The Project Gutenberg eBook, Untersuchungen Ueber Goethes Faust in seiner
Aeltesten Gestalt, by Joseph Collin


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Title: Untersuchungen Ueber Goethes Faust in seiner Aeltesten Gestalt

Author: Joseph Collin

Release Date: December 1, 2004  [eBook #14223]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTERSUCHUNGEN UEBER GOETHES FAUST
IN SEINER AELTESTEN GESTALT***


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UNTERSUCHUNGEN BER GOETHES FAUST IN SEINER LTESTEN GESTALT.

I. Der erste Monolog und die Erdgeistscene.

INAUGURAL-DISSERTATION ZUR ERLANGUNG DER DOCTORWRDE BEI DER HOHEN
PHILOSOPHISCHEN FAKULTT DER GROSSH. LUDEWIGS-UNIVERSITT GIESSEN

EINGEREICHT VON J. COLLIN.

Giessen, 1892.







VORBEMERKUNG.

    Zuletzt sind die Verdienste sein und unser sind die Fehler.

    (Hebbel im Prolog zu Goethes hundertjhriger Geburtstagsfeier.)


Durch die Auffindung der Gchhausenschen Abschrift des Faust ist fr die
Faustforschung ein fester Boden geschaffen worden. Wir haben jetzt einen
bestimmten Bestand von Scenen vor uns, von denen wir wissen, da sie
vollendet waren, als Goethe Ende 1775 nach Weimar kam. Nicht
ausgeschlossen ist allerdings, da nicht auch noch anderes, Entworfenes,
kurz Angedeutetes, vielleicht gar mehr oder weniger Ausgefhrtes in
jener eigentmlichen Urhandschrift vorhanden war, die Goethe an der
bekannten Stelle seiner Italienischen Reise unter dem 1. Mrz 1788
beschreibt[1]. Man darf wohl als sicher annehmen, da dieses Manuscript
der Abschreiberin nicht zugnglich war, sondern ihr eben auch nur eine
Abschrift vorlag, die der Dichter daraus zum Vorlesen oder zur
Verbreitung in Freundeskreisen angefertigt hatte, wobei natrlich nur
ausgefhrte Scenen aufgenommen wurden.

Aber noch einen anderen Gewinn hat Erich Schmidts Fund uns gebracht. Ein
glcklicher Zufall macht es hier einmal mglich, auf die bis dahin
gebte Faustforschung die Probe zu machen. Dabei hat sich denn fr
jeden, der sich nicht dagegen verblendet, ergeben, da die Methode
dieser Forschung einer grndlichen Nachprfung bedrfe. Man hatte ohne
weiteres eine anderswo beliebte, schon an und fr sich bedenkliche
Methode auf den Faust angewandt und mit ihr, sehr wenig im Geiste des
Dichters, dem ein Zerteilen und Zerstckeln ganz und gar nicht gem
war, sein Werk, das ja allerdings mit doppelter Unterbrechung zu
verschiedenen Zeiten begonnen, weitergefhrt und vollendet worden ist,
noch auerdem in verschiedene, angeblich nicht zusammengehrige Teile
zerrissen. Die ganze Einseitigkeit dieses Verfahrens offenbart sich
besonders in der Art, wie z.B. Scherer den Eingangsmonolog zerpflckt.

Wir sind nun belehrt, da wir ein Gedicht noch von anderen
Gesichtspunkten aus betrachten mssen als den uerlichen des Stils und
des Metrums, da wir tiefer und liebevoller in den Gedankengang des
Dichters eindringen mssen und nicht sofort, wenn uns das Verstndnis
einer Stelle oder des Zusammenhangs nicht klar entgegentritt, es dem
Dichter zurechnen und Widersprche, aufgegebene Plne u.a.m. annehmen
drfen. Erst durch tiefes Eindringen in das Kunstwerk ist aus ihm selbst
die Methode seiner Betrachtung und Erklrung zu gewinnen: es ist
verfehlt, irgend eine anderswo zu entnehmen und sie, ohne die Eigenart
des Werkes zu beachten, darauf zu bertragen.

Im folgenden soll der Versuch gemacht werden, den ltesten Faust auf
seinen Gedankengehalt zu prfen, ihn mit den brigen Werken des Dichters
und sonstigen uerungen seines Geistes aus jenen Jahren in Verbindung
zu setzen und so einen berblick ber die geistige Entwicklung des
jungen Goethe zu gewinnen.

Von hier aus wird sich denn die Mglichkeit ergeben, die Entstehungszeit
der einzelnen Scenen nher zu bestimmen, vor allem aber hineinzublicken
in das schpferische Innere des Dichters, um ihn bei dem Schaffen seiner
Gestalten zu belauschen. Was soll es dagegen viel helfen, wie man es
gethan hat, einen Haufen Parallelstellen aus seinen und seiner
Zeitgenossen Werken hinzuschtten und nur aus dem rohen Gleichklang der
Worte, der hnlichkeit der Bilder, die Gleichzeitigkeit von einzelnen
Scenen mit jenen zu beweisen? Eine Geschichte des Geistes des Dichters,
seiner inneren Entwicklung mu versucht, seine Berhrungen und seine
Verwandtschaft mit den Geistern seiner Zeit aufgedeckt, die Gedanken des
Dichters in ihrer Zugehrigkeit zu seinen und seiner Zeit
Gedankenkreisen betrachtet werden. Das Gewebe darf nicht zerrissen,
vielmehr mu seinem inneren Zusammenhang, dem Verlauf der Fden
eingehend nachgeforscht werden.

Der Eingangsmonolog, die Erdgeistscene, die Wagner- und die
Schlerscene, die Scene in Auerbachs Keller, ein groer Teil der
Gretchentragdie sind jetzt als ein Werk des jungen Goethe erwiesen. Der
lteste Faust tritt also damit als ein wichtiges Glied in die Reihe der
Jugendwerke ein. Sein innerer Zusammenhang mit jenen soll daher im
folgenden nachgewiesen und so ein fester Boden gewonnen werden zur
Erklrung und zeitlichen Festsetzung der einzelnen Hauptteile des
ltesten Faust, ber deren Entstehungszeit auch jetzt noch eine groe
Unklarheit herrscht. Auch die zeitgenssische Litteratur ist dabei
heranzuziehen, vor allem der geistesverwandte Herder, dessen Verhltnis
zu seinem groen Schler ebenfalls der Klarstellung bedarf. Endlich wird
dann auch die Untersuchung ergeben, welches der Grundgedanke der
ltesten Dichtung sei, und von hier aus zu prfen sein, ob der Dichter
in den spteren Fortsetzungen damit eine wesentliche nderung
vorgenommen, oder ob er in gleichem Geiste weitergebaut und ausgebaut
habe. Von der abgeschlossen vorliegenden Untersuchung kann hier nur ein
Teil als Probe gegeben werden, der wiederum nur ein Teil der
eingereichten Dissertation ist. Das Weitere wird bei nchster
Gelegenheit folgen.

Goethes Werke u.s.w. sind angefhrt nach der Weimarischen Ausgabe,
soweit sie bis jetzt erschienen ist; (G. Werke herausgeg. im Auftrage
der Groherzogin Sophie von Sachsen; Weimar. Bhlau: 1) Werke. 2)
Naturwissenschaftl. Schriften. 3) Tagebcher. 4) Briefe)--ferner nach
Hirzels Sammlung: Der junge Goethe. Seine Briefe und Dichtungen von
1764-1776. Mit einer Einleitung von Michael Bernays. 3. Teile. Leipzig;
Hirzel.--(D.j.G.)

Die Gesprche nach Biedermann: Goethes Gesprche, Bd. 1-9. Leipzig. F.W.
v. Biedermann 1889-1891.

Die Frankfurter Gelehrten Anzeigen (F.G.A.) nach dem Neudruck Seufferts
in den deutschen Litteraturdenkmalen des 18. Jahrhunderts. No. 7 u. 8.

Goethes Anteil an Lavaters Physiognomik nach E. von der Hellen, Goethes
Anteil an Lavaters Physiognomischen Fragmenten. Frankfurt a. M.
Litterarische Anstalt Rtten und Loening 1888.--(v.d.H.)

Im brigen Goethes Werke nach der bei Hempel erschienenen Ausgabe (darin
in Teil 20-23 v. Loepers Commentar zu Dichtung und Wahrheit.)

Herders Werke nach der von Suphan besorgten Ausgabe (Berlin,
Weidmannsche Buchhandlung; seit 1877.)

Hamanns Schriften nach der Ausgabe von Fr. Roth; Berlin bei G. Reimer
1821 ff.




UNTERSUCHUNGEN BER GOETHES FAUST IN SEINER LTESTEN GESTALT.


Goethes Faust in seiner ltesten Gestalt, wie er uns jetzt seit Erich
Schmidts glcklicher Entdeckung der Gchhausenschen Abschrift
vorliegt[2], zerfllt in drei deutlich zu scheidende, unmittelbar auf
einander folgende Hauptmassen. Es sind: 1) Der erste Monolog Fausts mit
der Erdgeistscene: (V. 1-168 = 354-521). 2) eine Reihe von Scenen, die
mit einander gemein haben, da sie auf akademische Zustnde ein
satirisches Licht werfen. Die erste von ihnen zeigt uns den Professor
Faust mit seinem Famulus Wagner: sie ist unmittelbar mit der ersten
Hauptmasse verbunden. (V. 109-248 = 522-605.) Darauf folgt jedoch ohne
anderen als inneren Zusammenhang die Schlerscene. (V. 249-444 =
1868-2050). Der Teufel in des Professors Maske belehrt den jungen
Studenten. Eine dritte Scene (V. 445-452, von da in Prosa. Z. 1-210 mit
Liedern untermischt = V. 2073-2336) fhrt mitten hinein in das rohe,
geistlose Treiben akademischer Jugend. Doch gehrt die Scene in
Auerbachs Keller im brigen in einen neuen Zusammenhang; sie ist die
erste Station auf Fausts Welt- und Lebensfahrt. In diese Scenenreihe
htte, wenn sie ausgefhrt worden wre, die Disputationsscene gepat.
(Paralip. 11. 12.)[3] Der Doctorschmaus (V. 1712) htte sich an sie
angeschlossen. Jedenfalls hatte also der Dichter ursprnglich dem
akademischen Leben und Treiben, auf dessen Boden ja sein Held zunchst
stand, von dem er losgerissen werden sollte, eine ausfhrlichere
Behandlung zugedacht. 3) Die Gretchentragdie, das im ltesten Faust am
meisten ausgefhrte und daher auch rumlich bedeutendste Stck; sie
beginnt mit der ersten Begegnung von Faust und Gretchen und endet mit
der Kerkerscene. (V. 458-1435; danach zwei Scenen in Prosa Z. 1-66 und
1-112, unterbrochen durch die Verse 1436-1441; = 2605-3216; 3342-3369;
3374-3659; 3776-3834. Z. 1-81; 4399-4612.) Eine einzige Scene des
ltesten Faust wurde spter ganz fallen gelassen; es ist die kleine
bergangsscene vor der Gretchentragdie (Landstrae. 453-456); alle
brigen finden sich, wenn auch teils verndert, teils umgedichtet im
Fragment von 1790[4] und in der Ausgabe von 1808 wieder.



1. Der erste Monolog und die Erdgeistscene.

Die erste Hauptmasse gliedert sich wieder in verschiedene Teile; nmlich
V. 1-32 = 354-385; eine Art von Prolog, um uns ber Vorgeschichte und
Sage Fausts aufzuklren.--V. 33-65 = 386-418; ein lyrischer Ergu, der
Fausts Sehnsucht nach der Natur und seiner Erkenntnis, in welch
unnatrliche Verhltnisse er selbst eingeschlossen sei, tief empfundenen
Ausdruck verleiht.--V. 66-106 = 419-459: Faust wendet sich dem
Zauberbuch zu; die Wirkung des Zeichens des Makrokosmus.--V. 107-160 =
460-513: Die Erdgeistscene. Darauf folgen als Abschlu und bergang zu
der Wagnerscene die Verse 161-168 = 514-521. In welchem Zusammenhang
stehen nun diese vier Teile? Was enthalten sie? Was kann ihr Inhalt uns
sagen, um die Zeit ihrer Entstehung nher zu bestimmen?

Der erste Teil hlt sich in der Hauptsache an die berlieferung der Sage
von Dr. Faust, wie sie uns im Volksbuch[5] und Volksschauspiel[6]
entgegentritt. Faust hat alle Wissenschaften durchstudiert, ohne
Befriedigung fr seinen Erkenntnisdrang zu finden; er hat sich darum der
Magie ergeben, um auf diesem Wege zu seinem Ziele zu gelangen. Er hlt
im Anfang eine berschau ber seine Studien, es ist dies ein Motiv, das
in der Litteratur durchaus volkstmlich geworden war. Im ltesten
Volksbuch (1587) ist Faust ursprnglich Theologe, um dann Dr. Medicinae,
Astrologus und Mathematicus zu werden; ebenso in dem spteren Auszug des
christlich Meinenden. Im Volksschauspiel hat er jede Fakultt und alle
nur denkbaren Wissenschaften studiert. Bei Marlowe zuerst, dessen Dr.
Faustus Goethe nicht kannte, werden die Wissenschaften einzeln
aufgezhlt, geprft und verworfen. hnlich findet sich das Motiv in dem
Spiel von Frau Jutten verwertet, ebenso auch z.B. bei Andrea in dem
guten Leben eines rechtschaffenen Diener Gottes (mitgeteilt von Herder
in den Briefen das Studium der Theologie betreffend,[7]) S. 103 und mit
Fischartischer Wortspielerei Seite 108. Ursprnglich schlo es sich an
das Trivium und Quadrivium, spter an die vier Fakultten an. Dies alte
volkstmliche Motiv zu benutzen, lag dem Dichter um so nher, da er
hnliches selbst erlebt hatte. Auch er hatte sich in allem Wissen
umhergetrieben; in Straburg hatte er sich neben seinem Fachstudium mit
der Medizin beschftigt. Seine Dissertation berhrte sich mit dem
Gebiete der Theologie. In Frankfurt nahm er dann unter Hamanns und
Herders Einflu am Bibelstudium wie an theologischen Zeitfragen
lebhaften Anteil. Das beweisen eine Reihe Recensionen in den Frankfurter
Gelehrten Anzeigen des Jahres 1772, vor allem die beiden theologischen
Schriften, die, im J. 1773 erschienen, zugleich den Abschlu einer
religisen Epoche Goethes bedeuten. Nicht ohne Bedeutung aber fr die
Zeitbestimmung--darauf mag schon hier im Zusammenhang hingewiesen
werden--ist das leider auch die Theologie. Denn erst im Jahre 1773
wandte sich der junge Goethe entschieden von den rechtglubigen, durch
seine Beziehungen zu der Brdergemeinde genhrten Anschauungen ab.
Spinoza begann zu wirken (s. den Brief an Hpfner vom 7. Mai 1773[8]).
Das Fragment Mahomet[9] zeigt zuerst den pantheistischen Einflu. Die
satirischen Dramen der lebensfreudigen Jahre 1773 und 1774 beweisen
durch ihren Spott die nderung, die in seinen Ansichten eingetreten war.
Sein lebensfroher Pelagianismus, der mehr und mehr nach der dsteren
Leidenszeit der zweiten Hlfte des Jahres 1772 in ihm erstarkt war,
schttelte unwillig die Fesseln des alten Glaubens ab. In prometheischem
bermut stellte er sich als selbstndig der Gottheit gegenber. In einer
solchen Zeit kam ihm das leider aus vollem Herzen, wenn er auf frhere
Bestrebungen und Meinungen zurckschaute.

Da Faust berhaupt aber seine Studien als einen auf ihm lastenden Druck
empfindet, dessen er nur seufzend gedenken mag, pat weniger fr den
Gelehrten des 16. als fr den Menschen des 18. Jahrhunderts, der sich
grade von jener unfruchtbaren, starren, kleinlich polyhistorischen
Gelehrsamkeit mehr und mehr zu befreien strebte[10]. Auch er hatte
sich, wie der Dichter spter erklrt, in allem Wissen herumgetrieben und
war frh genug auf die Eitelkeit desselben hingewiesen worden.[11] Doch
bewahrte ihn sein Lebensgang in der Jugend davor, allzusehr mit der
Schulweisheit seiner Zeit in Berhrung zu kommen, soda er etwa ihren
lebenhemmenden Einflu so empfunden htte, wie z.B. Lessing und
Herder. Der junge Lessing mute sich erst durch den Wust der
Excerptengelehrsamkeit und Collektaneenweisheit durcharbeiten zu der
Erkenntnis, da ihn die Bcher wohl gelehrt aber nimmermehr zu einem
Menschen machen wrden; und so ward aus dem Theologus ein Weltmensch,
wie einst Dr. Faust. Herder aber trieb es gar hinaus aus der engen,
eingeschrnkten Sphre in die Welt, das Leben. Wie beweglich klagt er im
Journal seiner Reise vom Jahre 1769 ber die verlorenen Jahre: Ich wre
nicht ein Tintenfa von gelehrter Schriftstellerei, nicht ein Wrterbuch
von Knsten und Wissenschaften geworden, die ich nicht gesehen habe und
nicht verstehe: ich wre nicht ein Repositorium voll Papiere und Bcher
geworden, das nur in die Studierstube gehrt.[12] Man sieht, Fausts
Unbehagen und Unbefriedigung ber das Unfruchtbare seiner Studien waren
die des Jahrhunderts seines jungen Dichters[13].

Dagegen fehlt der Hinweis auf die wissenschaftlichen Grade (V. 7.-360.)
nicht in der berlieferung; bezeichnend hat jedoch der Dichter im
ltesten Faust mit ihr eine kleine nderung vorgenommen, whrend er im
Fragment und der Ausgabe von 1808 wieder zu ihr zurckgekehrt ist. Statt
des mittelalterlichen Magistertitels wird ursprnglich der mehr moderne
Professortitel gebraucht. Denn offenbar hatte kurz nach den akademischen
Jahren der junge Dichter noch mehr, als spter ausgefhrt wurde, die
Absicht, auf das akademische Leben und Treiben grade seiner Zeit
satirische Streiflichter zu werfen, was ja auch das Thema der zweiten
Hauptmasse von Scenen ist. Daher ward von vornherein mehr Gewicht auf
Fausts akademische Lehrthtigkeit gelegt. Das Treiben auf einer
Universitt, an der Faust wirkte, bildete einen Hintergrund, von dem der
Held sich mehr und mehr loslsen, zu dem er in Gegensatz treten sollte.
Die eigenen Erfahrungen des Dichters aus seinem Universittsleben, vor
allem aus dem Kampfjahr 1772, da er in den Frankfurter Gelehrten
Anzeigen gegen trockene Schulweisheit und tote Buchstabengelehrsamkeit,
gegen unhistorische Auffassung und lebenbeengende Spekulation unter
Herders Fahnen gefochten, mit einer Scholastik, die wir uns gewhnt
haben, mittelalterlich zu nennen, obwohl sie nie ausstirbt, einen
frischen, frhlichen Krieg gefhrt hatte, verliehen diesem Teil seines
Gemldes krftige, lebenswahre Farben.

Fr Fausts Entschlu endlich, sich der Magie zu ergeben, bot ihm
ebenfalls sein frheres Leben Beziehungen[14]. Hatte doch er, in dessen
Geiste sich zwei Zeitalter bekmpften, sich selbst noch einst mit
magischen Versuchen befat und sich ganz im Sinne der Alchemisten eine
Weltanschauung gebildet.

Wir sehen danach, wie in diesem ersten Teile das vom Dichter Erlebte mit
den berlieferten Zgen der Sage wohl in Einklang gebracht werden
konnte. Wie gut die Verschmelzung gelungen sei, zeigt auch der ganze
Charakter des kurzen Prologs; mehr altertmlich-krftig mutet er uns an,
besonders im Gegensatz zu der folgenden ganz modern-weichen Partie, als
sollte sich gleich von Anfang der durchgehende grundstzliche
Unterschied zwischen dem Faust der Sage und dem des Dichters in zwei
verschieden angeschlagenen Grundtnen offenbaren.

Keinen Anhalt dagegen gibt die Sage, wenn Faust es empfindet und
ausspricht, da er ber die groe Masse der Gelehrten weit
hinausrage[15], ihm aber dafr auch fehle, woran sie sich freuen,
nmlich bei aller Beschrnkung der Glaube, sie wten etwas Rechtes,
vermchten die Menschen zu bessern und bekehren. Wie Sokrates den
Sophisten gegenber, die da glaubten, etwas zu sein ohne es zu sein, zu
der Erkenntnis gekommen war, da wir nichts wissen knnen, so auch hier
Faust. Fr ihn ist sie zunchst niederschmetternd, fr den Philosophen
des Altertums ward sie die erste Stufe, von ihr aus zu klaren Begriffen
aufzusteigen. Sein Charakter hatte schon den jungen Goethe frhe zu
dichterischer Darstellung gereizt. Die Lektre von Platons Apologie,
Hamanns Sokratischen Denkwrdigkeiten[16] hatten ihn ihm nher gebracht.
Die Geschichte Gottfriedens von Berlichingen, in der er seinen Helden in
mutigem, aber vergeblichem Kampfe gegen eine neue Zeit dargestellt
hatte, war eben vollendet worden; da drngte sich ihm am Ende des Jahres
1771 der Plan zu einem Sokrates auf; nach dem Gtz zog ihn das Bild
eines Geisteshelden, von welchem Schlage ja auch Faust war, an; der
heldenmtige Kampf gegen die feindlichen Mchte des Unverstands und des
Scheins, gegen das pharisische Philistertum sollte vorgefhrt
werden[17]. Es ward nicht ausgefhrt. Was dem Dichter daraus lebendig
blieb, ward von dem mchtigen Strom des Hauptwerkes aufgenommen, diente
dem hierin mit Sokrates geistesverwandten Faust zur Charakteristik.

Faust entbehrt aber nicht nur der Freude, die die groe Menge bei ihren
Beschftigungen empfindet, auch sonst mangelt seinem Leben jede uere
Zierde und jeder Glanz, die ihm, da er die Schranken seiner inneren
Menschheit fhlt, eine Art von Ersatz bieten knnten fr die innere
Einschrnkung des Menschen[18]; auch in seinem ueren Leben ist ihm
eine gewisse Freiheit der Bewegung nicht vergnnt: So empfindet er tief
in seinem Inneren die Grenzen der Menschheit, und blickt er nach auen,
so fhlt er sich auch hier in der Enge. Es mcht kein Hund so lnger
leben!--Der Vergleich mit Werther drngt sich hier von selbst auf. Was
ihn kennzeichnet, ist das Gefhl, nie Befriedigung finden zu knnen.
Ahnungen und Begierden sieht er in seinem Inneren, die in keinem
Verhltnis stehen zu der Einschrnkung der thtigen und forschenden
Krfte des Menschen. Als sich aber auch keine Aussicht zeigt, eine
mchtige Leidenschaft, die ihn ganz erfllt, zu befriedigen, vermag er
nicht mehr lnger zu leben und gibt sich den Tod.

Er hat jedoch ebenfalls bei seinem mchtigen inneren Ringen das
deutliche Gefhl, da er sich dadurch grade von der groen Masse der
Menschen unterscheide, nicht minder aber sieht er ein, da jenen dafr
auch die Erkenntnis ihrer Eingeschrnktheit abgehe, und sie sich darum
in den engen Grenzen ihres Daseins glcklich fhlen und es, so gut es
geht, ausschmcken und verzieren, eine Freude, die ihm nie werden kann.
Darum gibt es fr den kranken Werther von Anfang an fr all das nur
einen Trost, im Herzen das se Gefhl der Freiheit, und da er diesen
Kerker verlassen kann, wann er will[19].

Nicht Befriedigung finden zu knnen und endlich sogar da nicht, wo sie
doch anderen gegeben ist, dazu die Enge des brgerlichen Lebens, ein
Motiv, das der Dichter noch weiter ausgestattet und verstrkt hat, um
ausdrcklich damit die That seines Helden zu begrnden, treiben Werther
in den Tod. Da fr beides das Leben des Dichters reichlichen Stoff
lieferte, braucht hier nicht weiter ausgefhrt zu werden. Am schrfsten
ausgeprgt erscheint der Gegensatz zwischen menschlichem Streben und den
Kmmerlichkeiten und Plagen des gewhnlichen Lebens noch einmal in
Knstlers Erdenwallen vom Sommer 1774, hier aber, sehr bezeichnend fr
den durch den Werther innerlich befreiten Dichter, ausklingend in
krftige Trostworte an den klagenden und verzagenden Knstler[20].

Ausgangspunkt ist also im Werther wie im Faust das tiefe Problem von der
Bedingtheit der menschlichen Natur gegenber seinem unendlichen Streben,
von dem daraus sich ergebenden inneren Freiheitsdrange; im Werther geht
dieses Streben jedoch schlielich in die Form einer endlosen
Leidenschaft ber, die sich ein bestimmtes, einzelnes Ziel gesteckt hat:
im Faust bleibt es auf das Hchste im Leben gerichtet; er findet die
Kraft durch eine auf das Gebiet des Erreichbaren sich beschrnkende,
immer bedeutender werdende Thtigkeit Befriedigung zu suchen und das
Unerforschliche fr sich bestehen zu lassen. Ich hatte nie die Idee,
aus dem Sujet ein einzelnes Ganze zu machen, schreibt er an S.
Laroche[21], da er Mitte Februar 1774 am Werther arbeitete. Allerdings
nicht: denn sie war damals schon in seinem Geiste als der Keim
vorhanden, aus dem sich der Faust bilden sollte. So deutet es nicht blo
auf einen ueren Zusammenhang, sondern auf einen inneren, dem Dichter
noch wohl bewuten, wenn er viel spter zu Eckermann sagte: Der Faust
entstand mit meinem Werther[22].

Werther ttet sich selbst; Faust sucht zunchst noch einen Ausweg, um zu
seinem Ziele zu gelangen: er ergibt sich der Magie, wie es die Sage
vorgezeichnet hatte. Was hofft er durch sie zu erlangen? Erkenntnis
dessen, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhlt, d.h. also das
geistige Band der Schpfung, das schpferisch fortwirkend das
Geschaffene zu einem Ganzen vereint, ferner alle wirkende Kraft und, wie
er in der Sprache der Alchemisten fortfhrt, Samen, d.h. die jene
hervorbringenden Ursachen. Man vergleiche dazu folgende Stelle in den
Aufstzen Nach Falkonet und ber Falkonet[23], wo er von der Gewalt der
Zauberei spricht, die den Knstler allgegenwrtig fat, dadurch ihm die
Welt ringsumher belebt wird: Davon fhlt nun der Knstler nicht allein
die Wirkungen, er dringt bis in die Ursachen hinein, die sie
hervorbringen. Faust will also nicht allein die wirkenden Krfte der
Natur schauen, sondern auch die sie erzeugenden Ursachen[24]. Wozu aber,
wenn nicht, um selbst zu schaffen? Ihn verlangt es also nach einer
schpferischen Erkenntnis der Natur, um gleich ihr schaffen zu knnen;
dagegen drngt es ihn fort von einer unfruchtbaren Wissenschaft, die
sich mit Worten ohne lebendige Kraft und lebendigen Sinn begngt. Von
dem Drang nach solchem Wissen ist er also von Anfang an geheilt. Ihm
kommt es allein auf eine schpferische Erkenntnis der Natur an, die, wie
er einsieht, durch Wissen nicht erlangt werden kann. Wir befinden uns
damit in dem Gedankenkreise, in dem sich der junge Goethe besonders in
den Jahren 1773 und 1774 bewegte, da er lebhaft nach Erkenntnis der
Natur und ihrer schpferischen Krfte verlangte, um so in das Geheimnis
lebendiger knstlerischer Darstellung einzudringen. Vor allem ist es das
Jahr 1774, jene herrliche Zeit mit mchtiger Lebenskraft
hervorquellender Genialitt, da er in den Gedichten ber Kunstnatur und
Naturkunst seinem gewaltigen Streben nach knstlerischer Thtigkeit und
zugleich dem Zweifel, der Unruhe, den Fragen und Klagen, wie und ob eine
der schaffenden Natur hnliche Schpfungskraft auch bei ihm lebendig
werden knnte, wechselnden Ausdruck gibt. Eine Art von Antwort auf
Fausts erste Frage nach dem inneren Zusammenhalt der Welt erteilt dabei
eines von ihnen[25], das wohl mit Recht dem Jahr 1774 zugeschrieben
werden darf:

    Und fhle, wie die ganze Welt
    Der groe Himmel zusammenhlt.[26]

Diese Andeutungen mgen hier gengen, denn wir werden bei Besprechung
des 3. Theils des ersten Monologs noch einmal auf des jungen Goethe
Natur- und Kunstanschauungen im Zusammenhange zurckkommen mssen. Nur
auf eins sei noch hingewiesen, was wir auch im weiteren Gang der
Betrachtung noch fter bemerken werden; es ist die Art, wie der Dichter
berlieferten Begriffen und Anschauungen aus seinem eigenen Inneren
neuen Lebensgehalt gibt, wie sie ihm erst dadurch lebendig werden, da
sie in Beziehung zu seinem eigenen Fhlen und Denken treten. So
verbndet sich in ihm der Begriff mittelalterlicher Magie, die ja auch
in das schpferische Geheimnis der Natur eindringen wollte, um selbst,
allerdings in anderem Sinne, zu schaffen, mit jener Magie des Knstlers,
die er als Dichter oft genug gefhlt hatte und die er als bildender
Knstler mehr und mehr in ihrer Zaubergewalt zu empfinden hoffte.

Der zweite Teil des Monologs (V. 33-65 = 386-418--Scherer in den
Betrachtungen ber Faust[118]) fat verkehrt V. 33-74 = 386-427
zusammen, obwohl mit der Angabe des Themas: Flieh! Auf! Hinaus ins weite
Land! ein deutlicher und bestimmter Abschlu gegeben ist, und mit dem
folgenden Verse offenbar ein neuer Gedankengang sich erffnet[27]
unterscheidet sich von dem ersten zunchst in der Art des Ausdrucks. Ist
der erste Teil mehr episch gehalten, indem er auf Empfindungen
zurckgeht, die Faust nicht zum ersten Mal bewegen, so gibt der zweite
solche, die ihn mit aller Gewalt im Augenblick ergreifen. Der bergang
zu dieser daher lyrisch gehaltenen Partie geschieht anscheinend ganz
uerlich dadurch, da das Mondlicht in Fausts Zimmer fllt. Man hat nun
bei diesen beiden Teilen von einer Verschiedenheit des Stils und der
Metrik gesprochen und nicht nur angenommen, sie seien zu verschiedenen
Zeiten gedichtet, sondern sogar, da der zweite zum vorhergehenden wie
zu dem folgenden in unlsbarem Widerspruch stnde.[28] Ehe man jedoch
von Stilverschiedenheit reden darf und daraus solche Schlsse zieht, ist
die Frage zu stellen, ob sie vielleicht nicht innerlich durch die
Verschiedenheit des Inhalts notwendig begrndet sei. Mute nicht etwa
der Dichter von selbst fr seine Empfindung eine andere Ausdrucksweise
whlen, mute nicht wiederum diese das fr sie geeignete Metrum sich
selbst schaffen? Betrachten wir aber die beiden ersten Teile, so ergibt
sich deutlich, da unmglich der Eingang, der uns zur Aufklrung der
Lage einen kurzen Bericht von etwas gibt, das Faust nicht zum ersten Mal
empfindet, in gleichem Ton gehalten werden konnte als der darauf
folgende unmittelbar aus der Seele quellende Ergu.

Trotzdem drfen wir fragen: Warum hat der Dichter nicht unmittelbar an
das: Drum hab ich mich der Magie ergeben angeknpft? Wodurch ist diese
lyrische Partie begrndet, die anscheinend den Zusammenhang unterbricht?

Faust hat sich der Magie ergeben, um auf unnatrlichem Wege zur
Erkenntnis der Natur zu gelangen. Da kndet sich die Natur drauen
selbst an, indem sie auf einmal bei diesen Worten ihr helles Licht in
seinen dsteren Kerker wirft. Es ist eine Warnung der Natur; ihr Licht
sucht einzudringen in das Dunkel der Beschwrungsnacht und mchte ihm
zurufen: Nicht durch Magie gelangst du zur Erkenntnis meiner; nur durch
die Natur fhrt der Weg zur Natur! Allein Faust versteht die Warnung
nicht, und darf sie nicht verstehen. Sie wird ihm zu einer bloen
Mahnung an die Natur. Ein ossianisches Nachtbild[29] steht sie vor
seinem Auge; sehnsuchtsvoll fhlt er sich zu ihr hingezogen; bei ihr
mchte er, der sich endlich durch beklemmenden Wissensdurst
durchgerungen hat, Erfrischung und Heilung der gelhmten Lebenskraft
suchen.

Allein die Erscheinung verschwindet, er sieht sich wieder in seinem
grabhnlichen Kerker; aber nun kommt es ihm zum Bewutsein, in welchem
Gegensatz zur Natur er lebt, der doch die lebenschaffende Natur in ihren
geheimsten Tiefen ergrnden will; er hat sich selbst in diesen Kerker
geschlossen, der ihn an alles andere gemahnt als an das tiefe Leben der
Natur. Ist es da noch wunderbar, wenn er in seinem Inneren sich
eingeengt fhlt, wenn in solcher Umgebung alle lebendige Kraft gehemmt
wird? Darum fort aus dieser Enge, hinaus ins weite Land! Natur und
Wissen als Gegenstze sind ihm aufgegangen; ebenso die Natur drauen und
die fr den Gelehrten so charakteristische Physiognomie seiner
Umgebung[30]. Man stelle sich dagegen den jungen Dichter selbst vor,
schaffend in seiner von Werken lebendiger Kunst geschmckten
Knstlerwerksttte!

Allein der Gegensatz zwischen Natur und Magie wird ihm noch nicht klar,
darf ihm nicht klar werden; hofft er doch bei ihr, wie wir sehen werden,
die Natur zu finden und Belehrung von ihr zu erhalten! Warum hat nun der
Dichter also hier die Natur warnend und mahnend eingefhrt? Offenbar,
weil er sich im Widerspruch zu der berlieferung der Sage fhlt. Darum
will er uns ahnen lassen und mchte auch seinen Helden ahnen lassen:
durch Magie nicht zur Natur, allein durch die Natur! Der Mensch des 18.
Jahrhunderts, der Zeitgenosse Rousseaus, dessen ganzes jugendliches
Streben nach der Natur gerichtet war, tritt hier in Widerstreit mit dem
dsteren Aberglauben einer vergangenen, aber immer noch nachwirkenden
Zeit. Daher durchbricht er, nachdem er sich im Eingang im groen Ganzen
an die Sage gehalten hatte, weil sie ihm Beziehungen zu seinem Leben
bot, fr einen Augenblick die den modernen Dichter beengenden Schranken
der alten Sage, und um so mchtiger ergiet sich der Strom seiner
eigensten Empfindung dahin. Der Zusammenhang zwischen den beiden ersten
Teilen des Monologs ist also vllig klar und widerspruchslos. Ja, der
scheinbare Widerspruch ist grade ein Beweis fr die Einheit im Geiste
des Dichters, aus der sie entsprungen sind. Er beruht nicht auf einem
Gegensatze zwischen den beiden Teilen, sondern auf dem eigentmlichen
Verhltnisse, das der moderne Dichter zu der alten Sage einnimmt; es ist
dies gerade beim Faust der wichtigste Grund geworden, weshalb er nach
dem Jahre 1775 die Arbeit so lange ruhen lie. Dieser innere Widerspruch
zwischen Sage und Dichter mu daher wohl beachtet werden; er ist stets
fruchtbar zu machen, wenn wir das Werk eines Dichters betrachten, der
eine alte Sage, deren im Lauf der Jahrhunderte fest gewordene Form er
nicht vllig zerschlagen darf, ohne damit zugleich ihren eigentlichen
Gehalt zu verflchtigen, zum Stoff seiner Dichtung gewhlt hat. Unter
demselben Gesichtspunkt sind Homers Epen, unter demselben das
Nibelungenlied zu betrachten; wer ihn nicht beachtet, wird dazu kommen
gerade, was dem neuen Dichter gehrt, im Gegensatz zu den unzerstrbaren
Bestandteilen der Sage als sptere Zustze und Einschiebsel
anzusehen.[31]

Auch mit dem dritten Teile des Monologs besteht, wie schon angedeutet,
durchaus kein unlsbarer Widerspruch. Der Dichter lt das angeschlagene
Motiv fallen; man she nicht, warum, meint Scherer.[32] Er mu es fallen
lassen. Faust flieht nicht hinaus zur Natur, sondern wendet sich, ganz
im Charakter der Sage, dem Zauberbuche zu. Warum lt der Dichter Faust
nicht fliehen? Lie er das geschehen, so zerschlug er damit das Gef
der Sage, in das er doch seine Empfindungen legen wollte. Welche
Fortsetzung war da noch mglich? Ein Faust, der sich nicht der Magie
ergab, der keinen Bund mit dem Teufel schlo, sondern sich unmittelbar
an die Natur gewendet htte, war kein Faust mehr. Der Dichter mute
seinen subjectiven Standpunkt der Sage gegenber aufgeben, und nachdem
er seiner eigenen Empfindung ein Zugestndnis gemacht und sie so uns
hatte ahnen lassen, mit richtigem Takte zu der berlieferung
zurckkehren. Der klare Blick des Dichters durfte seinem Helden nicht
gegeben werden. Erst viel spter sollte ihm die Erkenntnis werden:

    Knnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen,
    Die Zaubersprche ganz und gar verlernen,
    Stnd' ich, Natur, vor dir ein Mann allein,
    Da wr's der Mhe wert, ein Mensch zu sein.[33]

Jetzt darf aber Faust diesen Gegensatz zwischen Natur und Magie noch
nicht fassen, wie er den zwischen Natur und Wissen nach langer bitterer
Erfahrung erkannt hat[34]. Er mu glauben, in der Magie die Natur als
Lehrerin zu finden.

Faust wendet sich dem Zauberbuch zu, das vor ihm liegt. Sollte es ihm
gengende Fhrung auf seinem Wege zur Erkenntnis sein? Wird er dann
nicht den Lauf der Sterne erkennen? Wird er also nicht auch hier die
Natur finden, die ihn unterweise?

Mit feinem Geschick fhrt der Dichter den Begriff der Natur hier ein;
Natur kann man ja beides nennen und sind ja auch beide, die
alchemistische wie die in der Auffassung und dem Sinn seiner Zeit. Damit
ist zugleich die Verbindung zwischen dem zweiten und dem dritten Teile
hergestellt.

Scherer stellt hier die Frage, warum Faust nicht schon lngst das
Zauberbuch aufgeschlagen habe, warum er nur eine Minute lnger in dem
qualvollen Zustand des Nichtwissens geblieben sei?[35] Sei es denkbar,
da er es so lange besessen und es nie ordentlich betrachtet habe?
Daraus, da er es jetzt erst betrachte, zieht er den Schlu, da er es
jetzt erst erhalten habe[36]; er glaubt daher, in den Zusammenhang
gehre eine Scene, in der es gebracht werde, wie es im Volksschauspiel
der Fall ist. Allein diese Fragen und Bedenken Scherers sind sehr
verkehrt und berflssig[37]. Der Dichter mute uns doch einen so
wichtigen Schritt in Fausts Leben, wie es der bergang zur Magie ist,
lebendig darstellen, vor unseren Augen geschehen lassen. Er ist ja das
eigentliche Thema des ganzen Monologs. Wir mssen uns doch vorstellen,
da das Stck eben von diesem Entschlusse seinen Ausgang nimmt. Es ist
in feierlichster Nachtstunde. Faust sitzt unruhig auf seinem Sessel am
Pult; vor ihm liegt das Zauberbuch; heute Nacht will er den groen
Schritt thun, zum ersten Mal die Geister beschwren. Zunchst wiederholt
er uns die Geschehnisse der Vergangenheit, die seine Absicht zur Reife
gebracht, seinen Entschlu begrnden. Alles Wissen hat ihn nicht zum
Ziele gebracht. Klagend blickt er auf die verlorene Zeit des Lebens
zurck. Ein neues Leben soll beginnen. Jetzt soll die Magie helfen! Das
fr seine Zukunft bestimmende Wort ist ausgesprochen, da kndet sich ihm
die Natur als erste Erscheinung der Beschwrungsnacht warnend an; aber
Faust versteht die Mahnung nur in Beziehung auf die eben abgethane
Vergangenheit, in der er sich in grab- und kerkerhnlicher Umgebung mit
allem toten Wissen geqult, um das Geheimnis des Lebens und der
Schpfung zu ergrnden; noch nicht darf ihm aber klar werden, was er
erst im langen Lebensgange erfahren soll, da auch Magie ihn niemals so
wenig wie das Wissen zu seinem Ziele bringen werde. Faust greift, wie er
es von Anfang an beabsichtigt hatte, zu dem Zauberbuche. Was will da
noch die kleinliche Frage, woher er das Buch habe, warum er es nicht
schon frher aufgeschlagen habe? Der Dichter mute doch alles nach der
Erzhlung des Eingangs in lebendiger Darstellung auflsen. Wie er das
Buch erhalten habe, das kmmert den Dichter sehr wenig; das gehrt vor
die Scene, nicht in die Scene. Denn wenn auch jetzt erst mit V. 66=419
die Beschwrung beginnt, so beginnt das Stck selbst mit der Absicht und
dem Entschlu, sie vorzunehmen, was Scherer nicht verstanden hat.

Ganz und gar miverstanden hat Scherer den Dichter noch in einem anderen
Punkte, und dies ist auch der Grund, weshalb er die zweite Partie mit V.
74 = 427 ansetzt, sie also mitten in einem Satze abschliessen lt.
Obwohl im V. 66 = 419 mit dem: Und dies geheimnisvolle Buch------ein
deutlicher bergang gemacht wird, und damit das in der zweiten Partie
angeschlagene Motiv von der Flucht zur Natur aus den angegebenen Grnden
fallen gelassen wird, glaubt Scherer trotzdem, Faust denke auch hier
noch (V. 66-74 = 419-427) daran, fortzugehen. Er hat nmlich im V. 68 =
420 die Worte: Ist Dir das nicht Geleit genug? vllig verkehrt
aufgefat, insofern er glaubt, das Buch solle ihm als Begleiter auf
seinem Gange dienen, um drauen die Beschwrung zu beginnen[38]! Aber
nicht auf seinem Gange zur Natur drauen soll ihn das Buch begleiten,
sondern auf dem Wege, den er jetzt einschlagen will, der ihn mittelbar
auch zu ihr geleiten soll. Scherer hat also auch nicht vermocht
auseinanderzuhalten, da die Natur in V. 70 = 423, die er in dem
Zauberbuch zu finden hofft, etwas anderes sei, als die Natur drauen,
die ihm im 2. Teile in ihrer Herrlichkeit erschienen war, da aber
zugleich der gleiche Begriff dem Dichter eine vortreffliche Brcke zum
bergang und zur Rckkehr zu dem Thema des ersten Monologs schlage. Das
gibt natrlich eine Kette von Miverstndnissen; so mu er auch
annehmen, die Beschwrung solle im Freien geschehen, daher er sich denn
billig verwundern mu, wenn nachher (V. 75 = 428) Faust gar nicht
fortgehe, um Geister zu beschwren.

Doch zurck zu dem Dichter! Ehe Faust das Zauberbuch aufschlgt, um die
geheimnisvollen Zeichen zu betrachten, die er zur Beschwrung gebrauchen
will, berlegt er, wie er sich zu ihnen verhalten solle. Nicht durch
trockenes Sinnen will er sie ergrnden, sondern sich unmittelbar an die
Geister selbst wenden, deren Zeichen er erblicken wird. Auch hier
erkennen wir wieder den modernen Dichter. Das Zauberbuch spielt bei ihm
nur eine nebenschliche Rolle; es bietet die Zeichen dar; an die Geister
will sich Faust dann ohne weiteres richten, ohne dazu sich der krausen
Beschwrungsformeln zu bedienen. Denn sie schweben neben ihm; was bedarf
es da der Bereitung? Wie nun aber vorher dem Begriff der Natur eine
doppelte Geltung geliehen war, wei Goethe auch hier den Geisterglauben
doppelsinnig zu verwerten. Der Alchemist glaubte an Elementargeister,
die die ganze Natur erfllen; der moderne empfindende Dichter fhlt
ebenfalls die Natur berall von lebendigem Geisterhauch umweht; ihm ist
es zu einer festen, dichterischen Vorstellung geworden, da allem in der
Natur ein Geist einwohne, es umschwebe. Dieser schne Glaube, der in
einem lebendigen Naturgefhl wurzelte, war damals wieder aufgelebt, da
man wieder die Welt mit dem Gefhl zu erfassen begonnen hatte. Wir
finden ihn an vielen Stellen in der Dichtung des jungen Goethe aufs
glcklichste verwertet; auch der wieder lebendig gewordene Glaube an den
Genius[39] gehrt hierher. So heit es in dem Wanderer (1772) von dem
Geist der Vergangenheit:

    Welchen der umschwebt
    Wird in Gtterselbstgefhl
    Jedes Tags genieen[40].

Im Fragment Mahomet (1773), der Geist Gottes wohne im Stein, schwebe um
den Thon[41]. Faust[42] verkndet:--alles--webt in ewigem Geheimnis
unsichtbar sichtbar neben Dir; ber der Sttte des Erschlagenen schweben
rchende Geister.--Die Musen umschweben den Dichter[43]. Der Geist der
Geliebten umschwebt die Sttte, da Clavigo stirbt[44]. Werther sucht
sich so diese Erscheinung zu erklren[45]; Ich wei nicht, ob so
tuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme
himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles ringsumher so
paradiesisch macht.--Die Gestalt der Mutter schwebt um Lotte, Werthers
Seele ber seinem Sarge[46]. Fernando bittet den Schatten seines
unglcklichen Weibes um Vergebung, wenn er um ihn schwebe[47]. (Vergl.
auch Briefe Nr. 239, 6. Nr. 245 S. 119, 15-16.--) u.s.w.----

Der Dichter konnte also seine eigene tief empfundene Anschauung mit der
mittelalterlichen recht wohl verbinden, ohne sie dadurch in ihrer
Bedeutung vllig aufzuheben. Umgibt ja nach seiner eigenen Erklrung den
groen Knstler bestndig und innig eine magische Welt, die nicht
knstlich heraufbeschworen werden mu, fr die tief im Innern seiner
Natur selbst sich der Zauberstab birgt zur dauernden Beschwrung.

Nach der Einleitung der Verse 66-76 = 419-429, mit der zugleich Faust
von vornherein die Art, wie er die Geister beschwren wolle, bestimmt
hat, schlgt er endlich das Zauberbuch auf. Scherer irrt hier doppelt,
wenn er trotz der Angabe des Dichters behauptet, Faust habe schon vorher
das Zauberbuch aufgeschlagen und fhle sich eben dadurch von Geistern
umgeben[48]; er versteht demnach nicht, wie Goethe den Geisterglauben
der Sage mit seiner eigenen dichterischen Anschauung zu einem ihm
gemen Ganzen verschmolzen hat; wie er also Sage und eigenes Empfinden,
so sehr sie sich widersprechen mgen, aufs glcklichste vereinigt hat.
Ist nicht die Welt ein Geisterall? Umgeben uns nicht berall die
Geister? Was bedarf es da der Vermittelung, was widerwrtiger Formeln?
Antwortet mir, wenn Ihr mich hrt! Mit diesem Beschwrungsprogramm
ffnet er das Zauberbuch, das die heiligen Zeichen ihm weisen soll, und
erblickt das des Makrokosmos, des Weltalls. Es ist also der Weltgeist,
wie auch Shaftesbury den Kosmos bezeichnete; (fr mich der prchtigste
Namen fr Gott, meint Herder in einem Brief an Merck (Straburg den 12.
September 1770)[49].) Der Faust des Dichters geht also nicht wie der der
Sage zuerst den Teufel an; aber wenn auch der Gang der berlieferung
gendert ist, so bleibt der Dichter immerhin noch innerhalb der weiteren
Schranken des alchemistischen Geisterglaubens. Zunchst stellt er die
Wirkung dar, die beim ersten Anblick ohne weiteres auf Faust berstrmt.
Jugendliches Lebensgefhl, neue Lebenskraft geht von ihm auf den aus,
der Jugend, Leben und Kraft geopfert hat in mhseliger, unfruchtbarer
Wissensarbeit. In innern Frieden wandelt sich der tobende Drang;
Lebensfreude erfllt ihn wieder; ein geheimnisvoller Trieb ist in ihm
erwacht, der ihn zur Enthllung geheimnisvoller Naturkraft treibt. Ist
er ein Gott? So klar liegt die wirkende Natur vor seinem geistigen Auge.
Die Welt liegt vor ihm,--wie vor ihrem Schpfer, der in dem Augenblick,
da er sich des Geschaffenen freut, auch alle die Harmonien geniet,
durch die er sie hervorbrachte, und in denen sie besteht[50].

Wie der Knstler die schaffenden Krfte der Natur erschaut, um
gottgleich zu schaffen und solche knstlerische Harmonien gleich ihr
hervorzubringen, so auch Faust, der ebenfalls nach schpferischer
Erkenntnis verlangt. Jetzt versteht er den Spruch des Weisen, da die
Geisterwelt der Natur uns nicht verschlossen sei; an uns nur liegt es.
wenn sie uns verborgen bleibt. Unser Sinn, unser Herz mu dazu geffnet
werden.

    Sieh, so ist Natur ein Buch lebendig,
    Unverstanden, doch nicht unverstndlich[51];

Das Gefhl ist die Harmonie! ruft Goethe in dem schon mehrfach
angezogenen herrlichen Aufsatze Nach Falkonet und ber Falkonet
aus[52]. Das Auge des Knstlers findet sie berall, berall sieht er die
heiligen Schwingungen und leisen Tne, womit die Natur alle Gegenstnde
verbindet. Bei jedem Tritt erffnet sich ihm eine magische Welt. Dieser
tiefe Einblick in die Natur wird also auch Faust zu teil, da er das
Zeichen des Makrokosmos erschaut. Wie aber dies Gefhl erweckt und wach
gehalten werde, sagt auch der Weise, dessen Worte er jetzt erst zu
fassen vermag:

    Auf bade, Schler, unverdrossen
    Die irdsche Brust im Morgenrot.

Mit anderen Worten: durch vertrauten Umgang mit der Natur wird die tiefe
Erkenntnis der Natur, und zwar hier der Weltnatur, errungen. Das
kabbalistische Zeichen fordert demnach ebenfalls Faust auf, sich
unmittelbar an die Natur zu wenden; zog es ihn aber vorhin bei jener
ersten Mahnung nach einer geisterhaft ossianischen Nacht hin, wie sie
dem kranken Werther behagen mochte, so erscheint ihm jetzt die Weltnatur
lockend in leuchtendem Glanze der Morgenrte.

Ein helleres Licht ber den tieferen Zusammenhang zwischen dem Zeichen
des Makrokosmus und jenem Mahnworte des Weisen verbreitet sich noch,
wenn wir Herders Schrift: lteste Urkunde des Menschengeschlechts[53]
zur Erklrung heranziehen. Der erste Band erschien Ostern 1774. Mit
begeisternder Anerkennung zeigt sie Goethe am 8. Juni 1774 Schnborn
an[54]. Scherer[55] hat bereits mit Recht auf ihre Bedeutung fr unsere
Stelle hingewiesen; es wird sich jedoch lohnen, noch tiefer als er es
gethan hat, auf Herders Ausfhrungen einzugehen. Die lteste Urkunde des
Menschengeschlechts ist die Schpfungsgeschichte im ersten Kapitel des
ersten Buches Mosis. Herder bekmpft zunchst die unhistorische Art
ihrer Erklrung. Alle physische und metaphysische Weisheit des 18.
Jahrhunderts mu hierbei fern bleiben. Vielmehr hinaus aus den dumpfen
Lehrstuben in die freiere Luft des Orients! Er versetzt sich daher ganz
in die Natur des Morgenlandes und in die sinnliche Anschauungskraft des
Morgenlnders. Wo offenbart sich aber unserem Auge die Schpfung besser
und immer von neuem als jeden Morgen im werdenden Tage?

Komm hinaus, Jngling, aufs freie Feld und merke. Die urlteste
herrlichste Offenbarung Gottes erscheint Dir jeden Morgen als Thatsache,
groes Werk Gottes in der Natur[56]. Fr den Menschen ist nun die
Schpfung ein Gewhl einzelner abgesonderter, ganzer Geschpfe; jedes
fr sich eine Welt; keins mit dem andern zusammenhngend, keins dem
andren hnlich. Was soll er da aus dieser bestrmenden Rhapsodie aller
Geschpfe herauslesen? Der moderne Mensch sucht sich durch Zergliedern
und Absondern zu helfen. Der Naturmensch aber, der nichts von diesen
Abstraktionsgaben wei, trachtet danach, sich aus diesem Chaos von
Wesen, Krften, Gestalten, Formen den Kosmos zu bilden. Fr den
lebenden, wirkenden Naturmenschen--was war nun da fr ein Bild, Ordnung,
Lehrmethode, die ihm die Schpfung unbetubend und doch ganz, nach und
nach und doch im Zusammenhange, mit Macht, Einwirkung, Lust frs Herz
und ohne Blendung und Dsterung des Auges gebe--suche Naturkndiger
zwischen Himmel und Erde, andres Bild, bessere Ordnung und Folge, als
diese----Lehrmethode Gottes! d.h. die er jeden Morgen bei dem
Unterricht unter der Morgenrte anwendet[57]. Gott selbst ist es, der
bei jedem Tagesanbruche die Schpfung in schner, deutlicher Folge am
Auge des Menschen vorberfhrt. Er belehrt nicht durch Schlsse und
Abstraktionen (trockenes Sinnen!), sondern durch Gegenwart und
Kraft[58]!

In dieser ltesten Urkunde liegt aber zugleich auch die lteste
Hieroglyphe verborgen. Die sechs Tagewerke und der Sabbat, nach
Entstehung und Folge angeordnet, ergeben das lteste kabbalistische
Zeichen aus 6 Triangeln, wo sich alles auf einander bezieht,--jenes in
allen Magien und Allegorien so berhmte Sechseck[59]! Diese Entdeckung,
auf die sich Herder viel zu gut that, hatte er schon 1770 in Straburg
gemacht und ihr dort weiter nachgesprt[60]. Diese Hieroglyphe ist also
nichts minder, als Schpfung Himmels und Erden[61]! Sie ist das Zeichen
des Makrokosmus; sie ist von Gott selbst geschrieben. Siehe da, der
erste Schriftversuch Gottes mit dem Menschen, diese Hieroglyphe![62]
War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb? ruft darum bei ihrem Anblick
Faust aus.

Herder verfolgt dann ihre Spuren weiter bei andren Vlkern, so bei den
gyptern, wo sie in der Gestalt der sieben heiligen Buchstaben
die Schpfung der Welt, den Zusammenklang aller Wiesen, die Leier
der Welt ausdrckt[63]. Sie erscheint weiterhin in verkrzter
Form [Symbol: Diagonales Radkreuz] als Zeichen des Weltalls, des
_Weltgeistes_, der Schpfungskraft, als ein Symbol der Krfte des
Weltalls[64]. Es bedeutet Kneph: Den unsterblichen Weltgeist, der alles
durchgehet und durchhauchet: den guten Dmon, Sinnbild alles Guten[65].

Fassen wir zusammen: Die lteste Hieroglyphe ist ein Zeichen der
Weltschpfung; es ist entstanden aus dem Schpfungsbericht, der sich
wieder auf die Vorgnge in der Natur grndet; es gibt das Bild des
Kosmos in harmonischer Verknpfung der wirkenden Urkrfte: es ist das
Zeichen des Weltgeistes, in dem alle Naturkrfte enthalten sind.
Offenbar hat in der That alle sptere Kabbala und Magie hierauf
weitergebaut[66]. Die Hieroglyphe kommt aber, insofern sie in dem
Schpfungsbericht verborgen ist, von Gott selbst; sie mahnt uns also,
nicht nur die Schpfung in ihr zu erblicken, sondern sie auch mehr und
mehr dadurch zu erkennen, da wir sie jeden Tag mit der Morgenrte in
schnster Folge immer wieder von neuem schauen.

Jetzt erst verstehen wir den tieferen Zusammenhang in den Versen 77-93 =
430-446. Da Faust das Zeichen der Weltschpfung, des Weltgeistes
erblickt, geht zunchst ein lebendiger Hauch von ursprnglichem Leben
auf ihn ber, wie ihn der Naturmensch einst gefhlt. Ein Gott hat dies
Zeichen geschrieben, das auf einmal das Bild der schaffenden
geschaffenen Weltnatur heraufbeschwrt. Die Urkrfte, die in ihm
symbolisiert sind, enthllen sich. Gottgleich erkennt er die Harmonien
der wirkenden Natur. Aber die Erscheinung mahnt ihn auch, sie mit
lebendigen, nicht durch Abstraktionen abgestumpften Sinnen in sich
aufzunehmen, dahin zu gehen, wo die Welt sich werdend und wirkend immer
wieder am schnsten offenbart, hinaus in die Morgenrte[67]!

Der Dichter hat die Wirkung, die das Zeichen auf Faust ausbte, zunchst
dargestellt. Wie mit einem Schlage steht die schaffende Weltnatur vor
seinem geistigen Auge; ihr Bild hat er gesehen, nicht etwa das Zeichen
betrachtet. Sie selbst hat ihm zugerufen, sich unmittelbar mit frischen
Sinnen an die Natur zu wenden. Dem darf natrlich nicht Folge gegeben
werden, ebenso wenig wie jener ersten Mahnung der Natur. Faust mu von
der Hhe seiner Empfindung herabsteigen. Die lebendige Erscheinung, zu
der das Zeichen nur den ueren Ansto gegeben hatte, ist verschwunden;
im folgenden sieht er das All in seinem harmonischen Zusammenhange nur
an der Hand der Charaktere des Zeichens. Er beschaut das Zeichen;--er
deutet es aus. Der Strom der Dichtung bequemt sich wieder den engeren
Ufern der Sage. Man darf aber wohl sagen, erst dadurch, da jene Zeichen
auf einen so reinen, ja gttlichen Ursprung zurckgefhrt waren, wurden
sie dem Dichter verwendbar. Hat Faust vorher die schaffende Weltnatur
vor seinem entzckten Auge gesehen, so erblickt er jetzt durch
Vermittlung des Zeichens, was es ihm als solches allein zeigen konnte,
nichts anderes als die Harmonie des Kosmos. Bei der nun folgenden
Beschreibung konnte sich der Dichter den alchemistischen Anschauungen um
so leichter wieder anschlieen, da sie in der That die Natur in schner
Verknpfung darstellen, so da sie ohne groe nderung auch dichterisch
verwertet werden konnten[68]. Endlich gingen auch sie auf lteste
Vorstellungen oder Versuche kosmischer Weltanschauungen zurck, wie z.B.
der Orphiker und Pythagorer, deren Zusammenhang mit der ltesten
Hieroglyphe Herder ebenfalls nachgewiesen hatte. Man vergleiche, was er
darber sagt. Sie dachten sich den Makrokosmos als groes Weltei, das
sie aus verschiedenen Lagen und Kreisen zusammenlegten; Unten, was
erzeugt ward, die sichtbaren Elemente, Erde, Wasser, Luft, Feuer: berm
Monde die unsichtbaren Kreise, die erzeugten: die _alle zusammentnend,
in einander wirkend_! sie machten die hohe Hermesleier! den Klang der
Sphren, den der Weltschpfer oben und nieden. Alles in Eins!
_Zusammenklang_. Das Bild ist einfach, anschaulich, schn, und wenn man
die alten Schriftsteller gelesen, ist mehr als alles--wahr[69]! Die
hnlichkeit mit Goethes Bildern liegt auf der Hand; nur hat er statt des
Bildes von der Leier das durch die Bibel geheiligte und auch
anschaulichere von der Himmelsleiter gebraucht, das brigens auch die
Alchemie sich nicht hatte entgehen lassen. Helmont[70], den Goethe
ausdrcklich unter denen nennt, deren Werke er in seiner alchemistischen
Epoche kennen gelernt hat, benutzt es in folgender Weise[71]: dieser
Weg ist kein ander, kann auch kein ander seyn, als welcher durch Jacobs
Leiter vorgestellt worden: denn gleicherweise wie auff derselben die
Engel Gottes auff und niedersteigen, also steigen die wesentlichen
lebendigen Krffte oder geistlichen Leiber der himmlischen Lichter
unabllich von oben herab durch die therische Lufft zu dieser untern
Welt, als von dem Haupt zu den Fen; und hernach, wann sie ihre
Auswrkung vollbracht, so steigen sie zu ihrem eigenen Nutz und
Verbesserung wieder von unten auffwerts zu dem Haupt, mit demselbigen
wieder vereiniget------Und dieses Auff- und Niedersteigen der
himmlischen Krfte, und die stetige Verbesserung und Verherrlichung, die
daran hanget, und darvon herkommt, wehret und beharret ohne Unterla,
und mu nothwendig also thun.

Aus derartigen Anschauungen und Vorstellungen, die der Dichter zu
verschiedenen Zeiten in sich aufgenommen hatte, schuf er aus sich
heraus ein neues poetisch empfundenes Ganze[72]. Mit Recht macht
Scherer[73] hierbei auf die Kosmogonie in dem, wie wir sehen werden,
gleichzeitigen Satyros[74] aufmerksam.

Goethe entwirft aber hier nicht blo ein Bild des Kosmos, sondern auch
von den verschiedenen Stufen der Weltschpfung; er benutzt hier, weil
ihm offenbar die biblischen Vorstellungen dazu nicht gengend poetische
Farben lieferten, die der lteren griechischen Philosophie, deren
Zusammenhang mit den ersteren Herder nachgewiesen zu haben glaubte. So
sind hier Elemente aus den Lehren von Anaximander, Empedokles,
Philolaos, der Eleaten zu einem poetischen Gesamtbild vereinigt.

Faust schildert also an unserer Stelle entzckt die Harmonie des Kosmos,
die er durch das Zeichen und in ihm erblickt. Welch Schauspiel! ruft er
noch begeistert aus; aber mit diesem Worte wird ihm auf einmal bewut,
woran er sich jetzt entzcke[75]. Damit aber sinkt er nun vllig von der
Hhe gesteigerter Empfindung herab. Die alten sehnschtigen Klagen
seiner Nichtbefriedigung ertnen von neuem. Was er eben gesehen, ist nur
ein Schauspiel: er hat nicht an dem Bilde genug. Ihn drstet nach mehr,
nach der lebendigen schaffenden Kraft, die alle diese Harmonien
hervorbringt; nach den Quellen, aus denen alles Leben quillt, den
Brsten, aus denen auch Himmel und Erde ihre Lebensnahrung saugen.
Diesen mtterlichen Busen mchte er fassen[76]; nach ihm drngt sich
seine welke Brust hin; er wei, er trnkt, und er sollte vergeblich
schmachten!

Dies mchtige Sehnen Fausts nach schpferischer Kraft, das wieder aus
der inner eigensten Tiefe des Dichterherzens aufstrmt, fhrt uns zu dem
Knstler Goethe zurck. Die Kunstgedichte des Jahres 1774 geben uns ein
vollstndigeres Bild jener Stimmung, als die Verse unserer Stelle, die
davon gleichsam ein gedrngter Auszug sind. Wie sehnschtig verlangt es
ihn dort nach dem Urquell der Natur, daraus er schpfend

    Himmel fhl und Leben
    In die Fingerspitzen hervor[77]!

Seinen Prometheus geleitete Minerva zu dem Quell alles Lebens. Wer fhrt
ihn? Was frommt ihm die glhende Natur an seinem Busen, was hilft ihm
das Gebildete der Kunst, wenn liebevolle Schpfungskraft nicht seine
Seele fllt und in den Fingerspitzen wieder bildend wird?[78]

    O da die innre Schpfungskraft
    Durch meinen Sinn erschlle--[79]

fleht er; und Werther mchte einen Augenblick in der eingeschrnkten
Kraft seines Busens einen Tropfen der Seligkeit des Wesens fhlen, das
alles in sich und durch sich hervorbringt[80]. Wo fa ich Dich,
unendliche Natur? ist der Grundgedanke, der all das knstlerische
Streben des Dichters durchzieht. Nicht nur auf Erkenntnis der Natur ist
es gerichtet; es ist nicht nur sehnschtige Liebe zu ihr, wie im
Ganymed:

    Da ich Dich fassen mcht'
    In diesen Arm!
    Ach, an Deinem Busen
    Lieg ich, schmachte,--[81]

Ihr wird die Befriedigung gewhrt, der Sehnende hinaufgetragen an den
Busen des allliebenden Vaters. Nicht dagegen wird sie dem kranken
Werther zu teil; denn sein Herz ist tot: er hat verloren, was seines
Lebens einzige Wonne war, die heilige belebende Kraft, mit der er Welten
um sich schuf; so steht er vor Gottes Angesicht wie ein versiegter
Brunn, wie ein verlechter Eimer![82] Ihm ist das Gefhl der harmonischen
Natur entschwunden, vor allem aber die ihm einst einwohnende
schpferische Kraft. Anders der Dichter!

    Ich fhl, ich kenne Dich, Natur,
    Und so mu ich Dich fassen.

schreibt er am Ende des Jahres 1774 an Merck; er schaut zurck und
sieht, wie sich sein Sinn schon manches Jahr _erschliee_.

    Wie er, wo drre Haide war,
    Nun Freudenquell genieet,
    Da ahnd ich ganz Natur nach Dir,
    Dich frei und lieb zu fhlen--[83]

Ideales Streben nach Einwirken und Einfhlen in die ganze Natur,
bezeichnet in einem spteren Schema[84] Goethe den ersten Monolog. Mit
Recht. Faust sehnt sich wie sein Dichter nach unmittelbarer, lebendiger
Erfassung der Natur durch das Gefhl, danach er schaffen und wirken
knne gleich der Natur.

Das Zeichen des Makrokosmus kann ihm also keine Befriedigung
versprechen; die anfangs durch seinen Anblick hochgesteigerte Flut der
Empfindung hat mehr und mehr geebbet. Der frhere Zustand kehrt wieder,
mit ihm der Unwille; in solcher Stimmung schlgt er das Buch um und
erblickt das Zeichen des Erdgeistes.

berblicken wir noch einmal den ganzen Monolog bis zu der nun
beginnenden Erdgeistscene (V. 107 = 460), so zeigt sich in allen Teilen
der schnste Zusammenhang; er ist aus einem Gusse; nirgends ein
Widerspruch, der uns berechtigte, sptere Einschiebungen, nderungen des
Plans anzunehmen. Der Widerspruch, den man in der Verbindung der
einzelnen Teile hat wahrnehmen wollen, liegt wo anders; er liegt in dem
Dichter selbst, in dem Ringen des mit der berlieferung der alten Sage
so verschieden empfindenden Dichters; aber grade bei diesem Kampfe kommt
sein eigenstes Gefhl in den wunderbarsten Tnen zum Durchbruch; gerade
hier zeigt sich die hohe Kunst des jungen Dichters, der immer wieder zu
den berlieferten Formen zurckzukehren und zwischen seiner eigenen
Empfindung und jenen auf das glcklichste zu vermitteln wei, so da
dadurch das wechselnde Bild auf- und absteigender Gefhle entsteht, wie
es uns in dem ersten Monologe entgegentritt. Nach dem Prolog hebt sich
die Welle immer hher anschwellend, um dann in dem dritten Teile wieder
zunchst zu sinken; aber mit dem Anblick des Zeichens des Makrokosmus
beginnt ein neues Aufsteigen; die Worte des Weisen: Auf, bade, u.s.w.,
bilden hier den Hhepunkt, wie vorher: Flieh! Auf! hinaus ins weite
Land! Beides mahnt denselben Weg zu betreten, den der Natur. Danach
senkt sich die Welle wieder mehr und mehr, bis schlielich mit dem
Bewutsein davon Faust in den alten Zustand der Unbefriedigung
zurckfllt und sich so Anfang und Ende des Monologs mit einander
verbinden.

Die ganze Scene in ihrer Einheit ist, wie bemerkt, als Beschwrungsscene
aufzufassen. Faust hat sich der Magie ergeben. Diese Nacht sollen vor
unseren Augen zum ersten Mal die Geister beschworen werden. Vor ihm
liegt das Zauberbuch. Unruhe erfllt ihn vor dem entscheidenden
Schritte. Noch einmal wiederholt er sich und uns die Grnde zu seinem
Entschlu, mit denen sich uns zugleich die Hauptzge seines frheren
Lebens enthllen. Was erwartet er nun von der Magie? Nicht unfruchtbares
totes Wissen, sondern lebendige, schpferische Erkenntnis der Natur.
Doch ehe er jetzt zur Beschwrung schreitet, mahnt ihn die Natur leise
an sich. Das Mondenlicht ergiet sich in sein Zimmer; es verdunkelt
gleichsam das vor ihm liegende Buch. Warum, Sohn der Natur, vertraust du
dich nicht unmittelbar der Mutter? Allein der im Dunklen Wandelnde
versteht sie noch nicht vllig; er erkennt nur den Widerspruch seines
frheren Lebens mit der Natur; nicht aber vermag sie ihn von der Magie
zurckzuhalten. Der Dichter hat es also verstanden, hier Tne
anzuschlagen, die nicht alle fr Faust mitklingen, wohl aber uns hrbar
sind. Er vernimmt: Fort aus deinem Kerker zur Natur, um von allem Wissen
die Brust rein zu baden!--nicht aber: Bleib fern von der Magie, geh zur
Natur, sie wird dich nicht blo heilen und befreien, sondern auch
belehren! Darum wendet er sich wieder dem Zauberbuche zu; auch mit
seiner Hlfe wird er zur Natur kommen; sie wird ihn unterweisen, wie er
zu ihren Geistern reden knne, da sie ihn hren. Sollte es ihm also
nicht gengendes Geleit sein auf dem Wege zu ihr? Er bereitet sich, es
aufzuschlagen. Er wird darin, die heiligen Zeichen erblicken. Was dann
thun? Nicht durch trockenes Sinnen, wie er es frher, da er sich mit dem
Wissen qulte, sie ergrnden, unmittelbar will er sich an die Geister,
die ihn umschweben, wenden.

Da er das Buch aufgeschlagen, erblickt er das Zeichen des Makrokosmus;
es ist das Zeichen des Weltalls, des Weltgeistes; gttlichen Ursprungs
hat es seinen Weg durch alle Vlker und Zeiten genommen und ist der
Magie als Eigentum geblieben. Auf diesen Ursprung hat es denn auch
Goethe nach Herders Vorgang zurckgefhrt[85]. Bei seinem Anblick steht
ihm die ganze Weltschpfung lebendig vor Augen. Neues Leben und
Wirkungskraft erfllt ihn. Wie vor jedem groen Gedanken der Schpfung,
wird in der Seele reg, was auch Schpfungskraft in ihr ist schreibt der
Dichter spter in dem Gebete der dritten Wallfahrt nach Erwins Grabe im
Juli 1775[86]. Gottgleich schaut Faust tief hinein in die Grnde der
schaffenden geschaffenen Natur. Wie einst Werther in glcklichen Tagen,
da ihn das volle warme Gefhl seines Herzens an der lebendigen Natur mit
Wonne berstrmte, wird auch Faust von Freude erfllt. Man vergleiche
dazu die herrliche Stelle in Werthers Brief vom 18. August[87].--Ihm
erweckt aber nicht ein Zeichen das Bild der ganzen Schpfung, der
gestalteten, wie der wirkenden Weltnatur, sondern der Anblick des
Naturlebens selbst; durch es wird sein Auge geffnet fr das innere
glhende heilige Leben der Natur; indem er es erschaut, steht die Welt
in ihren Grundzgen vor ihm. Die herrlichen Gestalten der unendlichen
Welt bewegen sich allebend in seiner Seele: Ungeheure Berge umgaben
mich, Abgrnde lagen vor mir, und Wetterbche strzten herunter, die
Flsse strmten unter mir, und Wald und Gebirg erklang. Und ich sah sie
wirken und schaffen in einander in den Tiefen der Erde, all die Krfte
unergrndlich. Gleich Faust sieht er die wirkende Natur vor seiner
Seele liegen, ihre Krfte sich ihm enthllen[88]. Diese Stelle kann
also recht wohl dazu dienen, uns das zu ergnzen, was auch Faust
erblickt. Fr ihn verbindet sich damit die Mahnung, als Schler des
gttlichen Lehrers in der Natur selbst die Schpfung da zu betrachten,
wo sie sich am deutlichsten und herrlichsten in ihr offenbart. Auch hier
geht es also darauf hinaus, da Faust zur Natur hingewiesen wird; das
zweite Mal noch bestimmter als das erste Mal. Sie ist nicht blo dazu
da, da sich der Mensch in ihrem Thau gesund bade sondern sie fordert
aus dem Munde des Weisen auf, bei ihr selbst zu suchen, was Faust
erstrebt: Auf, bade, Schler, unverdrossen, die ird'sche Brust im
Morgenrot! Allein der Dichter mu ihn von der Hhe dieser Erkenntnis
wieder herabfhren. Faust beschaut das Zeichen, was er aber in ihm
erblickt, ist nur noch die Harmonie der wirkenden Krfte des Alls, wie
sie sich in ihm vermittelst des Zeichens in schner Verknpfung
darstellt. Er will aber mehr; er will aus dem Urquell aller
Wirkungskraft und alles Lebens selbst schpfen, um ihrer gottgleich
teilhaftig zu werden. So sehnte sich auch Werther, aus dem schumenden
Becher des Unendlichen jene schwellende Lebenswonne zu trinken, und nur
einen Augenblick in der eingeschrnkten Kraft seines Busens einen
Tropfen der Seligkeit des Wesens zu fhlen, das alles in sich und durch
sich hervorbringt[89]. Zunchst allerdings entzckt Faust der Anblick
des kunstvollen Baus des Kosmos; er steht vor ihm mit demselben Gefhl
wie vor einem harmonisch gebildeten Kunstwerk. So stand der junge Goethe
vor Erwins Meisterwerk: Mit welcher unerwarteten Empfindung berraschte
mich der Anblick, als ich davor trat. Ein ganzer, groer Eindruck fllte
meine Seele, den, weil er aus tausend harmonierenden Einzelnheiten
bestand, ich wohl schmecken und genieen, keineswegs aber erkennen und
erklren konnte. Sie sagen, da es also mit den Freuden des Himmels
sei, und wie oft bin ich zurckgekehrt, diese himmlisch-irdische Freude
zu genieen, den Riesengeist unsrer ltern Brder, in ihren Werken zu
umfassen.--Schwer ists dem Menschengeist, wenn seines Bruders Werk so
hoch erhaben ist, da er nur beugen und anbeten mu. Wie oft hat die
Abenddmmerung mein durch forschendes Schauen ermattetes Aug mit
freundlicher Ruhe geletzt, wenn durch sie die unzhligen Teile zu ganzen
Massen schmolzen, und nun diese, einfach und gro, vor meiner Seele
standen, und meine Kraft sich wonnevoll entfaltete, zugleich zu genieen
und zu erkennen. Da offenbarte sich mir in leisen Ahndungen, der Genius
des groen Werkmeisters. Er weiht ihn in seine Geheimnisse ein.--Wie
froh konnt ich ihm meine Arme entgegenstrecken, schauen die groen,
harmonischen Massen, zu unzhlig kleinen Teilen belebt; wie in Werken
der ewigen Natur, bis aufs geringste Zserchen, alles Gestalt, und alles
zweckend zum Ganzen[90].

Allein der Genius des Weltalls offenbart sich Faust nicht so, wie er es
in seinem ungeduldigen Streben verlangt; es wird ihm nicht gegeben,
sich unmittelbar dem Gttlichen zu nhern. In prometheischem Unwillen
wendet er sich von ihm ab, schlgt das Buch um[91] und erblickt das
Zeichen des Erdgeistes.



Die Erdgeistscene und der Schlu des ersten Monologs.

(V. 107-168 = 460-521.)

Auch beim Anblick des Zeichens des Erdgeistes uert sich zuerst die
Wirkung, die von ihm auf Faust ausgeht; aber sie ist anderer Art als die
war, die vom Makrokosmus auf ihn berging. Nachdem der Rausch des
Entzckens vorber ist, fhlt er selbst, da zwischen dem Weltgeist und
ihm keine unmittelbare Beziehung bestehe. Wie sollte er mit ihm so in
Verbindung kommen, da eine dauernde, nachhaltige Wirkung mglich wre?
Was blieb schlielich brig als eine Frderung seiner Erkenntnis, seines
Schauens? Ganz anders beim Erdgeist; er ist ihm nher; bei seinem
Anblick fhlt er sofort seine thtigen Krfte erregt, gesteigert. Sein
Geist ist ber ihn ergossen und von ihm erfllt, redet er sofort in
seiner Sprache. Zu was treibt er ihn mit nicht geheimnisvollen Trieb?
Wage dich hinein ins Leben; erlebe diese Erdenwelt mit ihrem Weh und
Glck, Leid und Freud, schlage dich tapfer mit allen Strmen herum, und
wenn dein Schiff im Sturm zerschellt, so mgen den Unerschrockenen die
Trmmer zerschlagen! Zum Leben also wird er aufgefordert, er, der
bereilt, ohne je gelebt zu haben, aus dem Quell des Lebens selbst zu
schpfen sich verma. Mchtig quillt jetzt die Kraft zum Leben in ihm
auf, d.h. auf dieser Erde das dem Menschen Beschiedene zu tragen, tapfer
zu kmpfen und ebenso unterzugehen. Es mcht kein Hund so lnger leben
rief er aus beim Rckblick auf sein eben abgeschlossenes Leben. Wie
anders jetzt? Wie anders auch als Werther? Faust hat in dem Erdgeist den
Geist des Erdenlebens erkannt; d.h. in ihm selbst schlummert dieser Teil
vom Wesen desselben; er ist mit ihm darin verwandt und dadurch zieht er
ihn an. Sofort kndigt sich daher sein Erscheinen an. In gewaltiger
Erregung nimmt er die Anzeichen wahr; er fhlts, da der erflehte Geist
um ihn schwebe; er fordert ihn auf, sich zu enthllen. Neue, nie
gekannte Gefhle ringen sich von seinem Herzen los, und dieses Herz in
seiner ganzen gesteigerten Anziehungskraft gibt sich liebend dem Geiste
hin. Vergebens; Er mu ihn beschwren; er fat das Buch und spricht sein
Zeichen geheimnisvoll aus; in einer Flamme erscheint der Geist in
widerlicher Gestalt.

Eine doppelte Beschwrung also! Einmal durch die Anziehungskraft, die
Fausts Geist ausbt, insofern er dem Erdgeist hnlich ist. Er erkennt
eine Seite seines Wesens, die auch er in sich trgt; damit zieht er ihn
an. Allein diese geistige Art der Beschwrung gengt nicht; er mu zu
den magischen Formeln greifen und ihn so zu sich zwingen[92]. Warum nun
diese doppelte Beschwrung? Offenbar nimmt auch hier wieder der moderne
Dichter Stellung zu den berlieferungen der alten Sage. Fr ihn gibt es
nur eine Art der Beschwrung, eine mit der Zeit mehr und mehr sich
steigernde Geistesverwandtschaft, die endlich den lang erflehten Geist
uns zu eigen macht, da er uns alles offenbare, so wie Erwins Geist dem
wieder und wieder Betrachtenden erschien, ihm seine Geheimnisse zu
enthllen. Allein das ist keine Beschwrung, wie sie die Sage von Faust
fordert, der sich der Magie ergeben hat. Darum mu er, zugleich wohl
wissend, welchen Vorteil die alten Formen der Sage grade dem Dichter
bieten, seinen Helden sich ihrer bedienen lassen; aber auch hier fehlt
nicht die tiefere Begrndung dafr, da der Geist sich nicht enthllt.
Denn wie wir noch sehen werden, hat Faust sein Wesen nur zum Teil
erkannt; er ist noch nicht vllig mit ihm eins geworden; sein ganzes
Wesen wird von ihm nicht begriffen: er kndigt sich an, aber er enthllt
sich nicht. So mu denn doch die Zauberformel dran. Der Geist erscheint
nun in krperlicher Gestalt.

Scherer[93] hat diesen Zusammenhang nicht erkannt; er bemerkt zu V. 123
= 475: aber der Geist ist noch gar nicht erfleht. Faust hat ihn noch
mit keinem Wort um sein Erscheinen gebeten. Er versteht also nicht, wie
in den Versen 111-114 = 464-467 auch eine Beschwrung enthalten sei; er
bersieht, da der Geist spter selbst erklrt, was ihn im Grunde
hergerufen habe, der Seele mchtig Flehen, der Seele Ruf[94]. Die
Beschwrung von innen heraus, aus dem mchtig verlangenden und sich doch
hingebenden Herzen ist dem Dichter bedeutungsvoller als die durch
Zauberformeln. Scherer kommt durch dies Miverstndnis zu dem ganz
verkehrten Schlusse, die Erdgeistscene, die er erst mit V. 115 = 468
beginnen lt, sei nicht von Anfang an bestimmt gewesen, sich
unmittelbar an das brige anzuschlieen. Auch seine Einteilung ist
wieder falsch; denn ohne Frage beginnt ein neuer, vierter Teil der
ersten Hauptmasse mit V. 107 = 460.--Welch ungeheuerlichen Folgen diese
Irrtmer haben, lese man a.a.O. S. 323 nach, wo er vor der Erdgeistscene
ganze Akte hinzudichtet!

Der Erdgeist ist Faust in widerlicher Gestalt erschienen; er wendet sich
entsetzt von der schrecklichen Erscheinung ab. Der Geist mu ihn daran
erinnern, wie er lange an seiner Sphre (der Kreis, den seine
Wirksamkeit erfllt[95]) gesogen habe; allein er ertrgt den Anblick
nicht; er erliegt unter der Gewalt der Erscheinung[96]. Er selbst hat
ihn erfleht, gerufen aus der Tiefe seines Wesens heraus; und nun, da er
ihm gefolgt, wird der bermensch, der sich in titanischem Drang den
Geistern gleich zu heben verma, von erbrmlichem Grauen gefat, zittert
er bis in alle Tiefen seines Lebens hinein, aus denen er sich empor zu
ihm drang, dem Wurm gleich, der von dem Tritt des Wanderers sich
wegkrmmt. Da rafft sich Faust auf. Nach dem Hchsten hat er gestrebt,
vor dessen Bild er eben noch entzckt gestanden, und er soll der
Flammenbildung weichen! Er findet sich wieder, er ist Faust, ist
seinesgleichen.

Was hier der Erdgeist ihm zuruft, ist wichtig fr Fausts Charakteristik.
Es ergnzt das Bild, das er im Eingang von sich selbst gegeben hat, und
fgt den im allgemeinen der Sage entsprechenden Zgen neue modernerer
Art hinzu. Jetzt sehen wir deutlicher sein mchtiges Streben vor uns;
jetzt verstehen wir besser, warum ihm alles Wissen nicht genug that. Ein
titanischer, bermenschlicher Drang beseelt ihn, sich den Geistern
gleich zu heben. Der Dichter gibt also dem Faust der Sage sein eigenes
unendliches Verlangen--fr ihn mssen wir sagen,--sich zu dem Gttlichen
zu erheben, wie es auch einst Werther vor den Tagen seiner Leiden
gefhlt hat. Allein bei ihm wird es abgelenkt auf eine Leidenschaft, und
durch sie und in der Enge brgerlicher Beschrnkung aufgerieben. Bei
Faust stellt sich dagegen das Problem von vornherein anders. Sein
Unendlichkeitsstreben sollte innerhalb der Grenzen der Menschheit das
Hchste leisten und nicht in der Glut einer unbefriedigten Leidenschaft
untergehen. Werther war die unglckliche Blte dieser Epoche im Leben
des Dichters[97], Faust sollte die glcklichere werden.

Die Flle seines eigenen reichen Lebens hat also Goethe in die Form der
alten Sage gegossen; seine ganze Vergangenheit hat er Faust im voraus
mitgegeben. Darum kann sich auch jener dem Erdgeist nher fhlen, kann
dieser von ihm sagen, er habe an seiner Sphre lang gesogen. Der Faust,
der nach der Sage sich in unfruchtbarem Wissen geqult, hat zugleich
auch die titanische Seele seines Dichters. Damit erledigt sich auch
Scherers Bedenken ber V. 131 = 484, Faust habe noch nicht lange an der
Sphre des Erdgeists gesogen[98].

Da Faust sich fr seinesgleichen erklrt hat, enthllt ihm nun der
Geist die ganze Tiefe seines Wesens: In den Fluten des Lebens, im Sturm
der Thaten ist er das bewegende und erregende Element. In Geburt und
Grab, dem ewigen Wechsel von Vergehen und Entstehen, gleich einem ewig
auf- und abwogenden Meere, offenbart er sich belebend und zerstrend. In
dieser Weise schafft er immer wieder von neuem am sausenden Webstuhl der
Zeit und wirkt das lebendige Kleid der Gottheit, d.h. die Hlle, in der
sie immer wieder in Erscheinung tritt. Was ist danach der Erdgeist? Er
ist offenbar der Geist des Lebens der Erde, als welchen ihn auch Faust
sogleich erkannt hat; aber nicht blo in jenem beschrnkten Sinne; auch
nicht blo des Naturlebens, sondern des Lebens in jedem und im weitesten
Sinne; er ist also auch der Geist des thtigen, handelnden Lebens; er
ist berhaupt der Geist des Lebens, wie es sich auf der Erde von Stufe
zu Stufe aufsteigend berall im Niedrigsten und im Hchsten offenbart.
Wer ihn ganz begreifen will, mu ihn in der ganzen unendlichen Flle
dieses Lebens begreifen. In dem spteren Schema bezeichnet ihn Goethe
mit seinen wesentlichsten Merkmalen als Welt- und Thatengenius[99]. Als
solcher offenbart er sich nicht nur als schaffendes Princip, sondern
auch als zerstrendes. Er lt die Welle des Daseins sich heben und
wieder senken. Er schafft so als einwohnende schpferische Ursache immer
wieder von neuem die lebendige Welt der Erscheinung, das sichtbare
Kleid der Gottheit.--Wie bildete sich nun der Dichter diese Anschauung?
Zunchst konnte er sich wieder an die alchemistische berlieferung
anschlieen. Sie gab allen Planeten, also auch der Erde ihren
Geist[100]. Man braucht dazu keine nhere Kenntnis des Giordano Bruno
anzunehmen[101]. Es war dies der allgemeine Glaube jener Zeit. Endlich
war auch in der eigenen Zeit ein neuer Geisterseher erstanden:
Swedenborg. Goethe nennt ihn am Schlusse der schnen Recension ber
Lavaters Aussichten in die Ewigkeit: den gewrdigten Seher unsrer
Zeiten, rings um den die Freude des Himmels war, zu dem Geister durch
alle Sinnen und Glieder sprachen, in dessen Busen die Engel
wohnten[102]. Er glaubte an eine groe immaterielle Welt, zu der die
Intelligenzen, die mit Krpern verbunden sind, oder nicht, die
empfindenden Subjecte in allen Tierarten, und endlich alle Principien
des Lebens gehren[103]. Der dichterischen Phantasie des jungen Goethe,
die alles beseelte und berall hinter der Erscheinung das Wehen des
schpferischen Geistes sprte, mute eine solche alles mit Geist und
Leben erfllende Anschauung besonders zusagen. Fhlte er nicht in sich
selbst den Genius? Sprach nicht aus allem ein Geist? Aus Erwins
Meisterwerk hatte einst der Geist des Erbauers zu ihm geredet. Sein
Wanderer erschaute auch aus den Trmmern des Tempels den Genius des
Meisters:

    Glhend webst du
    ber deinem Grabe,
    Genius![104]

Den Genius des Vaterlandes fleht er um den knftigen jungen Dichter,
den er nach seinem Bilde gezeichnet.[105] Wie leicht konnte sich daher
sein Geisterglaube mit dem frherer Zeiten verbinden und sich so die
Vorstellung eines Erdgeistes von neuem daraus entwickeln! Er wird ihm
nun zu einem Geist des Lebens in allen seinen Erscheinungen auf der
Erde, vom niedrigsten bis zum hchsten, vom sich unbewuten bis zum
bewuten, vom leidenden bis zum im hchsten Sinne thtigen Leben;
zugleich ruht in ihm das Princip des Lebens, das abwechselnd schafft und
zerstrt, um so immer wieder neues Leben zu haben.

Dieser Wechsel zwischen Zerstren und Schaffen hatte Goethes Teilnahme
bei seiner Betrachtung der Natur von Jugend auf erregt. Uralte, die
Menschen zu allen Zeiten bewegende Fragen knpfen sich daran an. Hat der
Mensch nur vor allem einen Blick fr das zerstrende, bersieht er das
schaffende Princip, so leuchtet es ein, wie verhngnisvoll ein solcher
einseitiger Standpunkt fr die Auffassung und den Gang seines Lebens
werden mu. Die Weltanschauung, die die Vergnglichkeit und Eitelkeit
alles Irdischen auf das strkste betont, all der dstere, weltfeindliche
Pessimismus wurzelt hier. Auch der junge Goethe ist von dieser Seite des
Irdischen lebhaft berhrt worden und hat zu ihr Stellung genommen; am
schnsten in dem Gedicht Der Wandrer, das noch vor dem Wetzlarer
Aufenthalt im Frhling 1772 entstanden ist. Zunchst sieht der Wanderer
auf seinem Gange nur die traurigen Reste der Zerstrung: Sulenstmpfe,
erloschene Inschriften, Trmmer eines Tempels. So wenig schtzt also die
Natur das Werk ihres Meisters; unempfindlich zertrmmert sie ihr
Heiligtum. Da wird der Blick des Klagenden vom Tode abgewendet und an
das Leben gemahnt. Die Bewohnerin dieser Trmmer gibt ihm ihren
blhenden Knaben in den Arm,--ein herrliches bergangsmotiv!--der, ber
den Resten der Vergangenheit geboren, einem neuen Leben entgegenwchst.
Jetzt ist sein Auge geffnet; ringsum sieht er die blhende und grnende
Natur; die Schwalbe, die am Architrav ihr Nest gebaut, die Htte, die
der Mensch zwischen Trmmern erbaut, er geniet ber Grbern. Natur, du
ewig keimende, ruft er aus, schaffst jeden zum Genu des Lebens![106]
Damit war also alle einseitige Naturbetrachtung verworfen. Nicht dazu
sind wir geschaffen, allein die Vergnglichkeit zu sehen und darber zu
klagen; denn berall erwchst wieder aus dem Tod neues Leben, das zu
genieen wir da sind. Denselben Standpunkt vertritt Goethe in der
Recension ber Sulzers schne Knste vom 18. Dezember 1772[107]. Sind
die wtenden Strme, Wasserfluten, Feuerregen, unterirdische Glut und
Tod in allen Elementen nicht ebenso wahre Zeugen ihres (der Natur)
ewigen Lebens als die herrlich aufgehende Sonne ber volle Weinberge und
duftende Orangenhaine? Was wrde Herr Sulzer zu der liebreichen Mutter
Natur sagen, wenn sie ihm eine Metropolis, die er mit allen schnen
Knsten als Handlangerinnen erbaut und bevlkert htte, in ihren Bauch
hinunterschlnge?

Man wei, welch mchtigen Eindruck das Erdbeben von Lissabon (1. Nov.
1755) auf alle Zeitgenossen und auch auf den frhreifen Knaben Goethe
gemacht hat[108]. Man benutzte es damals als grliches Argument gegen
den Optimismus und seinen Grundsatz, alles sei gut[109]. Vergebens
suchte sich sein junges Gemt gegen diese Eindrcke herzustellen. Nach
und nach vergit er aber die Zornesuerungen ber die Schnheit der
Welt und die mannigfache Gte, die uns darin zu teil wird[110]. So
gelang es ihm allmhlich einen Standpunkt einzunehmen, von dem aus er
zwischen Pessimismus und Leibnitz-Popischem Optimismus einen glcklichen
Ausweg fand:

Was wir von Natur sehen, ist Kraft, die Kraft verschlingt; nichts
gegenwrtig, alles vorbergehend; tausend Keime zertreten, jeden
Augenblick tausend geboren; gro und bedeutend, mannigfaltig ins
Unendliche, schn und hlich, gut und bs, alles mit gleichem Rechte
nebeneinander existierend[111].

In humoristischer Weise findet sich diese Naturanschauung als Kampf ums
Dasein behandelt im Monolog des Einsiedlers im Satyros[112]. Sehr
bezeichnend aber hat der kranke Werther allein ein Auge fr die
zerstrende Seite der Natur; er, der frher berall mit vollem warmen
Gefhl die schaffende Natur gesehen, sieht jetzt nur noch die
zerstrende Kraft in der Natur. Der Schauplatz des unendlichen Lebens
wandelt sich vor ihm in den Abgrund des ewig offenen Grabs.--Ha! Nicht
die groe seltene Not der Welt, diese Fluten, die eure Drfer wegsplen,
diese Erdbeben, die eure Stdte verschlingen, rhren mich; mir
untergrbt das Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur
verborgen liegt, die nichts gebildet hat, das nicht seinen Nachbarn,
nicht sich selbst zerstrte. Und so taumle ich bengstet! Himmel und die
Erde und all die webenden Krfte um mich her! Ich sehe nichts als ein
ewig verschlingendes, ewig wiederkuendes Ungeheuer![113]

Aus frhesten Anregungen ist demnach diese Betrachtung der Natur auf ein
in ihr waltendes zerstrendes und schaffendes Princip herausgewachsen
und die glcklich gewonnene Anschauung ist dann auch zur nheren
Bestimmung des Wesens des Erdgeistes benutzt worden; brigens begegnete
sich Goethe auch hier wieder mit alchemistischen Vorstellungen. Nach
Agrippa[114] herrscht auf der Erde das Gesetz des Entstehens und
Vergehens, (lex generationis et corruptionis[115]), so da also von
dieser Seite aus des Dichters Auffassung vom Erdgeiste nicht
beziehungslos war. Noch spter aber beim Rckblick auf die Frankfurter
Zeit hebt er als besonders kennzeichnend hervor, den ersten Drang, das
ungeheuere Geheimnis, das sich in stetigem Erschaffen und Zerstren an
den Tag legt, zu erkennen[116].

Der Erdgeist ist nun nicht blo ein Geist der irdischen Lebenskraft, die
hervorbringt und zerstrt, die Woge des Daseins steigen und sinken lt,
er wallt nicht nur in den Fluten des Lebens auf und ab, sondern ist auch
der Geist der That im Leben, des thtigen, mit Bewutsein wirkenden
Lebens. Die Natur hat den Menschen nicht allein zum Genu des Lebens, zu
Leid und Freud, Glck und Weh geschaffen, sondern auch zur Thtigkeit
und Wirksamkeit. Er htte mir nur sagen sollen, da es im Leben blo
auf das Thun ankomme, das Genieen und Leiden findet sich von selbst,
bemerkt Goethe spter in der Geschichte seines Lebens[117]. Whrend
alle die andern Armen Geschlechter der kinderreichen lebendigen Erde
Wandeln und weiden In dunkelm Genu Und trben Schmerzen des
augenblicklichen Beschrnkten Lebens, Gebeugt vom Joche der
Notdurft[119], galt es fr ihn zum Thun zu kommen. Diese Erkenntnis
ward dem jungen Goethe immer klarer und lebendiger. Denn fr ihn wie fr
seinen Helden Faust war es eine Lebensfrage, sich im Leben durchzuringen
zu den Sphren hchster Thtigkeit. Hamanns herrliche, aber schwer zu
befolgende Maxime konnte ihm dabei den Weg weisen: Alles, was der
Mensch zu leisten unternimmt, es werde nun durch That oder Wort oder
sonst hervorgebracht, mu aus smtlichen vereinigten Krften
entspringen; alles Vereinzelte ist verwerflich[120]. Denn er hatte es
zwar nicht ntig, sich vom Banne der Schulwissenschaft und der
Spekulation zu befreien und eine lebendige, fruchtbare Thtigkeit an
ihre Stelle zu setzen; fr ihn galt es einer allzugroen Nachgiebigkeit
gegen die Eindrcke der Auenwelt, einer allzu gesteigerten
Empfindungsfhigkeit ein Gegengewicht zu schaffen. Er fand es in der
dichterischen Produktion, suchte es auch in der Thtigkeit des bildenden
Knstlers. Zu einer Zeit, wo die Empfindsamkeit berwog, erkannte er
denn auch das Gegenmittel. Die Berhrung mit der heroischen Strke des
Altertums machte es ihm bewut, was ihm fehle. ber Pindars Worten
[Griechisch: epikratein dynasthai] ging es ihm auf; und was Thtiges
an ihm war, lebte auf[121].

Unter [Griechisch: epikratein] versteht er aber Meisterschaft, Virtuositt,
d.h. also hchste Thtigkeit. Die ganze Jugendpoesie der Frankfurter
Jahre seit 1771 durchzieht dieser Gegensatz. Weilingen ist der erste
Vertreter der krankhaften Empfindlichkeit; ihm gegenber steht
Adelheid; sie ist nicht von Anfang an die Teufelin, die ihn verdirbt,
sondern sie vermeint zunchst noch den titanischen Funken in ihm
erwecken zu knnen, ihn zu dem activen Manne zu machen, den sie in ihm
erwartete[122]. Und in der That scheint die lebendige Kraft, die von ihr
ausgeht, die Atmosphre von Leben, Mut, thtigem Glck, die um sie
ist[123], auf ihn zu wirken, wie das Zeichen des Erdgeistes auf Faust:
Und nun gleich entfesselten Winden ber das ruhende Meer! Du sollst an
den Felsen, Schiff! und von da in Abgrund! und wenn ich mir die Backen
drber zersprengen sollte[124]. Allein die Wirkung hlt bei ihm nicht
an; Adelheid aber, da sie seine Unfhigkeit durchschaut, verlt und
verdirbt ihn. Dasselbe Verhltnis liegt zwischen Clavigo und Carlos vor,
nur da der letztere nicht mehr der Feind, sondern der Freund des
Schwachen ist. Auf der hchsten Hohe erscheint diese Krankheit im
Werther. Bei ihm wird durch seine wunderbare Empfind- und Denkensart,
der er sich ganz berlie, und die endlose Leidenschaft, alles, was
thtige Kraft an ihm war, ausgelscht[125]; und er, der sich nicht, wie
Weilingen und Clavigo, in schwerer Schuld verstrickt hatte, fllt durch
eigene Hand.

Ganz im Sinne Fausts hatte der Dichter, da er im Mai 1772 gen Wetzlar
zog, zwar nicht dem Erdgeist, wohl aber der Gottheit zugesungen, von ihr
erfllt:

    Allgegenwrt'ge Liebe!
    Durchglhst mich,
    Beutst dem Wetter die Stirn,
    Gefahren die Brust,
    Hast mir gegossen
    Ins frh welkende Herz
    Doppeltes Leben
    Freude zu leben.
    Und Mut[126].

Von diesem gewonnenen Lebensmute aus war dann zu dem dritten, hchsten
Leben vorzudringen, dem der That, auf da das Herz nicht welke, sondern
noch kstliche Frchte trage![127]

Wir sehen danach, wie tief diese Auffassung des Erdgeistes als eines
Geistes des Lebens und der That im Leben des Dichters begrndet liegt.

Bemerkenswert fr die Art, wie bei der verschiedensten Gelegenheit
gewonnene Erkenntnis, liebgewordene Motive sich bei dem jungen Goethe
hervordrngen, ist die physiognomische Charakteristik des Brutus als des
Mannes der That[128], die am Ende der Frankfurter Zeit (1775)
geschrieben ist[129]:

Zuerst wird wieder die Wirkung des Bildes geschildert: Welche Kraft
ergreift dich mit diesem Anblicke! u.s.w.--Eherner Sinn ist hinter der
steilen Stirne befestigt, er packt sich zusammen und arbeitet vorwrts
in ihren Hckern, jeder wie die Buckeln auf Fingals Schild von
heischendem Schlacht- und Thatengeiste schwanger. Nur Erinnerung von
Verhltnissen groer Thaten ruht in den Augenknochen, wo sie durch die
Naturgestalt der Wlbungen zu anhaltendem, mchtig wirksamen Anteil
zusammengestrengt wird.----Mann verschlossener That! langsam reifender,
aus tausend Eindrcken zusammen auf einen Punkt gedrngter That! In
dieser Stirne ist nichts Gedchtnis, nichts Urteil, es ist ewig
gegenwrtiges, ewig wirkendes, nie ruhendes Leben, Drang und
Weben!--Sogar etwas verderbendes findet er in ihm[130].

Das Verhltnis des Erdgeistes endlich zu seiner Schpfung, dem
lebendigen Kleid der Gottheit, der sichtbaren Erdenwelt ist offenbar im
Geiste Spinozas gedacht. Seine Philosophie hatte Goethe sptestens seit
dem Frhling 1773 kennen gelernt[131]. Auf der Rheinreise im Sommer 1774
war sie ein wichtiger Gesprchsstoff zwischen ihm und Fr. Jacobi. Es
fgte sich dabei wieder vortrefflich, da ja auch seine Anschauungen in
manchem mit den alchemistischen seiner Zeit zusammentrafen. Hatten sie
allem einen Geist gegeben, so lie auch Spinoza alles, wenn auch in
verschiedenem Grade beseelt sein[132]. Gott ist ihm die immanente,
bewirkende Ursache der Schpfung. Die Welt ist eben nur die sichtbar
gewordene Wirkung der gttlichen Schpferkraft; die einzelnen Dinge
sind die Modi, die Erscheinungsformen der unendlichen gttlichen
Substanz (natura naturans = wirkende, n. naturata = bewirkte Natur).

Bei Goethe erscheint nun der Erdgeist im Auftrage Gottes handelnd; er
setzt gleichsam in hherem Befehle das irdische Schaffen fort. Denn der
Dichter ist eben gentigt, da er sich einmal im Rahmen des
alchemistischen Geisterglaubens bewegt und zwischen dem Geist des Alls,
der Gottheit, und dem der Erde geschieden hatte, die rein spinozistische
Auffassung entsprechend abzundern.

Der Erdgeist hat Faust sein Wesen enthllt. Jetzt redet er ihn an; er
will ihm zeigen, da er sein Wesen erkenne, ihm sagen, wie nah er sich
ihm fhle; er nennt ihn dabei einen geschftigen Geist, der die weite
Welt umschweife. Da ist der Bann der Beschwrung gebrochen, er hrt die
niederschmetternde Kunde:

    Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
    Nicht mir!

Dann verschwindet der Geist. Faust strzt zusammen: er, das Ebenbild
Gottes, der dem Geist des Alls zu gleichen sich verma, gleicht nicht
einmal dem Geist der Erde! Die Scene bricht ab. Wagner erscheint.

Hier erhebt sich die Frage: Wodurch wird der Bann der Beschwrung
gebrochen? Warum verschwindet der Erdgeist grade jetzt? Woraus schliet
er, da Fausts Geist dem seinen nicht gleiche? Jedenfalls mu er dies
Fausts letzten Worten entnommen haben. Was enthalten sie? Er nennt den
Erdgeist einen geschftigen Geist. Er hat sich ihm als der Geist
hchster Thtigkeit offenbart, und nun setzt Faust diese der
Geschftigkeit gleich. Geschftigkeit ist aber eine Thtigkeit ohne
Zweck, ohne Folge, ohne Frucht, ohne Ziel. So nennt sich der junge
Goethe selbst einmal geschftig ohne fleiig[133]. Faust kennzeichnet
sein eigenes Wesen, indem er dem Erdgeist diese Eigenschaft gibt. Aber
auch der Dichter hatte sie in seinem Wesen als einen Mangel in seiner
Entwicklung entdeckt, den er zu einer Tugend umbilden mute. Denn er
fhlte Adel und kannte Zweck[134]. Auch hat mir endlich, schreibt er
in den bereits angezogenen Wetzlarer Brief an Herder, der gute Geist
den Grund meines spechtischen Wesens entdeckt. ber den Worten Pindars
[Griechisch: epikratein dynasthai] ist mirs aufgegangen[135]. Das
spechtische Wesen Goethes, wie es Herders Spott genannt hatte, war
dessen ewiger Tadel gewesen. Nun sieht er selbst ein, da es eine
Schwche sei, die er berwinden msse. Wenn ich nun berall
herumspaziert bin, berall nur dreingeguckt habe, nirgends zugegriffen.
Dreingreifen. packen ist das Wesen jeder Meisterschaft[136]. Die
Geschftigkeit mu zu der zielbewuten Thtigkeit des Meisters werden.
Mit diesem Mangel seines Wesens, ber den der Dichter sich lngst klar
geworden war, ber den er aber seinen Helden erst aus seinem dunklen
Zustande zur Klarheit auffhren mute, hngt es auch zusammen, wenn
Faust den Geist als einen, der die weite Welt umschweife, auffat und
wiederum dadurch sich selbst verrt. Denn was ist dies Schweifende
anders als was der Dichter eben mit dem Herumspazieren und Dreingucken
an sich getadelt hatte, was ihm aus Pindars Worten: [Griechisch: Eidos
phua, psephaenos anaer myrian aretan atelei noo geuetai, oupot' atrekei
kateba podi, mathontes] usw. wie Schwerter durch die Seele gegangen
war[137]? In demselben Sinne tadelt er an Lavater, ein schweifender
Geist habe ihm die kollektive Kraft entzogen und so der besten Freude,
des Wohnens in sich selbst beraubt[138]; ebenso wieder an sich selbst,
da zu Zeit seiner Liebe zu Lili all die Gegenstze seiner Natur
aufgewhlt wurden, mit den klagenden Worten: Entweder auf einem Punkt,
fassend, festklammernd, oder schweifen gegen alle vier Winde[139]! ber
Lenz bemerkt er spter, er habe bei ihm darauf gedrungen, da er aus dem
formlosen Schweifen sich zusammenziehen und die Bildungsgabe, die ihm
angeboren war, mit kunstgemer Fassung benutzen mchte[140]. Er setzt
also dem schweifenden Geist die kollektive Kraft, eine Art innerer
Konzentration, das Wohnen in sich selbst, wie er es gerne nannte,
entgegen. Dies Wohnen in sich selbst erzeugt, indem er sie auf einen
Punkt sammelt, die schpferische Kraft; es gehrt darum zum Wesen der
Gottheit, also auch zu dem des Erdgeistes. O, ich wrde an deinem Busen
der ewigen Gtter einer sein, die in brtender Liebeswrme in sich
selbst wohnten und in einem Punkte die Keime von tausend Welten gebaren
und die Glut der Seligkeit von tausend Welten auf einen Punkt
fhlten,--ruft Franz im Gtz aus[141]. Es ist daher fr den im hchsten
Sinne thtigen und schpferischen Menschen zu erstreben; so begegnet er
uns auch in der Charakteristik des Brutus als des Mannes der That: Sieh
das ewige Bleiben und Ruhen auf sich selbst[142]. Faust hat also in dem
Wesen des Erdgeistes nicht erkannt, da er auch der Geist der hchsten
Thtigkeit ist, da er nicht die Welt umschweife, sondern in ihr wohne
als das schpferische Princip, das durch Zusammenziehung aller
zerstreuten Krfte sie immer wieder hervorbringe[143]. Damit hat er
ausgesprochen, was ihm selbst noch fehle, trotzdem aber sich berhebend,
ohne da eine innere Kraft ihn dazu berechtige, sich dem Geiste nahe, ja
gleich gefhlt. Auch dies trgt dazu bei, da er verschmht wird[144].
Dagegen wird der Bescheidenheit des Jngers vor dem Bilde der Venus in
Knstlers Vergtterung die Antwort:

       Du wirst Meister sein.
    Das starke Gefhl, wie grer dieser ist,
    Zeigt, da dein Geist seinesgleichen ist[145].

Ebenso wie Faust wird aber in den Parabeln die Eiche von der Ceder
zurckgewiesen: Die Eiche sprach: Ich gleiche dir, Ceder! Thor! sagte
die Ceder: als wollt' ich sagen, ich gleiche dir[146].

Fassen wir noch einmal das Wesentliche der Erdgeistscene zusammen! Faust
erblickt das Zeichen des Erdgeistes; er fhlt sich ihm nher als dem
Geist des Alls. Was er in ihm erkennt, was also auch in ihm selbst
verborgen liegt, ist das dem Geist einwohnende rastlose Leben. Von
diesem Hauch getroffen, fhlt er in sich den Mut entstehen, sich in das
Leben hinaus zu wagen und alles, was es zuteilt, Freud und Leid, Kampf
und Untergang, tapfer auf sich zu nehmen. Durch dieses Gefhl ist er in
einer Beziehung dem Geiste gleich. Dadurch zieht er ihn an; er kndigt
sich an, aber da die Erkenntnis und die Wesensverwandtschaft nicht
vollstndig ist, erscheint er nicht. Da beschwrt ihn Faust mit
magischer Formel. Nun erscheint er, aber in widerlicher Gestalt. Faust
wendet sich ab. Sein ganzes bermenschliches Streben war darauf
gerichtet, sich den Geistern gleich zu heben; er hat sich ihnen zu
nhern gesucht und war durch dies Verlangen in ihre Sphre eingedrungen;
hatte sich dadurch die Kraft der Anziehung erworben; so hat er endlich
den Erdgeist erfleht, beschworen. Er ist ihm erschienen, und nun liegt
er im Staub, windet sich gleich den Wrmern. Das erbrmliche Liegen im
Staube--und des Winden der Wrmer--damit vergleicht der Dichter dieses
Gefhl in einem Augenblicke, da ihm gewhrt ward, was seinem Helden
versagt blieb: schwebend im herrlich unendlich heiligen Ocean unsers
Vaters des ungreiflichen, aber des berhrlichen.--Nennbare, aber
unendliche Gefhle durchwhlen mich--[147]. Faust gewinnt die Kraft der
Erhebung wieder. Der Geist enthllt ihm sein Wesen, aber er erkennt
darin nicht, weil er an ihr nicht Teil hat, die hchste Thtigkeit und
das, was sie erzeugt. Er hat wohl erkannt, da er der Geist rastlosen
Lebens sei, allein nicht, da dieses Leben, wie es das Wesen des Geistes
offenbart, zu dauernder, zielbewuter Thtigkeit zu steigern sei. Sein
Streben ist titanisch, aber seine Kraft nicht die des Prometheus! Sein
Geist hat sich noch nicht, wie Goethe es spter nannte, zur Entelechie
entwickelt. Er gleicht nur seinem Geiste, nicht dem Erdgeiste. Denn um
ihn zu erkennen, mte er er selbst sein[148]. Der Erdgeist
verschwindet, sobald Faust ihre Verschiedenheit ausgesprochen hat.

Es bleiben nur noch eine Reihe wichtiger Fragen zu beantworten, die in
sich zusammenhngen: Worin liegt es begrndet, da Faust sich zunchst
an die Geister des Makrokosmos und der Erde wendet? Bietet uns das
innere Leben des Dichters dafr einen Anhalt? In welchem Verhltnis
steht der Geist des Alls zu dem der Erde? Der Faust der Sage bergibt
sich dem Teufel, der des Dichters erhebt sich zu den Geistern, dem
Gttlichen. Diese Erhebung, die Sehnsucht, sich dem Gttlichen
unmittelbar zu nhern, ist einer der bemerkenswertesten Zge in der
Entwickelung des jungen Goethe. Er bedeutet in dem Gesamtbilde seines
Lebens eben nichts anderes als den Drang, die innewohnende Fhigkeit,
die er in dunklen Ahnungen in sich fhlte, auf das Hchste zu steigern
und auszubilden[149]. Schon frhe finden wir ihn in dem jungen Goethe
ausgeprgt. Bekannt ist die Erzhlung am Ende des ersten Buches von
Dichtung und Wahrheit, wie der Knabe sich der Gottheit unmittelbar zu
nhern gesucht. Die blen Folgen dieses Versuches konnten ihm damals
schon andeuten, wie gefhrlich es berhaupt sei, sich Gott auf
dergleichen Wegen nhern zu wollen. In der seltsamen Weltanschauung, die
er sich in seiner alchemistischen Epoche bildete, ist es Lucifer, der
durch seinen Abfall von Gott den Geistern die se Erhebung zu ihrem
Ursprung verkmmert. Dieses Streben, sich zu Gott zu erheben, offenbart
sich in dem Dichter in der verschiedensten Weise, als titanischer Drang,
Gott gleich zu schaffen und Schaffenslust zu genieen, aus dem
schumenden Becher des Unendlichen zu trinken, dann wieder als
sehnschtige Liebe zu dem allliebenden Vater. Es ist die Religion des
Dichters.

    In unsers Busens Reine wogt ein Streben,
    Sich einem Hhern, Reinem, Unbekannten
    Aus Dankbarkeit freiwillig hin zu geben,
    Entrtselnd sich den ewig Ungenannten;
    Wir heiens: fromm sein[150].

dichtet er spter. In diesem Unendlichkeitsstreben macht sich aber das
Gefhl der Beschrnkung geltend. Dazwischen wogt es im Innern des
Dichters auf und ab, bis er endlich wie Lucifer und Prometheus im
Hochgefhl der inneren Schpfungskraft von Gott undankbar abfllt und in
sich selbst den hheren Ursprung zu finden glaubt, um aber bald wieder
die trotzige Erhebung gegen die Gottheit aufzugeben und sich wieder
seinem Ursprung zuzuwenden[151].

Dieser Grundzug seines Lebens tritt uns in der Dichtung des jungen
Goethe mannigfach entgegen. In Wanderers Sturmlied[152], das in der Zeit
nach dem Wetzlarer Aufenthalt gedichtet ist, zuerst und besonders
bemerkenswert, weil wir hier hinein blicken knnen in den inneren Kampf
des Dichterherzens zwischen dem Trieb der Erhebung und dem Gefhl seiner
Schwche. Klagend empfindet er den Mangel innerer Wrme; er mu sein
Herz anfeuern, der Gottheit (Phoebus Apollo als Weltgenius) entgegen zu
glhen, damit nicht ihr Blick unbeachtend an ihr vorbergleite. Es liegt
darin also zugleich der Gedanke, da die Erhebung fr den Menschen ntig
sei, wenn er Gottes Mitwirkung erhalten solle[153]. In dem Fragment
Mahomet[154] von 1773 sucht der Held des Stckes den einen Gott, dem er
ungeteilt sein ganzes Gefhl weihen knne, in dem alles enthalten sei.
Sein liebendes Herz hebt sich dem Erschaffenden, und siehe, der Herr,
sein Gott, naht sich, freundlich zu ihm. In Mahomets Gesang[155] endlich
preist der Dichter in erhabenem Schwung den Menschen, der sich durch
nichts abhalten lt, seinem Ursprung unaufhaltsam zuzueilen, der auf
seinem Siegeslaufe auch noch andere, deren gleichem Verlangen ihre Kraft
nicht entspricht, mit sich fortreit und dem erwartenden Erzeuger
freudebrausend an das Herz trgt. Im Ganymed[156] (1773) ist es mehr die
sehnschtige Liebe des Unendlichen, wie sie auch die schne Seele in
ihren Bekenntnissen zu ihrem Heilande fhlt, als krftiges Hinstreben;
aber auch sie findet ihr Erhren; auch der Sehnende wird emporgetragen
zu dem Busen des allliebenden Vaters. Allein mit dem Verlangen nach
Erhebung verbindet sich leicht der vermessene Glaube, Gott gleich zu
werden, gleich ihm zu schaffen, gleich ihm die Wonne des Geschaffenen zu
fhlen. Du wirst sein, flstert die Stimme des Versuchers im Inneren,
wie Gott. Der Kampf zwischen dem unendlichen Streben und dem Gefhl der
Einschrnkung steigert sich, bis eine Art feindseliger Ruhe im Kampfe
eintritt. Der Mensch zieht sich in stolzer Kraft ganz auf sich zurck
und verschmht trotzig alle gttliche Hilfe. Allein diese Aufwallung
legt sich bald; er beginnt sich zu resignieren, um den inneren Frieden
wieder zu gewinnen. Denn auch der einzelne, so bemerkt er spter in
seiner Lebensgeschichte, vermag seine Verwandtschaft mit der Gottheit
nur dadurch zu bethtigen, da er sich unterwirft und anbetet[157]. Die
spinozistische Gesinnung jedoch, die der junge Goethe in sich
aufgenommen hatte, war zu beidem angethan, einen rcksichtslosen
Individualismus zu schaffen und dann wieder unter Anerkennung der
Schranken der Endlichkeit sich in Liebe zur Gottheit zu erheben[158].

Kehren wir zu Faust zurck! Auch er hat das Streben, sich dem
Gttlichen, den Geistern gleich zu heben. Dazu sucht er sie zu
beschwren. Das erste, was er in dem Zauberbuche erblickt, ist das
wichtigste aller Zeichen, das des Makrokosmus. Der Geist des Makrokosmus
ist, wenn wir die Geisterterminologie, zu der den Dichter sein Stoff
ntigte, bei Seite lassen, die Gottheit des Weltenalls. Hier scheint nun
Faust Gelegenheit gegeben zu sein, sich ihr unmittelbar zu nhern. Macht
er, der sich ja als Ebenbild Gottes fhlt, und da er das Gttliche in
dem Zeichen erkannt hat, den Versuch, es zu thun? In welchem Verhltnis
steht er zur Gottheit? Es ist weniger die sehnende Liebe, wie sie im
Ganymed ihren Ausdruck findet, es ist, wenn auch nur verhllt,
angedeutet, der Drang nach schpferischer Kraft, die er aus dem Urquell
alles Seins zu schpfen begehrt; aber gleich seinem Dichter fhlt Faust
bereits, da ihm hier durch unmittelbare Annherung an das Gttliche
keine Befriedigung winkt. Daher gibt er, zunchst sehnschtig klagend,
dann unwillig werdend, den Versuch auf. Faust vor dem Bilde des
Makrokosmus bietet uns also in kurzer Zusammenfassung den Gang einer
Entwicklung, die in seinem Dichter selbst vorgegangen war. Der erste
Monolog ist danach bereits auf einer Stufe gedichtet, da Goethe erkannt
hatte, sich unmittelbar dem Gttlichen zu nhern, sei ein vergebliches
Verlangen. Deshalb wendet sich sein Held unwillig gleich Prometheus von
ihm ab; er gibt es auf, mit dem Weltgeist selbst zu ringen[159].

Dem Geist des Irdischen wendet er sich zu; aus seinem Wesen schpft er
sofort die Begeisterung, sich in das Leben zu wagen; mit anderen Worten,
wenn auch Faust noch nicht die deutliche Erkenntnis hat, grade auf
diesem Wege innerhalb der Grenzen der Menschheit zu seinem Ziele
gelangen zu knnen, so hat er doch das dunkle Gefhl, der Mensch sei
zunchst auf das Leben dieser Erde angewiesen. In dieser fr Faust in
ihren wichtigen Folgen noch dunklen, dem Dichter schon klareren
Empfindung liegt das tiefe Problem[160],--es ist das Problem der ganzen
Dichtung--da sich der Mensch eben dadurch, da er im vollsten und
hchsten Sinne das Irdische erlebe, das Recht auf ein Fortleben auf
einer hheren Stufe, auf ein hheres Leben erwerbe. Dann braucht nur die
Gnade von oben die auf Erden im Leben begangene Schuld zu tilgen, und
gereinigt steigt er hinauf zu den Sphren der Liebe und reiner
Thtigkeit. Hier wurzelt also der edle Realismus des Dichters in Leben
und Kunst, der immer reiner und schner predigt: Gedenke zu leben, la
das Leben, wenn es durch deinen Busen hindurchgegangen ist, wieder rein
und treu entstehen; es wird nie des hheren Sinnes entbehren, stets nach
dem Hchsten weisen, zu ihm fhren! Dieser tiefe Grundgedanke, der sich
durch seine ganze Dichtung zieht, wird in ihr aufs mannigfaltigste zum
Ausdruck gebracht; zum ersten Mal wohl am Schlu des schnen Aufsatzes
von deutscher Baukunst (1772). Wenn der Knstler das irdische Leben in
Arbeit und Genu, in Begehren und Leiden genossen hat und irdischer
Schnheit satt, gttlicher aber wert geworden ist, dann erhebe er sich
zu ihr und mehr als Prometheus leit' er die Seligkeit der Gtter auf die
Erde[161]! Trachtet ihr, da ihr Lebenskenntnis erlanget, euch und eure
Brder aufzubauen, ruft er in den biblischen Fragen aus[162]. Frei wie
Wolken, fhlt, was Leben sei! Stehn auf seinen Fen, Der Erde
genieen--verkndet ganz in des Dichters Sinne Satyros[163], um jedoch
mit einem lcherlichen Mittel nach dem Ziele hinzuweisen. Rasch ins
Leben hinein! feuert er sich selbst an in der schnen Allegorie an
Schwager Kronos[164] (gedichtet am 10. October 1774). Weit hoch,
herrlich der Blick Rings ins Leben hinein! Vom Gebirg zum Gebirg
Schwebet der ewige Geist. Ewiges Lebens ahndevoll. Also auch hier
erscheint der Geist des Lebens. In diesem Leben, auf dieser Erde, mu
dem Menschen sein hchstes Ziel, die Ausbildung des Reinmenschlichen,
wodurch er einer hheren Stufe wrdig wird, zu erreichen mglich sein.
Humanus scheidet erst, nachdem er ein Beispiel des Lebens gegeben und so
dafr gesorgt hat, da sein Geist sich in allen verkrpert hat und
keines besonderen irdischen Gewandes mehr bedarf[165]. Das Beispiel des
Menschen lehre uns darum das Gttliche glauben[166]! Nicht mit den
Gttern solle sich der Mensch messen; denn hebt er sich aufwrts, dann
haften nirgends die unsicheren Sohlen; auf der wohlgegrndeten,
dauernden Erde stehe er mit festen markigen Knochen, ohne sich indes
auch hier zu berheben[167]. Halber Trotz spricht dagegen noch aus dem
Gedichte Menschengefhl[168] und in noch herberen Worten drckt sich
endlich Faust selbst aus:

    Das Drben kann mich wenig kmmern;

         *     *     *

    Aus dieser Erde quillen meine Freuden,
    Und diese Sonne scheinet meinen Leiden[169];

und vor allem am Ende des zweiten Teils:

    Nach drben ist die Aussicht uns verrannt;
    Thor, wer dorthin die Augen blinzend richtet,
    Sich ber Wolken seinesgleichen dichtet!
    Er stehe fest und sehe hier sich um;
    Dem Tchtigen ist diese Welt nicht stumm.
    Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen![170]

Man sieht, wie mannigfach dasselbe Thema angeschlagen wird; aber berall
hren wir hindurch: Halte dich zunchst an das irdische Leben; hier ist
der Boden, auf dem der Mensch wurzelt; nicht aber verlange er mit
berspringung dieses Lebens nach einem, das ihm hier noch nicht gegeben
ist. Diese Erkenntnis prgt sich auch im ltesten Faust aus, wenn sich
Faust unwillig vom Zeichen des Weltgeistes ab und dem Geist der Erde
zuwendet. Aber er wird von ihm verschmht, da er sich ihm zu einer Zeit
gleichsetzt, wo er sein Wesen noch nicht vllig d.h. innerhalb den
Grenzen seiner menschlichen Natur erlebt hatte. Von hier aus haben wir
zum ersten Mal einen Ausblick, in welcher Weise sich das Faustproblem
weiter bilden mute. Faust mute hinaus in das Leben, um es in jedem,
also auch im hchsten Sinne zu erleben. Dazu sollte und mute dann der
Teufel selbst schlielich sehr gegen seinen Willen beitragen. Er war es
grade, der ihn mit sich fortri auf den ihm noch fremden Boden des
Lebens, im Wahne, ihn dort verderben und in seine Gewalt bringen zu
knnen:

    Ich macht ihm deutlich, da das Leben
    Zum Leben eigentlich gegeben.

         *     *     *

    So lang man lebt, sei man lebendig![171]

Allein wenn auch Faust sich zunchst in schwerer Schuld verstrickte, so
gewann er doch wieder im Leben, wo er sie allein gewinnen konnte, die
Kraft zu einem hheren Leben. Aus der kummervollen Sphre des ersten
Teils, hnlich der, die der junge Dichter selbst durchlebt, erhob er
sich zu hheren Regionen in wrdigere Verhltnisse[172]: Goethe wute
daher wohl, was er sagte, wenn er kurz vor seinem Tode an Humboldt
schrieb (am 17. Mrz 1832): Es sind ber sechzig Jahre her, da die
Conception des Faust bei mir jugendlich von vornherein klar, die ganze
Reihenfolge der Scenen hingegen weniger ausfhrlich vorlag.[173]

Es bleibt nun noch eine Frage zu beantworten: Weshalb erscheint der
Erdgeist in widerlicher Gestalt? Im Fragment ist zwar bereits diese
scenarische Bezeichnung getilgt, aber nicht Fausts Entsetzen.
Schreckliches Gesicht ruft er auch hier sich abwendend aus, nicht
minder das: Weh, ich ertrag dich nicht. Knpfen wir zunchst an das
letztere an, so ist es klar, da das Ungeheuere der Erscheinung auf
Faust einen niederdrckenden Einflu ausben mute. Goethe selbst
erklrt, wie in seiner Jugend das Erhabene, das sein Gefhl formlos oder
zu unfalichen Formen gebildet hervorbrachte, ihn mit einer Gre
umgeben mute, der er nicht gewachsen war[174]. berhaupt lag es in
seiner Natur, da er alle Eindrcke zu stark empfand, daher er sich
bemhen mute, sich von dem Drang und Druck des Allzuernsten und
Mchtigen zu befreien, das in ihm fortwaltete[175]. In diesem
gesteigerten Empfindungsvermgen lag eben die Strke und Schwche seiner
dichterischen wie menschlichen Natur. Werther erliegt aus diesem Grunde
unter der Gewalt der Herrlichkeit der Natur, die ihm erschienen
ist[176]. hnliches konnte er auf der Sommerreise 1774 von Fritz Jacobi
erfahren, was er gewi damals als etwas, das ihn auf das heftigste
erschttert hatte, dem neuen Freunde nicht vorenthielt. Er schreibt
darber spter: Es war nmlich jenes Sonderbare, eine von allen
religisen Begriffen ganz unabhngige Vorstellung endloser Fortdauer,
welche mich in dem angezeigten Alter, (im achten oder neunten Jahre) bei
dem Nachgrbeln ber die Ewigkeit a parte ante, unversehens mit einer
Klarheit anwandelte, und mit einer Gewalt ergriff, da ich mit einem
lauten Schrei auffuhr und in eine Art von Ohnmacht versank.------

Der Gedanke der Vernichtigung, der mir immer grlich gewesen war,
wurde mir nun noch grlicher; und ebensowenig konnte ich die Aussicht
einer ewig dauernden Fortdauer ertragen.------Ohngefhr von meinem
siebenzehnten bis in mein dreiundzwanzigstes hatte ich mich in diesem
letzteren Zustande befunden, (er glaubte, die Erscheinung habe fr ihn
das Frchterliche verloren) als auf einmal die alte Erscheinung wieder
vor mich trat. Ich erkannte ihre eigene grliche Gestalt, war aber
standhaft genug, sie festzuhalten fr einen zweiten Blick, und wute nun
mit Gewiheit, sie war! Sie war, und hatte ein in dem Mae objectives
Wesen, da sie jede menschliche Seele, in welcher sie Dasein erhielt,
gerade so wie die meinige afficieren mte.------Seitdem hat diese
Vorstellung, ohngeachtet der Sorgfalt, die ich bestndig anwende, sie zu
vermeiden, mich noch oft ergriffen. Ich habe Grund zu vermuten, da ich
sie zu jeder Zeit willkrlich in mir erregen knnte, und glaube, es
stnde in meiner Macht, wenn ich sie einige Male hinter einander
wiederholte, mir in wenig Minuten dadurch das Leben zu nehmen[177].

Es ist also einmal das Ungeheuere der Erscheinung, das Faust
niederdrckt und ihm dabei das Gefhl der eigenen Kleinheit gibt[178].
Damit aber verbindet sich, insofern dem Menschen enthllt wird, was ihm
verborgen bleiben soll, das Schreckliche, Grliche. Es ist ein uralter
Glaube, da die Erkenntnis des dem Menschen Verbotenen ihn mit Abscheu,
Schrecken, Widerwillen erfllt. Der erste Mensch, der gegen Gottes Gebot
von dem Baum der Erkenntnis gekostet, scheut sich vor seiner eigenen
Ble. Der Jngling von Sais bleibt von Entsetzen gepackt, da er den
Schleier der Gottheit gelftet[179]. Darum warnt Goethe selbst in dem
Gedichte Genius die Bste der Natur enthllend.

    Bleibe das Geheimnis teuer!
    La' den Augen nicht gelsten!
    Sphynxnatur, ein Ungeheuer,
    Schreckt sie dich mit hundert Brsten.

Dazu der gute Rat, der auch Faust gilt:

    Suche nicht verborgene Weihe!
    Unterm Schleier la das Starre!
    Willst Du leben, guter Narre,
    Sieh nur hinter dich ins Freie![180]

Dazu kommt endlich noch, da fr den Knstler Goethe des Ungeheuere
auch ein sthetisches Unbehagen erzeugt. Soll das Ungeheure--meint er
spter--nicht erschrecken; so mu es eine unnatrliche, scheinbar
unmgliche Verbindung eingehen, es mu sich das Angenehme
zugesellen[181]. Aus diesen Grnden also erscheint der Erdgeist, da ihn
Faust mit unnatrlichen, verbotenen Mitteln Gestalt anzunehmen gezwungen
hat, um ungeduldig eine Erkenntnis vorweg zu nehmen, die ihm erst im
Lebensgange erwachsen sollte, in schrecklicher, widerlicher
Gestalt[182].

Sobald aber der Geist verschwunden ist und Faust nicht mehr unmittelbar
unter dem Banne des Schrecklichen steht, endlich gar sich sein Famulus
Wagner angekndigt, denkt er nur noch daran, da er gewrdigt worden
ist, den Geist zu schauen, da bei der Erscheinung, wenn er sie auch
nicht vllig fassen konnte, ihm doch eine Flle von Erschautem zu Teil
geworden ist. Daher fhlt er sich auch, da Wagner sich naht, noch tiefer
niedergedrckt wie durch des Geists Erscheinen[183]. Keineswegs ergreift
ihn das Gefhl der berlegenheit ber ihn, sondern nur das, da er durch
ihn wieder zum Kleinlichsten und Beschrnktesten der Menschennatur
herabgezogen werde in einem Augenblicke da er sich in der Flle dessen,
was er gesehen hatte, zu verlieren sehnte.

Mit Recht konnte daher auch Faust die Erscheinung des Erdgeistes als
sein hchstes Glck bezeichnen[184], vor allem aber wegen des danach
erfolgenden Bundes mit dem Teufel. Der Widerwille des Dichters gegen
diese ihm von der Sage gebotene Weiterfhrung des Dramas drckt sich
aufs deutlichste in dieser bereits im Fragment mit V. 166 = 519
vorgenommenen nderung aus[185]. Die Wendung des Motivs dahin, da sich
Faust an Wagners Kleinheit[186] aufrichtet, gehrt der Ausgabe von 1808
an. Der bergang aber von der alten zur neuen Fassung dieses Motivs ist
noch deutlich. Das ursprngliche Gefhl bricht durch in den Versen (606
f.):

    Darf eine solche Menschenstimme hier.
    Wo Geisterflle mich umgab, ertnen?

Danach folgt der bergang zu dem neuen, worauf sich dann das weitere
aufbaut:

    Doch ach fr diesmal dank ich dir,
    Dem rmlichsten von allen Erdenshnen.



Die Entstehungszeit des ersten Monologs und der Erdgeistscene.

Wann sind nun der erste Monolog und die Erdgeistscene gedichtet? Diese
Frage darf jetzt, da ihre Einheit erwiesen ist, fr die ganze erste
Hauptmasse gestellt werden. Denn gerade das, was man als sich
widersprechend nachweisen wollte, deutet auf die innere Einheit im
Geiste des Dichters hin. In der Poesie gibt es keine Widersprche[187].
Wie sich fr den Schpfer in der von ihm geschaffenen Welt nichts
widerspricht, so auch im Geiste des Dichters. In ihn sich zu versetzen,
ihn zu erkennen, ist die Aufgabe des, der seine Werke verstehen will. In
dem Dichter, in dem, was er gelebt, empfunden, erschaut, geahnt, ersehnt
hat, liegt auch der Schlssel fr das Verstndnis seiner Dichtung. In
dem ersten Monolog und der Erdgeistscene ist keine Zeile, die der junge
Goethe nicht erlebt htte, die nicht aus seinem lebendigen Gefhle
geflossen wre, natrlich auch keine so, wie er sie erlebt hatte[188].
Wenn auch dem Sohne des aufgeklrten Zeitalters, dessen Auswchse er
selbst bekmpft hatte, und dem er dennoch angehrte, auf Schritt und
Tritt die alte Sage widerstrebte, so kehrt doch der Dichter immer wieder
zu ihr zurck, und er ist so glcklich, aus seinem eigenen Leben den
Stoff nehmen zu knnen, womit er die alte Form erflle, wie es scheinen
mchte, in dem Geiste der berlieferung, in der That aber, indem er mit
seinem Geiste das Alte neu belebte. War das nicht mehr mglich, dann
brach die Dichtung ab. Denn Charakter und Thaten seiner Helden muten
sich mit Charakter und Thaten in ihm amalgamieren, wenn ein Werk sich
vllig ausgestalten sollte[189].

Daher fragt es sich bei einem Werke Goethes immer: Wann waren diese
Gefhle bei dem Dichter in dieser Weise lebendig, da sie zu Motiven
seiner Dichtung werden konnten? Wann rang er sich aus dem Wirrwarr des
Gefhls mehr und mehr zur Klarheit durch, um endlich durch die
Darstellung sich von allem Druck zu befreien und zu vollstndiger
Gewiheit ber das, was ihn bewegte, zu gelangen. uerliche, zufllig
berlieferte Entstehungsangaben frdern uns hier nicht viel; den Spuren
seiner Motive mu nachgegangen werden[190]. Dabei hilft uns, was wir vom
Leben des Dichters sicher und verbrgt wissen, vor allem aber seine
gleichzeitige Dichtung. Sie mu herangezogen werden, da wir durch sie
einen sicheren Boden gewinnen; sie gibt uns die Entstehung, Entwicklung
und Ausbildung der Motive, die der Dichter immer wieder von neuem aus
seinem Inneren holt, um sie fr seine Dichtung fruchtbar zu machen. Dann
knnen wir mit Bestimmtheit erklren: Um diese Zeit hat der Dichter
diese Anschauung in sich in dieser Weise ausgebildet. Die Stelle ist
also damals geschrieben. Das, was er geschaffen, ist das lebendige Kleid
des dichterischen Geistes, das er sich selbst immer von neuem wirkt. Aus
dem wechselnden Gewand mssen wir auf den Geist des Dichters schlieen
und in die Tiefen seiner Entwicklung eindringen.

Da nun im vorigen Schritt fr Schritt die Entstehungsmotive aufgedeckt
sind und sich aus dem von selbst sich aufdrngenden Vergleich mit der
brigen Dichtung des jungen Goethe, zumal da wir ber ihre Entstehung
besser unterrichtet sind, ein bestimmter Anhalt gewinnen lie, so ist
die Frage ber die Entstehung der ersten Hauptmasse schon beantwortet.

Vor allem sprang uns der charakteristische Zusammenhang mit Werthers
Leiden in die Augen. Wir wissen, da dieser Roman schon Ende 1773
geplant war, da er aber erst Anfang 1774, als die eigentmlichen
Lebensumstnde des Dichters selbst dafr sorgten, zur Ausfhrung
kam[191]. Auch bei Werther erscheint der Unendlichkeitsdrang, aber nur
als ein ungeheurer Hintergrund; auch er will sich Gott gleich heben, um
Schaffenslust zu genieen; aber fr ihn ist dies Streben eine Zeit, die
hinter ihm liegt. Ihm ist von vornherein nicht die Kraft gegeben, es zu
verwirklichen. Er fhlt den titanischen Drang des bermenschen in sich,
aber nicht seine Strke. Er, dessen Geist nach dem Unendlichen griff,
wird von einer Leidenschaft gepackt, die ihn ganz ausfllt, die ebenso
endlos werden mu, wie sein frheres Streben. Und auch jetzt wird ihm
keine Befriedigung. Ein Versuch, sich durch Thtigkeit zu befreien,
milingt in der Enge des brgerlichen Lebens, schneidet ihm dies
Rettungsmittel ab und vermehrt noch den Druck der Einschrnkung. Er
befreit sich durch den Tod. Der geniale, nach dem Hchsten ringende
Mensch stellt sich hier im brgerlichen Kleide des 18. Jahrhunderts dar;
allein er sollte nicht einmal in dem kleinen Leben die Befriedigung
finden, die es sonst seinen Angehrigen, so seinem glcklichen
Nebenbuhler, gab. Zugleich wird ihm die Enge dieses Lebens beschmend
dargethan;--auch ein brgerliches Drama. Vielleicht hat auch Goethe
ursprnglich die Absicht gehabt, eines daraus zu machen[192]. Zunchst
hatte er aber berhaupt nicht die Idee aus dem Sujet ein einzelnes Ganze
zu machen. Seine Absicht war also den Grundgedanken des Werther,
unendliches Streben im Kampfe mit menschlicher Einschrnkung und seine
Folgen, im Faust darzustellen, der ihn ja, wie wir aus Gotters Versen
wissen, in jener kritischen Zeit beschftigte. Das Leben brachte es
anders; es schuf den unglcklichen Bruder Fausts, der frhe zu Grunde
ging. Es war das ein groer Vorteil fr den Dichter; was er im Werther
weitlufig dargestellt hatte, brauchte hier nur, insofern sie
wesensgleich waren, angedeutet zu werden. Allein Fausts Lebensgang
sollte weitergefhrt werden. Sein unendlicher Drang, der nach
Befriedigung verlangte, durfte nicht nur als Hintergrund seines Lebens
erscheinen: er durfte nicht vllig etwa in einer Leidenschaft aufgehen;
er mute der Faden der Handlung bleiben, selbst da, wo er verloren
gegangen zu sein schien. Faust durfte nicht im kleinen Leben untergehen,
er mute hinaus in die Welt, ins Leben! Auch ihn fat das Gefhl der
Unbefriedigung und der klglichen Enge seines Lebens; er verwnscht sein
Leben, aber nicht das Leben berhaupt; er ist von gesnderer
Konstitution als sein unglcklicher Bruder. Ihm schwindet nie die
innere Kraft, wenn er sie auch nicht immer, im dunklen tappend,
anzuwenden wei. Er fhlt den Mut zum Leben!

Aus alledem darf der Schlu gezogen werden, da die erste Hauptmasse des
Faust nach dem Werther gedichtet ist, da gerade der Werther die innere
Arbeit am Faust unterbrach, die erst nach seiner Vollendung wieder
aufgenommen ward. Die erste Hauptmasse ist also frhestens im Jahr 1774
gedichtet.

Dazu stimmt auch vllig, was, wie wir gesehen haben, von religiser und
knstlerischer Anschauung und berhaupt von seiner Lebensanschauung hier
dichterischen Ausdruck gefunden hat. In seinem Verhltnis zu dem
Gttlichen offenbart sich die Erkenntnis, da eine unmittelbare
Annherung unmglich, dem Schmachtenden nicht vergnnt sei, aus dem
Urquell des Lebens selbst sich schpferische Kraft zu holen. Darum
wendet er sich unwillig von der Gottheit ab. Der Zusammenhang mit der
Gefhlswelt, der der Prometheus entsprungen ist, ist hier deutlich. Auch
er wendet sich im heftigen Unwillen von den Gttern ab, da er sieht, da
sie ihm nichts geben knnen; aber er sucht alsdann in seinem Stolz alles
in sich. Das thut Faust nicht. Der prometheische Trotz erscheint also
hier schon berwunden. Auch in dem Drama Prometheus, das Ende 1773
gedichtet ist[193], ist der schlieliche Sieg der Gottheit ber den
Emprer im voraus angedeutet. Mag sich daher auch Faust in
prometheischem Unwillen abwenden, so erhebt er sich doch nicht in
prometheischem Trotz gegen das Gttliche. Da sich aber diese bermtige
Aufwallung, die sich in stolzer Konzentration in sich gegen die Gottheit
verschlo, so bald gelegt hatte, dazu trug nicht zum geringsten bei, da
der junge Goethe von neuem an die Grenzen menschlichen Vermgens
erinnert worden war, bei seinen Versuchen auf dem Gebiete der bildenden
Kunst, mit der er sich ernstlicher in den Jahren 1773/74 beschftigte,
einer Zeit, da das Dichten und Bilden unaufhaltsam mit einander
ging[194]. Wir wissen, wie er in eigentmlicher Verkennung seiner
Fhigkeiten daran glaubte, zum bildenden Knstler geschaffen zu sein.
Damals schlgt ihm das Herz, da er zum ersten Mal in l zu malen
beginnt: Mit welcher Beugung, Andacht und Hoffnung, drck ich nicht
aus, das Schicksal meines Lebens hngt sehr an dem Augenblick[195].

Die nach Schpfungskraft verlangenden Kunstgedichte dieser Zeit drcken
dieselbe Sehnsucht im besondren Fall aus, die im Faust ins allgemeine
gezogen ist; im einzelnen haben wir eine innere bereinstimmung gefunden
mit der wohl erst 1775 niedergeschriebenen kleinen Abhandlung: Nach
Falkonet und ber Falkonet. Endlich weist uns die Weltanschauung, wie
sie der Dichter in dem Verhltnis des Erdgeistes zum Weltgeist und im
Wesen des ersteren selbst geoffenbart hat, auf eine Zeit reiferer, nach
und nach im Lebensgange gewonnener Erkenntnis hin. Es ist der Gedanke,
da das unbedingte Streben des Menschen innerhalb des Lebens auf dieser
Erde in zielbewuter Thtigkeit das Hchste zu leisten versuche und
nicht etwa in thrichtem Ansturm gegen die Schranken menschlicher
Bedingtheit seine Krfte unntz verbrauche, womit sich denn fr das
Gedicht eine unendliche Perspektive erffnete.

Ferner ist wohl nicht an der Thatsache zu zweifeln, da Goethe das
Zeichen des Makrokosmus Herdersche Gedanken der ltesten Urkunde an die
Hand gaben und es ihm ermglichten, alchemistische Anschauungen seinem
Denken gem darzustellen. Das Buch Herders, fr das Goethe wie Merck
die grte Teilnahme zeigten, ist Ostern 1774 erschienen[196]. An eine
sptere Einschiebung der Verse 86-93 = 439-446 darf natrlich nicht mit
Scherer bei dem gerade hier ganz eigentmlichen Zusammenhang in den
Versen 77-93 = 430-446 gedacht werden. Von einem Sichwiederholen in der
schnen Gedankenfolge ist ebenfalls keine Rede[197]. Scherer ist
brigens nur zu dieser Annahme gekommen, weil er eine sptre Mitteilung
Goethes zu stark gepret hat. Er schreibt am 11. Mai 1820 an Zelter ber
Satyros: Er fllt mir ein, da er eben ganz gleichzeitig mit diesem
Prometheus in der Erinnerung vor mir aufersteht, wie du gleich fhlen
wirst, sobald du ihn mit Intention betrachtest. Ich enthalte mich aller
Vergleichung; nur bemerke, da auch ein wichtiger Teil des Faust in
diese Zeit fllt. Da zu diesem wichtigen Teil des Faust vor allem die
erste Hauptmasse zu rechnen sei, hat man mit Recht angenommen.

Prometheus ist nun allerdings im Jahre 1773 gedichtet, aber Satyros
gehrt in seiner endgltigen Fassung, wie er in Goethes Werken steht,
sicher erst in den Sommer 1774. Denn der Satyros oder der vergtterte
Waldteufel, diese Satire auf die Geniefrechheit, ist zugleich auch ein
Spott auf die prometheische berhebung. Er steht also zeitlich dem Faust
nher als Prometheus, wofr sich auch im weitren noch Anzeichen finden
werden. Goethe selbst behauptete zwar in einem Gesprche mit der
Fahlmer, er sei schon vor ihrer Abreise fertig gewesen[198]; es ist aber
offenbar auch hier der Fall, was ein gnstiges Geschick so oft bei
seinen Schpfungen eintreten lie, da im Fortgang des Lebens seinen
dichterischen Plnen immer reicherer Stoff dargebracht wurde. So hat
unbedingt die Bekanntschaft mit Basedow im Sommer 1774, auf den und
nicht etwa gar auf Herder Satyros gedeutet werden mu, den Anla zu
einem lebenswahreren Bilde des Helden und damit zur eigentlichen
Vollendung des Werkes gegeben. Prometheus war der tiefernste Ergu eines
sich mchtig erhebenden Gefhls nach Zeiten schweren Drucks. Auf
demselben Boden wurzelt auch Faust. Satyros dagegen ist der Spott ber
genialische Anmaung berhaupt, die aus der Tendenz nach unmittelbarer
Natur entstehen mute, ein Spott, der um so strker in ihm rege ward,
wenn er sich umschaute und sah, wie sein eignes Streben sich in andren
ihm verzerrt entgegenstellte. Das Drama ist also aufzufassen als die
Satire ber das Genietreiben der Zeit, das sich auf verschiedene Weise
in verschiedenen offenbarte. Individuelle Zge bot ihm das Leben dazu in
Flle, die er jedoch nie so benutzte, da etwa seine Gestalten gar
portraitartige Abbilder derer geworden wren, die ihm dazu gestanden
hatten. Genie kmpft hier mit sich selbst[199]. Daher bricht auch durch
das Zerrbild das reine Bild wahrer Genialitt fters in ergreifender
Weise durch; denn das Genie selbst hat die Satire geschrieben, nicht
Nicolai.

Nach alledem darf also angenommen werden, da der erste Monolog und die
Erdgeistscene im Jahre 1774 gedichtet sind, nach dem Werther, nach dem
Erscheinen der ltesten Urkunde, nach der Rheinreise und der
Bekanntschaft mit Jacobi. Am 13. August war Goethe wieder heimgekehrt.

Die Stimmung der dieser Reise folgenden Zeit, in der auf die Tage
toller, berschumender Lebenslust wieder ein Rckschlag eintrat, pat
vortrefflich zu dem eigentmlichen wehmtigen Tone jener ersten Scenen.
Selbst aus den satirischen Hervorbringungen dieser Zeit weht ein andrer
Hauch als aus den Keckheiten der Fastnachtspiele von 1773. Die
empfindsame Grundstimmung kommt wieder mehr zum Vorschein, denn auch mit
Werther war sie nicht ganz beseitigt; nur ihre schlimmsten Folgen waren
zu eigener Warnung geschildert. Sie kehrte periodisch wieder; gehrte
sie ja doch zu der inner eigensten Natur des Dichters[200]. Ebenso zeigt
sich damals das Zurckkommen vom berschwang des Titanismus. Auf beides
weisen uns die Briefe jener Tage. Am Tage der Heimkehr schon schreibt er
an Jacobi: Ich schwebe im Rauschtaumel, nicht im Wogensturm, doch ists
nicht eins, welcher uns an Stein schmettert? Wohl denen, die Thrnen
haben[201]. In einer solchen Stimmung htte auch ihn der Erdgeist
verschmht. Da der prometheische Trotz der Konzentration auf sich
allein gewichen ist, zeigen die folgenden Worte aus einem Briefe an
Jacobi vom 21. August: da zwar herrlich ist selbststndig Gefhl, da
aber antwortend Gefhl wirkender macht, ist ewig wahr, und so dank
deinem guten Geist und so wohl unsern Geistern, da sie sich
gleichen[202]. In diesem Gefhle zog sich sein Faust nicht auf sich
selbst zurck, sondern wandte sich dem Erdgeist zu, im Glauben, ihm zu
gleichen. Am 24. August schreibt er an Sophie La Roche: Was ist das
Herz des Menschen? sind der wirklichen bel nicht genug? Mu es sich
auch noch aus sich selbst phantastische schaffen! Doch was klag ich! Die
Unruhe und Ungewiheit sind unser Teil und lassen Sie uns die tragen mit
Mut, wie ein braver Sohn, der die Schulden seines Vaters bernommen
hat[203].

Am 31. August richtet er an Jacobi die schnen Worte, wie der Mensch
sich nicht schweifenden Geistes an den Schpfungen anderer gengen
lassen drfe, sondern selbst fr seinen Teil thtig sein msse in
herzlich wirkender Beschrnkung[204]. Am 15.(?) September klagt er
wieder der Freundin: ich mu die Welt lassen, wie sie ist, und dem
heiligen Sebastian gleich, an meinen Baum gebunden, die Pfeile in den
Nerven, Gott loben und preisen[205]. Was wird aus mir werden? ruft er
aus[206]. Ich bin strmisch, verworren, und hafte doch nur auf wenig
Ideen. schreibt er am Anfang des October[207]. Am 10. October ist nach
seiner Angabe die schne Allegorie an Schwager Kronos gedichtet. Die
Zeit, die im Prometheus als allmchtige Gottheit, als Herr der Gtter
und Menschen erscheint, wie sie auch Pindar den Herrn aller nennt, die
seinem Erdgeist der sausende Webstuhl ist, an dem er das Kleid der
Schpfung wirkt, ist ihm hier Fhrer des Lebenswagens. Rasch ins Leben
hinein! ruft er ihm zu; aber der Gedanke an den Untergang drngt sich
ihm auch hier auf. Er fhlt Mut zum Leben und zum Sterben, wie sein
Faust. Am 15. Oktober aber berichtet bereits Boie: Sein Dr. Faust ist
fast fertig und scheint mir das Grte und Eigentmlichste von allem.
Bald danach hlt er wieder Einkehr in sich, wie spter seine Iphigenie
in der hchsten Gefahr[208]: Ich lag zeither stumm in mich gekehrt und
ahndete in meiner Seele auf und nieder, ob eine Kraft in mir lge, all
das zu tragen, was das eherne Schicksal knftig noch mir und den
meinigen zugedacht hat; ob ich einen Fels fnde, wohin ich im letzten
Notfall mich mit meiner Habe flchtete[209]. Das Schicksal kam ihm am
Ende des Jahres von selbst zu Hlfe. Seit dem 11. Dezember 1774 richtete
sich sein Blick mehr und mehr nach Weimar. Sollte es ihm gelingen, aus
seiner kleinen Welt hinauszukommen in eine grere?

ber die Sprache der ersten Hauptmasse kann hier im einzelnen nicht
abgehandelt werden; im allgemeinen ist es, da sie groenteils ein
unmittelbarer lyrischer Ergu gegenwrtiger Gefhle Fausts ist, auch die
Sprache lebendiger Empfindung, wie sie sich besonders in der Frankfurter
Zeit unter dem Einflu von Klopstocks und Herders Empfindungssprache
entwickelte und ihren Hhepunkt in Werthers Leiden erreichte: Sie ist
reich an bestimmten Wendungen, Lieblingsausdrcken, Attributen, durch
deren Gebrauch sie ihr eigentmliches, selbst formelhaftes Geprge
erhlt. Hier sei nur auf einzelne Eigentmlichkeiten hingewiesen, die
grade fr die Entstehungszeit der ersten Scenen bemerkenswert sind. Es
ist dies die Anwendung des Wrtchens all in unflektierter Form, das
grade in Werthers Leiden in berreichem Mae angebracht ist. Goethe hat
es hier wie dort bei der ersten Herausgabe seiner Werke teils getilgt,
teils durch die flektierte Form oder anderswie ersetzt. Sechsmal hat es
der Dichter im Anfang des Faust verwertet: V. 17 = 370 all Freud,
spter alle Freud'--V. 43 = 396 von all dem Wissensqualm (von
allem).--V. 49 = 402 von all dem Bcherhauf (mit [von] diesem
Bcherhauf). V. 61 = 414 besonders charakteristisch: statt all der
lebenden Natur (statt der lebendigen Natur).--V. 82 = 435 all das
innere Toben (das i. T.)--V. 112 = 462 All Erden Weh und all ihr
Glck (der Erde Weh, der Erde Glck).

Erwhnenswert ist auch das Zeitwort erwhlen in V. 127 = 479. Das
zusammengesetzte Wort kommt in bertragener Bedeutung nur hier beim
jungen Goethe vor[210]. Das einfache ist dagegen ein Lieblingswort des
Dichters auch noch in spterer Zeit; aber vor dem Jahre 1774 lt es
sich bei ihm nicht nachweisen, whrend das Substantivum Gewhl sich
schon in den Mitschuldigen findet[211]. In den Briefen erscheint es erst
seit 1775: Br. 2. N. 286 an Grfin Stolberg vom Januar 1775. S. 230:
wenn das Bild des Unendlichen in uns whlt; und in Nr. 363 vom 26.
October an dieselbe das Compositum durchwhlen; dagegen lesen wir es
fters in den Gedichten von 1774: hingewhlt d.j.G. 3. 161. whlen 3.
162. durchwhlend. 3. 170.--in Erwin (1775) whlenden. 3. 512.--ebenda:
Whlen 3. 521. in Stella (1775) durchwhlen. 3. 640.--Zu eratmend V.
134 = 186 vergl. d.j.G. 3. 159. (3. 180. wohler atmend?)--zur Erklrung:
Br. 2. Nr. 83. S. 8. 20 ff.--



Leben.

Der Verfasser dieser Abhandlung, Josef Collin, ist am 2. Februar 1864 zu
Mainz geboren; er besuchte in den Jahren 1873-1881 das Gymnasium seiner
Vaterstadt und bezog alsdann die Universitt Gieen, um sich dem Studium
der alten Sprachen, des Deutschen und der Geschichte zu widmen. Seine
Gieener Studienzeit, die nur durch einen Aufenthalt an der Berliner
Hochschule im Sommersemester 1883 unterbrochen wurde, schlo Anfang 1886
mit bestandener Lehramtsprfung ab. Nachdem er hierauf am Gymnasium zu
Mainz sein Probejahr beendet und danach seiner militrischen
Dienstpflicht gengt hatte, fand er an dem Gymnasium zu Darmstadt und
spter fr lngere Zeit an dem zu Laubach Verwendung. Herbst 1891 ward
ihm auf sein Nachsuchen ein halbjhriger Urlaub zur Fortsetzung seiner
Studien in der deutschen Sprache und Litteraturgeschichte auf der
Landesuniversitt gewhrt, nach dessen Ablauf er am Realgymnasium zu
Gieen verwendet ward. Daselbst ward er Dez. 1892 fest angestellt. Gern
benutzt er die Gelegenheit, da er zum ersten Mal mit einer
wissenschaftlichen Arbeit vor die ffentlichkeit tritt, seiner verehrten
Lehrer, der Herren Professoren Bratuscheck, Braune, Clemm, Kirchhoff,
Oncken, Paulsen, Philippi, Roediger, Schiller, Schmidt, Siebeck
dankbaren Sinns zu gedenken und zuletzt Herrn Prof. Behaghel fr die ihm
whrend seines Urlaubs erwiesene Teilnahme und Frderung seinen Dank
auszusprechen.

Collin.

       *       *       *       *       *

FUSSNOTEN:

[1] Vergl. Dntzer. Neue Beitrge zur Goetheforschung 1891. S. 153 ff.

[2] Werke Bd. 14.--G. F. in ursprnglicher Gestalt nach der
Gchhausenschen Abschrift herausgegeben von E. Schmidt. Zweiter Abdruck.
Weimar, Bhlau 1888.

[3] W. Bd. 14. S. 290 ff.

[4] F. ein Fragment von Goethe, herausgegeben von W.L. Holland.
Freiburg. 2. Aufl. 1882, und v. B. Seuffert, D. Litteraturdenkmale des
18. u. 19. Jahrh. N. 5.--W. Bd. 14.

[5] Das Volksbuch von Dr. Faust (1587). Neudrucke deutscher
Litteraturwerke des 16. und 17. Jahrh. N. 7 u. 8.--Das Faustbuch des
christl. Meinenden. D. Litteraturdenkmale. N. 39.

[6] Herausgeg. von Engel.

[7] W. Bd. 11.

[8] Br. 2. N. 148. S. 85.

[9] D.j.G. 2. S. 28 ff.

[10] Vergl. z.B. Sauer in der Einleitung zu Strmer und Drnger
(Deutsche Nationallitteratur, herausgegeben von J. Krschner, Bd. 79 1.
S. 29 f.)

[11] D.W. T. 2. B. 10. W. Bd. 27 S. 321.

[12] W. Bd. 4 S. 347.

[13] Vergl. auch Minor u. Sauer, Studien zur Goethephilologie S. 77.

[14] D.W. T. 2. B. 8. W. Bd. 27. S. 203 ff. und Ende des 8. Buches.

[15] Noch krftiger drckt sich der gleichzeitige Satyros aus: Kein
Mensch ist so weis' und klug als ich. (D.j.G. III. 477.)

[16] W. Bd. 2. S. 1. ff.

[17] Br. 2. N. 85. an Herder. Ende 1771. (S. 11.)

[18] Vorzglich auf das Motiv der ueren Beschrnkung grndet sich die
zur Zeit der dritten Faustbeschftigung gedichtete Ballade Der
Schatzgrber. Es ist berhaupt zu beachten, wie sich auch damals die
Arbeit am F. in der brigen Poesie abspiegelt.

[19] D.j.G. 3. S. 242 f.

[20] a.a.O. 3. S. 198 ff.

[21] Br. 2. X. 208. S. 147 f.

[22] Gespr. Bd. 7. S. 10.

[23] D.j.G. 3. 690.

[24] Vergl. auch Goethe in Lavaters Physiognomik: Und so begierig der
Mensch zu sein scheint, die wahre Beschaffenheit eines Dings und die
Ursachen seiner Wirkungen zu erkennen, so selten wirds doch bei ihm
unberwindliches Bedrfnis. (V.d.H. S. 40.)

[25] D.j.G. 3. 157. In eine Zeichenmappe. An Merck.

[26] Dazu das sptere Epigramm: Problem. W. 2. 272.

[27] Aufstze ber Goethe S. 315. G. I. 6. (1885.)

[28] Scherer a.a.O. S. 315.

[29] D.j.G. 3. 327.

[30] Man vergl. Goethe in Lavaters Phys. 1. Zugabe: (v.d.H. S. 83.) Was
den Menschen umgibt, wirkt nicht allein auf ihn, er wirkt auch wieder
zurck auf selbiges, und indem er sich modificieren lt, modificiert er
wieder rings um sich her. So lassen Kleider und Hausrat eines Mannes
sicher auf dessen Charakter schliessen. Die Natur bildet den Menschen,
er bildet sich um, und diese Umbildung ist doch wieder natrlich; er,
der sich in die groe, weite Welt gesetzt sieht, umzunt, ummauert sich
eine kleine drein und staffiert sie aus nach seinem Bilde.--(Das ist
deine Welt, das heit eine Welt!)--Herder W. 1. 249. von dem Kritiker:
als ein zweiter Pluto bewacht er altes angeerbtes Gert und ehrwrdigen
Auskehricht der Litteratur: u.s.w.--vergl. auch noch D.j.G. 3. 690.--

[31] Durchaus nicht beachtet hat ihn z.B. Gwinner, Goethes Faustidee
u.s.w. Frankfurt a.M. 1892. Er hlt gerade das fr die Grundidee des
Goethischen Faust, was viel eher die des F. der Sage zu nennen wre!

[32] Neue Faustkommentare; in d. Aufs. ber G. S. 278.

[33] F. 2. Teil. V. 11404 ff. (Bd. 15. 1. S. 307.)

[34] Dies bersieht z.B. K. Fischer. (Goethes Faust nach seiner
Entstehung, Idee und Komposition; 2. Aufl. Stuttg. 1887.) Er lt die
Sage zu wenig zu ihrem Recht kommen und betont allzu stark und zu
formelhaft den Grundgedanken dieser doch episodischen zweiten Partie.
(S. 430 ff.) Von hier aus allein darf aber Fausts Charakter nicht
aufgefat werden, wenn sie auch zur Charakteristik des Dichters
besonders wertvoll ist.

[35] Betrachtungen ber Faust a.a.O. S. 311 ff.

[36] A.a.O. S. 323.

[37] Die neue Ausgabe des Faust von Calvin Thomas, (Boston, 1892) der
sich in seiner Einleitung ebenfalls gegen Scherer wendet, konnte hier
noch nicht benutzt werden. (Vergl. Geigers Anzeige in der Beilage zur
Allgem. Zeitg. 1892. N. 253.)

[38] So fat es auch z.B. noch Graffunder, Preu. Jahrb. 68. S. 717.

[39] Vergl. Minor u. Sauer, Studien zur Goethephilologie S. 77 ff.

[40] D.j.G. 2. 11.

[41] a.a.O. 2. 29.

[42] F. V. 1141 f. = 3449 f.--S. 82. Z. 55 f.--S. 227. Z. 68.

[43] D.j.G. 2. 4.

[44] a.a.O. 3. 434.

[45] a.a.O. 3. 237.

[46] a.a.O. 3. 298. 373.

[47] a.a.O. 3. 629.

[48] a.a.O. S. 310 f.

[49] Wagner. 2. 9.

[50] D.j.G. 3. 690., man vergleiche auch die sinnverwandte Stelle in
Stella 3. 665.--es ist so licht, so offen um mich her, und ich freue
mich des!--Er ist wieder da! Und in einem Wink steht rings um mich die
Schpfung lebevoll und ich bin ganz Leben--

[51] D.j.G. 3. 169.--Br. 2. 266 a vom 4. Dez. 1774.--

[52] D.j.G. 3. 689.

[53] W. 6. 193 ff.

[54] Br. 2. 231. S. 172 f. vergl. auch 2. 228. S. 169 vom 16. Juni 1774.

[55] Aus Goethes Frhzeit; Q. F. 34. S. 71 ff.

[56] W. 6. S. 258.

[57] a.a.O. S. 267.

[58] a.a.O. S. 269.

[59] a.a.O. S. 293.

[60] Wagner. 1. S. 10. vom Oktober 1770.

[61] W. 6. 298.

[62] a.a.O. S. 298.

[63] a.a.O. S. 339.

[64] a.a.O. S. 340 f.

[65] a.a.O. S. 351.

[66] a.a.O. S. 471. 484.

[67] Man vergl. hierzu aus Knstlers Erdewallen die Verse:

    Aurora, wie neukrftig liegt die Erd um Dich,
    Und dieses Herz fhlt wieder jugendlich,
    Und mein Auge, wie selig Dir entgegen zu weinen.

D.j.G. 3. 198. Jacobi in seinem Allwill macht diese zur Mode gewordene
Verehrung der Morgenrte auch mit. Br. vom 8. Mrz; Ausg. v. 1812. Bd.
1. S. 25 f.--Was den Weisen betrifft, so ist natrlich an keine
bestimmte Person zu denken, nicht etwa an Herder, wie Scherer thut. Was
bei Goethe der Weise ist, ist bei Herder Gott selbst. Es ist nur eine
Wendung, wie sie auch Goethe sonst gebraucht; vergl. d.j.G. 3. 487. Der
Weise sagt:--Der Weise war nicht klein--Nichts scheinen, aber alles
sein.

[68] Vergl. D.u.W. 2. T. B. 8. (Werke 27. 204 f.): Mir wollte besonders
die Aurea Catena Homori gefallen, wodurch die Natur, wenn auch
vielleicht auf phantastische Weise, in einer schnen Verknpfung
dargestellt wird;----

[69] W. 6. 380.

[70] W. 27. 204.

[71] Graffunder: Der Erdgeist und Mephistopheles in Goethes Faust.
(Preu. Jahrb. 68. S. 705.)

[72] Mit Unrecht wirft ihm Scherer Mangel an malerischer Anschaulichkeit
vor; er hat bersehen, da hier nicht, wie in den vorhergehenden Versen,
von dem Weltall selbst, sondern nur von einer bildlichen Darstellung
seiner Harmonien die Rede ist. (Herder im Faust. Aus G. Frhzeit S. 74.)

[73] a.a.O. S. 73.

[74] D.j.G. 3. 483 f.

[75] Den Gegensatz, dessen sich Faust hier bewut wird, bezeichnet der
Goethe geistesverwandte Herder so:--aber das ist doch alles nur totes
Bild. Witz einer schnen Vergleichung--wenns Leben, Anschauen,
unmittelbares Gefhl der allwirkenden Gottheit sein konnte. W. 6. S.
221.

[76] Das Bild hat also durchaus nichts Widerwrtiges.

[77] D.j.G. 3. 168.--Vergl. zu diesen Ausfhrungen auch Gwinner a.a.O.
S. 182 f.--

[78] D.j.G. 3. 173.

[79] Br. 2. N. 266. vom 5. Dez. 1774.

[80] D.j.G. 3. 291.

[81] D.j.G. 3. 181.

[82] D.j.G. 3. 331.

[83] Br. 2. S. 266.

[84] Paralipomena 1 (W. 14. 287.)--Vergl. Harnack, Vj.-schr. f.
Littgesch. 4. 169.--Pniower, ebenda 5. 408 ff.

[85] Hier ist die Grundlage des M. zu suchen, nicht wie Graffunder
meint, in den alchemistischen Werken; (a.a.O. S. 704 f.) ihre
Vorstellungen verbinden sich mit denen Goethes dann weiterhin um so
besser, da sie ja auch dieselbe Quelle hatten.

[86] D.j.G. 3. 695.

[87] A.a.O. 3. 290 f.

[88] Sehr bezeichnend ist fr V. 438 die sptere Einschaltung: rings um
mich her, whrend Faust ursprnglich so wenig wie Werther sich auf die
rings umgebende Natur beschrnkte, sondern ihr Blick von da aus
weiterschweifte ber das All der Schpfung.

[89] D.j.G. 3. 291.

[90] Von deutscher Baukunst. D.j.G. 2. 209 f. Man vergl. auch in
Knstlers Erdewallen den Knstler vor dem Bild der Venus Urania:

    Meine Gttin, deiner Gegenwart Blick
    berdrngt mich wie erstes Jugendglck,
    Die ich in Seel und Sinn, himmlische Gestalt,
    Dich umfasse mit Brutigams Gewalt.

Bewerkenswert ist auch hier eine Stelle aus Jacobis Allwill, (Br. Nr.
16. vom 30. Mrz. S. 147 f.) die offenbar nach Herderisch-Goethischer
Vorlage geschaffen ist. Allwill begeistert sich hier am Anblick einer
Linde:

Erquickendes Grn, die lieblichste Farbe im schnsten Wechsel, tanzend
und spielend mit dem Lichte.--Das ist es--ja das, und weiter nichts, was
deinen Blick an diese leise wehende Lindenkrone heftet; was mit sanftem
Entzcken deinen Busen fllt; in dir alle Regungen der Liebe weckt, und
dich begeistert! Das und weiter nichts?... Jener Leben und Liebe
erweckende Schein, eine Schrift ohne Sinn und Sprache? Davon klopfte mir
so das Herz, drngte mich so mein Geist, heiterte sich mein ganzes
Wesen, da ich leere Zge ohne Bedeutung anschaute?------du winkest mir
aus deiner Herrlichkeit auf jene Bltter im Erstreben ihres hchsten
Daseins, wie sie lngs den saftvollen sten in jugendlicher,
kraftvollster Gestalt sich brsten--du winkest... O, hher schlgt mir
das Herz, frhlicher schwingt mein Geist seine Flgel. Ich sehe!--die
ganze Flle, die ganze Kraft des Wesens da; das war es, was mich
ergriff, mich durchdrang, sich mir darstellte, als ich erkannte und
nicht wute vor Entzcken! Wohl uns! So bringt die Natur ihren gesamten
Inhalt dem Menschen ans Herz und unterrichtet ihn auf die lieblichste
Weise unmittelbar u.s.w.

[91] Aber nicht: Weg mit dem Buche! wie Kuno Fischer, Goethes Faust
u.s.w. S. 427 meint; denn Fausts Unwille gilt nicht ihm, sondern seiner
Unfhigkeit, das Weltall zu umfassen.

[92] Diese Beschwrung bersieht wieder Fischer a.a.O. S. 427 und 429
vllig und nimmt nur die erstere, die natrliche Magie des Geistes an.
Die Beschwrung geschieht nach keiner Vorschrift aus einem Buche der
Magie, nach keiner kabbalistischen Formel, sie enthlt nichts von
Zauberkram; damit ist jedoch die scenarische Zwischenbemerkung nach V.
129 = 481 vllig auer Acht gelassen. Allzu groen Wert legt Fischer
ferner darauf, da F. nicht die Hlle und ihre Geister, sondern die Erde
anrufe. Allein damit macht der moderne Dichter nur vorbergehend seiner
Empfindungsart ein Zugestndnis. Schlielich beschwrt Faust doch den
Teufel. Hierin liegt auch der Grund fr Fischers verkehrte Ansicht.
Mephistopheles sei ursprnglich nicht als Teufel gedacht.--Einen
hnlichen Fehler macht auch Gwinner a.a.O. S. 201, wenn er behauptet, F.
bringe den E. durch die anhaltend gesteuerte Energie zur Erscheinung.

[93] Betrachtungen ber F. a.a.O. S. 322.

[94] V. 136 = 488; 138 = 490.

[95] D.j.G. 3. 450.

[96] A.a.O. 3. 236.

[97] D.W.T. 3. B. 12. W. 28. S. 149.

[98] A.a.O. S. 322.

[99] Paralip. 1. W. 14. S. 287.--Der Erdgeist wirkt also nicht etwa auf
Fausts Wissensdrang ein; sondern ruft in ihm den Lebensdrang hervor. Mit
jenes Erscheinen wird grade der bergang zum eigentlichen Thema des F.
gemacht: durch Lebenskenntnis zur schpferischen That. Vergl. Vischer,
Goethes Faust, Neue Beitrge zur Kritik des Gedichts S. 15.

[100] Graffunder a.a.O. S. 706 f.

[101] G. I. 7. (1886) S. 242.

[102] F.G.A. N. 88. vom 3. Nov. 1772. (S. 582.)

[103] Man vergl. Herders Recension ber Kants Trume eines
Geistersehers. (W. 1. S 125 f.)

[104] D.j.G. 2. 10.

[105] F.G.A. N. 70 vom 1. Sept. 1772.--S. 463.

[106] D.j.G. 2. 7. ff.--vergl. auch W. Tischbeins Idyllen. W. 3. S. 122
N. 1.

[107] F.G.A. N. 101. v. 1772. S. 666.

[108] D.W. 1. Teil. B. 1. W. 26. S. 43.

[109] Loepers Anmerkg. N. 36 zu dieser Stelle; S. 257.

[110] D.W. a.a.O. S. 63.--vergl. auch den Schlu des 4. B. S. 255.

[111] F.G.A. a.a.O. S. 667.

[112] D.j.G. 3. 469 f.

[113] D.j.G. 3. 292.

[114] W. 26. s. 255.

[115] de occulta philosophia, s. Graffunder a.a.O. S. 707.

[116] Vergl. auch den Aufsatz Die Natur von 1782: Leben ist ihre
schnste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff viel Leben zu haben.
(Im Journal von Tiefurt; Schriften der Goethe-Gesellschaft Bd. 7. S.
260.)----Darber auch Gwinner a.a.O. S. 128.

[117] Auch das sptere Schema (Paralip. 1. W. 14. S. 287.) macht diesen
Unterschied zwischen Lebensgenu und dem Thatengenu, dem bewuten wie
dem unbewuten. Denn das von auen gesehen oder nach auen
bezeichnet dort eben den unbewuten G. im Zustand der Dumpfheit, indem
der Mensch noch nicht zu klaren Ideen durchgedrungen ist.--Falsch
verstanden von Pniower, Vj. f. Littgesch. V. S. 409.

[118] W. 27. S. 12.

[119] Meine Gttin (W. 2. S. 59 f.).

[120] D.W. T. 3. B. 12. W. 28. 108.

[121] Br. 2, N. 88, Mitte Juli 1772 an Herder; S. 16.

[122] D.j.G. 2. 101.

[123] A.a.O. 2. 84.

[124] A.a.O. 2. 103.

[125] A.a.O. 3. 346.

[126] A.a.O. 2. 26.

[127] In diesem Sinne erhlt spter der Schatzgrber die Mahnung: Trinke
Mut des reinen Lebens!----Darauf baut sich ein thtiges und frhliches
Leben auf: Tagesarbeit! Abends Gste! Saure Wochen! Frohe Feste!--W. 1.
182.--Ein dreifaches Leben nimmt G. auch in den Sprchen an: Das
Hchste, was wir von Gott empfangen haben, ist das Leben, die rotierende
Bewegung der Monas um sich selbst, welche weder Rast noch Ruhe kennt;
der Trieb, das Leben zu hegen und zu pflegen, ist einem jedem
unverwstlich eingeboren, die Eigentmlichkeit desselben jedoch bleibt
uns und anderen ein Geheimnis. Die zweite Gunst der von oben wirkenden
Wesen ist das Erlebte, das Gewahrwerden, das Eingreifen der lebendig
bewegten Monas in die Umgebungen der Auenwelt, wodurch sie sich selbst
erst als innerlich Grenzenloses, als uerlich Begrenztes gewahr wird...
Als drittes entwickelt sich nun dasjenige, was wir als Handlung und
That, als Wort und Schrift gegen die Auenwelt richten. (N.
1028-30.)--Danach wre also der Erdgeist der Geist des Lebens an sich,
des bewuten Lebens und des thtigen Lebens. Zu einseitig fat ihn darum
z.B. F.A. Mayer Ztschr. f. str. Gymnas. XL. S. 298, als Geist der That,
ebenso H. Schmidt als den der Geschichte (Preu. Jahrb. 39. S.
375)--vllig verkehrt aber Rieger (G. Faust nach s. religisen Gehalte),
wenn er gar behauptet, er habe keinen Teil, an dem, was wirklich Leben
heit!

[128] v. d. Hellen. S. 199 ff.

[129] A.a.O. S. 186.

[130] A.a.O. S. 201.

[131] Br. 2. N. 148 vom 7. Mai 1773. S. 85.

[132] Ethik. II. Zusatz zum 13. Lehrsatze.

[133] Br. 2. N. 249, vom 15. September 1774. S. 196.

[134] Br. 2. N. 88 aus Mitte Juli 1772. S. 16 mit Beziehung auf Herders
Worte in seiner Recension ber Denina vom 7. Juli 1772 in den F.G.A. S.
355. Z. 10. G. hatte also die Rec. schon gelesen, da er den Brief
schrieb. Vergl. den Schlu des Briefes. S. 19. Dies hat Steig, Vj.-schr.
V. S. 232. bersehen.

[135] Br. 2. N. 88. S. 16.

[136] A.a.O. S. 17.

[137] Diese Pindarstelle ist aus Teilen zweier Oden zusammengesetzt.
Olymp. 2. 94 ff. u. besonders Nem. 3. 41. ff. Vor allem in der letzteren
ist das Schweifende in den verschiedensten Wendungen seinen Symptomen
entsprechend ausgedrckt:----[Griechisch: psephennos anaer allot' alla
pneon oupot' atreke kateba podi, myrian d'aretan atelei noo geuetai]
(ein dunkler Mann, wandelt er dahin dorthin keuchend, unsicheren
Schrittes, kostet von tausenderlei Gutem halben Sinnes).

[138] Br. 2. N. 231 an Schnborn vom 8. Juni 1774. S. 174.

[139] Br. 2. Nr. 843. v. 3. Aug. 1775 an G. Stolberg. S. 275.

[140] D.W. Teil 3. B. 14. W. 28. S. 250.

[141] D.j.G. 2. 184.

[142] v.d.H. S. 199.

[143] Man vergleiche fr diese Auffassung Goethes sptere uerung in
dem Aufsatze Shakespeare u. kein Ende: Shakespeare gesellt sich zum
Weltgeist, er durchdringt die Welt wie jener (H. 28. S. 731).

[144] Auch K. Fischer a.a.O. S. 431 hat nicht richtig erkannt, weshalb
der Erdgeist Faust verschmhe, wenn er bemerkt: Der Erdgeist sieht nur
die Ohnmacht des Phantasierausches, der das Leben und dessen Mchte
nicht kennt; u.s.w.------

[145] Briefe Goethes an S. v. La Roche u.s.w. herausgegeben von Loeper
S. 56 (geschr. am 18. Juli 1774).

[146] D.j.G. 3. 501 N. 7; vergl. auch 3. 489:

    O Freund, der Mensch ist nur ein Thor,
    Stellt er sich Gott als seinesgleichen vor.


[147] Br. 2. Nr. 363 v. 26. Oktober 1775. (S. 303.)

[148] Vergl. Gespr. 2. S. 180 mit Riemer am 2. August 1807: Alle
Philosophie ber die Natur bleibt doch nur Anthropomorphismus, d.h. der
Mensch, eins mit sich selbst, teilt allem, was er nicht ist, diese
Einheit mit, zieht es in die seinige herein, macht es mit sich selbst
eins. Um die Natur zu erkennen, mte er sie selbst sein. Was er von der
Natur ausspricht, das ist etwas, d.h. es ist etwas Reales, es ist ein
Wirkliches, nmlich in Bezug auf ihn. Aber was er ausspricht, das ist
nicht alles, es ist nicht die ganze Natur, er spricht nicht die
Totalitt derselben aus. So auch Faust nicht die Totalitt des
Erdgeistes. Er ist ihm also nicht wesensgleich, wie z.B. Vischer,
Goethes Faust, Neue Beitrge zur Kritik des Gedichts S. 263, glaubt,
sondern nur ein Teil von jenes Kraft; er hlt sich auch keineswegs fr
gleich gro, worin Vischer die Ursache seiner Verschmhung sucht,
sondern grade fr wesensgleich oder doch wesenshnlich.

[149] D.W. T. 2. B. G. W. 27. S. 276. Unsere Wnsche sind Vorgefhle der
Fhigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten
imstande sein werden, u.s.w.; vergl. a.a.O. T. 3. B. 11. W. 28. S. 50.--

[150] W. 3. S. 24.

[151] D.W. T. 4. Bd. 20. S. 173.

[152] D.j.G. 2. 3 ff.

[153] Vergl. dazu Elisabets Ansicht ber das Gebet in dem ltesten Gtz;
(D.j.G. 2. 99.) ber Goethes Pelagianismus D.W. T. 3. B. 15. W. 28. S.
305.

[154] D.j.G. 2. 28.

[155] a.a.O. 2. 30.

[156] a.a.O. 3. 181.--Auf diese Ode bezieht sich wohl die Stelle in dem
Briefe an die Fahlmer vom 9. April 1773. (Br. 2. N. 74.)------konnt
ich Ihnen----lnger nicht vorenthalten, warmer Jugend gute
Frhlingsempfindungen, daran Sie sich denn erbauen werden, an dem
heiligen Leben mehr als am heiligen Grabe, hoff ich.

[157] D.W. T. 1. B. 5. W. 26. S. 320.

[158] ber Goethe u. Spinoza vergl. z.B. Rler, die Entstehung des F.
Grenzboten. 1883. IV. S. 494.

[159] Eins u. Alles. W. 3. 81. Vergl. auch, was er ber das Gedicht
Weltseele am 20. Mai 1826 an Zelter schrieb: Das Gedicht stammt aus
der Zeit her, wo ein reicher jugendlicher Mut sich noch mit dem
Universum identificierte, es auszufllen, ja, es in seinen Teilen wieder
hervorzubringen glaubte. Es gehrt der Zeit der zweiten Jugend, der
dritten Beschftigung mit Faust an.

[160] Die wahre Bedeutung der Erdgeistscene liegt also darin, da der im
Dunkeln wandelnde F. auf das Leben hingewiesen wird, nicht etwa in dem,
worin sie Gwinner sucht S. 215, in der Veranschaulichung der mit der
falschen Richtung und mit dem Mibrauche des Erkenntnistriebes
verbundenen Hochgefahr!! Die Scene steht also mit der Idee des F. in
keiner Incongruenz (S. 214).--Die Mission des Erdgeists ist mit jenem
Hinweis erfllt; daher ist auch nicht mit Fischer S. 431 an eine
nochmalige Erscheinung zu denken. Eine absteigende Linie ist es, die vom
Makrokosmus zum Erdgeist zum Teufel fhrt, um aus der Hlle durch die
Welt zum Himmel wieder aufzusteigen.

[161] D. j. G. 2. 213 f.

[162] A.a.O. 2. 241.

[163] A.a.O. 3. 481 f.

[164] A.a.O. 3. 159.

[165] W. 2. S. 94 ff. (Hempel.)

[166] W. 2. 83.

[167] W. 2. 81 f.

[168] W. 2. 86.

[169] W. 14. V. 1660 ff.

[170] W. 15. V. 11442 ff.

[171] Maskenzug von 1818. Der junge Dichter hat bekanntlich vor dem
Teufels-Bndnis Halt gemacht; erst spter ist die die angedeutete
Verknpfung gelungen. Die lteste Dichtung fhrt uns bezeichnender Weise
nur Faust vor und nach dem Bunde vor; und gerade dieser erste Teil, der
uns Faust auf einer Hhe zeigt, die fast der gleichkommt, auf der sein
Dichter stand, ist mit besonderer Liebe ausgemalt.

Faust und die Natur, der Makrokosmus, der Erdgeist, und endlich auch
Faust und Wagner, lauter glnzende Bilder; aber nun Faust und der
Teufel! Dazu konnte sich der junge Goethe noch nicht verstehen, obwohl
er ja jene hellen Bilder gemalt hatte, um seinem eigenen Empfinden ein
Zugestndnis zu machen und nicht sofort mit dem Dunkel beginnen zu
mssen.

[172] W. 15. 2. S. 199. Ankndigung des Zwischenspiels zu Faust

[173] Bemerkenswerth fr die Entstehung des Faust ist, wie G. sich die
des Hamlet dachte: So kam Shakespearen der erste Gedanke zu seinem H.,
wo sich ihm der Geist des Ganzen als unerwarteter Eindruck vor die Seele
stellte, und er die einzelnen Situationen, Charaktere und Ausgang des
Ganzen in erhhter Stimmung bersah, als ein reines Geschenk von oben,
worauf er keinen unmittelbaren Einflu gehabt hatte, obgleich die
Mglichkeit, ein solches Aperu zu haben, immer einen Geist wie den
seinigen voraussetzte u.s.w. Gespr. 6. S. 283.

[174] D.W. T. 2. B. 6. W. 27. S. 14.

[175] A.a.O. T. 2. B. 9. W. 27. S. 258.

[176] D.j.G. 3. 236.

[177] Werke, Leipzig bei G. Fleischer 1819. IV. B. Beilage 3. S. 67 ff.

[178] Vergl. in der zusammenfassenden und rckblickenden Stelle der
ausgefllten groen Lcke V. 612 f. u. 627.

[179] Herder W. Bd. 6. S. 353 u. Schillers bekanntes Gedicht: Das
verschleierte Bild zu Sais.

[180] W. (Hempel) 3. 136.--Interessant zur Vergleichung mit der
Erdgeistscene ist eine Stelle aus einem Gedicht Gisekes, das die
Spinozistische Gottheit schildert:

    Die dem Bernis in seiner einsamen Grotte
    Schrecklich erschien, als sie schnell ein blasses Feuer erfllte
    Und vor seinem bestrzten Auge die Welt zu vergehen schien.

         *     *     *

    Gott, Du schenktest ihm Mut, die schreckliche Nacht zu ertragen!
    Pltzlich gab ihm den Tag ein Donnerschlag wieder und mit ihm
    Stieg aus den Trmmern der Erd' ein unermelicher Riese,
    Eine Welt an Gre, hervor; an Gestalt ein Kolossus,
    Schrecklich dem Aug und doch nach Ebenmaen gebauet.
    Sein gewaltiges Haupt war ein Gebirge, die Haare
    Wlder, sein schreckendes Aug' ein entzndeter Feuerofen
    Oder ein flammender Abgrund. In einen Krper verwandelt
    Stand vor dem Dichter die Welt. In seinen kleinsten Gefen
    Flossen die Bche gemchlich, und durch die schwellenden Adern
    Brauste das Weltmeer dahin. Sein Kleid war der Schleier der Lfte.
    Also trumte Spinoza sich Gott.

(bei Herder in einer Rec. ber G.--W. 4. S. 275 f.)

[181] D.W. T. 2. B. 9. W. 27. S. 270.

[182] Zum Sprachgebrauch von widerlich vergl. Herder erstes kritisches
Wldchen: (W. Bd. 3. S. 181.) Nun gibts eine andere Widrigkeit, das
Gefhl einer heterogenen Nervenanschauung, durch das zu Heftige, zu
Gewaltsame. (Vergl. auch S. 183, wo widrig und widerlich als
gleichbedeutend gebraucht werden.)

[183] Zu der Wendung: O Tod vergl. D.j.G. 1. 185, damit man nicht so
trichte Schlsse daraus ziehe, wie das Marbach in seiner Erklrung des
Faust S. 49 thut.

[184] Vergl. auch gegen Scherers Einwand Weltrich im Magazin fr die
Litt. des In- und Auslandes S. 219.

[185] Vergl. V. 1577 f.

    O war ich vor des hohen Geistes Kraft
    Entzckt, entseelt dahin gesunken!


[186] Zu bemerken ist auch die nderung des trockenen Schwrmers in den
trockenen Schleicher. (V. 169 = 521.) Der Grund liegt wohl darin, da
das Wort in dem hier gebrauchten Sinne dem Dichter selbst nicht mehr
gelufig war. Aufschlu gibt Herders im Novemberheft 1776 des Merkur
erschienener Aufsatz Philosophei und Schwrmerei. Danach ist der
Schwrmer der geistig unselbstndige Mensch, der sich fr Dinge und
Ideen, die grade Mode sind, in eine Art kalter Begeisterung versetzen
lt. Ein Mensch, der von gesundem Verstande ohne gesunden Verstand,
von richtigen Begriffen ohne richtigen Begriff, von ewiger Toleranz mit
mglichster Intoleranz spricht, welchen gelinderen Namen kann er sich
versprechen als--Schwrmer? (W. Hempel Bd. 17 S. 302.--)----Vor einigen
Jahren redete man von Winckelmanns, Hagedorns, Lipperts Ideen, von
Sachen, die man nie gesehen, von Abstractionen des Gefhls, die man nie
empfunden;--(S. 103.)--In hnlicher Weise beginnt nun auch Wagner zu
reden.--

[187] Gespr. 2. 71. mit Luden am 19. August 1806.--Vergl. auch E.
Schmidt Aufgaben und Wege der Faustphilologie. (Beil. zur allgem. Zeitg.
1891. 119. 2.)

[188] Gespr. 7. 218.

[189] 2. N. 243. S. 157.

[190] Vergl. Rler, die Entstehung des F. Grenzboten 1883. IV. S. 439.

[191] Br. 2. N. 167. vom 15. Sept. 1773.--S. 106.--N. 208 Mitte Febr.
1774.--S. 147.

[192] Br. 2. N. 162. vom Juli 1773. S. 97.

[193] Schnborn an Gerstenberg am 12. Oktober 1773 berichtet ber die
Vorlesung der zwei ersten Akte; vergl. G.J. 1, 290 ff.

[194] Br. 2. N. 180. Herbst 1773. S. 120.

[195] A.a.O. 2. 261. v. 20. Nov. 1774. S. 205.

[196] Br. 2. N. 228 u. 231. S. 172 ff.--Wagner 3. S. 110.

[197] Aus Goethes Frhzeit S. 75.

[198] Gesprche 1. N. 15. S. 25 ff; ber die Satyrosfrage bei anderer
Gelegenheit mehr; vergl. Scherer, aus Goethes Frhzeit S. 43 ff; eine
Deutung auf Bahrdt von Spengler in der Zeitschr. f. str. Gymnas. XII.
S. 393.--Biedermann in seinen Goetheforschungen S. 9 f. 456 N.F. S. 13
ff.

[199] D.W. T. 4. B. 18. W. 29. S. 84.

[200] W. Bd. 28. S. 370. Taedium vitae. Wertherianism. Dstre
Lebenslast. Periodisch wiederkehrend.

[201] Br. 2. N. 238. S. 182.

[202] Br. 2. N. 243. S. 188.

[203] Br. 2. N. 244. S. 189.

[204] Br. 2. N. 247. S. 194

[205] N. 250. S. 197.

[206] N. 252. S. 198.

[207] N. 256. S. 201.

[208] Ist keine Kraft in meiner Seele Tiefen? W. 10. V 1885.

[209] Br. 2. N. 258 an S. La Roche vom 21. Oktober 1774. S. 212

[210] in eigentlicher: D.j.G. 3. 584.

[211] a.a.O. 1. 186.--auch 2. 36.--vergl. W. Bd. 9. S. 482.

       *       *       *       *       *




UNTERSUCHUNGEN BER GOETHES FAUST IN SEINER LTESTEN GESTALT.

II. DIE SATIRISCHEN SCENEN.

1. DIE WAGNERSCENE.
2. DIE SCHLERSCENE.
3. DIE SCENE IN AUERBACHS KELLER.

HABILITATIONSSCHRIFT DER PHILOSOPHISCHEN FAKULTT DER GROSSH.
LUDEWIGS-UNIVERSITT GIESSEN ZUR ERLANGUNG DER VENIA LEGENDI

VORGELEGT VON Dr. J. COLLIN.

GIESSEN, 1893.





II. DIE SATIRISCHEN SCENEN.[212]


Die akademisch-satirischen Scenen des ltesten Faust folgen unmittelbar
auf einander und bilden, drei an der Zahl, eine deutlich von der ersten
wie der dritten unterschiedene Hauptmasse.[213] Sie stehen keineswegs
unter sich in unmittelbarem Zusammenhang, aber sie haben gemeinsam, da
sie deutsches Universittsleben und -treiben des 18. Jahrhunderts in
seinen verschiedenen Beziehungen darstellen. Die beiden ersten von ihnen
stehen sich nach Form und Inhalt nher, die dritte, in ihrem greren
Teil in Prosa geschrieben, gehrt in einen anderen Zusammenhang; sie ist
die erste Station auf Fausts Weltreise. Alle drei aber geben uns ein
Bild der Welt, in der sich Faust bis dahin bewegt oder mit der er sich
berhrt hatte. Sie bilden den Hintergrund, von dem sich Faust mit seinem
hohen Streben scharf und deutlich abhebt, von dem er sich dann auch mehr
und mehr entfernt. Auch in der Sage steht Faust auf diesem Boden; sein
hauptschlicher Verkehr ist dort mit Studenten. Ganz in dieser
studentischen Sphre hat z.B. der Maler Mller seinen Faust belassen.



1. Die Wagner-Scene.

(V. 169-248 = 522-605 mit Ausschlu der V. 598-601.)

Die Wagnerscene ist bereits im ltesten Faust unmittelbar an die erste
Hauptmasse angeschlossen. Der Erdgeist ist verschwunden. Faust will
sich seinen Empfindungen ber die Erscheinung berlassen, da wird er
durch Wagners Klopfen unterbrochen. Er tritt herein in hchst burleskem
Gegensatz zu der ungeheueren Erscheinung des Erdgeists. Damit ist von
vornherein der Ton dieser ganzen zweiten Scenenreihe angegeben; wir
befinden uns besonders bei den beiden ersten auf dem Boden der kecken
Fastnachtspiele von 1773/74; der Kampf, den der junge Goethe im Jahre
1772 in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen begonnen hatte, ward in ihnen
weiter fortgesetzt. Hans Sachsischer Rythmus bot sich dafr willig dar,
und es gilt besonders fr jene beide Faustscenen, was der Dichter spter
in seiner Lebensgeschichte bemerkt, bedeutende Werke, die eine
jahrelange, ja eine lebenslngliche Aufmerksamkeit und Arbeit
erforderten, seien auf so verwegenem Grunde bei leichtsinnigen Anlssen
mehr oder weniger aufgebaut worden[214].--Die Verbindung zwischen der
ersten und zweiten Scenenreihe ist nur wenig eng; sie beruht auf dem
Motiv der Strung. Aus der Flle der Empfindungen gerissen und an das
Unbedeutende und Kleinliche seiner Umgebung erinnert zu werden, mochte
dem jungen Dichter oft genug begegnet sein. So erzhlt er in Dichtung
und Wahrheit[215], wie er in den Tagen, da ihm seine erste Liebe
entrissen worden war, in Wldern sich ergangen und sich in ihm im
Wechselgesprch mit der Natur das Gefhl des Erhabenen erzeugt habe.
Die kurzen Augenblicke solcher Gensse verkrzte mir noch mein
denkender Freund; aber ganz umsonst versuchte ich, wenn ich heraus an
die Welt trat in der lichten und mageren Umgebung ein solches Gefhl bei
mir wieder zu erregen; ja kaum die Erinnerung davon vermochte ich zu
erhalten. So unterbricht hier Wagner Faust in dem Wechselgesprch, das
er mit dem Erdgeist in seinem Busen begonnen hatte. Dies Motiv findet
sich, wie man richtig gesehen hat[216], noch fter bei dem jungen
Goethe; in dem Mahometfragment wird hnlich Mahomet in seiner Erhebung
zum Gttlichen durch seine Pflegemutter gestrt;[217] im Prometheus wird
durch Merkur Prometheus aus der Gesellschaft seiner Geschpfe
gerissen[218]; in Werthers Leiden heit es einmal: Ein unertrglicher
Mensch hat mich unterbrochen. Meine Thrnen sind getrocknet. Ich bin
zerstreut[219].

Faust wendet sich unwillig ab, als Wagner eintritt; dieser bittet um
Verzeihung und erklrt zugleich den Grund seines Kommens. Die
Gefhlsausbrche seines Herrn hat er fr Deklamation gehalten![220] Um
ja nichts zu versumen, wo er etwas bei seinem Professor profitieren
knnte, kommt er sogar in tiefer Nacht zu ihm. Handelt es sich doch auch
um eine Kunst, die gerade jetzt, wie er behauptet, an der Tagesordnung
und darum von besonderer Wirkung sei. Damit ist das Thema des ersten
Teils dieser Scene angeschlagen. Es ist der Streit gegen die uere Form
und zwar insbesondere auf dem Gebiet der Rede. Wie soll man, so fragt
sich Wagner, zumal wenn man der Welt fast ganz entfremdet ist, sie zu
dem Guten berreden? Er glaubt, das durch die uere Form des Vortrags
erreichen zu knnen. Da bricht denn Faust gewaltig los. Auch die Form
mu gefhlt sein; das Gefhl des Redners mu ihn mit seinem Zuhrer
verbinden; er mu ein Gefhl dafr haben, was er ihm zu sagen hat.
Deswegen gibts doch eine Form, schreibt Goethe im Anhang zu Wagners
Mercier[221], die sich von jener--es war dort die Rede von der ueren
theatralischen Form--unterscheidet, wie der innere Sinn vom uern, die
nicht mit Hnden gegriffen, die gefhlt sein will. Unser Kopf mu
bersehen, was ein anderer Kopf fassen kann, unser Herz mu empfinden,
was ein anderes fllen mag. Innere Form[222] nennt er sie im Gegensatz
zu jener uerlichen, nach der Wagner verlangt. Nicht nur der Gehalt,
auch Form mu aus dem Innern geholt werden; um auf den Menschen zu
wirken, mu gerade der Inhalt der Gefhle schon im Innern so geformt
werden, da er dem Gefhl derer entspreche, auf die eingewirkt werden
soll. _Gehalt bringt die Form mit_[223]. Weil aber bereits im Inneren
mit den Gefhlen, um ihnen wirkende Kraft zu verleihen, eine Art
knstlerischer Umformung vorgehen mu, darum erklrt er a.a.O. S. 687:
Jede Form, auch die gefhlteste, hat etwas Unwahres, allein sie ist ein
fr allemal das Glas, wodurch wir die heiligen Strahlen der verbreiteten
Natur an das Herz des Menschen zum Feuerblick sammeln. Aber das Glas!
_Wems nicht gegeben wird, wirds nicht erjagen_, es ist wie der
geheimnisvolle Stein der Alchimisten Gef und Materie Feuer und
Khlbad. Aus dem Herzen mu also mit dem Gehalt auch die Form kommen,
um die Herzen der Hrer zu bezwingen. Was kann es dagegen bedeuten,
mhsam erst die Teile zu einem Ganzen zusammenzuleimen, aus dem von
anderen bereits Geschaffenen einzelnes zusammenzutragen, und es dann mit
dem Feuer eines fast erloschenen Herzens kmmerlich zu beleben? Was kann
das anderes eintragen, als Bewunderung von denen, die selbst nur
uerlich nachzuahmen verstehen und darum auch vom uerlichen noch
ergriffen werden?

Wagner wagt noch eine Einwendung, mit der er das anfangs Geuerte (V.
173 = 525.) in vernderter Form nochmals vorbringt:

    Allein der Vortrag ntzt dem Redner viel.

Abermals erregt er seines Herrn heftigen Unwillen. Nicht nur jede andere
Form als die der Inhalt selbst mit aus dem Innern bringt, ist zu
verschmhen, auch jede uere Kunst des Vortrags ist abzuweisen. Auch er
mu von der im Inneren wohnenden Kraft unmittelbar hervorgebracht
werden. Alle Knstelei dabei gehrt ins Puppenspiel, auf die Bhne[224].
Was soll es heien, gleich den Narren mit den Schellen zu luten und so
die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen[225]? Was brauchts der Kunst, um
die Gefhle der Freundschaft und Liebe auszudrcken? Was ist es ntig
auf die Wortjagd zu gehen, wenn man im Ernst etwas sagen will? Alle
diese glnzenden Worte, mit denen jene die Abflle des Menschenlebens
knstlich aufstutzen, was erzeugen sie anders, als leeres Gerusch so
unerquicklich, wie wenn im Herbst der Nebelwind durch die abgestorbenen,
drren Bltter suselt?--Der Dichter bekmpft also in diesem ersten
Teile der Scene (V. 169-204 = 522-557) das uerliche der Form und das
Knstliche des Vortrags[226], mit denen zugleich Kmmerlichkeit des
Inhalts Hand in Hand geht, und verweist dagegen auf das Gefhl. Das
Gefhl! Unter diesem Zeichen kmpfte die neue Richtung gegen den
Rationalismus der Zeit; es war die Quelle, aus der alles geschpft
werden sollte; also auch Inhalt und Form in Kunst und Dichtung,
berhaupt in allem, was der Mensch hervorbringen wollte[227]. Nur das
sollte ausgesprochen, dargestellt, gebildet werden, was im Inneren
lebendig empfunden war; der Inhalt, der sich sonst so von selbst
verstand, ward die Hauptsache[228]. Dabei durfte er am wenigsten durch
die knstlichen Schranken einer uerlichen Form behindert werden, auf
deren Ausbildung die vorhergehende Epoche ausschlielich Wert gelegt
hatte. Die Kerkerwnde der drei Einheiten im Drama wurden
gesprengt[229]. Besser ein verworrenes Stck machen als ein
kaltes[230]. Alle Regeln wurden abgethan, die man mit Mhe aufgestellt
hatte, da sie das wahre Gefhl von Natur und den wahren Ausdruck
desselben zerstrten[231]. Auch der Ausdruck, die Form mu gefhlt sein.
Die characteristische Kunst, schreibt der junge Goethe[232], ist nun
die einzig wahre. Wenn sie aus inniger, einiger, eigener,
selbststndiger Empfindung um sich wirkt, unbekmmert, ja unwissend
alles Fremden, da mag sie aus rauher Wildheit oder aus gebildeter
Empfindsamkeit geboren werden, sie ist ganz und lebendig. Bei solchen
Anschauungen galt Unform und Formlosigkeit mehr als Form, wenn nur der
Gehalt aus der Tiefe des Busens kam. Mir ist alles lieb und wert, was
treu und stark aus dem Herzen kommt, mags brigens aussehen, wie ein
Igel oder wie ein Amor, schrieb Goethe am 17. August an die
Karschin[233]. Der Freiheits- und Naturgeist der Zeit, bemerkt er
spter, der jedem sehr schmeichlerisch in die Ohren raunte, man habe
ohne viele uere Hilfsmittel Stoff und Gehalt genug in sich selbst,
alles komme nur darauf an, da man ihn gehrig entfalte, weht uns aus
solchen Anschauungen entgegen. Darum kennzeichnet er in dem spteren
Schema[234] die Scene folgendermaen: _Streit zwischen Form und
Formlosem. Vorzug dem formlosen Gehalt vor der leeren Form. Gehalt
bringt die Form mit. (Die innere Form.) Die Widersprche, statt sie zu
vereinigen, disparater zu machen._--Mit ihrer Vereinigung begann fr
den Dichter selbst eine neue Epoche; er suchte nun blo den Gehalt in
seinem Busen allein, die Form in seinem Geist.[235]

In unserer Fauststelle ist der Kampf gegen leere, uere Form besonders
auf das Gebiet der Rede hinbergespielt. Vor allem ist wohl an die
Predigt und den akademischen Vortrag gedacht. Deklamation nannte man
damals die Kunst des Vortrags und die Kunst schne Worte zu machen. Seit
Sturms Tagen war dieser leere Formalismus, die Kunst, die Rede mit
glnzenden Federn zu schmcken, herrschend geworden. Der Einflu
franzsischer Rhetorik verlieh ihr im 18. Jahrhundert einen neuen
glnzenden Anstrich. Dagegen erhob sich denn auch die neue
Gefhlsrichtung, voran ihr Meister, Herder[236]. Die Frankfurter
Gelehrten Anzeigen, die vorbergehend 1772 ihr Organ geworden waren,
kmpften, wie gegen allen Formalismus und Rationalismus, auch gegen
diese uerlichkeit.

So schreibt Herder[237] daselbst in seiner Beurteilung von Schlzers
Vorstellung seiner Universalhistorie[238]: Vorstellung, und gewi viel
Theatralisches und Mimisches geht das ganze Bchlein durch. Die ersten
Kapitel: Begriff der allgemeinen Weltgeschichte! Zusammenhang der
Begebenheiten! Synchronistische Anordnung, und im ganzen Verfolg alle
Stellen, die es nur einigermaen werden konnten, sind bloe Deklamation
geworden, und in so lautem, gestikulierendem Ton, da man sich wundern
sollte, wie das der Grundri zu einem akademischen Kollegio, und
Grundri zur strengsten Wissenschaft, der Historie sein solle.

Wir bitten sie, da sie ihn nirgends zu stark anfassen mgen; er ist
ein schnes Krausgewinde aus so mancherlei neuern Schriften aufgewunden,
und daher auch so perlend, aber auch so unsicher und schwach, als
dergleichen Aufgewinde aus einer andern fremden Textur, wo es eigentlich
seinen Sitz hatte, zu sein pflegt.--Ist die franzsische Deklamation
nach diesem Schnitte eine ntzliche Neuigkeit? Gewinnen oder verlieren
unsere Lehrsthle, wenn sie statt Vorlesungen, Reden, und statt
Lehrbcher zierliche Feuerwerke von Luftschwrmern bekommen?
u.s.w.[239] Herder scheint zu reden, wenn es S. 343. 19 ff. heit:
allein, berall herrscht nichts als ein schwler Deklamationshimmel,
der das Leere der Thomasischen[240] Schpfung bedenkt. Statt einzelner
psychologischer Schritte, und langsamer Schlge des psychologischen
Ahndungsstabes, das krauseste Labyrinth eines franzsischen Ballets.
Wie der Meister, so auch der Schler. In der unbezweifelt Goethischen
Beurteilung von Sulzers schnen Knsten lesen wir: Wir erstaunen, wie
Herr S., wenn er auch nicht drber nachgedacht htte, in der Ausfhrung
die groe Unbequemlichkeit nicht fhlen mute, da, so lange man in
generalioribus sich aufhlt, man nichts sagt, und hchstens durch
Deklamation den Mangel des Stoffes vor Unerfahrenen verbergen
kann[241]. Vielleicht, spricht auch S. 552 Goethe: Das ganze Werk
schwimmt in Deklamation. Mit deutlicher Beziehung auf die Predigtart
erklrt dann wieder Herder in den Provinzialblttern von 1774: Akteurs
sollen Prediger und knnen _nie_ sein.[242]

Herderscher Geist ist es also, der sich hier im Kampf gegen alles leere
Wortgeprnge und jede knstliche Vortragsweise mit dem gleichgestimmten
des jungen Goethe verbindet.[243] Selbst die Bezeichnung der urteillos
bewundernden Menge ist in Herders Ton. Kinder und Affen nennt sie Faust,
so wie sie im Jahrmarktsfest der Zigeunerhauptmann, unter dessen Maske
bekanntlich Herder verborgen ist, Kinder und Fratzen, Affen und Katzen,
schilt[244].

In dem zweiten Teile der Scene schlgt Wagner ein neues Thema an. Auch
hier zeigt sich sein Gegensatz zu Faust aufs schrfste. Er beginnt von
seinem Streben zu reden, das aber nur wissenschaftlich ist. Auch er
fngt gleich Faust im ersten Monolog mit einem Seufzer an. Hat Faust
alle Wissensgebiete durchforscht und ist unbefriedigt, des Lebens
berdrssig zurckgekommen, so scheint Wagner das Leben zu kurz im
Verhltnis zur Wissenschaft. Nach ihren Quellen sehnt er sich, wie Faust
nach dem Quell des Lebens; bang fragt sich jener, wie er zu ihnen
gelange. Wir sehen also, wie der Dichter die beiden Strebenden scharf
und deutlich kontrastiert hat.

Gegen solche kmmerliche Anschauung erhebt sich Faust wieder: das
Pergament sollte die heilige Quelle sein, daraus dauernde Befriedigung
zu schpfen wre? Auch Erquickung ist nicht drauen zu suchen, nicht
etwa in Bchern zu finden; wiederum verweist er ihn auf sein eigenes
Gefhl; nur aus eigener Seele vermag sie zu quillen. In diesem Sinne
schreibt der Dichter an Merck:

    Nicht in Rom, in Magna Grcia,
    Dir im Herzen ist die Wonne da![245]

Allein Wagner kennt gar nicht diesen Drang nach Befriedigung und
Erquickung. Ihm gengt es schon, worin sich der Dnkel des Gelehrten
herrlich offenbart, sich, wie er es stolz nennt und es seit Montesquieu
Mode geworden war, in den Geist der Zeiten zu versetzen, das Wissen
vergangener Zeiten kennen zu lernen und dann im Hochgefhle des
gewonnenen Fortschritts auf sie von der Hhe der eigenen erleuchteten
Zeit herabzublicken[246]. Beides fordert Fausts Spott heraus. Indem er
an seine dnkelhafte berhebung anknpft, weist er ihn auf das
Unzugngliche seines Strebens hin. Die Zeiten der Vergangenheit sind uns
ein verschlossenes Buch. Was da die Forscher den Geist der Zeiten
heien, ist im Grunde nur der Herren eigener Geist; jenachdem er ist,
spiegelt sich die Geschichte ab. Was kommt aber dabei zum Vorschein? Man
hat nur Sinn fr den Kehricht und das Germpel einer Zeit, um darin zu
whlen und Nachlese zu halten; wenns hoch kommt, ergibt sich die
Darstellung eines uerlich glnzenden Ereignisses mit der Zugabe von
trefflichen pragmatischen Maximen, wie sie ins Puppenspiel gehren.

Mit dieser spttischen Polemik betreten wir wieder den Kampfplatz der
neuen Richtung. Hier gilt die Fehde dem unhistorischen Verfahren der
Wissenschaften, dem armseligen Kleingeist, der in der Vergangenheit nur
einen groen Trmmerhaufen sieht, in dessen Wust er Scherben und
Auskehricht sammelt; sie gilt dem Pragmatismus in der Geschichtschreibung,
der Sucht, sofort aus allem allgemeingltige Maximen, die nun so ohne
weiteres fr uns brauchbar sein sollen, aufzuklauben;--und bei all der
Klglichkeit noch die lcherliche berhebung des aufgeklrten
Zeitalters! Herder, der Schler Hamanns, ist auch hier der Fhrer im
Streit. Mit den schrfsten Waffen hat er vor allem gegen unhistorische
Auffassung der Vergangenheit auf allen Gebieten in Wissenschaft und
Kunst angekmpft. Er hat das Beispiel gegeben, wie man sich in der That
vllig in die Zeiten der Vergangenheit versetzen, den modernen Menschen
abstreifen, liebevoll die Schwingungen des menschlichen Geistes auf
jedem Boden, im Morgen- und Abendland, in jeder Zeit, im Altertum und
Mittelalter, erkennen und sie aus sich begreifen msse. Damit waren die
verschtteten Quellen der Vergangenheit wieder erffnet, neu und
lebendig strmten sie wieder hervor, frische Kraft konnte wieder aus
ihnen geschpft werden, um das ganze geistige Leben zu erneuern. In den
Fragmenten ber die neuere deutsche Litteratur wird dieser Standpunkt
zum ersten Mal auf diesem Gebiete in seinem vollen Umfang und seiner
mchtigen Bedeutung fr sie geltend gemacht. In den Frankfurter
Gelehrten Anzeigen ist der Kampf mit einzelnen Vertretern der
unhistorischen Auffassung auch auf anderen Gebieten im vollen Gange.
Gegen das Mosaische Recht von Michaelis, wobei sich uns zugleich ein dem
Wagnertypus in manchem hnliches Gelehrtenbild zeigt, begrndet er z.B.
seinen Tadel so: denn nichts ist eigentlich aus dem orientalischen
Geist der Zeit, des Volkes, der Sitte erklrt, sondern nur berall
Blumen eines halb orientalischen, gut europischen common-sense
herbergestreut, der weder den tiefen Forscher noch den wahren Zweifler
und den Morgenlnder, der Ader seines Stammes fhlet, am wenigsten
befriedigen werden. Gewisse Dinge von diesen lieen sich auch selbst mit
der zuversichtlichen Miene des Herrn M. gewi nicht ganz geben; wer aber
mit der Geschichte nur buhlet, nur die Gabe hat aufzustutzen und
einzukleiden, wo man die Wahrheit eben nackt sehen will------Phyllida
meam non habeto! Hier ist alles nur immer im Geiste unsres Jahrhunderts
behandelt, dem guten Moses politische Maximen geliehen, die selbst bei
uns doch nur oft loci communes sind, und jenem Volk, jener Zeit, jenem
Gesetzgeber wahrhaftig fremde waren.[247]

Im gleichen Sinne kmpft auch der junge Goethe, schon ganz im Sinne
unserer Stelle schreibt er ber eine Schrift von Sonnenfels: Von
Geheimnissen (denn welche groe historische Data sind fr uns nicht
Geheimnisse?), an welche nur der tieffhlendste Geist mit Ahndungen zu
reichen vermag, in den Tag hinein zu raisonnieren!------Durchaus werden
die Gesetze en gros behandelt; alle Nationen und Zeiten durch einander
geworfen; unsrer Zeit solche Gesetze gewnscht und gehofft, die nur
einem erst zusammengetretenen Volk gegeben werden konnten[248]. Man
vergleiche auch vorher die bekannte uerung ber Rmerpatriotismus![249]
Vielleicht redet auch er am Schlusse einer in der Hauptsache
Schlosserschen Rezension;[250] er (oder Herder?) in der Beurteilung von
Bahrdts Eden, dem vorgeworfen wird, in Moses Bestandteile deutscher
Universittsbegriffe des 18. Jahrhunderts aufgedeckt zu haben[251].

Diesen Kampf haben beide auch spter noch fortgesetzt. Herder hat immer
und immer wieder diesen Grundgedanken verfochten, besonders in der
ltesten Urkunde, in Auch eine Philosophie der Geschichte u.s.w. Der
junge Goethe in der Baukunst gegen den Abb Laugier[252], ebenso in
seinen Satiren, die noch von der im Jahre 1772 erweckten Fehdelust
eingegeben sind. Wieland wird wegen seiner unhistorischen Auffassung
griechischen Heldentums, Bahrdt wegen der der Evangelisten derb
verspottet.[253]

Mit dieser verfehlten Anschauung verband sich nun meist der kmmerliche
Sinn fr allen Wust und Kram der Vergangenheit, von dem nicht genug auf
einen Haufen zusammengetragen werden konnte. Die Ausdrcke, die Goethe
dafr gebraucht, gehren wieder ganz der Coteriesprache der neuen
Richtung an; ein Haufen von Scherbengert--so bezeichnet Herder ein
Werk, das statt auf den Boden und in den Geist des Orients zu versetzen,
allen mglichen Kram vom Wege aufliest;[254] von demselben: ein Haufen
Totenbeine ohne Geist und Leben![255] Trdelkram nennt Herder alle
wissenschaftliche Beschftigung seiner Zeit kurzweg in seiner
Beurteilung von Deninas Staatsvernderungen[256]. Archologischer
Trdelkram! urteilt der junge Goethe in seiner Rezension von Seybolds
Schreiben ber Homer.[257]

Nicht minder eifern beide gegen den Pragmatismus und die Lust, sogleich
Maximen aufzustellen, die nicht besser sind als die Gemeinpltze im
Puppenspiel.[258] Herder lobt Denina, da er nicht so sehr malet und
raffiniert, und Maximen von Staatsvernderungen sucht als die Franzosen,
die jetzt fast aller Welt den Geschichtton angegeben haben: sondern auch
dem Wurf der Begebenheiten, dem Schicksal, was die Welt leitet, viel,
und vielleicht nur manchmal zu viel einrumet[259].--Weiterhin ruft er
aus: Wer da wei, was es fr eine Schaumblase sei, was man Maxime nennt?
wie schwer und selten ein Mensch ihr immer und deutlich und als
Hauptfhrerin folget; wie unmglich, da ihr Menschen Jahrhunderte
folgen?----[260] Von Maximen aber, die in der That fr den Menschen
etwas bedeuten, spricht offenbar der junge Goethe das schne Wort: Doch
diese Maximen verwebt die Natur selbst in groe Seelen; bei ihnen hren
sie auf Maximen zu sein und werden blo Gefhl[261].

Bei all dieser Kmmerlichkeit und Kleinlichkeit auch noch der
dnkelhafte Stolz auf das erleuchtete Zeitalter! So nannte es sich
selbst, so spottete die gegnerische Richtung; z.B. Herder in der zuletzt
angefhrten Rezension;[262] Goethe ber einen ungeschickten Angriff auf
die erleuchteten Zeiten;[263] aberweises Jahrhundert von Litteratoren
nennt er es in der Satire auf Wieland[264]. Am schrfsten ist wieder
Herder in den Schriften jener Zeit, so in der ltesten Urkunde: Celten
und Scythen, thiopier und Indier, Araber und Perser, Chalder und
Griechen--hier lt sich ein Berg Pflaumfedergelehrsamkeit
zusammenblasen: wie unwissend alle ber den philosophischen Ursprung
der Dinge! Zerduscht und Hermes, Orpheus und Pythagoras, Plato und
summus Aristoteles, Zeno und Thales--wie elend sie erbauet--aber Wir!
Wir![265]

Besonders ist es die kleine Schrift: Auch eine Philosophie der
Geschichte zur Bildung der Menschheit, die das Thema, wie wirs denn so
herrlich weit gebracht, in mannigfachster Weise anschlgt[266]. Eine
Stelle sei hervorgehoben, weil sie auch sonst an Faust anklingt: Warum
endlich trgt man den Roman einseitiger Hohnlge denn in alle
Jahrhunderte, verspottet und verunziert, damit die Sitten aller Vlker
und Zeitlufte, da ein gesunder, bescheidener, uneingenommener Mensch
ja fast in allen sogenannt pragmatischen Geschichten aller Welt nichts
endlich mehr als den ekelhaften Wust des Preisideals seiner Zeit zu
lesen bekommt? Der ganze Erdboden wird Misthaufe, auf dem wir Krner
suchen und krhen! Philosophie des Jahrhunderts[267].

Goethischer Geist hat sich also in diesem zweiten Teile der Wagnerscene
mit dem verwandten Herderischen zu einer scharfen Kritik des
kleinlichen, dabei sich berhebenden Geistes der Wissenschaft am Ende
des 18. Jahrhunderts verbunden. Angeregt in dieser Weise Stellung zu
nehmen im Widerspruch mit einer Epoche, in der common-sense und
verwsserte franzsische Aufklrung sich ungebhrlich breit machten,
ward der junge Goethe zuerst durch die Bekanntschaft mit Herder in
Straburg, vor allem aber durch seine thtige Teilnahme an dem frischen,
frhlichen Feldzuge der Frankf. Gel. Anzeigen vom Jahre 1772. Auf diesem
Boden erwuchsen die satirischen Ausflle der Jahre 1773 und 1774, alle,
wie er selbst zugesteht, aus der durch Herders scharfen Humor
veranlaten Unart entsprungen;[268] in ihre Reihe gehren auch die
satirischen Scenen im Faust.

Wagner versucht nun, wie am Schlu des ersten Teils der Scene, noch
einen Einwand zu machen. Wagt er es auch nicht etwas auf Fausts
Skepticismus ber menschliche Erkenntnisfhigkeit auf dem Gebiet der
Geschichte zu erwidern, so lenkt er doch seinen Blick auf ein anderes,
auf die Kenntnis der Welt und des inneren Menschen; Kenntnis des
menschlichen Herzens, wie man es damals nannte[269]. Auch danach
verlangte ja das Jahrhundert. Statt des Wissens suchte man nach
Erfahrung. Aus Dichtung und Wahrheit ist bekannt, wie der junge Goethe
ebenfalls danach Verlangen trug und wie er von Behrisch beschieden
ward[270]. Das eigentliche Studium des Menschen sei der Mensch selbst,
hie es; Pope schreibt seinen Versuch vom Menschen; andre folgten, wie
Hartley, Hemsterhuis. Es schob sich damit ein Keil hinein in die
trockene Schulweisheit der Zeit. Der trockene Schwrmer Wagner macht
also auch diese Mode mit. Die am Anfang des neunten Buches von Dichtung
und Wahrheit angefhrte Stelle der Allgem. deutschen Bibliothek[271]
zeigt uns diese Gegenstze. Die Philosophie, fgt Goethe dort hinzu,
mit ihren abstrusen Forderungen war beseitigt, die alten Sprachen,
deren Erlangung mit so viel Mhseligkeit verknpft ist, sah man in den
Hintergrund gerckt, die Compendien, ber deren Zulnglichkeit uns
Hamlet schon ein bedenkliches Wort ins Ohr geraunt hatte, wurden immer
verdchtiger, man wies uns auf die Betrachtung eines bewegten Lebens
hin, das wir so gerne fhrten, und auf die Kenntnis der Leidenschaften,
die wir in unserem Busen teils empfanden, teils ahneten, und die, wenn
man sie sonst gescholten hatte, uns nunmehr als etwas Wichtiges und
Wrdiges vorkommen muten, weil sie der Hauptgegenstand unserer Studien
sein sollten, und die Kenntnis derselben als das vorzglichste
Bildungsmittel unserer Geisteskrfte angerhmt ward. berdies war eine
solche Denkweise meiner eigenen berzeugung, ja meinem poetischen Thun
und Treiben ganz angemessen[272]. So scheint es auch Goethe zu sein,
der ein Werk, das sich mit diesen Fragen beschftigte, in den Frankf.
Gel. Anzeigen beurteilte[273].

Allein Wagner wird auch von der Pforte dieser Erkenntnis zurckgewiesen;
ist sie auch nicht unmglich, so ist doch die wahre Erkenntnis auf
wenige beschrnkt; fr sie bringt sie aber nur, falls sie ausgesprochen
wird und nicht im Innern bewahrt bleibt, schwere Gefahr. Denn trotz
aller gerhmten Toleranz, fr die der junge Goethe selbst in seinem
Schreiben des Pastors eingetreten war, wo er gefordert hatte, sie drfe
nicht aus Gleichgltigkeit entspringen, sondern msse auch aus dem
Herzen kommen, war es auch im 18. Jahrhundert noch gefhrlich dem Pbel
sein Gefhl und Schauen zu offenbaren. Der Verfasser der oben erwhnten
Schrift z. B. befrchtet ble Folgen fr sein Buch aus dem
Verfolgungsgeist dieser Zeiten. Der Rezensent fgt hinzu: Wir knnen
ihm dafr nicht brgen, ob es gleich sehr unrecht wre, eine
Untersuchung, die den Menschen nur auf einer Seite betrachtet, zu
verdammen, die Betrachtung der anderen Seite kann alles wieder gut
machen. Doch wenn man verdammen will, wer denkt daran![274] In seinem
Traktat ber die Toleranz aber schreibt der junge Goethe: Genung, die
Wahrheit sei uns lieb, wo wir sie finden.------Und wem darum zu thun
ist, die Wahrheit dieses Satzes noch bei seinem Leben zu erfahren, der
wage, ein Nachfolger Christi ffentlich zu sein, der wage sichs merken
zu lassen, da ihm um seine Seligkeit zu thun ist! Er wird einen Unnamen
am Halse haben, ehe er sichs versieht, und eine christliche Gemeine
macht ein Kreuz vor ihm[275].

Faust bricht die Unterredung, fr die Wagner keine bessere Bezeichnung
als gelehrt wei, ab; Wagner entfernt sich. Der Gegensatz ihres Wesens
tritt Faust noch einmal lebhaft vor die Seele. Er selbst greift nach dem
Hchsten; da es ihm nicht wird, schwindet ihm alle Hoffnung--und Wagner
verliert sie nie, der bei seinem Streben am Kleinlichsten haften bleibt
und mit dem Niedrigsten sich begngt. Der kranke Adler, dessen Schwingen
gelhmt sind, und die selbstgengsame Taube![276]

Mit wenigen, aber krftigen Strichen hat der Dichter das Bild des
kleinen Gelehrten hingeworfen, dem gegenber das Fausts um so heller
strahlt. Er scheint uns der Typus des kleinen Gelehrten berhaupt zu
sein, obwohl er ganz mit den Farben des 18., keines Falls des 16.
Jahrhunderts gemalt ist. Einzelne Zge boten sich Goethe allenthalben
da, selbst bei den Angesehensten der Zeit. Er vereinigte sie zu einem
Bilde. So entstand Wagner, der trockene Schwrmer, der sich ohne
Begeisterung fr alles, was in der Wissenschaft Mode geworden ist,
begeistert[277], ein Typus von der Fruchtteuerung und dem Kleingeist
des Jahrhunderts[278], einer von denen, quibus peiore ex luto finxit
praecordia Titan[279], einer jener unselbstndigen, dabei eingebildeten
Kpfe, die berall stoppelnd und Nachlese haltend, ihr Unwesen trieben,
vom Schlage jenes Gieer Professors Chr. H. Schmid, den einst Herder in
einer Rezension zusammengehauen[280], den Goethe bei seinem Besuche in
Gieen so ergtzlich verspottet[281] und auch im Jahrmarktsfest
mitgenommen hatte[282]. Doch fehlen bei Goethe alle individuellen
Beziehungen; er hat ein allgemeines Zeitbild geschaffen, whrend Maler
Mller in dem Zerrbild des Magister Knellius mehr einzelne, allerdings
niedrigste und gemeinste Zge verwendet und vielleicht in der That auch
dabei an Schmid gedacht hat[283]. Goethes Freunde aber, die den Faust
schon in Frankfurt kennen gelernt hatten, haben wohl, besonders da
Goethe ber die Freuden des jungen Werthers sehr ungehalten war, bei
Wagner auch an Nicolai gedacht.



Entstehungszeit der Wagnerscene.

Die Frage nach der Entstehung dieser Scene ist im allgemeinen schon
durch die vorhergegangene Errterung beantwortet. Es kann danach kein
Zweifel sein, da die in dem Kampfesjahre von 1772 gewonnene lebendige
Erfahrung die Farbe zu dem Bilde geliefert hat, was der Dichter, auch
hier noch streitend, von der Gelehrsamkeit der Zeit entworfen hat[284].
Damit ist diese Scene in eine Reihe gestellt mit den ausgefhrten
Satiren, die meist in der Nachwirkung des Kampfes von 1772 noch aus
jener Streitlaune heraus und unter dem Einflu Herderischen Humors
entstanden sind. Wir sind demnach von selbst auf die Jahre 1773 und 1774
hingewiesen. Es fragt sich also, ob in der Scene bestimmte Beziehungen
enthalten seien, die den Ausschlag fr das eine oder das andere Jahr
geben knnten. Im groen und ganzen konnte der Ideenkreis, in dem die
Scene sich bewegt, als schon in den Rezensionen der Frankf. Gel.
Anzeigen vorhanden nachgewiesen werden. Im ersten Teile der Scene
ergaben sich Beziehungen und Anklnge zu dem 1775 entstandenen Anhang zu
Mercier[285]. Allein was Goethe damals niederschrieb, konnte er sich
recht wohl schon viel frher in seinem Geiste als bestimmte Ansicht
gebildet haben, um so mehr als offenbar Herders persnliche Anregung
beim Straburger Aufenthalte dazu bei mitgewirkt hatte. Im brigen
fanden sich Beziehungen mit Schriften Herders, die erst im Jahre 1774
erschienen, so den Provinzialblttern und Auch eine Philosophie der
Geschichte zur Bildung der Menschheit; aber bei diesen Parallelen ist
von vorn herein Vorsicht geboten[286]. Es ist ja derselbe Geist, der
hier kmpft, in Herder wie in dem jungen Goethe. Dieser Geist uert
sich leicht in gleichen Wendungen und Bildern. Dazu kommt noch, da sich
die neue Richtung auch ihre Sprache geschaffen hatte; es hatte sich mit
der Zeit ein fester Bestand von Worten und Wendungen gebildet, die sich
mit geringen Vernderungen immer wieder benutzen lieen. So entstand
leicht eine gewisse Gleichmigkeit im Ausdruck und im Gebrauch von
Lieblingsworten und Bildern, die dazu nicht blo von schriftlicher,
sondern auch mndlicher berlieferung herrhren konnten. Suphan[287]
hatte auf die hnlichkeit des merkwrdigen Ausdrucks: Schnitzel kruseln
in V. 202 = 555 mit dem von Herder in den Provinzialblttern[288]
gebrauchten: gekruseltem Schnitzwerke hingewiesen. Ein hnliches Bild
findet sich jedoch schon frher bei Herder; es ist bereits auf die
Stelle hingewiesen worden, wo er Schlzers Leitfaden ein schnes
Krausgewinde aus mancherlei neuen Schriften aufgewunden nennt. Hier sind
es also Fden, die aus einem andren Gewebe aufgezogen und gekruselt
sind; auch jenes Bild vom krausen Labyrinth ist aus hnlicher
Vorstellung hervorgegangen. Ferner meint auch Herder mit seinem
Schnitzwerk wohl etwas anderes als Goethe mit seinen Schnitzeln.
Schnitzwerk ist Schnitzerei; gekruseltes Schnitzwerk also eine krause
Schnitzerei, die dem knstlerischen Geschmack als unnatrlich,
knstlich, berladen, verworren und verwirrend erscheint. Herder denkt
an die geschnitzte Handhabe eines Gefes, die beim Gebrauch zerbricht,
wie der Bogen in Lessings Fabel[289]. ber sie bersieht der des
Einfachen und Natrlichen entwhnte Blick die andere Handhabe, die
einfltig, stark, unzerbrechlich, wahre Handhabe ist. Schnitzel
dagegen sind Abflle, das, was beim Schneiden oder Schnitzeln als
unbrauchbar weggeworfen wird; sie sind wertlos wie die drren Bltter
des Baumes, unlebendig[290]. Solche Abflle werden aber gerade von jenen
Nachlesern zusammengesucht. Es ist dasselbe kmmerliche Interesse, wie
es nachher am Historiker verspottet wird, berall den Schutt und das
Germpel zu sammeln. Das Zeitwort schnitzeln gebraucht Herder sonst fr
eine kleinliche, geistlose und knstliche Beschftigung. So schreibt er
in den Fragmenten: Die lateinische Litteratur erstickte den Geist und
schnitzelte den Geschmack an Spekulationen und Unsinn--[291]. Am Spane
schnitzeln gebraucht er in der Bedeutung von kleinlichen Herumtadeln und
-bessern in Zusammenhang mit am Farbenklmpchen klauben[292]. Das
Substantivum Schnitzel gebraucht dagegen Goethe sonst oft; ebenso Merck.
An ihn schreibt er ber Lenz: Er hat Sublimiora gefertigt; kleine
Schnitzel, die Du auch haben sollst[293]. (Man beachte den Gegensatz
zwischen Sublimiora und Schnitzel!); ein andermal: so schnitzelweis
geniet kein Mensch was[294]. Wieland an Merck am Allerheiligentag
1779:[295] Rezensionsschnitzel; dafr auch Schnitzen; einmal: Die
neuerlich bersandten Schnitzen, wie du es nennst[296], (also als ein
Merckischer Ausdruck!) Der Ausdruck Kruseln findet sich beim jungen
Goethe fters, in gebundener Rede immer im Reim auf suseln; so schon
in der Laune des Verliebten: indem er sich mit dir im Reihen
kruselt,[297] also hier gleich sich kunstvoll drehen. Dann im Faust
auer an unserer Stelle noch V. 558 = 2706. Den Sand--kruseln = im Sand
knstliche Figuren hervorbringen; am 26. Dezember 1774 schreibt er an
Schlosser: Denn der Wirbel kruselt mir schon bei frhem Morgen das
Kpfchen;[298] in Csars Charakteristik bei Lavater spricht er von
dessen gekruselter, unbestimmter und fatal zurckgehender Stirne[299].
Bekannt ist endlich die Stelle in Claudine von Villa Bella: Das ist
doch einmal ein gescheuter Einfall von ihnen; etwas unglaubliches, da
sie wieder zur Natur kehren; denn sonst pflegen sie immer das Gekmmte
zu frisieren; das Frisierte zu kruseln; und das Gekruselte am Ende zu
verwirren, und bilden sich Wunderstreiche darauf ein[300]. Also auch
hier: im Gegensatz zur Natur etwas Knstliches noch mehr verknsteln.
Das Eigenschaftswort kraus gebraucht der junge Goethe ebenfalls
hufiger; so in seiner Rezension ber Sandrart, wo er vom ppigen
Auswuchs krauser Diction spricht;[301] im Faust V. 329 (in der alten
Fassung der Schlerscene): Aber sieht drin so bunt und kraus------das
Compositum krausborstig in der Baukunst: und so graute mirs--vom Anblick
eines migeformten kr. Ungeheuers;[302] vorher ist die Rede von dem
gedrechselten Puppen- und Bilderwerk, von abenteuerlichen Schnrkeln und
erdrckenden Zierart, was er dann alles in jenen Worten zusammenfat.
Kruseln bedeutet also etwas schnrkelhaft, knstlich aufputzen und
verzieren; es ist dem Klaren, Einfachen entgegengesetzt, wie etwa die
Kunst der Gothik oder des Rokkoko der stillen Einfalt des Altertums.
Und es ist doch nichts wahr als was einfltig ist; schreibt Goethe
schon am 13. Februar 1769 an Fr. Oeser[303]. Bei der Wendung Schnitzel
kruseln haben wir also die Vorstellung, die den ganzen ersten Teil der
Scene durchzieht, da etwas Inhaltleeres uerlich knstlich aufgeputzt
werde, um damit die Augen der Menschen zu bestechen[304]. Das Goethische
Bild ist also denn doch von dem Herders verschieden; die hnlichkeit
kommt nur daher, da es aus dem gleichen Gedankenkreise hervorgegangen
ist, der sich bei seinem geistigen Zusammengehren auch hnlicher
Wendungen und Bilder bediente. So findet sich z.B. in dem Entwurfe zu
den Provinzialblttern, den Goethe gewi nicht gelesen hat, eine Stelle,
die an V. 175 ff. = 528 ff. deutlich anklingt: Akteurs sollen Prediger
und knnen nie sein; oder sie sind das schlechteste, lcherlichste Ding
unter der Sonne, und unter keiner Sonne, wenn in die Kirche und auf das
Theater keine Sonne scheint. Theaterillusion ist so etwas ganz
anderes--doch was gehrt das hierher, fr den der die Sache etwas nher
erwogen?[305] Solche grundstzliche Anschauungen hatte aber Goethe von
Herder oft genug ausgesprochen und auch durch die That besttigt
gehrt[306].

Auch Beziehungen zu der kleinen, mit den Provinzialblttern gleichzeitig
erschienenen, Schrift: Auch eine Philosophie u.s.w. sind nicht so
berzeugend, da sie viel beweisen knnten. Der Geist, der in ihr weht,
ist auch schon in frheren Schriften Herders zu erkennen und war auch
wohl im mndlichen Austausch der Gedanken zum Ausdruck gekommen.
Suphan[307] hat aus der erwhnten Schrift zu V. 222 f. = 575 f. die
Stelle angezogen: Philosoph, wilt Du den Stand deines Jahrhunderts
ehren und ntzen: das Buch der Vorgeschichte liegt vor Dir! Mit sieben
Siegeln verschlossen, ein Buch voll Weissagung. Aber hnliches hatte
Goethe selbst schon von der Geschichte der Vergangenheit gesagt;[308]
und vor beiden ihr gemeinsamer Prophet Hamann in den Sokratischen
Denkwrdigkeiten: Doch vielleicht ist die ganze Historie mehr
Mythologie als es dieser Philosoph meint, und gleich der Natur ein
versiegelt Buch, ein verdecktes Zeugnis. ein Rtsel, das sich nicht
auflsen lt, ohne mit einem anderem Kalbe als unserer Vernunft zu
pflgen[309]. Aus allen spricht der gleiche Geist der neuen
Gefhlsrichtung, der sich gegen die herrschende rationalistische erhebt.
Ebenso wenig darf auch aus der von uns angezogenen Stelle[310] ein
Schlu auf die Abfassungszeit der Scene gezogen werden. Es sind
uerungen gleichgestimmter Geister, die gegen dieselben Verkehrtheiten
der Zeit ankmpfen[311].

Ein sicherer Anhalt zur genaueren Zeitbestimmung lt sich also aus
derlei Anklngen nicht gewinnen. Die Frage steht demnach noch offen, ob
die Scene 1773 oder 1774 gedichtet sei. Sie erscheint nun in einem
gewissen Zusammenhange mit der ersten Hauptmasse; sie ist mit ihr durch
ein bergangsmotiv verbunden, das der junge Goethe auch sonst benutzt
hat. Darf man also vielleicht daraus schlieen, da sie nach und im
Zusammenhang mit der ersten Hauptmasse entstanden sei? Ist dies nicht
das Natrlichste? Ntig ist jedoch diese Annahme von vornherein nicht.
Denn da der Stoff der Dichtung seit Jahren in dem Dichter schon lebendig
war und sich mehr und mehr ausbildete, konnte ja nach einem uerm
Ansto und je nach der Stimmung des Dichters sich bald diese, bald jene
Scene aus dem in seinem Geiste bestehenden Zusammenhange loslsen und
ausgestalten; ja es konnte sich sogar, wie es bei Werthers Leiden
eintrat, ein besonderes kleines Werk abzweigen, an das er zunchst noch
gar nicht gedacht hatte, worauf er mit um so grerer Klarheit und
Bestimmtheit zu seinem Hauptwerk zurckkehrte. Wie er es spter that,
konnte er auch damals die Absicht sachte neben sich hergehen lassen und
die gerade interessantesten Stellen ausarbeiten[312]. Daher kommt auch,
wie bei dem Volksliede das Sprunghafte in der Komposition. Dem Dichter
war sein Stoff so lebendig, da er manche Mittelglieder in der
Ausfhrung von selbst berging. Deshalb konnte er recht wohl auch die
Wagnerscene ausfhren, von Anfang an in der Absicht, die erste
Hauptmasse damit abzubrechen und sie unmittelbar daran anzuschlieen. So
hat er ja auch die Schlerscene auer allem Zusammenhang gedichtet. Der
erste Monolog und die Erdgeistscene schwebten ihm dann dabei bereits im
allgemeinen vor der Seele. In der unbezweifelt Goethischen Beurteilung
von Lavaters Aussichten in die Ewigkeit finden wir schon eine Stelle,
die sich in manchem mit dem Grundgedanken des ersten Monologs
vergleichen lt: Wie deutlich sieht man nicht------eine Seele, die von
Spekulation ber Keim und Organisation ermdet, sich mit der Hoffnung
letzt, die Abgrnde des Keims dereinst zu durchschauen, die Geheimnisse
der Organisation zu erkennen, und vielleicht einmal da als Meister, Hand
mit anzulegen, wovon ihr jetzt die ersten Erkenntnislinien nur schwebend
vordmmern; eine Seele, die in dem groen Traum von Weltall,
Sonnendonnern und Planetenrollen, sich ber das Irdische hinauf
entzckt, Erden mit dem Fu auf die Seite stt, tausend Welten mit
einem Finger leitet und dann wieder in den Leib versetzt, fr die
mikromegischen Gesichte, Analogie in unseren Krften, Beweisstellen in
der Bibel aufklaubt[313]. Man sieht, wie das in dem Dichter bereits
vorhandene Bild von Faust zur Charakteristik Lavaters mit beigetragen
hat.

Kann er nicht also von Anfang an beabsichtigt haben, mit der Wagnerscene
ein Gegenstck zu der Erdgeistscene zu schaffen, um den
niedergedrckten Faust vor unseren Augen wieder zu erheben? Kann er
nicht etwa dann sie schon in jener satirisch gestimmten Zeit des Jahres
1773 nicht lange nach den kecken Vorsten der Fr. Gel. Anzeigen, mit
denen sie in so engem Zusammenhang steht, ausgefhrt haben? Man sieht
also aus diesen Erwgungen, da eine ganz bestimmte Entstehungszeit, wie
es bei der ersten Hauptmasse mglich war,[314] aus der Scene selbst
nicht zu ermitteln ist. Sie kann vor wie nach jener gedichtet sein; sie
kann eben so wohl im Jahre 1773 wie 1774 gedichtet sein.

Auch die Sprache bietet nicht viel Besonderes: V. 201 = 554. Und all
die Reden, wofr die spteren Fassungen: Ja, eure Reden bieten. Zu
der wenig glcklichen Ausdrucksweise und Versform in V. 179. 180 = 532.
533 vergleiche man aus der ersten Hauptmasse V. 144 = 496.



2. Die Schlerscene.

(V. 249-444 = 1868-2050.)

Die Schlerscene ist zunchst darum von Bedeutung, weil hier
Mephistopheles zum ersten Mal auftritt. Mit der Wagnerscene, die ihr im
ltesten Faust unmittelbar vorhergeht, steht sie in keiner Verbindung;
sie ist vielmehr der beste Beweis, wie der Dichter auch auerhalb des
Zusammenhangs das ausfhrte, wozu ihm das Leben den ntigen Stoff und
die Anregung gegeben hatte. Die groe Lcke zwischen den beiden Scenen
blieb lange unausgefllt. Das Fragment von 1790 gab nur das Endstck der
Vertragsscene und den sich anschlieenden kurzen Monolog des Teufels
zu[315]. Die wesentliche Arbeit bei der Vollendung des ersten Teils
bestand eben in der Ausfllung der Lcke, vor der einst der junge
Goethe Halt gemacht hatte, weil es ihm damals wie auch noch spter an
erlebtem Stoffe und der Stimmung mangelte. Da jedoch trotzdem zwischen
der Wagner- und der Schlerscene ein innerer Zusammenhang besteht, der
es begreiflich macht, weshalb der Dichter gerade diese Scene ausgefhrt
hat, ist bereits angedeutet worden und wird aus dem folgendem noch
klarer werden.

Mephistopheles erscheint hier in der Maske des Professors; er ist im
Schlafrock und hat eine groe Perrcke auf. Der Dichter denkt also dabei
wieder an den Professor des 18., nicht des 16. Jahrhunderts. Ein Student
tritt auf, nicht ein Schler; diese mehr dem Mittelalter angemessene
Bezeichnung weist erst das Fragment auf, wie es auch die Maske des
Teufels jener Zeit entsprechend gendert hat. berhaupt hat von allen
Scenen diese die durchgreifendsten nderungen erfahren und ist darum im
ltesten Faust die am meisten von der spteren Fassung verschiedene
Scene. Sie besteht hier aus zwei deutlich geschiedenen Teilen; zuerst
werden nach der Einleitung, die auch spter nur unwesentlich abgendert
worden ist, uerliche studentische Angelegenheiten, wie Wohnung und
Tisch, verhandelt, dann erst geht Mephistopheles auf das Studium selbst
ein. Die berschau ber die vier Fakultten fehlt; denn der Student hat
sich von vornherein fr die Medizin entschieden. Mephistopheles weist
ihn aber ebenfalls auf Logik und Metaphysik hin und uert sich danach,
den Professorton aufgebend, in der bekannten Weise ber die Medizin. Den
ersten dieser beiden Teile hat Goethe begreiflicher Weise spter
gestrichen, dagegen den zweiten mit der angegebenen Erweiterung
verwertet.

Die Einleitung[316] ist, wie gesagt, im groen Ganzen unverndert
geblieben. Der Student tritt auf, um den berhmten Professor kennen zu
lernen und seinen Rat zu erbitten. Es gefllt dem Neuangekommenen gar
nicht und er mchte schon wieder fort. Sein Grund dafr ist,--dies ist
die erste Abweichung von der spteren Fassung--da es ihm in der
heihungrigen Luft des Ortes nicht behagt, der den Studenten als seine
Beute betrachtet. Damit ist der bergang zu dem der ltesten Fassung
eigentmlichen ersten Teile gegeben. Der Professor aber, dem des
Studenten Bedenklichkeit wenig gefallen will, entschuldigt in lssiger
Weise das, woran jener Ansto genommen, und dann beginnt er, nicht etwa
vom Gang und von der Einrichtung des Studiums, sondern--vom Logis als
einer Hauptsache zu sprechen. Allein dem Studenten liegen ganz andre
Dinge am Herzen: er mchte gern alles Gute zusammen haben, das Bse sich
vom Leibe halten, Freiheit und auch Zeitvertreib und endlich auch dabei
studieren. Mit beweglichen Worten bittet er ihn schlielich, ihm bei der
Sorge um das Heil seiner Seele zu helfen. Das ist nun nichts fr den
Teufel. In komischer Verlegenheit kratzt er sich und bringt ohne
weiteres das Gesprch wieder auf das Logis. Er verweist ihm das
Wirtshausleben, gibt ihm einige Winke fr sein Verhalten gegen die
Professoren und schliet mit der Empfehlung einer Wohnung. Dem Studenten
ists bei dem Gerede immer unbehaglicher geworden; als nun der Professor
aber auch von dem studentischen Tisch beginnen will, unterbricht er ihn
und deutet auf das hin, was ihm die Hauptsache ist, des Geists
Erweiterung! Mephistopheles weist ihn spottend ab; der Student kennt
noch nicht den Geist der Akademien, wenn er erwartet, er knne auf ihnen
seinen Geist erweitern. Ohne Umstnde springt darum der Professor zu dem
neu angeschlagenen wichtigen Thema ber und lt sich nun nicht mehr in
der Schilderung des studentischen Tisches stren, wobei denn auch sonst
noch mancher gute Rat abfllt. Danach kommt erst wieder der andre mit
dem, was ihn bewegt, zum Wort. Es erfolgt statt einer Antwort die Frage
nach der Fakultt. Von hier an geht endlich Mephistopheles auf das
Studium selbst ein. (Zweiter Teil der Scene.)

Was will nun der Dichter mit der niedrig derben Komik des ersten Teils?
Klar ist es, da der Teufel in der Maske des Professors den Professor
verspotten will; es ist auch verstndlich, da er aus diesem Grunde mehr
sagen mu als der Professor selbst gesagt htte. Seine Denkart sollte
vollstndig dargestellt werden und dazu htte das nicht gengt, was er
sich sonst selbst auszusprechen erlaubte. Daraus erklren sich die
anscheinenden bertreibungen in den Versen 285 ff. und 324; ebenso wenig
darf es befremden, da Mephistopheles manchmal aus seiner Rolle fllt,
so z.B. wenn er V. 309. 310 allzu offenherzig ber den Geist der
Akademien spricht.

Nach alledem ist offenbar schon in dem ersten Teil der Scene eine Satire
auf das Professorentum beabsichtigt. Auch hier spricht Mephistopheles im
Professorton[317]. Wir mssen daraus unbedingt den Schlu ziehen, da es
in der That Professoren gegeben habe, die in solch gemein-frivoler Weise
zu ihren Studenten sprachen und Logis und Mittagstisch fr wichtiger
hielten als das Studium. Da eine Satire in diesem Sinne beabsichtigt
ist, zeigt uns deutlich des Studenten Benehmen. Er will etwas ganz
anderes hren als Belehrungen ber jene Dinge, auf die der Professor ein
solches Gewicht legt. So geht er V. 268 berhaupt nicht auf die Frage
nach dem Logis ein, sondern bringt vor, was ihm am Herzen liegt, seine
sittliche und geistige Ausbildung. Allein mit Gewalt kommt der
Professor, ohne auch nur im geringsten jenes bewegliche Bitten zu
beachten, auf sein Thema zurck. Der Student unterdrckt auch sein
Unbehagen ber das, was er wider Willen anhren mu, nicht (vergl. V.
291 u. 303 f.). Als nun aber der Professor zu einem hnlichen Thema,
zur Bestellung des Mittagtisches bergehen will, wird er abermals von
ihm an das Wichtigere, des Geists Erweiterung, gemahnt. Allein er lt
sich nicht beirren und fhrt auch dieses Hauptstck in derselben Weise
zu Ende. Jedoch ist es hier _Mephistopheles_, der mit feinerem,
berlegenem Spotte den immer dringender werdenden Neuling abwehrt. Zum
dritten Male endlich erinnert ihn der Schler darauf an das, was ihm
Herzensbedrfnis ist, eine Anleitung zu erhalten auf den verworrenen
Pfaden der Wissenschaft. Jetzt erst stellt der Professor, indem er sich
bezeichnender Weise das Ansehen gibt als habe er sich ber das
Wesentliche nun ausgesprochen und halte die Unterhaltung fr
beendet[318], die Frage nach der Fakultt.

Eine satirische Absicht ist also jedenfalls vorhanden. Der Dichter trgt
nicht etwa aus jugendlich naiver Freude an solchen Scherzen diese
Derbheiten vor, sondern verbindet damit einen bestimmten Zweck. E.
Schmidt nimmt daher einen verkehrten Standpunkt ein, wenn er sich
abfllig ber diesen Teil uert, von unreifem Geplauder spricht und
anzudeuten scheint, da es fr die Leipziger Zeit des Dichters gerade
gut genug sei[319]. Allein wie er sich selbst dazu verhlt, hat der
junge Goethe im Bilde des Studenten, der, wie wir sehen werden,
keineswegs der Leipziger Fuchs[320] ist, klar genug angedeutet. Des
Dichters Spott mu sich gegen damals im Professorentum vorhandene
Auswchse richten, die ihm bekannt waren, und er wurde auch jedenfalls
sofort von dem kleinen Kreise, fr den seine Satiren vor allem gedichtet
waren, verstanden und auf bestimmte Verhltnisse und Personen bezogen.
Wir knnen heute nur noch vermuten, wen er etwa gemeint habe. Denn da
er hier eine Satire ohne bestimmte Spitze geschrieben habe, ist bei
einem Dichter, der stets aus dem vollen Leben geschpft und fr das
Leben gedichtet hat, nicht anzunehmen. Wenn auch die persnlichen
Beziehungen in den satirischen Dichtungen des jungen Goethe noch so
versteckt oder ins allgemeine gezogen sind, vorhanden sind sie. Es mu
daher unsere Aufgabe sein, Umschau zu halten im akademischen Leben des
18. Jahrhunderts und zu prfen, ob sich damals im Professorentum
wirklich Auswchse der Art bemerkbar machten, wie sie hier der Witz des
Dichters vorauszusetzen scheint. Gab es in der That Professoren, die
sich nicht scheuten, im Verkehr mit ihren Schlern den rohesten und
seicht-frivolsten Studententon anzuschlagen, die es nicht verschmhten,
sich mit den ungebildetesten unter ihnen auf eine gleichniedrige Stufe
zu stellen und ihren kmmerlichsten Interessen durch die platteste
Unterhaltung entgegenzukommen?

Nun wissen wir allerdings, da etwa seit der zweiten Hlfte des vorigen
Jahrhunderts auch im akademischen Leben die alle freien Regungen
hemmende Strenge und Pedanterie eine Gegenbewegung hervorrief, die zum
Teil um so zgelloser auftrat, je enger grade hier die Schranken gezogen
waren. Also auch hier Sturm und Drang; auch hier und fast ausschlielich
die Erscheinung, da sich innerlich haltlose, uerlich gewandte, mit
einer gewissen Leichtigkeit der Auffassung und Darstellung begabte
Menschen den neuen Bestrebungen zuwandten, die jedoch, nachdem sie kurze
Zeit geglnzt hatten, im Dunkel verschwanden, oft mit Schmach und
Schande von ihrer Hhe gestrzt wurden und frhe ein verfehltes Leben
beschlossen. Gerade das Gelehrtentum trug am meisten dazu bei, dem Namen
des Genies einen schlimmen Klang zu verleihen. Denn es trug, wie Kawerau
treffend bemerkt, das Fratzenhafte des Genietums an sich, aber ohne die
idealen Zge jener bewegten Strebezeit[321].

Einer der Fhrer dieser Bewegung, der zugleich Schule zu machen
verstand, war Klotz, jener Hallische Professor, dessen Namen durch
Lessings und Herders Gegnerschaft bekannt geblieben ist. Mit einer
gewissen formalen Gewandtheit ausgerstet, hatte er zugleich eine gute
Witterung fr das Neue, das er sofort mitzumachen begann. Er verspottet
nicht nur die herrschende Pedanterie in Wissenschaft und Leben, sondern
redet auch zu einer Zeit, wo abermals das klassische Altertum eine
Auferstehung feierte, ihm das Wort und vertritt dabei eine
sthetisierende Auffassung, die jedoch nie in die Tiefe zu dringen
vermag. Er schreibt dazu--denn Satire ist diesen Neuerern allen mehr
oder weniger eigen--eine Reihe akademischer Satiren, wie Mores
Eruditorum, Genius Saeculi (1760), die im Tone der Dunkelmnnerbriefe
gehalten sind, einer Form, die sich von selbst darbot, da wieder um
hnliches gestritten ward wie zur Zeit des Humanismus. In den Ridicula
litteraria (1762) verspottet er unter anderem ganz im Geschmack der
neuen Richtung die Metaphysik[322]. Klotz hngt also mit ihr zusammen,
weshalb es auch nicht wunderbar ist, da Lessing und Herder zunchst mit
Anerkennung von ihm sprachen. Aber lange konnten sie sich nicht
tuschen; bald musste ihnen die Hohlheit und Oberflchlichkeit des
angeblichen Mitstreiters klar werden. Klotz war auch einer jener
trockenen Schwrmer, die sich ohne inneres Feuer knstlich fr Ideen und
Gegenstnde begeisterten, die Mode geworden waren[323]. Dazu kam noch,
da er auch sittlich jedes festen Haltes entbehrte; er war der erste,
der die sittliche Zerfallenheit in die eigentliche Gelehrsamkeit
verpflanzte[324]. Darum war es auch eine Handlung der Notwehr, solche
gefhrliche Freunde ffentlich abzuschtteln, was denn auch Lessing
Klotz gegenber mit der ganzen Wucht seiner Persnlichkeit that. Denn es
galt mehr als nur diesen Gegner niederzuschmettern. Klotz starb frh.
Hausen errichtete ihm durch seine Biographie eine Schandsule auf seinem
Grabe. Goethe bezeigte sein Interesse, das er an Klotz nahm, dadurch,
da er Hausens Schrift in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen
besprach[325] und spter im Anschlu daran ebenda Jacobis ngstliche
Protestationen wegen seiner Beziehungen zu Klotz mit verdientem Hohne
zurckwies[326]. Zur Zeit seiner Blte hatte es Klotz trefflich
verstanden, einen Kreis von Anhngern zu sammeln und geistesverwandte
Naturen an sich zu ziehen, mit deren sittlicher Haltung es womglich
noch schlimmer bestellt war als mit der ihres Beschtzers; zu ihnen
gehren unter anderen Riedel und Bahrdt. Auch gegen Riedel, der fast
Lessing selbst bestochen htte, gedachte Herder aufzutreten; er schrieb
ber seine Theorie der schnen Knste sein viertes Wldchen, das er
jedoch nicht verffentlichte[327]. Riedel ward 1768, als der Kurfrst
Emmerich Joseph die Universitt Erfurt neubegrndete, dorthin berufen.
Auch ihm fehlte nicht die satirische Ader; eine seiner Satiren: Launen
an meinen Satyr ist in den F.G.A. besprochen, vielleicht von
Goethe[328]. Riedel fand von allen diesen Genies das traurigste Ende; er
starb, nachdem er sich seine Stellung in Wien verscherzt hatte, im
Irrenhause[329].

Der berchtigste dieser Schwarmgeister, der uns hier am meisten
interessiert, da er sich auch mit Goethe verschiedentlich berhrte, war
K. Fr. Bahrdt. Auch er gehrt zu den falschen Propheten, die ber Nacht
wie Pilze aufschieen, sobald sich eine neue Zeit angekndigt hat. Sie
haben anscheinend das gleiche Streben, mitzuarbeiten an der
Verwirklichung neuer und groer Ideen, die sie mit beredten Worten zu
verknden wissen; allein die Mittel, die sie anwenden, sind oft
gewhnlich, ja verwerflich und gemein. Der junge Goethe erkannte mit
klarem Auge das Wesen dieser eigentmlichen Erscheinung; so kam ihm der
Gedanke, sie im Bilde des Mahomet darzustellen[330]. Allein der Plan
wurde, trotzdem die nhere Bekanntschaft mit Lavater und Basedow ihm
neuen Stoff geliefert hatte, nicht weiter ausgefhrt; wohl aber ein
scherzhaftes Seitenstck dazu, der Satyros, in dem er einen der
tchtigeren dieser Propheten, obwohl er in sein Bild mit dem Rechte des
Dichters noch anderer Zge aufgenommen hat, verspottet[331]. Satyros;
denn satyrgleich folgten jene, viele das Evangelium der Natur mit
Behagen mibrauchend, die eigene rohe Natur unverhllt zu zeigen, dem
Dionysoszuge der neuen Kulturbewegung. Im Pater Brey hatte der Dichter
schon vorher einen der weniger bedeutenden dieser Propheten abgethan.

Bahrdt war es nun, der den Genieton auch in die Theologie trug[332]. In
Leipzig konnte Goethe schon von ihm hren; denn als er dort noch Student
war, war Bahrdt bereits Dozent. Als jener Leipzig verlie, mute es
dieser verlassen, dort unhaltbar geworden durch Vorkommnisse, die das
Unsittliche seines Wesens aller Augen blogelegt hatten. Bezeichnender
Weise wurde danach sofort Klotzens Teilnahme fr den frheren Gegner
wach, als habe der pltzlich entdeckte sittliche Mangel ihm die
Befhigung zur Aufnahme in den Klotzischen Kreis verschafft[333] Bahrdt
reiste nach Halle und Klotz empfahl ihn fr eine Professur an der
Universitt Erfurt, wohin er auch berufen ward. ber den Ton, der dort
herrschte, gibt Bahrdt in seiner Lebensgeschichte zum Teil Aufschlu.
Riedel gab ihn an; Bahrdt ward bald sein gelehriger Schler, obwohl er
sich zwar anfangs unfhig fhlte, diese Vollkommenheit der
Genies-Sitten sogleich zu erreichen[334].

Riedel glich dem wildesten Jenaischen Studenten; der roheste Burschenton
war bei ihm blich, in dem er die grten Albernheiten und Possen trieb.
Bahrdt gelang es bald, ihm darin gleich zu kommen. Beide lieen sich in
Gesellschaft mit Studenten ein, in der Lustigkeit und Sptterei der
herrschende Ton waren[335]. Und nun das Tollste von allem! Obwohl
unverheiratet, begann Bahrdt Kostgnger zu halten und selbst fr den
Tisch seiner Studenten zu sorgen. Der Professor als Koch! der sich, wie
er selbst rhmt, besonders darauf verstand, den Speisen die letzte Wrze
zu geben[336].

Dieser Mann, der zugleich seit jenem Skandal von der Rechtglubigkeit
zur Aufklrung abgeschwenkt war, der seine Redegewandheit auf das
schndlichste mibrauchte, um seine Zuhrer ber seine wahre Gesinnung
zu tuschen, wurde 1771 an die Universitt Gieen berufen und trat damit
Goethes Gesichtskreis wieder nher. In Darmstadt wurde er mit Merck
bekannt, und pflegte auch, wie er angibt, im Hause des Herrn von Hesse,
des Schwagers von Herder zu verkehren. Auch die Landgrfin Karoline
schenkte ihm Beachtung[337]. Als Merck 1772 Direktor der Frankfurter
Gelehrten Anzeigen geworden war, lud er durch einen Brief vom 18. Januar
auch Bahrdt zur Theilnahme ein;[338] es ist jedoch sehr wohl mglich,
da er sich schon vorher unaufgefordert an das neue Unternehmen
herangedrngt hat. Die Rezension vom 17. Januar[339] erinnert
allerdings, wie Scherer meint,[340] stark an die Art Bahrdts. Man
bemerke nur die Polemik gegen den Teufelsglauben (S. 32. Z. 17 ff.), das
rationalistische Geschwtz auf S. 31. Z. 26 ff. und die S. 33. Z. 28 f.
ausgesprochene Ansicht, die den Verfasser der Neuesten Offenbarungen im
voraus verkndet. Bahrdt hat sich noch weiter an diesem Jahrgang
beteiligt, obgleich er dem Herausgeber von Anfang an Ungelegenheiten
bereitete[341]. Eine Rezension ist aber gegen Bahrdt gerichtet; es ist
die auf S. 319 ff., in der seine 1772 erschienene Schrift Eden
besprochen wird[342]. Goethe hat sie bekanntlich spter als sein
Eigentum erkannt und in die Ausgabe seiner Werke aufgenommen. Es scheint
auch an seiner Urheberschaft nicht zu zweifeln zu sein[343].
Bemerkenswert ist, wie er auch hier schon das falsche Prophetentum
scharf kennzeichnet und abweist: Wenn diese Herren so viele oder so
wenige Philosophie haben, sich das Menschenlehren zu erlauben, so sollte
ihnen ihr Herz sagen, wie viel unzweideutiger Genius, unzweideutiger
Wandel, und nicht gemeine Talente zum Beruf des neuen Propheten
gehren[344].

Im Jahre 1773 ist aber Bahrdt der Direktor der Zeitung und rhmt sich
noch spter, da er Deinets Zeitungsbude fast ganz allein furniert
habe[345]. In demselben Jahre machte er auch den Versuch Hofprediger in
Darmstadt zu werden. Aus Mosers Gutachten ber ihn sei hier einstweilen
schon auf folgende charakteristische Stelle aufmerksam gemacht: Seine
Kanzelgaben sind ausnehmend und er besitzt eine hinreiende
Beredsamkeit; man darf aber ohne alle Medisance sagen, da ein
vortrefflicher _Komdiant_ an ihm verdorben sei,------.[346]

Der Versuch milang; ebenso der unmittelbar darauf unternommene,
Nachfolger des Seniors Plitt in Frankfurt zu werden, obwohl sich Deinet
sehr fr ihn bemhte[347]. 1773 erschien ferner seine Homiletik, aus der
uns hier nur eine Stelle angeht, die geeignet ist, das beste Schlaglicht
auf die Oberflchlichkeit und gemeine Gesinnungsart dieses Menschen zu
werfen; sie lautet: Ich meinesteils halte so viel auf eine schne
Deklamation und Aktion, da ich lngst gewnscht habe, man mchte in
jedem Lande ein paar gute Schauspieler halten, welche die Kandidaten
darin bten[348]. Wem fallen hier nicht Wagners Worte ein:

    Ich hab es fter rhmen hren,
    Ein Komdiant knnt einen Pfarrer lehren.

und Fausts treffende Entgegnung:

    Ja wenn der Pfarrer ein Komdiant ist.
    Wie das denn wohl zu Zeiten kommen mag.

Einen offenen Angriff auf Bahrdt machte der junge Dichter nach dem
Erscheinen der Neuesten Offenbarungen Gottes in Briefen und Erzhlungen
(seit 1772) mit seinem kleinen Prolog, in dem er ihn, wie es schon in
jener Rezension geschehen war, wegen der ungeschichtlichen,
modernisierenden Auffassung (hier der Evangelien) spottend zurecht
wies[349], Auch im Jahrmarktsfest zu Plundersweilen darf man wohl, wie
Scherer vermutet hat, hinter dem Hanswurst (Lichtputzer) Bahrdt
suchen[350]. Auf einen gewissen Zusammenhang zwischen ihm und Goethe
deutet auch der Scherz, den man sich mit Lavater erlaubte, ihm statt
Goethes Bild das von Bahrdt zu schicken[351]. Bekannt ist schlielich
aus Dichtung und Wahrheit sein Besuch bei Goethe, bei dem er ber den
Prolog scherzte und ein freundliches Verhltnis wnschte[352] (1775).

Nachdem nun Bahrdts Persnlichkeit, seine Bedeutung in seiner Zeit
geschildert, seine Berhrung mit dem jungen Goethe errtert sind, drfen
wir wohl fragen: Ist nicht vielleicht jenes satirische Zerrbild in der
Schlerscene nach Bahrdt gezeichnet? Ist es nicht am ehesten von ihm
anzunehmen, da er, der Genosse Riedels, seinen Studenten gegenber
solchen Ton angeschlagen[353] und er, der Erfurter Kchenmeister, mit
solcher Dringlichkeit ber Logis und Mittagstisch gesprochen habe? Wie
er im Prolog sein wissenschaftliches Treiben verspottete, so htte der
Dichter hier seine fragwrdige Persnlichkeit zum Gegenstand seiner
Satire gemacht und damit auf eine der wundesten Stellen im akademischen
Leben der Zeit den Finger gelegt. Wir drfen darum schon hier im
Zusammenhang darauf hinweisen, wie ganz und gar die satirischen Scenen
des ltesten Faust aus der eignen Zeit des jungen Dichters geschpft
sind, wie uns durch sie eine Reihe von Erscheinungen aus dem Leben des
18. Jahrhunderts wieder lebendig werden und umgekehrt auch jene Zeit den
besten Kommentar zu ihnen liefern kann. Wagner, der trockene Schwrmer,
eine ganz neue Art der Schulgelehrsamkeit, und hier das liederliche
Genie, als passende Maske des Teufels![354]

Und nun noch eins! Es betrifft die eigentmliche Maske, in der
Mephistopheles auftritt, im Schlafrock eine groe Perrcke auf. Denn
auch sie scheint ein ueres Kennzeichen Bahrdts gewesen zu sein. Im
Prolog zwar sitzt er ganz angezogen am Pult und schreibt;[355] aber da
ist er auch zum Ausgang bereit. Dagegen haben wir den Doktor Bahrdt in
Schlafrock und Perrcke in zwei Briefen Deinets. Am 20. Juli 1773 bittet
der letztere ihn um sein Portrait fr Lavater, aber ohne Perrcke; am
27. September 1773 berichtet Deinet von dem Bilde, das damals in Arbeit
war, und es stellt Bahrdt im Schlafrock dar, allerdings, wie gewnscht,
ohne die Perrcke[356]. Mit diesem Bilde, das am 15. Oktober in Deinets
Hnden war, wurde bekanntlich Lavater mystifiziert, so wie ja auch in
unserer Scene der Student vom Teufel in der Maske des Professors zum
besten gehalten wird. Wenn daher Mephistopheles in Schlafrock und
Perrcke auftrat, so mochte schon von vornherein Goethes Frankfurter und
Darmstdter Kreis darauf gefat sein, auch in weitren Eigenheiten jenes
verspottet zu sehen und zu hren.

Diesem Zerrbilde des Professors gegenber ist der Student aufs
liebevollste gezeichnet; da der Dichter hierbei viel von seinem eigenem
Wesen und von seinen eigenen Erfahrungen verwerthet hat, ist nicht zu
bezweifeln. In hnlicher Weise kam auch Goethe nach Leipzig, wenn auch
wohl nicht mit den hohen Absichten, wie sie der Student in unserer Scene
ausspricht; umgekehrt war er auch nicht in einer so hilflosen Unklarheit
ber sein Studium, sondern trat mit einem ganz bestimmten Plane
auf[357]. Schwere Enttuschungen blieben allerdings auch ihm nicht
erspart. Keinswegs erschien ihm jedoch der Professor in einer solchen
Karrikatur. Vielmehr erschien ihm, sich zu einer akademischen Lehrstelle
fhig zu machen, das Wnschenswerteste fr sich[358]. Er schreibt an
seinen Vater: Noch eins! Sie knnen nicht glauben, was es eine schne
Sache um einen Professor ist. Ich bin ganz entzckt gewesen, da ich
einige von diesen Leuten in ihrer Herrlichkeit sah. Nil istis
splendidius, gravius ac honoratius. Oculorum animique aciem ita mihi
perstrinxit, autoritas gloriaque eorum, ut nullos praeter honores
Professurae alios sitiam[359]. Selbst Gottsched, den er in den
Leipziger Briefen ob seiner Gestalt und seiner Familienverhltnisse
verhhnt,[360] dessen Verdienste er aber sonst anerkennt, bot ihm keine
Veranlassung zu solchem Spott, wie er aus dem ersten Teile der
Schlerscene spricht.

Was der Student begehrt, entspricht auch nicht etwa Wnschen und
Hoffnungen, mit denen der junge Goethe nach Leipzig kam; er will nicht
blo studieren, es handelt sich fr ihn besonders um das Heil seines
inneren Menschen, und zwar in ganz bestimmter Richtung: er mchte gern
alles Gute zusammen haben, sich dagegen das Bse vom Leibe halten. Damit
ist ein Grundzug im Wesen des jungen Goethe bezeichnet. Er hat ihn
selbst frh erkannt und an seiner Umbildung gearbeitet. Der
Mensch--schreibt er in der Rezension ber Sulzers schne Knste--durch
alle Zustnde befestigt sich gegen die Natur, ihre tausendfache bel zu
vermeiden, und nur das Ma von Gutem zu genieen; bis es ihm endlich
gelingt, die Circulation aller seiner wahr- und gemachten Bedrfnisse in
einen Palast einzuschlieen, so fern es mglich ist, alle zerstreute
Schnheit und Glckseligkeit in seine glserne Mauern zu bannen, wo er
denn immer weicher und weicher wird, den Freuden des Krpers Freuden der
Seele substituiert, und seine Krfte von keiner Widerwrtigkeit zum
Naturgebrauche aufgespannt, in Tugend, Wohlthtigkeit, Empfindsamkeit
zerflieen[361]. Mit diesen Worten ist das Charakteristische der
empfindsamen Epoche vortrefflich ausgedrckt. Denn sie war es, die da
glaubte, der Mensch sei nur da, um das Gute zu genieen, das Bse sich
dagegen vom Leibe zu halten, kurz sich schon auf Erden ein Elysium zu
grnden[362]. Diese Anschauung wird von dem Dichter berwunden durch die
andre, die sich in ihm in der dsteren Leidenszeit nach dem Wetzlarer
Aufenthalt mehr und mehr befestigt hatte, der Mensch sei zu Genu und
Leiden, Freud und Leid geschaffen, habe der Erde Glck und Weh zu
tragen[363]. Genu, dieses unerklrbare Herumdrehen, Schweben,
Aufgelstliegen in einer Empfindung, das ist, wie wir glauben, der Zweck
oder vielmehr der Endpunkt alles dessen, was in dem Menschen ist[364].
Es ist offenbar Goethe, der so spricht; aber am Ende des Jahres 1772
erklrte er Genu und Leiden fr den Mittelpunkt des Lebens[365]. Die
Lebensanschauung seiner empfindsamen Zeit, die er selbst schon hinter
sich gelassen hatte, hat also der Dichter dem Studenten gegeben.
Auerdem begehrt er Freiheit und Zeitvertreib; auch ein Wunsch, den ein
Wagner nicht gethan htte. Er, der der Enge des Collegiums nun glcklich
entronnen ist, hat nicht Lust, sich krperlich und geistig in neue
Fesseln schlagen zu lassen. Sich die ntige Heiterkeit und
Geistesfreiheit fr die Studien durch freie Bewegung zu schaffen, dazu
war auch einst der Student Goethe in Straburg von seinem Lehrer ermahnt
worden[366]. Unser Student will endlich auch tief studieren. Des Geists
Erweiterung ist sein Schlagwort. Eine Fakultt gengt ihm darum nicht;
das Hchste und Tiefste mchte er fassen, Himmel und Erde, die ganze
Natur! Eine stattliche Reihe von Forderungen; man vernimmt den echten
Sohn der fordernden Epoche[367]. Wer denkt nicht zugleich an Faust?
Sind sie nicht beide geistesverwandt? Stehen sie nicht zu einander wie
Jngling und Mann?[368] Wer wird nicht durch die Forderungen des einen
an die des anderen erinnert? Was hier der in Dumpfheit noch Befangene,
naiv begehrlich, und doch bescheiden von dem teuflischen Professor
verlangt, das klingt ganz hnlich dem, was am Schlu der bereits im
Fragment enthaltenen Vertragsscene, wenn auch im andren Tone und dem
Denken und Fhlen des Mannes entsprechend umgebildet, vom Teufel Faust
selbst fordert. Die beiden Scenen: Der Teufel und der fordernde Faust
und der Teufel und der fordernde Schler folgen als passende Gegenstcke
im Fragment wie in der Ausgabe von 1808 unmittelbar auf einander.
Offenbar hat also der Dichter von Anfang an das Bedrfnis gehabt, uns in
dem Bilde des Studenten zugleich ein Bild von Fausts eigener Jugend zu
geben und es dem des Mannes zur Seite zu stellen. Faust verlangt
allerdings nicht nur alles Gute, sondern, wie er schon vom Hauche des
Erdgeistes berhrt, ausgerufen, der Menschheit Wohl und Weh auf seinen
Busen zu hufen. Aber die Universalitt des Wollens ist beiden noch
gemeinsam. Was der Student mit der Naivitt und Unbeholfenheit seiner
Jugend das Gute so allzusamm nennt, das heit ins Mnnliche Fausts
bertragen:

    Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist,
    Will ich in meinem innren Selbst genieen,

Wnscht der Student seinen Geist zu erweitern, von Himmel und Erden und
der ganzen Natur mit ihm, so viel er vermchte, zu fassen, so will Faust
mit seinem Geist das Hchst' und Tiefste greifen und sein eigen Selbst
zu dem der Menschheit erweitern.[369]

Wir kehren zur Schlerscene zurck. Fr sein Begehren hat der Student
noch keine Befriedigung finden knnen. Er ist schnell enttuscht worden.
Die Bahn der Weisheit ist ihm erffnet worden; aber wirres Gestrpp
blickt ihm entgegen, und seitwrts, wo ihm die Ferne ein schnes Thal
mit frischen Quellen vorgespiegelt hatte, trockne Wste. Der Jngling
verzweifelt aber noch nicht und wendet sich etwa vom Wissen berhaupt
ab, sondern geht den berhmten Professor an, ihm guten Rat zu
geben[370]. Sein Geschick fhrt ihn jetzt schon zum Teufel, ohne da er
ihn gerufen htte.

Nachdem jener eine Zeit lang sein possenhaftes Spiel mit ihm getrieben,
geht er endlich auf seine Fragen ein.

Ein zweiter Teil der Scene beginnt, der nicht mehr mit derber Komik,
sondern mit feiner Ironie den Spott gegen die Wissenschaft und ihre
Vertreter fortsetzt.

Der Student will Mediziner werden, ohne sich jedoch, wie wir schon
gesehen haben, damit auf ein Fachstudium beschrnken zu wollen. Wenn
auch noch unklar, so schwebt ihm doch als hchstes Ziel seines Studiums
die Natur vor; noch klingt es, wie Stammeln, da er seinen Wunsch
bekennt[371]. Der junge Goethe war einst ebenso zu einem Fachstudium
bestimmt auf die Universitt gekommen; auch sein Sinn war von vornherein
mehr auf anderes gerichtet, allerdings noch nicht auf das Studium der
Natur. Nachdem er sich ihr in den Tagen seiner Krankheit in Frankfurt
auf mystisch-alchemistischem Wege zu nhern versucht hatte, trat er ihr
erst in Straburg auf dem der Wissenschaft nahe. Er wandte sich neben
seinem Fachstudium der Medizin zu; das Medizinische reizte mich, weil
es mir die Natur nach allen Seiten, wo nicht aufschlo, doch gewahr
werden lie߫[372]. Darum ist auch wohl der Student im Faust sofort zur
Medizin entschlossen. Fortsetzung der brigen Natur und medizinischen
Studien. Unendliche Zerstreuungen. _Vorbild zum Schler im Faust_. So
lautet ein bemerkenswertes, neu aufgefundenes Schema zu der obigen
Stelle im 11. Buch von Dichtung und Wahrheit[373]. Mephistopheles lobt
zwar den Studenten, aber da er ihn auf den alten, ausgetretenen Weg der
Wissenschaft weisen will, um Gelegenheit zu haben, seinen Spott
fortzusetzen, warnt er ihn vor der Gefahr der Zerstreuung, wie sie ja
auch Goethe selbst bei hnlichem Streben zur Genge erprobt hatte. Darum
zuerst Collegium Logicum!

Durch diese Eingangspforte hatte auch einst der junge Goethe in Leipzig
das Feld der Wissenschaft betreten mssen[374].

Die Vorzge der Logik werden nun mit feiner Ironie auseinandergesetzt.

An Geists Erweiterung ist bei ihr nicht zu denken; sie schnrt ihn
gewaltsam ein, da er bedchtig den vorgeschriebenen Weg schleiche; sie
zerreit, was in uns so fest verbunden ist, da wir es als eins
empfinden, in mehrere Teile. Also wie der Mensch it und trinkt, und
verdaut, ohne zu denken, da er einen Magen hat, also sieht er, vernimmt
er, handelt und verbindet seine Erfahrungen, ohne sich dessen eigentlich
bewut zu sein[375]. Dies natrliche Band hebt die Logik auf. In der
Logik--so erklrt Goethe spter, offenbar in Erinnerung an unsere
Fauststelle--kam es mir wunderlich vor, da ich diejenigen
Geistesoperationen, die ich von Jugend auf mit der grten
Bequemlichkeit verrichtete, so auseinanderzerren, vereinzeln und
gleichsam zerstren sollte, um den rechten Gebrauch derselben
einzusehen[376]. Das Trennen und Zergliedern war und blieb Goethes
Natur zuwider[377]. Obwohl es--so spottet Mephistopheles weiter--bei der
Erzeugung der Gedanken offenbar auf ein Verbinden ankommt und es dabei
hnlich zugeht wie beim Weben, da unzhlige Fden, einmal durch einen
Schlag in Bewegung gesetzt, sich zum Gewebe vereinigen, so kommt nun der
Philosoph und beweist, was ihm hier das Hauptstck zu sein scheint, die
Notwendigkeit des Vorganges und wie notwendig eins aus dem andern folgt.
Was hilft uns aber diese Weisheit? Keiner denkt daran, wie wenig damit
gewonnen ist. Keiner wird dadurch ein Weber, da er die Fden des
Gewebes auftrennt und sie im einzelnen nachweist. Gerade die Hauptsache,
die Kraft, die ein Ganzes in allen seinen Teilen hervorbringt, wird
auer Acht gelassen. Schdlicher als Beispiele sind dem Genius
Principien. Vor ihm mgen einzelne Menschen einzelne Teile bearbeitet
haben. Er ist der erste, aus dessen Seele die Teile, in ein ewiges Ganze
zusammengewachsen, hervortreten. So Goethe in der Baukunst;[378] bei
der dritten Wallfahrt nach Erwins Grabe im Juli 1775 ruft er ber dessen
Meisterstck aus: Du bist eins und lebendig, gezeugt und entfaltet,
nicht zusammengetragen und geflickt[379]. Whrend daher das Genie
schpfergleich ein Ganzes, zu dem sich die Teile eben durch die zeugende
Kraft von selbst zusammenfgen, hervorbringt, treibt die Philosophie
gerade dem Lebendigen, das sie erkennen und darstellen mchte, den Geist
aus; die Teile hlt sie zwar in der Hand; aber das geistige Band, das
sie zum Ganzen verflocht, ist zerrissen[380]. Ebenso macht es auch die
Chemie; sie sucht die Teile der schaffenden Natur in die Hand zu
bekommen, im Glauben, daraus knne sie ein Ganzes bilden. Mit unbewutem
Spotte nennt sie diesen rohen Versuch treffend _Encheiresis_ naturae,
als vermchten ihre Handgriffe den schaffenden Geist der Natur zu
ersetzen[381]. Im hnlichen Sinne uert sich auch Herder in den
Fragmenten: Allein zur Erweckung des Genies trgt dies Zergliedern
nichts bei; bei aller Mhe bleibt die vivida vis animi so unangetastet
als der rector Archaeus bei den Scheideknstlern: Erde und Wasser bleibt
ihnen; die Flamme verflog, und der Geist blieb unsichtbar; allen ihren
chymischen Zusammensetzungen knnen sie nach dem, was sie bei der
Scheidekunst gewahr wurden, zwar Farbe, Geruch und Geschmack, nie aber
die Kraft der Natur geben[382]. Die gemeine Encheiresis der Natur,
wodurch sie Leben schafft und frdert, wie sich Goethe einmal am Ende
seines Lebens ausdrckt, wird durch solche Bemhungen nicht
enthllt[383]. Ein Unerforschliches, wie er es zu nennen pflegte, bleibt
bestehen; ein Geheimnis, in das allerdings der Faust des jungen Goethe
noch einzudringen begehrte[384].

Die Logik schlgt also den Geist in unnatrliche Fesseln; sie hemmt die
freie Entwicklung der Gedanken; sie fhrt, statt den schpferischen
Genius zu wecken, zu einem unproduktiven Trennen und Sondern; sie ttet,
statt da sie belebe. Das Genie in seinem Schaffensdrang, das nach dem
geistigen Band sucht, das die Welt im Innersten zusammenhlt, kmpft
gegen den starren Mechanismus in der Wissenschaft. Dem Studenten ist es
selbstverstndlich nicht klar, was der Professor eigentlich meint.
Mephistopheles trstet ihn, das Verstndnis werde schon kommen, sobald
er nur alles zu reduzieren und klassifizieren gelernt habe. Was heit
das anders--hren wir Goethe mit hnlichem Spott auf jene
Schulausdrcke in der Lavaterrezension reden--als durch gelehrtes
Nachdenken sich eine Fertigkeit erworben zu haben, auf wissenschaftliche
Klassifikation eine Menschenseele zu reduzieren. Und hnlich in der
Beurteilung von Sulzers schnen Knsten: da einer, der ziemlich
schlecht raisonnierte, sich einfallen lie, gewisse Beschftigungen und
Freuden der Menschen, die bei ungenialischen gezwungenen Nachahmern
Arbeit und Mhseligkeit wurden, lieen sich unter die Rubrik Knste,
schne Knste klassifizieren, zum Behuf theoretischer Gaukelei, das ist
denn der Bequemlichkeit wegen Leitfaden geblieben zur Philosophie
darber, da sie doch nicht verwandter sind als septem artes liberales
der alten Pfaffenschulen[385]. Meine Wissensbegierde wurde
reg--scherzt er in den biblischen Fragen--und ich bat ihn mich in die
Schule zu nehmen. Das that er gerne, denn er sticht gewaltig auf einen
Professor, konsultierte hier und da seine Hefte, und das Dozieren stund
ihm gar gravittisch an. Nur bemerkt ich bald, da die ganze Kunst auf
eine kalte Reduktion hinauslief.[386]------Der Spott richtet sich also
gegen den philosophischen Hang, alles in bestimmte Klassen gebracht, auf
einzelne Begriffe reduziert, in ein System zu zerren, wogegen wiederum
sich die Gefhlsrichtung als gegen etwas, das alles wahre Leben
ersticke, erhoben hatte[387].--Dem Studenten wirds bei dem betubenden
Klang der Schulausdrcke ganz schwindlich im Kopf[388]. Mephistopheles
fhrt weiter: Nach der Logik die Metaphysik! Sie sucht mit dem Verstand
zu begreifen und falich zu machen, was zu seinem Gebiete gar nicht
gehrt; dann mssen eben Worte aushelfen. Wieder einer der vielen
Angriffspunkte, die sich der neuen Bewegung darboten. Mit ihren
schrfsten Waffen wenden sich Hamann und Herder gegen die Unfehlbarkeit
der Metaphysik, die alles beweisen zu knnen meinte und doch so oft nur
taube Worte gab. Mephistopheles schliet seine Belehrung mit einigen
guten, natrlich wieder ironisch gemeinten Ratschlgen, die den ueren
Gang des Studiums betreffen. Der Student bittet ihn darauf, ihm auch fr
sein Fachstudium, die Medizin, einen Fingerzeig zu geben, Mephistopheles
ist aber nun des Professortons satt;[389] er legt die Maske ab und ist
wieder Teufel. Jetzt empfiehlt er dem Studenten nicht mehr wie vorher,
wo es ja auch nur versteckter Hohn war, den engen Pfad der
Schulwissenschaft zu wandeln. Was ntzt das Studium? Der Mensch kann
doch nicht mehr fassen als ihm gegeben ist. Darum weist er ihn auf das
wirkliche Leben hin. Bei diesem guten Rate offenbart sich aber der
Teufel, er sucht den Menschen bei seiner niedrigen und gemeinen Seite zu
fassen und ihn anzureizen, den Vorteil des berlegenen Verstandes zum
Schaden oder zur Beherrschung anderer auszubeuten. Der Teufel lockt zum
Leben, aber um den Menschen zu verderben. In hnlicher Weise htte
Mephistopheles auch zu Faust sprechen mssen, wenn der Dichter schon im
ltesten Faust eine solche Scene ausgefhrt htte, um ihn von der
Wissenschaft weg zu einem Leben, wie es in des Teufels Sinne ist, zu
fhren[390]. Dem Studenten gefllt das Bild praktischen Lebens, das der
Teufel entworfen, schon besser als der philosophische Lehrgang, den ihm
der Professor zuerst vorgezeichnet hat.

Mephistopheles schliet darauf mit den denkwrdigen Worten ab, die, vom
Teufel ausgesprochen, zugleich im hchsten Sinne gelten:

    Grau, teurer Freund, ist alle Theorie
    Und grn des Lebens goldner Baum.

Klar und scharf ist damit wiederum der Gegensatz zwischen der alten und
neuen Richtung ausgesprochen: Fort mit dem spekulativ-theoretischen
Erkenntnisgang; nur aus dem Leben selbst erblht eine wahre, lebendige
Weisheit. Vom Baum der Erkenntnis weg zum Baum des Lebens! Noch immer
steht der Baum der Erkenntnis mitten unter uns; je weniger man davon
isset, desto besser; und wehe denen, die sonst keine Nahrung haben! So
in einer Rezension der F.G.A., die vielleicht Goethe gehrt;[391]
jedenfalls ist die Bemerkung ganz in seinem Geiste. Der Mensch ist
nicht zum Methaphysicieren da--ruft Herder in der schon mehrfach
angezogenen Beurteilung eines Werkes von J. Beattie aus--und trennet er
einmal Vernunft vom gesunden Verstande, Spekulation von Gefhl und
Erfahrung--der Ddalus und Ikarus hat den festen Boden der Mutter Erde
verlassen; wohin kann er sich mit seinen wchsernen pennis homini non
datis hin verlieren? wohin kann er sinken?--Spekulation als
Hauptgeschfte des Lebens--welch elendes Geschfte! _Sie gewhnt endlich
alles als Spekulation anzusehen!_ ein Opium, was alle Lebenskraft ttet
und mit sen Trumen sttigt, u.s.w.--Spekulation lset das eiserne
Band der Natur, Trieb und Nerven in Zwirnsfden u.s.w.[392] Goethe
selbst scheint wieder zu reden in einer kurzen Mitteilung ber Lavaters
Geheimes Tagebuch: Das wahre Leben verdrngt gewi das Spekulieren, so
wie Gefhl das Raisonnement;[393]--Mit voller Bestimmtheit ist Goethe
in folgenden Worten der Rezension ber Sulzers schne Knste zu
erkennen: Er bedenke, da er sich durch alle Theorie den Weg zum wahren
Genusse versperrt, denn ein schdlicheres Nichts, als sie, ist nicht
erfunden worden[394].

berall also im Widerspruch zu dem starren Formalismus der Zeit der
Hinweis auf Lebenskraft und Lebensgehalt; aus den Geisteskmpfen dieser
Zeit sind auch vor allem die satirischen Scenen des ltesten Faust
erwachsen. Dies ist der Boden, in dem sie wurzeln.

Fr den Studenten freilich sind die widerspruchsvollen Lehren des
Professors ebenso viele Rtsel, ihm ists als wie ein Traum. Zum Abschied
berreicht er sein Stammbuch. Der Teufel schreibt sich mit den Worten
ein, mit denen einst die Schlange im Paradies die ersten Menschen
lockte[395]. Die symbolische Bedeutung der Scene ist dadurch zum
Schlusse deutlich ausgedrckt und zugleich in die Form gebracht, die
bereits die lteste Urkunde des Menschengeschlechts gebraucht
hatte.[396] Mephistopheles weist wieder auf den Baum der Erkenntnis hin;
er will den Schler auf denselben Pfad verlocken, auf dem einst auch
Faust wandelte, ehe er sich dem Teufel bergab. Aber der Erfahrene sieht
voraus, welch schwere Pein auch jenem aus der erstrebten Gotthnlichkeit
erwachsen wrde. Dann wird es auch ihm nach dem Baume des Lebens
verlangen; Er wird verstehen lernen, was ihm einst in des Teufels Worten
noch unverstndlich geblieben war. Die Geistesverwandtschaft zwischen
Faust und dem Schler ist schon betont[397]. Darum bildet auch der
letztere von selbst einen Gegensatz zu Wagner, wodurch die beiden
satirischen Scenen des ltesten Faust in noch hherem Grade einen
gewissen Zusammenhang in ihrer Entstehung und Bedeutung erkennen lassen.
Goethe stellt sie spter selbst in dem Schema so gegenber: _Helles
kaltes wissenschaftliches Streben: Wagner. Dumpfes warmes
wissenschaftliches Streben: Schler_[398].

Was endlich die Anlage der ganzen Scene betrifft, so ist sie in einer
ganz und gar volkstmlichen und in der Litteratur eingebrgerten Form
gehalten. Solche Belehrungsdialoge entsprachen durchaus dem lehrhaften
Charakter der Litteratur, besonders seitdem sie durch die Reformation zu
einer wichtigen Waffe fr Aufklrung, Anfeindung, Verspottung geworden
waren. Auch die besondere Form, da der Schler vom Lehrer oder
berhaupt der Jngere vom Vorgeschritteneren belehrt wird, fehlt nicht;
vor allem findet sie sich gerade in der poetischen Litteratur. Schrder
hat in der Vierteljahrschrift auf das Spiel von Frau Jutten
hingewiesen[399]. Daraus zu folgern, da es Goethe gekannt habe, ist zu
voreilig. Denn diese Form war ein berliefertes Element der
Volksdichtung. Besonders eigentmlich ist jedoch die hnlichkeit mit
J.V. Andreas gutem Leben eines rechtschaffenen Diener Gottes, das Herder
in den Briefen das Studium der Theologie betreffend mitgeteilt hat[400].
Ein Kandidat der Theologie wird hier durch die praktische Lebensweisheit
eines alten Pfarrers belehrt. Nachdem jener das Studium der Logik,
Rhetorik, Physik, Ethik beendet und sich auch fr sein Fachstudium
vorbereitet hat, geht er auf die Suche nach dem Amt. Unterwegs trifft er
einen alten Pfarrer an, den er ganz in der Art anmalicher Jugend
anredet, wie spter der Schler im zweiten Teile des Faust.

    Der alte Herr sprach: mein Herr Studios,
    Mich dnkt, Eur' Kunst, die mach sich los.
    Die Logik wird sich in euch regen,
    Da Ihr mit mir redt so verwegen.

Mit einem krftigen Wort Luthers wird er weiterhin abgewiesen. Als ihn
aber danach der Pfarrer ber den Unterschied zwischen der
wissenschaftlichen Theorie und der Amtspraxis belehren will, bricht
seine anmaliche Schulweisheit noch einmal durch[401]. Er spricht:

    Ihr gabt aufs Geistlich' Acht,
    Und der Philosophie nichts acht,
    Daher mcht es wohl kommen sein,
    Da Euch die Welt nit wollt ein.

Der Pfarrer macht ihn aber mit fischartischem Humor darauf aufmerksam,
wie auch er durch die Schule der freien Knste gegangen sei, bis endlich
die Praktik kommt zu Haus, die all Theorik treibet aus.

Der Kandidat, der das ganze Gesprch erzhlt, bemerkt dazu:

    Die Ding' mir spanische Drfer waren,--

Darauf beginnt die eigentliche Belehrung ber die Schwierigkeiten des
Predigtamtes; alsdann wird auf dessen Verlangen:

    Doch bitt ich, wollt mich weiter lehren,
    Wo ich mich nun hinaus soll kehren?

der hohe Wert des Predigerstandes gepriesen. Beschmt und erfreut geht
der Jngling mit dem Pfarrer in sein Haus, mit dem Wunsche, da allen
seinen Gesellen so die Schellen abgetrennt wrden. Es ist nicht
unmglich, da bereits der junge Goethe diese Pastoraltheologie,
vielleicht durch Herders Vermittlung, gekannt habe. Einzelne Anklnge an
die Schlerscene wird man heraus gehrt haben; jedenfalls beweist das im
Hans Sachsischen Ma gehaltene Gedicht, da die ganze Anlage der
Faustscene im Boden der volkstmlichen Litteratur wurzelt. Dagegen ist
es ihr eigentmlich, da sie zugleich eine Mystifikation der Art ist,
wie sie Goethe im Leben und in seiner Dichtung liebte;[402] sie bringt
ihm hier den Vorteil, den Professor in der Maske des Professors ohne
besondere Verletzung der Wahrscheinlichkeit verspotten zu knnen.

Es ist uns nun noch brig, die Einheit der ganzen Scene zu betonen und
gegen gewisse Angriffe in Schutz zu nehmen.--Da die Scene aus zwei
verschiedenen Teilen bestehe, wird niemand bezweifeln; dagegen darf man
nicht mit Anwendung einer Methode, die auch mehr ihre Freude daran hat,
zu zerstckeln und auseinander zu zerren als knstlerische Einheit zu
empfinden, den von Anfang an vorhandenen inneren Zusammenhang bestreiten
und gar die Scene in zwei Teile zerlegen, die zu verschiedenen Zeiten
entstanden und spter notdrftig zusammengeflickt worden seien. Wie
Scherer diese Kunst am ersten Monolog gebt, so Pniower an der
Schlerscene[403]. Er geht von der Erscheinung der Wiederholung aus d.h.
von der Thatsache, da ein Dichter sich innerhalb desselben Werkes
wiederhole, einzelne Gedanken und Motive wieder aufgreife, um sich von
neuem in alte Stimmungen zu versetzen. Man wird davon mit Recht bei
einem greren Werke sprechen knnen, das im Laufe vieler Jahre
entstanden, eine Zeit lang unterbrochen, schlielich die redigierende
Hand ntig machte, also etwa bei dem Fragment von 1790 und ganz
besonders bei der Ausgabe von 1808. Mitrauisch wird man aber dem bei
einem Werk gegenberstehen, wo von einer Redaktion keine Rede sein kann,
wie beim ltesten Faust, dessen einzelne Teile, nachdem sie im Geist
des Dichters ausgetragen waren, durch einen bestimmten Ansto in einem
ununterbrochenen Strom, des Entstehens hervorgebracht wurden, von denen,
wie er selbst erklrt, nichts nieder geschrieben ward, was nicht
bestehen konnte[404]. Pniower hlt nun die Verse 339. 340 fr eine
solche Wiederholung und zwar aus V. 386 = 1955 (Nehmt euch der besten
Ordnung wahr.); er schliet daraus, da die beiden zusammengehrigen
Verse 339. 340:

    Ihr seid da auf der rechten Spur,
    Doch mt ihr euch nicht zerstreuen lassen[405].

Flickverse seien und bei einer spteren Zusammenfgung der ursprnglich
getrennten Teile der Scene eingeschoben worden seien. Diese Annahme
findet er dadurch besttigt, da sie weder zum Vorhergehenden noch zum
Folgenden recht paten; darauf baut er weiter und sucht die vllige
Verschiedenheit der beiden Teile im Ton, Stil, Metrik nachzuweisen und
auch damit seine Ansicht zu sttzen.

Der erste und der Grundirrtum ist in der Annahme enthalten. V. 340 sei
nur eine Wiederholung des spteren Verses 386. Im ersten Falle aber--und
damit ist auch der richtige Zusammenhang nach vor- und rckwrts
gegeben--warnt doch Mephistopheles den Studenten, der das ganze
Universum mit seinem Geiste umfassen mchte, vor der Gefahr der
Zerstreuung bei der ungeheuren Ausdehnung des Wissensgebietes. Dagegen
empfiehlt er nun als gutes Mittel die Logik, die den Geist, der ringsum
wissenschaftlich schweifen mchte, in enge Schranken drngt und den
vorgeschriebenen Weg zu wandeln zwingt; sie bringt ihm, der sich sonst
zerstreuen knnte, die wahre Konzentration. Denn an diese Gegenstze ist
hier zu denken, nicht etwa wie Pniower mit vlliger Verkennung des
bestehenden Zusammenhanges meint, an andre als wissenschaftliche
Zerstreuung[406]. Zugleich gewinnt Mephistopheles mit dem Doch die
erwnschte Gelegenheit, sich dem Thema, das ihm am Herzen liegt,
zuzuwenden, wie er hnlich auch in V. 277 und V. 409 dazu bergeht.
Darum gehrt auch die Anrede an die Spitze von V. 341 und nicht von 339;
denn jetzt erst ist er wieder in seinem Fahrwasser und beginnt die
eigentliche Belehrung[407]. V. 339. 340. sind also beim Vortrag
herablassend anerkennend und rasch abbrechend zu sprechen, whrend dann
mit V. 341 der lehrhafte Ton in seiner ganzen professoralen Wrde
einsetzt.

V. 376 bezieht sich dagegen auf den ueren Gang des Studiums berhaupt;
hier ist nicht mehr die Rede von einer inneren Zucht des Geistes durch
die verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft, sondern von
Regelmigkeit im Besuch der Vorlesung, im Nachschreiben u.s.w.

Pniower hat demnach das Zerstreuen falsch verstanden; er ist dazu wohl
durch die nderung verfhrt worden, die Goethe spter an unsrer Stelle
vorgenommen, und mit der er dem Zerstreuen einen ganz andren Sinn
gegeben hat, V. 1902 spricht Mephistopheles dieselben Worte; darauf
folgt aber nicht sogleich seine Spottrede auf die Logik, sondern
zunchst schliet sich eine Bemerkung des Schlers an, in der er
allerdings das Zerstreuen im anderen Sinne fat, in dem von Freiheit und
Zeitvertreib, die er im ltesten Faust V. 272 bereits in seinem langen
Wunschzettel fr sich verlangt hatte[408]. Danach warnt ihn der Teufel
vor Zeitverlust und gibt ihm als Mittel dagegen die Ordnung an:

    Doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen.[409]

Aber auch hier ist Ordnung von der in V. 386 = 1955 gemeinten ganz und
gar verschieden; im Grunde ist es dasselbe, wenn hier die Ordnung
empfohlen, dort vor der Gefahr der Zerstreuung gewarnt wird; denn auch
sie bezieht sich auf den inneren Gang des Studiums, darauf, da der
Schler hbsch ordentlich den alten Weg trete und mit dem
propdeutischem Studium der Logik den Anfang mache. In V. 1955 ist nach
wie vor die uere Ordnung, fleissiger Kollegienbesuch u.s.w. gemeint.
Hervorgebracht wurde diese ganze Verschiebung eben dadurch, da der
Dichter alten Bestand (V. 272.) in erweiterter Form hier einfgte, weil
es sich so am leichtesten, mit leiser Umdeutung des Sinns von
zerstreuen machen lie. Den charakteristischen Zug, das Verlangen nach
Freiheit und Zeitvertreib, wodurch der Schler in Gegensatz zu Wagner
tritt, wollte Goethe offenbar bei der spteren Redaktion nicht
verwischen. Nachdem dem Zerstreuen einmal ein anderer Sinn gegeben
war, war nun natrlich am Anfang der Rede des M. (V. 1909 f.) Wechsel im
Ausdruck ntig; er setzte daher eine mit der alten Wendung ungefhr
gleichbedeutende ein, wobei es ihm im Augenblick gewi nicht gegenwrtig
war, da er an der spteren Stelle das gleiche Wort schon
einmal--allerdings in anderm Sinn--gebraucht habe.--Mit der Annahme von
Flickversen ist es also nichts.

Nun ist es allerdings unzweifelhaft, da die beiden Teile der Scene in
Inhalt, Sprache, Metrik verschieden sind; d.h. also, da mit der
Verschiedenheit des Gehalts auch die der Form verbunden ist. Zu dem
burlesken Inhalt gehrt auch die derbere, volksmige Sprache; diese
kleidet sich dann von selbst in das Gewand des fr sie geeigneten, hier
des kurzen, gedrungenen vierhebigen Verses. Dunkel scheint sie nur, wo
man sie nicht versteht:[410] fr Sentenzen war natrlich kein Raum[411].

Wie wenig mit derartigen sprachlichen und metrischen Kriterien ohne
Zuziehung des gesamten sprachlichen und metrischen Materials zu machen
ist, zeigt sich bei Pniowers Untersuchung, wenn er z.B. das Fehlen des
pronomen personale beim Zeitwort als Zeitmesser annimmt, der eine
frhere Stufe Goethischer Sprache anzeige; aber diese Auslassung findet
sich im lteren Gtz (1771) gerade seltener wie in dem von 1773[412].
Der vierhebige Vers ist schlielich ebenso wenig ausschlaggebend; er
kommt z.B. wie Pniower selbst angibt, in den 76 ersten Versen des
Monologs vor, die offenbar ins Jahr 1774 gehren; ebenso in der ersten
Scene der Gretchentragdie, im Monolog Valentins, auch noch meist in der
Brunnenscene, ber deren Entstehungszeit wir noch nheres ermitteln
werden; auch Pater Brey wird angefhrt, der ja aber auch in die Jahre
1773/74 gehrt und nicht so frh zu setzen ist, wie es Pniower
thut[413]. Der Brief an Merck, den die Weimarische Ausgabe in den Dez.
1771 setzt, gehrt natrlich nicht in diese Zeit[414].

Es bleibt die wichtigste Frage: Ist es mglich, da der Dichter zwei an
Inhalt so grundverschiedene Teile gleichzeitig gedichtet habe? Darauf
ist nur zu sagen, was schon wiederholt betont worden ist, da der
Dichter die derben Scherze des ersten Teiles nicht aus bloer Freude
daran vorbringe, sondern eine bestimmte satirische Absicht habe und auf
thatschlich vorhandene und bekannte Mistnde im Professorentum ziele,
der Ton also auch hier professoral sei[415]. Sein eigenes Herz ist nicht
bei den Spen des Professors, sondern bei dem Studenten, der sie mit
Entsetzen und Widerwillen vernimmt und immer wieder von dem zu hren
verlangt, was ihm das Hchste ist, des Geists Erweitrung. Man knnte
noch einwenden, ob sich nicht der Dichter auf einer spteren
Entwicklungsstufe vor derartigen derben Scherzen gescheut htte. Aber
das wissen wir ja vom jungen Goethe, da er seinem bermut zu jeder Zeit
die Zgel schieen lie, diese Possen aber gerade seit 1773 erst recht
in dem kleinen Kreise von Goethes Freunden im Schwange waren. 1775 hat
er das derbe Gedicht auf Nikolai geschrieben,[416] ebenso das derbste,
was er wohl je gedichtet hat, Hanswursts Hochzeit[417]. Derartige
unknstlerische Auswchse gehren mit zu der Natur des jungen Goethe;
sie zeigen sich in milderer Art auch in seinen greren Werken neben den
herrlichsten Stellen edler Kunst, im Gtz und Werther[418]. Es war dies
eben eine Folge von der Anschauung der Sturm- und Drangperiode, die wir
auch in der Wagnerscene gefunden haben, alles, was aus der Empfindung
komme mit der von ihr selbst mitgebrachten Form, sei anzuerkennen. Die
charakteristische Kunst ist nun die einzig wahre[419].

Man denke auch an das bezeichnende Wort aus einem Briefe an die Karschin
vom Jahre 1775: Mir ist alles lieb, was treu und stark aus dem Herzen
kommt, mags brigens aussehen wie ein Igel oder wie ein Amor[420]. Im
ersten Teil der Schlerscene siehts nun mehr aus wie ein Igel; aber
daraus ist noch kein Schlu auf eine verschiedene Entstehungszeit zu
ziehen. Die Einheit der Scene darf nicht bezweifelt werden. Die Frage,
wann sie entstanden sei, kann jetzt beantwortet werden.



Entstehungszeit der Schlerscene.

Auch fr die Schlerscene bildet das Jahr 1772, die Beteiligung an den
Frankfurter Gelehrten Anzeigen, die breite Grundlage. Sie gehrt also
zugleich mit der Wagnerscene in engeren Zusammenhang mit den satirischen
Dichtungen der Jahre 1773 und 1774.

Man ist bei keiner Scene in grerer Unklarheit ber die Zeit der
Entstehung gewesen als bei ihr. Schon Luden, in dem bekannten Gesprch
mit Goethe,[421] glaubt, sie sei wegen ihrer unmittelbaren Anschauung
des akademischen Lebens und Treibens in Goethes Universittsjahre zu
setzen. Neuerdings hat Seuffert sie gar, besonders durch den Charakter
ihres ersten Teiles verfhrt, der Leipziger Zeit des Dichters
zugewiesen[422]. Was zu dieser Annahme nicht recht passen will, wird
dann nach bekannter Methode fr spter an- und eingeflickt erklrt. Die
Scene bietet aber gerade fr die Leipziger Zeit den geringsten Anhalt.
Der Student, wie er hier auftritt, geht in seinem wissenschaftlichen
Streben, neben der Medizin vor allem die Natur des Alls zu erfassen, auf
die Straburger Zeit zurck. Der Dichter sagt es zum berflu auch
selbst. Fr den derben Angriff auf das Professorentum und fr den
feinen, ironischen Spott auf die Universittsweisheit boten ihm aber das
Kampfjahr 1772 und die daraus erwachsenen neuen Beziehungen eine
reichere Flle von Stoff als ihm zugleich auf einer weniger hohen
Entwicklungsstufe seine Studentenjahre htten bieten knnen. Darum
stehen auch Wagner- und Schlerscene innerlich in engstem Zusammenhang.
In beiden wird gegen die beschrnkte Schulweisheit und ihre starre
Methode, die allem wahren Leben feind sind,[423] angekmpft; in der
einen ist es Faust selbst, der mit heftigem, aber edlem Unwillen gegen
jene geistlose Auffassung der Wissenschaft loszieht; in der andren der
Teufel. Da herrscht natrlich ein andrer Ton; der Schalk ists, der in
lustiger Maskerade, erst mit derbem, dann mit feinem Scherze, den
Professor des 18. Jahrhunderts durch den Ton und Inhalt seiner Worte
aufs ergtzlichste verhhnt. Erst zuletzt wird auch dem Teufel sein
Recht. Die Maske fllt, der Versucher steht da. Natrlich ist nicht an
eine Verhhnung Fausts zu denken, weil er ja auch Professor ist[424].
Denn ber seinen Standpunkt sind wir ja durch die unmittelbar
vorhergehende Wagnerscene vllig im klaren.

Die beiden Scenen sind also die wichtigsten Bruchstcke der akademischen
Satire, der ursprnglich, da durch sie der Hintergrund zu Fausts Streben
gegeben war, ein breiterer Raum und eine grere Bedeutung zugedacht war
wie in der spteren Ausfhrung.

Endlich htte schon die Thatsache, da Mephistopheles in unserer Scene
auftritt, davor warnen mssen, sie einer allzufrhen Zeit zuzuweisen.
Wie ausgezeichnet ist er gleich hier bei seinem ersten Auftreten
charakterisiert! Scherz und Ironie sind seine Waffen; berlegener
Verstand ist ihm gegeben, mit dem er die menschlichen Verkehrtheiten
durchschaut und von Verachtung des Menschen erfllt, nur das Schlechte
in ihm aufregt, um ihn zu seinen Zwecken zu benutzen. Wie ganz und gar
hlt sich dabei der Weltkluge in der Sphre der Wirklichkeit! Welch ein
Gegensatz zu Fausts mchtigem Gefhl, das alle menschliche Beschrnkung
zu durchbrechen sucht. Vllig klar ist auerdem schon hier
ausgesprochen, was der Teufel will. Der Schlu der Schlerscene, wo er
die Maske fr uns ablegt, gibt uns einen Anhalt dafr, wie er zu Faust
gesprochen htte, wenn eine solche Scene im ltesten Faust ausgefhrt
worden wre. Seine Forderung heit: hinaus ins Leben! allerdings zu
einem Leben in des Teufels Sinne, das den Menschen ins Verderben bringe;
allein der Boden, auf den ihn der Teufel weist, ist doch derselbe, auf
dem dem Menschen allein auch hchstes Glck und schlieliche Erlsung
beschieden sind. Damit ist uns zugleich ein Ausblick erffnet auf die
ursprngliche Art der Verbindung zwischen Teufel und Erdgeist. Da sie
in Verbindung standen, ist bekannt, geht aus der Dichtung selbst hervor.
So wie spter Gott und Teufel einander gegenber stehen und mit einander
zusammenhngen, so anfangs Erdgeist und Teufel. Der erstere war von dem
Dichter als Geist des Lebens der Erde in jedem Sinne, auch im hchsten
des thtigen Lebens gedacht. Faust hatte aber den ganzen ungeheuren
Umfang seines Wesens noch nicht zu fassen vermocht. Mephistopheles ist
nun auch ein Geist des Lebens, also auch im Erdgeist mit einbegriffen,
wie Gutes und Bses, Tod und Leben, Zerstren und Erschaffen in seinem
Wesen sind, wie ja auch der Teufel in der Schpfung Gottes enthalten
ist. Das Leben aber, zu dem der Teufel verfhrt, grndet sich allein auf
das Ausleben des Schlechten und Gemeinen, das in jedem Menschen wohnt,
auf diesem Weg sucht er ihn zu verderben; er ist darum natrlich der
Feind jeder Erhebung, jedes Aufschwungs und jeder Begeisterung und hat
gerade seine Freude, dem gestrzten Titanen seine ganze Schwche und
Ohnmacht zu zeigen, jede Erhebung zu verkmmern und das Schlechte im
Menschen zu strken. Der kalte, gefhllose Verstand ist ihm gegeben,
dessen Hauch das warme Gefhl im Herzen erstarren macht;[425] er ist
also mit andren Worten der Widersacher, der im Innern des Menschen
wohnt, sein Gefhl erstickt, dem Trieb der Erhebung entgegenwirkt, indem
er hhnend auf das Unmgliche weist, und ihn endlich dahin bringt, sich
trotzig beim Gemeinen, Niedrigen, Schlechten zu beruhigen, es allein in
sich zu nhren. Alles das glaubt der Teufel eben am besten im Strudel
des Lebens erreichen zu knnen. Innerhalb des Wirklichen herrscht der
Teufel, im Reich der Idee hat er keine Macht. Bei Faust war fr ihn der
Augenblick gekommen, da er vom Erdgeist verschmht war, an seiner Kraft,
der Gottheit sich zu nhern verzweifelte, sein Geist, der nur noch die
Ohnmacht und Schwche des menschlichen Geistes empfand, dem teuflischen
glich und so ihn von selbst anzog. Den Versuch, Erdgeist und Teufel in
dieser Weise mit einander in Verbindung zu bringen,[426] hat der Dichter
bekanntlich spter--aber erst zur Zeit der dritten Beschftigung mit
Faust--aufgegeben, offenbar weil sich keine allgemein faliche Form
dafr bot, und er ist mit richtigem Gefhl auf die uralte, zum
Allgemeingut gewordene Anschauung zurckgegangen, nach der Gott und
Teufel es sind, die mit einander und gegen einander auf das Leben des
Menschen einwirken.

Die Scene ist also jedenfalls nicht auer allem Zusammenhang gedichtet,
sondern lt uns berall die Fden erkennen, die sie mit den brigen
Teilen des Gedichtes verbindet; sie kann nur zu einer Zeit entstanden
sein, wo dem Dichter bereits das Wesen des Erdgeistes und sein
Verhltnis zum Teufel klar vor der Seele stand. Man wird darum schon aus
diesem Grunde von allzufrhen Anstzen absehen mssen. Vor 1773 ist die
Schlerscene in keinem Falle gedichtet; es entsteht nun auch hier wieder
die Frage, wie bei der Wagnerscene, ob 1773 oder 1774. Denn ber 1774
hinauszugehen, haben wir keine Veranlassung. Eine bestimmte Entscheidung
wird sich aber auch hier nicht treffen lassen. Wenn die Vermutung
richtig ist, Bahrdt habe im ersten Teil der Scene zum Bilde des
Professors gestanden, so wird dadurch ebenfalls nur besttigt, was aus
dem brigen hervorgeht, sie sei 1773 oder 1774 entstanden. Eine scharf
begrenzte Zeit wie beim ersten Monolog hebt sich also nicht heraus. Auch
die Sprache gibt keinen sicheren Anhalt; Nachlssigkeiten beweisen, da
auch hier die Feile fehlte; Vergl. noch V. 263: Sieht all so trocken
ringsum aus. V. 336 f. von _aller_ Erden, von _allem_ Himmel und _all_
Natur,----V. 316 bekleiben; auch in den Biblischen Fragen d.j.G. 2. 232
unten und im Satyros a.a.O. 3. 493.



3. Die Scene in Auerbachs Keller.

Die Scene in Auerbachs Keller mu ebenfalls in den Zusammenhang der
akademisch-satirischen Scenen mit einbezogen werden; sie unterscheidet
sich jedoch von den beiden im ltesten Faust unmittelbar vorhergehenden,
die, wie wir gesehen, den gleichen Zweck haben, Verkehrtheiten der
Wissenschaft und ihrer Vertreter zu verspotten. Ein Bild studentischen
Lebens und Treibens, wie es sich auf dem Boden der Kneipe abspielt,
entrollt sie vor unseren Augen. Die Satire ist aber hier nicht
feindselig; keinem Gegner ist sie in den Mund gelegt; sie ergibt sich
hier ganz von selbst aus dem dramatisch bewegten Gemlde, das von dem
Dichter entworfen ist. Das Leben und Treiben dieser Gesellen spielt sich
vor unseren Augen ab. Unsere Scene ist also durchaus dramatisch gehalten
und ganz anderer Art als die beiden Kampfdialoge, in denen immer der
eine der Unterredner eine sehr untergeordnete Rolle spielte.

Ein weiterer Unterschied ist: wir bewegen uns hier wieder vllig auf dem
Boden der Sage, aber der Dichter hat es dabei nicht ntig gehabt, seinem
modernen Empfinden Zugestndnisse zu machen. Faust mit seinen
teuflischen Kunststcken, der Ort der Handlung, der Verkehr mit
Studenten, der Faritt, alles zusammen gehrt der berlieferung an. Aus
diesen berlieferten Elementen hat der Dichter eine ganz eigenartige
Scene geschaffen; vielleicht hat auch eine Fassung des Volksschauspiels
bereits eine Auerbachscene erhalten,[427] die dann den unmittelbaren
Ansto zu der unseren gegeben htte. Sie gewhrt also ein in jeder
Beziehung von den brigen verschiedenes Bild; die erste Hauptmasse ist
mehr lyrisch gehalten; die beiden folgenden Scenen sind
polemisch-didaktisch, diese ist dramatisch, wie die Scenen des Gtz, im
Geiste Shakespeares. Der Anfang ist in Versen; aber eigentmlicher
Weise, sobald es nicht mehr die Empfindung ist, die sich im wechselnden
Rythmus zum Ausdruck bringt, nicht mehr satirische Polemik, die das Ma
der Fastnachtsspiele annimmt, sobald das dramatische Element zum
Durchbruch kommt, da tritt nach den ersten wenigen Versen wie von selbst
die Prosa hervor, in die sich im Anfang der Frankfurter Zeit der Gtz
gekleidet hatte, an ihrem Ende der Egmont kleiden sollte. Dieser
bergang aus dem Reimvers in die Prosa ist auch deshalb von Bedeutung,
weil wir wohl daraus den Schlu ziehen drfen, die Auerbachscene sei die
erste der Prosascenen im Faust. Denn wre schon eine solche
niedergeschrieben gewesen, so htte Goethe wohl nicht erst den Versuch
gemacht, eine dramatisch so bewegte Scene in Verse zu fassen.

Wir treten mit ihr zugleich in eine neue Sphre des Dramas; denn wir
treffen hier Faust auf der ersten Station seiner Weltfahrt, die er mit
Mephistopheles unternimmt. Der Faden der Handlung ist also auch hier
weitergesponnen. Mephistopheles hat, wie wir es schon in der
Schlerscene aus seinem Verhalten zu dem Studenten entnehmen drfen,
Faust nach dem Scheitern aller seiner hohen Plne aufgefordert, sich mit
ihm in die Welt, in das Leben zu begeben. Die Welt, in die er ihn zuerst
fhrt, ist die, die der junge Dichter aus eigener Erfahrung kannte:
zunchst die kleine des studentischen Treibens. Von seinem spteren
Standpunkt aus hat er darum nicht mit Unrecht, jene Sphre, in die er
seinen Helden versetzt hatte, eine kmmerliche genannt.

Nach dem ganzen Inhalt der Scene werden wir bei der Frage nach den
Entstehungsmotiven mehr auf die Suche nach uerer als innerer Erfahrung
gewiesen, die sich dann mit dem berlieferten zu einem Ganzen verband;
indes selbst hier, wo man es doch am wenigsten erwarten sollte, hat auch
das innere Leben des Dichters mitgearbeitet. Im ersten Teil, bis zum
Auftreten von Faust und Mephistopheles, will das rohe Treiben der
Studenten anfangs nicht recht in Gang kommen; endlich versuchen sies mit
Singen: verschiedene Lieder werden angestimmt, keines findet Beifall,
bis Frosch das Lied von der Ratte singt, dessen Rundreim vom Chor
mitgesungen wird. Hierbei hat nun offenbar der Dichter in der Person
Siebels, der, von seiner Geliebten verschmht und in seinem Ehrgeiz
gekrnkt, seinem Unmut in Wendungen Shakespearischer Art Luft macht, mit
dem Rattenliede, das den unglcklich Liebenden im Bilde der vergifteten
Ratte darstellt, deren Schmerzen die Vergifterin lachend zusieht, und
in der Art, wie Siebel seine Teilnahme mit jener zu erkennen gibt, seine
eigene unglckliche Stimmung in der Zeit seiner Liebe zu Lili
verspottet. Diese Annahme wird durch eine Stelle aus einem Briefe an die
Grfin Auguste Stolberg vom 17. September 1775 besttigt, wo er, wie man
schon lngst gesehen,[428] das peinigende Gefhl seiner unglcklichen
Liebe in hnlicher Weise vergleicht: Mir wars in all dem, wie einer
Ratte, die Gift gefressen hat, sie luft in alle Lcher, schlrft alle
Feuchtigkeit, verschlingt alles Ebare, das ihr in Weg kommt, und ihr
Inneres glht vor unauslschlich verderblichem Feuer[429]., Wie hier
und im Liede unter dem Bild der Ratte der unglcklich Liebende verborgen
ist, so in dem Gedichte Lilis Park, das hnlicher Stimmung entsprungen
ist, unter dem des Bren, der allerdings seine menschliche Natur nicht
verleugnen kann. Er ist wirklich vom Zauber der Liebe ergriffen, der
aber hnlich wie Gift auf ihn einwirkt:

    Ich arbeite mich ab, und bin ich matt genung,
    Dann lieg ich an geknstelten Kaskaden,
    Und kau und wein und wlze halb mich tot,----[430]

Die Geliebte hat aber ihren Scherz mit ihm:

    So treibt sies fort mit Spiel und Lachen;[431]

         *     *     *

    Ha! manchmal lt sie mir die Thr halboffen stehn,
    Seitblickt mich spottend an, ob ich nicht fliehen will[432].

Das Spottlied ist verklungen, Siebel, der die Beziehung zu seinem
Zustand wohl herausgefhlt hat, darob verspottet, da treten Faust und
Mephistopheles ein. Die Burschen stellen ihre Vermutungen ber sie an;
dann versuchen sie es, die neu Angekommenen aufzuziehen, und laden sie
schlielich zu ihrem Trinkgelage ein. Auch dieser zweite Teil gipfelt in
einem Liede, zu dem Mephistopheles aufgefordert wird. Der Teufel, der,
wie er vorgibt, aus dem Lande Krugantinos kommt, ist dazu gleich bereit.
Er singt das Lied vom Floh, der Gnstling am Hofe geworden; alle
Hflinge mssen darum seine Eigenheit ertragen, keiner darf sich, was
doch sonst jedem erlaubt ist, seiner erwehren. Wir drfen nun selbst
hierbei nach der Beziehung zu dem Leben des Dichters fragen. Am 11.
Dezember 1774 hatte ihn Knebel, der Erzieher des Prinzen Konstantin von
Weimar besucht und ihn dazu vermocht, sich den beiden Weimarischen
Prinzen, die in Frankfurt angekommen waren, vorzustellen; am 13. Dez.
folgte er ihnen mit Knebel nach Mainz nach[433]. Seit dieser Zeit sind
Goethes Blicke nach Weimar gerichtet; Knebel ist es, durch den er mit
dem dortigen Hofe Fhlung zu behalten sucht[434]. In Goethes Vaterhause
entspinnt sich aber seit diesem Besuche ein eigentmlicher Streit. Dem
Sohn war die Aussicht auf den Hofdienst erffnet, der Vater wollte davon
nichts wissen und gab seine Abneigung durch volkstmliche Redensarten
kund; der Sohn blieb ihm aber die Entgegnung nicht schuldig. Daraus
entsprangen dem Dichter kleine Dialoge, die diesen Gegensatz behandeln,
und von denen er einige in seiner Lebensgeschichte mitgeteilt hat. Zu
ihnen gehrt z.B. der Reim:

    Willst du die Not des Hofes schauen!
    Da wo dichs juckt, darfst du nicht krauen![435]

Der Zusammenhang mit dem Flohlied tritt deutlich zu Tage; es ist
offenbar nur ein Niederschlag der kleinen Streitigkeiten, die damals in
Goethes Vaterhause an der Tagesordnung waren, da der frstliche Besuch
dem Sohn auf Bahnen, die den Wnschen des Vaters nicht entsprachen, eine
lockende Aussicht erffnete.

Das Flohlied ist der Hhepunkt des zweiten Teils der Scene, in der
Mephistopheles eine Hauptrolle spielt, whrend Faust, der keine Stimme
hat, ganz zurcktritt. In dem folgendem Teil tritt dagegen Faust hervor
und zwar als der Zauberer der Sage, der unter hllischer Mitwirkung zum
ersten Mal seine Zauberknste versucht. Der Teufel hat mit dem Liede
seinen Beitrag zu der Gesellschaft geliefert, Faust thuts, indem er den
Wein herbeischafft[436]. Alle Wnsche sind befriedigt, da verrt sich
durch Siebels Unvorsichtigkeit der hllische Spuk. Alle wollen ber den
Zauberer her; allein der verblendet sie so, da sie sich in ihrem Wahn
mit komischen Gebrden einander zuwenden[437]. Faust bricht endlich den
Zauber und entfernt sich mit Mephistopheles; einer hat ihn sogar auf
einem Fa hinausreiten sehen[438]. In komischer Angst brechen dann auch
die Gesellen auf, nicht ohne da Siebel noch einmal nachsieht, ob nicht
doch der Wein noch laufe.



Entstehungszeit der Scene in Auerbachs Keller.

Die Frage, wann diese Scene gedichtet sei, lt sich leicht und sicher
beantworten. Zunchst gibt uns das das Flohlied einen deutlichen
Fingerzeig; es kann nicht vor dem 11. Dezember 1774 entstanden sein;
denn erst seit dieser Zeit war dem Dichter die Aussicht auf den
Hofdienst erffnet worden, hatte der Gedanke daran fr ihn Bedeutung
gewonnen. P. Hoffmann hat nachgewiesen, da das Goethische Lied mit
Schubarts Fabel ohne Moral: Der Hahn und der Adler in Zusammenhang
steht[439]. Die Rolle, die bei Goethe der Floh spielt, hat bei Schubart
weniger geeignet der Hahn ein. Goethe hat sich nicht gescheut, hier mit
volkstmlichen Scherze in Fischarts Geiste zu ndern. Schubarts Fabel
erschien im 7. Stck der Deutschen Chronik Bd. 1. S. 55 f. vom 21. April
1774. Jedenfalls ist also nach diesem Zeitpunkt und auch nicht eher als
bis das Thema fr den Dichter eine Beziehung erhalten hatte, das
Flohlied gedichtet.

Einen weiteren Anhalt geben das Rattenlied und die ihm unmittelbar
folgenden und vorausgehenden Auslassungen; sie fhren uns mitten hinein
in die Lilische Epoche, wie Fritz Jacobi einmal die Zeit von Goethes
Liebe zu Lili Schnemann genannt hat[440]. Wann er aber solcher Stimmung
war, da er sich durch bittere Selbstverspottung von der Qual seines
Zustandes zu befreien suchte, das zeigt die angefhrte Briefstelle vom
17. September 1775. Es sind die letzten Wochen vor seiner Flucht nach
Weimar, in denen seine Pein auf das hchste gestiegen war. Vergebens war
er im Sommer in die Schweiz geflohen[441]. Mit der Rckkehr begann auch
der jhe Wechsel in der Stimmung, das Zweifeln und Qulen, die
schwebende Pein wieder. Die Briefe an die Grfin Stolberg geben davon
beredtes Zeugnis[442]. Ihren Hhepunkt erreichten die qualvollen Kmpfe
im Herzen des Dichters mit der Herbstmesse[443]. Damals ist das mit dem
Rattenlied stimmungsverwandte Gedicht Lilis Park entstanden, das mit
genialer Heftigkeit das Widerwrtige erhht und durch komisch-rgerliche
Bilder das Entsagen in Verzweiflung umzuwandeln trachtet[444]. Es ist
uns nur in seiner spteren Fassung erhalten; von der frheren drfen wir
wohl annehmen, da sie den Scherz noch derber aufgetragen habe und auch
dadurch dem Rattenlied verwandt gewesen sei.

Alles drngt uns so zu der Annahme, unsere Scene sei im September 1775
geschrieben. Nun enthlt Goethes Brief vom 17. September die Angabe:
Ist der Tag leidlich und stumpf herumgegangen; da ich aufstund, war mir
gut, ich machte eine Scene an meinem Faust. Nachdem er dann berichtet,
was er weiterhin getrieben habe, folgt die angefhrte Umschreibung des
Rattenliedes. Man hat daher allgemein sich zu der Ansicht erklrt, die
Scene in Auerbachs Keller sei in der Morgenfrhe des 17. September 1775
gedichtet[445]. Neuerdings wird diese Vermutung bezweifelt, so von E.
Schmidt,[446] weil Goethes Improvisation auf dem Zrchersee am 15. Juni
1775.

    Ohne Wein kanns uns auf Erden
    Nimmer wie dreihundert werden[447]...

nur aus dem Rundreim:

    Uns ist gar kannibalisch wohl
    Als wie fnfhundert Suen!

zu verstehen sei. Allein jener Scherz, der doch gewi nicht darauf
berechnet war, mit unserer Scene in der Hand aufgenommen zu werden,
beruht hier wie dort auf einer volkstmlichen Wendung, die dem Dichter
jederzeit gelufig war. Die Auslassung in jener ersten Fassung ist
selbst ein Scherz; die Ergnzung selbstverstndlich[448]. Auerdem ist
nicht zu verkennen, da wir es an beiden Stellen mit weiter nichts zu
thun haben als mit einer Umschreibung des ebenso volksbeliebten
Ausdrucks sauwohl, den Goethe gerade in dem Tagebuch der
Schweizerreise verschiedentlich anwendet[449]. Eine bermtig lustige
Stimmung, nur selten gemischt mit der Erinnerung an sein Weh, spricht
uns aus den wenigen abgerissenen Blttern dieses Tagebuchs an; noch
spter konnte er mit ihnen seiner Schilderung der Reise frische
Unmittelbarkeit und Lebendigkeit geben[450]. Doch mag eine andere
Beziehung zwischen jenen Reiseaufzeichnungen und der Scene in Auerbachs
Keller obwalten. Ist es nicht mglich, da die noch frische Erinnerung
an die tollen lrmenden Stunden, die er mit seinen Reisegesellen erlebt,
so da es denn einmal heit: Gejauchzt bis 12[451] mit dazu
beigetragen habe, dem lrmenden, albernen Treiben der Studenten in
Auerbachs Keller die Farbe des Lebens zu verleihen? Man denke auch an
die Wirtshausscene in Mannheim, die sich gleich beim Antritt der Reise
zwischen Goethe und den beiden Grafen Stolberg abspielte[452]. Einer von
ihnen, Fritz Stolberg, war dazu in hnlicher Lage wie Goethe;[453] auch
er konnte also zu dem komischen Bilde Siebels beisteuern. Der
burschikose Ton, der unter ihnen geherrscht haben mu, ist uns noch
heute vernehmbar, wenn wir den Brief vom 4. Oktober 1775 lesen, den
Goethe nach der Reise an Fr. L. von Stolberg und Genossen geschrieben
hat[454]. Merck hatte ihn vorher gewarnt und gar manchmal bildete er
sich ein, der Darmstdter Freund zupfe ihn am Kragen[455]. Der Dichter
brauchte also nur den Ton ihres gemeinsamen Treibens etwas niedriger zu
stimmen, die Farbe etwas derber aufzutragen; auch Erinnerungen an
studentisches Unwesen, wie er es selbst, zuletzt noch im Sommer 1772 in
Gieen, gesehen hatte, mgen Anteil an unserer Scene haben; auch darber
hatte Merck bekanntlich seinen grten Abscheu bezeugt[457].

ber die Entstehungszeit der Scene besteht demnach kein Zweifel. Sie
gehrt in die zweite dramatische Epoche des jungen Goethe der
Frankfurter Jahre. Shakespeares Geist schwebt ber ihr; wir spren die
Nhe des Egmont, der sich damals ebenfalls bildete. Sie zeigt uns den
bergang von dem Vers der satirischen Dialoge zu der Prosa dramatisch
bewegter Handlung, fr die der Dichter erst spter die entsprechende
metrische Form fand. Die Scene ist jedenfalls nach der Schweizerreise
gedichtet mit groer Wahrscheinlichkeit im September 1775. Es ist darum
ganz entsprechend, den 17. September als den Tag ihrer Entstehung
anzunehmen, obwohl der Beweis dafr nicht mit vlliger Sicherheit
erbracht werden kann. Man knnte vielleicht einwenden, die Lieder auf
die sich die Zeitberechnung vor allem sttzt, seien vor der Ausbildung
der Scene selbst gedichtet; aber dann wre das Rattenlied im September
verfat, und die Scene knnte dann nicht viel spter entstanden sein.
Vllig verkehrt wre aber anzunehmen, die Lieder seien etwa nachtrglich
in die Scene eingetragen worden; denn die beiden ersten Teile derselben
verlangen von Anfang an durchaus die Lieder und verlren ohne sie ihren
inneren Zusammenhang[458].

Nach alledem sind wir zu der Annahme berechtigt, da die Scene in
Auerbachs Keller im September 1775, vielleicht in der Morgenfrhe des
17. September vom Dichter mit rascher, glcklicher Hand hingeworfen sei.

       *       *       *       *       *

FUSSNOTEN:

[212] Vergl. meine Doktordissertation: Untersuchungen ber Goethes Faust
I. Der erste Monolog und die Erdgeistscene. Gieen 1892.

[213] S. a.a.O. S. 7.

[214] D.W. T. 4. B. 18. W. Bd. 29. S. 83 f.

[215] a.a.O. T. 2. B. 6. Bd. 27. S. 15.

[216] Scherer. Aus Goethes Frhzeit. S. 74.

[217] D.j.G. 2. 28.

[218] a.a.O. 3. 449.

[219] a.a.O. 3. 322.

[220] Ein fr Wagner hchst charakteristischer Zug, der ihn sofort im
Gegensatz zu Faust erscheinen lt. W. kennt keine andere Begeisterung
als am fremden Feuer; und auch sie ist ihm nichts weiter als eine
ntzliche Schulbung. Dasselbe setzt er auch ohne weiteres bei seinem
Herrn voraus.

[221] D.j.G. 3. 686.

[222] a.a.O. S. 687.

[223] Paralip. 1 zu Faust. (W. 14. S. 287.)

[224] Von gleicher Verachtung fr eine Dichtung, die eigens fr die
Bhne schreibt, um durch ihre uerlichen Mittel zu wirken, schreibt
Goethe im Anhang zu Mercier a.a.O. S. 687: Wer brigens eigentlich fr
die Bhne arbeiten will, studiere die Bhne, Wirkung der Fernemalerei,
der Lichter, der Schminke, Glanzleinewand und Flittern, lasse die Natur
an ihrem Ort, und bedenke ja fleiig, nichts anzulegen, als was sich auf
Brettern zwischen Latten, Pappendeckel und Leinwand, _durch Puppen_, vor
Kindern ausfhren lt.

[225] Vergl. Andre bei Herder W. 11, S. 118:

    Drum wnsch ich, da all meine G'sellen
    Ihn'n auch abtrennen lan die Schellen.


[226] Ganz anders dachte bezeichnender Weise z.B. Bahrdt ber
Deklamation und Aktion; Leben. 2, S. 148.--ber die berchtigte Stelle
seiner Homiletik (1773) und die Beziehung, die unsere Stelle offenbar
darauf haben mu.

[227] Vergl. auch Sauers Einleitung zu den Strmern und Drngern,
Krschner, Deutsche Nationallitt. Bd. 79 I. S. 33 f.

[228] D.j.G. 3. 686.

[229] a.a.O. 2. 40.

[230] a.a.O. 3. 686.

[231] a.a.O. 3. 245.

[232] a.a.O. 2. 212.

[233] Br. 2. Nr. 338. S. 282.

[234] Paralip. 1. W. 14. S. 287.

[235] Vergl. Dauer im Wechsel. (W. 1. S. 120.) zur Zeit der dritten
Beschftigung mit Faust gedichtet.

[236] Schon im Journal der Reise von 1769: Sich vor einer Gewohnheits-
und Kanzelsprache in Acht zu nehmen, immer auf die Zuhrer sehen, fr
die man redet, sich immer in die Situation einpassen, in der man die
Religion sehen will, immer fr den Geist und das Herz reden: Das mu
Gewalt ber die Seelen geben! oder nichts gibts! Hier ist die vornehmste
Stelle, wo sich ein Prediger wrdig zeigt. Hier ruhen die Stbe seiner
Macht.--W. Bd. 4. S. 370.

[237] Herders Ansichten in dieser Sache hatte Goethe bereits in
Straburg erfahren, wo er auch Gelegenheit hatte, die Art seines
Vortrages kennen zu lernen. Er schreibt darber: Seine Art zu lesen war
ganz eigen; wer ihn predigen gehrt hat, wird sich davon einen Begriff
machen knnen. Er trug alles ernst und schlicht vor; vllig entfernt von
aller dramatisch-mimischen Darstellung, vermied er sogar jene
Mannigfaltigkeit, die bei einem epischen Vortrag nicht allein erlaubt
ist, sondern wohl gefordert wird: eine geringe Abwechselung des Tons
u.s.w. (D.W. T. 2. Bd. 10. W. 27. S. 341.)--ber den Geist, der in
dieser Hinsicht im Straburger Kreise herrschte, berichtet er mit
Anfhrung der alten Lesart aus der Wagnerscene: Schon frher und
wiederholt auf die Natur gewiesen wollten wir daher nichts gelten lassen
als Wahrheit und Aufrichtigkeit des Gefhls, und der rasche derbe
Ausdruck desselben,

    Freundschaft, Liebe, Brderschaft,
    Trgt die sich nicht von selber vor?

war Losung und Feldgeschrei, woran sich die Glieder unserer kleinen
akademischen Horde zu erkennen und zu erquicken pflegten. (a.a.O. T. 3.
B. 11. W.B. 28. S. 57.) Herders Fragmente las er in Wetzlar zum ersten
Mal und nichts geno er daraus inniger, als das wie Gedank und
Empfindung den Ausdruck bildet. (Br. 2. N. 88. an Herder Mitte Juli
1772. S. 18.)

[238] F.G.A. N. 60. den 28. Juli 1872--S. 392. Z. 25 ff.--393. 3. ff. 22
ff.--Vergl. Haym, Herder Bd. 1. S. 601 ff.

[239] Vergl. noch a.a.O. S. 393. 26 f. 35 f. 395. 15.

[240] Thomas, essais sur le caractre etc.--Die Rezension wird von R.
Steig, Vierteljahrschr. f. Litt.-Gesch. 5, 223 ff. fr Herder nicht in
Anspruch genommen.

[241] a.a.O. S. 666.

[242] W. Bd. 7. S. 219.

[243] Vergl. noch D.j.G. 2. 216. v. d. Hellen, S. 49. Br. 2. N. 216. S.
155.

[244] D.j.G. 3. 207. vergl. auch 2. 202 f.

[245] Br. 2. 266 a. S. 327.

[246] Ein Ton, den besonders Voltaire angeschlagen hatte; vergl. z.B.
15. Haym, Herder Bd. 1. S. 544.

[247] F.G.A. S. 222. 18 ff. (Vergl. auch 223. 36 ff. N. 24. den 28.
April 1772.)

[248] a.a.O. S. 271. 6 ff. (N. 41. den 22. Mai 1872.) Die Abneigung, in
diesen Geheimnissen zu lesen, ist Goethe zeitlebens geblieben; vergl.
das Gesprch mit Luden vom 19. August 1806. (Gespr. 2. S. 82.)

[249] a.a.O. S. 270. 7 ff.

[250] a.a.O. S. 295. 5 ff.

[251] a.a.O. S. 321. 6 f. (Nr. 49. den 19. Juni 1772.)

[252] D.j.G. 2. 206 ff.

[253] Noch 1776 klingt dies Thema nach und an die Fauststelle an in dem
Schreiben an Herder, da es sich um seine Berufung nach Weimar handelte:

    Und im Grund weder Luther noch Christ
    Im mindesten hier gemeinet ist,
    Sondern was in dem Schpsen-Geist
    Eben lutherisch und christlich heit.

Br. 3. N. 404 vor 20. Februar 1776? S. 33. 5 ff.

[254] F.G.A. S. 453. 35 ff. (N. 69. den 23. August 1772.)

[255] a.a. O. S. 455. 36.--Vergl. auch Hamann 2. S. 289.

[256] a.a.O. S. 356. 2. (N. 54. den 7. Juli 1772.)

[257] a.a.O. S. 482. 36. (N. 73. den 11. September 1772.)

[258] Vergl. die oben angefhrte Stelle. (F.G.A. S. 222. 32 f.)

[259] a.a.O. S. 553. 20 ff. (N. 54 den 7. Juli 1772.)

[260] a.a.O. S. 354 35 ff.

[261] a.a.O. S. 230. 28 ff. (N. 35. den 1. Mai 1772.)

[262] a.a.O. N. 355. 37 f.

[263] a.a.O. S. 490. (N. 74. den 15. September 1872.)--vielleicht auch
S. 477. 4 f. (N. 72. den 8. Sept. 1772.)

[264] D.j.G. 2. S. 391.--Noch spter nennt er in der Farbenlehre bei der
Charakteristik des 18. Jahrhunderts es das selbstkluge.

[265] W. Bd. 6. S. 203 f.

[266] Vergl. Suphan in der Vierteljahrschr. f. Litt.-Gesch. Bd. 1. S.
527.

[267] In den Zustzen zum dritten Abschnitte;--vergl. Haym, Herder, Bd.
1. S. 538 ff.

[268] W. Bd. 28. S. 281.

[269] D. W. am Anfange des 17. B. W. Bd. 29. S. 37.

[270] B. 7. W. Bd. 27. S. 146.

[271] Von 1765. S. 128-131.--Die bedeutende Stelle ist von Heyne.

[272] W. Bd. 27. S. 226 f.

[273] a.a.O. S. 682 ff. (N. 103. den 25. Dez. 1772 u. 104 den 29. Dez.).
Das Werk heit: Erfahrungen und Untersuchungen ber den
Menschen.--(Vergl. auch Scherer in der Einl. S. XC.)

[274] a.a.O. S. 688. 4 ff.

[275] D.j.G. 2. S. 226. Vergl. auch 3. S. 439. die Verse im ewigen
Juden:

    Es waren, die den Vater auch gekannt.
    Wo sind sie denn? Eh, man hat sie verbrannt.

--und Br. 2. N. 270. vom 23. Dez. 1774. S. 218. 7 ff.--Der junge G. hat
also doch thricht geschrieben, (V. 238 = 591.) und nicht khn, wie
Vischer, G. Faust, N. Beitrge u.s.w. N. 272 annahm. Es ist aber ja gar
nicht so bs gemeint, da er Vischers Strafrede verdient htte.

[276] D.j.G. 2. S. 16 ff.

[277] Vergl. Rosenkranz, G. u. seine Werke, Knigsberg 1847. S.
406.--Der nchterne Verstand, der doch fr die rmlichkeiten seiner
Forschung schwrmen kann, u.s.w.

[278] So Herder in den F.G.A. S. 456. 34.

[279] Herder W. 1. S. 256.

[280] Goethe Br. 2. Nr. 85. (Ende 1771.) S. 12. 14 ff.

[281] W. Bd. 28. S. 161. (D. W. 37. B. 12.)

[282] Vergl. auch Br. 2. N. 116. vom 25. Dez. 1772. S. 51. 4 ff.

[283] Neudruck S. 63. 24 ff.: solch ein Bursch, den die lungenschtigste
Imagination nicht krppelhafter zusammenstoppeln kann das non plus ultra
von Armseligkeit, der Plauderer, Nichtswisser; die Nachlese des
menschlichen Verstandes!--s. G. J. 1. 181.--Noch schrfer nimmt ihn
Mller von Itzehoe in seinem Roman Siegfried von Lindenberg (Krschner
Bd. 57. S. 360 f.) vor:----Der Lumpensammler am Parna, der ohne
Unterla vor den Thren der Gelehrten herumschleicht, und hinter ihren
Grten, dort das Kehricht, und hier den Misthaufen durchwhlet, ob er
irgend einen kassierten Brouillon oder sonst einen verworfenen Lumpen
von einem Gedicht aufstbern kann u.s.w.

[284] Das hat im Grunde Weie, Kritik und Erklrung des G.F. Leipzig
1837. S. 85 schon richtig erkannt, wenn er in unserer Scene bei aller
schlagenden Kraft und epigrammatischen Schrfe im Grunde nur die
Gemeinpltze der sogenannten Genieperiode findet.

[285] Man darf auch die erste Scene von Erwin und Elmire zum Vergleiche
herbeiziehen, in der Olympia mit unmutigem Eifer die moderne Erziehung
bekmpft und alle Einwendungen ihrer Tochter zurckweist; (z.B. die Art
des Einwands d.j.G. 3. 508. Unsre Kenntnisse, unsre Talente!). Erwin
reicht in seinen Anfngen bekanntlich bis 1773 zurck.

[286] Gegen die uerliche Verwendung der Parallelstellen wendet sich
mit Recht z.B. Braitmaier Goethekult. u. Goethephilologie, Tbingen
1892. S. 23.

[287] G. J. 6. S. 309. u. V. J. Schr. f. Litt.-gesch. 1. S. 525 ff.

[288] W. Bd. 7. S. 304 unten.--Vergl. auch Huther, Herder im Faust, (Z.
f. d. Ph. Bd. 21. S. 329 f.) der ganz irrig von gekruseltem
_Schnitzel_werke spricht und in Folge dessen den Ausdruck vllig falsch
erklrt.

[289] Noch deutlicher ist das Bild in den Entwrfen von 1773. Bd. 7. S.
189: Mglich? ich glaube vielmehr, es wre die einzige wahre, wenn sie
uns nicht gerade abgekehrt und das gekreiselte, schwache Schnitzwerk der
Philosophie, an dem uns aber das rechte Gef gerade vor der Hand
abbricht, uns vorstnde.

[290] Vergl. auch Koegel in der Viertelj.-schr. f. Litt.-gesch. 1. S.
60.

[291] W. 1. S. 365.

[292] Auch eine Phil. d. Gesch. u.s.w. Hempel. W. B. 21. S. 159.

[293] Br. 3, N. 514. vom 16. Sept. 1776. S. 111.

[294] Br. 3. N. 729 vom 5. Aug. 1778.--S. 238.--

[295] Wagner 1. S. 188. 290. 339.

[296] Wieland an Merck am 3. Aug. 1872.

[297] D.j.G. 1. S. 116 u. W. Bd. 9. V. 53. S. 5.

[298] Br. 2. N. 272. S. 221.

[299] v.d.H. S. 207.

[300] D.j.G. 3. S. 580.

[301] F.G.A. S. 540. 9. (N. 82. den 13. Okt. 1772.)

[302] D.j.G. 2. S. 209.

[303] Br. 1. N. 51. S. 200.

[304] Vergl. auch die wohl auch Goethische Wendung: den Sand
aufgeraffter Formeln und Floskeln gaffenden Jnglingen vom Katheder ins
Gesicht werfen. (F.G.A. S. 426. 34 ff. N. 65. den 14. Aug. 1772.)

[305] W. Bd. 7. S. 219.

[306] D. W. T. 2. Bd. 10. (W. Bd. 27. S. 541.)

[307] V.-j.-schr. f. Litt.-gesch. Bd. 1. S. 528.

[308] F.G.A. S. 271. 6 ff.

[309] W. 2. S. 19.

[310] S. 18.

[311] Ein abschreckendes Beispiel jener Sucht, berall angebliche
Parallelstellen aufzuspren, die dem Dichter natrlich bei seinem Werke
vorgeschwebt haben, auf die man hin kecklich die Entstehungszeit ganzer
Scenen festsetzt, gibt Huther in dem oben angefhrten Aufsatze. Er
versteigt sich zu der Behauptung: der Dichter dramatisiert von hier an
bis zum Ende der ganzen Scene die von Herder in den Provinzialblttern
gefhrte Polemik gegen den von Spalding in dessen Buch von der
Nutzbarkeit des Predigtamtes vertretenen theologischen Rationalismus
u.s.w. (a.a.O. S. 330.). hnlich macht es z.B. auch Biedermann mit dem
Satyros; Stellen Basedowscher Schriften sind nach ihm die Vorlage fr
einzelne und darunter gerade die schnsten und empfundensten Stellen
jener Dichtung. Geht das so fort mit dieser klglichen, ganz
undichterischen Auffassung der Werke unseres Dichters, so ist er bald
nur noch als der zu betrachten, der eine Reihe Prosaschriften der Zeit
in schne Verse gebracht!

[312] an W. v. Humboldt d. 17. Mrz 1832.

[313] F.G.A. S. 579 unten u. 580. 1 ff. (N. 88 d. 3. Nov. 1772.)

[314] Vergl. meine Dissertation S. 76 ff.

[315] V. 1770-1867.

[316] V. 249-266 = 1868-1895.

[317] Vergl. V. 403.

[318] Darum hat auch spter, nachdem der erste Teil gestrichen war,
diese Frage (V. 196 f.), die dadurch am Ende der Einleitung steht, dort
keine rechte Stelle mehr und ihre alte Bedeutung damit eingebt.

[319] Goethes F. in ursprnglicher Gestalt u.s.w. S. XXV.--hnlich auch
Weltrich, wenn er den Witz hier studentisch grn nennt (Magazin fr d.
Litt. d. In- u. Ausl. Jahrg. 57. (1888.) S. 254). Vergl. ferner Seuffert
Vj.-schr. f. Litt.-gesch. 4. 340.

[320] E. Schmidt: ebenda.

[321] Grenzboten, Jahrg. 46 (1887) 4. S. 16 (K. Fr. Bahrdt).

[322] Laus Metaphysices in consessu Metaphysicorum recitanda; ebenfalls
in einer Form abgefat, die in den Kmpfen des Humanismus und der
Reformation viel gebraucht worden war. ber Klotz vergl. z.B. Ebeling,
Geschichte der Komischen Litteratur in Deutschland seit der Mitte des
18. Jahrhunderts Bd. 1. S. 210 ff.

[323] Ein bezeichnendes Beispiel dazu ist seine lcherliche Nachahmung
des Winckelmannischen Enthusiasmus bei der Bewunderung der Venus
Kallipygos! (Lessing, Entwrfe zur Fortsetzung der Briefe
antiquarischen Inhalts Nr. XCV; W. Bd. 13. Hempel.)

[324] Prutz in Raumers Historischen Taschenbuch 1850. S. 662.

[325] S. 284 f. Nr. 43. den 29. Mai 1772.

[326] S. 670 f. Nr. 101. den 18. Dezember 1772.

[327] W. Bd. 4. S. 3 ff. vergl. Haym, Herder u.s.w. Berlin 1880. Bd. 1.
S. 248 ff.

[328] S. 297 f. N. 45. den 5. Juni 1772; vergl. Scherer S. LXXXI.

[329] Ebeling a.a.O. S. 402.--E. Schmidt in d. Allgem. Deutschen
Biographie.

[330] D.W. T. 3. B. 14. W. Bd. 28. S. 294 ff.

[331] D.W. T. 3. B. 13. W. Bd. 28. S. 186.

[332] Vergl. Kawerau a.a.O. S. 17.

[333] K. Fr. Bahrdt, Geschichte seines Lebens u.s.w. 1. 387.

[334] a.a.O. 2. 7.

[335] Vergl. v. Gehrens Artikel bei Ersch und Gruber u. besonders
Erhards Anmerkung ber die Erfurter Zeit.

[336] Bahrdt, Gesch. s. Lebens u.s.w. Bd. 2. S. 32.

[337] a.a.O. S. 182 f.

[338] Br. an Bahrdt. 1. 168 f. Vergl. Scherers Einl. zu Seufferts
Neudruck der F.G.A. S. XLVIII ff.

[339] S. 29 ff. N. 5 d. 17. Januar 1772.

[340] a.a.O. S. XLIX.

[341] a. a. O. S. XVII.

[342] N. 49 den 19. Juni 1772.

[343] Scherer S. LXXXII denkt an Herder; vergl. Minor Studien 110 f.
Steig in der Vjschr. f. Litteraturgesch. 5. 223 weist sie dagegen Herder
nicht zu.

[344] a.a.O. S. 319. Z. 32 ff.

[345] Leben 2. S. 244; ber den Jahrgang 1773 der F.G.A. vergl. Scherer
a.a.O. S. LXXIV.

[346] Frank in Raumers Histor. Taschenbuche 1866. S. 232.

[347] Briefe an B. 2. 157 f. 172.

[348] Vergl. auch Lebensgesch. 2. S. 149.

[349] D.j.G. 2. 380 ff.; vergl. D.W. T. 3. B. 13. W. 28. S. 236.

[350] Aus Goethes Frhzeit, S. 34 f.; dazu F.G.A. S. XXX. Der
Marktschreier ist dann aber Deinet, nicht aber der Gieener Schmid, der
nur unter der Maske des Wagenschmiermanns zu suchen ist.

[351] D.W. T. 3. B. 14. W. 28. S 258.

[352] a.a.O. B. 13. Da ihn Goethes Angriff empfindlich getroffen und er
ihn auch so bald nicht verga, beweisen die Bemerkung in seiner Allgem.
Theolog. Bibliothek II. 323 und die spter entworfene Charakteristik
Goethes im Kirchen- u. Ketzeralmanach aufs Jahr 1781; vergl. Frank
a.a.O. S. 238. 287.

[353] Da er ihn nicht so bald verlernt habe, bezeugt er selbst in
seiner Lebensgeschichte 2 S, 12 f.

[354] Vergl. die V. 1232 f. = 3540 f. der Gretchentragdie:

    Sie fhlt, da ich ganz sicher ein Genie,
    Vielleicht wohl gar ein Teufel bin.


[355] Man beachte berhaupt die hnlichkeit des Prologs mit der
Schlerscene in der ueren Anlage: Besuch bei einem Professor.

[356] Br. an Bahrdt 2, S. 167. 169.

[357] D.W. T. 2. B. 6. W. 29. S. 41 f.

[358] a.a.O. S. 42.

[359] Br. 1. No. 4; den 13. Oktober 1765. Nachschrift. S. 11. Z. 5 ff.

[360] a.a.O. N. 6. S. 14. Z. 17 ff. und No. 7. S. 17. Z. 14 ff.

[361] F.G.A.N. 101, den 18. Dezember 1772. S. 667. Z. 31 ff.

[362] Vergl. das Gedicht Elysium an Uranien: (D.j.G. 2. 22 ff.) Uns
gaben die Gtter Auf Erden Elysium. Dazu seinen Schlu: Ach, warum nur
Elysium!--Da die Poesie des j.G. nicht allzusehr in Empfindsamkeit
zerflo, dafr sorgte schon Shakespeares gewaltige Erscheinung. Man lese
nur den Schlu der Shakespeare-Rede! (a.a.O. 2. 43.)

[363] Vergl. Haym, Herder 1. 577. Mit dem ganzen Menschen zu wirken, zu
leiden, zu genieen--dieser Drang war in tieferen Geistern wie Hamann,
erwacht. Er machte sich in der Dichtung des jungen Goethe in
ergreifenden Offenbarungen Luft.

[364] F.G.A. N. 78 vom 29. September 1772. S. 517. Z. 15 ff. vergl.
Scherer S. LXXXIX.

[365] a.a.O. N. 104 vom 29. Dez. S. 688 oben. Vergl. Scherer S. XC.

[366] D.W. T. 3. B. 11. W. 28. S. 9. f.

[367] a.a.O. B 15. W. 28. S. 338 f.

[368] Vergl. z.B. Schubarth, ber Goethes F. Berlin 1830. S. 228.

[369] Erweitern ist ein charakteristischer Lieblingsausdruck des jungen
Goethe der Jahre 1771-1775; z.B. d.j.G. 2. 40. (zum Shakespearetag):
ich fhlte aufs lebhafteste meine Existenz um eine Unendlichkeit
erweitert; a.a.O. 3. 419 (Klavigo). Mge deine Seele sich
erweitern--hnlich ebenda 377 oben; 3. 305 (Werther) s. Geist zu
erweitern; 3. 449 (Prometheus): Vermgt ihr mich auszudehnen, erweitern
zu einer Welt. (Vergl. dazu F. G. A. S. 518. Z. 2. in einer offenbar
Goethischen Rezension: Das Ausdehnen der eignen Existenz--)--Br. 2. N.
266. S. 212 unten (v. 5. Dez. 1774.): und dieses enge Dasein hier zur
Ewigkeit erweitern. (Vergl. auch die hnlichen Wendungen Br. 2. N. 88.
S. 173. 15 f. d.j.G. 3. 162. Knnt ich doch ausgefllt einmal u.s.w.)

[370] So wandte man sich in jener fordernden Epoche schlielich an das
Genie, das durch seine magische Gabe den Streit schlichten und die
Forderungen leisten wrde. (D.W. T. 3. B. 15. W. 28. S. 340.)

[371] Vergl. Br. 2. N. 266 v. 5. Dez. 1774 S. 212:

    Ich zittre nur, ich stottre nur,
    Ich kann es doch nicht lassen,
    Ich fhl, ich kenne dich, Natur,
    Und so mu ich dich fassen.


[372] D.W. T. 3. B. 11. W. 28. S. 7.

[373] a.a.O. S. 360.

[374] Br. 1. No. 6 den 21. Oktober 1765. S. 14 Z. 15. D.W. T. 2. B. 6.
W. 27. S. 53.

[375] v.d.H. S. 40 (Lavater I. 21. 17-19.). Dieser Satz steht in einer
der Zugaben, die Goethe nach v.d. Hellen am 23. Januar 1775 abschickte,
(a.a.O. S. 28.)

[376] D.W. a.a.O. S. 53.

[377] S. schon das Leipziger Gedicht: Die Freuden (d.j.G. 1. 103), dazu
Br. 1. N. 63 v. 14. Juli 1770. S. 239. 33 ff.--D.W. T. 1. B. 4 W. 26. S.
187. Da ja selbst Naturforscher fter durch Trennen und Sondern als
durch Vereinigen und Verknpfen, mehr durch Tten als Beleben sich zu
unterrichten glauben.

[378] D.j.G. 2. 206.

[379] a.a.O. 3. 694. (Gebet.)

[380] In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in einer
Verbindung mit dem Ganzen steht,------es ist nur die Frage: Wie finden
wir die Verbindung dieser Phnomene, dieser Begebenheiten? (Der Versuch
als Vermittler von Objekt und Subjekt. 1773. Hempel, W. 34. S. 70.)

[381] Mit schlielicher Beziehung auf die alte Lesart im F. an unserer
Stelle sprach sich G. spter also aus: Unsre Naturforscher lieben ein
wenig das Ausfhrliche. Sie zhlen uns den ganzen Bestand der Natur in
lauter besonderen Teilen zu und haben glcklich fr jeden besonderen
Teil auch einen besonderen Namen. Das ist Thonerde, das ist Kieselerde!
Das ist dies und das ist das! Was bin ich aber nun dadurch gebessert,
wenn ich auch alle Benennungen innehabe? Mir fllt immer, wenn ich
dergleichen hre, die alte Lesart aus F. ein: Encheiresin u.s.w. Was
helfen mir denn die Teile? was die Namen? Wissen will ich, was jeden
einzelnen Teil so hoch begeistigt, da er den andren aufsucht, ihm
entweder dient oder ihn beherrscht, je nachdem das allem ein- und
aufgeborene Vernunftgesetz den zu dieser, den zu jener Rolle befhigt.
Aber gerade in diesem Punkte herrscht berall das tiefste
Stillschweigen.

[382] W. 1. 255.

[383] Br. vom 21. Januar 1832 an Wackenroder. (Mller, Goethes letzte
litterarische Thtigkeit. S. VIII.)

[384] Vergl. Hamann W. 4. 27: Ja wit ihr endlich nicht, Philosophen,
da es kein physisches Band zwischen Ursache und Wirkung, Mittel und
Absicht gibt, sondern nur ein geistiges, nmlich des Khlerglaubens?--(S.
auch Herder W. 6. 202 f. 266 f.)

[385] F.G.A. S. 580. Z. 25 ff. u. S. 666 oben.

[386] D.j.G. 2. 231.

[387] Den verfluchten Mechanismus unsrer mit aller Macht neuen
Philosophie, wie es Hamann nennt. (W. 1. 413.)--Allein--heit es in
einer gewi Goethischen Rezension, die wir schon oben anziehen
konnten--man mu nicht durch das System, und htte mans auch selbst
gemacht, sondern mit bloen, leiblichen Augen in den Menschen sehen.
(F.G.S. 517. Z. 9. ff.--Systemateley bildet er weiter unten dafr;
vergl. Scherer S. LXXXIX.) Ebenso spricht auch wohl Goethe S. 521. Z. 21
f.: Er mte wissen, da die Natur zu allen Systemen zum Voraus Nein
gesagt------(s. Scherer S. LXXXIX). In der Baukunst (D.j.G. 2. 297.)
spottet er ber die Atmosphre des Systems; vergl. auch a.a.O. S. 124.
Z. 3 f.--

[388] Zu dem vom Dichter gebrauchten Bilde, vergl. a.a.O. S. 224:--es
mag den Jngern dabei der Kopf gedreht haben, wie selbigen ganzen Abend,
denn sie verstunden nicht eine Silbe von dem, was der Herr sagte.

[389] Das Fragment hat hier bereits bezeichnender Weise gendert, da
damals die Satire auf akademische Verhltnisse fr den Dichter in den
Hintergrund getreten war.--In den F.G.A. S. 482 (Schreiben ber den
Homer N. 73) spricht G. von dem unbedeutendem Tone Professorlicher
Tugendlichkeit. Man beachte auch, wie in dieser Rezension der
Professortitel spottend wiederholt wird. (S. 481. Z. 8. 28, 482. Z. 5,
10, 16. 483. Z. 6.)

[390] Zu V. 415. 416 = 2021. 2022 vergl. den hnlichen Rat fr Faust:
(V. 2062; zuerst im Fragment V. 541.) Sobald du dir vertraust, sobald
weit du zu leben; s. auch Paralip. 9. W. 14. 289.--Zu V. 411. 412 =
2017. 2018: Doch der den Augenblick ergreift, da ist der rechte Mann.
Vergl. v.d.H. S. 188. Lavater II. 254. 12 ber Scipio: Unbeweglich in
seinen Verhltnissen ist der Mann, stets den Augenblick ergreifend,
u.s.w. (Dazu v. d. Hellen S. 186 und Br. 2. N. 354 an Lavater vom 8.
September 1775. S. 286. Z. 19.)

[391] a.a.O. S. 614. Z. 34 ff. vergl. Scherer XC.--S. auch Herder zu
Dalbergs Betrachtungen ber das Universum: Eben die Kontrariett im
Menschen ist das Siegel Gottes in unserer Natur, der Baum der Erkenntnis
Gutes und Bses in einen ewigen Baum des Lebens verwandelt. (Hempel W.
Bd. 17. S. 462.)

[392] a.a.O. S. 554. Z. 24 ff. 555. Z. 2 ff.

[393] a.a.O. S. 672. Z. 8 ff.; vergl. Scherer S. LXXXVII.

[394] a.a.O. S. 665. Z. 25 ff.; vergl. auch Br. 2. N. 180 an Rderer,
Herbst 1773. S. 120. Z. 15 f.--Dazu Haym, Herder, Bd. 1. 499 f.

[395] Vergl. Herder zu Dalbergs Betrachtungen ber das Universum:
(Hempel Bd. 17. S. 460) alle Philosophie also, die von sich anfngt und
mit sich aufhrt, ist von ihrer Muhme, der Schlange.

[396] Das verkennt z.B. Dntzer, Deutsche Nationallitteratur Bd. 93.
Goethes Werke XII. S. 83.

[397] Auch in seinem Gtz hat z.B. der junge Dichter dem Jugendlichen in
sich selbst Ausdruck verliehen, indem er den Haupthelden jugendliche
Nebenpersonen zur Seite gab. (Georg u. Franz.)

[398] W. Bd. 14. S. 287. (Paralip. 1.)

[399] Vjschr. f. Litt.-gesch. 4. 336 f.

[400] W. Bd. 11. 103 ff.

[401] Man vergleiche auch, wie in den Biblischen Fragen Vater und Sohn
einander gegenberstehen, und wie der erstere den sehr selbstbewuten
Sohn, der eben von der Universitt zurckgekommen ist, in hnlicher
Weise zu belehren sucht. (D.j.G. 2. 231.)

[402] Man vergl. Erwins Verkleidung als Eremit in Erwin u. Elmire, den
Krugantino in Klaudine von Villa Bella und die Vermummung des Hauptmanns
im Pater Brey.

[403] Vjschr. f. Litt.-gesch. 4. 317 ff.

[404] Gespr. Bd. 7. S. 10.

[405] 339. 340 = 1902. 1903, aber seit dem Fragment an andrer Stelle.

[406] a.a.O. S. 322.

[407] Vergl. Pniowers Einwand a.a.O. S. 323.

[408] V. 1904 ff.:

    Ich bin dabei mit Seel und Leib
    Doch freilich wrde mir behagen
    Ein wenig Freiheit und Zeitvertreib
    An schnen Sommerfeiertagen.


[409] V. 1909.

[410] Pniower a.a.O. S. 326 meint V. 317 ff. sei die Ausdrucksweise so
unklar, da die Interpretation der Worte auf nicht geringe
Schwierigkeiten stoe. M. aber, der den studentischen Tisch im Gegensatz
zu der Mutter Tisch spottend beschreibt, will mit den Versen Hammel und
Kalb kren ohne End, als wie unsers Herr Gotts Firmament, doch nur
sagen, der Student msse sich Hammel- und Kalbfleisch so endlos whlen,
wie auch das Himmelsgewlbe es sei.

[411] a.a.O. S. 327.

[412] In Gtz (A.) ist es in 16 Fllen, in G. (B.) aber ber 40 mal
ausgelassen; denn gerade seit 1773 schpft G. mehr als je aus der
Sprache des Volks und des 16. Jahrhunderts.

[413] a.a.O. S. 332 f.--Es geschieht seiner offenbar Erwhnung in dem
Br. an B. Jakobi v. 29. Nov. 1773 (2 N. 187. S. 128. Z. 4 ff.) Auf
Fanacht knnts anmarschieren--meint der Dichter; dasselbe in dem
Sylvesterbrief an B. Jacobi (2. N. 197. S. 138. Z. 9). Im Mrz 1774 ist
aber das versprochene Fastnachtstck immer noch nicht fertig (Br. 2. N.
213 an J. Fahlmer S. 153. Z. 5 ff.); auch schlielich auf Ostern noch
nicht; s. Br. 2. N. 215. S. 154. Z. 13 ff. u. N. 217. S. 158. Z. 16 ff.
So erhielt das Stck schlielich die Bezeichnung: Ein Fastnachtsspiel
auch wohl zu tragieren nach Ostern u.s.w.. G. berlie es bekanntlich
Klinger mit den brigen Farcen des Neuerffneten moralisch-politischen
Puppenspiels zur Verffentlichung.

[414] Was auch Pniower S. 333 annimmt; s. dagegen Dntzer, Neue Beitrge
z. Goetheforschung. 1891. S. 199 ff.

[415] Gegen Pniower a.a.O. S. 225.

[416] D.j.G. 3. 180.

[417] a.a.O. 3. 494 ff.

[418] S. Abeken, Goethe in den Jahren 1771-1775. S. 270 f.

[419] D.j.G. 2. 212.

[420] Br. 2. N. 348. S. 282. Z. 12 ff.

[421] Gespr. 2. 76.

[422] Vjschr. f. Litt.-gesch. 4. 339.

[423] Aber nicht nur stehen diese beiden mit einander in innerem
Zusammenhang, sondern sie spinnen auch den Faden, weiter, der sich
bereits durch die erste Hauptmasse zieht. Faust d.h. der geniale,
hochstrebende Mensch gert mit seinem _Lebens- und Schaffensdrang_ in
Widerstreit mit den Schranken seiner Natur; er begehrt von jenem erfllt
das Unmgliche und wird berall abgewiesen. In den beiden folgenden
Scenen kmpft nun der schpferische Geist des Dichters, den er
nicht nur Faust, sondern sogar dem _Teufel_ gegeben hat, gegen
das Unschpferische, Unfruchthare, Leblose an. Dem gleichen Geiste sind
demnach die erste Hauptmasse und die Wagner- und Schlerscene
entsprungen. Wir drcken den Kern ihres Inhalts so aus: Das
Schpferische im Menschen d.h. das Gttliche im Widerstreit mit den
Grenzen seiner menschlichen Natur (1. Monolog u. Erdgeistscene; vergl.
auch Werther.)--Das Schpferische im Kampf mit dem Unschpferischen,
das, insofern es anmalich alles erfllt, dem Genialen auch eine Art
Schranke errichtet, die es zwar mit leichter Mhe niederreit, die aber
ebenso rasch wieder hergestellt wird. (Wagner- u. Schlerscene.)

[424] Seuffert a.a.O. S. 342.

[425] Treffend bemerkt Schiller in dem Br. vom 26. Juni 1797: Der
Teufel behlt durch seinen Realism vor dem Verstand, und der Faust vor
dem Herzen recht. Darauf Goethe am nchsten Tage: So werden wohl
Verstand und Vernunft, wie zwei Klopffechter, sich grimmig
herumschlagen, um abends zusammen freundschaftlich auszuruhen.--Man
vergl. auch Hebbels Wort: Gott teilt sich nur dem Gefhl, nicht dem
Verstande mit; dieser ist sein Widersacher, weil er ihn nicht erfassen
kann. Das weist dem Verstande den Rang an. (Tagebcher 1. S. 109.)

[426] Auf eine ursprngliche Verbindung zwischen Erdgeist und Teufel hat
bekanntlich zuerst Ch. H. Weie, Kritik und Erluterung des Goetheschen
Faust, Leipzig 1837. S. 86 ff. aufmerksam gemacht; er zog aber bereits
den falschen Schlu, dem Erdgeist sei eine wiederholte Erscheinung und
berhaupt eine wesentlichere Rolle zugedacht gewesen.

[427] Vergl. G. J. 3. 341.

[428] Vergl. z.B. K. Fischer, Goethes Faust (3. Aufl.) Bd. 2. S. 28.

[429] Br. 2. N. 335. S. 292. Z. 23 ff.

[430] D.j.G. 3. 189.

[431] a.a.O. S. 190.

[432] S. 191.--Vergl. auch Pniower, Zwei Probleme des Urfaust, Vjschr.
f. Littgesch. 3. 149.

[433] D.W. T. 3. 15. W. 28. S. 315 ff.

[434] Vergl. Br. 2, N. 273 vom 28. Dez. 1774; N. 278 vom 13. Jan. 1775;
N. 320 vom 14. April; auch N. 328 vom 3. Mai; N. 334 vom 4. Juni; N. 342
vom 1. Aug. und schlielich N. 361 Mitte Oktober 1775 mit der Meldung
seiner Ankunft.

[435] D.W. T. 3. B. 15, W. 28. S. 322 oben.

[436] Vergl. das Volksbuch von 1587 Neudruck S. 185.--Diese Rolle ist
ihm brigens bereits im Fragment als seiner nicht wrdig wieder
genommen.

[437] Vergl. den Weinrebenzauber Vjschr. f. Littgesch. 1. 470. u.
Schrer in seiner Ausgabe 1. 143.

[438] Volksbuch von 1587. Neudruck S. 130; V. des christl. Meinenden
Neudr. S. 15.

[439] Vjschr. f. Littgesch. 2. 160.

[440] Briefe an u. von Merck (Wagner 2. 123.)

[441] Br. 2. N. 343 vom 3. August 1775. S. 273. Z. 16 ff.

[442] Vergl. Br. 2. N. 340 vom 25. Juli; N. 343 vom 3. August; N. 355
vom 14.-19. Sept. 1775.

[443] D.W. T. 4. B. 19. W. Bd. 29. S. 158. Sie begann am 10. September.

[444] D.W. T. 4. B. 19. W. Bd. 29. S. 159 unten.--Vergl. auch das Schema
zu B. 17. a.a.O. S. 213, in dem G. das Gedicht in die Zeit der
Michaelismesse setzt; dagegen frher v. Loeper Anm. 730 zu D.W. und in
der Ausgabe der Gedichte 2. 335, der sich, ehe aber noch jenes Schema
bekannt geworden war, fr die Zeit der Ostermesse entschieden hatte.

[445] Vergl. z.B. K. Fischer, Goethes Faust nach seiner Entstehung
u.s.w. 2. Aufl. 1887. S. 241 ff.

[446] In seiner Ausgabe des ltesten F. S. XXIII; ebenso Pniower Vjschr.
f. Littgesch. 2. 147.

[447] Tageb. Bd. 1. S. 1.

[448] Dntzers Erklrung der Stelle, es sei an die Steigerung zu
dreihundertfaltiger Kraft des Trinkers zu denken, wird wohl niemand
beitreten wollen. (Ztschr. f. d. Phil. Bd. 21. 1889. S 374.)

[449] a.a.O. S. 4. Z. 17. Da es der Erde so sauwohl und so weh ist
zugleich; (wozu man die edlere Fassung dieses Gedankens in dem zweiten,
Ende 1775 geschriebenen, Teil des ewigen Judens d.j.G. 3. 411.
vergleiche:

    Fhlt, wie das reinste Glck der Welt
    Schon eine Ahnung von Weh enthlt.)

S. 6. Z. 23. Sauwohl u. Projekte.

[450] D.W. T. 4. B. 18. W. Bd. 29. S. 103 ff.

[451] Tageb. 1. S. 5. Z. 10 u. D.W. a.a.O. S. 117.

[452] D.W. a.a.O. S. 95.

[453] a.a.O. S. 94;--auch in den Br. 2. N. 340. S. 270. Z. 12 ff. N.
343. S. 273. Z. 13 ff. 274. Z. 14 ff.

[454] a.a.O. N. 358. S. 298.

[455] D.W. a.a.O. S. 95.

[456] Bezieht sich vielleicht darauf, die Stelle in dem Brief v. 4. Okt.
a.a.O. S. 398. S. 4 ff.: Ich hab euch drei dramatisiert. Gr. Christian
Truchse, Gr. Leopold und Junker Kurt. Wo ihr auf dem groen
Krnungssaal zu Frankfurt in naturalibus hingestellt sind. (?!)

[457] Vergl. D.W. T. 3. B. 12. W. Bd. 28. S. 170: Denn wie es
angeborene Antipathien gibt, so wie gewisse Menschen die Katzen nicht
leiden knnen, anderen dieses oder jenes in der Seele zuwider ist, so
war Merck ein Todfeind aller akademischen Brger, die sich nun freilich
zu jener Zeit in Gieen in der tiefsten Rohheit gefielen. Mir waren sie
ganz recht: ich htte sie wohl auch als Masken in einem meiner
Fastnachtsspiele brauchen knnen, aber ihm verdarb ihr Anblick bei Tage
und des Nachts ihr Gebrll jede Art von gutem Humor.

[458] S. Pniower. Vjschr. f. Littgesch. 2. S. 146 ff.--K. Fischer.
Goethes Faust (3. Aufl.) Bd. 2. S. 48.



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IN SEINER AELTESTEN GESTALT***


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