Erfolg. Festlichkeiten,
Versammlungen und allerhand Szenen, bei denen viele Menschen anwesend
waren, konnten wir innerhalb des Hauses daher nicht photographieren.

Ausser durch ihre Unfhigkeit stillzusitzen bereitete die
Bahaubevlkerung den photographischen Aufnahmen auch sonst noch so
grosse Schwierigkeiten, dass wir hufig von einer Aufnahme ganz absehen
oder sie auf Monate, auf eine gnstigere Gelegenheit, verschieben
mussten. Die Abneigung der Eingeborenen gegen die Photographie hatte
ihre eigenen Grnde. Der unbekannte Zweck und das Geheimnisvolle
der einen, augenartigen Linse erschreckte die Leute. Man htte eine
derartige Angst durch angemessene Belohnung berwinden knnen, wenn
die Bahau nicht berzeugt gewesen wren, dass ihre Seele (_bruwa_)
vor Schreck den Krper verlassen knnte, was Krankheit und Tod zur
Folge gehabt htte.

Noch eine andere Eigenschaft der Bahauseele schreckte die Leute von der
Photographie ab: die Seele konnte nmlich Bild und Original verwechseln
und ersterem, somit auch uns, folgen, was natrlich grenzenloses Elend
veranlasst htte; denn nicht nur, dass der Krper dadurch erkrankt
wre, sondern ich htte dadurch auch auf weite Entfernung auf die
abgebildete Person Einfluss ausben knnen.

Einige Male hrte ich auch einige alte Mnner erklren, dass sie
sich nicht photographieren lassen wollten, weil ihre Bilder spter
in ein Buch aufgenommen und von jedem besehen werden wrden. Von
der Aufnahme in ein Buch hatten sie natrlich durch unsere Malaien
gehrt, die sich brigens auch selbst nur zgernd und ngstlich zu
einer Aufnahme hergaben.

Anfangs gaben sich die Menschen von dem allem nicht Rechenschaft. Als
wir daher zum ersten Mal im Jahre 1896 am Mahakam zur Zeit des
Saatfestes eintrafen, waren uns die Kajan bei der Aufnahme der
interessanten Maskentnze, die zum Glck im Freien stattfanden, noch
selbst behilflich. Nachdem alle Zweifel einmal entstanden waren,
dauerte es aber vier Monate, bevor wir jemand dazu bringen konnten,
sich vor unsere Kamera zu stellen. Zuerst berwanden einige junge
Mnner ihre Skrupel, dann zeigte sich auch ein leichtsinniges,
frhliches junges Mdchen, _Anja Song_, zur Aufnahme bereit. Das
Mdchen verkehrte so hufig in unserer Htte, dass sie einerseits die
Angst vor allem Ungewhnlichen verlor, anderseits der Verlockung, mit
Perlen und hbschem Zeug belohnt zu werden, nicht lnger widerstehen
konnte. _Anja Songs_ Heldenhaftigkeit hatte brigens auch noch einen
tieferen Grund; das Mdchen, eine halbe Sklavin, liebte _Sawang Jok_,
einen der vornehmsten jungen Leute des Stammes, und, da dieser sich
hatte photographieren lassen, wollte ihm _Anja Song_ an Mut nicht
nachstehen. Als sie von den Eltern ihres leichtsinnigen Benehmens wegen
streng bestraft wurde, berredete sie zur eigenen Entschuldigung einige
Freundinnen, sich ebenfalls zur Photographie herzugeben. Nachdem die
Bresche einmal geschlagen war, erhielten unsere Aufnahmen einen grossen
Zulauf, besonders war dies bei unserem zweiten Besuch bei den Kajan am
Blu-u der Fall, aber erst nachdem wir wiederum einige Monate bei ihnen
gelebt hatten. Diesem Zulauf haben die Bilder, welche die verschiedenen
Industrieen der Bahau darstellen, ihr Dasein zu verdanken.

Bei den Mendalam Kajan war das Vorurteil vor der Photographie viel
schwerer zu berwinden als bei denen am Mahakam; das Gleiche galt auch
in bezug auf die anthropometrischen Messungen. Da mir bei meinem ersten
Aufenthalt unter ihnen, im Jahre 1894, hauptschlich an letzteren
gelegen war, liess ich die Photographie ruhen. Im Jahre 1896, als
ich meine Expedition zum Mahakam bei ihnen vorbereitete, vermied ich
alles, was irgendwie ungnstig auf den Verlauf unserer Unterhandlungen
htte einwirken knnen; als man sich daher zur Aufnahme nicht willig
zeigte, suchte ich nichts durchzusetzen. Nur meine alte Freundin _Usun_
berwand sich selbst, um mir eine Freude zu machen, und kam nach meiner
Abreise von Tandjong Karang nach Putus Sibau, um sich photographieren
zu lassen. Bei ihrem hohen Alter spielte wohl auch die berlegung, dass
der Photograph ihrer Ehrbarkeit Abbruch tun knnte, wenn er an ihrem
umgekehrten Bilde auf der Mattscheibe unerlaubte Dinge sehen wrde,
keine grosse Rolle. Die vielen Malaien, die am Mendalam verkehrten,
hatten nmlich erzhlt, dass beim Photographieren sowohl die Personen
als deren Kleider sich umkehrten. Auf _Usun_ Photographie ist daher
zu sehen, dass sie ber die gewhnliche _ta-a_ noch ein besonderes
Tuch geschlungen hat und dass sie beide Arme krampfhaft an ihre Beine
presst, um den Rck festzuhalten. Obgleich wir den Kajan hufig das
Bild auf dem Mattglas zeigten, konnten wir ihnen doch die von den
Malaien bernommene berzeugung nicht nehmen.




KAPITEL XV.

    Verhltnisse bei den Mahakam Kajan.--Zeitrechnung--Beschftigungen
    whrend der Verbotszeit--Besteigung des Batu
    Mili--Saatfest--Maskenspiel--Kreiselspiel--Abschied von _Adam Igau_
    und _Jung_--Fahrt zum Meras--Tod des Huptlings _Bo Li_--Begegnung
    mit malaiischen Rebellen--Beginn mit der Mahakamaufnahme--Zweite
    Besteigung des Batu Mili--Sage vom Batu Mili--Hahnenkmpfe.


Der Stamm der Kajan befand sich bei unserer Ankunft in einer
bergangsperiode. Nach der letzten gnstigen Ernte im Frhling waren
zwar die meisten Familien, die seit dem Niederbrennen ihres langen
Hauses, 13 Jahre lang, zerstreut auf ihren Reisfeldern gewohnt
hatten, an die Mndung des Blu-u gezogen, aber der Hausbau schritt
doch nur sehr langsam vorwrts; auch waren viele Familien durch
die jahrelange Trennung einander vllig entfremdet und so scheu
geworden, dass sie es nicht wagten, mit den eigenen Stammesgenossen
am Blu-u zusammenzuziehen. Aus Besorgnis, dass diese Entfremdung den
Stammverband und somit die innere Macht des Stammes lockern knnte,
wnschte _Kwing Irang_, dass sich alle Familien baldmglichst in der
neuen Niederlassung vereinigten.

Die Familien der Sklaven zur Rckkehr zu bewegen, war fr den Huptling
eine besonders schwierige Aufgabe; denn diese hatten in oft weit
entlegenen Flusstlern jahrelang die grsste Freiheit genossen und
frchteten nun mit Recht, dass sie nach ihrer Rckkehr zum Stamme
gezwungen sein wrden, mehr fr den Huptling zu arbeiten. Nur 10
Sklavenfamilien hatte _Kwing Irang_, dem wenigstens 150 _dipen_
gehrten, bei sich zurckbehalten und einige andere bebauten unter
Aufsicht einer ihm befreundeten, freien Kajanfamilie seine weiter
abgelegenen Felder.

Die gute Ernte, der sich die Kajan in diesem Jahre erfreuten, sprte
ich sogleich an der Schnelligkeit, mit der sich die vom Huptling
geliehenen grossen Fsser aus Baumrinde mit gewhnlichem Reis und
Klebreis fllten. Der reichen Ernte wegen hatte der Stamm auch noch
nicht mit Sen begonnen, obgleich es bereits Oktober war. Bei meiner
Ankunft 1896 hatte man bereits Anfang September gest; damals war
aber eine Missernte vorangegangen, auch wurden diesmal viele durch
den Umzug an der Feldarbeit verhindert.

Die meisten Familien legten in diesem Jahre, des berflusses an Reis
und des Huserbaues wegen, nur kleine Reisfelder an.

Der offizielle Saattag fiel diesmal, wie auch sonst fters, nicht
mit dem wirklichen Saattag zusammen. Den ersteren bestimmt der alte
Priester _Bo Jok_, nach dem Stand der Sonne, indem er neben dem
Hause zwei lngliche Steine, einen grsseren und einen kleineren,
aufrichtet und dann den Zeitpunkt beobachtet, in dem die Sonne in der
Verlngerung der Verbindungslinie dieser beiden Steine hinter den
gegenberliegenden Hgeln untergeht. Der Saattag ist der einzige,
den _Bo Jok_ auf astronomischem Wege bestimmt. Im brigen ist die
Zeitrechnung bei den Kajan eine mehr oder weniger willkrliche und
vom Ackerbau abhngige (Siehe Kap. VIII).

Der Monat oder, wie sie sagen, der Mond (_bulan_) spielt bei den Kajan
eine grssere Rolle als das Jahr (_duman)_, von dem kaum jemand recht
weiss, aus wievielen Monden es besteht. Fr gewhnlich rechnen sie
ein bis zwei Monde auf die Saat, 5 Monde auf die Zeit, die der Reis
zum Reifen ntig hat, zwei bis drei Monde auf die Ernte und drei
Monde bis zur folgenden Saat.

Die verschiedenen Monde besitzen bei den Bahau keine besonderen Namen.

Bei den Mendalam Kajan besitzen die verschiedenen Tage in der Zeit
des sichtbaren Mondes folgende Namen in der Busang Sprache: _njina_
(sehen) _dang_ (gengend); _matan_ (Auge) _dang; lekurdang; butit_
(Bauch) _halab_ (Tetradon, ein Kofferfisch) _ok_ (klein); _butit
halab aja_ (gross); _keleong_ (Krper) _paja ok; keleong paja aja;
beliling_ (Rand) _dija_ und _kamat_ (voller Mond). Die folgenden Tage
tragen die gleichen Namen, aber in umgekehrter Reihenfolge und mit der
Hinzufgung von _uli_ = nach Hause gehen. Die Tage des unsichtbaren
Mondes werden nicht bezeichnet.

Die verschiedenen Tageszeiten heissen im Busang der Mendalam Kajan:
_dow_ (Tag) _bekang_ (offen, gespalten), um 6 Uhr morgens; _dow
njirang_ (scheinen) _mahing_ (krftig), um 9 Uhr ungefhr; _dow
negrang_ (aufrecht) _marong_ (wirklich), um 12 Uhr; _dow njaja_
(gross), um 4 Uhr; _dow lebi_ (klein), um 6 Uhr abends.

Die Mahakam Kajan besitzen fr die Tageszeiten andere Bezeichnungen:
_beluwa_ (halb) _dow_, um 12 Uhr mittags; _dow uli_ (von der Feldarbeit
heimkehren), ungefhr 4 Uhr; _tiling_ (ein Heimchen, das sich nur
bei Sonnenuntergang hren lsst) _duan_ (tnen), um 6 Uhr.

Whrend die brigen Stmme mit den Saatfesten und Verbotszeiten
bereits begonnen hatten, trafen die Kajan erst ihre Vorbereitungen. Am
13. Oktober liess auch _Kwing Irang_ endlich fr seinen Stamm die
Verbotszeit eintreten, die auch fr uns eine Zeit grosser und sehr
erwnschter Ruhe wurde, denn weitaus die meisten arbeitsfhigen
Familienglieder zogen bereits morgens frh nach ihren Reisfeldern,
um dort die erforderlichen Zeremonien zu verrichten und mit dem Sen
zu beginnen. Da die Bahau bei dieser Gelegenheit intim mit ihren
Geistern verkehren und die Gegenwart der schreckenerregenden Fremden
hierbei von nachteiligem Einfluss ist, berwand ich, um mit allen
Leuten auf gutem Fuss zu stehen, meine Neugier und blieb mit den
Meinen ruhig zu Hause. brigens hatte ich ja auch schon am Mendalam
das Saatfest miterlebt. Die Verbotszeit erstreckte sich auch auf uns,
und so genossen wir, da ausser Kajan niemand zur Niederlassung Zutritt
hatte, auch von aussen her der Ruhe.

Als _Tigang_ mit den Seinen bereits am 16. Oktober bei uns eintraf,
durfte er unser Dorf nicht betreten. Er hatte den Meras hinauffahren
wollen, um die Ma-Suling zu besuchen, hatte aber seinen Plan aufgeben
mssen, da bei diesen am Tage zuvor die Verbotszeit eingetreten war.

Die Ma-Suling vom Mendalam waren dort noch rechtzeitig, zwei Tage
zuvor, angekommen, durften nun aber vor Ablauf des _lali nugal_
nicht von dort weg. _Tigang_ hatte auch die Niederlassung Lulu Njiwung
wegen des _lali_ gesperrt gefunden und war dann flussabwrts bis nach
Long Tepai gefahren, wo er Reis fr seine Rckreise hatte einkaufen
knnen. Er hatte die Absicht, bei _Belar_ einen gnstigen Wasserstand
abzuwarten und dann schnell nach dem Mendalam zurckzukehren; daher
beendeten wir eiligst unsere Briefe und Berichte fr die Aussenwelt und
reichten sie ihm unter _Kwing Irangs_ Zustimmung in sein Boot. Reis,
Tabak und andere Dinge durften wir ihm jedoch nicht mitgeben.

Glcklicher Weise war es meinen Jgern und Pflanzensuchern, falls
sie nicht die Nacht fortblieben, gestattet, tglich in der Umgegend
umherzuschweifen. Abends waren wir wohl ein bis zwei Stunden damit
beschftigt, den Kajan die vom Felde mitgebrachten Insekten und
anderen Tiere abzukaufen; _Demmeni_ und zwei der geschicktesten
Malaien, _Murchar_ und _Abdul_, bernahmen die Verpackung der
Tiere. Gleichzeitig suchte _Demmeni_ auch den Schaden, den die
photographischen Apparate whrend der Reise durch Feuchtigkeit erlitten
hatten, wieder gut zu machen, was ihm auch, dank der praktischen
Ausrstung an Werkzeugen aller Art, die er mitgenommen hatte, glckte.

Der Kontrolleur, der bisher jeden Tag _Adjang, Akam Igaus_ Sohn,
unterrichtet und gleichzeitig auch von ihm gelernt hatte, gab sich
alle Mhe, diese Quelle des Busang noch nach Mglichkeit auszuntzen;
denn so gern wir diesen allgemein beliebten Reisegesellen auch bei
uns behalten htten, mussten wir ihn jetzt doch mit seinem Vater,
der sich zu den Kenja am Tawang begab, weiter ziehen lassen, da _Akam
Igau_ aus Furcht vor seiner Tochter _Tipong_ nicht wagte, _Adjang_
zurckzulassen, obgleich dieser selbst gern bei uns geblieben wre.

Inzwischen berlegte ich mit _Bier_, was mit Rcksicht auf die
berzeugungen unserer Gastherren im Augenblick fr die Aufnahme des
Mahakamgebietes getan werden konnte. Ein systematisches Zuwerkegehen,
wie in einem Lande, in dem man sich jederzeit frei bewegen kann,
war hier unmglich. Am wnschenswertesten wre es gewesen, mit der
Messung des Mahakam vom Howong an zu beginnen, aber in dieser Zeit
des _lali nugal_ durften wir nicht von Hause fort, ich musste sogar
6 Tage warten, bevor ich _Bier_ von einem hoch gelegenen Reisfelde
aus eine bersicht ber die Umgegend geben durfte. Die Reisfelder
liegen hier nmlich nicht, wie in dem flachen Lande am Mendalam,
tief, sondern an den Abhngen oder auf den Gipfeln der Hgelreihen,
welche die Kajan zu diesem Zweck entwaldet haben. Da sich die Felder
oft bis 200 m oberhalb des Mahakam befinden, bieten sie prachtvolle
Aussichtspunkte auf die mit dichtem Walde bedeckte Umgebung.

Ein viel verlockenderer Aussichtspunkt lag jedoch gegenber, am
anderen Ufer des Mahakam, nmlich ein ganz freistehender, oben
beinahe kahler, 800 m hoher Andesitkegel, der Batu Mili, der ein
prachtvolles Panorama des oberen Mahakamgebietes liefern und daher
auch fr unseren weiteren Plan der Aufnahme von grsster Wichtigkeit
sein musste. Dieses ins Auge fallende Ungeheuer, das seinen 100 m
hohen zylinderfrmigen Gipfel so unheilverkndend grau aus dem mit
dunkelgrnem Urwald bedeckten Kegel erhob, hatte natrlich auf die
Gemter der Kajan tiefen Eindruck gemacht.

ber den Ursprung des Batu Mili und ber seine Rolle als Wohnplatz
vieler Donnergeister bestehen zahlreiche Erzhlungen und sowohl sein
Gipfel als auch die Wlder auf seinen Abhngen flssen Schrecken
ein; selbst die am anderen Ufer oberhalb am Fluss wohnenden Malaien
vermeiden den Berg. Nur in grosser Entfernung darf man Wald zur
Anlage von Reisfeldern fllen und dem in diesen unberhrten Wldern
zahlreichen Wild Fallen stellen.

Die Angst der Kajan vor dem Batu Mili erscheint um so unverstndlicher,
als sie sehr wohl wissen, dass ein Mann einst einen Monat lang
unbeschadet auf seinem Gipfel zugebracht hat. Wie mir nmlich _Lirung,
Kwing Irang_s Nichte, erzhlte, hatte in ihrer Jugend, vor zwanzig
Jahren, in dem damals weiter oben gelegenen Hause ihres Vaters ein
Mann gewohnt, fr den das Leben nach dem Tode seiner Frau keinen Reiz
mehr hatte. Um mit der geliebten Gattin in _Apu Kesio_ bald wieder
vereinigt zu werden, beschloss der Mann, sich das Leben zu nehmen. Er
hielt es jedoch fr des Gedchtnisses seiner Frau unwrdig, sich auf
die bliche Weise, durch Ertrnken, Halsabschneiden oder Pfeilgiftessen
umzubringen, und bestieg daher den Batu Mili, in der Hoffnung, von
den auf dem Gipfel hausenden Geistern gettet zu werden. Lnge hrte
man nichts von dem Manne, bis er eines Tages entsetzlich abgemagert,
sonst aber unversehrt, zurckkehrte--die Geister hatten ihn nicht
tten wollen. Er lebte noch mehrere Jahre im Stamme, heiratete aber
nicht wieder. Einige meiner Leute hatten ihn noch gekannt.

In der letzten Zeit, wo die Kajan in nchster Nhe ihres Dorfes
nach Grundstcken suchten, hatten sich einzelne doch viel nher an
den gefrchteten Berg herangewagt als frher. So hatte einer der
angesehensten Mnner des Stammes, _Bo Kwai_, dessen Sohn _Maring_
uns bei unserem vorigen Besuch oft als Fhrer gedient hatte, sogar
auf dem westlichen Rcken des Batu Mili sein Reisfeld anzulegen
gewagt. Nach diesem hochgelegenen Punkte wollte ich _Bier_ zur
Orientierung fhren, zugleich aber auch versuchen, lngs dieses
Rckens, der, nach den Gipfeln der Bume zu urteilen, am hchsten auf
die nach allen anderen Seiten senkrecht abfallende Spitze hinauffhrte,
zu einem noch gnstigeren Aussichtspunkte zu gelangen. _Kwing Irang_
schttelte das Haupt und erklrte bestimmt, dass wenigstens der Gipfel
des Berges nicht zu besteigen sei. Keiner der Kajan wollte uns weiter
als bis zum Reisfeld des _Bo Kwai_ fhren und auch dahin wollten
nur zwei mit; die anderen frchteten, dass man sie am Ende doch noch
zwingen wrde, in diese schreckenerregenden Wlder einzudringen. Meine
eigenen Leute waren, als Fremde in dieser Gegend, weniger bang vor
den Geistern des Batu Mili und drei der besten, der Korporal _Suka_,
der dajakisches Blut mit malaiischer Energie vereinigte, und zwei
Pinau Malaien erklrten sich zum Mitgehen bereit. Unter dem fremden
Gesindel, das sich am Mahakam auf hielt, befand sich auch der bereits
erwhnte Chinese _Mi-Au-Tong_, der wegen Schulden aus Pontianak erst
nach Sintang, dann an den oberen Kapuas und schliesslich an den oberen
Mahakam geflchtet war; da der Mann die Umgegend kannte und auf einen
guten Taglohn erpicht war, nahm ich ihn mit.

Am Morgen des 22. Oktober machten wir uns auf den Weg. ber die
neu angelegten Reisfelder am Fusse des Berges gelangten wir an einen
bewaldeten Abhang, den wir hinaufstiegen, bis wir endlich nach einigen
Stunden auf 650 m Hhe vor einer senkrechten Felswand standen, die
ein Erklimmen des Gipfels unmglich zu machen schien. Die Vegetation
kam uns aber auch diesmal zu Hilfe, denn die Malaien entdeckten bald
hinter ein paar Felsblcken eine 2-3 m breite Felsspalte, an welcher
einige mchtige Lianen wie dicke Kabel herabhingen und eine vorzgliche
Gelegenheit zum Klettern boten. Meine barfssigen Begleiter kletterten
denn auch sogleich an den Lianen hinauf und schwangen sich dann auf
eine durch Baumwurzeln zusammengehaltene Felsmasse an der rechten Seite
der Spalte. Von dort aus fanden sie augenscheinlich eine Mglichkeit
zum Weiterkommen; denn ihre Stimmen verklangen mehr und mehr. Da ich
mit meinen beschuhten Fssen das Kletterkunststck meiner Leute nicht
nachmachen konnte, rief ich sie mit meiner Pfeife zurck, um ein Mittel
zu ersinnen, das auch mich ber die Felswand brchte. Dnne, gerade
Stmmchen und Rotang, um sie zu verbinden, waren in nchster Nhe im
berfluss vorhanden; so war denn bald eine Art Leiter hergestellt,
auf der ich unter Zurcklassung meines Hundes und Stockes gut folgen
konnte. Der Hund erhob allerdings ein Jammergeheul, das erst endete,
als ich mich spter wohlbehalten wieder bei ihm einfand.

Weiter oben ging es an einer Seitenwand des Rckens hinauf, wobei wir
die Hnde mindestens ebensoviel als die Fsse gebrauchten. Zwischen
Gestrpp hindurch fhrten mich meine Begleiter ber moosbedeckte
Wurzeln den Abhang aufwrts, der ohne diese gnzlich unzugnglich
gewesen wre. Vor und hinter mir achtete je ein Malaie darauf, dass
die Wurzeln, denen ich mein Gewicht anvertraute, auch stark genug
waren und dass ich meinen Fuss nicht auf Moos setzte, das von unten
nicht gengend gesttzt war oder auf einem verfaulten Baumstamm lag. So
kamen wir langsam aber doch stetig vorwrts und, nachdem wir noch einen
Punkt passiert hatten, von dem aus ich auf Anraten des Chinesen nicht
nach rechts blicken durfte, wurde der Rcken weiter oben gangbarer,
da wir einem augenscheinlich durch Tiere unterhaltenen Pfade folgen
konnten. Wir mussten ihn zwar kriechend zurcklegen, standen aber
bald vor der nackten Felswand dicht unter dem Gipfel. Ein Spalt
in der Mauer und einige Unregelmssigkeiten im Gestein gengten,
um meine Leute bei 70 Steigung ber die 20 m hohe Wand zu bringen,
und, da sie der Meinung waren, dass ich, einmal so weit gekommen,
nun auch die Spitze besteigen msste, entledigte ich mich meines
Schuhwerks und langte mit einiger Hilfe ebenfalls oben an.

Nachdem wir die herrliche Aussicht ber die weite Waldlandschaft
genossen hatten, beeilten wir uns, auf dem gleichen Wege wieder nach
Hause zu gelangen, und kamen in der Tat glcklich, wenn auch sehr
ermdet, heim.

Das Erstaunen der Kajan ber das unerwartete Gelingen unseres
Unternehmens war gross; sie hatten von unserer Anwesenheit auf dem
Gipfel aber nichts gemerkt und auch unsere Schsse nicht gehrt,
so dass ein an einen Stock gebundenes Stck weissen Kattuns, das wir
oben als Signal zurckgelassen hatten, unserer Erzhlung als Beweis
dienen musste.

In Anbetracht, dass wir auf dem Gipfel fr Beobachtungen keine
Zeit gehabt hatten und _Bier_ auch nicht dabei gewesen war, nahm
ich mir vor, bald wieder dorthin zurckzukehren. _Kwing Irang_,
von Natur unternehmend, aber durch seine Umgebung und seinen
Aberglauben eingeschchtert, erklrte sich jetzt sogleich bereit,
mich zu begleiten. Darauf meldeten sich auch einige zwanzig junge
Kajan als Begleiter auf den bisher so gefrchteten Berg an; doch
musste die zweite Besteigung bis nach Ablauf der Verbotszeit und der
drckendsten Arbeit whrend der Saatzeit verschoben werden.

In allgemeinen gelten am Mahakam fr die Verbotszeit die
gleichen religisen Vorschriften wie am Mendalam, doch machen sich
Verschiedenheiten in der Auffassung der _adat_ geltend. Die Saatzeit
zerfllt in drei neuntgige Perioden, von denen jede, nach Rechnung
der Kajan, aus einem Opfertag und acht Nchten besteht.

Am ersten Tage der ersten Saatperiode begiebt sich der Huptling mit
den Seinigen und vielen anderen Familien auf das Reisfeld, um den
Geistern zu opfern (_murang)_. Da die Geister am Geruch merken knnen,
wer sich am Opfer (_kurang_) beteiligt hat, werden auch die sehr
kleinen Kinder mitgenommen, damit auch diese das Opfer berhren. Bei
dieser Art des Opfers wird zweimal im Laufe des Vormittags eine
Mahlzeit gehalten. Darauf mssen die Kajan acht Tage _melo_.

Am ersten Tage der zweiten Periode findet das Maskenspiel statt.

Am zweiten Tage beginnt man das grosse Feld des Huptlings zu besen,
eine Arbeit, an der sich Vertreter smtlicher Familien sowohl der
Freien als der Sklaven beteiligen. Am gleichen Tage opfern die Familien
der Freien auf ihren eigenen Feldern, worauf sie an den Tagen zu sen
beginnen, die sich fr sie in dieser Periode als gnstig erwiesen
haben. Gewisse Tage sind nmlich nur fr gewisse Familien gnstig;
der Huptling darf nur am 1ten, 3ten und 7ten Tage sen, andere
Familien haben wieder andere Saattage. Die Tage, an denen nicht gest
werden darf, leiten sich von Todes- oder grossen Unglcksfllen oder
besonderen Missernten her. Alle diese Bestimmungen gelten nicht nur
fr diese zweite neuntgige Periode, sondern auch fr die dritte,
ebenfalls neuntgige Saatperiode. Whrend der zweiten Periode darf aber
nur an sechs Tagen gest werden, der achte und neunte sind Ruhetage.

Am folgenden Tag beginnt die dritte Periode mit Maskenspiel und
verluft in gleicher Weise.

Haben am zweiten Tage der dritten Periode Freie und Sklaven wieder fr
den Huptling gest, so drfen letztere mit dem Besen der eigenen
Felder beginnen; sie opfern jedoch nicht selbstndig, sondern mit
dein Huptling gemeinsam.

Das grosse Reisfeld des Huptlings wird _luma ajo_ genannt.

Jede Kajanfamilie richtet am zweiten Tage der ersten Periode auf ihrem
Felde ein Opfergerst (_pelale_) auf, mit dem die Ser whrend des
Sens in Verbindung bleiben mssen; daher ist es Fremden verboten,
zwischen diesen und dem _pelale_ hindurchzugehen; auch drfen die
Kajan sich auf dem Felde nicht mit Fremden abgeben, vor allein nicht
mit ihnen sprechen. Ist dies zufllig doch geschehen, so hrt man an
diesem Tage mit dem Sen auf.

Die erste neuntgige Periode bildet die eigentliche Verbotszeit,
whrend welcher kein Fremder die Niederlassung betreten und kein
Dorfbewohner  die Nacht ausserhalb des Hauses verbringen darf. Ferner
drfen die Kajan nicht jagen, Frchte pflcken und mit dem Wurfnetz
(_djala_) oder Schpfnetz (_hikp_) fischen gehen. Im Gegensatz zu der
_adat_ der Mendalam Kajan drfen die Mahakam Kajan in dieser Zeit Blut
vergiessen, indem sie Schweine und Hhner schlachten, auch ist Angeln
(_niese_) erlaubt und menstruierenden Frauen gestattet, das Reisfeld
zu betreten. Dagegen drfen die Frauen in dieser Periode einige Arten
Fische nicht essen. Auch ist es bei ihnen _lali_, nach Anfang der Saat
zeit die Felder durch Fllen von Wald noch zu vergrssern, und erst,
nachdem vier Tage der zweiten Periode verlaufen sind, darf das kleine,
briggebliebene Holz auf dem Felde verbrannt werden.

In den letzten Tagen vor der Maskerade haben besonders die jungen Leute
vollauf mit den Vorbereitungen zu tun. Die ursprngliche Bedeutung
dieses Maskenspiels lsst sich nur noch an dem Geistertanz, den die
jungen Mnner auffhren, erkennen. Das Spiel wurde, wahrscheinlich weil
der Stamm nun zum ersten Mal wieder beisammen wohnte und als Ganzes
das Fest feierte, gerade jetzt vollstndig aufgefhrt, was bei meinem
vorigen Aufenthalt und auch im folgenden Jahr nicht mehr der Fall war.

Ihrer berzeugung gemss, dass die Geister mchtiger sind als die
Menschen, nehmen die Kajan an, dass, wenn sie die Gestalt der Geister
nachahmen und deren Rollen erfllen, sie auch bermenschliches zu
leisten vermgen. Gleichwie ihre Geister also die Seelen der Menschen
zurckzuholen im stande sind, glauben diese, auch die Seelen des
Reises zu sich heranlocken zu knnen. Zu diesem Zwecke handhabt die
Hauptperson beim Maskenspiel einen langen, hlzernen Haken (_krawit
bruwa_), dessen Schaft teilweise zu langen, feinen Spnen zerschnitten
und mit diesen verziert ist (Siehe Taf.: _hudo kajo_). Die Darsteller
treten in einem bestimmten Augenblick hinter einander in eine Reihe
und reichen einander hinter der Hauptperson, die voranschreitend den
langen Haken in die Hhe hebt, die Hand. Hierauf macht der Vordermann,
und mit diesem zugleich auch die ganze Reihe, eine Bewegung, als wolle
er mit dem langen Haken etwas zu sich heranholen, nmlich die Seelen
des Reises, die sich bisweilen zum Kapuas und Barito verirren.

Wie wichtig die Bahau es finden, dass sich die Reisseelen stets in
ihrer Nhe aufhalten, ersieht man daraus, dass _Belar_ die Missernten
der letzten Jahre dem Umstande zuschrieb, dass beim Verbrennen seines
Hauses durch die Batang-Lupar auch die Reisseelen vertrieben worden
waren. Da Geister nach Auffassung der Kajan nicht sprechen knnen,
drfen auch deren Darsteller kein Wort ussern, da sie sonst Gefahr
laufen, tot niederzufallen.

Entsprechend ihrer Vorstellung, dass die mchtigen Geister mit
allem, was ihnen selbst schreckenerregend vorkommt, ausgestattet
sind, verwandeln sich die jungen Mnner in stark behaarte Wesen
mit grossen Augen, riesigen Hauern und grossen, mit den Eckzhnen
der Panther verzierten Ohren. Eine mit den schnen Schwanzfedern
des Rhinozerosvogels geschmckte Kriegsmtze und ein Schwert
vervollstndigen das Kostm.

Um die starke Behaarung nachzuahmen, werden grosse Bananenbltter
seitlich ausgefranst und mit dem Hauptnerv um den ganzen Krper
gewickelt, der auf diese Weise in eine unfrmliche grne Masse
verwandelt wird.

Mehr Mhe kostet die Herstellung der grossen Masken aus leichtem,
weissem Holz (_hudo kajo)_, die besonders bei den Kajan und Long-Glat
sehr kunstgemss und sorgfltig geschnitzt werden. Gewhnlich stellt
jeder junge Mann seine eigene Maske her, aber einige besonders
Geschickte legen bisweilen an die der anderen die letzte Hand
an. Obwohl die Linien und Flchen der Masken sehr grotesk sind,
werden sie doch stets deutlich und symmetrisch ausgefhrt; auch
die spter angebrachte Malerei zeugt von dem Farbensinn, der diesen
Stmmen eigen ist. Das Gesicht besteht aus einem einzigen Stck, nur
der Unterkiefer wird gesondert angebracht, um ihn whrend des Tanzes
klappernd bewegen zu knnen. Sowohl im Ober- als im Unterkiefer werden
die grossen Hauer mittelst hlzerner Stifte befestigt. Wenn mglich,
stellt man die Augen durch Deckel von Spiegeldosen, sonst aber durch
Deckel der runden, kupfernen Beteldosen dar.

Die grossen, oft schn geschnitzten Ohren bestehen aus Scheiben, in
denen oben knstliche Pantherzhne stecken, whrend unten, an langen
Bndern, welche die ausgereckten Ohrlppchen vorstellen, Ohrgehnge
hngen. Die Ohrverzierungen werden nach den veralteten Modellen, die
jetzt nur noch als Antiquitten aufbewahrt werden, verfertigt. Als
Bart bentzt man, wenn mglich, das aus Celebes eingefhrte weisse
Ziegenhaar (_bok kading)_, das bei den Bahau als Verzierung fr
Schwerter und Schwertscheiden sehr beliebt ist. Diejenigen, die
Ziegenhaar nicht erschwingen knnen, begngen sich mit einem Bart aus
den weissen Fasern der Ananasbltter, aus denen auch Zeuge hergestellt
werden. An der Maske werden Nasenlcher oder ffnungen zwischen Nase
und Augen angebracht, die dem Darsteller das Hindurchsehen gestatten.

Werden bei besonderen Gelegenheiten, die Tnze von Priestern
aufgefhrt, so bentzen sie lange, weisse Spne von Fruchtbaumholz,
um die Haare darzustellen.

Die Verkleidung fand auf einer weiter oben im Mahakam gelegenen
Gerllbank statt, nachdem alle in Ruhe ihr Mahl beendet und die letzten
Vorbereitungen fr die Maskerade getroffen hatten. In einigen langen
Bten, von kleinen Knaben gerudert, kamen die sehr wild aussehenden
Gestalten flussabwrts bis zur Landungsstelle gefahren, wo andere
Mnner damit beschftigt waren, nach dem Bad ihre schnsten und
lngsten Lendentcher um die Hften zu schlingen. Ebensowenig wie
die Bahau fr sich selbst einen guten Bade- oder Anlegeplatz am Ufer
freihalten, indem sie etwa in den Fluss gestrzte Baumstmme aufrumen,
hatten sie jetzt fr die Landung der Geister, die ihnen zu einer guten
Ernte verhelfen sollten, irgend welche Vorbereitungen getroffen. So
landete denn die phantastische Gesellschaft zwischen halb verfaulten
Baumstmmen und den Erdmassen, die bei dem niedrigen Wasserstand zum
Vorschein kamen.

Schweigend bestiegen die Geister das hohe Ufer und begaben sich
sogleich auf den freien Platz, der sich zwischen der provisorischen
Wohnung des Huptlings und der unsrigen befand. Hier wurden sie von
einer zahlreichen Menge erwartet, die ihre schnsten, mit Stickereien
und Figuren verzierten Kleidungsstcke angelegt hatte. Viele Kinder
und junge Frauen prunkten auch noch mit schn gearbeiteten Mtzen,
Armbndern und Halsketten. Ich hatte jetzt Gelegenheit, alles Schne,
was der Stamm an Perlenarbeiten und Stickereien besass, kennen zu
lernen; fr gewhnlich werden diese Herrlichkeiten verborgen gehalten.

Um alles besser beobachten zu knnen, begab ich mich zu _Kwing Irang_,
den ich in seiner Reisscheune mitten unter allen Krben mit Kampfhhnen
hockend antraf. Von hier aus, nicht allzu hoch ber dem Erdboden,
konnten wir den Tanz gut beobachten.

In einem bestimmten, auf dem Gong angegebenen Rhythmus, von dem, bei
Gefahr eines Unglckes fr die Teilnehmer, nicht abgewichen werden
durfte, stellten sich die grnen Massen in brennender Mittagssonne
in einen Kreis und fhrten unter begleitenden Armbewegungen und
Schtteln und Drehen des Hauptes allerhand Schritte aus. Gegen 12 Uhr
kamen noch einige verkleidete junge Leute von dem Flsschen Ikang,
um die Zahl der Geister zu verstrken, so dass ihrer dieses Jahr
23 waren. Nachdem sie eine gute halbe Stunde getanzt hatten, wobei
ihnen ihre khle Bedeckung in der Hitze sicher gut zu statten kam,
stellten sich alle hinter einander, um die _bruwa parei_ (Seele des
Reises) aus fernen Gegenden zu sich zu holen.

Bald darauf begannen die _hudo kajo_ (Verkleidete mit Holzmasken)
doch zu ermden und der Anfhrer begab sich mit seinem _krawit bruwa_
voran in den Versammlungssaal, der die Menschenmenge kaum zu fassen
vermochte. Daher wurde die Kinderschar entfernt und fr die grnen
Geister in der Mitte ein freier Raum geschaffen, worauf sich die
unfrmlichen, mit grotesken Masken gekrnten Grashaufen am Boden
niederliessen und, nach den Bewegungen der Bltter zu urteilen, auf
sehr menschliche Weise nach Luft zu schnappen begannen. Einer der
Vermummten hielt es hinter seiner Maske nicht aus und legte sie ab,
um zu trinken. Da verliess _Kwing Irang_ seine krhende Gesellschaft
und begab sich ebenfalls in den Saal, wo er sich zwischen einigen der
ltesten vornehmen Mnner niederliess und auch mir einen Platz anbot.

Wahrscheinlich hatte man diesen Augenblick erwartet, denn pltzlich
wurde alles still und _Kwing Irang_ bentzte die Gelegenheit, um
durch den Mund eines der ltesten den Masken und durch diese dem
ganzen Stamme ffentlich zu verknden, dass wir Weissen wiederum
gekommen waren, um lngere Zeit unter ihnen zu wohnen, dass wir
nichts Bses im Schilde fhrten und er daher von allen erwartete,
dass sie uns helfen und nie hindern wrden. Ein gutmtiges Gebrumm
oder Gebrll stieg aus den grnen Haufen hervor und die Masken gaben
durch sprechende Kopfbewegungen ihr Einverstndnis zu erkennen,
das auf uns eine sehr beruhigende Wirkung ausbte.

Dieser feierliche Austausch der Gedanken und Gefhle wurde durch das
Gejauchze unterbrochen, das die Kinder draussen beim Erblicken einer
langen Reihe von Korbmasken (_hudo adjat_) anhoben. Was uns betraf,
so wurden wir weit mehr durch eine folgende Reihe _hudo lakeuj_,
lieblicher junger Mdchen, die in Mnnerkostm an der Maskerade
teilnahmen, gefesselt.

Die _hudo adjat_ besteht aus einem Rotangkorb, berzogen mit weissem
Zeuge, auf welchem man mittelst einiger Lappen, einiger blinkender
Deckel und ein paar Kattunstreifen, an welche Ohrringe gehngt werden,
die charakteristischen Merkmale eines Kajankopfes nachahmt. In diesen
Korb wird der Kopf zur Hlfte hineingesteckt und der ganze Krper dann
mit einer Jacke und grossen Tchern behngt; durch zwei Bambusstcke
werden die rmel der Jacke seitlich in die Hhe gehalten. Diese
unfrmlichen Gestalten bewegten sich im Tanzschritt ber den Platz;
aber trotz des Geflsters, dass hinter diesen Masken die hchsten Damen
der Kajanwelt, ja sogar die beiden Frauen von _Kwing Irang_ verborgen
waren, konnten sie unser Interesse doch nicht von den jungen Mdchen
ablenken, die in dem ihnen ungewohnten Kostm schchtern hinter den
_hudo adjat_ einherschritten.

Der Gegensatz zwischen den jungen, vollen Gestalten in der kleidsamen,
kecken Mnnertracht und den formlosen Massen war allerdings gross
genug. Die jungen Mdchen hatten auf ihre Kleidung mehr Geschmack und
Sorgfalt verwandt als die jungen Mnner selbst zu tun pflegen. Die
Tcher um Lenden und Haupt aus reinem, weissem Kattun oder Baumrinde
waren gefllig geschlungen und auch das Schwert und der lange Schal
waren geschmackvoll gewhlt worden. Bereits 1896 waren mir diese
Mdchen, bevor ich sie noch als solche erkannt hatte, durch ihre
hbsche Kleidung unter der Menge aufgefallen. Nur einige von ihnen
schienen die Vorstellung bereits fters gegeben zu haben, zeigten
sich freier und wagten selbst einen Tanzschritt anzuschlagen; die
meisten befanden sich berdies noch in einer ihnen fremder. Umgebung,
so dass die Zuschauer sicher mehr Genuss von der Vorstellung hatten
als sie selbst. Das Urteil der Frauen ber diese Gruppe lautete nicht
gnstig, auch schienen sich die Gattinnen des Huptlings unter ihren
Krben ber ihre jngeren Gefhrtinnen gergert zu haben, wenigstens
versprach uns mittags _Uniang Anja, Kwing Irangs_ zweite Frau, dass
sie abends mit einigen Auserwhlten in der _amin_ des Huptlings die
Vorstellung wiederholen wollte und zwar wie es sich gehrte.

Unsere Aufmerksamkeit fand eine pltzliche Ablenkung. Die Menschenmenge
stob aus einander und aus dem Walde hinter dem Hause traten sechs
zerlumpte Individuen hervor. Zerschlissene Matten umhllten ihren
Krper, auf dem Kopfe trugen sie schmutzige, alte Rotangkappen
oder Mtzen aus Fell, das bereits die Haare verloren hatte; alte
Tragkrbe, hlzerne Speere und bertrieben grosse Pfeilkcher in
Form von fr Schweinefutter bestimmten Baumbusgefssen an der Seite
vervollstndigten die Ausrstung. Nach allen Seiten scheue Blicke
werfend schlich die Bande vorsichtig heran und wurde, besonders
seitens der Jugend, mit Jubel und Spott begrsst. Uns wre die
Bedeutung dieser Szene unverstndlich gewesen, wenn man uns nicht
gesagt htte, dass man sich gelegentlich der Maskenperiode auch
ber Menschen und Zustnde lustig mache. Hier handelte es sich um
eine Verspottung des Lebens der Punan in den Wldern. Die Punan,
die von den Bahau im Grunde sehr gefrchtet werden, bilden nmlich
ihrer eigentmlichen Lebensweise wegen einen dankbaren Gegenstand
fr den Spott. Die Darsteller ernteten daher auch reichen Beifall
seitens des Publikums; wahrscheinlich macht man sich bei nchster
Gelegenheit ber uns Europer lustig, indem man uns etwa beim Pflanzen-
und Steinesammeln oder beim Enthuten der Vgel darstellt.

Hierauf fhrten kleine Knaben allerhand Vorstellungen auf, die wir
nicht gut verstanden, die den Zuschauern aber grossen Spass bereiteten.

Inzwischen hatten sich die _hudo kajo_ in ihren Wohnungen oder,
falls sich diese noch nicht hier befanden, in einer verborgenen Ecke
mit Hilfe ihrer Angehrigen ihres grnen Geistergewandes und ihrer
Masken entkleidet und wollten augenscheinlich die Gelegenheit, mit
so vielen zusammenzusein, nicht vorbergehen lassen, ohne sich mit
einander im Kreiselspiel, das alle Kajan leidenschaftlich lieben,
zu messen. Die gebruchlichen Kreisel (_asing_) sind ungefhr 3 dm
hoch, haben eine eirunde, seitlich abgeplattete Form und enden oben
in einer stumpfen Pyramide, unten in einer stumpfen Spitze. Sie
werden aus dem hrtesten und schwersten Holze hergestellt, zuerst
mit einem Meissel roh bearbeitet und dann mit der Hand beschnitten
und oft sorgfltig geglttet.

Der Kreisel wird dadurch in Bewegung gebracht, dass man ihn von oben
an mit einer dnnen Schnur, die allmhlich dicker wird und an ihrem
Ende einen Durchmesser von 3 cm erreicht, umwickelt und diese beim
Schleudern des Kreisels an dem verdickten Ende schnell zurckzieht. Die
Kreisel, besonders die platteren Formen, lassen, wenn sie von krftigen
Mnnern geschleudert werden, ein lautes Brummen ertnen.

Am Kreiselspiel beteiligt sich stets eine beliebige Anzahl junger
Leute; der erste Spieler schleudert seinen Kreisel mitten auf den
freien Platz, der zweite versucht den seinigen derart zu werfen,
dass er den ersten verdrngt, selbst aber in Drehung bleibt. Sowohl
bei diesem Spiel als auch bei dem der Kinder im allgemeinen habe ich
nie einen anderen Zweck erkennen knnen als Freude am Spiele selbst
und an der krperlichen bung; von einer Preisgewinnung ist nie die
Rede, auch wird nie einer mattgesetzt, so dass auch der Ungebteste so
lange mitspielen kann, als er will. Es beteiligten sich 20-30 Mnner
am Spiel.

In dem auf nebenstehender Tafel dargestellten Augenblick hat die
rechts im Vordergrund stehende Figur ohne Kopftuch soeben den
Kreisel geschleudert, der im Schatten des Hauses, vom Beschauer
aus links, unter dem Arm des in Wurfbewegung begriffenen Mannes zu
erkennen ist. Dieser sowie zwei andere Mnner links im Hintergrunde
halten ihre Kreisel in der Hand, bereit sie im nchsten Moment den
Vorgngern nachzuwerfen. Weiter rechts ist ein Mann noch gerade in der
Wurfbewegung begriffen, hat aber augenscheinlich mit seinem Kreisel
das Ziel verfehlt.

Bereits einige Tage vor diesem Wettspiel hatten sich einige Mnner nach
der Rckkehr vom Reisfeld noch in der Dmmerstunde im Spiel gebt. Das
Kreiselspiel wird, wie verschiedene andere, nur gelegentlich des
Saatfestes betrieben. Auch noch in der letzten Saatperiode nehmen
Erwachsene, meist aber kleine Knaben mit kleinen Kreiseln, das Spiel
wieder auf. Auf andere Weise wird das Kreiselspiel auch von den
Malaien an der Westkste gepflegt.

Abends erwies sich der Versammlungssaal als viel zu klein, um alle,
die das _hudo lakeuj_ der Frauen, unter _Uniang Anjas_ Leitung,
ansehen wollten, aufzunehmen, trotzdem die Kajan vom Ikang und viele
weiter wohnenden Familien bereits vor Einbruch der Dunkelheit sich
auf den Heimweg gemacht hatten. Wir trugen das unsere zum Feste bei,
indem wir mit Petroleumlampen den Tanzplatz erleuchteten, der sonst
nur durch Harzfackeln sprlich erhellt wird, was vielleicht fr
die Augen der Kajan, aber nicht fr die unseren gengte, um von dem
Schauspiel einen richtigen Eindruck zu erhalten. Zum Glck bereitete
unsere Extravaganz uns viel Genuss, denn sechs junge Frauen, die nicht
nur mit ihrem usseren, sondern auch mit ihren Leistungen zu glnzen
verstanden, folgten _Uniang_. Diese hatte zwar bei ihren 30 Jahren,
in denen sie oft krank gewesen war, viel an Schnheit eingebsst, war
aber ihrer Rolle als Vortnzerin immer noch wrdig; sie fhrte nicht
nur die Tanzschritte, sondern auch die begleitenden Armbewegungen mit
Grazie aus. Nach einer bestimmten Melodie, welche auf einer Guitarre
(_sape_) gespielt wurde, tanzte _Uniang_ auf echt indische Weise,
mit viel Beugungen und ruhigem Bewegen der Gelenke, aber doch weit
lebhafter, als es auf Java blich ist. Die Auffhrung wurde von keinem
Gesang begleitet.

Der Tanz hatte erst nach dem Abendessen, gegen 4 Uhr, begonnen
und dauerte sehr lange, so dass sich viele der Unseren nach den
Ermdungen des Tages bereits vor Ablauf dieses sehr eigenartigen
Schauspiels zur Ruhe begaben; nur der Kontrolleur und ich mussten,
als die Hauptpersonen, noch Stand halten. Freilich hatte mich _Kwing
Irang_, der mit seinem Shnchen _Hang_ bei uns sass, schon whrend
der Vorstellung darauf vorbereitet, dass ich nachher noch an einer
Beratung teilnehmen musste, da _Li_, Huptling der Ma-Suling und
Halbbruder von _Kwing_, schwer krank war und man mich nur, um das
_lali_ der Kajan nicht zu stren, nicht bereits gerufen hatte. Jetzt,
wo die Verbotszeit ihr Ende erreicht hatte, war aber auch keine Zeit
mehr zu verlieren und ich sollte am anderen Morgen sogleich mit einem
Boot zum Meras aufbrechen.

Trotz aller Eile fand ich am folgenden Morgen doch noch Zeit, _Jung_
und die Seinigen, die bereits nachts angekommen waren und jetzt, wo
unser _lali_ vorber war, baldmglichst an den Kapuas zurckkehren
wollten, noch zu empfangen. Ich gab ihnen wegen ihres Lohnes und der
Verteilung meiner Bte, die noch am _pangkalan_ Howong im Walde lagen,
Briefe an den Kontrolleur von Putus Sibau mit. Die Bte verkaufte
ich fr 2 bis 3 Dollar das Stck an Liebhaber und belohnte einzelne
Huptlinge noch besonders, indem ich ihnen eines derselben schenkte.

_Kwings_ ltester Sohn, _Bang Awan_, hatte alle Mhe, fr die Fahrt
nach dem Meras gengend Leute zu finden, weil alle auf ihren Feldern
eifrig beschftigt waren; aber nach dem Essen glckte es ihm doch noch,
eine Bemannung fr das Boot zu beschaffen, und so fuhr ich denn mit
ihm, _Midan_ und meinem Hunde ab. Nach den Berichten, die mir _Jung_
vom Meras gebracht hatte, musste der Zustand des Kranken hoffnungslos
sein; ich hielt es aber doch fr geraten, zu ihm zugehen. Auf unserer
Fahrt, whrend welcher die Sonne ununterbrochen auf die Wasserflche
herniederbrannte, passierten wir unter anderen auch die mir von frher
her bekannte Niederlassung der Long-Glat, Lulu Njiwung, in der noch
_lali nugal_ herrschte. Bei Batu Sala legten wir an, um die neuesten
Nachrichten vom Meras zu vernehmen, damit wir nicht nach dem Tode
des Huptlings dort ankmen und durch das dann eingetretende _lali_
dort festgehalten wrden; auch wollte ich in Batu Sala den Huptling
_Paren_ und dessen Familie begrssen. Die Berichte lauteten zwar
nicht ermutigend, aber gestorben war _Li_ noch nicht, daher machten
wir uns schnell auf die Weiterreise und erreichten um 4 Uhr Napo Liu,
die Niederlassung, in der _Li_ als Gemahl der Frau Eipo lebte, die
hier Huptling der Ma-Suling war.

Die Niederlassung bestand aus mehreren grossen, langen Husern und
einigen kleineren von malaiischer Bauart und befand sich auf einem
grossen, flachen Terrain, das trotz des augenblicklich bedeutenden
Wasserstandes doch noch 4 m hoch war und daher von berschwemmung nur
selten zu leiden haben konnte. Mitten in der langen Reihe erhob sich
das besonders grosse Haus, das die Huptlingsfamilie mit ihren Sklaven
bewohnte. Whrend ich den langen mit Einkerbungen versehenen Baumstamm
emporkletterte, bemerkte ich, dass das Haus ganz neu war. Seine Wnde
waren grsstenteils noch nicht bearbeitet und auch Feuerherde und
allerhand Vorrichtungen an der Galerie waren noch nicht angebracht
worden. Zum Umschauen liess man mir aber keine Zeit, sondern fhrte
mich sogleich in die grosse _amin_ zum Kranken. Dieser lag in einem
Raume, der von dem brigen grossen Gemache durch eine Wand geschieden
war. Der frher bereits magere Mann war nun zum Skelett abgemagert
und lag mit der fr die dunklen Rassen charakteristischen grngrauen
Totenfarbe halb bewusstlos da. Viele Frauen sassen mit gedrcktem
Ausdruck um ihn herum, suchten ihm mit kaltem Wasser das Haupt zu
khlen, ihm noch etwas Nahrung beizubringen und ihn durch Zuspruch
bei Besinnung zu erhalten. In dem weiten Raum befanden sich viele
Menschen, Bahau und Malaien, die alle schweigend Betel kauten, den
_Bulan_, die Huptlingstochter, umherreichte.

Bereits der erste Eindruck des Kranken flsste mir wenig Hoffnung
ein, als ich auch keinen Puls mehr fhlte, wusste ich, dass hier
nicht mehr zu helfen war. Htte man mich trotz der Verbotszeit
einige Tage frher gerufen, so wre die Aussicht auf Rettung viel
grsser gewesen; denn die Krankheit, akute Malaria, hatte den fr
Mittel-Borneo typischen Verlauf genommen. Die Fieberanflle hatten
sich whrend 14 Tagen wiederholt, bis sich hufige und wssrige
Entleerungen des Darmes mit tenesmi einstellten, welche den Zustand
des Kranken komplizierten. Whrend der letzten 4 Tage war der Patient
dadurch sehr geschwcht worden, trotzdem das Fieber stark nachgelassen
hatte. Wegen des _lali nugal_ der Kajan hatte man gewartet, mit dem
Resultat, dass die Krankheit nun in krzester Zeit ttlich verlaufen
musste. Damit die Schuld an dem Tode nicht mir zugeschoben werden
konnte, erklrte ich sofort, nicht mehr helfen zu knnen. Auf meine
Nachfrage erfuhr ich, dass auch hier wieder die Behandlung des
Kranken viel zur Verschlimmerung seines Zustandes beigetragen haben
musste; man hatte ihm, hauptschlich gegen die Intestinalkrankheit,
Arzneien der Bahau, Malaien und Chinesen eingegeben, von denen jede fr
sich schon auf einen geschwchten Krper hchst schdlich einwirken
musste. Ferner hatte der arme Kranke, als sein Zustand ernst wurde,
auch durch den Aberglauben seiner Umgebung entsetzlich zu leiden,
da diese ihn durch Zuspruch und selbst durch Anfassen am Einschlafen
zu verhindern suchte. Die Bahau tun dies, weil sie annehmen, dass die
Seele den Krper sowohl im Schlafe als beim Tode verlsst und beim
Einschlafen eines Schwerkranken nicht wieder zurckkehren knne. Selbst
heftiger Protest seitens des Kranken bringt die Leute nicht von
ihrer Handlungsweise ab. Fr einen europischen Arzt, der froh ist,
wenn seine Patienten im Schlafe wieder Ruhe und Strkung finden, ist
es sehr schwer, sich in einem derartigen Fall eines Widerspruches zu
enthalten; und doch muss man sich, um nicht selbst Gefahr zu laufen,
in hoffnungslosen Fllen hierzu berwinden. Wo indessen begrndete
Aussicht auf Genesung vorhanden war, habe ich die Verantwortung
gegenber der verblendeten Familie auf mich zu nehmen gewagt.

Obgleich _Bo Li_ bereits viel zu schwach war, um sprechen zu knnen,
und seine Augen auch schon halb gebrochen waren, ermunterte man
ihn doch stndig dazu, einen Laut von sich zu geben. Ich verliess
daher schnell das traurige Schauspiel, wurde aber draussen auf der
Galerie sogleich von Bahau, Malaien und Bakumpai umringt, die alle
aus Interesse fr den Kranken oder aus Furcht, wegen der nach dem
Tode eintretenden Verbotszeit in der Niederlassung eingeschlossen zu
werden, sich bei mir erkundigten, ob noch Hoffnung vorhanden sei. Ich
konnte weder diesen noch den beiden Shnen des Huptlings, _Ledju_
und _Ibau_, die brigens selbst kaum noch zu hoffen wagten, einen
trstlichen Bericht geben. Die Brder und einige andere stellten
mittelst einiger Planken auf der Galerie eine Erhhung her, auf der
ich mein Klambu aufrichten konnte; auch gaben sie meinem Bedienten
Reis und ein Huhn, um mir ein Abendessen herzurichten, und zogen sich
dann zu ihrem Vater zurck.

Ich hatte noch kaum Zeit gehabt, mich durch ein Bad im Fluss nach der
Hitze und Ermdung des Tages zu erfrischen, als man mir meldete, dass
_Temenggung Itjot_, ein malaiischer Huptling, der mit einer Tochter
eines anderen Huptlings in der gleichen Niederlassung verheiratet
war, mir seine Aufwartung machen wolle; auch eine grosse Gesellschaft
verwandter Malaien vom oberen Murung, die gekommen waren, um _Itjot_
nach achtjhriger Abwesenheit in sein Geburtsland zurckzuholen,
sollte ihn begleiten. Obgleich meine Zusammenkunft mit _Itjot_ 1896
und 1897 sehr harmlos verlaufen war, erschien mir doch eine Begegnung
mit einer grossen Gesellschaft Murunger nicht so ganz ungefhrlich,
da sie ganz aus Anhngern des von der niederlndischen Regierung
vertriebenen Sultanats prtendenten _Gusti Mat Seman_ bestand, die
sich jetzt an den oberen Barito geflchtet hatten. Nach Landessitte
kam die ganze Schar, zu meiner Ehre und vielleicht auch zur eigenen
Beruhigung, mit schnen Schwertern bewaffnet zu mir. Unsere Begrssung
durch Hndeschtteln verlief mit den alten Bekannten freundschaftlich,
mit den Neuangekommenen dagegen sehr schchtern, worauf ich mich,
allein mit meinem Hunde, mitten unter 25 Feinden meines Vaterlandes
niederliess. Die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme derjenigen, die
ich von frher her kannte, zeigte sich sehr verlegen, so bernahm
ich denn die- Leitung des Gesprches und begann zu erzhlen, wie es
mit dem Kranken stand, auch erkundigte ich mich nach dem Befinden
von _Itjot_s Familie und kam hiermit auf ein Thema, das die meisten
interessierte. _Itjot_ kam sogleich auf die Sorgen zu sprechen,
die ihm die Ernhrung eines Kindes, das seine junge Frau an Stelle
des eigenen, verstorbenen, angenommen hatte, verursachte. Das Kind
konnte von der Mutter nicht ernhrt werden und, da andere Milch
nicht vorhanden war, musste das Kind mit weich gekochtem Reis und
Bananen ernhrt werden, wodurch es krank geworden war. Ich glaubte,
hier mehr mit kondensierter Milch als mit Arzneien helfen zu knnen,
und so machte ich denn den Pflegevater mit zwei Bchsen Milch
glcklich und versprach, ihm am folgenden Morgen zu zeigen, wie
er sie gebrauchen sollte. Meine grosse Freigebigkeit fand durchaus
nicht den Beifall meines Bedienten _Midan_ und nur zgernd lieferte
er den ganzen Milchvorrat, den ich augenblicklich bei mir htte,
aus. brigens verwandelte sich auch bei meinen Landesfeinden mancher
scheue Blick in einen verwunderten. Es befanden sich nmlich unter
ihnen Fieber- Syphilis- und Kropfkranke, die meine Hilfe sehr ntig
hatten. Nun war _Itjot_ zwar von frher  her an die Gratisausteilung
meiner Arzneien gewhnt, seine unheimlichen Gefhrten jedoch sahen
mit Erstaunen, dass ich einigen Kranken umsonst etwas Chinin mitgab
und ihnen versprach, mich am anderen Morgen persnlich mit ihnen zu
befassen. Heikle politische Punkte gnzlich vermeidend erkundigte ich
mich, um auch _Itjots_ Bruder, _Raren Na-un_ zu Worte kommen zu lassen,
nach einigen gleichgltigen Angelegenheiten vom Murung und so erhielten
diese Menschen, die brigens durchaus keine bsen Absichten gehabt zu
haben schienen, von dem ersten Europer, dem sie am Mahakam begegneten,
keinen schlechten Eindruck. Hiervon berzeugte mich der herzliche
Hndedruck, den ich von den Vornehmsten beim Abschied empfing; die
Niederen wagten eine derartige Vertraulichkeit nicht.

Inzwischen hatte _Midan_ mir das Essen bereitet. Nach dem Mahl
machte ich dem sterbenden _Bo Li_ noch einen Besuch und verschwand
dann bei Sonnenuntergang hinter meinem Moskitonetz, wo ich sogleich
fest einschlief. Ab und zu erwachte ich durch das Hin- und Hergehen
der erregten Menschen, die ihren Huptling sterben sehen wollten,
als pltzlich gegen 10 Uhr heftige Schlge auf grosse Gonge in der
Galerie mich vor Schreck zitternd auf meiner Matratze auffahren
liessen. Aus der _amin aja_ ertnte Weinen und jammern; _Bo Li_
war also verschieden. Ich machte mich bereit, den Lauf der Dinge in
meinem Klambu abzuwarten, als ich beim Schein einer Harzfackel zuerst
das Gesicht meines Dieners, dann das von _Itjot_ erblickte, die mich
aufforderten, mich sogleich mit ihnen nach _Itjot_s Hause zu begeben,
da ich hier bei der Erregtheit der Bahau in solchen Augenblicken
nicht sicher, in jedem Fall aber auf der Galerie nur hinderlich
sein wrde. Ich wagte dem Rate nicht zu widerstehen und begab mich,
wenn auch zgernd, mit _Itjot_ nach dessen Wohnung. Unterdessen
wurde auch in der Galerie durch Schlge auf die Gonge den Geistern
von _Apu Kesio_ und den benachbarten Niederlassungen der Tod des
Huptlings verkndet. Neben dem Weinen der Angehrigen ertnte nun
auch das Jammern der Klageweiber. Die Mnner hatten sogleich nach
des Huptlings Verscheiden ihre Schwerter gezogen und begannen mit
ihnen, um die bsen Geister zu verjagen, heftig erregt in der Luft
herumzufuchteln oder auf Wnde und Pfosten loszuschlagen. _Itjot_
frchtete, dass bei dieser Gelegenheit mir oder den Meinen zufllig
oder absichtlich etwas zustossen konnte, und war hauptschlich
deswegen gekommen mich abzuholen. Es geschieht nmlich ab und zu,
dass im Dunkeln nicht nur die Wnde des Hauses, sondern auch einer
der Anwesenden getroffen wird. Stirbt ein grosser Huptling, so wird
oft seine ganze Wohnung innen durch Schwertschlge beschdigt.

Vor Ermdung schlief ich auch in _Itjots_ weit abgelegenem Hause
gut ein, musste aber am anderen Morgen frh wieder auf sein, um den
vielen Patienten zu helfen, die mit allerhand Leiden zu mir kamen
und aus meiner Anwesenheit noch Nutzen ziehen wollten. Sie beeilten
sich, weil sie unseren frhen Aufbruch frchteten; darauf erschien
auch _Bang Awan, Kwing Irangs_ Sohn, und meldete, dass wir frh
heimkehren mussten, um seinem Vater den Todesfall zu berichten. Die
Sache hatte Eile, weil die Leiche nur 4 Tage im Hause bleiben durfte,
um dann in einem bereits vorhandenen Prunkgrab (_salong_) eines anderen
Huptlings beigesetzt zu werden. Da das Haus, indem _Bo Li_ gestorben,
noch nicht fertig gebaut, sein _lali_ also noch nicht abgelaufen
war, musste nmlich nach der acht das Begrbnis so bescheiden als
mglich vollzogen werden. _Kwing Irangs_ Gegenwart als Bruder war
aber erforderlich und daher Eile geraten.

Dass auch Kajan zu eilen im stande sind, erfuhr ich an diesem Tage,
da wir um 8 Uhr wegfuhren und ununterbrochen durchrudernd um 1/2 11
Uhr abends ankamen. Zum Glck war der Himmel etwas bewlkt und der
Tag nicht sehr heiss, so dass ich zum Schluss nur hungerig, frstelnd
und steif am Blu-u anlangte.

Am folgenden Tag beschlossen unsere Dorfbewohner, den Leuten am
Meras zu helfen, indem sie ihnen zur Bewirtung der beim Begrbnis
Behilflichen ein Schwein und Reis zur Verfgung stellten. Abends
kostete es viel Mhe, um in dieser drckenden Arbeitszeit eine
gengende Anzahl junger Leute zur Fahrt zu vereinigen. In den letzten
Tagen ging alles bei Sonnenaufgang aufs Feld und nur die Kranken und
Alten blieben im Hause zurck.

In diesem gewichtigen Falle fanden sich aber doch schliesslich gengend
viel Ruderer ein, und so konnte _Kwing Irang_ mit seinem Sohn _Bang
Awan_ und seinem Mantri _Bo Kwai_, dem Schweine und dem Reis zum
Meras aufbrechen, um seinem Bruder die letzte Ehre zu erweisen.

Bereits whrend des _lali nugal_ hatten wir erfahren, dass es unmglich
war, fr alle unsere Unternehmungen Mnner als Fhrer oder Ruderer zu
finden. In unserer jetzigen Kajanumgebung war aber von Gefahr keine
Rede, daher konnten wir auch sehr gut unter unserem eigenen Geleite
einige gewandte Leute whlen, die _Bier_ bei der topographischen
Aufnahme zu helfen im stande waren; auch erklrte sich der chinesische
Hndler, der das Flussgebiet und auch die Namen der Berge kannte,
bereit, als Fhrer zu dienen. Am Tage nach der Abreise von _Kwing_
machte sich denn auch _Bier_ mit einem grossen und zwei kleinen Bten,
dem Chinesen und zehn unserer Leute auf den Weg, um den Mahakam vom
Howong bis an den Blu-u zu messen.

In Anbetracht, dass sein Geleite den Bahau vllig fremd war, sollte
_Bier_ sich vorlufig an den Hauptfluss halten. Die Nebenflsse
konnten spter gemessen werden, whrend wir mit _Kwing Irang_ die
dort ansssigen Stmme besuchten.

So wurde es denn still in unserer Umgebung und jeder ging seiner
Liebhaberei und Arbeit nach. _Barth_ hatte vollauf damit zu tun, alles,
was er auf der Reise und spter im tglichen Verkehr mit _Adjang_
und der Bevlkerung aufgezeichnet hatte, zu ordnen. Sein Wrterschatz
wuchs stndig, indem er den Unterhandlungen zuhrte, die ich den ganzen
Tag ber beim Einkaufen unserer Lebensmittel und Ethnographica mit
Mnnern, Frauen und Kindern zu fhren hatte. Mit seinem gebten Ohr
gelang es ihm, zahlreiche Eigenarten der Busangsprache zu beobachten.

Ich war auch diesmal beim Auspacken meines Vorrates an Perlen und
Zeugen sehr vorsichtig gewesen; die Festlichkeiten hatten mir aber
eine Vorstellung von allem, was ich zu erlangen suchen musste,
gegeben, daher begann ich die Kajan mit einigen hbschen Arten von
Perlen und Stoffen zu locken. Sie reagierten auch sofort, indem
sie mir Stickereien und Perlenarbeiten brachten, die ich frher
fast gar nicht hatte erlangen knnen. Meine schnen _inu beneng_
(Perlen fr Kindertragbretter) erregten besonderes Aufsehen und zu
meinem Erstaunen wurden mir sogleich einige jener wertvollen Arbeiten
abgetreten, obgleich die Menge Perlen, die ich hierfr zurckgab,
nicht viel Beifall fand. Weniger gut gelang es mir, fr sehr kleine,
bunte Perlen, _inu buko_, fertige Arbeiten zu erlangen, wenigstens
wollte man mir die Perlenverzierungen der hohen Festmtzen dafr
nicht abtreten. Nur fr meine silbernen Ohrringe (_hisang perak_)
und Armbnder aus Elfenbein wollte man sich von den schnen Mtzen
trennen. Ich hatte aber noch Zeit und musste meinen Preis halten,
um des Schnsten und Besten, das die Bevlkerung hervorbrachte,
habhaft zu werden, Daher verlief die erste Zeit mit Nachfragen und
Unterhandlungen, die erst viel spter, oft erst nach Monaten, zu
einem Ergebnis fhrten. _Demmeni_, der sich bereits frher durch das
Reparieren von Schmucksachen und allerhand Hausrat bei den Eingeborenen
beliebt und bekannt gemacht hatte, erfreute sich wieder eines grossen
Zulaufs. In unserer Wohnung fand er aber fr seine Werksttte keinen
Platz, daher kam es uns sehr gelegen, dass der Schmied des Stammes,
_Awang Kalei_, uns seine neben der unsrigen befindliche Wohnung
berliess und selbst auf seinem Reisfelde Quartier nahm.

_Kwing Irang_ kehrte unmittelbar nach dem Begrbnis seines Bruders
wieder zurck; er hatte auch keine Nacht mehr am Meras verbringen
drfen, weil die einen Monat dauernde Verbotszeit gleich nach der
Bestattung eingetreten war und es bei Strafe hoher Busse keinem, der
nicht am Mesar wohnte, in dieser Zeit gestattet war, das Flussgebiet
zu verlassen oder zu betreten. Hndler, die sich vorbergehend
dort aufhielten, hatten sich noch in den letzten Tagen schleunigst
davongemacht, um nicht einen Monat Zeit zu verlieren.

_Kwing Irangs_ Familie ging in Trauer bezw. in Halbtrauer, indem
sie alle Schmucksachen und schnen Kleider ablegte und besondere
Trauerkleider anlegte. Letztere bestanden fr _Kings_ Frauen in
schlichten Jacken und Rcken, waren aber nicht aus Baumrinde oder
hellbraunem Kattun verfertigt. Auf uns Europer machten die Frauen
jetzt, da sie nicht mit Schmucksachen bedeckt waren, einen viel
nackteren Eindruck als frher. _Kwing Irangs_ Traueranzug bestand
aus einem Lendentuch (_ba_) von hellbraunem, d.h. weissem, im Morast
braungefrbtem Kattun. Handelt es sich um einen Todesfall in der
Familie selbst, so tragen die Frauen am Mahakam, wie die am Mendalam,
eine _ta-a_ und eine rmellose Jacke aus Baumbast oder braunem
Kattun und ein in Form einer Kappe um das Haupt gewundenes Tuch
(Siehe nebenstehendes Bild).

Wegen der Halbtrauer der Huptlingsfamilie durften keine Festlichkeiten
im Stamme gefeiert werden, bevor am Meras am Ende der Verbotszeit das
erste _bet lali lumu_ (Ablegen der Trauer) durch Opfer stattgefunden
hatte.

Am 7. November kehrte _Bier_ sehr befriedigt von seiner ersten
Flussmessung zurck, denn es war ihm gelungen, die anfngliche
Schwierigkeit, am Ufer selbst einen Beobachtungspunkt zu finden,
zu berwinden. Leider wurde seine gute Stimmung nicht von seinen
Begleitern geteilt; sowohl der Chinese als die Malaien beklagten sich
bei mir ber _Biers_ rauhe Behandlung und erklrten, in Zukunft nicht
mehr mit ihm allein reisen zu wollen. _Bier_ kehrte nmlich diesen
Leuten gegenber zu stark den Europer und deutschen Unteroffizier
heraus. Die Nachricht berhrte mich sehr unangenehm, weil gerade
die Malaien bei der Aufnahme am besten helfen konnten und es unter
diesen Umstnden viel zu gefhrlich gewesen wre, _Bier_ Bahau
mitzugeben. Nach einiger berlegung mit dein Kontrolleur suchten
wir _Bier_ begreiflich zu machen, dass ein Europer sich auch
einem Eingeborenen gegenber nicht alles erlauben drfe, fanden
aber bei dem rauhen Soldaten nicht viel Verstndnis und so blieb
mir nur die Wahl, die topographische Aufnahme gnzlich aufzugeben
und _Bier_ so schnell als mglich an die Kste zu senden oder stets
selbst mit ihm zu ziehen, was fr mich so viel bedeutete, als meine
ethnographischen Studien grsstenteils aufzuopfern. Die Wichtigkeit
einer guten Karte von Mittel-Borneo und die Aussicht, gleichzeitig
auch auf geologischem Gebiet mehr leisten zu knnen, brachten mich
dazu, letzteres zu whlen. Mein Verdruss steigerte sich noch durch den
Bericht der Malaien, dass _Belar_ jetzt in der Saatzeit nicht mit uns
zum Ursprung des Mahakam ziehen knne und dass er auf seine frhere
Forderung von 1-2 Reichstalern pro Tag und Person zurckgekommen sei,
ein Zeichen, dass _Belar_ zum Unternehmen des Zuges nicht geneigt
war und dass wir unseren Plan vorlufig aufgeben mussten, so gern
wir auch die Grenzen gegen Serawak festgestellt htten.

Der Tod seines Bruders hatte _Kwing Irangs_ Unternehmungsgeist nicht
gelhmt; denn gleich nachdem die drckendste Saatperiode vorber war,
erklrte er sich bereit, mit uns den Batu Mili zu besteigen. Da es
sich jetzt um einen Zug von mehreren Tagen handelte, nahm ich auch
die Jger und Pflanzensammler mit, damit sie von der Fauna und Flora
dieses jungfrulichen Berges eine gesonderte Sammlung anlegten. _Bier_
und ich wollten uns mit der Aufnahme und dem Studium der Formationen
dieses Teils des oberen Mahakam beschftigen. _Kwing Irang_ nahm 17
junge Leute und ich noch die vier Malaien von frher mit.

Um den grossen Umweg ber die Reisfelder zu vermeiden, fuhren wir den
Mahakam abwrts, bis zum Batu Plm (_plm_ = Splitter), einem grossen
Andesitblocke, der im Fluss unmittelbar am Fuss des Abhanges liegt,
dem entlang wir auf steilem Pfade schnell bis zu dem eigentlichen,
zylinderfrmigen Gipfel des Batu Mili hinaufklimmen konnten. Der Batu
Plm besteht aus dem gleichen Gestein wie der Batu Mili und nach der
Sage der Kajan ist er auch in der Tat von diesem abgestrzt.

In frherer Zeit, so lautet die Sage, reichte der Batu Mili bis
an den Himmel und zwar zum grossen Verdruss der Stmme am Mahakam;
denn sobald der Reis unten zu reifen begann, kamen allerhand Tiere
vom Himmel auf die Erde herab und frassen die ganze Ernte auf. Daher
beschlossen einige Stmme: die Punan, Pnihing, Kajan und Long-Glat,
diese Verbindung aufzuheben und den Batu Mili umzuhacken. Sogleich
machten sich alle ans Werk, aber nur die Kajan und Long-Glat
besassen Beile, die anderen bearbeiteten den damals weichen Stein
mit einem Bambusstck. Sie verursachten daher auf dein Stein keine
so glatten Flchen wie diejenigen, die mit Beilen arbeiteten, was
sich noch heute an ihrer Haut erkennen lsst, denn Punan und Pnihing
leiden viel mehr an schuppenbildenden Hautkrankheiten als Kajan und
Long-Glat. Es dauerte lange, bis alle ihr Werk beendet hatten, auch
lief es nicht ohne Unfall ab; zuerst flog ein Splitter in das Auge
eines der vornehmsten Huptlinge jener Zeit, _Bang Ka-ang_, der unten
am Mahakam stand und das eifrige Arbeiten ber ihm beobachtete. Nur
mit grosser Mhe gelang es, mittelst eitles sehr harten Stckes Holz
den Splitter zu entfernen, der jetzt noch als Batu Plm in Form eines
mchtigen Felsblockes im Mahakam liegt.

Um den Gipfel des Batu Mili in die gewnschte Richtung fallen zu
lassen, umwanden ihn die Arbeiter mit einem kolossalen Rotangseil,
aber als die Masse zu wanken begann, erschraken sie so gewaltig,
dass jeder Stamm sich in seine Bte strzte und schleunigst in sein
Land zurckkehrte, und zwar die Kajan und Long-Glat flussabwrts,
die Pnihing flussaufwrts. Die Punan vergassen in ihrer Verwirrung,
von ihren Bten Gebrauch zu machen, und flchteten nur so in die
Wlder, in denen sie auch heute noch umherschweifen.

Da niemand das Rotangseil leitete, verwickelte es sich zwischen den
Felsen, so dass dieser Teil des Batu Mili mit seinem Fuss im Mahakam
schief hngen blieb. Infolge dieser Abdmmung staute sich der Fluss
derart, dass alles Land flussaufwrts, bis auf einen Berg, auf den
sich alle Menschen flchteten, unter Wasser gesetzt wurde. Lange Zeit
lebten sie dort, bis eines Tages zwei Mnner, die in einem grossen
Boote auf der Wasserflche fuhren, durch eine mchtige Liane, wie
sie glaubten, aufgehalten wurden. Mit ihren Beilen machten sie sich
ber die vermeintliche Liane her und es gelang ihnen auch, sie zu
durchhacken es war aber das Rotangseil, an dem das abgeschlagene
Stck des Batu Mili hing, das nun mit heftigem Aufschlag auf die
Erde niederstrzte, auf welcher es noch heute als Batu Lesong
(Scheidegebirge zwischen Mahakam und Murung) liegt. Das Wasser des
Mahakam strmte nun ab und zwar mit solcher Kraft, dass es die beiden
Mnner in ihrem Boote bis zum Meere mitfhrte, wo sie ertranken.

Beim Abstrmen des Wassers blieben die Fische in den Fasern des
zerrissenen Rotangseiles hngen, wodurch die Bahau das Weben von
Netzen lernten; sie stellen jetzt noch ihre Netze stets aus dieser
Liane (_tengang_ oder _aka klea_) her.

Nachdem die Menschen dieses grosse Werk vollfhrt hatten, fand _Bang
Ka-ang_, dass er sie belohnen msse, und beschloss daher, den Mahakam,
Barito und Kapuas mit Fischen zu bevlkern. Zu diesem Zwecke zog
er abwrts, bis unterhalb der Wasserflle des Mahakam und warf die
Fische von dort aus in den Barito und Kapuas, was natrlich nur einem
Menschen von seiner Grsse mglich war.

Als er den Fluss weiter hinunter fuhr, begegnete er Menschen, die viel
kleiner waren als er. Der Sohn des dortigen Huptlings spielte mit
einem Rotang, der dick wie ein Schenkel war, und machte dem Riesen_
Bang Ka-ang_, um ihn zu erschrecken und aus dem Lande zu vertreiben,
weiss, dass sein Vater diesen Rotang als Beinring bentze. "Dann muss
Dein Vater sehr gross sein" rief _Bang Ka-ang_ aus "rufe ihn mal her,
damit wir sehen, wer der Strkere ist!"

Der Huptling liess aber den ganzen Tag auf sich warten und, als
er nachts am Ufer erschien, stiess er ein solches Gebrll aus, dass
es _Bang Ka-ang_ nun wirklich angst wurde und er den Fluss hinunter
flchtete; seither hat man nie mehr etwas von ihm vernommen.

Am oberen Mahakam nennt man den Regenbogen "_Bang Ka-angs_ Lendentuch"
(= _ba_ _Bang Ka-ang_).

Whrend die Kajan unsere Bte an Land zogen und an den Bumen
festbanden, damit sie bei pltzlich eintretendem Hochwasser nicht
fortgefhrt wurden, hielten wir mit _Kwing Irang_ auf dem Batu
Plm sitzend einen kleinen Kriegsrat. Da ich wusste, mit welcher
inneren Angst der Huptling die Besteigung unternahm, hatte ich mir
vorgenommen, auf alle seine Plne einzugehen. _Kwing_ schlug vor, dass
wir erst bis zur senkrechten Felswand hinaufsteigen und dass meine
Malaien und seine Kajan dann Leitern und Sttzen an den schwierigsten
Stellen anbringen sollten; gegen Abend wollte er dann zuerst den
Gipfel ersteigen und dort ein kleines Schwein, ein Huhn und einige Eier
opfern, um die ber unser Eindringen in ihr Gebiet erzrnten Geister
zu besnftigen. Ich hatte gegen diesen, auf kajanischen Aberglauben
begrndeten Plan nichts einzuwenden und so kletterten wir denn lngs
des Grates, bei einer durchschnittlichen Steigung von 43, bis zu
der lotrechten Felswand hinauf und gingen links um sie herum bis
zu der Stelle, wo der frher von mir bentzte Bergrcken die Wand
erreichte. Hier fanden wir einen Platz, auf dem der Huptling mit
der Hlfte seiner Leute einige Zelte aufstellen konnte, whrend die
andere Hlfte einen Weg nach oben fr uns herrichtete. Gegen Abend
war dieser fertig und _Kwing Irang_ begann seinen Aufstieg. Nach dem
Bericht der Malaien wurde ihm zuletzt so angst und bange, dass sie ihn
nur mit Mhe dazu brachten, den Gipfel vllig zu erklimmen. Nachdem
er den Geistern sein Opfer dargebracht hatte, beeilte er sich mit dem
Abstieg und war sehr froh, nachts mit heiler Haut wieder bei uns im
Zelte sitzen zu knnen. Die Nacht war regnerisch und strmisch gewesen,
trotzdem machten _Bier_ und ich uns schon in der Morgendmmerung auf
den Gipfel auf. Wegen der Leitern war die Besteigung diesmal viel
mheloser als frher; innerhalb einer halben Stunde hatten wir die
150 m zurckgelegt.

Auf dem Gipfel erwartete uns eine wunderbare Aussicht. Die Wolken,
die nachts die Landschaft am oberen Mahakam bedecken, lagen jetzt
unter uns und die Sonne schien herrlich auf die schneeweisse Flche
herab; nach der feuchtkalten Atmosphre in den Wldern am Bergabhang
berhrte uns die hier oben herrschende Wrme aufs angenehmste. Der
Himmel war wolkenlos. Wir wurden nicht mde, unsere Blicke ber
das weite, strahlend weisse Nebelmeer schweifen zu lassen, aus dem
einzelne hohe, dunkle Bergspitzen, unbekannt und geheimnisvoll,
hervorragten. Noch nie war es uns geglckt, eine so unbeschrnkte
Aussicht ber Mittel-Borneo zu geniessen.

Obgleich wir die Entfernung der hintersten Berge nicht kannten,
sagten uns doch einige bekannte Gipfel im Kapuasgebiet, dass sie
sehr gross sein musste. ber der Wasserscheide kam der Terata und
hinter ihm noch andere Gipfel zum Vorschein. Nach Osten hin zog
sich lngs des Horizontes ein gipfelreiches Gebirge; es musste das
Ober-Kapuas-Kettengebirge sein; seine einzelnen Spitzen und Rcken
waren aber nicht zu unterscheiden. Unzweifelhaft setzte sich dieses
Gebirge in das Gebiet des oberen Mahakam fort und wahrscheinlich auch
noch weiter stlich, was wir vom Lekudjang aus nicht hatten sehen
knnen. Auch jetzt wurde uns die Aussicht nach dieser nordstlichen
Richtung durch dicht vor uns liegende, hohe Bergspitzen benommen, nach
dem Verschwinden des Nebelmeeres musste sich jedoch der Zusammenhang
dieses Berglandes mit dem Ober-Kapuas-Kettengebirge feststellen lassen.

Auch nach Sd-Osten erhoben sich zahlreiche Gipfel aus der Wolkenmasse,
whrend genau nach Sden der Batu Lesong mit seinen leicht gewellten
Gipfel den Gesichtskreis abschloss.

Die Kajan wurden durch den Anblick, der sich ihnen bot, ganz verwirrt,
sie konnten von keinem einzigen Berge den Namen angeben und hatten
augenscheinlich noch nie dergleichen gesehen. Fr jemand, der die Bahau
nicht nher kennt, ist es fast unglaublich, dass ihnen ihre nchste
Umgebung so fremd ist. Nur wenige kennen die Namen der benachbarten
Berge, auch wissen sie nicht einmal, wo die Berge liegen, die als ihre
frheren Wohnpltze in ihren berlieferungen eine grosse Rolle spielen,
wie z.B. der Batu Matjan, der Batu Brok am Ulu Tepai u.s.w. Nur die
Intelligentesten, die viel gereist sind, wissen besser Bescheid,
aber auch nur in den Gegenden, die sie auf ihren Zgen passiert haben.

Wir weilten bereits lngere Zeit auf dem Gipfel, als sich im Osten
ein Wind erhob und das bis dahin bewegungslose Nebelmeer an der
Oberflche in Aufruhr brachte, indem er in das weisse Federbett
tauchte und die Dmpfe in leichten Wolken nach oben warf, wo sie
sogleich fortgetrieben wurden. Die gleichmssige, weisse Flche
ballte sich zu einzelnen grossen Wolkenmassen zusammen, die neben
einander und um uns herumliegend alles bedeckten; sie boten dem Winde
mehr Angriffspunkte, gerieten bald in Bewegung und verdeckten alle
niederen Gipfel. _Bier_ hatte bereits zahlreiche Gipfel visiert
und so wollten wir nur noch warten, bis das Bergland selbst zum
Vorschein kam. _Midan_ brachte uns das ersehnte Frhstck, das er
einigen Kajan zu tragen gegeben hatte, nach oben und wir genossen
einige Augenblicke der Ruhe. In nordstlicher Richtung musste viel
Gestrpp entfernt werden, um eine freie Aussicht zu erlangen, denn der
Gipfel war nur nach der entgegengesetzten Seite hin gnzlich nackt
d.h. nur mit wenigen Flechten bedeckt. Die Kajan waren anfangs, aus
Furcht die Geister zu erzrnen, nicht dazu zu bewegen gewesen, ihre
Schwerter zum Umhacken der Strucher zu gebrauchen, so dass meine
Malaien die Arbeit allein verrichten mussten. Spter entschlossen
sich auch einige Kajan zum Mithelfen und so wurde die Arbeit fr
die Aufnahme zeitig genug erledigt. Die Strucher bestanden aus ganz
anderen Arten als unten am Mahakam. Da sie sich alle in Blte befanden,
lieferten sie fr das Herbarium einen schnen Fund. Auch die Sammlung
lebender Pflanzen konnten die Pflanzensucher bereichern, denn in
den Felsspalten wuchsen harren mit grasartigen Blttern und schne,
grossbltige Rhododendren hingen von den Wnden herab. Es dauerte
jedoch einige Zeit, bevor wir einiger Exemplare habhaft werden konnten,
weil die Wnde bis zum obersten, im Durchschnitt nur 60 Meter breiten
Gipfel stets senkrecht blieben.

Nach dem Frhstck fand ich, zwischen dem Gestrpp unterhalb des
Gipfels mich hindurchwindend, verschiedene Pfade, von denen meine Leute
behaupteten, dass sie von Wildschweinen herrhrten. Es musste also
noch ein anderer Zugang zum Gipfel vorhanden sein, denn den von uns
gewhlten konnten Wildschweine nicht gebrauchen. Schliesslich fand ich
wirklich eine Schutthalde, die allerdings eine Neigung von 70 besass,
die diesen Tieren aber vielleicht doch als Aufgang dienen konnte.

Erst gegen 9 Uhr kam ein Teil der Berge wieder zum Vorschein, unter
anderen auch der Hhenzug, der sich von Ost nach West nrdlich vom Batu
Mili hinzieht und im Ong Dia am Meras seinen Abschluss findet. Nach
dieser Seite zu fllt der Batu Mili sehr steil ab und ist von dem
ebenso steilen Ong Dia durch eine 500 m tiefe Schlucht getrennt.

Gegen halb elf Uhr wurden wir selbst in Wolken gehllt und konnten uns
von der, trotz des heftigen Windes, brennenden Sonne erholen. Lange
dauerte die Erholung aber nicht, auch hatte _Bier_, um an einem Tage
die ganze Arbeit zu erledigen, alle seine Zeit ntig. Fr mich war der
Aufenthalt hier oben sehr lehrreich, da er mir eine Vorstellung vom
Relief dieser Gegend gab. Die Sonne liess auch auf grosse Entfernung
die Einzelheiten in der Landschaft deutlich hervortreten. So zeigte
sich, dass die Nebenflsse des Mahakam an der Nordseite des Batu Lesong
durch Erosion interessante Formen hervorgerufen haben. Der lange,
leicht gewellte Rcken des Batu Lesong fllt, ausser an den Stellen,
wo sich seine Querrcken befinden, senkrecht ab. Als Wasserscheide
zwischen Murung und Mahakam musste der Berg einen vorzglichen
Beobachtungspunkt liefern; ich betrachtete ihn daher tagsber bei
verschiedener Beleuchtung, um zu sehen, von wo aus man ihn besteigen
konnte. Die Kajan wagten sich nicht so weit fort und die einzelnen
Truppen Buschproduktensucher, die sich am oberen Blu-u befanden,
hatten von dort aus unmglich den Gipfel besteigen knnen. Nach dem
Bericht der Leute, fhrte vom Flusstal des oberen Tjehan aus zwar
ein Pass ber den Batu Lesong, aber er musste in einem Sattel liegen,
weil das Gebirge gerade dort zu einer Hhe von 1800 Metern ansteigt;
als Beobachtungspunkt war er also sehr ungeeignet. Mehr schien mir
ein auf dem Gipfel befindliches Plateau zu versprechen, von dein
aus ein langer Querrcken zwischen dem Danum Parei und Dini zum
Mahakam herunterluft. Ich bemerkte mit meinem Fernglas keine tiefen
Einschnitte in diesem Rcken, somit konnte er uns wahrscheinlich mit
Hilfe seiner Waldbedeckung zum ersehnten Ziele fhren. Von dem rechten
Nebenfluss des Blu-u, dem Bruni, aus sollte ein Pfad zum Danum Parei
fhren und von dort aus musste der Querrcken zu erklimmen sein. Da ich
keine Hoffnung hatte, am oberen Mahakam bessere Auskunft zu erhalten,
beschloss ich, meinen Beobachtungen zu vertrauen und auf diesem Wege
die Besteigung des Batu Lesong spter vorzunehmen.

Sehr erhitzt und ermdet, aber befriedigt von allem Genossenen und
Beobachteten, erreichten wir unser Lager, zur grossen Beruhigung
_Kwing Irangs_, der sich selbst nicht wieder hinaufgewagt und den
Geistern unseretwegen nicht getraut hatte.

Vllig beruhigt zeigte sich _Kwing Irang_ jedoch erst am folgenden
Morgen, nachdem ich die Nacht ruhig und traumlos geschlafen hatte;
er schloss hieraus, dass sich die Geister trotz meiner auf dein
Gipfel begangenen Freveltaten, wie das Umhacken des Gestrpps, nicht
an mich heranwagten.

_Bier_ begab sich bereits sehr frh wieder nach oben, um noch, bevor
die Nebel sich erhoben, einige Bergspitzen anzupeilen. Unterdessen
beschftigte ich mich unten mit dem Sammeln von Moosarten, die auf
dem Gipfel, wahrscheinlich unter dein Einfluss von Sonne und Wind,
nicht vorkamen. In dem feuchten Walde unter den hohen Baumkronen
fand ich dagegen eine Menge sehr eigenartiger Formen, so dass ich
in Begleitung des Pinau Malaien _Persat_ immer weiter um den Fuss
des Gipfels herumging, bis ich pltzlich vor dem unteren Ende der
Schutthalde stand, welche die Schweine als Aufgang bentzten.

Bei meiner Rckkehr ins Lager fand ich _Bier_ schon vor und so konnten
denn sogleich unsere Sammlungen und Instrumente verpackt werden.

_Doris_ hatte mit den Seinen nicht viel Glck gehabt, unter den
geschossenen Vgeln fand sich keine neue Art; dagegen konnten die
Pflanzensucher eine grosse Fracht neuer Pflanzen nach unten befrdern.

Trotz aller bsen Prophezeiungen der Kajan war unser Zug somit
ohne Unfall verlaufen. _Kwing Irang_ war nicht einmal, wie nach
der Besteigung des Batu Kasian im Jahre 1896, erkltet. Damals
fasste er seine Erkrankung als eine Strafe der Geister auf; in
Wirklichkeit war sie die Folge einer kalten, regnerischen, auf 600
m Hhe verbrachten Nacht. Diesmal hatte ich ihm vorsichtshalber fr
die Nacht ein flanellenes Sporthemd gegeben, das ihn so gut erwrmt
hatte, dass er nun aus Befriedigung ber seine heldenhafte Besteigung
des Geisterberges bereit war, mich zu einem Weiher zu begleiten, der
in der Nhe des Batu Plm im Walde liegen sollte und in welchem sich
die Donnergeister des Batu Mili jede Nacht zu baden pflegten. Leider
kam es nicht zu diesem Ausflug.

Obgleich _Kwing Irang_ und seine Leute nur unter meinem Schutz das
Unternehmen gewagt hatten und viel mehr Menschen mitgegangen waren
als ich ntig hatte, musste ich doch allen den blichen Lohn von 2.50
fl. in drei Tagen und dem Huptling 2.50 fl. pro Tag geben. Da es
sich hier nur um eine Exkursion von kurzer Dauer handelte, war der
Preis ertrglich.

Anders verhielt es sich bei unserem Zuge an den Meras den wir,
nachdem die Verbotszeit dort beendet war, unternahmen. Der Zweck
unseres Aufenthaltes am Mahakam machte es notwendig, dass wir uns
mglichst lange bei den Stmmen aufhielten, und nun meinte _Kwing
Irang_, dass wir es unserer Wrde schuldig waren, bei den Ma-Suling
mit zahlreichen Bten und Menschen aufzutreten. Ich legte jedoch auf
seine einigermassen selbstschtige Begrndung nicht viel Gewicht,
da unser Ansehen bei den Bahau auf etwas anderem als einem grossen
Gefolge beruhen musste, und beschloss daher, zur Erforschung des neuen
Gebiets alle unsere Sammler und die brige Gesellschaft und nur eine
beschrnkte Anzahl Bahau mitzunehmen, die im Grunde doch nur ein von
mir bezahltes Geleite _Kwing Irangs_ bildeten. _Kwing_ wollte nmlich
die Gelegenheit bentzen, um mit seinen Kampfhhnen am Meras zu
glnzen; dabei sollte das zahlreiche Gefolge noch zur Erhhung seines
Ansehens dienen. Infolge der guten Ernte befanden sich nicht nur die
Kajan, sondern auch die Hhne in blhendem Zustand und versprachen,
die Ehre des Huptlings gegenber den Bakumpai oder Barito Malaien,
die sich bei _Itjot_ am Meras aufhielten, gut zu vertreten.

Die Hahnenkmpfe (_petuduk_) sind seit zwei Generationen bei allen
Bahau am Mahakam durch die Malaien von Kutei eingefhrt worden. Die
Malaien betreiben die Hahnenkmpfe. nur als Hazardspiel, bei dein die
Kraft und Gewandtheit der mit eisernen Sporen (_tadji_) bewaffneten
Hhne nur insofern Interesse einflssen, als sie den Gewinn oder
Verlust eines hohen Einsatzes oder einer Wette bestimmen. Den gleichen
Charakter tragen die Hahnenkmpfe auch bei den Bahau unterhalb der
Wasserflle, hauptschlich bei den Huptlingen _Kanu Jok_ und _Si
Brit_ oder Raden _Mas_, die, als sie vom Sultan jahrelang in Tengaron
zurckgehalten wurden, dort malaiische Gewohnheiten annahmen. Auch
unter den Huptlingen oberhalb der Wasserflle nimmt die berzeugung
immer mehr zu, dass sie es ihrer Wrde schuldig sind, Kampfhhne zu
halten; selbst mancher ihrer jungen Untertanen besitzt einen Hahn. Nur
ein Huptling von der hohen Stellung _Kwing Irangs_ hlt sich eine
grssere Anzahl Hhne; die brigen finden es zu lstig, die Tiere
so lange zu fttern und durch Baden, Massieren und ben zum Kampfe
vorzubereiten. Unter den Pnihing fand ich nur bei _Belar_ einen Hahn,
der in einem Korbe in der Galerie hing. Er verkaufte seine Hhne aber
lieber, als dass er sie selbst kmpfen liess.

_Kwing Irang_ kaufte seine Hhne in der Regel von seinen Freien, die
die Tiere teilweise bereits selbst dressiert hatten. Die ausgebreitete
Hhnerzucht der _panjin_ verfolgte ursprnglich den Zweck, Opfertiere
zu liefern; seit Einfhrung der Hahnenkmpfe wird sie aber in noch
grsserem Massstabe betrieben.

Eine bestimmte Rasse wird nicht gezogen; in frheren Jahren hatten
jedoch die Malaien vom Kapuas und unteren Mahakam dem Huptling einige
besonders grosse Exemplare von Kampfhhnen mitgebracht und von diesen
stammen seine jetzigen, grossen Hhne ab.

Beim Abschied im Jahre 1897 hatte _Kwing Irang_ auch mich gebeten,
beim nchsten Besuch Hhne mitzubringen. Der eifrige Betrieb der
Hhnerzucht kam uns sehr zustatten, da er uns stndig mit Hhnern und
Eiern versorgte. Die Kampfhhne unterscheiden sich von den berall
sonst auf Borneo vorkommenden Hhnen nur durch ihre Grsse; besondere
Rassenmerkmale besitzen sie nicht.

Die Kmme werden den Hhnen kurz abgeschnitten und auch die Sporen
werden meist mit einem Stck Blech abgesgt und zwar so, dass
keine Blutung entsteht. Man tut dies, damit sich die Hhne bei
bungsgefechten keinen Schaden zufgen knnen.

Bei ernsten Gefechten werden den Tieren ungefhr 7 bis 8 cm lange,
scharf geschliffene Sporen (_tadji_) an die Unterseite des Fusses
gebunden. Der Sporn wird stets nur an einem Fuss befestigt; er luft
entweder gradlinig oder gebogen oder gewunden in eine Spitze aus.

Die Sporen werden von bestimmten Personen, die die Kunst an der Kste
gelernt haben, geschliffen und zwar aus Rasiermessern, Tischmessern
u.a., welche von Malaien eingefhrt werden. _Kwing Irang_ und sein
Sohn _Bang_ hatten es im Schleifen besonders weit gebracht; ihre
Sporen waren so fein bearbeitet, dass sie tadelloser auch aus einer
europischen Werkstatt nicht htten hervorgehen knnen.

Das Schleifen geschieht auf Drehscheiben von verschiedener Grsse
und Feinheit, die auf einem einfachen Gestell ruhen und von einem
Knaben mittelst einer hin- und hergezogenen Schnur in Bewegung gesetzt
werden. Auch diese Drehscheiben sind von den Malaien bernommen worden.

_Kwing Irang_ besass, je nach der Beschaffenheit seines Reisvorrats
und der Aussicht auf knftige Gefechte, zwischen 5 und 30 Hhnen,
von denen jeder gesondert in einem aus Rotang geflochtenen Korbe
unter dem Dache seiner Wohnung hing oder bei den zuverlssigsten
seiner Sklaven einquartiert war.

Die Hhne werden morgens und abends ausschliesslich mit ungespelztem
Reis gefttert; sie bekommen wenig zu trinken und gehen nur dann
frei herum, wenn der Huptling sich mit ihnen abends beschftigt,
mit ihren Klauen Gymnastik treibt und die Tiere miteinander kmpfen
lsst. Die Hhne werden in der Regel tglich im Fluss gebadet und
nass wieder in den Korb gesetzt.

Wahrscheinlich, wrde man auf die krperliche Entwicklung der Hhne
noch grssere Sorgfalt verwenden, wenn nicht, besonders bei den Bahau,
die Farbe und Anordnung der Federn bei der Beurteilung der Tauglichkeit
eines Tieres eine so grosse Rolle spielten. Es werden zwar von der
Gegenpartei auch die Entwicklung der Muskeln und die Krpergrsse in
Betracht gezogen, aber die Farbe der Federn erscheint doch ebenso
wichtig. Daher werden, um den Wert der Hhne herabzusetzen, hufig
vor den Kmpfen einige Federn von besonders guter Bedeutung ausgezogen.

Bei den Hahnenkmpfen gewinnt derjenige Hahn den Sieg, der den anderen
ttet oder in die Flucht jagt. Man beginnt die Tiere zu reizen, indem
man dem einen den Kopf festhlt und das andere hineinhacken lsst, bis
man aus der Heftigkeit der Anflle ersieht, dass die Tiere gengend in
Wut geraten sind. Dann setzt man die Hhne in einem Abstand von 4-5
m auf den Boden und lsst sie gleichzeitig auf einander los. In der
Regel laufen sie auf einander zu, fliegen an einander auf und suchen
sich mit ihren Sporen zu verwunden. Bisweilen ist keiner der Hhne
kampflustig; die Wette bleibt dann unentschieden. Dies ist auch der
Fall, wenn beide Tiere gleichzeitig an ihren Funden sterben, oder wenn
der Sieger den Besiegten, der ihm zugetragen wird, nicht mehr hacken
will, zu hacken wagt oder wegen Ermdung oder Blutverlust nicht mehr
zu hacken im stande ist. Knnen beide Hhne nicht mehr weiterkmpfen,
so gewinnt ebenfalls keine der Parteien.

Die Wunden, die die Tiere einander beibringen, sind oft sogleich
ttlich. Dringt der eiserne Sporn in den Leib, so wird dieser nicht
selten 67 cm weit aufgerissen, der Hals wird bisweilen mit einem
Mal gnzlich durchgeschnitten. fters kann ein Hahn seinen Sporn,
wenn er in einem Knochen festsitzt, nicht befreien; man wartet dann
eine Zeitlang, nimmt die Tiere dann auf und sieht den Kampf, wenn
beide Tiere noch leben, als unentschieden an. Es kommt vor, dass die
Tiere nur schwach verwundet sind oder hauptschlich Fleischwunden
haben. Merkwrdiger Weise verstehen die Bahau derartige Wunden mit
Nadel und Faden geschickt zu nhen und zu heilen, whrend sie noch
nicht auf den Gedanken gekommen sind, die Wunden bei Menschen auf
die gleiche Art zu behandeln. Wahrscheinlich haben sie mit der Sitte
der Hahnenkmpfe zugleich die der Wundbehandlung von den Malaien
bernommen. Die Kajan verteidigten mir gegenber das grausame Gefecht
mit den Sporen damit, dass auf diese Weise dem Leiden der Hhne schnell
ein Ende gemacht wrde, whrend sie ohne Sporen so lange kmpften,
bis sie vor Erschpfung oft tot niederfielen.

Bei den _panjin_ werden die Hahnenkmpfe nur als Zeitvertreib, den
sich nur die Wohlhabenden und auch diese nur in bescheidenem Masse
erlauben drfen, aufgefasst. Nach vollbrachtem Tagewerk lassen die
jungen Leute abends fters ihre Hhne miteinander kmpfen, aber nur
sehr selten mit Sporen und um einen Gewinn; auf Wetten lassen sie sich
berhaupt nicht ein. Den Einsatz bildet eine alte Perle, ein Beil oder
ein Schwert. Verheiratete Leute beteiligen sich nur ausnahmsweise an
diesem Vergngen, das in dieser Form durchaus unschuldig ist. Lassen
sich dagegen die Huptlinge auf ihren Reisen flussabwrts mit Malaien
oder Barito und Kahjan Dajak in Wettkmpfe ein, so wird der Einsatz
stets so hoch wie mglich gewhlt.

Die Sitte verlangt, dass die Stammesgenossen auf den Hahn ihres eigenen
Huptlings setzen. _Kwing Irangs_ Einsatz variierte zwischen 5 und 40
fl.; sein Gefolge wettete 1 bis 2.50 fl. pro Person, so dass stets noch
50 bis 60 fl. hinzukamen und bisweilen 100 fl. auf einen Hahn gesetzt
wurden. _Bang Jok_ und die Malaien setzten oft noch grssere Summen
auf ihre Hhne; _Kwing Irang_ tat es nur bei einigen besonderen Tieren.

Auch bei den Hahnenkmpfen der Bahau spielen nicht mir die Geister mit
ihren Vorzeichen, sondern auch allerlei aberglubische Vorstellungen
eine wichtige Rolle. Begiebt sich _Kwing Irang_ z.B. mit seinen
Hhnen zu einem anderen Huptling, so fassen die Kajan diesen Zug als
einen wirklichen Kriegszug auf und suchen alles zu vermeiden, was der
Mnnlichkeit und Tapferkeit der Hhne schaden knnte. Daher war _Kwing
Irang_ bei unserer Reise zur Kste im Jahre 1897 durchaus dagegen,
dass Frauen mit uns reisten, weil diese auf seine Kampfhhne einen
nachteiligen Einfluss ausben konnten. Als eine Frau schliesslich doch
mitzog, lagerte sich _Kwing Irang_ mit seinen Hhnen stets in mglichst
grosser Entfernung von ihr. Nach Ansicht der Bahau wird nicht nur die
Kraft der Hhne, sondern auch die der Mnner durch die Berhrung mit
etwas Weiblichem beeintrchtigt. Die Kajanmnner vermeiden es daher,
einen Webstuhl oder getragene Frauenkleider anzurhren; tun sie dies,
so werden sie "_dawi_", d.h. schwach und haben auf der Jagd, beim
Fischfang und im Kriege keinen Erfolg.




KAPITEL XVI

    Besuch bei den Ma-Suling am Meras--In Batu Sala, Napo Liu und
    Lullt Sirang--Behandlung von Kranken, Einkauf von Lten und
    Ethnographica--Besteigung des Batu Situn--Beobachtungsposten
    auf einem Baumgipfel--Rckhehr nach Lulu Sirang--Symbolische
    Heiratserklrung--Hochzeitsgebruche--Ehegesetze--Heimkehr nach dem
    Blu-u--Besuch hei den Pnihing am Tjehan--In Long 'Kup--Besteigung
    des Liang Baring--Bei den I'nihing am Paket--Begrbnissttte
    der Pnihing--_Hadji Umar_--Zurcksendung einer Batang-Lupar
    Gesellschaft Beratung wegen des Haushaus--Besuch von _Hinan
    Lirung_.


Am 20. November konnten wir endlich unseren lang geplanten Besuch bei
den Ma-Suling am Meras zur Ausfhrung bringen. Frh morgens fuhren
wir in zwei grossen Bten ab; in dem unsrigen befanden sich ausser uns
Europern, dem Chinesen _Mi-Au-Tong_ und unseren Malaien nur noch zwei
Kajan als Steuermnner, da diese das Fahrwasser am besten kannten. Die
beiden jungen Leute hatten mich bereits auf meiner frheren Reise
fters begleitet. Bald nach unserer Abfahrt hrten wir das Brummen
eines Rehs, das, als schlechtes Vorzeichen, die Kajan zur Rckkehr und
zum Aufschieben eines Unternehmens auf acht Tage zwingt. Ich tat, als
ob ich nichts hrte und, als meine Steuermnner unruhig wurden und mich
fragten, was ich zu tun gedchte, sagte ich einfach: "weiterrudern",
worber der Chinese in herzliches Lachen ausbrach. Der eine Steuermann,
_Owat_, der mit mir auch zum ersten Mal den Batu Mili bestiegen hatte,
war mit meiner Antwort augenscheinlich sehr zufrieden, denn er begann
mit seinem Ruder krftig auszuholen und so blieb dem zweiten Steuermann
nichts brig, als dem Beispiel des ersten zu folgen. Gleich darauf
holte uns das zweite Boot ein, in dem sich _Kwing Irang_ mit seinem
Sohne _Bang_, seinen Kajan und den Kampfhhnen befand. Sie hrten in
nchster Nhe vor uns den Ruf des _hisit_ auf ihrer rechten Seite;
der Vogel prophezeite ihnen also eine glckliche Reise. Der _adat_
gemss musste _Kwing Irang_ landen und eine Zigarette rauchen.

Meine beiden Kajan hteten sich, ber unser Vorzeichen ein Wort
zu sagen, und rauchten mit ernsten Gesichtern ebenfalls ihre
Zigaretten. Darauf setzten wir unsere Fahrt schnell fort. Wir machten
weder in Lulu Njiwung noch in anderen kleinen Niederlassungen Halt,
sondern fuhren direkt bis Batu Sala, um mit dessen Bewohnern
die Bekanntschaft zu erneuern und _Barth_ den Huptlingen
vorzustellen. Leider befand sich der Huptling _Paren_ mit seiner
Frau in Long Tepai und wir wurden nur von seinem Bruder _Bang_ in
der Galerie empfangen. Zwischen ihm und _Kwing Irang_ auf dem Boden
sitzend, den Rcken an die schiefe Aussenwand gelehnt, begann ich
ber alles, was sie seit meiner Abwesenheit erlebt hatten und ber
die Ernteaussichten zu sprechen. Die Gegenwart des Kontrolleurs, der
an der anderen Seite _Kwings_ sass, schien den ngstlichen _Bang_
einzuschchtern, ich bentzte daher einen gnstigen Augenblick, um
die beiden einander vorzustellen und sprach dann ber gleichgltige
Dinge weiter. Als sich nach einiger Zeit auch der Kontrolleur an
der interessanten Unterhaltung beteiligte, hielt es _Kwing Irang_
frangebracht, mich zu seinem Schwiegervater _Bo Djo_ zu fhren, der
Huptling eines kleinen, bei den Long-Glat lebenden Stammes ist. Ich
hatte den alten Mann bereits im Jahre 1897 behandelt; jetzt hatte er
wiederum meine Hilfe ntig, da er an Bronchitis und Malaria litt. Er
usserte seine Freude ber mein Kommen, erkundigte sich nach seiner
Tochter _Uniang Anja_ und deren Shnchen _Hang_ und wollte wissen,
warum sie nicht mitgekommen waren. Ich wagte ihm nicht zu sagen,
dass seine Tochter unserer Kampfhhne wegen nicht hatte mitreisen
drfen. _Kwing Irang_, den Kranke unangenehm berhrten, entfernte
sich und ich betrachtete nun mit Musse meine Umgebung, nachdem ich
dem alten Manne versprochen hatte, ihn am folgenden Morgen rztlich
zu behandeln. In dieser von alters her wohlhabenden Niederlassung
befanden sich viele schne, alte Gegenstnde und ich begann sogleich
die hohe, mit Perlen verzierte Mtze von _Bo Djos_ Tochter, die dem
Hause vorstand, zu rhmen; auch erkundigte ich mich, wer ihr den
hbschen Rock gestickt hatte. Mein Interesse fand grossen Beifall und
so liess man mich auch noch andere schne Dinge sehen. Auf einige
Gegenstnde machte ich, um vorlufige Unterhandlungen einzuleiten,
ein Angebot. Bei meiner Rckkehr ins grosse Haus begegnete ich
verschiedenen Bekannten von frher und begab mich daher in guter
Stimmung nach unserer Galerie vor der Huptlingswohnung, wo man
alles fr eine Mahlzeit und die Nacht vorbereitet hatte und _Barth_
noch immer in eine Unterhaltung mit _Bang_ vertieft sass.

Am folgenden Tage gab es fr mich noch so viel Arbeit im Dorfe,
dass ich froh war, als uns ein heftiger Regen des Morgens an der
Weiterreise verhinderte; ich hatte nun Zeit, mich mit den zahlreichen
Kropf- Fieber- und Lueskranken zu beschftigen und ihnen Arzneien
auszuteilen, die ich in grsserer Menge mitgenommen hatte. Als der
Regen nach dem Essen aufhrte, brachen wir, mit dein Versprechen
wiederzukommen, zum Meras auf. Die Bevlkerung hatte nun Zeit,
ber ihre erste Begegnung mit dein gefrchteten Regierungsbeamten
nachzudenken und sich ber seine Anwesenheit zu beruhigen. Wegen des
hohen Wasserstandes und der Schwere unserer Bte erreichten wir erst
nach vierstndiger Fahrt Napo Liu, die Niederlassung der Ma-Suling,
in der _Bo Li_ gestorben war. Auf _Kwings_ Rat landeten wir nicht
bei des Huptlings Hause, da _Ledju Lis_ Familie noch Halbtrauer
trug, sondern bei _Temenggung Itjot_, der uns schon erwartet zu haben
schien. Wenigstens empfingen uns einige hbsch gekleidete Malaien vor
der Haustreppe, die zu seinem Badehuschen fhrte; sie begrssten uns
und forderten uns auf, ihnen nach _Itjots_ Galerie zu folgen, wo wir
eine grosse Gesellschaft Bakumpai, Malaien vom Barito, antrafen. Ich
kannte die meisten von meinem vorigen Besuch her, es waren aber noch
neue Buschproduktensucher vom Belatung, die bei den Ma-Suling Reis
einkaufen wollten, hinzugekommen. Die Gesichter, die uns umringten,
waren nichts weniger als sympathisch, aber wir mussten sie ertragen,
da der Huptling uns als Fremde in seiner Wohnung nicht aufnehmen
durfte. Neben _Itjots_ Wohnung befand sich eine andere, deren Bewohner
augenblicklich auf dem Reisfelde lebten, in diese hielten wir nun
unseren Einzug.

Whrend unseres Besuches bei _Ledju_ erzhlte er uns, dass die
neuangekommenen Malaien einen Gong als Bussgeld hatten geben mssen,
weil sie die Niederlassung vor Ablauf der Trauerzeit betreten
hatten. Eigentlich waren auch wir zu einer Busse verpflichtet, aber
_Kwing Irang_ erklrte _Ero_, der Wittwe von _Bo Li_, dass wir keine
Fremden seien, da wir mit den Kajan zusammenwohnten; so kamen wir mit
einem Packen Perlen davon. Die ganze Familie ging noch in Trauer;
die Frauen trugen im Hause eine hellbraune _ta-a_, die nur bis an
die Kniee reichte; die jungen Shne waren nur mit einem hellbraunen
Lendentuch bekleidet.

Die Gesellschaft Bakumpai war sehr nach _Kwing Irangs_ Sinn; den
ganzen folgenden Tag ber wurde an nichts anderes als an Hahnenkmpfe
gedacht. Die zwei Parteien sassen einander gegenber und beurteilten
gegenseitig ihre Hhne nach der Farbe und Anordnung der Federn, nach
der Kraft und dem Temperament. Der gutmtige, vorsichtige _Kwing_ war
den die Aufregung des Spiels liebenden Malaien viel zu schwerfllig;
die Unterhandlungen schienen ihn auch mehr zu interessieren als
der eigentliche Kampf, so dass die Geduld seiner Gegenpartei auf
eine harte Probe gestellt wurde. Wahrscheinlich liessen sie sich
hierdurch zu Unvorsichtigkeiten verleiten, denn _Kwing_ gewann 4 Mal
nach einander; da er sein Glck auch noch am folgenden Tag versuchen
wollte, bentzte er einen angekndigten Besuch des Huptlings _Bo Lea_
aus Long Tepai zum Vorwand, um lnger zu bleiben.

Inzwischen hatte ich meinen Tag nicht minder gut verwandt, indem ich
die Gelegenheit, wenn man mich als Arzt in eine Wohnung rief, dazu
bentzt hatte, ein Gesprch anzuknpfen und ber allerhand schne
Gegenstnde, unter anderem auch ber eine sehr alte Perlenverzierung
fr ein Kindertragbrett (_tap beneng_) und eine Jacke mit einem aus
bunter Knpfarbeit versehenen Rand, zu unterhandeln. Den Eigentmern,
die einen sehr hohen Preis von mir forderten, gab ich bis zu meiner
Rckkehr von oben Bedenkzeit.

Zugleich sah ich mich nach grossen Bten um, die ich fr unsere Fahrt
zur Kste ntig hatte. Auf der vorigen Reise hatte ich von _Paren_,
dem Pnihinghuptling am Tjehan, ein sehr schnes Boot gekauft, in
diesem Jahre hatte man in seiner Niederlassung aber nur kleine Bte
hergestellt, so dass ich diesmal auf die Ma-Suling rechnete. Unter
_Itjots_ Hause fand ich nur schmale, schlechte Exemplare, fr die
die Besitzer morgens einen sehr hohen Preis verlangten, abends aber
bereits 50% abliessen. Wie man mir erzhlte, sollten in der grossen
Niederlassung weiter oben am Meras schne Bte zu haben sein, daher
beschloss ich, mich dorthin zu begeben.

Da wir noch mancherlei Plne auszufhren hatten und die Anwesenheit der
vielen Malaien unter den Bahau uns unangenehm berhrte, liessen wir
_Kwing Irang_ bei seinen Hhnen und fuhren selbst mit unseren Leuten
und einigen Kajan den Meras hinauf. Ich wollte das niedrige Fahrwasser
bentzen, um im Flussbett geologische Untersuchungen anzustellen, und
nahm daher in einem kleinen Boot mit wenigen Ruderern Platz, die mich
schnell von einem Ufer zum anderen bringen konnten. Festes Gestein,
das nicht zu sehr verwittert war, bemerkte ich nur anfangs, weiter
aufwrts war alles Gestein mit einer dicken Erdschicht bedeckt, auf
der nur Gestrpp wuchs, da die Ma-Suling whrend ihres langdauernden
Aufenthaltes am Meras den ursprnglichen Wald lngs des ganzen Flusses
ausgerodet hatten. Nach vierstndiger Fahrt machte uns _Demmeni_
auf das Grabmal des frheren Huptlings _Bo Long_ aufmerksam, das er
auf der vorigen Reise photographiert hatte.

Bald darauf gelangten wir an eine Stelle des Ufers, an der alte
verfaulte Pfhle und eine stattliche Reihe der am oberen Mahakam
seltenen Kokospalmen und andere sehr alte Fruchtbume als Zeugen
einer frheren Niederlassung der Ma-Suling briggeblieben waren. Der
Ort schien jetzt nur von Wild besucht zu werden, denn zwischen den
hoch aufgeschossenen Pflanzen zeigte der weiche, humusreiche Boden
zahlreiche Spuren von Wildschweinen, Hirschen und wilden Rindern, die
sich in grossen Herden, um zu grasen und Frchte zu essen, hierher
zu begeben schienen. Das Gehen auf dem aufgewhlten Boden war sehr
unbequem, aber _Demmeni_ und _Barth_ drangen doch so weit vor, dass
sie eine Htte mit vor Alter halb eingestrzten Wnden entdeckten,
in der eine grosse Menge Schdel aufbewahrt lagen. Wir hrten spter,
dass die Schdel aus dem alten Hause stammten und dass die Ma-Suling
sie aus aberglubischer Furcht nicht in das neue Haus herberzubringen
wagten. Auf ihre Bitte musste _Belar_ spter mit seinen Pnihing das
gefhrliche Werk fr sie ausfhren. Als Lohn traten sie ihm die Hlfte
der Trophen ab, mit denen er seine Galerie schmckte.

Leider durften wir die Kokosnsse und anderen Frchte, nach denen uns
stark gelstete, nicht anrhren, da _Ledju Li_ sie wegen des Todes
seines Vaters, der diese Fruchtbume gepflanzt hatte, fr _buling_
oder _lali_ erklrt hatte. Nach einiger Zeit sahen wir auf einer
sehr ebenen Flche lngs des Meras die Niederlassung Lulu Sirang
hervortreten, in der die beiden Brder _Obet Dewong_ und _Bo Ngow_
als Huptlinge herrschten.

Wir wurden von den Brdern ebenso freundlich wie in Napo Liu empfangen,
was uns um so angenehmer berhrte, als sie sehr gut wussten, dass wir
in politischen Angelegenheiten kamen. Zwar waren die Huser auch hier
noch nicht ganz vollendet, aber die grosse Galerie _Obet Dewongs_
bot uns einen guten Wohnraum.

Whrend unser Gepck und unsere Schlafsttte geordnet wurden, begab ich
mich zur Huptlingsfamilie, deren Kinder alle fieberkrank waren. Die
ltesten standen dermassen unter dem Eindruck des weissen Doktors,
dass sie das bittere Chinin ohne viel Widerstreben hinunterwrgten;
einem kleinen Knaben dagegen konnte ich die Arznei nur in Pillen mit
etwas Zuckerrohrsaft beibringen.

Am jenseitigen Ufer lag ein freistehender Hgel von 180 m Hhe,
der Batu Marong, der uns einen schnen berblick ber die Umgebung
versprach; ich bestieg ihn daher noch am selben Abend, um von dort
aus mit _Bier_ ber die Aufnahme des Meras zu beraten. Ein steiler,
halb wieder verwachsener Pfad fhrte uns auf den Gipfel, auf dem
nur zwei Bume und einige Strucher standen, so dass wir bald eine
Aussicht auf die von der Abendsonne beleuchtete Landschaft erhielten.

Wir fanden fr die Hartnckigkeit, mit der die Ma-Suling am Meras
wohnen bleiben, darin eine Erklrung, dass der Fluss durch ein
besonders breites und ebenes Tal strmt, das fr den Reisbau sehr
geeignet sein muss. Hiervon zeugte der Pflanzenwuchs, denn das
dunkle, wellige Grn des Urwaldes war erst in einigem Abstand an den
Bergabhngen zu sehen, whrend die helleren, ebeneren grnen Massen
des jungen Waldes und der Strauchvegetation die Stellen andeuteten,
welche die Ma-Suling einst bereits bebaut hatten. Von _alang-alang_ und
Gras, die an anderen Orten so bald auf kultiviertem Boden auftreten,
bemerkten wir nichts.

Die Landschaft entzckte uns so sehr, dass es einige Zeit dauerte,
bis wir ber die topographische Aufnahme ernstlich zu beraten
anfingen. Nach Norden hin, wo sich das hohe, steile Kalkgebirge,
in dem der Serata, Meras, Tepai und Nijan ihren Ursprung nehmen, mit
seinen malerischen Formen erhob, war der Blick besonders anziehend. Die
mchtigen, hellen Wnde sind ihrer Steilheit wegen nicht bewachsen und
heben sich daher von dem Grn ringsherum schn ab. Wir waren hier von
den hchsten, spitzen Gipfeln des Kalkgebirges, dem Batu Matjan und
Batu Brok, die nach beiden Seiten hin nur allmhlich in vielgipflige
Rcken auslaufen, nicht weit entfernt.

Ausser von diesen Bergen wurde die Aussicht nicht beeintrchtigt,
so dass sich dieser Hgel fr _Bier_ als Beobachtungspunkt, von dem
er die nchste Umgebung und verschiedene Berge anvisieren konnte,
ausgezeichnet eignete. Von dem Quellgebiet des Mahakam, das im
Norden liegen musste, konnten wir uns von hier aus keine Vorstellung
machen, doch schien dies uns von einem alleinstehenden, hohen Berge
am oberen Meras aus mglich zu sein, daher beschlossen wir, ihn zu
besteigen. Vielleicht konnten wir von diesem aus auch den Batu Tibang
entdecken, auf dessen Abhngen die Hauptflsse des Stammlandes der
Bahau und Kenja entspringen und der daher als der Mittelpunkt der
Welt angesehen wird. Wir hatten uns bereits vom Lekudjang und Batu
Mili aus vergeblich nach dem Batu Tibang umgesehen, der uns auch
als Grenzzeichen zwischen englischem und niederlndischem Gebiet
von Wichtigkeit erschien; ebenso hatten wir vergeblich versucht,
_Belar_ zu einem Zuge nach dem ersehnten Berge zu bewegen. Auf
eine zuverlssige Auskunft seitens der Ma-Suling konnten wir nicht
rechnen, da diese selbst fr die ins Auge fallenden Gipfel des hohen
Kalkgebirges, das sie tglich vor sich sehen, keine besonderen Namen
besitzen und sich von dem Verhltnis dieser Berge zu denen am oberen
Serata, Tepai u.s.w. keine Vorstellung machen knnen. Sie wussten
nur; dass der Berg, den wir besteigen wollten, Situn heisst und, wie
beinahe alle alleinstehenden Berge, von gefrchteten Geistern bewohnt
wird. Whrend wir uns abends in weitem Kreise sitzend unterhielten,
erzhlten uns einige Siang Dajak vom Barito, die hier fr die Zeit,
wo sie im Tal des Meras Guttapercha suchten, verheiratet waren,
etwas Nheres ber das Gebiet am oberen Meras, in dem sie an usserst
steilen Bergabhngen gearbeitet hatten. Eine genauere Vorstellung
von den Flusstlern in dieser Gegend hatten jedoch auch sie nicht.

Die Ma-Suling kannten zwar einen Weg, der auf den Situn fhrte,
aber dieser begann am Tasan, einem kleinen Nebenfluss des Meras,
den _Ledju Li_ wegen des Todes seines Vaters fr _buling_ oder _lali_
erklrt hatte; somit hatten wir wenig Hoffnung, diesen gnstigen
Aussichtspunkt zu erreichen.

Am folgenden Tag traf _Kwing Irang_ mit den Seinen bei uns ein und
versprach, mit _Ledju_, sobald dieser nach Lulu Sirang kommen wrde,
ber die Angelegenheit zu reden. Nach einigem Zgern war auch _Obet
Dewong_ bereit, uns zu begleiten, und _Kwing Irang_ wollte uns fr
den Zug seinen besten Ratgeber _Sorong_ und acht Kajan zur Verfgung
stellen.

Die Huptlinge hatten noch ein besonderes Interesse an dieser
Exkursion; nach der berlieferung stammen nmlich alle Pflanzen,
die man bei religisen Zeremonien auf dem Reisfelde gebraucht und
mit dem Reis gleichzeitig baut, von diesem Berge Situn und sollten
dort noch wild vorkommen. Es erwies sich, dass dies nicht der Fall
war, aber immerhin lehrte uns diese berlieferung, dass auch die
Kajan einst in diesen Gebieten gewohnt haben mssen. Wir erfuhren
spter, dass zwei der hchsten Gipfel, deren Namen wir damals noch
nicht kannten, zum Batu Matjan gehrten, von dem mir _Kwing Irang_
bereits frher berichtet hatte, dass sein Stamm einst auf ihm gelebt
und Reisfelder angelegt habe. Er hatte sich den Batu Matjan aber eher
als Hochflche gedacht.

Whrend wir in den folgenden Tagen auf _Ledju_ warteten, nahm _Bier_
die Umgebung auf und ich beschftigte mich mit den Bewohnern des
langen Hauses, die stark am Malaria litten. Zu meiner Freude konnte
ich viele, auch die Kinder des Huptlings, von ihrer Krankheit heilen.

Ich erlaubte diesen, sich ein hbsches Stck Zeug oder Ohrringe
als Geschenk auszusuchen, und erfreute auch die Eltern mit einem
Gegenstand, den sie sich wnschten. _Bo Ngow_ hatte glcklicher Weise
weniger Kinder und auch seine Frau lebte nicht mehr, so dass er an
meine Vorrte geringere Ansprche stellte; allerdings wurde dieser
Vorteil durch seine sehr hbsche und sympathische Tochter teilweise
wieder aufgehoben.

Indem ich mit so vielen in Berhrung kam, bot sich mir eine gute
Gelegenheit, Ethnographica zu sehen und einzukaufen, und, da ich
nicht mehr besonders sparsam zu sein brauchte, erwarb ich manche
schnen Perlenarbeiten, Matten, Rcke u.s.w. In verborgenen Winkeln am
Feuerherde entdeckte ich auch noch einige alte, irdene Tpfe (_taring
tanah)_, wie sie frher am Mahakam gebrannt wurden. Zum Erstaunen der
Hausbewohner kaufte ich diese Zeugen einer verschwundenen Industrie,
auch wenn sie einen Riss hatten; da ich in Salz, Perlen und Zeug einen
hohen Preis fr sie bezahlte, habe ich wahrscheinlich alle erworben,
die noch vorhanden waren.

Den beiden Huptlingen konnte ich noch anders als durch Geschenke einen
Gefallen erweisen. Sie hatten nmlich in diesem Jahre jeder ein sehr
grosses Boot gebaut, um es an den Sultan von Kutei zu verkaufen, der
sie gut bezahlte, da Bte von dieser Grsse unterhalb der Wasserflle
nicht mehr gebaut werden. In Gesellschaft von _Kwing Irang_ und
_Sorong_ besichtigte ich die Bte, von denen jedes 21 m lang und 4-5
Fuss breit war. Das eine Boot war etwas dnner, aber dafr tiefer als
das andere; aber beide entsprachen vollstndig unserem Zweck und so
kaufte ich sie fr den geforderten Preis von 100 fl. das Stck. Den
gleichen Preis hatte ich auch einige Jahre vorher den Pnihing fr
ein hnliches Boot bezahlt.

Inzwischen zeigte es sich, dass _Ledju_ sich mit seiner Ankunft bei
uns nicht beeilte, auch brachten andere die Nachricht, dass er wegen
des Todes eines Kindes in einer Sklavenfamilie die Trauer noch nicht
gnzlich abgelegt hatte, so dass die Aussicht, ihn hier zu sehen, nicht
gross war _Kwing_, der hier keine Gegenpartei fr seine Kampfhhne
fand, sehnte sich danach, wieder hinunter zu ziehen und, da es hier
oben auch fr den Kontrolleur nicht viel zu tun gab, sollte er _Kwing_
begleiten. Am 26. Januar reisten beide ab. Sicherheitshalber gab ich
ihnen alle Schutzsoldaten nach Napo Liu mit, wo die Gesellschaft auf
mich warten sollte. _Sorong_ und die Seinen blieben zurck, um uns
unter _Obet Dewongs_ Fhrung nach dem Situn zu geleiten. Der Zug
wurde unter _Kwing Irangs_ Verantwortung unternommen, der meinte,
dass ihm, da _Ledju_ nicht gekommen war, um das _lali_ des Tasan
aufzuheben, als ltestem Familienglied das Recht zustand, uns gegen
eine Busse an _Ledju_ den Fluss hinauffahren zu lassen. Wegen des
hohen Wasserstandes war an diesem Tage jedoch an eine Fahrt nicht zu
denken, auch hatte ich noch keine Zeit, da man mir nun auch von den
Reisfeldern Kranke zur Behandlung brachte und ich Chinin mit einer
Gebrauchsanweisung austeilen und den Lueskranken eine Jodkalilsung
in Flaschen zubereiten musste. Einige Dorfbewohner setzten noch vor
meiner Abreise die anfangs geforderten hohen Preise fr Ethnographica
herab und so hatte ich so viel zu tun, dass ich mich geduldig auf
die Versicherung, dass der Meras schnell fallen wrde, verliess.

Trotz des hohen Lohnes, den ich ausgesetzt hatte, konnte _Obet
Dewong_ am anderen Morgen nur mit Mhe acht Mann dazu bewegen, ihre
Arbeit unseres Zuges wegen zu unterbrechen; daher waren wir erst um
9 Uhr reisefertig. Unsere Pflanzensucher begleiteten uns mit ihren
Tragkrben: sie hatten in den letzten Tagen bereits in der Umgebung
prchtige Pflanzen gefunden, auf dem Batu Marong unter anderen eine
Arodee, deren grosse Bltter wie aus dunkelbraunem Sammet geschnitten
aussahen.

Ausser den Htten auf den Reisfeldern weiter oben sahen wir nur
noch eine kleine Niederlassung oberhalb der Mndung des Asa, der in
einem sehr breiten Tal lngs der senkrechten, nrdlichen Wand des
Ong Dia strmt. Das Tal wird nach Westen durch die Verlngerung des
Ong Dia Rckens abgeschlossen, der sich in nrdlicher Richtung bis
zum Kalkgebirge Batu Matjan hinzieht.

Nach zweistndiger Fahrt erreichten wir die Stelle, wo der Tasan von
Norden her in den Meras mndet, der hier um den sdlichen Abhang des
Batu Situn eine Biegung macht. Etwas weiter oberhalb der Mndung fuhren
wir unter dem Rotang hindurch, den _Ledju Li_ als Verbotszeichen quer
ber den Fluss hatte spannen lassen.

Die Flussgeister schienen uns unsere Freveltat nicht bel zu nehmen,
denn einer der Ma-Suling entdeckte an einer verbreiterten Stelle,
wo das Wasser ruhig strmte, einen grossen Fisch. Das Boot nherte
sich lautlos dem Tier und es gelang dem vorderen Steuermann, den Fisch
mit seiner Lanze zu spiessen. Das Schlachtopfer wehrte sich zappelnd
und tauchte unter, trieb aber, durch den Blutverlust geschwcht,
bald wieder an der Oberflche und wurde mit Jubel in das Boot gezogen.

Weiter oben drngt sich der hier nur 7 m breite Tasan zwischen zwei
senkrechten Kalkfelsen hindurch, deren Wnde mit Algen, Moos, Farren
und anderen Pflanzen feuchter Standorte dicht bewachsen sind.

In frherer Zeit durften die Bewohner dieser Gegenden den Tasan nur bis
zu dieser _lobang belare_ (Hhle eines Donnergeistes) hinauffahren;
erst seit kurzem wagen sie sich weiter aufwrts. Auch jetzt fuhren
wir unter feierlichem Schweigen an dieser Stelle vorber.

An dem kleinen Fluss Ter weiter aufwrts zogen die Ma-Suling die
Bte in den Uferwald, whrend _Sorong_ mit den Seinen den gleichmssig
ansteigenden Rcken hinaufging, um ntigenfalls einen Weg durchhauen
zu lassen. Ich folgte ihm langsam mit _Obet Dewong_. Der schwere und
bejahrte Mann folgte nur mit Anstrengung, obgleich der Rcken nicht
steil und sehr breit war; da _Obet_ in jungen Jahren ein bekannter
Jger gewesen war, gab er sich jetzt alle Mhe, nicht zurckzubleiben.

Bereits bald nach Mittag erreichten wir, auf einer Hhe von 800 m,
den Sattel, der unter dem eigentlichen Gipfel lag, und beschlossen,
hier unser Lager aufzuschlagen, da wir weiter oben kein Trinkwasser
finden wrden.

_Sorong_ hatte mit seinen Leuten bereits den Platz zwischen den grossen
Bumen vom Unterholz befreit. Nachdem die Htte zusammengestellt
worden war, blieb noch gengend Zeit brig, um den eigentlichen
Gipfel auszukundschaften.

Dieselben Mnner gingen wiederum voraus; wir holten sie aber bald
ein, da sie weiter oben in die Rotang- und Moosregion gerieten. Auch
die dornigen Stmme der Sagopalmen hielten uns fest, so dass es kaum
mglich war, ohne Kleiderrisse und Hautwunden davonzukommen, und so
manchmal musste der Pfad durch diese triefende, dunkle Pflanzenmasse
gebahnt werden. Fr Nashorne schien diese Gegend sehr geeignet zu
sein, denn wir bemerkten zahlreiche Spuren von ihnen, auch jagten
unsere Leute ein Exemplar auf. In einer flhe von 1000 m .d.M. war
alles so dick mit Moos bedeckt, dass wir weder rechts noch links
sehen konnten, dazu fiel der Gipfel mit steiler Wand nach unten
ab. Es musste noch ein zweiter, hherer Gipfel vorhanden sein, aber
bevor wir ihn besteigen konnten, musste _Obet Dewong_ den Geistern
erklren, wer wir waren, und was wir hier wollten. Hierzu holte er ein
mitgenommenes Ei hervor, klemmte es zwischen die 3 Zinken eines an
der Spitze gespaltenen Stockes, den er in den Boden gesteckt hatte,
und rief darauf die Geister, die auf dem Situn und auch die, die auf
dem Batu Pala am oberen Tasan wohnten, an. Er berichtete ihnen, dass
er, der Huptling von Lulu Sirang, gekommen war, um Kajan vom oberen
Mahakam und weisse Fremde, Niederlnder, von jenseits des Meeres,
welche die Umgegeng besichtigen wollten und durchaus nichts Bses
gegen die Geister im Schilde fhrten, zu geleiten.

Gnzlich beruhigt kletterten wir nun lngs eines steilen Abhanges
ber glatte, moosbedeckte Steine ungefhr 50 m weit hinunter und
begannen dann, den eigentlichen Gipfel, der gut 1100 m hoch war,
zu besteigen. Auf dem schmalen Gipfel standen wir aber vollstndig
zwischen hohen Bumen ohne jede Aussicht; daher musste entweder
der Wald gnzlich gefllt werden, woran fast nicht zu denken war,
oder auf einem der hchsten Bume ein Beobachtungsposten gebaut
werden. Wohl oder bel entschlossen wir uns zu letzterem und trugen
unseren Bahau auf, von einem der schweren Bume mit breiter Krone
die ste teilweise zu entfernen, so dass auf den brigbleibenden
ein festes Gerst (_lasan_) aus Holz gebaut werden konnte, auf dem
unsere Instrumente aufgestellt werden sollten. Auch musste fr uns
eine Leiter hergestellt werden. Dieser ihnen gnzlich neue Auftrag
schien meine Leute zu reizen, vielleicht hatten sie auch erwartet,
dass sie den ganzen Wald fllen sollten. Sie machten sich daher eifrig
ans Werk und stellten das Gerst bereits abends fertig. Frierend,
durchnsst und sehr ermdet kehrten wir nach unserem Lager zurck,
in dem _Midan_ uns mit einer Tasse warmer Chokolade empfing. Ein
Wechsel der Kleidung stellte unser Wohlbehagen bald wieder her und
gleich nach Sonnenuntergang begaben wir uns zur Ruhe.

Das Thermometer zeigte morgens zwar noch 18 C., aber das Aufstehen in
der nasskalten Umgebung im dichten Nebel war doch nichts weniger als
angenehm. Eiligst begaben wir uns auf den Gipfel, in der Hoffnung,
ber den Wolken eine ebenso freie Aussicht wie am ersten Morgen auf
dem Batu Mili zu geniessen. Es zeigte sich aber, dass der Gipfel
unseres Baumes nicht frei stand, sondern dass einige Bume, die die
Aussicht benahmen, gefllt werden mussten. Da unser Baum der hchste
war, brauchten nur wenige Exemplare entfernt zu werden.

Zur Erwrmung begann ich auf- und niederzuklettern und Moose und
Erdorchideen, die mit ihren prchtig gefrbten und gezeichneten
Blttern in Felslchern verborgen sassen, zu suchen. Gesteine
konnte ich nicht sammeln, da alle Stcke an der Oberflche durch und
durch verwittert und nicht mehr zu unterscheiden waren. Nur da, wo
ein grosser Block vom Abhang abgestrzt war und die Wand lotrecht
aufstieg, konnten wir spter mit dem Schmiedehammer einige gute
Stcke abschlagen.

Als die Wolken unter und um unseren Gipfel nach 10 Uhr sich zu erheben
anfingen, stellten wir unsere Instrumente auf. Obgleich das Wetter
nicht sehr gnstig war, traten im Laufe des Tages doch die ganze
Umgebung und auch die Gebirge in der Ferne der Reihe nach hervor. Es
zeigte sich, dass das Kalkgebirge im Norden und Westen zahlreiche
Gipfel besitzt und von engen, tiefen Schluchten durchschnitten
wird. Aus einer dieser Schluchten kam der Meras zum Vorschein, was
die Berichte der Buschproduktensucher besttigte. Nach Osten, dem
Quellgebiet des Tepai und Nijan zu, geht das Gebirge in plateaufrmige
Ketten ber, deren weisse, senkrechte Wnde denen des Batu Brok und
Matjan vollstndig gleichen und daher ebenfalls aus Kalk bestehen
knnen. Im Gebiet des oberen Tasan wies man uns einen derartigen,
oben flachen Berg als den Batu Pala an, auf dem sich der Stamm der
Batu Pala einst ein Jahr lang gegen die Anflle der Long-Glat unter
_Ledju Aja_ verteidigt hatte.

Im brigen ging aus den Aussagen der Ma-Suling nichts Sicheres hervor
und selbst _Obet Dewong_ der sehr wohl wusste, wie viel uns daran
gelegen war, den Batu Tibang zu finden, zeigte uns einen der Gipfel
des Kalkgebirges als den gesuchten Berg. Ich war anfangs geneigt,
ihm zu glauben, als aber spter am Nachmittag in grosser Entfernung
hinter diesem Gipfel das Scheidegebirge mit dem Kajanfluss hervortrat,
das mit dem Batu Tibang in Zusammenhang stehen musste, sah ich, dass
_Obets Dewongs_ Behauptung falsch war und verwies ihm diese Art uns
zufrieden zu stellen. Das 1800-2000 m hohe Kalkgebirge verbarg uns
das dahinter liegende Gebirge und somit wahrscheinlich auch den Batu
Tibang. Das ganze Gebiet des oberen Mahakam jedoch lag schner als je
vor uns. Der ganze sdliche Teil bis zum Batu Lesong trat gut hervor,
ebenso der Gipfel des Batu Mili ber dem Rcken des Ong Dia, whrend
nach Osten der Batu Ajo, Nijan u.s.w. scharf sichtbar wurden. Es
gelang _Bier_, die erforderlichen Peilungen und Skizzen bis zum Abend
zu beenden, so dass wir unsere Zelte am folgenden Morgen abbrechen
konnten und so frh unten anlangten, dass der ganze Teil des Flusses
vom Situn bis Lulu Sirang noch gemessen werden konnte. Ich war mit
den gesammelten Pflanzen und Gesteinen vorausgegangen und hatte auch
noch die Gerllbnke des oberen Meras und Tasan untersucht, kam
aber dennoch mit _Obet Dewong_, den die Exkursion sehr angegriffen
hatte, noch zeitig nach Hause. Aus Furcht, dass ich am anderen Morgen
frh aufbrechen wrde, stellten sich eine Menge Leute mit Hhnern,
Frchten, _taring tanah_ und anderen Dingen ein, um hierfr Arzneien
oder hbsches Zeug fr Rcke oder Perlen einzutauschen. Ich war aber
zu mde zum Handeln und versicherte ihnen nur, dass ich mich noch
vor meiner Abreise mit ihnen allen befassen wrde.

Um seine Aufnahme noch bis zur Mndung des Meras fortsetzen zu knnen,
machte sich _Bier_ am anderen Morgen als erster auf den Weg. Ich hatte
noch viele Stunden damit zu tun, Flaschen mit Jodkalilsung zu fllen,
Chininpulver und Pillen auszuteilen und meine schnen Stoffe sehen
zu lassen.

Man gnnte mir kaum Zeit zum Essen, doch gelang es mir, noch vormittags
abzureisen. Zu meiner Beruhigung fhlte sich _Obet Dewong_ nach einer
gut verbrachten Nacht wieder wohler. Ich hinterliess ihre gegen seine
Fieberanflle Chininpulver, dagegen versprach er, die beiden Bte,
nachdem sie mit Brettern (_rambing_) versehen worden waren, nach dem
Blu-u zu senden.

Die Dorfbewohner sahen uns ungern abfahren, aber ich hatte ihnen
fast alle meine Arzneien ausgeteilt, in meinen Tauschartikeln war
hauptschlich durch das Einkaufen von Ethnographica eine grosse Lcke
entstanden, und so blieb ihnen wenig mehr zu wnschen brig. Die
Strmung brachte uns bald nach unten und in 3 1/2 Stunden kamen wir
in Napo Liu an.

_Ledju Li_ hatte ich fr die Verletzung des _lali_ auf dem Tasan
eine Busse zu bezahlen; die Angelegenheit wurde jedoch unter _Kwing
Irangs_ Leitung schnell geregelt. Weit mehr Unterhandlungen kostete
mir eine alte, schne Perlenverzierung fr ein Kindertragbrett
(_tap beneng_) mit zwei Menschenfiguren und einem Tigerkopf. Fast
der ganze Stamm entrstete sich darber, dass ein so altes Stck
die Niederlassung verlassen sollte, aber die Tochter der Besitzerin
liess sich durch meine schnen Elfenbeinarmbnder zum Verkauf der
Perlenarbeit verleiten. Die bereits erwhnte, schne Jacke mit dein
Rand aus Knpfarbeit wurde mir nun ebenfalls verkauft, so dass ich
von unserem Besuch in Meras sehr befriedigt war.

Wir sehnten uns alle nach Hause zurck und nahmen daher am 13. Tage
nach unserer Abreise vom Blu-u von Napo Liu Abschied und erreichten
wiederum gegen Mittag Batu Sala, wo wir die Nacht als Gste des
Huptlings, der inzwischen zurckgekehrt war, verbringen sollten. Den
Rest des Tages verwendete ich noch dazu, schne Schwerter, hlzerne
Ttowiermodelle (_klinge tedak_) und Perlenmtzen einzukaufen, deren
Besitzer inzwischen Zeit gehabt hatten, sich mein frheres Angebot
zu berlegen. Wir erfuhren hier wiederum, welch einen grossen Wert
das Einkaufen von Ethnographica fr den Umgang mit den Eingeborenen
besitzt. Der Huptling und seine Frau waren uns nmlich sehr freundlich
entgegengekommen, hatten uns aber zu verstehen gegeben, dass sie kein
Geschenk von uns annehmen wollten, dagegen gern bereit wren, uns
irgend welche Gegenstnde zu verkaufen. Ich begriff, dass mir der Kauf
teuer zu stehen kommen wrde, erhielt aber von dem Huptling fr 25
fl. einen Korb (_ingan dawan_) mit Perlenverzierung zum Aufbewahren von
Gegenstnden, wie er sonst von den Kajan nicht verkauft werden durfte,
und von seiner Frau fr 15 fl. einen hbsch gestickten Rock. Der Bruder
_Bang_ verkaufte mir ein Schwert mit schner Einlegearbeit. So waren
auch hier wieder alle Parteien zufrieden gestellt.

Ein glcklicher Zufall liess uns unter dem Hause der Long-Glat eine
Heiratserklrung eines jungen Mannes entdecken. Sie bestand in einem
Holzstapel, der den Raum zwischen dem Brettersteg unter dem Hause
und der Wohnung der Auserkorenen vollstndig fllte Das Holz war
als Brennholz von ungefhr 70 cm Lnge gehackt und zwischen zwei
Sttzbalken der Wohnung aufgestapelt worden. Zwischen das Brennholz
waren 5 Stcke eines Baumstammes gelegt, an deren abgeplatteten,
hervorragenden Enden die Versorgung der Frau durch den Mann
sinnbildlich dargestellt worden war. Die Symbole bestanden in einem
Beil (_ase)_, als Versprechen, Holz hacken zu wollen, einer Hacke
(_bekong_), als Versprechen, das Holz fein bearbeiten zu wollen, wie
es beim Bau der Bte notwendig ist, und drei verschiedenen Tellern
(_uwit_), einem grossen und zwei kleineren, als Versprechen, fr
Reis (_honen_) und Zuspeisen (_udjo_) sorgen zu wollen. Neben dem
Holzstapel legt der Mann eventuell auch noch Geschenke nieder. Es
glckte _Demmeni_, einige gute Aufnahmen von dem Stapel zu machen und
einiges ber die Hochzeitsgebruche bei den Mahakamstmmen zu erfahren.

Die Gebruche sind bei den verschiedenen Stmmen und auch, je nachdem
es sich um Huptlinge, Freie oder Sklaven handelt, verschieden. Im
allgemeinen wird eine Heirat zwischen Huptlingen auf die gleiche
Weise wie zwischen Freien vollzogen; nur die Sklaven heiraten ohne
Zeremonien, doch gilt der Ehebund bei ihnen fr ebenso fest als bei
den anderen. Die Huptlinge der Long-Glat richten den Holzstapel
nicht unter, sondern vor dem Hause der Geliebten auf und fgen zu den
blichen Symbolen einer Heiratserklrung auch noch schne Geschenke
fr die Braut. Von dieser Sitte weichen die Mahakam Kajan insofern
ab, als der junge Mann den Stapel in der Wohnung auf dem Gestell,
das ber dein Herde zur Aufbewahrung von Brennholz dient, errichtet.

Tritt bei den Freien ein junger Mann mit einem jungen Mdchen in
den Ehebund, so wird er von seinen Freunden unter Beckenschlag in
das Haus der Braut geleitet; die Hochzeitsgeschenke werden gleich
mitgebracht. Wie am Mendalam zieht auch am Mahakam der junge Ehemann
zuerst ins Haus seiner Schwiegereltern. Folgt dagegen ausnahmsweise
die junge Frau dem Manne, so wird sie von ihren Freundinnen zu ihm
geleitet. Nach der Ankunft setzen sich beide neben einander auf den
Boden, der Mann links, die Frau rechts, und essen einige gekochte
Reiskrner, die auf einem Bananenblatt rechts von ihnen liegen; der
Mann macht dabei den Anfang. Diese Zeremonie wird mit "_bekesow_"
bezeichnet und leitet nur eine vorlufige Ehe ein, whrend welcher
das Paar verschiedenen Verbotsbestimmungen unterworfen ist, die erst
beim folgenden Neujahrsfest aufgehoben (_bet lali_ oder _bet pawe_)
werden. Einer der ltesten im Stamme, der nicht immer ein Priester zu
sein braucht, tritt dann vor das Paar, ruft die Geister und die Seelen
verstorbener Familienglieder an und berichtet ihnen, dass die Heirat
vollzogen wird; ferner macht er die Jungvermhlten auf ihre knftigen
Pflichten aufmerksam. Dann schlachten Mann und Frau je einen Hahn,
um aus der Beschaffenheit seiner Leber die Gesinnung der Geister
zu erkennen. Der Teil, dessen Hahn die besten Vorzeichen aufweist,
verspricht am meisten zur Wohlfahrt der Familie beizutragen.

Die Jungverheirateten drfen drei Tage lang die _amin_ nicht verlassen
und nur Reis, der in einem Bambusgefss gekocht worden ist, essen. Das
Fleisch wilder oder zahmer Schweine und mit _tuba_ gefangene Fische
sind ihnen zu essen verboten. Nach Ablauf der drei Tage gehen beide
in ihren schnsten Kleidern acht (heilige Zahl) Mal zum Flusse. Der
bewaffnete Mann rodet mit seinem Schwerte etwas Gestrpp aus, whrend
die Frau mit einer besonderen Schaufel (_uing_) etwas jtet. Gehren
sowohl Mann als Frau einer Huptlingsfamilie an, so mssen sie den
Weg zum Flusse 2  8 Mal zurcklegen und stets wieder die gleiche
symbolische Feldarbeit verrichten. Dann gilt der Bund als endgltig
geschlossen.

Die Frau bringt kein Heiratsgut mit; selbst ihre Schmucksachen gehen
nach ihrem Tode, falls keine erbberechtigten Kinder vorhanden sind,
an ihre Familie zurck; der Mann dagegen giebt den Eltern der Frau ein
Geschenk (_tendjai)_. Fr Huptlinge besteht das _tendjai_ in Gongen,
Schwertern, Wurfnetzen u.s.w., die von den Freien geliefert werden,
falls der Huptling standesgemss heiratet. Die Geschenke der Freien
drfen nur in Schwertern oder Kattun bestehen. Festmahlzeiten sind
bei einer Heirat nicht gebruchlich.

Findet eine Scheidung auf friedlichem Wege statt, so giebt man
einander eine _utk_, d.i. eine vollstndige Kleiderausstattung;
die Geschiedenen drfen dann sogleich wieder eine neue Ehe
schliessen. Solange die _utk_ noch nicht gegeben ist, wird eine neue
Heirat als Ehebruch betrachtet und als solcher mit einer schweren
Busse (_kebehow)_, welche dem beleidigten Teil entrichtet werden muss,
bestraft. Trennen sich Eheleute ohne _utk_, so drfen sie sich nicht
wieder verheiraten.

Bei Ehebruch muss der schuldige Teil dem anderen und eventuell auch
einem beleidigten Manne resp. einer beleidigten Frau eine Busse
ausbezahlen. Das gleiche gilt auch fr Sklaven.

Eheliche Treue wird auch dann geheischt, wenn der Mann langdauernde
Reisen unternimmt.

Ein Ehebruch wird, nach Auffassung der Bahau, von den Geistern durch
Missernten und andere Unglcksflle an dem ganzen Stamme gercht,
daher sucht man dessen schlimme Folgen von den brigen Stammesgliedern
abzuwenden. Die Schuldigen werden mit Schweinen, Hhnern, 2  8 Eiern
und all ihrem Hab und Gut auf eine Gerllbank im Flusse ausgesetzt,
um den schlechten Einfluss, der von ihnen ausgeht, aufzuheben (= _bet
dawi_). Die Priesterinnen bestreichen das Eigentum der Schuldigen
mit dem Blut der Schweine und Hhner, um es unschdlich zu machen.

Die Ehebrecher selbst lsst man mit 2  8 Eiern auf einem Floss von
der Strmung abwrts treiben. Sie retten sich, indem sie ins Nasser
springen und ans Land schwimmen. Wahrscheinlich war dies frher nicht
gestattet, wenigstens "erden sie jetzt noch von der Jugend mit langen
Grashalmen, die Lanzen vorstellen sollen, beworfen.

Derartige Flle kommen selten vor oder werden wenigstens selten
behandelt; der letzte soll sich bei den Kajan vor 10 Jahren zugetragen
haben.

Die Bahau gehen teils Vernunfts- teils Liebesheiraten ein. Im
ersten Fall wird ein junger Mann mit einem kleinen, noch gnzlich
unerwachsenen Mdchen verlobt und zieht bisweilen dann schon ins Haus
der knftigen Schwiegereltern. Wenn dem Mdchen spter der auserkorene
Brutigam nicht gefllt, was hufig geschieht, setzt sie bei ihrer
Familie oft eine Heirat mit einem anderen, selbstgewhlten Manne
durch. Sie entwickeln hierbei so viel Energie und Ausdauer, dass
sie, selbst wenn sie sich in einen Sklaven verliebt haben, den Sieg
davontragen. Ich erlebte zwei derartige Flle bei den Mahakam Kajan,
bei denen die Kluft zwischen Freien und Sklaven berdies viel grsser
ist als bei anderen Stmmen.

Am z. Dezember nahmen wir von Batu Sala Abschied und erreichten
noch am gleichen Tage Lulu Njiwung, dessen Huptling _Ding Ngow_
so schchtern war, dass er in unserer Gegenwart kaum zu sprechen
wagte. Wir mussten hier des hohen Wasserstandes wegen zwei Tage
bleiben. Ein Teil der Niederlassung war uns verschlossen, da man
im langen Hause der Ma-Tuwan _lali nugal_ feierte; die Bewohner
der anderen Huser begaben sich morgens sehr frh aufs Reisfeld und
kehrten erst abends wieder zurck. Wir hatten somit wenig Gelegenheit,
die Bevlkerung kennen zu lernen und Ethnographica einzukaufen.

Besonders unangenehm war mir der Umstand, dass mich viele Kranke
um Arzneien baten und man mich zu bewegen suchte, noch so lange zu
bleiben, bis man mir auch die Kranken von den Reisfeldern ins Haus
gebracht habe. Denn meine Arzneien waren grsstenteils verbraucht
und mit dein Rest musste ich sehr sparsam umgehen. Es blieb mir
daher nichts brig, als den Leuten zu versprechen, ihnen am Blu-u,
der nicht weit entfernt war, Arzneien austeilen zu wollen. Viele
von ihnen machten denn auch wirklich nach Ablauf der drckendsten
Feldarbeit von meiner Aufforderung Gebrauch.

Den 16ten Tag nach unserer Abreise setzten wir unsere Fahrt bei
fallendem Wasser fort und erreichten wohlbehalten unsere Niederlassung
am Blu-u. Alles sah dort so aus, wie wir es verlassen hatten. Unsere
Kisten mit kostbaren Tauschartikeln, die der Huptling in seiner
Wohnung unter dem Schutz seiner Frauen aufbewahrt hatte, brachten wir
in unser Haus zurck und sassen dann abends wieder sehr befriedigt
unter unserem festen, ruhigen Dache.

Unser stilles Leben dauerte nicht lange, denn _Kwing Irang_ usserte
den Wunsch, uns nun auch baldmglichst in den verschiedenen
Pnihingniederlassungen einzufhren. Er hielt es nmlich fr
wnschenswert, dass der Kontrolleur auch diesen Stamm nher
kennen lernte, auch wollte er nicht, dass sich die Pnihing durch
unser Fortbleiben zurckgesetzt fhlten. Fr spter hatte _Kwing_
allerhand grosse Plne, die ihn ans Haus fesselten, daher wollte er
den Besuch so schnell als mglich ins Werk setzen. Unsere Europer
und die Pflanzensucher sollten sich an der Reise beteiligen, _Doris_
und die Seinen dagegen sollten zu Hause bleiben, da unser unsttes
Leben fr ein Sammeln auf zoologischem Gebiete nicht geeignet war,
wie wir whrend unseres Zuges nach dem Meras erfahren hatten. Wir
hatten nun ein Boot weniger ntig, was den Kajan durchaus nicht gefiel,
da die jungen Leute, die nicht mit nach dem Meras gezogen waren,
gehofft hatten, nun auf der Reise zu den Pnihing auf angenehme Weise
viel Geld zu verdienen.

Als wir uns mit unserem Gepck am 10. Dez. in 4 Bte verteilen
wollten, stellte sich heraus, dass sich zu viele reiselustige Kajan
eingefunden hatten. Der Huptling hatte sie augenscheinlich zum
Zurckbleiben nicht berreden knnen oder wollen, und so musste ich
bei unserer Abreise, als alles bereits gepackt war, noch selbst drei
Mnner zwingen, ihre Tragkrbe, Speere und Schilde aus den Bten zu
holen, die fr so viele Leute nicht gengend Platz boten. _Kwing_
gab zu unserer Freude den Wunsch zu erkennen, dass der Kontrolleur
die Fahrt in seinem Bote machen sollte und, da auch der Wasserstand
sehr tief war, zogen wir alle wohlgemut flussaufwrts. Fr den
Huptling bildete diese Fahrt eine wahre Vergngungsreise, denn seit
meinem vorigen Besuch hatte er die Tochter eines Huptlings in Long
'Kup geheiratet, die er wegen seiner kleinen provisorischen Wohnung,
in der sich bereits seine beiden anderen Frauen befanden, nicht bei
sich aufnehmen konnte. Seine lteste Frau _Hiang_ gestattete ihm nur
selten, zu den Pnihing zu fahren, und so bot ihm unsere Reise einen
erwnschten Ausweg. Wir konnten nun nicht umhin, in Long 'Kup zu
bernachten und zwar in der Galerie von _Kwings_ Schwiegervater.

Die Huptlingsfrauen zeigten sich fr die schnen Perlen und Stoffe,
die ich ihnen mitgebracht hatte, sehr empfnglich; die Mnner dagegen
hatten auch hier ihre eigenen Anschauungen ber Geschenke und wollten
keine hbschen Sachen, wohl aber Arzneien von mir annehmen.

Wir waren so frh angekommen, dass ich noch Zeit gehabt htte, mit
vielen Bekanntschaft zu machen und Verschiedenes einzukaufen. Leider
blieb die Galerie leer, trotzdem ich frher bereits mehrmals hier
gewesen war; man schien sich vor uns also doch noch zu frchten. _Kwing
Irang_ konnte sich von seiner jungen Frau nicht trennen und unsere
Kajan hatten sich zu ihren Bekannten begeben. Da keiner von uns
Pnihingisch sprach, war eine Unterhaltung mit den Hausbewohnern
unmglich, und ich beschloss daher, mit dem alterprobten Mittel, der
Austeilung von Geschenken, eine Verstndigung zwischen uns anzubahnen.

Mit vieler Mhe suchte ich zwei kleine Mdchen, die uns aus der
Ferne verlegen anstarrten, dazu zu bewegen, sich uns zu nhern und
aus einer Dose einen bunten Fingerring hervorzuholen. Durch die
blitzenden Kleinodien angelockt zogen sie einander halb ngstlich,
halb lachend an den Rcken vorwrts. Zgernd streckte jede ihr
rmchen aus, ergriff einen Ring und eilte nach Hause, um ihren Schatz
zu zeigen. Bald darauf geriet die ganze Frauenwelt in Bewegung und
stellte sich mit ihren Kindern in dichter Reihe um mich herum. Eine
Dose voll Fingerringe nach der anderen verschwand, wobei die Frauen
den Kindern stets den Vorrang liessen. Um die Austeilung der kleinen
Geschenke, die wegen unserer Unkenntnis der Sprache recht einfrmig
verlief, etwas zu beleben, versteckte ich die Perlen, Nadeln oder
Ringe in meiner Hand oder hielt diese so fest, dass jede nur mit einer
kleinen Anstrengung zu ihrem Geschenk gelangen konnte. Die Zuschauer
amsierten sich herrlich ber die Bemhungen derjenigen, die an der
Reihe war. Einige wurden verlegen, aber keine wurde bse. Bald wurde
unsere Umgebung so vertraulich, dass einige die wenigen Worte Busang,
die sie kannten, zu sprechen wagten. Mit hbschem, geblmtem Zeug,
Perlenketten und dergl. suchte ich die Frauen zu bewegen, mir einiges
von ihrem Hausrat und ihren Kleidungsstcken zu verkaufen und war mit
meinen vorlufigen Unterhandlungen sehr zufrieden. Schnitzarbeiten
und andere Kunstartikel konnte ich nicht erhalten, weil die Pnihing
nichts derartiges herstellen, wohl aber einige Rcke mit hbschen
-Rndern, einige Hte und, was uns ebenfalls sehr willkommen war,
eine grosse Menge Reis, Hhner und Frchte. Bte, deren ich immer
noch nicht genug hatte, konnte ich hier nicht kaufen, doch sollten
sie in der Pnihingniederlassung am Tjehan zu haben sein.

An der Mndung des Tjehan in den Mahakam liegt der Liang Karing, dessen
schne weisse Kalkfelsen die Landschaft beleben. In der Hoffnung,
von diesem Berge aus eine gute bersicht ber diesen Teil des oberen
Mahakam zu erhalten, beschlossen wir, in dem an der Mndung- gelegenen
Pnihinghause zu bernachten. Morgens frh brachen wir von Long 'Kup
auf und erreichten zuerst _Belars_ Niederlassung, an der wir nicht
Halt machten, da die Pnihing augenblicklich auf ihren Reisfeldern
wohnten und der Huptling sich mit einigen Mnnern auf der Jagd am
oberen Mahakam befand. Schon seit Jahren zog _Belar_, sobald er
die Zeit dazu fand, fr viele Wochen in den Wald und lebte dort fast
gnzlich von dem, was der Wald ihm lieferte.

Um 12 Uhr legten unsere Bte bei der Niederlassung am Tjehan an. Die
Hausbewohner erklrten, keinen Weg auf den Liang Karing zu kennen und,
da ich ihre Abneigung gegen Besteigungen dieser Berge kannte, schickte
ich _Maring Kwai_, einen jungen Mann, der bereits im Jahre 1897 mit
meinem Pflanzensucher _Djahri_ einen Gipfel des Liang Karing bestiegen
hatte, und _Suka_, der fr dergleichen Exkursionen am geeignetsten war,
aus, um einen Weg zu suchen, der auch fr _Bier_ und mich brauchbar
war. Inzwischen erfreuten wir uns zum ersten Mal wieder an einer
guten Mahlzeit und erhielten bald darauf die willkommene Nachricht,
dass man den Gipfel des Berges von der einen Seite aus erreichen
knne. _Suka_ hatte _Maring_ nur mit grosser Anstrengung auf dem
frheren Pfade nach oben folgen knnen, aber sie hatten vom Gipfel
aus fr den Abstieg einen besseren Weg gefunden.

Um keine Zeit zu verlieren, brach ich mit _Bier_ und den
Pflanzensuchern sogleich auf. Wir setzten ber den Fluss und standen
bald darauf vor den senkrechten Kalkwnden des Liang Karing. Auf der
rechten Seite bemerkte ich am Fuss des Berges grosse Hhlen, in denen
die Pnihing ihre Toten beisetzen; ich hielt es jedoch nicht fr ratsam,
die Leute am Tjehan durch meine Neugierde zu beunruhigen und schlug,
um den gefundenen Weg zu erreichen, die entgegengesetzte Richtung ein.

Die hier schwach geneigten Sandsteinschichten heben sich deutlich
von dem anschliessenden Kalkgestein ab, in gleicher Weise wie dies
bei den Kalkkegeln am Bulit der Fall ist. Da es mir nicht glckte,
Fossilien zu finden, kann das Alter dieser Schichten vorlufig
nicht bestimmt werden. Weiter aufwrts gelangten wir an die Stelle,
von der aus die Besteigung beginnen konnte. Die Felswnde waren hier
zwar ebenso steil als an der anderen Seite, aber ein Kamin, der unten
gnzlich mit abgestrzten, von Moos und Algen bedeckten Kalkblcken
angefllt war, machte einen Aufstieg mglich. Mit Hnden und Fssen
kletterten wir an einer Seite, wo das Kalkgestein scharfe Vorsprnge
und Vertiefungen zeigte, an der lotrechten Wand empor und erreichten
die Stelle, an der sich die Wnde in einem Bogen dem Gipfel zuneigten.

Die scharfen Spitzen und Kanten des Gesteins drangen durch unsere
nassen Stiefelsohlen hindurch; wie die unbeschuhten Fsse der
Eingeborenen Stand hielten, erschien uns unbegreiflich. Auch oberhalb
der Wnde war der Berg noch so steil, dass wir nur mit Hilfe des
Gestrppes, das hier wuchs, vorwrts kamen. In noch hherem Masse als
der schlechte Weg hielt mich jedoch die interessante Vegetation auf;
in den mit Moos und Algen dicht bewachsenen Spalten und Hhlen der
Kalkfelsen hatten nmlich Begonien und Erdorchideen eine Farbenpracht
ihrer Bltter entwickelt, wie ich sie noch nirgends beobachtet
hatte. Auf den langen, spitzen Blttern der Begonien wechselten
Gold und Silber mit prchtigem Rot, Braun und Violett, whrend die
marmorierten Bltter der Erdorchideen ein mit dem Alter wechselndes
Farbenspiel zeigten. Die Pflanzensucher hielten eine reiche Ernte,
was um so erwnschter war, als die auf der vorigen Reise gesammelten
Pflanzen whrend des langen Aufenthaltes bei den Kajan umgekommen
waren. In kurzer Zeit erreichten wir den Gipfel des Berges, der nur
sprlich mit Gestrpp und krautartigen Pflanzen bedeckt und durch den
Regen stark zerklftet und erodiert war. _Bier_ machte sich sogleich
an die Arbeit und bedauerte nur, dass zahlreiche, hhere Berge die
Aussicht beeintrchtigten. Die auf das hohe Kalkgebirge Batu Matjan
im Norden, den Batu Lesong im Sden und viele andere Punkte in der
Umgebung ausgefhrten Peilungen machten jedoch auch diese Exkursion
wertvoll. Abends kehrten wir steif und nass ins Dorf zurck, wo
_Barth_ und _Demmeni_ die Zeit in Gesellschaft vor. _Kwing Irang_,
dessen ltestem Sohn und dem freundlichen Huptling _Bo Anj_
und dessen Frau verbracht hatten. Unter dem angenehmen Eindruck
dieser Unterhaltung bot man uns eine reiche Mahlzeit mit Huhn,
Eiern und Frchten an. Um 7 Uhr abends lagen wir bereits in tiefem
Schlaf. Unserer Gesellschaft schien es hier sehr gut zu gefallen,
ich dagegen wollte lieber so frh als mglich weiter reisen. Die
Fahrt hatte aber bei dem niedrigen Wasserstande und der Grsse des
einen Bootes ihre Schwierigkeiten, daher langten wir erst um 1/2 3
Uhr bei der mir von frher her bekannten Niederlassung der Pmhing am
Pakat, einem kleinen Nebenfluss des Tjehan, an. _Demmeni_ hatte auf
der Fahrt eine gute Aufnahme des Kiham Tukar Anang machen knnen,
eines Wasserfalles, der durch im Flussbette liegende Kalkblcke
gebildet wird.

Wie die anderen grossen Niederlassungen der Pnihing steht auch die
am Pakat unter mehreren Huptlingen, von denen jeder ber seiner
Wohnung ein erhhtes Dach und vor ihr eine verbreiterte Galerie
besitzt, so dass das Dach der Pnihing nicht wie dasjenige anderer
Bahauhuser eine nur einmal, sondern eine mehrfach unterbrochene Linie
aufweist. Einer dieser Huptlinge ist stets der angesehenste, hier war
es _Paren_. Wir Europer hielten in seiner Galerie Einzug, whrend die
Malaien beim Huptling _Bang_ einquartiert wurden. Da sich beinahe alle
Hausbewohner auf den Reisfeldern aufhielten, hatten wir Zeit, zuerst
an unsere eigenen Angelegenheiten zu denken, unter denen der Einkauf
von grossen Bten und Ethnographica die wichtigsten bildeten. Das
grosse Boot des Huptlings _Paren_, das bei meinem frheren Besuch
noch im Walde lag, erwies sich als lang, aber als viel zu schmal,
um stark beladen werden zu knnen; daher kam ich mit _Kwing Irang_
berein, anstatt dieses einen Bootes zwei kleinere zu suchen. Es
glckte ihm auch, zwei passende Bte zu finden, die ich abends nach
der Rckkehr des Besitzers von der Feldarbeit fr Zeug und Geld erwarb.

Ich hatte die Leute bereits das letzte Mal darauf aufmerksam gemacht,
dass ich gern allerhand Gegenstnde kaufen wollte, nun schienen
sie sich ber die Dinge, die sie missen konnten, inzwischen klar
geworden zu sein; denn anderen Tages kamen sie mit hbschen Rcken,
Schwanzfedern des Rhinozerosvogels und auch mit Reis und Frchten an,
so dass ich meine Tauschartikel stark angreifen musste. Zum grossen
Erstaunen ihrer Besitzer kaufte ich auch einige eigenartig geschnitzte
Trschwellen. Die Nachfrage nach Chinin und Jodkali war auffallend
gross; letzteres war besonders ntig, da die Pnihing an Krpfen
leiden. Es tat mir leid, dass die Tochter des Huptlings _Bang_, die
einen kindskopfgrossen Kropf besass, den Gebrauch der Jodkalilsung,
die ich ihr das vorige Mal in drei Weinflaschen bergeben hatte,
nicht fortgesetzt hatte. Da ein langdauernder Gebrauch von Jodkali
den Umfang kleinerer oder grsserer Krpfe stark vermindert, htte
es mich interessiert zu beobachten, ob auch bei dieser bedeutenden
Hypertrophie eine Wirkung eingetreten wre. Die Familie hatte ihrem
Gedchtnis in bezug auf meine Vorschrift nicht vertraut und das Mittel
daher nicht weiter gebraucht. Dass man an der Arznei nicht zweifelte,
bewies der grosse Zulauf der Leute mit gut gereinigten Weinflaschen,
welche ich mit der Lsung fllen sollte. Da es heftig regnete und
die Wolken so niedrig hingen, dass an ein Ausgehen, um von irgend
einem Punkte eine bersicht zu erhalten, nicht zu denken war, konnte
ich alle Wnsche meiner Patienten, die zum grssten heil weiblichen
Geschlechtes waren, erfllen.

Als der Himmel sich etwas aufhellte, begaben wir uns auf einen neben
dem Hause gelegenen 100 m hohen Hgelrcken, auf dem die Pnihing den
Wald fr die Anlage eines Reisfeldes gefllt hatten. Der Hgel bot
uns einen schnen Aussichtspunkt, der steile und gewundene Pfad, der
ber halb verfaulte Baumstmme und ste und zwischen nassem Gestrpp
hindurch fhrte, war aber nichts weniger als bequem. Auf dem Gipfel
angelangt dauerte es noch einige Zeit, bis die Wolken sich gengend
verteilten, um uns eine beschrnkte Aussicht auf den Batu Lesong und
das Gebirge am Ulu Serata zu gewhren. In der Nhe war kein hherer
Gipfel vorhanden, der uns eine umfangreichere Aussicht gewhren konnte,
daher beschlossen wir, unseren Aufenthalt am Tjehan abzukrzen. _Bier_
sollte am folgenden Tage den Tjehan so weit als mglich hinauffahren
und den Fluss dann bis zu seiner Mndung messen. Wir wurden aber noch
einen Tag lang durch allerhand Geschfte aufgehalten, hauptschlich
auch durch die zahlreichen Pflanzen, welche unsere Pflanzensucher
gesammelt hatten. Der von uns bestiegene Hgelrcken bot ebenfalls
eine reiche Flora; besonders auffallend waren die zahlreichen Arten der
Farren. Einige besassen hchst seltsame Bltter, z.B. grasfrmige, oder
vollstndig viereckige, oder in Form von Eichenblttern; die meisten
zeigten die dunkle, stahlblaue Farbe der echten Urwaldpflanzen. Die
Exemplare wurden an Ort und Stelle in kleine Krbe gepflanzt, die ich
zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, sie fllten nicht weniger als 7
grosse Krbe; ausserdem hatte _Amja_, der sich hauptschlich mit dem
Herbarium beschftigte, noch von diesen und anderen Arten eine grosse
Menge getrocknet.

Den dritten Tag unseres Aufenthaltes widmete ich gnzlich
den Hausbewohnern, indem ich bereits frh morgens mit einer
allgemeinen Austeilung von Fingerringen begann, die ich ihnen
frher versprochen hatte. Obgleich die Frauen bereits das vorige
Mal zahlreiche Fingerringe von mir gekauft oder erhalten hatten und
diese Zierrate an den Hnden der stets arbeitenden Frauen sich als
sehr undauerhaft erwiesen hatten, schien sich die Lust nach ihrem
Besitze nicht vermindert zu haben; denn die Frauen eilten aus der
ganzen Niederlassung herbei und belagerten uns in dichten Haufen. Da
hier viele Frauen und Tchter von Huptlingen anwesend waren, denen
ich nicht allen besondere Geschenke geben konnte, erwies ich ihrer
Wrde die ntige Aufmerksamkeit, indem ich ihnen gestattete, nicht nur
einen, sondern mehrere Fingerringe selbst zu whlen. Dieses Vorrecht,
schien in der Tat viel Anerkennung zu finden.

Unter den Anwesenden vermisste ich ein auffallend hbsches Mdchen,
das, wie ich erfuhr, die Tochter des Huptlings _Bang_ war. Vor Sorge
um ihren Mann, den Malaien _Si Hebar_, der vor langer Zeit mit dem
Versprechen bald zurckzukehren nach dein Busang gezogen war, um dort
Buschprodukte zu sammeln und nichts von sich hatte hren lassen,
war die Frau nicht dazu zu bewegen gewesen, in unsrer heiteren
Gesellschaft zu erscheinen.

Dieser _Si Hebar_ war einst, als er es in den trostlosen Wldern
am Busang nicht mehr hatte aushalten knnen, zu den Mahakamstmmen
gezogen, bei denen er allen Mdchen die Kpfe verdrehte. Erst lebte er
eine Zeitlang mit _Lirung_, der Tochter des Huptlings am Howong. _Amun
Lirung_ und seine energische Gattin waren aber ber diese Freundschaft
durchaus nicht entzckt und, da _Lirung_, wie wir uns in Long 'Kup,
wo sie jetzt mit _Tingang Kohi_ verheiratet ist, berzeugen konnten,
kein anziehendes usseres besass, war er zu den Pnihing am Pakat
gezogen. _Bangs_ Tochter, die mir schon auf der vorigen Reise ihrer
Schnheit wegen aufgefallen war, hatte es dem malaiischen Don Juan
angetan, er freite um sie, ohne auf die Gefahr, die ihm vom Howong her
drohte, zu achten. Dass ihr Geliebter sie verlassen und wo anders Trost
gefunden hatte, konnte _Lirung_ aber nicht verwinden. Sie sehnte sich
nach Rache und trug drei Mnnern der Bukat, die neben der Niederlassung
ihres Vaters wohnten, auf, dem _Si Hebar_ im Walde nachzustellen und
ihr seinen Kopf zu bringen. Das Schlachtopfer schien indessen etwas
hnliches von der frheren Geliebten erwartet zu haben, denn er begab
sich mir mit grosser Vorsicht ausserhalb des Hauses und die Bukat
mussten ohne sein treuloses Haupt nach dem Howong zurckkehren. Lirung
geriet ber das Missglcken ihres Racheplans in Wut und warf den
Bukat vor, dass sie keine Mnner seien, dass sie Frauenrcke zu tragen
verdienten und dass sie eine solche Mnnerarbeit mit besserem Erfolge
ausgefhrt htte. Tief beschmt kehrten die Bukat in den Wald zurck
und schlugen, um _Lirung_ ihre Mnnlichkeit zu beweisen, zwei Seputan
vom Kaso die Kpfe ab. _Si Hebar_ aber hatte seinen Aufenthalt am
Pakat auf die Dauer wohl nicht fr sicher gehalten und daher sein
Nomadenleben am Busang wieder aufgenommen.

Seine verlassene Frau konnte ihre Neugierde, als das Kichern und Jubeln
der Menge bei der Austeilung immer lauter wurde, schliesslich doch
nicht bezwingen und erschien pltzlich in unserem Kreise. Sie hatte
die Kleidung der Pnihingfrauen gegen ein dunkles, malaiisches Gewand
vertauscht, was ihre Erscheinung sehr beeintrchtigte; da sie in den
letzten zwei Jahren auch noch ihre Jugendfrische eingebsst hatte,
war sie lange nicht mehr so anziehend wie frher. Fr ein hbsches
Stck Zeug zeigte sie trotz ihres Kummers immer noch Interesse und,
nachdem sie es einmal angenommen, bat sie mich sogleich auch um einen
Ring mit einem besonders grossen Stein.

Zum Schluss entspann sich unter uns ein lebhafter Hhnerhandel. Die
Hhner, die die Kajan zum Verkauf fr uns zur Verfgung
hatten, erreichten nmlich ihr Ende und, um nicht gleich auf
allerhand Surrogate angewiesen zu sein, versuchte ich hier Hhner
einzukaufen. Whrend die Kajan uns meistens Hennen zu essen gaben,
weil sie von den jungen Hhnen eventuelle Kampfhhne erwarteten,
verkauften uns die Pnihing lieber die Hhne, da sie die eierlegenden
Hhner hher schtzten. Die Hhne waren kaum in unserem Besitz, als
die Kajan sie mit viel Aufmerksamkeit betrachteten und betasteten,
mit dem Resultat, dass ihrer drei aus _Midans_ Hnden gerettet wurden
mit dem Versprechen, sie zu Hause durch andere zu ersetzen. Obwohl
berzeugt, dass der Tusch nicht zu meinem Vorteil ausschlagen wrde,
gab ich ihrem Wunsche doch gerne nach.

Nach diesem letzten, ruhigen Tage wollte ich anderen Morgens frh
aufbrechen, musste aber die Leute, um die Bte zu Wasser zu lassen
und das Gepck einzuladen, stark antreiben. Bevor wir nmlich
nach dem Blu-u zurckkehrten, sollte unterwegs noch manches
vorgenommen werden. Am meisten interessierte uns ein Besuch,
den wir einem Begrbnisplatz der Pnihing am Fuss des Liang Nanja
machen wollten. _Kwing Irang_ hatte uns schon auf der vorigen Reise
hierhergefhrt, weil er unser Interesse fr dergleichen kannte, und
wohl auch, um uns von dem Begrbnisplatz der Kajan fernzuhalten. Nun
schlug er uns selbst vor, unser Essen auf der Gerllbank unterhalb
des Kiham Tukar Anang am Fusse der Kalkberge zu kochen.

Zum Glck waren keine Pnihing unter uns und, ohne den Kajan viel zu
sagen, bahnten _Demmeni_ und ich uns einen Weg durch den Waldesrand
und fanden denn auch den Pfad, der uns ber einige Felsblcke zur
weissen Wand fhrte, die, soviel wir durch den Wald sehen konnten, So
m hoch gerade aufstieg und dann ein berhngendes Gewlbe bildete. Im
Walde rhrte sich kein Blatt und die senkrecht ber uns stehende
Sonne warf grelle Lichter und dunkle Schlagschatten auf die wild
umherliegenden Felsblcke, die augenscheinlich von dem hohen Gewlbe
einst abgestrzt waren. Whrend wir noch darber in Unsicherheit waren,
welchen Weg wir in diesem Chaos einschlagen sollten, erschienen zwei
unserer jungen Kajan und machten uns hinter einem Felsvorsprung auf
neun Srge. aus ausgehhlten Baumstmmen aufmerksam, die zwischen dem
Fuss der Wand und einem grossen Kalkblock in drei Reihen bereinander
gestapelt standen. Die Srge mussten bereits alt sein, denn durch
den eingesunkenen Boden des einen kam ein Schdel zum Vorschein.

Einer der Kajan erstieg, um besser sehen zu knnen, einen hher
gelegenen Punkt und winkte uns, ihm zu folgen. Wir berblickten nun
den ganzen Fuss der Felswand, an der sich in langer Reihe. Gruppen
von Srgen befanden, die mit den danebenstehenden Waffen und
Kleidungsstcken im grellen Sonnenlicht einen unheimlichen Eindruck
auf uns machten; dazu frchteten wir uns, von Pnihing berrascht
zu werden. Still begaben wir uns nach der anderen Seite der
Felswand, die uns einen geeigneten Standpunkt zur Aufstellung unseres
photographischen Apparates versprach. Den beiden Kajan war es ebenfalls
unheimlich zu Mute, sie folgten uns aber doch stillschweigend.

Von der anderen Seite konnten wir alles gut bersehen: die Srge,
welche von der berhngenden Wand vor Regen beschtzt wurden,
standen ber und rieben einander um grosse, viereckige Kisten herum,
in denen sich durch einander alle Dinge befanden, welche den Toten
fr das Leben im Jenseits mitgegeben werden, wie Tragkrbe, Hte,
Schilde und Waffen; daneben dienten mit der Spitze nach oben in die
Erde gesteckte Speere zum Aufhngen von Kriegsmnteln und Hten.

Die Srge waren unverziert und bestanden nur aus ausgehhlten
Baumstmmen, die mit einem Brett oder Schild lose bedeckt
waren. Dagegen trugen alle Kisten mit den Gegenstnden farbige
Malereien, hauptschlich Masken bser Geister; eine Kiste zeigte
an einer Seitenwand ein Relief von 3 dm grossen, bunt bemalten
Menschenfiguren..

_Demmeni_ und ich fhlten uns durch dieses stille, grellbeleuchtete
Schauspiel unter der hohen, weissen Wand mit dem finsteren Urwald
ringsherum wie von einem Traume befangen. Whrend wir alles fr eine
Aufnahme vorbereiteten, erschien zu unserem Schreck pltzlich ein Hund
vor uns, der uns sogleich eine Gesellschaft Pnihing vermuten liess. Das
Tier sah so abgezehrt aus, dass es augenscheinlich bereits lange Zeit
umhergeschweift war; die Kajan erzhlten uns, dass die Pnihing ihre
Hunde, wenn sie bissig und daher Kindern gefhrlich wurden, bisweilen
verstiessen. Unsere Gemtsverfassung wurde dadurch aber nicht ruhiger,
daher beeilten wir uns mit der Aufnahme. Unsere Begleiter dagegen
wurden so mutig, dass der eine sich bereit erklrte, einen Speer fr
unsere Sammlung fortzunehmen. Den Ruf eines Grabschnders wollte ich
mir in dieser Gegend jedoch nicht erwerben und verbot daher den Raub.

Bei unserer Rckkehr zu den Bten fragte mich _Kwing Irang_, warum
wir nicht einige Schdel mitgenommen htten. Die Kajan selbst wren
fr eine derartige Schndung ihrer Toten im stande gewesen, uns zu
tten. So bestehen zwischen diesen Stmmen stets Missgunst und der
Wunsch, einander etwas Unangenehmes zuzufgen.

Inzwischen hatten die Kajan und Malaien ihr Essen gekocht und
nach einer eiligen Mahlzeit bestiegen wir wieder unsere Bte und
erreichten noch frh genug die Niederlassung an der Tjehanmndung,
um noch Hhner und Frchte einzukaufen und zu sehen, ob der Huptling
sein Versprechen, uns Schwanzfedern des Rhinozerosvogels zu besorgen,
gehalten hatte. Diese Federn sind nmlich bei den Kajan sehr kostbar
und eigentlich auch nicht kuflich, aber die Pnihing, die so viele
Jgerstmme unter und um sich haben, waren eher geneigt, sie uns
abzutreten. Ich erhielt nun auch eine gengende Anzahl Federn, um die
Holzmasken vom Saatfest, die ich ohne Kriegsmtzen und Federn hatte
kaufen mssen, mit ihnen zu schmcken.

In der Nhe der Mndung trafen wir _Bier_ mit seinen Leuten und
blieben noch so lange beisammen, bis wir zu gleicher Zeit abfahren
konnten. Um nicht die Niederlassung von _Belar_ zu bergehen, sollten
wir auf _Kwing Irangs_ Rat dort anlegen, obwohl _Belar_ und _Kaharon_
sich immer noch auf der Jagd am oberen Mahakam befanden.

Wir sahen zwar nur wenige Personen, aber fr _Kwing Irang_ und die
Seinen war der Besuch doch von Wert, denn sie bentzten die gnstige
Gelegenheit, um _Belars_ Wohnung und Vorgalerie zu messen, damit sie
das neue Haus _Kwing Irangs_, mit Rcksicht auf seine hhere Geburt,
entsprechend grsser bauen konnten. Ich begriff anfangs nicht, was sie
eigentlich wollten; sie nahmen eine Stange, verkrzten sie auf Armweite
und massen dann sehr genau die Dimensionen der Dielen von Wohngemach
und Galerie. Da in der letzten Zeit fters davon die Rede gewesen
war, dass man nach Ablauf der drckendsten Saatzeit mit dem Hausbau
beginnen wollte, merkte ich, dass sie nun wirklich fr ein wrdiges
Heim fr _Kwing Irang_ sorgen wollten. Ihre Beratungen dauerten
mir aber zu lange und, da _Kwing_ ohnehin in Long 'Kup bernachten
wollte, wir dagegen nicht, ber liess ich sie ihren Angelegenheiten
und fuhr weiter nach dem Blu-u, wo wir, mit Erfahrungen, Ethnographica,
Pflanzen und Bten bereichert, sehr befriedigt anlangten.

Einige Tage darauf erhielten wir durch die Ankunft des Malaien
_Hadji Umar_ ganz unerwartet Nachrichten von der Aussenwelt. _Umar_
stammte vom unteren Kapuas her, hielt sich aber seit zehn Jahren als
Anfhrer einer Gesellschaft Buschproduktensucher am oberen Murung und
oberen Mahakam auf und genoss sowohl bei seinen Landsleuten als bei
den Bahau einen guten Ruf. Ich hatte gehofft, von der Untersttzung
dieses Mannes, dessen gute Gesinnung der niederlndischen Regierung
gegenber ich kannte und der im Jahre 1897 bei einer Begegnung in
Udju Tepu einen gnstigen Eindruck auf mich gemacht hatte, Gebrauch
machen zu knnen. Wie wir bereits in Putus Sibau gehrt hatten,
befand sich aber _Umar_, bei unserer Ankunft am oberen Mahakam, noch
an dessen Mittellauf, daher liessen wir den Assistent-Residenten
von Samarinda bitten, uns _Umar_ entgegenzusenden. Dieser hatte
sich aber nur auf einen Brief des Assistent-Residenten hin nicht
flussaufwrts begeben wollen, sondern war, um Nheres zu erfahren,
erst nach der Mndung des Mahakam gereist und hatte auch in Tengaron,
dem Sitz des Sultans von Kutei, Halt gemacht. Hierdurch erhielten
wir so schnell, als berhaupt mglich war, Briefe und Pakete von der
Kste. Eine grosse Freude bereitete uns auch ein Packen drei Monate
alter europischer Zeitungen, welche die "Societeit" von Samarinda uns
zur Verfgung gestellt hatte. Nachdem wir unsere Neugierde befriedigt
hatten, lieferten die Zeitungen noch ein ausgezeichnetes Material
zum Einpacken von Vgeln, Sugetierhuten und Ethnographica.

Von dem grssten Interesse war uns aber _Hadji Umar_ selbst, weil er
die Verhltnisse unter den Bahau am besten kannte und weil er uns ber
die Gesinnung der Long-Glat weiter unten am Flusse am zuverlssigsten
Auskunft geben konnte.

Der Malaie zeigte sich anfangs aber nicht sehr gesprchig und zwar
nicht nur uns, sondern auch _Kwing Irang_ gegenber, denn als dieser
wie gewhnlich abends mit den jungen Leuten die Hhne kmpfen liess
und _Umar_ ebenfalls in den Kreis trat, grsste er den Huptling nur
von Weitem. Man htte glauben knnen, dass die beiden einander nicht
kannten oder dass sie sich tglich sprachen, so wenig Beachtung
schenkten sie einander; dabei hatte _Umar_ frher Jahre lang bei
_Kwing_ gewohnt und war nun lange fort gewesen, zudem wollten sich
beide gewiss gern ber die politische Bedeutung unserer Expedition
aussprechen. Augenscheinlich hatte _Umar_, als er dem Huptling
abends einen offiziellen Besuch machte, mit diesem berlegt, wie er
sich uns gegenber in Zukunft verhalten sollte, denn am folgenden
Morgen hatte sein Gesicht einen weniger ernsten Ausdruck, auch gab
er uns im Laufe des Gesprchs eine deutliche Vorstellung von der
Stimmung der Niederlassungen unterhalb der Wasserflle. Nachdem ihm
der politische Zweck unserer Reise eingeleuchtet hatte, zeigte er
sich geneigt, sich gegen einen Gehalt von 50 fl. monatlich unserer
Expedition anzuschliessen. _Umar_ war mit vier Malaien heraufgekommen,
wir hofften daher, auch an diesen vier an das Waldleben gewhnten
Menschen gelegentlich eine gute Sttze zu finden. _Umar_ zog vorlufig
in das Haus eines Glaubensgenossen, der mit einer kleinen Gesellschaft
Mohammedaner am jenseitigen Ufer wohnte. Durch seine Friedensliebe
und Gutmtigkeit hatte _Kwing Irang_ bereits seit dem Beginn seiner
Huptlingschaft eine ganze kleine Kolonie von Malaien herangelockt,
die sich aber von den Kajan stets in einigem Abstand hielten. Als der
Stamm sich noch weiter oben am Blu-u aufhielt, wohnten die Malaien
bereits am Mahakam unter Aufsicht eines Bandjaresen vom oberen Murung,
namens _Utas_, der mit einer Nichte von _Kwing Irang_, _Lirung_,
verheiratet war. _Utas_ lebte teils auf Kosten seiner Frau, teils
verdiente er selbst etwas durch Handel und Handwerkerarbeit, wie
z.B. durch Herstellen silberner Ohrringe aus Mnzen, durch Reparieren
von Kupfersachen u.s.w.; ausserdem bte er das Amt eines Arztes und
ntigenfalls auch eines Bahaupriesters aus. Er verbrachte seine Zeit
abwechselnd bei _Lirung_ am Mahakam und auf sogenannten Handelsreisen
am Murung, wo er in Wirklichkeit bei seiner zweiten Frau und seinen
Kindern lebte.

Auch jetzt noch nehmen sich die meisten Malaien fr lngere oder
krzere Zeit Frauen aus dem Kajanstamme. Ausser diesen einigermassen
stabilen Familien befindet sich in der Kolonie stets eine grosse
Menge Gste, Hndler und Buschproduktensucher, die sich hier nur
vorbergehend aufhalten. Zur Zeit des _Hadji Urar_ war der Zufluss an
Fremden viel grsser gewesen, aber, seitdem die Guttaperchabume im
Tal des Blu-u ausgerodet worden waren, hatte sich die grosse Menge der
Buschproduktensucher am oberen Mahakam um _Temenggung Itjot_ geschart.

Die Niederlassung der Malaien hiess, ihrer Lage an der Mndung des
Bulng nach, Long Bulng. Da _Hadji Umar_ seine Familie vorlufig noch
in Long Tepai gelassen hatte, kehrte er nach zwei Tagen dorthin zurck
mit dem Versprechen, in fnf Tagen wieder zurck zu sein. Aus meinem
Gesprch mit ihm merkte ich, dass die Huptlinge am Unterlauf gern
etwas Nheres ber unsere Plne hren wollten und dass es hauptschlich
fr _Bang Jok_, der in den letzten Jahren zahlreiche Kopfjagden hatte
ausfhren lassen, eine grosse Beruhigung sein musste, dass wir uns
mit dem, was geschehen war, nicht mehr befassen wollten.

Am selben Tage hatten wir noch Gelegenheit, den Kajan zu zeigen,
wie wnschenswert unsere Gegenwart fr sie war. Eine Gesellschaft
Batang-Lupar aus Serawak kam nmlich den Mahakam heruntergefahren mit
der Absicht, die Fahrt noch weiter fortzusetzen. Eine derartige kleine
Gesellschaft ist aber, wenn sie nicht einen bestimmten Zweck ihrer
Reise angeben kann, stets verdchtig, insbesondere in diesem Fall,
da aus Serawak Gerchte ber eine drohende Kopfjagd als Strafe fr
einen an fnf Landsleuten am Boh verbten Mord im Umlauf waren. Der
Mord war durch Punan im Auftrage von _Bang Jok_ ausgefhrt worden,
der das Stehlen von Buschprodukten in seinem Gebiet mit scheelen Augen
angesehen und zuletzt seine Zuflucht zu einer so scharfen Massregel
genommen hatte.

Augenscheinlich hatten die Pnihing die Gesellschaft Batang-Lupar nicht
aufzuhalten gewagt; da die Kajan sich auch nicht energischer zeigten,
mussten wir die Sache in die Hand nehmen. Als gesellschaftlich
gebildete Menschen kamen die Untertanen des _Radja Brooke_ zu dem
Kontrolleur, um ihn wegen ihrer weiteren Fahrt auf dem Flusse um seine
Zustimmung zu bitten. Aber _Barth_ verweigerte ihnen diese, weil er in
einem friedlichen, in malaiischer Sprache gefhrten Gesprche nicht
erfahren konnte, von wo die Leute herkamen und was sie am Mahakam
eigentlich wollten. Zum Erstaunen der Kajan fuhren die Batang-Lupar
ohne Widerspruch einfach den Fluss wieder aufwrts.

Unsere Kajanfreunde hatten sich durch dieses Begebnis wieder einmal
von unserer Macht und unserem Einfluss berzeugen knnen, was um
so erwnschter war, als unsere und der Kajan Plne zu kollidieren
drohten. Whrend sie sich von dem grssten Unternehmen, das in einem
Stamme vorkommt, dem Bau der Huptlingswohnung, vollstndig beherrschen
liessen, wollte ich noch den Batu Lesong besteigen und dann so schnell
als mglich flussabwrts fahren, um noch die Verhltnisse bei den
Long-Glat kennen zu lernen.

Am 20. Dezember fand zur Beratung verschiedener Angelegenheiten eine
Zusammenkunft statt, an der nicht nur die vornehmsten Mnner unserer
Niederlassung, sondern auch _Bang Lawing_, der Huptling der Kajan
am Ikang, Teil nahmen.

Aus Mangel an Besserem musste die Galerie, an die unser Haus gebaut
war, und in der _Midan_ seine Kche eingerichtet hatte und _Doris_ die
Vgel und Sugetiere abhutete, als Versammlungssaal dienen. Viele,
denen diese Beschftigungen noch so gut wie unbekannt waren, zeigten
fr das, was meine Leute vornahmen, mehr Interesse als fr das, was
verhandelt wurde. In der Theorie durfte sich zwar jeder frei ussern
und mitstimmen, aber in Wirklichkeit waren es doch hauptschlich
die alten, angesehenen Mnner, welche die Beschlsse fassten. Da
beim Hausbau hauptschlich den Priestern, als den Kennern der
Vorzeichen, Gehr geschenkt werden musste, schwiegen die anderen von
selbst. brigens ist es bei den Kajan am Mahakam allgemein Sitte,
dass bei dergleichen Versammlungen die jungen Leute zu allem, was
die Alten wollen, Ja und Amen sagen. Die Versammlung dauerte trotz
der Hitze in dem kleinen Raum von morgens 9 Uhr bis zum Abend, wobei
stets neue Leute, die sich fr die Angelegenheit interessierten,
zuhren kamen und jeder tat, was er wollte. In diesem Fall war die
Freiheit des Einzelnen, wegen der Enge des Raumes, in dem jeder nur
einen Sitzplatz einnehmen durfte, beschrnkt, so dass er nicht, wie
wo anders, sein Netz weben, einen Korb flechten, eine Schnur drehen
konnte. Aus diesem Grunde waren die Teilnehmer wohl auch fr einen
schnellen Verlauf der Beratungen, denn obwohl es sich um ernste Dinge
handelte, waren die Beschlsse abends bereits gefasst; nach einigen
Tagen sollte mit dem Hausbau begonnen werden, ferner wurde bestimmt,
wieviel jede Familie nach der acht an Baumaterial zu liefern hatte;
meine Plne wurden zwar besprochen, doch fand man, dass sie keine
Eile hatten; die Besteigung des Batu Lesong wurde allgemein als
ein zweckloses, sehr gewagtes Unternehmen aufgefasst und fr unsere
Reise zur Kste hatten sie wegen des Hausbaus, der den ganzen Stamm
in Beschlag nahm, weder Lust noch Verstndnis.

Eine weitere Angelegenheit, die sich auf den ganzen Stamm bezog,
wagte man, aus Furcht, den Betreffenden zu krnken oder zu reizen,
nicht ffentlich zu beraten. Es handelte sich nmlich um einen
Gast des Stammes, einen Dajak aus Serawak, namens _Banjin_, der den
Dorfbewohnern immer mehr zur Last fiel.

Der Mann war von einer Gesellschaft Dajak aus Serawak, die sich vor
einigen Monaten eine Zeitlang am Mahakam auf hielt, zurckgeblieben
und man hatte ihm, da er sich allerhand Airs zu geben verstand, selbst
ein Kajanmdchen zu heiraten gestattet. _Banjin_, hatte sofort gemerkt,
welch einen Eindruck er auf seine Umgebung machte und dass diese sich
leicht einschchtern liess. Wenigstens begann er, seine Frau schlecht
zu behandeln, fremdes Eigentum zu gebrauchen, von den Leuten alles, was
er ntig hatte, zu fordern, die Frauen zu belstigen, kurzum, er betrug
sich so, wie es seiner wilden Laune im Augenblick passte. Damit ihm die
Kajan nichts anzutun wagten, drohte er ihnen mit der Rache des Radja
von Serawak, so das _Kwing Irang_ seinen Leuten riet, noch Geduld mit
dem Subjekt zu ben. Da _Bang Lawing_ vom Ikang augenblicklich anwesend
war, wurde diese Staatsangelegenheit von den beiden Huptlingen im
Geheimen behandelt, denn als ich mich am folgenden Morgen in der Frhe
als Arzt nach _Kwing Irangs_ Wohnung begab, um mich nach dem Befinden
einer seiner Frauen zu erkundigen, fand ich dort die beiden Huptlinge,
einige der vornehmsten Alten des Stammes und _Banjin_ versammelt. Ich
hatte _Banjins_ Geschichte, da sie sich auf den Reisfeldern abspielte,
erst vor wenigen Tagen erfahren und es interessierte mich zu sehen,
was sie mit dem Individuum anfangen wrden. Ich durfte der Beratung
beiwohnen und setzte mich daher zu den brigen. Der Schuldige hatte
bereits bei meinem Eintritt seine hochfahrende, aggressive Haltung
aufgegeben und war an die Wand gelehnt in sich zusammengesunken. Man
wagte in meiner Gegenwart nicht, mit der Sache deutlich ans Licht zu
kommen, und aus _Banjins_ frherer Haltung schloss ich, dass man auch
nicht energisch gegen ihn aufgetreten war. _Kwing Irang_ wagte kaum
zu erwhnen, welch eine Angst und Unruhe dieser junge Taugenichts bei
seinem Schwiegervater anstiftete, und sprach noch von einem Vergleich,
obgleich sich der ganze Stamm nach der Abfahrt dieses Gastes sehnte.

Trotz der offenbaren Verlegenheit des Schuldigen hatte _Kwing_ nicht
den Mut, ihm zu sagen, dass er sich entfernen msse. Daher mischte ich
mich in die Angelegenheit und erklrte dem Manne kurz und bndig, dass
er, als eine Plage des ganzen Stammes, sich mit der ersten Gelegenheit
zu den Pnihing und von dort weiter nach Serawak zu begeben habe. Der
Mann wagte mit keinem Wort zu widersprechen und da machte _Kwing Irang_
den Vorschlag, dass er, bis sich eine Reisegelegenheit fr ihn finde,
bei den Familien seiner Sklaven auf dem Reisfelde wohnen sollte. Der
Verstossene verschwand sogleich und mit ihm auch der Druck, der auf den
Angesehensten des Stammes gelastet hatte. Abends fhrten drei Mnner
_Banjin_ in einem Boot nach dem Reisfeld, wo sich die Menschen seiner
Drohungen wegen sehr vor ihm frchteten. Die Mnner baten mich daher
dringend um Erlaubnis, den Mann binden und sich wehren zu drfen,
falls er auf Frauen und Kinder einen Anschlag machen sollte. Dagegen
hatte ich natrlich nichts einzuwenden. Infolgedessen hielten zwei
Mnner die Nacht ber bei _Banjin_ Wacht, der sich brigens eines
friedlichen Schlummers erfreute.

Noch am gleichen Tage bot sich eine ausgezeichnete Gelegenheit, um den
lstigen Gesellen los zu werden. Es erschien nmlich die energische
_Hinan Lirung_ vom Howong und stellte nochmals an meinen und der Kajan
Reisvorrat ihre Ansprche. Sie war schon frher einmal mit einigen
Mnnern bei mir erschienen und hatte das Salz gebracht, das ich nach
dem Zug ber die Wasserscheide im Walde hatte zurcklassen mssen,
und war dann mit ihrem Lohn an Reis, Salz und Zeug reich beladen
zurckgekehrt. Nun kam sie zum zweiten Mal unter dein Vorwand, dass
sie oben keinen Reis mehr habe.

Die Sorge fr ihre Stammesgenossen war mit Recht ihr anvertraut,
denn, whrend ihr Mann _Amun Lirung_ den Ruf eines Schwtzers
besass, frchtete man sich vor _Hinan Lirung_. Auch _Kwing Irang_
kam ihr mit wenig Sympathie entgegen, dessenungeachtet gelang es
ihr bereits abends, auf Schuld und fr eine kleine Menge schwarzen
Kattuns, den sie von mir erhalten hatte, eine grosse Menge Reis von
ihm zu erpressen. Auch bot sich mir nochmals Gelegenheit, mich von
der Unerschrockenheit und Gewandtheit meiner kleinen, untersetzen
Freundin zu berzeugen. Sie erzhlte mir nmlich, dass sie selbst am
oberen Howong einige Batang-Lupar, die bei den Bukat Buschprodukte
sammelten, aufgesucht und, wie wir es ihr das vorige Mal aufgetragen,
ber die Grenze zurckgeschickt hatte. Somit hatte sie sich als wrdige
Mutter ihrer Tochter _Lirung_ gezeigt, die in ihrer Liebesgeschichte
gegen _Si Hebar_ mit so vieler Energie aufgetreten war. _Hinan Lirung_
erwarb sich nun ein zweites Verdienst, indem sie auch den _Banjin_
gern expedieren wollte. Sie hatte fr den Mann sogar schon eine
weitere Reisegelegenheit gefunden, nmlich die Batang-Lupar, die
wir weggeschickt hatten und die sich noch immer bei den Pnihing am
Howong aufhielten. _Hinan_ hatte nun zwar fr ihre Heldenhaftigkeit
eine Belohnung verdient, doch stellte sie immerhin durch ihre
energischen Anflle auf unseren Reis und unsere Tauschartikel an unsere
Widerstandskraft allzu grosse Anforderungen. Selbst die Behauptung
der jungen Kajan, dass die alte Frau aus persnlicher Sympathie zu
mir so hufig angefahren kam, erleichterte mir nicht die Anstrengung,
die sie mir verursachte. In unserer schwachen, indolenten Umgebung
bot _Lirungs_ ausgesprochene Persnlichkeit jedoch eine Abwechslung
und, als wir abends nicht allzu grosse Mengen Reis, Zeug, Perlen
und Salz in ihrem Boote verschwinden sahen, drckten wir ihr zum
Abschied herzlich die Hand und legten ihr die Sorge fr _Banjin_ und
die anderen Batang-Lupar nochmals ans Herz. Wahrscheinlich expedierte
sie spter die Gesellschaft persnlich weiter, wenigstens hrten wir
nichts mehr von ihnen.




KAPITEL XVII

    Bau des Huptlingshauses--Besteigung des Batu Lesong--Ermordung
    einer Sklavin--Schutzleistung gegen Batang-Lupar Banden--Anwerbung
    netter Leute--Krankenbesuch am Meras--Reisevorbereitungen--_Bang
    Joks_ politische Stellung--_Kwing Irangs_ Einzug ins neue
    Haus--Allerhand Schwierigkeiten--wiederholtes Vorzeichensuchen--Tod
    eines kleinen Mdchen, Ankunft _Akam Igaus_--Neue Reisehindernisse.


Mit dem Bau von _Kwing Irangs_ neuem Hause brach fr die Kajan eine
wichtige Periode an, da jede Familie verpflichtet ist, sich durch
Beschaffung von Material und durch Arbeitsleitung an dem grossen
Werk zu beteiligen. Auch wir interessierten uns lebhaft fr das neue
Haus, das in grossem Massstab ausgefhrt werden sollte und uns daher
von dem, was die Bahau auf diesem Gebiete zu leisten im stande sind,
eine Vorstellung geben konnte. Ausserdem bot uns der Bau Gelegenheit,
zahlreiche religise Gebruche, von denen wir sonst nichts erfahren
htten, kennen zu lernen.

Von besonderer Wichtigkeit war aber fr uns die Tatsache, dass unser
Zug nach der Ostkste fast gnzlich von diesem grossen Unternehmen
der Kajan abhing; denn ohne deren Hilfe konnten wir kaum die
Reise ausfhren, auch war es vom politischen Gesichtspunkte aus
beinahe eine Notwendigkeit, dass _Kwing Irang_ uns selbst zur Kste
geleitete. Bevor aber der Hausbau nicht bis zu einem gewissen Punkt
gediehen war, konnte sich der Huptling mit einer grossen Anzahl von
Mnnern unmglich auf Reisen begeben; somit betrachtete ich den Gang
der Arbeit einerseits mit Interesse, suchte aber anderseits allen
meinen Einfluss geltend zu machen, um _Kwing Irang_ zu untersttzen,
wenn die Leute nicht den gewnschten Eifer zeigten und lieber ihren
eigenen Geschften nachgingen.

In einem spteren Kapitel sollen der Hausbau und die mit ihm
verbundenen Festlichkeiten und religisen Zeremonien ausfhrlich
beschrieben werden; hier mge nur das, was auf unser tgliches Leben
Bezug hatte, erwhnt werden.

_Demmeni_ traf alle Massregeln, um die wichtigsten Perioden beim
Bau des Hauses durch photographische Aufnahmen zu fixieren, wobei
er gleich Anfangs mit der Schwierigkeit rechnen musste, eine Szene
bei Nacht aufzunehmen. Die Kajan achten nmlich auch beim Hausbau
streng auf die Vorzeichen und trafen daher wie beim Reisbau, um einem
eventuellen ungnstigen Bescheid zu entgehen, die Vorsichtsmassregel,
die Arbeitsperiode nachts einzuleiten, da die wahrsagenden Vgel dann
schlafen. _Demmeni_ bereitete alles fr eine Aufnahme bei Blitzlicht in
freier Luft vor, aber die Natur half ihm mit einem heftigen Regenguss
ber diese Schwierigkeiten hinweg. Die Zeremonie musste auf den Tag
verschoben werden und wir brauchten die Kajan nun nicht mit unseren
knstlichen Blitzen zu erschrecken.

Bereits am vorhergehenden Tage waren Frauen und Kinder eifrig
damit beschftigt gewesen, Klebreis in Form dreieckiger Pckchen in
Palmbltter zu wickeln und im Freien in grossen Kesseln zu kochen. Den
Reis lieferten zum grsseren Teil der Huptling, zum kleineren die
Freien, dafr hatten diese aber beim Stampfen geholfen. Andere begaben
sich auf den Fischfang, da der Huptling allen Mitarbeitern Fische
als Zuspeise anbieten musste.

Abends versammelten sich die vornehmsten Alten, um mit Hilfe von
Rotang den Platz zu vermessen, auf dem das Haus stehen sollte. Sie
hatten sich von den Dimensionen des Hauses einen Plan entworfen und
begannen nun, indem sie mit ausgestreckten Armen ein Stck Rotang
massen, die Lnge und Breite des Hauses zu bestimmen. Ihr einem Faden
entsprechendes Mass wird _depa_ genannt.

Schwieriger war es, mit dem Rotang ein richtiges Rechteck zu
bilden. Htte ein Sachverstndiger die Fhrung bernommen, so wre
das Kunststck vielleicht geglckt, da nun aber acht oder zehn Mnner
mithelfen wollten und jeder seine Meinung geltend machte, misslang das
Experiment und das Rechteck wurde immer wieder schief. Schliesslich
rief man _Demmeni_ als Autoritt im Gebiete der Baukunst zu Hilfe und,
da alle auf ihn hrten, erhielt man bald das gewnschte Rechteck,
auf dem die Pfhle verteilt werden sollten. Hierauf ging man an die
Verteilung der Seiten und gab durch in den Boden gesteckte Stcke an,
wo die Pfhle eingerammt werden mussten.

Das Haus sollte 23 m breit werden, d.h. gleich breit wie der Rcken,
auf dem die Niederlassung gebaut werden sollte. Es sollte ferner an das
provisorische Huptlingshaus anschliessen und sich bis zu dem langen
Versammlungssaal, in dessen Verlngerung man unser Haus gebaut hatte,
ausdehnen. Halbwegs hatten wir bereits beschlossen, dass _Midan_ und
_Doris_, deren Kche und Werksttte sich an den beiden ussersten Enden
des Saales befanden, ausziehen sollten, wir waren aber doch berrascht,
als bereits am selben Tage nach der religisen Zeremonie, welche das
Einrammen des ersten Pfahles begleitete, einige junge Mnner auf das
Dach kletterten und ber _Midan_, der gerade unser Essen kochte, das
Dach abzubrechen begannen. Sie liessen sich aber berreden, erst in
der Mitte zu beginnen, so dass _Doris_ Zeit hatte, seine Werksttte
mit Hilfe einiger Kajan und unserer Malaien in die Wohnung der Malaien
an der Mndung des Blu-u berzufhren; auch kamen wir berein, dass
_Doris'_ Werksttte als Kche fr _Midan_ reserviert werden sollte.

Dank den vielen hilfreichen Hnden wurde der Saal binnen weniger
Stunden seines Daches beraubt, die Dielenbalken abgenommen und die
Pfhle mittelst eines Querbalkens, den man mit Rotang horizontal an
ihnen befestigt hatte und an dem alle gleichzeitig zogen, aus dem
Boden gehoben; darauf wurde in dem Teile, in dem sich in Zukunft die
Kche befinden sollte, eine Seitenwand aus Baumrinde angebracht. Als
wir gegen Mittag, erfllt von dem interessanten Schauspiel, das die
Aufrichtung des Hauptpfahles durch die Mnner und Frauen des ganzen
Stammes geboten hatte, in unsere Wohnung zurckkehrten, sah alles
wieder so aus, als ob hier nie ein Saal gestanden htte.

Whrend der Monate Dezember und Januar beteiligte sich tglich eine
grssere oder geringere Anzahl Mnner am Hausbau; die Frauen arbeiteten
nach dem ersten Tage nicht mehr mit, aber jede Familie stellte so
viele jungen Mnner zur Arbeit, als sie bei der Feldarbeit entbehren
konnte. Die _panjin saju_ waren im Hilfeleisten am eifrigsten, von
den brigen Familien konnte der Huptling mit seinen Mantri nur mit
Mhe gengende Untersttzung erhalten. Sowohl aus diesem Grunde als
auch damit nicht einzelne bevorzugt wrden, wollte _Kwing Irang_
nicht, dass einige Leute bei uns fr Geld arbeiteten. Daher war es
unmglich, fr lngere Zeit eine grssere Anzahl Mnner zu vereinigen,
und voraussichtlich trat hierin sowohl whrend des Hausbaus als
whrend der folgenden Reisernte keine nderung ein. Ich war daher
darauf bedacht, meine Zeit, ausser durch ethnographische Studien,
auch noch auf andere Weise ntzlich zu verwenden.

Ende Dezember war es _Hadji Umar_ geglckt, mit seiner Familie von
Long Tepai nach Long Bulng berzusiedeln, wo er sich beim Malaien
_Utas_ einquartierte. Ausser seiner Familie hatte _Umar_ ungefhr acht
seiner besten Buschproduktensucher bei sich, Malaien und Dajak, die
sich teils als seine Schuldner, teils als seine Geschftsteilnehmer
seit Jahren mit ihm im Urwalde aufhielten. Sie wren gern in meinen
festen Dienst getreten, aber ich hatte fr sie keine stndige Arbeit,
auch vertraute ich ihnen nicht ganz. Dagegen konnten sie mir bei der
geplanten Besteigung des Batu Lesong sehr gut als Kuli und Ruderer
dienen, ich hatte dann nur wenige Kajan ntig. Da auch die Kajan noch
nie dieses Grenzgebirge mit dem Stromgebiet des Barito bestiegen hatten
und wir unserem eigenen, auf dem Batu Mili entworfenen Plane folgen
wollten, konnten uns diese krftigen Fremden ebenso gut Hilfe leisten.

Die Kajan schienen gehofft zu haben, dass ich ohne ihren Beistand
auf den Zug nach dem Batu Lesong verzichten wrde. Sie frchteten
nmlich, dass mir in diesen ihnen unbekannten und daher unheimlichen
Gebieten, in denen die Baritostmme Buschprodukte suchten, etwas
zustossen knnte.

Kaum hatten die Kajan daher gehrt, dass die Malaien mich begleiten
sollten, als verschiedene einflussreiche Mnner zu mir kamen, mich auf
die grossen Gefahren aufmerksam machten, und mich von meinem Plane
abzubringen suchten. Zuverlssige Auskunft ber diese Gegend konnte
ich nicht erhalten, sie suchten mich im Gegenteil durch allerhand
falsche Berichte einzuschchtern und wankend zu machen.

Um so wenig Mnner als mglich mitzunehmen, beschloss ich,
den Zug nur mit _Bier_ zu unternehmen und _Demmeni_ und _Doris_
zurckzulassen. _Sekarang_ und _Amja_ dagegen sollten mich begleiten;
die Aussicht, eine wertvolle Sammlung Gebirgspflanzen anlegen zu
knnen, war zu lockend, um sie zu Hause zu lassen.

Als _Kwing Irang_ merkte, dass ich ernstliche Vorbereitungen traf,
machte er aus der Not eine Tugend, indem er das Seine dazu beitrug,
um mich wohlbehalten heimkehren zu lassen. Er trug _Sorong_ auf, mich
zu begleiten, und trat mir ausserdem fnf der gewandtesten jungen
Mnner ab.

Glcklicher Weise kannte _Sorong_ wenigstens den Weg bis zu dem
Bergrcken, der zwischen dem Blu-u und Danum Parei auf den Batu
Lesong fhrt. Am 16. Januar brachen wir 24 Mann stark in dreien meiner
kleinen Bte auf.

Die letzten Tage vor unserer Abreise waren recht trocken gewesen,
so dass der Blu-u gerade gengend viel Wasser enthielt, um am ersten
Tage bis an den Ort zu gelangen, wo an seinem Seitenfluss, dem Bruni,
die verlassenen Reisfelder aufhren und der jungfruliche Wald mit
seinen Riesenstmmen ber dem kleinen Flusse ein schattenreiches
Dach bildet. Nachts fiel das Wasser noch mehr, so dass die Bte ber
die Stromschnellen bei den Gerllbnken mehr gezogen als gerudert
werden mussten. Wir Europer zogen es vor, zu Fuss lngs des Ufers
zu folgen, hatten aber den Fluss hie und da zu durchqueren. Gegen
Mittag mussten immer wieder Steine auf die Seite geworfen werden,
um den Bten einen Durchgang zu verschaffen. Erst am folgenden Tage
erreichten wir auf die gleiche Weise Long Dungo, den Punkt, wo der
Landweg zum Danum Parei beginnt. Hier mussten wir einen Teil des
Reises, den wir mit Rcksicht auf die unbestimmte Dauer der Reise in
grossen Mengen mitgefhrt hatten, zurcklassen. Sollte die Besteigung
lange Zeit erfordern, so konnte dieser Vorrat stets abgeholt werden.

Meine Kuli schienen den Rest des Tages gern hier verbringen zu wollen,
aber ich kannte die Schwierigkeiten nicht, denen wir weiter oben
begegnen wrden, und liess, um keine Zeit zu verlieren, die Leute
ihre Tragscke in Ordnung bringen.

Von der Landzunge an, welche von dem Bruni und einem seiner Nebenflsse
gebildet wird, bestiegen wir zuerst einen sehr steilen und dann immer
flacher werdenden Rcken, der direkt auf die Wasserscheide zwischen
Blu-u und Danum Parei hinauffhrte. Gegen 3 Uhr gelangten wir auf einem
alten Pfade der Buschproduktensucher so weit aufwrts, dass wir aus
Furcht, auf dieser Hhe kein Wassermehr zu finden, Halt machen mussten.

Auf den Charakter des grossen Bergrckens begierig setzten wir am
folgenden Morgen unseren Marsch fort und erreichten ohne andere
Schwierigkeiten, als die berwindung einiger steiler Partieen, gegen

Uhr eine flache Verbreiterung des Rckens, die nach _Sorong_ den
hchsten Punkt auf dem Wege zum Danum Parei vorstellte.

Der hohe Wald, der uns auch hier wieder umgab, benahm jede Aussicht;
so blieb uns nichts anderes brig, als die sdliche Richtung
einzuschlagen, um auf diese Weise auf den Rcken zu gelangen, der uns
auf den Batu Lesong fhren sollte. Wir befanden uns anfangs pltzlich
zwei Mal vor steilen Abhngen, die nach unten in das Tal des Bruni
fhrten, aber einige als Kundschafter ausgesandte Leute brachten uns
bald wieder auf die richtige Spur. Der gefundene Rcken war oben 4
bis 10 m breit und wir folgten ihm auf einem fr Urwaldverhltnisse
sehr befriedigenden Pfade. Da er nie oder nur usserst selten von
Menschen betreten wurde, konnte er nur von Hirschen, Schweinen und
Rhinozerossen, die von dem einen Gebiet ins andre zogen, herrhren. Der
Pfad fhrte uns bis dicht an den Batu Lesong und nur ab und zu war
ein Schwerthieb erforderlich, um Rotang oder Reisig aufzurumen.

Vom Batu Mili und Batu Situn aus gesehen zeigte der Querrcken,
auf dem wir uns befanden, drei aufeinander folgende Erhebungen,
deren Hhe nach unten zu allmhlich abnahm. Der hchste, der uns als
Beobachtungspunkt dienen sollte, lag auf dem Batu Lesong selbst.

Nachmittags erstiegen wir die, von uns aus gesehen, erste, 75 m hohe
Erhebung und trafen hier bereits auf einer Hhe von 950 m .d.M. die
Moosvegetation. Die niedrigen Bume, die hier den wichtigsten Teil
des Pflanzenwuchses ausmachten, waren infolge ihrer Moosbekleidung
zu ihrer vier- bis fnffachen Dicke angeschwollen und zwischen ihnen
hingen an den Schlingpflanzen wahre Wnde von Moos, so dass man
in den Zwischenrumen die Tne gedmpft wie in einem geschlossenen
Raume hrte.

Hier ruhte ich mit dreien meiner Leute aus und beschloss, auf die
brigen zu warten, die, mit einer Last von etwa 25 kg beladen,
nicht so schnell folgen konnten. Es dauerte einige Stunden, bis der
letzte Mann bei uns eintraf, und wir mussten nun an unser Nachtlager
denken, das wir in dem Sattel zwischen den beiden ersten Erhebungen
aufschlugen. Einen kalten Wind abgerechnet strte uns nichts in unserem
tiefen Schlaf, denn selbst die zahlreichen Heimchen und Zikaden,
die den Wald weiter unten Tag und Nacht mit ihrem Gezirp erfllten,
waren hier entweder nicht vorhanden oder schwiegen. Wahrscheinlich
war ersteres der Fall, denn die sonst stets anwesenden Arten der
Morgenund Abendzikaden, die sich nur bei Sonnenaufgang und Untergang
hren lassen, waren hier durch andere Arten vertreten. Im Laufe des
Nachmittags zog _Sorong_ mit einigen Mnnern noch aus, einen weiteren
Weg zu suchen, und kam mit dem Bericht zurck, dass es am geratensten
sei, westlich um den Fuss der zweiten Erhebung statt ber deren Gipfel
zu gehen. Die sehr steilen, hier und da kahlen Wnde sahen in der
Tat wenig anziehend aus, daher gingen wir am folgenden Morgen auf
gleicher Hhe durch einen sumpfigen Wald weiter. Unseren Kajan lief
das Wasser im Munde zusammen beim Anblick der zahlreichen Spuren
von Wildschweinen und Nashornen. Nach _Sorongs_ Angabe hatten wir
einen kleinen Nebenfluss des Blu-u zu durchschreiten und dann einen
Gipfel zu besteigen, den er zwischen den Bumen glaubte durchschimmern
gesehen zu haben.

Von unten heraufziehende Wolken umhllten uns und der freundliche
Sonnenschein, der den dunklen, ewig triefenden Wald etwas belebte,
verschwand. Wir zogen ber eine Menge abgestrzte, scharf kantige
Sandsteinblcke, die nass und mit Moos bewachsen waren und dem Fuss
nirgends einen festen Sttzpunkt boten. Bald wurde Arm oder Fuss von
den Schlingen und Haken der Lianen festgehalten, bald schlugen uns
dornige Rotangranken ins Gesicht, so dass wir unter diesen Umstnden
an zwei Augen lange nicht genug hatten. Unsere Trger bewegten sich von
dem einen Felsblock zum anderen, indem sie sich berall mit Hnden und
Fssen festklammerten; ihr Schweigen bewies den Eindruck, den diese
Umgebung auf sie machte. Spter berfiel uns ein kalter Regenguss,
der die Nsse unserer Kleider zwar nicht mehr steigern konnte, uns
seiner Klte wegen aber sehr unangenehm berhrte. Als wir nach einer
Kletterei von einigen Stunden an der Richtigkeit von _Sorongs_ Angaben
zu zweifeln begannen, suchten wir uns unter einigen berhngenden
Felsblcken einen trockenen Platz und sandten zwei Malaien vom Melawi
auf Kundschaft aus.

Die Rast war uns zwar sehr angenehm, aber das Warten erschien uns
schliesslich doch etwas lange, auch brachten uns die Malaien nicht
einmal sehr ermutigenden Bericht. Zwar hatten sie den Gipfel gefunden,
aber sie zweifelten daran, dass er der richtige war, ausserdem wurde
der Weg zi ihm nicht besser. Also ging es zwischen Felsblcken,
Struchern und Lianen vorwrts, bis wir an ein trockenes Flussbett
gelangten, das nur bei heftigem Regen Wasser zu fhren schien. Jetzt
bildete es nur einen nackten Einschnitt in der Bergwand, mit
verwitterten Wnden und gefllt mit losem Gestein verschiedenster
Grsse. Das Gehen war beschwerlich, aber die ungewohnte Freiheit der
Bewegung wirkte ermunternd, daher betraten wir mutig, einer hinter
dem anderen, den Pfad, der mit 30 Steigung aufwrts fhrte.

Das Flussbett wurde bald so steil, dass die Vordersten nicht mehr
gehen, sondern an den Wnden hinaufklettern mussten. Die Hinteren
suchten ihr Heil sehr bald im Walde, denn die von ihren Vorgngern
losgelsten Steine wurden ihnen zu gefhrlich. Wir beschuhten
Europer brachten auffallender Weise viel mehr Steine ins Rollen
als die barfssigen Eingeborenen, die noch dazu eine Last zu tragen
hatten. Die Biegsamkeit und das Gefhl in ihren Fusssohlen bieten
ihnen beim Gehen einen grossen Vorteil, daher verwickeln sie ihre
Fsse auch so selten in den Schlingen der Lianen, aus denen man sich
oft schwerer als aus Schnren derselben Dicke befreien kann.

Bald befanden wir uns vor einem Kamin, dessen Wnde zu verwittert
waren, um an ihnen hinaufklettern zu knnen. Unsere braunen Gefhrten
kamen uns wieder zu Hilfe, steckten einige dicke Stcke zu beiden
Seiten in den Boden und geleiteten uns so zu dem zuverlssigeren
Waldboden. 100 m hher gelangten wir auf einen schmalen Sattel,
der auf der anderen Seite ebenso steil abfiel und somit wieder eine
Untersuchung verlangte.

Links von uns erhob sich eine hohe, steile, dicht bewachsene Felswand
und rechts ein nur 40 m hoher Hgel, der uns voraussichtlich ber die
nchste Umgebung einen berblick geben konnte. Indem wir uns durch
moosbedecktes Gestrpp hindurchwanden und mit Hilfe von Leitern
schwierigere Stellen passierten, erreichten wir die Spitze, die
mit dichtem Grn von Rhododendren und seltsamen Nepenthes bedeckt
war. Eine Aussicht war aber nicht vorhanden, denn unmittelbar ber
uns umhllte eine dicke Wolkenlage alle hheren Gipfel.

Vor Nsse triefend und vor Klte zitternd beschlossen wir, bis zum
folgenden Tage zu warten, und kehrten auf den Sattel zurck, wo
uns die Kajan mit einigen geraden, dnnen Hlzern bald das Gerst
fr eine Htte zusammenstellten, die wir mit einigen Segeltchern
vervollstndigten.

Ein Kleiderwechsel brachte uns bald ein behagliches Gefhl; leider
musste das Wasser auf dieser Hhe weither geholt werden und wir daher
lange auf einen warmen Trunk warten. Die Malaien erstiegen noch den
Gipfel links von unserem Sattel und bemerkten, dass er der zweite
Gipfel war, um dessen Fuss wir tagsber gezogen waren, und dass der
dritte Gipfel noch hinter diesem lag. Es zeigte sich zugleich, dass
diese beiden Gipfel durch eine so tiefe und steile Schlucht getrennt
waren, dass an ein Hinberkommen nicht zu denken war. Obgleich
der gefundene seitliche kleine Gipfel nicht der gewnschte war,
hatten wir doch durch unseren Zug nach rechts, der Bergwand entlang,
nichts verloren, es kam jetzt nur darauf an, lngs der Bergwand eine
Mglichkeit zu finden, um den letzten Gipfel zu besteigen. Diese
Aufgabe berliessen wir am folgenden Tage den Malaien und suchten
uns inzwischen mit Lesen und Aufzeichnen so angenehm als mglich
zu unterhalten. Die Verhltnisse waren nicht gerade gemtlich; das
Thermometer, das nachts auf + 14 C. gefallen war, stieg auch am
Tage nicht ber + 17 C.; von unserer Htte aus traten wir sogleich
auf durchnsstes, plattgetretenes Moos und, obwohl unser Lager sich
auf einem nur wenige Meter breiten Sattel mit sehr steilen Wnden
befand, benahm uns das umgebende Gestrpp doch jede Aussicht. Erst
gegen 3 Uhr kam der erste Kundschafter, zum Glck mit gutem Bericht,
zurck. Der dritte Gipfel konnte bestiegen werden, sie hatten sogar
zum grssten Teil bereits einen Weg gehauen, ausserdem hatten sie
Trinkwasser gefunden.

Am anderen Tage glckte es uns, in 1 1/2 Stunden den Aussichtspunkt,
einen sehr schmalen, langen, mit Bumen dicht bestandenen Gipfel, zu
erreichen. Die Bume waren durch Gestrpp und dicke Moosbedeckung zu
einem Ganzen verbunden und wir konnten uns nur kriechend und kletternd
hindurcharbeiten. In einer durch Mooswnde gebildeten Kammer liessen
wir unsere Zelte aufschlagen, sahen aber zum Leidwesen des Topographen
keine Mglichkeit, einen Standplatz auf festem Untergrund fr ihn
zu schaffen. Hierfr htten auf dem ganzen Gipfel und teilweise an
den Abhngen Bume gefllt werden mssen, eine Arbeit, die wegen der
Hrte des Gebirgsholzes nicht ausgefhrt werden konnte. Wir suchten
daher, wie auf dein Batu Situn, einige beieinander stehende Bume aus,
liessen ihre Kronen bekappen und zwischen ihren sten eine Plattform
anbringen, ber welche ein Dach aus Segeltuch gespannt wurde. Ein
besserer Beobachtungsposten war unter den gegebenen Umstnden kaum
zu erlangen. Trotzdem mussten, um eine freie Aussicht zu erlangen,
noch viele hohen Bume gefllt werden; fr die Pflanzensucher bot
sich hier eine gnstige Sammelgelegenheit, da in dieser Regenzeit
alle Bume Blten oder Frchte trugen.

Durch seine Hhe von 1690 m .d.M. gewhrte uns der Gipfel einen
berblick ber einen grossen Teil von Mittel-Borneo; die hchsten
Bergspitzen wurden zwischen dem oberen Melawi und oberen Kajan
sichtbar.

An diesem Tage sahen wir jedoch wenig hiervon, denn nach dem
Sonnenschein des Morgens umhllten uns gegen 11 Uhr die Wolken von
unten her. Darauf regnete es ein wenig und abends verursachte die
untergehende Sonne einen so eigenartigen blulichen Dunst ber der
ganzen Landschaft, dass sie nur in grossen Zgen erkennbar war. Wir
setzten unsere Hoffnung auf den folgenden Morgen, aber in der Nacht
trat Regen ein, der bis 8 Uhr morgens anhielt. Obgleich der 200 m
lange Weg zu unserem Observatorium nicht verlockend erschien und das
Thermometer nur + 12 C. zeigte, konnte ich meine Ungeduld doch nicht
lnger bezwingen und stand bald nach unserem Frhstck frstelnd auf
der Plattform. Hier heulte der mit feinem Regen beladene Wind in den
Baumgipfeln und trieb von Sden her halb durchsichtige Wolkenmassen
aus dem Murungtal ber den Batu Lesong, whrend nach Osten hin ein
bleifarbiger Wolkenschleier jeden Ausblick benahm. Unsere Malaien
waren nur mit Mhe zum weiteren Fllen der Bume zu bewegen und
einige Exemplare blieben bis zur Ankunft der Kajan stehen, die im
Sattel bernachtet hatten und ausser ihren starken Armen auch gute
Beile mitbrachten. Noch am gleichen Tage wurde der Gipfel so weit als
ntig frei, aber weder der Abend noch der folgende Morgen gewhrten
irgend welche Aussicht. Unter diesen Umstnden wussten wir nichts
Besseres vorzunehmen, als in unsere Klambu zu flchten.

Inzwischen hatten unsere Pflanzensucher mit grossem Erfolg gearbeitet
und wollten allmhlich den Rckzug antreten, um auch die Pflanzenwelt
weiter unten zu untersuchen. Als Schutz und Hilfe gab ich ihnen
einige Malaien mit, bemerkte aber spter, dass bis auf zwei alle
mitgegangen waren. Zum Glck blieben uns die Kajan brig, die am
vierten Tag alle nach oben kamen, um die letzte Nacht vor unserer
Abreise oben zu verbringen. An diesem Morgen schien nmlich zum
ersten Mal die Sonne und sie wussten, dass der Tag uns eine gengende
Aussicht bieten wrde. Sie erwarteten mit Ungeduld unseren Aufbruch,
begreiflicher Weise, denn der eine hatte ein Lendentuch, der andere
ein Kopftuch oder eine Jacke verbrannt, weil er nachts der Klte
wegen zu nah beim Feuer geschlafen hatte.

Der hohe Punkt des Batu Lesong, auf dem wir uns eben befanden, bot
uns zuerst einen interessanten Blick auf die Gipfelflche dieses
Gebirges. Diese neigt sich mit nur 8 nach Sden, wird hchstens
einen Kilometer breit und erstreckt sich ununterbrochen ber die ganze
Kette. Nur da, wo die zwischen den Nebenflssen des Mahakam laufenden
Seitenketten von der Hauptkette abzweigen, erhebt sich ein Gipfel,
wie derjenige, auf dem wir uns eben befanden. Die Kajan nannten den
Gipfel, der sich zwischen dem Blu-u und _Ikang_ erhebt, Batu Tokong
und behaupteten, dass auf seiner Sdseite der Busang entspringe und
an dem sdlichen Abhang unseres Gipfels der Lito, ein Nebenfluss des
Belatung. Die Gipfelflche sowie die ganze Landschaft sind vollstndig
mit ununterbrochenem Urwald bedeckt, aus dem nur die senkrechten hellen
Wnde des Batu Lesong an der Nord- und Sdseite scharf hervortreten.

Die langen Nebenketten, die sich nach Norden zum Mahakam hinziehen,
fehlen nach Sden, im Tal des Murung; hier sieht man nur breite, wenige
Kilometer lange Auslufer, die zum Flusstal hin senkrecht abfallen.

In kurzem Abstand vom Batu Lesong und parallel mit diesem erhebt sich
im Sden ein anderer Rcken, der den Busang zwingt, lngs des sdlichen
Fusses des Batu Lesong nach Westen zu fliessen; den Namen dieses
Rckens und etwas Nheres ber ihn konnte ich nicht erfahren. Wegen
der allgemeinen Waldbedeckung konnten wir die einzelnen Gebirge am
oberen Murung auf grsseren Abstand nicht gut unterscheiden. Nur der
Batu Ajo im Osten trat seiner ganzen Lnge nach deutlich hervor; sein
Gipfel besteht ebenfalls aus einer schmalen, waldbedeckten Flche,
nur ist er niedriger als der des Batu Lesong. Besonders auffallend war
das Bergmassiv des Bomban im Gebiet des Murung, das sich als schmales,
kegelfrmiges Gebirge von 1900-2000 m Hhe hinter den vorgelagerten,
nicht ber 1000 m hohen Ketten erhebt. Ich konnte nun die eigenartigen
Terrassenbildungen unseres Sandsteingebirges, die mir vom Batu Mili aus
aufgefallen waren, von einem anderen Standpunkte aus betrachten. Die 20
bis 100 m mchtigen Sandsteinlagen aus denen dieses Gebirge besteht,
sind im Lauf der Zeit so erodiert worden, dass nach Norden niedrigere
Terrassen mit der gleichen schwachen Neigung, wie der Hauptrcken,
gebildet sind und zwar ist die Terrassenbildung an der Westseite der
Querrcken strker ausgeprgt als an der Ostseite.

Die Nordseite des Batu Lesong zeigt eine eigentmliche Zickzacklinie,
in deren einspringenden winkeln je ein Fluss seinen Ursprung nimmt.

Die Berge im Tal des Blu-u machten, da sie ganz mit Wald bedeckt sind,
von dieser grossen Hhe aus keinen Eindruck; nur der Kasian und der
Mili stachen mit ihren hellen Wnden von dem dunklen Hintergrunde
ab. Grossartig war der Blick auf das Kettengebirge am oberen Mahakam
mit seiner Fortsetzung lngs des Kajanflusses. Einzelne Ketten oder
Gipfel waren nicht zu erkennen; es zeigte sich aber, dass von diesem
Gebirge Querrcken in die Tler des Oga und Boh, in gleicher Weise
wie vom Batu Lesong zum Mahakam, verliefen.

Nachmittags, als die Sonne im Sinken begriffen war, erfuhren wir aufs
neue, wie sehr die Aussicht nicht nur durch die Wolken, sondern auch
durch die Sonne beeintrchtigt werden kann; denn _Bier_ konnte nur
mit Mhe einige Gipfel im Norden visieren, da ein blulichgrauer
Dunst die ganze Landschaft einhllte. Das erhaltene Resultat war
aber befriedigend, daher beschlossen wir, diesen ungastlichen Ort am
folgenden Morgen zu verlassen.

Die Verteilung unseres Gepcks unter die noch briggebliebenen
Kajan und Malaien kostete nicht viel Mhe, da unsere Lebensmittel
fast erschpft waren, und so machten wir uns am 26. januarleichten
Herzens auf den Rckweg: Unsere Kuli hatten den Weg durch Mooswnde
und Gestrpp bedeutend verbreitert und verbessert, daher kamen wir,
obgleich die Kletterpartie nach unten doch nass und unangenehm war,
schnell vorwrts und erreichten noch vormittags den Lagerplatz vor
dem ersten Gipfel, an dem wir alle unsere Leute versammelt fanden.

_Sekarang_ hatte seine Zeit besonders gut bentzt und whrend des
letzten Tages einen wahren Garten von schnen und seltenen Pflanzen
zusammengebracht. Das Herbarium war besonders durch eine grosse Anzahl
neuer Baumarten bereichert worden. Alles Material musste lebend
mitgenommen und zu Hause bearbeitet werden, da in dieser vor Nsse
triefenden Umgebung an ein Trocknen nicht zu denken war.

Unsere Arbeit war nun erledigt und eine schnelle Heimreise
wnschenswert, daher dachte ich abends ber die Mglichkeit nach,
den Mahakam in einem Tage zu erreichen. Der Abstieg musste bequemer
sein als der Aufstieg und, da die Flsse durch den Regen der letzten
Tage geschwellt sein mussten, erschien mir die Sache nicht sehr
schwierig. Mein Vorschlag fand seitens der Trger geringen Beifall,
obgleich diese im Grunde auch lieber zu Hause als in dem nassen Urwald
sassen. Sie frchteten augenscheinlich, einen geringeren Lohn zu
erhalten, daher versprach ich ihnen sogleich nicht nur den vollen Lohn,
sondern auch eine Extrabelohnung, weil der Zug dank der Anstrengung der
Leute in krzerer Zeit vollfhrt worden war, als ich erwartet hatte.

Am folgenden Morgen verteilten wir die Pflanzensammlung unter die
Trger und brachen nach dem Essen auf. Ich vermutete, dass meine
Reisegesellschaft es doch noch versuchen wrde, erst in zwei Taren
aber dafr langsam nach Hause zu gelangen, und beschloss daher,
vorauszugehen, um die Leute zum Nachfolgen zu zwingen.

Als alle zum Abmarsch bereit waren, machte ich mich in Gesellschaft
von _Sorong_, der nur sein eigenes Gepck zu tragen hatte, auf den
Weg. Mit unserem schnellen Schritt erreichten wir in 3 1/2 Stunden
unseren Lagerplatz auf dem Rcken, der zum Bruni hinunterlief. _Sorong_
erklrte, der Ruhe bedrftig zu sein, und konnte auch nach einiger Zeit
nur mhsam vorwrts, so dass uns die fnf jungen Kajan einholten. Durch
unser stndiges Vorausgehen und durch die Nhe des Flusses gereizt
strmten sie ohne stillzuhalten an uns vorber. Ich liess _Sorong_
zurck und folgte den fnf, musste aber sehr schnell gehen, um mit
ihnen Schritt zu halten. In kurzer Zeit erreichten wir den Bruni,
der inzwischen stark geschwollen war. Als wir den Fluss durchquerten,
sanken wir tief ins Wasser ein; das Bad, das erste nach unserer
Abreise, erfrischte uns herrlich, auch liess uns die Aussicht,
mit unseren Bten ohne Schwierigkeit nach Hause zu gelangen, unsere
Mdigkeit und die Steifheit unserer Gliedmassen vergessen. Innerhalb
einer Stunde waren alle vereinigt, die Bte aus dem Walde geholt und
zu Wasser gelassen worden. Das Einladen des Gepckes ging schnell
von statten und darauf ging es erst den Bruni dann den ebenfalls
geschwollenen Blu-u hinunter. Noch vor Sonnenuntergang landeten wir
bei unserer Wohnung, zur grossen Verwunderung der Dorfbewohner, die
uns noch lange nicht zurck erwartet und einen Erfolg unseres Zuges
nicht fr wahrscheinlich gehalten hatten. Mhsam stieg ich den 30 m
hohen Uferwall hinauf und merkte noch nach Tagen, dass ein derartiger
Zug viele Anspannung erfordert.

Alle unter der Aufsicht des Kontrolleurs zurckgebliebenen Leute
befanden sich wohl, waren aber, wie die ganze Niederlassung, ber einen
brutalen Mord, der in den letzten Tagen verbt worden war, erregt.

_Utas_, der malaiische Gatte _Lirungs_, die in Long Bulng wohnte, war
gleich nach unserer Abreise von einem Handelszug nach dem oberen Murung
zurckgekehrt und hatte unter seinen verschiedenen Handelsartikeln
auch eine Sklavin mitgebracht. Wenige Tage vorher hatte _Lasa_, der
Sohn des Ma-Suling Huptlings _Tekwan_, als er seine Tante _Lirung_
besuchte, die Sklavin aus dem Hause gelockt, mit zwei jungen Kajan in
ein Boot gesetzt und war mit ihr flussabwrts gefahren. Als auf halbem
Wege von seinem Hause alle auf einer Gerllbank ausgestiegen waren,
um zu baden, fiel _Lasa_ pltzlich die alte Frau an und ermordete
sie. So schien sich die Geschichte, von allen wahren und unwahren
Ergnzungen abgesehen, wirklich zugetragen zu haben.

Die Tat war sowohl _Kwing Irang_ als uns gegenber eine sehr freche;
denn _Lasa_ gehrte durch seine Mutter _Uniang_, eine Schwester von
_Lirung_, zum Kajanstamm und, da die alte Frau bereits in _Lirungs_
Hause gegessen hatte, war, nach Auffassung der Kajan, in ihr eine
Stammesgenossin ermordet worden. Ein derartiges Verbrechen wird von
den Bahau viel schrfer verurteilt, als wenn es sich um die Ermordung
eines Fremden, wenn auch eines Angehrigen eines benachbarten Stammes,
handelt.

_Kwing Irang_ geriet durch diese Angelegenheit in grosse Verlegenheit,
denn er hatte sie noch nicht mit dem Kontrolleur besprochen und
fr uns war es schwierig, aktiv aufzutreten, besonders deswegen,
weil der wahre Sachverhalt, der widersprechenden Berichte wegen,
durchaus nicht klar schien.

Zuerst hrten wir, _Kwing Irang_ habe die beiden Kajan, deren Unschuld
an dem Mord sich brigens bald erwies, zur Strafe nach Long Bulng
geschickt, um dort zu arbeiten, und gleich darauf erklrte der
Huptling dem Kontrolleur, er habe die Absicht, seinem Enkel (Sohn
seiner Nichte) die Strafe fr Mord im eigenen Stamme aufzuerlegen. Da
die betreffende Strafe in solch einem Fall bei allen Bahau in der
Auferlegung einer Busse besteht, mussten wir uns mit seiner Absicht
zufrieden geben.

Bald darauf, am a. Februar, kamen _Tekwan_ und _Uniang_, die Eltern des
Mrders, in grosser Gesellschaft heraufgefahren, um ber den Vorfall
zu unterhandeln. Sie durften jedoch das Haus des Kajanstammes nicht
betreten, da nach einem derartigen Mord niemand mit dem Mrder oder
mit dessen Familie, aus Furcht krank zu werden (einen dicken Bauch
zu erhalten), in Berhrung kommen will, selbst nachdem bereits eine
Busse auferlegt worden ist. Erst nachdem der Mrder oder seine Familie
dem Huptling ein Schwert, ein Stck Zeug und einige Hhner bergeben
haben und diese mit dem Schwerte gettet worden sind, frchtet man
sich nicht mehr, durch eine Begegnung mit dem Mrder den Zorn der
Geister zu erregen.

Bevor die Hhner geopfert werden, suchen so viele Leute als mglich die
Tiere zu beissen, damit die Geister an dem auf die Tiere bertragenen
Geruch die Teilnahme aller am Opfer erkennen knnen und die Blutschuld
ihres Stammesgenossen nicht auch an ihnen zu rchen suchen.

Darauf legte _Kwing Irang_ in einer Zusammenkunft den Eltern des
Mrders eine Busse von 1000 Reichstalern auf. Den gleichen Betrag hatte
er dem _Radja_ von Serawak bezahlen mssen, nachdem er selbst einen
Chinesen gettet hatte, auch hatte er einst von einigen Murungern fr
den Tod dreier seiner Stammesgenossen die gleiche Summe gefordert. Um
diese Busse zu entrichten, war _Temenggung Itjot_ damals mit einem
Sklaven und allerhand Waren nach dem oberen Mahakam gezogen.

Viel spter erst kmen wir zur berzeugung, dass die Sache sich so
zugetragen haben musste, dass _Lasa_ dem _Utas_, als dieser sich
lange vor unserer Ankunft nach dem Murung begab, aufgetragen hatte,
ihm fr das Geld oder die Artikel, welche er ihm mitgab, einen Sklaven
oder eine Sklavin zu kaufen. Als Huptlingssohn fhlte sich nmlich
_Lasa_, um fr voll angesehen zu werden, verpflichtet, einen Menschen
zu tten. Da bei den Bahau selbst Sklaven nicht verkauft werden und
ihm zu einer Kopfjagd Lust oder Gelegenheit fehlte, ergriff er dieses
Mittel, um den Anforderungen seiner mnnlichen Ehre zu gengen; denn,
wie an anderem Ort bereits gesagt ist, gilt selbst das Tten einer
alten Sklavin bei den Bahau als Zeichen von Mut. Augenscheinlich
wollte er sein Geld nicht verlieren und ttete daher die Sklavin,
trotzdem wir uns bei _Kwing Irang_ aufhielten. Dabei beging er die
Unvorsichtigkeit, die Sklavin zu tten, nachdem sie sich bei den Kajan
bereits niedergelassen und gegessen hatte. Aus Furcht, dass wir den
Malaien _Utas_, der in dieser Angelegenheit eine zweifelhafte Rolle
gespielt hatte, zur Verantwortung ziehen wrden, hielt man uns den
wahren Sachverhalt so lange verborgen; vielleicht war er auch nur
wenigen bekannt. Auch _Lasa_ schien sich nicht sicher zu fhlen,
denn er war sofort nach den Reisfeldern der Ma-Suling, die hoch oben
am Meras lagen, geflohen.

Kaum hatte sich die Aufregung ber diesen Mord etwas gelegt, als
Berichte aus Long Tepai eintrafen, welche die Bevlkerung noch
weit mehr beunruhigten. Bald nach unserer Rckkehr vom Batu Lesong
war _Hadji Umar_ nmlich in Handelsangelegenheiten nach Long Tepai
gezogen und kehrte am 7. Februar mit der Nachricht zurck, dass er
die Bewohner von Long Tepai in grosser Aufregung verlassen habe,
weil sechs Siang vom Murung, die am oberen Tepai Guttapercha suchten,
auf Batang-Lupar Dajak gestossen waren, die den Wald unberechtigter
Weise ausbeuteten. Die Siang waren mit Erlaubnis des Huptlings _Bo
Lea_ von Long Tepai den Fluss bis zu seinem Ursprung hinaufgefahren
und hatten in dem fr gewhnlich gnzlich unbewohnten Gebiete hacken
gehrt. Als sie vorsichtig heranschlichen, sahen sie zwei Mnner, die
im Begriff waren, eine Sagopalme zu fllen. Durch einen kleinen Hund,
der fortlief, aufmerksam gemacht begannen die Mnner, dem Berichte
nach, mit vergifteten Pfeilen auf die Siang zu schiessen, ohne sie
zu treffen, worauf diese mit Gewehrschssen antworteten. Die beiden
Mnner ergriffen die Flucht, wurden aber von den Siang verfolgt,
die schliesslich auf eine nach Art der Batang-Lupar gebaute Htte
stiessen, die mindestens 30 Personen beherbergen konnte.

Die Bande schien in grosser Eile geflohen zu sein, denn sie
hatte Schwerter, Kochtpfe und eine grosse Menge Guttapercha
zurckgelassen. Die Siang, die sich in dieser Umgebung nicht sicher
fhlten, kehrten nach Long Tepai zurck und nahmen als Beweis
fr ihr Erlebnis Guttapercha und allerhand Gegenstnde mit. Die
zweifellose Nhe der Batang-Lupar, vor denen man am oberen Mahakam
stets Furcht empfindet, rief bei den Bewohnern von Long Tepai einen
solchen Schrecken hervor, dass sie sich sofort rsteten, um auf den
Feind loszugehen. Man beschloss jedoch, bevor man zur Tat schritt,
sei es auf Anraten _Hadji Umars_, sei es, weil die Huptlinge selbst
es fr sicherer hielten, die Angelegenheit erst mir und _Barth_
vorzulegen. Daher kam _Umar_ uns melden, dass am folgenden Tage _Bo
Tijung_, der lteste, vornehmste und einflussreichste Mann von Long
Tepai, zu uns kommen werde, um die Sache mit uns zu beraten. Dieser
Vertrauensbeweis der Long-Glat, deren Gesinnung uns gegenber bisher
stets zweifelhaft gewesen war, gewhrte uns eine grosse Genugtuung,
auch freuten wir uns, den Bahau beweisen zu knnen, dass wir ihnen
bei gegebener Gelegenheit ernstlich beistehen wollten. Wir berlegten
daher, was in dieser Angelegenheit weiter zu tun sei. Da die Bahau
die Batang-Lupar als Kopfjger sehr frchteten und die Long-Glat
in der Tat allen Grund dazu hatten, weil sie den am Oga an den fnf
Batang-Lupar verbten Mord noch nicht geshnt hatten, war es usserst
wahrscheinlich, dass sie bei einer eventuellen Begegnung sogleich auf
ihre Feinde schiessen wrden. Hierdurch wren gegenseitige Racheakte
und vermehrte Unruhe im Lande veranlasst worden; wir mussten daher
trachten, die ganze Bewegung in Hnden zu behalten.

Ob sich nur diese kleine Bande Serawakischer Dajak in der Umgegend
aufhielt, oder ob sie zu einer viel grsserem gehrte, war gnzlich
unbekannt. Als Folge des vor zwei Jahren von den Long-Glat verbten
Mordes hatten bereits zahlreiche Gerchte von Rachezgen seitens der
Butang-Lupar, die schon unternommen waren oder erst unternommen werden
sollten, die Runde gemacht, und es war daher sehr wohl mglich, dass
die entdeckten Buschproduktensucher in der Tat darauf aus waren, sich
an den Long-Glat von Long-Tepai oder anderen Niederlassungen zu rchen.

Bevor wir ber die Anzahl und den Aufenthaltsort der Feinde nhere
Auskunft erlangt hatten, konnten wir keine wichtige Massregel
ergreifen. Dass die Bahau aber in der Aufregung des Augenblicks
zu ruhiger berlegung und Geduld nicht fhig waren, merkten wir am
folgenden Tage, als _Bo Tijung_ mit zwei Bten bei uns landete und nach
einem kurzen Besuch bei _Kwing Irang_ uns sogleich seine Aufwartung
machte. Sein Bericht stimmte mit dem von _Hadji Umar_ berein, auch
hatte er als Beweisstck Guttapercha mitgebracht. Die Batang-Lupar
bereiten nmlich die Guttapercha auf eine besondere Art und Weise, die
nicht zu verkennen ist. Erstens vermengen sie die Guttapercha stark mit
Baumrinde, so dass sie eine schwammige Masse bildet, zweitens formen
sie aus ihr viereckige, platte Kuchen, die ungefhr 3  5 dm gross
und 1 dm dick sind. Die Bahau dagegen, besonders die Siang, vermengen
die Guttapercha viel weniger und geben ihr eher eine zylindrische Form.

_Bo Tijung_ hatte eigentlich gehofft, unsere Zustimmung zu erhalten,
um mit allen kriegstchtigen Mnnern sogleich auf die Batang-Lupar
Jagd zu machen, und wollte daher anfangs ernsten berlegungen kein
Gehr schenken. Schliesslich konnte er aber unseren Einwand gegenber,
dass man ber Anzahl der Feinde und den Ort, an dem sie zu finden
waren, wenig wusste, nicht taub bleiben, auch schtzte er unser
Versprechen, mit unseren gut bewaffneten Schutzsoldaten sicher Hilfe
leisten zu wollen, sehr hoch. Aus unserem Gesprche, dem bald auch
_Kwing Irang_, _Hadji Umar_ und viele andere beiwohnten, glaubte _Bo
Tijung_ herauszuhren, dass wir das Mitnehmen der Guttapercha tadelten,
und bentzte die Gelegenheit, um seiner inneren Unzufriedenheit ber
den Lauf der Dinge Luft zu machen. Er usserte sich heftig ber das
vermeinte Unrecht, die Guttapercha, die im eigenen Gebiet gestohlen
worden war, nicht haben mitnehmen zu drfen. _Hadji Umar_ machte ihm
bald klar, dass wir durchaus nicht dieser Ansicht waren, dass wir in
dieser Angelegenheit nur vorsichtig zu Werke gehen wollten.

Die Unterredung mit _Bo Tijung_ zeigte uns, dass, falls wir die
Leitung der Dinge behalten wollten, die Gegenwart eines von uns in
Long Tepai unumgnglich notwendig war, da selbst die Klgsten der
Long-Glat kaum noch zu halten waren.

Nach dieser vorlufigen Beratung kam ich mit dem Kontrolleur berein,
dass wir jetzt, wo die Mahakamstmme uns so gnstig gesinnt waren und
selbst Angelegenheiten, die sie so nahe angingen, mit uns berieten,
eine Teilung unserer Gesellschaft riskieren konnten, und so beschlossen
wir, dass _Barth_ mit allen bewaffneten Malaien nach Long Tepai
ziehen sollte, um dort nach Umstnden zu handeln, und dass _Hadji
Umar_, der die dortigen Verhltnisse und Menschen am besten kannte,
ihn begleiten sollte. _Barth_ sollte so lange in Long Tepai bleiben,
bis ich mit _Kwing Irang_ bei ihm eintraf, um dann gemeinschaftlich
die Reise nach der Kste fortzusetzen.

Auf die Frage, wann er mit uns wrde abreisen knnen, antwortete
_Kwing Irang_ nur: "so bald als mglich," ohne einen bestimmten
Termin anzugeben.

Am 9. Februar teilte sich unsere Gesellschaft tatschlich und
_Barth_ fuhr mit den Seinen, zur grossen Zufriedenheit _Bo Tijungs_,
flussabwrts.

In Long Tepai fand er alle bereit, sogleich einen Kriegszug nach
dem oberen Tepai zu unternehmen; doch brachte er die Leute dazu,
sich vorlufig darauf zu beschrnken, unter Leitung einiger unserer
besten Schutzsoldaten auf Kundschaft auszuziehen und zwar in so grosser
Anzahl, dass man auch strkeren Banden Widerstand leisten konnte.

Die Expedition brachte die Nachricht zurck, dass die Batang-Lupar,
die in der Htte gewohnt hatten, wahrscheinlich keiner grsseren
Bande angehrten und so eilig geflohen waren, dass sie ihr Hab und
Gut hatten zurcklassen mssen. Nachdem die Gesellschaft einige
Tage in der Batang-Lupar Htte gewohnt hatte, zog sie mit allen
transportablen Gegenstnden nach Long Tepai zurck und beruhigte die
Dorfbewohner. Beinahe htte sich auf dem Zuge ein Unglck zugetragen,
da einer von _Hadji Umars_ Begleitern, ein zum Heidentum bergetretener
Malaie aus Serawak, gleichfalls namens _Umar_, pltzlich sein Gewehr
auf _Njok_, den ltesten Sohn von _Bo Lea_, angelegt hatte. Wenn einer
unserer Schutzsoldaten das Gewehr nicht in die Hhe geschlagen htte,
wre _Njok_ sicher niedergeschossen worden. Der Mann war sogleich in
den Wald geflohen und hatte sich nicht mehr sehen lassen. Acht Tage
darauf erfuhren wir, dass _Umar_ erschpft in Long Bulng angelangt
war. Spter beging er hnliches am Serata und verursachte schliesslich
auch bei den Kajan grosse Aufregung, indem er fnf junge Malaien
verwundete und einen Dajak ttete. Jetzt sahen selbst die Kajan ein,
dass der Mann an Verfolgungswahnsinn litt. _Kwing Irang_ hatte mir
nicht glauben wollen, als ich den Mann fr geisteskrank erklrte und
ihm nach dem Begebnis in Tepai riet, das gefhrliche Individuum nach
Serawak zurckzusenden. Mit vieler Mhe gelang es den Kajan, den Mann,
der sich im Walde versteckt hielt, zu tten.

Nun folgte fr mich eine sehr ruhige Zeit, in der ich nur fr den
tglichen Unterhalt meiner Leute zu sorgen, meine ethnographische
Sammlung zu vergrssern und die Lebensverhltnisse der Kajan zu
studieren hatte. Der Bau von _Kwing Irangs_ Haus bildete fr mich
den Mittelpunkt des Interesses.

Auf Andringen von _Kwing Irang_ und seinen Mantri beteiligten sich
einige Monate hindurch beinahe tglich einige Mnner an der Arbeit,
aber der Bau schritt doch lange nicht so schnell vorwrts, als der
Huptling und ich es wnschten. _Kwing_ hatte mir bereits fters
mitgeteilt, dass, so lange er sein neues Haus noch nicht bezogen hatte,
von einer Reise zur Kste keine Rede sein konnte. Jetzt, wo meine
Gegenwart aus politischem Interesse bei den Long-Glat viel notwendiger
war als bei den Kajan, wurde meine Ungeduld, das Haus endlich fertig
dastehen zu sehen, begreiflicher Weise immer grsser. Und doch wollte
ich die Reise ohne Kwing Irang lieber nicht fortsetzen, da seine
Anwesenheit fr den Eindruck auf die weiter unten wohnenden Stmme
von zu grosser Bedeutung war. Von diesem Gesichtspunkte aus war es
sehr gnstig, dass der Kontrolleur schon jetzt die Mglichkeit hatte,
sich bei den Long-Glat einzuleben; die Berichte, die er stndig nach
oben sandte, lauteten auch sehr befriedigend.

Immer wieder wies ich die Kajan auf ihre Pflicht, sich mit aller
Kraft dem Hausbau zu widmen. Es wurden selbst zweimal des Abends
Versammlungen abgehalten, in denen ich mit allem Einfluss, den
ich besass, fr den Bau des Hauses eintrat; der Huptling konnte
nmlich keine Arbeiter mehr finden, da die Leute mit dem Bau ihrer
eigenen Wohnung beschftigt waren. Zu meiner Genugtuung wurden
meine Vorstellungen wirklich beherzigt und der Hausbau schritt,
im Vergleich mit der sonstigen Arbeitsweise der Bahau, schnell
vorwrts. Die Kajan waren hiervon so berzeugt, dass sie mir sagten,
das Haus sollte spter stets: "_uma tuan Doktor_" (Haus des Herrn
Doktor) heissen. Nichtsdestoweniger schienen mir die Tage kein Ende
nehmen zu wollen.

_Bier_ hatte seine Aufnahmen in Zeichnung gebracht und es wurde fr
ihn Zeit, seine Arbeit an einem anderen Ort fortzusetzen. Da auch der
Kontrolleur in Long Tepai nur fnf Schutzsoldaten bei sich hatte,
schien es mir notwendig, uns unabhngig von den Bahau Hilfskrfte
zu verschaffen, die mir auch, nachdem ich den Kontrolleur bis nach
Samarinda begleitet hatte, bei meiner Rckkehr ins Innere von Nutzen
sein konnten. Ich nahm daher sogleich die besten Elemente von _Hadji
Umars_ Gesellschaft und ausserdem auch noch einige andere Malaien aus
unserer Nachbarschaft in meinen Dienst. Die Leute waren froh, dass
sie nun, wo die Kajan nicht mithalten konnten, von der Gelegenheit,
einen guten Lohn zu verdienen, profitieren konnten. Es wurde mir um so
leichter, Personal zu finden, als keinem von uns bisher ein Unglck
zugestossen war und ich durch meine rztliche Praxis das Vertrauen
aller genoss. Im Hinblick auf meinen spteren Besuch bei den Kenja
war ich auf Leute des gleichen Landes angewiesen, da ich erfahren
hatte, dass nur ein kleiner Teil meines jetzigen Geleites dafr
geeignet war oder geneigt sein wrde, noch ein zweites Jahr bei mir
zu bleiben. Unter den javanischen Leuten waren mehrere, die mir von
keinem Nutzen sein konnten und die ich daher nach Java zurckschicken
wollte, whrend die Malaien von der "Wester-Afdeeling" von Borneo,
sowohl die Schutzsoldaten als die Melawie Malaien, sich zu sehr nach
ihren Familien sehnten, um noch weiter mitgehen zu wollen. Indem ich
von den Javanern, die in letzter Zeit ein sehr faules Leben gefhrt
hatten, alle entbehrlichen Leute whlte, gelang es mir, _Bier_ fr
drei Bte eine Bemannung zu verschaffen, mit der er den Mahakam vom
Blu-u bis Long Tepai weiter aufnehmen konnte; von dort aus sollte
er mit Hilfe der Long-Glat, die ihm der Kontrolleur zu verschaffen
suchen musste, weiterarbeiten.

Des hohen Wasserstandes wegen musste _Bier_ lange Zeit mit seiner
Aufnahme warten und noch vor seiner Abreise fanden unsere Gedanken
eine pltzliche Ablenkung.

A m Morgen des 23. Februar erschien _Kuntji_, ein Malaie, der bei
den Ma-Suling am Meras lebte, mit einer Anzahl Leute aus Lulu
Sirang und meldete, dass der Huptling _Obet Dewong_ seit einiger
Zeit wieder so ernstlich krank war, dass er meine Hilfe sogleich
ntig hatte. Die Nachricht berhrte mich usserst unangenehm,
denn man schrieb die Krankheit natrlich, diesmal zum Teil mit
Recht, unserer Exkursion auf den Batu Situn zu, auch konnten nun
die Ma-Suling, die bereits grosse Vorbereitungen getroffen hatten,
um unter meinem Schutz die Gebiete unterhalb der Wasserflle und die
dortigen Mrkte zu besuchen, nicht mit uns reisen. Da es sich bald
herausstellte, dass es dem Huptling lange Zeit gut gegangen war,
dass er aber durch grosse Unvorsichtigkeit, wie durch langes Stehen
in kaltem Flusswasser beim Fischen und durch Hacken von Rotang und
Brettern fr Bte, einen Rckfall bekommen hatte, wollte ich mich
in der ersten Aufwallung nicht weiter mit ihm befassen. Ausserdem
war die Reise nach Lulu Sirang wegen des Hochwassers im Mahakam und
Meras gefhrlich und so schwierig, dass wir kaum Aussicht hatten,
die Niederlassung noch am gleichen Tage zu erreichen. Bei ruhiger
berlegung sagte ich mir jedoch, dass der Tod des Huptlings einen
sehr unangenehmen Eindruck hinterlassen wrde, den meine Weigerung,
ihm zu helfen, nur verschlimmern konnte. Auch fiel mir ein, dass wir
mglicherweise einen Teil der Reise ber Land zurcklegen konnten,
denn ich hatte vom Batu Marong aus gesehen, dass die Gegend zwischen
dem Mahakam und Lulu Surang zwar mit Urwald vollstndig bedeckt, aber
eben war. Da an beiden Enden dieser Ebene, am Mahakam und am Meras,
Ma-Suling wohnten, fhrten vielleicht Pfade durch den Wald.

Bei nherer Erkundigung besttigte sich meine Vermutung; wir konnten
uns somit die Fahrt auf dem Meras ersparen und hatten dazu Aussicht,
unser Ziel schneller zu erreichen.

Eine halbe Stunde darauf sass ich mit _Midan_, meinem Hunde
und den notwendigen Arzneien im Bote der Ma-Suling, das von der
heftigen Strmung mit grosser Geschwindigkeit flussabwrts gefhrt
wurde. _Bier_, der am gleichen Tage mit der Aufnahme hatte anfangen
wollen, musste die Arbeit wieder aufschieben; auch sollte er in den
folgenden Tagen nach Gutdnken handeln.

Bereits um 11 Uhr hatten wir Lulu Njiwung passiert, waren zwischen
zahlreichen kleinen Inseln hindurchgefahren und landeten oberhalb
der Mndung des Meras bei der Niederlassung des Ma-Suling-Huptlings
_Tekwan_. Hier stieg ich aus und sandte einige Ma-Suling nach oben,
um Fhrer zu holen, da ich selbst noch viel zu sehr unter dem Eindruck
des von _Lasa_ verbten Mordes stand, um dessen Elternhaus betreten zu
wollen. Diejenigen, die den Weg nach Lulu Sirang kannten, wohnten auf
ihren Reisfeldern, an denen wir vorber mussten. Zwei junge Ma-Suling
aus unserem Boot, mein Diener und mein Hund sollten mich begleiten,
whrend der Malaie _Kuntji_, der nicht mit uns zu gehen wagte, und die
vier anderen Ma-Suling versuchen sollten, den Meras hinaufzufahren.

Als es bald darauf zu regnen begann, wurden die im brigen gut
unterhaltenen Wege, die zu den Reisfeldern fhrten, sehr glatt,
besonders an viel betretenen Stellen und auf Hgeln.

Nach einer Stunde schlugen wir Seitenwege ein, die zwar viel unebener
waren, dem Fusse aber besseren Halt boten. Nach kurzer Zeit erreichten
wir die Htte (_lepo luma_) auf dem Reisfelde, dessen Besitzer uns als
Fhrer dienen sollte. Der Mann behauptete jedoch, nicht fort zu knnen,
und gab uns zwei andere an, die zur Begleitung bereit sein wrden.

Auf einigen kaum erkennbaren Pfaden und durch einige Bche hindurch
gelangten wir zu anderen Ladanghusern, in denen wir zwei Mnner
fanden, die in der Tat mitgehen wollten.

Von den Reisfeldern fhrte der Weg in den Wald lngs flachen, sandigen
Flussbetten, in denen das Waten zwar nicht mhsam, aber beim strmenden
Regen auch nicht ermunternd war.

Wir folgten dem letzten Flussbett, das immer steiniger wurde, bis
zum Ursprung; hier mussten wir die Ebene verlassen und mehrere
hohe Hgel passieren. Die nassen Lehmpfade, die steil nach oben
fhrten, stellten an unsere Beine und Lungen starke Ansprche,
aber auf den Gipfeln der Hgel angekommen fanden wir wirklich gute
und nicht glatte Pfade, denen wir stundenlang folgen konnten. Erst
bei Einbruch der Dunkelheit stiegen wir abwrts und folgten sehr
ermdet den Pfaden, die durch die Reisfelder der Ma-Suling von _Obet
Dewongs_ Dorfe fhrten. Unglcklicher Weise bestanden diese Pfade
grsstenteils aus freiliegenden, dnnen Baumstmmen, von denen je
zwei oder drei auf Querbalken neben einander einen Fuss ber dem
Erdboden ruhten. Strauchelnd, gleitend und fallend bewegten wir uns
langsam vorwrts und waren am Ende erstaunt, ohne Arm- und Beinbruch
davongekommen zu sein. In einem Ladanghause, in dem Licht brannte,
wollten wir uns mit Fackeln versehen, aber die Leiter war hinaufgezogen
und, als wir uns dem Hause nherten, lschten die Bewohner das Licht
aus und gaben keine Antwort. Unsere Fhrer erklrten, dass es viel
zu gefhrlich sei, an andere Htten zu klopfen, da die Leute sich
nachts frchteten und auf uns schiessen konnten.

So gingen wir denn weiter und erreichten, bevor es ganz dunkel
wurde, die Htte von Verwandten der beiden Ma-Suling von _Obet
Dewong_. Nachdem wir hier eine halbe Stunde Rast gehalten hatten,
suchten wir mit Hilfe von Harzfackeln in der stockdunklen Nacht
weiter zu kommen. Zum Glck befanden wir uns nicht mehr weit von der
Niederlassung entfernt, wir mussten nur noch einem kleinen Flusse
folgen und dann zum Teil ber den Marong hinber.

Zwischen Wasser und Erde machten wir bereits seit langem keinen
Unterschied mehr, daher empfanden wir es auch nicht als besonders
unangenehm, dass wir durch einen kleinen, aber sehr geschwollenen
Fluss mit moderigem Grunde waten mussten und dass das Wasser uns bis
an die Brust reichte.

Die schmale Schlucht zwischen den hohen, dicht bewachsenen Ufern
wurde von dem flackernden Schein unserer Fackeln phantastisch
beleuchtet. Hinderten uns unter Wasser liegende ste und Baumstmme
am Vorwrtsgehen, so fanden wir am Ufergras und an den Zweigen einen
Halt. Mein Hund suchte sich zwischen dem Ufergebsch heulend seinen
Weg, da er gegen die heftige Strmung nicht schwimmen konnte. Der
Fluss wurde immer flacher und nach einer halben Stunde verliessen
wir das Bette, um den Batu Marong so weit zu besteigen, dass wir auf
die andere Seite hinbergelangen konnten. Dort sahen wir den Meras
pltzlich zu unseren Fssen und jenseits des Ufers stand das Haus von
_Obet Dewong_. Als habe man uns erwartet, erschienen auf unser Rufen
sogleich einige Mnner, die uns ber den in der Tat sehr geschwollenen
Fluss ruderten.

Obgleich mein usserer Mensch durchaus nicht in eine Huptlingswohnung
passte, fhrte man mich doch sogleich zu _Obet Dewong_, der ber mein
Kommen sehr erfreut war. Man hatte mich nicht umsonst gerufen; der
grosse Mann lag vllig apathisch mit halbgebrochenen Augen da; seine
Zunge war trocken und schwarz, auch sprach er nur mit Anstrengung.

Da er tglich um die Mittagszeit einen Fieberanfall bekam, hielt ich
es fr geraten, ihm nicht vor dem folgenden Morgen Chinin zu geben,
ihn augenblicklich durch Kognak mit Wasser zu beleben und dann,
da sein Puls es zuliess, mittelst Morphium schlafen zu lassen. Den
Kognak musste ich stark verdnnen, da die Kehle der Bahau, die fast
nichts anderes als Wasser kennt, fr Alkoholica sehr empfindlich
ist. Die Wirkung war eine befriedigende, denn bevor ich mich von meiner
bermdung so weit hergestellt hatte, dass ich an Essen und Schlafen
denken konnte, hatte sich der Patient, zur grossen Freude seiner
Umgebung, bereits etwas erholt. Nach meiner Mahlzeit von Huhn und
Reis gab ich dem Huptling ein Morphiumpulver, worauf er in ruhigen
Schlaf fiel.

Wahrscheinlich schlief mein Patient besser als ich, denn obgleich es
_Kuntji_ gelungen war, bald nach uns anzukommen und er mein Bettzeug
mitgebracht hatte, schlief ich nur schwer ein und erwachte mit einem
heftigen Brustkrampf. Gegen Ende der Nacht legte sich der Krampf
und am folgenden Morgen gab es so viel zu tun, dass ich auf mich
selbst nicht mehr achten konnte. In aller Frhe gab ich _Obet Dewong_
seine Dosis Chinin, die er bereitwillig einnahm, mit dem Erfolge,
dass der Fieberanfall an diesem Tage ausblieb. Darauf strmten
wiederum Kranke herbei, die mich um Chinin, hauptschlich aber um
Jodkali baten, dessen gute Wirkung sie seit meinem letzten Besuche,
wo ich ihnen dieses Mittel in grsserer Menge verteilt hatte, aus
Erfahrung kannten. Unter anderem erfuhr ich von den Leuten, dass
viele es lebhaft bedauerten, wegen der Krankheit des Huptlings nicht
mit mir zur Kste reisen zu knnen. Zwar glaubte der Huptling immer
noch an seine baldige Genesung und an eine Teilnahme an der Reise,
aber ich nahm mir vor, ihm wegen seines Leichtsinns in bezug auf
seinen augenblicklichen Zustand und in Anbetracht seiner hohen Jahre,
auch fr die Zukunft Vorstellungen zu machen.

Die vorgenommene Unterredung fand bereits abends statt, auch teilte
ich dem Kranken mit, dass ich noch den folgenden Tag bei ihm bleiben
wollte, um ihm selbst die Arznei zu verabreichen. Die Chinindosis,
die er morgens und abends regelmssig einnahm, und die rationelle
Ernhrung taten dem Manne sichtlich gut. Am Abend vor meiner Abreise
erklrte ich _Obet_ nochmals, dass ich ihn bestimmt nicht auf die
Reise mitnehmen wrde und dass er sich noch lange nach seiner Genesung
in Acht nehmen msse, um einen Rckfall, der fr ihn sehr gefhrlich
werden konnte, zu vermeiden. Dank den zurckgelassenen Arzneien genas
der Patient vollkommen, als er aber spter hrte, dass es mit meiner
Abreise Ernst wurde und dass die Kajan mich begleiten sollten, zog
er doch wieder in den Wald, um seine Bte rsten zu lassen. Trotz
einer Erkltung, die er sich hierbei zuzog, ging er wieder fischen
und wurde schliesslich von einem so heftigen Fieberanfall gepackt,
dass er nach drei Tagen starb.

Bei meiner Abreise am 26. Februar wiegte ich mich jedoch noch in
der Illusion, dass ich den Huptling gerettet hatte, und zu meiner
angenehmen berraschung erklrten sich diesmal sechs Mann ohne
Widerrede bereit, mich nach Long Blu-u zurckzubringen. An Napo Liu
liess man mich nicht ohne Weiteres vorbeifahren, sowohl bei _Ledju
Li_ als bei _Temenggung Itjot_ musste ich viele Kranke behandeln;
da der Mahakam berdies noch sehr geschwollen war, wurde es Abend,
bevor wir unterhalb der Niederlassung von _Tekwan_ ankamen. Hier
herrschte _lali parei_ (Verbotszeit beim Beginn der Ernte), weswegen
wir nicht im Dorfe bernachten durften, was mir sehr angenehm war. Als
Nachtquartier fanden wir eine leerstehende, kleine Reisscheune, in
welcher meine Leute mir das Klambu aufschlugen und sich dann unter
demselben neben einander schlafen legten. Glcklicher Weise regnete
es am folgenden Morgen nicht, so dass wir mit frischem Mut den Kampf
mit der Strmung wieder beginnen konnten. Einige Stellen liessen sich
nur mit grosser Anstrengung berwinden, da der Mahakam nachts leider
wieder gestiegen war. Als wir zwischen den Inseln hindurch auf gnzlich
neuen Wegen fuhren, trafen wir auf einem derselben _Bier_ mit seiner
Gesellschaft, der nicht lnger auf einen gnstigen Wasserstand hatte
warten wollen und nun, so gilt es eben ging, fr seine Peilungen
passende Standorte zu finden suchte. Er erzhlte, dass uns einige
Schutzsoldaten eine Postsendung aus Long Tepai mitgebracht hatten,
die ich ihm zum Trost zukommen zu lassen versprach.

Zu Hause angekommen fand ich alles in Ordnung, nur war ich sehr
enttuscht, dass das Dach des neuen Hauses noch immer nicht ganz
gedeckt war und dass noch neue Dachschindeln gemacht werden sollten,
so dass wir sicher bis zum folgenden Monat warten mussten, bevor an
eine Abreise zu denken war.

Anfang Mrz beauftragte ich die Pflanzensucher, die Pflanzen, die bis
dahin frei in Bambuskrben gestanden hatten, in Kisten zu setzen. Die
Malaien und Javaner sollten inzwischen unsere Bte mit neuen Rndern
versehen und die alten mit Rotang festbinden.

Die Kajan ersahen hieraus, dass ich ernsthaft an die Reise dachte
und dass ich nicht die Absicht hatte, wie im Jahre 1897, ihre Ernte
abzuwarten. Durch das spte Sen, den Bau des Huptlingshauses und
vieler kleinerer Huser, sowie durch den vielen Regen, der den Reis
nicht reifen liess, war die der Ernte vorangehende Verbotszeit bei den
Kajan erst Anfang Mrz abgelaufen. Ich hoffte nun bald zu vernehmen,
dass man sich auf die Vogelschau begeben wrde, stattdessen erzhlten
mir einige Knaben im Geheimen, dass man auch noch fr die Seitenwnde
des Hauses Eisenholzschindeln herstellen wollte. Ich war zu sehr daran
gewhnt, durch Umwege hinter die Wahrheit zu kommen, um den Knaben
keinen Glauben zu schenken, und rechnete daher sogleich mit einer neuen
Verzgerung unserer Abreise. Meine Vermutung erwies sich als richtig,
nur beruhte die Verzgerung nicht auf der Herstellung von Schindeln.

Die Hauptsache war, dass wir aus der Zeit, die wir notgedrungen bei
den Bahau verbringen mussten, so viel Vorteil als mglich zu ziehen
suchten.

Der Kontrolleur hatte bereits einen Monat bei den Long-Glat in Long
Tepai verbracht und somit gengend Zeit gehabt, um die Bevlkerung
kennen zu lernen; er selbst war brigens derselben Meinung. Da _Bier_
sich nun auch mit seiner Gesellschaft dem Kontrolleur angeschlossen
hatte, waren beide stark genug, um sich in eine Umgebung zu wagen, von
deren friedfertiger Gesinnung wir nicht so ganz berzeugt waren. In
dieser berlegung schlug ich _Barth_ vor, bei gnstigem Wasserstand
bis Long Deho hinunterzufahren, zudem lauteten die Berichte von
dort derart, dass ein lngerer Aufenthalt unserer Gesellschaft oder
eines Teiles derselben dort sehr wnschenwert war. Der Huptling von
Long Deho, _Bang Jok_, war von unterhalb der Wasserflle gebrtig
und hatte sich mit seinem Stamm erst im Jahre 1893, als er sich in
seiner frheren Niederlassung Lirung Tika wegen der Bedrohungen
des Sultans nicht mehr sicher fhlte, ober halb der Gastlichen
Wasserflle, des Kiham Halo und Kiham Udang, niedergelassen. Seit
der Zeit hatte er allen Versuchen einer Annherung seitens des
Sultans widerstand geboten und war auch nie wieder nach Tengaron
gefahren. Doch kam er der Aufforderung des Sultans, die 1895 durch
den vornehmen Gesandten _Pangran Temenggung_ an ihn erging, gegen
die Banden Buschproduktensucher aus dem Baritogebiet aufzutreten,
nach. Diese Leute brachten nmlich einen grossen Teil der Guttapercha,
die sie im Gebiet des mittleren Mahakam sammelten, nach dem Barito
hinber, wodurch sie den Sultan um einen Teil des Ausfuhrzolles von
10%, den er an der Mahakammndung erhebt, schdigten. _Bang Jok_
war nicht im stande, gegen diese starken, gut bewaffneten Banden
aufzutreten, und liess daher gelegentlich kleinere Gesellschaften
durch seine Untergebenen berauben und tten. Auf diese Weise hatte
er direkt und indirekt zu mehreren in den letzten Jahren verbten
Morden Veranlassung gegeben und sah daher, aus Furcht vor Strafe,
einer Begegnung mit uns Niederlndern ungern entgegen.

Da wir wussten, dass _Bang Jok_ alle diese Morde auf des Sultans Rat
ausgefhrt hatte, und wir brigens auch nicht das Recht hatten, gegen
in frheren Jahren begangene Taten aufzutreten, beabsichtigten wir,
auf diese Angelegenheit gar nicht einzugehen. Die Regierung von Kutei
jedoch, die unsere wachsende Macht unter den Bahau mit scheelen Augen
ansah, bentzte _Bang Joks_ Furcht vor uns als wichtigsten Hebel, um
zu verhindern, dass auch dieser Huptling auf unsere Seite trat. Ein
gewisser _Hadji Udjon_ hielt sich bereits seit Monaten als Gesandter
des Sultans bei _Bang Jok_ auf, um ihn dazu zu bewegen, noch vor
unserer Ankunft nach Tengaron hinunterzufahren, von wo aus man ihm
allerhand schne Versprechungen machte. Diese Umstnde liessen uns
lange Zeit ber den Empfang, der uns in Long Deho zu Teil werden wrde,
in Unsicherheit, und nur die gute Gesinnung der Long-Glat von Long
Tepai, naher Verwandter derer von Long Deho, hatte uns einigermassen
beruhigt. Ich hielt es daher fr notwendig, dass der Kontrolleur ein
starkes Geleite bei sich hatte, bevor er sich ber die westlichen
Wasserflle nach Long Deho wagte, und wre am liebsten selbst mit
ihm gezogen, wenn ich nicht durchaus auf _Kwing Irang_ htte warten
mssen, besonders jetzt, wo auch die Ma-Suling sich an der Reise
nicht beteiligten und wir auch nur mit Hilfe der Kajan alles Gepck
nach der Kste schaffen konnten.

Bevor sich der Kontrolleur in Bewegung setzen konnte, verstrich
jedoch noch eine geraume Zeit. _Bier_ hatte seine Aufnahme noch kaum
bis zur Mndung des Meras ausgefhrt, als ihm _Barth_ trotz des
hohen Wasserstandes mit einigen Long-Glat entgegen fuhr, um ihm die
Mglichkeit zu geben, auch den Pahng zu messen, der einen wichtigen
Handelsweg nach dem Belatung im Gebiet des Murung bildet. Dies glckte
denn auch, obgleich die Wasserscheide nicht erstiegen und nur der
Fluss selbst aufgenommen wurde. Mit Hilfe der Long-Glat mass _Bier_
spter in gleicher Weise auch den Tepai. So lange aber das Wasser in
Long Tepai nicht bis zu einem bestimmten Zeichen an einem Felsen im
Fluss fiel, war an ein berschreiten der Wasserflle nicht zu denken.

Die zwei letzten Monate waren, wegen der Einsamkeit und des Mangels
an ernster Arbeit, die sowohl unter der Aussicht auf unsere baldige
Abreise als unter unserer Sehnsucht nach dieser litt, sehr unangenehm
gewesen; an unseren Sammlungen wurde nicht mehr eifrig gearbeitet,
denn fr Exkursionen konnten wir von den Kajan, die mit der Ernte
beschftigt waren, keine Untersttzung erhalten und die Ethnographica
hatte ich alle eingekauft, bis auf einige besonders schne Stcke,
derentwegen ich bereits seit Monaten mit den Besitzern unterhandelte,
ohne dass vorlufig ein Resultat zu erwarten war. Ich verschob diese
Kufe bis zu meiner Rckkehr von der Reise zur Kste.

Auch meine Kranken liessen mich im Stich, in dieser gnstigen
Jahreszeit kamen nur selten Malariaflle vor und die chronischen
Krankheiten hatte ich so weit als mglich geheilt oder den Patienten
die Mittel zu weiterer Selbstbehandlung gegeben.

berdies sah es in unserer Wohnung ungemtlich aus, denn die vielen
Ethnographica und Vgel waren, sobald man Kisten fr sie hergestellt
hatte, eingepackt worden. Alle diese Umstnde liessen uns den langsamen
Fortschritt der Reisevorbereitungen seitens der Kajan noch unangenehmer
empfinden.

Nachdem der Huptling Anfang Mrz das _lali parei_ noch in seiner
kleinen Wohnung gefeiert hatte, fand der Einzug in das neue, noch
nicht ganz fertige, aber doch regendichte Haus statt, worauf zwei
Tage _melo_ und dann die Aufhebung der Verbotsbestimmungen (_bet
lali_) fr das Haus folgten. Der ganze Stamm beteiligte sich an den
Festlichkeiten, die uns fr einige Tage Abwechselung boten. Leider
folgte hierauf wieder ein unvermeidliches achttgiges _melo_ und dann
erst begann man das grosse Huptlingsboot in Ordnung zu bringen. Erst
mussten aber noch Rnder (_apin_) im Walde gesucht werden, was keine
Kleinigkeit war, da die Lnge des Bootes 18 m und die Breite 1,2 m
betrug. Diese Arbeit wurde aber, als sich die Kajan einmal ernsthaft
aufrafften, ber Erwarten schnell ausgefhrt und in einem Tage waren
auch die Bretter an das Fahrzeug gebunden worden. Zwar wusste ich,
dass viele Leute ihren Reis fr die Fahrt zubereitet hatten, aber da
seither viele Monate verstrichen waren, hatten diese Vorbereitungen
kaum noch einen Wert. Selbst die Erklrung eines Mantri, dass ich es
hoch anschlagen msse, dass _Kwing Irang_ doch mit mir ging, obgleich
sich ein Bahauhuptling, wenn er eben sein Haus bezogen hat und dieses
auch noch nicht vollendet ist, nicht auf die Reise begeben drfte,
verbesserte meine Stimmung nicht sonderlich.

Selbst am 10. Mrz beanspruchte _Kwing_ noch meine Hilfe, weil er
selbst keine gengende Anzahl Menschen zusammen bringen konnte, um
in seiner Vorgalerie eine Diele legen zu lassen. Diese bestand aus
zahlreichen, schweren Brettern des Tenkawangbaumes, der trotz seiner
Ntzlichkeit hierfr in grosser Zahl geopfert wurde. Die Bretter waren
ungefhr 1 dm dick und 5-7 dm breit bei einer Lnge von ungefhr
10 m. Aus einem grossen Baum wurden zwei Bretter hergestellt und
zwar vereinigten sich stets zwei Familien, ein bearbeitetes Brett
zu liefern.

Um diese Bretter an Ort und Stelle, drei Meter hoch ber den Erdboden,
zu heben, waren mehr Mnner als die sechs oder acht, die stndig am
Hause arbeiteten, erforderlich, aber da alle eifrig auf ihren Feldern
beschftigt waren, bat mich _Kwing Irang_, noch einmal die Leitung
einer Versammlung bernehmen zu wollen, in der den Familienhuptern
nochmals eingeschrft werden sollte, dass sie ihrem Huptling und
mir gegenber verpflichtet waren, wiederum Hilfe zu leisten.

A m folgenden Tage wurden in der Tat alle bereits vorhandenen Bretter
an ihren Platz gelegt, aber es erwies sich, dass noch so viele Familien
die Lieferung ihrer Planke bis nach der Ernte oder nach dem Bau ihrer
eigenen Wohnung verschoben hatten, dass noch ungefhr die Hlfte
der 13  28 m grossen Oberflche ungedeckt blieb. Hierfr gebrauchte
jedoch _Kwing_ die noch nicht bentzten Bretter der Mittelwand, die
man vorlufig aus altem Material hergestellt hatte und die man erst
nach der Rckkehr von der Kste vollenden wollte.

Unter diesen Beschftigungen trat der z B. Mrz ein, bis _Sorong_
mit vier Mann auf die Vorzeichensuche ging. Nach der Meinung der
meisten Kajan geschah dies viel zu frh, aber _Kwing Irang_ tat alles,
was er konnte, um die Reise zu beschleunigen, ohne die _adat_ und
seine eigenen Interessen allzu sehr zu benachteiligen. Vom 24sten
bis zum 28sten durfte nmlich nichts Besonderes ausgefhrt werden,
da der Mond in dieser Zeit, wo er am vollsten ist, "schlechter Mond"
(_bulan dja-ak_) genannt wird. Die Kajan bauen in dieser Zeit keine
Huser und Bte und gehen auch nicht auf die Vorzeichensuche. Dass
_Sorong_ sich so frh aufgemacht hatte, half leider nichts, denn am
30. Mrz kam er mit der traurigen Nachricht zurck, dass _Obet Dewong_
nun doch, nach einem Ausflug in den Wald, gestorben war. Durch einen
derartigen Todesfall verlieren die gefundenen Vorzeichen ihren Wert
und es mssen spter wieder neue gesucht werden.

Noch am gleichen Tage kam von den Pnihing aus Long 'Kup die Nachricht,
dass _Paren_, der kleine Sohn, den _Kwing_ dort von seiner jngsten
Frau hatte, seit einigen Tagen an Fieber litt und dass man den Vater
erwarte. Mit dem Versprechen bald zurckzukehren begab sich _Kwing_
noch am selben Nachmittag nach Long 'Kup.

Als _Kwing_ in den ersten Tagen nicht zurckkehrte, ging _Sorong_
in zwei Bten wiederum auf die Vorzeichensuche.

Da der Huptling im Fall des Todes seines Sohnes berhaupt nicht htte
reisen drfen, begann ich mich zu beunruhigen und fuhr am 2. April
selbst nach Long 'Kup, um zu sehen, wie die Sachen standen und ob ich
helfen konnte. Bei meiner Ankunft war man gerade damit beschftigt,
_Kwings_ Gepck fr die Rckreise in die Bte zu laden; auch war
im Zustand des Knaben eine Besserung eingetreten. Es zeigte sich,
dass man ein grosses Beschwrungs- und Genesungsopfer (_enah abei_)
gebracht hatte und dass die Kajan von dem herrlichen Klebreis mit
Schweinefleisch, den sie genossen hatten, noch ganz erfllt waren. Von
dem Rest der schnen Opfergerichte sollte ich nun durchaus auch noch
etwas geniessen. Ich liess mich nicht lange ntigen und zwar nicht nur,
um meinen Gastherren eine Freude zu bereiten, denn auf meinem Tisch
war in letzter Zeit so selten Fleisch erschienen, dass ich das fette
Schweinefleisch, trotzdem es ohne Salz gekocht war, gierig verzehrte.

Am gleichen Abend waren wir wieder in Long Blu-u zurck, wo ich zu
meinem Verdruss hren musste, dass ein neunjhriges Mdchen, das
die Eltern allein zu Hause gelassen hatten, pltzlich erkrankt und
gestorben war. Wahrscheinlich htte ich dem Kinde nicht helfen knnen
und die Kajan trsteten sich mit der Annahme, dass das Kind vielleicht
ber irgend ein Tier gelacht und daher von den Donnergeistern gettet
worden war. Mir schien eine Vergiftung vorzuliegen, ich hielt es aber
fr geraten, meine Vermutung nicht auszusprechen, da sich sonst alle
vor Vergiftung gefrchtet htten.

Infolge des Todesfalles durfte man, solange das Kind nicht bestattet
war, weder an den Bten noch an der Reiseausrstung arbeiten, auch
liess _Kwing Irang_ den _Sorong_, der bereits einen gnstigen Vogel
gesehen hatte, zurckrufen, da die Vogelschau in diesem Fall _lali_
war. Der Huptling beredete zwar die Eltern der Verstorbenen, die
Leiche in einer Felsenhhle (_liang_) beizusetzen und ihr nicht erst,
wie man anfangs beabsichtigt hatte, eine Htte zu bauen, was lange
gedauert htte; aber immerhin verloren wir durch diesen Todesfall
wieder zwei Tage.

Darauf begannen _Kwing_ und sein Sohn _Bang_ wirklich eifrig an
ihren Bten zu arbeiten und viele Freie folgten ihrem Beispiel;
zugleich wurde _Sorong_ wiederum auf die Vogelschau geschickt, die
ihn allmhlich zu langweilen begann. _Sorong_ war nmlich ein in der
Jugend geraubter Kahjan Dajak, der dem Glauben der Bahau, obgleich
er beim Huptling eine bevorrechtete Stellung genoss, nicht viel Wert
beilegte; nur usserte er hierber nie seine Meinung.

Am 10. April langte _Akam Igau_ mit den Seinen unerwartet bei uns
an. Sie hatten alle diese Monate bei ihren Verwandten am Tawang
verbracht und wegen des hohen Wasserstandes im Makaham eine mhevolle
und lange Rckreise gehabt. Nachdem sie die Wasserflle passiert
hatten, waren sie gezwungen gewesen, noch sechs Nchte in Long Tepai
zu verbringen., weil man dort wegen des Baues eines neuen Hauses auf
die Vogelschau ausgegangen war.

Die Mendalam Kajan brachten die Nachricht, dass der Kontrolleur und
_Bier_ bereits nach Long Deho gereist waren, aber dass sich _Bang Jok_
einen Tag vor ihrer Ankunft nach Udju Halang begeben habe, wo seine
Schwester gestorben war. Obgleich letzteres sicher der Fall war, schien
mir _Bang Joks_ Abreise im letzten Augenblick doch nur ein Vorwand zu
sein. Also war es in Kutei doch gelungen, diesen bedeutenden Huptling
vor uns derart in Schrecken zu versetzen, dass er seine eigene Furcht
vor Kutei dabei vergass. _Bang Joks_ wurde auch sogleich von dem
Sultan mit einem Dampfboot von Udju Halang nach Tengaron abgeholt,
wo wir ihn spter trafen.

Die Mendalam Kajan wollten sogleich weiterreisen, ich konnte sie
daher nur mit Mhe dazu bewegen, noch einen Tag zu warten, um
unsere Briefe mitzunehmen. Da _Kwing_ in seinem neuen Hause noch
keine Gste empfangen durfte, bernachteten sie in Long Bulng. Am
anderen Tag kam _Sorong_ endlich melden, dass die wichtigsten Vgel
ihre Zustimmung zur Reise gegeben hatten. In einem Gesprch mit dem
Huptling usserte dieser den Wunsch, mit allen Kajan, die mitgehen
sollten, ein _melo njaho_ von zwei Tagen abzuhalten; danach sollte man
mein Gepck in die Bte laden. Nach dem monatelangen Warten kostete
es mich einige Selbstberwindung, meine Zustimmung zu geben, aber
da _Kwing Irang_ die Sache fr wichtig hielt, willigte ich ein. Zwei
Tage darauf wurden morgens alle Bte zu Wasser gelassen und mit Reis,
Guttapercha etc. beladen. Zwischen meinen seit so langer Zeit schon
gepackten Sachen sitzend beobachtete ich von meiner Wohnung aus mit
grosser Befriedigung die Emsigkeit der Kajan, als ich diese pltzlich
in grosser Hast alles Gepck wieder den hohen Uferwall herauftragen
sah; selbst die Frauen halfen mit, um schneller fertig zu werden. Ihre
Handlungsweise erschien mir unerklrlich, aber gleich darauf teilte
man mir im Namen von _Kwing Irang_ mit, dass von einer Abreise keine
Rede sein knne, weil einer ihrer wahrsagenden Vgel, noch dazu
der _hisit_, erst ber das Haus und dann sogar durch das Dach ins
Haus geflogen sei. Fr den Anfang einer Reise war dies ein usserst
ungnstiges Zeichen, daher musste nach einem _melo njaho_ von vier
Tagen von neuem auf die Vogelschau gegangen werden. Nach dieser Zeit
war aber der Monat so weit vorgeschritten, dass man zufolge der _adat_
keine grosse Reise mehr unternehmen durfte, sondern bis zum nchsten
Neumond (_bulan pusit_) warten musste. Das hiess aber meiner Geduld zu
viel zumuten und ich erklrte _Kwing_, dass ich mich von _Akam Igau_,
der mit seinen Leuten noch nicht abgereist war, nach Long Tepai werde
bringen lassen, um dort auf ihn zu warten oder mit Hilfe der Long-Glat
weiter nach Long Deho zu gehen.

_Kwing_ zeigte sich zwar mit meinem Plane einverstanden, nur billigte
er nicht die Begleitung der Mendalam Kajan und versicherte, dass seine
eigenen Leute mich nach Long Tepai bringen wrden, unter Anfhrung
des alten, halb blinden Priesters _Bo Jok_, der die Long-Glat ber
den Stand der Dinge aufklren sollte.

_Kwings_ Vorschlag passte mir um so besser, als _Akam Igau_ sich
nicht gern noch lnger aufgehalten htte. Er trat denn auch wirklich
am 12. April seine Heimreise an, nachdem wir seine ganze Gesellschaft
mit Salz versorgt hatten.




KAPITEL XVIII.

    usseres der
    Bahau--Krperbau--Sinnesorgane--Charakter--Eigentmlichkeiten
    ihrer Konstitution--Krankheiten der Bahau: Malaria, venerische
    Krankheiten, Intestinalkrankheiten, Rheumatismus, Kropf,
    Infektionskrankheiten verschiedener Art, Augenkrankheiten,
    parasitre Hautkrankheiten--Wert einer rztlichen Praxis unter
    den hingeborenen--Vorstellungen der Bahau von ihrem Krper,
    ihrem Geist, dem Schlaf und den Krankheiten--Heilmethoden
    der Priester--Ditetische Mittel--Befolgung rztlicher
    Vorschriften--Arzneien der Eingeborenen--Massage, Dampfbder.


Aus der geringen Bevlkerungsdichte von Mittel-Borneo geht bereits
hervor, dass hier Zustnde herrschen mssen, die einer normalen
Vermehrung der Menschen entgegenwirken. Die schdlichen Faktoren,
die hier in Betracht kommen, sind erstens in den Verhltnissen der
Umgebung selbst zu suchen, zweitens in dem Umstand, dass sich die
Bevlkerung vor den nachteiligen Einflssen dieser Umgebung nicht
zu schtzen weiss. ble Gewohnheiten der Stmme, wie Kopfjgerei und
Unsittlichkeit, schdigen eine Vermehrung in weit geringerem Grade.

Die Entwicklung der Bahau und Kenja ist noch nicht so weit
fortgeschritten, dass sie Krankheiten mit eigenen, wirksamen Mitteln
bekmpfen knnen; bemerkenswert ist dagegen, dass sowohl bei Bahau
als bei Kenja in hohem Masse die Vorstellung herrscht, dass sich
Krankheiten durch ditetische Mittel bekmpfen lassen. Die Konstitution
der Bahau unterstzt sie im Kampfe gegen Krankheiten nur wenig, daher
haben sie unter diesen whrend ihres ganzen Lebens mehr oder weniger
zu leiden. Vor allem sind es Malaria und venerische Krankheiten,
Syphilis und Gonorrhoe, welche die Lebenskraft der Eingeborenen
untergraben. Die Malaria wirkt schwchend auf den Organismus, die
venerischen Krankheiten verhindern ausserdem eine strkere Vermehrung.

Die Bewohner von Mittel-Borneo sind mittelgross und schmchtig von
Gestalt, doch kommen auch schn gebaute Krper bei ihnen vor, berdies
werden sie nicht durch Rhachitis und Tuberkulose verunstaltet. Sie
gehren zu einer Rasse mit schwarzem, glattem Haupthaar und
mittelmssiger bis schwacher Krperbehaarung. Obgleich einzelne
Personen auch welliges, bisweilen sogar krauses Haar besitzen und
das Braun der Haut auch sehr dunkel sein kann, habe ich auch unter
den Jgerstmmen im Innern der Insel nie Menschen mit Spuren des
Negertypus gesehen oder von ihnen sprechen hren.

Trotz ihres schmchtigen Krperbaues besitzen die Bahau gut entwickelte
Muskeln, mit geringer Neigung zu Fettbildung, sowohl unter der Haut
als an einzelnen Krperstellen. Wirklich fette Individuen sah ich nie;
die entstellenden Schmerbuche, die bei Europern vorkommen, fehlen
bei ihnen gnzlich. Auch findet man nur selten Personen mit Muskeln,
die von einer Fettschicht verdeckt sind; am ehesten kommt dies bei
erwachsenen jungen Frauen vor.

Die Gesichtsform ist oval, hufig rund mit wenig vortretenden
Backenknochen. Die Augenspalten, aus denen lebhafte, dunkelbraune
Augen hervorschauen, sind nur schwach geffnet; Personen mit nach
Mongolenart schrg noch aussen verlaufenden Augenspalten sieht man
nur selten, die meisten bemerkte ich unter den Kenjastmmen von Apu
Kajan. Eine Hautfalte ber dem inneren Augenwinkel fehlt gnzlich.

Die im allgemeinen platte Nase ist gerade; ihre Flgel sind nicht
besonders breit. Individuen mit eingestlpter oder mit stark gebogener
Nase kommen ebenfalls vor.

Der Mund ist nicht auffallend gross; es giebt selbst Frauen mit
hbschem, kleinem Mund; auch sind die Lippen nie sehr dick.

Die Bahau besitzen von Natur ein sehr gut entwickeltes Gebiss, sie
misshandeln es aber durch das in letzter Zeit Mode gewordene Absgen,
Ausfeilen, und Durchbohren der Zhne. Caries und Missbildungen,
die durch Syphilis verursacht werden, sind hufig.

ber die Gliedmassen ist nur zu bemerken, dass sie zum Krper in guten
Proportionen stehen; die Arme sind verhltnissmssig etwas lnger als
bei den Europern. Die schn gebildete, aber nicht schwere Muskulatur
weist mehr auf Geschmeidigkeit und Gewandtheit als auf grosse Kraft.

Hnde und Fsse sind stets klein und wohlgebildet, leiden aber viel
durch harte Feldarbeit, Verwundung und Krankheit, so dass man bei
lteren Leuten hufig Missbildungen antrifft. Bemerkenswert ist der
grosse Zwischenraum, der hufig zwischen der ersten und zweiten Zehe
vorkommt. Der Winkel, den diese beiden Zehen bilden, kann bis zu 60
betragen.

Die Haut der Baliau und Kenja ist in der Jugend meist eher hellgelb
als braun, besonders ist dies bei Kindern, die der Sonne noch nicht
ausgesetzt gewesen, und bei jungen Mdchen, die sich bei der Feldarbeit
durch Kleider vor Sonnenbrand schtzen, der Fall. Ganz allgemein wird
die sptere dunkle Hautfarbe der Eingeborenen durch die Sonne bewirkt;
stndig bedeckte Krperteile, wie die Lendengegend der Mnner und
die Beckengegend der Frauen, behalten daher stets ihren hellen Ton.

Trotz ihrer teilweisen Bedeckung ist die Haut der Eingeborenen
in Wirklichkeit doch allen Einflssen der Witterung ausgesetzt,
wodurch sie ein grosses Widerstandsvermgen erlangt hat. Chronische
Hautentzndungen sieht man bei den Baliau nur selten, obgleich
sie in Wald und Feld zahlreichen Verwundungen ausgesetzt sind;
nicht spezifische Beingeschwre, wie sie in Europa vorkommen,
sind bei ihnen ganz unbekannt. Solange die Haut noch nicht von
parasitren Hautkrankheiten betroffen ist, ertrgt sie lange Zeit
Druck und Reibung, ohne darauf anders als mit leichter Rtung zu
reagieren. Auffallend resistent zeigt sich die Haut der Frauen dem
Einfluss der Graviditt und der Lactation gegenber. Die Frauen der
Ot-Danum und Kantu am Kapuri besitzen diese Widerstandsfhigkeit in
noch hherem Masse, aber auch bei den Frauen der Baliau und Kenja
beobachtete ich selbst bei hochgradiger Schwangerschaft nur selten
Striae; auch erhalten die Frauen ihre frheren Formen nach der
Entbindung vollstndig wieder zurck. Ebenso lassen die Brste oft
nur an den Warzen erkennen, dass eine Frau bereits genhrt hat. Bei
meinem ersten Aufenthalt bei den Ot-Danum bewunderte ich die schne
Gestalt einer jungen Frau, welche ihre zwei verschiedenaltrigen Kinder
gleichzeitig nhrte. Am Mahakam hatte ich einst eine junge Frau, die
ich rztlich behandelte, lange Zeit fr kinderlos gehalten, bis sie
eines Tages mit einer dreijhrigen Tochter bei mir erschien und mir
erzhlte, dass sie ein zweites Kind bereits verloren habe. Selbst
wiederholte Schwangerschaften hinterlassen bei den meisten Frauen
wenig Spuren, sowohl auf der Haut als in den Krperformen.

Dass die Bahau eine viel geringere momentane Muskelkraft als die
Europer entwickeln, ist um so aufflliger, als sie von klein auf
an Feldarbeit und Jagd gewhnt sind und keine Lasttiere besitzen,
so dass sie auch im Tragen stndig Gebt sind. Sie knnen z.B. nicht
so schwere Gewichte, wie ein ungebter, mittelstarker Europer heben;
auch tragen sie bei grsseren Entfernungen und schlechten Wegen nicht
gern ber 20-25 kg schwere Lasten auf dem Rcken. Bemerkenswert ist
ferner, dass die Krfte und die Ausdauer bereits bei 30-35 jhrigen
Mnnern abnehmen, daher berlassen diese alle schwerere Arbeit auf
der Reise gern den 20 jhrigen jungen Leuten.

Die Sinne sind bei der Bevlkerung von Mittel-Borneo im allgemeinen
gut entwickelt. Beobachtungen hierber werden dadurch erschwert, dass
Krankheiten hufig das Seh- und Empfindungsvermgen beeintrchtigen. Da
nur ein sehr kleiner Teil der Bevlkerung Augen besitzt, die weder
in jugendlichem noch in spterem Alter einmal lngere Zeit krank
gewesen sind und hiervon an der Cornea oder Conjunctiva noch Spuren
aufweisen, findet man bei ihnen begreiflicher Weise kein besonders
scharf entwickeltes Sehvermgen. berdies haben die Eingeborenen
zwischen und in ihren Wldern gar keine Gelegenheit, sich im Fernsehen
zu ben und ihre Sehschrfe hierdurch zu entwickeln.

Der Farbensinn lsst bei den Bahau nichts zu wnschen brig; dafr
spricht in erster Linie ihr feines Gefhl fr Farbenharmonie, das sich
in ihren schnen Perlenarbeiten ussert, ferner, dass ihre Sprache
nicht nur fr alle verschiedenen Farben, sondern auch fr deren Nuancen
besondere Bezeichnungen besitzt. Diese weichen in mancher Hinsicht
von denen der Europer ab. So heisst in der Busang Sprache schwarz
"_tope totoreg" =_ verbranntes Blau; "_tom genang" = dunkelblau;_
"_krotang_" = hellblau, von dem sie an Perlen verschiedene Arten
unterscheiden, je nach dem Zweck, fr den sie diese bentzen, z.B.:
"_krotang lawong" =_ hellblau fr Kopfbnder. Gelb heisst "_njehang_"
und hell rehbraun "_njehang tebli_ (gelbrot)", dunkel rehbraun und
dunkelrot werden beide "_li_" genannt. Weiss = _puti_; grn = _nohom_.

Das Tastvermgen der normalen Haut ist bei den Bahau, vielleicht wegen
der dicken Epidermis, minder ausgebildet als bei Europern. Ihre blosse
Haut hat fr gewhnlich eine niedrigere Temperatur als die der Weissen,
daher vertragen sie bei andauernder Anspannung und Hitze nur schlecht
eine strkere Blutzufuhr und Transpiration und nehmen jede Gelegenheit
wahr, um sich zu baden.

Auf Kitzel reagiert ihre ganze Haut weniger stark als die der Europer,
whrend ihre Handflchen und Fusssohlen wegen der Dicke der Schwielen
fr Kitzel ganz unempfindlich sind.

Die Bahau besitzen ein gut entwickeltes Gehr; an ihre reit primitiven
Mitteln hergestellten Musikinstrumente, wie Flte und _kledi_, machen
sie, was Reinheit des Tones anlangt, grosse Ansprche. Ihre Lieder
erscheinen auch einem europischen Ohr melodisch. Ihre Gonge tnen
uns zu laut, aber auch bei diesen bestimmt hauptschlich die Reinheit
des Tones den Wert des Instruments.

Ob der Geruchssinn bei den Bahau feiner ausgebildet ist als bei den
Europern, wage ich weder aus der Tatsache, dass sie fr unangenehme
Gerche, wie die von Leichen und Unrat, sehr empfindlich sind,
noch daraus, dass sie bei unbekannten Waldfrchten nach dem Geruch
bestimmen, ob sie giftig oder nicht giftig sind, zu entscheiden;
denn die erste Eigenschaft steht mit ihrer allgemeinen psychischen
berempfindlichkeit in Zusammenhang und die zweite beruht
wahrscheinlich hauptschlich auf Erfahrung und bung.

Die wohlriechenden Grser, Bltter und Blten, mit denen sich junge
Mnner und Mdchen fr einander schmcken, duften nach unserem
Geschmack nicht immer angenehm; die jungen Leute mssen eben mit
den Erzeugnissen ihrer Umgebung vorlieb nehmen. Die Bahau schtzen
aber auch europische Parfmerieen, die bei ihnen in schlechtester
Qualitt von den Malaien eingefhrt werden. Dass auch die Nasen der
Bahau fr die verschiedenen Sorten unserer Parfmerieen ein scharfes
Unterscheidungsvermgen besitzen, erfuhr ich einst am Mendalam,
als ich _Paja_, _Akam Igaus_ Tochter, eine Flasche Eau de Cologne
N. 4711 schenkte. Ihre Freundin, die sich gleich darauf ebenfalls
eine Flasche erbat, suchte ich mit etwas gewhnlicher Wasch-Eau de
Cologne abzufertigen; nachdem die beiden aber zu Hause gemeinsam den
Inhalt ihrer Flaschen geprft und verglichen hatten, kam die Freundin
gleich wieder zurck und erklrte, dass ihre Eau de Cologne schlechter
sei als die von _Paja_.

Die Bahau sind sehr sensible Naturen und daher Gemtsbewegungen aller
Art sehr zugnglich. Auch bei freudigen Erregungen steigen ihnen
Trnen in die Augen; einst sah ich eine Frau sogar beim Anhren eines
Grammophons weinen.

Schmerzen knnen sie nur sehr schwer ertragen, daher haben sie auch
mit jedem Leidenden, besonders wenn er zur Familie gehrt, grosses
Mitleid. Sobald ein Kind oder ein Erwachsener auch nur scheinbar
ernstlich krank ist, nehmen alle Angehrigen an seinen Leiden so
lebhaften Anteil, dass sie ihre Arbeit auf dem Felde und im Hause
ruhen lassen und bei dem Kranken bleiben, auch wenn sie nicht
helfen knnen. Dies geschieht recht hufig, da die Bahau auch bei
unbedeutenden Leiden gleich nachgeben. Man muss daher im Verkehr mit
den Eingeborenen vor allem ihrer grossen Sensibilitt Rechnung tragen.

Wie leicht sie aus berempfindlichkeit und heftiger Gemtsbewegung
bisweilen den Kopf verlieren knnen, mgen folgende Beispiele
zeigen. Als sich _Kwing Irang_ einst mit einem junge Manne, namens
_Aran_, im Walde befand, wurde er durch ein herabfallendes Stck Holz
getroffen und begann ernstlich zu bluten. Obgleich die beiden sich
dicht beim Hause in einem wohlbekannten Walde befanden, verirrte
sich _Aran_, der Hilfe suchen ging, doch zwei Mal und verlor dazu
seinen Speer. Der Unfall, an dem er durchaus nicht Schuld war, ging
ihm so nahe, dass man ihn spter nur mit Mhe dazu bringen konnte,
ins Haus zurckzukehren. Er beruhigte sich erst am folgenden Tage,
nachdem er sich gut ausgeschlafen hatte.

Nachdem _Bang Lawing_, der jetzige Huptling der Mahakam Kajan, die
Leiche seiner Mutter in Batu Baung beigesetzt hatte, trennte er sich
von der Gesellschaft und lief stundenlang durch den pfadlosen Wald
nach Hause, statt mit den anderen den Fluss hinabzufahren. Spter
konnte er nicht angeben, wie er nach Hause gelangt war.

Empfinden die Bahau Scham, so errten sie oft bis tief auf die
Brust. Auch kann man sie vor ihrer Umgebung leicht in Verlegenheit
(_hae_) bringen. Ich bentzte diese Eigenschaft bei Mann und Frau
fters, um sie zum Halten ihres Versprechens und zur Pflichterfllung
zu bringen. Auf diesem feinen Empfinden, das sich in der Furcht
vor der ffentlichen Meinung ussert, ist auch die _adat_ der Bahau
hauptschlich begrndet.

Sie besitzen einen ruhig heiteren und wenig zu heftigen usserungen
geneigten Charakter; sie lieben den Scherz und die Frhlichkeit und
singen und tanzen daher gern miteinander; auch ltere Mnner nehmen an
den Kriegstnzen Teil und an Festtagen sieht man auch alte Frauen mit
den jungen tanzen und singen. Zwar bengstigt sie der Glaube an die
Existenz zahlreicher, sehr bser Geister, er drckt sie aber nicht
nieder. Man hrt sie auch zu Hause hufiger lachen als weinen. Da
sie selbst nie heftig werden, flsst ihnen die Heftigkeit anderer
Angst ein.

Die Bewohner Borneos zeigen in Bezug auf ihre Konstitution einigt:
Eigentmlichkeiten, die sich aus der Wirkung ihres Klimas auf viele
Generationen begreifen lassen. Diese Eigentmlichkeiten ussern sich
in der Art und Weise, wie sie auf verschiedene Arzneien reagieren,
ferner in der grossen Vitalitt ihrer Gewebe bei Verwundungen. Die
Behandlung von Malariakranken zeigte mir, dass Chinin eine sehr
schnelle Wirkung bei ihnen hervorruft. Auch in den ernstesten Fllen
bin ich nur selten gezwungen gewesen, mehr als 1 gr Chinin per Tag und
per Mal zu erteilen und selbst bei stark chronischen Malariakranken
rief diese Dosis in wenigen Tagen eine Besserung hervor. Auf meiner
ersten Reise beschrnkte ich mich vorsichtshalber auf 1/2 bis 3/4
gr per Tag, als ich aber spter keine nachteiligen Folgen bemerkte,
gab ich Erwachsenen stets 1 gr per Tag. Um den gleichen Effekt bei
Europern zu erzielen fand ich whrend des Feldzuges auf der Insel
Lombok selbst 3 gr per Mal nicht immer gengend.

Hieraus ersieht man, dass die Konstitution der Dajak bei der Bekmpfung
einer Infektion viel strker mitwirkt als bei Europern. Die
Beobachtung von Prof. _R. Koch_ auf Neu-Guinea, dass erwachsene
Eingeborene gegen eine Malariainfektion immun werden und dass diese
nur auf Kinder einwirke, stimmt mit der meinigen also teilweise
berein. Das Verhalten der Dajak spricht gegen eine vollkommene
Immunitt der Erwachsenen gegen Malariainfektion. Wie weiter unten
ausgefhrt werden wird, konnte ich mich bereits in Sambas davon
berzeugen, dass beinahe smtliche Kinder unter i o Jahren eine
geschwollene Malariamilz zeigten, welche bei Erwachsenen zwar seltener
aber ebenfalls zu finden war. Schon das hufige Vorkommen akuter
und chronischer Malaria bei Erwachsenen spricht gegen vollstndige
Immunitt. Dass bei den Dajak in akuten und chronischen Fllen eine
geringe Dosis Chinin bereits eine so starke Wirkung erzielt, weist
jedoch auf eine partielle Immunitt, die sie sich vielleicht durch die
in der Kindheit bestandenen Malariaanflle erworben haben. Hierauf
deutet auch die Tatsache, dass ich unter mehreren Tausend Patienten
keinen einzigen mit pernizisen Erscheinungen, wie Coma, schweren
Icterus, Nervenanfllen u.s.w. auf Malariaanflle reagieren sah.

Die Wundheilung tritt bei den Bahau, wie schon erwhnt, schneller
und vollkommener als bei Europern ein; hiervon konnte ich mich
hufig berzeugen:

Einst brachte man mir einen Dajak, dem von einem Dorfgenossen, der
ihn auf der Jagd fr ein Wildschwein angesehen hatte, die Tibia auf
4 cm Lnge in Splitter zerschossen worden war. Als man mir den Mann
am achten Tage nach dem Unfall brachte, war die ganze grosse Wunde
in eine septisch infizierte Eiterhhle verwandelt, in welche die
zersplitterten Enden der Tibia hineinragten; die Kugel, die ich unter
der Haut an der anderen Seite hindurchfhlte, entfernte ich mittelst
eines Hautschnittes. Eine grndliche Desinfektion, die Fortnahme der
losen Knochensplitter, eine Drainage und Applikation von Schienen
zur Immobilisierung gengten, um den Mann innerhalb kurzer Zeit
krperlich wieder herzustellen und das Bein, mit Verkrzung um 1 cm,
durch Bildung eines grossen Callus, wieder brauchbar zu machen. Nach
einem Jahr war von einer Funktionsstrung nichts mehr zu spren.

Bei meinem ersten Besuch in Tandjong Karang hinterliess ich dort eine
zwlfjhrige Patientin, die, nach einem syphilitischen Ulcus an der
Kniekehle, der einen Durchschnitt von 10 cm und 2 cm Tiefe zeigte,
eine gut granulierte Wunde zurckbehalten hatte. Ich hatte dem Mdchen
eine Jodkalilsung zu weiterem Gebrauch bergeben und glaubte sie,
als ich mich bei meinem zweiten Besuch, 1 1/2 Jahre spter, nach ihr
erkundigte, als ein Mdchen mit einem krummen Bein charakterisieren zu
mssen. Keiner kannte jedoch ein solches Mdchen. Zu meinem Erstaunen
sah ich die Kleine spter mit einem ganz geraden, gut beweglichen Bein
umhergehen, obgleich die ganze Kniekehle mit Narben bedeckt war. Bei
einem europischen Kinde wre das Resultat ein ganz anderes gewesen,
die Narbenbildung htte zweifellos eine Kontraktur zur Folge gehabt.



Bald nach Beginn einer Praxis unter den Stmmen von Mittel-Borneo
wird man gewahr, dass einzelne Krankheitsgruppen bei ihnen alle
brigen in den Hintergrund drngen; es sind dies: Malaria, venerische
Krankheiten (Syphilis und Gonorrhoe) und parasitre Hautkrankheiten,
welch letztere auch auf den anderen Inseln des indischen Archipels
verbreitet sind. Eingeschleppte Infektionskrankheiten, wie Pocken
und asiatische Cholera, treten bei diesen in grosser Abgeschiedenheit
wohnenden Stmmen nur selten in das allgemeine Krankheitsbild.

Unter den Bahau, die ein 250 m .d.M. gelegenes Bergland bewohnen,
bestehen weitaus die meisten Patienten, die einem tglich zur
Behandlung zugefhrt werden, aus Malariakranken. Diese Erscheinung
erklrt sich daraus, dass streng genommen alle auf den Krper
einwirkenden schdlichen Einflsse das labile Gleichgewicht, in welchem
sich viele Personen zeitweilig oder dauernd der Malariainfektion
gegen ber befinden, zerstren knnen. Da die Faktoren, welche ein
Ausbrechen der Malaria veranlassen, sehr mannigfaltig und zahlreich
sind, ist das hufige Auftreten dieser Krankheit bei den Dajak
begreiflich. Nach meiner Erfahrung wird die Malaria hauptschlich
durch folgende Ursachen hervorgerufen: bermdung, kaltes Baden,
Indigestion, Erkltungen mit Rheumatismus und Husten, Verwundungen,
ferner durch andere Infektionen, wie Influenza und Anthrax. Einen
Beweis dafr, dass die genannten Faktoren wirklich ein Ausbrechen
des Fiebers veranlassen, indem sie den Krper schwchen und dadurch
fr Malariainfektion empfnglich machen, fand ich darin, dass es mir
stets glckte, das Fieber mit einer temporren Dosis Chinin bleibend
zu vertreiben, whrend die ursprnglichen Krankheiten wie Indigestion,
Influenza u.s.w. unabhngig von der Malaria ihren normalen Verlauf
nahmen. Dass kaltes Baden, besonders nach Erhitzung, sowohl bei Bahau
und Javanern als bei Europern, innerhalb 6 Stunden einen Malariaanfall
zur Folge hat, beobachtete ich zu wiederholten Malen.

Einen anschaulichen Eindruck vom schwchenden Einfluss der
Malaria auf die Bevlkerung erhielt ich bei einer Untersuchung
ihres Verbreitungsbezirkes im Sultanat von Sambas an der Westkste
Borneos, wo ich 3 Jahre als Arzt ttig gewesen bin. Die Abwesenheit
der Malaria in den Morastgegenden lngs der grossen Flsse auch
bei intensiver Bodenkultur, wie Anlagen von Plantagen, und ihre
Anwesenheit in einigen dichtbei auf Sandboden gelegenen Drfern
hatte damals meine Aufmerksamkeit erregt. Die Reisen, die ich zum
Zweck von Impfinspektionen unternehmen musste, fhrten mich in die
verschiedensten Teile des Sultanates und gaben mir Gelegenheit,
ungefhr 3000 Kinder unter 10 Jahren zu untersuchen. Das Resultat
dieser Beobachtungen war, dass alle Kinder aus den Hgel-
und Gebirgsgegenden Milz- und Lebertumoren, in diesem Fall ein
Zeichen chronischer Malariainfektion, besassen, whrend die aus den
Morastebenen auf Meereshhe nur da, wo der Boden sandhaltig war, wie
in der Dnengegend nrdlich von Sambas und am Fuss alteinstehender,
aus den Morsten hervorragender Berge, eine vergrsserte Milz
zeigten. Die gleichen Beobachtungen sind brigens bereits an anderen
Orten gemacht worden, es ist z.B. bekannt, dass die Morastgegenden
bei Pontianak und Bandjarmasin auf Borneo und bei Palembang auf
Sumatra viel weniger durch Malaria zu leiden haben als die Hgel-
und Gebirgslnder derselben Inseln.

Der gleiche Unterschied machte sich auch im Aussehen der Bevlkerung
bemerkbar, sobald ich Gelegenheit hatte, diejenige in Gegenden, welche
von Malaria infiziert waren, mit einer anderen in nichtinfizierter
Gegend unter im brigen gleichen Umstnden zu vergleichen. Am meisten
fiel mir dies am Teberau, einem Nebenfluss des kleinen Sambas, unweit
der Hauptstadt Sambas auf, wo zwei von Malaien bewohnte Drfer keine
Stunde von einander entfernt liegen; das eine befindet sich auf einem
Morast, das andere auf einer 40 m hohen Hgelreihe. Unter 12 Kindern
des ersten Dorfes hatte 1, unter 25 des zweiten hatten 20 eine harte
Milz, die unter dem Rippenbogen hervortrat. Letztere hatten ausserdem,
wie ihre Eltern, eine schwchliche Konstitution und ein krnkliches
Aussehen, im Gegensatz zum frischen, krftigen Aussehen ihrer Nachbarn
im Morastdorfe. [6]

bereinstimmend mit diesen Beobachtungen lieferten die Statistiken
des Sultans von Sambas fr die Bewohner der Ebene gegenber denen der
Hgel eine mittlere Lebensdauer im Verhltnis 3 : 2--ein sprechender
Beweis fr den schdigenden Einfluss der Malaria auf die Lebenskraft
der Bevlkerung. Dass die gleichen Verhltnisse auch in Mittel-Borneo
herrschen, davon habe ich mich whrend eines beinahe 5 jhrigen
Aufenthaltes inmitten der dortigen Bevlkerung, bei der ich zahllose
Malariaflle akuter und chronischer Art zu behandeln hatte, berzeugen
knnen. Bei den dort herrschenden Zustnden sind die meisten Personen
whrend einer lngeren oder krzeren Lebensperiode fieberkrank, was
auch auf die noch ungeborenen Nachkommen von schwchendem Einfluss
sein muss.

Die verbreitetste Form, unter welcher die Malaria bei den Bahau
auftritt, ist die der Quotidiana intermittens, welche ber kurz oder
lang in die der Quotidiana remittens bergeht. Viel seltener sind
Flle, welche zur Continua gehren. Auch gab nur eine kleine Minderheit
meiner Patienten an, dass sie jeden 2ten Tag einen Fieberanfall zu
berstehen hatte.

Charakteristisch fr die Malaria der Bahau ist, dass die Kranken
nach einem Anfall nicht transpirieren, selbst wenn eine deutliche
Intermission eingetreten war. Erst wenn der Anfall durch Chinin
vollstndig gehoben worden, tritt Transpiration als Zeichen endgltiger
Besserung ein. Sie selbst wissen das auch sehr gut. Durch Malaria
verursachte pltzliche Todesflle habe ich nicht beobachtet;
ebensowenig Flle sehr perniziser Art; die Malaria trgt in
Mittel-Borneo stets den Charakter eines subakuten oder chronischen
Leidens.

Bei kleinen Kindern geht die letzte Malariaperiode in der Regel in eine
Continua mit oder ohne Diarrhoe ber; bei lteren Personen treten gegen
das Ende hauptschlich Erbrechen und Diarrhoe auf, wobei die Patienten
bei geringer Temperaturerhhung schnell abnehmen und sterben. In der
Regel sind die Kranken im Beginn dieses Stadiums durch vorsichtiges
Verabfolgen von Laudanum und dann von Chinin noch zu retten.

Als gnstigsten Zeitpunkt fr den tglichen Gebrauch einer Dosis
Chinin erwies sich der, in welchem sich der Patient am wohlsten fhlte
und seine Temperatur am niedrigsten war. Eine Verabreichung mehrerer
Dosen Chinin per Tag in Fllen einer undeutlichen Intermission hatte
selten guten Erfolg.

Flle von Malaria larvata beobachtete ich zwei Mal in Form von
periodisch auftretender Diarrhoe, die auch nach monatelanger Dauer
durch Chinin in kurzer Zeit kuriert werden konnte. Einmal wurde ein
junger Mann, der monatelang zu ngstlich gewesen war, um sich mir
zu nhern, durch jeden Abend wiederkehrende Augenblutungen zu mir
getrieben. Da man ihm Blindheit prophezeit hatte, entschloss er sich,
wenn auch voller Angst, zu mir zu kommen. Durch die Periodizitt
der Blutungen aufmerksam geworden, gab ich ihm 6 Stunden vor dem
gewhnlichen Eintritt der Blutungen 1 gr Chinin ein mit dem Resultat,
dass die Blutungen auf hrten.

Als Beispiele fr den Verlauf und die Behandlung typischer Malariaflle
unter den Bahau mgen die folgenden dienen:

Auf meiner ersten Reise brachte man mir einen 11 jhrigen Ulu-Ajar
Dajak, der das Jahr vorher so krank gewesen war, dass er sich nicht
mehr erheben konnte. Obgleich er augenblicklich nicht mehr so schwach
war, litt er doch sehr durch asthmatische Anflle und schmerzhaften
Husten. Sein Krper war mager und unentwickelt, und zur Arbeit war
er nicht fhig. Sein Thorax war der eines Emphysematikers, auch litt
er stark an Dyspnoe. Der obere Brustteil war stark erweitert und bei
jedem Atemzuge kontrahierten sich die beiden Sternocleido-mastoidei
und verursachten dabei ein Hervortreten ihrer Wlste unter der
Haut. Die Herzdmpfung hatte sich bis auf die linke Seite des Sternum
beschrnkt. Bei der Auskultation war berall ein Rcheln zu vernehmen,
das eine Entzndung der Bronchien anzeigte. In der Herzgegend war
kein anormales Gerusch hrbar, nur das diastolische Gerusch der
Lungenarterie war lauter als gewhnlich. Die vergrsserte Milz reichte
bis auf 4 1/2 cm unterhalb der Rippen herab, die Leber bis auf 5
1/2 cm. Anfangs erschien es mir sehr schwierig, die Strungen der
Respirationsorgane zu beseitigen, auch frchtete ich, das Vertrauen
der Eingeborenen, nach deren Ansicht die Medizin alles und so schnell
als mglich heilen muss, zu verlieren. In Anbetracht der Hypertrophie
der Bauchorgane beschloss ich jedoch, meinem Kranken 1 1/2 gr Chinin
einzugeben, eine Quantitt, die bitter genug war, um eine suggestive
Wirkung auszuben. Zu seinem Besten trieb den Knaben die Neugier
jeden Morgen nach meiner Htte und so konnte ich ihm tglich seine
Dosis verabfolgen.

Nach 10 Tagen erzhlte der Knabe, dass die Atmungsbeschwerden sich
gebessert htten, auch konnte ich mich selbst von dem gnstigen
Einfluss der Behandlung berzeugen. Die Milz war nicht mehr fhlbar;
die Leber hatte sich bis auf Fingersbreite unterhalb des Rippenbogens
zurckgezogen; die Auskultation ergab nur hie und da ein schwaches
Rasseln.

In der folgenden Periode erhielt der Patient seine Arznei nur in
grossen Zwischenrumen; aber seine Lebenskrfte hatten bereits die
Oberhand gewonnen, so dass er krperlich vollstndig wiederhergestellt
wurde. Nach einigen Wochen war auch die Erweiterung des Thorax
verschwunden, das Spiel der Sterno-mastoide war beim Atmen nicht mehr
sichtbar; die Herzdmpfung war wieder normal und auch die Auskultation
ergab nichts Krankhaftes. Nur die asthmatischen Anflle nachts hatten
in dieser Periode noch nicht vllig aufgehrt.

Einen anderen interessanten Malariafall bot mir ein 8 jhriger Knabe,
der mir durch das enorme Volumen seines Bauches aufgefallen war. Die
Haut des Abdomens war infolge der starken Ausdehnung glnzend geworden
und der Leibesumfang betrug 78 cm. Die Anamnese ergab nur einige
Fieberanflle. Der Knabe klagte augenblicklich nur ber Atemnot,
die ihm Arbeit und Spiel unmglich machte.

Die Untersuchung ergab eine Milz von erstaunlicher Grsse und Hrte,
die nach vorn bis zum Nabel, nach unten bis zu 20 cm unterhalb des
Rippenbogens reichte. Auch die Leber war hart und 11 cm tiefer als
gewhnlich fhlbar; der obere Teil des Herzens hatte die normale
Stellung verloren und seine Spitze schlug im 3ten Intercostalraume.

Am 4. Mrz begann ich, dem Patienten 1/4 gr Chinin einzugeben;
ich hatte aber wenig Hoffnung, dass meine Behandlung auf derartig
degenerierte Organe einen gengenden Einfluss haben knnte. Der kleine
Wilde besass indessen mehr Ausdauer als die meisten zivilisierten
Leute und kam whrend eines Monats tglich, um seine bittere Arznei
zu schlucken.

Am 4. April fhlte er sich selbst gesund; seine Milz war bis auf 5
cm weiter nach oben eingeschrumpft; die Leber war kaum noch unterhalb
der Rippen fhlbar; das Herz schlug im 4ten Intercostalraume.

Bei meiner Abreise am 28. April war die Milz als sehr harte, glatte
Geschwulst nur noch 9 cm unterhalb der Rippen fhlbar; die Leber war
kaum bemerkbar und der Leibesumfang war auf 63 cm zurckgegangen. Der
Knabe fhlte sich ebenso wohl und munter wie seine Kameraden und
arbeitete schon seit einiger Zeit auf dem Felde.

Ein 3ter Fall betraf einen ebenfalls 8 jhrigen Patienten, der
krperlich sehr zurckgeblieben war. Auch dieser Knabe hatte frher
fters Fieberanflle durchgemacht; augenblicklich litt er jedoch
hauptschlich an Dyspnoe. Sein Bauch war geschwollen; die Milz bis
4 cm unterhalb der Rippen fhlbar und die Leber reichte 3 cm weit
herab. Whrend 14 Tage erhielt auch dieser Kranke tglich 1/4 gr
Chinin, worauf seine Organe den normalen Umfang zurckgewannen und
seine Gesundheit vollstndig wiederhergestellt wurde.

Ein 18 jhriger Mann litt bereits seit 3 Monaten stndig an
Fieberanfllen, so dass er fast nicht mehr gehen konnte. Er weigerte
sich anfangs, die bittere Medizin zu nehmen und whrend einiger Wochen
sah ich ihn tglich magerer werden. Als er endlich doch erschien,
konstatierte ich bei ihm eine Leber, die bis auf 4 cm unterhalb der
Rippen herabreichte. Nach einem neuen Anfall gab ich ihm in zwei Malen
1 gr Chinin und am folgenden Tage die gleiche Dosis. Die Anflle
hrten auf, aber in Anbetracht der langen Dauer seiner Krankheit
erschien mir eine vllige Wiederherstellung unwahrscheinlich, als
er mir am dritten Tage selbst eine weitere Behandlung fr unntz
erklrte. Zu meinem Erstaunen war in der Tat eine rapide Besserung
in seinem Zustande eingetreten; noch vor meiner Abreise erhielt er
seine frhere Gesundheit vllig wieder zurck.

In Sambas war einst der Malaie, der mir auf allen Inspektionsreisen
als Fhrer diente, von der Malaria ergriffen worden. Seine Familie
rief mich erst nach einigen Tagen, als der Alte bereits dem Sterben
nahe war, zu Hilfe. Mit vieler Mhe gelang es mir, ihm in einem
fieberfreien Augenblick eine Lsung von 1 gr Chinin beizubringen. Am
anderen Tage sass der Patient bereits auf seiner Matratze. Obgleich
seine Wiederherstellung nur langsam von statten ging, gelang sie doch
vollstndig; nur behielt die Milz in diesem Fall stets das vergrsserte
Volumen. Der Mann hatte sein Leben lang als Fhrer durch das ganze
Sultanat gedient und dabei stets an Fieber gelitten.

Nach der Malaria haben die venerischen Krankheiten auf das Wohlergehen
der Stmme von Mittel-Borneo den verderblichsten Einfluss.

Obgleich ich unter den Eingeborenen am oberen Kapuri und oberen Mahakam
Syphilis und Gonorrhoe in hohem Masse verbreitet fand, gelang es mir
doch nicht, das dritte Leiden, Ulcus urolle, welches mir wegen der
lokalen Schden, die es verursachen kann, in Laufe einer jahrelangen
Praxis nicht htte verborgen bleiben knnen, zu konstatieren.

Patienten mit syphilitischen Infektionen stellten sich dagegen tglich
bei mir ein und zwar ausschliesslich solche mit der tertiren Form
von Haut- und Knochenkrankheiten. Trotzdem ich meine auf Syphilis
behandelten Patienten nach Hunderten zhlen kann, erinnere ich mich
nicht, jemals eine primre Affektion oder ausschliesslich sekundre
Erscheinungen beobachtet zu haben. Unter den Folgeerscheinungen
der Infektion fehlten bei den Patienten sekundre Kehlleiden,
Roseola, papulse und andere sekundre Exanthemen, sowie Alopecia
syphilitica. Condylomen an Mund und Anus waren bei Erwachsenen sehr
selten, eher noch bei kleinen Kindern zu finden. Zweifellose Flle
visceraler Syphilis kamen ebenfalls selten in meine Behandlung. Sicher
findet sich also unter den Bahau die Form der Syphilis vor, welche
man mangels eines besseren Namens "endemische Syphilis" nennt. Diese
Form der Syphilis fand ich bei den Ulu-Ajar Dajak sdlich vom oberen
Kapuas und nrdlich von ihnen bei den Kajan; bei den Kajan am oberen
Mahakam war sogar jede Familie mit ihr behaftet. Durch Annahme einer
ausschliesslich erblichen Verbreitung bei den letzteren liesse sich
hier das Auftreten der tertiren Erscheinungen als hereditre Syphilis
erklren, ihr weniger hufiges Vorkommen bei den benachbarten Stmmen
jedoch macht diese Erklrung wieder zweifelhaft; brigens hielt ich
mich bei diesen Stmmen nicht lange genug auf, als dass mir nicht
viele Flle entgangen sein knnten.

Vllig unerklrt blieben aber nach dieser Auffassung die Syphilisflle,
wie sie sich unter den Kenjastmmen zeigten. Diese Flle trugen,
abgesehen davon, dass ihr Einfluss auf die Knochen weniger verderblich
schien, den gleichen Charakter wie am Mahakam, ihre Verbreitung
war aber eine minder allgemeine, auch sah ich keine weiteren
Krankheitserscheinungen bei den Familiengliedern, so dass von einer
Verbreitung durch Vererbung keine Rede sein konnte. Man muss daher
annehmen, dass sich die Syphilis unter den Bahau- und Kenjastmmen
von Person auf Person bertragen lsst, ohne dass sie vorher primre
oder die gewhnlichen sekundren Affektionen veranlasst.

Diese eigenartige Erscheinungsform der Syphilis in Mittel-Borneo
stimmt berein mit dem, was ber Tety von Madagaskar, Radesyge von
Norwegen, Spirokolon whrend der Zeit der griechischen Freiheitskriege
1820-1825, Belegh in Arabien (_Palgrave_) und die endemische Syphilis
in Litauen und Istrien bekannt ist. Dass es sich bei den Bahau in
der Tat um Syphilis handelte, bewiesen nicht nur die verschiedensten
Erscheinungsformen, sondern auch die Wirkungen einer therapeutischen
Behandlung mit Jodkali- und Quecksilberprparaten. Gleichwie man
bei obengenannten Endemieen oft nur an eine bertragung durch
aussengeschlechtlichen Verkehr denken konnte, wird man auch fr
die Syphilis der Bahau und Kenja die gleichen Ursachen anzunehmen
gezwungen.

Das Lebensalter, in welchem luetische Anzeichen auftreten, giebt
durchaus keine Anhaltspunkte fr die hereditre oder nicht hereditre
Natur der Krankheit. Viele von luetischen Mttern geborene Kinder gaben
in den ersten Wochen durch Condylome, Nasen- und Ohrkrankheiten und
Ulcera der Haut den Beweis, infiziert worden zu sein; dagegen zeigten
sich 20-30 Jahre alte Individuen mit tertir luetischen Erscheinungen,
die eben auftraten, ohne dass die Anamnese oder Spuren auf der Haut
eine frhere Infektion anzeigten.

Die Syphilis ussert sich bei den Bahau am hufigsten als "_pra huwat_"
(_pra_ = Schmerz, _huwat_ = Krper), Schmerzen in den Gliedern,
besonders in Armen und Beinen. Diese Erscheinung geht einem lokalen
Ausbruch der Krankheit voraus, bleibt nach einer Behandlung bisweilen
noch bestehen und tritt bei Kindern und Erwachsenen gleich stark
auf. Die Gliederschmerzen sind oft von einem kachektischen Aussehen
des Patienten begleitet. Bisweilen ist nur ein Glied, bisweilen
sind alle Glieder geschwollen, hufig aber auch keines. Meist ist
das Kniegelenk angegriffen, dabei tritt Schwellung der Bnder auf;
Hydrops zeigt sich nicht hufig.

Fhrt die Schwellung auch zu Geschwrbildungen, was selten der Fall
ist, so veranlasst sie langdauernde Fisteln; doch knnen durch Zerfall
und Neubildung von Knochen grosse Vernderungen mit Subluxation
stattfinden.

In einem einzigen Falle beobachtete ich bei einem Manne Jahre
andauernde Gliederschmerzen ohne begleitende lokale Abweichungen;
der Patient sah etwas kachektisch aus und war arbeitsunfhig, empfand
aber nach Gebrauch von Jodkali eine baldige Besserung seines Leidens.

Die brigen Erscheinungen allgemeiner Art: Schlaf- und
Appetitlosigkeit, Abmagerung und Schwche mssen als Folgen der lokalen
Leiden aufgefasst werden. brigens fiel es mir auf, wie wenig Einfluss
eine oft jahrelange Anwesenheit einer ausgedehnten Entzndung auf
das Allgemeinbefinden der Patienten bte.

Die Lokalsymptome bestanden hauptschlich in tubero-ulzersen Hautand
Knochenentzndungen, derselben Art wie bei Europern, nur veranlassen
sie bei den Bahau wegen der usserst mangelhaften Behandlung, die
sie erfahren, bisweilen wahre Verwstungen. Die Bahau nennen diese
Krankheit "_bak_" und die Krperschmerzen "_laui_."

Vor allem werden die Knochen der Nase und des Palatum darum bei
ihnen angegriffen und zwar mit der gewhnlichen Folge von Ozaena,
Sattelnase und Kommunikation der Nasen- und Mundhhle. In hherem
oder geringerem Grade werden auch alle brigen Knochen der Sitz
osteo-periostaler Entzndungen. Bemerkenswert ist die leichte
Verletzbarkeit des Gebisses, das oft so stark von Caries angegriffen
wird, dass Mnner und Frauen bereits in jugendlichem Alter einen
Teil ihrer Zhne verloren haben. Einige sind bereits mit 30 Jahren
vllig zahnlos. _Hutchingson_sche Zhne konnte ich bei Erwachsenen,
da sie ihre Zhne absgen, nicht konstatieren, wohl aber bei der
ersten Dentition der Kinder.

Unter den zahlreichen in Borneo herrschenden Augenkrankheiten bemerkte
ich nur hchst selten luetische Keratitis und Iritis. Ob das sehr
hufige Vorkommen von Star einer luetischen Infektion zugeschrieben
werden muss, konnte ich, da sich mir keine Gelegenheit zur Behandlung
prgnanter Flle bot, nicht weiter untersuchen.

Hufig machte sich Syphilis an den Knochen des Thorax bemerkbar,
wo sie hauptschlich periostale Wucherungen, Gummata, veranlasste,
welche bisweilen in Erweichungen bergingen und unter der Haut
kalte Abszesse bildeten oder auch aufbrachen und dann ausgedehnte
Ulzerationen bewirkten. Auch oberflchliche Ulzera der Haut kommen
vor, z.B. an den Mammae. Zu den verbreitetsten Gummata gehren die
der obersten Extremitten, welche osteo-periostal, intramuskulr und
in der Haut selbst vorkommen. Whrend die periostalen Entzndungen
fusiforme Geschwlste veranlassen, zeigen die Ulzera der Haut den
typischen kraterfrmigen Bau der ulzerierenden Gummata mit grauem
Boden und der gleichen Neigung zu halbmondfrmiger Ausbreitung wie
bei der europischen Lues. Durch ihren bergang auf Muskeln und
Bnder verursachen diese Ulzera im Lauf der Jahre oft tiefgreifende
Zerstrungen, die nach spontaner oder durch Behandlung bewirkter
Genesung, je nach ihrer Stellung, durch Schrumpfen und Zerstren der
Bnder Kontrakturen der Gliedmassen und durch Verkrzung der Muskeln
Kontrakturen der Hnde und Finger nach sich ziehen.

An den unteren Extremitten lokalisierten sich weitaus die meisten
Affektionen am Unterschenkel und zwar an der Tibia, welche fters durch
aktuelle oder bereits berstandene Periostitis bewirkte Verbildungen
aufweist. Durch Fehlen geeigneter Behandlung dauert dieser Prozess
oft Jahre und geht dann auf Haut, Zellgewebe und Muskeln ber
und bildet, falls Genesung eintritt, eine Gewebemasse, in der das
subkutane Zellgewebe und die Haut durch Narbengewebe ersetzt sind und
die Muskeln, gleichwie an den Armen, atrophiert und verkrzt sind,
so dass der Fuss einen verkehrten Stand einnimmt und die Zehen nach
oben und rckwrts gezogen werden.

Luetische Orchitis habe ich niemals gesehen; vielleicht begaben sich
die betreffenden Kranken aus Schamgefhl nicht in meine Behandlung.

Selten ist es mir geglckt, viszerale luetische Leiden mit Sicherheit
zu diagnostizieren. Syphilitische Degeneration der Leber, wobei diese
vergrssert, resistent, hckerig und empfindlich wird, beobachtete
ich mehrmals. Nervenleiden, die auf Syphilis zurckzufhren waren,
begegnete ich nie, ebensowenig Tabetikern.

Von den gewhnlichen tertiren Hautausschlgen kamen mir nur wenige
Formen unter die Augen. In einem einzigen Falle von Rupia syphilitica,
in welchem Jodkalium wirkungslos blieb, hatte innerlicher Gebrauch
von Quecksilberprparaten baldige Genesung zur Folge.

Die hereditre Syphilis ussert sich bei Suglingen in etwas anderer
Form. Diese leiden meist an Condylomen in und am Munde und am
Anus, luetischer Rhinitis, Otorrhoe und spter an Missbildungen
der Zhne. Letztere zeigen nicht selten die _Hutchinson_sche
Form und bieten der Caries, die sich in den Vertiefungen ihrer
Oberflche festsetzt, einen besonders gnstigen Angriffspunkt; daher
brckeln bereits bei sehr kleinen Kindern die Schneidezhne ab. Die
Condylomen um den Mund veranlassen durch Verwahrlosung hufig so
tiefe Ulzerationen, dass viele das ganze Leben hindurch' davon Narben
behalten. Entstehen derartige Leiden einige Monate nach der Geburt des
Kindes, so ziehen sie, wie auch gleichartige Knochenentzndungen, das
Allgemeinbefinden des Kindes nicht ernstlich in Mitleidenschaft. Die
kleinen Patienten scheinen auch nur wenig oder gar keinen Schmerz zu
empfinden und, da kein Fieber eintritt, bleiben Esslust und Schlaf
erhalten. Auch bei den Kindern der Bahau ist der supra-epiphysre
Knorpel an den langen Knochen hufig der Sitz des syphilitischen
Prozesses; der der Handknochen erinnert dann an eine Spina ventosa,
der der Extremitten an eine Gelenkentzndung. Die trotz starker
Schwellung oft ungehinderte Beweglichkeit der Gelenke bringt einen
jedoch bald auf die richtige Spur.

Whrend Ulcus molle, wie erwhnt, bei den Bahau nicht vorkommt,
ist Gonorrhoe stark verbreitet. Unter den verhngnisvollen Folgen
dieser Krankheit leidet besonders die Bevlkerung am oberen Kapuas,
und zwar weniger die Mnner als die Frauen, die hufig ber nach
der Heirat aufgetretene Leucorrhoe und Metroraghia mit schmerzhaften
Menses klagten. Auch beobachtete ich heftige Conjunctivitides, welche
sich hierauf zurckfhren liessen.

Am oberen Mahakam ist Gonorrhoe minder allgemein verbreitet, auch
fand ich bei den Mnnern keine ernsteren Komplikationen.



Von einer Malariainfektion unabhngige Intestinalleiden ernster
Art treten bei den Bahau selten auf. Obgleich ihre Nahrungsmittel,
besonders von Kindern, in oft schwer verdaulicher Form genossen werden,
sah ich doch selten Flle von chronischen Bauchleiden. Die wichtigsten
vegetabilischen Nahrungsmittel, Reis und Bataten, werden gar gekocht
verzehrt; Kinder essen sie jedoch auch roh; auch haben sie noch
hufiger als die Erwachsenen die Gewohnheit, alle Fruchtkerne, die
kleiner als Pflaumenkerne sind, mit hinunter zu schlucken. Stellen
sich schlechte Folgen ein, so bt ein Eccoproctikum oft eine
sehr gute Wirkung aus. Derartige Mittel sind auch in der Zeit von
Reismangel sehr heilsam, wo neben allerlei Surrogaten, wie Blttern,
bei den Mahakamstmmen hauptschlich der wilde Sago als allgemeines
Nahrungsmittel bentzt wird. Da der feuchte Sago schnell verdirbt,
treten in dieser Zeit zahlreiche Flle akuter Darmleiden auf und,
da ausserdem das Allgemeinbefinden durch Nahrungsmangel stark leidet,
sind viele Krankheitsflle dann schwer zu kurieren.

Derartige Darmkrankheiten werden, wie viele andere, hufig durch
Malaria kompliziert; in solchen Fllen erreicht man anfangs mehr mit
Chinin als mit Calomel. Eine junge Frau hatte einst infolge Coprostase
dermassen durch heftige Krmpfe und Schlaf- und Appetitlosigkeit
gelitten, dass sie monatelang entkrftet darniederlag und zum Skelett
abmagerte. Ihre Familie, die bereits alle verfgbaren Mittel der
Bahau, Malaien und Chinesen vergebens angewandt und die Kranke bereits
aufgegeben hatte, war nicht wenig erstaunt, als diese infolge kurze
Zeit durchgefhrter Evakuierung genas und zu Krften kam.

Unter den Intestinalwrmern sind Ascariden die hufigsten; sie scheinen
jedoch keine ernstlichen Strungen zu veranlassen.

Die Bahau sind ihrem rauhen Bergklima gegenber auffallend
empfindlich. Ihre schwache Kleidung schtzt sie von Kind an in
nur sehr geringem Masse vor dem Witterungswechsel. So lange warmes
Wetter herrscht, merkt man bei ihnen von rheumatischen Leiden nur
wenig, sobald aber Regen und Wind eintreten, vor denen sie in ihren
Husern nur geringen Schutz finden, und vor allem, wenn sie in
den nasskalten Gebirgswldern zu leben gezwungen sind, treten bei
ihnen Lungenkatarrhe und Gliederschmerzen leichter als bei den gut
bekleideten Europern auf. Dazu stellt sich dann bald Malaria ein,
welche das Leiden verschlimmert.

Unter den weiteren internen Krankheiten der Bahau ist noch der Kropf
(im Busang _kon_) zu erwhnen, der bei dem einen Stamme mehr bei dem
anderen minder verbreitet ist, bei keinem jedoch gnzlich fehlt. Bei
den Frauen ist eine, wie es scheint, stets gleichmssig hypertrophierte
Schilddrse ganz allgemein zu finden. Zwischen diesen leicht
hypertrophierten Schilddrsen und weit nach aussen hervorstehenden
Krpfen findet man alle bergnge. Bei den grsseren Formen ist
die Hypertrophie nur selten gleichmssig, in der Regel berragt die
eine Hlfte bei weitem die andere. Eine cystoide Degeneration der
Schilddrse habe ich selten konstatieren knnen. In wie weit diese
Krankheit an der Entstehung der in Mittel-Borneo hufig vorkommenden
psychisch und physisch schlecht entwickelten Individuen Schuld trgt;
lsst sich bei den Bahau, bei denen Syphilis so hochgradig verbreitet
ist, nicht feststellen.

Diese Hypertrophieen liessen sich leicht behandeln und oft habe
ich mir mittels 1 gr Jodkalilsung, welche ich Erwachsenen per Tag
erteilte, die Gunst der Frauen erworben, die die Schlankheit ihrer
Hlse mit grosser Befriedigung wiederkehren sahen. Durch anhaltenden
Jodkaligebrauch nahmen auch bedeutende Krpfe an Umfang ab.

Auch bei Mnnern kamen einige ernstere Flle von Krpfen vor, doch
im Ganzen weit seltener als bei Frauen.

Whrend alle erwhnten Krankheiten an der geringen Bevlkerungsdichte
von Mittel-Borneo zum grossen Teil die Schuld tragen, bt die
Abwesenheit verschiedener anderer, fr gewhnlich verbreiteter Leiden
wiederum einen gnstigen Einfluss auf die Vermehrung der Bewohner. So
habe ich whrend meiner langjhrigen Praxis unter den Bahaustmmen
nie einen Fall von Tuberkulose, sei es der Lungen, Haut oder Knochen,
konstatieren knnen. Unter den Dajak, welche sich viel an der Kste
aufhalten, glaube ich, ein einziges Mal Lungentuberkulose beobachtet
zu haben.

Ferner glaube ich, mit Sicherheit die Abwesenheit von Rhachitis
feststellen zu knnen, da diese mir unter den Tausenden fast nackten
Gestalten, welche ich stets zu beobachten Gelegenheit hatte, sicher
nicht entgangen wre. Auch die typischen Verkrmmungen, die als
Folge dieser Krankheit auftreten, habe ich bei den gut gebauten Bahau
nie bemerkt.

Auch bin ich von der Abwesenheit oder dem sehr seltenen Vorkommen
von malignen Tumoren, Sarkom und Karzinom berzeugt. Ein einziges Mal
erinnerte mich eine luetische Neubildung an Sarkom oder Karzinom, aber
die gnstige Wirkung von Jodkali benahm bald alle Zweifel. Dagegen
kamen Fibrome, besonders Keloide der Narben, hufig vor. Ebenso
konstatierte ich zwei Mal an den Erscheinungen und durch objektive
Untersuchung Fibroide des Uterus.

Ansteckende Krankheiten ernster Art kamen whrend meines Aufenthaltes
unter den Eingeborenen nicht vor; ihre Niederlassungen liegen in
grossen Abstnden von einander und von der Kste entfernt, so dass die
Mglichkeit einer bertragung von Infektionen gering ist. Aus Berichten
ber eine Choleraepidemie, die in frheren Jahren bei ihnen geherrscht
hatte, konnte ich ersehen, dass wenn einmal eine sehr ansteckende
Krankheit in ein Bahaudorf eingeschleppt wird, ein grosser Teil der
Bewohner ihr zum Opfer fllt. Dies ist hauptschlich den bei ihnen
herrschenden hygienischen Zustnden zuzuschreiben, ferner auch dem
Umstand, dass ihnen jeder Begriff vom Wesen dieser Krankheiten fehlt.

In der Regel verhindert man ein vlliges Aussterben des Dorfes dadurch,
dass alle Bewohner ausziehen und familienweise weit getrennt von
einander im Walde wohnen. Drfer, die von der Krankheit noch nicht
ergriffen worden sind, erklren sich fr _lali_ und schliessen sich
dadurch von den anderen Drfern vllig ab. Die Kenja am oberen Kajan
erzhlten mir, dass eine Pockenepidemie, die in einem ihrer grssten
Stmme einst herrschte, eine enorme Sterblichkeit verursacht habe.

Beriberi, die unter den malaiischen und dajakischen
Buschproduktensuchern sehr hufig vorkommt, herrscht bei der ansssigen
Bahaubevlkerung derselben Gegend nur selten. Bemerkenswert ist,
dass die Hhner in den Niederlassungen am mittleren Mahakam sehr
unter Beriberi-hnlichen Lhmungserscheinungen leiden und hufig auch
daran sterben.

Von der Influenza haben wir auf unseren Reisen mehrmals zu leiden
gehabt. Als _Kwing Irang_ uns 1897 vom Blu-u zum unteren Mahakam
geleitete, wurden wir Europer bei unserer Ankunft in Udju Tepu
innerhalb zehn Tage alle von einem rhino-pharyngialen Katarrh
befallen. Bei _Berchtold_ trat noch Fieber hinzu; im brigen
waren die Erscheinungen nicht besorgniserregend. Von ungefhr 100
unserer Kajan entging beinahe keiner der Influenza. Wie gewhnlich
komplizierte sich ihre Krankheit durch Hinzutritt von Malaria, die
allerdings mit Chinin vertrieben werden konnte, aber der Katarrh und
die Kopfschmerzen hielten viele Tage an. Die Bewohner von Tepu waren
bei unserer Ankunft zwar gesund, waren aber zwei Monate vorher von
der Influenza heimgesucht worden.

Auf unserer letzten Reise 1899 hatten wir weder in Tepu noch am
unteren Mahakam von der Influenza zu leiden; doch erkrankte ich
mit meinen Malaien und Kajan im April 1900 in Long Deho ernstlich
an Influenza. Die Bewohner selbst hatten sich von der Influenza,
welche durch Ma-Suling und Dajak vom unteren Mahakam eingeschleppt
worden war, noch kaum erholt. Einige der unseren litten ausserdem
schwer an Malaria, z.B. der Malaie _Lalau_, und der Husten dauerte
ber 3 Wochen. Selbst unsere Hunde begannen zu husten.

Als _Kwing Irang_ spter mit den Seinen _Demmeni_ und unser Gepck den
Mahakam hinunter nach Long Deho geleitete und sich dort lngere Zeit
aufhalten musste, wurden alle seine jungen Leute influenzakrank. Die
Bte, welche von Long Deho flussaufwrts gingen, brachten die Infektion
auch den Stmmen oberhalb der Wasserflle; jedoch starben nur Alte und
Kranke an der Influenza. Die Eingeborenen frchten sich vor der Ankunft
Fremder, weil diese ihrer Meinung nach die "_bengen,_" die bsen
Geister, welche die Erkltungskrankheiten verursachen, mitbringen.



Jeder Reisende, der zum ersten Mal mit den Dajak in Berhrung kommt,
ist von dem unangenehmen Anblick, den ihre Hautkrankheiten auf dem
Krper hervorrufen, betroffen. Vor allem ist es die Schuppenbildung
der blossen Haut, welche dem Patienten ein so abschreckendes Aussehen
verleiht.

Es lassen sich 4 verschiedene Schuppenkrankheiten unterscheiden:
Pityriasis versicolor, Tinea circinata, Tinea imbricata und Tinea
albigena, von denen die beiden ersteren, oder doch sehr nahe verwandte
Krankheiten, auch in Europa vorkommen. Diese 4 Hautkrankheiten, welche
vor allen anderen in Borneo vorherrschen, werden durch verschiedene
Arten in der Haut lebender Pilze hervorgerufen.

Favus, der anderswo oft sehr verbreitet ist, beobachtete ich nie bei
den Bahau.

Pityriasis versicolor (_panu_ der Malaien; _litak_ der Bahau)
ussert sich in Form heller, etwas erhabener Flecke, welche durch
eine Infiltration der Epidermis, durch welche die darunterliegende
Pigmentschicht weniger sichtbar wird, verursacht werden. Auf der
pigmentlosen Haut der Europer macht sich die Infektion durch
hellbraune Flecken bemerkbar.

Die Grsse der Flecken, welche _panu_ oder _litak_ verursacht, variiert
zwischen der eines Stecknadelkopfes und einer Handflche. Die Infektion
nimmt sehr verschiedene Dimensionen an; da sie bei den Bahau nur beim
Transpirieren Jucken verursacht, wird sie nur selten behandelt und
verbreitet sich daher oft ber den grssten Teil des Krpers.

Tinea circinata (_kurab_ der Malaien: _ki urip_ der Bahau) stimmt
usserlich am meisten mit Herpes tonsurans berein und zeigt sich in
Form runder Flecke, sehr verschiedener Grsse, welche alle aus einem
Blschen, um welches sich konzentrisch gleichartige Blschen gebildet
haben, hervorgegangen sind. Durch Vertrocknen und Springen der Blschen
entsteht Schuppenbildung, hauptschlich an der Peripherie. Tinea
circinata befllt vorzugsweise die Stellen, wo die Epidermis am
wenigsten resistent ist. Dass die Krankheit auch die Haare ergriff
und dadurch eine teilweise Kahlheit herbeifhrte, beobachtete ich
weder unter den Bahau noch unter den Kenja.

Tinea imbricata (_lusung_ der Malaien; _ki lan_ der Bahau), ussert
sich wie die vorige Infektion zuerst in kleinen Blschen mit rotem Hof
und vergrssert sich auch auf gleiche Weise, was sich besonders auf der
zarten Haut der Bahaukinder und auf der der Europer gut verfolgen
lsst. Whrend jedoch die Haut im Zentrum des Infektionskreises
bei Tinea circinata nur wenig Spuren der Entzndung mehr aufweist,
entsteht hier bei Tinea imbricata eine zweite Eruption, die sich in
zahlreichen, gleich weit entfernten, oft sehr zierlich gebogenen
Linien bemerkbar macht. Die Linien zeigen sich auf der Haut durch
Schuppenbildung. Die Schuppen knnen, besonders an Stellen mit dicker
Epidermis, bis zu 2 cm lang und 5 mm breit werden. Da die Bahau von
dieser Hautkrankheit oft ganz bedeckt sind, machen sie aus der Ferne
eher einen weissen als einen braunen Eindruck; in der Nhe erscheinen
sie wie mit Mehl bestreut.

Im Gegensatz zu Tinea circinata bildet sich Tinea imbricata
hauptschlich an den Hautstellen mit der dicksten Epidermis, so dass
Gesss und Aussenseite von Armen und Beinen zuerst ergriffen werden,
whrend die Achselhhlen, die Falten unter den Brsten und die
Leistengegend zuletzt oder auch gar nicht infiziert werden, selbst
wenn der ganze brige Krper, ausser Handflchen und Fussstehlen,
welche niemals angegriffen werden, mit der Krankheit bedeckt
ist. Verschont bleiben ausserdem die Ngel an Hnden und Fssen und
die Haare. Auch T. imbricata wird durch einen Pilz, den _Manson_
entdeckte, verursacht. Im Jahre 1897 gelang es mir in Batavia, diesen
Pilz zu zchten. [7]

Bei vielen Patienten fiel mir die starke Neigung dieser Hautkrankheit
zu symmetrischer Verbreitung auf, die sich selbst dann noch zeigt,
wenn die Krankheit bereits 20-30 Jahre bestanden hat. Da auch
Tinea circinata und Pityriasis versicolor bei den Bahau die gleiche
Eigentmlichkeit zeigen und alle durch einen Pilz verursacht werden,
knnen die Erscheinungen dieser Hautkrankheiten keinem nervsen
Ein floss zugeschrieben werden. Es kommt mir viel wahrscheinlicher
vor, dass die stndig unbedeckte Haut der Bahau ihre Epidermis und
ihre Schweiss- und Fettdrsen, besonders am oberen Krperteil, viel
besser entwickeln kann als die einer stets gleichmssigen Temperatur
ausgesetzte Haut der bekleideten Europer. Da die Dicke der Epidermis
und die Fett- und Schweisssekretion, die fr den Ort der Entwicklung
des Pilzes massgebend sind, sich an verschiedenen Stellen der Haut
verschieden, an symmetrischen Krperteilen jedoch gleich verhalten,
bewirken sie ein symmetrisches Auftreten dieser Krankheiten.

Nach langer Dauer von Tinea imbricata nimmt das Pigment unter der
infizierten Haut zu, so dass diese nach der Genesung rossfarbig
wird. Eine europische Haut zeigt bereits nach kurzer Krankheitsdauer
eine deutliche Pigmentansammlung. In sehr verwahrlosten Fllen
von _lusung_ erscheint die Haut bereits vor Eintritt der Genesung
blauschwarz.

Bei Anwesenheit anderer Krankheiten kann eine vorgeschrittene _lusung_,
wie ich es bei Malaria und Rupia syphilitica beobachtete, pltzlich
heilen.

Tinea albigena (_ki-ow_ der Bahau) zeigt in hohem Masse, wie sehr das
Vorkommen pathogener Pilze an besondere Eigenschaften der Haut gebunden
ist; sie setzt sich nmlich anfangs nur in den bei den Eingeborenen
sehr dicken oberen Hautschichten der Handflchen und Fusssohlen
fest. Erst nach langem Bestehen greift der Pilz auch die Ngel und die
angrenzende Haut der Hand- und Fussrcken an. Am auffallendsten sind
die Vernderungen, welche der Pilz in dem Rete Malpighii, in dem sich
die braunen Pigmente hauptschlich befinden, zustande bringt. Ohne
dass, oberflchlich gesehen, mit der Hauternsthafte anatomische
nderungen vor sich gehen, verschwindet das Pigment vollstndig
und regeneriert sich nach Genesung der Hautkrankheit nicht mehr, so
dass Handflchen und Fusssohlen, so wie andere infizierte Stellen,
ganz weiss erscheinen. Nur ein einziges Mal sah ich auch auf Brust
und Stirn dergleichen pigmentlose Flecken mit noch vorhandener
Hautentzndung vorkommen.

Der Charakter der anatomischen Vernderungen, welche der Pilz
hervorruft, hngt grssten Teils von der Dicke der Epidermis, unter
welcher er sich entwickelt, ab. Auch diese Krankheit beginnt mit
einer roten, juckenden Schwellung, in deren Mitte sich eine kleine,
mit heller Flssigkeit gefllte Blase befindet. Ist die Epidermis
dnn, wie bei Kindern, so springt sie, ist sie aber dick, wie bei den
erwachsenen Eingeborenen, so wird sie losgelst und platzt erst dann,
wenn die Blase einen grsseren Umfang erreicht hat. In ernsteren Fllen
wird der grsste Teil der Epidermis an den Fusssohlen abgestossen;
in weniger ernsten und in solchen, die, wie es fters geschieht,
in ein chronisches Stadium bergehen, ist die Epidermis bisweilen
verdickt und trocken und veranlasst beim Gehen die in Indien sehr
berchtigten Risse, oder sie ist dnn und ungleich gebildet, so dass
Hnde und Fsse beim Gebrauch schmerzen.

Diese Hautkrankheit ist bisher noch nicht beschrieben und wegen
der pigmentlosen Stellen, die sie nach der Genesung auf der Haut
zurcklsst, sicher oft mit Vitiligo verwechselt worden; sie ist
im ganzen indischen Archipel verbreitet und kommt hie und da auch
bei Europern vor. Wegen ebengenannter Eigenschaft nannte ich
diese Pilzkrankheit: Tinea albigena; ich entdeckte den Pilz in
einem subakuten Falle in den Schuppen der Fusssohle. Wie der Pilz
von Tinea imbricata zeigt sich auch dieser hauptschlich in Form
langer Mycelfden, bildet aber ein viel undichteres Netzwerk als
ersterer. Dieser Pilz scheint auf die gleiche Weise, wie der von
Tinea imbricata, kultiviert werden zu knnen.

Die genannten vier parasitren Hautkrankheiten der Bahau besitzen
alle die gemeinsame Eigenschaft, dass sie mit parasiticiden Mitteln
schnell zu kurieren sind. Die Genesungsdauer hngt, in noch hherem
Masse als von der Krankheit selbst, von der Dicke der Epidermis an der
betreffenden Stelle, auf welche das Medikament einwirken muss, ab. Um
das Eindringen der wirksamen Bestandteile in die tieferen Hautschichten
zu befrdern, bentzte ich wsserige Lsungen antiseptischer Mittel,
z.B. Sublimat oder eine Chrysarobinlsung in ther und Alkohol,
welche ich mittelst Mackintosch am Verdunsten verhinderte. Die besten
Erfahrungen machte ich jedoch beim Behandeln der Eingeborenen mit
Jodtinktur, die wegen der Flchtigkeit des Jod tiefer als die beiden
anderen in die Haut eindringt. Eine wiederholte Anwendung dieser
Mittel hat stets eine bedeutende Besserung und hufig auch eine
vllige Genesung, selbst nach jahrelangem Bestehen der Krankheit,
zur Folge. Da, wo das Corium und das Rete Malpighii blossliegen,
sind parasiticide Salben von guter Wirkung.

Ausser den ebengenannten Hautkrankheiten kommen unter den Bahau
noch Scabies und Frambsia vor; letztere greift hauptschlich Kinder
an. Nach der Genesung behalten die Patienten oft lngere Zeit hindurch
heftige Gliederschmerzen, die jedoch nicht, wie die durch Syphilis
verursachten, nach Gebrauch von Jodkalium weichen.

An Augenkrankheiten kommen unter den Bahau hauptschlich der Star
und granulse Augenentzndungen vor. Diese sind stark verbreitet, und
obwohl sie nur bei langer Dauer von ernsthaften Lsionen der Cornea
begleitet sind, findet man bei Erwachsenen doch stets Spuren einer noch
vorhandenen oder bereits berwundenen Entzndung der Conjunctiva, die
das Sehen hufig stark beeintrchtigt. In den ernstesten Fllen, die
ich bei Frauen beobachtete, kam es zu einer vollstndigen Obliteration
der obersten und untersten Bindehaut, so dass ein Schliessen des Auges
verhindert wurde; die Cornea war in diesen Fllen so angegriffen,
dass das Gesicht bedeutend geschwcht wurde. Doch beobachtete ich
nur zwei Frauen, die nach einer ber zwanzig Jahre andauernden
Augenentzndung dadurch, dass die Hornhaut sich in eine gelblich
weisse Membran verndert hatte, vollstndig erblindet waren.

Der Star tritt sowohl am Kapuas als am Mahakam bereits bei jungen
Leuten auffallend hufig auf. Ob hiermit andere verbreitete Krankheiten
im Zusammenhang stehen, habe ich nicht ermitteln knnen.



Durch meine rztliche Praxis unter den Eingeborenen hatte ich mir so
viel Einfluss bei ihnen erworben, dass ich nicht zu viel sage, wenn ich
behaupte, dass meine zweimalige Durchquerung Borneos und der Besuch bei
den Kenja ohne meine Ttigkeit als Arzt nicht ausfhrbar gewesen wren.

Da die Eingeborenen selbst keine oder doch nur fast wertlose Mittel
gegen Malaria und Syphilis besitzen und diese daher auch in leichten
Fllen oft ttlich verlaufen, grenzt die Wirkung, welche Chinin,
Jodkali und Quecksilberprparate hervorrufen, in den Augen der
Bevlkerung an das Wunderbare. Bercksichtigt man auch die Wirkung
der Narkotika, die den Schmerz momentan benehmen, so erscheint es
begreiflich, dass die Eingeborenen sich glcklich schtzten, einen
weissen Wunderdoktor in ihrer Mitte zu haben.

Wegen ihrer Scheu vor allem Unbekannten frchteten die Eingeborenen
auch anfangs einen mglichen schlechten Ausgang der Kur. Daher war es,
besonders in der ersten Zeit, geboten, durch Narkotika, verbunden
mit den betreffenden Heilmitteln, auf das subjektive Empfinden der
Patienten einzuwirken. Da Chinin und Jodkali einen nicht oft im Stich
liessen, machten sie whrend des Verlaufs der Krankheit einen sehr
erwnschten Effekt.

Die Konstitution meiner Patienten kam mir oft zu Hilfe; ausserdem
achtete ich darauf, keine zu weit vorgeschrittene Krankheit anders
als mit der Vorausbemerkung, dass meine Hilfe vielleicht nicht mehr
ausreichend sein wrde, zu behandeln. Nachdem ich gemerkt hatte, dass
auch weit vorgeschrittene Krankheiten bei vorsichtiger Behandlung
eine gute Wendung nehmen konnten, stieg mein Selbstvertrauen und
spter brauchte ich nur selten einen Kranken fr unheilbar zu erklren.



Betrachten wir nun, was die Bahau selbst ber ihren Krper denken und
wie sie ihre Krankheiten bekmpfen, so stossen wir auf die seltsamsten
Vorstellungen. Dass diese mehr auf Phantasie als Beobachtung beruhen,
sehen wir daraus, dass sie auch von dem, was sie usserlich an ihrem
Krper wahrnehmen, nur unklare Begriffe haben. Bei meiner Ankunft
waren ihnen Herz- und Pulsschlag noch nicht bekannt, erst nachdem
ich einige Monate. unter ihnen praktiziert hatte, erfuhren sie, dass
sie einen Puls hatten, an dem ich hufig den Grad ihrer Krankheit
beurteilen konnte. Da sie im brigen gut zu beobachten im stande sind,
kann man hieraus schliessen, dass Herzleiden nur selten bei ihnen
vorkommen. Ausser einigen auf Beriberi beruhenden Fllen von Herzleiden
erinnere ich mich tatschlich keine anderen konstatiert zu haben.

Die Schlge der Arteria abdominalis, die sie beim Betasten
ihres Leibes im Fall von Bauchschmerz fhlten, wirkten auf sie
sehr beunruhigend. Immer und immer wieder wurde ich gefragt, ob das
Klopfen nicht die Ursache des Leidens sei. Als ich die Gesunden sich
auf den Rcken legen und auch sie das Klopfen der Arteria abdominalis
fhlen liess, gerieten sie in grosses Erstaunen. Dagegen wissen alle
Stmme, dass sie als Folge der Malaria eine harte Geschwulst an der
linken Seite besitzen. Daher nennen die Dajak von Sambas die Malaria:
_demom batu_ = Fieber mit dem Stein; die Kajan am Mendalam nennen
die geschwollene Milz: _kalong pra_ = Krankheitszeichen; die Kajan
am Mahakam bezeichnen die Milz als _ong eram_ = Krankheitskrper.

Von der Dauer einer normalen Schwangerschaft haben die Bahau nur eine
sehr mangelhafte Vorstellung; sie nehmen an, dass sie nur 4-5 Monate
dauert, d.h. so lange, als sie die usseren Vernderungen an der Frau
wahrnehmen knnen. Da mir diese Unwissenheit kaum glaublich erschien,
stellte ich in verschiedenen Gegenden hierber Nachforschungen an,
aus denen ich merkte, dass die vielen Fehl- und Frhgeburten sowie
die sehr verbreiteten Geschlechtskrankheiten der Frauen das ihre
zu dieser falschen Auffassung beigetragen haben. Dass zur Zeugung
Testikel erforderlich sind, wissen die Eingeborenen ebenfalls nicht,
denn sie halten ihre kastrierten Jagdhunde, denen die Weibchen nicht
vollstndig gleichgltig sind, fr zeugungsfhig.

Alles Weisse, was sie am toten Krper bemerken, wie Nerven, Sehnen und
Blutgefsse, nennen die Bahau "_huwat_", auch nehmen sie an, dass in
diesen die Kraft sitzt. Dass die Arterien der lebenden Menschen Blut
enthalten, ist ihnen nicht bekannt.

Von dem Verstande und dessen Sitz machen sich die Bahau eigenartige
Vorstellungen, die ich ganz zufllig kennen lernte.

Als ich mich auf meiner zweiten Reise einige Tage in Long Tepai
aufhalten musste, suchte ich morgens nach meiner Ankunft einen alten
Patienten, den Huptling _Bo Ibau_ auf. Der drre Sonderling mit der
Habichtsnase sass in seiner Kammer und schnitzte einen Schwertgriff
aus Hirschhorn. Er war in frheren Jahren der beste Schnitzknstler im
Dorfe gewesen, hatte aber seiner. Augen wegen die Arbeit lange Zeit
ruhen lassen mssen. Ich traf ihn in guter Stimmung, da er mit Hilfe
der Brille, die ich ihm geschenkt hatte, wieder in der Nhe sehen
und daher die geliebte Schnitzarbeit wieder aufnehmen konnte. _Ibau_
klagte, dass die jungen Leute heutzutage nur schlechte Arbeit lieferten
und fgte hinzu: "sie haben nichts in ihrem Bauche (_djian hipun nun
nun halam butit)._" Ich glaubte ihn anfangs nicht gut zu verstehen
und liess ihn die Worte wiederholen; allmhlich merkte ich aber, dass
mein alter Freund in der Tat mit dem Bauche zu denken glaubte. Auch
erfuhr ich spter, dass alle Bahau und Kenja derselben Meinung sind.

Den Schlaf fassen die Bahau als den Zustand auf, in dem eine ihrer
beiden Seelen, die _bruwa_, den Krper zeitlich verlsst. Der Traum
entsteht entweder dadurch, dass die Seele das Getrumte wirklich
erlebt, oder dass die Geister dem Schlfer etwas zuflstern. Die Trume
der Priester sind besonders bedeutungsvoll. Von der Wohltat eines
erquickenden Schlafes fr Kranke haben sie keine Ahnung; wenn einer
ernstlich krank ist, verhindern sie ihn durch Schreien und Schtteln
am Einschlafen, selbst wenn der Kranke den Schlaf sehnlichst wnscht
(Siehe pag. 333).

Ihrer Schpfungsgeschichte (pag. 129) zufolge sind die Bahau aus
unbelebter Materie und zwar aus Baumrinde hervorgegangen. Das Leben
wird erst durch die beiden Seelen "_bruwa_" und "_ton luwa_" in den
Krper gebracht (Nheres Kap. V).

Alles, was die _bruwa_ zum Entfliehen bringt, verursacht Krankheit. Da
die _bruwa_ auf die gleiche Weise wie der Mensch denkt und empfindet,
kann sie durch alles, was diesen erschreckt, vertrieben werden,
wodurch der Krper krank wird. Die Priester suchen daher, um
einen Kranken zu heilen, dessen entflohene Seele in den Krper
zurckzulocken. Auf dieser Vorstellung basieren im Grunde alle
Heilmethoden der Priester. Das Einfangen der Seele geschieht mit
Hilfe der guten Geister aus dem _Apu Lagan_, der Vermittler zwischen
Hauptgttern und Menschen.

Zum Glck sind sie in ihrem Vertrauen auf die Hilfe der Geister
nicht so blind gewesen, dass sie den gnstigen oder ungnstigen
Einfluss einiger Faktoren auf den Verlauf einer Krankheit nicht
selbst bemerkten. Hieraus hat sich bei ihnen ein sehr kompliziertes
ditetisches System entwickelt, das neben den Beschwrungen der
_dajung_ bei jeder Krankheit angewandt wird.

Im allgemeinen sucht man die Krankheit dadurch zu bekmpfen,
dass man sich verschiedener Speisen, des Badens, schwerer Arbeit
etc. enthlt. Fr die verschiedenen Leiden bestehen auch verschiedene
Vorschriften, die man gegenwrtig unmglich als Bussen auffassen kann;
sie sind teilweise auch so treffend gewhlt, dass sie auf persnlichen
Beobachtungen und Erfahrungen beruhen mssen. Bei den Kajan am Mendalam
gelten folgende Vorschriften:

Verboten ist bei Diarrhoe: harter Reis, Zuckerrohrsaft, Bananen,
Klebreis, gekochte Bananen, kaltes Wasser, einige Arten Fische, Baden
bei hohem d.h. kaltem Wasser; erlaubt sind: weich gekochter Reis und
gute Fische.

Verboten ist bei Fieber: kaltes Wasser, Zuckerrohrsaft, Zucker,
Gebck und Baden bei Hochwasser.

Verboten ist bei Husten: _keladi_, Zucker, Zuckerrohrsaft, gersteter
Klebreis, Gurken, Rauchen, Betelkauen und schwere Arbeit.

Bei einer Knieentzndung verbietet man: Laufen, Treppensteigen,
trockenen und hart gekochten Reis, gedrrten Fisch, Schweinefleisch,
Eier, Salz und essbare Baumbltter.

Bercksichtigt man, dass derartige Verordnungen bei den Malaien auf
Borneo nur in sehr rudimentrer Form vorhanden und dass ein grosser
Teil dieser Vorschriften auch nach der Auffassung europischer rzte
wirklich zweckmssig sind, so erscheinen sie uns fr die Bahau um so
anerkennenswerter. berdies sind diese ditetischen Vorschriften in den
Verhltnissen, in welchen die Dajak leben, beim Fehlen eigentlicher
Heilmittel und bei der krftigeren Konstitution ihrer Kranken viel
wichtiger als bei den Europern und deren gnstigeren Lebensumstnden.

Auch fr Hautkrankheiten werden zahlreiche Verhaltungsmassregeln
angegeben und, da man fr diese auch noch wirksame Arzneien besitzt,
sind die Bahau ebensogut als europische rzte im stande, ihre
parasitren Hautkrankheiten zu kurieren. Bei einer derartigen Kur
darf nicht gebadet, nicht transpiriert und nicht gekratzt werden; auch
darf der Patient keine Sssigkeiten, keinen jungen Bambus, _keladi_,
Farrenspitzen, Salz, Schweinefleisch, spanischen Pfeffer und Mehl
geniessen. Da die Heilmittel in Lsung auf die Haut gestrichen werden,
sind die 3 ersten Vorschriften rationell; das Verbot der Speisen jedoch
ist nachteilig, da es die ohnehin schon lstige Kur so sehr erschwert,
dass nur sehr wenige sich ihr mit gengender Ausdauer unterwerfen. Der
Erfolg ihrer Heilmittel ist hufig nur ein zeitweiliger, weil sie
von der kontagisen Natur dieser Krankheiten keinen Begriff haben
und sich mit ihren eigenen Kleidern, Liegmatten etc. immer wieder
von neuem infizieren.

Die Verbotsbestimmungen bei Krankheiten kommen den Eingeborenen so
selbstverstndlich vor, dass sie mich, wenn ich ihnen eine Arznei
gab, sogleich fragten, was _lali_, verboten, sei. Meine Vorschriften,
welcher Art sie auch waren, wurden stets treu befolgt. Oft verbot ich
das eine oder andere nur, um das Vertrauen in meine Arzneien nicht
wankend zu machen. Von besonderer Bedeutung war dies in einigen Fllen,
wo die Befolgung ditetischer Vorschriften von grsserer Wichtigkeit
als das Einnehmen von Arzneien war; bei sehr kleinen Kindern konnte
ich oft nur auf diese Weise eingreifen.

Whrend meines zweiten Aufenthaltes am Mendalam kamen dort innerhalb
dreier Tage 3 Flle sehr akuter cholerahnlicher Bauchkrankheit
vor. Der erste, in Tandjong Kuda, verlief ttlich, ohne dass ich den
Kranken sah. Am folgenden Tage erkrankte in meiner Nachbarschaft
eine Frau mit allen Choleraerscheinungen, doch half ich ihr mit
einer starken Dosis Landanum den Anfall berstehen. Ein oder zwei
Tage darauf rief man mich zu einem Manne in Tandjong Kuda, der
an der gleichen Krankheit litt. Auch bei ihm hatte Laudanum eine
ausgezeichnete Wirkung, nur war ich gezwungen, ihn seinem Schicksal
zu berlassen mit dem Resultat, dass er 2 Tage spter infolge des
Genusses verschiedener gekochter Baumbltter einen Rckfall bekam
und starb. Da diese Flle der Cholera sehr hnlich waren, glaubte
ich die Umgebung am besten durch Regelung des Trinkwassergebrauchs zu
schtzen. Ich liess daher mit Hilfe der beiden Huptlinge _Akam Igau_
und _Tigang_ durch die _dajung_ eine grosse Beschwrung abhalten,
verbot fr 4 Tage das Trinken ungekochten Wassers und. warnte sie vor
den Flussbdern, die brigens in dem schnell strmenden Wasser von
geringerer Bedeutung waren. Auch unreife Frchte setzte ich auf die
Verbotsliste und hatte die Freude zu sehen, dass man sich sowohl in
Tandjong Kuda als in Tandjong Karang an die Vorschriften hielt und
keine weiteren Krankheitsflle mehr vorkamen.

Der wichtigste Teil der Beschwrung bestand darin, dass man die bsen
Geister, als die Urheber der Krankheit, daran verhinderte, lngs den
Bretterstegen, welche vom Fluss zum Hause fhrten, zu den Bewohnern zu
gelangen. Zu diesem Zwecke spannte man lngs des Ufers vor dem Hause
und auch seitlich ungefhr 1 m ber dem Boden Rotangseile, an welche
in Abstnden von 2 m zur Abwehr bser Geister Bltter von _daun long_
gehngt wurden. An den Stellen, wo das Seil die Wege zum Hause kreuzte,
richtete man zu beiden Seiten roh gearbeitete Figuren, eine weibliche
und eine mnnliche, auf. Die Figuren besassen bertrieben grosse
Genitalien; der Mann eine nach Kajansitte perforierte glans penis mit
hlzernem Stifte; berdies waren sie mit hlzernen Speeren, Schwertern
und Schilden als weiteren Abschreckungsmitteln bewaffnet. Zu meiner
Beruhigung willigten die Familiengehrigen darein, Kleidungsstcke
und Liegmatten der Verstorbenen zu vernichten. Da die _adat_ ihnen
das Verbrennen dieser Gegenstnde verbietet, warfen sie diese, ohne
mein Wissen, in den Fluss.

Die einzigen nennenswerten Arzneien der Kajan werden gegen
Hautkrankheiten angewandt; zwei derselben sind in der Tat sehr wirksam:

1. _orokp_, Bltter von Cassia alata, die auch sonst im Archipel
hufig gegen Hautkrankheiten bentzt werden.

2. _njerobw bulan_ (im Busang) = _minjak pelandjau_ (im Malaiischen),
ein schwarzes, nach Teer riechendes l, das aus dem schwarzen Kernholz
eines gleichnamigen Baumes fliesst, der nur auf Borneo einheimisch zu
sein scheint. Beim Stehen scheidet das l eine halbflssige Masse ab,
die _tanah pelandjau_ genannt wird.

Auf die Haut gebracht verursacht diese _tanah pelandjau_ eine
Entzndung. Als man diese Masse einst unvermischt auf die Leibeshaut
eines Kindes strich, wurde diese so vllig zerstrt, dass eine tiefe
Wunde entstand. Fr den Gebrauch muss das Mittel mit Zuckerrohrsaft
vermischt werden. Ein Individuum, das von Kopf bis zu Fuss mit _lusung_
bedeckt ist, kann in 14-20 Tagen genesen, falls es sich tchtig mit
_tanah pelandjau_ einreibt und das Baden vermeidet.

Die Kajan reiben sich tglich mit _orokp_ ein, wodurch sie allmhlich
ihren _lusung_ und in viel krzerer Zeit ihren _kurab_ vertreiben.

Ein sehr wirksames, fr die Kajan aber sehr kostbares Mittel ist
Petroleum, das, auf die erkrankte Haut gestrichen, binnen 8 Tagen
eine Heilung herbeifhrt.

Als weitere Behandlungsweisen von Entzndungen und Schmerzen sind
bei den Kajan Schrpfen, Ttowieren und Massieren blich. Die beiden
ersten werden besonders bei schmerzhaften Entzndungsgeschwlsten
angewandt. Man entzieht das Blut, indem man mit einem spitzen Messer
eine grosse Zahl kurzer Einschnitte ausfhrt und die Blutung von selbst
aufhren lsst. Blutstillende Mittel lernte ich nicht kennen. Die
Ausfhrung kleiner Ttowierfiguren auf die entzndete Stelle wirkt
wahrscheinlich in gleicher Weise wie die Blutentziehung.

Bei Leib- und Rckenschmerzen wendet man vor allem Massage an,
die mehr in Kneten als in Reiben besteht. Mit der Massage und dem
Blutentziehen befassen sich hauptschlich die _dajung_, die es in
ihrer Kunst bisweilen weit bringen.

Fr Wunden kennen die Bahau keine Mittel- sie halten sie nur mit Wasser
und Kapok rein. Da sie ernste Blutungen nicht zu stillen verstehen,
gehen die Leute hufig an kleinen Wunden, z.B. auf dem Fussrcken, zu
Grunde. Dagegen verstehen sie zerrissene Ohrlppchen wieder aneinander
wachsen zu lassen (Siehe pag. 140).

Bei Entbindungen wird der Leib der Kreissenden mit den Hnden geknetet;
andere Behandlungsweisen sind unbekannt. Heftige Blutungen verlaufen,
wenn sie nicht von selbst aufhren, ttlich.

Die Bahau wenden auch Dampfbder an. Sie fllen ein Gefss mit
heissem Wasser, fgen einige Bltter hinzu und setzen den Kranken,
den sie mit Decken umwickeln, einige Zeit den heissen Dmpfen aus.




KAPITEL XIX.

    Allgemeines ber Ttowierung--Unterscheidung dreier
    Gruppen--Vorschriften fr Ttowierknstlerinnen und
    Patienten--Ttowiergertschaften--Ausfhrung und Folgen der
    Operation--Methoden der Ttowierung bei den verschiedenen
    Stmmen und Stnden--Seeenttowierung--Ttowierung der Kajan am
    Mendalam--Ttowiermuster--Ttowierung bei den Mahakamstmmen und
    den Kenja.


Die Ttowierungen der Dajak dienten ursprnglich wahrscheinlich als
Krperverzierungen, gegenwrtig hat aber die Sitte des Ttowierens
bei allen Stmmen so tief Wurzel gefasst, dass man sie als einen
Brauch ansehen muss, dem zwar keine religise Bedeutung zukommt,
der aber mit dem Lebenslauf des Individuums eng verknpft ist.

Die Art der Ttowierung ist in Mittel-Borneo fr die verschiedenen
Stammgruppen, fr die einzelnen Stmme und fr Mann und Frau
charakteristisch; auch sind die Anlsse, aus welchen ttowiert wird,
bei beiden Geschlechtern verschieden. Bei den Mnnern kann man die
Ttowierung im allgemeinen als einen Beweis betrachten, dass sie an
gefahrvollen Unternehmungen teilgenommen haben, whrend sie bei den
Frauen, beispielsweise bei denen der Long-Glat, die Einleitung einer
neuen Lebensperiode bedeutet.

Die Long-Glat beginnen damit, den Mdchen, sobald sie acht Jahre
alt sind, auf den Rckseiten der Finger an verschiedenen Stellen
kleine Figuren zu ttowieren; bei Eintritt der Menses wird die
Rckseite der Finger vollstndig ttowiert und im Lauf der folgenden
Jahre wird fortgefahren, bis der ganze Handrcken bis zum Puls seine
Verzierung erhalten hat; auf die gleiche Weise wird mit dem Fussrcken
verfahren. Mit 18 bis 20 Jahren lassen sich die Frauen die Vorderseite
der Schenkel und in spterem Alter, oder wenn sie mehrere Kinder
gehabt haben, auch die Hinterseite der Schenkel ttowieren.

Whrend die Mnner die Ttowiermarter gern auf sich nehmen, um
nachher als tapfere Mnner gekennzeichnet zu sein, wird die Sitte des
Ttowierens bei den Frauen durch den Glauben untersttzt, dass den
vollstndig ttowierten Frauen im Jenseits gestattet wird, im Flusse
_Telang Djulan_ zu baden und dadurch in unmittelbare Nhe der Perlen
zu gelangen, die sich auf seinem Grunde befinden; die unvollstndig
Ttowierten dagegen mssen am Ufer stehen bleiben und die gnzlich
Unttowierten drfen sich dem Flusse berhaupt nicht nhern. Dieser
Glaube, den ich am oberen Mahakam und bei den Kenja angetroffen habe,
erleichtert den Frauen die entsetzlichen Schmerzen, die ihnen der
Prozess des Ttowierens verursacht.

Zur Unterscheidung verwandter Stmme ist die Ttowierung der Frauen
geeigneter als die der Mnner, da diese sich auf ihren Reisen oft mit
den charakteristischen Zeichen ihrer Gastherren schmcken, whrend die
im Stamme bleibenden Frauen meist die ihm eigenen Muster tragen. Ein
Eingeweihter kann an den Ttowierungen der Mnner erkennen, welche
Stmme sie besucht haben; weitgereiste Leute zeigen die Charakteristika
der Stmme am Mahakam, Batang-Rdjang, der Taman Dajak, Punan u.s.w.

In Mittel-Borneo lassen sich hinsichtlich des Ttowierverfahrens
und hinsichtlich der angewandten Muster drei Gruppen von Stmmen
unterscheiden, die wahrscheinlich mit ihrer geschichtlichen Trennung
in den letzten Jahrhunderten in Zusammenhang stehen.

1. Gruppe der Bahau, Kenja und Punan.

2. Gruppe der Bukat und Beketan.

3. Gruppe der Stmme vom Barito und Melawi und der Ulu-Ajar vom Mandai.

Die erste Gruppe trgt Ttowierungen, welche aus dunkelblauen Linien
bestehen; die Frauen verzieren Unterarme, Hnde, Schenkel und Fsse,
die Mnner Schultern, Arme und Brust. Der Daumen der linken Hand und
die Schenkel drfen nur bei sehr tapferen Mnnern ttowiert werden.

Die Mnner der zweiten Gruppe ttowieren den ganzen Krper vom
Unterkiefer bis zu den Kncheln mit grossen, dunkelblauen Flchen,
aus denen die eigentlichen Figuren in der natrlichen Hautfarbe
hervortreten.

Hat sich ein Bukatjngling auf einem Kriegszuge oder bei einer anderen
Gelegenheit ausgezeichnet, so wird ihm zuerst auf die Brust eine
dreieckige Flche ttowiert, darnach werden die Schultern, der Nacken,
die ganzen Arme, der Rcken und der Unterkiefer auf die gleiche Weise
behandelt; spter wird oben an den Waden noch eine viereckige Flche
angebracht. Nach weiteren Heldentaten drfen sie sich, ausser an der
Innenseite, das ganze Bein ttowieren lassen.

Bei der dritten Gruppe beginnen die Mnner damit, sich grssere oder
kleinere Scheiben auf die Waden, unterhalb der Kniekehlen, ttowieren
zu lassen; spter werden, im Gegensatz zu den Kajan und Punan, die
isolierte Figuren tragen, die Arme, der Rmpf und der Hals vollstndig
mit zusammenhngenden Figuren aus dunkelblauen Linien bedeckt. Die
Frauen verzieren hauptschlich die Kniee, Unterbeine und Hnde.

Die eben erwhnten drei Gruppen unterscheiden sich in Bezug auf
die Ausfhrung der Ttowierung darin, dass die zweite und dritte
aus freier Hand ttowiert, whrend die Knstlerinnen der ersten
Gruppe die anzubringenden Figuren erst in Relief auf kleine Bretter
(_klinge tedak_ = Ttowierbrettchen) schneiden lassen, diese mit Russ
bestreichen, auf die Haut abdrcken und auf den erhaltenen Linien
dann Damararuss unter die Haut treiben.

Alle drei Gruppen ttowieren mit Russ, der eine Blaufrbung der Haut
bewirkt, nur die dritte Gruppe gebraucht auch rote Farbe.

Bei den beiden ersten Gruppen wird die Ttowierkunst von Frauen
ausgebt, bei der dritten von Mnnern. Doch hat die _adat_ unter den
Bahau und Kenja den Ttowierknstlerinnen, in gleicher Weise wie den
Schmiede- und Schnitzknstlern, durch verschiedene Verbotsbestimmungen
Schranken gesetzt. Da jede Ttowierknstlerin unter dem Schutze eines
besonderen Geistes steht, muss sie ihrem Schutzpatron allerhand Opfer
bringen. Sie darf z.B. verschiedene Arten Fische und Bltter nicht
essen, auch muss sie fr jeden neuen Klienten eine _mela_ veranstalten,
bei der sie ihrem Geiste in ihrem Korbe mit Ttowiergertschaften
alte Perlen und _kawit_ anbietet.

Solange die Knstlerinnen kleine Kinder haben, drfen sie ihr
Amt nicht ausben. Den hchsten Lohn, einen Gong, drfen sie erst
nach 20 jhriger Amtsttigkeit fordern. Vor dieser Zeit mssen sie
sich mit bescheideneren Lhnen, die in Perlen und Zeugen bestehen,
begngen. Sobald eine Knstlerin eine der genannten Vorschriften
vernachlssigt, dunkeln ihre Linien nicht nach oder sie wird krank
und stirbt.

Der Ttowierberuf ist insofern erblich, als eine junge, Frau die
beste Gelegenheit hat, die Kunst von einem lteren Familiengliede
zu erlernen.

Bisweilen bilden sich die Frauen, um von einer Krankheit zu genesen,
zu Ttowierknstlerinnen aus. Bleibt nmlich eine rztliche Behandlung
seitens einer Priesterin erfolglos, so rt man der Kranken, sich
durch einen Schutzgeist vom _Abu Lagan_ zur Knstlerin inspirieren
zu lassen, um gleichzeitig mit dessen Hilfe die verlorene Gesundheit
wiederzufinden. Die Frauen knnen sich aus diesem Anlass nur zu
Priesterinnen oder zu Ttowierknstlerinnen, die Mnner auch zu
Schmieden und Hirschhornschnitzern beseelen lassen.

So erlebte ich selbst, dass _Uniang Anja_, die zweite Frau von _Kwing
Irang_, als sie von den Folgen eines Abortus nicht genesen konnte,
sich von einer anderen Priesterin mit einem Geist der Ttowierkunst
beseelen liess, nachdem sie frher bereits, fr eine andere Krankheit,
einen Geist der _dajung_ hatte herbeirufen lassen.

Die Frauen der Bahau und Kenja drfen sich nur zu bestimmten Zeiten
ttowieren lassen, da fr die Dauer der Ttowierperiode die ganze
Familie Verbotsbestimmungen unterworfen ist. Meistens wird nach der
Reissaat, in der Jteperiode, ttowiert, da fr dergleichen dann am
meisten Zeit vorhanden ist.

Bei den Kajan am Mendalam ist in der Saatzeit das Blutvergiessen
verboten, daher auch das Ttowieren.

Befindet sich eine Leiche im Hause, so muss das Ttowierverfahren
bis nach dem Begrbnis verschoben werden.

Zwei weitere Grnde, die eine schnelle und vollstndige Ausfhrung der
Ttowierung verhindern, bestehen, besonders bei den Mdchen, in der
Furcht vor Schmerz und in dem Unvermgen, die fr eine vollstndige
Ttowierung erforderliche Summe von 25-30 fl. aufzubringen. Die
Prozedur wird ferner auch durch bse Trume, wie z.B. von Hochwasser,
das starke Blutung bedeutet, aufgehalten oder vollstndig unterbrochen,
so dass man hufig unvollstndig oder gar nicht ttowierten Frauen
begegnet.

Eine Frau der Long-Glat muss an jedem Tage, an dem sie ttowiert wird,
als Zuspeise fr die Knstlerin ein schwarzes Huhn schlachten. Fr
die Mnner sind die erwhnten Hinderungsgrnde von weit geringerer
Bedeutung, da ihre Ttowierung eine viel unvollstndigere ist.

Bei den Kenja darf die Operation nicht im Hause, sondern nur in
eigens zu diesem Zwecke erbauten Htten stattfinden. Die mnnlichen
Familienglieder mssen sich whrend der Ttowierperiode in Baumbast
kleiden, auch mssen sie die ganze Zeit ber im Hause anwesend
sein. Befinden sich die Mnner auf Reisen, so darf kein weibliches
Familienglied ttowiert werden.

Beim Kenjastamm der Uma-Tow darf nur dann ttowiert werden, wenn sich
gleichzeitig auch die Tochter eines vornehmen Huptlings behandeln
lsst. Ist diese aber, etwa infolge eines Trauerfalls, verhindert,
sich der Operation zu unterwerfen, so drfen sich die Mdchen des
ganzen Stammes nicht ttowieren lassen.

Die Ulu-Ajar Dajak bentzen zum Ttowieren ein Instrument, das aus
einer 10 cm langen und 1 cm breiten Kupferplatte besteht, die vorn
rechtwinklig gebogen in einen scharfen Zahn endigt. Der Zahn wird
in die nicht gespannte Haut getrieben, indem man mit einem kleinen
Holzstck leicht auf die Kupferplatte klopft.

Die Bahau- und Kenjafrauen ttowieren mit einem rechteckig gebogenen
Holzstck (_ulang brang)_, in welches 2 bis 3 kupferne Nadeln mittelst
Guttapercha befestigt sind (Siehe Tafel: Pfeilkcher, Giftbrett
u.s.w. Fig. u). Sowohl dieser Nadelhalter als auch der mit Baumwolle
umwundene hlzerne Klopfer (_tukul ulang_, Fig. v) sind oft mit schnen
Schnitzereien verziert. Die Knstlerin verfhrt folgendermassen:
Nachdem sie die Ttowiermuster mit dem gebruchlichen Frbemittel,
einem Gemenge von Wasser und Russ des weissen Damaraharzes, auf
die Haut gedrckt hat, taucht sie die Nadeln in ein Gefss (_bungan
tedak_, Fig. t) mit derselben Flssigkeit und treibt mit diesen Nadeln
die Kohlenteilchen unter die Haut, indem sie mit dem Klopfer auf den
Nadelhalter schlgt. Dieser ruht, um besser regiert werden zu knnen,
mit dem Stiel auf einem Kissen. Die Operation veranlasst anfangs eine
unbedeutende Blutung, nur da, wo dickere Linien ein wiederholtes
Eindringen der Nadeln erfordern, mischen sich einige Blutstropfen
mit dem berschssigen Frbemittel und werden von einer Gehilfin
entfernt. Die Patientin sitzt oder liegt whrend der Operation am
Boden, die Knstlerin und deren Assistentin nehmen einander gegenber,
zu beiden Seiten des zu bearbeitenden Teiles, Platz und halten mit
den Zehen die Haut gespannt (Siehe nebenst. Tafel).

Werden empfindliche Krperteile ttowiert, so krmmen sich die
Mdchen vor Schmerz und weinen; oft haben sie auch spter noch viel
durch eine hinzugetretene Entzndung zu leiden. Eine vollstndige
Schenkelttowierung kann am Mendalam in drei Tagen beendet werden;
der zweite Schenkel wird erst, nachdem der erste geheilt ist,
vorgenommen. Die Gliedmassen werden in folgender Reihenfolge ttowiert:
Hand, Fuss, Unterarm und Schenkel. Der ganze Prozess dauert unter
Umstnden zwei Jahre.

Obgleich die Kajan viel geschickter und mit geringerem Blutverlust als
die Ulu-Ajar Dajak ttowieren, tritt an den operierten Stellen doch
stets eine kleinere oder grssere Schwellung auf; hufig auch eine
ernsthafte Entzndung. Verschwindet diese bald, so erhlt man spter
dunkle, scharfe Linien, tritt dagegen eine Ulzeration mit starker
Narbenbildung auf, so verliert die Zeichnung viel an Deutlichkeit
und verschwindet sogar, wenn ein Keloid entsteht, vollstndig,
denn das Keloid verdeckt die Figur und die Ulzeration verursacht ein
Ausstossen der Kohlenteilchen. Nachdem die Entzndung und eventuell
die Ulzeration geschwunden sind, werden die dunklen Linien der Figuren
durch das junge Narbengewebe verdeckt und erscheinen dadurch blass,
ausserdem tritt dieses aus der Umgebung reliefartig hervor. Nach
dem Einschrumpfen des Narbengewebes werden die Farben wieder gut
sichtbar. Dank dem sorgfltigen Verfahren der Kajan bemerkt man auch
auf stark ttowierten Schenkeln und Armen nur wenig Narbengewebe. Haben
die Figuren dennoch zu stark durch die Entzndung gelitten, so lassen
manche sie durch die Knstlerin berarbeiten.

An die reiche Ttowierung der Frauen knpft sich der Glaube, dass man
einst nach ihrem Tode ihre Knochen an der Imprgnierung mit schwarzen
Kohlenteilchen wird unterscheiden knnen. Am Mahakam, ursprnglich
wohl auch am Mendalam, herrscht nmlich zum Teil noch die Sitte, dass
die Knochen der Verstorbenen nach einigen Jahren von ihren Angehrigen
gesammelt und in einer Urne in Grabhhlen niedergelegt werden.

Die Ttowierungen sind nicht nur fr die verschiedenen Stmme,
sondern auch fr die verschiedenen Stnde innerhalb eines Stammes
charakteristisch. brigens ist die Sitte des Ttowierens, wie jede
andere Mode, der Vernderung unterworfen und zwar hauptschlich
deswegen, weil auch bei den Bahau die Niederen mit den Hheren
zu wetteifern streben und die Ttowierung der Huptlinge erst
von den Freien und dann von den Sklaven nachgeahmt wird. Derartige
Nachahmungen finden auch unter den Stmmen statt; so haben die frher
mchtigen Long-Glat ihre Ttowiermethode bei den anderen Mahakamstmmen
eingefhrt. In den 30-40 letzten Jahren ist sowohl am Kapuas als am
Mahakam bei den niederen Stnden die alte Art der Ttowierung durch
die neue verdrngt worden.

In frheren Jahren trugen am Mendalam, wie _Akam Igau_ sich noch
erinnerte, nur die Huptlingsfrauen Schenkelverzierungen; bei
den gewhnlichen Frauen war damals nur eine gleichmssig schwarze
Bedeckung der Unterschenkel und Fsse gebruchlich, wobei nur einige
schmale Linien von natrlicher Hautfarbe als Umgrenzung rautenfrmiger
Flchen freigelassen wurden. Man bezeichnet diese Art der Ttowierung
als _tedak danau_ = Seeenttowierung. Ich sah nur noch ein sehr altes
Mtterchen auf diese Weise verziert.

Nach Auffassung der Kajan ist die Ttowierkunst auch den Tieren
nicht ganz unbekannt, denn es beschlossen einst die Krhe von Borneo
und der Argusfasan, sich gegenseitig ihr frher sehr schlichtes
Gefieder zu verzieren. Die kluge Krhe, die sich sehr gut auf das
Ttowieren verstand, machte sich sogleich ernsthaft ans Merk und es
gelang ihr auch nach angestrengter Arbeit, ihren Freund prachtvoll zu
schmcken. Darauf bemhte sich der Argusfasan, der Krhe den gleichen
Dienst zu erweisen. Der Fasan ist aber ein dummer Vogel, auch merkte er
bald, dass er der Arbeit nicht gewachsen war, daher nahm er die ganze
schwarze Farbe und verteilte sie gleichmssig auf das Gefieder seines
Freundes; seit der Zeit tragen sie beide ein so verschiedenes Gewand.



Bei smtlichen Bahau am Mendalam trifft man die gleiche Art der
Ttowierung. Die Mnner schmcken sich der Reihe nach Schultern, Brust,
Ober- und Unterarm mit Rosetten und stilisierten Hundekpfen. Die
Schulterrosette erhlt der junge Mann, bevor er noch an einem grossen
Handelszuge oder an einer Kopfjagd teilgenommen hat, fr die brigen
Verzierungen wird aber eine derartige Gelegenheit abgewartet und, da
die Ttowierungen in der Regel whrend des Zuges ausgefhrt werden,
whlt man fr sie die typischen Muster der besuchten Stmme. Dieser
Brauch wird aber nicht streng eingehalten; will ein junger Mann sich
auch ohne Verdienste, aus Eitelkeit, ttowieren lassen, so steht ihm
nichts im Wege.

Die Huptlinge lassen sich viel weniger und seltener als die freien
Kajan und Sklaven ttowieren; sie tragen selten mehr als eine
Schulterrosette.

Die Ttowierung des linken Daumens und eine Schenkelverzierung werden
den sehr tapferen Mnnern vorbehalten; am Mendalam war niemand
vorhanden, der letztere besass, und eine Ttowierung des linken
Daumens trug nur _Akam Lasa_, der Huptling der Ma-Suling. Dass einige
vielgereiste Mnner, wie _Akam Igau_, keine Ttowierungen besitzen,
ist dem Einfluss der Malaien zuzuschreiben, der am Mendalam bereits so
bedeutend ist, dass, wie frher erwhnt, _Akam Igau_ seinem ltesten
Sohne in Bunut eine malaiische Erziehung hatte geben lassen.

Auch die Mnner werden von Frauen ttowiert. Tandjong Karang besass
zwei sehr gute Ttowierknstlerinnen. Eine andre, _Unjang Pon_,
war 1894 von Lulu Njiwung am Mahakam nach dem Mendalam gereist. Da
sie schne _klinge tedak_ im Mahakamstil besass, liessen sich viele
junge Leute von ihr ttowieren.

Die Ttowiermuster werden von den jungen Leuten selbst oder von deren
Freunden verfertigt; die Muster der Knstlerin entsprechen nur selten
vollstndig dem Geschmack des Publikums. Wie bereits gesagt, werden
die Muster auf kleinen Brettern in Relief geschnitten, eine Arbeit,
die ausschliesslich Sache der Mnner ist (Siehe Tafel: Ttowierung
A. Fig. a-n). Nur selten werden die Figuren  jour geschnitten
(Fig. o und p). Fig. a stellt eine einfache Schulterrosette vor;
bei der Schulterverzierung b kommt die Rosettenform nur in der Mitte
zum Ausdruck.

Betrachten wir, um die Motive der Muster besser zu verstehen, zuerst
Fig. d und e, die, gleich b, c und f, "_aso_" genannt werden. _Aso_
bedeutet Hund. In den betreffenden Figuren ist der Kopf des Tieres
in zierliche Arabesken verwandelt worden. Bei diesen Stilisierungen
bleiben das Auge, die beiden Kiefer und zwischen diesen fters die
Zunge am lngsten erhalten. Die Kiefer lassen sich hufig an den Zhnen
erkennen (Fig. e, 2 und 3 und Fig. f, bei 2, nicht mehr bei d). In d
stellt 1 das Auge in der gewhnlichen, mehr oder weniger verzierten,
runden Form dar. Den runden Fleck in der Mitte knnte man als Pupille
auffassen. Das Auge ist mit verschiedenen Verzierungen umgeben,
von denen die Kiefer 2 und 3 und die kleine Zunge 4 charakteristisch
sind. Kiefer 2 verluft in zierlichen Windungen, whrend Kiefer 3 in
einen schlichten Bogen endet. In etwas vernderter Form findet man
das Auge, die Kiefer und die Zunge in den Figuren b, c, o und p wieder.

In Fig. c geht die Phantasie des Knstlers noch einen Schritt weiter;
die Figur ist hier aus der Vereinigung zweier Kpfe entstanden,
von denen an der einen Seite die zwei Kiefer 2 und 4 und die
Zunge 1, an der anderen die Kiefer 3 und 6 und die Zunge 7 noch zu
erkennen sind. Bemerkenswert ist das Verbindungsstck 5, weil es das
gemeinschaftliche Auge beider Kpfe darstellt. Wie an einem anderen
Ort gezeigt werden soll, dient in der Ornamentik der Bahau das Auge,
da es am strengsten bewahrt wird, als bestes Kennzeichen fr ein
Kopfmotiv; daher ist es ratsam, das Auge bei der Zergliederung der
Motive als Ausgangspunkt zu whlen. Die Schulterrosette a lsst sich
somit der Reihe nach von den stilisierten Hundekpfen e, bei dem noch
Kiefer und Zhne vorhanden sind, und von d, mit den zahnlosen Kiefern,
ableiten. Fig. b stellt eine Vereinfachung von Fig. c dar. In b sind
die Kieferpaare noch angedeutet, aber das Auge tritt bereits in den
Vordergrund und wird in a zu einem selbstndigen Motiv.

Die Ttowiermuster Fig. o und p wurden fr mich von einem
Schnitzknstler in Tandjong Karang geschnitten, um mich einige hbsche
Stcke eigener Erfindung sehen zu lassen. Ihrer Grsse wegen sind
sie mehr fr eine Brust- als fr eine Armverzierung geeignet, obwohl
Armfiguren gelegentlich auch auf der Brust, auf dem Pectoralis major,
angebracht werden.

Fr die Schenkelttowierung der Mnner fand ich am Mendalam nur
ein einziges Motiv, nmlich das eines Hundes mit schlangenartigem
Krper (Fig. f), bei dem die Beinpaare andeuten, dass es sich um
ein vierfssiges Tier und nicht um eine Naga oder eine Schlange,
wie man beim ersten Blick denken knnte, handelt. Das Hundemotiv ist
bemerkenswerter Weise berhaupt das einzige, mit dem sich die Mnner
der Mendalam Kajan und der Bahau im allgemeinen ttowieren.

Die Ttowierung der Frauen ist bei den Mendalamstmmen weit hher
entwickelt als die der Mnner.

Vor 30 bis 40 Jahren bestand die Ttowierung der Frauen, wie oben
bereits gesagt ist, in einer einfachen Seeenttowierung (_tedak
danau_), bei der das Unterbein von der halben Kniescheibe bis zur
Fusswurzel einfrmig dunkelblau ttowiert wurde. Die blaue Flche wurde
durch 4 Lngs- und 2 Querlinien in 12 Vierecke zerlegt. Diese Linien,
die 6 mm breit waren, wurden durch nicht ttowierte Stellen gebildet
und zeigten daher die natrliche Hautfarbe. Von den Linien liefen
zwei seitlich, parallel dem Schienbein und zwei zu beiden Seiten
der Waden, in ungefhr gleichen Abstnden von einander. Die beiden
Horizontallinien verteilten diese Flchen je in drei Bleichhohe
Vierecke. Auf die gleiche Weise wurden die Unterarme vom Ellbogen
bis zum Puls verziert.

Ob diese Ttowiermethode damals auch bei den Huptlingsfrauen
gebruchlich war, konnte ich nicht feststellen, ich halte es aber fr
wahrscheinlich, da sie damals berall, auch bei den Mahakamstmmen,
verbreitet war.

Seit geraumer Zeit ist aber bei den Frauen der Huptlinge
eine andere Art der Ttowierung im Schwange, bei der Unterarme,
Handrcken, Schenkel und Fussrcken mit sehr komplizierten und schn
ausgearbeiteten Figuren verziert werden. Die brigen Frauen ahmten
diese Methode nach, so dass das _danau_-Muster allmhlich verschwunden
ist und augenblicklich alle Frauen, von der Huptlingstochter bis
zur niedersten Sklavin, nach der neuen Mode ttowiert sind. Die
Ttowierungen der angesehenen Frauen unterscheiden sich von denen der
gewhnlichen Frauen zwar nicht durch die Zeichenmotive, aber durch
die Art der Bearbeitung und durch die Anzahl der Grenzlinien, welche
diese Motive trennen und zugleich zu ihrer Zusammenstellung dienen. Je
grsser nmlich die Zahl dieser Grenzlinien, desto hher ist der Rang
ihrer Besitzerin. So gehrt die auf Tafel: Ttowierung B. abgebildete
Schenkelttowierung, der als Hauptmotiv ein Menschenkopf (_kohong
kelunan_) zu Grunde liegt, einer _panjin_ (Freien), weil die Kpfe nur
von 4 Grenzlinien (g) umgeben sind; dagegen ist die Schenkelttowierung
auf Tafel: Ttowierung C., die einer Huptlingsfrau, weil das Kopfmotiv
6 Grenzlinien (g) besitzt. Das Gleiche gilt fr die Zahl der Linien
in dem Motiv "_pusung_" der Armttowierungen (Tafel: Ttowierung
D. Fig. a und b). Sklavinnen drfen diese Figuren nur mit drei Linien
begrenzen. Ausserdem sind die Muster bei den Wohlhabenderen besser
ausgearbeitet, weil sie geschicktere Ttowierknstlerinnen und schnere
_klinge tedak_ bezahlen knnen.

Die Schenkelttowierung der Frauen wird mit zweierlei _klinge tedak_
zusammengesetzt, erstens mit einem viereckigen, einen Menschenkopf
darstellenden Muster, das man fr die obere Reihe, die Vorderseite
und die Hinterseite unten verwendet, indem man sie neben einander
auf die Haut abdrckt (Siehe Tafel: Ttowierung B.). Das zweite, fr
die Hinterseite bestimmte Motiv, _ketong pat_ genannt, ist mit einem
anderen _klinge_, das vier verschlungene Linien darstellt, ausgefhrt.

Alles brige ttowiert die Ttowierknstlerin aus freier Hand, ohne
vorher etwas auf die Haut zu zeichnen. Auf diese Weise wird auch das
ganze schne Kniestck ttowiert.

Als Beispiel fr eine Schenkelttowierung einer angesehenen Frau
mge die von _Tipong Igau_, der ltesten Tochter _Akam Igaus_,
dienen, welche mit dem _klinge tedak_ Fig. n (Tafel: Ttowierung
A.) und einem zierlichen _ketong pat_ zusammengestellt ist (Tafel:
Ttowierung C.). Das hier gebrauchte _klinge tedak_ stellt, wie gesagt,
einen Menschenkopf (_kohong kelunan_) dar, der von 6 Grenzlinien
eingeschlossen ist.

Der stilisierte Menschenkopf ist das einzige Motiv, das am Mendalam fr
ein _klinge_ der Vorderseite des Schenkels bentzt wird. Oft bleiben
von dem Kopf nicht viel mehr als zwei Augen und eine Andeutung von
Nase und Mund brig, doch wird er stets weiter als _kohong kelunan_
bezeichnet. Nur _Paja_, _Akam Igaus_ zweite Tochter, war sehr stolz
darauf, dass ihre Beine mit einem _usung tingang_ (Schnabel resp. Kopf
des Nashornvogels) geschmckt waren. Der Vater hatte ihr dieses Muster
von den Long-Glat am Mahakam mitgebracht.

Ebenfalls dem Tierreich entlehnt sind die wellenfrmigen Grenzlinien
der Schenkelttowierungen, die als _iko_, Schwanzlinien, bezeichnet
werden und die Zickzacklinien im Kniestck, die _kalong njipa_,
Schlangenmuster, genannt werden.

Um die Knchel tragen die Frauen der Mendalamstmme ein ungefhr 7 cm
breites Band, das entweder, nach Art der _tedak danau_, einheitlich
ist, oder aus parallelen, bis 3 mm dicken Linien besteht, die mit
gleich breiten Streifen von der natrlichen Hautfarbe abwechseln.

Ferner sind der Fussrcken (Tafel: Ttowierung D. Fig. c) und die Zehen
mit fnf, der Zahl der Zehen entsprechenden Lngsstreifen ttowiert,
die wiederum durch zwei Querstreifen von der natrlichen Hautfarbe in
ungleichen Abstnden unterbrochen werden. Zur Fusswurzel hin sind die
Streifen am breitesten, zu den Zehen hin verschmlern sie sich. Bei
weitaus den meisten Frauen werden diese Streifen gleichmssig blau
ttowiert. Einige Huptlingstchter versuchen zwar auch hier schne
Figuren anbringen zu lassen, was allenfalls auf dem Fussrcken glckt,
aber die dnne Haut der Zehen entzndet sich so leicht, dass von einem
Muster meist nicht viel zu sehen ist. Die Fussttowierung wird meist
ohne _klinge tedak_, aus freier Hand, ausgefhrt. Fig. c zeigt die
Fussttowierung von _Tipong Igau_, die mit den _klinge tedak_ k, l,
m auf Tafel: Ttowierung A., ausgefhrt worden ist.

Auch die Ttowierungen auf Unterarm, Handrcken und Finger werden fr
gewhnlich von gebten Knstlerinnen ohne _klinge_ ausgefhrt, da ihre
Zusammenstellung eine sehr einfache ist (Tafel: Ttowierung D.). Wie
aus Fig. b ersichtlich, werden neben Tiermotiven, wie Eulenaugen
(_manok wak_) und Schwnzen (_iko_), fr diese Ttowierungen auch
Himmelskrper, wie der Mond (_beliling bulan)_, und Gegenstnde aus
dem tglichen Leben, wie Haken (_krawit_) und Bootsspitzen (_dolong
harok)_, verwendet, diese kehren mit einigen Variationen in den
verschiedenen Armmustern wieder.

Die Armttowierug Fig. b ist die einer gewhnlichen Kajanfrau. Fig. a
stellt wiederum die Armttowierung der Huptlingstochter _Tipong
Igau_ dar; die Muster sind hier schner entworfen und sorgfltiger
ausgearbeitet; im brigen sind die Motive hier die gleichen wie bei
b. Die Eulenaugen (_manok wak_) befinden sich bei b in den Dreiecken,
welche die Bootsspitzen (_dolong harok_) vorstellen. Vergleicht
man diese Figur mit a, so sieht man, dass der Schnitzknstler
die Eulenaugen hier mit der innersten Grenzlinie der Bootsspitze
verbunden hat, wodurch eine Scheibe, an die sich ein Bogen anschliesst,
entstanden ist. Dieses Motiv wiederholt sich in vielen geschmackvollen
Variationen in _Tipong Igau_s Ttowierung. Die _klinge tedak_, mit
denen dieses Muster zusammengestellt worden ist, sind auf Tafel:
Ttowierung A. in Fig. g, h und i abgebildet.



Vor noch nicht allzu langer Zeit verteilte sich. die Sitte des
Ttowierens bei den Mahakamstmmen derart, dass die Pnihing gar nicht
oder wenig ttowierten, die Bahaustmme, ausgenommen die Long-Glat,
die Seeen-Ttowierung gebrauchten und bei den Long-Glat, sowie bei
den Stmmen am mittleren Mahakam, besonders von den Frauen, sehr
komplizierte Muster angewandt wurden.

Jetzt hat die Sitte des Ttowierens auch bei den Pnihing Eingang
gefunden. Ihre Mnner verzieren sich, wenn auch sprlich, mit den
Mustern der Mendalambewohner. Ihre Frauen lassen sich eigentmlicher
Weise nicht nach Art der anderen Bahaufrauen taitowieren, sondern
bringen ganz unsystematisch auf Armen und Beinen Stilisierengen
des _aso_ an, mit denen sich bei den brigen Stmmen nur die Mnner
schmcken.

Bei den Kajan und den brigen Bahaustmmen am Mahakam ttowieren sich
die Mnner jetzt in gleicher Weise wie die Kajan am Mendalam, nur
die Ttowierung der Frauen weicht gnzlich von der ihrer Schwestern
am Mendalam ab und steht vllig unter dem Einfluss der Long-Glat.

Bevor die Frauen die Long-Glat-Ttowierung annahmen, trugen sie eine
charakteristische Figur auf dem Handrcken; ich fand sie nur noch
bei wenigen.

Dass die Ttowierung der Long-Glat sich erst vor kurzem bei den
Kajan eingebrgert hat, geht auch daraus hervor, dass die Frauen
ihre _klinge tedak_ noch stets von den Long-Glat beziehen, obgleich
die Mnner ihres Stammes sie sehr gut selbst schnitzen knnen. Die
Busang sprechenden Stmme, die, ausser den Ma-Suling, den Long-Glat
direkt unterworfen sind, nehmen auch noch gegenwrtig in hherem oder
geringerem Masse die Ttowiermotive dieses Stammes an, nachdem sie
ihre frhere _danau_-Ttowierung aufgegeben haben. Die Hauptstmme,
wie die Ma-Suling und Ma-Tuwan, ahmen die Long-Glat vollstndig nach,
andere gebrauchen zwar die _klinge tedak_ der Long-Glat, ttowieren
sich aber nach Art der Kajanfrauen, z.B. die Batu-Pala und noch
einige andere, die bereits seit lnger als einem Jahrhundert mit den
Long-Glat zusammenwohnen.

Unter den Long-Glat findet man also die am Mahakam vorherrschende
Ttowiermethode, der, mit geringen Abweichungen, auch alle Bahaustmme
unterhalb der Wasserflle folgen. Bei dieser Ttowierung wird der
Schenkel, der Knchel, der Fussrcken und die Rckseite von Puls,
Hand und Fingern verziert. Verschiedenheiten bestehen nur in der
Reihenfolge, in welcher die Figuren angebracht werden, und bei
denen der Uma-Luhat in Udju Halang z.B. auch in der Anordnung der
Schenkelttowierung. Wenn der Umfang, in dem die Verzierungen bei den
Frauen am Mahakam angebracht werden, auch mit dem der Kajanfrauen
am Mendalam bereinstimmt, so sind doch die Motive, welche den
Ttowiermustern am Mahakam zu Grunde liegen, viel zahlreicher und
verschiedener, auch bieten sie in Bezug auf Geschmack und Kunstsinn
das schnste, was die Bahau zu leisten vermgen.

Das Hauptgewicht wird bei den Frauen der Long-Glat und bei denen der
weiter unten wohnenden Stmme auf eine geschmackvolle und sorgfltige
Ausarbeitung der Schenkelttowierung gelegt. Wie aus nebenstehende
Abbildung (Tafel: Ttowierung E.) ersichtlich, bestehen diese Muster
aus drei verschiedenen Teilen, einem Mittelstck, das durch eine
Art _klinge, kalong usung tinggang_ (Schnabel des Nashornvogels)
genannt, zusammengestellt wird, zwei gleichen Seitenstcken, fr die
stets als Motiv stilisierte Flugfedern des Argusfasans (_kerip kwe_)
verwendet werden, und einem weiteren Hinterstck links, das aus 1
bis 2 Teilen bestehen kann. Dieses letzte Stck, das nach hinten
den Abschluss bildet, entlehnt sein Motiv der Zeichnung auf einem
Prunkgrab (_song_) und wird _kalong song sepit_ genannt (_sepit_ =
Hinterseite der Ttowierung).

Das Mittelstck der Schenkelttowierung lsst das Knie der
Long-Glat-Frauen unbedeckt und weicht hierin von demjenigen der Frauen
in Udju Halang ab, bei denen die Ttowierung bis zur halben Kniescheibe
herabreicht. Bei diesen Frauen werden die Figuren unten auch nicht,
wie bei denen der Long-Glat, durch Linien begrenzt. Whrend bei den
Long-Glat die _klinge tedak_, oder wie sie sie nennen, die _terong
betik_, in wechselnder Richtung angebracht werden, richten die
Frauen der Uma-Luhat die Figuren stets mit den Tierkpfen nach unten,
ausserdem ist bei ihnen die Ttowierung an der Aussenseite des Beines
um eine Figurenreihe hher. Die Long-Glat beginnen mit der Ausfhrung
der Ttowierung an der Vorderseite, die Uma-Luhat an der Hinterseite
des Beines.

Auf den ersten Blick tragen die Muster bei beiden Stmmen den gleichen
Charakter; die Mittelstcke bestehen beinahe stets aus Bgen,
deren abgewandte Enden in mehr oder weniger deutliche Tierkpfe
auslaufen. Diese stellen entweder den Kopf des Nashornvogels oder,
wenn Zhne vorhanden sind, den einer Naga dar. Die Zwischenrume werden
mit zierlichen Arabesken ausgefllt. In diesen Fllfiguren sind die
Motive, denen sie ihr Entstehen verdanken, oft sehr schwer zu erkennen;
bisweilen treten aber auch hier deutliche Tierfiguren zu Tage. So sind
z.B. auf Tafel: Ttowierung F. fr die innere Verzierung des _terong
betik_ der Long-Glat (Fig. a), bei dem eine doppelte, gleichmssige
Nagafigur das Hauptmotiv bildet, zwei Nagakpfe gebraucht, die sich in
der Mitte vereinigen, nur ein Auge besitzen und noch rechts und links
zwischen den aufgesperrten Kiefern eine Zunge hervorstrecken. Die
Oberkiefer besitzen noch eine Reihe Zhne, die aber nicht mehr mit
ihnen in Verbindung stehen. Sowohl die Ober- als die Unterkiefer
verlaufen in zierlichen Bgen, die sich mit anderen vereinigen. Die
unteren Nagakpfe haben zu beiden Seiten die Augen eingebsst, ein
seltener Fall; die beiden Kiefer tragen aber noch Zhne.

Vergleicht man die Mittelfigur von a mit der von b, so sieht man,
dass diese sich von jener ohne viele bergnge ableiten lsst, whrend
aber das ursprngliche Kopfmotiv in a noch deutlich erkennbar ist,
ist e an und fr sich nicht verstndlich.

Die Motive, welche den Ttowierungen der Frauen zu Grunde liegen,
sind in allen Stnden die gleichen, nur sind auch bei diesen
Stmmen der Entwurf und die Ausfhrung bei Huptlingsfrauen besser
als bei Sklavinnen, auch sind die Figuren bei jenen oft grsser
(Tafel: Ttowierung G., Fig. d, Ttowiermuster einer Sklavin; Tafel:
Ttowierung H., Fig. e und f, Ttowiermuster angesehener Frauen). Die
Anzahl Reihen zur Fllung der Vorderseite ist bei den Sklavinnen
dementsprechend grsser.

Alle diese Figuren werden mit zwei _terong betik_, einer rechten und
einer linken Hlfte, auf das Bein abgedrckt. Einfachere Figuren,
die vom Schnitzknstler weniger sorgfltig bearbeitet worden sind,
zeigen bisweilen asymmetrische Hlften. Von den Figuren a und b
wollte man mir nur eine Hlfte verkaufen, daher sind die Figuren bei
der Konstruktion symmetrisch geworden; dagegen sind d, e und f mehr
oder weniger asymmetrisch.

Vllig abweichend ist die alte Form der Uma-Luhat (Fig. c), die
ebenfalls fr das Mittelfeld der Schenkelttowierung bentzt wird In
den 4 Ecken finden wir je den stilisierten Kopf eines Nashornvogels.

Bercksichtigt man, dass es mir nur ab und zu glckte, das
Ttowiermuster einer Frau kuflich zu erwerben, und dass ich
durchaus nicht immer das Schnste erlangen konnte, so kann man sich
den Formenreichtum denken, der diesen Stmmen zur Verzierung einer
viereckigen Flche, auf der als Motiv nur ein Bogen angegeben ist,
zu Gebote steht. Der den unentwickelteren Vlkern so hufig gemachte
Vorwurf, dass ihre Kunst von Armut zeuge, trifft fr die Bahau in
diesem Fall nicht zu.

Das Gleiche gilt auch fr die Seitenstcke, die rechts und links
vom Mittelfelde angebracht werden und die stets Stilisierungen von
Federn des Argusfasans vorstellen. Die Long-Glat bezeichnen sie als
"_kenjuj jauk du_". Auch hier habe ich das kaufen mssen, was man
mir gerade abtreten wollte. So ist von den Mustern, die ich erhielt,
nur dasjenige fr die Schenkelttowierung der Long-Glat vollstndig;
dagegen fehlen bei den fnf (Tafel: Ttowierung I.) abgebildeten
Mustern bei a und b das obere Ende, whrend c, d und e nur kleine
Stcke des Ganzen vorstellen.

Alle diese Muster haben die schnen Augen auf den langen Flugfedern
(_kerip_) des Argusfasans (_kwe_) zum Motiv und es spricht fr die
Phantasie der Bahau, dass sie die auch im brigen schne Zeichnung
auf der Feder nicht ohne weiteres bernommen, sondern sie durch eigene
Erfindungen ersetzt haben.

Die Entwrfe beweisen, dass die betreffenden Knstler nicht an
Gedankenarmut gelitten haben, denn betrachtet man ein Muster von oben
nach unten, so sieht man, dass das Motiv an verschiedenen Stellen
verschieden behandelt worden ist. Dass die Figuren nicht immer
symmetrisch sind, muss einer nachlssigen Bearbeitung zugeschrieben
werden, da die wirklich guten Schnitzknstler stets auf Symmetrie
achten.

Als Schlussstck zwischen den beiden stilisierten Federn auf der
Hinterseite der Schenkel gebraucht man ein _terong betik_, zwischen
dessen beiden Hlften die Frauen der Uma-Luhat einen 1 cm breiten
Raum lassen. Auch bei den Long-Glat besteht dieses Schlussstck aus
zwei Teilen, aber nicht ausnahmslos, wie aus dem sehr schnen Beispiel
eines _song sepit_ auf Tafel: Ttowierung J, Fig. e zu ersehen ist.

Die verschiedenen Arten _song sepit_, vom einfachsten bis zum
kompliziertesten, sind auf der gleichen Tafel in Figur a, b, c, d
neben einander abgebildet. Das _song sepit_, das fr die abgebildete
Schenkelttowierung einer Long-Glat verwendet worden ist, stellt
sich der Fig. e wrdig zur Seite. Obgleich diese Figur asymmetrisch
ist, da die eine Hlfte breiter als die andere, hat der Knstler den
langen, schmalen Raum doch mit bewundernswerter Geschicklichkeit zu
fllen verstanden.

Zu dem Reichtum von Fig. e stehen die schlichten, strengen Formen
von d in scharfem Gegensatz. Hier ist die Symmetrie viel besser
durchgefhrt. Am Holzmodell ist auch deutlich zu sehen, dass es von
einem gebten Knstler herrhrt; denn das Relief ist besonders scharf
und tief ausgeschnitten.

Da alle abgebildeten Figuren _song sepit_ vorstellen, ist es
begreiflich, dass die Hauptlinien den gleichen Charakter tragen,
doch machen sich bei ihnen, wie bei den Stilisierungen der Feder des
Argusfasans, individuelle Verschiedenheiten geltend.

Fr die Knchel gebrauchen die Long-Glat u.a. stets ein Band, das aus
sechzehn 3 mm breiten Linien, welche mit ebenso vielen Streifen von
der natrlichen Hautfarbe abwechseln, besteht. Das Band wird _tedak
aking_ genannt.

Die Fsse werden bei den Frauen dieser Stmme nach Art der Mendalam
Kajan ttowiert; nur werden die Streifen stets ganz gefllt; besondere
Figuren werden nicht angebracht.

Fr die Ttowierung der Rckseite von Puls und Hand verwenden die
Frauen der Long-Glat zwei verschiedene _terong betik_, die durch 4
gerade Linien getrennt werden. Die oberste Figur wird auf die Rckseite
von Unterarm und Puls, die folgende auf die Mittelhand ttowiert. Zu
den Fingern hin folgen wieder 4 gerade Linien und auf den Gelenken
zwischen den Knochen der Mittelhand und der ersten Fingerglieder wird
eine Reihe Dreiecke angebracht. Das erste Viereck liegt auf dem ersten
Fingerglied, das zweite auf dem zweiten; das Nagelglied bleibt frei,
nur das Nagelglied des Daumens erhlt einen Fleck.

Als Beispiel fr Handttowierungen der Long-Glat mgen die beiden
Figuren a und b auf Tafel: Ttowierung K. gelten. Die zwei _klinge
tedak_ von Fig. a stammen aus Long Tepai; das Muster wird _betik kule_,
Panthermuster, genannt, weil es das gefleckte Fell eines Panthers
nachahmen soll. Dies ist ein seltener Fall, da gewhnlich nur die
Kpfe der Tiere als Motive verwendet werden. Die schwarzen Flecken
auf dem Fell des Borneoschen Panthers sind besonders bei der obersten
Figur gut getroffen und geschmackvoll stilisiert, in der untersten
Figur treten sie weniger deutlich hervor.

Fig. b trgt einen anderen Charakter. Hier ist nur in dem unteren
Teil ein Tierornament zu erkennen und zwar in den symmetrisch
angebrachten Kpfen des Nashornvogels, die nur aus Auge, Schnabel
und Horn bestehen. Die oberste Verzierung von b, in welcher ein Motiv
kaum zu erkennen ist, zeichnet sich durch eine bedeutende Asymmetrie
aus. Dass diese Asymmetrie in einer Ttowierung der Bahau keine grosse
Strung hervorruft, geht aus der Ttowierung der Kajanfrau vom oberen
Mahakam hervor (Ttowierung L.). Die obere und die untere Figur waren
auf die beiden Seiten desselben Brettes geschnitten. Whrend die
erstere nun stark asymmetrisch ist, hat derselbe Knstler auf der
anderen Seite eine beinahe symmetrische Verzierung hergestellt. In
der oberen Figur ist ein Tiermotiv nicht leicht zu erkennen, dagegen
fhren in der unteren die beiden Augen rechts und links in der Mitte
wiederum auf zwei Kpfe und zwar, wie das gebogene und das gerade
Horn und der grosse Schnabel andeuten, auf die des Rhinozerosvogels.

Die drei Handttowierungen, die mit den Ttowierbrettchen der Uma-Luhat
zusammengestellt wurden, haben einen eigenen, von dem der Long-Glat
abweichenden Stil (Tafel: Ttowierung L. und M. Die Verzierungen sind
nicht so reich und fein ausgearbeitet als die der Long-Glat, auch ist
das Relief niedriger und breiter. Dass auch die Uma-Luhat Tiermotive
fr ihre Ornamente verwenden, zeigt die oberste Figur von a, bei der
zwei mit Zhnen bewaffnete Kpfe deutlich zu unterscheiden sind.

Fig. b auf Tafel: Ttowierung M. zeigt, in welcher Weise die Knstler
eine Figur von der anderen ableiten. In der linken, oberen Ecke der
unteren Verzierung ist ein Auge angegeben, von dem aus sich ein
mit Zhnen versehener Kiefer nach innen und unten erstreckt. In
der rechten Ecke befindet sich im Grunde die gleiche Verzierung,
aber durch die Verbindung des Auges mit der weissen Linie, welche
sich zwischen den zwei schwarzen befindet, ist die gleiche Figur
entstanden, die wir bei der Armttowierung der Kajan am Mendalam
finden; doch ist sie dort aus der Stilisierung eines Eulenauges mit
dem Bug eines Bootes hervorgegangen.



Die Kenjastmme vom oberen Kajan ttowieren sich auf die gleiche Weise
wie die Bahau. Sie zeigen aber einige Eigentmlichkeiten, die um so
bemerkenswerter sind, als die Kenja noch den ursprnglichen Zustand
dieser Stmme reprsentieren.

Der Busang sprechende Stamm der Uma-Lekn ttowiert auf eine
andere Weise als die brigen Kenjastmme, die ihren eigenen Dialekt
besitzen. Als Beispiel fr die eigentliche Kenjattowierung mag die
alte Methode der Uma-Tow dienen (Tafel: Ttowierung N), die neuerdings
aber mehr und mehr durch die der Uma-Lekn, welche derjenigen der
Kajan am Balui und Mendalam gleicht, verdrngt wird. Die Frauen der
Uma-Lekn reisen daher jhrlich zu den anderen Stmmen am oberen Kajan,
um sie zu ttowieren.

Die Mnner der Kenja ttowieren sich sehr wenig und nur zum
Schmuck. Sie erzhlten mir, dass die Baliau die Sitte, sich nach
begangenen Heldentaten ttowieren zu lassen, von den Bukat bernommen
haben.

Die alte Ttowierung der Frauen vom Stamme Uma-Tow besteht in der
Hauptsache in einer Verzierung der Hnde, Arme und Beine. Die
Armttowierung zeigt unterhalb des Ellbogens ein breites Band,
das an der Innenseite einen 2 cm breiten Hautstreifen frei lsst
(Tafel: Ttowierung N. Fig. a). Von dem Bande verlaufen bis zu den
Fingerngeln Lngsstreifen, die nur zweimal von Querlinien von der
natrlichen Hautfarbe unterbrochen werden. Dies ist durchaus die
_danau_-Ttowierung, welche frher bei den Busang sprechenden Baliau
angewandt wurde.

Die Beinverzierungen sind auf der gleichen Tafel in Fig. b, c, d, e,
f abgebildet; sie werden so angebracht, dass b vorn auf dem Schenkel
oberhalb des Knies, e an der Aussenseite des Beins, d unterhalb der
Kniescheibe lngs des Schienbeins, e darunter und f an der Innenseite
des Beins zu liegen kommt. Ferner ttowieren sie auf die Wade, unter
der Kniekehle, eine Verzierung, die dem Mittelstck von c gleicht.

Von den Frauen der Huptlingsfamilie ist jedoch keine mehr auf diese
Weise geschmckt, diese lassen sich alle von den Frauen der Uma-Lekn
ttowieren und viele _panjin_ folgen ihrem Beispiel.

Die Ttowierungen der einfachen und die der angesehenen Frauen
unterscheiden sich hauptschlich durch die Anzahl der verwendeten
_iko_, Schwanzlinien, (Tafel: Ttowierung O. und P.). Die Kenjafrauen
tragen bis zu 16 solcher Linien, die bis auf die halbe Wade
hinunterreichen. Die _klinge_, die fr die Lekn-Ttowierung bei den
Kenja gebraucht werden, sind sehr zahlreich. Hier ist die Ttowierung
einer vornehmen Frau wiedergegeben, der allein das Recht zusteht, ein
Muster mit zwei Hundekpfen zu gebrauchen, ferner die einer _panjin_,
bei der das Tiermotiv in den Hintergrund tritt.

An der Aussenseite des Schenkels reicht die Ttowierung bis zum halben
Gesss, an der Innenseite dagegen nur bis zur Schenkelfalte. berdies
sind die Figuren an der Innenseite des Schenkels sprlicher, weil die
Haut an diesen Stellen besonders empfindlich ist. Die brauen lassen
sich diese Ttowierung vor ihrer Heirat anbringen und zwar erst auf
der Hinterseite des Schenkels, dann auf dem Knie und schliesslich
auf der Vorderseite.

Die Handttowierung der Kenjafrauen stimmt im wesentlichen mit der
der Mendalam Kajan berein.




KAPITEL XX.

    Reise zur Kste: von Long Blu-u nach Long Tepai--Passieren
    der westlichen Wasserflle--Flssen des Rotang--In Long Deho
    bei _Bo Adjang_--Aufenthalt wegen Hochwassers--Ertrinken
    zweier Long-Glat--Ankunft _Kwing Irangs_--Weiterreise mit den
    Kajan--Passieren des Kiham Udang--Wiedersehen mit dem Kontrolleur
    in Long Bagung--Begegnung mit Kenja--ber Uma Mehak, Udju Halang,
    Ana und Tengaron nach Samarinda.


Am 13. April fand unsere langersehnte Abreise von Long Blu-u endlich
statt. Die Kajan, die durch den Bau ihrer eigenen Wohnung und andere
Arbeiten daran verhindert waren, uns zur Kste zu begleiten, brachten
uns jetzt nach Long Tepai, teils um etwas zu verdienen, teils um
auch etwas fr uns getan zu haben. Am ersten Taue fuhren wir bis
Batu Sala, bernachteten dort und trafen bereits am Vormittag des
folgenden Tages in Long Tepai ein.

Das Flusstal verbreitert sich vom Batu Mili an; unmittelbar an den
Ufern befinden sich nur wenige Hgel und erst in grsserem Abstand sind
einige Berge sichtbar. Zwischen den zahlreichen Inseln bei Lulu Njiwung
whlt man, je nach dem Stand des Wassers, um die vielen Stromschnellen
zu vermeiden, ein verschiedenes Fahrwasser. Von der Mndung des Meras
an tragen die flachen Ufer nur Gestrpp, niedrigen Wald und einige
Reisfelder. Bei Long Tepai erreichen die Auslufer des Batu Lesong,
der sich hier dem Mahakam nhert, dessen Ufer.

Long Tepai stellt oberhalb der Wasserflle die wichtigste Niederlassung
der Long-Glat vor, weniger ihrer Grsse, als der Persnlichkeit ihres
Huptlings _Bo Lea_ wegen. Der Huptling von Lulu Njiwung, _Ding Ngow_,
ist in bezog auf seine Geburt zwar vornehmer, er ist aber ein junger,
unbedeutender Mann, whrend _Bo Lea_ als bejahrter Mann und energische
Persnlichkeit, trotzdem er nur der Sohn einer _panjin_ ist, in den
Augen der Bahau viel mehr Ansehen geniesst. Sein Einfluss lsst sich
bereits daraus beurteilen, dass bei der Teilung der Niederlassung
Lirung Ban die meisten Bewohner ihm folgten (pag. 281). Als ich mich
im Jahre 1896 nach dem oberen Mahakam begab, gereichte es meinem
Geleite von Mendalam Kajan zur grossen Beruhigung, dass _Bo Lea_
mit meiner Expedition einverstanden war. Nachdem ich in Long Blu-u
zurckgeblieben war, begab sich _Akam Igau_, nur um sich _Bo Lea_
vorzustellen, nach Long Tepai. Bei meinem Besuch in Long Tepai hatte
ich damals das Glck gehabt, den Huptling von einer akuten Diarrhoe,
die ihn an den Rand des Grabes gebracht hatte, kurieren zu knnen.

Alle schreckenerregenden Berichte, die ich ber _Bo Lea_ zu hren
bekam, liefen, wie ich spter merkte, darauf hinaus, dass er seine
Rechte in bezug auf die Erzeugnisse des Waldes den Malaien gegenber
besser als die anderen Huptlinge zu wahren wusste und dass jene sich
bei ihm weniger breit als anderswo machen durften. Seine Massregeln
waren allerdings oft hart, entsprachen aber seiner Natur und waren
brigens auch vom europischen Standpunkt gegenber Vagabunden,
wie die Malaien es sind, die mit allen Mitteln, die ihren Kopf nicht
gefhrden, bei den Bahau ein Schlaraffenleben zu fhren versuchen,
durchaus gerechtfertigt.

Da er, wie alle brigen Huptlinge, von Banden, die gegen eine
Vergtung von 10% seine Wlder auf Guttapercha und Rotang durchsuchten,
sehr bestohlen wurde, hatte er zwei Mal einer Gesellschaft, die die
gewonnenen Produkte ohne Bezahlung auf Seitenwegen fortschaffte,
ihren ganzen Vorrat abgenommen. Die Schuldigen sorgten dafr, dass
diese Tat ruchbar wurde und die an dergleichen energische Massregeln
nicht gewhnten Bahau fanden sie gewaltttig und hart. brigens erging
es den Malaien bei _Bo Lea_ doch noch besser als bei _Belar_, bei
dem sie sich berhaupt nicht niederlassen durften.

Bei meiner Ankunft hausten in _Bo Leas_ Galerie so zahlreiche
Buschproduktensucher, dass ich es vorzog, bei einem niedrigeren
Huptling, _Bo Ibau_, der mit _Kwing Irangs_ Schwester _Uniang_
verheiratet war, meinen Einzug zu halten. Die Kajan waren hiermit
natrlich sehr einverstanden, aber aus politischen Grnden htte
ich lieber bei _Bo Lea_ gewohnt, da die Huptlinge ein Wohnen unter
ihrem Dache sehr hoch schlitzen. _Bo Ibau_ stellte uns seine neue,
18 m lange und 8 m breite Galerie gnzlich zur Verfgung.

Fast alle Hausbewohner befanden sich der Ernte wegen auf den
Reisfeldern. Im Hause traf ich nur _Bo Ibau_ mit seiner kranken,
kleinen Tochter. _Barth_ hatte das Kind bereits zu behandeln versucht,
aber es hatte das bittere Chinin nicht einnehmen wollen und litt noch
fortwhrend an chronischen Malariaanfllen, auch sah es kachektisch
aus und zeigte eine starke Hypertrophie von Leber und Milz. Ich
versprte jedoch wenig Lust, mich dem verwhnten Kinde viel zu widmen
und interessierte mich mehr fr das, was von dem Kontrolleur und
seiner Reise nach Long Deho bekannt war als vorsichtiger Mann wollte
mir _Ibau_ ber diesen Gegenstand nichts mitteilen und erklrte, dass
ich _Njok Lea_, den ltesten Sohn des Huptlings, der den Kontrolleur
selbst nach Long Deho begleitet hatte, hierber befragen msse. Da
_Njok_ erst abends vom Felde zurckkehrte, machte ich, nachdem ich
unseres Gepckes wegen einige Anordnungen getroffen, einen Gang durch
die Niederlassung, um die seit meinem letzten Besuch staugefundenen
Vernderungen zu besichtigen.

Die Niederlassung macht einen gut unterhaltenen, aber alten Eindruck,
da man zum Bau altes Material, hauptschlich Pfhle und Querbalken
aus Eisenholz, von Lirung Ban, bentzt hatte. Hinter dem langen,
hohen Hause am Ufer, in dem 16 Familien wohnen, steht ein zweites,
gleich langes Haus, das mit dem ersten durch Bretterstege verbunden
ist. Sowohl diese Huser als die anderen und die der Huptlinge _Bo
Lea_ und _Bo Ibau_ sind durch derartige Stege verbunden, so dass man
die ganze Niederlassung, ohne den Boden zu berhren, passieren kann.

Whrend unter den Husern der meisten Bahau nur die nackte Erde
mit allen Abfllen des Hauses zu sehen ist, ist der Boden unter den
Wohnungen der Long-Glat zur Hlfte gedielt, auch fhren von hier aus
in jede Einzelwohnung Treppen. Der brige Teil des Raumes ist durch
Verschlge, in denen Ferkel oder besonders schne Schweine gezogen
werden, eingenommen. Die Long-Glat bauen ihre Huser ohne Galerieen,
die ihnen unterworfenen Stmme haben sich aber, trotzdem sie ber ein
Jahrhundert mit ihnen zusammenwohnen, neben anderen Eigentmlichkeiten,
auch ihren alten Baustil erhalten. Ihre langen Huser ruhen, wie
die der brigen Bahau, auf Pfhlen und besitzen eine durchlaufende
Galerie. _Bo Leas_ Haus liegt unterhalb derjenigen der brigen
Long-Glat, dann folgen die der Ma-Tuwan, Batu-Pala und Long-Tepai.

Ein Glied der Huptlingsfamilie der Ma-Tuwan erzhlte mit Stolz,
dass der Kontrolleur die letzten Tage in ihrer Galerie gewohnt
hatte, aus Furcht, durch das _lali parei_ der Long-Glat aufgehalten
zu werden, da er beim ersten Fallen des Wassers weiterreisen
wollte. Der Felsblock, an dem der Wasserstand abgelesen wurde,
war aber whrend der ganzen Verbotszeit der Long-Glat unter Wasser
geblieben, so dass der Kontrolleur sich lngere Zeit bei ihnen hatte
aufhalten mssen. Zu meiner Zufriedenheit hrte ich, dass die Frau
des Huptlings ihren ganzen Satz _klinge tedak_ (Ttowierbrettchen)
dem Kontrolleur verkauft hatte. Ich hatte nmlich _Barth_ gebeten,
jede Gelegenheit, schne Gegenstnde aufzukaufen, zu bentzen, und
ihn mit allem Ntigen versehen.

Spt abends kehrte _Njok Lea_ von seinem Reisfeld am Tepai zurck;
man schien ihn vor uns gewarnt zu haben, denn er liess seine Familie
und, die seines Vaters auf dem Felde bernachten. Er empfand eine
gewisse Genugtuung, dass es den Kajan noch immer nicht geglckt war,
die Reise mit mir zu unternehmen, auch berichtete er mit Stolz, dass
er dem Kontrolleur nach Long Deho das Geleite gegeben hatte und dass
er ihn noch weiter gebracht htte, wenn der Kontrolleur nicht dort
auf mich htte warten wollen. Er erzhlte ferner, dass _Bang Jok_
unterhalb der Wasserflle einen Wachtposten aufgestellt hatte, um
ihn, sobald wir nach unten kmen, zu benachrichtigen, und dass er
damals mit Frau und Kindern sein Haus eiligst verlassen hatte. Der
alte Huptling _Bo Adjang Ledj_ und dessen Familie waren aber zu
Hause geblieben und hatten _Barth_ freundlich empfangen.

Obgleich sie vom Kontrolleur bereits gut bedacht worden waren, kehrten
die Huptlingsfamilien in den folgenden Tagen von ihren Reisfeldern
heim, um auch von mir Geschenke in Empfang zu nehmen. Glcklicher
Weise hatte ich darauf gerechnet und von Anfang an einige Sachen bei
Seite gelegt. Es zeigte sich, dass der Satz Armbnder aus Elfenbein,
den ich einstens _Hinan Lirung_ gegeben hatte, seine Wirkung bis
hierher geltend machte, denn _Bo Lea_ bat sich fr seine Frau den
gleichen Schmuck aus. Ich ging bei der Austeilung der Geschenke mit
berlegung zu Werke, da ich sehr viele Menschen und noch dazu nach
ihrem Range zu beschenken hatte. Darauf blieb mir nichts weiter zu
tun brig, als Patienten zu behandeln und auf den Neumond zu warten,
an dem _Kwing Irang_ kommen sollte. Als ich von diesem nichts hrte
und einige Gerchte ber seine Ankunft sich als falsch erwiesen, wuchs
meine Ungeduld aufs neue. Des hohen Wasserstandes wegen kamen auch
aus Long Deho keine Bte heraufgefahren, so dass ich sehr froh war,
als sich vier Fremde dazu berreden liessen, mit einem kleinen Boot,
das sie ber die Felsen tragen oder ziehen konnten, nach Long Deho
zu fahren, um dem Kontrolleur einen Brief zu bergeben.

Zu unserem Trost fanden wir hier bei den Long-Glat mehr zu essen als
in den letzten Monaten bei den Kajan. Unsere Schutzsoldaten schossen
in der Nhe einiger Salzquellen in kurzer Zeit ein wildes Rind und
zwei Hirsche, die nicht nur frisches Fleisch, sondern auch Proviant
fr die Reise lieferten. Das Konservieren von Fleisch durch Ruchern
und Salzen war mir frher mehrmals missglckt; _Bier_, der die Arbeit
diesmal auf sich nahm, erzielte ein gutes Resultat, indem er das
Fleisch in Stcke, die 2-3 dm lang, 1 1/2 dm breit und 3-4 cm dick
waren, schneiden und einen Tag lang ber einem Holzfeuer trocknen
und ruchern liess. Selbst das fette Schweinefleisch liess sich auf
diese Weise aufbewahren. So hatten wir von der Menge Fleisch, die
ein grosses Stck Wild liefert, mehrmals einige Wochen essen knnen,
was uns bei Stmmen, die nur eine geringe Anzahl Hhner hielten und
bei denen auch der Fischfang wenig ergab, sehr willkommen war.

Meine Gesandten brachten erst am 28. April, nachdem das Wasser
stark gefallen war, aus Long Deho den Bericht, dass unsere ganze
Gesellschaft dort lngere Zeit geblieben war und mit den Bewohnern auf
freundschaftlichem Fuss verkehrt hatte, dass sie aber aus Furcht,
wiederum durch Hochwasser aufgehalten zu werden, den gnstigen
Wasserstand bentzt hatte, um den Fluss weiter hinunter zu fahren. Der
Kontrolleur war, als unsere Gesandten ihre Rckreise antraten, bereits
abgereist, whrend _Bier_ sich sogar einen Tag vorher aufgemacht hatte,
um den Fluss zu messen.

Das Wasser fiel stndig, daher suchte ich zum soundsovielten Male,
_Bo Lea_ und _Bo Ibau_ dazu zu bewegen, mir ber die Wasserflle zu
helfen. Die beiden Huptlinge waren nmlich, aus Furcht vor _Kwing
Irang_, dem daran gelegen war, uns persnlich zu begleiten, bisher
meinem Drngen gegenber taub geblieben.

Ein wichtiger Umstand kam mir zu Hilfe. _Hadji Umar_ hatte durch meine
Leute _Njok Lea_ melden lassen, dass dieser mit den 600 Packen Rotang,
die sie gemeinschaftlich besassen, so schnell als mglich hinabfahren
solle, um die Ware mit ihm unten am Mahakam zu verkaufen. Das half. Nun
fand sich pltzlich eine gengende Anzahl junger Leute zur Reise bereit
und obwohl ich wusste, dass es ihnen hauptschlich um den Rotang zu tun
war, erfreute mich die Aussicht, wieder ein Stck weiter zu kommen,
doch zu sehr, um dem Zufall nicht dankbar zu sein. Eine Verzgerung
von einigen Tagen wurde noch dadurch bewirkt, dass einige Leute
vom Meras berichteten, _Kwing Irang_ sei im Begriff aufzubrechen
und _Sorong_ befinde sich bereits am Meras. An diesem Tage traf
jedoch niemand ein und als ich am folgenden einige Mnner in einem
Boot nach oben auf Kundschaft schickte, kamen sie mir abends melden,
dass man dort nichts wisse. In der Ungewissheit, ob es _Kwing Irang_
jemals gelingen wrde, abzureisen, beschloss ich, die Reise mit _Njok
Lea_ zu unternehmen. Dieser hatte es nun mit seinem Rotang so eilig,
dass er nicht einmal dafr war, ein Boot zu _Kwing Irang_ zu senden,
um zu sehen, wie es dort stand.

Am 3. Mai sollten wir wiederum warten, weil einer der Reisegenossen
noch nicht vom Reisfelde zurckgekehrt war, aber ich setzte die Abreise
doch leicht durch. Es schlossen sich uns auch einige Bte mit Frauen
und Kindern an, die unter unserem Schutze Familienglieder in Long Deho
besuchen wollten. Um 9 Uhr brachen wir auf und zwar ohne den Rotang,
der, aus Mangel an Hilfskrften, erst nachdem man uns bis oberhalb
der Wasserflle gebracht hatte, abgeholt werden sollte.

Bei Long Tepai betrgt die Breite des Mahakam 200 m, unmittelbar
unterhalb der Niederlassung wird das Flussbett aber von hohen, felsigen
Ufern eingeengt. Dabei treten bei niedrigem Wasserstande zahlreiche
Felsblcke aus dem Flussbett hervor, so dass eine grssere Anzahl
Bte nur hinter einander dem gewundenen Fahrwasser folgen kann. Nach
einstndiger Fahrt erreichten wir, nachdem der Kiham (Wasserfall)
Hulu in dieser gnstigen Zeit mit einiger Vorsicht hatte befahren
werden knnen, den mir von 1897 her bekannten Lagerplatz oberhalb des
Kiham Hida, von dem aus das Gepck und die Bte eine grosse Strecke
weit getragen werden mussten.

An der Stelle, an der wir uns eben befanden, windet sich der Mahakam um
den Batu Ajo; an seinem rechten Ufer erheben sich beinahe horizontale
Sandsteinschichten in senkrechten, ber 100 m hohen Wnden, whrend
am linken Ufer ein viel hheres Gebirge, der Ong oder Batu Hida,
steil aufsteigt. Da der Fluss sich sein Bette in den harten, weissen
Hornstein, der in 1/2-1 m mchtigen Schichten unter dem Sandstein
liegt, hat erodieren mssen, ist sein Bette ber eine etwa 2 km weite
Strecke sehr schmal und die Wassermassen, die bei Long Tepai noch
eine Breite von 200 m zur Verfgung hatten, drngen sich hier durch
einen 15-20 m breiten Spalt hindurch.

Diese Stelle kann nur bei sehr tief stehendem Wasser passiert werden,
da bei hohem und besonders bei steigendem Wasserstande die Strmung
sehr reissend ist. Auch im gnstigsten Falle muss alles Gepck aus
den Bten genommen werden. An den schwierigsten Stellen werden die
kleineren Bte mit Hilfe von Baumstmmen, welche als Rollen bentzt
werden, ber die Felsen gezogen, whrend die grossen Bte, die alle
mit einem sehr hohen Rande versehen sein mssen, von den Mnnern ber
die Flle gefahren werden mssen. Das Gepck wird auf den Felspfaden
des linken Ufers hinabgetragen. Die Stellen, an denen Felsen oder
Gerllbnke grssere Flle verursachen, oder die ihrer Enge wegen
besonders gefhrlich sind, tragen, von oben nach unten gerechnet,
folgende Namen: Kiham Hulu; K. Hida; K. Nb; K. Lobang Kubang;
K. Binju; K. Benpalang; K. Kenh.

Sobald wir oberhalb des Kiham Hida angelangt waren, ging ein Teil
der Mnner Rotang fr unsere Bte suchen, ein anderer begab sich nach
Long Tepai zurck, um nun auch die Bndel Rotang hinunter zu befrdern.

_Njok Lea_ hatte den Rotang, der unter seinem Hause aufbewahrt lag,
bereits am Tage zuvor in dicke Bndel binden und diese am gleichen
Morgen ins Wasser bringen lassen. Die Bndel (_gulung_) bestehen in der
Regel aus 40 Stcken Rotang von 3-4 Faden Lnge, die mit Rotangtauen
zusammengebunden werden. Fr den Transport zu Wasser vereinigt man
diese _gulung_ zu Bndeln von 1 m Durchmesser und lsst sie einfach
von der Strmung abwrts treiben, wobei einige in den Wasserfllen
zwar auseinander gerissen werden und verloren gehen, die meisten
aber heil ankommen. Unterhalb der Wasserflle werden die Bndel zu
Flssen zusammengefgt, die je von einem Steuermann flussabwrts
gelenkt werden. Nach einiger Zeit kehrten die Mnner zu uns zurck
und bald darauf trieb ein Rotangbndel nach dem anderen an uns vorbei
und suchte sich durch die brausenden Wasser massen seinen Weg. Einige
Mnner fingen die Bndel in dem ruhigen Becken auf, das sich unterhalb
des Lobang Kubang befindet, und banden sie dort vorlufig fest,
um sie spter die folgenden Flle hinuntertreiben zu lassen.

Mit Rcksicht auf den vorausgeschwommenen Rotang wurde es fr
ratsam gehalten, nicht am Kiham Hida, sondern weiter unten das Lager
aufzuschlagen, und so beeilte man sich, alles wertvolle Gepck und
die Kisten mit Ethnographica dorthin zu schaffen. Die Familien,
die mit uns reisten, hatten gleich nach ihrer Ankunft begonnen, ihr
Gepck so weit als mglich abwrts zu tragen. Da sie einen grossen
Reisvorrat mitgenommen hatten, um ihn in Long Deho, wo Reismangel
herrschte, zu hohen Preisen zu verkaufen, hatten sie sehr grosse
Lasten zu befrdern. Trotzdem hatten sie es so eilig, weiterzukommen,
dass sie nicht mit uns Schritt hielten. Als sie daher weiter unten,
statt den Reis mit uns ber Land zu transportieren, die kleineren
Wasserflle hinunterfahren wollten, schlugen ihre zu schwer beladenen
Bte um und die Mnner verloren zwar nicht ihr Leben und ihre Bte,
aber ihren kostbaren Reis.

Ich sorgte dafr, dass alles, was getragen werden konnte, aus den
Bten geholt wurde; alle Pflanzen mussten natrlich im grossen Boot
bleiben, ebenso die grossen Kisten. Obwohl ihm sein Rotang sehr am
Herzen lag, traf _Njok Lea_, in gleicher Weise wie frher _Akam Igau_
und _Kwing Irang_, alle Vorsichtsmassregeln beim Transport, so dass
kein Boot umschlug und keine Kiste fiel. Nachts sank das Wasser noch
um einen halben Meter, die grossen Bte konnten daher am folgenden
Morgen ohne grosse Gefahr die Flle passieren. Da die Kajan unter
_Kwing Irang_ 1897 das grosse Boot mit lebenden Pflanzen wohlbehalten
nach unten geschafft hatten, lag den Long-Glat viel daran, ihnen an
Geschicklichkeit nicht nachzustehen. Sie wussten auch, dass ich damals
durch die beiden Flle Binju und Kenh gefahren war, und schlugen mir
vor, es diesmal auch mit ihnen zu versuchen. Das Wagstck erschien
mir nicht gross und ich befand mich bereits mitten auf dem Fluss,
als ich am Ufer _Njok Lea_ bemerkte, der aus Verzweiflung ber unser
ruchloses Unternehmen die Arme in die Luft erhob; doch verloren seine
Leute das Vertrauen nicht.

Der Kiham Binju, der auf den Lobang Kubang folgt, stellt eine verengte
Flussstelle mit heftiger Strmung dar, aus welcher hohe Felsblcke
hervorragen. Mit einiger Vorsicht legt man die erste Strecke gut
zurck, dann aber wird das Boot von einer Stromschnelle gepackt
und geradeaus auf eine alleinstehende Felsspitze geschleudert. Die
Wassermassen, die rechts vom Felsen verhltnismssig ruhig fortstrmen,
prallen etwas weiter unten an das hohe Ufer an, links aber bilden sie
einen Strudel, dessen mittlerer Trichter bei normalem Wasserstande
sicher einen Meter tief ist. Da man, um rechts weiter unten nicht an
das felsige Ufer geschleudert zu werden, ber diese Stelle hinweg
muss, kann sie nur von langen, schweren Bten, die mit grosser
Geschwindigkeit ankommen und sich daher nicht leicht ablecken lassen,
berwunden werden. Das Wagstck gelang, aber _Njok Lea_ liess es doch
nicht zu, dass _Demmeni_ uns in dem zweiten grossen Boote folgte. Wir
bernachteten unterhalb des Binju. Die Nacht blieb trocken, aber
morgens hrten wir es im Osten gewittern, auch fiel ein schwacher
Regen. Der Fluss begann sogleich zu steigen, doch ist, um den Kiham
Kenh zu passieren, ein hoher Wasserstand gnstiger als ein sehr
niedriger. Wir beeilten uns daher mit unserer Mahlzeit und fuhren bis
zum Anfang des Kenh. Hier beschlossen wir, das Gepck nicht auf dem
Bergpfade nach Hait Aja (grosser Sand), unserem nchsten Lagerplatz,
tragen zu lassen, sondern mit ihm die Fahrt zu wagen.

Der Wasserstand war fr mein grosses Boot gerade der richtige und ich
begann die Fahrt, wie frher bereits, stehend. Die heftige Strmung
brachte aber das Fahrzeug so sehr ins Schwanken, dass ich mich setzen
musste, um nicht umzufallen, und gleich hinter Kelang Gak, wo sich
ein kleiner Fluss ber 50 m hohe Felsen in den Mahakam ergiesst,
schlug eine Welle ber das Boot. Der grosse Bootsraum fllte sich
aber nicht so leicht mit Wasser und da wir uns hier am Ende der
Flussenge befanden, beunruhigten wir uns nicht. Im Kenh werden die
Wassermassen durch zwei hohe Felsen in einem sicher nicht ber 15 m
breiten Bette wie durch einen Trichter gepresst, derart, dass sie in
der Mitte wild dahinschiessen, zu beiden Seiten aber einige Meter
weit ruhiger strmen. Die Bemannung musste nun das Boot nicht nur
in diesem ruhigeren Wasserstreifen zu halten suchen, sondern es auch
schneller als die Strmung fortbewegen, da es sonst am hinteren Ende
gepackt und mit der Spitze gegen die Felswand oder in das tobende
Wasser gedreht worden wre; in beiden Fllen schlgt das Boot um und
zerschellt in der Regel vollstndig.

Bevor meine Leute noch lngs des Uferpfades _Demmeni_ erreicht hatten,
um auch ihn im zweiten grossen Boot durch den Kenh zu befrdern,
stieg das Wasser um 6 Meter. Die Felsen am Anfang des Kenh wurden fast
gnzlich berflutet und weiter abwrts geriet die ganze Wasserflche
in Aufruhr und bildete zwei grosse Strudel, ber die unser Boot aber
noch gut hinwegkam. Schlimmer erging es dem Malaien _Bang W-a_, der
mit uns nach Udju Tepu reisen wollte, weil er sich nach der Ermordung
seines Halbbruders _Adam_ bei den Bahau nicht mehr sicher fhlte. Der
Mann hatte sein kleines Boot hinter das grosse von _Njok Lea_ gebunden,
wurde aber vom Strudel losgerissen und verschwand in der Tiefe. Nach
einiger Zeit kam er aber, zur grossen Belustigung der Long-Glat,
mit seinem Boote wieder nach oben und wurde von ihnen fr den Verlust
seiner Sachen so reichlich entschdigt, dass er sein Untertauchen kaum
zu bereuen hatte. Des mit enormer Schnelligkeit steigenden Wassers
wegen machten sich die Leute um die Rotangbndel, die oberhalb der
letzten Flle angebunden waren, Sorgen. Nach einiger Zeit wurden auch
die ersten Bndel heruntergetrieben und bei Halt Aja, wo das Wasser
stiller wurde, mit vieler Mhe ans Land gezogen. Einige Mnner begaben
sich zu Fuss wieder nach oben, um auch die brigen Bndel zu lsen,
damit sie nicht hoch auf den Felsen liegen blieben, von wo man sie
bei niedrigem Wasserstande nur schwer in den Fluss htte schaffen
knnen. Viele wurden auf dem Wege nach unten zwischen Felsblcken
und Baumstmmen eingeklemmt und mussten befreit werden. Glcklicher
Weise blieben die Bndel heil und kamen, nachdem man auch noch den
folgenden Tag mit ihnen zu tun gehabt hatte, wohlbehalten an.

Eine Gesellschaft Buschproduktensucher, Kahjan Dajak, die uns entgegen
kam, berichtete, dass sie dem Kontrolleur unterhalb des Kiham Halo,
wo er sein Lager aufgeschlagen hatte, begegnet war. Da das Wasser
ebenso schnell fiel als es gestiegen war, konnten wir am 7. Mai ruhig
nach Long Deho weiterfahren.

Bei unserer Ankunft trafen wir nur den alten Huptling _Bo Adjang
Ledj_ mit einer grossen Anzahl weiblicher Familienglieder zu
Hause. Wir wurden in dem verlassenen Hause des Malaien _Inoi_
empfangen, der aus Bandjarmasin gebrtig und hier einige Jahre
als Schreiber und Berater _Bang Joks_ ttig gewesen war. Er hatte
mit vielen seiner Stammesgenossen in einer der Schulen, welche die
Rheinische Mission in der "Zuider-Afdeeling" errichtet hat, seine
Bildung genossen. Auch _Barth_ hatte in seinem Hause gewohnt. Nachdem
wir uns eingerichtet hatten, begannen wir Umschau zu halten und die
alten Bekannten zu begrssen.

Obgleich Long Deho ein sehr grosses Dorf ist, eine zahlreiche
Bevlkerung enthlt und von Hndlern von der Kste, die hier vor
allem in Buschprodukten Handel treiben, viel besucht wird, sieht
es doch bauflliger und vernachlssigter als die Niederlassungen
weiter oben am Flusse aus. Dies ist zum Teil der geringen Energie der
Bewohner zuzuschreiben, die in bereinstimmung hiermit unter allen
Mahakamstmmen am meisten an Nahrungsmangel leiden.

Der greise _Bo Adjang_, der mich vor zwei Jahren noch humpelnd in
meiner Wohnung besucht hatte, war inzwischen so zusammengefallen, dass
er abgezehrt und mit geschwollenen Gelenken bewegungslos auf seiner
Matratze sass und sich von seinen zahlreichen Tchtern und Frauen
pflegen liess. Er musste ungefhr 90 Jahre alt sein, denn er erinnerte
sich noch, mit etwa 15 Jahren, _Georg Mller_ 1825 bei seinem Vater
gesehen zu haben. _Adjang_ war nmlich der jngste Sohn des berhmten
Long-Glat-Huptlings _Bo Ledj Aja_, der seiner siegreichen Kriegszge
wegen als der _Napoleon_ von Borneo bezeichnet worden ist. Da die Bahau
in Bezug auf alles, was die Ermordung von _Georg Mller_ betrifft,
sehr verschlossen sind, hatte ich mit _Adjang_, als einem Augenzeugen,
Bekanntschaft geschlossen. Er erzhlte, dass _Georg Mller_ ein Mann
mit einem grossen Bart gewesen sei; auch zeigte er min _Mllers_
Feuersteingewehr, das ich ihm abkaufte. _Adjang_ war infolge seines
Alters minder zurckhaltend als die anderen und berichtete mir einiges
ber _Mllers_ trauriges Ende (pag. 281).

Wie ich mich bei _Bo Adjang_ berzeugen konnte, wird die Vielweiberei
bei den Long-Glat-Huptlingen unter malaiischem Einfluss in weit
hherem Grade als oberhalb der Wasserflle betrieben. Von _Adjangs_
zahlreichen Frauen lebten noch fnf, von denen zwei zur Arbeit bereits
zu alt waren, drei aber alle Dienste verrichteten, die anderswo den
Sklavinnen zufallen. Eine der Frauen war so jung, dass sie erst seit
wenigen Jahren seine Gattin sein konnte. Ferner waren vier verheiratete
Tchter anwesend, weil der Tod des kranken Vaters jeden Augenblick
erwartet wurde.

_Adjangs_ ltester Sohn, _Ibau Adjang_, und zwei Sklavinnen
vervollstndigten die Familie, deren Zusammenleben durch Zwistigkeiten
aller Art so unangenehm geworden war, dass man seit meinem vorigen
Besuch ein grosses Wohngemach angebaut hatte, in dem nun zwei Frauen
mit ihren Kindern getrennt lebten. In dem gleichen Genrache hatten auch
_Ibau Adjang_ und seine Schwester _Dw Adjang_ ihre eigenen Kammern,
in denen sie schliefen und ihr Privateigentum bewahrten.

Am folgenden Morgen hatte ich meine Toilette noch kaum beendet, als
vier von _Adjangs_ Frauen bei mir eintraten und meine Tauschartikel,
von denen ihnen der Kontrolleur viel erzhlt hatte, besichtigen
wollten. _Barth_ selbst hatte seinen Vorrat bereits in Long
Tepai fast gnzlich erschpft und so hatte man alle Erwartung auf
mich gespannt. Ich fhlte mich der Huptlingsfamilie gegenber
ohnehin verpflichtet, und da _Bang Jok_ geflohen war, kam meine
Freigebigkeit der Familie _Adjang Ledjs_ zugute. Zuerst musste ich
wiederum die Armbnder aus Elfenbein zeigen; vorsichtshalber holte
ich auch nur diese aus der Kiste hervor. Von den Frauen hatte keine
ein grosses Geschenk von mir zu beanspruchen, aber die einen waren
etwas angesehener oder sympathischer als die anderen, so dass ich
bald merkte, dass ein Satz Armbnder nicht gengen wrde. Die vier
vorhandenen Stze wurden auch sogleich von den Damen in Beschlag
genommen, doch sahen sie ein, dass ich sie unmglich alle abtreten
konnte; da sie sich jedoch ebensowenig von den Armbndern zu, trennen
vermochten, verfielen sie auf den Ausweg, mir hbsche Perlenmtzen und
andere kostbare Perlenverzierungen als Gegengeschenk anzubieten. Die
einen zeigten sich hierin freigebiger als die anderen, und so gelangte
ich in kurzer Zeit zu mehreren schnen Stcken, die ich auf andere
Weise nicht htte erwerben knnen. Mit diesen Unterredungen und der
Behandlung _Adjangs_, den ich von Fieber und Husten befreien sollte,
und vieler anderer Kranken verging der Tag. Da ich den gnstigen
Wasserstand noch bentzen wollte, um die folgenden Wasserflle zu
passieren, war ich sehr wenig erbaut, als abends die Nachricht kam,
dass es _Njok Leas_ Leuten noch nicht gelungen war, allen Rotang
von Hait Aja abzuholen; berdies mussten die Bndel hier von neuem
gebunden werden.

_Sekarang_ hatte, durch die Erfahrung belehrt, bereits abends zuvor
alle Pflanzen unter dem Palmblattdache des grossen Bootes hervorholen
und an Land bringen lassen. Da er dies bei jedem Aufenthalt tun
liess, litten seine Pfleglinge nur whrend der Fahrt durch Hitze,
Dunkelheit und schlechte Luft. Sie sahen in der Tat nach unserer
Ankunft am unteren Mahakam nicht schlechter als am oberen aus.

Whrend ich als Arzt einen Rundgang durch die Niederlassung machte,
wurde es mir pltzlich klar, warum es mit dem Herbeischaffen des
Rotang so langsam vorwrts ging; in der einen Familie, in der sich
ein hbsches junges Mdchen befand, traf ich den einen Long-Glat,
in einer anderen den anderen u.s.f. Die jungen Leute, die _Njok
Lea_ mitgenommen hatte, fanden hier so viele Bekannte und liebe
Verwandte, dass sie in den ersten Tagen nur fr diese Sinn hatten
und _Njok Lea_ nicht viel mit ihnen anstellen konnte. Nachts lag
er auch beinahe allein in dem grossen Raume, der den Long-Glat in
unserem Hause angewiesen worden war, whrend die brigen die Vorrechte
genossen, welche die unverheirateten Frauen den Junggesellen gewhren
drfen. Erst am dritten Tage waren alle Bndel geordnet, aber noch
nicht zu einem Floss, das man schon hier zusammenstellen wollte,
vereinigt worden. Das Wasser war indessen wieder gestiegen und die
Gerllbank, die am jenseitigen Ufer den richtigen Wasserstand fr
das Passieren der unteren Wasserflle angab, war bereits berschwemmt.

In meiner Besorgnis, durch Hochwasser in Long Deho aufgehalten zu
werden, begrsste ich am anderen Morgen die wenigen Grashalme, die
auf der Gerllbank hervortauchten, mit Freude, und da das Wasser
stets weiter fiel, suchte ich _Njok_ zur Abreise zu berreden. Der
grossen Gefahr wegen weigerten sich viele, aber ich liess alles
Gepck in meine Bte bringen, erstens um in der Nhe des Kiham Udang,
des gefhrlichsten Falles zu sein, sobald das Wasser eine Fahrt
auf demselben zuliess, zweitens um auf die Long-Glat einen Druck
auszuben. _Njok_ zeigte sich endlich, wenn auch zgernd, damit
einverstanden, uns in den zwei grossen Bten weiter zu befrdern;
fr die kleinen wre die Reise zu gefhrlich gewesen, was ich nur zu
bald selbst merkte, denn obgleich ich frher bereits bei gnstigem
Wasserstande diesen Teil des Flusses hinabgefahren war, hatte ich nicht
gedacht, dass ein Unterschied von zwei Fuss im Niveau des Wassers
einen solchen Einfluss auf die Strmung haben knnte. Gleich hinter
den beiden, von den Long-Glat abhngigen Niederlassungen Batu Pala und
Uma Wak verengt sich das Flussbett von 150 auf 75 m und weiter unten
bahnt sich der Fluss zwischen grossen Sandsteinfelsen (Batu Brang),
die nur etwa 40 m von einander entfernt sind, einen Weg. Nachdem wir
hier mit grosser Geschwindigkeit hindurch gefahren waren, gerieten wir
an eine Stelle, wo das gestaute Wasser, das sich pltzlich verbreiten
kann, sehr gefhrliche Strudel bildet, die wir nur dank der Schwere
unserer Bte und der Geschicklichkeit unserer Mannschaft berwinden
konnten. Weiterhin wird der Fluss durch hohe, senkrechte Wnde wiederum
in ein schmales, nur 60-70 m breites Bette gezwngt, so dass ich der
stets heftig bleibenden Strmung wegen schliesslich doch bereute,
nicht gewartet zu haben. Ich hoffte jedoch auf ein baldiges Fallen
des Wassers und bat daher _Njok_, der nach Long Deho zurckkehrte,
so schnell als mglich nachzukommen.

Den Udang zu passieren war unmglich, denn in seiner engen Schlucht
schlugen die zusammengepressten Wassermassen in hohen Wellen
empor, whrend halbuntergetauchte Felsen unregelmssige Strmungen
verursachten. Dreihundert Meter weiter aufwrts befand sich aber
am linken Ufer eine kleine, von Felsen eingeschlossene Bucht, in
der bei normalem Wasserstande Sand und ste blosslagen, jetzt aber
zwei Meter tiefes Wasser stand, das zum Unterbringen unserer Bte
gerade gengte. _Njok_ begab sich zu Lande nach Long Deho zurck
und zwar schweren Herzens, da er mich nicht dazu bewegen konnte,
mit ihm zu gehen, und uns allein mit unseren Malaien und Javanern
zurcklassen musste. Wir litten jedoch weniger durch den Gedanken an
irgend welche Gefahren als durch den rger ber das Steigen des Wassers
und verbrachten im brigen in unseren Bten eine sehr ruhige Nacht.

Das Wasser war morgens noch nicht gefallen; ich liess daher auf dem
hohen Uferwall einen Platz aushauen, auf dem _Sekarang_ die Pflanzen
der frischen Luft aussetzen konnte. Kurz darauf erschienen fnf
Long-Glat, die _Njok_ in seiner Besorgnis geschickt hatte, um auf
uns und unsere Bte zu achten. Sie erzhlten, dass _Njok_ am vorigen
Abend vor Erregung nicht hatte essen knnen. In unserem feuchtkalten
Schlupfwinkel, in wenigen Metern Abstand vom brausenden Fluss,
verbrachten wir drei Tage, whrend welcher das Wasser abwechselnd 6
m stieg und dann um ebensoviel wieder fiel. Da der Wald sehr steil
anstieg, konnten wir uns keine Bewegung verschaffen, doch gewhrte
das wilde Tosen der Wasser im Kiham Udang einen prachtvollen Anblick.

Am 16. Mai, als das Wasser zwar etwas gefallen war, aber doch noch
mit grosser Schnelligkeit an unserem Schlupfwinkel vorberschoss,
usserten des Morgens vier unserer Long-Glat den Wunsch, mit ihrem Boot
bis nach Uma Wak zurckzufahren, um dort ihren Vorrat an Sirihblttern
zum Betelkauen zu erneuern. Obgleich ich das Unternehmen sehr gewagt
und mit dem Anlass in keinem Verhltnis fand, war ich doch zu sehr
daran gewhnt, mich in derartigen Angelegenheiten der Meinung der Bahau
zu fgen, die vom Befahren dieser Flsse so viel mehr als die Weissen
verstehen, als dass ich mich ernsthaft ihrem Wunsch widersetzt htte.

Eine Stunde darauf, als wir neben einander auf dem Uferwall sassen,
bemerkten wir ein Boot mit Schilden, das an uns vorber trieb,
als htte es sich eben vom Ufer gelst. Wir beunruhigten uns daher
keineswegs, fanden es aber schade, dass die Strmung zu heftig war, um
das Boot durch Schwimmen vom Untergang im Udang zu retten. Wir mussten
ruhig zusehen, wie es dort von den Wellen einige Male emporgehoben,
mit Wasser gefllt und in die Tiefe gezogen wurde.

Zu unserer Verwunderung erschien ungefhr eine Stunde darauf einer der
vier Long-Glat, _Lugat_, mit einigen Bewohnern von Uma Wak und fragte
uns, ob sein Bruder _Adjang_ und _Ibau_ nicht bei uns seien. So viel
wir aus seiner verworrenen Erzhlung begriffen, waren sie in ihrem
Boot hinaufgefahren, aber bald von einem Strudel erfasst worden,
wobei _Lugat_ aus dem Boote geschleudert wurde. Nachdem dieser,
nach lngerem Kampf mit dem Wasser, die Oberflche erreichte hatte,
rettete er sich schwimmend ans Ufer. Dort fand er den einen Gefhrten,
_Dja-ang_, dem es ebenso ergangen war. Von den beiden anderen wussten
sie nichts. Da sie an diesem Tage nicht zurckkehrten, waren sie
augenscheinlich ertrunken. Den Leuten von Uma Wak traten die Trnen in
die Augen, als sie hrten, dass die beiden nicht bei uns waren, und
_Lugat_ brach in heftiges Weinen aus, rief nach _Adjang_ und _Ibau_
und machte sich Vorwrfe, dass er nicht besser fr sie gesorgt hatte.

_Demmeni_ und ich standen selbst noch so sehr unter dem Eindruck des
pltzlichen Todes der beiden tchtigen jungen Leute, mit denen wir
kurz zuvor gescherzt hatten, dass wir keine Trostworte fanden. In
unserer unglcklichen Lage und in dieser wilden, finsteren Umgebung
fhlten wir uns durch das Geschehene doppelt niedergeschlagen. Schwere
Wolken hingen ber uns und ununterbrochen fiel ein feiner Staubregen.

Im Lauf des Tages traf _Njok_ tief betrbt bei uns ein. Obgleich
ich indirekt an dem Unglck die Schuld trug, indem ich zu frh von
Long Deho aufgebrochen war, hrte ich kein Wort des Vorwurfs; nur
betrauerten alle den Verlust der Ihrigen und _Lugat_ qulte sich
unaufhrlich mit Selbstvorwrfen.

Die Leute von Long Deho und Uma Wak kehrten mit _Njok_ nach Hause
zurck und liessen andere Dorfgenossen bei uns. Am anderen Morgen
kam _Njok_ zu uns und sagte, er habe abends mit anderen beschlossen,
hier neun Tage zu verbringen, da die Leichen, die er gern begraben
wollte, in dieser Zeit an die Oberflche kommen wrden. Die Bewohner
der anderen Niederlassungen sollten ihm helfen. Ich war berzeugt,
dass die heftige Strmung die Leichen abwrts getrieben haben musste,
aber _Njok_ behauptete, dass dies nicht der Fall sei. Nach einiger Zeit
trafen auch _Ibau Adjang_ und einige Bte der Uma Wak und Batu Pala
ein, um suchen zu helfen. Ein Lager wurde oberhalb und ein zweites
unterhalb des Kiham Udang aufgeschlagen. Zu meinem Erstaunen brachte
mir _Njok_ noch eine andere, erfreuliche Nachricht, nmlich, dass die
Kajan mit _Kwing Irang_ bereits in Long Deho waren und dass _Sorong_
sogleich kommen wrde, um zu berichten, warum sie so lange mit der
Abreise gezgert htten.

Gleich nach dem Essen traf _Sorong_ wirklich ein und erzhlte, dass
_Kwing Irang_, seinem Plan gemss, beim _bulan pusit_ (Neumond) mit
ihm ein _melo njaho_ gehalten hatte, dass aber am Abend des zweiten
Tages alle Gonge in der Niederlassung ertnt hatten, weil ein Ehepaar,
_Anjang Bawan_ und _Anja Song_, die am Abhang des Batu Mili Harz
suchten, noch nicht zurckgekehrt waren. Es blieb ihnen nichts brig,
als mit allen anderen auf die Suche zu gehen, was vier Tage dauerte,
worauf _Anjang_, man wusste nicht wie, pltzlich in einer Htte
erschien, in der einige alte, halb blinde Mnner wohnten. Sein Mund
war voll Erde, die man nur mit Mhe entfernen konnte, auch konnte er
beinahe nicht sprechen. Aus seinen verwirrten Antworten erfuhr man nur,
dass er und seine Frau durch Geister erschreckt worden waren und dass
diese sie auf den Berg mitgenommen hatten. Im Reiche der Geister, die
gerade Neujahr feierten, hatten sie einander aus dem Auge verloren;
doch hatte sich _Anjang_ trotzdem am Hhner- und Schweinefleisch
gtlich getan. Nach einigen Tagen, als man sich gemeinschaftlich ber
hohe Bretterstege zu den Geistern auf dem gegenberliegenden Batu
Kasian begab, fiel _Anjang_ vom Stege und langte pltzlich bei den
alten Mnnern an. Seit der Zeit war er sehr verschlossen und wollte
nichts mehr erzhlen. Auch nach viertgigem Suchen hatte man _Anja
Song_ nicht gefunden, aber _Kwing_ hatte nicht lnger warten wollen und
war abgereist. Ich zweifelte nicht an der Wahrheit dieses Berichtes,
wusste aber nicht, was ich davon denken sollte, und erhielt auch von
_Sorong_ keinen Aufschluss.

Am 18. Mai, gegen Mittag, traf _Kwing Irang_ mit 10 Leuten bei uns
ein. Dass er nun doch die Reise mit mir fortsetzen konnte, schien
ihn sichtlich zu bewegen und ich war zu froh, diese Unglckssttte
verlassen zu knnen, um ihm der endlosen Verzgerungen wegen Vorwrfe
zu machen. Hierzu hatte ich, mit meiner berlegenheit an Kenntnissen
und Handlungsfreiheit brigens kein Recht, da er ohnehin meinetwegen
mit den berzeugungen und Sitten seines Stammes einen stndigen
Kampf fhrte.

_Kwing_ erklrte auch jetzt, nicht mit den Long-Glat auf das Finden
der Leichen warten zu knnen. Er wollte am anderen Morgen mit seinen
Kajan und ihrem vielen Gepck den Udang passieren und mich dann
abholen. Das Wasser fiel und der Himmel klrte sich auf, so sah ich
_Kwing_ guter Stimmung nach Uma Wak zurckkehren. Hier konnten sich
die jungen Kajan nur mit Mhe den Liebenswrdigkeiten der Frauen
entziehen, die die frischen jungen Burschen gern bei sich behalten
htten; es blieb diesen auch nichts brig, als durch Geschenke, wie
Tragkrbe und neue Kopftcher aus Baumbast, den Frauen ihren Dank zu
bezeigen. Daher fuhr die Flotte der Kajan, die aus 20 Bten bestand,
erst um 12 Uhr an uns vorber; nur _Kwing_ legte fr einen Augenblick
bei uns an, um zu sehen, ob wir reisefertig waren.

Am Abend zuvor war es den Long-Glat geglckt, wenigstens eine der
Leichen zu finden. _Lugat_, der den ganzen Tag mit einigen Freunden
den Fluss auf- und niedergefahren war, hatte die Leiche seines
Bruders, noch bevor diese in den Udang geriet, auffangen knnen. Am
gleichen Abend wurde _Adjang_ am Ufer begraben, ein kleines Grabmal
errichtet und dort zugleich auch fr _Ibau_, dessen Leiche spter am
mittlerer. Mahakam gefunden wurde, eine Ausstattung fr _Apu Kesio_
niedergelegt.

Mit _Njok_ vereinbarte ich, dass ich in Uma Mehak auf ihn warten
sollte, da er uns mit seinem Gepck und Rotang folgen wollte. Allein
htten die Long-Glat dies sicher nicht zu tun gewagt, da das Unglck,
ein deutlicher Beweis der Unzufriedenheit der Geister, sie zur
Heimreise gezwungen htte.

Gegen 3 Uhr wurden wir aus unserer feuchten, dunklen Hhle, in
der wir nun 1 m niedriger als anfangs lagen und mit unseren Bten
zwischen Sand und sten eingeklemmt zu werden drohten, befreit. Die
Malaien hatten die Pflanzen wieder in das grsste Boot gebracht,
das mittelst fester Rotangtaue lngs der Uferfelsen vorsichtig den
Fall hinabgelassen wurde.

Das brige Gepck wurde, ausser den Kisten, die fr einen Mann zu
schwer waren, aus den Bten genommen. Die Kisten wurden, trotz der
Erhhung der Bootsrnder, doch noch nass, da sie nicht vollstndig
wasserdicht waren und durch double-waterproof-sheeting nicht ganz
bedeckt werden konnten; so verdarb uns noch ein bedeutender Teil
unserer grsseren Ethnographica.

Nachdem wir den Kiham Udang berwunden hatten, blieb uns noch Zeit
brig, uns ruhig abwrts treiben zu lassen. Ich fhlte mich wie aus
einem finsteren Gefngnis in eine strahlende Aussenwelt versetzt. Von
der Tiefebene des mittleren und unteren Mahakam trennte uns nur noch
der Kiham Halo. In einem Brief, den der Kontrolleur einigen Kahjan
Dajak, die aufwrts zogen, fr mich mitgegeben hatte, schrieb er mir,
dass er unten in Long Bagung auf mich wartete.

Zwar regnete es am folgenden Morgen und die. tief herniederhngenden
Wolken hllten die schnen Gipfel der Berge ein, auch hatte der
_bilang_ (Baumgekko) nachts seine warnende Stimme ertnen lassen,
aber _Kwing Irang_ machte, wie frher zur Beruhigung des Tieres
einen kleinen Rundgang durch den Wald und da der Fluss nur wenig
stieg, sassen wir um 8 Uhr bereits in den Bten, in der Hoffnung,
den Kontrolleur noch am gleichen Tage zu erreichen. Wir hatten diese
frohe Aussicht zur Ermunterung sehr ntig, denn die schmale Schlucht
des Kiham Halo, die uns 1897 bei guter Beleuchtung entzckt hatte,
zeigte sich jetzt, wegen der schwer aufliegenden Wolken, nur als eine
finstere Spalte, die bei dem Geschrei, das die Kajan ber den tobenden
Wassermassen anhuben, einen doppelt unheimlichen Eindruck machte.

Auf halbem Wege begegneten wir in der engen Durchfahrt einer
Gesellschaft Kenja, die ihre Bte langsam an Rotangseilen lngs der
Uferfelsen aufwrts zogen. Trotzdem ich, hauptschlich im Hinblick auf
unsere spteren Plne, grosse Lust versprte, mit Kenja in Berhrung
zu kommen, konnten wir bei ihnen nicht Halt machen, da die heftige
Strmung uns mit sich riss. Die Kajan liessen nun ihren Ajo-Ruf um so
lauter ertnen; die Kenja antworteten und aus den Bergen erschallte
das Echo. Der Fluss wurde stets breiter und die Ufer niedriger, bis
wir gegen 3 Uhr nachmittags hinter einer Flussbiegung Long Bagung zum
Vorschein kommen sahen. Durch einige Gewehrschsse meldete ich _Barth_
unsere Ankunft.

Long Bagung ist eine Haltestelle fr malaiische Hndler und
Buschproduktensucher und liegt auf dem rechten Ufer des Mahakam. Der
Kontrolleur hatte hier bereits wochenlang auf uns gewartet; es war ihm
zwar im allgemeinen gut ergangen, doch freute er sich, endlich mit uns
weiterreisen zu knnen. Seine Gesellschaft hatte an Fieber gelitten,
am meisten _Hadji Umar_, der auch jetzt noch krank lag. Die Aufnahme
des Mahakam war _Bier_ gut geglckt, nur war er durch das hufige
Hochwasser oft an der Arbeit gehindert worden und im Kiham Halo war
ihm ein Boot an den Felsen zerschellt, wobei beinahe ein Malaie ums
Leben gekommen wre.

Abends tauschten _Barth_ und ich unsere Erfahrungen ber die Gesinnung
aus, die die Mahakambevlkerung uns gegenber hegte und ber die
Mglichkeit, eine niederlndische Verwaltung bei ihr einzusetzen. Auch
_Barth_ hatte whrend seiner monatelangen Reise den Eindruck empfangen,
dass eine strkere Macht, die sich mit der ganzen Verwaltung betraute,
hauptschlich zum Schutz gegen Einflle aus Serawak und Kutei, sehr
erwnscht sei.

Obwohl _Barth_ als Fremder nach Long Tepai und Long Deho gekommen war,
hatte die Bevlkerung ihm viel Sympathie bezeigt, nur war sie ihm,
als Fremdem, begreiflicher Weise mit mehr Misstrauen entgegengekommen
als einem Menschen ihrer eigenen Umgebung.

_Bier_, den das lange Warten am selben Ort sehr gelangweilt hatte,
fuhr am folgenden Tage fort, um den Mahakam weiter unten zu messen;
wir versprachen, in Uma Mehak auf ihn warten zu wollen und begaben
uns erst zwei Tage spter auf die Reise.

Unsere Gesellschaft war somit ohne bedeutende Verluste ber
die Wasserflle gelangt; nur _Hadji Umars_ Zustand beunruhigte
mich. _Umar_ war bereits die letzten drei Jahre leidend gewesen;
ich hatte zwar seinen Zustand whrend seines Aufenthaltes am
Blu-u etwas bessern knnen, aber seit der Zeit war das Fieber immer
wieder zurckgekehrt. Dass _Umar_ sich weigerte, Chinin einzunehmen,
verschlimmerte seine Lage; ich wusste ihm nicht zu helfen. Obwohl
er mit uns zur Kste fuhr, war seine Anwesenheit uns unter diesen
Umstnden kaum von Nutzen.

Eine der interessantesten Begegnungen, welche der Kontrolleur whrend
seines sehr eintnigen Aufenthaltes gehabt hatte, war die mit den
Kenja, die wir im Kiham Halo getroffen hatten. Da _Barth_ meine
Absicht, die bis dahin so gut wie unbekannten Kenjastmme zu besuchen,
kannte, war er dem Zufall dankbar, dass diese Gesellschaft, die eine
Handelsreise nach dem unteren Mahakam unternommen und einen Besuch
bei ihren Stammverwandten am Tawang gemacht hatte, die ausgedehnte
Gerllbank bei Long Bagung als Lagerplatz whlte. Kaum hatten die Kenja
erfahren, wer auf dem Ufer wohnte, als ihre vornehmsten Leute _Barth_
einen Besuch machten. Dabei erschienen sowohl die Huptlinge als deren
Geleite vllig unbewaffnet, was in einem Lande, in dem jung und alt
stets bewaffnet geht, sehr auffallend war. Das Gesprch, das in der
Busang-Sprache gefhrt wurde, verlief durchaus gemtlich. Die Kenja
hatten sehr offenherzig von ihrem Lande berichtet und zu verstehen
gegeben, dass meinem Besuch bei ihnen nichts im Wege stnde, dass
sie mich im Gegenteil gern bei sich sehen wrden. _Barth_ hatte ihnen
die Erinnerung an ihren Besuch angenehm zu machen verstanden, indem
er sie reichlich mit Tabak und Perlen bedachte.

Der Kontrolleur hatte ausserdem die nhere Bekanntschaft mit
Blutsverwandten von _Bang Jok_ gemacht, der sich selbst nur kurze
Zeit in Long Bagung aufgehalten und auch seine Frau und Kinder nach
Udju Halang mitgenommen hatte. In Long Bagung wohnte nmlich seine
Schwester _Bua_, die in zweiter Ehe einen Malaien Rauf, den Sohn
eines frheren Distrikt-Huptlings vom oberen Barito, _Raden Djaja
Kusuma_, geheiratet hatte. _Kusuma_ war der erste Malaie gewesen,
der die Bahauhuptlinge zu besuchen gewagt und sich angeboten hatte,
ihre Wlder auf Buschprodukte durchsuchen zu lassen. Dadurch hatte
er in den neunziger Jahren die fremden Buschproduktensucher nach dem
Mahakam gezogen. Seine drei Shne liessen sich dort nieder, zwei als
Kaufleute, einer als Gatte von _Bang Joks_ Schwester, die ebenfalls
Anrecht auf die noch unberhrten Wlder der Long-Glat von Lirung Tika
hatte. Bug war nach dem Tode ihres ersten Gatten, eines Huptlings
in Mujub, nicht zu ihrem Bruder gezogen, sondern hatte sich Long
Bagung gegenber, am jenseitigen Ufer, ein Haus gebaut und spter
_Raup_ geheiratet. Dieser verstand, dank seinen Beziehungen zu den
Buschproduktensuchern am Barito, die Wlder seiner Frau vorteilhaft
auszubeuten, ausserdem verdiente er viel als Kaufmann, indem er
alles, was die Leute fr ihre Lebensbedrfnisse ntig hatten, von
der Kste beischaffen liess und auch mit den Bahau und Kenja von oben
Tauschhandel trieb. Eine weitere Kundschaft besass er im Gebiet des
oberen Murung, den er lngs des Bunut leicht erreichen konnte. _Raups_
Familie hatte sich ebensowenig wie die in Long Deho zurckgebliebenen
Huptlinge vor einer Berhrung mit dem Kontrolleur gefrchtet und so
hatte sich ber den hier 200 m breiten Fluss ein lebhafter Verkehr
entwickelt. Sehr willkommen war es _Barth_, dass er hier wieder Salz,
Zucker, Petroleum und einige Konserven kaufen konnte, Dinge, mit denen
wir bereits seit langem sehr sparsam hatten umgehen mssen. Der Fluss
ist hier berdies nicht so ausgefischt wie oberhalb der Wasserflle,
wo der Fischstand durch die tuba-Fischerei sehr heruntergebracht worden
ist. Bei Hochwasser suchen die Fische hier in kleinen, fr gewhnlich
trockenen Nebenflssen eine Zuflucht vor der reissenden Strmung. Die
Malaien, die sich bei _Barth_ befanden, schlossen die Nebenflsse bei
Hochwasser mittelst eines Heckwerks aus Bambus ab und fingen auf diese
Weise bei fallendem Wasser mehr Fische als sie gebrauchen konnten.

Am 22. Mai liessen wir uns, nachdem alles Gepck in den Bten
untergebracht worden war, ruhig vom Flusse abwrts treiben, in der
angenehmen berzeugung, dass uns bei hohem oder niedrigem Wasserstande
kein ernsthaftes Hindernis mehr drohte. Das Wasser war wieder so hoch
gestiegen, dass wir weiter unten _Bier_ zur Tatenlosigkeit verurteilt
antrafen, weil die hier niedrigen und daher berschwemmten Ufer ihm
keinen Standplatz boten. Am folgenden Tage fuhr er denn auch nach
Uma Mehak weiter, mit der Absicht, dieses Stck spter zu messen.

Die rasche Strmung brachte uns bereits bald nach 4 Uhr nach Uma Mehak,
der ersten grsseren Niederlassung unterhalb der Wasserflle. Seitdem
Uma Mehak in den letzten Jahren der Sammelpunkt malaiischer
Buschproduktensucher geworden ist, sind auf dem Uferstreifen
zwischen den langen Bahau-Husern und dem Flusse malaiische Huser
entstanden, so dass das Ganze nicht mehr den einheitlichen Charakter
der Niederlassungen oberhalb der Wasserflle trgt. Auch beim Betreten
des Dorfes machte alles einen verfalleneren Eindruck als oben. Da die
Bevlkerung hier nicht zahlreich genug ist, wechselt sie ihre Drfer
viel seltener als es am oberen Mahakam blich ist, daher sehen die
Huser hier in der Regel lter und bauflliger als im Innern der
Insel aus.

Auf der Galerie des langen Hauses wurde uns aber ein gutes Unterkommen
angeboten und wir liessen im grossen Raume Bretterverschlge
herrichten, um einige von uns, die an Fieber litten, von dem grossen
Getriebe fernzuhalten. Das Interesse fr uns war hier besonders
rege und da wir nur einige Tage bleiben wollten, suchte man nach
Mglichkeit, aus unserer Gegenwart Vorteil zu ziehen; hauptschlich
wurde ich um Arzneien angegangen. Wir fhlten aber wenig Sympathie fr
unsere neue Umgebung, denn aus einem Kreise primitiver, unverdorbener
Bahau gerieten wir hier pltzlich in eine degenerierte Gesellschaft
der verschiedensten Stmme vom Barito und Mahakam. Von allen Seiten
starrten uns Menschen mit fremden, verdchtigen Gesichtern an, die
sich hier zu dem alleinigen Zwecke, um den oberhalb der Wasserflle
unbekannten Genssen, wie Hazardspielen und Hahnenkmpfen um hohen
Einsatz und dergl. zu frhnen, aufhielten. Dabei herrschten hier
stndig Streit und Zank, an die wir seit langer Zeit nicht mehr
gewhnt waren. Man hatte uns brigens oberhalb der Wasserflle
bereits darauf aufmerksam gemacht, dass sich in diesem Zentrum der
Buschproduktensucher alles um Spiel und Wetten drehte.

Abends, lange nachdem wir uns zur Ruhe begeben hatten, hrten wir noch
Wrfel rollen und Geld zhlen; beim Schein kleiner Lampen hockten
auf der Galerie kleine Gruppen, die teils mit chinesischen, teils
mit europischen Karten spielten. Bei Sonnenaufgang hielten einige
Buginesen, die als die wichtigsten Bankiers fungierten, ihren Einzug
in der Galerie und versammelten bald einen grossen Kreis um sich. Zum
grossen Verdruss ihrer Huptlinge beteiligten sich auch die Bahau des
langen Hauses am Spiel, wodurch sowohl der Ackerbau als das Verhltnis
des Hausbewohner untereinander litt. Die Huptlinge konnten sich nicht
besser ausdrcken, als indem sie diesen Zustand als "_rusak murib_
Bahau" "Verderben des Bestehens der Bahau" bezeichneten.

Zwei in Uma Mehak verbrachte Tage gengten, um uns davon zu berzeugen,
dass derartige Zustnde auf die Dauer nur zur Demoralisierung einer
Bevlkerung dienen knnen, deren gute Eigenschaften wir oberhalb der
Wasserflle kennen gelernt hatten. Ausserdem bilden sie fr alle, die
von der Ostkste aus Beziehungen mit dein Binnenlande anknpfen wollen,
eine Gefahr. Wir htten hier nur durch einen langdauernden Aufenthalt
Einfluss ausben knnen; da wir hierfr aber keine Zeit hatten und
den ersten Teil des von der Regierung gestellten Auftrages erfllt
hatten, beschlossen wir, den Mahakam weiter bis Udju Halang zu fahren
und dort zu warten, bis ein Dampfboot uns zur Kste abholen wrde.

_Bier_ begann von Uma Mehak aus, bei gnstigerem Wasserstande, seine
Aufnahme und hoffte sie noch vor unserer Abreise zur Kste bis Ana
fortsetzen zu knnen.

Ich hatte die Ruhetage dazu verwandt, unseren Pflanzensucher _Sekarang_
von der Malaria zu kurieren, aber das Fieber hatte ihn bereits so
angegriffen, dass es fr ihn ein Glck war, dass wir zu Wasser und
nicht zu Lande weiterreisten. Schlimmer ging es _Hadji Umar_, der
sich immer noch weigerte, Arzneien zu nehmen, und daher tglich an
Malariaanfllen litt und sichtlich herunterkam. Er raffte sich trotzdem
auf, um mit uns weiterzureisen und nahm auch seine Familie mit.

Nach einer langen Tagereise erreichten wir _Udju_ Halang, das uns offen
stand, da das _lali_ wegen des Todes von _Bang Joks_ Schwester bereits
aufgehoben war. Wir nahmen sogleich die Galerie in Beschlag; whrend
_Kwing Irang_ mit den Seinen am folgenden Tage nach Udju Tepu und
Ana weiterfuhr, um dort Handel zu treiben und uns zu benachrichtigen,
sobald das Dampfboot uns abholen kme. Gleich nach _Kwings_ Abreise
traf auch _Njok Lea_ bei uns ein; es hatte ihn unangenehm berhrt,
dass wir in Uma Mehak nicht auf ihn gewartet hatten, doch reiste er
schliesslich guter Stimmung _Kwing_ nach.

Trotz meiner Ungeduld, die Kste zu erreichen, hoffte ich doch,
hier einige Ruhetage zu finden, da wieder einige von uns an Malaria
erkrankt waren. _Barth_, der die ganze Reise ber gesund gewesen
war, wurde nachts von einem heftigen Fieberanfall gepackt, ferner
erkrankten zwei Schutzsoldaten, auch fhlte sich _Sekarang_ immer
noch nicht wohl. In den vier Tagen, die wir hier bleiben konnten,
gelang es uns zum Glck, alle soweit wiederherzustellen, dass sie die
Reise fortsetzen konnten. An Beschftigung fehlte es uns auch hier
nicht. _Doris_ ordnete seine Vgel und die anderen untersuchten die
eisernen Koffer, um deren Inhalt ntigen Falls zu trocknen.

Am meisten machte mir wiederum die Bevlkerung zu schaffen, die stark
an Malaria und anderen Krankheiten litt und der ausserdem viel daran
lag, mir in kurzer Zeit allerhand Gegenstnde zu verkaufen. Ich merkte
hier deutlich, dass die Bevlkerung, durch den langdauernden Umgang
mit Malaien an Handel gewhnt, sich viel leichter als im Innern
von ihrem Hab und Gut trennte. Daher erwarb ich hier an schnen
Dingen, besonders an Ttowiermustern, in vier Tagen mehr als whrend
meines langen Aufenthaltes am oberen Mahakam. Auch empfand ich es
als vorteilhaft, dass die Leute den Wert des Geldes gut kannten;
sie freuten sich hier ber einen Gulden ebenso sehr wie oberhalb
der Wasserflle ber vier. Von Udju Halang rhren auch die im
vorhergehenden Kapitel abgebildeten Ttowiermuster der Uma-Luhat,
der Bewohner dieser Niederlassung, her.

Leider war der Huptling _Adjang_ nicht zu Hause; er war als der beste
Schwertschmied unterhalb der Wasserflle bekannt und htte mir gewiss
einige schne Exemplare verkaufen knnen.

Am dritten Tage unseres Aufenthaltes traf auch _Bier_, der seine
Messung bis Ana fortgesetzt hatte, bei uns ein. Abgesehen von dem
kleinen Stck oberhalb Uma Mehak, das spter ergnzt wurde, hatten
wir unseren ganzen Reiseweg von der Wasserscheide an messen knnen
und somit konnten die bereits erwhnten Aufnahmen des Kapuasgebietes
und des Gebietes von Ana bis zur Kste miteinander in Zusammenhang
gebracht werden.

Nun hatten wir noch nach einem Orte Umschau zu halten, der sich als
Wohnsitz fr einen niederlndischen Beamten eignete; aber die Aufgabe
war nicht leicht zu lsen, denn gleich unterhalb Uma Mehak flachen
sich beide Uferseiten ab und nur hie und da erheben sich einige
Hgel, die weiter unten gnzlich fehlen. Die wenigen, nur wenige
Meter ber dem Wasserstande befindlichen Erhebungen waren bereits
von den Niederlassungen der Bahau eingenommen. Wir fuhren daher nach
vier Tagen weiter nach Ana, wo wir uns zugleich in grsserer Nhe
des Dampfbootes befanden.

In Ana nahm uns die Wittwe des frheren hchsten Huptlings dieses
Gebietes, _Si Ding Ledj_, als ihre Gste auf. _Ledj_ war mir
whrend meines ersten Aufenthaltes am oberen Mahakam, im Jahre
1897, entgegengereist und hatte mir auf allerlei Weise zu helfen
getrachtet. Seine Wittwe zeigte mir mit Stolz ein schnes silbernes
Teebrett, das ich fr sie in Batavia als Geschenk der Regierung
besorgt hatte und das ihr der Assistent-Resident von Samarinda spter
berreicht hatte. Obwohl sie in sehr bescheidenen Verhltnissen
zurckgeblieben war und ihr Schwager die Huptlingschaft fr ihren
unmndigen Sohn _Dj_ fhrte, tat sie doch alles, um uns den Aufenthalt
bei ihr so angenehm als mglich zu machen. Wir wurden nicht in der
Galerie, sondern in der Huptlingswohnung selbst aufgenommen, was
bis dahin nicht vorgekommen war. Unseren Malaien wurde eine grosse,
leere Wohnung angewiesen, in der auch der grsste Teil unseres Gepckes
Platz fand.

Zum Glck war _Sekarang_ so weit hergestellt, dass er die Sorge fr
die Kisten mit lebenden Pflanzen wieder bernehmen konnte. Die Sammlung
befand sich, da sie die meiste Zeit in der freien Luft verbracht hatte,
in ausgezeichnetem Zustand. Fr diese Produkte der khlen Gebirgswlder
wurde nun aber das Klima in der Ebene viel zu warm; da sie berdies
vor den Salzteilchen in der Luft whrend der Seereise geschtzt werden
mussten, hatten sie eine stndige Bedeckung ntig, die wir ihnen aus
Rotangschirmen, welche mit Kattun berzogen wurden, herstellen liessen.

Sobald _Kwing Irang_ erfahren hatte, dass wir uns in Ana befanden,
gesellte er sich zu uns, um mit uns zu berlegen, wer von seinen
Leuten uns nach Samarinda begleiten sollte. Um zum ersten Mal in ihrem
Leben eine Dampferfahrt mitzumachen, um die Wunder einer Kstenstadt
zu sehen und um in Samarinda allerhand Dinge einzukaufen, wollten
nmlich sehr viele mitreisen, daher rief _Kwing_ meine Autoritt zu
Hilfe. Nachdem wir auch _Njok Leas_ Rat eingeholt hatten, beschlossen
wir, dass 6 Kajan, 4 Long-Glat und die beiden angesehensten Mantri,
_Sorong_ und _Bo Ului Jok_, mitgehen sollten. _Kwing Irang_ selbst
und die anderen Huptlinge wagten aus Furcht, vor dem Sultan nicht
uns zu begleiten und wollten uns daher in Udju Tepu erwarten.

Als der Handelsdampfer des Sultans "Sri Mahakam" in Udju Tepu ankam
und der Bootsfhrer hrte, dass wir uns in Ana befanden, zeigte er
sich sogleich bereit, uns dort mit unserem Gepck abzuholen.

Nach zweitgiger Fahrt erreichten wir Tengaron, wo wir uns dem Sultan
vorstellten. Er empfing uns in seinem Palaste und stellte uns einen
Dampfer zur Verfgung, der uns noch am gleichen Tage nach Samarinda
brachte.





ERRATA.


    Seite 6, Zeile 2 und 5 von unten Javanern statt Javanen.
    Seite 25, Zeile 6 von unten Javaner statt Javanen.
    Seite 48, Zeile 2 von unten Schiefern statt Schieferschichten.
    Seite 82, letzte Zeile fr ligaroten statt zum Rauchen in
    Zigaretten.
    Seite 93, Zeile 7 von unten Ot-Danum statt Ot-Danom.
    Seite 118, Zeile 1 von oben isst jeder statt ist jeder.
    Seite 120, Zeile 17 von oben _barang_ statt barang.
    Seite 120, Zeile 19 und 22 von oben Reisrispe statt Reishalm.
    Seite 120, Zeile 14-15 von unten von der Rispe statt von dem
    Reishalm.
    Seite 121, Zeile 6 von oben wird der Reis statt werden die
    Reishalme.
    Seite 124, Zeile 3, 5, 14, von unten _mela_ statt _mela_.
    Seite 125, Zeile 6, 7, von oben _mela_ statt _mela_.
    Seite 211, Zeile 16 von oben Weissmacht statt weismacht.
    Seite 224, Teile 16 von unten sollte es statt sollten sie.
    Seite 245, Zeile 8 von oben troff statt triefte.
    Seite 288, Zeile 7 von oben Bodenflche statt Oberflche.
    Seite 429, Zeile 10 von oben 1/2 gr Chinin statt 1 1/2 gr Chinin.
    Seite 429, Zeile 15 von unten Sternocleido-mastoidei statt
    Sterno-mastoide.






NOTIZEN

[1] H. Steinthal in: Anleitung zu wissenschaftl. Beobachtungen auf
Reisen von Dr. G. Neumayer.

[2]  Den Titel "Resident" fhrt in niederlndisch Borneo der hchste
Regierungsbeamte; auf ihn folgt der Assistent-Resident und in dritter
Rangstufe der Kontrolleur.

[3] Dr. _G.A.F. Molengraaff_: Geologische Verkenningstochten in
Centraal-Borneo (1893-94).

[4]  Anthropometrische Untersuchungen von
Dr. _J.H.F. Kohlbrgge_. Mittheilungen aus dem Niederl. Reichsmuseum
f. Ethn.

[5] Batik ist gefrbter Kattun in javanischen Mustern.

[6] Siehe: Janus. Arch. Internat. p. l'Histoire de la Mdecine et la
Gographie Md. 1898.

[7] Archiv fr Derm. u. Syph. 1898.






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harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
